Kitabı oxu: «Monstratorem»

Şrift:

Anja Gust

Monstratorem

Geschichte einer unbeschreiblichen Liebe: Kriminalroman Tatort: Schleswig-Holstein

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Monstratorem – Die Geschichte einer unbeschreiblichen Liebe

Zu diesem Buch

Impressum

Zitat

Der Pate

Alltag

Wolkenbruch

Landwirtschaft 4.0

Die Töpferstube

Billers Gasthof

Der Versuch

Kett- und Schussfäden

Oleg Budniak

Pontresina

Volker Grimmel

Tabeas Weigerung

Der Eklat

Klare Fronten

Nachwehen

Ein kühner Hasenfuß

Dunkle Erwartungen

Der Interessent

Helgas Schmerzen

Toms Geständnis

Peters Dilemma

Die Unternehmung

Das Duell

Anmerkungen / Erklärungen der Fußnoten

Zu der Autorin

Danksagung

Impressum neobooks

Monstratorem – Die Geschichte einer unbeschreiblichen Liebe

Kriminalroman

Tatort: Schleswig-Holstein

Zu diesem Buch

Man sagt, das Böse verliert seinen Schrecken, sobald man es versteht. Sina Brodersen lebt nach dem Tod ihrer Eltern allein mit ihrem Hund auf einem Hof in Schleswig-Holstein. Als sie durch Zufall in den Besitz eines mysteriösen Schlüssels gelangt, ahnt sie nicht, dass er für ein verbrecherisches Syndikat von großer Bedeutung ist. Ein inzwischen mit seiner Suche beauftragter ‚Spezialist‘ geht äußerst skrupellos vor, um in dessen Besitz zu gelangen. Bald gerät auch Sina in seinen Fokus und somit in tödliche Gefahr. Doch als die Situation eskaliert und sich die Schlinge bereits um ihren Hals zuzieht, geschieht etwas Unglaubliches. Der Killer verschont sie, selbst auf die Gefahr des eigenen Untergangs. Jetzt bemerkt Sina, dass sich hinter seiner kalten Fassade ein empathischer und sensibler Mensch verbirgt, und empfindet bald mehr für ihn. Da inzwischen ein weiterer Spezialist mit der Lösung des Problems beauftragt wurde, beschließt sie, dem Abtrünnigen Schutz und Unterkunft zu gewähren. Damit beginnt für beide ein Wettlauf mit dem Tod.

Ein Cosy-Krimi

Impressum

Titel: Monstratorem – Geschichte einer unbeschreiblichen Liebe

© 2018 by Anja Gust

Idee und Umsetzung: ©Anja Gust, GA6820@t-online.de

Der Text wurde anhand der Erstausgabe AAVVAA Verlag, Hohen Neuendorf, neu durchgesehene.

2. Auflage 2019

Umschlaggestaltung/ Idee und Umsetzung: by Anja Gust unter Verwendung des Motives: Shutterstock, Inc. / NY 10118 USA - Illustrationsnummer: 44075842 - Pencil sketch of God and Adam's hands from the Sistine Chapel ceiling. (Bildquelle: aleisha)

Lektorat: Jörg Querner, Anti-Fehlerteufel

Korrektorat: Lisa Zacher

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages gestattet. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Sämtliche Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Zitat

„Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.“

F. Nietzsche

Vorwort

Auch wenn ich nichts mehr hasse als Vorworte, komme ich in diesem Fall nicht umhin. Man wird sich bei diesem Titel sicher fragen, was ein ‚Monstratorem‘ genannter Fingerzeig mit einer unbeschreiblichen Liebe verbinden soll? Ja mehr noch, wieso widmet man ihr ein ganzes Buch, wenn sie doch unbeschreiblich ist? Genau darin liegt das Problem. Gerade diese Unbeschreiblichkeit verlangt ein ganzes Buch und selbst das umreißt nur im Ansatz, was beide Protagonisten umtreibt. In diesem Fall ist es wieder einmal der höchste Grad der Unvernunft, der jeden Unbeteiligten verschreckt, unsere beiden Protagonisten aber zusammenschweißt. Vielleicht verlangt der Weg zum Glück ein gehöriges Maß an Unvernunft, um zu seiner Bestimmung zu finden? Aber da sich Liebe bekanntlich nicht rational erklären lässt, will ich mit dieser Geschichte das Unmögliche, wenn schon nicht erklären, so doch zumindest fassbar machen. Sicher wird kaum jemand behaupten, alle nur denkbaren Varianten einer Liebe zu kennen, denen man das Prädikat unbeschreiblich oder gar unmöglich zubilligen könnte. Doch dieses Beispiel ist so außergewöhnlich, dass es beides erfüllt und schon deshalb eine Niederschrift verdient.

© 2018 Anja Gust

Der Pate

Die untergehende Sonne über den Bergen des Diavolezza-Massivs in der Nähe Pontresinas verwandelte den Himmel in eine Feuersbrunst aus kupfernen Wolkenfetzen. Ihre schrägen Strahlen entzündeten die schneebedeckten Gipfel mit sprühenden Funken und verliehen ihnen einen absonderlichen Glanz. Der Wind hatte sich erhoben und rauschte durch eine Tannenschonung. Unverhofft traten zwei Hirsche aus der Deckung, hielten majestätisch inne und lauschten. Behutsam näherten sie sich einem Bachlauf, der sich wie ein silbern schimmerndes Band durch das Tal schlängelte und irgendwann in dunstiger Ferne verlor. Die Tiere senkten die Hälse und tranken.

„Möge das Wild unbesorgt äsen und der Atem Gottes über ihr Fell streichen“, flüsterte Baron von Billow ergriffen, der die malerische Szene von seiner Veranda aus beobachtete.

Sein Gast, der ehemalig hochdekorierte Kundschafter der Abteilung A XII der Hauptverwaltung für Aufklärung, Diethard Säuberling, ein stämmiger Mann mit blondem, schütterem Haar, hoher Stirn und auffallend stechenden Augen, stimmte ihm zu. Allerdings dachte er sich seinen Teil. Was blieb ihm auch anderes übrig, kannte er doch die Neigung dieses sentimental verschrobenen Aristokraten zu romantischen Anwandlungen, selbst wenn man sie ihm gar nicht zutraute.

Der Baron war eher klein, unscheinbar und hatte einen leichten Buckel. Sein Gesicht war recht gewöhnlich, drückte nichts weiter aus und wirkte gar etwas vertrottelt. Man hätte ihn glatt für einen beflissenen, mit Ärmelschonern und Mütze versehenen Postbeamten halten können, dessen schlechtsitzendes Gebiss für eine feuchte Aussprache sorgte. Schon deshalb war eine zu große Nähe nicht ratsam, besonders bei längeren Debatten. Er gab sich gelehrtenhaft zerstreut, wobei sein gewaltsam unterdrückter Hochmut immer wieder hervorbrach und ihn als das auszeichnete, was er war: ein pedantischer, gern in Allegorien schwadronierender Möchtegernschöngeist.

Natürlich pflegte er als Mäzen und Poet höchste Umgangsformen und schätzte Stil und Eleganz. Er las auch gern schwere Kost, vor allem Nietzsche und Schopenhauer. Sogar an Kant hatte er sich schon herangewagt, selbst wenn er kaum etwas davon verstand. Doch gerade das verlieh ihm noch mehr Würde. Kein Wunder, dass er Geschwätzigkeit verachtete und Geistreichelei liebte, selbst wenn er beides nicht immer zu trennen vermochte.

Allerdings tat man gut daran, ihn nicht darauf anzusprechen. Folglich verzichtete Säuberling vorerst darauf, dessen Seelenlabsal durch die Nichtigkeit seines Problems zu stören, auch wenn er eigens deswegen aus Mailand angereist war. Durch den entstehenden Eindruck der Beiläufigkeit beließ er den Baron bewusst im Glauben an dessen heile Welt mit einer nur ihm vorbehaltenen einzig gültigen Wahrheit. Und Billow dankte es ihm durch sein Wohlwollen, obwohl er den Grund des Besuches längst ahnte, oder genauer, fürchtete.

Doch statt endlich zur Sache zu kommen, wie es eigentlich zu erwarten war, zeigte der Hausherr keine Eile. Lieber führte er seinen Gast in bester Plaudermanier in das großzügige Kellergeschoss – einem im römischen Stil mit weißem Alabaster verkleideten Gewölbe, dessen Deckenbögen mit feinstem Berkovitza-Marmor überzogen waren. Die Wände bestachen durch sorgsame Stuckarbeiten. Hier befand sich die hauseigene Sauna.

Unter gedimmtem Licht aus gusseisernen, schwarzverschnörkelten Lampen an den Wänden entkleideten sich die beiden Herren. Lediglich mit einem um die Hüften geschlungenen Baumwolltuch platzierten sie sich bäuchlings auf zwei Liegen aus massivem Mahagoni mit Auflagen aus schneeweißem Byssus. Der Baron mochte Antikes und trank seinen Tee entsprechend aus einem silbernen Becher mit aus griechischen Mythologien entlehnten Ziselierungen.

Danach wies er eines der im Hintergrund wartenden, spärlich bekleideten Mädchen an, mit der Massage zu beginnen. Sichtlich genoss er die Geschmeidigkeit der flinken Hände, dieses Prickeln und Kribbeln, was seinen Kreislauf wieder in Schwung brachte, so dass er sich wonnevoll in den Arm biss. Augenblicklich fühlte er sich um zehn Jahre verjüngt und könnte glatt einen Ochsen niederringen, zumindest theoretisch.

Sein Gast tat es ihm gleich und ließ sich auf selbe Weise durchkneten. Jedoch schien er, im Gegensatz zu seinem Gastgeber, nicht so recht bei der Sache. Er blieb sehr nachdenklich und verspannt, weshalb seine Blockierungen einfach nicht zu lösen waren. Selbst als sein Mädchen zu weiteren Aktivitäten ansetzte und dazu langsam ihr Tuch von den Hüften löste und damit einen makellosen Körper entblößte, drückte er sie weg.

Das entging dem Hausherrn nicht und er begann sich nach Säuberlings Befinden zu erkundigen. Immerhin beliebte der Baron in seiner Großzügigkeit, jedem ankommenden Besucher allen nur denkbaren Luxus zu bieten, selbst erotischen. Schließlich war man hier unter sich, und die eigens dazu verpflichteten mandeläugigen Schönheiten aus Borneo verstanden sich vorzüglich auf weitere Künste. Dennoch beinhaltete die Atmosphäre etwas Beklemmendes, Unwirkliches. Hier wurde nicht gesprochen, nicht mal geflüstert. Man hatte nur zu gehorchen, vor allem aber zu funktionieren. Der Baron machte dem Mädchen ein Zeichen, worauf sie mit der Massage innehielt und eifrig Tee nachschenkte.

„Was haben Sie denn, Säuberling? Gefällt Ihnen die Kleine nicht?“, fragte er seinen Gast verwundert. Diesem blieb daraufhin nichts anderes, als mehr oder weniger herumzudrucksen, was den Hausherrn zur allgemeinen Überraschung ganz von selbst zum Thema führte.

„Und Sie meinen, der Vorfall könnte für uns unangenehm werden?“

„Nun ja, wenn Sie mich so fragen …“, erwiderte sein Gast und zog ein besorgtes Gesicht.

„Ich frage Sie so, also antworten Sie bitte auch so, Säuberling!“, fuhr ihn der Baron unerwartet scharf an.

„Wir haben ein Problem mit der Sicherheit!“, räumte dieser nach einigem Zögern ein.

„Das heißt, Sie haben die Schlüssel noch nicht gefunden?“, folgerte daraufhin der Baron.

„Leider nein. Dabei haben wir alle nur möglichen Varianten durchgespielt und bestimmt nichts ausgelassen. Ich versichere Ihnen, Herr Baron, in Erwägung aller Umstände hätte das gar nicht passieren dürfen. Das ist mir unbegreiflich!“

Es folgte ein längeres Schweigen. Dieses wurde nur von den in Leinöl getauchten Händen der beiden leichtfüßigen Masseusen unterbrochen, sobald das Gleichmaß ihrer Massage durch leichtes Klopfen zur Lockerung der Muskulatur in kreisende Bewegungen überging. Und wie bogen und wanden sie sich dabei mit ihren Körpern gleich einer eigens dafür entworfenen Choreografie. Da glitt schon mal eine unbedeckte Brust über eine Wange oder verlockte ein leichtes Lippenspiel am Ohr zur Sünde. Das beherrschten sie und vermochten dem alten Bock schon mal ein gelegentliches „Ah“ oder „Oh“ zu entlocken. Einmal bäumte er sich sogar auf, um gewisse sich im Schritt des Mädchens abzeichnende Details genauer zu betrachten (er war nämlich kurzsichtig). Danach sank er in lustvoller Verzückung mit dem Ausruf: ‚Che grazia meravigliosa‘1 wieder zurück und starrte selig lächelnd vor sich hin.

Säuberling hingegen blieb völlig unterkühlt, obgleich sich seine kaffeebraune Masseuse nicht weniger bemühte. Im Gegensatz zum Baron wusste er längst, wie kompliziert die Angelegenheit war und dass sich deren Tragweite noch gar nicht abschätzen ließ. Aber es lag wohl in der Natur der Sache, unangenehme Dinge zu verharmlosen, vor allem dann, wenn sie von besonderer Brisanz waren. Nun hätte er durchaus dabei bleiben und den Baron in seiner Hoffnung belassen können, zumal er selbst nicht der direkte Verursacher war. Doch schon aus persönlichen Gründen wollte er die Sache so schnell wie möglich bereinigen.

Freilich wäre der Verlust von fünf Schlüsseln durchaus zu kompensieren. Doch darin bestand nicht das Problem. Dieses ergab sich ganz einfach aus dem damit verbundenen Code, der im Fall seiner Dechiffrierung unüberschaubare Folgen für die Sicherheit des ganzen Syndikats bewirken könnte. So weit dachte Herr von Billow natürlich nicht. Dafür hatte er ja auch seine Leute.

Außerdem musste er nicht wissen, dass sich im Syndikat längst ein Maulwurf von der Konkurrenz tummelte. Nachdem dieser die Schlüssel an sich gebracht und in verschiedene Gartenzwerge versteckt hatte, um sie seinem Auftraggeber zukommen zu lassen, wurden sie ihm jedoch gestohlen und über eBay in mehrere Länder verkauft. So jedenfalls seine letzte Aussage kurz vor dessen Exekution.

„Ach, was reden Sie da“, winkte der Pate unwirsch ab und wies das Mädchen an, mit der Massage fortzufahren. „Ich sehe noch keine Veranlassung, den Code zu ändern und damit die ganze Software umschreiben zu lassen. Sie wissen wohl nicht, was das kostet, ganz zu schweigen von unserem Imageschaden! Sie entwickeln nur das Unwahrscheinlichste aller Szenarien. Ich für meine Person glaube jedenfalls nicht daran. Selbst wenn jemand diese Schlüssel durch Zufall fände, wüsste er damit kaum etwas anzufangen. Er würde sie also wegwerfen.“

„Da mögen Sie durchaus recht haben, Herr Baron“, wandte sein Gast in aller Bescheidenheit ein. „Und ganz bestimmt würde es auch so sein. Dennoch bleibt ein unverantwortliches Restrisiko, das wir unterbinden müssen. Daher schlage ich vor, dass wir in dieser Frage auf Nummer sicher gehen. Wir sollten unbedingt einen unserer Spezialisten darauf ansetzen.“

„Haben Sie denn einen?“

„Durchaus. Einen sehr geeigneten sogar.“

„Sie machen mich neugierig.“

„Wenn es nicht übertrieben klänge, würde ich jetzt sagen, ich habe ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist!“

„Oho, das hört sich sehr vielversprechend an“, frohlockte von Billow und schlürfte genüsslich seinen Tee. „Und was wissen wir zum möglichen Versteck der Schlüssel?“

„Nach unbestätigten Angaben sollen sich diese in kleineren Fächern von Gartenzwergen befinden, die zur allgemeinen Gartendekoration dienen.“

„Gartenzwerge?“ Der Baron kicherte. Dann aber runzelte er nachdenklich die Stirn. „Das ist interessant.“ Sein Nicken und die anerkennende Handbewegung bekundeten darüber hinaus einen gewissen Respekt.

„Das kann man wohl sagen“, stimmte ihm Säuberling zu. „Wer kommt schon auf die Idee, ausgerechnet in solchen Figuren nach einem Schlüssel zu suchen.“

„Da haben Sie recht. Zweifellos niemand. Jedenfalls kein normaler Mensch“, setzte der Baron lachend hinzu und klapste dem Mädchen vergnügt auf den Hintern mit der Frage, wo sie den kleinen Zwerg wohl suchen würde. Natürlich verstand sie nicht oder wollte es nicht, sondern lächelte nur gleichmütig wie alle diese Mädchen, die ihre Reaktionen offenbar programmiert bekamen. Trotz allem entging dem Paten die Unsicherheit seines Gastes nicht und er begann zu ahnen, dass dies nur die halbe Wahrheit war. Er kannte diese Finessen und es ermüdete ihn, sie so schnell zu durchschauen, wie er überhaupt diesen ganzen Kerl längst durchschaut hatte.

Im Bestreben, darüber hinwegzutäuschen, kam Säuberling auch gleich wieder zur Sache. „Genau genommen benötigen wir nur einen einzigen Schlüssel. Dann kann der Code nicht geknackt werden“, erklärte er weiter. „Die sich dann ergebende Kombinationsvielfalt wäre so groß, dass kein Rechner der Welt sie mehr lösen könnte. Nach unseren Informationen sind die relevanten Figuren nach Polen gelangt. Dort soll ein größerer Posten von einem uns nur unter dem Vornamen ‚Volker‘ bekanntem Deutschen käuflich erworben und nach Schleswig-Holstein gebracht worden sein; genauer eingegrenzt wird der Raum Angeln bis ins Südholsteinische. Hier verliert sich die Spur.“

„Das ist doch schon mal was!“, bemerkte der Baron anerkennend und nahm einen weiteren Schluck von seinem Tee. „Jetzt haben Sie mich mit Ihrem Spezialisten neugierig gemacht. Sagen Sie, kenne ich ihn?“

„Nein. Er hatte noch nicht das Vergnügen, bei Ihnen vorstellig zu werden“, erklärte Säuberling daraufhin.

„Ist das jetzt ein Vorwurf?“ Der Baron zog verwundert die Brauen hoch.

„Mit Verlaub, keineswegs. Nur muss er sich erst noch ein paar Sporen verdienen. Ich bin zuversichtlich, dass er auf dem besten Wege dazu ist.“

„Mein lieber Freund! Wie Sie das sagen! Richtig herzlos, als hätten Sie gar kein Gefühl“, tadelte ihn der Hausherr mit fröhlichem Schmollen.

