Kitabı oxu: «Der Virus-Code»

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Die Geschichte

Dies ist die Geschichte unserer Zeit und unserer Erde. Sie erzählt von den Folgen der tragischen Verknüpfung unseres Herrschaftsanspruches über diesen Planeten mit der rein materiellen Wahrnehmung unseres Bewusstseins.

Eine weltweite Katastrophe bahnt sich an und bedroht das Leben der Menschheit. Der Schlüssel für die Lösung liegt in der Begegnung mit einer völlig anderen Ebene, die ein Junge mit Asperger-Syndrom1 erfährt. In der vorbehaltlosen Öffnung dieses Kindes werden die Geheimnisse der Weltenkräfte offenbar. Es sind wundersame Wesen aus alten Mythen und Legenden, aber auch aus unserer Gegenwart, die anklagen und sich zum Handeln gezwungen sehen, um die Erde zu retten.

Die Erde, die das Universum mit ganz besonderen Gaben beschenkt hat und liebt wie eine Mutter ihr Kind, muss gerettet werden! Die Geister der Weltenmächte müssen den blauen Planeten vor den Handlungen einer Spezies bewahren, die sich ohne jedes wahrhafte Bedenken auslebt, den Reichtum missachtend alles ausbeutet und damit sich und alle Wesen ihrer irdischen Heimat auszulöschen droht. Ein Kampf mit den Kräften des Bösen bahnt sich an, droht auszubrechen und die Zeit ist knapp. Der Sprung ist scheinbar groß – aber dann doch so gering, dass er rückblickend schon lange hätte vollbracht werden können.

1 Variante des Autismus (Störung der neuronalen und mentalen Entwicklung)


Erschienen im

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage

© 2020 Scholastika Verlag UG, 70374 Stuttgart

ISBN 978-3-947233-14-4

Bilder: Angelika Dohlien

Umschlag: Angelika Dohlien

Lektorat: Claudia Matusche

Inhaltsübersicht

Die Geschichte

Vorwort

Das Vokabular

Die Familie

Die Beobachtung

Die Versammlung

Der Ankläger

Die Anklagen

Die Besprechung

Die Beobachterin

Der Beschluss

Die Nachrichten

Das Geschehen

Die Killer

Die Entscheidung

Das Loch

Die Stille

Die Enge

Der Fahrplan

Die Hamsterkäufe

Die Sorge

Der Test

Die Quarantäne

Die Angst

Der Schock

Das Grauen

Das Entsetzen

Die Ohnmacht

Die Wut

Die Hilfe

Die Brücke

Die Aktion

Der Traum

Das Geheimnis

Das Erkennen

Die Rettung

Die Durchführung

Die Flucht

Der Zeitungsartikel

Der VIRUS-CODE

Die Befürchtung

Die Erklärung

Das Interview

Die Jagd

Der Fund

Der Kampf

Der Diskurs


Die Vorstellung

Mens sana in corde claro

In einem reinen Herzen wohnt ein gesunder Geist

Vorwort

Was steckt hinter dem schier unersättlichen Bedürfnis des neuzeitlichen Menschen, alles erforschen und erkennen zu wollen? Lebt der moderne Mensch nicht geradezu gejagt von einem blinden Eifer, die Welt, das Leben, ja sogar den Tod beherrschen zu müssen? Warum hat er nur vergessen, dass ihm das Universum in Jahrhunderten der Entwicklung auf der Erde eine Heimat geboten hat? Und weshalb will es ihm nicht mehr genügen, ein Kind dieser Erde zu sein?

Getrieben von Angst und Misstrauen strebt er nach absoluter Kontrolle des Seins und hat dabei das Entscheidende aus den Augen verloren. Vergessen sind auch der Respekt und die Achtung vor dem unumstößlichen Gesetz von Aktion und Reaktion.

Die Welt ist kein zufälliges, aus dem Chaos entstandenes Etwas, sondern ein auf strengsten Regeln basierendes Gefüge – was die Wissenschaft ja nachgewiesen hat. Dieses Gefüge wird sich immer austarieren, sich in seine Ordnung bringen. Verstößt eines der Glieder dagegen, wird diese Ordnung, wie auch immer, zwangsläufig wiederhergestellt. In diesem Sinn gibt es keine zufälligen Katastrophen.

Die Lage ist wohl viel ernster, als wir auch nur im Ansatz erahnen, und gerade weil sie so ernst ist, möchte ich dem Leser die Sicht auf das momentane Geschehen durch die Augen eines Kindes, und zwar eines nicht ganz alltäglichen Kindes, ermöglichen.

Somit ist dieses Buch für mich ein Aufruf, vielleicht sogar ein phantasievolles Gebet, das ich all denen widmen möchte, die mit dieser Krankheit, gegen diese Krankheit und für das Leben kämpfen.

Besinnen wir uns also auf die heilige Ordnung. Die Erinnerung und Bewahrung dessen könnte uns frei machen, uns leben lassen, in der Geborgenheit der allem Sein zugrunde liegenden LIEBE.

Das Vokabular


Muttererde Terra Name unserer Erde
Theia Name der außerehelichen Schwester von Terra (= der Mond)
Devas Überirdische Wesen oder auch Götter
Upgrounder Geschöpfe der Erdoberfläche
Natminders Naturgeister
Feen Schicksalsgottheiten
Kobolde Haus- und Naturgeister
Globanten Wesenhafte Erdkräfte
Undergrounder Geschöpfe aus dem Erdinneren
Undinen Wassergeister
Oilanten Bewohner des Erdöls
Universianer Wesen des Weltalls
Gasanos Wesen, die im Erdgasgemisch leben
Sylphen Luftgeister
Lichtalben Naturgeister des Lichtes
Realos Wesen, die die tatsächliche Lage vertreten
Concernies Die Besorgten
Mangones Händler
Timoraner Die Ängstlichen
Virusnirwana Unsichtbare Entwicklungsebene der Viren
Malum manes Böse Geister
erschnaufeln Gedanken und Gefühle mit der Nase wahrnehmen: „hellriechen“
Menschenmensch Menschen wie du und ich
Menschenkind Menschen mit außergewöhnlich sensitiver Wahrnehmungsgabe

Die Familie

Sie sitzen im Wohnzimmer um den runden Esstisch, Mutter, Vater und Anna. Benni hockt im Schneidersitz auf einem kleinen, karierten Sitzkissen in seiner Ecke. Vor seinen verschränkten Füßen steht ein Tischchen, das er sich aus einer leeren Orangenkiste, auf die er ein glattes Holzbrett gelegt hat, selber zusammengebastelt hat. Die Mutter hat ihm den heißen Kakao in seiner Tupfen-Lieblingstasse daraufgestellt und das heiße Getränk schickt kleine, zarte Duftfähnchen in die Luft, die er mit langsamen, tiefen Atemzügen einsaugt. Er schließt die Augen und im selben Augenblick erscheint auf der dunklen Leinwand seines inneren Auges der Urwald: Langschwänzige Affengeschöpfe springen hoch oben in den riesigen Bäumen von Ast zu Ast, sie schauen zu ihm herunter und scheinen ihm zuzuwinken, während sie durch die schwindelerregende Höhe fliegen, um im nächsten Augenblick sicher und wohlbehalten auf dem Nachbarriesenbaum zu landen. Er hört die Schreie der bunten, langschwänzigen Vögel und das Zirpen der großen grünen Grillen. Er hebt die Hand und winkt den lustigen Gesellen zu, da rupft eines der pinselohrigen Äffchen eine Kokosnuss vom Zweig und wirft sie ihm auf den Schoss. Er spürt den leichten Aufprall, und im nächsten Augenblick fließt etwas Warmes, Nasses über seine Oberschenkel.

„Ach Kind“, die Stimme seiner Mutter dringt durch das Dickicht des Urwaldes an sein Ohr, „du hast dir schon wieder deinen Kakao über die Beine geschüttet!“ Sie zieht ihn hoch, drückt ihn kurz an sich, bückt sich und wischt im nächsten Augenblick mit geübten, flinken Bewegungen das Kakaobad vom Boden auf. Dann hilft sie ihm, die nasse, klebrige Hose zu wechseln. „Ich bring dir eine neue Tasse Kakao“, sagt sie mit der ihr eigenen Engelsgeduld, „und die trinkst du jetzt aber bitte!“ Sie zwinkert ihm zu und gibt ihm einen liebevollen Klaps auf den Po. Benni hockt sich wieder vor seinen Tisch und beobachtet seine Familie. Auf der Stirn seines Vaters hat sich die Haut etwas zusammengeschoben und eine kleine Falte rollt sich über die Breite der oberen Gesichtshälfte. Benni hebt die Nase und schnuppert, wie er es von seinem Hundefreund gelernt hat, in die Richtung seiner Familie. Er kann so die Gefühle und Gedanken erschnaufeln.

Sein Vater ist leicht sauer, er ärgert sich, dass die Mutter aufstehen und sich schon wieder um den ungeschickten Benni kümmern muss. Ihre beiden Augenpaare treffen sich und der Vater schüttelt ganz leicht den Kopf, dann lächelt er seinen Sohn an und hebt etwas verlegen die Schultern. Benni nickt, er nimmt die Entschuldigung an, denn er weiß, dass sein Vater wie die meisten Menschen ein Menschenmensch ist und ihn nicht wirklich verstehen kann, aber sie haben sich ja trotzdem sehr gern.

Anna schaut zu ihm hinüber. Schadenfreude und Mitleid streiten sich in seiner Schwester und deshalb nagt sie an ihrer Unterlippe. Ihre Hände streichen über das bunte Tischtuch und schieben die Brotkrümel auf den Boden.

„Lass das“, murmelt sein Vater, „du wirfst nur alles auf den Boden, dann müssen wir gleich wieder saugen!“

Benni schaut auf den Boden und seine Augen gleiten über die Schattenfiguren, die das Licht auf das hellbraune Parkett zeichnet, dann hebt er den Kopf, neigt ihn leicht auf die linke Seite und lauscht auf die Klänge, die von draußen in die warme, hell erleuchtete Stube dringen. Die Bäume summen und ihre Äste ächzen, einige Zweige klopfen platschend an die Fensterscheiben. Ob sie wohl auch gern zu uns herein möchten?, denkt er und bewegt seine Arme hin und her, wie die Äste der Bäume.

Draußen vor den Fensterscheiben fliegen Laub und Geäst vorüber, und Benni nimmt seine Spielsachen und wirft sie in die Luft, denn sie sollen auch fliegen dürfen, wie die Blätter und die Zweige der Bäume!

