Kitabı oxu: «Anders – aber trotzdem glücklich»

Şrift:

Anders – aber trotzdem glücklich

Hunde mit Handicap

Herausgegeben von Anke Dalder


Inhalt

Cover

Titel

Vorwort

Alte Hunde

Asta – Endstation Dachboden?

von Dorothee Kossatz

Bonnys langer Weg vom Schrottplatz über die Regenbogenbrücke

von Birgit Fischer

General – veni, vedi, vici

von Angelika Lanz

Lisa – trotz Alter und Krankheit eine gute Zeit

von Karin und Christoph Oehl

Nachruf für einen Kettenhund oder 370 Tage Leben

von Martina und Jürgen Gerlach

Auslandshunde

Janga – unser Sonnenschein

von Marianne Deininger

Lucky – auf drei Pfoten ins Glück

von Gisela Bloos

Lunas Einzug in Silence’ Welt der Stille

von Michaela Gutekunst

Nuria – die spanische Sanftmut aus dem Internet

von Martina und Stefan Zeißler

Oma – die Lady aus Stahl

von Ulrike Feifar

White – der schwarze Blitz

von Gaby Schwab

Behinderte Hunde

Blindheit

Asti – eine Chance bleibt immer

von Natalie Reineke

Fridolin – eine Lebensphilosophie

von Heike Hertger

Erinnerung an Jesse

von Tina Meier

Leon – ein blinder Sonnenschein

von Kornelia Wirths

Minni

von Bärbel Jacob

Behinderte Hunde

Gehbehinderung

Aronca – ein Pflegehund wie jeder andere?

von Barbara Steuer

Aurélia – ein glückliches Leben auf zwei Rädern

von Anne Lavanchy

Der Mischlingsrüde Bambi

von Andrea Kelterborn

Fips – ein Charmeur auf zweieinhalb Beinen

von Katja Ehlert

Gnocchi –mein italienisches Nockerl

von Irene Schwalm

Laika – ein Leben auf drei Beinen

von Karen Hess

Maya – mit drei Beinen voll dabei

von Andrea und Thorsten Langeo

Nicky – mit drei Beinen auf hohe Berge

von Annett Trautewein

Schnuff – auch auf Rädern nicht zu bremsen

von Ulrike Staar

Simka – Wildfang auf drei Beinen

von Marianne Deininger

Entscheidung für Taiga

von Dunja Find

Behinderte Hunde

Geistige Behinderung

Columbo – Sonnenschein im Dunkel

von Heike Hertger

Carpe diem, Idgie

von Corinna Buchmann

Liesels letzte Chance

von Maria Hense

Behinderte Hunde

Taubblindheit

Jette-Kind

von Angelika Lanz

Wer nicht hören kann, muss fühlen

von Beatrix Urban

Behinderte Hunde

Taubheit

Neue Freunde für Alina

von Sabine Bogner

Arielle – großes Glück auf vier Pfoten

von Bianca Greve

Idefix – meine kleine taube Nuss

von Natalie Reineke

Lea ist taub – na und?

von Andrea Olschewski

Lissys stille Welt

von Martina Krämbring

Lucky – unsere diebische Elster

von Anke Dalder

Maras Geschichte

von Ilse Mayer

Mona – ein Täubchen lernt fliegen

von Christa Kuczinski

Randy – jetzt erst recht!

von Andrea Feldmann

Ohne »Guck« kein »Komm«

von Michaela Gutekunst

Kampfhunde

Buddy – »Problemhunde« im Tierheim

von Birgit Lehnen

Sarah – starker Körper, kranke Seele

von Henny Föhmer

Und immer kommt es anders

von Sharon Gage

Tyson – die Kampfmimose

von Petra Braig

Kranke Hunde

Epilepsie

Snoopy kommt nach Hause

von Iris Hollendonner

Zausel, der Brausel

von Pamela Schmidt und Angela Kloppenborg

Kranke Hunde

Infektionskrankheiten

Ja, so ist das Leben

von Jacqueline Wunderlich

Kranker Hund – na und?

von Dagmar Ebert

Julchen

von Angelika Schulze

Miro – Geschichte eines andalusischen Hundes

von Christa Kiefer

Traumatisierte Hunde

Aggression

Das Monster, das zum Engel wurde

von Eva-Maria Sadovski

Jonny

von Barbara Heinrich

Max – Hundeaugen lügen nicht

von Anita Volk

Traumatisierte Hunde

Angst

Albina – die Wandlung einer französischen Mimose

von Gertrud Schäfer

Cooper – Daunenbett statt Kriegsgebiet

von Angelika Lanz

Patch – ein Dalmatiner mit Trennungsangst, Taubheit Nebensache

von Sabine Hoffmann

Eine Familie für Sam

von Sabine Quast

Thamara

von Sabina Riess

Anhang

Autorenliste

Erläuterungen zu den genannten Krankheiten

Kontaktadressen und Links

Danksagung / Impressum

Vorwort

Vielleicht denken Sie: Schon wieder ein Buch über Hunde. Dieses Buch ist jedoch ein ganz besonderes Buch, ein Buch über besondere Hunde. Als unser tauber Dalmatiner Lucky vor einigen Jahren bei uns einzog, musste ich feststellen, dass über den Umgang und die Erziehung von tauben Hunden keine Literatur zu bekommen war. Meine Recherchen im Internet bewiesen mir allerdings, dass es sehr viele taube Hunde gab.

In dieser Zeit lernte ich Michaela Gutekunst kennen, die ebenfalls einen tauben Dalmatiner hat. Nach mehreren Telefonaten entstand die Idee, ein Buch nicht nur über taube Hunde, sondern über unterschiedlich behinderte, traumatisierte und aus verschiedenen Gründen stigmatisierte Hunde zu schreiben. Via Internet wurde ein Aufruf gestartet, in dem Halter solcher Hunde gebeten wurden, die Geschichte ihres Tieres zu erzählen. Das Ergebnis liegt gerade in Ihren Händen. Sie werden staunen, zu welchen Leistungen auch behinderte Hunde fähig sind. Sie werden erfahren, dass die meisten von ihnen eigentlich ein fast normales Leben führen können. Sie werden lesen, welche kreativen Maßnahmen die Halter dieser Hunde ergreifen, um ihrem Schützling das Leben zu erleichtern. Sie werden mitfühlen, werden den gemeinsamen Weg dieser Menschen mit ihrem Hund, die Höhen und Tiefen miterleben. Und vermutlich werden Sie auch die eine oder andere Träne vergießen, aber Sie können teilhaben am Leben ganz vieler besonderer »Fellnasen«.


Ich hoffe, dieses Buch trägt dazu bei, Vorurteile abzulegen und unnötige Euthanasie zu verhindern. Und wenn auf diese Weise vielleicht ein weiterer behinderter, traumatisierter oder stigmatisierter Hund ein liebevolles Zuhause findet, in dem er bis zu seinem letzten Atemzug ein hundewürdiges Dasein führen kann, hat sich die Mühe auf jeden Fall gelohnt. Denn für genau diese »Fellnasen« wurde das vorliegende Buch geschrieben.

Anke Dalder und Lucky

Alte Hunde


Asta

Asta – Endstation Dachboden?

von Dorothee Kossatz


Als Inhaberin eines Hundesalons schere und pflege ich ehrenamtlich einmal pro Monat die Hunde in einem nahe gelegenen Tierheim. Einer meiner ersten »Kunden« dort war eine kleine, schwarze Dackel-Pudel-Mischlingshündin namens Asta. Sie lag in einem Körbchen in ihrer Box und schaute mich kritisch an. Auf meine Frage nach ihrer Herkunft erzählte man mir eine fast schon unglaubliche Geschichte: Asta hatte ihre ersten beiden Lebensjahre auf einem Scheunenboden verbracht, wo sie von Bauern gehalten wurde, um Ratten und Mäuse zu jagen – eine irrwitzige Aufgabe! Die Kinder des Bauern ärgerten die Hündin häufig, indem sie ihr z. B. Fressen hinhielten, was sie ihr schließlich aber doch nicht gaben. Immer wieder wurden diese Leute von Nachbarn beim Tierschutzverein angezeigt, aber während der Kontrollbesuche befand sich Asta erstaunlicherweise stets im Wohnzimmer. Der Verein hatte daher zunächst nichts ausrichten können. Schließlich gelang es den Tierschützern jedoch, die Familie »auf frischer Tat zu ertappen«. Für Asta war damit ihre Sternstunde gekommen. Entgegen der Meinung vieler Leute haben Hunde und Katzen es nämlich teilweise im Tierheim besser als bei manch einem Besitzer. Unsere Asta zumindest hat im Tierheim erstmalig Liebe und Zuneigung erfahren dürfen.

Der Tierheimleiter erzählte mir, Asta hätte schon jeden Mitarbeiter gebissen. Aufgrund ihrer geringen Größe hätten sich zwar immer wieder Leute für sie interessiert, aber wegen ihres Beißverhaltens sollte sie nur in erfahrene Hände abgegeben werden. So war sie nach vier Jahren immer noch nicht vermittelt. Um Asta scheren zu können, band ich ihr zunächst ihre Schnauze zu und mein Helfer hielt sie fachgerecht fest. Trotzdem gelang es ihr zu beißen. Sie war voller Angst und Misstrauen gegenüber Menschen, sodass sie gar nicht anders konnte. Aber von Mal zu Mal wurde es besser, und nach etwa einem Jahr reichte es aus, sie beim Scheren am Kopf zu halten.

Als im September 2001 meine fast 18 Jahre alte Yorki-Chihuahua-Mischlingshündin Fluffy starb, überlegte ich, Asta zu uns zu holen. Aber ich brauchte erst mal etwas Zeit, um über den Verlust von Fluffy hinwegzukommen. Natürlich hatte ich auch einige Bedenken: Würde Asta sich mit meinen beiden Perserkatzen vertragen? Was wäre, wenn sie sich nicht an meine Familie gewöhnte, die sie im Urlaub betreuen würde? Würde sie uns überhaupt ihr Vertrauen schenken können nach den schlechten Erfahrungen in ihren ersten Lebensjahren? Mitte November waren wir dann wie üblich im Tierheim, um die Hunde zu scheren. An diesem besagten Tag passierte etwas Seltsames: Ich ging zu Astas Box und sie knurrte mich wie immer, in ihrem Körbchen liegend, an. Daraufhin sagte ich zu ihr, wir würden sie gern bei uns aufnehmen, sie solle es sich überlegen. Plötzlich sprang Asta auf und schleckte – was sie zuvor noch nie getan hatte – mein Gesicht, als ob sie begriffen hätte, dass ich ihr ein neues Leben anbot.

Einen Monat später holten wir sie zu uns nach Hause. Der erste Tag gestaltete sich wider Erwarten problemlos. Als Asta unsere zwei Perserkatzen das erste Mal sah, tanzte sie aufgeregt um sie herum und wollte sie beschnüffeln. Pascha, der alte Kater, gab ihr drei Tatzenhiebe auf die Nase, damit war die Rangordnung geklärt.

In den darauf folgenden Wochen traten folgende Probleme auf:

 Asta fraß nicht in Ruhe an dem ihr zugedachten Platz, sondern schaute sich am Napf stets aufgeregt um, nahm sich dann etwas daraus und verschlang es hektisch auf dem Teppich.

 Sie vertrug sich nicht mit anderen Hunden. Es gab nur wenige Artgenossen, die sie mochte. Wie wir schließlich herausfanden, waren das ausschließlich blonde oder rothaarige Rüden. Bei Begegnungen mit Schäferhunden hängte sie sich in die Leine und sprang ihnen direkt an die Kehle. Nach einiger Zeit erkannten wir, dass sie dieses Verhalten bei fast allen Hunden mit Stehohren zeigte.

 Asta entwickelte einen starken Beschützerinstinkt, der sich auf alles bezog, was uns gehörte. So bewachte sie auch unseren Einkaufskorb samt Inhalt vor den Katzen in der Wohnung. Außerhalb der Wohnung wurde unser Eigentum ebenfalls streng von ihr behütet.

 In den ersten zwei Wochen schnappte sie in manchen Situationen auch nach uns. Einmal wollte ich z. B. eine Socke wegräumen, die neben ihr auf dem Sessel lag. Asta erschrak und wollte beißen. Da meine Handlung allerdings ziemlich unbedacht war, schimpfte ich nicht.

 Bedingt durch die ersten zwei Lebensjahre auf dem dämmerigen Dachboden litt Asta leicht an grauem Star. Daher schaute sie sich anfangs bei Spaziergängen im Dunkeln oft hektisch um. Dieses Verhalten gab sich nach einigen Wochen von allein, nachdem die Hündin Vertrauen zu uns aufgebaut hatte.

Das erste Problem lösten wir, indem wir Astas neuen Napf gegen ihren alten aus dem Tierheim austauschten. Außerdem verlegten wir den Futterplatz in eine ruhige Ecke des Schlafzimmers. Um Astas Verhältnis zu anderen Hunden zu verbessern, suchten wir drei Monate später eine Hundeschule auf. Wir hatten damit bewusst einige Wochen gewartet. Asta sollte erst einmal zu uns eine gewisse Bindung und Vertrauen aufbauen. Sie hatte nie gelernt, ein Sozialverhalten zu entwickeln. Im Hundeverein wurde Asta schließlich umgänglicher mit ihren Artgenossen. Nach und nach fing sie auch an zu spielen: erst allein, und dann entdeckte sie, dass es mit Frauchen und Herrchen viel mehr Spaß macht. Ab und zu spielt sie inzwischen auch schon mit anderen Hunden. Das Schäferhund-Problem zu lösen, gestaltete sich etwas schwieriger, da Asta leider, kurz nachdem sie zu uns gekommen war, von einem Hund dieser Rasse angefallen und gebissen wurde. Dieses Erlebnis verstärkte natürlich wieder ihre Aggression. Aber wir arbeiteten ständig daran. Jetzt, nach etwa drei Jahren, verhält sich Asta auch Hunden mit Stehohren gegenüber relativ normal; sie knurrt vielleicht mal kurz, doch ansonsten gibt es kein Problem mehr beim Spazierengehen. Das haben wir erreicht, indem wir vor allem bei uns keine Emotionen aufkommen ließen, wenn uns solche Hunde begegneten. Ein Hund spürt sofort, was am anderen Ende der Leine los ist, und reagiert dementsprechend darauf. Ich kaufte für Asta außerdem ein sogenanntes Feltmann-Geschirr, das keinen Druck auf den Halsbereich des Hundes ausübt, wie normale Halsbänder es tun. Mithilfe dieses Geschirrs erreichte ich eine gute Leinenführigkeit bei meinem Hund. Durch regelmäßiges Training und mehrere kurze Übungseinheiten pro Tag hat Asta inzwischen einen sehr guten Grundgehorsam. Auch Sportarten wie Dogdancing und Agility begeistern sie sehr.

Dem starken Beschützerinstinkt arbeiten wir ebenfalls nach wie vor entgegen. Wir verbieten Asta in solchen Situationen ihr Verhalten mit etwas lauterer Stimme und bestimmten Worten wie z. B. »Nein«. Außerdem lassen wir die betreffenden Personen oder Tiere zu dem von ihr bewachten Gegenstand hingehen und Asta einige Meter entfernt abliegen, um ihr zu zeigen, dass das Handeln der anderen in Ordnung ist. Asta hat inzwischen auch unsere engere Verwandtschaft ins Herz geschlossen. Es dauerte zwar einige Wochen, aber nachdem sie gemerkt hatte, dass alle es gut mit ihr meinten und auch immer ein Leckerli für sie abfiel, machte sie keine Anstalten mehr zu schnappen. Astas Sozialverhalten normalisiert sich zunehmend, sowohl im Umgang mit Hunden als auch Menschen gegenüber. Natürlich nehme ich sie mit, wenn ich nach wie vor monatlich das Tierheim besuche, um dort die Hunde zu scheren. Asta freut sich jedes Mal sehr; und wir Menschen sind dann oft erst einmal »abgeschrieben«.

Es ist nie zu spät, einem älteren Hund etwas beizubringen. Natürlich erfordert die Erziehung besondere Geduld, Verständnis und viel Liebe. Außerdem sollte man sich vorher genau über den Charakter und die Unarten des Tieres informieren. Ein ängstlicher oder misstrauischer Hund wie unsere Asta darf nur in hundeerfahrene Hände kommen. Gerade für einen Tierheimhund ist es schlimmer, wieder ins Tierheim zurückgebracht zu werden, als wenn er einfach nur etwas länger dort bleibt, bis sich die richtigen Besitzer gefunden haben.

Asta ist eine große Bereicherung für unser Leben und wir haben es keine Sekunde bereut, sie zu uns genommen zu haben.

Bonnys langer Weg vom Schrottplatz über die Regenbogenbrücke

von Birgit Fischer


Meine Saluki-Mix-Hündin Bonny fand ich durch Zufall auf einem Schrottplatz, niedliche acht Wochen alt und abgemagert bis auf die Rippen. Ich war damals dreiundzwanzig und da ich gerade meine eigene Wohnung bezogen hatte, war es ganz klar, dass ich sie mitnehmen würde, wo ich doch jetzt für mich alleine verantwortlich war und niemand mir etwas verbieten konnte. Ahnung von Hunden hatte ich noch nicht, aber man kann ja alles lernen.

Bonny wurde immer hübscher und frecher. Sie war ein ungestümer Welpe, fraß meine Schuhe, die Gipswand inklusive des Telefons und tausend andere Sachen, die ich nicht wegräumte. Drei Jahre lang gingen wir zur Hundeschule. Der Hund war immer bei mir, man kannte uns nur als Team. Wir machten jeden Unsinn und hatten viel Spaß, elf Jahre lang – bis zu unserem schlimmsten Tag. War ich mal ohne Hund unterwegs, hieß es zunächst: »Wo ist Bonny?« und dann erst: »Hallo Birgit«. Ich konnte mir kein Leben ohne meine Hündin vorstellen. Die Freunde wechselten, mein Hund war immer bei mir: Birgit und Bonny gegen den Rest der Welt!