„Glauben Sie mir, Gefühle sind bei seiner Tätigkeit nur hinderlich. Wie Sie wissen, muss er Dinge tun, die ihm womöglich widerstreben. Ich kann Ihnen nur versichern, er wird alles veranlassen, was nötig ist.“

„Wie alt ist er?“

„Anfang dreißig.“

„Und wie viele hat er schon ‚geschafft‘?“

„Ein Dutzend, denke ich mal.“

„Sie nehmen die Angelegenheit persönlich, nicht wahr?“ Der Pate horchte auf.

„Ja, das tue ich.“

Den Baron verwunderte diese unerwartete Offenheit, welche ihn ahnen ließ, dass es damit noch mehr auf sich hatte. Er entließ das Mädchen mit einem Wink und zog sich wieder an. Sein Gast tat es ihm gleich. Danach stiegen sie die kunstvolle Wendeltreppe wieder hinauf und begaben sich in den Salon zurück, wo es wie im Café „Macarons“ in Paris nach Croissants und Jasmintee roch.

Der Hausherr hatte nebenbei ein Faible für frankophile Cuisine und war für seine lukullischen Genüsse bekannt. Als Künstler und Ästhet, wie er sich sah, vertrat er den Standpunkt, dass ein gepflegter Geist einer stilvollen Lebensart entsprang und umgekehrt. Er sah darin eine tiefe Dialektik, die am Ende zu einer inneren Vervollkommnung führte. Schon deshalb verabscheute er jede Form von Gewalt und empfand sogar eine tiefe Verachtung für all diejenigen, die derart emotionslos reagieren konnten.

Freilich äußerte er das nicht, wie er überhaupt vieles nicht sagte, worüber er insgeheim sinnierte, auch über seinen heutigen Gast. Aus seiner Sicht war dieser nichts weiter als ein Versager, der seinen Zenit überschritten hatte und schon längst hätte eliminiert werden sollen. Wenn es bisher noch nicht geschah, dann nicht aus Respekt oder gar Mitgefühl, sondern einzig aus Bequemlichkeit. Jetzt aber war die Entscheidung über dessen Schicksal gefallen.

Selbst wenn nach wie vor jener Zweckoptimismus galt, der einen guten Paten auszeichnete, hatte er ihn abgeschrieben. Schon deshalb lud er seinen Gast zu einem Cointreau in den Salon ein, in der Absicht, noch Weiteres über die anstehende Vorgehensweise zu erfahren. Da jener aber zögerte und der Hausherr längst fühlte, dass Diethard Säuberling etwas auf der Seele brannte, versuchte es der Baron mit Nonchalance und einigen Verweisen auf eigene Schwächen.

Ob es nun an der besinnlichen Atmosphäre bei Kerzenschein und Sandelholzduft oder seiner vertraulich lockeren Art lag, war schwer zu sagen. In jedem Fall begann ihm sein Gast daraufhin tatsächlich einige Dinge zu gestehen, die er so nicht erwartet hätte. Nicht dass er manches von dem, was er tat, bereute, räumte er dabei zögerlich ein. Vielmehr bedauerte er, in manchen Situationen nicht stark genug geblieben zu sein.

„Wie meinen Sie das?“, wollte der Baron sogleich wissen.

„Haben Sie schon mal jemanden sterben sehen, der nicht sterben will? Es ist weniger das Mitgefühl für den Sterbenden als die Gewissheit, damit etwas Vollendetes, Einmaliges und Unwiederbringliches für immer auszulöschen. Wenn man demjenigen in die Augen schaut und die Erwartung auf das Ende darin lesen kann, ist es, als würde man einen Teil von sich selber töten.“

Der Baron zeigte sich beeindruckt, wog den Kopf hin und her und schien ernsthaft zu überlegen. Dann sah er sein Gegenüber mit festem Blick an. „Das ist sehr bemerkenswert und beweist, dass Sie sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben. Das findet man heutzutage selten“, lobte er. „Wissen Sie, Skrupel sind niemals ein Zeichen von Schwäche, sondern im Gegenteil von Stärke, wenn man bedenkt, dass man immer einen Grund für ein Befinden voraussetzt. Und dieser wiederum bedarf einer Motivierung, um sich seiner bewusst zu werden. Je stärker diese ist, je geringer die Gewöhnung an eine Ursacheninterpretation als Hemmnis ihrer Erforschung. Wahrlich ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist. Aber glauben Sie mir, niemand von uns tötet aus Vergnügen. Es ist immer eine dahinterstehende Notwendigkeit, und Sie können mir glauben, ich hasse nichts mehr als gerade diese. Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit.“

Daraufhin stießen die beiden Herren an und leerten ihre Gläser, obwohl Baron von Billow schon jetzt Diethards Verlust bedauerte. Fast hätte Säuberling seine Zuneigung gewonnen. Aber ein Koordinator, der auf solche Weise die eigenen Fehler korrigieren musste, war nicht länger tragbar.

Kein Wunder, dass der Baron unmittelbar nach diesem Treffen eine bestimmte Nummer wählte und die nötige Anweisung gab.

Danach betupfte er pedantisch die manikürten Finger mit einer vorgewärmten Zitronenserviette und las sorgsam ein kaltes Stück Wachtelfleisch vom Teller auf. Der Kaviar folgte. Seine brillantgeschmückte Rechte langte in die Traubenschale. „Nun gut“, räusperte er sich wenig später. „Vielleicht sollte ich noch etwas meditieren. Das beruhigt den Geist. Denn, wie sagte einst Chrysippos: ‚Man soll leben mit gehöriger Kenntnis des Herganges der Dinge in der Welt‘.“ Von Billow starrte aus dem Fenster in den großzügigen Garten des Anwesens und war, wie immer, mit sich sehr zufrieden.

Alltag

Mit Blüten im Portemonnaie fuhr er los. Die Adresse war leicht zu merken. Etwas aufzuschreiben wäre unprofessionell. Dank GPS fand er die Straße punktgenau, wobei er den blauen Audi durch typische Wohnviertelgassen mit Häusern aus der Jahrhundertwende manövrierte. Diese wirkten nostalgisch, verschroben, nicht unbedingt anheimelnd und doch imposant.

Aus Sicherheitsgründen parkte er den Wagen ein paar Ecken weiter und bemühte sich um Unauffälligkeit. Unter der Kofferraumabdeckung wähnte er sein Bargeld sicher versteckt, hinzu kam eine Beretta und reichlich Falschgeld. Buchen säumten den Fahrbahnrand wie salutierende Posten.

Als er heute Morgen losfuhr, war der Mond noch zu sehen. Jetzt standen die Zeiger der Uhr bereits auf elf. Zielstrebig begab er sich zur besagten Hausnummer. Die Wohnung befand sich im vierten Stock, ohne Namensschild und lediglich mit einem silbernen Sternchen versehen. Ansonsten schien alles normal: Altbau, Kinderwagen im Flur und Bohnerwachsgeruch. Er klopfte wie vereinbart dreimal kurz und zweimal lang. Jemand entriegelte die Tür.

„Jacqueline?“, fragte er.

„Ja, komm herein“, erwiderte das Mädchen mit den hochgesteckten Haaren, das ihm öffnete. Sie lächelte freundlich, wobei ihre brombeerroten Lippen mit ihrer auffallenden Blässe kontrastierten und ihr eine puppenhafte Kälte gaben. Zügig verschloss sie die Tür. Dann führte sie ihn, vorbei an einer Kommode, auf der eine Visitenkarte lag, ins Gästezimmer – einen zweckmäßig eingerichteten Raum mit schweren braunen Samtstores und süßlichem Deodorantgeruch. Die Gardinen waren zugezogen und das rötlich gedimmte Licht erschien hier milchig dumpf, obwohl es draußen taghell war. Typisches Asthmawetter für einen nebeligen Tag Ende März in Kiel.

Das Zimmer war angenehm temperiert, seine Kehle hingegen trocken. Erst wollte er um ein Glas Wasser bitten, verkniff es sich aber. Mit einem sonderbaren Gefühl zwischen prickelnder Erwartung und Abscheu betrachtete er die tigerimitierte Tagesdecke des Bettes, den Spiegel an der Decke und die mit pinkfarbenem Plüsch gepolsterten Handschellen am Bettgiebel. Das ließ einiges erwarten. Es gab noch einen Durchgang mit Vorhang, zwei Sessel und einen Beistelltisch mit anderweitigen ihm nicht näher bekannten Accessoires.

Im mannshohen Wandspiegel gegenüber der Spielwiese erkannte er sich wieder, gleichwohl wanderte sein Blick zu ihr zurück. Sie war etwa Mitte zwanzig, schlank, blond, mit langen, wohlgeformten Beinen und einer hohen, jugendlichen Brust. Zudem hatte sie einen stolzen Gang, was auf ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verwies. Das war ihm sofort aufgefallen, als sie vor ihm hergelaufen war und aufgrund des beengten Flurs zur Vorsicht mahnte.

Der Blick ihrer großen, hellen Augen hingegen wirkte freundlich und sanft, aber auch irgendwie unbestimmt und harmonierte absolut nicht mit ihrem Lächeln. Wie alle Mädchen ihres Gewerbes trug sie einen dunklen, mit silbernen Noppen besetzten Lederbody, der ihre Figur aufreizend betonte, dazu erwartungsgemäß Strapse. Die schwarzen High Heels gefielen ihm. Garantiert sähe sie ohne diesen ganzen Fummel wie jede andere aus und stand irgendwo im Supermarkt in der Schlange oder wartete auf den Bus. Allein dieser Gedanke torpedierte sein eigentliches Verlangen. Doch zur Umkehr war es zu spät.

„Dreißig Minuten fünfzig Euro, das ist mit Kondom“, riss sie ihn aus seinen Gedanken. „Hundert ohne. Sonderwünsche kosten extra.“

Wortlos zog er das Portemonnaie heraus und legte großspurig einen gelben Schein auf den Beistelltisch. „Der Rest geht aufs Haus“, bemerkte er.

Über die unerwartete Großzügigkeit erstaunt, hellte sich ihr Gesicht auf. Sogleich bereitete sie alles für eine exklusive Bedienung vor. Ihr Anblick faszinierte ihn. Es erinnerte ihn an die Aphrodite von Milos, deren Statue er schon mal irgendwo gesehen hatte. Und wäre ihr Körper jetzt noch von bläulichem Nebel umwölkt und von diffusem Licht bestrahlt, man hätte sie in der Tat für eine Göttin halten können.

Doch das war nur Fassade. Keine Frau takelte sich derart grundlos auf. Alles war zweckbestimmt und diente einem einzigen Ziel. Wer weiß, wie sie morgens um fünf nach einer durchzechten Nacht wirkte. Er hatte mal irgendwo gehört, dass eine Frau nur dann wirklich schön ist, wenn sie auch innerlich zu glänzen versteht. Wie das hier funktionieren sollte, blieb ihm unklar.

„Mach dich schon mal fertig, ich bin gleich wieder da“, forderte sie ihn auf und wies kopfnickend zum Bett. Dann verschwand sie hinter dem Vorhang, der offenbar in ein Badezimmer führte.

Er zog Schuhe und Socken aus, welche er akkurat unter den Stuhl platzierte. Der Rest folgte auf der Stuhllehne drapiert. Dabei betrachtete er seine Hände mit den filigran gezeichneten Venen. Sie waren sehr schlank und weich und konnten sehr zärtlich sein, aber auch wie Schraubzwingen zupacken. Doch darüber mochte er jetzt nicht nachdenken.

Entkleidet legte er sich auf das Bett, zog ein weißes Baumwolllaken bis zum Bauch und verschränkte beide Arme hinter dem Kopf. An das trübe Licht hatte er sich rasch gewöhnt. Allerdings vermisste er ein Kissen. Seltsam angespannt betrachtete er den goldenen Deckenspiegel, in dem sich sein kantiges Gesicht zeigte, welches von dunkelbraunem Haar umrahmt wurde.

Man sagte, es wirkte maskulin-herb. Wie immer das auch gemeint war, hässlich fand er sich nicht. Dazu hatte er schon zu viele Angebote bekommen, sogar von durchaus attraktiven Damen, die von Hause aus wählerisch sein konnten. Manche fanden ihn interessant, andere etherisch, ohne das jedoch näher zu erklären. Dabei störte ihn schon immer die seiner Meinung nach zu längliche Nase, die in Verbindung mit den hohen Wangenknochen seinem Gesicht etwas Aristokratisches, beinahe Überhobenes verlieh. Auch so etwas hatte er schon wiederholt gehört. Selbst wenn er nichts weiter darauf gab, störte es ihn, denn er war irgendwo auch verdammt eitel.

Plötzlich sinnierte er über die Zukunft. So etwas passierte ihm öfter, meist in den unmöglichsten Situationen, so wie jetzt. Dann fragte er sich, was ihn wohl erwartete, wenn er weiter so sträflich leichtfertig blieb und mit seinem Schicksal spielte. Aber vielleicht wäre es besser, solche Gedanken schnell wieder zu vertreiben. Sie verwirrten ihn und zerstörten alles.

Für einen Augenblick schloss er die Augen und sog die Luft tief ein, um sie möglichst lange innezuhalten. Das tat er immer, wenn er eine starke innere Anspannung empfand. Meist wurde er danach ruhiger. Heute jedoch gelang es ihm nicht. Mit einem Mal hatte er das Gefühl zu schweben, um danach wieder herabzusinken. Selbst die Wände drohten einzustürzen mit der grässlichen Vision eines qualvollen Erstickens. Er war irritiert, empfand jedoch keine Angst. Eine seltsame Beklommenheit erfasste seine Seele mit dem Gefühl, etwas Verlorenes auf wundersame Weise zurückzubekommen und sei es nur für einen winzigen Moment. Es war die Sehnsucht nach Liebe und Zweisamkeit, Vollkommenheit und Harmonie – kurzum, all das, was er bisher entbehren musste und schon deshalb bei anderen nicht ertrug. Dieses Gefühl setzte sich in seinem Herzen fest wie eine eiserne Klammer und es gab kein Mittel, sich davon zu befreien. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren.

Das Mädchen kam zurück. Sie duftete nach Moschus und hatte den Lederbody gegen weinrote Spitzenunterwäsche getauscht, dessen Ränder Pailletten säumten. Sogleich begann sie, in ihren High Heels um ihn herumzutänzeln und dabei mit lasziv gesenkten Lidern langsam den linken, dann den rechten Träger des BHs abzustreifen. Wahrlich die perfekte Show. Alles saß, nichts war dem Zufall überlassen und folgte einer kalten Berechnung. Es war die Art, wie sie die Hüften wog, die Brust herausdrückte und sich zutiefst obszön verbog. Ihre bewusst zur Schau getragene Selbstverliebtheit, samt dem erstaunt berückten Ausdruck eines sich ihrer Fertilität bewussten Mädchens, verriet ihre Lust, sich in eigenartig wollüstiger Trance darzubieten. ‚Nun komm schon, spring an, ich will, dass es schnell geht‘, war darin zu lesen. Doch er dachte nicht daran.

Vielmehr starrte er sie mit jener Skepsis an, die er für jede käufliche Liebe empfand. Doch irgendetwas stimmte nicht. Es lag an ihren herzförmig türkisfarbenen Ohrsteckern, die irgendwie nicht zu ihr passten. Gleich einem Rudiment aus einer anderen Welt störte es die nahezu perfekte Show. Das befremdete ihn. Im Gegensatz zu vorhin schimmerte ihr Gesicht jetzt rosig. Es erinnerte ihn an ein frischgeborenes Ferkel, das er einst als Lausejunge zuhause aus dem Stall gehoben hatte. Der weiche Schweinebauch hatte nach Erde, Milch und Stroh gerochen, während er das Tier an sich gedrückt hatte. Verbunden mit ihren kindlichen Ohrsteckern, erweckte diese Erinnerung eine eigenartige Assoziation, die er hier nicht erwartet hätte und ihn zutiefst irritierte.

Mit knappem Blick deutete er aufs Bett, um dieses Spiel zu beenden. Inzwischen völlig entblößt, legte sie sich zu ihm und spulte routiniert ihr Repertoire ab, indem sie an seinem Ohrläppchen knabberte, Hals und Nacken liebkoste und schließlich seine Brust streichelte. Dabei hauchte sie ihm ihren heißen Atem ins Ohr und registrierte amüsiert jeden Schauer, der über sein bleiches Gesicht lief. Dann wieder glitten ihre geübten Finger an verbotene Stellen entlang, um sein Feuer dosiert zu entfachen. Hin und wieder verklärten sich seine blauen Augen.

Jetzt war es so weit. Sie schob ihren Schenkel seitlich über ihn und ließ ihn das leichte Stacheln ihrer Intimrasur fühlen. Jeder andere hätte die Beherrschung verloren. Ihn aber beschäftigte nur die Frage, wie oft sie es hier bereits getrieben hatte und was sie dabei empfand.

„Du bist schön“, schmeichelte sie und ließ ihre Finger liebkosend über seinen Bauch gleiten. Dennoch sah sie an ihm vorbei.

‚Heuchlerin‘, dachte er und fragte sich, warum die Menschen niemals ohne eigenes Interesse loben. Würde sie in einigen Jahren nach zahllosen verglühten Zigaretten, Schnaps und anderen Drogen, verkommen vom Alltag und erdrückt von der Last der zahlenden Freier, immer noch so anmutig aussehen? Doch er verdrängte die Gedanken und ließ sich auf das hier gebotene Schauspiel ein.

Spielerisch öffnete sie ihr wasserstoffblondes Haar, das lockig herabfiel und an manchen Stellen einen rötlichen Ansatz verriet. Ihre Haarpracht bedeckte weich ihre weiblich formschönen Attribute. Warm und sanft wie Wellen eines sonnenverwöhnten Meeres fühlte sie sich an. Ihre silberne Haarspange ließ sie auf den Boden gleiten, während er sich auf den Rücken zurücklegte und versuchte zu entspannen. Worte waren von nun an überflüssig.

Während sie ihn nun wie eine Katze bespielte, bemerkte er im Deckenspiegel ihren sich grazil windenden Rücken und den formschönen Steiß. Dabei fiel ihm die bunte Tätowierung in Form einer sich windenden Schlange auf, die sich von ihrem Hals bis zur Hüfte erstreckte. Nein, das passte nicht. Mit diesem Stigma degradierte sie ihre naturgegebene Schönheit zur Farce. Das half ihm jetzt bei der dringend nötigen Abkühlung. Schließlich musste es nach seinen Regeln ablaufen.