„Dieser schreckliche Sturm“, hört er seine Mutter sagen. Sie steht auf und lässt die Rollos laut rauschend herunter. „Das ist schon das vierte Sturmtief in diesem Jahr, und jedes Mal muss man fürchten, dass wieder Bäume entwurzelt und die Straßen blockiert werden und der Strom ausfällt, sodass nichts mehr funktioniert!“

Wieso fürchten sich die Menschenmenschen vor dem Sturm?, denkt Benni. Hören sie denn nicht, was er zu erzählen hat?

Er mag es gar nicht, wenn Mutter die Fenster mit den Rollos verschließt, dann ist alles so eng, so abgeschnitten von den Stimmen der Natur, die er so liebt.

Er springt auf und läuft in sein Zimmer. Mit einem lauten Knall schließt er die Tür hinter sich und schiebt einen Stuhl davor, dann bleibt er direkt hinter der geschlossenen Tür stehen und lauscht mit nach unten geneigtem Kopf. Sein Vater spricht auf seine Mutter ein und einige Wortfetzen kann er verstehen. „Lass ihn, Carola, er hat wieder seine Anwandlung“, hört er ihn sagen und „Du erreichst ihn doch sowieso nicht!“

Anwandlungen, Anwandlungen – nicht, nicht, nicht, hallt es in seinem Kopf. Was meint der Vater denn damit?

Da scharrt etwas ganz sanft an seiner Tür. Benni schiebt den Stuhl auf die Seite und öffnet die Tür vorsichtig einen winzigen Spalt breit. Das graue, zottige Fell seines vierbeinigen Freundes wird sichtbar und der große, struppig-zottelige Kopf von Mo Ghillemar schiebt sich durch den Türspalt. Benni öffnet die Tür und der Deerhound-Rüde trottet zu ihm ins Zimmer. Benni legt seine kleine Hand auf den Rücken seines großen rauhaarigen Kameraden und zusammen gehen sie zum Fenster.

In dem Moment, da er den Fenstergriff umdreht, stößt eine gewaltige Kraft das Fenster sperrangelweit auf. Benni jauchzt vor Vergnügen und steckt den Kopf aus dem Fenster. Wie wild zerrende Finger zaust der Sturm seine Haare hin und her, sodass sie wie kleine Fahnen auf seinem Kopf herumflattern. Er hebt das Gesicht und versucht, die Regentropfen, die prasselnd auf seine Haut klatschen, mit dem Mund aufzufangen, und obwohl es ein wenig weh tut, mag er das, er fühlt sich so frei und vollkommen eins mit diesen Kräften. Mo steht dicht neben ihm, sein warmer, großer Körper drückt sich fest an ihn und seine lange, schlanke Nase saugt die wasserwürzige Luft geräuschvoll ein.

„Mach sofort das Fenster zu!“, schreit Anna ganz hysterisch, sie stürzt ins Zimmer, schiebt Benni und Mo auf die Seite und schließt das Fenster mit einem lauten Knall. „Der ganze Boden ist voll Wasser!“, faucht sie. „Schau, wie du aussiehst! Patschenasse Haare, dein T-Shirt, deine Hose, alles ist nass! Ach, es ist schlimm mit dir!“ Sie fuchtelt mit den Armen und läuft hinaus, um die Mutter zu holen.

Was ist denn daran so schlimm?, denkt Benni. Die Bäume, die Blätter, die Erde sind doch auch nass! Er bleibt am geschlossenen Fenster stehen und lauscht einfach dem Gesang des Sturmes.

„Sylphen, schiebt Wolken, schiebt Wolken! Sylphen, Schiebt! Stoßt! Schiebt! Luft bewegen, Luft bewegen! Gasanos, reinigt! Gasanos bewegt! Reinigt! Bewegt! Huihoho, Huihoho! Blast alles frei, blast alles frei! Alles! Huihoho, Huihoho! Lasst die Welt atmen, lasst die Welt wieder frei atmen!“ Benni nimmt den kleinen Stecken seiner Trommel und schlägt zum Takt des Sturmes auf den Holzstuhl.

Die Mutter steht im Türrahmen und schaut auf Benni. „Was hast du denn da nur wieder angestellt?“, fragt sie und ihr Gesicht sieht etwas müde aus.

Benni senkt den Kopf und Tränen fließen die Wangen hinunter, dann stampft er mit den Füßen auf und zeigt auf das Fenster. „Huihoho, Huihoho! Der Wind spricht zu uns“, sagt er, „hörst du das denn nicht?“

Die Mutter schüttelt den Kopf und beginnt das Wasser aufzuwischen. Benni schaut ihr zu, aber seine Gedanken sind bei den Wolken, beim Wind und den Stimmen der Natur. Warum versteht ihn denn keiner?

Mo, der auf dem Teppich vor dem Bett liegt, beobachtet Benni aus halbgeschlossenen Augen. Nur das zeitweilige Spiel seiner Ohren und das sanfte Auf und Ab seiner Rute lassen erkennen, dass er nicht schläft. Plötzlich springt er auf, stupst Benni mit seiner Nase an und bellt dreimal kurz und sonderbar heiser. Benni legt sein Ohr an den grauen mächtigen Kopf seines Freundes und lauscht. Dann nickt er, greift seine Jacke, rennt – gefolgt von Mo – die Treppe hinunter und durch die Haustür nach draußen. Krachend fällt die Tür hinter ihm zu.

„Benni! Benni! Komm sofort zurück! Komm sof…!“ Die verzweifelten Rufe seiner Mutter verhallen und Benni lässt sich vom Sturm schieben. Das Sausen und Brausen ist Musik. Benni breitet die Arme aus und schreit vor Freude. Sie laufen durch das kleine Dorf, rings um ihn herum wirbelt alles in der Luft herum, was nicht genug Gewicht hat, um dem Sturm Widerstand leisten zu können. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen, nur der achtjährige Junge mit seinem Windhund tollt mit den Kräften der Natur um die Wette. Als würde ihn jemand an der Hand führen, rennt er aus dem Ort, bis zu dem kleinen Tal, das er so liebt und wo er immer die Naturgeister beobachtet.

Die Beobachtung

Es ist auf einmal sonderbar ruhig, der Sturm singt nicht mehr und kein einziges Blatt tanzt mehr durch die Luft.

Benni setzt sich auf den alten Baumstamm am oberen Ende des Tales und Mo legt sich neben ihn. Von hier oben hat er einen guten Blick und der wilde Haselnussstrauch bietet ihm Schutz, sodass ihn die Elfen und Kobolde, denen er so gern beim Tanzen zuschaut, nicht sehen können. Aber heute ist keine der bunten, geflügelten Blumenkinder da und auch die knolligen Trolle sind nicht zu sehen. Über der Wiese, die sich langhin erstreckt, und dem schmalen Bach, der das Tal in zwei Hälften teilt, liegt eine merkwürdige Stimmung. Ganz eingehüllt in das dämmrige Licht der verschleierten Abendsonne und dem aus dem Gras aufsteigenden Wasserdunst scheint die Welt etwas Besonderes zu erwarten – und Benni stellt sich schon mal auf eine längere Beobachtung ein. Er zieht einen der Schokoriegel aus seiner Jackentasche, von denen er immer welche dabei hat, puhlt ihn aus dem Papier und knabbert genüsslich.

In der Ferne taucht ein Licht auf, das tanzend wie eine Spirale immer näher kommt, und oben am Himmel erscheinen Luftgeister, aber solche, die er noch nie zuvor hier gesehen hat. Unten am Boden scheint sich etwas aus der Erde herauszuwühlen, denn der dunkelbraune Erdboden wird nach oben geworfen und ein riesiger Erdhügel, der aussieht wie ein haushoher Maulwurfhaufen, türmt sich auf. Aus der Tiefe der Erde erscheinen violett-graue Gestalten, die sich aus den Erdhügeln herausstemmen. Sie sind menschengroß, sehen wie wandelnde Tropfen aus und ihre Haut schimmert ölig und schmierig.

Der kleine Bach sprudelt und spritzt sein Wasser in meterhohen Fontänen in die Luft und schleudert schlanke, elegante Undinen hervor. Die gerade noch so angenehme Stille wird von einem Gewirr aus unzähligen Stimmen hinweggelärmt.

Benni duckt sich etwas tiefer in das Dickicht des Haselnussstrauches, denn die Typen, die da erscheinen, sind bisher noch nie hier gewesen und er kennt sie auch nicht.

Sie versammeln sich alle auf der Wiese des Tales und schreien und rufen durcheinander, sodass man kein einziges Wort verstehen kann. Doch auf einmal verstummen sie und weichen zurück. Durch ihre Mitte schreitet eine Frau, der eine Schar von Wald- und Blumenwesen folgen, auf ihrem Kopf trägt sie einen großen, goldgelb strahlenden Kranz aus Ähren, und Blumenkränze aus solch prächtigen Blüten, wie sie Benni noch nie zuvor gesehen hat, baumeln um ihren Hals. Er muss sich die Hand vor den Mund halten, sonst hätte er vor Freude laut gesungen, denn er liebt Blumen über alles. Sie hat mehrere Arme, und Benni zählt leise: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – Mo, siehst du das?“, flüstert er. „Sie hat sechs Arme!“


In jeder Hand ihrer sechs Arme hält sie etwas anderes. In einer trägt sie eine Schale mit Obst, in einer anderen einen Teller mit einem üppigen Mahl aus Fleisch und Gemüse, die nächste Hand hält ein Musikinstrument, das wie eine kleine Harfe ausschaut, auf der anderen Seite trägt sie ein Buch und in dem unteren Handpaar hält sie einen Korb, aus dem wunderschöne Edelsteine hervorstrahlen. Die ganze sonderbare Gesellschaft aus Naturgeistern verbeugt sich vor ihr und vier dieser Wesen, die aussehen, als hätte man sie aus einem alten Baumstamm geschnitzt, stellen sich zusammen und verbiegen ihre Gliedmaßen, sodass ein Thron entsteht, und die schöne sechsarmige Frau setzt sich darauf.

„Wir grüßen dich, geliebte Terra!“, rufen alle wie aus einem Mund. „Wir huldigen dir, du Muttererde!“

Eine junge Fee in einem wasserblauen Kleid hat einen Krug in der Hand, sie schöpft etwas Wasser aus dem kleinen Bach, gießt es schwungvoll über die Wiese und sogleich entspringen der kleinen Wasserlache allerlei Tiere: Fische, Rehe, Vögel, Insekten, und alle lagern sich um Terra, die Erdmutter.

