Kitabı oxu: «Von Flusshexen und Meerjungfrauen»

Şrift:

Von Flusshexen und Meerjungfrauen
Eine märchenhafte Anthologie
Christian Handel (Hrsg.)

Copyright © 2020 by


Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Nina Bellem & Stephan R. Bellem

Übersetzungen:

Nina Bellem:

Von der Schönheit, ein Biest zu sein

Kathrin Tordasi:

Die Treibgutsammler & Das Tor der Toten

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

alexanderkopainski.de

Umschlagbildmaterial: Shutterstock

Illustrationen: Soufiane El Amouri

ISBN 978-3-95991-556-4

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Vorwort

Danke!

Das Flüstern des Meeres

Astrid Behrendt

Der Kelpie und die Meuterbraut

Mira Valentin

Die Jägerin

Lisa Rosenbecker

Der freundliche Nachbar vom See

Anika Beer

Das Tor der Toten

Caleb Roehrig

Tom Jofnurs Lied

Nina Blazon

Wovon ich singe

Lena Klassen

Loreley

Tanja Karmann

Das Meerschaumhorn

Lukas Hainer

Die Meerjungfrau und der Mond

Liza Grimm

Der Fluch der Bücher

Matthias Teut

Wie das Salz ins Meer kam

Michelle Gyo

Das Grab am Mühlenweiher

Frank Friedrichs

Von der Schönheit, ein Biest zu sein

Jennifer Estep

Die Treibgutsammler

Lynn Flewelling

Ein Kuss mit Folgen

Liane Mars

Das Meer und seine Geliebte

Julia Adrian

Vorwort

Wenn sie Wassermärchen hören, denken vermutlich viele Leserinnen und Leser zuerst an Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau. Und tatsächlich beginnen wir diese Anthologie mit einer Adaption jener Geschichte, auch wenn ihr die Autorin ihren ganz eigenen Stempel aufdrückt.

Das Meer, die Flüsse, Quellen, Bachläufe, Teiche und Seen bergen jedoch noch viele weitere Schätze. Die Autorinnen und Autoren der diesjährigen Anthologie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Kostbarkeiten zu heben:

Flusspferde entsteigen dunklen Tiefen, mächtige Meeresmonster, Nymphen und Nixen, Selkies und Kappas, Meerjungfrauen und Wasser­drachen verbergen sich in der glitzernden Flut.

Das große Thema vieler der hier versammelten Geschichten ist die Metamorphose, die Verwandlung, ob sie nun innerlich oder äußerlich vonstattengeht. Mal werden Zauberwesen zu Menschen. Mal Menschen zu Ungeheuern. Immer spielt dabei das Wasser eine große Rolle, so wie es das seit jeher im klassischen Märchen tut:

Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje, inne See …

Wer aus mir trinkt, wird ein Reh.

Erinnert ihr euch?

Weder die Goldmarie noch die jüngste Königstochter sind dieselbe, nachdem Erstere durch einen Brunnen ins Reich der Frau Holle gereist und der Zweiten ihr geliebtes Spielzeug in einen solchen gefallen ist.

Im Märchen von der grausamen Schwester, von dem man sich in vielen nordeuropäischen Ländern leicht unterschiedliche Varianten erzählt, stößt ein junges Mädchen aus Eifersucht seine Schwester in einen Fluss und lässt sie ertrinken. Ein Müller, in dessen Mühlrad sich die Leiche der armen Seele verfängt, fertigt aus ihren Knochen und ihren Haaren eine magische Harfe. Sie beginnt von selbst zu singen und so entlarvt die Ertrunkene noch aus dem Jenseits ihre Mörderin. Nina Bellem hatte dieses Märchen unter dem Titel Schwanengesang in Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln adaptiert.

Adaptiert sage ich bewusst; nicht nacherzählt. Oft verwenden wir diese Ausdrücke wie Synonyme, wenn wir über Märchenfantasy sprechen. Doch es gibt für mich gewaltige Unterschiede. Nacherzählungen halten sich eng an ihr Original, schmücken dieses allenfalls aus und ändern Kleinigkeiten. Adaptionen gehen freier mit dem Stoff um. Sie fügen ihm eigene Wendungen und Motive hinzu, ändern traditionelle Inhalte oft sehr stark. Dem Geist der Märchen selbst bleiben sie in der Regel treu.

In Von Flusshexen und Meerjungfrauen findet ihr Adaptionen bekannter – und wenig bekannter – Märchen und Sagen. Und darüber hinaus noch Kunstmärchen: neue Geschichten, die auf klassische Motive zurückgreifen, ansonsten aber ganz eigenen Wegen folgen. Die Althergebrachtes verändern, ganz so, wie es sich für Wassermärchen gehört.

Vielleicht verändert das Lesen unserer diesjährigen Geschichten ja auch eure Sicht auf die Welt ein wenig.

So oder so: Wir wünschen euch viel Freude!

Christian Handel, September 2020

Danke!

Dies ist nun schon die fünfte Ausgabe unserer Märchenanthologie und ich liebe jede einzelne davon, denn sie zeigen mir jedes Mal aufs Neue, dass es sich lohnt, verrückten Ideen nachzugehen.

Als Christian mich damals ansprach und dieses Projekt vorschlug, hatte ich keine Ahnung, was sich alles Großartiges daraus entwickeln würde.

Es erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit, den Geschichten geschätzter Kolleg*innen wieder Drachenschuppen verleihen zu dürfen. (Auch wenn sie dieses Jahr etwas nach Fisch riechen ... ;) )

Normalerweise hätten wir das Buch wieder im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Normal ist dieses Jahr aber gar nichts.

Doch auch wenn sich einiges verzögert hat: Hier ist sie! Und da ich fest daran glaube, dass Wünschen hilft, wünsche ich uns allen, dass wir uns bald schon wieder unbeschwert sehen können. Vielleicht wird es noch etwas dauern. Aber ich glaube fest daran, dass am Ende alles gut wird!

Ich möchte mich aus tiefstem Herzen bedanken bei

– allen Autor*innen, die durch ihre Geschichten diese Anthologien überhaupt erst möglich gemacht haben.

– Christian, der federführend diese Reihe mit so viel Engagement, Liebe und Fürsorge betreut.

– Soufiane, für die immer wunderschönen Illustrationen.

– Alex, für all die zauberhaften Cover.

– unseren wundervollen Fans, die der Wind unter unseren Flügeln sind und die uns auch in schweren Zeiten unterstützen.

– meinen Early Dragons, die so verrückt waren, ebenfalls lange vor Tages­anbruch aufzustehen, damit ich mich genötigt sah, noch weniger zu schlafen als sonst – und somit Zeit zum Schreiben hatte.

Ich bin wahrlich ein Glücksdrache! : ) Astrid


Das Flüstern des Meeres
Astrid Behrendt

Astrid Behrendt

Astrid Behrendt muss ich euch eigentlich nicht vorstellen. Sie ist Kopf, Herz und Hand des Drachenmond Verlags. Vor fast fünfund­zwanzig Jahren hat sie den Verlag gegründet, und seitdem nicht nur an ihren Hoffnungen und Träumen festgehalten, sondern auch tatkräftig dabei geholfen, die zahlreicher anderer Menschen zu erfüllen.

Sie backt die besten Drachenkekse der Welt, ist Mutmacherin und Buchmensch durch und durch. Um diese Geschichte rechtzeitig beenden zu können, hat sie beschlossen, sehr früh aufzustehen. Der Wecker klingelte deutlich vor fünf Uhr, und das jeden Tag.

Inspiriert wurde sie zu ihrer Geschichte übrigens von Die kleine Meerjungfrau. Stark im Gedächtnis verhaftet ist ihr die tschechische Verfilmung, die sie – ebenso wie Drei Haselnüsse für Aschenbrödel – wieder und wieder angesehen hat. »Schon als kleines Kind hat mich die Sehnsucht der Meerjungfrau tief berührt«, gesteht sie.

Astrid begeistert. In vielerlei Hinsicht, aber eben auch mit ihren Geschichten. Ich bin schon gespannt auf den Roman, an dem sie gerade arbeitet.

www.drachenmond.de


Das Flüstern des Meeres

Erzähle mir eine Geschichte, Schwester. Eine Geschichte, wie ich meinen Prinzen treffen werde …

Wenn das Mondlicht die Schaumkämme der Wellen liebkost und das Murmeln des Meeres nachtträge geworden ist, kann ich deine Stimme hören. Die bittenden Worte, die du unzählige Male gewispert hast, wenn der Schmerz deine Augen verdunkelte. Ich sehe meine Hand, wie sie über deine Stirn gleitet, spüre den zarten Körper, der sich Hilfe suchend an den meinen schmiegt, während die Krämpfe ihn schütteln. Und ich höre mir dabei zu, wie ich deinen Wunsch erfülle.

»Wie werde ich meinen Prinzen erkennen?«, flüsterst du jedes Mal.

Dies ist die eine Frage, auf die alles hinausläuft. Die Frage, die dein Halt geworden ist, wenn das Fieber deine Augen trübt. Lippen bewegen sich stumm mit meinen, während ich die magischen Worte ausspreche. Das Versprechen auf das gute Ende.

»Es wird sein, als würden alle Sterne der Nacht auf einmal aufleuchten. Das Meer verstummt, die Zeit bleibt stehen. Seine Augen werden heller strahlen als die Sonne. Und dein Herz wird wissen: Er ist es!«

Dann schläfst du ein. Die Hoffnung im Herzen, dass dein Körper dich nicht im Stich lässt, bis das Versprechen eingelöst werden kann. Und ich halte dich, bis die ersten Strahlen der Morgensonne den Horizont küssen, flehe um noch mehr Zeit mit dir – und um den Prinzen, um dir das Glück zu schenken, das du so ersehnst …


»Würdest du es bitte unterlassen, schlafende Kraken um ebenfalls schlafende Familienangehörige zu knoten?« Die Stimme meines Vaters klingt streng, während er mich zurechtweist, doch mehr amüsiert als verärgert. Meine kleine Schwester kichert und blickt mit leuchtenden Augen zu mir auf. Alles, was sie zum Lachen bringt, ist einen Tadel wert.

»Eure Cousine wird schon bald wieder abreisen, solange wünsche ich, dass sie unbehelligt bleibt.« Ein letzter mahnender Blick und der Griff um meine Flosse lockert sich.

Blitzschnell schnappe ich die Hand meiner Schwester und wir schwimmen aus der riesigen Meereshöhle hinaus, die mein Vater fast nie verlässt.

»Hast du die Abdrücke der Saugnäpfe auf Tirlaras eingebildetem Gesicht gesehen, als sie den Kraken endlich losgeworden ist?«

Es ist so eine Wonne, das Kichern meine Schwester zu hören, das in unzähligen kleinen Luftblasen aufsteigt und uns umtanzt. Ich wusste, dass ihr der Streich gefallen würde. Es macht nichts, wenn wir Besuch vergraulen, denn es hat sich schon längst der nächste angekündigt. Mein Vater hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine traumverliebten Töchter schnellstmöglich und politisch geschickt zu verbinden. Doch wir wissen es nicht zu schätzen, dass uns die hoffnungsvollen Söhne der benachbarten Meeresdynastien ihre Aufwartung machen. »Spürst du was?«, frage ich meine Schwester jedes Mal neugierig, wenn ihr wieder ein Prinz hoffnungsvoll tief in die Augen geblickt hat.

»Den dringenden Wunsch davonzuschwimmen!«, lautet stets die Antwort in diesem Ritual, das wir uns in den durchbangten Nächten ausgedacht haben. Und dann entfernen wir uns so schnell es die Etikette erlaubt, überlassen es den älteren Schwestern, neue Allianzen zu sichern und Verantwortung für unser Reich auf sich zu nehmen.

Meine Verantwortung ist meine kleine Schwester. Niemand hatte mich darum gebeten, aber ich spüre in meinem Herzen, seit meine Mutter sie mir in die Arme gelegt hatte, dass nur ich sie verstehe und nur ich sie würde beschützen können. »Pass gut auf sie auf«, hatte meine Mutter gesagt, mir die Stirn geküsst und war, ohne sich umzusehen, aus unserem Leben geschwommen. Ich wusste, dass sie dabei weinte, denn ihre Tränen vermischten sich mit den meinen im Ozean, der uns alle in sich trug, aber nicht vor dem bewahren konnte, was unser Schicksal für uns vorgesehen hatte.

Nichts geht verloren, was einmal vom Wasser des Meeres umspült wurde. Gefühle, Erinnerungen, Leben. Das Meer nimmt uns in sich auf und erinnert jede einzelne Geschichte. Ich sehe das Gesicht meines Vaters vor mir, der sich bekümmert abwendet, wenn sein Blick auf mich fällt. Er liebt mich, verzeiht mir viel von meinem Ungehorsam, weil ich mich um seine jüngste Tochter kümmere, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Und ihn jeden Tag daran erinnert, dass er das Wichtigste in seinem Leben verlor.

Bleibt auf dem Meeresgrund. Eine so einfache und doch so unerfüllbare Forderung. Wie kann man sich einer ganzen Welt verschließen, die man einmal gesehen hat? Die Welt der Menschen ist fremd und seltsam. Und gefährlich. Sie haben keine Flossen und ihre Herzen sind wankelmütig. Wenn sie sagen »Ich liebe dich«, können sie sich einen Wimpernschlag später schon wieder umentschieden haben.

Als gäbe es eine Wahl.

»Das wird mir nie passieren«, flüstere ich jede Nacht, bevor die Wellen mich in den Schlaf wiegen. Versprechen und Drohung zugleich. Mein Platz ist hier bei meiner Schwester, deren Augen hell wie der Mond strahlen und in denen alle Sehnsüchte der Welt liegen. Eingeschlossen in einen schwachen Körper, der nur durch trotzige Träume weiterlebt.

»Wie werde ich meinen Prinzen erkennen?«, flüsterst du leise, bevor der Schlaf uns entführt.


»Du weißt, dass es gefährlich ist, an die Oberfläche zu schwimmen«, höre ich im Geist jedes Mal die mahnenden Worte, wenn wir es dennoch tun. Unwiderstehlich angelockt vom leuchtenden Schein des Mondes, der mit den Gezeiten ebenso spielt wie mit unseren Herzen. Der das Blut in unseren Körpern so hin- und herspült, wie Ebbe und Flut über die Strände fließen.

»Heute wird der richtige Prinz für dich dabei sein, Isidira, ich spüre es!«

Die Worte meines Vaters murmeln durch die Wogen, die uns an die Oberfläche tragen. Vielleicht hat er recht. Aber auch er ist nur ein Spielball des Schicksals.

»Heute treffen die Söhne des Abendreiches ein«, erinnere ich dich, während wir Seite an Seite dem Licht entgegenschwimmen. Du hast keinen Blick für mich, keinen Gedanken an die Prinzen auf dem Meeresgrund. Du bist gefangen in deinem Wunsch, endlich ihn zu finden. Dann brechen unsere Köpfe durch die Wellen und wir sehen das Schiff, das sich im Sturm wiegt und ächzt. Du liebst den Sturm, der so toben und wüten kann wie dein eigenes wildes Herz.

Wir hören die panischen Schreie der Matrosen, als der Mast splitternd zerbricht. Sehen zu, wie das hölzerne Ungetüm in den Fluten versinkt und die Menschen mit sich reißt, nur weil sie unnütze Beine statt Flossen haben. Schwächliche Gliedmaßen, die sie nicht im Wasser tragen.

Ihre Schreie tränken das Meer und ich halte mir die Ohren zu, um das Leid auszublenden. Irgendwann verstummen sie und verabschieden ihre Seelen in die Unendlichkeit.

»Lass uns näher schwimmen«, verlangst du und ziehst an meiner Hand. Und auch wenn ich weiß, dass es das Letzte ist, was wir tun sollten, folge ich dir.

Zerborstene Schiffsplanken haben sich in dem tückischen Riff verkeilt, als würden sie die Korallen in einem hilflosen Anflug von Rachsucht bestrafen wollen. Manchmal finden wir Kisten voller Geschmeide und funkelnden Tand. Bestaunen die seltsamen Dinge, deren Sinn sich uns nicht erschließt. Ich bemühe mich, stets Abstand zu halten zu den verlorenen Seelen, und meist gelingt es mir. Doch in dieser Nacht …

Sein Haar ist dunkel und bedeckt sein Gesicht, das die typische sonnengeküsste Farbe der Menschen hat. Ich streiche es beiseite und es fühlt sich rau und dennoch fein unter meinen Fingern an, als ich es berühre. Welche Farbe wohl seine Augen haben? Sein Kinn deutet Entschlossenheit an. Seine Wange zeigt einen frischen Schnitt, die Haut feine Linien, die sicher tanzten, wenn er lachte. Bedauern erfüllt mich.

Da höre ich Isidiras Stimme, die mich zu sich ruft. Doch als ich mich gerade lösen will, spüre ich eine Berührung, einen Griff um mein Handgelenk. Erschrocken keuche ich auf und unsere Blicke verfangen sich.

Es wird sein, als würden alle Sterne der Nacht auf einmal aufleuchten.

»Lass mich los«, flüstere ich lautlos und versuche, meine Hand aus der seinen zu lösen.

Seine Augen werden heller strahlen als die Sonne.

Doch der Griff ist zu stark. Als würde er sich mit aller noch verbliebenen Kraft an das Leben klammern. Hoffen, dass ich ihn retten kann. Wie falsch er doch liegt.

Das Meer verstummt, die Zeit bleibt stehen.

Sein Mund sagt kein Wort und doch prasseln die Fragen auf mich ein.

Und dein Herz wird wissen: Er ist es!

Mit einem Flossenschlag löse ich den Bann und tauche ab. Die kalten Wogen löschen die Hitze, die mein Herz in Brand gesetzt hat, und ich flüchte vor dem Gefühl, in mir selbst zu ertrinken.

Immer weiter schwimme ich, nur weg von diesen Augen, die bis auf den Grund meiner Seele geblickt haben. Fort, nur fort.

Doch dann trifft mich der Gedanke wie ein Schlag: Isidira!

Ich halte inne und blicke umher, doch sie ist nirgends zu sehen. Schnell drehe ich um und schwimme erneut nach oben. Als ich durch die Wasseroberfläche stoße, sehe ich, wie meine Schwester den Fremden in ihren Schoß gezogen hat. Wie sie mit ihrer Hand seine Stirn streichelt.

Doch sein Blick ist abgewandt, suchend – bis er den meinen findet. Und ihn festhält.

»Isidira!«, sende ich panisch den stummen Ruf nach meiner Schwester aus, die viel zu lange braucht, um aufzusehen. »Wir müssen zurück!« Zögernd lässt sie von ihm ab, küsst seine Stirn, und nach einer gefühlten Ewigkeit ist sie endlich wieder an meiner Seite und wir tauchen hinab in die Sicherheit der Tiefe.

»Er ist es«, höre ich dich beschwörend murmeln. »Ich bin mir sicher!«

»Wie kannst du dir sicher sein?«, schnaube ich.

»Ich weiß es einfach«, beharrst du.

»Mir ist nicht aufgefallen, dass das Meer verstummt wäre«, versuche ich dir die Hoffnung zu nehmen.

»Er war verwirrt, er hätte mir sicher in die Augen gesehen, wärest du nicht dazugekommen«, antwortest du ungewohnt heftig.

»Du hättest alles vergessen und wärest nie mehr zu mir zurückgekommen!«

»Na und? Das ist es wert.«

»Es ist ein Mensch!« setze ich gekränkt den finalen Stich.

»Er ist es«, höre ich dich beschwörend murmeln. »Ich bin mir sicher!«

Doch es klingt, als müsstest du dich selbst davon überzeugen, während ich … eine seltsame Leere spüre, die sich in mir ausbreitet, seit er mich mit seinen dunklen Augen angesehen hat.

Als wir auf dem Meeresgrund ankommen, schwimmst du, ohne mich eines Blickes zu würdigen, davon.

Es war das einzig Richtige, beschwöre ich mich selbst.

Warum fühlt es sich dann an, als würde mein Herz in Stücke gerissen werden?


Nichts erfreut mich an diesem Tag. Weder das Spiel der Strömungen, die wunderschöne Muster in den Sandboden malen, noch das Spiel mit den Fischen, die mich umschweben und auf Streicheleinheiten hoffen. Meine Gedanken sind an der Wasseroberfläche gefangen und ich denke mit jedem vergehenden Moment intensiver darüber nach, zurückzuschwimmen.

Nur ein einziger Blick, lockt die Stimme in mir.