Fest zog er sie an sich heran. Das Mädchen lächelte ihn weiterhin an, dennoch machte sie sich im Rücken steif, wenn auch unmerklich. Ihre Blicke trafen sich. Eine eigenartige Härte in seinen Zügen ließ sie zögern. Irritiert sah sie zu Boden. Er registrierte ihre Unsicherheit. Diese Ergebenheit gefiel ihm, so dass er sich wieder aufsetzte.

Er hob ihr Kinn und betrachtete ihre graugesprenkelten Augen. Konnte er darin lesen? Unmöglich. Nichts außer Kälte und Leere, vor allem aber die erschreckende Abgestumpftheit meinte er darin zu erkennen.

„Küss mich!“, befahl er ihr.

Das Mädchen stutzte. „Wie jetzt? Auf den Mund?“

„Ja, natürlich! Wie denn sonst?“, erwiderte er entgeistert. „Oder meinst du, ich gebe mich mit Halbheiten zufrieden?“

„Wie kommst du denn auf die Idee?!“

„Ich möchte es einfach, weil ein Kuss etwas Sinnliches ist“, erklärte er ihr.

„Ist das jetzt ein Scherz?“ Sie starrte ihn ungläubig an.

„Keineswegs.“

„Das gehört nicht zu meinen Leistungen“, entgegnete sie kurz, wobei er sah, wie verlegen sie wurde.

„Dann frage ich mich, wofür ich dich bezahle!“

„Bestimmt nicht fürs Küssen!“, erwiderte sie leicht schnippisch.

„Deine Offenheit überrascht mich“, gab er zu.

„Manchmal ist es durchaus nötig.“

„Manchmal?“

„Ja, in solchen Situationen zum Beispiel, wenn ein Freier so etwas fragt.“

„Bekommst du oft solche Fragen gestellt?“

„Eher selten.“

„Hast du eigentlich keine Angst?“

„Ja schon, aber sie gehört zum Geschäft. Sag mal, was fragst du mich für komische Sachen? Willst du mich jetzt, oder nicht?“

„Erst wenn du mich küsst“, wiederholte er und erwartete ihre Reaktion.

„Willst du mich veräppeln?“, begann sie sich plötzlich zu echauffieren und wich erschrocken zurück. „Was soll das eigentlich werden?“

„Wieso zierst du dich? Kriegst auch einen Extrabonus. Was ist jetzt?“

Sie schien zu überlegen. Ihr Gesicht wirkte plötzlich sehr bedrückt, als müsste sie sich zu etwas überwinden.

„Nun gut. Kostet aber extra!“, gab sie schließlich nach, ohne einen Grund dafür zu benennen.

Nach einigem Zögern schlang sie den Arm um seinen Hals und sog an seinen Lippen. Ihr Pfefferminzgeschmack war unerträglich. Was sollte es überdecken? Und tatsächlich. Abrupt ließ er von ihr ab. Dafür sollte er sie ohrfeigen. Aber er hatte es ja so gewollt. Weshalb erregte er sich? Nein, dafür taugte sie nicht, wie sie überhaupt für die ‚wahre Liebe‘ nicht geschaffen war. Wie konnte er nur so töricht sein. In der Gosse gab es keine Liebe und dieser Ort war der letzte, wo er sie finden konnte. Das Einzige, was zählte und wofür hier bezahlt wurde, waren körperliche Reaktionen, frei von jeder Sinnlichkeit. Er hätte es wissen müssen.

Verstört packte er sie am Oberarm und fixierte ihre grauen Augen. Sie starrte ihn erschrocken an, meinte trotzdem zu ahnen, was jetzt zu tun war. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze glitt sie an ihm herab, während er sich zurücklehnte und zu entspannen versuchte. Ihr Haar kitzelte. Dennoch hemmte ihn etwas. Echte Liebe war ein Geschenk, das hier nicht zu bekommen war. Da er sich trotz aller Mühe nicht in den dafür nötigen Zustand versetzen konnte, versuchte es das Mädchen manuell. Für einen Moment dachte er daran, sie für diesen Betrug an der Seele zu erwürgen. Demonstrativ umklammerte er ihren zarten Hals und ergötzte sich an ihrer Angst. Nur ein kleiner Druck und es wäre vorbei.

Dann aber ließ er von ihr ab. Nein, das war es nicht und würde es auch niemals sein. Nicht so. Dann besser gar nicht. Zu ihrer Verwunderung verzichtete er auf Weiteres. Ohne jede Erklärung zog er sich wieder an, steckte ihr noch einen Schein zu – schließlich hatte er davon genug – und begab sich zur Tür.

Verwirrt begleitete sie ihn. In einem Augenblick ihrer Unachtsamkeit nahm er die auf der Kommode liegende Visitenkarte an sich. Es handelte sich um eine Hinterlassenschaft eines seiner Vorgänger, die ihm eingangs schon aufgefallen war. Zögerlich öffnete sie die Haustür, sah hinaus und nickte ihm zu. Er sah sie noch einmal kurz an, zwickte ihr in die Wange und verschwand, ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Wieder auf der Straße bedauerte er nicht im Geringsten, ihr nur Blüten angedreht zu haben. Schließlich war es kein Betrug, eine Betrügerin zu betrügen, denn eine solche Show musste nicht noch honoriert werden.

Draußen zogen sich trübe Wolken zusammen und aus dem Autoradio dudelte Musik. Eine halbe Stunde später konnte er sich nicht einmal mehr an ihr Gesicht erinnern. Aber solche Frauen hatten auch keins und wenn, war es immer das gleiche.

Doch wen interessierte das angesichts der Tatsache, dass er etwas ganz anderes, viel Profaneres suchte, nämlich einen Schlüssel in einem Kobold, genauer in einem Gartenzwerg. So war es ihm jedenfalls aufgetragen worden. Kein Witz. Zugegeben hatte er gerade deshalb den Auftrag angenommen, um zu erfahren, was es damit auf sich hatte. Denn wenn er auserwählt wurde, musste es schon etwas Besonderes sein.

Nicht, dass er sich damit aufwerten wollte. Nur sagte ihm seine Erfahrung, dass mitunter die profansten Sachverhalte die kompliziertesten Hintergründe verbargen. Wie immer kannte er die genauen Beweggründe nicht und das war auch unnötig. Er tat, was ihm gesagt wurde und folgte dabei strengen Regeln. Das dafür gezahlte Honorar ermöglichte ihm ein Leben weit über dem Standard, so dass er sich solche Eskapaden wie eben jederzeit erlauben konnte.

Welche Rolle er dieses Mal für sich präferieren sollte, wusste er freilich noch nicht. Das blieb ihm überlassen. Über die nötigen Dokumente verfügte er. Etwas landestypisch Nordisches wäre in diesem Fall angebracht, so nach Art eines netten Jung von der Waterkant mit Namen Fiete Jensen oder Henning Harmsen. Aber da er weder so aussah noch so sprach, erschien ihm ein neutraler Tom Enders günstiger.

Als diplomierter Verwaltungswirt und verschlagener Geschäftsmann in der Investmentbranche der Sparda Bank würde er bestimmt nicht weniger beeindrucken. Selbst wenn er davon keine Ahnung hatte, blieb das ohne Belang. Es diente lediglich der Legitimation, wobei allein Begriffe wie Bonds, Derivate oder Impact Investments für die nötige Glaubwürdigkeit sorgen sollten.

Blieb nur zu hoffen, dass auch niemand etwas davon verstand. Sonst könnte es schon mal eng werden, wie vor einem Jahr, als er in der Rolle eines IT-Programmierers eine tiefergehende Frage nicht beantworten konnte und sich damit in eine dumme Situation brachte. Sei’s drum. Seine Aufträge versprachen hohe Gewinne. Allein das zählte.

In Achterwehr bog er von der Autobahn ab und steuerte Deutsch-Nienhof an. Er schaute in den Rückspiegel und setzte zum Überholen an. „Also gut, Tom Enders. Wo ist deine Designerbrille, die dich als Investmentbanker auszeichnet?“, murmelte er vor sich hin und kramte in der Konsole herum. Besorgt betrachtete er sein blasses Gesicht im Spiegel. Augenblicklich entblößte ein Lächeln seine perlengleich aufgereihten Zähne.

Nicht, dass er besonders eitel war. Aber um Sympathien zu verbreiten, musste er gefallen. Kurzum, dies alles verlangte einen wahren Sonnyboy, dem man blindlings die Brieftasche anvertraute. Das war sein Credo, zumal die Bekanntschaft sympathischer Frauen nicht auszuschließen war. Davon hing mitunter sehr viel ab. Ja mehr noch, seinen Erfahrungen nach war eine überzeugende Reflexion seiner Rolle nur durch weibliches Wohlwollen möglich. Schon deshalb sah er sich bisweilen zu gewissen Überschreitungen genötigt, dies notfalls zu erzwingen. Das mag jetzt skrupellos klingen, war aber zweckmäßig.

Sanft federte der Audi jedes Schlagloch ab. Mit einem Mal erinnerte er sich an die Visitenkarte in seiner Brusttasche. Er zog sie hervor und studierte den Namen: ‚Dr. Alexander von der Ruh‘. Klang so weit recht verlockend, genauso, wie er ihn sich vorstellte: Jung, smart, verheiratet, zwei Kinder, rundum wohlsituiert und skrupellos genug, seine Frau regelmäßig zu betrügen. Allerdings war es auch leichtsinnig, die Handynummer zu hinterlassen. Mit anderen Worten – ein Schwein vom Feinsten, dessen Ruin kein Verlust war.

Gedankenverloren pochte er mit der Karte auf das Autolenkrad. Innerhalb von Sekunden schaltete Tom das „Bluetooth“ vom Audi - MMI Control ein, entsperrte sein Smartphone per Fingerabdruck und diktierte: „OK Google.“ Er wartete ein, zwei Sekunden und sagte: „Dr. Alexander von der Ruh.“ Tom vernahm die Antwort der weiblichen Computerstimme ‚Siri‘ über den anwaltlichen Familienstand. Zufrieden steckte er die Karte zurück in seine Brusttasche und bemerkte: „Na, Herr Winkeladvokat! Volltreffer! Mal sehen, wie wir dich überraschen können. Ich denke, mir wird für ein kleines Ferkel wie dich etwas ganz Besonderes einfallen!“

Somit lief dieser Tag doch noch gut an, nachdem er so mies gestartet war. Die ersten kräftigen Sonnenstrahlen fielen in goldgelben Bündeln durch das Blätterdach einer Allee. Fasziniert beobachtete er ein Storchenpaar auf Beutezug in den nahegelegenen Feuchtwiesen. Das erinnerte ihn an seine Kindheit. Diese verbrachte er in Pontresina im Oberengadin. Das satte Grün der Almen, die Glocken der grasenden Kühe und das schneeweiße Diavolezza-Massiv mit seinen blau-weißen Gletscherzungen hatten sich dabei tief in sein Herz gegraben. Bisweilen vermisste er den Duft von frischgemähtem Heu sowie das Plätschern eisiger Gebirgsbäche. Es waren vor allem jene Momente, in denen er sich an den Berghängen dem Himmel so unglaublich nahe fühlte, dass es nur eines Fingerzeigs zur Berührung bedurfte. Dort oben gab es die Orte, die er hier vergebens suchte.

Ein dringendes Bedürfnis riss ihn aus seinen Gedanken und drängte ihn zur Eile. Mit überhöhter Geschwindigkeit raste er durch Klein-Nordsee. Während er in die Ortschaft Felde hineinschoss, nahm er nicht den Fuß vom Gas. Zur Rechten flog die ‚Apotheke am Westensee‘ vorbei. Wenig später setzte er an der nächsten Abzweigung den Blinker links Richtung Resenis.

Eine Polizeikontrolle in Höhe des EDEKA-Marktes winkte den Audi an den Straßenrand. Das fehlte ihm noch. Ausgerechnet jetzt, wo ihm schon fast die Blase platzte. Tom straffte seine Haltung und versuchte, notgedrungen zu lächeln. Er senkte das Seitenfenster herab und stellte den Motor aus. Seine Hand ruhte auf dem Schaltknüppel. „Womit kann ich dienen, Herr Wachtmeister“, erkundigte er sich bei dem Polizisten in dunkelblauer Uniform.

„Moin. Verkehrskontrolle. Ihren Ausweis bitte.“ Mit strenger Miene kontrollierte der Beamte die Dokumente und wechselte den Blick wiederholt zwischen ihm und dem Bild auf dem Ausweis. Dann guckte er prüfend in den Innenraum des Wagens. Dabei registrierte er eine schwarze Reisetasche sowie einen Mantel auf der Rückbank. „Was befindet sich dort drin?“, folgte seine logische Frage.

„Dieses und jenes, was man so braucht“, eierte Tom herum, der nicht einsah, darauf zu antworten, denn im Grunde ging ihn das einen feuchten Kehricht an. Dann aber fiel ihm ein, dass dort die Blüten drin lagen. Nicht auszudenken, wenn dieser Beamte jetzt auf eine dumme Idee käme. Also nahm er die Tasche hervor und zog den Reißverschluss auf, allerdings nur so weit, dass sein Ellbogen einen großen Teil des Inhaltes verdeckte. Gelassen wies er auf eine Zeitung hin. Ebenfalls lagen alte Socken gleich obenauf. Ihr unangenehmer Geruch verhinderte Schlimmeres. Natürlich hatte er die andere Hand längst an der Wade, wo seine Pistole steckte, nur für den Fall.

Doch dazu kam es zum Glück nicht. Offenbar von Toms demonstrativer Gleichgültigkeit eingelullt, verzichtete der Polizist auf Weiteres. „Schon gut“, winkte dieser ab, konnte sich aber die Frage nach einem möglichen Alkoholgenuss nicht verkneifen.

„Na hören Sie mal. Sehe ich so aus?“, empörte sich Tom mit einem milden Lächeln, nachdem er die Tasche wieder nach hinten gelegt hatte.

„Wo soll es hingehen?“, wollte der Beamte wissen.

„Nach Resenis“, legte sich Tom fest, obwohl das keineswegs klar war.

„Bitte öffnen Sie den Kofferraum.“

„Muss das sein?“

„Sonst würde ich nicht darum bitten!“, sagte sein Gegenüber mit Nachdruck.

Tom drückte den dazugehörigen Knopf im Wageninneren. Prompt hob sich die Kofferraumklappe. Dann schwenkte er umständlich die Fahrertür auf und stieg aus.

Der Polizist beugte sich über die Stoßstange und musterte den Verbandkasten. Gemächlich drehte er sich wieder um. „Sind Sie Literaturagent?“, mutmaßte er plötzlich.

„Wie kommen Sie darauf?“, wunderte sich Tom.

„Aufgrund Ihres auswärtigen Kennzeichens nehme ich an, Sie wollen zu unserem Poeten“, fuhr der Beamte fort. „Der feiert heute seinen runden Geburtstag und erwartet allerhand Gäste. Deshalb auch Ihre Tasche dort hinten. Sicherlich mit der Begutachtung seines neuesten Werkes, nicht wahr?“

„Nun ja, wenn Sie mich so fragen“, erwiderte Tom, was dem vermeintlichen Scharfsinn dieses Wachtmeisters schmeicheln musste.

„Habe ich mir doch gleich gedacht, denn Sie sehen so aus“, legte der Schutzmann noch einmal nach.

„Ach ja, wirklich?“

„Manchen Leuten sieht man einfach ihre Profession an, hahaha …“ An dieser Stelle lachte Tom sogar mit, denn das war einfach zu drollig.

„Bitte benutzen Sie nur die offiziellen Straßen. Wir hatten in den letzten Tagen einige Sturmschäden und diese sind noch nicht überall geräumt“, setzte die Streife, zur Sachlichkeit zurückkehrend, hinzu.

„Danke für den Hinweis. Ich werde mich bemühen.“

„Sie können weiterfahren.“

Tom stieg wieder ein, drehte das Radio an und ließ das Seitenfenster hochfahren. Scherzhaft salutierend fuhr er davon. Verkniffen schaute der Polizist ihm nach. Im Rückspiegel konnte Tom noch beobachten, wie sich dieser Kerl etwas notierte. Zweifellos würden jetzt neue Kennzeichen gebraucht. Er musste also umdisponieren.

Die Sache mit diesem Dr. von der Ruh musste warten. Sein Schweigegeld könnte er sich auch später noch abholen. Das bedauerte er zwar, denn dessen dummes Gesicht hätte ihn schon interessiert. Doch zuerst musste ihm der Pole Budniak behilflich sein und das möglichst schnell. Anderenfalls würde alles gefährdet. Bei der nächstbesten Gelegenheit würde er diesen Windhund kontaktieren.

An der nächsten Abzweigung bog Tom rechts vom sandigen Hauptweg ab und fuhr tief in den Wald von Resenis hinein. Hier erleichterte er sich endlich. Über die soeben erduldete nachlässige Kontrolle war er dankbar. Das hätte dumm ausgehen können. Was war er doch für ein Glückspilz.

Wolkenbruch

Die Schwere der Nacht übermannte Sina Brodersen und bettete sie, wie so oft, in ihre qualvollen Träume.

Ich kann nicht, ich kann doch. Reichlich du, übermäßig ja, genug Begehren. Ich will schreien. Du verschließt meinen Mund. Warum quälst du mich? Du Dämon aus dem Dunkel, was habe ich dir getan? Du okkupierst meine Hand, meinen Körper, meine Seele und ergötzt dich an meinem Leid! Deine Hände sind so schrecklich groß! Du tust mir weh! Warum? Geh bitte fort und lass mir meinen Frieden! Ich bitte dich! Zwing mir nicht deinen Hass auf! Was uns trennt, ist größer, als was uns verbindet! Beschädige nicht deinen letzten Rest Anstand und Respekt. Bewahre dir deine Würde, damit du einst im Himmel deine seelische Ruhe finden kannst.

„Das Wetter zeigt sich heute am 5. April von seiner böigen Seite. Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt 70 Prozent. Aus unterschiedlichen Richtungen strömt …“

Wie jeden Morgen weckte Sina der Sprecher von NDR 1. Murrend zog sie die Decke über den Kopf und verweigerte das Aufstehen. Aber der Tag startete wie immer erbarmungslos. Die Zeiger standen auf fünf Uhr morgens und forderten ihren Tribut, deren gnadenlose Härte Sina seit frühester Kindheit bekannt war. Müde schlug sie die Bettdecke zurück, schwang sich aus dem Bett und schlurfte ins Badezimmer. Ihr apricotfarbener Mops namens Boy schlief im Hundekorb auf der Diele. Als er ‚Frauchen‘ witterte, öffnete er seine braunen, treuen Hundeaugen, erhob sich und strich ihr begrüßend mit freudigem Hecheln um die Beine.