„Wir grüßen dich, große Terra, Mutter unseres Seins!“, rufen nun auch die Tiere aus und verneigen sich ehrfürchtig.

Mo lässt ein kurzes „Wuff“ los und sofort schauen alle in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen ist. Benni drückt Mo zu Boden und duckt sich ganz flach an den Baumstamm. „Du musst dich beherrschen“, wispert er in Mos Ohr, „sonst entdecken sie uns!“

Ein gigantischer Typ, der wie ein wandelnder Berg aussieht, mit kantigem Gesicht, tiefen Furchen an den nackten, grauen Beinen, an denen lange Bartflechten baumeln, tritt in die Mitte. Er hält einen Metallstab in seinen groben Händen, den er mit eigentümlich starren, eckigen Bewegungen in die Erde rammt. „Lasst uns die Versammlung eröffnen!“, ruft er in die Runde.

„Nein, wir warten noch auf die Universianer“, sagt Muttererde Terra, „und natürlich hoffe ich, dass auch Theia, meine liebe Schwester, erscheint.“

„Theia?“ Ein allgemeines Gemurmel ertönt unter den Anwesenden und Benni erschnaufelt, dass so manches der eigentümlichen Geschöpfe Angst hat.

„Weißt du, wer Theia ist?“, flüstert er in Mos Ohr.

Mo hebt den Kopf und weist damit auf den Mond, der seine schmale Sichel im Osten erscheinen lässt. Er öffnet den Fang, aber bevor er seinen langgezogenen Mondgruß ertönen lassen kann, hält ihm Benni noch schnell das Maul zu. „Bleib jetzt bloß still!“, zischt er seinen Hundefreund an.

Der silbrig schimmernde Halbmond hebt sich in sanftem Kontrast von dem weichen Dunkel des frühen Abendhimmels ab. Ein blassweißer Kreis umgibt ihn, dehnt sich ganz langsam wie eine riesengroße Seifenblase in alle Richtungen aus und senkt sich schließlich in langen, wässrigen Schlieren zur Erde herab. Auf diesen schimmernden Lichtbahnen gleitet ein Lichtwesen herunter, landet auf der Wiese und ploppt wie ein Ball dreimal federnd auf. Es winkt mit seinen Armen nach oben zur Mondsichel und sofort rutschen hunderte von strahlenden Gestalten auf die Wiese. Es sind sonderbare Wesen, die bei jeder Bewegung ihre Gestalt verändern, mal sind sie kugelig rund, dann wieder wie eine leuchtende Spirale oder langezogen mit einem Zackenschwanz.

Ganz fasziniert beugt sich Benni weit nach vorn, verliert dabei das Gleichgewicht, purzelt vom Baumstamm und kullert geradewegs den Abhang hinter.

Mo springt auf, rennt die Wiese hinunter, legt sich dort vor Muttererde Terras Thronsessel auf das Gras und stoppt mit seinem kräftigen Hundekörper sanft Bennis Kullerfahrt. Benni rappelt sich auf und klopft mit beiden Händen seine Hose und Jacke ab.

Die Versammlung

„Ein Menschschsch…, ein Menschschsch…“, donnert der Bergtyp mit dem kantigen Gesicht, und bei den nachhallenden Zisch-Lauten sprudelt ein Schwall Wasser aus seinem Mund.

„Das ist ja voll eklig“, ruft Benni aus und schnaufelt in die Richtung des Giganten. „Wer bist du denn eigentlich und warum fürchtest du dich vor mir?“, fragt er und betrachtet sein Gegenüber aufmerksam.

„Ich bin ein Globant!“, brüllt der Angesprochene stolz. „Was? Ich und mich vor dir fürchten?“ Er versucht so etwas wie ein Lachen, was sich aber bei ihm eher wie ein Bergrutsch anhört. „Du solltest vor mir erzittern“, donnert er furchterregend und schreitet auf Benni zu. Bei jedem Schritt schlenkern die Bartflechten an seinen zerfurchten Beinen hin und her, wie die Fahnen an einer Fahnenstange. Er bleibt dicht vor Benni stehen und rammt den Metallstab vor Bennis Füßen in den Boden, sodass Benni erschrocken zurückspringt.

„Ein Menschschsch…, ein Menschschsch“, flüstert es in der Runde.

Die sonderbaren Gestalten weichen zurück und bilden kleine Grüppchen. Dann kommen drei violett-graue Tropfengestalten auf Benni zu, sie strecken ihre langen Arme nach ihm aus und legen ihre ölig-schleimigen Hände auf Bennis Schultern und Arme.

„Nehmt sofort eure schmierigen Hände von mir!“, schreit Benni. „Ihr seid ja ober-eklig!“

„Schmierige Hände?“, wiederholt der größte von den violett-grauen Tropfengestalten. „Schmierige Hände?“ Und sein Tropfengesicht sieht wirklich nicht freundlich auf Benni herab. „Weißt du nicht, wer wir sind?“, schleimt er und verbiegt sich wie ein Fragezeichen.

„Nein, weiß ich nicht“, sagt Benni und sieht sein Gegenüber trotzig an, „aber du wirst es mir wohl gleich sagen!“

„Wir sind Oilanten, und ihr Menschen stehlt uns unser Öl. Ihr bohrt euch in unsere Welt hinein und nehmt uns unseren Lebensstoff weg“, sagt er. Dabei triefen bei jedem Wort kleine Ölbäche aus seinem Mund und bilden eine fette Öllache auf der Wiese.


„Reiß dich doch zusammen!“, faucht jemand hinter Bennis Rücken.

Benni dreht sich um und schaut geradewegs in zwei Rehaugen, die zu einem Geschöpf gehören, das halb Reh und halb Wolke ist. „Du versaust ja die ganze Wiese, das Gras kann doch keiner mehr genießen!“, zischt es den Oilanten an.

„Lasst uns doch diesen Menschenzwerg in den Erdenschlund werfen!“, schreit jetzt eine Meute ungestalter, erdiger Undergrounder, die sich aus dem Erdboden am Bachufer herauswühlen. „Er soll dafür büßen!“

„Ja, er soll dafür büßen! Wir werfen ihn in die Erdtiefen!“, schreien die aufgebrachten Oilanten und erdigen Undergrounder.

„Nein“, zirpt eine feine Stimme. Eine Elfe ist aus dem Blütenkranz von Muttererde Terra hervorgeflattert und umschwirrt den Jungen. Ihre zarten, durchsichtigen Flügel schlagen aufgeregt auf und ab. „Nein, tut ihm nichts zuleide“, zirpt sie, so kräftig sie nur zirpen kann, „ich kenne den Jungen. Er ist gar kein Menschenmensch. Das ist Benni, er kommt oft hierher und schaut uns Elfen und Trollen bei unseren Tänzen zu. Er ist rein, er kann uns vielleicht sogar helfen!“

Benni sieht fasziniert auf das zierliche, blütenschimmernde Geschöpf. Er streckt seine Hand aus und die rosafarbene Blumenelfe setzt sich darauf.

„Du kennst mich?“, fragt er erstaunt. „Du weißt, dass ich euch so gerne zuschaue? Und ich dachte immer, ich hätte mich gut versteckt!“

„Ich weiß sogar, wo du wohnst“, sagt sie, schlägt ihre Flügel nach vorn und streicht mit ihren schönen, schlanken Armen darüber, um sie zu glätten.

„Dann stell mir doch mal deinen Freund vor!“ Muttererde Terra hat sich jetzt erhoben und winkt die beiden zu sich her.

Langsam geht Benni auf die wunderschöne, große Erdmutter zu und Mo folgt ihm, dicht bei Fuß.

„Setz dich“, sagt sie und sofort verschlingen sich zwei Baumwesen zu einem kleinen Holzsessel, auf dem es sich Benni gemütlich machen kann.

Die blütenschimmernde Blumenelfe macht einen kleinen Flughüpfer und stellt sich auf seinen Kopf. Sie muss Bennis braune Locken ein wenig auseinanderschieben, damit sie auch jeder sehen kann, dann zirpt sie: „Erzähl doch bitte von dir, damit dich alle kennenlernen!“

Nun berichtet er von sich und seiner Familie. „Ich heiße Benni Sonntag“, erklärt er, „wie der Sonntag.“ Er macht eine kleine Pause und schaut Muttererde Terra fragend an. Sie lächelt und winkt ihm mit der unteren linken Hand auffordernd zu, dass er weitererzählen möge. „Also“, setzt er die Familienaufzählung fort, „meine Mutter heißt Carola und mein Vater Ronald, dann gibt es da noch Anna, meine Schwester, meine allerbeste und liebste Oma Clara – und hier“, er beugt sich etwas vor und streicht über Mos Kopf, „Mo, meinen Deerhound. Er ist immer bei mir. Wir lieben beide die Natur und die Tiere, weshalb ich oft von zu Hause fortlaufe und hierherkomme, um den Naturgeschöpfen zuzusehen. Aber wer seid ihr?“, fragt er schließlich, nachdem ihm Muttererde Terra aufmerksam und ohne ihn zu unterbrechen zugehört hat.

„Wir sind die Vertreter der Welt“, antwortet Muttererde Terra. „Die Oilanten, die sich vorhin ein wenig ungebührlich dir gegenüber benommen haben, wohnen in den dahin-fließenden Ölschichten, tief unten in der Erde, doch viel weiter darunter, im Erdinneren, leben die Undergrounder. Ihre unbezähmbar starken Arme schieben die Lava aus den Tiefen nach oben, türmen Gebirge auf und lassen die Erdplatten wandern. Du hast sie ja schon kennengelernt, und auch wenn sie ein wenig ruppig sind, so dienen sie mit ihren Kräften und Schätzen doch den Menschen. Die schillernden und singenden Undinen bevölkern die Meere und lassen den Meerschaum über die Wellen sprudeln. Die Globanten, deren obersten Anführer du auch schon kennst, vermögen die inneren Erdkräfte zu vereinen, sie durchdringen alles, was glüht und dahinfließt – und endlich erstarrt.“

Benni lauscht schweigend, und mit weit geöffneten Augen und Mund saugt er jedes Wort von Muttererde Terra begierig ein. Kerzengerade sitzt er da und bei allen Gruppen, die ihm vorgestellt werden, nickt er und winkt ihnen grüßend zu.