Es fällt mir schwer, gerade ihre letzten Jahre zu beschreiben, denn niemals habe ich mehr Herzblut investiert als in dieser Zeit. Es begann mit dem Tag X, einem Unfall: Bonny rannte in eine Bierflasche, die irgendein Idiot am Rheinufer liegen gelassen hatte, und zerschnitt sich die Achillessehne am linken Hinterbein. Es folgte eine schwere und lange Operation. Bonny war damals elf Jahre alt und außerdem herzkrank, daher befürchtete ich, sie würde den Eingriff an diesem heißen Sommertag nicht überleben. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen – und ich bin kein Mensch, der zur Hysterie neigt. Das Warten war unerträglich, die Operation verlief aber gut. Mein Freund und ich konnten Bonny nachmittags endlich wieder abholen. Leicht benommen, aber froh, ließ sie sich nach Hause bringen, das Bein steckte bis zur Hüfte in einer Gehschiene und einem dicken Verband. Ich ahnte nicht im Entferntesten, wie lange es dauern würde, bis Bonny wieder laufen konnte. Nach sechs Monaten mit Gipsbein folgten noch Wochen und Monate in einem Vierbeiner-Rehazentrum zur Reaktivierung des Beines.

Was mich in dieser Zeit sehr beeindruckte, das war Bonnys Wille zu kämpfen. Sie war ein starker Hund, der auch mir Kraft gab. Nur kurz kam sie in eine Phase, in der sie das Gipsbein nicht mehr leiden konnte und depressiv wurde; also holten wir noch einen Hund dazu, um sie aufzumuntern. Ein zweiter Hund war sowieso immer schon mein Traum gewesen. Im Internet fanden wir Frank Sinatra, einen tollen Podenco-Mix aus Fuerteventura. Bonny, die starke Einzelkämpferin, gewöhnte sich schnell an ihn und ließ sich von ihm beschützen. Im darauf folgenden Sommer konnte sie sich wieder leidlich auf ihren Beinen halten, fast ein Jahr war seit dem Unfall vergangen. Wir trainierten ihre Muskeln so gut wie möglich weiter, zusätzlich bekam sie Akupunktur-Behandlungen. Es ging aufwärts. Natürlich fragte ich mich während der ganzen Zeit, ob dieses Leben für Bonny noch lebenswert war. Aber ja doch! Sie zeigte es mir deutlich, dass sie laufen wollte.

Etwa zehn Monate später erlitt Bonny einen linksseitigen Schlaganfall. Es ging ihr sehr schlecht und jetzt war es erneut an der Zeit zu überlegen, ob sie noch glücklich war oder ihr Leben nur noch erduldete. Leiden sollte sie natürlich nicht, aber alleine der Gedanke an ihren Tod tat schon fürchterlich weh. Ich glaubte an Bonnys Stärke und Kraft und war überzeugt, dass sie auch diesen Schicksalsschlag verkraften würde. Ihr Gesichtsfeld war eingeschränkt; ich wusste nicht, wie gut sie sehen konnte und ob das Gehirn stark gelitten hatte. Die Hinterbeine waren geschwächt. Ich musste Bonny anfangs zwangsfüttern, denn aufgrund der schlechten Leberwerte hatte sie keinen Appetit mehr. Sie wurde inkontinent und ich sah, wie peinlich es ihr war, wenn sie in ihr Körbchen gemacht hatte. Unsere Tage bestanden aus füttern, putzen, baden; oft musste ich den Hund tragen und das Gassigehen war nur ganz langsam möglich. Es war allerdings erkennbar, dass Bonny sich »berappelte« und auch diese Situation in den Griff bekam. Da hält man einfach durch, für den Hund und für seine Lebensqualität. Wir fuhren so oft wie möglich ans Meer, um die Hündin darin zu unterstützen, körperlich und geistig wieder zu einem gesunden Hund zu werden, zu »unserer Bonny« eben.

Bonny fiel häufig um oder torkelte auf ihren schwachen Beinen, was bei einem großen Hund von 69 Zentimetern für den Beobachter natürlich sehr grausam aussah. So war ich plötzlich damit konfrontiert, dass mich fremde Menschen ansprachen und fragten, wann ich dem Hund denn endlich »helfen« würde. Spätestens wenn Bonny aber nach der Hand schnappte, die sie streicheln wollte, hieß es: »Na ja, Lebenswillen hat sie noch …« Ja, genau – ihren Lebenswillen hatte sie weiterhin und zwar jede Menge davon! So lange sie noch wollte, musste ich auch wollen. Ab diesem Zeitpunkt mied ich jedoch die Menschen, um mir deren Kommentare zu ersparen.

Es wurde wieder November. Über ein Jahr war seit dem Unfall vergangen und ich wartete ungeduldig auf den nahenden Frühling. Bonny liebte die Sonne und ich wollte ihr die Gelegenheit geben, Kraft zu tanken und stark zu werden. Ich dachte inzwischen fast täglich darüber nach, ob ihr Leben wirklich noch so lebenswert war, wie ich es sah. Immer häufiger fiel sie um oder stieß mit ihren Knochen an die Türrahmen. Ich änderte fast alles, von der Wohnungseinrichtung bis hin zu meinem Tagesablauf, um es Bonny so einfach wie möglich zu machen. Aber langsam musste ich mir ehrlich eingestehen, dass dies nicht das Leben war, das sie früher geführt hatte, als sie noch der wilde, unbändige Hund war mit den frech blitzenden Augen, ständig aufmerksam und in Bewegung. Da auch ich nur ein Mensch bin, tat ich mich schwer in dieser Zeit. Ich heulte nächtelang bei dem Gedanken an ihren Tod, wollte es ihr aber nicht zeigen. Dafür war dieser Hund einfach zu intelligent; sie hätte gemerkt, was los war.

Ich war hin- und hergerissen. Mutete ich gerade dem Wesen, das mir am meisten bedeutete, womöglich Unerträgliches zu, nur weil ich nicht loslassen konnte? Musste Bonny leiden oder bekam sie es gar nicht so mit? Hunde erleben körperliche Defekte ja anders als wir Menschen. Aber irgendwie spürte ich, dass sie um ihren Zustand wusste. Jetzt, ein Jahr später, denke ich, dass sie selbst auch nicht einfach aufgeben wollte, mir zuliebe und weil sie eine so starke Persönlichkeit war. Sie liebte das Leben, sie war es gewohnt zu kämpfen, sonst hätte sie bereits als Welpe nicht überlebt.

Ich hoffte Tag um Tag. Und wenn ich ehrlich bin, dann wünschte ich mir insgeheim, dass Bonny morgens tot im Körbchen liegen würde, einfach friedlich eingeschlafen, ohne Schmerzen. Gleichzeitig wollte ich aber nicht, dass sie diesen Weg alleine gehen musste und womöglich Angst dabei hatte. Ich gab ihr alles, was ich konnte – Ruhe, nette Hundekontakte, Wiesen, auf denen sie schnuppern oder sich einfach mal hinlegen konnte, und das Wichtigste: meine Anwesenheit. Dem Himmel sei Dank, dass ich in dieser ganzen Zeit arbeitslos war und so die letzte, schwere Zeit mit ihr teilen durfte. Während unserer Schmusestunden und bei den leichten Massagen versuchte ich immer, in ihren Augen zu lesen, wann ES soweit sein würde. Jemand hatte mir erzählt, dass man an den Augen sehen kann, wenn ein Hund nicht mehr will. Ich sah nichts, nur diese großen, schönen Augen, die fast immer noch Lebensfreude zeigten. Aber ich bemerkte auch ihre Hilflosigkeit, wenn sie mal wieder gegen den Türpfosten stieß, umfiel und nicht mehr aufstehen konnte. Innerlich schrie ich mir selbst zu: Oh nein, sie leidet. Was tust du ihr bloß an? Und dann ging ich verzweifelt zu ihr, half ihr wieder auf und sie rannte einfach weiter, ziellos und doch bestimmt.

Langsam überwog die schlechte Zeit die guten Momente. Ich konnte es sehen, aber ich wollte nicht. Wie soll man sich in solch einem Wechselbad der Gefühle verhalten? Natürlich ist es selbstverständlich, ausschließlich im Sinne des Hundes zu handeln. Bonny war mir ausgeliefert, von mir abhängig. Mein Freund war zwar stets bei uns, den endgültigen Entschluss aber hatte ich zu fällen. Ich wollte auch meinem Freund die Zeit geben, sich mit Bonnys Tod vertraut zu machen. Häufig beobachtete ich, wie er sich alleine zu der Hündin setzte, mit ihr schmuste und auf seine Art Abschied nahm. Wir litten vor uns hin: Ich, weil ich die Entscheidung über ihr Ende treffen musste, über den Zeitpunkt, wann ich mich für immer von ihr trennen musste; er, weil er es einfach nicht mehr mit ansehen konnte, wie sie sich quälte. Ich sprach mit vielen Freunden und Bekannten. Einerseits, um mir Bestätigung zu holen in dem, was ich tat, und andererseits wollte ich vielleicht von mehreren Seiten gesagt bekommen, dass Bonnys Zeit jetzt wohl gekommen sei. Die Angst vor dem Tod des geliebten Hundes ist der blanke Egoismus. Ich musste mit dem Schmerz des Verlustes umgehen, Bonny würde einfach in Frieden einschlafen. Das wusste ich, aber …

Schließlich, an einem Freitag Anfang Februar, war ich mir sicher, bereit dafür zu sein, Bonny zu erlösen. Wir kosteten das anschließende Wochenende mit ihr richtig aus, so gut das eben in solch einer Situation ging. Jeder von uns hatte nah am Wasser gebaut. Tränen standen schon lange auf der Tagesordnung. Und, so makaber es jetzt klingt, wir dachten auch darüber nach, was mit ihrem Körper nach ihrem Tod geschehen sollte. Verbrennen – aber wo? Vergraben – an welchem Ort? Beim Tierarzt lassen und dann vielleicht zu Seife verarbeitet werden – niemals! Wir hatten so viel Zeit gehabt, doch diese Gedanken hatten wir immer verdrängt. Wenn ich sie töten ließ, musste sie doch irgendwohin! Am Montagmorgen stand es endlich für mich fest: Bonny sollte selbstverständlich zu Hause sterben, durch ihren Lieblingsarzt, der sogar nach Feierabend extra für sie noch zu uns kam. Er hatte sie operiert und uns zwei Jahre lang betreut und wollte ihr schweren Herzens diese letzte Hilfe geben. Den Tag verbrachten wir damit, ihr Grab auf unserem Grundstück -auszuheben. Die Situation war makaber, doch wir wussten nicht, wie wir sonst mit dieser endlos langen Zeit bis zum Abend umgehen sollten. Arbeiten gehen konnte niemand von uns in dem Bewusstsein, dass dies der letzte Tag war, die letzten Stunden, die wir alle noch miteinander verbringen durften.

Bonny stapfte zielstrebig um uns herum, ganz neugierig und völlig beschäftigt mit Schnüffeln und Laufen. Sie fiel auch nur einmal um. Wir sahen uns an und fragten uns zum x-ten Mal, was wir da eigentlich geplant hatten. Es ging ihr doch gut! Sie rannte tatsächlich über zwei Stunden herum, sprang kleinen Stöckchen hinterher und war ganz begeistert. Im Nachhinein denke ich, dass sie wusste, was passieren würde, und einfach fröhlich Abschied genommen hat. Frank Sinatra, der ewig gut gelaunte Hund, stand mit uns im Loch und half sogar stolz beim Buddeln. Das war seine Leidenschaft. Wenn er gewusst hätte, was er da tat … Eine Million Gedanken in ein paar Stunden! Herzleid wird so oft beschrieben, doch man versteht es erst, wenn es einem selbst passiert. Bonny sollte Fröhlichkeit um sich haben, wenn sie ihre letzten Stunden schon so aktiv erleben konnte. Ich sah sie an, immer wieder, fasziniert von ihrer Schönheit und ihrem Blick, hin- und her gerissen zwischen Lachen und Weinen. Der Tag war schlimm und doch so unendlich wertvoll.

Dann fuhren wir alle vier wieder nach Haus und mussten auf das Unvermeidliche warten. Wir zündeten Kerzen an und machten den Raum angenehm dunkel. Warum, war uns selbst nicht klar, es schien uns zum Tod dazuzugehören. Bonny und Frank waren müde nach dem Laufen und legten sich zusammen ins Körbchen. Das geschah nur selten, denn der Kleine hatte viel Respekt vor der Hündin. Später lag Bonny alleine dort, wie immer im komatösen Tiefschlaf, den sie schon seit langer Zeit hatte. Nichts konnte sie in solchen Situationen wecken. Wir saßen auf der Couch, schauten zu ihr und sprachen kaum. Jeder hing seinen Gedanken nach; immer wieder gingen wir zu ihr, um sie zu streicheln – mit dem Wissen, gleich sollte es vorbei sein. Sie würde nachher genauso daliegen, nur dann würde sie nie wieder aufwachen. Die Stunden wurden zu einer Ewigkeit. Als es an der Tür klingelte, war es um meine Fassung geschehen. Der Tierarzt kam und Bonny, die Wächterin im Haus, hörte nicht einmal die Klingel. Frank, der Clown, fand es toll, diesen netten Mann auch mal zu Hause begrüßen zu dürfen, und freute sich riesig. Das lenkte mich ein wenig ab. Bonny reagierte nicht auf die Stimme ihres Arztes, sie war erschöpft von dem schönen Tag.

Wir tranken Kaffee und sprachen über die Gegensätze hinsichtlich Bonnys Zustandes. Aber der Arzt kannte uns lange und gut und wusste, dass unsere Entscheidung richtig war. Als er zu Bonny ging, schnürte es meinem Freund und mir die Kehle zu. Wir knieten an ihrem Körbchen und streichelten sie sanft. Frank setzte sich leise zwischen uns. Ich hielt Bonnys Pfote, schaute in ihre Augen und versuchte, sie nicht mit Tränen zu verabschieden, sondern mit einem Lächeln zu begleiten. Bonny sollte fühlen, dass sie nicht alleine war, aber auf keinen Fall wach werden. Dieser starke und stolze Hund hätte sich bestimmt gewehrt!

Als der Tierarzt Bonnys Bein streichelte, sah sie kurz auf, ließ dann ihren Kopf aber wieder ruhig zur Seite sinken. Die Kanüle war gelegt, das Beruhigungsmittel floss in ihren Körper. Sie schlief ein, nun gab es kein Zurück mehr. Dann kam das zweite Mittel, es sollte ihr endgültig das Leben nehmen. Wie in Trance schaute ich zu und konnte gar nichts sagen oder tun. Bonnys Mundwinkel zuckten, als ihr Herz aufhörte zu schlagen. Sie sah so schön aus wie vorher, nur würde sie mich nie wieder ansehen. Es war vorbei und der Verlust tat unbeschreiblich weh. Wir weinten und streichelten Bonny immer wieder. Dabei versuchten wir, uns zu trösten: Wir erzählten uns kleine Anekdoten, die wir mit Bonny erlebt hatten, während unsere Tränen nahezu unaufhörlich flossen. Nur für Frank schien sich nichts verändert zu haben, Bonny war noch warm und lag ja häufig so in ihrem Körbchen.

Am nächsten Tag mussten wir Frank mit Bonnys kaltem Körper konfrontieren. Er sollte sie nicht ewig suchen müssen. Seinen Schrei und sein Gejammer möchte ich nicht noch einmal erleben. Er war genauso verzweifelt wie wir, aber auf seine Art. Die nächsten Wochen war er nicht mehr unser kleiner, fröhlicher Hund. Erst drei Monate später war ich in der Lage, uns einen neuen Hausgenossen zu suchen. Eine wunderschöne, aber total verängstigte Galgo-Seele namens Batida kam zu uns und damit eine neue Aufgabe, die uns alle wieder aufleben ließ. Batida wird Bonny niemals ersetzen, aber ich bin sicher, es ist auch in Bonnys Sinne, wenn wir den freien Platz in der Familie mit einem gequälten Hund neu besetzen, dem es nicht gut ging und der dringend ein sicheres Plätzchen braucht.

General – veni, vedi, vici

von Angelika Lanz


»Was soll man über einen gut erzogenen, klugen, alten Schäferhund sagen? Seine graue Schnauze und seine ein wenig trüben Augen haben wohl alles erschnüffelt und gesehen, was in einem langen Hundeleben so passieren kann. Er ist freundlich und hat die Weisheit und Liebenswürdigkeit eines Opas. Wir würden ihm sehr wünschen, dass sich noch ein Platz für ihn finden lässt, an dem er Treue und Liebe zu seinem Menschen einbringen kann.«

Die Beschreibung des Tierheims und das dazugehörende Bild eines alten, traurigen Schäferhundes mit hängenden Ohren gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Nach einigen Tagen war mir klar, dass ich diesem Hund ein Zuhause geben wollte. Ich rief im Tierheim an und erfuhr, dass man schon zweimal versucht hatte, General – so hieß der Rüde – in eine Pflegestelle zu geben. Er hätte sich aber jedes Mal geweigert, das Tierheim zu verlassen. Seine Gassi-Geherin meinte jedoch, sie könne sich gut vorstellen, dass General zu uns passen würde. Um ihm unnötigen Stress zu ersparen, war sie sogar bereit, ihn an ihrem freien Wochenende die gut 60 Kilometer zu uns zu bringen und für den Fall, dass er nicht bei uns bleiben wollte, auch wieder mitzunehmen. Über seine Vorgeschichte wusste sie nur, dass General ursprünglich ein italienischer Militärhund gewesen war. Ob desertiert oder abgeschoben – war er irgendwann in einem italienischen Tierheim gelandet, von wo aus er zwei Jahre später nach Deutschland kam. Insgesamt hatte General nun schon acht Jahre Tierheimaufenthalt hinter sich. Er war eine Seele von Hund, aber niemand hatte ihn gewollt!

Am 2. Februar 2003 war es endlich so weit; General wurde zu mir gebracht. Als ich den Hund sah, hätte ich losheulen können. Er hatte schiefe Hüften, schiefe Schultern, einen Riesenbrustkorb, aber sonst nur Knochen und Sehnen und kaum noch Muskeln an den Hinterläufen, der Kopf war eingefallen. Außerdem humpelte er stark. Aber er schaffte es mit eisernem Willen, die Treppe zu meiner Wohnung hinaufzukommen, obwohl das sehr mühsam für ihn war. Als die Damen vom Tierheim gingen, blieb General anstandslos bei mir. Zugegeben – wir hatten ihm beim Spaziergang mit einem Stückchen Leberwurst ein homöopathisches Mittel gegen Heimweh verabreicht, aber dennoch: General schaute seinen Betreuerinnen nach, drehte sich um und stakste zurück in den Garten. Er war zu Hause. Mein Schäferhund Bär guckte irritiert, als die Damen ohne General abfuhren, nahm ihn dann jedoch distanziert, aber freundlich auf. Meine Hündin Cooper zeigte sich erst sehr interessiert, immerhin war nun ein neuer Rüde im Haus. Als General sich aber hinlegte und anfing zu schnarchen, ergriff Cooper die Flucht. Es dauerte beinahe vier Wochen, bis sie ihre Angst vor diesem eindrucksvollen Geräusch überwunden hatte.