„Na, wer kommt denn da?“ Sina kraulte verspielt sein rechtes Ohr, so dass sein Körper vor Wonne bebte. Speichel floss ihm aus dem knautschigen Maul und seine Augen blitzten. Er umstreifte sie immer wieder, darüber froh, ihre Nähe zu verspüren. Augenblicklich knuddelte sie ihm kräftig über den Rücken und zwickte ihm neckend in die Flanke. Dann aber schob sie ihn bestimmend zur Seite. Sie unterbrach dieses Spiel nicht oft, da sie Boys Wohlgefallen genoss, doch wenn sie es tat, dann aus einem ganz bestimmten Grund.

In dieser Nacht war es wieder geschehen. Das seltsame Traumbild hatte sie genarrt und nicht mehr losgelassen. Es war der gleiche große Schatten, der sich ihr jedes Mal lautlos näherte und sie dann völlig bedeckte. Erbarmungslos drängte er sich auf und drohte ihr, gleich einem riesigen Kraken, den Atem zu nehmen. Manchmal war es so schlimm, dass sie schreien wollte, doch nicht konnte. Etwas verschnürte ihre Kehle. Völlig paralysiert schien sie wie gefesselt und war auch nur zur geringsten Gegenwehr unfähig. Es schien, als laste ein tonnenschwerer Fels auf ihrer Brust, der sie völlig niederdrückte.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als es zu ertragen und darauf zu hoffen, dass dieser Albtraum möglichst rasch von ihr wich. Aufgrund des fehlenden Zeitgefühls vermochte sie über die Dauer nichts zu sagen. In jedem Fall aber kam es ihr endlos vor. Spätestens wenn ihr Atem immer schwerer wurde und sie zu ersticken glaubte, erwachte sie und setzte sich schlagartig auf. Dann starrte sie schweißgebadet in die Dunkelheit und brauchte lange, wieder zur Ruhe zu kommen. Meist stand sie dann auf und nahm einen großen Schluck aus der Flasche des selbstangesetzten Schlehenlikörs.

Das war ein altes Hausmittel ihrer Großmutter. Diese hatte seinerzeit ein schweres Leben geführt, da sie ihren Mann durch die Kriegswirren verlor und die beiden Töchter Gisela und Sinas Mutter Lore allein großziehen musste. Vielleicht hatte Großmutter gerade deshalb ein so tiefes Herz und war Sina in guter Erinnerung geblieben, anders als ihre eigene Mutter.

Letztere hatte nur Geschäfte im Sinn und sich mit der Zeit zu einer Despotin entwickelt, die in ihrer Tochter nur ein lästiges Anhängsel sah. „Sina, wie oft soll ich dir noch sagen, dass der Hof kein Streichelzoo ist! Wenn du die Katze nicht wegjagst, ersäufe ich sie!“, hatte sie ihr angedroht, nachdem Sina ein vor Kälte und Hunger zitterndes Kätzchen auf dem Schulweg zugelaufen war. Selbst wenn der Mäusejäger für seine eigene Verpflegung sorgte und niemandem zur Last fiel, ging es ums Prinzip. Da ihre Tochter dieser Forderung nicht nachkam, hatte die Mutter kurz darauf das arme Tier in der Regentonne ertränkt. Nie vergessen würde Sina den Moment, als sie den kleinen leblosen Körper aus dem Wasser fischte. Doch da war es schon zu spät.

Selbst gegenüber ihrem Mann war Lore nicht gerade zimperlich. Als sie einmal unerwartet nach Hause kam und ihn im angeheiterten Zustand vorfand, versetzte sie ihm sofort zwei schallende Backpfeifen. Daraufhin schloss er sich aus Feigheit im Bad ein und jammerte vor sich hin. Er war ohnehin ein hasenfüßiger Taugenichts, der den ganzen Tag nichts mit sich anzufangen wusste. Einer geregelten Arbeit ging er niemals nach und erwies sich selbst auf dem Hof als untauglich. Seine einzige Stärke bestand in sinnlosem Palaver, womit er hin und wieder in Kneipen Leute um sich scharte, die ihn dann wie ein Reptil bewunderten. Lore nannte ihn mal ein ‚verkommenes Element‘ und wollte ihn wiederholt rausschmeißen. Sie hätte das sicher auch getan, wäre sie dabei nicht steuerlich ungünstiger gefahren. Wieso er dennoch Zugang zu ihrem Herzen fand und Sina als Frucht dieser mehr als sonderbaren Beziehung hervorging, war ihr bis heute rätselhaft geblieben.

Doch darüber mochte sie nicht weiter nachdenken. Sie tat das ohnehin viel zu oft und das jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis – sie kam ins Heulen. Dann rannte sie in den Schuppen, versperrte die Tür und wollte für Momente ganz alleine sein, zumindest bis Boy wieder an der Tür kratzte. Der Mops war so drollig, dass sie schnell allen Kummer vergaß. Und als wüsste er um seine Wirkung, legte der Hund jetzt seinen Kopf schief und schaute sie treuherzig an. Dann tappte er in die Küche, blieb fordernd vor seinem Napf sitzen und erwartete sein verdientes Leckerli. Sina ließ sich aber nicht erweichen. In Gedanken war sie noch immer nicht ganz da.

Sie ging ins Badezimmer und verriegelte die Tür. Eigentlich war das überflüssig, denn sie lebte hier allein und Boy hätte ihr ohnehin nicht folgen können. Dennoch tat sie es infolge eines unerklärlichen Reflexes. Das war schon manisch. Ebenso ihr ständiger Kontrollzwang, der sie dazu nötigte, die abgeschlossene Haustür zweimal abzuklinken. Das Misstrauen gegenüber sich selbst war ihre größte Schwäche.

Auch wenn sie es als Unsinn abtat und sich damit verspottete, konnte sie es nicht verhindern. ‚Es ist nichts! Es ist nur ein Albtraum‘, tröstete sie sich, um ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Zur Ablenkung schaltete sie das Radio ein. Sofort plärrten die neuesten Hits, die in der nächsten halben Stunde auf diesem Sender zu hören waren.

Draußen brachen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und verjagten die Nacht. Das innenliegende Badezimmer erhellten mehrere Halogenlampen. „Warum lässt du mich nicht in Ruhe?“, flüsterte sie unter der Dusche, während das Wasser über ihr brünettes Haar lief. Eine unklare Erinnerung stieg in ihr auf und bewirkte ein schreckliches Gefühl. Nichts war stark genug, davon wegzukommen.

Für die Dauer von einigen Minuten stand ihr Körper unter höchster Anspannung. Ihr schien, als würde sie von einer unsichtbaren Hand berührt, vor allem an Stellen, an denen sie sehr empfindlich war. Ihr Herz begann zu rasen und vor ihren Augen tanzten bunte Ringe. Eine Art Übelkeit brachte sie fast zum Erbrechen. Mit beiden Händen gegen die Wand gestützt, neigte sie sich vornüber und schöpfte tiefen Atem. Dann endlich wurde es besser. Diesmal würde sie nicht minutenlang unter eiskaltem Wasser stehen wie beim letzten Mal.

Erleichtert drehte sie den Wasserhahn zu, stieg aus der Dusche und rubbelte mit einem Handtuch ihre kurzen Haare trocken. Ihr Körper war in einen frotteeweichen Bademantel eingehüllt. Danach musterte sie sich kritisch im Badezimmerspiegel.

‚Morgen werde ich euch blond färben, vielleicht mit ein paar grasgrünen Strähnen drin‘, verordnete sie sich, wie so manches, was ihr ebenso schnell einkam, wie es wieder verschwand. Obgleich sie figürlich gut geraten war und ihre braunen Augen durchaus warmherzig wirkten, ja in manchen Momenten sogar erstaunlich ausdrucksvoll werden konnten, fand sie sich nicht sonderlich attraktiv. Ihre Lippen erschienen ihr zu wulstig und ihre Augen zu eng stehend. Außerdem waren ihre Brüste zu klein und ihr Hintern zu flach – Attribute, mit denen man bei Männern kaum punkten konnte, es sei denn, man verstand sich anzubiedern. Doch gerade das konnte sie noch nie. So etwas ließ ihr Stolz nicht zu. Schon deshalb würde sie wohl das Gefühl der großen Liebe, die angeblich jeden im Leben einmal trifft, niemals kennenlernen. Aber wer weiß, ob es so etwas überhaupt gab und wenn, wäre sie dafür wohl kaum geschaffen. Doch sie war deswegen nicht verzagt. Boy und die Natur entschädigten dafür, auch wenn ihre Sehnsucht freilich blieb.

Sie ertappte sich dabei, wie sie sich einen Kussmund zuwarf und von einer Erwiderung träumte. Weiche Lippen müssten es sein, unbedingt. Dazu das Stacheln von Bartstoppeln und jener typisch maskulinen Kombination von Zartgefühl und Dominanz, was einen ‚echten‘ Mann ausmachte. Bei dieser Vorstellung wurde ihr ganz flau. Ob es ihn gab, wusste sie freilich nicht. Doch wenn, würde sie es erkennen.

Aber was geisterte schon wieder durch ihren Kopf? Rasch vertrieb sie diese Gedanken und beschloss, sich ihrem Outfit zu widmen, selbst wenn unklar blieb, für wen. Mit dem Zeigefinger klopfte sie ihr Make-up ein und trug Lipgloss auf. Sogleich schnitt sie allerlei Grimassen, um sich aufzumuntern. Dann betrachtete sie bedrückt ihren linken Schneidezahn und beide Eckzähne, die etwas verwinkelt hervorstanden. Die Mutter hatte damals versäumt, für eine Zahnspange zu sorgen, nicht aus Nachlässigkeit, sondern Müßiggang, wie immer, wenn sie mit anderen Dingen beschäftigt war. Unter den Folgen litt Sina noch heute. Kurze Zeit später knipste sie die Halogenlampen wieder aus und verließ das Bad.

Trotzdem fühlte Sina sich in Ahlefeldt geborgen. Der Hof ihrer alteingesessenen Familie lag am Dorfrand. Zur Straße hin schloss eine Eibenhecke das Grundstück ab. Die Nachbarn waren weit verstreut und die nähere Umgebung weitgehend menschenleer. Manchmal war es schon beängstigend, in Notfällen auf sich selbst angewiesen zu sein. Ebenso bedrückte sie die Einsamkeit an den Feiertagen. Und doch hatte sie sich nach dem Tod der Eltern für dieses Leben entschieden – eigentlich ein Unding und doch wurstelte sie sich irgendwie durch. Etliche Male hatte sie sich von den Aufgaben und Pflichten erschlagen gefühlt, die ein solcher Besitz mit sich brachte. Aber wenn man sie fragte, wie sie das alleine schaffte, hob sie nur die Achseln.

Einige der Hektar Land hatte Sina dem Nachbarn Volker Grimmel verpachtet – eine gelungene Investition, denn der Boden war fruchtbar und die Erträge reichlich. Somit musste sie nicht auf Stellung in einen fremden Haushalt gehen. Schließlich hatte sie mit der Zeit alles nach ihren Bedürfnissen zurechtgerückt. Und für noch Fehlendes entschädigte Boy.

Vom Bistensee her erhob sich ein morgendliches Wehen. Der Wind streifte die Schilfufer und lief gen Osten übers Land. Die Landschaft träumte in berückender Wildheit vor sich hin. Dort, wo mit zerzaustem Fell die ruhenden Galloway-Rinder in den Gräsern des Extensivgrünlandes lagen und wiederkäuten, wich die Beschaulichkeit der Nacht. Am ewig schmatzenden Ufersaum putzten sich die Stockenten. Verfilzte Wiesen sträubten ihr Grasgefieder. Brombeerhecken überwucherten Zäune. Trollblumen, Klee und Knöterich sumpfdotterten den ersten Sonnenstrahlen entgegen und am Himmel flogen Wildgänse wie in einem Perlenstrang aufgereiht.

Nach dem Frühstück ließ Sina Boy hinaus. Sie streifte sich die Daunenjacke über und begab sich zur Scheune mit dem efeuumrankten Schiebetor, um ihr handwerkliches Tagwerk zu beginnen. Nachdem sie das Vorhängeschloss entriegelt hatte, zog sie ruckartig das Tor zur Seite. Während der Hund sofort schnüffelnd jeden Winkel der Scheune erkundete, ging sie zum Böckmann-Anhänger hinüber, zog die Plane zurück und begutachtete Volkers gestrige Fuhre. Diese bildete wieder einmal allerlei Sammelsurien, darunter eine Unzahl putziger Keramikzwerge, von manchen als Schnickschnack abgetan, für andere wiederum heiß begehrte Ware.

Sorgsam betrachtete sie die einzelnen Stücke und ließ ihre Finger prüfend darüber gleiten. Während sie die abgeblätterte und schwindende Farbe der Bartträger sachkundig inspizierte, stellte sie Prognosen über deren Restaurierung und spätere Preise an.

Diese Lieferung hatte ihr der Grimmel irgendwo im Osten, womöglich in Polen, ergattert, wo dieses Zeug billig zu haben war. Ob nun geklaut, ergaunert oder legal erworben, war ihr nicht wichtig. Voller Dankbarkeit nahm sie seine Hilfe an und war froh, somit zu einem kleinen Nebenerwerb zu kommen.

Mittlerweile hatte Volker die Sechzig schon weit überschritten und wirkte mit seinem stets blassen, eingefallenen Gesicht wie ein Hypochonder. Von Gestalt her war er eher schmächtig und klein. Darüber hinaus hatte er große, abstehende Ohren und anstelle einer Haarpracht einen schmalen grauen Haarkranz, der ihm zusammen mit seiner großen Brille etwas Gelehrtenhaftes gab. Längere Gespräche waren mit ihm nicht ratsam, weil er sich schnell in Nebensächlichkeiten verlor und dann kein Ende mehr fand. Wenn sich Sina dennoch hin und wieder dazu durchrang, dann weniger aus Gesprächslust als Notwendigkeit. Gab es doch oft genug Situationen, in denen sie auf seine Hilfe angewiesen war. Dabei zeichnete ihn eine erstaunliche Zuverlässigkeit aus und er knüpfte seine Hilfe auch niemals an Bedingungen.

So war er ihr zu einem guten Freund geworden, den sie nicht mehr missen mochte. Und obwohl er um seine Chancenlosigkeit wusste, beobachtete er sie in unbemerkten Momenten bisweilen mit sonderbar verklärten Blicken. Das fiel ihr immer wieder auf. Es war unschwer zu erraten, welche Qualen er dabei litt. Und doch kam das überhaupt nicht in Frage. Sie war ein für alle Mal kuriert, und schuld daran war ihr langjähriger Lebenspartner oder besser Lebenskünstler Ove Dagover, ein smarter Schönling, den sie einst zu lieben glaubte.

Er hatte sie nach fünfjähriger Beziehung Knall auf Fall wegen einer deutlich jüngeren Großstadtmieze sitzen gelassen. Dabei nannte er nicht mal einen Grund. Vielmehr meinte er lapidar, ein Mann in seiner Position, die zu großen Hoffnungen berechtigte, benötigte kreativen Freiraum. Was er damit meinte, wusste er wohl selbst nicht. Er war ohnehin in vielen Dingen sehr direkt und verkniff sich nicht einmal, sie ein ‚retardiertes Landei‘ zu nennen, und fand das auch noch originell. Damit spielte er auf Sinas Liebe zur Schlichtheit des ländlichen Lebens an. Dafür konnte er sich niemals erwärmen, trotz anfangs gegenteiliger Beteuerungen.

Diese hielten allerdings nur so lange, bis er in ihre vertraglich gesicherte Lebensgemeinschaft eingetragen war. Eine Frau wie sie verstehe zwar, zu arbeiten und zu kochen, von ihm aus auch zu putzen, könnte jedoch nicht wirklich seinen Ansprüchen genügen. Auch wenn er sich damit als schäbiger Egomane entlarvte, der nicht den Dreck unter dem Nagel wert war, kränkte es sie.

Aber genau genommen war ihre Trennung nur eine Frage der Zeit. Es war ihr schon immer schwergefallen, mit ihm zusammen zu sein, besonders in bestimmten Momenten. Nicht, dass sie sich nicht bemüht hätte. Im Gegenteil. Doch da war eine Hemmschwelle, die es ihr unmöglich machte, sich zu öffnen und nach seinen Wünschen zu reagieren.

Dabei hätte er das ohnehin nicht verdient, denn im Grunde war er ein komischer Vogel und durchaus nicht so gescheit, wie er immer tat. So zeigte er selbst bei einfachen Dingen oftmals erstaunliche Schwächen. Zudem hatte er zwei linke Hände. Seine Vita war auch nicht sonderlich berauschend. Nach einem abgebrochenen BWL-Studium jobbte er als Eventmanager, wo er zwar im Dunstkreis seiner zwielichtigen Kundschaft durch seine Aura zu beeindrucken verstand, doch im wahren Leben eine Niete blieb. Dort lernte er auch eine Menge fragwürdiger Leute kennen und mit ihnen die nötigen Finessen, andere über den Nuckel zu ziehen. Davon machte er auch reichlich Gebrauch und ruinierte manche redliche Seele.

Selbst ihre Mutter hätte um ein Haar mit dem ganzen Hof für irgendeine Luftnummer gebürgt, wäre Sina nicht im letzten Moment dazwischengegangen. ‚Was Du ererbest von den Alten, bewahre, um es zu vermehren‘. Dieser Spruch, der noch von Großmutter stammte, zierte nicht umsonst schon seit Jahrzehnten die Dielentür und hatte sich ihr eingeprägt. Dabei hätte Sina es besser wissen müssen, zumal habsüchtige Menschen immer untreu waren. Warum sie sich nicht schon damals von ihm getrennt hatte, vermochte sie bis heute nicht zu sagen. Aber irgendetwas musste er gehabt haben und sei es nur das unglaubliche Talent, seine Fehler als Vorteile zu verkaufen.

Seitdem scheute sie jeden männlichen Kontakt, wobei Volker die rühmliche Ausnahme blieb. Trotz seiner komischen Art verstand er es, sie mit belanglosen Scherzen aufzumuntern. Zwar musste sie ihm bisweilen gewisse Grenzen aufzeigen, doch das akzeptierte er stets widerspruchslos und nahm es auch nicht krumm. Glücklicherweise verschaffte ihr der kleine Nebenerwerb etwas Ablenkung. Dabei handelte es sich um ein durchaus lukratives Zubrot in Form der Restauration von Aussortierten, Abgesplitterten und Entliebten – kurzum entsorgter Gartenzwerge als Symbol romantischer Beschaulichkeit.