„Die Upgrounder sind den Menschenkindern vertraut, denn sie beseelen die Tiere, eure Mitgeschöpfe der Erdoberfläche“, fährt Muttererde Terra fort. „Die Feen und Kobolde sind euch nicht wirklich fremd, und auch den Natminders könnt ihr Menschenwesen eher begegnen. Es sind dies die Elfen, Trolle und Naturgeister, von denen viele eurer Geschichten erzählen. Fast alle sind hier“, sagt sie und deutet auf die neuen Bekanntschaften dieses Abends, „nur die Gruppe der Universianer mit den Sylphen, den Gasanos und den Lichtalben fehlt noch“, schließt Muttererde Terra ihre Rede.

Benni erhebt sich und von jeder Gruppe tritt eines der Wesen hervor und sie verneigen sich voreinander.

Jetzt, da er direkt zwischen all den Wesen ist, sieht er, dass alle irgendwie verletzt sind. Einige tragen dicke Verbände, andere haben Pflaster aufgeklebt, wieder andere haben tiefe Narben – und manchen fehlt sogar ein Glied.

Benni wird plötzlich sehr traurig. Er muss gerade an die Kälbchen denken, die, eingesperrt im großen Stall, in den engen Eisengitterboxen ihre kleinen rosafarbenen Nasen an die Eisenstäbe drücken, wenn er vorbeikommt. Wenn niemand da ist, schleicht er sich immer in den Stall, hangelt mit seinem schlanken Arm durch das Tiergefängnisgitter, streichelt den Tieren über ihre warme, weiche Schnauze und tätschelt ihnen den Kopf. Manchmal summt er ihnen sogar ein Lied vor und dann kann er ihre Freude erschnaufeln. Er isst kein Fleisch, weil er es sich überhaupt nicht vorstellen kann, in eines dieser Geschöpfe hineinzubeißen. Seine Schwester lacht ihn dann immer aus und nennt ihn manchmal einen Kaninchenfutterdieb, weil er am liebsten Salat mag.

Er spürt es nicht, dass Tränen an seinen Wangen hinunterfließen. Erst als die kleine Blumenelfe mit ihren zarten Fingern eine Träne von seiner Wange pflückt, wird ihm bewusst, dass er weint. Etwas verlegen wischt er sich mit dem Jackenärmel über sein Gesicht und senkt den Kopf. Mo legt seine lange schlanke Pfote auf seinen Schuh und schaut zu ihm hinauf.


„Ich weiß“, murmelt Benni nach unten, an Mo gerichtet, „ich soll keine Heulsuse sein!“

„Das sind Perlen deiner reinen Kinderseele“, spricht ihn eine schimmernde Lichtalbe an, „die sind sehr kostbar und sie heilen schon eine unserer Wunden, denn du weinst sie wegen der Bosheit der Menschenmenschen.“

Eine Gestalt kommt auf ihn zu, die von so einem hellen Licht umgeben ist, dass Benni die Augen schließen muss. Dann spürt er, wie ihm etwas in die Hände gelegt wird, das sich wie Blätter anfühlt.

„Leg die Blütenblätter auf deine Augen“, spricht ihn eine sanfte, klare Stimme an, „dann kannst du mich anschauen, ohne dass du geblendet wirst.“

Benni blinzelt nach unten in seine Hand und sieht, dass zwei zartgelbe Rosenblätter darin liegen. Vorsichtig nimmt er sie zwischen Daumen und Zeigefinger und legt sie sich auf die Augen. Jetzt kann er tatsächlich die Augen öffnen und die Gestalt anschauen. Sie sieht ein bisschen aus, wie er sich immer einen Engel vorgestellt hat, und noch bevor er fragen kann, sagt das Lichtwesen: „Ich bin ein Deva, ein überirdisches Wesen, und ich bin es, der dich hierhergeführt hat. Du sollst erfahren, wie es um eure Erde steht und dass wir keine andere Möglichkeit sehen, als einzugreifen. Die Wesenheiten von Terra, der Muttererde, sind krank, und alle ihre Kinder, Geschwister und Freunde leiden darunter!“

Benni schüttelt traurig den Kopf und sagt: „Aber wie soll ich euch denn helfen? Auf mich hört doch gar keiner! Die Menschenmenschen verstehen mich doch überhaupt nicht!“

„Lass das unsere Sorge sein“, antwortet der Deva, „du verstehst uns und kannst mit uns in Kontakt treten, und das allein ist entscheidend.“

Die Undergrounder werden unruhig und auch die Natminders fangen an zu rebellieren.

„Lasst uns jetzt endlich unsere Besprechung eröffnen“, ergreift da die Natminder-Prinzessin das Wort, „denn wir wissen ja nun, dass dieser Junge zu uns gehört!“

Der Globant tritt vor, hebt seinen Eisenstab und will gerade damit auf die Erde klopfen, da sausen oben vom Abendhimmel unzählige Sterne und Sternschnuppen herunter. Es quietscht leicht in der Luft, als würde jemand mit dem Auto eine Vollbremsung hinlegen.

„Puh, das war knapp!“, keucht eines der Sternenwesen, und die Zacken rotieren immer noch um seinen Kopf. „Fast wären wir vorbeigesaust. Diese dämlichen Satelliten und Raumstationen der Menschenmenschen versauen einem doch schier die ganze Flugbahn“, motzt der Sternentyp und rückt sich die Zacken seiner Sternenkrone wieder gerade. Seine Sternengesellschaft verneigt sich kurz vor Muttererde Terra, dann stellen sich alle oben – mit etwas Abstand zu den anderen – an den Rand der Wiese.

„Dann lasst uns jetzt beginnen“, gibt Muttererde Terra das Zeichen zum Start für die Besprechung.

Die Versammlung hat sich in einem großen Halbkreis um den Thron von Muttererde Terra aufgestellt, und Benni sitzt in seinem Korbsessel dicht neben ihr. Mo liegt mit der typischen Gelassenheit eines Deerhounds quer vor seinen Füßen. Hinter dem Thron von Muttererde Terra stehen zwölf Devas. Jeder von ihnen hält ein Buch in den Händen.

Der Globant tritt in die Mitte, stellt sich, den Rücken Muttererde Terra zugewandt, breitbeinig auf und schlägt seinen Eisenstab dreimal auf einen Stein, sodass es scheppert, als würde jemand einen verstimmten Gong ertönen lassen. „Der erste Ankläger erscheine!“, ruft er.

Ein Upgrounder tritt aus seiner Gruppe hervor, aber im selben Augenblick stellt sich ein Undergrounder neben ihn und schubst ihn zur Seite. „Mir gehört das Erstanhörungsrecht!“, knurrt er den Upgrounder an. „Schließlich haben wir veranlasst, dass diese Versammlung überhaupt zustandekommt!“ Er will gerade seine Anklagerolle ausrollen, da schreit ihn der Upgrounder an, es ginge doch wirklich nicht, dass die Unterweltler das Sprachrecht vor den Oberweltlern erhielten!

Benni dreht sich um und schaut auf die Reihe der Devas, die hinter Muttererde Terra stehen. Der größte der Devas lächelt etwas verlegen, dann ermahnt er jedoch den Undergrounder, sich wieder in seine Gruppe zurückzubegeben, denn die Reihenfolge sei von ihnen, den Devas, bestimmt worden und er solle einfach warten, bis er dran sei. Der Undergrounder brummt etwas vor sich hin und tritt schmollend zurück in seine Gruppe.

Der Ankläger

Der große Deva winkt dem Globanten zu und dieser verkündet: „Es treten der Reihe nach folgende Parteien auf und schicken ihren jeweiligen Abgesandten zur Verlesung der Anklageschrift:

Erstens: die Upgrounder, vertreten durch die hier anwesenden Natminders, Feen und Kobolde,

zweitens: die Globanten, vertreten durch die hier anwesenden Undergrounder, Undinen und Oilanten, und

drittens: die Universianer, vertreten durch die hier anwesenden Gasanos, Sylphen und Lichtalben.“

Nun endlich rollt der Upgrounder seine Papierrolle auseinander und eröffnet die Klagerede.

„Also, … äh, hm, hochverehrte Muttererde Terra, ihr heiligen Devas“, fängt er etwas holprig zu sprechen an, „wir sind nun heute hier zu dieser Besprechung zusammengekommen, um den Allgemeinzustand unseres geliebten Planeten Erde zu besprechen und die tragische Entwicklung aufzuzeigen, die die Menschenmenschen vorgenommen haben, bei der sie das blaue Juwel des Weltalls zu zerstören drohen.“ Er macht eine Pause und schaut etwas unsicher zu Muttererde Terra, diese nickt ihm aufmunternd zu und so fährt er fort: „Aus allen Ebenen des Seins sind wir erschienen, um unsere Klagen vorzutragen und um eine Lösung zu erbitten. Ich …“ Er rollt das ellenlange Papier ein bisschen umständlich weiter auf, und fast wäre es ihm runtergefallen, hätte der Globant nicht geistesgegenwärtig und schnell seinen Eisenstab unter die Papierrolle geschoben. „Ich als Vertreter der Upgrounder“, fährt er fort, „habe die Natminders, Feen und Kobolde mitgebracht. Wir werden die sehr besorgniserregenden Zustände auf der Erdoberfläche schildern.“ Er verneigt sich leicht, legt das entrollte Papier auf die Wiese und stellt sich daneben. Dann winkt er in die Richtung seiner Gruppe und alsbald treten zwei Natminders, zwei Feen und zwei Kobolde an seine Seite.

Nun ist der Undergrounder endlich dran und mit einem gewaltigen Schwung entrollt er sein Papier, wirft es auf die Erde und beginnt mit lauter Stimme vorzulesen: „Wir, die Globanten“, er nickt kurz dem protokollführenden Globanten zu, „die Undergrounder, Oilanten und Singsang säuselnden Undinen“, er schaut von seiner Schrift auf und wirft einen etwas missbilligenden Blick auf die Runde der zarten, blauschimmernden Meerjungfrauen, spricht jedoch gleich weiter, „wir sind ebenfalls hier, um den Missbrauch der Menschen an unseren Reichen anzuzeigen!“ Er macht einen ehrerbietigen Diener vor Muttererde Terra, positioniert sich hinter seine Anklageschrift und fordert je zwei seiner Mitkläger auf, sich zu ihm zu gesellen.

