Kitabı oxu: «Grundlagenforschung»
Schnell gehen sie vorbei, die Sekunden der Erkenntnis. Sie müssen festgehalten werden! Oder erst erzeugt anhand von Figuren, Beziehungen, außerordentlichen Begebenheiten. Das Leben ist undurchsichtig und erzählenswert. Und es gilt, in diesem Leben vorzukommen, zwischen all den Wünschen und Enttäuschungen, den gesellschaftlichen Normen und alltäglichen Herausforderungen. Wer bin ich denn hier überhaupt? Wer könnte ich sein?
Die nervöse Zwanzigjährige, die hofft, dass ihr Freund anruft. Die hoffnungsvolle Dreißigjährige, die glaubt, dass bei ihr alles anders wird. Anders zumindest als bei der ätzenden Ex, die doch hätte wissen müssen, dass Kinderkriegen auch keinen Ausweg darstellt. Oder bin ich vielleicht sogar die? Es ist gut, ein paar Erzählungen als Wegweiser zu haben. Für jetzt – und für später. Sag nicht, du hättest’s nicht gewusst! Hier steht’s doch, schwarz auf weiß, und Spaß macht es auch noch.
In diesem Erzählungsband vermag man sämtliche Motive, Themen, ja geradezu die gesamte literarische Welt Anke Stellings zu entdecken – und diese Erforschung ist nicht nur für Stelling-Fans faszinierend.
Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Die Prosa-, Drehbuch- und Kinderbuchautorin wurde 2015 mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zudem wurde der Roman mit dem Melusine-Huss-Preis 2015 ausgezeichnet. 2017 erschien ihr Roman Fürsorge. Für den Roman Schäfchen im Trockenen erhielt sie 2019 den Preis der Leipziger Buchmesse und den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg.
Anke Stelling
Grundlagenforschung
Erzählungen

»Grundlagenforschung« ist der 1. Band der Reihe
»kurze form«, die mit je einem Band pro Programm
im Verbrecher Verlag erscheint.
1. Auflage
Verbrecher Verlag Berlin 2020
www.verbrecherei.de
© Verbrecher Verlag 2020
ISBN 978-3-95732-447-4
eISBN 978-3-95732-466-5
Der Verlag dankt Nora Gerken
und Johanna Seyfried.
INHALT
FELDSALAT
BEI DEN WÖLFEN
LEIDER NEIN
DIE STELLE
WAS, WENN NICHT DAS
GLÜCKLICHE FÜGUNG
SCHLIMMSTENFALLS
UNBESTÄNDIG UND KALT
RAUS
GRANDEZZA II
HEILSVERSPRECHEN
SOWOHL ALS AUCH
RANUNKELN
VORBEI
Editorische Notiz
FELDSALAT
Nehmen wir das Leben und teilen es in drei Bereiche: Liebe, Arbeit, Essen & Trinken. Wobei Essen & Trinken auch Trinken & Rauchen heißen könnte, Arbeit auch Kunst und Liebe vielleicht Freizeitvergnügen. Irgendwelche Einwände?
Liebe: Es ist inzwischen ungefähr klar, was zu kriegen ist und was nicht. Vorlieben sind manifestiert; bei wem sie sich mit dem Erreichbaren decken, hat Glück gehabt. Wer überhaupt jemanden abgekriegt hat, hat Glück gehabt, denn die Zeit der Suche ist ein für alle Mal vorbei. Wer von sich behaupten kann, eine Liebe aus erster Hand zu besitzen, ist beneidenswert. Oder zurückgeblieben. Wer eine aus zweiter Hand besitzt, hat Ärger mit psychotischen Ex-Frauen, Unterhaltszahlungen, Echtheitsnachweisen – dafür aber viel zu erzählen.
Arbeit: Das hier. Was will sie denn nun schon wieder, sagst du, ich sage: Es ist der Dienstag nach Pfingsten, fünf vor halb zwei, und es gibt keine Ausrede, den Rechner geschlossen zu halten. Oder wenn, dann findet sie sich hier, in diesen Zeilen, also müssen sie geschrieben werden. Gemäß des Kirchenjahres ist der Geist nun ausgeschüttet und hat sich zu zeigen. Du kannst ja harken gehen, wenn du möchtest.
Essen & Trinken: Wer sät, der erntet. Wer trinkt, muss weitertrinken, sonst zittern die Hände. Auch hier sind die Vorlieben manifestiert; bei wem sie sich mit den Empfehlungen der Krankenkassen decken, bleibt schlank und gesund. Die andern versuchen, philosophisch zu werden. Oder Kenner! Das ergibt dann diese ermüdenden Tischgespräche, unter denen wir einst so gelitten haben.