Als die Sonne untergeht, kann ich mich nicht mehr bezwingen, und rascher als je zuvor tauche ich hinauf – und entdecke dich, wie du auf unserem Felsen sitzt und wartest. Dein verträumter Blick schmerzt mich. Schon möchte ich zu dir schwimmen, doch da sehe ich ein Pferd an den Strand galoppieren, angetrieben von seinem ungeduldigen Reiter. Er rast heran – um dann abrupt die Zügel zurückzureißen. Er sieht das Wesen, das im Mondlicht badet, und ich sehe, was der Anblick in ihm auslöst. Man sagt uns nach, wir wären wunderschön und das Licht des Mondes würde uns unwiderstehlich machen. Langsam steigt der Reiter ab und kommt auf dich zu.

So ist es richtig, rede ich mir zu, während mein Herz »Bleib stehen« rufen möchte.

Ein Windhauch entblößt die nackte Brust unter deinen langen Haaren und ich sehe, wie sein Blick über dich gleitet, um doch sogleich – als würde er einen Traum abschütteln – aufs Meer hinauszuwandern.

Und den meinen wiederfindet.

Von der Intensität dieser Verbindung erschrocken, tauche ich ab und fliehe erneut in die sicheren Tiefen des Meeresschoßes hinab. Meine Gedanken verwirrt und verknäult wie verkrustetes Seegras.

All die Nächte habe ich ihn herbeigerufen. Für sie! Er gehört ihr!, versuche ich mich zu überzeugen.

Auch wenn ich weiß, dass dem nicht so ist.

Nach einer durchwachten Nacht findest du – meine über alles geliebte Schwester – dich endlich wieder bei uns ein. Mit glänzenden Augen und einer zarten Färbung auf der Haut, die selbst unserem Vater nicht verborgen bleibt. Doch nicht der Kandidat der heutigen Brautschau erfreut dich. Ich weiß es besser.

Und dieses Wissen fühlt sich an, als würden scharfkantige Muschelschalen in meiner Haut stecken.

Als du nicht erscheinst, obwohl der Besuch seine Aufwartung macht, tobt Vater. Und auch wenn er es sich nicht eingestehen möchte – er hat dies schon einmal erlebt. Den fieberhaften Ausdruck, das sanfte Strahlen, das einem inneren Leuchten gleich von dir ausgeht – all das ist nicht unbekannt, denn es verfolgt ihn jede Nacht in seinen Träumen.

Tu etwas!, fleht er mich wortlos an, nachdem er den Besuch auf den nächsten Tag vertröstet hat.

Doch alles Zureden ist sinnlos. Und das weiß er genauso wie ich.

»Er ist es«, flüsterst du plötzlich neben mir, und das Leuchten, das inzwischen deinen ganzen Körper zum Strahlen bringt, lässt mich verstummen.

»Du hast es mir so oft versprochen, Schwester. Freust du dich nicht mit mir? Er ist es! Seinetwegen lebe ich noch!«

Er, der Retter, der dich in endlosen Nächten am Leben erhalten hat, wenn die einzige Heilung die Hoffnung war.

Und ich nicke. Er gehört wirklich dir, denn du hast ihn mit aller Kraft deines Herzens herbeigesehnt.


In dieser Nacht folge ich dir an die Wasseroberfläche. Du bist schon dort und wartest. Doch auch er findet sich schnell ein. Gemeinsam sitzt ihr auf dem Felsen, blickt euch ohne Worte an.

Ich sollte glücklich sein, doch ich kann es nicht.

Bis sein Blick suchend über das Meer streift. Und ich den Funken in seinen Augen schlagen sehe.

Ich fange ihn auf.

Und schüttle den Kopf, bevor ich abtauche.


Die Nacht fließt so träge dahin wie ein versickernder Strom. Ich höre ihn nach mir rufen. Und egal wie sehr ich mein Herz verschließe – seine Stimme verfolgt mich. Sie übertönt dein schwesterliches Geplapper nach deiner Rückkehr, als du mich kichernd in eine Felsenspalte ziehst, um mich an deinem Glück teilhaben zu lassen. »Wir werden fortgehen«, vertraust du mir an. »Sein Schiff muss auslaufen und ich werde ihn begleiten. Er weiß noch nichts davon, aber ich bin mir sicher, dass er sich wünscht, dass ich mit ihm gehe.«

Mein Blick rutscht zu ihrem Fischschwanz und sie lächelt verschwörerisch. »Heute Nacht werde ich meine Schuppen verlieren. Ich bin hier, um dir Lebewohl zu sagen.«

Entsetzen greift nach meinem Herz. »Du glaubst den Geschichten über die Meerhexe? Du weißt doch, was Vater gesagt hat!«

Ich werde jede Hexe vom Grund des Meeres verbannen und töten!

»Ich weiß, was Mutter gesagt hat!«, beharrst du und wischst meinen Einwand fort.

Einfach so, als wäre es nichts, dein Leben zu opfern.

»Wie kannst du das noch wissen? Du warst so klein damals, als sie …« Fortging, hallt es in meinen Gedanken nach.

»Ich verstehe sie jetzt«, versicherst du. Und wir beide wissen, dass nur der Gedanke an ihn dich so lange hat leben lassen. Hilflos blicke ich dir hinterher, als du trunken vor Glück davonschwimmst. Ich sollte dich aufhalten, doch ich kann mich nicht bewegen.

Aus den Tiefen der Erinnerung taucht das Gesicht meiner Mutter auf.

»Geh nicht!«, habe ich sie angefleht. Doch sie hat nur traurig gelächelt und mich an ihr Herz gedrückt.

»Nicht jedes Märchen hat ein glückliches Ende und nicht jedes glückliche Ende braucht ein Märchen. Dein Vater hat mir wundervolle Töchter geschenkt. Doch Liebe konnte er nicht geben. Ich hoffe, dass du mir eines Tages verzeihen kannst.«

Ich wusste nicht, was sie meinte, bis mein Rufen in der Nacht unbeantwortet blieb, mein Vater sich immer mehr verschloss und ich zur Mutter für meine kleine Schwester geworden war.

Und mir schwor, dass ich von diesem Fluch verschont bleiben würde.

Man hatte von ihnen munkeln hören – den uralten Seelen, die in Felsspalten hausten und alle Geheimnisse des Meeres kannten. Meerwesen, deren Gesichter so alt waren, dass sich Muscheln auf ihrer Haut festgesetzt hatten.

Er jagte sie alle. Das Meer färbte sich bei Sonnenuntergang blutrot, wenn das Leben wieder aus einer Meerhexe geflossen war. Es gab Gerüchte, dass ein paar wenige entkommen und in die Flussmündungen geflohen waren. Sicher vor dem Zorn des Meereskönigs, der vor Trauer über den Verlust seiner Frau wahnsinnig geworden war.

Welche hat meiner Schwester Beine versprochen? Ein solcher Zauber ist schon für einen starken Körper mit unsagbaren Schmerzen verbunden. Wie soll ihn meine Schwester überleben?

Ich muss mit ihm reden. Er muss sie gehen lassen. Selbst fortgehen. Sie bei mir lassen. Er muss …

Ich schwimme mit klopfendem Herz der Abendsonne entgegen, deren Strahlen einem Wegweiser gleich durchs Wasser leuchten. Die Wellen tragen mich zum Felsen, flüstern mir zu, mich zu beeilen. Doch niemand wartet dort auf mich. Niemand, bis auf ein Stück Papier, das mit einem leuchtend roten Siegel versehen ist und mit einem Stein beschwert dem Wind trotzt.

Ich weiß, dass der Brief für mich geschrieben wurde. Doch selbst wenn ich ihn lesen könnte, würde ich es nicht tun. Ich möchte nicht wissen, was er zu erklären versucht, was er … möglicherweise verspricht.

Mein klopfendes Herz ist ein Verräter in meiner eigenen Brust, denn es gaukelt mir Bilder vor, in denen es mein Körper ist, den er berühren möchte.

»Sie hat dich verdient«, flüstere ich. »Ich habe dich nur beschworen, doch sie hat an dich geglaubt. Und nur deshalb überlebt.«

Ich greife nach dem Papier und werfe den Brief ungeöffnet ins Meer. Er tanzt eine Weile auf den Wellen, als würde er mir eine letzte Gelegenheit geben wollen, doch noch mein Schicksal zu ändern.

Ich schwimme davon, während mein Herz zerbricht.

Doch das Meer bewahrt alle Geheimnisse – und nimmt auch die Worte in sich auf, die aus der Tinte in die salzige See fließen.


Ich weiß, was ich tun muss. Ich werde dich aufhalten. Du wird ihn vergessen und wir werden wieder glücklich zusammen durch die Wellen toben. Muschelmuster legen und …

Sie wird ihn nie vergessen.

Sie braucht ihn nicht. Sie hat mich!

Ich muss dich abhalten. Dein Körper wird den Zauber nicht verkraften. Ich muss dich beschützen!

Lass sie gehen, flüstert das Meer mir zu.

Damit noch eine Statue auf dem Meeresgrund steht? Neben dir? Die Reihe der gebrochenen Herzen? Er hat dir alles versprochen, und dann ist er gegangen!

Er ist gestorben. Menschen leben nicht so lange wie wir.

Aber er hat dich verlassen! Und dein Herz ist mit ihm gestorben!

Ich war glücklich mit ihm.

Aber nur für so kurze Zeit! War es das wirklich wert? Uns zu verlassen und dann selbst zu sterben, weil dein Herz menschlich geworden war?

Ja, das war es. Ich würde es wieder tun.


Mit zornigen Flossenschlägen jage ich durch die Wellen. Ich werde dich nicht auch noch verlieren. Schon gar nicht an jemanden, der … was? Dich nicht wirklich liebt?

Du bist die, nach der er sich verzehrt.

Ich hasse das Murmeln des Meeres, das sich in jeden meiner Gedanken frisst.

Lüge, nichts als Lüge.

Du weißt, dass es wahr ist.

Es darf nicht sein.

Das macht es nicht weniger wahr.

Es darf nicht sein!

Du hast es dir ebenfalls gewünscht.

Doch nicht um diesen Preis.

Mit einer letzten Anstrengung durchbreche ich die Oberfläche und erkenne, dass ich zu spät bin.

Ein prachtvolles Schiff segelt über die Wellenkämme und ich weiß, dass du an Bord bist. Kann deine Hoffnung spüren. Du hast so lange gewartet. Ich fühle deinen Schmerz in den neu geschaffenen Beinen. Die Unsicherheit, sich auf festem Boden zu bewegen.

Du wolltest ihn überraschen. Doch er erstarrt, als er dich in seiner Kajüte vorfindet, und ich spüre dein Taumeln, als du den Halt unter den Füßen verlierst.

»Du bist die Falsche!«

Erkenntnis rauscht durch deine Sinne, ich kann mit deinen Augen sehen, mit deinem Herz fühlen.

»Du kannst mich lieben lernen«, beharrst du und blickst zu ihm auf. »Sieh, was ich für dich aufgegeben habe.«

»Ich will dein Opfer nicht. Es ehrt mich, aber es sind nicht deine Augen, die mich jede Nacht im Schlaf anblicken. Es tut mir leid!«

Ein Stechen lässt dich aufkeuchen. Du kämpfst dich auf die Beine, doch das Atmen fällt dir schwer in deinem neuen Körper, die Brust zieht sich schmerzhaft zusammen. Da beginnt der Boden erneut unter dir zu schwanken. Dieses Mal jedoch, weil die Wellen sich erheben.

»Wo ist sie?!«, dröhnt der Ruf meines Vaters durch die Wogen.

»Wer hat sie mir gestohlen?«, heult der aufkommende Sturm, der das Schiff wie ein Stück Treibholz hin und her wirft.

»Was hast du getan?«, ruft der Mann, den ich jede Nacht in meinen Träumen sehe und den ich jeden Morgen zu vergessen versuche.

Sie taumelt auf ihn zu und ihr Herz gerät ins Stolpern, noch bevor sie in seine Arme sinkt.

Auch das meine krampft sich zusammen. Wissend, dass der Preis, den sie für diesen Augenblick zu zahlen bereit war, höher ist, als ihr Körper verkraften kann.

»Ich bitte nur um einen Kuss«, höre ich sie flüstern, während er sie in seinen Armen wiegt. Die Rufe der Matrosen schallen durch die Nacht und werden ihnen von den Windböen aus dem Mund gerissen. Wellenkämme brechen mit solcher Wucht auf dem Deck, dass ihr Klatschen ohrenbetäubend ist und die Planken erzittern lässt. Ich rieche Angst und Verzweiflung durch die Wellen triefen.

Und doch scheint inmitten dieses Chaos die Welt stillzustehen, als er seine Lippen auf deine legt und dich küsst. So zart, als würdet ihr am Ufer des Meeres liegen, beschützt von der Nacht – und wäret nicht dem Untergang geweiht. Ich spüre seine Berührung auf deinen Mund. Und weiß, dass ich diejenige bin, der sie gilt. Gefangen von diesem Gefühl, erlahmt mein Widerstand, lasse ich mich von den Wellen umherwirbeln, zu gebannt von diesem Moment, der auch mein Untergang sein wird.

»Gib sie mir zurück«, dröhnt Verzweiflung durch das Tosen des Sturms, während meine geliebte Schwester einen letzten Atemzug durch ihre zu schwache Lunge presst.

»Bring mich nach Hause und suche sie«, höre ich dich in sein Ohr flüstern, obwohl ich viel zu weit weg bin.

Als du ins Wasser eintauchst, erfüllt mich Leere, denn die Seele, die ich so lange behütet habe, benötigt keinen Schutz mehr. Und dann tanzt Meerschaum auf den Wellen, die das Schiff bedrängen.

Du bist fort.

Ein letztes Aufheulen und die wütende Raserei der Winde erlahmt.

Er steht am Bug; und auch wenn ich weiß, dass seine Augen nur die Weite des Meeres sehen, blickt er direkt in mein Herz.

Ich werde dich finden, echot seine Stimme in mir. In meinem dummen, verräterischen Herz, das nie darum gebeten hat, so zu empfinden.

Ich tauche unter und fliehe.


Das Leben im Meer ist unerträglich geworden. Mein Vater hat nicht mehr gesprochen, seit seine Tochter verschwunden ist. Ich wünschte, er hätte den friedlichen Ausdruck in deinem Gesicht gesehen.

Manchmal höre ich deine Stimme zu mir sprechen. So wie damals, als wir in den schlimmen Nächten den Schmerzen trotzten, die dich immer wieder überfielen. Ich weiß nicht, welcher mehr quälte. Der, der in deinem Körper wütete, oder der in meinem, weil ich tatenlos zusehen musste.

Du warst nie tatenlos, flüsterst du in meinem Herz. Du hast mir die Hoffnung geschenkt. Die Hoffnung auf eine Liebe – selbst wenn sie nie mir gehörte. Auch wenn ich es mir noch so sehr gewünscht habe. Ich danke dir dafür.

Dein Dank macht es nicht leichter, und der Anblick deiner sich in Meerschaum auflösenden Gestalt sucht meine Träume heim, bis ich beschließe, nicht mehr zu schlafen.

Doch das Murmeln des Meeres lässt mir keine Ruhe.

Nun sind es allerdings andere Worte, die ich vernehme.

Die Worte, die er in den Brief geschrieben hatte, waren für mich bestimmt, und auch wenn sie ungelesen blieben, waren sie nicht verloren, denn das Meer hatte sie aufgefangen.

Auch wenn ich noch nie den Klang deiner Stimme vernommen habe, ist es dein Herz, das laut zu mir spricht. Das deutlicher als jedes Wort nach mir ruft. Auch wenn du es nicht wahrhaben willst – deine Augen können es nicht verbergen. Ich habe ihr gesagt, dass mein Herz schon vergeben sei, und es bekümmert mich, ihre Hoffnung zu enttäuschen, doch nicht sie ist mir vorbestimmt.

Ein letztes Mal werde ich noch in See stechen, dann bin ich frei.

Ich werde auf dich warten.

Egal, wie lange es dauert.

Unablässig murmeln die Worte in meinen Ohren.

Meinem Geist und meiner Seele.

Verfolgen mich und suchen mich heim.

Ich muss fort.


Als das Meer mich in die Flussmündung trägt, blicke ich nicht zurück.

Ich werde eins mit den Gezeiten. Wiege mich mit dem Seegras im Sog der Strömungen, lasse meinen Geist gleich der Kieselsteine am Uferrand hin- und herwälzen. Mond um Mond vergeht. Ebbe und Flut werden zu meinem Herzschlag. Doch die Hoffnung, dass sich der Schmerz ebenso wie die Kanten der Sandkristalle abschleifen würde, bleibt unerfüllt.

Das Meer hört nicht auf zu flüstern, nur weil ich mich in einer Höhle im Fluss verstecke. Ich kann es immer noch hören.

Weil es in mir ist.

Und wer rettet dich?

Schweig, Schwester, schweig.

Ich kann nicht. Du hast es verdient, glücklich zu sein.

Wie kann ich das sein, wenn du fort bist? Wenn alle, die ich geliebt habe, fort sind oder in Trauer verharrt.

Ich bin nicht fort. Du siehst mich nur nicht mehr. Du musst die Augen schließen, um wirklich sehen zu können.

Ich schweige. Im Gegensatz zum Meer, das mich ruft. Ohne Unterlass.

Du kannst nicht vor dem weglaufen, was dir bestimmt ist. Aber du kannst ihm entgegenschwimmen.

Ich schreie meine Trauer hinaus, bis ich die Stimmen in meinem Kopf vertrieben habe. Auch wenn ich weiß, dass sie sich nur in meinem Herz versteckt haben und nie fortgehen werden, bin ich dankbar für einen Moment der Stille.


Der nächste Vollmond bringt eine Sturmflut mit sich. Sie überspült die Ufer der Flussmündung, wirbelt alles durcheinander, heult und tobt, reißt alles mit sich – bis ich aufgebe.

Komm nach Hause.

Das Meer empfängt mich mit salziger Umarmung und ich erkenne, wie sehr ich es vermisst habe, durch die blaue Unendlichkeit zu gleiten. Den Stammsitz meiner Familie meide ich. Meine Art ist langlebig und man könnte mich wiedererkennen.

Ich würde den Schmerz und den Vorwurf in ihren Augen nicht ertragen. Auch nach all der vergangenen Zeit nicht.

Die Erinnerungen wispern.

Jetzt, wo deine Mutter fort ist, wird es deine Aufgabe sein, auf deine Schwestern aufzupassen.

Die arme Kleine – das schwache Herz und dann noch der Verlust der Mutter.

Wie soll sie das nur überleben?

Nach einiger Zeit finde ich, was ich gesucht habe. Die Höhle von ihr, der Verführerin, wie mein Vater die Meerhexe in dem Streit mit meiner Mutter genannt hatte, als er sie versuchte aufzuhalten.

Und als er sie in Stein bannte, nachdem meine Mutter zu Meerschaum geworden war.

Ich wollte nur helfen, flüstert die Statue, wenn ich nah genug an sie heranschwimme.

Was ist wichtiger? Dass alle anderen glücklich sind, oder dass du glücklich bist?

Glück. Glück ist nicht für mich bestimmt, denn mein Glück tanzt in den Schaumkronen der Wellen.

Die Höhle wird meine Zuflucht. Die Tage und Nächte vergehen. Die Strömungen berichten vom Wandel der Welt, lenken mich mit dem Geplapper von den Worten ab, die das Murmeln des Meeres in meine Seele gestreichelt hat. Ohne dass ich es wollte.

Ich werde auf dich warten.


Eines Tages spüre ich, dass ich nicht allein bin. Eine Nixe hat den Weg zu mir gefunden. Geleitet von den alten Legenden über die Meerhexe, die Nixen in Menschen verwandeln kann.

»Du bist umsonst gekommen«, teile ich ihr mit.

»Bitte lass mich mein Anliegen vortragen«, fleht sie mit großen Augen.

»Ich weiß, was du willst, und die Antwort lautet Nein. Vergiss ihn.«

»Das kann ich nicht.«

»Geh fort!«

Sie geht fort. Doch sie kommt wieder. Am nächsten Tag. Und am nächsten. Ich sehe die Hoffnung in ihren Augen.

Hatte so auch meine Mutter gefleht?

»Nun gut. Komm morgen wieder und du erhältst etwas, das dir helfen wird.«

So geschieht es, und wäre mein Herz noch heil, hätte es beim Anblick des Glücks in ihrem Gesicht zerbrechen können.

»Geh«, sage ich ihr, »lege dich zur Ruhe und schlucke diese Perle.«

Sie schwimmt glücklich fort, sie ist gerettet, doch ich verspüre weder Freude noch Friede.

Die Perle würde sie vergessen lassen, warum sie zu mir kam.

Aber was, wenn es das Beste war, was das Schicksal für sie bereithielt?

Was taugt das Beste, wenn es zu Leid und Trauer führt? Du hättest eine Ewigkeit an Vaters Seite verbringen können.

Die Ewigkeit hätte nichts daran geändert, dass ich ihn nicht lieben konnte.

Liebe, Liebe – was nützt Liebe, wenn sie nicht von Dauer ist.