Als Letztes bewegt sich ein Universianer auf seinen sechs Zackenbeinen in die Mitte, indem er von einer Spitze auf die andere rollt, was Benni lustig findet und ihm einen Juhu-Ruf entlockt. Der Universianer dreht Benni sein Sternengesicht zu und strahlt ihn an, doch sogleich wendet er sich wieder an Muttererde Terra und wirft eine Handvoll Sternenstaub auf das Gras. Das Sternengeflimmer verbindet sich zu einem leuchtenden Teppich, auf dem ein längerer Schriftzug erscheint. Der Universianer beugt sich etwas nach vorn und spricht mit heller, klarer Stimme: „Ich bin hier, mit den Gasanos, Sylphen und Lichtalben, auch wir haben einiges zu beklagen und sehen uns ebenfalls veranlasst, eine Änderung zu bewirken!“ Genau wie die anderen beiden Hauptkläger wird auch er von jeweils sechs seiner Nebenkläger unterstützt.

Der Globant schlägt wieder den Eisenstab auf den Stein und erklärt die Verhandlung hiermit als eröffnet.

Nun erheben sich alle, auch die, die zuvor noch auf der Wiese gechillt herumgesessen sind. Sie stellen sich in ihren Gruppen zusammen und jedes der Wesen setzt sich ein Hütchen auf den Kopf, das die Farbe seiner Gruppe widerspiegelt. Die Gruppen, die zu den Upgroundern gehören, tragen Grün, wobei die Kobolde sehr ideenreiche Kopfbedeckungen haben, die meist schief an ihren großen spitzen Ohren hängen. Die Elfen schmücken sich mit zierlichen Kleeblättchen, die sie kokett auf ihre Elfenhaare setzen. Alle Mitglieder der Undergrounder tragen braune Kappen oder Mützen, und jeder, der den Universianern angehört, schmückt sich mit blauen, luftig leichten Himmelshüten.

Benni betrachtet diese außergewöhnliche Versammlung. Er muss an die Fans in einem Fußballstadion denken, die ja auch in den Farben ihrer Clubs daherkommen und einen Teppich aus farbigen Feldern ergeben.

Die Anklagen

Der erste Kläger wird nun aufgerufen, seine Klage vorzutragen.

Als Erstes tritt der Natminder, der wie ein Reh mit einem Wolkenkörper aussieht, nach vorn und stellt sich als Caprio vor. Er berichtet von den Sorgen und Nöten der Geschöpfe, die in den Wäldern und auf den Wiesen leben. „Was sollen sie in Zukunft fressen?“, fragt er und seine Stimme vibriert. „Denn immer mehr Pflanzen erkranken oder sterben sogar. Die Wälder werden abgeholzt und die Tiere finden keinen Schutz mehr. Die Regentropfen müssen über den kahlen Boden fortfließen, weil keine Wurzeln und Moose mehr da sind, an denen sie sich festhalten und wieder zurück ins Erdreich gelangen können, um so den lebensspenden, unterirdischen Wasserstrom zu bilden. Die Bäume haben nun nicht genug zu trinken, und wenn dann die großen Stürme dieser Zeit kommen, können sie sich nicht mehr halten, weil sie schwach sind, sie stürzen um und sterben. Die Wiesen und Felder werden mit stinkenden, braunen Flüssigkeiten besprüht, die außerdem noch fürchterlich brennen, sodass viele Blumen ihre zarten Blättchen und Blüten nicht mehr dem Sonnenlicht entgegenstrecken mögen und in der Erde vermodern. Nun haben die Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten keine Nahrung mehr, fliegen mit leeren Beutelchen in ihre Bauten und können ihre Kinder nicht mehr füttern. Wächst dann doch etwas Zartes, Grünes, so kommen die Menschenmenschen mit noch fürchterlicheren Flüssigkeiten, die sie mehrmals im Jahr auf alles, was sie angepflanzt haben, regnen lassen, und die kleinen, geflügelten Geschöpfe bekommen davon fürchterlichen Husten und ersticken. Nun haben auch die Vögel kein Futter mehr für ihre Kleinen. Traurig fliegen sie umher und die wenigen Fliegen, die sie noch finden, sind auch schon halbtot und vergiftet. Wenn sie die dann ihren Kindern zu Hause im Nest füttern, werden viele von ihnen krank und erreichen nicht einmal das Alter für das Federkleid. Es dauert nicht mehr lange und der Gesang der gefiederten Boten des Frühlings wird auf dieser Erde endgültig verstummen.“ Dicke Tränenbäche rollen jetzt aus den Rehaugen des hübschen Natminders, und Benni muss auch weinen.

Die beiden Feen umschweben den weinenden Natminder und klagen: „Verschwinden die Blumen, verschwinden die Elfen – verschwinden die Elfen, verschwindet das Wunder!“

Die beiden Kobolde klopfen zwei kleine Steine aufeinander und singen: „Verschwindet der Wald, verschwinden die Kobolde – verschwinden die Kobolde, verschwindet der Schutz für Haus und für Hof!“

Muttererde Terra nickt und wischt sich mit einer ihrer vielen Hände über die Wangen. Die Ährenkrone auf ihrem Kopf wird ganz dürr und grau. Die Blumen ihrer Ketten sind plötzlich alle verwelkt und hängen schlaff und braun um ihren Hals, und das Obst in ihrer Schale hat braune verfaulte und weiße schimmelige Flecken bekommen. Es ist wirkliche ein sehr trübes Bild, das sie da auf einmal abgibt.

Die Ankläger verneigen sich und gehen zurück zu ihrer Gruppe.

Jetzt ist die Gruppe der Undergrounder dran und der eckige Bergtyp tritt stampfend und brummend in die Mitte, gefolgt von zwei Undinen und Oilanten. Auch er habe einen Namen, er heiße Earl of Mohorowitschitsch, aber man könne ihn einfach Earl Mohoro nennen, beginnt er etwas wichtig.


Sie drängten in seine Tiefen vor, sagt er, und das schon sehr lange, aber bisher habe er die Wunden, die sie ihm geschlagen hätten, immer gut verkraften können, es seien ja immer nur Kratzer gewesen. Was aber seit geraumer Zeit geschehe, könne er nicht mehr hinnehmen. Sie würden sein Atemorgan, das Meer, verstopfen, sie würden da hineinschmeißen, was sie zuvor aus seinem Inneren, aus seinen Eingeweiden herausgeholt hätten. Die Undinen, und dabei schaut er wieder ein wenig missbilligend zu den wunderschönen, blauschimmernden jungen Mädchengestalten, hätten ihn als Erste angesprochen, und da habe er es nicht gleich geglaubt, denn die sängen und jammerten ja schnell einmal, so war seine Meinung. Aber als sie ihm immer wieder die toten Wale, die Könige seines Atemorgans, gezeigt hätten, sei er dann doch aufmerksam geworden und habe sehr besorgt den Zustand seiner Meere zu Kenntnis nehmen müssen. Es werde immer wärmer und das Atmen seiner Meereslunge falle ihm schon spürbar schwerer, sagt er und schnauft – nicht zu überhören – schwer und lang. Und das sei noch lange nicht der Kern der Sache, fährt er fort. Sie würden sich immer tiefer in seine Haut und in seine Eingeweide fressen und alles herauspumpen, ohne Rücksicht auf die Stabilität seines Reiches. „Vor Kurzem“, spricht er aufgeregt weiter, „haben mich die Oilanten angesprochen, diese Wesen, die tief in meiner Haut leben, und haben mir Schreckliches offenbart: Ihr Lebenselement, das Erdöl, werde immer mehr abgepumpt, es werde knapper, viele von den Oilanten seien sehr krank und einige sogar schon gestorben. Sie befürchten nun, wenn das immer so weitergeht, dass sie die Decke nicht mehr stützen können. Es gibt schon beängstigende Risse, und dann wird das Meerwasser in meine Eingeweide herabstürzen, meine Lunge wird kollabieren – und ich ... ich werde sterben. Und ihr könnt euch ja wohl ausmalen, was dann geschieht, oh große Muttererde Terra!“ Earl of Mohorowitschitsch schweigt jetzt und über sein Berggesicht laufen Ströme von Tränen.

Die Oilanten brummen: „Verschwindet das Erdöl, verschwindet die Wärme – verschwindet die Wärme, verschwindet die Kraft!“

Die Undinen umklammern die Füße des Earl of Mohorovičić und sagen weinerlich: „Versickert das Wasser, versickert das Leben – versickert das Leben, gewinnt der Tod, gewinnt der Tod, gewinnt der Tod!“

Muttererde Terra wird von einem Weinkrampf geschüttelt, blutige Tränen rinnen aus ihren schönen großen Augen, die Harfe gleitet aus ihrer Hand und fällt scheppernd zu Boden. Nach einer Weile der Stille streicht sie sich die Strähnen ihrer blonden Locken aus dem Gesicht, richtet sich, so gut es geht, majestätisch wieder auf und winkt die letzten der Ankläger herbei.


Der Universianer rollt mittels seiner sechs Zacken nach vorn, lupft sein blaues Käppchen, das etwas lässig an der linken Zacke baumelt, wischt kurz über seine beiden oberen Sternenspitzen, sodass sie strahlen und leuchten, und sagt:

„Gestatten, ich bin Star Stella Stellarus, kurz Stellarus, und werde von den Gasanos, Sylphen und Lichtalben begleitet. Vorab soll ich allen herzliche Grüße von der Sonne übermitteln. Sie hat mich beauftragt, euch die Notwendigkeit einer baldigen Änderung ans Herz zu legen, ansonsten wird sie in Kürze ihre kostbare Energie nicht mehr zur Verfügung stellen. Aber nun zu unseren ureigenen Anliegen und Klagen.“ Wieder poliert er seine Zacken, wischt sich über das goldstrahlende Gesicht, dass es nur so blitzt und funkelt, verstreut etwas Sternenstaub und beginnt endlich mit seiner Klagerede: „Früher haben die Menschen in all den vielen Sternen Gottheiten gesehen, haben sie verehrt und besungen … Das waren noch Zeiten“, schwärmt er, dreht sich im Kreis und weist mit einer der Zacken hinauf zum Himmel.

Muttererde Terra räuspert sich und der große Deva ermahnt ihn, den eigentlichen Grund seines Erscheinens doch bitte umgehend zu nennen.