Das Feld ist abgesteckt, im Text wie im Leben. Wer weiterblättern will, soll das tun; wer meint, die mittleren Jahre erreichten ihn nicht, hat sich getäuscht. Sie kommen. Sie bestimmen dein Handeln, sie beherrschen dein Denken; du bist nicht mehr, wer du mal warst. Warst du jung? Schön für dich. Ich dachte ja, ich sei’s nie gewesen, aber ich war’s auch, rückblickend. Und jetzt wirst du langsam alt, genauso zwangsläufig, wie ich einstmals jung war. Es gibt eben doch noch das eine oder andere, das wir nicht entscheiden.
Heiner und Claudia. Typischer Fall einer Liebe aus zweiter Hand. Jetzt!, haben sie sich gesagt, jetzt oder nie! Und sind zusammengekommen.
Waren schöne acht Wochen.
Claudia legte die alten Michael-Jackson-Platten auf und fühlte sich wieder wie zwölf, nur mit mehr Busen, was das Ganze noch besser machte. Heiner fickte sie wie ein Verrückter, auch etwas, das er sich mit zwölf gewünscht und damals noch nicht hat verwirklichen können. Keine Klagen also! Endlich das Zeug, die Umstände und die Freiheit dazu. Nur, dass sie nicht mehr zwölf waren.
Heiner ging die Puste aus. Musste auch irgendwie das Geld ranschaffen für die Kinder aus erster Ehe. Die psychotische Ex. Das mach mal, wenn du nicht zum Schlafen kommst! Und Claudia hatte ihrerseits nach acht Wochen das Gefühl, die Sache auf eine solidere Grundlage stellen zu müssen. Schließlich war sie jetzt endlich da, die Gelegenheit! Das Husband Material Heiner. Er sollte doch wissen, wie es ging, wo er die erste Runde schon hinter sich hatte. Und tatsächlich wurde Claudia umgehend schwanger, und Heiner sagte, wenn du Pickel kriegst, wird’s ein Mädchen.
Wie aufregend. Oder nicht?
Ein völlig neues Körpergefühl für Claudia, den Bauch endlich mal rausstrecken zu dürfen. Das genügte für die nächsten neun Monate.
Und Heiner? Mal kurz ein paar Worte zu Heiner, damit du dir das Ganze besser vorstellen kannst: Heiner ist wahrhaft lässig. Ein Szene-Mensch, aber auf die angenehme Art. Begabt. Immer freundlich.
Haarscharf ist er dran vorbeigeschrammt, so richtig berühmt zu werden – wäre er Brite, wäre er’s. Hätte er’s geschafft, sich auf eine Sache zu konzentrieren, wäre er’s auch. So ist er aus Hannover und macht alles gleichzeitig: singen, malen, Gitarre spielen, Bühnenbild, kurze Fernsehauftritte, Filmscripts, Plena organisieren, Häuser besetzen, Reden halten, kellnern, kochen, Leute zusammenbringen, Bücher schreiben.
Jeder kennt ihn, und Heiner kennt sich aus. Claudia kann stolz sein, ihn abgekriegt zu haben, und gut aussehen tut er auch. Also, so mittel. Irgendwie britisch.
Heiner ist keiner, mit dem das Familienleben vorgezeichnet erscheint. Keiner wie dein eigener Vater, obwohl du ehrlich gesagt auch keine Ahnung hast, was der für einer war. Der hatte nämlich auch nicht vor, so zu enden, wie du ihn jetzt enden siehst, aber egal. Heiner jedenfalls, um das noch mal zu betonen, ist echt lässig. Seine Kinder wachsen zwischen Gigs und HMI-Scheinwerfern und ausgeweideten Autowracks und weiblichen Fans mit riesigen Sonnenbrillen beziehungsweise Pressedamen und Kuratorinnen auf, die sie zu sich herzulocken versuchen, als seien sie Hundewelpen. Heiners Kinder sitzen bei ihm im Babybjörn vor dem Bauch, egal, was er gerade zu tun hat. Heiners Kinder fahren auf selbstgebastelten Laufrädern rum, nicht auf solchen von Puky. Wer wollte nicht Heiners Kind sein?