Sina nahm ein abgeblättertes Exponat aus dem Anhänger und betrachtete es explizit. Mittlerweile hatte sie sich getraut, auf den Kunsthandwerkermärkten ihre Schätze auszustellen. Verbissen hatte sie seitdem den Markt beobachtet, analysiert, recherchiert und fachkundige Menschen aus der Branche des Handels kontaktiert. Nachdem sie das Erfolgskonzept des Norderstedter Gebrauchtwarenkaufhauses Hempels gründlich studiert hatte, war sie fest davon überzeugt, dass ihre Vision von der Reanimation der ‚Alten Liebe‘ funktionierte. Der entscheidende Schritt in die Selbstständigkeit war vor ein paar Monaten durch eine Unterschrift in einem kahlen Verwaltungsbüro in der Kreisstadt gesetzt worden. Seither konnte sie tatsächlich eine kontinuierliche Umsatzsteigerung verbuchen.

Behutsam stellte sie die erste Figur auf die Werkbank, drehte die Zwingen des Schraubstockes auf und fixierte den ersten verwitterten Zipfelmützenträger. Sie streifte sich Einmalhandschuhe über und setzte Mundschutz und Schutzbrille auf. Wie immer begann sie die komplette Lieferung der in die Jahre gekommenen, zum Teil rissigen Figuren abzuschleifen und mit Wasserdruck zu säubern. Zum Trocknen bugsierte sie die Hohlkörper auf ausrangierte Baumwollbezüge. Dann nahm sie ihre Schutzkleidung wieder ab und entsorgte alles im Mülleimer.

Sina schaute auf die Uhr. Es war bereits weit nach eins. Hektisch stellte sie die letzten Arbeitsgeräte an ihren Platz, wusch sich die Hände und pfiff Boy herbei. An diesem Nachmittag war sie mit Tabea Blank verabredet, um eine Farbbestellung aus deren Töpferei in Westensee abzuholen. Ob es ein gutes Geschäft werden würde, musste sich erst zeigen. Vielleicht konnte sie ihr ja einige Tricks entlocken. Daher legte sie sich eine Strategie zurecht.

Sie kannte diese Frau nur vom Hörensagen. Angeblich war sie ein wenig seltsam und schon deshalb ein schwieriger Verhandlungspartner. Das tat aber ihrem Sachverstand für die nötigen Farbnuancen keinen Abbruch – eine Leidenschaft, die Frau Blank schon seit ihrer Kindheit fasziniert hatte und später zu einem lukrativen Geschäft entwickelte. Man behauptete sogar, sie könne Farben schmecken. Das war natürlich Unsinn und wurde nur zu Werbezwecken gestreut. Das schmälerte aber keineswegs ihr Talent.

Der Kontakt war über das Internet zustande gekommen, nachdem Sina auf vielversprechende Rezensionen gestoßen war. Demnach lag das Geheimnis des Erfolgs der Farben in der Qualität der Pigmentmischungen. Davon erhoffte sie sich nach der Restauration eine höhere Wetterbeständigkeit, was bessere Absatzzahlen versprach. Schon deshalb war eine Beratung vor Ort nötig.

Aber nun drängte die Zeit. Die Figuren mussten zügig bemalt und gebrannt werden. In drei Wochen begann die Auftaktveranstaltung im Süden des Landes. Sina schlang ihre Stulle hinunter, stürzte ein Glas Milch hinterher und griff eilig zum Autoschlüssel. Gleichzeitig trieb sie Boy zur Eile an. Bis zur Töpferstube südlich des Kanals benötigte sie mindestens eine Stunde. Während der dunkelgrüne Range Rover vom Hof rollte und Boy gesichert in seiner Transportbox saß, gab sie die Zieladresse ein.

Der Tag war feuchtkühl. Hochnebel hing in der Luft. Da sich das Wetter jetzt beruhigt hatte, die Zeit aber rannte, drückte Sina aufs Tempo. Pfeilschnell schoss der Wagen über die Piste …

Landwirtschaft 4.0

„Verdammte Schwarzkittel!“ Fluchend starrte Peter Reimers auf den Flurschaden im Maisfeld. Vom Trecker aus überwachte er die Ländereien in Kronsfelde. Er schaute grimmig aufs Jagdgewehr, das seitlich neben seinem rechten Knie stand. Ruckartig stellte Arko die Ohren auf und bellte. Mit geschwollener Brust betrachtete der Bauer seinen Hund in der Kabine der Zugmaschine. „Feiner Kerl“, murmelte er. Was für eine gute Idee von seiner Helga, ihm den Vorstehhund zum zwanzigsten Hochzeitstag zu schenken. Hin und wieder kam ihr auch mal ein Lichtblick, wenn auch nur selten. Aber dafür hatte sie ja ihn. Und wenn man bedachte, dass er es mit ihr nun schon so lange ausgehalten und nur ganze zweimal an Trennung gedacht hatte, war das schon eine Leistung.

„Na, was ist denn los, mein Großer“, sagte er und strich dem Jagdhund über den braunweißen Kopf. Aber dieser ließ sich nicht ablenken. Mit typisch vorgestrecktem Leib und angewinkelter Pfote visierte der Hund den Horizont an. Irgendetwas witterte das Tier, bloß was? Genervt versuchte der Landwirt, dessen Ziel auszumachen, was ihm allerdings nicht gelang. Am Himmel zog eine Gruppe Schleierwolken vorbei. Peters Sehkraft begann in letzter Zeit etwas zu schwächeln. Normalerweise trug er eine Brille, verzichtete aber aus Eitelkeit darauf. Lieber rieb er sich einmal mehr die brennenden Augen, selbst wenn diese schon karnickelhaft gerötet waren.

Vom Äußeren her war er ein Mann aus echtem Schrot und Korn, der mit seinem Gardemaß von strammen 190 cm und guten 120 Kilo Lebendgewicht schon als hünenhaft galt. Und obwohl er die Fünfzig bereits überschritten hatte, wirkte sein Gesicht ungewöhnlich weich. Und wären nicht die grauen Schläfen und die Kniescheibe am Hinterkopf, würde man ihn tatsächlich zehn Jahre jünger schätzen.

Allerdings ließen ihn seine bisweilen erstaunliche Sensibilität und Rührseligkeit beinahe mimosenhaft wirken, was mit seiner wuchtigen Erscheinung absolut nicht harmonierte. Man wird es kaum glauben, aber dieser grobschlächtige Kerl gebärdete sich manchmal wie ein Kind. Ging mal etwas nicht nach seinem Willen, kam er schnell ins Jammern, selbst bei nichtigsten Anlässen. Folglich war er oft launisch und nur schwer zu ertragen. Das machte ihn nicht unbedingt beliebt. Aber darauf pfiff er, wie auf jede Kritik.

Jetzt widmete er sich wieder der Saatmaschine und dem 255 PS starken John Deere, sein ganzer Stolz. Da konnten Leute wie Jarmers oder Birger mit ihren vorsintflutlichen Krücken nicht mithalten. Die Welt war schon ungerecht, schoss es ihm angesichts ihrer dummen Gesichter durch den Kopf, als er sie vor einigen Monaten mit diesem neuen Gefährt schockiert hatte. Dabei war das keineswegs beabsichtigt, sondern eher beiläufig geschehen. Erwartungsgemäß stellten sie auch keine Fragen, so dass Peter von sich heraus erzählen musste, natürlich nur beiläufig und im Ton eines gewissen Verständnisses. Zur Finanzierung hingegen machte er keine Angaben. Von wegen Reimers schneidet nur auf und kriegt nichts auf die Reihe! Das sollten sie erst mal nachmachen.

Aber es gab Wichtigeres. Erst letzte Nacht weckte ihn sein Smartphone. Es war gegen drei Uhr, als er schlaftrunken nachguckte, ob irgendetwas im Geflügelstall nicht stimmte. War die Temperatur abgefallen? Oder streikte die Lüftung wieder einmal? Völlig relaxt hatte er daraufhin den Computer neu gestartet und alles war wieder paletti. Von solchem Luxus konnten diese beiden Pappnasen nur träumen. Aber er wollte sie damit nicht auch noch quälen. Schließlich hatte der Bauer ganz andere Probleme.

Sein Schnuckelchen Helga zeigte sich in letzter Zeit etwas unlustig, obgleich er ihr erst jüngst ein paar neckische Dessous geschenkt hatte. Auch wenn das freilich nur Fassade war, weil es nun mal dazu gehörte, hätte man doch wenigstens etwas Dankbarkeit erwarten können. Stattdessen hatte sie ihn angeschaut, als habe er nicht alle Tassen im Schrank. Sollte wirklich nach über zwanzig Ehejahren nicht mehr drin sein, nur weil er seinen ehelichen Pflichten sehr schleppend nachkam? Sie wusste doch, dass der Grund dafür in einer Anomalie seines Gemüts lag. Er war eben, wie er war, impulsiv, cholerisch und für Sinnlichkeit nur schwer empfänglich. Entweder ganz oder gar nicht, war seine Devise. Alles dazwischen war nicht sein Ding. Und nun vermasselte sie ihm dieses letzte Vergnügen noch durch ihre zunehmend abweisende Art, so dass nicht mal mehr ein kleines ‚kille, kille‘ drin war.

Hinzu kam eine weitere, noch weitaus schlimmere Angst. Obwohl das Vieh schon lange auf Spalten stand und die Säuberung ein Kinderspiel war, bot das noch lange keine Garantie vor epidemischen Seuchen. Selbst die antibiotischen Substanzen im Futter waren für ihn nur Drops, womit sich die Pharmaindustrie eine goldene Nase lutschte.

Er würde es nicht überleben, sollte sein Hof deswegen zu Grunde gehen, denn dafür hatte er zu viel investiert. Und wie klein hatte er doch angefangen, so klein, dass ihn die Dorfältesten zu Beginn gar nicht sahen. Selbst am Stammtisch im Dorfkrug beim Stiefeltrinken wurde er nur geduldet und man amüsierte sich oftmals auf seine Kosten. Mittlerweile hatte sich das geändert. Nun machte er die Witze.

Gehörte er doch längst zu jenen Newcomern, der in Ranzel einen Betrieb mit 300 Hektar Ackerland und rund 20000 Geflügelvögeln, wie Hühner, Gänse, Puten und Enten bewirtschaftete und kleinere Höfe gnadenlos an die Wand drückte. So was nannte man ‚New Age Generation‘. Oder anders ausgedrückt: Aus Laptop-Landwirten bestehende Lumpenhunde, die den Markt abzockten und anderen gegenüber stets den besseren Schnitt machten. Denn in der modernen Landwirtschaft wurde Muskelkraft längst durch Roboter ersetzt und Peilsender erstellten Daten über die Bodenbeschaffenheit von Agrarflächen. Ebenso gaben Computer einen Überblick über den Gesundheitszustand der Tierbestände. Programme schrieben Futterpläne. Es folgte die filigrane Steuerung der Antibiotikagabe; sowie der suboptimale Einsatz von Desinfektionsmitteln. Sensoren steuerten die Aussaat und maßen die Feuchte der Ernte und so weiter.

Per Smartphone hatte Reimers jederzeit Zugriff auf das Netzwerk, wo er Temperatur, Licht und Wärme korrigieren konnte. Diese Digitalisierung war der aktuelle Höhepunkt einer jahrzehntelangen Entwicklung in der Landwirtschaft. Darüber hätte er mittlerweile promovieren können. Das hatte mit dem herkömmlichen Bild von dampfenden Misthaufen, grunzenden Schweinen, herumpickenden Hühnern und einem Kälbchen bei seiner Mutter nichts mehr zu tun. Derzeit bezeugten die hochspezialisierten Leistungsbetriebe das Ergebnis eines massiven Strukturwandels, welches eine anhaltende Landflucht seit Jahren verursachte.

Inzwischen hatte sich Arko heiß aufgespult. Genervt angelte Peter Reimers den Feldstecher aus der Ablage heraus. Während sein 225 PSler weiterhin autark über den Acker rollte, fixierte der Bauer den gegenüberliegenden Knick. Plötzlich durchfuhr ihn ein Schreck. Unweit des Knicküberhanges entdeckte er einen toten Storch. ‚Die Vogelgrippe‘, durchzuckte es ihn. Sofort trat er auf die Eisen und schoss mit seinem Smartphone eine Serie von Bildern. Zuerst fotografierte er den Kadaver. Danach zwei weitere Störche, die auf dem benachbarten Brachland nach Nahrung suchten.

Angewidert spie er aus. In diesem Zusammenhang verfluchte er den großmäuligen und dilettantischen Nachbarn Georg Sündermann, der es nicht einmal für nötig erachtete, seine Felder zu kontrollieren. Anstatt diese vernünftig zu bestellen, kassierte der Lump gesponserte Euromoneten. Mit einer ordentlichen Drainage und sinnvoller Flächennutzung hätten die Vögel sich kaum hier niedergelassen. Doch nun hatte Peter den Salat! Oh, wie gönnte er diesem Müßiggänger, dass seine Alte erst vor kurzem mit einem Jüngeren durchgebrannt war. Leider ergab sich daraus plötzlich eine andere Konstellation.

Da Georg Sündermann seine Kaschemme mit den glotzenden Milchkühen nicht mehr alleine schmeißen konnte und sein Sohn Rolf wegen notorischer Unfähigkeit keine zukunftssichere Perspektive bot, hielt Sündermann Senior nach neuen Partnern und Pfründen Ausschau. Die neuartige Offenstallhaltung konnte das beileibe geldlich nicht rausreißen. Sündermann würde schon bald in Insolvenz gehen. Dafür verwettete Reimers seinen Arsch.

Normalerweise würde ihn das nicht weiter tangieren, denn bei ihm brauchte er nicht anzuklopfen. Doch ausgerechnet Sündermanns Sohn Rolf schickte sich neuerdings an, Peters einzige Tochter Viktoria zu umschmeicheln, und diese zeigte sich nicht mal abgeneigt. Ja, war sie von allen guten Geistern verlassen? Dieser Typ besaß nichts, was einen Mann auszeichnete. Zudem war er ein launischer Dummschwätzer und ewiger Besserwisser, der sogar schon gewagt hatte, ihm Vorschriften zu machen. Man stelle sich nur vor!

Dabei lebte dieser Kerl aus unerfindlichen Gründen in der irrigen Annahme, irgendwann einmal ein Vermögen zu übernehmen, und spielte sich auch so auf. Und dieses bornierte Geschwafel vom Hochseeangeln, welches er an den Wochenenden pflegte. Dem müsste man dringend den Weidezaun zurückstellen. Mit anderen Worten, man konnte sich keinen größeren Lackaffen vorstellen als diesen prolligen Baggy Pants-Träger mit absurden Ohrtunneln.

Was musste Peter noch ertragen? Wütend ballte er die Faust. Dabei hätte sein Liebling wahrlich Besseres verdient, wie zum Beispiel den jungen Max-Tarde Mommsen. Zwar war er manchmal etwas begriffsstutzig. Auch verkörperte er mit seinen abstehenden Ohren und den vielen Sommersprossen nicht gerade einen Dressman. Dafür besaß seine Familie den größten Milchhof der Umgebung, der eine gute Partie versprach. Hinzu kam, dass er an einem Tag ein ganzes Feld mähen konnte, ohne gleich schlapp zu machen. Wiederholt hatte Peter eine Vermittlung angestrebt und einmal sogar ein Treffen arrangiert. Doch irgendwie wollte der Funke nicht überspringen. Nicht dass Max-Tarde zu dusselig war, er stellte sich vielleicht nur etwas ungeschickt an.

Das versuchte er seiner Viki im Anschluss zu erklären. Aber sie wollte davon nichts hören. Ihr einziger Kommentar dazu lautete: „Ich lasse mich nicht verkuppeln!“. Das musste erst mal verdaut werden. Als ihm daraufhin der Kragen platzte und er ihr aufzählte, was ihm an diesem Heißsporn Sündermann Junior missfiel, nannte sie ihn einen Spießer. Schließlich würde sie bald dreißig und könne in solchen Dingen allein entscheiden. Rolf wäre der Mann ihres Lebens, gefolgt von weiterem Unsinn wie Liebe und so ’n Zeug.

Offenbar wusste sie nicht, was sie da schwatzte. Liebe war etwas Edles und Gutes, das nur jemandem zustand, der sie auch verdiente. Doch davon konnte bei diesem Vogel keine Rede sein. Er hatte sich doch nur in ihr Herz geschmeichelt, weil ihr elterlicher Hof ihm eine gute Option versprach. Nur erkannte sie das nicht. Daher war es seine väterliche Aufgabe, Viktoria vor diesem Unglück zu bewahren. Natürlich waren schon deshalb kleineren Reibereien zwischen Rolf und ihm programmiert.

Entnervt rieb er sich die Augen. „Braver Hund“, murmelte er und tätschelte Arko, allerdings, um sich in erster Linie selbst zu beruhigen. Dann nahm er das Fernglas wieder auf und fixierte erneut den Knick. Doch was war das?

Am dortigen Straßenrand parkte ein dunkelblauer Audi. „Da wollen wir doch mal sehen, du Möchtegern, was du dort treibst!“, raunte er aufgebracht, als er einen gelackten Mantelträger erblickte. „Na, offenbar ein neunmalkluger Städter, der uns erklären will, dass Möhren nicht auf Bäumen wachsen.“ Arko spitzte derweil seine Ohren. „Das darf doch nicht wahr sein! Besitzt dieser Kerl tatsächlich die Frechheit, irgendwelchen Müll ins Unterholz zu werfen. Verdammtes Umweltschwein! Dafür wirst du blechen.“ Sofort zoomte Peter mit seinem Smartphone alles beweiskräftig heran und drückte auf den Auslöser.

„Das war’s, mein Freund“, frohlockte er in boshafter Freude. „Aus dieser Nummer kommst du nicht mehr raus. Die Preise für solche Sauereien sind bekanntlich gepfeffert.“ Eine Nachschau im Viewer ergab eine gelungene Aufnahme. Selbst das Kennzeichen war zu erkennen. Doch was zum Teufel tat dieser Kerl jetzt? Nachdem sich dieser Bursche seelenruhig zum Wagen zurückbegeben hatte, zog er plötzlich etwas aus dem Mantel, das wie eine Pistole aussah, und zielte auf den Trecker. Fast war Peter geneigt, den Kopf einzuziehen, denn das sah verdammt entschlossen aus. Gott sei Dank blieb es bei dieser Trockenübung. Kurz darauf stieg der Typ ins Auto und fuhr los.