Stellarus seufzt leicht dramatisch, doch dann besinnt er sich. „Nicht genug, dass sie Theia, die Halbschwester unserer Muttererde Terra, als Mond bezeichnen und ihr laufend auf die Pelle rücken, nein, sie schießen dauernd künstliche Gebilde in unseren schönen dunklen Weltenraum, schicken sonderbare Strahlenstraßen durch die Weiten unseres Reiches, stören unsere Magnetfelder, verwirren die Vögel, die auf unseren Strahlenstraßen fliegen, und haben keine Bedenken, uns ihren Müll aufzuhalsen! Das nenne ich eine bodenlose Unverschämtheit! Schließlich ist es unser Reich und nur wir haben das Recht, Licht und Strahlen weiterzuleiten!“

Er sieht trotzig in die Runde und putzt sich ausgiebig seine Zackenhände, als wolle er sich die Fingernägel lackieren. Dann sieht er die Gasanos an und fährt etwas langsamer fort: „Folgendes ist aus dem Reich der Gasanos zu beklagen: Die Luftschichten der Erde verändern sich zunehmend und dramatisch, weil die Gasanos die Orientierung durch den ganzen Schmutz, den die Menschenmenschen in die Luftschichten schicken, verlieren. Die Sylphen bemühen sich zwar, mit Stürmen und Orkanen die Atmung der Erde zu reinigen, aber sie schaffen es bald nicht mehr. Wenn nun also die Sylphen die Atmung der Erde nicht heilen können, wird sie immer mehr verschmutzen. Dadurch können die Lichtalben ihre Lichtteilchen nicht mehr durch den Äther tragen, die Erde wird zunehmend finster und dunkel – und alles wird absterben, denn Licht bedeutet Leben! Soweit nun mein Bericht.“

Stellarus putzt wieder über seine Zacken, dann meint er lakonisch: „Es müsste mich ja nicht wirklich interessieren, denn meine Heimat ist die Weite des Universums, aber wer weiß“, und nun ist er mit einem Mal sehr ernst, „wenn die Erde so schwer erkrankt, ob das dann nicht auch Folgen für uns alle hat, weil einfach alles aus dem Gleichgewicht geraten ist – und die Schöpfung ist doch der vollkommene Gleichklang aller Dinge!“

Die Gasanos summen: „Verschmutzen die Schichten, verkehren die Kräfte – verkehren die Kräfte, verlieren die Bahnen!“

Die Sylphen wehen hin und her und singen heulend: „Verstummen die Winde, ersticken die Wasser – ersticken die Wasser, verderben die Wesen!“

Die Lichtalben schmiegen sich aneinander und schluchzen: „Verlieren wir Licht, verdunkelt die Erde – verdunkelt die Erde, erlischt alles Leuchten – ohne Leuchten keine Hoffnung, ohne Hoffnung kein Leben!“

Nach diesen Worten erfasst Muttererde Terra ein heftiger Hustenanfall, sie beugt sich weit vor, ringt um Luft und die Devas streichen ihr beruhigend über den Rücken. Sie röchelt immer noch, ringt nach Atem, windet sich, hustet wieder, und erst die kleine Elfe kann sie mit einem Strauß frischer Eukalyptusblätter beruhigen. Es dauert eine ganze Weile, bis Muttererde Terra wieder einigermaßen bei Kräften ist und sprechen kann. Ihre ganze Gestalt sieht jetzt wirklich krank und geschwächt aus, ihre Gesichtsfarbe ist blass und ihre Augen sind glasig und fahl, Schweißperlen rinnen in Bächen von ihrer Stirn und ihre Arme liegen schwach und leblos auf ihrem Schoß.

Die Besprechung

„Was also schlagt ihr vor?“, fragt sie, nachdem sie sich wieder gefasst und etwas erholt hat.

Da bricht ein Stimmengewirr los, der Upgrounder ruft: „Lasst uns Orkane, Tornados und Sturmfluten schicken, damit können wir alles reinigen, und die Menschenmenschen müssen sich verkriechen!“

Der Undergrounder brüllt, und seine Schreie erzeugen sonderbare Echos: „Wir lassen die Erde beben, Erde beben, die Vulkane, Vulkane rauchen, und glühende Lava, Lava ausspucken. Das Meer, Meer soll sich zu meterhohen Riesenwellen auftürmen, das Land, Land überfluten und alles mitreißen, mitreißen, was sich ihm in den Weg stellt, Weg stellt! Wir wollen die Menschenmenschen das Fürchten lehren, so wie es früher einmal war, und sie sollen uns wieder Respekt, Respekt entgegenbringen!“

Muttererde Terra schaut von einem zum anderen, nickt ab und zu, dann schüttelt sie wieder den Kopf. Das alles scheint ihr nicht wirklich zu gefallen.

Stellarus, der Sprecher der Universianer, hat als Einziger bisher nichts gesagt. Er lehnt, die beiden unteren Zacken überkreuzt, an dem Baum, der am Hang auf der Wiese steht, hört sich das ganze Gezeter an und poliert seine mittleren Zacken. „Das habt ihr doch alles schon gemacht!“, säuselt er, und Benni kann ganz deutlich erschnaufeln, dass der Typ etwas Ungeheueres im Schilde führt.

Stellarus schubst sich vom Baumstamm ab und kommt ganz langsam, Zacke für Zacke, wieder nach vorn.

„Also, wenn ich mir das alles so anhöre“, spricht er weiter, „dann sollten wir Universianer da wieder einmal einschreiten. Wir werden ganz einfach einen Megameteoriten herunterschicken, ihn auf den richtigen Punkt schießen und dann fliegt alles so richtig schön in die Luft! Die Gasanos können nach Herzenslust Schwefelsäurewolken schieben, die Sylphen haben einmal Urlaub, denn Luft gibt es erstmal keine mehr, und die Lichtalben dürfen auf Blitzen Feuerfunken durch die Gegend schleudern!“ Stellarus lacht und seine Lache ist grell und hässlich.

Muttererde Terra legt ihre sechs Hände auf den Bauch und windet sich. „Nein, Nein“, ihr Gesicht ist schmerzverzerrt, „nein, das werde ich nicht zulassen!“, stöhnt sie und wendet sich hilfesuchend an die hinter ihr stehenden Devas. Der größte der Devas lässt seinen Blick über die Runde der anwesenden Kläger gleiten und jeder, den er anschaut, tritt ein paar Schritte zurück und schüttelt den Kopf. Die meisten halten sich die Hände vor den Mund und schauen ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Solch eine Zerstörung, solch eine Zerstörung“, murmeln sie und Benni erschnaufelt ihre große Angst. Er richtet sich von seinem Sessel auf, macht einen Schritt auf Muttererde Terra zu, umgreift ihr Knie. „Nicht alles totmachen“, schluchzt er, „nicht all die unschuldigen Tiere, all die prächtigen Bäume, all die wunderschönen Blumen kaputtmachen, bitte, bitte nicht!“

Er weint und drückt sein Gesicht in den Schoß von Muttererde Terra, seine Tränen durchnässen ihr buntes Blumengewand und durch seine Tränen erstrahlt Muttererde Terra zu neuer, großer Schönheit. Sie umfasst den Jungen, hebt ihn hoch und stellt ihn auf ihre gewaltigen Oberschenkel. Nun schauen sie sich direkt in die Augen und Benni kann sich im Spiegel ihrer Pupillen sehen. Er spürt eine tiefe Freude, Wärme und Geborgenheit und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Erschrocken beugt er sich zurück, denn so etwas hat er noch nie in seinem ganzen Leben getan!

„Du bist unsere Rettung!“, sagt Muttererde Terra und stellt ihn behutsam auf den Erdboden zurück. „Du bist ein Menschenkind, und es sind die Menschenkinder, die uns retten können … und werden!“

Benni wiegt seinen Kopf hin und her. Menschenkinder, Menschenkinder, Menschenkinder, hallt es in seinem Kopf, und er weiß nicht so richtig, wer oder was damit gemeint ist. Er kennt nur die Menschenmenschen, also all diejenigen, die sich in der Welt viel besser zurechtfinden als er, und ausgerechnet er sollte da helfen können?

Die Beobachterin

Bennis Augen wandern über die Gruppen der Upgrounder, Natminders, Feen und Kobolde, er sieht hinüber zu den urigen Globanten, Undergroundern, Undinen und Oilanten und alle nicken sie ihm zu.

Auch die Sylphen, Gasanos und Lichtalben lächeln ihn freundlich an, nur die Universianer, ganz besonders jedoch ihr Anführer, wenden sich ab und alle schauen den Abhang hinauf. Benni folgt ihrem Blick.


Oben, am Rand der Wiese, steht eine leuchtende Gestalt und sie ist so strahlend und schön, dass sich Benni über die Augen streichen muss, erst dann kann er sie genau erkennen. Es ist eine junge Frau, ganz in funkelndem Silber gekleidet, ihre Arme und Beine leuchten schneeweiß, wie frisch gefallener Schnee in der Mittagssonne, und ihre Haare fallen in silber- und goldstrahlenden ellenlangen Locken über ihre Schultern.

Sie zieht ihn magisch an, er steht auf, und als er auf sie zugeht, hat er das Gefühl, als würde er schweben.

„Komm“, flüstert sie, „komm, Menschenkind!“

„Theia, liebste Schwester“, dringt da die Stimme von Muttererde Terra zu Benni vor, und als würde er aus einem Traum erwachen, dreht er sich um.

Schwester? Die sehen sich aber überhaupt nicht ähnlich, denkt Benni und wendet seinen Kopf hin und her, von Muttererde Terra zu Theia und wieder zurück. Da fasst Theia Benni an der Hand und schreitet mit ihm zusammen den Abhang hinunter. Sie stellt sich in einigem Abstand zu Muttererde Terra hin und lässt schließlich Bennis Hand los.

Benni hebt die Nase und schnaufelt. Das ist ein sonderbares Gefühl, was er so noch nicht kennt. Die beiden Schwestern scheinen miteinander sehr eng zusammenzuhängen, und Muttererde Terra liebt ihre Schwester Theia aufrichtig, das spürt er. Aber Theia, was ist nur mit Theia? Da sind Hass und Liebe, da ist ein Band, das sie zerreißen möchte, aber andererseits klammert sie sich mit ihren schneeweißen Händen geradezu an Muttererde Terra.

„Hast du auch immer Zoff mit deiner Schwester?“, fragt er Theia und schaut sie verständnisvoll an.

„Ach, weißt du“, antwortet Theia und beugt sich – auf einmal ganz schlank – nach vorn zu Benni, „wir sind nur Halbschwestern und ich war früher ein eigener, sehr temperamentvoller Planet. Ich konnte viel schneller tanzen als Muttererde Terra und habe mich so schnell gedreht wie ein Wirbelwind.“

Sie will Benni eine Drehung vormachen, aber es gelingt ihr nicht, sie hängt mit ihren endlos langen silbernen Haarstrahlen an Muttererde Terra fest.