Die erste Nacht verbrachte General selig schlummernd auf dem dicken Teppich im Kinderzimmer. Ich dagegen lag wach und machte mir Sorgen, ob ich den Hund überhaupt durch die ersten Tage bringen würde. Am nächsten Morgen wirkte er sehr verstört, als meine Tochter zur Schule ging. Ich hatte mir für seine Eingewöhnung zwei Tage Urlaub genommen und rief ihn zu mir. General kam schwerfällig angetapst, rang sich dabei jeden Schritt ab, schaute mich an und in diesem Augenblick war es geschehen: 5000 Jahre Hundeweisheit schauten mir direkt in die Seele. Es kam mir vor, als würde ich diesen Hund schon ganz lange kennen; er war der Hund, von dem ich bereits als Kind träumte. Zwar sah er ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Er war nicht strahlend, jung oder fit, nicht einmal schön, aber er war es! Ganz tief in dieser gequälten Hundeseele war das Band der Treue und Liebe zu erkennen, das er schon so viele Jahre seinem Menschen hatte schenken wollen. General schaute mich immer noch an, kam dann zu meinem Knie und rieb seinen Kopf daran als Zeichen tiefster Zuneigung, da er aufgrund seiner kaputten Hüfte nicht mit dem Schwanz wedeln konnte. Von diesem Moment an wich Genny, wie ich ihn fortan liebevoll nannte, nicht mehr von meiner Seite. An meinem ersten Arbeitstag büchste er sogar von zu Hause aus und nahm die Spur meines Autos auf. Es war ein bitterkalter Tag mit Schneestürmen, aber Genny war – obwohl er große Schwierigkeiten mit dem Laufen hatte – unterwegs, um mich zu suchen. Erst nach über vier Stunden konnte ihn die Polizei aufgreifen; sechs Kilometer von zu Hause entfernt, total erschöpft und unterkühlt. Meine Mutter und meine Tochter mussten ihn fortan immer anleinen, wenn ich arbeiten war und sie das Grundstück verließen. Er hätte sonst versucht, zu mir zu gelangen.

Genny konnte nicht sehr weit laufen. Bei Spaziergängen mit meiner Mutter oder meiner Tochter Chelsea zeigte er es, wenn er keine Kraft mehr hatte. War ich mit allen Hunden unterwegs, marschierte er unermüdlich und gnadenlos gegen sich selbst. Deshalb ging ich entweder mit ihm alleine oder wir richteten es so ein, dass wir uns unterwegs beim Spaziergang trafen. Bär und Cooper waren dann bereits mit mir eine große Runde bis zum vereinbarten Treffpunkt gelaufen und gingen anschließend gemeinsam mit meiner Mutter oder Chelsea und Genny nach Hause. Dabei blieb Genny dicht an meinem Knie. Obwohl Cooper und Bär dabei waren, wollte er lieber bei mir laufen.

Im Tierheim hatte er gerne gebuddelt, bei mir tat er das nie. Dort fraß er auch gerne Abfall, Papier oder Holzspäne. Als er am ersten Abend bei mir Papier fressen wollte, bat ich ihn, das nicht zu tun. Seitdem zeigte er keinerlei Interesse mehr daran. Genny hat mein Leben komplett umgekrempelt: Schon jahrelang hatte ich vorgehabt, die Treppe mit Stufenmatten auszulegen, es aus finanziellen Gründen aber sein lassen. Gleich am ersten Tag nach Gennys Einzug lief ich los, kaufte diese Matten und machte das Treppensteigen damit für ihn einfacher. Auch mein Wohnzimmer hatte ich bereits seit geraumer Zeit vom ausgebauten Dachstuhl hinunter in meine Küchen- und Schlafzimmerebene verlegen wollen. Da Genny die Steiltreppe zum Wohnzimmer hinauf nicht laufen konnte, tauschte ich innerhalb von zwei Wochen das Kinderzimmer mit dem Wohnzimmer, strich beide Räume und stattete sie mit neuen Möbeln aus. Ich war es bisher gewohnt zu rennen, wenn meine Mutter oder meine Tochter mich riefen. Nun mussten die zwei sich bewegen, wenn sie etwas von mir wollten. Da Genny sowohl mit dem Treppensteigen und als auch beim Aufstehen große Schwierigkeiten hatte, blieb ich künftig sitzen, wo ich bzw. Genny war – egal, wer nach mir schrie!

Genny bellte nur, wenn ihm etwas nicht passte oder wenn er raus musste. Auf sein bestimmtes, tiefes »Wuff« erwartete er dann natürlich auch, dass sofort etwas passierte. Hatten wir Besuch und ich saß so, dass er nicht direkt an meiner Seite liegen konnte, forderte das »Wuff« die sofortige Umgruppierung der Sitzordnung ein. Saß ich dann endlich bei ihm, gab er Ruhe. Waren die Türen zum Garten nicht offen, signalisierte ein lautes »Wuff« meiner Mutter – sie wohnt unten und hat Gartenzugang –, dass sie nun genau zehn Sekunden Zeit hatte, ihm eine Tür aufzumachen. Schaffte sie das nicht, erledigte er sein Geschäft in ihrer Wohnung. Musste er nachts raus, turnte er – ob ich wach war oder schlief – ebenfalls zu meiner Mutter runter, die wiederum zehn Sekunden hatte, um sich Pantoffeln und Bademantel anzuziehen. Meine Mutter erkennt heute noch an, dass Genny ihre Reaktionszeit wesentlich verbessert hat.

Von Anfang an gab ich Genny ein homöopathisches Mittel für seine Knochen. Sein Zustand besserte sich sehr schnell. Die Hinterläufe wurden muskulöser, das Fell begann zu glänzen. So konnten wir unsere Spaziergänge schrittweise verlängern. Am 6. März 2003 kamen seine Betreuerinnen aus dem Tierheim zu Besuch. Genny war selig. Alle Menschen, die er liebte, waren auf einem Platz zusammen. Den ganzen Nachmittag über lag er entspannt und glücklich zwischen uns. Seine Betreuerinnen waren begeistert, wie toll sich ihr Sorgenkind entwickelt hatte. Als sie gehen wollten, weigerte Genny sich plötzlich, mit zur Treppe zu kommen, um sie zu verabschieden. Runter zur Haustür, raus in den Garten – all das tat er nur auf mehrmalige Befehle hin, obwohl er sonst jeden Schritt ohne Kommando mit mir machte. Als die Betreuerinnen zum Auto gingen, drehte er sich auf dem Absatz um, ging ins Haus und erbrach sich dort vor Aufregung.

Bär war auch diesmal wieder ziemlich irritiert, dass die Tierheim-Damen ohne Genny abreisten. Er hatte wohl gemeint, Gennys Erholungsurlaub sei beendet. Während er anfangs recht freundlich zu Genny gewesen war, hatte er nach einigen Tagen jedoch damit begonnen, ihn auch mal anzuknurren oder anzufletschen. Genny nahm das alles mit stoischer Ruhe hin. Nachdem die Damen vom Tierheim nun ohne ihn weggefahren waren, änderte Bär sein Verhalten schlagartig. Auf einmal war Genny anscheinend auch für ihn in die Familie aufgenommen worden und er entwickelte sich zu seinem großen Kumpel. Es wurde gemeinsam geschnüffelt, gefressen und geruht. Oft lagen Bär und Genny zusammen auf einer alten Rheumadecke vor der Haustür und warteten, bis ich von der Arbeit kam. Aus »Ich kann dich nicht ab!« war ohne mein Zutun ein »Ich kann nicht ohne dich!« geworden. Cooper registrierte verständnislos, dass sich die zwei Rüden so gut verstanden und sie meist links liegen ließen.

Ende März fing Genny an, immer mal wieder Galle zu erbrechen. Am 3. April 2003 wollte er nicht mehr fressen. Daraufhin ging ich mit ihm zur Tierärztin. Sie untersuchte ihn, gab ihm eine Spritze gegen die Übelkeit und nahm ihm Blut ab. Zwei Tage später waren die Blutergebnisse da. Die Werte waren wunderbar, für einen so alten Hund sogar ausgezeichnet. Da es ihm aber immer schlechter ging, wurde Genny noch geröntgt. Es war mir aufgefallen, dass er öfter hart schluckte, und ich dachte, er hätte vielleicht einen Polypen im Hals. Die Tierärztin wollte bei dieser Gelegenheit auch seine Zähne reinigen. Ich stimmte zu unter der Bedingung, dass die Zahnbehandlung nur vorgenommen wurde, wenn das Röntgenbild ohne Befund und sicher davon auszugehen war, dass Gennys Kau- und Schluckbeschwerden durch Probleme an den Zähnen verursacht wurden. Wäre er unheilbar krank, sollte er erlöst werden. Ich wollte nicht, dass er litt.

Genny lebte noch, als ich ihn von der Tierärztin abholte. Er hatte während der Narkose eine Infusion zur Stärkung bekommen. Sein Röntgenbild zeigte, dass seine Wirbelsäule altersbedingt verhärtet war und die Halswirbel dadurch die Speiseröhre zusammendrückten. Ich sollte versuchen, Genny in Zukunft mit Brei zu ernähren. Alles hätte ich getan, um ihn am Leben zu erhalten, aber am darauf folgenden Tag konnte er nicht einmal mehr trinken. Deshalb bekam er erneut eine Infusion. Aufgrund starker Zahnschmerzen – die Tierärztin hatte ihm die Zähne zu intensiv gereinigt – hätte Genny außerdem Antibiotika gebraucht, aber er ließ es nicht zu, dass wir sein Maul öffneten, um ihm das Mittel einzuflößen. Es ging ihm sehr, sehr schlecht. Ich war hin- und hergerissen und wusste nicht, ob ich ihn nur noch quälte oder ob er wirklich noch eine Chance hatte. Jeden Abend telefonierte ich mit seiner Betreuerin im Tierheim. Wir hofften zusammen, wir bangten zusammen, wir weinten zusammen. Bär lag Tag und Nacht an Gennys Seite. Nur zum Spaziergang, den Genny nicht mehr mitmachen konnte, stand er auf.

Am Donnerstag, dem 10. April 2003, erhob sich Genny abends und wollte mit spazieren gehen. Er machte offensichtlich eine Metamorphose durch. Sein Fell wurde seidig, sein Blick klar; er lief aufrecht, ohne zu humpeln, aber er weigerte sich nach wie vor zu fressen oder zu trinken. Ich wusste, was das bedeutete. Natürlich ging ich wieder mit ihm alleine. Auf diesem Spaziergang zeigte Genny mir, was für ein Hund er einmal gewesen war. Neben mir war ein beinahe junger Rüde zu sehen, mit stolzem Gang direkt an meinem Knie, die Ohren gespitzt und aufmerksam. Ich sprach mit ihm die ganze Zeit, lobte ihn und unterdrückte meine Tränen. Das war unsere Abschiedsrunde. Zurück zu Hause, legte Genny sich ins Wohnzimmer auf seinen Lieblingsplatz. Von da an verfiel er. Zusehends wurde er schwächer und abwesender. Unsere Perserdame Dixie, die Genny vom ersten Tag an heiß und innig geliebt hatte, kam, schleckte ihm die Ohren aus und stupste mit ihrer breiten Nase sein Maul an, aber Genny reagierte nicht mehr. Ich hielt ihn bis morgens um vier Uhr in den Armen, dann wollte er in den Garten und schob mich weg. In dieser Nacht ließen wir ihn raus, obwohl wir ihm normalerweise wegen der Kälte nicht erlaubten, nachts im Garten zu liegen.

Am nächsten Tag war es so weit. Genny wollte nicht aufstehen und auch nicht angefasst werden, aber er kam sofort zu mir, als ich ihm sagte: »Genny, es wird Zeit.« Er lief an meiner Seite zum Auto, schleckte mir beim Einsteigen ausgiebig die Hand und schaute mir noch ein allerletztes Mal tief in die Seele. Genny hat die meiste Zeit seines Lebens in Tierheimen verbracht; niemand hatte diesen klugen, folgsamen, liebenswerten und weisen Hund gewollt. Ich durfte nur 68 Tage mit ihm verbringen, 68 erfüllte, wunderbare Tage. Bei der Bezahlung der Endrechnung sagte mir die Tierärztin, es sei ihr schon bei der Untersuchung klar gewesen, dass der Hund nicht überleben würde. Sie hätte mir aber noch Zeit zum Verabschieden geben wollen. Durch diese Entscheidung musste Genny sieben Tage unnötig leiden. Es gibt leider immer wieder Tierärzte, denen das Geld wichtiger ist als das Tier.

Lisa – trotz Alter und Krankheit eine gute Zeit

von Karin und Christoph Oehl


»Man wirft ein Leben nicht weg, nur weil es ein wenig beschädigt ist.«. (unbekannter Autor) Seit vielen Jahren haben wir zu Hause eine Igelstation und arbeiten in dieser Angelegenheit auch mit einem Tierheim zusammen. Eines Tages war es mal wieder so weit. Einige gesunde Igel sollten in der offenen Halle des Tierheims den Winterschlaf verbringen. Wir fuhren zum Tierheim und halfen bei den Vorbereitungen, unsere Dackelhündin Susi war mitgekommen. Bei einem Schwätzchen in der Tierheimküche lernten wir den »Küchenhund« Lisa kennen. Sie war eine Jammergestalt: kurzatmig, dünne Beine, dicker Körper. Wir erfuhren von ihr, dass sie von 1989 bis 1995 im Tierheim Verona gehalten worden und herz- und krebskrank sei. Man legte uns nahe, sie mitzunehmen. Wir hätten doch Erfahrung mit herzkranken Hunden, und Lisa könne dann in den wenigen ihr verbleibenden Wochen noch ein schönes Leben haben.

Kurz zuvor war unser Tino, auch ein schwieriger Hund aus dem Tierheim, verstorben. Eigentlich wollten wir Susi in Ruhe alt werden lassen und keinen zweiten Hund mehr nehmen. Da waren mein Mann und ich uns einig. Aber Susi und Lisa vertrugen sich auf Anhieb, was ungewöhnlich ist bei »Damen« untereinander, und Lisas Blick war so traurig und bittend. Ich schaute meinen Mann an, er sagte einfach nur: »Nein.« Mir schossen die Tränen in die Augen, da bückte sich mein Mann und sprach Lisa an: »Na, altes Mädchen« – wie alt sie wirklich war, haben wir nie erfahren –, »möchtest du mit uns kommen? Dann komm!« Lisa trottete zu uns, resigniert, mit hängendem Kopf und Schwanz, aber sie kam mit. Zu Hause machte sie erst mal ein Bächlein in die Küche, sie war nicht stubenrein. Wir wischten es kommentarlos weg und gingen fortan – wie mit einem Welpen – nach dem Fressen und Schlafen mit ihr nach draußen. Und siehe da: Lisa begriff, dass sie ihr Geschäft außerhalb der Wohnung machen sollte.

Die erste tierärztliche Untersuchung endete mit einer katastrophalen Diagnose: Lisa hatte einen bösen Herzfehler, Wasser in der Lunge und massive Gesäugetumore, die aufgrund ihres Herzfehlers inoperabel waren. Künftig bekam sie regelmäßig Herzmedikamente und Entwässerungstabletten, die sie, in Leberwurst verpackt, ohne Weiteres schluckte. Ihr Herz erholte sich, das Wasser in der Lunge verschwand. Mit der Zeit wurde Lisa immer belastbarer, sie genoss nicht nur die nun länger werdenden Spaziergänge, sondern auch ihren Kuschelplatz neben und zwischen uns auf dem Sofa. Einen problemloseren Hund als Lisa kann man sich kaum vorstellen.

Wir begannen die Gesäugetumore mit homöopathischen Mitteln zu behandeln – erfolgreich. Sie wuchsen tatsächlich nicht weiter. Irgendwann vergaßen wir, dass wir einen sehr kranken Hund hatten. Als wir zwei Babykatzen aufnahmen, trug Lisa sie zu sich ins Körbchen, leckte sie ab und ließ sie saugen. Wir standen nur noch staunend da. Mit unserer kleinen Dackelhündin Susi gab es nie einen einzigen Streit, nicht mal ein Knurren. Lisa war zwar nicht die Intelligenteste, aber unendlich lieb und dankbar. Wir konnten sie überallhin mitnehmen, sie raufte nie und war absolut folgsam, wenn sie verstand, was wir von ihr wollten. Bei einem Urlaub in den Schweizer Bergen machte sie lange Wandertouren mit uns und schien aufgeblüht und gesund.

Schließlich lebte sie statt der prophezeiten wenigen Wochen schon zweieinhalb Jahre bei uns, als sie eine Augenentzündung bekam, die auf die tierärztliche Behandlung nicht ansprach. Wir suchten daher einen Augenspezialisten auf, der ein Glaukom, auch Grüner Star genannt, und eine Uveitis, eine Entzündung des Augeninneren, diagnostizierte. Wir behandelten Lisa mit Tropfen, aber schließlich war doch eine Operation unumgänglich, die die Hündin gut überstand, die aber leider nicht den gewünschten Erfolg brachte. Lisa bekam starke Schmerzen in der Augenregion, ihr war schwindelig und sie war äußerst berührungsempfindlich. Das erkrankte Auge sollte zwar am folgenden Tag entfernt werden, aber wir wollten nicht, dass Lisa sich mit diesen Schmerzen noch die Nacht hindurch quälte. So suchten wir unsere Tierärztin auf, die vorschlug, Lisas Kopf zu röntgen. Auf dem Bild war dann die Bescherung zu sehen: Metastasen ohne Ende. Wir haben uns sehr schnell entschließen müssen, uns von Lisa zu verabschieden. Leiden sollte sie nicht, das war uns sehr wichtig. Sie wusste, dass ihr Ende gekommen war, und ließ alles über sich ergehen, geduldig wie immer. Ihr Kopf lag in meinem Arm. Wir haben ihr noch viel Liebe mit auf den Weg gegeben und uns unserer Tränen nicht geschämt. Nach Lisa mussten wir vor einem Jahr auch Susi verabschieden, die inzwischen 15 Jahre alt geworden war. Es ist schwer, wenn liebe Wegbegleiter gehen müssen. Aber es ist so lohnend und auch immer wieder ein Geschenk für uns, Handicap-Hunden noch eine gute Zeit zu schenken.

Was für ein Hund Lisa war? Ein Spaniel, ein zu kleiner Großer Münsterländer? Egal, für uns war sie schön und wir vergessen sie nie.