Reimers Gesicht war eine einzige Frage. Der Bursche konnte unmöglich bemerkt haben, dass er gefilmt wurde. Dafür war der Bauer zu weit weg. Und doch stellte es sich so dar. Es war eine Pistole und er glaubte nicht, dass die nur Wasser verspritzte. Dieser Bursche schien überhaupt ein komischer Vogel gewesen zu sein. Wie albern der über den Feldweg gestakst war, nur um sich die Schuhe nicht zu beschmutzen. Der stammte garantiert nicht von hier und das HH-Kennzeichen musste auch nicht stimmen. Womöglich war das ganze Auto geklaut. Wie dem auch sei, hier stank etwas. Peter fühlte es.

Nun gut, hier liefen viele komische Typen rum. Außerdem war es nicht verboten, eine Waffe durchzuladen. War es am Ende ein Sportschütze, der eine Zielübung machte? ‚Vielleicht sollte ich in Zukunft nicht so viele Krimis gucken‘, dachte Reimers und kratzte sich am Kopf. Er hatte schon einige Male irgendwelche Leute beargwöhnt, ohne dass sich auch nur der Funke eines Verdachtes bestätigte. Das musste an seinem angeborenen Misstrauen liegen, der aber wiederum seinen späteren Erfolg untermauerte. In diesem Fall wartete er lieber eine Weile, bis sich der Audi entfernt hatte.

Als die Luft rein war, schritt er zur Tat. Flugs klappte er das Kabinenfenster auf, legte das Gewehr an und visierte in Richtung Brachland. Dann ballerte er los und durchsiebte einen dort stehenden Storch, worauf sofort eine Federwolke aufstob. „Volltreffer!“

Um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern, hielt es Peter für legitim, auf diese Weise zur Selbsthilfe zu greifen, selbst wenn das verboten war. Er zielte erneut und drückte ab. Einen weiteren Storch streiften die Schrotkugeln beim Auffliegen. Erst mit einem erneuten Schuss erwischte er ihn richtig. Zufrieden riss der Bauer die Treckertür auf und befahl einen Apport. Nicht, dass es ihm Freude machte. Er liebte Vögel, allem voran Störche. Aber wer konnte schon sagen, welches Tier infiziert war? Im Zweifelsfall musste man alle plattmachen, selbst wenn das gewisse Politiker in diesem Land nicht verstanden und die Bekämpfung solcher Seuchen nur sehr halbherzig angingen. Kurz darauf fuhr der Trecker wieder an.

Am Knick des Feldweges angekommen, stoppte Reimers das Gefährt. Beim Aussteigen streifte er sich routiniert Arbeitshandschuhe über. Prüfend betrachtete er seine Jagdtrophäen und schmiss diese auf den Frontlader. Danach pfiff er kurz und Arko kam apportierend herbeigeeilt. „Feiner Kerl“, lobte sein Herrchen, „wenigstens einer, auf den ich mich verlassen kann.“ Erregt stand der Hund wie eine Eins vor der Beute und kläffte. Peter warf jetzt den dritten Storch ebenfalls auf den Frontlader. „Nun haben wir den gesamten Müll. Na komm, auf geht’s, mein Bester.“ Dann ließ er Arko aufspringen und fuhr weiter.

Vorübergehend öffnete sich der Himmel und die Sonne stand wie eine Wand vor ihm. Zwei, drei Sekunden später verschwand das Schauspiel wieder. Die Gedanken des Bauern wanderten jetzt zum Hof zurück. Schon sah er Töchterchen Viktoria im klimatisierten Büro agieren. Von dort würde sie professionell über augenfreundliche Bildschirme alle Ställe überwachen und die Abläufe kontrollieren.

Nur, wie sollte diese Null von Rolfi ihr dabei behilflich sein? Der hatte doch nicht für ’n Fünfer Ahnung und besaß zudem zwei linke Hände. Was hatte sie bloß an diesem Typen gefressen? Der konnte ihr gar nichts bieten, außer ständig dämlichem Gequatsche über allerlei politischen Kram. Und doch musste er sie damit beeindruckt haben, denn so, wie er theoretisierte, klang das ja alles recht passabel. Nur wenn man tiefer nachfragte und etwas äußerte, was nicht in seine Weltsicht passte, wurde er schnell fahrig. Kurzum, er war ein typischer Schwätzer, der einen Querdenker wie ihn nicht ertrug. Schon deshalb war eine dauerhafte Reibefläche zwischen ihnen programmiert.

Im Übrigen war das alles gar nicht der Rede wert und Reimers ärgerte sich, wieso sich dieser selbstüberschätzende Kerl schon wieder in seine Gedanken drängte. Dieses Jüngelchen in seinem 80-Kilo-Muskelpanzer war mit seinen 24 Lenzen noch ganz grün hinter den Ohren. Zudem hatte er nichts Ordentliches gelernt, worauf man bauen konnte. Was war schon ein Politikwissenschaftler? Nicht mehr als ein Currywurstbrutzler oder Katalogverkäufer! Besorgt zog Reimers seine Stirn kraus.

Und wenn es schon nicht mehr zu verhindern war, blieb nur zu hoffen, dass er wenigstens einen ordentlichen Stammhalter zustande brachte. Den Namen Reimers würde Viktoria selbstredend behalten. Da gab es gar keine Diskussion, und wenn das Rolfi nicht passte, konnte er ja gehen. Was den unvermeidlichen Schwiegervater in dieser Sache betraf, sollte er sich bloß nicht einbilden, durch diese unselige Verbindung auch nur einen Fuß in Peters Geschäfte zu bekommen. Reimers hatte noch nie gern geteilt und schon gar nicht mit dem. Die Erfahrung im Mastbetrieb und das Strecken und Verkaufen von gebeizter Saat nach Übersee deklarierte er ohnehin zur Chefsache. Darin war er ein Fuchs. Schließlich verlangte sensibles landwirtschaftliches Agieren mehr als ein Tannenbaumstecken.

Kurz vor seinem Hof lenkte der Bauer den Trecker in Richtung der Hünengräber. In diesem Schutzgebiet verklappte Reimers die Kadaver. Hier durchwühlte niemand den Boden. Das verbot das Gesetz. ‚Töchterchen muss noch viel lernen, wenn sie mal alles übernehmen will.‘ Mit diesem Gedanken wendete er den Trecker. Der Platz an der Sonne musste erkämpft werden! Schmarotzer würden nicht geduldet! Davon gab es genügend, die sich nicht zu schade waren, für ein Butterbrot die größte Dummheit zu begehen, nur weil sie für einen redlichen Broterwerb zu faul waren. Allen voran Schmierfinken vom Schlage eines Rolf Sündermann. Womöglich musste Peter künftig noch aufpassen, was er sagte. Aber das wäre ja noch schöner. Schwiegersohn hin oder her – eher jagte er ihn achtkantig vom Hof.

Dabei hatte ihn seine Helga wiederholt ermahnt nicht so grob zu Rolf zu sein. „Du hast dich seinerzeit auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als du meinem Vater etwas von Mastzucht erzählen wolltest und dabei die Begriffe verwechselt hast“, warf sie ihm vor. Das war natürlich Unsinn, weil das eine ganz andere Zeit war; und überhaupt waren das ganz dumme Gedanken.

„Feierabend“, tönte der Bauer und bog auf die Landstraße ein. Vergnügt trommelten seine Finger auf das Lenkrad. Verlässlich rollte die Kraftmaschine vom Feld auf die Straße. Beim Einfahren in den Kreisel des Dorfes schnitt ihn plötzlich ein dicker Daimler. Eine solche Frechheit konnte nur von dem Einen kommen: Sündermann! Nicht mal einen Gruß hielt der für nötig. Dem würde er schon noch Manieren beibringen, denn er kannte einen alten Haudegen wie Peter Reimers noch lange nicht.

Die Töpferstube

„Nein, das ist doch …!“ Sina zog das Lenkrad nach rechts und konnte im letzten Moment einem frontal entgegenkommenden Fahrzeug gerade noch ausweichen. Ihr Wagen kam dabei derart ins Schlingen, dass er sich zu überschlagen drohte. Nur knapp konnte sie ihn abfangen und stieß zu allem Unglück mit dem Kopf gegen das Steuer. Ihr Fuß stand auf der Bremse und nach einer halben Ewigkeit kam der dunkelgrüne Range Rover endlich zum Stehen.

Wo kam der denn so plötzlich her? War der lebensmüde? Durch den Rückspiegel schaute sie ihm noch nach, konnte aber nicht mehr das Kennzeichen erkennen. „Vollidiot!“, rief sie ihm hinterher. Mit rasendem Puls registrierte sie, wie die Rücklichter eines dunkelblauen Audi Avant hinter der nächsten Kurve verschwanden. Sodann sah sie in den Spiegel und bemerkte die Rötung an ihrer linken Stirn. Das würde eine dicke Beule geben. Fahrig kramte sie ihr Smartphone aus der Handtasche hervor und drückte kühlend die Glasfläche auf die schmerzende Stelle. Dann schaltete sie die Warnblinkanlage ein.

Gott sei Dank war Boy unverletzt. Er saß im Fangkorb und hechelte. Wütend stieg Sina aus und besah sich den Schaden: Der linke Außenspiegel war von der Karosserie abgerissen und lag jetzt sicherlich irgendwo da hinten. Sie taumelte einige Meter zurück. Schließlich konnte sie ihn am Straßenrand ausfindig machen. Als sie ihn jedoch näher betrachtete, stellte sie fest, dass es nicht ihrer war. Er gehörte zum blauen Audi. Die Bruchstellen waren noch frisch und vor allem ziemlich markant. Daran wäre jederzeit eine Zuordnung möglich. Also steckte sie ihn ein.

‚Wenigstens hast du auch was abbekommen‘, dachte sie mit einer gewissen Genugtuung, obwohl sie es noch immer nicht recht verstand. Das hätte böse enden können. Dabei lag gar kein Grund vor, sie derart scharf zu schneiden. Die Straße war frei gewesen und sie hatte niemanden behindert. Entweder war der Kerl besoffen oder stand unter Drogen. Der eigene Spiegel hingegen blieb verschwunden.

„Sonntagsfahrer!“ Fluchend stampfte sie zum Rover zurück und stieg ein. Ihren mittlerweile aufgeregt bellenden Mops steckte sie ein paar Leckereien zu und sagte ihm ein paar liebe Worte. Dennoch haderte sie mit sich. Schließlich schaltete Sina die Warnblinkanlage aus und fuhr weiter. Fahrig strich sie sich eine Strähne aus der Stirn. Einen Moment später bog sie auf die Hauptstraße ab und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein.

Der Schreck saß ihr noch lange im Nacken. Dabei war sie bis jetzt euphorisch gewesen, nachdem sie einige Gartenzwerge von Volkers frisch geliefertem Nachschub in eine große Reisetasche gepackt hatte und dazu einige fertig restaurierte Exponate der letzten Wochen. Sie war überzeugt, diese Frau Blank damit zu beeindrucken. Gott sei Dank war alles heil geblieben. Das hätte noch gefehlt. Am heutigen Tage war der Termin fest eingeplant. Nichts war für ein Geschäft tödlicher als Unpünktlichkeit.

Gleichwohl war ihr auch ein wenig mulmig zumute. Eilte dieser Frau Blank doch der Ruf eines schwierigen Charakters voraus. Demnach galt sie als verschroben und eigensinnig. Einige behaupteten sogar, sie habe einen Sprung in der Schüssel. Dennoch blieb unstrittig, dass sie als Expertin für Nostalgie-Design einen ausgezeichneten Ruf genoss. Wen interessierte daher solches Geschwätz!

Sina schaute auf die Uhr und erschrak. Ganze zwanzig Minuten hatte sie verloren. Die galt es jetzt wieder aufzuholen. Daher drückte sie auf die Tube. Boy schlief derweil.

Hinter der nächsten Kurve in Ostenfeld leuchtete unvermutet das signalrote Haltelicht eines Bahnüberganges und die Schranken senkten sich zügig hinter dem Andreaskreuz. Diesen Übergang hatte sie eigentlich noch schaffen wollen. Sina reihte sich in die wartende Autoschlange, stellte den Motor aus und bemerkte vor sich einen Fiat Panda mit einer gehäkelten Klorolle in der Hutablage. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Öffnungsphase nur sehr kurz war. Wenn ihr Vordermann nicht aus dem Knick kam, könnte es knapp werden.

Der Zug kam aus Richtung Rendsburg und hielt unmittelbar am nahegelegenen Bahnsteig. Als sich die Schranke klirrend hob, hätte sie diese Pappnase im Panda am liebsten angeschoben. Aber Gott sei Dank kam sie mit rüber. Nun konnte sie wieder Zeit gutmachen. Bald darauf bog der Rover in der Ortschaft Westensee ein.

Nun brach die Sonne endgültig durch die Wolkendecke. Von den Gletschermassen der Eiszeit geschliffen, von der Quelle der Eider gestempelt und vom Wetter geprägt, blätterte sich die Schönheit des östlichen Hügellandes vor ihr auf. Das tat ihrer Seele gut.

Zur Linken fuhr sie an der mittelalterlichen Catharinenkirche vorbei, die auf der Rückseite mit der Sakristei und der Ahlefeldtschen und Bosseer Kapelle erhaben auf ihren Feldsteinen thronte. Selbst eine jahrelang schwelende Fehde um dieses prestigehafte Gotteshaus konnte dem ehrwürdigen Gebäude nichts anhaben. Raubrittertum, dänische Ahnen, Wallfahrtsort, einen angeblichen Goldschatz, der Pest und einer mutwillig gelegten Brandstiftung zum Trotz, leuchtete die Kirche mit silberner Turmspitze weit über das Land. Sina nahm sich vor, Heiligabend am Gottesdienst teilzunehmen. Laut Volkers Tipp bestach die Zeremonie durch das minutenlange Glockenläuten in die Weihnachtsnacht hinein. Allein bei dem Gedanken überzog sie eine Gänsehaut.

Konzentriert starrte sie auf den abschüssigen Weg, schaltete in den zweiten Gang und fuhr in Richtung Ortsmitte. Sina beobachtete eine ältere Dame, die mit der rechten Hand ihren schwarzen Pudel an einer roten Leine führte, mit den Fingern der Linken ihren Lodenmantel vor der Brust zusammenhielt und auf den ortsansässigen Kaufmann zu tippelte. An der nächsten Kreuzung wies ein Schild in Richtung Töpferkunstgalerie. Langsam holperte ihr Rover über das Kopfsteinpflaster der Straße ‚Im Wiesengrund‘ dem ersehnten Ziel entgegen.

Dort parkte sie am Grünstreifen, stieg aus und besah sich nochmals den Schaden. Alsbald erlöste sie den quengelnden Mops aus der Transportsicherung und setzte ihn auf den Boden. Sofort schnüffelte er los und platzierte seine Duftmarke an den nächstgelegenen Busch. Dann hängte sie sich ihre Handtasche über, nahm Boy auf den Arm und mit der anderen Hand die Tasche mit der Verhandlungsware. Danach begab sie sich zu dem kleinen, unscheinbaren, ein wenig windschiefen Haus, das mal wieder einen Farbanstrich vertragen konnte.

Boy kläffte, als sie ihn an der Haustür herunterließ, und verriet somit ihre Ankunft. Noch bevor Sina den Klingelknopf drücken konnte, wurde die Tür geöffnet. „Guten Tag, Frau Blank. Sina Brodersen mein Name. Wir waren um fünfzehn Uhr verabredet“, begrüßte sie die Hausherrin und überspielte mit einer forsch entgegengestreckten Hand ihre Nervosität.

„Aja. Kommen Sie nur herein“, erwiderte die grauhaarige Dame mit dem dunkelblauen Arbeitskittel und einer altmodischen Haarklammer über der Stirn. Sie machte eine einladende Geste. Wortlos schritt die Töpferin vorweg und führte ihren Gast in das nostalgisch eingerichtete Wohnzimmer.

Dieses war zu Sinas Verwunderung neben allerlei antiquiertem Mobiliar mit einem Übermaß an Plüschtierchen, gehäkelten Deckchen und sonstigen Nippsachen aus Porzellan und Plastik vollgestellt, oder genauer gesagt: vollgemüllt. Frau Blank musste gar einige dieser Teile beiseiteräumen, um einen Stuhl freizumachen. Überraschenderweise prangten einige passable Gemälde an den Wänden, allerdings schief und verstaubt. Alles in allem war es so bedrückend eng, dass Sina erste Anzeichen ihrer Klaustrophobie bemerkte. Diese äußerten sich in kaltem Schweiß und leichtem Zittern. Nervös knibbelte sie an den Fingernägeln.

Sie nahm mit sichtlichem Unbehagen Platz, wobei sie sofort bemerkte, dass die Hausherrin ihrem vorauseilenden Ruf durchaus gerecht wurde. Sie wirkte überaus pedantisch und untermalte ihr Reden mit sonderbaren, völlig überflüssigen Gesten. Ihr Gesicht hingegen schien angenehm, wobei man ihr die Sechzig noch nicht ansah. Ihre Haut war noch jugendlich straff und wies lediglich an der Augen- und Mundpartie einige Fältchen auf. Allerdings verbreitete sie eine große Unruhe, indem sie sich ständig umsah, unkontrollierte Verrenkungen machte und hin und wieder mit dem linken Mundwinkel zuckte.

Auch schien sie es mit der Reinlichkeit nicht besonders genau zu nehmen. So entdeckte Sina sofort einige größere Flecken auf der schon bejahrten Couch. Weiterhin roch es ziemlich stark nach kaltem Rauch und feuchter Wäsche. Am meisten jedoch störten sie die langen, dunklen Spinnweben in den Ecken. Alles wirkte düster und altbacken. Außerdem dämpften die trüben Scheiben das Tageslicht merklich. Das war schon sehr befremdlich.

Sina hob den Mops auf ihren Schoß. Ihr missfiel, dass die Gastgeberin sofort das Wort ergriffen hatte und unentwegt von Dingen schwatzte, die mit ihrem Besuch nur wenig zu tun hatten. Das war typisch für Leute, die unter chronischem Gesprächsmangel litten und nun die Gelegenheit ergriffen, alles Mögliche loszuwerden. Vor allem, was niemanden interessierte. So beklagte die Alte unter anderem die Folgen der jüngsten Maul- und Klauenseuche, schimpfte auf den Landarzt, der anscheinend seine Praxis nicht in Griff habe, und landete schließlich beim Jahresallzeithoch des Wasserstandes des Nord-Ostsee-Kanals und der damit verbundenen Schleusenproblematik. Kurzum, sie redete reichlich durcheinander, was sofort ein merkwürdiges Empfinden in Sina auslöste. Erst nach und nach gelang es ihr, das Gespräch, oder genauer, den Monolog dieser offenbar etwas überspannten Dame in die notwendige Richtung zu lenken.