„Damals sind wir einmal ganz feste zusammengestoßen“, sagt sie und zieht und zerrt dabei an den silbernen Fäden „und bei diesem Unfall wäre ich fast draufgegangen. Damals hat mir Muttererde Terra einiges an Gestein gespendet, sozusagen ein paar Organe transplantiert, wie die Menschenmenschen das heute nennen würden. Das hat mir das Leben gerettet, aber seitdem bin ich für immer mit ihrer Energiebahn verbunden.“

Benni nickt. „Verstehe ich gut“, sagt er, „Muttererde ist die Große und du fühlst dich manchmal ganz schön klein und mies. Habe ich recht?“

Theia nickt leicht, doch im nächsten Augenblick wirft sie ihre silberne Lockenpracht über die Schulter, ergreift den Saum ihres bodenlangen silbernen Kleides, breitet die Arme aus und zeigt ihre volle, hell strahlende Schönheit, sodass Benni vor Entzücken ausruft: „Oh, so schön wie der leuchtende Vollmond am schwarzen Himmelszelt! So schön“, singt er eine kleine Melodie, „so schön!“

Jetzt lächeln beide, Theia und Muttererde Terra.

„Siehst du“, sagt Muttererde Terra zu Theia, „die Menschenkinder lieben dich, du musst also gar nicht eifersüchtig auf mich sein.“

Theia lässt ihre Arme wieder sinken und sieht ihre Halbschwester lange und ernst an. Dann schüttelt sie den Kopf. „Aber die Menschenmenschen verehren mich gar nicht mehr“, sagt sie seufzend. „Für die bin ich nur noch ein Trabant der Muttererde Terra, auf den man alle möglichen Gerätschaften hinaufschießt, in dessen Staub man herumwühlt und auf dem man vielleicht sogar eine Müllkippe einrichten möchte.“ Sie stampft mit ihren Silberschühchen auf. “So geht das nicht! Die Universianer haben recht! Lasst uns die Menschheit auslöschen, wir sind doch Millionen von Jahren auch ohne sie klargekommen!“

„Ja, löschen wir sie aus!“, schreit Stellarus, und seine Universianer grölen einstimmig: „Auslöschen, auslöschen!“

„Wir löschen sie aus und entwickeln eine neue Menschheit!“, schlägt Stellarus vor und lässt seine Zacken glitzern und funkeln. Die ganze Sternenmeute ist aus dem Häuschen und begeistert sich mit tosendem Kriegsgeheul.

Benni dreht sich zu den kreischenden und tobenden Universianern um, er muss schlucken, aber er ist sehr wütend und hat jetzt keine Lust, als Heulsuse dazustehen. Er stampft mit dem Fuß auf den Boden, und Mo springt auf und bellt Stellarus wütend an.

Da klatscht der oberste der Devas in seine Hände, sodass es wie ein Donner über die ganze Wiese dröhnt. Mit einem Mal sind alle still.

Benni nimmt seinen ganzen Mut zusammen. „Habt ihr vielleicht auch einmal an mich gedacht? An mich, meine Mutter, meinen Vater, meine Oma und meine Schwester? Wenn ihr alle auslöschen wollt, dann müsst ihr aber gleich mal mit mir anfangen!“, ruft er wütend in die Runde und seine Augen sprühen Funken vor hilflosem Zorn. Er dreht sich um und stapft ein Stück den Wiesenhang hinauf, dann wendet er sich um und schaut zurück. „Und denkt ja nicht“, faucht er, „dass ich auch nur noch ein einziges Mal ein Lied über die Sterne und den Mond singe! Das könnt ihr euch abschminken!“

„Benni, so bleib doch“, ruft ihn der oberste der Devas zurück, „nichts geschieht ohne die Zustimmung der höchsten Mächte.“

Benni sieht ihn an und die warme, wunderbar wohltuende Kraft, die von dem Deva ausgeht, umgibt ihn wie die Wolldecke, die seine Oma immer um seine Schultern legt, wenn sie ihm ein Märchen vorliest. Langsam geht er wieder den Hang hinunter und setzt sich in seinen verflochtenen Baumkorbsessel. „Wir haben dich gerufen“, setzt der Deva seine Rede fort, „weil wir mit dir zusammen die Probleme lösen wollen.“

Der Beschluss

„Und wie wollt ihr die Probleme nun lösen?“, fragt Benni und schaut von einer Gruppe zur anderen.

Der Globant macht einen Schritt auf Benni und Muttererde Terra zu und streckt ihnen seinen Eisenstab entgegen. Jetzt sieht Benni, dass der Stab oben mit einer Kappe verschlossen ist und wohl kein Stab, sondern eher ein langes Rohr mit einem Inhalt ist.

„Da, hier drin steckt die Lösung!“, erklärt der Globant mit dröhnender Stimme. Er fuchtelt mit dem Rohr vor Bennis Nase herum und hält es ihm schließlich hin. „Dreh du mal bitte den Deckel ab“, kommandiert er, „dann wirst du sehen, was in meinem Zauberstab steckt“, und ein breites, nicht besonders schönes Grinsen huscht über sein kantiges Gesicht.

Benni greift nach dem Eisen und will den Deckel abschrauben.

„Halt! Halt, Benni!“, gebietet plötzlich Muttererde Terra. „Warte!“ Sie erhebt sich von ihrem Baumgeflechtthron, kommt zu Benni und schaut ihm tief in die Augen. Benni wird plötzlich ganz müde, ihm fallen die Augen zu, aber er reißt sich zusammen und wehrt sich dagegen. Schlaftrunken hört er Muttererde Terra sagen: „Mein Menschenkind, höre und sprich mir nach:

„Sanctus sanus est!“

Benni flüstert: „Sanctus sanus est.“

Muttererde Terra nimmt Bennis rechte Hand und fährt mit ihrer Hand über Bennis Handteller. „Gut so, mein Menschenkind, nun sprich: Sanitas sancta est!“

Benni wiederholt: „Sanitas sancta est!“

Muttererde Terra hält nun seine linke Hand und streicht mit den Fingern ihrer rechten Hand über seinen Handteller. „Der Heilige ist gesund, die Gesundheit ist heilig“, spricht sie und legt dabei beschwörend zwei Hände auf Bennis Kopf.

„Nun bist du geschützt und kannst das Eisenrohr des Globanten öffnen“, sagt sie lächelnd und geht wieder zurück zu ihrem Thron.

Die Müdigkeit ist wie fortgeblasen und Benni greift entschlossen nach dem Eisenrohr, dreht den Deckel mit zwei Umdrehungen nach rechts und sofort fliegt die Kappe in hohem Bogen ins Gras. Ein Gequietsche, Geschmatze, Geröchel und Gekreische ertönt, und Abermillionen kleiner, bunter, kugelförmiger, schleimiger und blubbernder Gestalten quellen aus dem Rohr, eine hässlicher als die andere!

„Iiiiiih!“, schreit Benni. „Wer seid ihr denn?“

„Wir sind die Ersten, wir sind die Urgestalten, wir sind die wahren Herrscher über die Planeten“, singen die grauslichen Wesen und umkreisen Benni.

„Lasst uns nach ihm greifen! Lasst ihn uns besetzen! Lasst ihn uns auffressen!“, johlen sie und umschwirren ihn wie ein Schwarm angriffslustiger Wespen. Aber etwas hält sie zurück, sie kommen nicht an ihn heran und schließlich setzen sie sich auf das Eisenrohr, auf die Grasbüschel und auf die kantigen Füße von dem Globanten.

„Das ist“, sagt Muttererde Terra langsam und ihre Stimme klingt müde, „die einzige Hoffnung, wie wir die Menschenmenschen zur Vernunft bringen und ihr Verhalten korrigieren können.“

Sie schaut Benni an und er erschnaufelt ihre tiefe Trauer und Verzweiflung, doch bevor er etwas sagen kann, fährt der Globant dazwischen und ruft: „Wir haben doch alles versucht, und das schon seit so langer Zeit! Wir haben ihnen die Vermittler gesendet, die allerhöchsten Boten des Schöpfers, wir haben Unwetter und Erdbeben geschickt, wir haben sie vom Meer verschlingen lassen, wir haben ihnen die Musik gegeben und in der letzten Zeit ein Mädchen sprechen lassen! Und? Haben sie gehört?“

Er schlägt wütend mit seinem Eisenrohr gegen einen Stein und es dröhnt, als würden Felsen zerbersten. „Nichts wollen sie verstehen, die Gaben ihrer Heimat missachten sie, sie fressen und saugen dich aus, verehrte Muttererde Terra, du schönstes Juwel unter der strahlenden Sonne, du Ort der göttlichen Freude! Sie haben es nicht anders verdient!“


„Wir kommen schon!“, kreischt die bunte, schleimige Meute abscheulich. „Wir kommen, wir werden uns ganz schnell vermehren und wir werden sie zwingen, sich zu verändern – oder sie töten!“

Alle versammelten Wesen sind ein paar Schritte zurückgewichen. Benni saugt ihre Gefühle ein und erschnaufelt, dass ganz besonders die Natminders besorgt und verängstigt sind.

„Aber wer oder was sind nun diese Schreihälse?“, fragt Benni und reißt sich mächtig zusammen, denn eigentlich findet er diese Schleimmonster ober-eklig und einfach nur widerlich.

Ganz leise beginnt es zu summen, dann wird es lauter und lauter, und schließlich brüllt es über das ganze Tal: „VIREN! Wir sind Viren, wir sind die Armee des Todes!“

Benni hält sich die Ohren zu und möchte am liebsten weg, weg von dem Geschrei, weg von diesen ekligen Monstern und einfach nur seine Ruhe haben. Er streckt die Hände weit vor und will das ganze Geschehen am liebsten fortschieben – und tatsächlich ist es plötzlich still.

Die labbrigen, schlabbrigen Schleimkugeln liegen als grauer Haufen vor seinen Füßen auf dem Boden. Erstaunt hebt er den Kopf und sieht Muttererde Terra fragend an.