Nachruf für einen Kettenhund oder 370 Tage Leben

von Martina und Jürgen Gerlach


Asta, unser fast tauber, schäferhundgroßer Kurzhaar-Mischling, hatte 15 Jahre lang an einer eineinhalb Meter langen Kette gelebt, ohne Schutz vor Hitze, Kälte und Regen. Als die Tierschutzinitiative auf die Hündin aufmerksam wurde, appellierte sie an den Besitzer, das Tier abzugeben. Der Besitzer willigte ein und so verbrachte Asta zunächst eine halbe Woche in einem Gehege der Tierschützer mit anderen Hunden zusammen, bevor wir sie zu uns nahmen. Unser Hund war zwei Tage zuvor gestorben.

Asta war unterernährt und ihr Fell schien ihr zu weit zu sein. Das größte Problem für sie aber waren die vielen Treppen bei uns, sowohl im Haus als auch auf unserem Grundstück. Die im Laufen ungeübte, alte Hündin stürzte nicht nur einmal die Treppen hinunter; Gott sei Dank hat sie niemals körperliche Schäden davongetragen. Als Kettenhund hatte Asta natürlich niemals gelernt, Gassi zu gehen. Durch die Unterernährung und den Bewegungsmangel waren ihre Muskeln überhaupt nicht ausgebildet. Demzufolge lief sie immer sehr langsam. Trat sie einmal schief auf, rutschte sie haltlos ab und konnte sich nicht selbst abfangen. Ihr Geschäft erledigte sie dort, wo sie gerade war; das große Geschäft ausnahmslos während des Laufens. Sie lief dabei jeweils im Kreis durch ihre Häufchen. Da Asta ihren Napf nicht auf einmal, sondern im Laufe von etlichen Stunden leerte, hatte sie auch keine festen Lösungszeiten. Täglich wischte ich also etwa viermal das Haus von oben bis unten, vielfach noch einmal so häufig jede Nacht. Aber selbst das reichte nicht, um das Haus sauber zu halten. Wir führten Asta auch nachts hinaus und ließen Sommer wie Winter die Terrassentür offen, um ihr das Hinausgehen zu erleichtern. Aber es war zu spät für sie, sich umzugewöhnen.

Asta wurde auch während ihres letzten Lebensjahres nicht glücklich. Da sie über eineinhalb Jahrzehnte dahinvegetiert hatte, war sie völlig verunsichert. Vor vielen alltäglichen Dingen hatte sie einfach nur Angst, so z. B. vor dem Abwischen oder Bürsten, was jedoch wichtig war, um ihren Kot aus dem Fell zu bekommen. Erst langsam und am Ende ihres Daseins erfuhr Asta, was es bedeuten kann, mit Menschen, die sie lieben, zu leben, ebenso mit Artgenossen und anderen Tieren. Sie begann zu schmusen und merkte, wie schön es ist, gestreichelt zu werden. Unbeholfen steckte sie dabei ihren Kopf zwischen unsere Beine. Auch was eine Belohnung ist, lernte sie erst jetzt kennen. Aber das Jahr war für sie auch sehr anstrengend, denn sie musste schließlich erst einmal die grundlegenden Dinge lernen.

Leider haben viele Menschen bei Asta zu viele Fehler gemacht. Auch ich habe dazugelernt. Wenn ich nochmals einen jahrelang an der Kette gehaltenen Hund aufnehmen würde, würde ich heute in manch einer Hinsicht anders handeln. Zum Beispiel würde ich anfangs, wenn nötig, auch bei dem Tier auf dem Boden schlafen, um mitzubekommen, wann es Zeit ist, den Hund hinauszulassen, bevor er sein Geschäft im Haus erledigt. Ich würde außerdem viel mehr mit Leckerlis arbeiten. Inzwischen führt auch eine Rampe von der Terrasse in den Garten, die von den Hunden, die jetzt bei uns leben, gerne benutzt wird und sicher auch der armen Asta vieles leichter gemacht hätte. Ich würde mehr Mimik und Blickkontakt einsetzen und selbst mit tauben Hunden sprechen. Uns fehlten damals helfende Hinweise, trotz jahrelanger Erfahrung im Umgang mit normal gehaltenen Hunden. Die Tierschützer sagten uns nur, Asta brauche ein warmes, weiches Plätzchen. Die Hündin verhielt sich hingegen völlig anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Sie lief – langsam, aber stetig – viele Stunden lang durch Haus und Garten. Selbst wenn sie lag oder schlief, schien sie noch zu rennen. Einmal kam sie nachts nicht ins Haus zurück, was ich erst gegen 5.30 Uhr früh bemerkte. Ich ging hinaus und fand sie liegend im Garten. Als ich bei ihr war, wurde sie munter, stand auf und folgte mir in aller Ruhe. Es war ihr sonst nichts anzumerken. Im Nachhinein denke ich manchmal, dass sie damals vielleicht einen Schlaganfall erlitten hat.

Asta starb, nachdem sie ein Jahr und fünf Tage bei uns verbracht hatte. Sie war nicht krank, aber ihr Leben, das keines gewesen war, ging einfach zu Ende. Das Sterben dauerte tagelang. Die Hündin lief wie immer langsam umher und legte sich ab und zu an irgendeiner Stelle hin. Manchmal sah es aus, als wenn sie sich etwas erholt hätte, dann war wieder ganz das Gegenteil zu beobachten. Kurz vor ihrem Tod raffte sie sich nochmal auf, ging auf die Terrasse und schaute zum Himmel in diese so besch … Welt. Dann brach sie zusammen, genau in dem Moment, als der Tierarzt klingelte, den ich voller Vorahnung gebeten hatte zu kommen. Er gab ihr die letzte Spritze, die sie vielleicht nicht einmal mehr gebraucht hätte. 15 Jahre Kettenhund »im Dienste der Menschen« waren vorbei.

Es kann kein Trost sein, dass Asta wenigstens noch für eine kurze Zeit Liebe, Achtung und Qualfreiheit genießen konnte. Denn eigentlich hätte dieser wunderbaren, sanften Hündin ein artgerechtes und ihren Bedürfnissen entsprechendes Leben mit Zuwendung und Geborgenheit zugestanden, so wie es bei allen Tieren sein sollte. Immer wieder stellt sich für uns die Frage: Mit welchem Recht knechten Menschen Tiere, halten sie würdelos und beuten sie ohne Gnade aus? Massentierhaltung und Tiertransporte sind Beispiele genug dafür. Warum missbrauchen, vergiften, zerstückeln sie sie wie in Tierexperimenten? Der Umgang von uns Menschen mit unseren Mitgeschöpfen, den Tieren, kommt den Verbrechen der Inquisition, der Hexenverfolgung und der Sklavenhaltung gleich – und das im 20. bzw. 21. Jahrhundert. Besonders in der Kettenhundhaltung, die auf dem Lande leider keine Seltenheit ist, wird deutlich, wie schlecht der Mensch den Hund, seinen angeblich besten Freund, behandelt. Dabei würde ein Bewegungsmelder in solchen Fällen das bessere Ergebnis für den Besitzer bringen und kein Tier würde gequält werden müssen.

Die Tiere haben den Menschen sehr viel voraus. Trotz Qual und Missachtung durch die »Krone der Schöpfung« bringen sie immer wieder Dankbarkeit und Zuneigung auf und gewinnen zum Teil auch ihre Lebensfreude zurück, wenn wir ihnen den letzten Rest oder eine Zeit ihres Lebens liebevoll gestalten. Sprache, Seele, Vernunft und Gefühl – wodurch Menschen sich angeblich auszeichnen –, über all das verfügen die Tiere genauso und oftmals noch intensiver als wir! Nur sind wir nicht bereit, den Tieren gleichermaßen ihre Rechte zuzugestehen. Das lässt die menschliche Anmaßung nicht zu. Kein Tier quält und tötet bewusst und berechnend und vor allem ohne Notwendigkeit, wie wir Menschen das tun bzw. zulassen, aus Gleichgültigkeit oder um uns einen zweifelhaften Vorteil zu verschaffen.

Tierschutz ist der Testfall für die Menschheit. Der Umgang mit den Tieren ist die Bewährung für jeden von uns.

Auslandshunde


Janga – unser Sonnenschein

von Marianne Deininger


Janga ist eine etwa neunjährige Dackel-Mischlingshündin. Sie war zwei bis drei Jahre alt, als sie im April 2000 in unseren Dreipersonenhaushalt – mein Mann, meine Mutter, die über neunzig ist, und ich – einzog.

Janga kommt aus Serbien. Sie hat als Straßenhund in einem Park in Belgrad gelebt und sich alleine durchgeschlagen. Tierfreundinnen, die dort regelmäßig die Hunde mit Essbarem versorgten, kannten die kleine Hündin bereits. Eines Tages fiel ihnen auf, dass Janga schon seit Längerem nicht mehr aufgetaucht war. Viele Wochen später fand eine der Frauen den Hund im Park wieder. Jugendliche, die bereits mehrfach aufgefallen waren, weil sie mit Steinen nach den Straßenhunden warfen, hatten Janga eingefangen und ihr mit Rasierklingen beide Ohren abgeschnitten. Die Tierfreundinnen waren selbst sehr arm und konnten keinen zusätzlichen Hund aufnehmen. Sie wussten aber von einem vorbildlich geführten Tierheim in einem serbischen Dorf, das seit über 18 Jahren von einer Schweizerin geleitet wird. Dorthin brachten sie die an Körper und Seele leidende Janga.

Die kleine Hundedame verbrachte mehrere Monate in diesem Tierheim. Sie war in einer gemischten Hundegruppe mit Welpen, jungen und ausgewachsenen Hunden integriert, in der sie sich wohlzufühlen schien. Da sie einen ausgeprägten Mutterinstinkt hat, spielte sie stundenlang mit den Welpen. Ihre körperlichen Wunden heilten langsam ab. Zu Menschen war sie sehr zurückhaltend. Wir unterstützten die Arbeit des serbischen Tierschutzvereins bereits seit langer Zeit. Daher entschlossen wir uns, die Hündin aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir nur ihre traurige Geschichte.

Als Janga schließlich zu uns kam, verhielt sie sich zunächst sehr unterwürfig. Sie rutschte gleichsam über den Boden und mochte sich kaum aufrichten, wenn ein Mensch in ihrer Nähe war. Ich kannte bis dahin nur den Umgang mit selbstsicheren, eher draufgängerischen Hunden und hatte daher anfangs Probleme, mich auf Jangas Verhalten einzustellen. Ich wollte ihr Mut machen und versuchte, sie auf die Beine zu stellen. Aber dadurch zeigte die Hündin sich nur noch devoter. Ich musste also lernen, anders auf sie einzugehen. Fortan setzte oder legte ich mich zu ihr auf den Boden und machte mich genauso klein wie sie. Das funktionierte; Janga kam zu mir und leckte meine Hände. In dem Moment fing ich an, sie vorsichtig zu streicheln. Von Tag zu Tag traute sie sich nun etwas mehr zu. Sie schien zu begreifen, dass sie vor meinen Händen keine Angst haben musste. Nach ungefähr zwei Wochen zeigte sie mir schon von selbst, wenn sie gestreichelt werden wollte. Die geduckte Haltung hatte sie aufgegeben. Heute springt sie uns auf den Schoß und stellt ihre Forderungen unmissverständlich.

Kurze Zeit später kam eine kleine, lebenslustige Terrier-Mischlingsdame zu uns; eigentlich als Vermittlungshund, aber wie es halt so ist: Janga, die ein bisschen größer als Tira ist, »adoptierte« die Kleine sogleich. Von da an hatten wir einen zweiten Hund, der natürlich nicht mehr zu vermitteln war. Die beiden sind inzwischen dicke Freunde geworden. Abends legen sie sich zusammen in ein Körbchen, denn Janga liebt und braucht Körperkontakt, entweder zu uns oder zu Tira, damit sie richtig entspannen kann. Im ersten Jahr hat sie tagsüber kaum geschlafen. Auch wenn sie sich hinlegte, hatte sie die Augen immer nur halb zu und war bei jedem noch so leisen Geräusch oder einer Bewegung sofort wieder wach. Das ist heute ganz anders und die vorwitzige und immer zu Streichen aufgelegte Tira hat sicher sehr viel dazu beigetragen.

Da Janga gerne in der Nähe ihrer Menschen bleibt, war es einfach, ihr den Grundgehorsam beizubringen. Sie geht inzwischen sehr gerne spazieren. Bis heute merkt man allerdings, dass sie sich an der Leine – in der Nähe ihrer Lieben – am wohlsten fühlt. Große Angst hat sie nur noch bei Gewitter. Weil sie den Krieg in Serbien miterlebt hat, denken wir, dass die Donnergeräusche sie an ihre Heimat erinnern. Was ebenfalls von ihrer Vergangenheit zurückgeblieben ist, ist ihr großer, unstillbarer Hunger. Janga findet und frisst alles. Das ist ein Problem, wenn unser Kirschbaum reife oder halbreife Früchte trägt. Unsere Hündin würde dann am liebsten den ganzen Tag damit verbringen, die auf den Boden fallenden Kirschen inklusive der Steine zu vertilgen. In dieser Zeit müssen wir den ganzen Tag – mit Janga um die Wette – die Kirschen unterm Baum auflesen, denn andernfalls könnte für sie ein ernsthaftes Gesundheitsproblem entstehen. Wir lieben Janga sehr und wollen auch nicht das kleinste Risiko eingehen, dass ihr etwas zustößt.

Lucky – auf drei Pfoten ins Glück

von Gisela Bloos


Meine Tochter verbrachte im September 1998 mit ihrem Freund einen zweiwöchigen Urlaub auf der griechischen Insel Kreta. Wie in anderen südlichen Ländern gibt es auch dort viele Straßenhunde, die sich häufig an befahrenen Straßen aufhalten und von denen deshalb auch viele überfahren werden. Sie haben kaum zu fressen oder zu trinken und sind entsprechend abgemagert. Meine Tochter hätte am liebsten alle mitgenommen.

Zwei Tage vor ihrem Abflug nach Deutschland mieteten sich die beiden einen Motorroller und fuhren durch die schöne Berglandschaft Kretas. Am Ortseingang eines abgelegenen Dorfes sahen sie IHN: Der etwa fünf Monate alte Collie-Mischlingsrüde war an einem kurzen Strick am Baum angebunden, ohne Futter, ohne Wasser, bei etwa 40 Grad im Schatten. Er lag apathisch in der Sonne und hatte sich seinem Schicksal ergeben. Meine Tochter und ihr Freund streichelten ihn und sahen dabei, dass er einen gebrochenen Hinterlauf hatte, der seitlich vom Körper abstand. Einige Meter entfernt saßen mehrere Griechen an einem Tisch und ließen es sich bei Essen und Trinken gut gehen. Schockiert über so viel Kaltherzigkeit und Ignoranz sprachen die beiden die Griechen auf Englisch an und fragten, wem der Hund gehöre. Als Antwort erhielten sie nur Schulterzucken und Gelächter. Der würde da noch nicht lange sitzen, sei wohl ausgesetzt worden.

Wieder auf dem Heimweg, reifte in den beiden der Gedanke, den armen kleinen Kerl mitzunehmen. Sie gaben den Roller ab, mieteten sich ein Auto und fuhren erneut zu der Stelle, an der sie den Hund gefunden hatten. Der kleine Rüde lag noch genauso da wie vorher und schlief. Die jungen Leute schnitten den Strick durch und nahmen ihn mit. Die ganze Geschichte ausführlich zu erzählen, würde jetzt zu weit führen. Es sei nur noch kurz erwähnt, dass meine Tochter viel Hilfe von der deutschen Rezeptionistin ihres Hotels und deren griechischem Freund bekam. So nahmen die beiden den Hund z. B. für zwei Tage bei sich auf, nachdem der Kleine geimpft, bei der Fluggesellschaft angemeldet und eine Hundebox gekauft war. Meine Tochter erledigte derweil die restlichen Formalitäten. Glücklicherweise ging die Rückreise ohne nennenswerte Probleme über die Bühne. Auch der Zoll am Frankfurter Flughafen war ganz gelassen. Wir wurden zu Hause telefonisch auf das »lebendige Mitbringsel« vorbereitet.

Da wir gelegentlich auch Pflegehunde aufnehmen, sollte Lucky – wie wir den Hund inzwischen getauft hatten – so lange bei uns bleiben, bis sich geeignete Leute für ihn finden würden. Noch in derselben Woche wurde unser Pflegekind von einem Knochenspezialisten gründlich untersucht und geröntgt. Es stellte sich heraus, dass der Hinterlauf durch Gewalteinwirkung – eventuell hervorgerufen durch Fußtritte oder einen Autounfall – gebrochen und falsch zusammengewachsen war, weil sich offenbar niemand um den Bruch gekümmert hatte. Ärztlicherseits wurde die Überlegung angestellt, das Bein zu amputieren. Wir entschieden uns aber dagegen; mit Recht, wie sich später bestätigen sollte.

Einige Tage danach erfolgte die erste Operation, zwei Monate später die zweite. Der Hüftkopf musste entfernt werden, da er stark deformiert war. Beide Operationen, die natürlich nicht ganz billig waren, verliefen zu aller Zufriedenheit. Der linke Hinterlauf war jetzt steif und brauchte regelmäßige gymnastische Übungen, die Lucky geduldig über sich ergehen ließ. Anfänglich benutzte er das operierte Bein nur zögerlich, heute setzt er es ganz normal ein. Es dient ihm als Gleichgewichtsstütze.

Einige Monate waren vergangen und niemand dachte mehr daran, den kleinen Sonnenschein herzugeben. Er war allen viel zu sehr ans Herz gewachsen, daher behielten wir ihn. Lucky zeigt eine Energie und Lebensfreude, die uns jeden Tag staunen lässt. Seine liebsten Hobbys sind Gassi gehen, viel spielen und Blödsinn machen. Der linke Hinterlauf behindert ihn bei seinen Aktivitäten in keinster Weise. Will er richtig rennen, zieht er das Bein nach oben und benutzt nur die anderen drei. So hängt er einige seiner vierbeinigen Kollegen mühelos ab. Sogar am Fahrrad und beim Joggen mitzulaufen, sind für ihn eine Kleinigkeit. Er ist eigentlich nie müde zu kriegen.