Manchmal ist Liebe zu stark, um vergessen zu werden. Du weißt es, denn kein Zauber der Welt hat es dich vergessen lassen.

In dieser Nacht werde ich heimgesucht von der Sehnsucht der Nixe. Die Perle erwies sich als nutzlos. Vielleicht weil mein Herz doch nie ganz von der Hoffnung lassen konnte.

Verräterisches Ding.

Der Vollmond lockt.

Schwimm an die Oberfläche, Schwester.

Also gut. Ich gebe auf. Ich bin es müde zu fliehen. Die Hoffnung niederzukämpfen, die Trauer zu ertragen.

So viel Zeit ist vergangen, und doch fühlt es sich an, als wäre ich erst gestern zum letzten Mal an der Seite meiner Schwester durch die blaue Unendlichkeit getaucht, umspielt von silbernen Lichtstrahlen des Mondes, der mich zu sich lockt.

Schwimm schneller, Schwester.

Ich zögere. Sollte ich wirklich …

Doch ich bin schon an der Oberfläche angelangt und sehe vor mir den Felsen aufragen, der all die langen Jahre und Jahrzehnte gewartet hat.

Und ich sehe noch jemanden.

Er sitzt auf dem Felsen, den Blick auf das Meer gerichtet. Bis er … den meinen auffängt.

Es wird sein, als würden alle Sterne der Nacht auf einmal aufleuchten.

»Ich habe auf dich gewartet«, flüsterst du, und ich kann es hören, auch wenn die Wellen um mich herum lärmen.

Das Meer verstummt, die Zeit bleibt stehen.

»Viele Leben lang. So viele Körper trugen meine Seele durch die Zeit. Nie konnte ich Frieden finden.«

Du kniest neben mir und die Berührung deiner Hand lässt mein Herz stolpern.

Deine Gesichtszüge sind fremd, aber deine Augen würde ich überall wiederfinden.

»Was wird aus deinem Reich?«

»Ich bin schon lange kein Prinz mehr«, antwortest du auf meine stumme Frage, und es scheint dich nicht zu bekümmern.

»Ich werde mich nicht in einen Menschen verwandeln. Ich kann das Meer nicht aufgeben. Die Erinnerung ist alles, was mir von ihnen geblieben ist.« Du kannst mich verstehen, auch wenn ich an Land nicht sprechen kann.

»Das verlange ich nicht. Ich werde mit dir kommen. Wenn du mich willst.«

Seine Augen werden heller strahlen als die Sonne.

Ich blinzele. Und ich verstehe.

Das Opfer, das er zu geben bereit ist. Für mich. Für uns.

Lass uns gehen, flüstern die Stimmen in meinem Herzen. Lass uns frei, du brauchst uns nicht mehr zu beschützen.

Meine Hand greift nach der seinen und gleichzeitig kann ich endlich loslassen. Sein Lächeln lässt meine Augen überfließen, und während sein Mund meine Lippen berührt, spüre ich, wie sich die Teile meines Herzens wieder zusammenfügen.

Und ich Frieden finde.


Der Kelpie und die Meuterbraut
Mira Valentin

Mira Valentin

Als ich Mira Valentin zum ersten Mal getroffen habe, sah sie aus wie Daenerys Targaryen aus Game of Thrones. Danach habe ich schnell gelernt, dass ihre Cosplay-Kostüme so wandlungsfähig sind wie ihre Buchwelten.

Sie schreibt unter anderem Urban Fantasy (Das Geheimnis der Talente), High Fantasy (Die Lichtsplitter-Saga; gemeinsam mit Erik Kellen; ausgezeichnet mit dem SERAPH 2020) und historische Phantastik (Nordblut). Für ihren Jugendroman Der Mitreiser und die Überfliegerin wurde sie 2017 mit dem begehrten Kindle Storyteller Award ausgezeichnet. Ihre Enyador-Saga wurde bereits ins Koreanische übersetzt. Als ich sie fragte, ob sie eine Kurzgeschichte zu dieser Anthologie beisteuern wolle, schien gerade die Nachmittagssonne auf uns, denn wir verbrachten mit vier weiteren Autor*innen einen gemeinsamen Schreiburlaub auf Mallorca.

Ihre Geschichte hingegen spielt nicht in der Sommerhitze, sondern in einer frostigen Nacht. Eine wichtige Rolle spielt ein Kelpie, ein keltisches Wasserpferd. Mira ist nämlich nicht nur ein Buch-, sondern auch ein Pferdemensch. »Ich habe bis vor fünf Jahren mein Geld damit verdient, Fachartikel über Pferde zu verfassen«, hat sie mir bei unserer Korrespondenz zu dieser Anthologie verraten. Kelpies findet sie schon lange faszinierend. »Das Thema der Anthologie kam mir gerade recht, um mich auf Recherchereise zu den Wasserpferden zu begeben. Und jetzt finde ich sie noch spannender als zuvor.«

www.miravalentin.de


Der Kelpie und die Meuterbraut

Er wartet auf mich.

Nur ein paar Meilen, dann werde ich bei ihm sein. Das sage ich mir immer wieder, während ich mich durch das Unterholz des Waldes kämpfe. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, um keine Zweige zum Knacken oder Laub zum Rascheln zu bringen. In diesen Wäldern treiben Räuber ihr Unwesen, die ganz bestimmt ihre Freude an einer Meuterbraut wie mir hätten. Ich habe mich gegen meinen Lehnsherrn gestellt und ihm das Recht der ersten Nacht verweigert. Jede Jungfrau, die einen Mann ehelichen will, muss sich in der Nacht vor ihrer Hochzeit zuerst ihrem Herrn hingeben, so schreibt es das Gesetz unseres Landes vor. Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Vorschrift zu umgehen – eine, die keine andere Braut vor mir gewählt und überlebt hat: den Pfad des Schreckens. Auf ihm wandle ich nun, mit weißen Schuhen und in meinem Hochzeitskleid, genau wie mein Herr es verfügt hat. Ich sehe noch das herablassende Grinsen in seinem feisten Gesicht, während er seine Entscheidung verkündete. Niemand glaubt daran, dass ich lebendig mein Ziel erreiche. Ein Wald, ein See und ein Berg liegen zwischen mir und meinem Liebsten. Und so kämpfe ich mich voran, in der Hoffnung, lebendig über den See zu kommen und nicht stattdessen ihm zum Opfer zu fallen. Ihm, dem tödlichsten aller Schrecken, der arglosen Wanderern auflauert, um sie zu umgarnen, ihren Geist zu verwirren und sie schließlich unter Wasser zu ziehen: dem Kelpie!

Niemand Lebendiges kann von ihm erzählen, denn jedes Auge, das ihn sah, schloss sich für immer. Jede Zunge, die zu ihm sprach, wurde gelähmt und jedes Ohr, das ihn hörte, ist nun taub. Es gibt lediglich Mythen und Legenden, die sich um dieses Monster ranken, doch an eine davon klammere ich mich wie eine Ertrinkende an ein Stück Treibgut: Um einen Kelpie zu zähmen, so heißt es, müsse man ihm einen Brautschleier über den Kopf werfen.

So wie ein Ritter die Hand auf den Knauf seines Schwertes legt, um sich zu vergewissern, dass es noch da ist, greife ich nach dem durchsichtigen Stück Stoff an meinem Hinterkopf, das mir Klinge und Schild zugleich sein wird – die einzige Waffe, die ich habe. Dann nehme ich einen tiefen Atemzug und schreite weiter voran. Ich sehe die Baumkronen schon lichter werden, die ersten Sterne dringen durch ihre Zweige. Bald habe ich den Wald hinter mich gebracht! Ich kann den See bereits riechen, da bricht auf einmal ein Ast in dem Fichtendickicht neben mir. Ich fahre zusammen. Alle meine Muskeln angespannt, bleibe ich stehen und lausche. Da! Ein weiteres Knacken. Mit kalten Fingern nehme ich den Brautschleier ab.

Schritte kommen auf mich zu, leise und doch so präsent, wie es nur bei einem großen, schweren Mann der Fall ist. Ich sollte weglaufen, doch noch ehe ich diesen Gedanken in die Tat umsetzen kann, tut sich das Buschwerk zu meiner Rechten auf und lässt eine Gestalt hindurch.

Es ist tatsächlich ein fremder Mann, doch er sieht ganz anders aus, als ich vermutet hatte: nur wenig größer als ich selbst, aber von massiger, gedrungener Gestalt. Sein Gesicht verschwindet hinter einem struppigen Bart. Langes schwarzes Haar fällt ihm in ungepflegten Locken in die Stirn. Weder sein Alter noch seine Gesinnung kann man durch diese übermäßige Behaarung erkennen. Selbst seine Arme sind von einem flaumigen Fell bedeckt. Sollte das der sagenumwobene Verführer sein, dem ich mich stellen muss? Oder ist er einfach nur ein Räuber, der sich zu weit ins Niemandsland vorgewagt hat?

Es ist schließlich seine Stimme, die ihn verrät – tief wie ein Ozean und sanft wie die Berührung einer Gischtflocke. Ja, dieser Mann muss ein Kind des Wassers sein, ein Flussgeist, ein Kelpie in seiner Menschengestalt!

»Ich grüße dich, Meuterbraut! Schon lange hat es keine mehr gewagt, diesen Pfad zu beschreiten.«

»Ich aber wage es«, sage ich entschlossen.

Da lacht er, laut und tosend wie eine Sturmflut. Seine buschigen Augenbrauen tanzen amüsiert nach oben, während er noch weiter auf mich zukommt. »Was macht dich so sicher, dass gerade du den See bezwingen kannst? Dürres, schwaches Geschöpf, das du bist!«

»Ich nehme es lieber mit dir auf als mit meinem Lehnsherrn! Nicht weit entfernt von hier, auf dem Gipfel des nächsten Berges, wartet mein Bräutigam auf mich.«

Während ich rede, behält er meinen Schleier ganz genau im Auge. Also stimmt es wohl, dass man einen Kelpie auf diese Weise unterwerfen kann. Ich umklammere den Stoff fester.

»Soso, dein Bräutigam«, murmelt er. »Denkst du, er würde dasselbe für dich tun?«

»So wie ich für ihn ins Wasser gehen werde, würde er für mich durchs Feuer gehen«, stelle ich klar.

»Ich hatte auch einmal jemanden, der für mich ins Wasser gegangen ist.« Es ist nur ein Flüstern, doch darin liegt das Leid einer ganzen Welt.

Ich staune über diese Worte. Sagt er das, um mich zu überlisten? Kelpies sind tückische Wesen, die einem Menschen den Kopf verdrehen und seine Gedanken zum Schmelzen bringen, bis nur noch ein verworrener Klumpen voller Sehnsucht übrig ist. Und dennoch kann ich mich der Faszination nicht entziehen, die dieser eine, so voller Schmerz gesprochene Satz in mir auslöst. »Was ist geschehen?«, frage ich.

Der Kelpie umrundet mich, wobei er stets genügend Sicherheitsabstand zu mir und meinem Brautschleier hält. »Sie ging den Pfad des Schreckens, genau wie du. Ich stand auf dem Berg, genau wie er.«

Nun sehe ich seine abgerissene Gestalt genauer. Die zahlreichen Flicken auf seinem Mantel, die ausgefransten Ärmel, die kantige Nase zwischen all dem Gestrüpp in seinem Gesicht.

»Ich sah sie sterben, doch anstatt ihr zu helfen, bin ich davongeritten. Ich war einer dieser Menschen, die bereits beim Aufbäumen der ersten Welle all ihre guten Vorsätze über Bord werfen. Deshalb verfluchte mich die Herrin des Sees und bannte meinen Geist in den Körper meines Hengstes. Nur einmal am Tag, für die Dauer einer Stunde, ist es mir erlaubt, meine Menschengestalt anzunehmen.«

Ein kalter Schauder durchläuft mich. Genau das habe ich über Kelpies gehört! Als sagenumwobene Wasserpferde leben sie auf dem Grund von Seen und Flüssen. Dort hinunter entführen sie ihre Opfer, um sie gierig mit Haut und Haar zu verspeisen. Algen schmücken ihre Mähne und Seetang wächst auf ihrem Schweif. Manchmal, in stürmischen Nächten, kann man die Abdrücke ihrer Hufe auf der Wasseroberfläche sehen. Ganz gleich, welche Umstände dazu geführt haben, dass dieser fremde, bärtige Mann sich in ihresgleichen verwandelt hat – er ist mein Todfeind. Der Einzige, der mich aufhalten kann!

»So wird es bei uns nicht sein. Wir haben uns einander versprochen und es gibt nichts, was uns trennen könnte. Nicht einmal der Tod. Nicht einmal du!«

»Du nennst mich im selben Atemzug mit dem Tod?« Es schwingt Verärgerung in seiner Stimme mit und ich frage mich wieso. Wir beide wissen, was er ist – ein Dämon der Tiefe, durch und durch böse, schlimmer als jedes Sterben und jeder Untergang!

»Du hörst die Wahrheit nicht gern?«, frage ich.

»Die Wahrheit?« Er kommt näher, mustert mich von oben bis unten mit seinem raubtierhaften Blick. »Die Wahrheit ist: Ich bin der Einzige, der dich zu deinem Liebsten bringen kann. Du musst mir vertrauen!«

»Vertrauen?«, entfährt es mir. »Ich soll dir vertrauen?«

»Nur so kommst du über den See.«

Einen Moment lang starre ich ihn bloß entgeistert an. »Eher würde ich einem Seeungeheuer vertrauen oder einem reißenden Wasserstrudel!«, sage ich dann.

Diese Worte lösen nun doch eine erkennbare Reaktion im Gesicht des Kelpies aus. Seine buschigen Brauen verengen sich zu einem durchgehenden Strich. Er presst die Lippen aufeinander und ich habe den Eindruck, als würden seine fast schwarzen Augen noch eine Spur dunkler werden. »Dann musst du wohl genau das tun!«, spuckt er mir entgegen.

Und ehe ich noch etwas erwidern oder gar meinen Schleier über ihn werfen kann, ist er mit einem einzigen großen Sprung wieder im Dickicht verschwunden. Ich höre, wie seine Schritte sich entfernen, dann verändern sie sich und nehmen den Rhythmus von Hufschlägen an. Was auch immer nun geschehen wird, auf keinen Fall darf ich auf den Rücken dieses Pferdes steigen – sonst bin ich verloren.

Mit zaghaften Schritten folge ich dem Pfad weiter bis zum Ufer des Sees. Düster wie eine schlafende Bestie liegt er da, die wellenlose Oberfläche im Mondlicht glitzernd. Es gibt weder einen Steg noch ein Boot, um hinüberzukommen. Doch dort drüben am anderen Ufer tut sich bereits der Fuß des Berges auf, der mein Ziel ist. Mein erklärtes, ersehntes, errettendes Ziel. Ich werde es schaffen, auch wenn ich schwimmen muss.

Also ziehe ich meine Schuhe aus, die durch den Schlamm des Waldweges kaum mehr weiß aussehen. Gerade will ich auch mein Kleid aufschnüren, da höre ich ein Schnauben neben mir. Ich drehe mich zur Seite und erstarre. Plötzlich, wie aus dem Nichts, ist der Kelpie wieder aufgetaucht, diesmal in seiner Pferdegestalt. Der schwarze Hengst sieht genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe: riesig, mit mächtigen Brustmuskeln, weit geblähten Nüstern und stampfenden Hufen. Sein Schweif ist so lang, dass er auf dem Boden der Uferböschung zum Liegen kommt, und die füllige Mähne wird von einer nächtlichen Brise verweht. Mir stockt der Atem vor Ehrfurcht. Gewiss gab es nie ein schöneres Geschöpf unterm Himmelszelt! Selbst die Sterne scheinen heller zu strahlen, im unbedingten Wunsch, einen Reflex auf das seidige Fell des Kelpies zu zaubern. Nie war das Schicksal grausamer als an dem Tag, als es beschloss, dieses Wesen zum Ungeheuer zu machen.

Ich schlucke. Dann reiße ich mich zusammen und ergreife meinen Brautschleier mit beiden Händen. Langsam gehe ich auf das schwarze Pferd zu. »Du hattest recht: Du wirst mich über den See tragen. Es gibt keine andere Möglichkeit!«, sage ich, doch dabei erschrecke ich vor meinem eigenen Wagemut. Nun wird er mir gewiss seine spitzen Reißzähne zeigen! Er wird sich auf die Hinterbeine erheben und seine steinharten Hufe auf mich niederprasseln lassen!

Doch der Hengst macht etwas ganz anderes: Er weicht zurück. Schnaubend und stampfend bringt er einige Schritte Abstand zwischen uns.

»Was ist los? Hast du etwa Angst vor diesem dürren, schwachen Geschöpf?«

Er schüttelt den Kopf, lässt mich aber weiterhin nicht nahe genug herankommen. Ich versuche es noch ein paarmal, dann gebe ich meine Bemühungen auf.

»Warum bist du überhaupt hier?«, schreie ich den Kelpie an. »Wenn du mich töten willst, tu es! Aber spiele nicht mit mir!«

Ein sachtes Blubbern entweicht seinen Nüstern. Vorsichtig macht er einen Schritt auf mich zu, knickt mit den Vorderbeinen ein und legt sich hin. Ich traue meinen Augen nicht! »Du willst, dass ich aufsteige? So wie all die anderen Mädchen, die du auf den Grund des Sees gezogen hast?«

Ich muss zugeben, dass ich jeden Menschen verstehen kann, der dieser Versuchung erliegt. Auch in mir weckt das sagenhafte Pferd den brennenden Wunsch, auf seinen Rücken zu klettern und eins mit ihm zu werden, mit ihm über den silbernen Wasserspiegel des Sees zu galoppieren wie ein ungebändigter Sturm. Ein tiefer, alles verzehrender Zauber geht von ihm aus. Doch da ist etwas anderes in meinem Herzen, das noch ungleich schwerer wiegt: die Sehnsucht nach meinem Liebsten!

Ob der Kelpie das ahnt? Was, wenn ich zum Schein auf sein Angebot eingehe? Dann komme ich vielleicht nahe genug an ihn heran, um ihn doch noch zu bezwingen.

»Du hast recht«, murmele ich deshalb in verklärtem Tonfall und lasse meine Hände mit dem Schleier sinken. »Ich werde dir vertrauen.«

Schritt für Schritt gehe ich näher. Dabei beobachten mich die tiefdunklen Pferdeaugen ganz genau. Sie sind das Einzige, was noch an den verwahrlosten Mann im Wald erinnert. Derselbe Schmerz, dasselbe abgrundtiefe Leid liegt in diesem Blick.

Als ich bis auf wenige Schritte herangekommen bin, spüre ich, dass der Moment gekommen ist – jetzt oder nie! Blitzschnell springe ich auf das liegende Pferd zu und werfe meinen Brautschleier über seinen Kopf. Doch der Kelpie ist schneller. Mit der Geschwindigkeit eines Dämons fährt er herum, schlägt seine Zähne in den Stoff und springt auf. Wütend funkelt er mich an.

Nein! Meine einzige Waffe im Kampf gegen die Bestie ist verloren. Jetzt bleibt mir nur noch eines: Ich muss um mein Leben schwimmen. Hastig raffe ich den Saum meines Hochzeitskleids und renne zum Wasser. Der See greift nach mir, umspielt meine nackten Füße, zieht mich in seine nassen Arme. Ich lasse mich ganz hineinsinken, greife weit aus, um möglichst viel Raum zwischen mich und den Kelpie zu bringen. Dabei weiß ich, dass ich schon jetzt verloren habe. Ich bin wie eine Motte in einem Spinnennetz, die sich mit jedem Strampeln nur noch weiter ins Verderben reißt. Dort, tief unter mir, in der fadentiefen Schwärze, verschlingt das Monster seine Opfer. Und genau dorthin schwimme ich. Verzweifelt richte ich meinen Blick zum Gipfel des Berges. So nah und doch so unendlich fern!

Liebster, in einer anderen Welt werden wir zusammen sein!

Ob er mich sehen kann, wie einst ein anderer junger Mann, der den Todeskampf seiner Braut beobachtete? Ich weiß nicht, ob es Tränen oder Wassertropfen sind, die bei diesem Gedanken über meine Wangen rinnen.

Eine Welle schwappt von hinten über mich hinweg. Ich kann nicht anders, als mich umzudrehen. Da sehe ich den Kelpie nur wenige Armlängen von mir entfernt. Lediglich sein Kopf und der muskulöse Hals ragen aus den schwarzen Fluten. Ein Schleier aus reiner Angst legt sich über meine Sinne. Meine Schwimmzüge werden langsamer. Ich wappne mich für den Angriff, das letzte Aufbäumen meines zum Tode verurteilten Körpers, den Schmerz.

Nichts davon geschieht. Stattdessen schließt der Kelpie zu mir auf. Ich spüre die Wassermassen, die von seinen Hufen aufgewirbelt werden. In seinen Augen jedoch liegt weder Gier noch Hass. Erneut wendet er seinen Kopf in Richtung seines Rückens. Er will immer noch, dass ich auf ihm reite. Ich verstehe nicht, was hier vorgeht.