„Du bist doch geschützt“, sagt sie lächelnd, „du musst keine Angst haben!“ Sie macht eine kurze Pause. „Wir schicken die Viren aus“, erklärt sie ihm und ist nun sehr gefasst und ruhig, „damit die Menschenmenschen lernen müssen – ob sie wollen oder nicht!“

„Doch du bist unsere Brücke“, meldet sich nun jetzt der oberste der Devas zu Wort, „du kannst ja mit uns sprechen. Du wirst der Vermittler sein zwischen uns, dem Geschehen und den Menschenmenschen. Wir haben dich heute hierher geführt, damit du all das weißt und dich nicht erschreckst. Nun geh nach Hause. Unser nächstes Treffen ist in einer Woche!“

Der Deva erhebt sich, breitet seine Arme aus und alle verneigen sich vor ihm. Die Gasanos, Sylphen und Lichtalben verlieren ihre Gestalt im Dunkeln. Die Universianer gleiten auf einem breiten Lichtstrahl, der sich vom Nachthimmel herunter auf die Erde gesenkt hat, nach oben in das endlose, tief dunkle Blau und erscheinen zuletzt nur noch als kleine, helle, glitzernde Punkte. Die Globanten, Undergrounder und Oilanten werden von dem dunkelbraunen Erdhaufen aufgesogen, die Undinen schlüpfen in das Wasser des kleinen Bächleins und rinnen singend davon.

Nur die Upgrounder mit ihrem Gefolge stehen noch als letzte um Muttererde Terra und Theia auf der Wiese. Muttererde Terra erhebt sich, kommt auf Benni zu, nimmt ihn bei der Hand und bittet ihn, sich nun auf den Weg nach Hause zu machen. Sie werde ein paar Elfen und Kobolde mitschicken, die ihn begleiten, damit er gut und sicher den Weg durch die Dunkelheit heimfinde.

Langsam steigt Benni den Wiesenhang hinauf, er ist jetzt doch recht müde und freut sich auf sein Zimmer und sein warmes, kuscheliges Bett. Mo trottet neben Benni her und zwei Elfen machen sich einen Spaß daraus, auf seinem Rücken zu reiten. Die Kobolde kullern mit den kleinen Kieselsteinen, die auf dem Weg herumliegen, dass es leise scheppert, und Benni muss lachen, denn er schießt normalerweise auch immer die Steine über den Weg.

Bevor er ins Dorf kommt, dreht er sich noch einmal um und schaut zurück. Das Tal liegt nun ganz friedlich da, als wäre nichts geschehen. Die Universianer senden ihr Licht als kleine Sternenpunkte und Theia schickt den Glanz ihrer silbernen Schönheit herunter. Benni winkt noch kurz nach oben und Mo lässt ein leises „Wuff“ ab.

Der frechste der Kobolde zupft Benni am Ärmel. „Los, ab nach Hause und ins Bett“, sagt er kichernd, rennt bis zu Bennis Haustür und wirft dort eine kleine Holzfigur um, dass sie an die Tür scheppert. Drinnen geht das Licht an, Schritte ertönen, die Tür wird mit einem Ruck aufgerissen und Anna steht im Schlafanzug vor ihm. „Wo warst du denn?“, flüstert sie aufgeregt. „Wieso kommst du so spät vom Gassigehen? Weißt du überhaupt, wie spät es ist?“

Benni schüttelt den Kopf, er mag es gar nicht, wenn seine Schwester so viel und alles auf einmal fragt.

„Du kannst froh sein, dass Mama und Papa bei den Nachbarn sind und ich sie nicht angerufen habe“, plappert sie ungebremst weiter, und eigentlich ist er auch wirklich froh darüber. Er nickt und fasst ganz schnell nach ihrer Hand. Danke, denkt er, ja, danke.

Anna lächelt jetzt und schubst ihn nach oben in sein Zimmer. „Los, zieh dich aus, Schlafanzug an, putz dir die Zähne, dann sofort ins Bett und Licht aus!“, kommandiert sie, schließlich ist Anna ja schon vierzehn und damit richtig groß. Sie weiß, was zu tun ist, und Benni gehorcht ihr heute ausnahmsweise einmal ganz gern.

Die Nachrichten

Sie sitzen, wie fast jeden Abend, im Wohnzimmer um den runden Esstisch, Mutter, Vater und Anna. Benni hockt im Schneidersitz auf seinem kleinen karierten Sitzkissen in seiner Ecke.

Mutter hat gerade seine Tupfenlieblingstasse mit dem heißen Kakao auf seinen selbstgebastelten Tisch gestellt, da dringt die Stimme aus dem Fernseher plötzlich lauter als sonst in Bennis Gedanken. Langsam hebt er den Kopf und schaut zur Gruppe am Esstisch.

Mutter, Vater und Anna sitzen bewegungslos da und starren auf die bunt flimmernde Mattscheibe des großen Flachbildschirms. Mutter legt die Hand an den Mund, auf Vaters Stirn bildet sich eine tiefe, steile Falte und Annas blaue Augen sind weit aufgerissen!

„Jetzt ist diese fürchterliche Pandemie auch in unserem Land angekommen!“, hört er die Mutter nach einer ganzen Weile des düsteren Schweigens sagen, und der Vater nickt langsam und bedeutungsvoll.

Benni hebt das Kinn und schnaufelt in ihre Richtung. Sie haben alle Angst – und dann ist da noch etwas, das er bisher bei seinen Familienangehörigen noch nie erschnaufelt hat: Ihre Gedanken jagen herum, wie wilde Bienen oder aufgescheuchte Vögel. All die Abende zuvor hat Benni schon immer wieder die Worte Epidemie oder Pandemie gehört, die er nicht kennt, und die ihn auch nicht sonderlich interessieren, nur wenn sie in dem flachen, großen Bild von dem Virus sprechen, hebt er jedes Mal den Kopf, steht auf, geht dicht vor die Mattscheibe und schaut sich die Gesichter an.

„Wer sind denn diese Leute, die da von dem Virus sprechen?“, hat er schon ein paar Mal gefragt, und dann hat ihm Anna immer geantwortet, dass das Nachrichtensprecherinnen oder -sprecher seien, die über die aktuelle Entwicklung einer sehr schlimmen Krankheit berichten. Benni hat dann immer genickt und ist, nachdem ihn seine Schwester über den Kopf gestreichelt hat, was sie eigentlich normalerweise nie macht, wieder in seine Ecke gegangen. Er hätte ihnen so gerne zugerufen: Habt doch keine Angst! Muttererde Terra will doch nur gesund werden! Aber stattdessen summt er dann meist leise vor sich hin. Er fragt sich schon manchmal, warum eigentlich nie der Globant, einer der Oilanten oder noch besser einer der Upgrounder spricht, aber wahrscheinlich haben die eben keine Nachrichtensprecher, sagt er sich dann ganz leise.

Aber heute Abend erscheint ihm seine ganze Familie wie die kleinen süßen Kälbchen in einem Stall. Sie sind eingesperrt, als wäre ihr Leben in Gitterstäben gefangen.

Er steht auf, geht zur Mutter und drückt sich kurz ganz fest an sie. Sie fasst ihn bei den Schultern und sieht ihn mit Tränen in den Augen an. „Du musst jetzt ein ganz starker großer Junge sein“, flüstert sie, „du kannst morgen nicht in die Schule und auch nicht übermorgen und überübermorgen. Deine Lehrer und Freunde siehst du nur über Skype und deine Aufgaben musst du zu Hause alleine mit deinen Büchern machen. Papa und ich gehen auch nicht zur Arbeit, wir müssen hier arbeiten und brauchen dann dazu unsere Ruhe.“

„Und Anna?“, fragt er. „Anna macht doch immer alles anders als ich“, hakt er nach, „was ist mit Anna?“

Für einen winzigen Augenblick huscht ein kleines Licht durch Mutters braungrüne Augen, sie schiebt eine Strähne ihrer braunen, schulterlangen Haare zur Seite und lächelt, doch dann ist ihr Gesicht wieder sehr ernst, und bedrückt antwortet sie: „Kein Kind darf mehr in die Schule und auch nicht mehr in die Kindertagesstätten, Benni. Es ist eine schlimme Krankheit in unserem Land, auf unserem Kontinent, ja auf der ganzen Welt, und wir sollten alle am besten zu Hause bleiben, hat die Regierung gesagt.“

Die Regierung?, denkt Benni und schüttelt heftig den Kopf. Laut sagt er: „Ich weiß! Muttererde Terra ist schwer krank und die Menschenmenschen müssen etwas lernen!“ Er geht in seine Ecke, nimmt ein Blatt Papier und beginnt zu malen. Sein Kopf ist wieder tief nach unten gesenkt, er ist voll konzentriert, denn er zeichnet jetzt die Natminder-Prinzessin.

„Benni!“ Die Stimme seines Vaters dringt etwas strenger und lauter als gewöhnlich zu ihm herüber. „Das ist sehr, sehr ernst und es ist nicht die richtige Zeit für deine Geschichten, hörst du? Du musst jetzt wirklich folgen und brav sein. In der nächsten Zeit dürfen wir nicht mehr einfach so nach draußen und da hingehen, wohin wir wollen. Hast du mich verstanden?“

Benni hebt den Kopf, und wenn die Menschenmenschen schnaufeln könnten, hätte sein Vater gespürt, wie tief verletzt Benni ist. Aber so sieht er Benni einfach nur streng und fordernd an. Benni nimmt das Blatt Papier, auf das er die Natminder-Prinzessin gezeichnet hat. Er hat sie seiner Familie zeigen und ihr alles erklären wollen, aber jetzt steht er auf und rennt, gefolgt von Mo, hinauf auf sein Zimmer. Er knallt die Tür zu und stellt zwei Stühle davor. Tränen steigen in seine Augen und sein Hals ist eng, aber er will nicht weinen, jetzt extra nicht, denn er muss doch stark sein! Er muss stark sein für seine Familie, für seine Oma, für all die vielen Naturwesen und für Muttererde Terra! Tief in seinem Herzen spürt er, dass sie ihn brauchen!

Benni schiebt die beiden Stühle wieder zur Seite, öffnet ganz vorsichtig und leise die Tür einen winzigen Spalt weit und lauscht.

Mutter und Vater reden hektischer als sonst. Er hört, wie die Mutter den Vater bittet, nicht so streng mit dem Jungen zu sein, er lebe nun einmal in einer anderen Welt, und wie der Vater daraufhin entgegnet, dass die Nachrichten in dieser schlimmen Zeit auch für Träumer wie Benni gelten würden und er befolgen müsse, was sie ihm sagten.

Behutsam schließt er die Tür wieder und setzt sich auf sein Bett. Nachrichten, Träumer, Nachrichten, Träumer, klingt es in seinem Kopf nach. „Weißt du, was Vater damit meint?“, sagt er zu Mo. Mo scharrt sanft an der Tür und da erinnert sich Benni, dass ja heute wieder die Versammlung auf der Wiese in dem kleinen Tal hinter dem Dorf ist.

„Wir müssen noch ein bisschen warten“, flüstert er Mo ins Ohr, „dann gehen wir zur Versammlung.

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07 noyabr 2025
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9783947233144
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