Das Hören auf Herrchen und Frauchen war anfangs oft nicht so wichtig für Lucky. Es gab schließlich Interessanteres auf einem Spaziergang zu entdecken, z. B. andere »Fellnasen«, auf die man natürlich schnurstracks zu rennen musste, um sie zu beschnuppern. Auch Jogger anzubellen und ihnen dann hinterherzurennen, fand Lucky total klasse. Außerdem musste er auch jeden Spaziergänger persönlich begrüßen, damit er eine Streicheleinheit oder vielleicht sogar ein Leckerli abstauben konnte. Uns war klar, dass unser »Wirbelwind« eine Erziehung brauchte, und so meldeten wir ihn erst in einer Welpenschule und später in der Hundeschule für »Fortgeschrittene« an. Die Ausbildung war nicht immer ganz einfach, da Lucky einen ziemlichen Dickkopf hat. Doch heute hört er gut und ist auch ruhiger und gelassener geworden. Die einzige Aufregung bei Spaziergängen sind andere Rüden, die er noch nicht kennt und aus irgendeinem Grund nicht riechen kann. Hier wird der »dicke Max« gemacht, was das Zeug hält. Aber wehe, ein Gewitter zieht auf! Dann verzieht Lucky sich in die hinterste Ecke des Hauses und lässt sich überhaupt nicht beruhigen, denn eigentlich ist er ein kleiner Angsthase. Allen Dingen, die er nicht kennt oder denen er nicht traut, geht er aus dem Weg. Anfangs waren das z. B. Regenschirme, Kühe, Pferde oder angelehnte Türen.

Lucky ist äußerst menschenbezogen, besonders Kinder liebt er über alles. Mit Artgenossen, vor allem weiblichen Geschlechts, kommt er inzwischen gut klar. Katzen mag er zum »Fressen« gern … Das Interesse und Mitgefühl von Spaziergängern ist auch heute noch sehr groß. Fast immer werden wir gefragt: »Was hat denn der arme Kerl am Bein?« In unserem Wohnort kennt ihn aber jeder, und er ist sehr beliebt, da er trotz seiner Behinderung doch so ein schöner Kerl sei, wie die Leute sagen. Lucky ist jetzt seit mehr als fünf Jahren bei uns und wir möchten keinen Tag ohne ihn sein, denn er bringt uns stets zum Lachen und stellt eine absolute Bereicherung für unser Leben dar.

Lunas Einzug in Silence’ Welt der Stille

von Michaela Gutekunst


Bevor sich Luna in mein Herz schlich, führte mein tauber Dalmatiner Silence ein Leben ungeteilter Aufmerksamkeit. Da ich in Kontakt mit einer Person stand, die als Pflegestelle für eine Tierschutzorganisation fungierte und insbesondere spanische Windhunde vermittelte, traf ich irgendwann auf Luna. Eigentlich wollte ich sie mir bloß anschauen, denn mir war schon klar, dass ein derart jagdlich ambitionierter Hund keine einfache Haltung versprach. Außerdem hatte ich noch keine endgültige Entscheidung »pro Zweithund« getroffen und schon gar nicht für diese Rasse. Aber dann kam alles ganz anders als geplant.

Silence, mein tauber »Dalmi«, war natürlich mit von der Partie, als ich die Pflegestelle besuchte. In einem großen, eingezäunten Garten trafen wir beide auf alle Hunde, die dort untergebracht waren. Während Silence mit Spielen, Schnüffeln und Markieren beschäftigt war, verfügte er plötzlich über einen zweiten »Schatten«: Luna! Die Hündin hatte nur Augen für Silence und bemühte sich redlich, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Sie folgte ihm, machte Spielangebote und orientierte sich offensichtlich komplett an ihm. Silence war sich seiner plötzlichen Wichtigkeit überhaupt nicht bewusst. Zu seiner Welt gehörte Luna noch nicht. Auch keiner der übrigen Anwesenden hatte bisher eine endgültige Entscheidung getroffen, aber für Luna war seit unserem Eintreffen offenbar klar, dass Silence ihr Freund und Bodyguard werden sollte.

Luna gefiel mir, auch wenn sie etwas blass und ausgemergelt aussah. Ihr sandfarbenes Fell war stellenweise kahl – sie wurde deswegen mit einem starken Antibiotikum behandelt – und ein operativ behandeltes Ohr nässte dauerhaft. Sie ließ kaum einen Menschen an sich heran und wenn es zu einem unvermeidbaren Kontakt kam, ließ sie ihn lediglich zitternd, mit gekrümmtem Rücken, eingezogener Rute und ihren weit aufgerissen, bernsteinfarbenen Augen, die starr ins Leere blickten, über sich ergehen. Trotz dieser Angst suchte Luna aber eine feste Anbindung, was sie auch schon gegenüber der Pflegefamilie zeigte. Sie hatte also beste Voraussetzungen, mein großes, weiches Herz zu erobern, denn sie erfüllte alle Kriterien: krank, mager, extrem verängstigt und scheinbar anhänglich – und sie mochte Silence, welcher sich ebenfalls zunehmend mit ihr verstand. Ich machte mir vor, dass ich noch eine Nacht über eine endgültige Entscheidung schlafen müsse. Doch die Würfel waren bereits gefallen. Wenig später war Luna da, wo sie zukünftig leben sollte. In den darauf folgenden Wochen bot sich mir ein ungewohntes Bild:

 Lunas Kontaktaufnahme zu Menschen – wenn überhaupt – war erbärmlich. Ihr Gegenüber hatte eine lebende Statue aus reiner Angst vor sich.

 Luna hatte von Anfang akzeptiert, dass sie sich an mir orientieren sollte oder an Silence. Sie folgte mir auf Schritt und Tritt, zitterte vor Aufregung und klapperte mit den Zähnen, wenn sich irgendetwas veränderte oder sie in Sorge versetzte.

 Luna zeigte außer diesen Angst- und Unsicherheitssignalen kaum andere Merkmale. Sie war nicht aggressiv, ließ sich aber auch nicht beruhigen und konnte nicht entspannen.

 Ihr Fressen nahm Luna nur gehetzt und äußerst schlingend ein. Dabei schaute sie sich immer um und hielt die Rute eingeklemmt.

 Sie ging durch keine Tür, vor allem nicht, wenn fremde Menschen in der Nähe waren. Ich konnte sie in der Anfangszeit nur angeleint durch eine Tür führen.

 Sie pflegte nie ihr Fell.

 Sie leckte niemals meine Hände oder Silence’ Schnauze, wenn sie uns begrüßen wollte.

 Sie nahm kein Leckerchen aus meiner Hand entgegen.

 Bei aggressiver oder lauter Stimmlage oder in Gegenwart von Männern mit dunklen Haaren schreckte Luna zusammen. Erstaunlicherweise machten ihr Schussgeräusche dagegen wenig aus, sofern sie nicht direkt neben ihr zu hören waren.

Kurz gesagt: Die »Pelznase« war unter Dauerstress. Also suchte ich nach Möglichkeiten, die sie entlasten sollten. Unter all den Aktivitäten, bei denen ich Luna beobachten konnte, verschaffte ihr das Laufen offensichtlich Entspannung. Also liefen wir, weil ich unbedingt erreichen wollte, dass sie sich selbst einmal in einem ausgeglichenen Zustand spüren konnte. Sogar im Schlaf war die Hündin angespannt, ihre Träume waren dabei oft von lauten Knurrgeräuschen begleitet. Aber wenn sie lief, war sie ruhig, wirkte gelassen und auch ihre Augen konnten mich direkt anschauen, ohne durch mich hindurchzugucken.

Bei allen meinen Bemühungen – u. a. Bach-Blüten- und Reikibehandlungen –, Lunas Angst und Stresssymptome zu mindern, half mir Silence, dem sie folgte wie ein Lamm dem Schäfer. Zunehmend gelang es ihr, Freude zu zeigen, anstatt ausschließlich Angst auszudrücken. Jede Form von Ängstlichkeit ließ ich unbeachtet, während Fröhlichkeit und Entspannung mit Zuwendung belohnt wurden. Für solche Situationen habe ich den Begriff »Hundefreu« geprägt, den ich auch heute noch einsetze. Luna beruhigt sich sofort und erkennt, dass für sie keine Gefahr besteht.

Durch Silence lernte Luna binnen kürzester Zeit alle Standardsignale, schließlich war die Ausführung von Erfolg gekrönt. So kam auch Luna gerne, wenn ich Silence mit Handzeichen zu mir rief und gleichzeitig »Komm« aussprach, und wurde anfänglich verbal, später mit Futter dafür belohnt. Am Anfang fraß sie vor lauter Anspannung noch nichts aus der Hand. Innerhalb kurzer Zeit beherrschte sie »Komm« – auch auf Pfiff –, »Leg dich«, »Sitz«, »Nein«, »Schau«, »Warte«, »Weiter«, »Geh was trinken«, »Jetzt nimm dein Futter«, »Leine« – also anleinen –, »Bleib bei mir« allein durch Nachahmung.

Ein paar Monate später, als Luna sich schon eingelebt hatte, übte ich mit ihr unter Zuhilfenahme der Schleppleine die Bedeutung von »Stopp«. Luna sollte dadurch ihr jeweiliges Verhalten abbrechen und umgehend zu mir kommen. Die Anweisung beherzigt sie heute sofort, es gibt aber auch Ausnahmen. Sie ist halt ein Windhund, der auf der Straße und überall sein Überleben sichern musste. Es ist also meine Aufgabe aufzupassen und zu entscheiden, wo sie unangeleint laufen darf. Wir üben zwar das Ignorieren von Wild, aber das Thema ist noch nicht abgeschlossen, wenn es das überhaupt jemals sein wird. So lange gestalte ich unsere Spaziergänge ausgewogen, damit Luna auf ihre Kosten kommt, ohne Dritte zu schädigen.

Kontakt zu fremden Hunden wollte Luna anfangs überhaupt nicht. Sie flüchtete sofort. War sie an der Leine, gab sie ein »welpiges« Fiepen von sich. Ich stellte mich schützend vor sie und unterband den Kontakt. Damit wollte ich erreichen, dass Luna sich zukünftig im Fall von Unsicherheit oder Angst stets an mich wenden sollte. Diesen Schutz konnte Luna gut annehmen. Anstatt wegzulaufen, kommt sie nun zu mir, wenn sie etwas beunruhigt. Jedenfalls in den meisten Fällen. Auch Silence beschützte Luna, indem er sich zwischen sie und den unbekannten Hund stellte. Manchmal sah es schon komisch aus, wenn Silence zum »Rächer der Witwen und Waisen« mutierte. Eines Tages begegneten wir auf einem Spaziergang wieder den zwei Bordeauxdoggen, die Silence und Luna von flüchtigen, stets aber freundlich abgelaufenen Kontakten her bereits kannten. Die Doggen waren etwa 50 Meter entfernt, als sie gleichzeitig in Richtung Luna rannten. Ich sah an Lunas Reaktion, dass sie Angst hatte, und hörte wieder ihr Fiepen. Bevor die Doggen Luna erreichten, hüpfte Silence in einem todesmutigen Hechtsprung dazwischen und stoppte die Angreifer für einen kurzen Moment, während Luna Fersengeld gab. Die Doggen ignorierten Silence und liefen Luna noch ein Stück hinterher. Aber es war ihnen wohl bald klar, dass sie diesen schnellen Hund niemals einholen würden. Also reagierten sie endlich auf das Brüllen der Halterin. Ich lief mit Silence in die Richtung, in die Luna geflüchtet war, und sah sie nach kurzer Zeit mitten auf einer Wiese warten. Ich pfiff und sie kam umgehend. Für das Kommen belohnte ich sie natürlich, ihrer Erregung schenkte ich keine weitere Aufmerksamkeit. Nach kurzer Zeit hatte Luna sich wieder beruhigt. In diesem Fall war sie geflüchtet, anstatt bei mir Schutz zu suchen. Das war sicher eine weise Entscheidung, denn ich hätte mich kläglich abgemüht, ihr zwei Bordeauxdoggen vom Leib zu halten.

In der Anfangszeit hielt Silence als Ersthund das Zepter in der Hand, ohne dass er sich darum bemühen musste. Ich hatte mich der Situation angepasst und bevorzugte ihn in einigen Punkten. Bald entwickelten die beiden Hunde aber ein ausgewogenes Verhältnis zu- und miteinander und ich entschied, mich in Zukunft aus diesem Prozess herauszuhalten, solange niemand Schaden litt.

Lunas Domäne sind mittlerweile die Liegeplätze. Manchmal möchte sie genau dort sein, wo sich Silence ausgebreitet hat. Dann geht sie zu ihm und setzt sich so auf den Platz, dass ein Körperkontakt entsteht. Silence hebt den Kopf, brummelt ungehalten, während Luna stumpf sitzen bleibt und sich tonlos zur Seite dreht. Kurze Zeit später steht Silence – immer noch brummelnd – auf und trollt sich, während Luna den ganzen Platz für sich einnimmt. Im Gegenzug dazu hat Silence die »Verfügungsgewalt« über das Hundespielzeug. Da gibt es absolut kein Vertun, außer Luna ist in Spiellaune und versucht, ihm ein Stöckchen zu klauen. Dabei interessiert sie das Stöckchen nicht besonders. Das Einzige, was sie möchte, ist, dass Silence sie gefälligst beachtet und nicht den dämlichen Stock. Ernste Kabbeleien zwischen den beiden habe ich zum Glück nicht erlebt. Silence und Luna leben ausgeglichen zusammen, sind freundlich zueinander und stehen sich in brenzligen Begegnungen mit anderen Hunden bei.

Aus Luna ist im Laufe von eineinhalb Jahren ein selbstsicherer, fröhlicher Hund geworden, der gern spielt, aber auch großen Spaß daran hat, Neues hinzuzulernen. Es gibt immer noch schwierige Situationen. Wenn ich jedoch »Es ist alles in Ordnung« sage, weiß Luna, dass sie keine Angst mehr zu haben braucht.

Nuria – die spanische Sanftmut aus dem Internet

von Martina und Stefan Zeißler


Während der letzten 25 Jahre hatten wir immer mindestens einen Hund in der Familie gehabt. Auch seitdem unsere inzwischen erwachsenen Kinder aus dem Haus waren, hatte sich daran nichts geändert. Nachdem im November 2003 unsere Tibet-Terrier-Hündin Lou-Lou über die Regenbogenbrücke gegangen war, war es entsetzlich leer im Haus. Und Heinrich, ein zwölfjähriger Dobermann und unser sporadischer Pflegehund, war wieder einmal bei seiner Besitzerin.

Eines Tages stöberte ich im Internet und sah Nuria: Auf der Homepage einer spanischen Tierschutzorganisation wurde die sechsjährige Hündin vorgestellt. Es hieß, sie sei sehr groß, ein Pastor-Malloquin-Mix mit schwarzem Fell und auf einem Auge blind. Auf dem Foto war Nuria nicht besonders gut zu erkennen, aber irgendetwas fesselte mich an diesem Hund. Drei Tage lang rief ich immer wieder die Internetseite auf und schaute mir das Foto an. Schließlich nahm ich mir ein Herz und sprach mit meinem Mann. Seine Meinung war hart, aber ehrlich: »Was willst du mit so einem großen Hund, den du nicht kennst? Warum aus Mallorca und nicht, wenn schon aus zweiter Hand, hier aus dem Tierheim? Was ist, wenn er eine unbekannte Krankheit hat? Wir wissen nichts über diesen Hund, was er frisst, ob er stubenrein oder leinenführig ist. Wer soll den Hund beaufsichtigen, wenn wir nicht zu Hause sind? Vor allem aber: Denke an Heinrich, er ist alt. Was passiert, wenn die beiden sich nicht verstehen, vielleicht sogar beißen?« Viele offene Fragen ließen meinen Mann und mich Nächte hindurch diskutieren. Trotzdem wählte ich die im Internet angegebene Telefonnummer auf Mallorca an und wollte mehr über die Hündin wissen. Ich kam einfach nicht von ihrem Foto los und auch der Name gefiel mir. Was ich erfuhr, verstärkte meinen Wunsch, Nuria zu uns zu holen. Irgendwann sagte dann auch mein Mann Ja und ich weiß, dass es eine überzeugte und freudige Zustimmung war.

Nach Absprache der Formalitäten mit der Tierschutzorganisation kam schließlich der 12. Februar – der Tag, an dem wir wieder richtige Hundebesitzer werden sollten. Keiner unserer Freunde oder Familienangehörigen wusste von unserer Entscheidung. Wir waren mächtig aufgeregt. Spätabends übergab uns eine Flugpatin unser »Paket« auf dem Flughafen Berlin. Wegen der übergroßen Transportbox hatten wir uns einen Van geborgt, mit dem wir nun nach Hause fuhren. Bei der Ankunft hatten wir lediglich etwas sehr Ruhiges, Schwarzes in der Box sehen und mit den Fingern durch die Gitterstäbe berühren können. Nuria war noch von einer leichten Narkose benommen, die sie gegen den Flugstress erhalten hatte. Zu Hause angekommen, öffneten wir die Tür der Hundebox und leinten Nuria sicherheitshalber an. Da stand sie nun vor uns, die große schwarze Hündin, aber sie bewegte sich nicht, keinen einzigen Meter. Mit ihren traurigen braunen Augen – in einem war ein dick hervortretender, offensichtlich erkrankter Augapfel zu erkennen – schaute sie uns an. Mein Mann und ich fanden sie bildschön und spürten sofort eine große Zuneigung zu ihr. Vorsichtig zog mein Mann an der Leine, um die Hündin ein paar Schritte in den Garten zu führen. Ohne Widerstand kam sie mit und auch wieder zurück ins Haus, das sie vorsichtig zu erkunden begann. Dicke Teppiche hatte sie noch nie mit ihren Pfoten ertastet und in einen Spiegel zu schauen, war ihr auch gänzlich unbekannt.

Natürlich sollte Nuria mit uns im Haus wohnen. Im Korridor war ihr Platz vorbereitet, ausgestattet mit einer großen, neuen Hundematratze. Da es schon sehr spät in der Nacht war und wir dem armen Tier Ruhe nach diesem langen Tag gönnen wollten, gingen wir ins Bett. Nuria legte sich auf ihre bequeme Matratze, aber so ganz recht schien ihr das zunächst nicht zu sein. Wir rechneten damit, dass sie bellte oder jaulte, erwarteten Pfützen im Korridor, angeknabberte Schuhe oder Taschen und eine kurze, unruhige Nacht. Doch am nächsten Morgen begrüßte uns ein artig auf seinem Platz liegender Hund, der sogar schon ansatzweise mit dem Schwanz wedelte. Nichts war kaputt; kein Haufen, keine Pfütze waren zu sehen. Wir grüßten in unserer »Hundesprache« zurück; freundlich, mit etwas höherer Stimmlage und vielen Streicheleinheiten.