»Wie?«, frage ich atemlos. »Wie ist deine Braut gestorben?«

Die breite Unterlippe des Hengstes bebt. Ein melancholisches Schnauben dringt aus seiner Kehle, wobei sein Blick auf den See hinausschweift. Erst sehe ich nichts dort, doch dann bemerke ich, dass die Wassermassen sich in der Mitte leicht kräuseln. Luftblasen steigen dort hervor und mit jeder weiteren Sekunde vergrößert sich die aufgewühlte Stelle im Wasserspiegel, bis schließlich ein immer größer werdender Strudel entsteht.

»Was ist das?«

Anstelle einer Antwort erhalte ich ein aufforderndes Wiehern. Wie gelähmt halte ich inne. Der dünne Stoff meines Brautkleids bauscht sich in den pulsierenden Wogen des Sees. Ich kann den Blick nicht von dem Strudel in der Mitte abwenden, wo nun ein helles Leuchten aus der Tiefe steigt. Eine unermessliche Verlockung geht davon aus, schlimmer als von dem Kelpie – tausendfach! Ich will dort hinausschwimmen und in dem Leuchten aufgehen, mich ihm hingeben und für immer in ihm auflösen.

Mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen: die Herrin des Sees! Sie hat den treulosen Bräutigam verwandelt. Sie hat seine Braut getötet! Wer über den See schwimmt, fällt nicht dem Kelpie zum Opfer, sondern ihr! Mit diesem letzten klaren Gedanken schwinge ich mich auf den Rücken des Pferdes und kralle mich in seiner Mähne fest.

Ein Zittern geht durch den Körper des Hengstes, dann erhebt er sich, bis er mit allen vier Hufen auf der Wasseroberfläche zum Stehen kommt. Krampfhaft umschließen meine Beine seinen Körper. Und doch kann ich den Blick nicht von dem Strudel reißen. Denn das, was nun daraus emportaucht, ist ein Wesen, strahlender als die Frühlingssonne und anmutiger als der Wimpernschlag einer frisch vermählten Braut. Goldenes Haar umweht ihr feines, gleichmäßig geschnittenes Gesicht. Ihr durchsichtiges Gewand besteht aus grüner Seide, besetzt mit Tausenden Muscheln und Perlen. Als Krone trägt sie eine roséfarbene Wasserrose. Durch ein sachtes Winken gibt die Herrin des Sees mir zu verstehen, dass ich zu ihr kommen soll.

Ich will ihr gehorchen! Möge sie mich unterwerfen und in die ewige Dunkelheit führen!

Doch genau in dem Moment, als ich entscheide, vom Rücken des Pferdes zu springen und dem Befehl meiner Gebieterin zu folgen, schnellt der Kelpie davon. Seine Hufe berühren kaum mehr die Wasseroberfläche. Nur die auffliegenden Gischtflocken und der enorme Gegenwind geben mir einen Hinweis darauf, wie schnell er mich davonträgt.

»Nein, lass mich zu ihr!«, schreie ich und will abspringen. Doch etwas hält mich fest! Es ist die Mähne des Kelpies, die sich wie schwarze Fesseln um meine Taille schlingt. Mit aller Kraft versuche ich, sie loszuwerden, doch es gelingt mir nicht.

Komm!, höre ich die Stimme der Herrin in meinem Kopf. Komm zu mir, mein Kind!

Sie winkt mir mit goldschimmernden Händen. Mein Herz zerspringt fast vor Kummer und Schmerz, weil ich nicht bei ihr sein kann! Doch die Bestie, auf deren Rücken ich sitze, kennt keine Gnade. Unbarmherzig trägt sie mich davon und tritt meine Sehnsucht mit stampfenden Hufen. Hätte ich nur meinen Brautschleier, um sie zu unterwerfen, doch so kann ich nichts tun, außer meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Das Bild vor meinen Augen verschwimmt. Ich sehe den Berg am anderen Ufer nicht mehr, die aufgewühlten Wassermassen, über die wir schneller als der Wind hinwegfliegen. Selbst das goldene Leuchten hinter uns verblasst und mit dem Strudel verschwindet schließlich auch mein unbändiges Verlangen, der Herrin des Sees untertan zu sein. Ungläubig reibe ich mir die Augen und blicke zurück, während das Pferd unter mir von schnellem Galopp in einen langsamen Trab fällt. Nichts deutet mehr darauf hin, dass noch vor wenigen Augenblicken die begehrenswerteste aller Verführerinnen dort auf der Lauer lag, um ihre Beute anzulocken. Hätte der Kelpie mich nicht abgehalten, so wäre ich ihr direkt in die goldenen Fangarme geschwommen. Langsam lösen sich die Schlingen seiner Mähne um meinen Bauch, während er die letzten Meter bis zum Ufer zurücklegt. Mit einem Satz springt er an Land und ich lasse mich von seinem Rücken gleiten.

Der Hengst senkt den Kopf, beide Ohren aufmerksam auf mich gerichtet. Ich lege eine Hand auf seine Nüstern. Sie sind kalt wie der See und feurig wie der Mann, der er einmal gewesen ist. Wie gern würde ich ihm all die Fragen stellen, die er nun nicht mehr beantworten kann.

»Danke«, sage ich daher nur. »Ich werde den Menschen in meinem Dorf erzählen, dass du kein Ungeheuer bist. Sie sollen von deinem Schicksal erfahren, auf dass deine Braut und du niemals vergessen werdet.«

Er zeigt ein majestätisches Nicken, dann wendet er sich ab und galoppiert über den See davon. Schon nach wenigen Augenblicken ist er in dem Nebel verschwunden, der vom gegenüberliegenden Ufer herüberweht. Lediglich seine Hufschläge bleiben als kräuselnde Wellen auf dem Wasserspiegel zurück.

Ob ich all das nur geträumt habe? Ein Griff an meinen Hinterkopf bestätigt mir, dass der Brautschleier wirklich verloren ist – entrissen von einem Wesen, das mich direkt in den Untergang getragen hätte, wenn ich es geschafft hätte, es zu zähmen und zu beherrschen. So aber hat es mir ein neues Leben geschenkt. In Gedenken an die Liebe, die in seinem Herzen niemals erloschen ist.

Ich wringe das Wasser aus meinem Kleid, dann wende ich mich ab und blicke nach vorn. Nach oben, auf den Gipfel des Berges, dorthin, wo meine eigene Geschichte nun weitergeht. Schon morgen gehöre ich meinem Liebsten allein, und er gehört mir. Ich muss mich sputen.

Denn er wartet auf mich.


Die Jägerin
Lisa Rosenbecker

Lisa Rosenbecker

Lisa Rosenbecker wurde 1991 in Hanau geboren, lebt aber inzwischen in Stuttgart. Sie bezeichnet sich als passionierte Teetrinkerin und Leseratte. Ich gehe davon aus, sie liebt auch Fabeltiere, denn auf der Drachennacht in Leipzig ist sie in einem Drachenkostüm aufgetaucht!

Mit dem Schreiben – und Bloggen – hat sie während ihres Biologiestudiums angefangen. Ihren ersten Fantasyroman veröffentlichte sie 2015: Arya & Finn – Im Sonnenlicht. Seither kann sie sich ein Leben ohne Schreiben nicht mehr vorstellen.

Derzeit arbeitet sie sowohl an einem New-Adult-Projekt als auch an den Plänen für einen dritten Litersum-Roman.

Ihre nachfolgende Geschichte spielt im gleichen Universum wie ihre Bücher Magie aus Gift und Silber und Magie aus Tod und Kupfer, allerdings viele Jahrhunderte zuvor. Sie kann auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden. Lisa hat sich nicht von einem Märchen, sondern von einer Figur aus dem griechischen Sagenkreis inspirieren lassen. Die Geschichte selbst verortete sie allerdings am Strand der niederländischen Stadt Harlingen, an dem sie bereits im Urlaub spazieren gegangen ist.

www.lisarosenbecker.de


Die Jägerin

Sie riefen nach ihr, wenn sie ein Monster fanden.

Schwarzes Blut glänzte am Strand in der untergehenden Abendsonne, ehe es in Gischt aufging. Die Brandung des Meeres spülte die Erinnerung an die leblosen Körper hinfort, die bis vor Kurzem im flachen Wasser gelegen hatten.

Sobald der Mond am Himmel stand, würden sich die letzten Überreste in den Weiten des Ozeans verlieren.

Und weitere Monster anlocken.

Ceto wischte sich die klebrigen Hände an ihrer ledernen Weste ab. Der metallische Gestank des Blutes drang ihr in die Nase und in jede Faser ihres Körpers. Er trieb sie an, stärkte sie.

Ihr Schwert lag verwaist zu ihrer Rechten im Sand, sie hatte es im Kampf verloren und trotzdem gewonnen. Mit schweren Schritten ging sie darauf zu, ohne den Blick vom Horizont zu nehmen. Das Wasser reflektierte das Sonnenlicht und blendete sie. Sie kniff die Augen zusammen und suchte die sanften Wellen nach Lebenszeichen ab. Flossen, Finnen, geschuppte Haut – die Monster kamen in allen Formen und Farben, Größen und Stärken vor.

Das Schwert schien bleierner als zuvor, es kostete sie eine Menge Kraft, es aufzuheben. Getrocknetes Blut und Sandkörner verklebten die Klinge, bis zum nächsten Kampf musste sie gesäubert werden. Und verzaubert.

Mit geschulterter Waffe und rasselndem Atem stieg sie den künstlich aufgeschütteten Deich hinauf. Dahinter lag ein Dorf, geschützt vor dem Meer und dessen Launen. Von der Spitze der Erhebung aus überblickte Ceto beides – den Ozean und die Siedlung. Das eine war eine mächtige Naturgewalt, endlos und schön. Das Dorf hingegen, mit seinen windschiefen roten Ziegelhäuschen, die sich dicht an dicht um leere Kanäle drängten, schien sich vor der Welt verstecken zu wollen. Die Gebäude waren niedrig und schlicht errichtet worden, die Menschen eilten nahezu geduckt durch die gepflasterten Gassen. Sie sehnten sich danach, beschützt zu werden. Vor dem, was auf der anderen Seite lauerte. Was hinter dem Deich lebte, sollte dort bleiben.

Deswegen hatte man die Kanäle vor Jahren trockengelegt und die einst so prächtigen Boote und kleineren Schiffe verrotteten ihres Zweckes beraubt auf dem Grund. Vom salzigen Duft der See, der früher die Lunge der Siedlung beseelt hatte, war nicht viel übrig geblieben. Stattdessen roch es modrig und faul.

Ceto rümpfte die Nase, als sie auf der anderen Seite des Deiches hinabstieg und sich auf den Heimweg machte. Sie liebte die Meerluft, den Wind in ihren Haaren und den knirschenden Sand unter ihren Füßen. In der Siedlung fühlte sie sich wie eine Gefangene, aber sie musste ruhen und Kräfte sammeln.

»Hast du es getötet?« Ein Mädchen, vielleicht acht Sommer alt, sprang Ceto in den Weg. Sein Gesicht und die Kleidung waren dreckverschmiert, so wie bei den meisten der hier lebenden Kinder. Ceto trat missmutig einen Schritt zurück.

»Natürlich. Siehst du das Blut nicht?«, fragte sie.

Die Blicke des Mädchens huschten zu dem Schwert. Es streckte eine Hand aus, als wollte es die Waffe berühren. Ceto wandte sich ab und knurrte: »Finger weg.«

»Warum hast du es umgebracht?«, wollte das Kind wissen. Ceto seufzte und lief wortlos weiter. Das Tapsen kleiner nackter Füße auf Pflastersteinen folgte ihr. »Lauf doch nicht weg«, beschwerte sich das Mädchen und holte zu ihr auf. Alle Einwohner hielten respektvollen Abstand zu Ceto, wenn sie ihr begegneten, besonders nach einem Kampf, wenn sie verschmutzt, stinkend und ausgebrannt war. Wieso störte sich das Kind nicht daran?

Das Mädchen zupfte an ihrem Hemd. Ceto zischte und wirbelte herum. »Lass mich in Ruhe!« Ihre Stimme hallte durch die Gasse, das Kind zuckte zusammen und machte endlich kehrt. Schluchzend lief es in die Richtung, aus der es gekommen war.

Zufrieden grunzend setzte Ceto ihren Weg fort.

Sie unterdrückte einen Schrei, als sie an ihrem Haus ankam und das Mädchen dort auf sie wartete. Sein Gesicht war zornesrot und voll stolzer Sturheit.

»Sag es mir«, verlangte es. »Wieso tötest du sie? Warum müssen sie hinter dem Deich bleiben?«

Es war nicht Ceto, die dem Mädchen antwortete, sondern die Monster selbst. Als hätten sie die Frage vernommen, erklang vom Meer aus ein titanisches Brüllen, das die Häuser zum Erzittern brachte. Plötzlich stob der Geschmack von Salz, Blut und unendlicher Trauer durch die Kanäle. Ceto schluckte schwer und die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Das Mädchen stolperte nach hinten und ließ sich Halt suchend gegen die Hauswand fallen. Es sah in den Himmel, als würden die Monster von dort oben herunterstoßen und sie verschlingen.

»Sie stammen aus den dunkelsten Ecken des Meeres, Gnade ist ihnen fremd und sie würden dieses Dorf unter sich begraben, sollten sie es jemals über die Deiche schaffen. Willst du das?«, fragte Ceto. Endlich kamen keine Worte mehr aus dem Mund des Mädchens, es schüttelte nur den Kopf. »Dann verschwinde endlich, damit ich mich ausruhen und sie auch in Zukunft davon abhalten kann.«

So schnell es konnte, rappelte sich das Kind auf, nahm die Beine in die Hand und flüchtete.

Ceto genoss die Ruhe, die sie hinter ihrer Haustür erwartete. Sie lebte in einem alten Bau mit löchrigem Dach, schimmelnden Deckenbalken und knarzenden Türen.

Das Schwert legte sie auf einen Tisch, dessen Holz dunkel verfärbt war. Blut von unzähligen Gefechten und toten Monstern war in die Holzfasern gesickert und erinnerte Ceto daran, was für ein Leben sie führte.

Sie schälte sich die triefende Kleidung vom Körper und warf sie neben die Waffe auf den Tisch. Später würde sie nachsehen, was davon noch zu gebrauchen war und gewaschen werden konnte, und welche Teile sie entsorgen musste. Doch zunächst stieg sie selbst in den Waschzuber, der mit glasklarem Wasser gefüllt war. Sie spürte die Kälte nicht, als sie hineinglitt.

Da war nichts. Nur ein Element an ihrer Haut, das sich langsam schwarz färbte wie das Meer nach einem Tod. Sand rieselte aus ihren Haaren und sammelte sich am Boden des hölzernen Zubers. Sie strich mit nackten Fußsohlen darüber und ein kleiner Seufzer entfuhr ihr. Kaum war er ihren Lippen entschlüpft, erhob sie sich und stieg aus dem Bottich.

Das Wasser perlte langsam ihren Körper herab, als wollte es sie nicht ziehen lassen. Sie ließ die Tropfen, wo sie waren, und griff nach ihrem Schwert, das ihre Stelle in dem Waschzuber einnahm. Sie schob es hinein, bis auch der Griff vom Nass bedeckt war. Es dauerte einen Moment, bis das Wasser sich beruhigt hatte.

Mit gespreizten Fingern fuhr sie über die stille Oberfläche.

»Anagénnisi.« Regeneration.

Der Schaft des Schwertes leuchtete silbern auf und das Blut im Wasser zog sich zu langsam kreisenden Wirbeln zusammen, der Sand am Boden tat es ihm gleich. Ceto wiederholte die magischen Worte wieder und wieder. Das Metall sog das Schwarz und den Sand gierig auf, bis nichts zurückblieb als eine klare Flüssigkeit.

Die Waffe enthielt das Blut unzähliger getöteter Monster. Jedes von ihnen verlieh ihr mehr Macht. Jedes von ihnen half dabei, ein weiteres Monster zu töten.

Der Sand schenkte der Klinge die Gabe, die zarte Haut des Meeres zu zerschneiden. Ceto hörte die Schreie der Monster und der See, wenn das Silber sie zerfetzte. Sie selbst sog diese Hilferufe auf wie das Schwert das Blut.

Sie spürte nicht, ob sie das stärker oder schwächer machte.

Sie hatte vor langer, langer Zeit aufgehört, sich das zu fragen.

Weil sie nicht wusste, ob sie die Antwort ertragen konnte.


Am nächsten Morgen weckte der Regen die Siedlung mit seinem Gesang. Feine Tropfen fielen aus dem Himmel und strichen federleicht über die Dächer, um ihnen eine Melodie zu entlocken.

Ceto hörte es. Das Lied des Wassers trieb sie zum Aufbruch an.

Auf dem unebenen Boden vor ihrer Haustür hatte sich eine große Pfütze gebildet, in der sich ihr Gesicht spiegelte.

Rauchgraue Haare, dunkle Augen und eine durchscheinende blasse Haut auf einem Antlitz, das alterslos, aber schön war. Ohne hinzusehen, zerstörte sie das Bild mit ihrem Fuß, zog sich die Kapuze über den Kopf und eilte mit dem Schwert in der Hand los.

Alles an diesem Tag war grau. Der Himmel, das Meer, der Strand. Am Horizont gab es kaum einen Unterschied zwischen dem Ende der Welt und dem Anfang des Firmaments. Die Sphären gingen ineinander über, küssten sich.

In jenen Augenblicken wurde ein besonderes Schicksal geboren. Eines, das so farbenprächtig, so alles überstrahlend war, dass der Rest des Universums für einen Moment zu verblassen schien.

Der Wind peitschte Regen in Cetos Gesicht wie tausend feine Nadelstiche, die in ihre Haut eindrangen. Ihre Nase war eisig und sie blinzelte mehrmals, um die Tropfen von ihren Wimpern zu vertreiben. Ihre Füße gruben sich in den Sand, als sie Schritt für Schritt auf das Meer zuging.

Heute waren die Wellen höher, die Strömung gieriger.

Und die Monster waren nach wie vor Monster.

Knietief stand Ceto im Wasser, als ein paar Schritte vor ihr ein dunkler Schatten durch die Fluten glitt. Selbst durch die düstergraue Färbung und den aufgewirbelten Sand waren die leuchtend blauen Schuppen zu sehen.

Als hätte das Biest auf sie gewartet.

Sie folgte ihm, langsam. Nicht dass es etwas nützte, es hatte sie ohnehin schon gewittert. Aber alle Monster, die ihr begegneten, begangen denselben Fehler.

Sie zögerten. Und sobald Ceto mit dem Schwert die Wellen teilte, war es für sie zu spät.

So würde es auch heute wieder sein.

Ceto näherte sich dem Wesen mit bedächtigen Schritten, immer darauf besonnen, die Waffe nicht zu früh in das Meer zu stoßen.

Plötzlich machte das Tier einen Satz. Ceto riss die Augen auf und schlug zu – und traf nur Wasser. Es schäumte und kräuselte sich an den Rändern seiner Wunde, zischte seiner Angreiferin eine Warnung zu, die im Nichts verhallte.

Das Monster war verschwunden.

Vom Strand ertönte ein hoher Schrei. Ceto wirbelte herum und sah zum Ufer.

Mit schreckgeweiteten Augen erblickte sie eine junge Frau, die wadentief im Wasser stand. Nein. Gestanden hatte. Jetzt lief sie strauchelnd rückwärts und ruderte mit den Armen. Vor ihr im Wasser schimmerte es.

Ceto rannte in dem Moment los, als ein blau schillernder Körper aus der Brandung schoss und nach dem Bein der jungen Frau schnappte. Auf den ersten Blick sah es aus wie ein Tentakel, doch dann erkannte Ceto zwei angelegte Flossen an der Spitze.

Es war der Schweif eines Hippokampen, der sich in diesem Moment aus dem Wasser erhob. Diese außergewöhnlichen Wesen, halb Pferd, halb Fisch, waren genauso anmutig wie grauenhaft und sie gehörten nicht zu jenen Monstern, die Ceto normalerweise jagte.

Heute würde sie eine Ausnahme machen.

Sie rannte auf das Wesen zu. Es hatte sein Opfer an der Wade gepackt und es umgerissen. Die junge Frau schrie und zappelte, trat mit dem freien Fuß nach dem Monster. Doch es half nichts. Das Kleid rutschte ihren Körper hinauf, als der Hippokamp sie zu sich in die Wellen zog.

Ceto hob das Schwert und hieb nach dem Schweif mit der Flosse. Das Biest war schnell und geschickt. Es ließ von der Frau ab, ehe es von der Waffe getroffen werden konnte. Die Klinge zerteilte nur das Wasser und die Gischt. Das Tier verschwand.