„Sie kommen also wegen der Gartenzwerge“, meinte die Töpferin schließlich und sah ihren Gast verschmitzt an. „Und in dieser Tasche sind die Exemplare, die Sie mir zeigen wollen!“ Doch bevor Sina etwas erwidern konnte, machte Frau Blank einen erneuten Schlenker. „Was ist denn das für ein Hund? Ist das überhaupt einer? Der sieht so komisch aus!“ Mit einem Ausdruck des Unwillens wies sie auf Boy, der achtsam auf Sinas Schoß saß und die Töpferin fortwährend anknurrte. „Beißt der etwa? Kriegt der überhaupt Luft, so wie der aussieht?“

„Wo denken Sie hin, Frau Blank! Das ist Boy, mein Mops. Natürlich kriegt er Luft. Schließlich ist er ein ‚Freiatmer‘!“

„Ein Freiatmer?“, wiederholte sie erstaunt und zog ein langes Gesicht. „Was es alles gibt!“

„Und stellen Sie sich vor. Er ist das liebste und treueste Wesen auf der ganzen Welt“, versicherte Sina sogleich. „Und ich kann Ihnen versprechen, er ist völlig harmlos. Allerdings nur zu guten Menschen. Er spürt das nämlich.“

„Na, dann muss ich mich ja vorsehen, bei meiner wilden Natur, hahaha“, scherzte die Hausherrin und wusste wohl selbst nicht, worüber sie lachte. „Darum knurrt er auch so. Verstehe!“ In diesem Augenblick erhob sich Boy und bellte. Anscheinend spürte er die Antipathie dieser Frau.

„Er hatte heute einen schweren Tag“, sagte Sina zu seiner Verteidigung.

„So so. Nun ja, jetzt sind Sie ja hier und das ist schön“, bemerkte Frau Blank. „Sie müssen wissen, dass ich seit dem Tod meines Mannes alleine bin und manchmal schon mit den Wänden rede. Wissen Sie, wie es ist, von ihnen erschlagen zu werden?“

„Sie meinen, von den Wänden?“, fragte Sina irritiert.

„Nein! Von denen, die durch die Wände kommen. Plötzlich sind sie da und reden mit einem, ohne dass ich sie sehen kann. Mit jemandem zu reden, den man nicht sehen kann, ist sehr schwierig. Obwohl ich das öfter tue, kann ich mich nicht daran gewöhnen. Ist das nicht komisch?“

„Durchaus nicht“, erwiderte Sina und rutschte nervös auf ihrem Platz herum.

„Das sagen Sie doch nur, um mich zu beruhigen“, folgerte die Hausherrin und sah sie scheel an.

„Warum sollte ich?“

„Weil Sie jetzt denken, ich habe nicht alle Tassen im Schrank! Das denkt nämlich jeder, sobald ich davon anfange! Aber ich sage Ihnen, es gibt sie! Sogar in diesem Raum!“ Sie schaute sich ängstlich um.

„Wen meinen Sie mit ‚sie‘?“, wagte Sina nachzufragen.

„Wenn Sie das erst fragen müssen, haben Sie es nicht begriffen.“

Sina zog ratlos die Augenbrauen bis zum Nonplusultra, denn sie hatte in der Tat kein Wort verstanden. Ohne dieses Rätsel zu lösen, wurde Frau Blank mit einem Male überaus geschäftig.

Sogleich begab sie sich zu einem linksseitig an der Wand befindlichen Regal, setzte ihre Brille auf und begann es zu durchwühlen. Nachdem sie eine Mappe herausgezogen hatte und darin zu blättern begann, kramte sie schließlich Sinas E-Mail-Anfrage hervor. Rasch vergewisserte sie sich noch einmal ihres Anliegens und kam erstaunlich schnell zur Sache. „Frau Brodersen aus Ahlefeldt also. Interessant. Sie wohnen tatsächlich dort alleine auf dem Hof?“

„Woher wissen Sie das?“ Sina war erstaunt und erschrocken zugleich.

Die Hausherrin zog die Brille auf die Nasenspitze und sah sie über den Brillenrand durchdringend an. „Sie sind doch die Tochter von Lore Brodersen, nicht wahr? Und von ihrem Mann, dem Kurt ‚Kinderschreck‘, wie man ihn damals nannte, oder?“

Augenblicklich verspürte Sina einen Stich im Herzen. Diese Frau kannte ihre Eltern? Damit war nun wirklich nicht zu rechnen.

„Jetzt staunen Sie, nicht wahr!“ Frau Blank grinste zufrieden. „Ich hatte sofort so ein komisches Gefühl, als ich Ihre Mail bekam und den Namen las. Dann überlegte ich, ob das wohl die kleine Sina mit den weißen Kniestrümpfen und den kurzen Faltenröcken von einst war. Jaja, jetzt gucken Sie! Haha, habe ich Sie ertappt. Sie werden sich kaum daran erinnern, aber wir sind einander schon einmal begegnet. Damals waren Sie allerdings noch ganz klein und ihr Papa spielte mit Ihnen auf seinem Schoß ‚Hoppe, hoppe Reiter‘. Ich kannte ihre Mutter ganz gut, Gott hab sie selig, und nun ja, wenn es nicht zu vermessen klänge, ich weiß daher auch einiges über Sie.“

„Wirklich?“ Augenblicklich wurde Sina ganz schlecht. Am liebsten wäre sie jetzt hinausgerannt. „Ich denke, das gehört jetzt nicht hierher!“, blockte sie dieses Thema ab. „Sie wissen nun ja, weshalb ich komme, und daher sollten wir besser darüber reden. Es ist mir nämlich sehr wichtig.“

„Ich verstehe. Man will ja auch an manches nicht erinnert werden, nicht wahr?“, stichelte die Töpferin weiter und vergrößerte damit Sinas Unbehagen bis zur Unerträglichkeit.

„Tut mir leid, aber was meinen Sie?“, kehrte sie jetzt ungewollt zu diesem Thema zurück. Und wieder klopfte ihr das Herz bis zum Hals.

„Ach, so dies und das, was damals alle wussten, oder besser, zu wissen glaubten. Das ist ja immer ein Unterschied und es ist einfach furchtbar, diese ständigen Tratschereien auf dem Lande. Darum interessiert es mich zum Beispiel auch gar nicht, was man über mich erzählt … Und nun geben Sie schon her. Was haben Sie da?“, brach sie plötzlich ab und schob ihre Brille wieder auf den Nasenrücken.

Sina setzte Boy auf den Boden, der sogleich herumzuschnüffeln begann. Dann nahm sie die Tasche auf und breitete vor ihrer Gastgeberin auf dem Tisch einige Stücke der mitgebrachten Kollektion aus, überwiegend putzige Wichtelmänner aus Keramik und Ton. Voller Spannung erwartete Sina ihre Einschätzung.

„Nun ja, die Farben, Nuancen und Schattierungen sind schon recht bemerkenswert nach der Restauration. Durchaus solide Arbeiten. Haben Sie noch mehr davon?“, fragte die Expertin nach einem kurzen, kritischen Blick.

„Habe ich. Aber ich dachte mir, ich zeige Ihnen erst einmal die, welche mir am bemerkenswertesten erscheinen.“

„Papperlapapp! Das ist typisches Anfängergeschwätz!“, blaffte die Töpferin plötzlich völlig unerwartet los. „Die wirklich guten Stücke sind meist die am wenigsten Bemerkenswerten. Das ist ja das Verflixte! Weniger die Farben als der Ausdruck ist an ihnen entscheidend. Verstehen Sie, der Ausdruck! Allein darauf kommt es an! Nehmen wir doch mal den hier!“ Sie nahm jetzt einen von den kleineren Wichtelmännern, dessen Farbe schon arg verblichen war und nur noch einen Ansatz von seinem einstigen Aussehen verriet. „Für einen Laien erscheint er auf den ersten Blick völlig wertlos, und man würde ihn jederzeit ohne mit der Wimper zu zucken entsorgen. Aber jetzt sehen Sie sich ihn mal etwas genauer an.“

Sie hielt ihn Sina unter die Nase wie einem dummen Kind, das nichts versteht und nichts begreift. „Und was sehen Sie? Sein Gesicht! Fällt Ihnen nichts auf? Es wirkt traurig. Im Gegensatz zu den anderen hat diese Figur eine Physiognomie und eine solche bedingt eine Seele. Wer käme schon auf die Idee, einen leidenden Zwerg darzustellen, wenn nicht mit einer ganz bestimmten Absicht? Sie werden sich jetzt sicher fragen, was das soll, denn da achtet doch ohnehin keiner drauf. Weit gefehlt, kann ich da nur sagen, weit gefehlt, Frau Brodersen. Die Gestalt eines Zwerges steht synonym für unser Leid und nicht für unsere Freuden. Ja, Sie hören richtig, für unser Leid. Das ist auch der tiefere Grund für die Neigung der Menschen, ihre Umwelt auf diese Weise zu verkünsteln. Nur im Zwerg, niemals im Riesen, versinnbildlicht sich unsere Nichtigkeit in Vollendung. Nur so wird sie in dieser Adaption als Figur der Heiterkeit als genaues Gegenteil wahrgenommen, was wiederum unseren Sieg über den Weltenschmerz symbolisiert. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht?“

„Oje. Nein, ich …“, räumte Sina sichtlich verwirrt ein.

„Das sollten Sie aber, denn nur so können Sie die künstlerisch wertvollen Exemplare erkennen! Halten Sie mich eigentlich für verrückt?“, fragte sie jetzt erstaunlich direkt und schien sich darüber auch noch zu amüsieren. „Ich frage das nur, weil das jetzt normal wäre, denn Sie haben garantiert kein Wort von dem, was ich sagte, verstanden.“

„Habe ich auch nicht“, gab Sina unumwunden zu, „muss ich das denn? Sie sind doch die Expertin, nicht ich!“

Frau Blank stutzte für einen Moment, klatschte spontan in die Hände und rief voller Begeisterung aus. „Oha, das ist gut! Das muss ich mir merken! Sie gefallen mir, wirklich! … Sind Sie schon lange im Geschäft, Frau Brodersen, oder darf ich Sina sagen?“, begann sie jetzt mit einem seltsamen Lächeln vertraulich zu werden.

„Aber bitte sehr … Wenn ich ganz ehrlich sein soll, bin ich noch nicht sehr lange im Geschäft. Genauer genommen habe ich überhaupt keine Ahnung. Darum bin ich ja hier. Und wenn ich ehrlich bin, erhoffe ich mir durch diesen Besuch so einiges“, setzte Sina hastig hinzu.

„Ach, so ist das.“ Tabea lachte und betrachtete ihren Gast schlitzohrig von der Seite. „Du willst dir Tricks abluchsen, um mir Konkurrenz zu machen? Nur zu! Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Ich stehe dir mit Rat und Tat gerne zur Verfügung. Nur eines bitte ich mir aus – lache niemals über mich!“

„Natürlich nicht!“ Sina schaute irritiert.

„Und nun zeig mal her, was du noch so hast!“, forderte Frau Blank und begann sogleich, noch weitere Stücke zu inspizieren. Dabei ließ die Art, wie sie es tat, ein wirkliches Interesse, man kann schon sagen ‚Gespür‘ erkennen, das nur einer tiefen Leidenschaft entspringen konnte, selbst wenn das einem Außenstehenden reichlich komisch anmutete. So hielt sie jedes Stück gegen das Licht, drehte und klopfte es ab und hielt es sich danach lange ans Ohr. Hinzu kamen ihre durchaus fundiert sachkundigen Bemerkungen, auch wenn diese zuweilen etwas schwülstig und hochtrabend den Eindruck einer gewissen Überspanntheit vermittelten.

Es bestand kein Zweifel, dass diese Frau nicht ganz bei Trost war. Doch wen interessierte das, solange sie Erfolg hatte. Und während Sina weiterhin mit einer gewissen Befremdung die Aktivitäten ihrer Gastgeberin beobachtete, die sorgsam ein Stück nach dem anderen inspizierte und jetzt sogar ein Okular benutzte, fiel ihr deren rissigen Hände auf. Offenbar arbeitete die Töpferin auch viel mit Chemikalien und legte keinen sonderlichen Wert auf eine pflegende Handcreme.

Plötzlich hielt sie einen der Wichtelmänner in die Höhe, es war der mit der abgeknickten Zipfelmütze und der Laterne in der Hand, und betrachtete eingehend den Bodenbereich. Dann nahm sie eine Pinzette zur Hand und begann darin herum zustochern. „Nanu? Was haben wir denn da?“, und hatte auf sonderbare Weise eine im Fußbereich des Zwerges verborgene Klappe geöffnet. Damit nicht genug. Nun zog sie auch noch einen silberfarbenen Schlüssel heraus und betrachtete ihn verwundert. Aber das war durchaus kein gewöhnlicher Schlüssel. Das sah man sofort. Auffallend war, dass er zu beiden Seiten einen Bart besaß, der wiederum durch einen Innenknick eine besonders hohe Verschlussstufe verriet. Mit anderen Worten, er ähnelte einem Safe- oder Tresorschlüssel, den sein Besitzer womöglich schmerzlich vermisste. „Woher haben Sie die Figur?“, wollte die Töpferin wissen.

Sina zuckte nur mit den Schultern. Sie dachte nicht daran, dieser Hexe auch nur einen Deut mehr zu sagen, als sie zur Verrichtung ihrer Arbeit brauchte.

„Wirklich? Das ist sehr schade, denn ich könnte mir denken, dass sich der Besitzer bestimmt über eine Rückgabe freuen würde.“

„Möglich. Aber ich habe die Figur gekauft, mit allem, was dazu gehört“, erwiderte Sina, nahm ihr den Schlüssel aus der Hand und steckte ihn ein.

„Ich denke, das ist ein ganz besonderer Zwerg“, ließ die Blank nicht locker. „Nicht nur wegen des Schlüssels. Sieh nur, wie präzise dieses kleine Fach hier hineingearbeitet wurde. Und damit nicht genug – diese Einarbeitung deckt sich exakt mit der darüberliegenden Wölbung, als gehöre sie dazu, um den Gesamtausdruck der Figur noch zu verstärken. Darüber hinaus war das Versteck nur durch Zufall zu finden. So etwas Filigranes habe ich noch nie gesehen. Fast könnte man von einem Meisterwerk sprechen. Verkaufst du mir diesen Bartträger? Ich gebe dir 500 Euro in bar.“

Sina schluckte. Das war ein bestechendes Angebot. Dementsprechend war die Verlockung natürlich groß. Was könnte man sich dafür alles kaufen. Ganz davon abgesehen, dass es ihre dauernde finanzielle Schwäche etwas abmildern würde. Andererseits war klar, dass dieses Exemplar mit Sicherheit um ein Vielfaches wertvoller war. Nicht umsonst machte die Töpferin ihr ein solches Angebot. „Tut mir leid, Frau Blank. Der ist unverkäuflich.“

„Tabea – wir waren doch beim Du, oder?“, korrigierte sie die Hausherrin sofort, deren Gesicht plötzlich einen ganz anderen Ausdruck annahm. Jede Überheblichkeit war verschwunden. Dafür stand jetzt eine eigenartige Verwunderung.

„Ja, natürlich, Tabea“, willigte Sina notgedrungen ein.

„Darf ich dich mal drücken?“

„Wie bitte?“ Sina glaubte sich verhört zu haben.

„Ganz so wie früher.“

„Wenn es denn sein muss“, begann sie sich zu winden.

„Du kannst auch Nein sagen.“

Entsetzt starrte Sina die alte Schachtel an. Schließlich ließ sie es mit hochrotem Kopf über sich ergehen. Augenblicklich stieg ihr ein penetranter Geruch in die Nase. Nie und nimmer hätte sie gedacht, dass ihr so etwas passieren würde. Nicht auszudenken, wenn sie jetzt von jemandem gesehen würde. Sie fühlte sich in diesem Moment sehr unbehaglich. Die Luftnot wurde immer ärger. Fast schien ihr, als befände sie sich in einem absurden Spiel.

Tabea sah sie verwundert an und fragte: „Was hast du denn da?“

„Was denn?“, erwiderte Sina.

„Na, die Schwellung an deiner Stirn. Hast du dich dort gestoßen?“

„Ach so, das meinen Sie, ich meine natürlich du!“ Sina lächelte verlegen und nahm Boy wieder auf ihren Schoß, der langsam ungeduldig wurde. „Eigentlich ist es nichts“, winkte sie ab.

„Eigentlich? Wie meinst du das?“

„Nun ja. Du wirst es kaum glauben, aber ich habe mich tatsächlich auf der Herfahrt gestoßen.“ Und nun erzählte sie ihr von dieser unliebsamen Zusammenkunft, von diesem ‚Beinaheunfall‘, den sie gerade noch verhindern konnte. „Ein blauer Audi war es. Ich habe es gerade noch erkennen können. Dann war der Raser auch schon um die nächste Biegung verschwunden.“

„Komisch“, erwiderte die Töpferin daraufhin und wirkte mit einem Mal sehr nachdenklich.

„Was bitte schön ist daran komisch?“

„Nun, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, vielleicht ist das auch nur Unsinn. Etwa dreißig Minuten vor deiner Ankunft klingelte jemand an meiner Tür. Es war ein gutaussehender, überaus adrett gekleideter junger Mann. Ich habe ihn hier noch nie zuvor gesehen. Erst hielt ich ihn für einen Vertreter und wollte ihn wegjagen. Da fragte er mich plötzlich, ob ich ein Antiquariat betreibe und mich eventuell auf Gartenzwerge spezialisiert hätte. Ich guckte in diesem Moment nicht schlecht, denn meine Internetseite weist in keinerlei Form etwas zu meiner Privatanschrift aus. Jeder Kontakt, wie auch in deinem Fall, kommt immer erst nach vorheriger Absprache und Ankündigung zustande. Ansonsten bin ich aus Sicherheitsgründen weitestgehend anonym. Woher wusste dieser Mann also von meiner Privatanschrift?“

„Ja und? Was habe ich damit zu schaffen?“ Sina verstand nicht.

„Dieser Mann war in einem blauen Audi Kombi unterwegs und dem Wagen fehlte auf der Fahrerseite der Außenspiegel. Es war ein neuerer Bagatellschaden, da die Kratzer im Lack noch nicht verrostet waren. So was fällt mir immer auf, weil ich mir nicht nur Zwerge genauer ansehe. Da hat man einen scharfen Blick fürs Detail. Ich denke, der Schaden ist heute oder die letzten Tage entstanden. Der war noch keine Woche alt.“

Sina wurde hellhörig, denn das war in der Tat ein merkwürdiger Zufall. „Und der hat sich für Gartenzwerge interessiert?“

„Ja, durchaus. Kennst du den Kerl etwa?“, wollte die Blank sogleich wissen.