Dann war alles wie immer. Ich bereitete das Frühstück vor, während mein Mann den ersten Gassigang mit unserem Hund machte. Ein ehemaliger Grenzstreifen direkt in unserer Nähe war für all unsere bisherigen Hunde ein beliebtes Auslaufgebiet gewesen. Für den ersten Gassigang war dieser Ort ideal: keine Autos und eine überschaubare Anzahl neuer Eindrücke. Als mein Mann nach einer halben Stunde strahlend wiederkam, sagte er nur, die Hündin sei fantastisch und ein Schleifenband als Leine hätte es auch getan. Nuria begrüßte mich abermals mit einem aufmerksamen Blick und einem zaghaften Schwanzwedeln.

Nun stand die erste Mahlzeit an. Wir fütterten den Hund mit einer Kombination aus Trocken- und Dosennahrung, so wie sie Heinrich immer bekommt, wenn er bei uns ist. Auch hier rechneten wir damit, dass Nuria mäkeln oder vielleicht auch ihren Futternapf gegen uns verteidigen würde. Aber sie fraß ihre Portion wie selbstverständlich aus dem erhöht stehenden Fressnapf. Wieder waren wir mehr als überrascht. In den ersten drei Tagen wiederholten wir absichtlich den gleichen Tagesablauf. Wir wollten Nuria langsam an die fremde Umgebung und ihr neues Leben gewöhnen. Deswegen duldeten wir auch keinen Besuch, obwohl wir natürlich Nuria zu gerne allen auf einmal vorgestellt hätten. Wir gingen viel mit der Hündin spazieren. Sie wich keine Leinenlänge von uns und erledigte ihre Geschäfte immer draußen. Am schönsten fand sie es offenbar, andere Hunde zu treffen. Egal ob es Rüden oder Hündinnen waren, groß oder klein, ob sie bellend oder ruhig auf sie zukamen – jeder wurde freundlich begrüßt. Schon am vierten Tag ließ mein Mann Nuria frei laufen. Ohne Kommando, fast nur bei Fuß gehend, blieb sie bei uns.

Natürlich ließen wir Nuria gleich nach ihrer Ankunft tierärztlich untersuchen, obwohl sie einen gültigen Impfpass hatte und eine negative Titerbestimmung über Mittelmeerkrankheiten. Nuria ertrug sämtliche Prozeduren gelassen und voller Vertrauen. Eine Fachtierärztin für Augenheilkunde untersuchte ihr blindes Auge. Die Befürchtung, es könne sich um einen Tumor handeln, ließ uns nicht los. Die Ursache ihrer Erblindung blieb unklar, aber laut Aussagen der Tierärztin kann die Hündin hervorragend damit leben, benötigt keinerlei Medikamente, nur regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Nuria selbst scheint ihr blindes Auge in der Tat überhaupt nicht zu stören, sie hat sich offenbar längst an das eingeschränkte Sehen gewöhnt. Wenn wir spazieren gehen, läuft sie jedoch ausschließlich rechts von uns, weil sie dann ihre Umgebung mit dem rechten, sehenden Auge fixieren kann und links den Körperkontakt zu uns wahrnimmt. Wir sind sprachlos, fast schon irritiert wegen der großen Anzahl ihrer guten Eigenschaften. Nuria lernt hervorragend schnell: Autofahren – kein Problem; Katzen – kein Problem; mit anderen Hunden spielen und dann von Herrchen oder Frauchen abgerufen werden – kein Problem. Inzwischen beherrscht sie viele Grundgehorsamkeits-Kommandos und führt diese zuverlässig aus. Als die ersten Besucher zu uns ins Haus kamen, verhielt Nuria sich zwar sehr zurückhaltend, aber immer freundlich. Ihre Freude und Anhänglichkeit zeigt sie uns inzwischen immer mehr, indem sie häufig mit dem Schwanz wedelt, »Pfötchen gibt« oder uns übers Gesicht leckt. Manchmal legt sie uns ihre Vorderpfoten auf die Schultern und wir schauen uns Auge in Auge an. In solchen Momenten habe ich nur einen Gedanken: Wie kann ein derartig liebenswerter Hund jemals ausgesetzt worden sein?

Nuria wurde zum Glück gerettet. Die Tierschutzorganisation auf Mallorca hatte sie aus der dortigen Tötungsstation befreit. Wir würden gern mehr über unsere Hündin wissen: Wo und wie lebte sie vorher? Wie alt ist sie wirklich – die Tierärzte schätzen sie erst auf zwei oder drei Jahre – und warum zeigte sie anfänglich Furcht und Misstrauen gegenüber gewöhnlichen Hausratsgegenständen? Woher stammt ihre »Macke« – die sie sich allerdings inzwischen weitgehend abgewöhnt hat –, benutzte Papiertaschentücher aufzustöbern und dann im Maul herumzutragen? Weshalb hegt sie Fremden gegenüber noch heute eine Zurückhaltung, obwohl sie doch jetzt mit vielen Menschen zusammenkommt, die sie lieben und wegen ihres sanften Wesens und ihrer Schönheit streicheln wollen? Welchen Grund hatte ihre Angst vor Ball- oder Stöckchenspielen? Wieso geht sie manchmal in Deckung vor einer plötzlichen Armbewegung? – Es gibt viele Fragen, auf die wir wohl nie eine Antwort erhalten werden.

Als Nuria etwa zwei Wochen bei uns war, hatten wir auch wieder große Sehnsucht nach Heinrich, unserem lieben Dauerpflegehund. Wir wollten sehen, ob sich die beiden verstehen würden, und hofften sehr auf ein gutes Zusammenleben, wie wir es seinerzeit zwischen Heinrich und Lou-Lou auch erlebt hatten. Deshalb trafen wir uns mit Heinrichs Besitzerin zum gemeinsamen Waldspaziergang. Nuria sprang, wie immer freundlich und kontaktfreudig, auf Heinrich zu. Dieser war davon gar nicht begeistert, zeigte Nuria erst einmal seine alten Zähne und wies sie damit in ihre Schranken. Wir hatten den Eindruck, dass Heinrich sich nicht wohlfühlte. Irgendwie kam er uns verändert vor. Er war sehr dünn, seine Augen hatten einen unglücklichen, traurigen Blick und er lief schlecht; seine alten Knochen schmerzten offenbar stark. Der Spaziergang schien ihm nicht zu gefallen, das zeigte er deutlich. Spürte Heinrich, dass jetzt ein neuer Hund Lou-Lous Stelle eingenommen hatte, und befürchtete er vielleicht negative Konsequenzen für ihn? Das Ende des Spaziergangs war schlimm wie immer, wenn wir uns verabschieden mussten. Heinrichs gläserner, trauriger Blick, als wir in unser Auto stiegen und er von seiner Besitzerin wortlos an der Leine weggeführt wurde, gab uns jedes Mal einen Stich ins Herz.

Kurz nach diesem Erlebnis kam ein Anruf von Heinrichs Frauchen. Sie müsse dringend verreisen, ob wir wohl Heinrich nehmen könnten. Natürlich sagten wir zu, wenn wir auch Angst vor dem, was uns bevorstand, hatten. Wir dachten an unsere Berufstätigkeit und daran, dass die beiden Hunde dann allein zu Hause sein würden. Trotzdem wollten wir den alternden Heinrich bei uns haben. Ich nahm Nuria mit, als ich Heinrich abholte. Bei der Begegnung mit Heinrich bellte Nuria, stürzte sich auf ihn, drückte ihn mit der Schnauze herunter und knurrte dabei ein wenig. Das dauerte nur etwa zehn Sekunden und ich stand dabei, ohne einzuwirken. Heinrich fiel gleich um, erhob sich aber sofort wieder und schüttelte sich. Die Fronten schienen geklärt zu sein. Erst dann konnte er sich richtig über meine Anwesenheit freuen. Seit diesem Tag ist Heinrich ständig bei uns, zusammen mit Nuria. Anrufe von seiner Besitzerin enthielten immer nur oberflächliche Nachfragen, bis auch die weniger wurden und sie uns eines Tages Heinrich für immer überließ. Sie muss wohl gemerkt haben, wie sehr dieser alte, kranke Dobermann bei ihr gelitten hat. Heute zeigt er uns wieder täglich sein Lachen, läuft gerne und spielt mit seiner Gefährtin. Er frisst sogar mehr als Nuria, die wesentlich größer ist als er. Wir sind begeistert und auch ein klein wenig stolz, dass »Heini« bei uns offensichtlich richtig auflebt. Für diese sehr agile, auf der anderen Seite aber auch leicht nervöse Rasse sind 12 oder 13 Jahre ein biblisches Alter. Anfangs dachten wir, Heinrich würde nur zum Sterben bei uns sein, aber in der Zwischenzeit ist er äußerst munter und vor allem lebensfroh geworden. Es ist jeden Tag schön zu beobachten, wie Nuria und er eine dicke Freundschaft füreinander empfinden. Gegenseitig lecken sie sich das Gesicht, gemeinsam schnüffeln sie an Bäumen oder Wegen. Dabei lassen sie sich nicht aus den Augen und passen stets aufeinander auf.

Viele Menschen empfinden unsere Hunde und damit unser Leben als sehr anstrengend. Stets müssen wir organisieren, uns immer wieder einstellen auf neue Situationen und unsere zeitlichen Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Sicherlich könnten wir, nachdem unsere Kinder das Haus verlassen haben, ein ruhigeres Leben führen, aber wir wollen es nicht. Jeden Tag empfangen wir unsagbar viel Liebe und Herzlichkeit von unseren beiden Hunden; im Verhältnis dazu ist die Belastung sehr gering. Die Hunde sind unser Hobby, welches nicht zuletzt deshalb so schön ist, weil mein Mann und ich es gemeinsam pflegen. Wir haben uns immer viel zu erzählen und können unsere Erlebnisse miteinander teilen; wir lieben unsere Hunde über alles und freuen uns, dass sie so wunderbar sind: groß, schwarz, alt, blind, unbekannter Herkunft und erst recht ohne Stammbaum. All das sind typische Merkmale, die Menschen selten bei einem Hund bevorzugen, wenn sie eine Anschaffung in Erwägung ziehen. Wir aber werden uns immer wieder für einen Hund mit Handicap oder aus zweiter Hand entscheiden, denn diese Tiere zeigen uns jeden Tag ihre Dankbarkeit und ihre wieder gewonnene Lebensfreude.

Oma – die Lady aus Stahl

von Ulrike Feifar


Im Juni 2002 trat Oma in unser Leben. Die damals etwa elfjährige Galgo-Grey-Hündin aus Madrid wurde uns von unseren spanischen Tierschutzfreunden vorgestellt. Jäger hatten sie jahrelang zur Zucht missbraucht. Als sie einen nicht rassereinen Wurf zur Welt brachte, sollten die Welpen getötet werden. Bei der Verteidigung ihrer Jungen – sie legte sich schützend über sie – hatte man ihr ein Auge ausgetreten. Tierschützer hatten diese Szene beobachtet, eingegriffen und sie und einen Welpen retten können. Oma hat – von ihrem fehlenden Auge abgesehen – Leishmaniose, schwerste Arthrose und schlimme körperliche sowie seelische Narben aufgrund der jahrelangen Misshandlung durch ihre Vorbesitzer. Man sagte uns, sie hätte nicht mehr lange zu leben, und so wollten wir ihr die Gelegenheit geben, vor ihrem Tod noch etwas Liebe und Zuwendung zu erfahren.

Die ersten Wochen mit ihr waren schwer auszuhalten. Ein »zivilisiertes« Leben in einem Haus, in einer Familie mit einem Rudel aus Menschen, Hunden und Katzen war Oma völlig fremd. Sie war nicht nur interessiert daran, unsere Katzen zu töten, sondern verhielt sich auch Menschen gegenüber sehr aggressiv. Offenbar war sie es gewohnt sich durchzusetzen. Und ihre Traumata saßen tief. Um ganz ehrlich zu sein: In den ersten Wochen zweifelten wir fast jeden Tag daran, dass wir es schaffen würden. Aber wir gaben nicht auf, und das Durchhalten hat sich gelohnt. Als wir uns damit abfanden, dass sie eine reife Persönlichkeit war, und uns auf einige Kompromisse im Zusammenleben geeinigt hatten, wurde das Verhältnis zusehends entspannter. Eines war uns völlig klar: Einen Hund mit Omas Vergangenheit umzuerziehen, war nahezu aussichtslos. Aber wir konnten ihr wichtige Verhaltensregeln beibringen.

Erstes Gebot: Du darfst keine Katzen fressen! Das hinzubekommen, war eine echte Herausforderung und nur durch ein mehrwöchiges, intensives Training möglich. Wir entwickelten ein »Codewort«, das immer, wenn Oma im Begriff war, eine unserer Katzen zu jagen, angewandt wurde, während wir sie gleichzeitig festhielten und beruhigten. Das »Codewort« funktioniert mittlerweile sogar in 80 Prozent aller Fälle, wenn wir draußen eine Katze treffen. Ein – wie wir meinen – beachtlicher Erfolg.

Zweites Gebot: Du sollst nicht stehlen! Da alle Windhunde exzellente Diebe sind, war es wichtig für Oma zu verstehen, dass gelbe Säcke, Mülltonnen etc. keine »Supermärkte« sind. Durch konsequente Anwendung des Kommandos »Nein« konnten wir Oma innerhalb weniger Tage beibringen, solchen »Wundertüten« keine Beachtung mehr zu schenken.

Drittes Gebot: Du sollst deine Menschen nicht beißen! Hier mussten wir schon etwas massiver eingreifen und ihr klar machen, dass WIR die Rudelführer sind. Oma wurde beim leisesten Versuch, sich aufzulehnen, streng zurechtgewiesen und durch entsprechende Unterordnungsübungen trainiert. Auch hier waren die Fronten innerhalb weniger Tage geklärt. Oma lernte außerdem Kommandos wie »Steh«, »Warten« und natürlich »Komm«, wobei Letzteres nur funktioniert, wenn sie in einem geschützten Raum ist. In freier Wildbahn dagegen sind unsere Chancen eher gering. Befehle wie »Sitz«, »Platz«, »Fuß« haben wir erst gar nicht mit ihr geübt, da sie unserer Meinung nach nicht notwendig sind und Oma sich aufgrund der häufig auftretenden Schmerzen gar nicht auf Kommando in eine sitzende oder liegende Position begeben kann. Hält man sie an der kurzen Leine, geht sie sehr brav. »Fuß« ohne Leine ist aufgrund ihres sehr ausgeprägten Jagdtriebes ohnehin nicht möglich. Wir denken, dass gerade bei einem sehr alten und stark von seinem Vorleben geprägten Hund Kompromisse dieser Art unumgänglich sind, und sie erschweren das Miteinander auch nicht.

Ihre gesundheitlichen Behinderungen haben Oma in ihrem Verhalten nicht verändert, d. h. sie war und ist eine leidenschaftliche Jägerin und eine sehr dominante, selbstbewusste Hündin. Sie schließt keine Hundefreundschaften, verhält sich entweder neutral oder – speziell Rüden gegenüber – oft auch aggressiv. Man merkt deutlich, dass sie früher gezwungen war sich durchzusetzen, um zu überleben. Menschen gegenüber verweigert sie jede tiefe Bindung, da die negativen Erfahrungen tief verwurzelt sind. Je schlechter allerdings ihr Gesundheitszustand – auch altersbedingt – wird, desto mehr sucht sie nun die menschliche Nähe, wenn auch immer noch äußerst zurückhaltend. Ich nehme an, ihre sehr ausgeprägten Überlebensinstinkte signalisieren ihr, dass sie es allein nicht mehr schaffen würde, und deshalb schließt sie sich enger an uns an. Als sie das erste Mal ihren Bauch zum Kraulen anbot, waren wir völlig begeistert. Unser schönstes Erlebnis war, als Oma – die ehemalige Katzenkillerin – unsere Samtpfoten gegenüber einem fremden Hund verteidigte. In diesem Moment wussten wir, dass sie endlich ihr Rudel gefunden hatte.

Oma ist mit ihrem Leben – soweit wir das beurteilen können – sehr zufrieden und wenn sie heute ab und zu sogar mit Emily, einem unserer anderen Hunde, spielt, freuen wir uns wie kleine Kinder. Vor einer Woche zeigte Oma erste Anzeichen, sich mit einem Plüschtier beschäftigen zu wollen. Sie hat offensichtlich nie die Gelegenheit gehabt zu spielen und es war ein merkwürdiger Versuch … Aber immerhin! Wenn wir sehen, wie sie es genießt, in der Sonne zu liegen, und ab und zu sogar kommt, um ihren Kopf an unseren Beinen zu reiben, oder sich – selten, aber doch – ganz fest an uns drückt, wissen wir, dass sie alles gibt, was elf Jahre Misshandlung ihr noch möglich machen. Oma, die eigentlich keine vier Wochen mehr zu leben hatte, hat ganz offensichtlich beschlossen, es doch noch ein wenig länger zu versuchen und beeindruckt uns mit ihrem Stolz und ihrer Würde jeden Tag aufs Neue. Sie ist ein Gewinn für unser Leben und wir bereuen nicht, sie aufgenommen zu haben.

FAZIT: Wenn man als Mensch nicht den Anspruch hat, der unumschränkte Herrscher über ein Lebewesen zu sein, kann man auch mit einem Hund wie Oma sehr harmonisch zusammenleben. Hat man zudem die Fähigkeit, sich auch über die kleinsten Fortschritte zu freuen, ist die Aufnahme eines solchen Hundes ein echter Gewinn. Wir würden es jederzeit wieder tun.

White – der schwarze Blitz

von Gaby Schwab


White ist eine bildschöne Groenendael-Hündin mit einem glänzenden schwarzen Fell und einem kleinen weißen Fleck auf der Brust. Bevor sie zu uns kam, hatte sie in ihrem Leben schon einige schlechte Erfahrungen gemacht. Sie war bei einem ungarischen Züchter aufgewachsen, der seine Hunde nicht gut behandelte. Tierschützer hatten daher die Zucht aufgelöst und White in ein Tierheim vor Ort gebracht. Dort lebte sie mit etwa 50 Hunden zusammen. Es fehlte der natürliche Auslauf, die Rangordnung wurde gnadenlos bestimmt und wer schwach war, hatte verloren.

White hatte Glück. Eine Tierschützerin sah, wie sie hilflos und verschreckt in einer Ecke stand, und nahm sie mit nach Deutschland. Wenige Wochen später wurde sie vom Tierheim in eine Familie nach Hamburg vermittelt. Von der Puszta in die Großstadt, das war für die kleine, ängstliche Hundeseele zu viel. Der ständige Lärm und der Verkehr machten ihr Angst. Die Familie kümmerte sich nicht viel um sie und daher war es kein Wunder, dass Erziehungsmaßnahmen keinen Erfolg zeigten und die neuen Besitzer die Hündin zurückbrachten. Erneut war sie nun ohne ein richtiges Zuhause. Eine Hundetrainerin, die gleichzeitig auch Physiotherapeutin war, nahm sich schließlich ihrer an. Durch Tellington-Touch (TTouch) gelang es allmählich, der Hündin das verloren gegangene Zutrauen wiederzubringen.