Still und wachsam verharrte Ceto für einige Augenblicke an Ort und Stelle, doch das Wesen kam nicht wieder.

Die junge Frau war ans Ufer gehumpelt und saß am Strand, wenige Meter von den lockenden Ausläufern der Brandung entfernt. Ihre dichten Haare waren ein strahlend türkiser Farbklecks an diesem aschfahlen Tag, sie hingen ihr wirr vom Kopf. Ein schlichtes Wollkleid klebte an ihrem Körper, betonte jede Kurve. Sie war hübsch, trotz der rot unterlaufenen Augen. Ihre Iriden waren so farblos und grau wie die Welt und das Meer an jenem Morgen. Und wie der Regen diesen Tag, trübten Tränen ihre Sicht. Doch sie sah Ceto direkt an, voller Ehrfurcht oder Furcht – dazwischen verlief nur ein schmaler Grat.

Ceto schritt aus dem Wasser und zog die Klinge durch die Wellen, die zeterten und schrien. Diese Warnung war nötig. Der Hippokamp sollte fernbleiben.

Das rechte Bein der jungen Frau blutete, wo die Schuppen des Hippokampen die Haut aufgeritzt hatten.

»Du musst es auswaschen und verbinden«, riet Ceto ihr und lief an ihr vorbei Richtung Deich. Heute würde sie kein Monster mehr töten. Solange der Hippokamp in der Nähe war, trauten die anderen sich nicht an den Strand heran.

»Danke«, flüsterte die junge Frau mit zittriger Stimme.

Ceto hielt inne. Noch nie hatte jemand diese Worte an sie gerichtet. Es rief ein eigenartiges Gefühl in ihrer Brust hervor, die sie leer geglaubt hatte. Sie drehte sich nicht um, als sie sagte: »Halte dich vom Ozean fern.«

»Das kann ich nicht«, erwiderte die Fremde. Nun wandte sich Ceto ihr doch zu. Die aquamarinfarbenen Haare wehten im Wind, während sie in die Ferne blickte. Ceto verstand ihre Sehnsucht, ihre Qual.

»Komm mit mir«, bot sie der Verletzten an.

»Ich heiße Tessa.«

»Komm mit mir, Tessa, und ich werde dir helfen.«

Schwankend kam Tessa auf die Beine und folgte Ceto. Sie humpelte ihr hinterher, während Regen und Wind ihr ins Gesicht schlugen und an ihrem Kleid zerrten. Doch sie verzog keine Miene, klagte nicht über die Schmerzen, die sie haben musste.

Oben auf dem Deich verlor Ceto die Geduld und stützte Tessa den Rest des Weges bis zu ihrem Haus. Sie setzte die junge Frau auf ihr Bett, das Schwert fand seinen Platz auf dem Tisch.

Mit den Fingern fuhr Ceto über die blutigen Fasern des Holzes und sammelte ihre Kräfte. Sie benötigte keine Verbände, keine Salben oder Tinkturen wie die Menschen. Ihr reichte zum Heilen Magie.

»Roí.« Fließen.

Blut quoll aus dem Holz an die Oberfläche und bündelte sich in großen Tropfen. Cetos Hände glitten durch das Schwarz, bis sie vollkommen benetzt waren. Sie ging zu Tessa und legte ihre Finger vorsichtig auf die Beinwunde. Die junge Frau zuckte kurz zurück, dann ließ sie es geschehen.

»Therapeía.« Heilung. Ceto murmelte die Beschwörung mehrmals, um sicherzugehen, dass sie auch Wirkung zeigte. Die Blutmagie gehorchte ihr und machte sich ans Werk, flickte das Fleisch.

Es dauerte nur einige Augenblicke, bis nichts mehr an die Verletzung erinnerte.

Als Ceto aufsah, bemerkte sie Tessas Blick. Die junge Frau musterte sie mit undurchdringlicher Miene. Das Grau ihrer Augen wirbelte umher wie ein feiner Nebel, der Geheimnisse verschluckte. Ceto fühlte sich beobachtet, wie unter einem Vergrößerungsglas. Sie wandte sich dem Waschzuber zu, um ihre Hände zu reinigen.

»Wieso tötet Ihr sie?«, fragte Tessa.

Ceto stockte. Sie hob die noch nicht reinen Hände aus dem Wasser und fuhr herum. »Wieso? Ich habe dir damit das Leben gerettet!«

»Ich meine nicht heute. Sondern alle anderen Tage. Wieso tötet Ihr die Monster?«

Ceto schüttelte den Kopf. »Das verstehst du nicht.«

»Das bedeutet, Ihr wollt es mir nicht sagen«, erwiderte Tessa leise.

Mit einem Stöhnen senkte Ceto die Hände wieder in das Wasser. »Seit wann seid ihr Menschen so neugierig?«

Tessa lachte auf. So einen angenehmen Laut hatte Ceto lange nicht mehr gehört. Nur das Meer und seine unendlichen Weiten klangen schmeichelnder.

»Ihr gebt also zu, dass Ihr kein Mensch seid?«, fragte Tessa. Sie hatte sich erhoben, ging mit bedachten Schritten in dem kleinen, kargen Raum umher und sah sich um.

»Ich habe nie behauptet, einer zu sein«, antwortete Ceto und beobachtete sie. Das war eine ungewöhnliche Frage. Oder war lediglich die Wortwahl ungewöhnlich?

Wer war diese Frau nur?

Sie schien nicht älter als zwanzig Sommer zu sein. Im Vergleich zu Ceto, die schon so lange lebte, dass sie die Jahre nicht mehr zählen konnte, war Tessa nichts weiter als eine kleine, aber feine Laune der Natur. Das türkisblaue Haar, welches das Meer in Cetos bescheidenes Heim zu holen vermochte, fiel in weichen Wellen über Schultern und Rücken. Das Rauschen der wilden See drang in Cetos Ohren. Sie schloss die Augen und verdrängte die Bilder, die sich in ihre Gedanken schoben. Es schmerzte zu sehr.

Tessa legte den Kopf schief und beobachtete Ceto, wie sie sich die Hände wusch. »Darf ich Euch morgen dabei zusehen, wie Ihr eines der Monster jagt? Vielleicht verstehe ich Euch dann.«

»Warum willst du das?«

Tessa lächelte verschmitzt. »Weil ich ein neugieriger Mensch bin.«

Ceto zögerte und ertappte sich selbst dabei. Zögern war ein Fehler. »Im Morgengrauen ziehen wir los.«


Sturmböen fegten Ceto fast von den Füßen, als sie an Tessas Seite auf dem Deich stand und auf den anthrazitfarbenen Ozean hinausblickte. Weiße Schaumfelder krönten die Wellen, die sich in der Melodie des Wassers wiegten. Cetos Herz zog sich zusammen, zog sich hinein in die Leere in ihr.

Tessa blieb zurück, als Ceto den Deich hinunter- und in die Fluten lief, das Schwert kampfbereit erhoben. Ihre Lunge füllte sich mit dem salzigen Duft der ewigen Weite um sie herum.

Es dauerte nicht lange, bis sie das Monster entdeckte. Pechschwarz und träge schwamm das riesige Biest nur wenige Schritte von Ceto entfernt durch das Wasser. Ein Kopf erhob sich aus der Gischt und reckte sich empor. Jadefarbene Augen starrten auf Ceto herab, ein langer Hals ging in einen noch längeren Körper über, der geschützt von scharfkantigen Schuppen unter der Oberfläche ruhte. Cetos Blick huschte wie von selbst zu der Schwachstelle des Monsters – die Brust, in der sein schwaches Herz schlug. Das Wesen rührte sich nicht, es zögerte.

Ceto griff an. Das Biest schrie und tobte, wehrte sich und schnappte mit seinem Maul nach ihr. Doch es unterlag und Ceto sah ihm nicht in die Augen, als alle Kraft aus ihm sickerte. Wellen griffen nach der leblosen Hülle, zogen sie in ihre Umarmung und schenkten dem Wesen die letzte Ruhe.

Ceto watete ans Ufer und blickte den Deich hinauf. Tessa war verschwunden.

Sie suchte den Hügelkamm ab und den Strand. War sie ins Dorf gegangen? Hatte sie der Anblick des Kampfes so verstört?

Doch auch in den Straßen und ihrem Haus wartete Tessa nicht auf sie. Ceto war wieder allein.


Mit dem nächsten Sonnenaufgang stand Ceto erneut am Strand. Dunkle Wolken hingen am Himmel, doch es regnete und stürmte nicht. Der Ozean war ein quecksilbriger Spiegel und lag still da. Zu still. Als würde er auf etwas warten.

Ceto ließ das Schwert sinken und die Spitze tauchte in den Sand ein. Da waren keine Geräusche, die Welt hielt den Atem an. Sie sah nach oben, in Richtung des Olymps und fragte sich, ob Götter auf dem Weg zur Erde waren.

Doch es waren nicht Götter, die sich ihr im nächsten Augenblick offenbarten.

Wellen rauschten, Schaumkronen erblühten und vergingen, dann brach der erste geschuppte Leib durch die Oberfläche. Dann noch einer und noch einer. Seeschlangen, Kraken, Strudelwürmer und Sturmfische. Glitschige Haut, scharfkantige Schuppen und messerscharfe Zähne blitzten ihr entgegen. Alle Augen waren auf sie gerichtet, das spürte sie, auch wenn sie den Bestien nicht ins Gesicht sah. Es waren Dutzende, wenn nicht an die hundert Monster, die sich hier versammelt hatten.

Ceto hielt wie die Welt den Atem an, als das Meer sich aufbäumte und ein weiteres Wesen ausspuckte. Es war der blaue Hippokamp, den sie vertrieben hatte. Anmutig und stolz erhob sich das Tier vor ihr. Dann senkte es den Kopf und Ceto sah die Reiterin auf dem Rücken. Vor Schreck glitt ihr das Schwert aus der Hand und landete klirrend im Sand.

Tessa hatte sich das Aquamarinhaar zu einem Zopf geflochten, darin glitzerten Perlen, kleine Muscheln und Nadeln aus Perlmutt. Eine enge Weste schmiegte sich an ihren Oberkörper, ihre Beine steckten in dunklen Hosen, die Füße waren nackt. Sie ließ sich vom Rücken des Hippokampen gleiten und kam zum Ufer gelaufen, verließ das sichere Wasser jedoch nicht.

Cetos Körper war wie versteinert, sie rührte sich nicht, als die junge Frau auf sie zukam. Ihre grauen Augen schienen zu glühen, als hätte der Mond ihr etwas von seinem Glanz geschenkt.

»Ceto«, begrüßte Tessa sie mit ruhiger Stimme. Dann verneigte sie sich vor ihr. »Es ist mir eine Ehre, der Göttin der Meere und der Mutter aller Seemonster persönlich gegenüberstehen zu dürfen.« Sie richtete sich auf und ihre Miene verfinsterte sich. »Allerdings bin ich nicht hier, um Euch zu huldigen.«

Ceto schwieg. Ihr unsterbliches, göttliches Herz schlug nur noch schwach in ihrer Brust. Lange, lange hatte sie niemand mehr so genannt, geschweige denn sich vor ihr verneigt. Jetzt verstand sie, dass sie das nicht vermisst hatte. Weil sie es nicht verdiente. Sie rührte sich nicht und wartete.

Die junge Frau vor ihr nickte und fuhr fort. »Mein Name ist, wie Ihr schon wisst, Tessa. Ich bin eine Nereïde, eine Nymphe des Meeres.« Sie breitete die Arme aus, fasste all die Monster mit ein, die hinter ihrem Rücken im Quecksilberwasser standen. »Diese Wesen riefen mich, weil sie ein Monster fanden. Ich bin die Jägerin und hier, um Euch zu richten, Ceto.«

Wie dumm Ceto gewesen war, Tessa nicht zu erkennen. Oder die Scharade, die sie und ihr Reittier aufgeführt hatten. Sie hätte fühlen müssen, wen und was sie vor sich hatte und woher sie kam. Doch das hatte sie nicht. Cetos Mund fühlte sich trocken an und sie bekam kein Wort heraus.

Tessa neigte den Kopf. »Ihr seid das Monster, Ceto. Nicht Eure Kinder. Ihr tötet sie, weil Ihr ihren Anblick nicht ertragt. Ihr denkt, sie seien böse, und Ihr habt Angst davor, was das für Euch selbst bedeutet. Was es über Euch aussagt.«

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten sah Ceto zu den Gesichtern ihrer Kinder auf. Zu den schillernden, aber grausigen Wesen, die sie dem Meer und ihrem Mann, dem Gott Phorkys, geboren hatte. Der Anblick war unerträglich für sie, tat ihr körperlich weh. Aber keines der Geschöpfe vor ihr blickte voller Hass zu ihr zurück. In den Augen lagen Zuneigung, Enttäuschung, Wut und das bittere Verständnis für das eigene Fleisch und Blut.

Tessa machte einen Schritt auf sie zu. »Ihr seid nicht vollkommen verloren, Ceto. In Euch steckt mehr als dieses Monster. Ihr habt mich gerettet und mich geheilt. Es gibt noch Hoffnung. Für Euch und das Dorf, das Ihr mit Euren Lügen verpestet habt. Solange jemand die Dinge hinterfragt und andere Wege sieht, gibt es Hoffnung«, sagte Tessa und Ceto rann eine Träne über die Wange, als sie an das kleine Mädchen dachte.

Sie schüttelte den Kopf. Mit krächzender Stimme gestand sie: »Ich lebe schon viel zu lange so. Ich kann es nicht ändern.«

Die Jägerin ging in die Knie und tauchte beide Hände unter Wasser. Als sie sich aufrichtete, hielt sie in der linken Hand einen Bogen, gefertigt aus einem Walkiefer und dem Haar einer Seehexe, in der rechten einen Pfeil aus einem spitzen Haifischzahn und einer zurechtgeschnitzten Fischrippe.

Das Meer selbst war gekommen, um Ceto zu richten. Diese unzügelbare Schöpfung, über die sie herrschen sollte. Sie hatte es nicht kommen sehen, hatte sie nicht kommen sehen. Und das, obwohl Wasser ihr Blut und das Salz der See ihr Atem war. Sie hatte ihre Verbindung zu diesem Wunder verloren, und wie es schien, auch jene zu sich selbst. Wer war sie, sich einem solchen Urteil zu widersetzen?

Ceto ging in die Knie, während Tessa den Pfeil anlegte. Die Kinder der Göttin schlossen die Augen und sangen ein leises Lied.

»Lebt wohl.« Tessas Finger gaben den Pfeil frei. Er zischte auf Ceto zu, die mit keiner Wimper zuckte. Sie sah ihrem Schicksal hocherhobenen Hauptes und mit offenen Augen entgegen.

Das Geschoss durchbohrte ihr Herz, beides löste sich in Meeresschaum auf. Von innen heraus wurde die Göttin zu dem Element, aus dem sie einst geboren worden war, zu dem sie vergehen und aus dem sie auferstehen würde.

Sie riefen nach ihr, als sie den Weg nach Hause fand.


Der freundliche Nachbar vom See
Anika Beer

Anika Beer

Meine erste Schreibmaschine bekam ich zu meinem achten Geburtstag«, berichtet Anika Beer, Jahrgang 1983, auf ihrer Website. Sie wusste schon immer, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Inzwischen schreibt sie Romane nicht nur unter ihrem echten Namen (beispielsweise Als die Schwarzen Feen kamen), sondern auch als Franka Rubus und Ana Jeromin.

Nach dem Abitur verschlug es sie zunächst als Kindermädchen nach Spanien; anschließend studierte sie Neurobiologie. Auf beide Erfahrungen konnte sie bereits für ihre Bücher zurückgreifen. So spielt ihr Buch um eine kinderfangende Hexe (Amaias Lied) in Barcelona und in ihrer Trilogie Die Blutgabe geht sie das Thema Vampirismus wissenschaftlich an.

Im September 2021 erscheint ihr nächster großer Jugendroman Euphoria City – ein Buch über die Manifestation geheimer Wünsche. Da ich das große Glück hatte, es schon lesen zu dürfen, kann ich es euch bereits heute wärmstens empfehlen.

Obwohl Anika in der Bergstadt Oerlinghausen am Teutoburger Wald aufwuchs, bezeichnet sie sich als Wassermensch: »Im Urlaub habe ich so viel Zeit wie möglich im Wasser verbracht – oder noch lieber unter Wasser. Es fasziniert mich, wie sich die Geräusche und die Farben verändern, wie die Sonne Lichter auf den Grund malt und wie die Bewegungen gleichzeitig träge und schwebend sind.«

Genau diese Atmosphäre fängt sie wunderbar in ihrer nachfolgenden Geschichte ein.

www.anikabeer.de


Der freundliche Nachbar vom See

Aoyama-gō, Provinz Iga, Japan im August 1863,

dem 2. Jahr der Bunkyu Ära.

Das Schwert war weg.

Fassungslos starrte Taro auf seine leeren Hände. Unter der zerbrochenen Planke des alten Bootsstegs, die wenige Augenblicke zuvor unter seinem Fuß nachgegeben hatte, zitterte das Wasser noch in konzentrischen Kreisen. Die leere Schwerthülle an seinem Gürtel wog wie ein Stein.

Einfach weg.

Der Abendwind vom See her wisperte leise im hohen Schilfgras, das den Steg umschloss. Die Zikaden hatten ihr Sommerabendlied angestimmt. Doch Taros Herz übertönte sie mit der Wucht eines Schmiedehammers.

Yae würde ihn umbringen.

Seine ältere Schwester hatte das Schwert selbst erst vor wenigen Wochen bei der jährlichen genpuku des Dorfes erhalten, als sie und die anderen Sechzehnjährigen von Aoyama-gō in die Gemeinschaft der Erwachsenen initiiert worden waren. Daher hatte sie sich nur sehr widerwillig überzeugen lassen, es ihm wenigstens ein einziges Mal auszuleihen. Es war umso schwieriger gewesen, da Taro mit seinen dreizehn Jahren bereits nahezu sämtliche kindliche Niedlichkeit verloren hatte, die ihm früher in solchen Fällen zugutegekommen war. Aber Yae liebte ihn dennoch wie keinen anderen, deshalb hatte sie am Ende zugestimmt.

Und jetzt war es weg.

Dabei hatte Taro doch bloß ein einziges Mal ausprobieren wollen, ob er die Techniken, die Mina-sensei ihn und die anderen Ninjutsu-Schüler des Tsukimi’kan Tag für Tag mit ihren Holz- und Bambusschwertern üben ließ, auch mit einer Klinge aus Stahl ausführen konnte.

Die bittere Wahrheit war: Er konnte es nicht. Nicht mit einer deutlich zu langen Waffe, deren Griff zu dick war für seine Hände, und schon gar nicht auf dem morschen, glitschig feuchten Holz des stillgelegten Bootsstegs im Schilf, den er sich als geheimen Übungsplatz ausgesucht hatte. Und so hatte sich das Schwert bei der letzten Drehung selbst aus seinem Griff gehebelt und war mit einem unbeteiligten Platschen einfach versunken. Taro fiel auf die Knie und umklammerte mit beiden Händen die Überreste der morschen Planke, unter der es verschwunden war. Was sollte er nur tun?

Das Wasser zitterte. Kleine Blasen stiegen an die Oberfläche und durchbrachen Taros wackelndes, verschwommenes Spiegelbild, als wolle der See ihn für seine Einfältigkeit auslachen. Als starre sein eigenes, zuvor noch so stolzes Gesicht, von den kleinen Wellen zu einer jämmerlichen Grimasse verzerrt, höhnisch zurück zu ihm herauf.

Doch erst als eine grüne Hand platschend durch die Wasseroberfläche brach und sich dicht neben seiner an das glitschige Holz des Steges klammerte; als ein wuchtiger Kopf mit strähnigem algenbraunem Haar und glotzenden Augen folgte und Taro prustend eine Fontäne schlammigen Wassers entgegensprühte, begriff er, dass es gar nicht sein Gesicht war. Mit einem überraschten Keuchen wich Taro zurück und fiel sehr unelegant auf sein Hinterteil.

Das Wesen starrte derweil aus blutunterlaufenen Triefaugen zu ihm hoch, die grünen Finger mit den Schwimmhäuten noch immer um die zersplitterte Planke geschlossen. »Heda, Menschenjunge. Was machst du denn für einen Lärm?«

Ein Kappa! Taro starrte den Froschmann an. Sein Atem beruhigte sich nur langsam. Jedes Kind kannte die Geschichten über diese Wassergeister, die in Seen und Flüssen lebten und jene, die sich beim Schwimmen zu weit hinauswagten, mit sich in die Tiefe rissen. Oder die ganze Dörfer ausrotteten, indem sie aus den drei Löchern an ihrem Hinterteil unfassbar stinkende Gase entweichen ließen. Taro hatte noch nie einen Kappa gesehen und wusste nicht, wie viel von diesen Geschichten der Wahrheit entsprach, aber mit einem hatten sie in jedem Fall recht: Dieser Kappa stank zum Himmel. Nach verwesendem Seetang und faulen Eiern. Nach schimmelndem Buchweizen, der bei der Lagerung feucht geworden war.