„Unsinn. Dabei wäre ich selber dringend daran interessiert zu wissen, wer das war, denn er hat mir nämlich ganz nebenbei ebenfalls den Spiegel abgefahren. Dieser Idiot.“

Die Blank schüttelte jetzt ihrerseits mit dem Kopf und verblüffte Sina mit der Aussage, er habe ihr sogar seinen Namen gesagt. Nach kurzem Nachdenken fiel er ihr wieder ein. „Tom Enders, Wenders oder Wanders, oder so“, rief sie erleichtert aus. „Tom aber auf jeden Fall. Da bin ich mir sicher. Ob er wirklich so heißt, weiß ich natürlich nicht. Aber warum sollte er mich belügen? … Was wirst du jetzt tun? Den Namen recherchieren oder eine Anzeige erstatten? Das ist sehr gefährlich. Man weiß ja nie, was das für ein Typ ist.“

„Ich weiß noch nicht“, erwiderte Sina. „Vielleicht lässt er sich tatsächlich ermitteln. Wenn er mit sich reden lässt und mir den Spiegel ersetzt, wäre das für mich damit erledigt.“

„Sei bloß vorsichtig. Irgendwie war der mir nicht geheuer.“

„Inwiefern?“

„Kann ich nicht sagen. Es war mehr ein Gefühl. Er hatte so komische Augen, weißt du? Solche, die selbst beim Lachen starr bleiben. Wenn du verstehst, was sich meine … Wie wollen wir jetzt verbleiben? Kommen wir wegen des Zwerges noch ins Geschäft?“, drängelte die Töpferin erneut.

„Ich werde mich zu gegebener Zeit noch einmal melden. Doch heute nehme ich erst einmal nur die Farbbestellung mit“, versprach Sina, setzte Boy wieder runter und stand auf. „Hat mich sehr gefreut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben.“

„Gleichfalls. Es war schön, dich wiederzusehen.“

„Wo könnte man in der Gegend eine Kleinigkeit essen?“, fragte Sina.

„Oh, da solltest du in Billers Gasthof in Haßmoor einkehren und dort unbedingt die Kaiser-Wilhelm-Torte ausprobieren! Das ist etwas für Genießer.“ Sina nahm den Karton mit den vorbestellten Farben an sich, bezahlte und gab Tabea zum Abschied die Hand. Kurz darauf verriegelte diese die Tür zweimal hinter sich.

Mit geschulterter Tasche voller Exponate und dem Karton unterm Arm ging Sina zum Rover zurück. Boy wuselte derweil um ihre Beine. Sie war jetzt völlig durcheinander und kam nicht zur Ruhe. Was hatte das alles zu bedeuten? Vor allem aber, was sollte diese ekelhafte Umarmung? Was bildete sich die alte Schabracke bloß ein! Und dann dieser Sonntagsfahrer – es war wirklich mysteriös. Und woher, verdammt nochmal, kannte die Blank ihre Eltern? Und was sollten diese komischen Andeutungen? Aber wie Sina es auch drehte, irgendwie ergab das alles keinen Sinn.

Auf dem kiesbedeckten Parkplatz des Kaufmanns hielt sie an. Sie kramte den Schlüssel aus der Handtasche hervor und betrachtete ihn genauer. Die Blank hatte Recht. Das war kein Null-acht-fünfzehn-Schlüssel. Und wenn, könnte natürlich jemand ein Interesse daran haben, diesen so schnell wie möglich wiederzubekommen. Ob er ein Geheimnis hütete?

Sie hätte jetzt nicht erklären können, warum, aber mit einem Male bekam sie es mit der Angst und hätte den Schlüssel am liebsten weggeworfen. Dann entschied sie aber anders. Sie würde ihn zuhause in Boys Hundekorb unter der Matratze deponieren. Dort würde ihn garantiert niemand finden. Und die Blank bekam ihn keineswegs. Das könnte der so passen! Wenn es hier einen Reibach zu machen gab, dann bestimmt nicht durch sie. „Und du sagst kein Wort!“, fuhr sie den Hund an, der sie daraufhin schnöde anblaffte. Beim Anfahren spritzte der Kies unter den Rädern. Und während Sina die empfohlene Gaststätte ansteuerte, zogen schwarze Wolken über das östliche Hügelland auf.

Billers Gasthof

Tom erreichte das Gasthaus. Er parkte den ramponierten Audi mit der Fahrerseite dicht an einer Hecke und quetschte sich heraus. Auf dem Weg zur Kneipentür registrierte er ein Tafelschild, das auf den kommenden sonntäglichen „Tanztee ab 16.30 Uhr“ verwies. ‚Ulkig‘, dachte er bei sich. ‚Wie sollen Tanz und Tee zusammenpassen? Wahrscheinlich was für Senioren, die ein wenig schunkeln wollen.‘ Ein Getränkeautomat stand vor dem Eingang, flankiert von einem Kaugummi- und Zigarettenautomaten. Mit dem Trenchcoat über dem Arm zog er die Tür zur Schenke auf und betrat den Dorfkrug.

Er gedachte, einen kleinen Imbiss zu sich zu nehmen und nebenbei etwas zu überprüfen. Sagte man doch den Bewohnern der hiesigen Gefilde eine gewisse Spröde und Einsilbigkeit nach. Es wäre sicherlich interessant, das herauszufinden. Sofort schlug ihm ein süßlicher Kneipendunst entgegen. Einige Tische waren belegt. Erstaunlicherweise nahm man von ihm kaum Notiz, obwohl er als Fremder sofort auffiel. Hier und dort wurde gezecht und geklönt. Trotzdem verstand er von den wenigen Fetzen, die er auffing, nur die Hälfte. Manches war solch starkes Platt, dass er sich im Ausland glaubte. Die Kundschaft war durchwachsen, allerdings überwog der männliche Anteil.

Eine am Tisch schräg gegenüber sitzende blonde Mittfünfzigerin wurde von einem rothaarigen Typen im Drei-Tage-Bart ganz ungeniert angebaggert. Und wie zierte sie sich und kicherte in einem fort, wobei der knappe Rock über den übereinandergeschlagenen Schenkeln bereits gefährlich weit zurückgeglitten war.

Obwohl sie sich maßlos aufgebrezelt hatte, war ihr Alter nicht zu verleugnen. Besonders die Augenpartie war auffallend stark geschminkt. Das ließ sie wiederum sehr billig wirken. Aber das schien diesen Kerl nicht zu stören. Man hätte darauf wetten können, dass heute Abend noch was lief.

Auf der anderen Seite vertiefte sich jemand in eine Zeitung und ergötzte sich an den Blutbädern dieser Welt. Gegenüber an der Bar starrte ein Mädchen erst ins Leere und danach auf ihre Gel-Nägel. Offenbar hatte sie Liebeskummer, denn sie wimmelte jeden ab, der mit ihr ins Gespräch kommen wollte.

Inzwischen hatte Tom einen freien Tisch erreicht, prüfte kritisch die Sauberkeit und setzte sich, nachdem er seinen Trenchcoat über eine Stuhllehne gelegt hatte. Es war ein klobiger Eichenstuhl. An der Rückenlehne war die dunkelbraune Farbe abgewetzt. Ein schweres Parfüm stieg ihm von irgendwoher in die Nase. Zudem vernahm er die Wärme der Heizrippkörper und den Windzug zur Küche. Sein Blick streifte die Anwesenden. Dabei wunderte er sich über zwei Burschen in dunklen Cordhosen. Offenbar zwei Zimmerleute, die sich in einem intensiven Gespräch befanden und auffallend geheimnisvoll taten.

„Kommst du Sonntagmorgen auch in Heinkens Kieskuhle zum Tontaubenschießen?“, fragte der Eine und öffnete den Reißverschluss seiner Wachsjacke.

„Und der Alte?“ Besorgt sah sein Gegenüber drein.

„Passt schon, keine Sorge!“ Zur Beruhigung reichte er seinem Kumpel ein ‚Lütt & Lütt‘. Dann stießen sie an.

„Klar bin ich dabei!“, stimmte dieser zu und wischte seine Hände an den Oberschenkeln ab. Die Stofffläche glänzte bereits speckig. Sein Kinn zierte ein ausgefranster Bart und er kaute von Zeit zu Zeit an den Nägeln. „Biller! Mach noch mal zwei Bier und zwei Kurze fertig!“ Der Wirt nickte. Kurz darauf klirrten erneut die Pinnchen.

„Sag mal, was meinst du zu dieser alten Schnepfe?“, fragte der Wachsjackenträger.

„Das ist doch alles Blödsinn, kein Mensch zahlt für solchen Mist so viel Geld!“, schimpfte sein Kumpel und schaute sich erschrocken um. „Wahrscheinlich ist das nur eine Ente.“

„Wenn ich es dir doch sage“, raunzte der Bärtige und zerrte an seinen Hosenträgern. „Die alte Hexe macht mit diesem Kram richtig Kohle. Doch niemand kennt ihre Quelle. Das ist ja das Dumme!“

„Wahrscheinlich …“, gab der Andere gedämpft zu bedenken.

Tom konnte jedoch den Rest nicht mehr verstehen, denn in diesem Moment lachte dieses Blondchen wieder auf, als sie dieser Kerl in den Schenkel zwickte. ‚Blöde Kuh‘, schimpfte er innerlich. Er hätte zu gern gewusst, was es mit diesem ‚Kram‘ auf sich hatte. Leider verzogen sich die beiden Burschen danach an den Tresen. Dorthin konnte er ihnen unmöglich folgen, ohne aufzufallen. Aber genau das durfte er nicht. Was blieb ihm, als sich weiter umzuschauen.

Jetzt fiel ihm, Gott weiß warum, ein älteres Paar auf. Sie mit Perlenbesatz und gestärkter Blusenwürde, er im dunklen Lodenmantel, den er aus irgendeinem Grunde nicht ablegte. Vielleicht hatte er sein ganzes Geld dabei und fürchtete, es könnte ihm geklaut werden? Garantiert hatten sich beide schon seit Jahren nichts mehr zu sagen und lebten nur noch nebeneinander her. So was nannte man Trauscheinheuchelei. Abends, vor dem Aufschlagen der gemeinsamen Bettdecke, wurde der Tag akribisch analysiert, um festzustellen, was zum garantierten Glück noch fehlte. Danach der flüchtige Wangenkuss und das nächtliche Schnarchen im baumwollenen Nachtkleid.

Tom störten solche Lügen nicht. Sie formten nur die Welt nach bestimmten Wünschen und das war legitim. So gesehen entbehrte derlei Fadenscheinigkeit nicht eines gewissen Reizes. Vielleicht wollte man sogar betrogen werden, weil man die Wahrheit nicht ertrug. Diese These bewies sich schon bei dieser aufgetakelten Blondine, die sich mit ihrem Rouge und dem hautengen Minirock nur etwas vormachte. Für sie war die Lüge obligatorisch. Die Welt war so eingerichtet und könnte genau genommen ohne Lüge gar nicht existieren. Nur ein Narr trägt die Wahrheit auf der Zunge und wird dafür verlacht.

Schon seit langem interessierten Tom fremde Träume nicht mehr. Er beschränkte sich auf das Studium menschlicher Doppelmoral, wobei es genau genommen eine Moral gar nicht gab. Sie war für ihn nichts weiter als eine Verteufelung gewisser Phänomene und somit selbst nichts weiter als das Produkt von Missdeutungen.

Er unterdrückte ein Gähnen und versuchte, an etwas anderes zu denken. Zu seiner Verwunderung machte der dicke Wirt noch immer keine Anstalten, obwohl Tom bereits zweimal den Finger gehoben hatte. Aber offenbar war dieser Kneipier noch nicht wach. Statt zu reagieren, zapfte er ein Bier nach dem anderen.

Natürlich war das der Inhaber selbst. Tom hatte das an den Anweisungen erkannt, die er vornehmlich seiner blutjungen Tresenkraft mit einem seltsam süßlichen Lächeln gab. Doch irgendwie schien Biller nicht bei der Sache. War er bei einem auswärtigen Fußballspiel, dem samstägigen Feuerwehrumtrunk oder vernaschte er dieses junge Huhn gerade in Gedanken? Vom Typ her schien er eher gemütlich veranlagt: dicker Bauch, rote Birne, Halbglatze und ein erstaunlich offenes Gesicht. Das war selten. Die meisten Wirtsleute waren seiner Erfahrung nach eher verschlossen.

Wie es kam, dass dieser Mann plötzlich doch neben ihm auftauchte und unter einem freundlichen ‚Moin‘ die Speisekarte reichte, hätte Tom nicht sagen können.

„Hatten Sie eine angenehme Anreise, mein Herr?“, fragte Biller mit aufgesetztem Lächeln. „Was darf ich bringen?“

„Danke der Nachfrage. Die Straßen waren frei, ich bin ganz gut durchgekommen. Welche Suppe empfehlen Sie heute?“, erwiderte Tom lächelnd, ohne einen Blick in die Karte zu werfen.

„Die Tomatensuppe mit hausgemachtem Walnussbrot. Oder einen Eintopf. Ich rate Ihnen zu einer Portion Rübenmus, eine regionale Spezialität unserer Küche“, sagte der Wirt und nahm ihm die Karte ab.

Tom überlegte angestrengt. „Wissen Sie“, mimte er, „ich bin noch ganz durcheinander. Eigentlich bin ich auf der Durchreise, aber da kann man ja was erleben! Und gerade eben erst … Unglaublich, mit welchen Hochhäusern die Landwirte heutzutage ihre Felder bestellen“, bemerkte er voller Begeisterung. „Sie werden es nicht glauben. Aber erst gestern hätte mich eine von den riesigen Maschinen fast zerquetscht.“

„Ach, wirklich?“ Der Wirt grinste müde.

„Wenn ich es Ihnen doch sage!“, beschwor Tom und beobachtete Biller aufmerksam. „Das war ein riesiger gelb-grüner Traktor. Ich habe so ein Ding zuvor noch nie gesehen.“

„Gelb-grün? Da meinen Sie bestimmt Peter Reimers John Deere. Der fährt so ein Monster.“

„Peter Reimers? Ich glaube, ich habe den Namen schon mal irgendwo gehört. Kann das sein?“

„Gut möglich“, erwiderte der Gastwirt. „Er ist der Landwirt vom Kastanienhof, einem am Markt sehr erfolgreichen Unternehmen, Besitzer unzähliger Hühner und allerlei Geflügelzeug. Darüber hinaus rollt er mit Maschinen über die Felder, die sündhaft groß und teuer sind wie ein Einfamilienhaus. Nur der Lohnunternehmer Heinkens hat mächtigere Gerätschaften in seinem Fuhrpark. Doch der arme Teufel hatte letzten Mittwoch einen Schlaganfall und liegt momentan im Krankenhaus. Ja, das wird der ‚alte‘ Reimers gewesen sein. Die Ländereien müssen bestellt werden. Schließlich fliegt die Saat nicht auf Kommando in die Erde. Ist halt ein 24-Stunden-Job, genau wie hier. Wenn ich das vorher gewusst hätte, na dann! Sieben Tage die Woche, 80 Tacken mindestens. Als meine Ehe vollends in die Brüche gegangen war und die Tochter ebenfalls ihren Zickenkrieg begann, da …“

„So, so. Geflügel also“, wiederholte Tom, der gar nicht mehr zugehört hatte. Dann fingerte er ein Taschentuch aus seiner Jacke und schnäuzte hinein. „Ja, ja. So ist das leider. Machen wir nicht alle Fehler? Aber da kommt es ja auf einen mehr oder weniger nicht an, oder?“ Er zwinkerte dem Wirt schalkhaft zu. „Aber mal unter uns. Ich finde, diesem Peter Reimers sollte man mal auf die Finger klopfen.“

„Wie meinen Sie das?“, stutzte der Wirt.

„So, wie ich es sage“, fuhr Tom mit einem gefährlichen Unterton fort. „Was würden Sie denn meinen, wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass er gestern wie wild mit einer Flinte rumgeballert hat. Zwei Störche hat er dabei erledigt!“

„Das ist doch Blödsinn. Er ist ein engagiertes Mitglied im hiesigen Naturschutzverein. Das ist ja unerhört! Wie kommen Sie darauf?“, ereiferte sich der Dicke sogleich.

„Weil ich es gesehen habe, mit eigenen Augen. Stellen Sie sich nur vor.“

„Das ist unmöglich. Nicht Peter Reimers. Das kann ich nicht glauben. Wollen Sie mich jetzt veräppeln?“

Tom kramte sein Smartphone hervor, rief einen Ordner auf und hielt Biller jetzt einige Fotos unter die Nase, welche eindeutig Reimers mit seinem Hund und Flinte in der Hand vor zwei toten Störchen zeigte. Sogar eine Videosequenz war dabei, wo er einen der Störche in die Schaufel seines Frontladers warf.

„Ist das genug?“, fragte Tom den inzwischen vor Schreck erblassten Wirt. „Wie ich Ihrem Verhalten entnehme, sind Sie ein guter Bekannter dieses Naturfrevlers. Vielleicht sollte ich mal überprüfen, was Sie so in Ihrer Freizeit treiben? Wer weiß, was da ans Tageslicht kommt!“

„Wer sind Sie eigentlich?“, wollte der Gastwirt jetzt wissen. „Kommen hierher und spielen sich auf, als wären Sie wunder was!“

„Vielleicht bin ich das auch, Herr Biller!“, erwiderte Tom daraufhin. „Oder wollen Sie jetzt einiges zu Ihrem Techtelmechtel mit dem jungen Ding dort vorn hören? Was würde wohl Ihre Ex oder Ihre Tochter dazu sagen, ganz zu schweigen von der hiesigen Presse, wenn die wüssten, dass Sie das arme Mädel schon längst verführt haben? Mir machen Sie nichts vor! Immerhin war das Ihre Einstellungsbedingung, oder etwa nicht?“

Der Wirt wurde knallrot. Man sah, dass er kurz vorm Platzen stand und sich nur mit Mühe beherrschen konnte. „Sie sind doch nicht ganz bei Trost! Das denken Sie sich doch nur aus. Ich sollte Sie auf der Stelle rauswerfen!“

„Das würde ich mir überlegen“, lächelte ihn Tom an. „Wie wollen Sie das Gegenteil beweisen? Schon möglich, dass es nicht stimmt. Aber glauben Sie mir, gegen ein bestimmtes Entgelt wird dieses Mäuschen vor der Öffentlichkeit alles erzählen, was ich hören will, und wen interessiert noch ein halbseidenes Dementi. Ihr Ruf wäre ruiniert! Und genau dafür werde ich sorgen. Verlassen Sie sich darauf!“

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