Unsere Schäferhündin, die fast zwölf Jahre lang bei uns gelebt hatte, war im Januar gestorben. Obwohl wir immer noch um sie trauerten, hatten wir uns entschlossen, wieder einen Hund in die Familie zu holen. Nachdem wir bereits einige Monate lang die Hunde aus dem Tierheim in unserer Stadt ausgeführt hatten, stand auch die Entscheidung fest, dass es auf jeden Fall ein Tierheimhund sein sollte. Wir waren gerade in einem Gespräch mit der Tierheimleiterin vertieft, als plötzlich ein schwarzer Blitz durch den Zwinger schoss, kurz bellte, an den Gittern hochsprang und mit beiden Vorderpfoten meinen Arm festhielt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Auch die Herzen meiner Familie eroberte White im Sturm und nachdem wir einige Tage mit ihr spazieren gegangen waren, nahmen wir sie zu uns nach Hause.

Der erste Abend im neuen Heim verlief problemlos. Schon nach wenigen Stunden hatte White das Haus inspiziert und die Couch zu ihrem Eigentum erklärt. Sie kannte keine Treppen, also schlief sie im Wohnzimmer und begrüßte uns jedes Mal stürmisch, wenn wir vom ersten Stock hinunter ins Erdgeschoss kamen. Doch nach einigen Tagen zeigte sie uns, dass sie nachts nicht alleine bleiben wollte, und hielt jeden, der nach oben ging, an den Hosenbeinen fest. Wir konnten das nicht mit ansehen, also wurde sie abends nach oben getragen. Diese Prozedur war für alle Familienmitglieder ziemlich aufwändig, denn die Treppe war steil und der Hund hing mit seinen 25 Kilo wie ein schweres Paket in unseren Armen. Fast zwei Wochen später kam Whites große Stunde: Nachdem wir sie immer wieder gelockt hatten, nahm sie allen Mut zusammen und rannte die Treppe hinauf, als wenn es um ihr Leben gehen würde. Mit glücklichen Hundeaugen schaute sie uns an; sie hatte nun das ganze Haus erobert.

Das Leben außerhalb des Hauses war allerdings ganz schrecklich für sie. Sie hatte eine panische Angst vor Autos, Fahrrädern, Bussen, LKWs, lauten Kindern, ja sogar vor Bobby Cars schreckte sie zurück. Schon der erste gemeinsame Spaziergang endete mit einem Desaster. Ein Radfahrer kam zu schnell um die Ecke und White versuchte alles, um zu entkommen. Nur mit Mühe und Not schafften wir es, sie zu beruhigen und nach Hause zu bringen. Auch ein Besuch am Uni-See gehörte nicht gerade zu den Höhepunkten. Wir wussten, dass White über ein ausgesprochen gutes Sozialverhalten verfügt und das große Rudel liebt. Also fuhren wir mit ihr in ein Naturschutzgebiet nahe der Uni, Uni-Wildnis genannt, in dem Hunde frei laufen dürfen. Doch schon das aufgeregte Bellen einiger spielender Hunde versetzte die Hündin derart in Panik, dass das Halsband riss und White erst einmal irgendwo zwischen Bäumen und Büschen verschwunden war. Nach fast 20 Minuten hatten wir sie gefunden; sie kam uns zitternd entgegen und beruhigte sich erst wieder, als sie im Auto saß. Fortan blieben wir erst einmal in der Nähe unseres Hauses, um kein weiteres Risiko einzugehen. Doch auch das war keine gute Idee. Beim Spielen auf einer nahe gelegenen Wiese machten Kinder plötzlich einen Höllenlärm. White erschreckte sich so sehr, dass sie wiederum sofort losrannte und, noch bevor jemand reagieren konnte, in einen Graben fiel, aus dem mein Sohn sie nur mühsam befreien konnte.

Von da an war White nicht einmal mehr zu bewegen, vor die Tür zu gehen, um ihr Geschäft zu machen. Zum ersten Mal fiel uns auf, wie viele Menschen, Autos und Busse es selbst in unserer ruhigen Wohngegend gab. Etwas weiter entfernt lag ein kleiner, idyllischer See. Hier waren keine Autos, selten Radfahrer oder Spaziergänger und die Gartenbesitzer kamen meist erst später. Also verlegten wir unsere morgendliche Gassi-Runde dorthin. Der abendliche Gang gestaltete sich sehr viel schwieriger, denn an »unserem« See war zu dieser Tageszeit Hochbetrieb in den Gärten. Es war ein wunderschöner Sommer, den alle ausnutzen wollten. Oft mussten wir bis ein oder zwei Uhr nachts warten, denn erst, wenn wirklich alles still war und sich auch der letzte Nachbar endlich von seiner Terrasse oder seinem Balkon entfernt hatte, wurde die kleine Hündin etwas mutiger. Ausgestattet mit einem speziellen Geschirr aus bunten Nylonseilen, das uns unsere Hundetrainerin extra für White gebastelt hatte, marschierten wir durch die Gegend, immer in der Hoffnung, niemandem zu begegnen. Natürlich sah White mit ihren bunten Seilen ziemlich albern aus, aber es war die einzige Möglichkeit, sie bei Panikattacken sofort festzuhalten, normale Halsbänder und Geschirre hatten bei ihr keine Chance mehr.

Für uns war solch eine Erfahrung völlig neu. Schließlich waren wir ausgedehnte Hundespaziergänge gewohnt und nun saßen wir in einem Jahrhundert-Sommer mit einem Hund zu Hause, der sich lieber versteckte, anstatt baden oder spielen zu gehen. Aber die Fachfrauen aus dem Tierheim standen uns ständig mit Rat und Tat zur Seite. Neben einem wöchentlichen Training, das wir mit unserer Hündin absolvierten und das der Stärkung ihres Selbstbewusstseins dienen sollte, hatten sie uns Bach-Blüten zusammengestellt, die langsam zu wirken begannen. Inzwischen hatten wir am Hafen ein weiteres »hundefreundliches« Gebiet entdeckt ohne Menschen, Autos oder Radfahrer. White lebte auf, konnte ihrem unglaublichen Bewegungsdrang endlich freien Lauf lassen, rannte wie ein schwarzer Blitz am Deich entlang und war einfach nur ein glücklicher Hund, der die Welt eroberte. Auch der Waller See gehörte bald zu unseren bevorzugten Routen, denn dort waren ausschließlich freundliche Hunde und verständnisvolle Hundebesitzer unterwegs.

Doch trotz der Liebe und Fürsorge, die White von allen Familienmitgliedern erhielt, waren wesentliche Erfolge immer noch nicht sichtbar. Eine Bekannte riet uns daher, es mit Reiki zu versuchen. Und siehe da: Wir erlebten ein kleines Wunder. Schon nach wenigen Behandlungen wurde White ruhiger, ausgeglichener und tapferer. Am See traute sie sich sogar ins Wasser und bekannte Hunde und Menschen wurden nunmehr freundlich begrüßt. Die Verwandlung eines Nervenbündels zu einer selbstsicheren Hündin veranlasste viele unserer Freunde zu der Frage: »Ist das wirklich die Kleine aus Ungarn? Das ist ja ein völlig anderer Hund!«

Allerdings gab es weitere Hürden zu nehmen, denn vor Fahrrädern hatte White immer noch eine Höllenangst. Das Problem mussten wir als Nächstes angehen. Womit lockt man einen Hund am meisten? Natürlich mit Leckerlis. So wurde das Fahrrad kurzerhand ins Wohnzimmer gestellt und mit kleinen Wurstscheiben ausgestattet, denen White nicht widerstehen konnte. Sie versuchte, sich die Leckerbissen so vorsichtig wie möglich zu holen. Nachdem das geklappt hatte, schoben wir das Fahrrad pro Tag immer ein Stück weiter durch das Haus und schließlich auf die Terrasse, weiterhin mit feinster Wurst bestückt. Langsam verschwanden bei White Angst und Skepsis. Nach 14 Tagen machte mein Sohn mit ihr die erste Radtour – nachts, versteht sich. Heute ist es sogar möglich, mit der Hündin per Rad in die Redaktion zu fahren. Seitdem unsere nette Postbotin jeden Morgen eine kleine, leckere Überraschung dabei hat, gibt es auch mit fremden Fahrrädern keine Probleme mehr. Einen letzten Schritt in Richtung Selbstbewusstsein machte White, als ein zweiter Hund in die Familie kam. Ein junger Schäferhund-Rüde, der im Tierheim abgegeben worden war, eroberte ebenfalls sofort unsere Herzen und wir beschlossen seine Adoption. White zeigte sich als »große Schwester« und übernahm den Part der Anführerin. Die beiden sind inzwischen unzertrennlich geworden.

Fast vier Jahre sind seitdem vergangen. Heute ist White eine ausgesprochen liebevolle und anhängliche Hündin geworden, die aufgeschlossen und zufrieden durchs Leben geht und endlich die schönen Seiten für sich entdeckt hat. Es war ein langer und nicht ganz leichter Weg, den wir gehen mussten, aber die Mühen haben sich gelohnt.

Behinderte Hunde

Blindheit


Asti – eine Chance bleibt immer

von Natalie Reineke


Im Januar 2002 wurde ich auf eine zehnjährige blinde und zuckerkranke Hündin namens Asti aufmerksam. Ihre ehemalige Besitzerin musste ins Pflegeheim und hatte Asti deshalb im Tierheim abgegeben. Die Hündin erblindete dort innerhalb einer Woche, weil ihr Diabetes nicht rechtzeitig erkannt worden war. Die Mitarbeiter des Tierheims starteten einen Notruf – der auch mich erreichte –, da Diabetiker wegen des unvermeidlichen Stresses in Tierheimen sehr geringe Überlebenschancen haben.

Ich hatte keine Ahnung, ob Asti sich mit meinen anderen Hunden und vor allem mit meinen Katzen verstehen würde. Auskunft darüber konnte man mir nicht geben. Auch wusste ich zum damaligen Zeitpunkt nicht, ob ich mit der Krankheit Diabetes zurechtkommen würde. Astis Größe war ebenfalls nicht ganz unerheblich, immerhin handelte es sich bei ihr um einen Irish-Wolfshund-Mischling. Aber ich wollte mich der Herausforderung stellen, diesem Hund ein schönes Leben zu bieten. Schließlich hatte ich ein großes Haus, einen riesigen Garten und war immer zu Hause. Also fuhr ich ins Tierheim und schaute mir Asti an. Ihr Zwinger in der Krankenstation war viel zu klein. Die Hündin wirkte traurig und verunsichert, dennoch strahlte sie einen enormen Charme aus. Meine Bedenken waren wie weggeblasen. Ich unterschrieb die notwendigen Papiere und erfuhr ganz nebenbei, dass Asti zusätzlich noch eine starke Augenentzündung, einen kleinen Herzfehler und einige Tumore hatte. Außerdem hätte man einige Gegenstände aus ihren Pfoten herausoperiert – die ehemalige Besitzerin hatte wohl nicht bemerkt, dass Plastikteile in die Pfoten und Läufe eingewachsen waren – und gleichzeitig ein Geschwulst am Hals entfernt. Auf dem Röntgenbild der Lunge waren einige Schatten zu sehen, doch auf eine Diagnose wollte sich niemand festlegen. Ich bekam einen Berg von Medikamenten in die Hand gedrückt.

Zuerst traute ich mich nicht, fragte dann aber doch, ob sich das Tierheim möglicherweise an den Kosten für Spezialfutter und Medikamente beteiligen würde. Zu meiner freudigen Überraschung sicherte man mir zu, dass alle anfallenden Aufwendungen komplett übernommen werden würden. Sicher hätte ich Asti auch ohne diese Unterstützung zu mir genommen, dennoch war ich über die Hilfe sehr dankbar. Immerhin beliefen sich die monatlichen Auslagen anfänglich auf 150 bis 200 Euro. Gott sei Dank war meine Mitarbeiterin Anne gelernte Krankenschwester und konnte mich ausführlich über die Krankheit Diabetes informieren. Zusätzlich ließ ich mich von einigen Tierärzten beraten, um Asti die bestmögliche Behandlung zu bieten. Ich kaufte alles Notwendige, war darauf vorbereitet, absolut konsequent in der Vergabe des täglichen Futters zu sein, zweimal täglich Blutzucker zu messen, Insulin zu spritzen und Buch darüber zu führen.

Für die erste Woche bei mir zu Hause hatte ich Asti einen Platz in der Küche zurechtgemacht. Ich wollte sie langsam an die neue Umgebung gewöhnen und ihr vor allen Dingen erst einmal Ruhe gönnen, bevor sie ihre tierischen Mitbewohner kennen lernen würde. Außerdem konnte ich auf diese Weise üben, ihr täglich einen Tropfen Blut am Ohr abzunehmen, ohne durch die anderen gestört zu werden. Asti ertrug das sehr geduldig. Sieben Tage später wagte ich den ersten Versuch, sie mit meinen drei kleinen Hunden zu konfrontieren: einem Kleinspitz und zwei Malteser-Mischlingen. Nach anfänglichem Gekläffe – welches natürlich von den Kleinen ausging – tolerierte man sich gegenseitig. Angespornt von diesem ersten Erfolg führte ich Asti nun auch ins Wohnzimmer zu meinen Katzen. Zuerst machte sie den Eindruck, als wollte sie die Katzen fressen. Das stimmte mich nicht gerade glücklich, da ich natürlich nicht vorhatte, Asti für den Rest ihres Lebens in der Küche wohnen zu lassen. Aber was hatte ich denn auch erwartet innerhalb einer Woche in völlig fremder Umgebung, noch dazu mit ihrer kürzlich erworbenen Blindheit und meiner geringen Kenntnis über ihre Vergangenheit! Ich versuchte die Zusammenführung also immer wieder unter kontrollierter Aufsicht und schließlich hatte Asti sich an die Katzen gewöhnt, die übrigens überhaupt keine Probleme mit der Hündin hatten. Im Gegenteil: Sie begrüßten diese stets überschwänglich. Insgesamt dauerte es etwa vier Wochen, bis Asti als vollwertige Mitbewohnerin bei uns akzeptiert war und alle sie mochten, auch meine großen Hunde.

Die anfänglich so unsichere Hündin blühte immer mehr auf. Nach einer Weile bewegte sie sich zielstrebig im Haus und auf dem Grundstück, ohne über etwas zu stolpern oder irgendwo anzustoßen; von Tag zu Tag wurde sie lebensfroher. Sie freute sich über jede Art von Zuwendung, egal ob von menschlicher oder tierischer Seite. Im Garten lief sie stets mit der ganzen »Horde« mit und wenn alle bellten, bellte sie auch. Ich ging mit Asti jeden Tag auf demselben asphaltierten Feldweg spazieren. Wenn sie ihn erkannte, war ihre Freude groß. Der Teerbelag machte es ihr leicht zu spüren, ob sie vom Weg abkam. Das war sehr wichtig für sie, um sich sicher bewegen zu können. Später ließ ich sie auch ohne Leine laufen. Asti lief schnell voraus und sah dabei sehr glücklich aus. Ich würde wahrscheinlich nicht jeden blinden Hund ohne Leine laufen lassen. Doch zwischen Asti und mir hatte sich in kurzer Zeit ein großes Vertrauensverhältnis aufgebaut, sodass ich den Versuch wagen konnte. Es gab nur ein paar Dinge zu beachten: Der Weg musste ihr vertraut sein; ich musste mich sehr konzentrieren und viel mit ihr sprechen. In kurzen Abständen rief ich sie immer wieder zu mir, zog Schuhe mit harten Gummisohlen an und »schlurfte« beim Gehen, damit sie mich hörte. Ich trug außerdem eine weite Nylonhose, die bei jeder Bewegung raschelte. So wusste Asti immer, wo ich war, auch wenn ich mal nicht redete. War das Gelände nicht gut zu überblicken, leinte ich sie an.

Inzwischen liebte jeder Asti. Sie hatte immer gute Laune, begrüßte alle Besucher stürmisch und teilte sich das Sofa mit ihren drei besten Freunden: den beiden Malteser-Mischlingen und einer Siamkatze. Sie liebte die kleinen Racker und ließ sich von ihnen täglich die Ohren und Augen putzen. Ihre diversen Behinderungen schienen ihr absolut keine Probleme zu bereiten. Zunehmend spielte sie mit Artgenossen; selbstverständlich nur mit Hunden, die sie schon kannte. Ich ging mit Asti um wie mit einem gesunden, normalen Hund, hatte kein Mitleid mit ihr – damit hätte sie wahrscheinlich gar nichts anfangen können – und behandelte sie auch niemals wie ein »rohes Ei«. Die medizinische Behandlung und die Futtermengen hielt ich konsequent ein, Leckerchen zwischendurch gab es nicht. Auch den anderen verbot ich es strikt, ihr aus Mitleid etwas »zuzustecken«.

Im Herbst 2002 wurde Asti läufig. Komisch, im Tierheim hatte man mir gesagt, sie sei kastriert. Ein Drama begann, alle in der Umgebung lebenden Rüden wollte sie besteigen, sogar die kastrierten. Astis Zuckerwert stieg ins Bedenkliche. Alle Tierärzte und Tierschützer rieten mir aufgrund ihrer Krankheit und ihres Alters von einer Kastration ab. Aber ich wusste, sie würde ohne diese Operation bald sterben. Ich gab nicht auf und fand einen Tierarzt, der sich mit Diabetikern sehr gut auskannte und diese auch operierte. Es war eine sehr aufwändige Operation. Leider musste auch die Milz entfernt werden, aber ich bin heute noch froh über diesen Entschluss. Asti hat den Eingriff hervorragend überstanden. Im Laufe der Zeit besserte sich ihr Gesundheitszustand immer mehr, sodass sie ab September 2003 schließlich kein Insulin mehr brauchte. Ihre Werte waren – wie durch ein Wunder – wieder völlig normal. Ich vermute, das lag an der konsequenten Diät, den ständigen Kontrollen und natürlich auch an Asti selbst mit ihrem starken Lebenswillen. Umso härter traf es mich, als sie Ende Januar 2004 plötzlich wiederholt epileptische Anfälle bekam. Die tierärztliche Untersuchung ergab, dass sie einen faustgroßen Lebertumor hatte. Am 2. Februar 2004 musste ich meine geliebte Asti einschläfern lassen.