Das Wesen schwang sich mit einer seltsam grotesken Eleganz aus dem Wasser, blieb dem Jungen gegenüber auf der anderen Seite des Lochs im Steg hocken und glotzte Taro misstrauisch an. »Was heulst du so, he?« Seine Stimme war ein schleimiges Blubbern tief aus seinem Rachen. Selbst das stank. Nach altem Fisch.

»Ich hab etwas verloren«, murmelte Taro beschämt und drehte sich halb zur Seite, ohne sich ganz dazu bringen zu können, den Blick von dem Froschwesen zu lösen.

Der Kappa musterte ihn, das unförmige Gesicht in skeptische Falten gelegt. »Verloren, wie? Was könnte das sein? Und was würdest du wohl tun, um es wiederzubekommen?«

Seine Augen waren erstaunlich klar und fast schon menschlich, wenn man sich die blutigen Tränensäcke wegdachte. Aber sein Blick, listig funkelnd und geradezu heimtückisch, jagte Taro einen Schauer über den Rücken. »Was meinst du damit?«

Der Kappa richtete sich ein Stück auf. »Ich meine, dummes Menschenkind, dass du meine Hilfe brauchen kannst mit dem, was du verloren hast. Oder willst du reinspringen ins Wasser und es selbst suchen? Wir Kappa kennen die Strömung, die alles hinauszieht in die Tiefen des Sees. Wir kennen den Grund und die Seegrashöhlen. Was auch immer du verloren hast – ich kann dir helfen, es wiederzufinden.«

»Ehrlich?!« Im ersten Moment wäre Taro am liebsten jubelnd aufgesprungen vor Erleichterung. Aber die Freude verging ihm rasch. Das war ein Kappa! Ein Wasserkobold, der Menschen ertränkte! »Warum solltest du das tun?«, fragte er misstrauisch. »Was willst du dafür von mir?«

Der Kappa grinste verschlagen. »Nicht viel, gar nicht viel. Du musst mich nur im Armdrücken besiegen, dann helfe ich dir.«

Taro dachte angestrengt nach. Davon handelten die Geschichten auch: Dass Kappa, wenn man ihnen begegnete, die Menschen gern zu einem Wettstreit herausforderten, also sagte dieser Frosch vielleicht die Wahrheit. Trotzdem musste er wachsam bleiben. Er war ja nicht dumm. »Und wenn ich verliere?«

Das Grinsen des Kappa wurde breiter und entblößte zwei Reihen winziger, nadelspitzer Zähne. »Dann sagst du mir, was du verloren hast, und ich darf es behalten.«

Taro musterte den Kappa von oben bis unten. Er sah schmächtig aus mit seinen mageren Ärmchen und der dürren Brust, über der die ledrig grüne Haut faltig herunterhing, als hätte der Kappa sie wie ein nachlässig angezogenes Kleidungsstück übergeworfen. Taros eigene Arme waren nicht viel weniger dünn, aber er war stärker, als er aussah, und er war deshalb selbst schon ziemlich oft im Kampf unterschätzt worden. Schwer zu sagen also, wie stark dieser Kappa wirklich war. Viel mehr Sorgen machten Taro allerdings seine listigen Augen. Er würde bestimmt nicht ehrenhaft kämpfen – was Taro grundsätzlich nicht viel ausmachte. Ehre war ein Ideal für einfältige Samurai. Die Shinobi von Aoyama-gō hatten klügere Werte. Aber es bedeutete, dass Taro noch listiger sein musste.

Er holte tief Luft. »Einverstanden.«

Der Kappa blinzelte ihn schlau an. »Fabelhaft. Also komm rüber und lass uns anfangen!« Damit tauchte er die Hände durch das Loch im Steg und schüttete sich aus der Handschale eine beachtliche Ladung Wasser über den Kopf. Fasziniert beobachtete Taro, wie es von den Algenhaaren abperlte und sich in einer Mulde oben auf dem Kopf des Kappa zu einer funkelnden Pfütze sammelte, die leicht hin und her schwappte, als der Froschmann zum Ende des Stegs hüpfte, wo er sich flach auf den Bauch legte und seinen Arm in Position brachte.

Entschlossen machte Taro einen großen Schritt über das Loch im Steg hinweg und legte sich dem Kappa gegenüber. Es kostete ihn ein wenig Überwindung, nach der grünen Hand zu greifen, die glitschig aussah und kalt – und sich auch genauso anfühlte, als er es schließlich doch tat. Aber Taro ließ sich sein Unbehagen nicht anmerken und packte stattdessen noch etwas fester zu.

»Bereit?« Der Kappa lächelte siegessicher.

Taro nickte grimmig. »Bereit.«

Sie begannen zu drücken. Doch Taro musste schnell einsehen, dass der Kappa, ganz wie befürchtet, längst nicht so schwach war, wie er aussah. Das Wasser in seiner Kopfmulde funkelte, und wo ein Tropfen über den Rand kullerte, schien er sich zu vertausendfachen und strömte über die Arme des Kappa wie Sturzbäche von kaltem Schweiß, sodass Taro kaum Halt an den glitschigen Fingern fand. Und so dauerte es auch gar nicht lange, da hatte der Froschmann seine Hand schon ein gutes Stück in Richtung der Planken gedrückt. Taro schnaufte und schwitzte und versuchte vergeblich, seinen Griff zu festigen. Das Wasser … es musste mit irgendeinem Kappa-Zauber belegt sein! Wenn es so weiterging, würde er verlieren!

Da kam ihm eine Idee. Eine kühne oder vielleicht sogar aberwitzige Idee. Aber er musste es wenigstens versuchen.

»Halt!«, keuchte er. »Wir müssen noch einmal von vorn anfangen!«

Der Kappa lachte ein gurgelndes Lachen und drückte Taros Hand noch ein Stück weiter herunter. »Ha! Du willst mich wohl austricksen!«

»Nein!« Taro biss die Zähne zusammen und versuchte verzweifelt gegenzuhalten, während er log, so überzeugend er nur konnte. »Aber ein Wettstreit ist ohne Ehre, wenn sich die Kämpfenden nicht formell begrüßt haben. Ich bitte dich! Ich bin Samurai. Wenn du mich jetzt besiegst, wo wir uns nicht einmal den Regeln gemäß begrüßt haben, verliere ich mein Gesicht.«

Der Kappa ließ nicht sofort in seinem Druck nach. Doch Taro sah das Zögern, das in seinen Augen aufblitzte. »Ich habe viele Samurai kennengelernt«, sagte er. »Aber davon habe ich noch nie gehört.«

Taro zog eine Grimasse. Seine Hand war nur noch wenige Fingerbreit vom Holz des Steges entfernt. »Vielleicht, weil sie dich nicht respektiert haben«, brachte er hervor. »Ich aber respektiere dich, wie ich jeden Krieger respektieren würde.«

Der Griff des Kappa lockerte sich ein winziges bisschen. Und in seinem Blick meinte Taro nun zu sehen, dass er sich von seinen Worten geschmeichelt fühlte. Ausgerechnet Respekt brachten ihm bestimmt nicht viele Menschen entgegen.

»Also schön«, quakte der Froschmann schließlich und ließ Taros Hand los, richtete sich ein Stück auf und beäugte ihn misstrauisch. »Zeig mir, wie ihr Samurai euch begrüßt.«

Taro nickte hastig, während er sich noch bemühte, wieder zu Atem zu kommen und zugleich ein wenig Zeit zu schinden. Er wusste doch selbst nicht genau, wie die Regeln der Samurai waren. Aber er hatte genug Geschichten über sie gehört, um sich selbst eine ausdenken zu können. Wenigstens eine kleine.

»Wir sitzen im seiza.« Er zog die Knie unter den Körper, hielt sich sehr gerade und legte die Hände auf die Oberschenkel. So wartete er, bis der Kappa es ihm gleichgetan hatte. »Und dann verbeugen wir uns.« Er verneigte sich tief, bis seine Nase beinahe das feuchte Holz des Steges berührte. Dabei ließ er den Kappa nicht einen Moment aus den Augen. Auch der Froschmann verneigte sich nun. Tiefer. Noch tiefer. Bis das Wasser aus seiner Kopfmulde über seine Stirn auf den Steg tropfte. Immer mehr und mehr, bis der Tümpel beinahe leer war, doch er schien es gar nicht zu bemerken, so konzentriert auf die Begrüßung war er.

Taro jubelte innerlich. Es hat funktioniert!

»Ich danke dir«, sagte er schnell. »Dann lass uns jetzt anfangen. Keine Verzögerungen mehr, ich verspreche es!« Rasch legte er sich wieder auf den Bauch, in der Hoffnung, dass der Kappa keine Gelegenheit bekäme, über den Verlust seines kleinen Kopfteiches nachzudenken, und schon gar nicht daran, sich einen neuen anzulegen, bevor sie in ihrem Wettstreit fortfuhren. Der Kappa schoss ihm einen funkelnden Blick zu, und wieder dachte Taro, dass diese klaren Augen gar nicht zu dieser schrumpelig-faltigen, grünschleimigen Gestalt passen wollten.

»Mit Vergnügen«, sagte der Kappa und packte Taros Hand erneut.

Taro bemerkte den Unterschied sofort. Es war, als wäre der Film auf der Haut des Kappa ein wenig rau, fast krümelig geworden. Diesmal würde er zumindest nicht abrutschen, da war er sich sicher.

»Fertig? Los!«

Der Kappa war immer noch sehr stark. Vielleicht zu stark. Darüber hatte Taro sich von Anfang an keine falschen Hoffnungen gemacht. Eine schiere Ewigkeit, so fühlte es sich an, stand Kraft gegen Kraft, und ihre ineinander verschränkten Hände bewegten sich weder in die eine noch in die andere Richtung. Taro spürte, wie seine Muskeln zu zittern begannen.

Doch als sei es eine Fügung zu seinen Gunsten, sank nach und nach die Sonne immer tiefer in das Schilfgras, das den Steg umschloss, und blinzelte zwischen den Halmen hindurch, als wolle sie ebenfalls den Ausgang dieses ungleichen Wettstreits miterleben. Als die Strahlen die inzwischen fast völlig trockene Haut des Kappa trafen, stöhnte er leise auf, als hätte er Schmerzen, und für einen winzigen Moment ließ er in seinem Druck gegen Taros Hand nach, die ihrerseits mittlerweile unangenehm glitschig vor Schweiß war. Es war nur ein Augenblick, nicht länger als ein Blinzeln, doch Taro biss die Zähne zusammen und bündelte mit einem zischenden Laut alle Kraft, die ihm noch geblieben war. Dumpf schlug der Handrücken des Kappa auf dem Steg auf.

»Gewonnen!« Weit hallte Taros Jubelschrei über den abendlich stillen See.

Der Kappa starrte ihn aus seinen blutunterlaufenen Augen an. Sein Gesicht war starr, geradezu blank. Dann richtete er den Blick auf seine Hand. Und schließlich sah er wieder hinauf zu Taro, der auf die Füße gesprungen war in seiner Begeisterung. »Ja, es stimmt«, sagte er endlich langsam, als könne er es selbst noch nicht glauben. »Du hast gewonnen.«

»Dann holst du mir jetzt, was ich verloren habe!«, triumphierte Taro.

Der Kappa verzog das Gesicht, sodass es sich in noch unmöglichere Falten legte als zuvor. »Wer hat gesagt, ich würde es dir holen? Hol es dir gefälligst selbst!«

Taro riss die Augen auf. Er hatte es doch gewusst! Dieser glitschige Frosch versuchte ihn reinzulegen! »Was sagst du da? Wie soll ich das machen? Ich kann unmöglich so tief tauchen!«

Der Kappa lachte auf, es klang geradezu bösartig. »Keine Angst, Menschenkind. Ich habe versprochen, ich würde dir helfen. Und ich helfe dir auch. Komm mit.« Schon war der Kappa an ihm vorbeigehüpft in Richtung Ufer.

»He!« Taro sprang ebenfalls über das Loch im Steg und setzte ihm nach, ehe er im mehr als mannshohen Schilfgras verschwinden konnte. »Warte!«

Aber der Kappa wartete nicht. Taro rannte ihm hinterher, so schnell ihn seine Beine trugen. Dieser verräterische Frosch! Er würde ihn auf keinen Fall entkommen lassen.

Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Nur der Vollmond stand klar und hell am Himmel. Der Sommernachtwind sang leise in den Schilfhalmen, als Taro sich hinter dem in unfassbarer Geschwindigkeit vorauseilenden Froschmann durch das Seegewächs schlug. Erst als es nur noch wenige Schritte sein konnten, bevor sie erneut auf das Seeufer stoßen mussten, blieb der Kappa so plötzlich stehen, dass Taro beinahe in ihn hineingelaufen wäre, und drehte sich zu dem Jungen um, um den Finger auf die Lippen zu legen.

Schnaufend blieb Taro stehen. Er hätte ohnehin nicht sprechen können vor lauter Atemnot, also nickte er bloß. Da winkte der Kappa ihn noch näher zu sich heran, dass Taro schon schwindelig wurde von dem durchdringend fauligen Fischgeruch, und deutete zwischen den Schilfhalmen hindurch in eine winzige Bucht.

Taro beugte sich ein wenig vor und spähte durch die monddurchwirkte Dunkelheit, bis seine Augen tränten. In der Bucht, fast vollständig verborgen zwischen einigen großen Felsen nahe dem Ufersaum, lag eine Gestalt im schimmernden Mondlicht und schlief. Es war eine Frau von kleiner, fast graziler Statur, mit schlanken Gliedern, einem schmalknochigen Gesicht und einem lang geschwungenen Wimpernkranz über hohen, scharfen Wangenknochen, der außergewöhnlich schöne, ausdrucksstarke Augen versprach. Selbst im Schlaf wirkte sie anmutig, und sogar ihr Atem, der die muskulöse Brust in gleichmäßigen Zügen wölbte, sprach von Kraft und Eleganz. Aber was Taro vor allem anderen den Mund offen stehen ließ, war das faltige Päckchen, das sorgsam zusammengelegt und verschnürt bei den Füßen der Frau lag. Taro erkannte es fast sofort, weil er dieselbe Textur so unfreiwillig lange und fasziniert bei seinem Wettstreit gegen den Froschmann angestarrt hatte, der gerade neben ihm hockte – nur dass sie in seinem Fall noch an seinem Körper hing.

War diese Frau also … eine Kappa-Frau? Sahen Kappa so unter ihrer Haut aus?

»Nimm sie mit«, hörte er in diesem Moment die Stimme des Kappa dicht an seinem Ohr wispern. »Wenn du ihre Haut anziehst, kannst du unter Wasser schwimmen und atmen.«

Taro drehte sich ruckartig um und starrte in sein triefäugiges, fischstinkendes Gesicht. Was sollte er tun? Eine Kappa-Haut stehlen und sie anziehen?

»Jetzt nimm sie schon«, zischte der Kappa ungeduldig und stieß ihn so heftig an, dass Taro mit einem erstickten Laut aus der Deckung des Schilfgrases herausstolperte. »Bevor sie aufwacht!«

Taro stand da wie angewurzelt. Mit angehaltenem Atem starrte er auf die schlafende Kappa-Frau, als könne selbst der leiseste Luftzug sie wecken.

Doch die Kappa rührte sich nicht.

Ihm blieb keine Wahl, dachte Taro verzweifelt. Er musste Yaes Schwert wiederbekommen. Die Hilfe des Kappa war die einzige Hoffnung, die ihm blieb. Um das Schwert zu finden, musste er in den See hinab, und dorthin würde er nicht gelangen, ohne die Haut der Kappa-Frau anzuziehen. Er konnte sie ja danach zurückgeben, versuchte er sich zu beruhigen, genau wie das Schwert. Was ihm bloß nicht in den Kopf wollte, war, warum der Froschmann so versessen darauf war, dass er mit ihm ging, statt einfach selbst nach dem Schwert zu tauchen und seine Schulden so schnell wie möglich einzulösen. Irgendetwas stimmte da nicht.

Aber weil er ja wirklich keine Wahl hatte, beschloss Taro kurzerhand, nicht länger darüber zu grübeln, sondern zu handeln. Entschlossen machte er ein paar Schritte nach vorn, ergriff das glitschige Haut-Päckchen mit beiden Händen und hastete zurück ins schützende Schilf. Kaum dort, packte der Kappa ihn auch schon am Handgelenk und zerrte ihn erneut mit sich, und wieder rannten sie durchs Schilf, immer weiter, ohne anzuhalten, bis sie endlich den alten Steg mit der zerborstenen Planke erreichten und sich keuchend auf die klammen Planken sinken ließen.

»Also jetzt erklär mir das noch einmal«, japste Taro, als er wenigstens halbwegs wieder zu Atem gekommen war. »Ich kann mit dieser Haut unter Wasser atmen? Heißt das, diese Frau kann das jetzt nicht mehr? Warum hat sie sie dann ausgezogen?« Noch immer umklammerten seine Finger das schlabbrige Hautpäckchen, als wollten sie es nie wieder loslassen. Er konnte noch gar nicht glauben, dass er es wirklich getan hatte. Eine Haut gestohlen, um sie sich selbst anzuziehen! Eine stinkende Kappa-Haut noch dazu!

»Unser Volk lebt im Wasser, aber wir schlafen an Land«, erklärte der Kappa, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. »Unbequeme Häute legt man ab, wenn man schläft. Macht ihr Menschen das nicht so? Sonst fühlt man sich ja danach steif wie ein Stück Treibholz.«

Taro starrte ihn ungläubig an. Das stimmte natürlich in gewisser Weise. Aber eine Haut war doch kein Kleidungsstück!

Der Kappa starrte triefäugig zurück. »Wir müssen allerdings nicht sehr oft schlafen. Nur zweimal im Jahr. Du hattest echtes Glück, Menschenjunge. Also was nun? Ziehst du sie an oder nicht?«

Taro sah wieder hinunter auf die Haut in seiner Hand. Sie war glitschig. Schleimig und feucht, aber eigentümlich warm. Und sie stank. Sie stank abscheulich. Aber er musste stark sein! Er musste das Schwert zurückholen, und zwar noch heute Nacht. »Ja«, sagte er und stemmte sich auf etwas zittrige Beine. »Ich ziehe sie an.«

Erneut zeigten sich die Nadelzähne des Kappa, als er grinste. »Fabelhaft.«

Taro bemühte sich, möglichst flach zu atmen, während er das Päckchen auseinanderfaltete und vorsichtig ein Bein nach dem anderen in den schwabbeligen Hautsack hineinschob, und dann auch noch die Arme. Augenblicklich spürte er, wie das weiche, warme Innere sich an seine eigene Haut schmiegte, sich dort mit leisem Schmatzen ansaugte wie ein übergroßer Blutegel, und die Yakisoba vom Abendessen drohten in einem dicken Klumpen seine Kehle wieder hinaufzurutschen.

Aber der Kappa ließ ihm nun keine Gelegenheit mehr, seine Meinung zu ändern. Schon packte er das obere Ende der Haut und stülpte es über Taros Kopf wie das sehr weiche Kopfteil einer Fechtmaske. Taro schnappte nach Luft, doch es drang nur Gestank in seinen Mund, und weiches, glibbriges Gewebe heftete sich an seine Lippen und Wangen. Nun übergab er sich wirklich. Japsend vornübergebeugt erbrach er sein Abendessen ins Schilfgras, und jedes Mal, wenn sein Blick auf die blaugrünen Hände mit den Schwimmhäuten fiel, setzte der Würgereiz von Neuem ein. Hinter sich hörte er den Kappa stöhnen und etwas murmeln, das weder freundlich noch geduldig klang.

Im nächsten Augenblick traf ihn ein kräftiger Stoß von hinten in den Rücken und er stürzte. Kopfüber ins eiskalte Wasser hinein.

Für einen Moment wusste Taro nicht, wo oben oder unten war. Das Wasser umfing und ergriff ihn, und er spürte, wie die Hände, die ihn zuvor gestoßen hatten, ihn nun hinabdrückten, immer weiter, bis die Unterströmung ihn erfasste und mit sich zerrte, hinaus in die Tiefen des Sees. Für schreckliche Augenblicke ergriff Taro Panik. Der Frosch hatte ihn überlistet! Er würde ihn ertränken!

»Augen auf!«, hörte er da eine gurgelnde Stimme neben seinem Ohr, die gar nicht mehr schleimig klang, sondern tief und schwingend. Taro riss die Augen auf. Und er sah.