Ich habe nicht einen Tag bereut, Asti zu mir genommen zu haben. Fremden Menschen fiel ihre Behinderung gar nicht oder erst sehr spät auf. Das war auch gut so, denn Mitleid wollten wir beide nicht. Sicher, ich musste auf einiges verzichten, schließlich bekam die Hündin zweimal täglich zu bestimmten Uhrzeiten pünktlich ihr Futter und Insulinspritzen und alle zwei Tage wurde ihr Blutzucker gemessen. Aber ich habe großartige Freunde, die in Notfällen auch in der Lage waren, mich zu vertreten, und das auch gerne taten. Asti erweckte nie den Anschein, unglücklich oder krank zu sein. Wo sie sich auskannte, verhielt sie sich genauso wie jeder andere Hund, in fremder Umgebung half ich ihr durch meine vertraute Anwesenheit. Astis fröhliches, aufgewecktes Wesen, ihre Anpassungsfähigkeit, ihr Lebenswillen und ihre liebenswerte Art waren der Dank für all die Arbeit. Ich habe jeden Tag mit ihr genossen und mich gefreut, sie so glücklich und zufrieden zu sehen.

Fridolin – eine Lebensphilosophie

von Heike Hertger


Ich schreibe diese Geschichte mit sehr viel Trauer und aus Liebe zu unserem Fridolin, geboren am 2. November 2000 als Vierter von insgesamt elf Briard-Welpen mit einem Geburtsgewicht von nur 270 Gramm. Im Vergleich: Der dickste Welpe wog 570 Gramm.

Fridolin war von Anbeginn etwas Besonderes, er hat sich immer von den anderen Welpen ferngehalten und sein eigenes »Ding« gemacht. In seiner dritten oder vierten Lebenswoche wurde auffällig, dass er auch anders reagierte als die anderen. Er stieß gegen seinen Fressnapf und versuchte anschließend, unter diesem hindurchzukommen. Seinem aufmerksamen und liebevollen Züchter blieb dieses Verhalten nicht verborgen, sodass er Fridolin einem Tierarzt vorstellte. Der erste Verdacht, dass der Hund blind sein könne, bestätigte sich sodann im Rahmen einer Untersuchung beim Fachtierarzt für Augenheilkunde.

Für den Züchter kam ein Einschläfern des agilen und so offenkundig lebensfrohen Welpen keinesfalls infrage. Und so entschied er, für Fridolin Menschen zu suchen, die ihn trotz seiner Behinderung nehmen wollten. Bis dahin sollte der Kleine bei ihm bleiben. Einige Tage später entdeckten wir Fridolins Bild auf der Homepage für blinde Hunde und es war um uns geschehen. Es dauerte nicht lange, bis feststand, dass dieser Hund zu uns kommen würde. Am Freitag, dem 29. Dezember 2000, fuhren wir gemeinsam mit unserer Hündin Nala vom Niederrhein zum Bodensee. Weder Schnee noch Glatteis hinderten uns daran, Fridolin zu besuchen. Zwei Tage später traten wir die Heimreise an und feierten Sylvester 2000 gemeinsam mit beiden Hunden.

Nala erkannte sehr schnell Fridolins Defizite. Sie kümmerte sich wunderbar um ihn, leckte ihm – bis zum Schluss – jeden Abend die Augen aus, ließ aber auch die gebotene Konsequenz in der Erziehung nicht zu kurz kommen. In dieser Hinsicht war sie auch uns eine gute Lehrerin. Nach den ersten zaghaften Versuchen, den Garten zu erkunden, dauerte es nicht lange, bis Fridolin selbstständig dort herumlief und alles genau inspizierte, ohne dass ihm irgendein Hindernis Probleme bereitete. Nicht einmal lief er gegen einen Baum. Er liebte seine französische Basttasche, in der ich ihn die ersten Wochen herumtrug, weil er bei unseren Spaziergängen nicht so schnell wie Nala mitkam und außerdem auf unbekanntem Terrain unsicher war. Schien ihm im Garten etwas nicht geheuer, lief er schnurstracks zu dieser Tasche und kletterte hinein, was sich mit der Zeit und bei seinem Wachstum jedoch immer schwieriger gestaltete.

Wir haben sehr früh angefangen, die notwendigen Kommandos wie z. B. »Vorsicht« zu trainieren, und zu diesem Zweck einen Acker mit Furchen ausgesucht. Wie wir das machten, mag sich zwar gemein anhören, es war aber äußerst zweckmäßig und erfolgreich. Fridolin missachtete das für ihn unbekannte Kommando natürlich zunächst und fiel, weil er noch so klein war, in die Ackerfurche. Selbstverständlich hat er das Training völlig schadlos überstanden, aber der Schreck, den er davongetragen hat, garantierte einen schnellen Lernerfolg. Später lernte er auch die Kommandos »rechts« und »links« kennen.

Nachdem Fridolin bereits einige Wochen bei uns war, entschlossen wir uns – rein vorsorglich und da uns die Ursache seiner Blindheit nicht bekannt war –, eine Computertomografie machen zu lassen, um von Vornherein einen Tumor oder Ähnliches auszuschließen. Die CT verlief Gott sei Dank ohne Befund und wir atmeten auf. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass Fridolins Blindheit nicht seine einzige Beeinträchtigung war. Da er regelmäßig im Garten herumtollte und als glücklicher, aber genauso dreckiger Hund von dort zurückkam, gehörte es zu den wöchentlichen Gepflogenheiten, ihm ein Bad in der Badewanne zu gönnen. Dabei fielen mir sehr schnell Ekzeme auf, die sich trotz der regelmäßigen Fellreinigung im gesamten Bauchbereich bildeten. Ich kontrollierte Fridolin daraufhin ständig und fand heraus, dass er inkontinent war. Er war zwar sehr schnell stubenrein geworden, immerhin mit zwölf Wochen, verlor aber hier und da mal ein paar Tröpfchen, die offensichtlich an den Oberschenkeln und am Bauch eine ständige Feuchtigkeit verursachten. Ich reinigte diese Körperpartien morgens, mittags und abends mit Wasser und einer Calendula-Essenz und bekam damit das Problem in den Griff. Fridolin liebte seine täglichen Waschungen und bestand darauf, dass diese strikt eingehalten wurden. Er lief dazu jedes Mal ins Badezimmer und legte sich erwartungsvoll auf den Rücken.

Im Weiteren wurde deutlich, dass Fridolin auch motorische Störungen hatte, die nicht mit einer etwaigen Unsicherheit – als Folge der Blindheit – zusammenhingen. Unsicher war er nämlich auf keinen Fall. Er rannte munter durch den Garten, die Wohnung und das Büro, sodass ich regelmäßig Fremden gegenüber geradezu beteuern musste, dass er wirklich blind sei und nichts sehen könne. Er knickte auch nicht etwa ein; es war nur so, dass er bei dem Versuch, sein Beinchen zu heben, einfach umfiel. Schlauerweise ließ er das Beinheben dann auch für immer sein. Die Treppen hinaufzulaufen, hatte er gelernt, war aber nicht in der Lage, seine vier Beine so zu koordinieren, dass er auch wieder herunterlaufen konnte. Dabei musste ich ihm helfen, indem ich ihn regelmäßig trug. Bei seinem zarten Endgewicht von »nur« 50 Kilo ersparte ich mir auf diese Weise den Besuch eines Bodybuilding-Studios.

Da ich Wert darauf legte, dass Fridolin unabhängig von seiner Rudelführerin Nala ein Selbstbewusstsein entwickelte, besuchte er die Welpenschule und weilte dort fast bis zu seinem zwölften Lebensmonat, obwohl das Welpenalter nur bis zum Ende der sechzehnten Woche dauert. Wir hatten jedoch eine Hundeschule gefunden, die geradezu »Gold« für uns war, und einen mehr als verständnisvollen Trainer. Dieser scheute auch nicht davor zurück, den angesichts von Fridolins Größe erschrockenen »Neuzugängen« unter den Welpenhaltern zu erklären, dass Fridolin zwar sehr groß, aber immer noch mit dem Gemüt eines Welpen ausgestattet sei und keinesfalls die seinem Alter entsprechenden rüpelhaften Junghundmanieren habe. Fridolin entpuppte sich als wichtige soziale Komponente im Welpengetümmel und schlichtete die regelmäßig aufkommenden Streitigkeiten zwischen den Welpen, indem er sich mit der ihm eigenen Gelassenheit einfach zwischen die keifenden Kleinen stellte, und schon war Ruhe. Er hatte auch ein Gefühl dafür, wann es Zeit war, die »Welpenpolizei«, wie er fortan liebevoll von allen genannt wurde, zu spielen.

In der Welpengruppe lernte Fridolin ebenfalls, dass ein Stadtbummel nichts Gefährliches war. Nachdem er mit den anderen Hunden einen Ausflug in die Stadt gemacht hatte, war es auch für uns kein Problem mehr, ihn dorthin mitzunehmen. Im Gegenteil: Er ließ sich ohne Weiteres und zur Verwunderung aller Verkäuferinnen im Laden neben der Tür ablegen, interessierte sich in keiner Weise für andere Kunden und verließ ganz selbstverständlich gemeinsam mit mir wieder das Geschäft. Auch die Aufmerksamkeit, die ihm die Kunden entgegenbrachten, nahm Fridolin mit der ihm eigenen stoischen Gelassenheit in seiner liegenden Position entgegen. Ich erntete regelmäßig Bewunderung für einen solch gut erzogenen Hund. Spaziergänge mit Fridolin gestalteten sich äußerst angenehm, da er nahezu immer ohne Leine lief und auch keine Leine benötigte, es sei denn in der Nähe von Straßen. Er blieb immer nahe bei mir und hörte auf den ersten Zuruf. Die Besucher meines Büros begleitete er zur Tür hinaus, lief dann zu seinem Stammplatz draußen und kam sofort wieder zurück, nachdem er mal eben seine Duftmarke gesetzt hatte.

Irgendwann ließ sich jedoch der Wechsel von der Welpen- in die Junghundgruppe nicht mehr aufhalten und ich sah dem ersten Besuch mit Schrecken entgegen. Ich hatte Angst, dass Fridolin den anderen typischen »Rüpeln« nicht gewachsen sein würde, zumal er ja auch bei einem Stoß sofort umfiel. Aber weit gefehlt: Fridolin kam, sah und siegte! Er wurde zu meiner und auch zur Verwunderung unseres Hundetrainers von den anderen sofort und, ohne dass er irgendetwas dazu beisteuern musste, als Chef anerkannt. Wenn Fridolin erschien, legte jeder noch so lebhafte Junghund sofort den Kopf zur Seite und beschwichtigte. Er war nie an irgendwelchen Rangeleien beteiligt und seine Stellung wurde niemals angezweifelt. Der Hundetrainer und ich haben oft darüber nachgedacht, was die Ursache für Fridolins Stellung als »King der Rüpelbande« gewesen sein könnte. Eine Vermutung war, dass der Hund in Folge seiner Inkontinenz einen so starken Geruch verströmte, dass es keiner wagte, sich mit ihm anzulegen. Herausgefunden haben wir es nie.

Seinen Garten liebte Fridolin immer mehr und insbesondere den Teich, in dem er mit großer Freude herumplanschte. Er lernte es auch, mit einem Ball zu spielen. Wir hatten einen gelben Plastikball, den er oft sorgfältig und ganz vorsichtig durch den Garten zum Wasser trug und dort schwimmen ließ. Wenn ich den Ball hart auf den Boden warf, sodass es ein »Plöpp« gab, orientierte sich Fridolin am Geräusch, fand den Ball und brachte ihn stets voller Freude zurück. Er schaffte es sogar, sich gegenüber seiner sehenden Rudelführerin Nala beim Ballspielen Vorteile zu verschaffen. Nala beobachtete mich und schoss in eine Richtung los, die nach ihrer Wahrnehmung der Flugrichtung des Balles entsprach, lief dann aber ins Leere, wenn der Ball durch ein Hindernis eine andere Richtung nahm. Fridolin hingegen, der aufmerksam auf die Geräusche achtete und den Aufprall abwartete, lief sofort in die richtige Richtung und kam Nala auf diese Weise so manches Mal zuvor.

Da wir unsere Hunde regelmäßig mitnehmen, standen natürlich auch Restaurantbesuche auf dem Trainingsplan. Für Fridolin war das zunächst eine neue, ihm unbekannte Umgebung, sodass er einen »Trick« anwandte, der darin bestand, sich vor dem »Hindernis« hinzulegen und nicht weiterzugehen. Infolge meines täglichen Trainings – ich musste ihn ja stets beim Treppensteigen tragen – hatte ich mit diesem Verhalten kein Problem. Ich klemmte mir meinen Fridolin unter den Arm und trug ihn ins Lokal, wobei dem einen oder anderen Besucher die Gabel im Mund stecken blieb. An unserem Tisch angekommen, legte ich den Hund ab, bis er mit uns zusammen – diesmal auf seinen eigenen vier Beinen – das Restaurant wieder verließ. Nach zwei Besuchen kannte er die neue Umgebung und lief von selbst in das Gasthaus, als wäre es nie anders gewesen.

Auch wenn wir uns entschlossen hatten, der Ursache für Fridolins Blindheit nicht weiter nachzugehen, da er ohne Zweifel ein glücklicher und ausgeglichener Hund war, so besuchte ich doch mit ihm einen Fachtierarzt für Augenheilkunde. Dieser teilte mir nach einigen Untersuchungen mit, dass Fridolins Augen völlig in Ordnung seien, aber sein Gehirn die Bilder nicht umsetze. Er habe offensichtlich bei der Geburt einen Sauerstoffmangel gehabt und infolgedessen sei das Gehirn nicht richtig durchblutet worden, was natürlich die motorischen Ausfälle und die Inkontinenz, die übrigens mehr und mehr nachließ, erklärte.

Weil wir eine unkastrierte Hündin haben, machten wir uns irgendwann zwangsläufig Gedanken über die Notwendigkeit einer Kastration bei Fridolin. Wir warteten die erste Läufigkeit der Hündin ab und erst dann wollten wir eine Entscheidung treffen. Fridolin hatte bis zu dem Zeitpunkt noch keinerlei Anzeichen einer aufkeimenden »Männlichkeit« gezeigt und eine Kastration bleibt schließlich nicht immer ohne Folgen. Wir fürchteten zum einen das Risiko der Narkose und zum anderen die hormonelle Umstellung und deren Auswirkungen auf seine geistige Behinderung. Nachdem die erste Läufigkeit unserer Hündin eingetreten war, erkannten wir, dass es eine weise Entscheidung gewesen war, nicht vorschnell gehandelt zu haben, da Fridolin offensichtlich keine Geschlechtsreife besaß und sich überhaupt nicht für Nalas »besonderen Zustand« interessierte.

Im Mai des Jahres 2003 bekam das Rudel Zuwachs durch einen kleinen rumänischen Flüchtling. Quatrelle, wie wir ihn nannten, war zunächst ein Pflegehund, blieb aber selbstverständlich, nachdem wir festgestellt hatten, dass er und Fridolin unzertrennliche Freunde wurden. Quatrelle war etwa vier bis fünf Monate alt, als er zu uns kam. Er liebte es, in Fridolins Fell zu kuscheln und sich auf der Couch auf ihn zu legen. Die beiden spielten und tobten im Garten umher und Quatrelle brachte Fridolin bei, wie spannend es ist, auf Karnickeljagd zu gehen, sodass sie gemeinsam mit Tempo hinter den Kaninchen herjagten. Unser Garten mit einem Ausmaß von 4000 Quadratmetern gab ihnen dazu genug Freiraum. Die Hunde liefen um die Wette und spielten oft mit Stöcken, indem der eine an der einen Seite zerrte, der andere an der anderen. Zuweilen teilten sie sich auch die Schlafstelle.

Leider wurde Fridolins Leidenschaft sein Verhängnis. Fridolin verschluckte ganze Socken, Textiltaschentücher, Kinderunterwäsche und Lappen. Es war unmöglich, alles vor ihm sicherzustellen, und so mussten wir manches Mal beherzt zugreifen und die Dinge aus seinem Darmausgang ziehen, wenn er wieder mit gekrümmtem Rücken dasaß und versuchte das, was er gefressen hatte, loszuwerden. Im Dezember des Jahres 2003 erwischte er, ohne dass ich es bemerkte, einen Putzlappen, den er in gewohnter Manier hinunterschluckte. Leider führte dies zu einem Darmverschluss und in der daraufhin notwenigen Operation gab sein Herz auf. Er ist in unserem Garten begraben und ich besuche ihn regelmäßig.

Ich habe sehr unter dem Verlust meines geliebten Hundes gelitten und vermisse heute noch sein tiefes »Wuff«, das er ausstieß, wenn er mir liebevoll seine Pranke auf das Bein legte als Hinweis darauf, nun sei Schmusen angesagt. Er war für mich ein absolutes Unikat und – was noch viel wichtiger ist – ein glücklicher und ausgeglichener Hund, der sein Leben in vollen Zügen genoss und für den es keine Behinderung gab. Quatrelle hat ihn ebenfalls sehr vermisst. Noch wochenlang nach seinem Tod klaute er Socken aus meiner Schublade, die er eigenständig aufmachen kann, und legte diese auf Fridolins Decke. Der Anblick hat mir regelmäßig das Herz zerrissen.

Fridolin war etwas ganz Besonderes für mich. Er war der »Philosoph« der Familie und bewies mit seinem Verhalten und seiner Ausdrucksweise so viel Weisheit, dass man von ihm eine Menge lernen konnte. Manchmal habe ich das Gefühl, er ist immer noch bei mir. Seine Internetseite besuche ich oft. Nachdem Fridolins Schicksal bekannt geworden war, brach eine Diskussion über seine Lebensqualität aus, und der Züchter wurde dabei von Angriffen nicht verschont. Ohne Fridolin überhaupt zu kennen, fällten etliche Menschen das Todesurteil über den Hund; die Argumente waren immer gleich. All diesen Menschen sei versichert, dass unser Fridolin jeden einzelnen Tag aufs Neue genossen hat und nur so strotzte vor Lebensfreude. Er liebte es, den Wind in seinem Fell zu spüren, mit seinen dicken Pfoten im Teich zu plantschen, und am meisten genoss er es, sich in den Bachlauf zu legen und vom Wasser berieseln zu lassen. All die Kleinigkeiten des täglichen Lebens, die man so oft übersieht, bereiteten ihm einen Höllenspaß.

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22 dekabr 2023
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380 səh. 35 illustrasiyalar
ISBN:
9783946424031
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