Er sah den Seegrund mit seinem wogenden Teppich brauner Algen, der gen Norden steil und steiler abfiel, er sah Fische, schillernd im Mondlicht, das in gebrochenen Strahlen durch die Oberfläche hinabdrang und das Wasser mit silbrig weißem Schimmer erhellte. Große Seerosenblätter trieben weit über ihm vorüber und warfen ihre Schatten wie langsam ziehende Wolken auf die Berghänge von Taros Heimat an Land, und selbst von hier unten konnte er die zarten Erschütterungen sehen, wenn die Wasserläufer über die nächtlich spiegelglatte Oberfläche huschten. Taro musste ein bisschen lachen. Vor Verblüffung, vor Staunen, vor Bewunderung für diese fremde, verborgene Schönheit, die er niemals unter der Oberfläche seines so vertrauten Sees vermutet hätte. Und in diesem Moment, als sich die Atemsäcke unter den Backen seiner neuen Haut beim Lachen blähten, wurde ihm bewusst, dass es tatsächlich funktionierte. Er konnte schwimmen. Er konnte atmen, so mühelos, als wenn er oben an Land in der lauen Sommernachtsluft herumliefe.

Eine kräftige Faust knuffte ihn in die Rippen. »Was hängst du hier rum und gaffst, Junge? Schwimm weiter!«

Taro wandte sich zu dem Kappa um. »Da unten ist der Schatz, den ich verloren habe?«

Der Kappa musterte ihn mit einem seltsamen Blick und wies hinab zum tiefsten Punkt der Senke. »Die Strömung trägt alles dorthin. Spürst du es nicht?«

Und tatsächlich bemerkte Taro, dass er, auch ganz ohne selbst etwas dazu zu tun, immer weiter hinabtrieb, langsam, aber stetig. Es war keine starke Strömung, und in der gestohlenen Kappa-Haut hätte er ohne Weiteres dagegen anschwimmen können, wenn er gewollt hätte. Aber wenn der Strom ihn nach dort unten trug, dann hatte er vielleicht auch das Schwert dorthin getragen, ganz wie der Kappa sagte.

Taro nickte entschlossen. »Ich spüre es. Lass uns hinschwimmen.«

Mit kräftigen Stößen schwammen sie weiter, immer dem Weg der Strömung folgend, bis sie schließlich den Grund des Sees erreichten. Ein buckliger Hügel aus Fels, Schlamm und Kieseln erhob sich dort, beinahe unsichtbar unter den sich sanft wiegenden Algenfäden, die darauf wuchsen. Kleine Fischschwärme schwammen durch eine geduckte Öffnung hinein und auf der anderen Seite durch einige scheinbar sehr viel kleinere Löcher wieder heraus.

»Das ist die Grotte der stetigen Strömung«, erklärte der Kappa. »Auf seinem Weg nach Norden, hin zum großen Fluss, fließt das Wasser unablässig hindurch. Sie ist wie ein Fischernetz, das verlorene Schätze aus dem Strom fischt.« Er lächelte sein verschlagenes Lächeln. »Schwimm ruhig hinein. Was immer du suchst – das Glück könnte an diesem Ort auf deiner Seite sein.«

Taro beäugte den Kappa misstrauisch. Sein Lächeln gefiel ihm nicht. Trotzdem entschied er sich, dem Rat zu folgen. Die Strömung trieb ihn ja wirklich genau auf die Grotte zu. Und was sprach dagegen, dort drin nach dem Schwert zu suchen? Irgendwo musste er ja anfangen. Mit einer kräftigen Bewegung seiner Arme und Beine glitt er durch den engen Eingang in die Grotte hinein.

Er hatte die Öffnung kaum passiert, als ihm klar wurde, dass etwas nicht stimmte. Der Kappa hatte von einer Grotte gesprochen, die wie ein Fischernetz die angespülten Schätze fing. Doch was Taro sah, als er einen ersten Blick umherwarf, wirkte überhaupt nicht wie eine Schatzhöhle. Vielmehr wie … ein kleines Haus. Verschiedene Gegenstände, deren Nutzen Taro nicht auf den ersten Blick erkennen konnte, waren auf Boden und Wänden verteilt, nach einem Muster, das keineswegs willkürlich wirkte – eher wie ein äußerst ungewöhnlich eingerichtetes Zimmer, mit Flechtnetzen aus Algen an den Wänden, weichen Seegrasnestern und allerlei dekorativen Teilen aus Steinchen und blank poliertem Holz hier und da. Taro hielt inne, trieb schwebend in der Mitte des Raums und sah sich staunend und zugleich ein wenig ratlos um. »Bist du sicher …?«, begann er – doch in diesem Moment hörte er ein Geräusch, das ihm sämtliche Haare an Kopf und Körper zu Berge stehen ließ: Er hörte, wie sich ein großer Stein vor den Eingang schob. Und auch ohne sich umzuwenden, wusste Taro sofort, dass das nicht von innen geschah; sondern dass der Kappa, der ihn hergelockt hatte, den Felsen, der in Wahrheit eine Tür war, von draußen in seine perfekt angepasste Fassung aus undurchdringlichem Algengeflecht drückte – und dass das hässliche Schaben, das auf der anderen Seite ertönte, das Geräusch eines vorgeschobenen Riegels war. Taro schoss zur Tür hinüber und drückte mit aller Kraft dagegen … Nichts.

»Oi! Froschmann!«, brüllte er. »Lass mich raus!«

Immer noch nichts. Nicht ein Laut. Bis im nächsten Moment der Kopf des Kappa in einer der winzigen Öffnungen auf der anderen Seite der Hütte erschien und einen beachtlichen Teil des matten Lichtes aussperrte, das noch von draußen hereindrang. »Nimm’s nicht persönlich, Menschenjunge«, sagte er. »Aber ich kann auf keinen Fall zulassen, dass diese Frau, der deine neue Haut gehört, hierher zurückkehrt. Deshalb wirst du leider hierbleiben müssen, bis sie oben am Ufer vertrocknet ist.«

Taro starrte ihn entsetzt an. »Was!? Aber … wieso?«

Das Gesicht des Kappa verzerrte sich in hässlicher Wut und er stieß ein blubberndes Zischen aus. »Weil sie einfach nicht aufhört, auf ihrer Flöte zu spielen!« Er fuchtelte wild mit den Armen und zerrte an den Algenhaaren, dass die schlabbrige Haut über seinem Gesicht Falten schlug und ihn noch wilder und bösartiger aussehen ließ. »Tag und Nacht, Nacht und Tag, seit der Zeit der Kirschblüten geht das schon so! Bis ans andere Ende des Sees bin ich gezogen, um ihr zu entkommen, aber es hilft nichts, durch das Wasser höre ich jeden Ton, es ist einfach nicht zu ertragen! Ich habe es im Guten versucht, oh ja, habe sie gebeten, damit aufzuhören, und seither spielt sie nur noch mehr und nur noch lauter. Aber damit ist jetzt Schluss! Schluss, sage ich! Ich habe eine Ewigkeit darauf gewartet, dass dieses Salamanderweib endlich zum Schlafen an Land geht, und ich werde nicht zulassen, dass sie zurückkommt!«

Taro konnte es kaum glauben. Darum ging es hier? Um eine Flöte? Seine Kehle wurde eng, als ihm etwas dämmerte. »Dann war das die ganze Zeit dein Plan? Du wolltest mich hier einsperren? Hast du also absichtlich gegen mich verloren?«

»Und ob ich das habe!« Der Kappa grinste sein wildes Grinsen. »Jetzt wird sie mir büßen, dass sie für all meine Klagen taub war!«

»Aber ich verstehe das nicht! Warum hast du ihr nicht selbst die Haut gestohlen, wenn du es schon tun musstest? Was habe ich damit zu tun? Bitte, lass mich gehen!«

»Ganz einfach.« Der Kappa funkelte ihn listig an. »Eine leere Kappa-Haut lebt und atmet und wird stets den Weg zu ihrem Kappa zurück suchen. Solange du aber darin steckst, wird das nicht passieren. Die Haut wird schön mit dir zusammen hier unten bleiben, und du wirst ja wohl nicht dumm genug sein, sie am Grund des Sees einfach auszuziehen, nicht wahr?« Er lachte glucksend. »Keine Sorge, ich werde dich füttern und umsorgen, bis ich dich wieder herauslassen kann – nämlich wenn diese Pest endlich Geschichte ist!« Der Kappa sang nun fast, seine Augen leuchteten.

»Nein!«, rief Taro heftig. »Ich werde dir nicht helfen, eine unschuldige Frau zu töten, die nichts Schlimmeres verbrochen hat, als Musik zu machen!«

Der Kappa lachte höhnisch auf. »Natürlich wirst du das nicht. Du hast es nämlich schon getan. Und du wirst mich jetzt auch nicht mehr daran hindern. Bis später, Menschenkind.« Damit verschwand er von dem winzigen Fenster und ließ Taro allein.

»He! Warte!« Taro paddelte hastig zum Fenster und sah den Froschmann eben noch in einem Dickicht aus Wasserpflanzen verschwinden, das hinter der Hütte wuchs wie ein kleiner Wald. »WARTE!«

Aber seine Menschenstimme verklang schnell im Wasser und der Kappa hörte ihn nicht – oder wollte ihn wohl auch einfach nicht hören. Taro starrte verzweifelt den Luftblasen hinterher, die aus seinem Mund entwichen und zu der plötzlich so unerreichbar fern scheinenden Wasseroberfläche hinauftrieben. Was sollte er nur tun? Er musste hier irgendwie rauskommen! Aber die Fensteröffnung war zu klein, die Tür fest verschlossen, und die Algenwände so viel unnachgiebiger, als sie auf den ersten Blick aussahen. Rastlos schwamm Taro hinüber zum nächsten Fenster, das in eine Art winzigen Garten aus Seegras und Sternpflanzen blickte. Auch dieses war viel zu klein, als dass er sich hätte hindurchzwängen können. Wie zum Hohn schwammen ein paar Fische an ihm vorbei in die Hütte, drehten eine kleine Runde und schwammen wieder hinaus. Taro hätte weinen mögen.

In diesem Moment jedoch geschah ein kleines Wunder. Als Taro den Fischen mit dem Blick folgte, wie sie ruhig und glitzernd im Unterwassergarten ihre Kreise zogen, sah er plötzlich im Seegras unter dem Fenster etwas funkeln. Ein verirrter Strahl gebrochenen Mondlichtes fing sich im blanken Metall einer … Schwertklinge?

Taro schnappte nach Luft. Yaes Schwert! War das möglich? Konnte das wirklich wahr sein? Konnte seine Rettung wirklich, wie der Kappa gesagt und doch eigentlich gelogen hatte, von der Strömung bis hierher und in Reichweite seines Armes getrieben worden sein? Oder zumindest beinahe in Reichweite. Denn sosehr Taro sich auch streckte und sich gegen die Algenwand presste, um den Arm noch ein Stück weiter durch das kleine Fenster zu schieben, er schaffte es nur gerade eben, den Schwertgriff mit seinen Fingern zu streifen. Ein Werkzeug. Er brauchte ein Werkzeug!

Sein Blick fiel auf die Seegrasnester, die das Kappa-Haus dekorierten. Und wenn er sich eine Schlinge aus Gras knüpfte und sie an einen der dekorativen Stöcke band?

Entschlossen machte sich Taro an die Arbeit. Es brauchte eine ganze Weile, bis er mit den Schwimmhaut-Fingern und in der ungewohnten Schwerelosigkeit des Wassers eine Art Angel zusammengebastelt hatte. Und noch länger dauerte es, bis er es tatsächlich schaffte, die Schlinge aus dem Fensterloch heraus und um den Schwertgriff zu manövrieren. Selbst unter Wasser schwitzte er inzwischen wie nach einem Tagwerk bei der Buchweizenernte. Wenn es ihm nun wieder abrutschte, wenn es weiter davontrieb, wenn …

Doch dann, endlich, schlossen sich seine Finger um den Schwertgriff, und er zog die Klinge vorsichtig durch das Fenster zu sich herein. Er hatte das Gefühl, noch nie in seinem kurzen Leben so erleichtert gewesen zu sein, obwohl er gar nicht wusste, wie genau ihm die Klinge helfen konnte. Es fühlte sich einfach unbeschreiblich gut an, sie wiedergefunden zu haben.

In diesem Augenblick hörte er vor dem anderen Fenster jemanden ein zufriedenes Liedchen pfeifen, das sich rasch näherte. Ein schneller Blick verriet Taro: Der Kappa kam zurück! Er trug eine Schale mit etwas, das seltsam schleimig und tentakelig aussah. Taro verbarg das Schwert hastig hinter einem der Seegrasbüschel. Er wusste es besser, als den Kappa offen mit der Waffe zu konfrontieren. Der Froschmann war hier im Wasser zu Hause. Er selbst war trotz seiner neuen Haut immer noch ein Mensch, der im fremden Element höchstens unbeholfen herumpaddeln konnte. Hier unten würde er den Kopfteich des Kappa nicht durch eine List leeren können, und kein Sonnenstrahl würde ihm zu Hilfe kommen. Er musste ihn also auf andere Art bezwingen, auch wenn er noch nicht wusste wie. Also hockte sich Taro auf das Seegrasbüschel, hinter dem er das Schwert versteckt hatte, und wartete, dass die Tür sich endlich öffnete.

Der Kappa kam sehr vorsichtig herein, als erwartete er, dass Taro hinter der Schwelle auf ihn lauern würde, um ihm einen Stein über den Kopf zu ziehen. Als er allerdings sah, dass der Junge nur scheinbar verzweifelt in einer Ecke hockte, breitete sich ein selbstgefälliges Lächeln auf seinem Gesicht aus. »So. Hast du verstanden, dass du nicht entkommen kannst? Gut für dich. Sieh her. Ich bringe dir Essen – ich halte meine Versprechen!«

Aber Taro hatte keinen Appetit, auch wenn sein leerer Magen sich bereits vor Hunger verknotete. Wie lange war er bloß schon hier unten? Dem Licht nach zu urteilen, war der neue Tag noch nicht angebrochen, aber lange konnte es nicht mehr dauern. Das nachtblaue Wasser begann bereits langsam seine Farbe zu verändern. Er musste unbedingt bald nach Hause. Wenn er nur irgendwie an dem Kappa vorbeikäme!

In diesem Moment erklang, wie zur Antwort auf seine Gedanken, ein lang gezogener, durchdringender und dabei leicht blubbernder Ton. Er kam von weit her, von oben herab, gefolgt von einigen weiteren, spielerisch hüpfenden und zugleich klagenden Klängen, die sich rasch durch den ganzen See verbreiteten und das Wasser ringsumher vibrieren ließen. Der Kappa erstarrte. Und auch ohne dass er die Musik zuvor je vernommen hätte, wusste Taro augenblicklich, was er da hörte. Die Kappa-Frau ließ sich durch ihr unfreiwilliges Landexil nicht davon abhalten, ihr Morgenlied zu spielen. Vielleicht weniger als je zuvor.

»Das ist doch nicht zu fassen!«, zischte der Kappa und schwamm halb aus der Tür hinaus, um hinauf zur Oberfläche zu starren. »Dieses Fischweib! Das tut sie nicht!«

Es war seine Chance. Taro hatte kaum Zeit, seine eigenen Gedanken zu hören, ehe er handelte. Entschlossen packte er das Schwert mit beiden Händen und riss es aus seinem Versteck im Seegras. Dann schoss er auf den Kappa zu, der zu spät bemerkte, wie ihm geschah, und zog die Klinge von unten nach oben über den Froschkörper. In der trägen Schwerelosigkeit des Wassers schien jede Bewegung wie in Zeitlupe abzulaufen. Das Schwert nahm kaum an Geschwindigkeit auf, und als es auf die zähe, faltige Haut traf, glaubte Taro für einen Augenblick, es würde sich einfach darin verfangen und stecken bleiben, um ihm zum zweiten Mal an diesem Tag aus den Fingern zu gleiten.

Aber nicht diesmal. Diesmal schloss Taro die Hände fest um den Griff, einen Finger nach dem anderen, wie Mina-sensei es ihm schon so oft verzweifelt zu erklären versucht hatte. Das Te-no-uchi – dieses eine, entscheidende Mal gelang es ihm. Und die Haut des Kappa riss.

Als müsse die Zeit die zuvor verlorenen Momente wieder aufholen, ging nun alles sehr schnell. Der Froschmann brüllte auf, vielleicht vor Schmerz, vielleicht vor Schreck. Dunkles Blut, fast schwarz im nachtfarbenen Wasser, blühte in schleierartigen Blumen auf und nahm Taro die Sicht. Er spürte mehr als er sah, wie der Kappa zu fliehen versuchte, und mehr aus Reflex denn aus einer klaren Absicht heraus ließ Taro das Schwert fallen, um seinen Feind zu packen. Seine Froschfinger sanken tief in die weiche Haut ein und saugten sich schmatzend daran fest. Und als der Kappa sich mit einem Fauchen zu ihm umdrehte, um sich zu befreien, da glitt die Haut mit einem lauten Schlürfen von seinem Körper, und eine sehnige, muskelbepackte und doch zugleich fast schlangengleich dünne Gestalt kam zum Vorschein, die Taro aus einem Maul voll spitzer Zähne wütend anbrüllte, bis der ganze See unter dem dröhnenden Laut vibrierte.

Doch schon im nächsten Augenblick weiteten sich die Augen des nackten Kappa vor Entsetzen, als ihm klar wurde, dass er ohne seine Haut nicht würde einatmen können. Mit einem kräftigen Tritt seiner muskulösen Beine drückte er sich vom Boden ab und schoss wie ein Pfeil aufwärts, wo ein erster matter Lichtschimmer den Aufgang der Sonne anzeigte. Seine zurückgebliebene Haut flatterte durch den Druck des aufgewirbelten Wassers in Taros Hand wie ein groteskes Banner.

Taro zögerte nicht lange. Er ließ die Haut los, nahm sein Schwert wieder auf und machte sich ebenfalls auf den Weg nach oben. Dort war immer noch die Kappa-Frau, wahrscheinlich stark geschwächt von ihrer langen Zeit an Land. Und der Kappa-Mann hatte sehr deutlich seine Entschlossenheit gezeigt, sie loszuwerden. Taro fiel nur eine Möglichkeit ein, ihr zu helfen. Er musste ihr ihre Haut zurückgeben.

Als sein Kopf die Oberfläche des Sees durchbrach, leuchtete das erste Licht des neuen Sommermorgens in funkelndem Gold auf dem Wasser. In der Bucht, umgeben von blühenden Seerosen, standen sich die zwei nackten Kappa in geduckter Haltung gegenüber, die nadelspitzen Zähne gefletscht. Sie hatten ihn anscheinend noch nicht bemerkt. Taro schwamm rasch aufs Ufer zu. Als er wieder festen Boden unter den Füßen spürte, schälte er sich endlich aus der Kappa-Haut, die sich überraschend leicht von seinem Körper lösen ließ und leider noch genauso stank wie zu dem Zeitpunkt, als er sie angezogen hatte.

»Du rücksichtsloses, niederträchtiges Fischweib!«, hörte er den Kappa zischen. »Ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder einen Fuß in meinen See setzt!«

»Dein See?«, fauchte die Frau. »Meine Familie lebt hier seit Jahrtausenden! Wann bist du hergezogen, vor hundert Jahren? Das ist doch lächerlich!«

»Und das gibt dir das Recht, mich zu terrorisieren? Gib es zu, du spielst diese Flöte nicht, weil du die Musik so liebst! Du versuchst, mich in den Wahnsinn zu treiben! Und das nur, weil dir meine Sternalgenwiese nicht gefällt.«

»Du hast meinen Nixenkrautwald dafür ausgerissen!«, schrie die Frau. »Es hat Jahrzehnte gebraucht, ihn in Form zu bringen!«

Der Kappa lachte höhnisch auf. »Dein dummes Nixenkrautgestrüpp! Man konnte nicht hindurchschwimmen, ohne sich die Haut aufzureißen! Nur gut, dass es weg ist! Ich werde die Reste auch noch ausrupfen!«

Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da blies die Kappa heftig in ihre Flöte, so schrill und krumm, dass Taro und der Kappa heftig zusammenfuhren. Dann holte sie in einer fließenden Bewegung aus, als führte sie ein Schwert über den Kopf, und hieb ihrem Kontrahenten die Flöte über den Schädel, so kräftig, dass sie mit einem scharfen Knacken am unteren Ende brach. Stöhnend sackte der Kappa in sich zusammen und trieb reglos zwischen den Seerosenblättern. Die Frau stand über ihm. Plötzlich ganz still und seltsam ratlos sah sie auf ihn herab, dann auf ihre zerbrochene Flöte und schließlich zu Taro. Sie hatte blaue Augen. Unfassbar blaue, riesengroße Augen, die im Morgenlicht leuchteten. Taro hatte noch nie blaue Augen gesehen.

»Du hast etwas, das mir gehört«, stellte sie fest.

Taro nickte, noch völlig unschlüssig, was er von der Begegnung halten sollte, deren Zeuge er gerade geworden war.

Die Frau streckte die Hand aus, und weil Taro nicht wusste, was er sonst tun sollte, reichte er ihr die Haut. Die Frau schlüpfte rasch hinein, innerhalb weniger Augenblicke war ihre Gestalt völlig verändert und für Taros unbedarften Blick kaum von dem Kappa zu unterscheiden, den er zuerst kennengelernt hatte. Nur die blauen Augen leuchteten immer noch.

»Und seine?«, fragte die Froschfrau.

»Noch unten«, murmelte Taro.

Die Frau nickte. Dann packte sie den reglosen Kappa-Mann am Arm und verschwand ohne ein weiteres Wort mit ihm im See. Die Oberfläche schlug noch ein paar kleine Wellen. Dann wurde sie wieder glatt, als hätten hier niemals zwei zornige Wassergeister um die Gestaltung der Gärten am Seegrund gestritten.

Taro stand noch eine ganze Weile zwischen den Seerosen, das Schwert noch in der Hand, triefnass und wie benommen. Irgendwann watete er ans Ufer und schlug sich durchs dichte Schilf, bis er den alten Steg erreichte, an dessen Pfosten noch immer sein Übergewand im Morgenwind flatterte wie ein dunkelblauer Wimpel. Auch die Schwertscheide lag noch dort. Hinter der Uferböschung war das Dorf bereits erwacht. Yae würde sicher schon nach ihm suchen.

Taro wrang das Wasser aus seinen Haaren und band sie ordentlich wieder zusammen, zog das Übergewand an und schob das Schwert in die Scheide. Vielleicht würde er all das bald für einen seltsamen Traum halten, dachte er, als er auf die jetzt wieder völlig leere Oberfläche des Sees hinausstarrte.

Aber in seiner Hand lag unzweifelhaft die zerbrochene Flöte der Kappa-Frau. Vielleicht war sie ja verzaubert. Ob er sie damit wieder herbeirufen konnte, wenn er sie reparierte?

Doch obwohl Taro von diesem Tage an jeden Abend am See saß, um die zerbrochene Flöte zu spielen, sah er keinen der beiden Kappa jemals wieder.


Das Tor der Toten
Caleb Roehrig

Caleb Roehrig

Caleb Roehrig schreibt eigentlich Jugendbuchthriller. Doch weil diese so großartig sind – sowohl Niemand wird sie finden als auch Keiner sagt die Wahrheit, die ich in Rekordzeit verschlungen habe –, konnte ich nicht widerstehen und habe ihn für die diesjährige Märchenanthologie angefragt. Inzwischen ist in den USA zudem mit The Fell of Dark sein erster Urban-Fantasy-Roman erschienen und somit gilt Caleb auch hochoffiziell als Phantastik-Autor. Das Buch kann man übrigens als Love, Simon meets Buffy the Vampire Slayer bezeichnen.

Vor der Veröffentlichung seines Debüts arbeitete Caleb sowohl vor als auch hinter der Kamera, unter anderem für eine Reality-TV-Serie. Ursprünglich stammt er aus Michigan, er hat aber auch schon in Chicago, Los Angeles und Finnland gelebt. Überhaupt besitzt Caleb ein ausgeprägtes Reise-Gen. Er hat bereits über dreißig Länder besucht. Die Schweiz war allerdings das erste, in das er sich wirklich verliebt hat.

Sein Märchen spiegelt seine Faszination für die Werke von Hans Christian Andersen wider. Außerdem basiert es lose auf Motiven einer griechischen Sage. Welche, das wird an dieser Stelle aus Spoilergründen allerdings nicht verraten.

www.calebroehrig.com


Das Tor der Toten

Tief in den dunklen Wäldern, hinter der Ruine eines alten Friedhofs mit seinen verfallenen Grabsteinen, klaffte ein Loch in der Welt. Es lag halb versteckt hinter einer Brombeerhecke und war umringt von Bäumen, die so hoch waren, dass das Sonnenlicht zur Mittagszeit den Boden kaum berührte. Es war so alt wie die Zeit selbst und die Menschen hatten es längst vergessen.

Zumindest behauptete Peter das.

»Es stimmt, Matthias, ich habe es gesehen!«, sagte er an einem Morgen zu Beginn des Frühlings, während die Sonne seine kupfernen Wimpern wie Gold schimmern ließ. Er lachte, hatte Spaß an meinen Zweifeln und etwas regte sich in meinem Herz. Er war so wunderschön mit seinem kantigen Kinn und dem schiefen Lächeln, mit seinen Sommersprossen und dem weichen roten Haar. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich ihn liebte. Ohne etwas von meinen Gedanken zu ahnen, hob er das Gesicht zum Himmel und fuhr fort: »Ich kann es dir sogar zeigen. Wenn du mutig genug bist.«

Mut hatte noch nie zu meinen Stärken gehört … aber ich hätte alles getan, um Peter zu beeindrucken. Wir waren schon seit unserer Kindheit Freunde, hatten den Rand der dunklen Wälder erkundet, Glühwürmchen bei Dämmerlicht gejagt und Pilze gesammelt. Aber er war immer der Furchtlose von uns beiden gewesen. Derjenige, der Gefahr als eine Herausforderung deutete und nicht als Warnung.

Am nächsten Tag füllten wir einen Korb mit Brot und Käse – und einer Flasche Wein, von der Peter behauptete, dass seine Eltern sie nie vermissen würden – und machten uns auf den Weg unter die Bäume. Der Duft der Kiefern und der sonnengewärmten Erde hing schwer in der Luft. Ich überließ ihm die Führung und er tauchte sorglos und selbstbewusst in den Wald ein. Sein Lachen war heiter, unwiderstehlich und ich schwelgte in seinem Klang.

»Wenn es wirklich ein Loch in der Welt gibt«, setzte ich an, während ich an einem steinigen Abhang hinaufkletterte, auf dessen Kuppe Peter bereits wartete, »wohin führt es dann?«

»Zur nächsten Welt natürlich.« Er tat so, als wäre das offensichtlich. »Deshalb befindet es sich in der Nähe des Friedhofs. Es ist das Tor, das Gevatter Tod benutzt, wenn er die Seelen der Verstorbenen fortträgt.« Peter grinste. Spukgeschichten machten ihm nur Spaß, wenn er sie selbst erzählte. »Vielleicht treffen wir ihn sogar!«

Er streckte sich zu mir herunter, nahm meine Hand und zog mich das restliche Stück den Abhang hinauf – doch als ich oben ankam, ließ er mich nicht wieder los. Er lief weiter geradeaus, zwischen die Bäume, den Blick auf den Boden gerichtet, und hielt die ganze Zeit über meine Hand. Er fing an, mir eine andere Geschichte zu erzählen, aber mein Herzschlag pochte so laut in meinen Ohren, dass ich ihn kaum verstand. Ein einzelner Gedanke wiederholte sich in meinem Kopf: Er hat mich nicht losgelassen, er hat mich nicht losgelassen, er hat mich nicht losgelassen.

Das war das erste Mal, dass ich zu hoffen begann, er könne mich auch lieben.

Wir durchquerten den Friedhof mit seinen verwitterten Grabsteinen, die sich wie tuschelnde Verschwörer zueinanderbeugten, und drangen tiefer in den Wald vor. Die Schatten wurden dichter und hier und da spross dorniges Gebüsch, dessen Äste vom Gewicht blutroter Beeren nach unten gezogen wurden. So tief war ich bisher nie vorgedrungen und ich drückte Peters Hand noch ein bisschen fester, während ein kalter Schauder mir das Blut in meinen Adern gefrieren ließ.

Wir zwängten uns durch ein Brombeergestrüpp und erreichten endlich unser Ziel. Stille lag über der Lichtung und Tageslicht fiel wie gläserne Scherben durch das Blätterdach der Bäume. Vor mir befand sich ein niedriger Ring aus uralten, moosbewachsenen Steinen und in seiner Mitte wartete ein schwarzer Abgrund.

Die Kälte in meinen Adern breitete sich bis zu meinen Füßen aus und ich sagte mit einem nervösen Lachen: »Das ist kein Loch, Peter. Das ist ein Brunnen.«

»Ein Brunnen ist ein Loch, Matthias.« Er lächelte – seine Stimme war sanft und sein Blick ruhte einen Augenblick zu lange auf meinen Lippen. »Und natürlich tarnt es sich als etwas Gewöhnliches, sonst würden die Menschen erkennen, was es ist, und es zuschütten, um Gevatter Tod fernzuhalten. Aber sein Tor befindet sich dort unten. Das Tor zur Unterwelt.«

Ich hob einen Stein vom Waldboden auf und warf ihn in das aufgesperrte Maul des Brunnens. Lange Zeit hörten wir kein Geräusch … dann ertönte ein hohles Platschen aus der Tiefe.

»Da unten befindet sich nichts«, sagte ich mit einem erleichterten Lächeln, »außer Wasser.«

Peter seufzte theatralisch. »Dein einziger Makel, Matthias, ist, dass du nicht an Magie glaubst.«

Unglücklicherweise lag er damit falsch.

In jenem Sommer waren wir unzertrennlich. Peter dachte sich Lieder aus und brachte mir bei, wie wir sie zweistimmig singen konnten. Ich schrieb Sonette – glühende Liebesgedichte – und las sie ihm bei Mondlicht vor, während wir die Sterne betrachteten. Ich hatte mich noch nicht getraut, ihm zu gestehen, dass er meine Muse war … aber jede Nacht hoffte ich, dass er es erraten würde, damit ich mein Herz nicht aufs Spiel setzen musste, wenn ich es ihm ganz direkt sagte.

»Es klingt gerade so, als hätte jemand das Herz meines guten alten Matthias’ erobert«, stellte Peter eines Nachts scherzhaft fest, während rings um uns herum ein Zikadenkonzert erklang. »Und ich habe die feste Absicht, herauszufinden, wer es ist.«

»Oh?« Ich erstarrte und hoffte inständig, dass ich nicht in Panik geraten würde.

»Ja.« Er fing an, Hinweise an seinen Fingern abzuzählen. »Bisher weiß ich, dass diese Person rote Haare hat – so wie ich. Sie hat braune Augen – wie ich. Und ihre Lippen sehen aus wie ›vom Tau geküsste Rosenblüten‹.« Er sah mich mit einem Unschuldsblick an und fügte hinzu: »Genau wie meine.«

Meine Wangen glühten und ich war dankbar für die Dunkelheit, die uns einhüllte. »Du bist so egoistisch.«

»Und du bist anscheinend eifersüchtig auf ein paar kleine Tautropfen.« Seine Stimme klang neckend, und als ich mich traute, ihn anzusehen, schien er seine helle Freude an diesem Gespräch zu haben. »Denn die dürfen diese ‚weichen rosa Blütenblätter küssen‘, während du dich nur nach einem Kuss sehnen kannst!«

»Mach dich nicht lustig über mich«, brachte ich leise hervor. Mit den Fingern zupfte ich an den Grashalmen und ich befürchtete, dass ich einen katastrophalen Fehler gemacht hatte. »Was ich fühle … meine ich ernst.«

»Dann solltest du vielleicht versuchen, ein bisschen verwegener zu sein, Matthias.« Er stemmte sich von der Wiese hoch, lehnte sich gerade so in meine Reichweite und sah mich bedeutungsschwer mit seinen braunen Augen an. »Sag, was du dir wünschst, und sorg dafür, dass es in Erfüllung geht. Glaub an Magie.«

»Ich … ich wünsche mir, dass du mich küsst.« Nur mit Mühe brachte ich die Worte heraus, sagte sie mit einem nervösen Flüstern – und schon lehnte er sich ganz zu mir, legte voller Verlangen seinen Mund an meinen und Magie strömte durch uns beide hindurch.

Ich hatte ausgesprochen, was ich mir wünschte, und damit erreicht, dass mein Wunsch in Erfüllung ging.

Danach waren wir nie wieder getrennt. Wir schwammen im Fluss und rannten zwischen den Bäumen um die Wette. Wir flochten Blumenkränze aus Gänseblümchen und küssten einander, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Ich war berauscht von ihm, berauscht von der Liebe, und ich wollte, dass unsere gemeinsamen Tage für immer so weitergehen würden.

Aber als sich der Sommer dem Ende zuneigte, schwand auch Peter dahin.

Zunächst machte es sich kaum bemerkbar. Er wurde schneller müde, fand Ausreden, damit wir einen unserer Ausflüge früher beendeten, und legte sich stattdessen irgendwo in den Schatten. Er hörte auf, Lieder zu erfinden, weil es ihn zu sehr anstrengte, sich auf sie zu konzentrieren. Eines Morgens im frühen Herbst sagte er schließlich, dass ihm die Kraft fehle, an jenem Tag irgendwo hinzugehen – und so saß ich neben seinem Bett und wir malten uns stattdessen ein Abenteuer aus.

Dort, in seinem Zimmer, sponnen wir eine Geschichte, in der wir uns durch das Tor der Toten stahlen, um die Menschen zu retten, die wir geliebt und verloren hatten. Die Geschichte wuchs Tag um Tag … bis ich schließlich zu begreifen begann, dass er sein Bett nicht verlassen würde. Nie wieder.

In den Klauen einer rätselhaften Krankheit schwand er langsam, aber stetig dahin und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass er sich nicht erholen würde.

An dem Tag, an dem die letzten vertrockneten Blätter von ihren Ästen fielen, streckte er kurz vor der Morgendämmerung den Arm durch die Schatten und ergriff meine Hand.

»Ich habe ihn gesehen, Matthias«, flüsterte er mit heiserer Stimme. Seine eingesunkenen Augen glänzten feucht. »Ich habe Gevatter Tod in meinen Träumen gesehen. Er sagt, das Tor stehe offen. Er wartet auf mich.«

Hitze drückte gegen meine Augen und es fiel mir schwer zu sprechen. »Er darf dich nicht haben. Verstehst du mich? Wir sind noch nicht fertig, und ich werde ihn nicht zwischen uns beide kommen lassen.«

»Du kannst ihn nicht aufhalten.« Seine traurige Stimme zerstob in der Luft wie Sternenstaub.

»Doch, das kann ich.« Es war ein leichtsinniges Versprechen, aber in diesem Moment hätte ich alles gesagt, alles getan, um Peters Furcht von ihm zu nehmen. »Und das werde ich auch. Ich werde ihn zurückschlagen – ich werde das Loch in der Welt selbst verschließen!«

Er atmete schwer und ein Rasseln erklang tief in seiner Kehle, als er wimmerte: »Ich will nicht gehen.«

Sobald er wieder eingeschlafen war, floh ich aus dem Haus und stellte mich zum ersten Mal seit Tagen der Außenwelt. Ich sammelte so viele Holzbretter zusammen, wie ich tragen konnte, und als die Sonne sich über den Horizont schob, machte ich mich auf in die dunklen Wälder. So geschwächt, wie ich nach meiner tagelangen Krankenwache war, brauchte ich Stunden, bis ich die Lichtung hinter dem Friedhof gefunden hatte. Ich schwitzte bereits, als ich mich durch das widerliche Gestrüpp kämpfte und danach wieder dem uralten Brunnen gegenübertrat.

Ich war nicht überzeugt davon, dass es das Tor wirklich gab – aber Peter glaubte daran, und das genügte mir. Alles, was Magie brauchte, damit sie funktionierte, war jemand, der an sie glaubte.

Ich brauchte weitere Stunden, um den Brunnen mit Brettern abzudecken. Noch länger brauchte ich, um genügend schwere Steine heranzuschleppen, um meine provisorische Barriere an Ort und Stelle zu fixieren. Ich häufte sie auf, bis meine Arme sie nicht mehr tragen konnten und das Holz unter ihrem Gewicht knarzte. Bis, so hoffte ich, selbst Gevatter Tod sie nicht mehr von der Stelle bewegen konnte. Inzwischen ging die Sonne unter und die Äste der Bäume formten ein Muster wie aus schwarzer Spitze vor dem violett leuchtenden Himmel.

Zu erschöpft, um aufrecht zu stehen, geschweige denn den langen Weg zum Dorf zurückzugehen, sank ich auf den Waldboden. Meine Müdigkeit holte mich schnell ein und ich fiel in einen unruhigen Schlaf. Vielleicht war das, was ich getan hatte, töricht. Eine abergläubische Tat, die ich nur vollbracht hatte, um mein schmerzendes Herz zu trösten.

Aber zumindest hatte ich nichts unversucht gelassen.

Ein Schauder lief mir über den Rücken. Erschrocken wachte ich auf und setzte mich kerzengerade hin. Mir war schwindelig. Ein kalter Wind pfiff durch die kahlen Bäume und versetzte mir eine Gänsehaut. Es war lange nach Mitternacht und als ich gegen die Dunkelheit anblinzelte, stahl sich eine Gestalt aus dem vom Schatten der Zeit geschwärzten Wald hinaus auf die Lichtung.

Die Gestalt bewegte sich geschmeidig und leise, war unmenschlich groß, kälter als die Nacht und hüllte sich in mehrere Schichten aus Schattenfetzen. Instinktiv wusste ich, dass es Gevatter Tod war, der sich hier näherte.

Mein Atem stockte in der eiskalten Luft und ich wich zurück, als Gevatter Tod sich an die Seite des Brunnens heranschlich. Irgendwie wusste ich, dass er sich meiner Gegenwart bewusst war, obwohl er mir so wenig Aufmerksamkeit schenkte wie ein Pferd einer mickrigen Fliege. Mit einer Bewegung seiner dürren Finger warf er die Bretter und Steine beiseite, die ich den ganzen Nachmittag über angehäuft hatte. Er schleuderte sie zwischen die Bäume wie eine Handvoll Staub.

Und als Gevatter Tod zurück in den Brunnen sprang, öffnete sich sein Schattenmantel lange genug, um mir die Gestalt zu zeigen, die er in den Armen hielt – und mein Herz blieb stehen. Rote Haare, mit Sommersprossen übersäte Wangen, braune Augen, die nach langer Krankheit stumpf geworden waren, und Lippen, die ich einst mit den Blütenblättern einer Blume verglichen hatte …

Es war Peter.

Und als er zusammen mit Gevatter Tod in der gierigen Düsternis des Brunnens verschwand, erklang das klägliche Echo seiner Stimme. »Matthias …«

Panik überflutete mein ganzes Wesen, füllte meinen Kopf mit Chaos. Trotz all meiner Bemühungen, dieses Loch zu verschließen und damit den Jungen, den ich liebte, zu retten, hatte ich versagt. Aber das, was ich in Peters Schlafzimmer gesagt hatte – dass ich ihn nicht Gevatter Tod überlassen würde –, hatte ich auch so gemeint. Ohne darüber nachzudenken, rannte ich nach vorn.

Ich kletterte über den Rand des Brunnens, starrte in seinen bodenlosen Abgrund … und sprang.

Blind und mit atemberaubender Geschwindigkeit stürzte ich durch die zähe Dunkelheit. Die Luft wurde aus meiner Lunge gepresst und als ich auf dem Wasser aufschlug, sank ich wie ein Stein. Wie eine Python würgte mich der Brunnen in einem Stück hinunter.

In den unergründlichen Tiefen unter der Erde traf ich schließlich auf einen felsigen Untergrund. Das letzte Quäntchen Luft entfloh meinen Lippen in einem Wirbel aus winzigen Luftblasen. Während meine Lunge bereits brannte, wurde ich rasch von einer haltlosen Strömung mitgerissen und zur Seite gezogen. Kurz darauf wurde ich in einen engen Tunnel gesogen und der Wasserdruck schmerzte in meinen Ohren. Ich war eine Stoffpuppe, gefangen im Sog der Unterwelt. Meine Lunge schrie förmlich nach einem frischen Atemzug und eine dumpfe Trägheit übermannte mein Bewusstsein.

Just als ich bereit war, aufzugeben und meinen Mund zu öffnen, um einen endlosen Schwall des grässlichen schwarzen Wassers einzuatmen, katapultierte die Strömung mich wieder nach oben. Sterne tanzten vor meinen Augen und meine Glieder kribbelten, aber ich unternahm einen letzten verzweifelten Vorstoß, kämpfte mich durch Schlick und Treibgut … und brach schließlich zur Oberfläche durch. Luft streifte wieder über mein Gesicht und ich sog sie mit langen, hustenden Atemzügen ein.

Licht blitzte in meinem Blickfeld. Ich bemühte mich, wieder einen klaren Kopf zu bekommen, und trieb gleichzeitig wie ein Korken auf dem Wasser, das sich glitschig und zäh zwischen meinen Fingern anfühlte. Die Strömung blieb stark, aber jetzt trieb ich auf ihr dahin, ein Spielzeugboot auf einem Strom aus Regenwasser. Über mir wölbte sich der Himmel, gespickt mit grauen Wolken und durchzogen von Lichtblitzen.

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