Kein Grund also für Claudia, sich zu fürchten vor dem, was kommen sollte. Der Abschied von der Jugend, ganz klar, aber der stand ohnehin bevor. War in diesem Fall nicht gleichbedeutend mit dem Abschied von Spaß, Lässigkeit und gutem Aussehen. Im Gegenteil. Toll sah sie aus, mit der Kugel statt des Bauchs, und Heiner erst, wie er das Neugeborene lässig auf dem linken Unterarm ruhen ließ, während er mit der rechten Hand einer seiner zahlreichen Tätigkeiten nachging.
Claudia ging zur Rückbildungsgymnastik.
Becken heben, Beckenboden anspannen, absenken. Die Matten im Rückbildungskurs rochen, wie Turnmatten überall riechen: nach Schweiß. Die Hebamme gab sich alle Mühe und zündete ein Räucherstäbchen an; die Mitmütter, deren Familienleben vorgezeichnet schien, hatten die Babys dabei, welche brüllten. Keine redete mit Claudia.
Müde war sie. Unsagbar müde.
Der Weg zur Rückbildungsgymnastik war weit, eine Rückbildung nicht wirklich in Sicht. Becken heben, Beckenboden anspannen, nachlassen. Ohne Rückbildung kein guter Sex, so die Hebamme. Becken heben, anspannen. Die Mitmütter kicherten. Claudia schlief ein.
Kann sein, dass es immer noch Eisenmangel war, Claudia brauchte Feldsalat, Feldsalat und Schlaf, Feldsalat und rote Bete. Feldsalat mit Kürbiskernen.
Heiner wusch Feldsalat. Das war nichts, das man einhändig tun konnte, einhändig gewaschener Feldsalat knirscht zwischen den Zähnen, Heiner knirschte sowieso schon, trug beim Schlafen eine Knirschschiene. Keiner würde vermuten, dass Knirschschienen im Heinerschen Haushalt eine Rolle spielten, auch Claudia nicht – doch längst war die Knirschschiene zum Symbol geworden, teuflisches Zeichen, ob nachts noch was laufen würde. Denn wenn Heiner die Knirschschiene einsetzte, war Schicht. Licht aus. Ende. Heiner schlief –
Claudia lag wach. Becken heben, Beckenboden anspannen, nachlassen. Entspann dich, Claudia! Es ist noch nicht aller Tage Abend, auch wenn er längst die Knirschschiene trägt.
Der Zauber der Fortpflanzung half ihr durch den Alltag, und hatte sie es nicht selbst so gewollt? Leise, schnorchelnde Atemzüge. Und Feldsalat.
Irgendwo in ihrem traumhaften Garten lauerte die alte Gotel und wollte Claudia das Kind wegnehmen, denn Claudia war hochmütig gewesen. Hatte geglaubt, dass bei ihr alles anders sein würde. Und Heiner hatte nicht widersprochen. Hatte Feldsalat aus Gotels Garten geholt – ein unheilvoller Akt. Claudia hatte auf ihn gebaut, wo sie doch misstrauisch hätte sein müssen, schließlich hatte er schon zwei Kinder und eine psychotische Ex noch dazu, hätte ihr das nicht eine Warnung sein sollen? Nein. Denn Claudia war selbst ganz anders.
Apropos, wer ist eigentlich Claudia?
Was die Liebe betrifft, hat sie vielleicht in den frühen Jahren ein bisschen Pech gehabt, aber mit Heiner dann eindeutig hochgeheiratet. Also Glück!
Die Kuratorinnen und weiblichen Fans wunderten sich. Claudia? Ach so, ja. Arbeit war ihr Stichwort, sie hat immer viel gearbeitet. Einen IQ von erstaunlicher Zahl.
Ach, weißt du was, der Einfachheit halber bin ich mal die Claudia. Mit mir kenn ich mich aus. Hab viel gearbeitet, irgendwas, das Heiner aufhorchen ließ. Blondes, schulterlanges Haar, durchdringende Stimme. Siebenunddreißigtausend Treffer bei Google! Wer würde da widerstehen können?
Heiner hat gedacht, bei dem IQ würde aus mir bestimmt nicht noch eine psychotische Ex-Frau werden. Denn ich weiß, wie die Dinge laufen. Zum Beispiel bei Claudia! Natürlich hat sie sich verkalkuliert. Und aus Trotz dann trotzdem noch ein Zweites gekriegt. Diesmal ohne Pickel in der Schwangerschaft, ein Junge also.
Ein Mädchen und ein Junge. Süß wie die Hundewelpen, ein bisschen dreckig – man soll sie bloß nicht zu viel waschen, die Käseschmiere einziehen lassen und dann nichts als den natürlichen Säureschutzmantel der Haut. Die alte Gotel nickte bestätigend und schwenkte ihren Zauberstab. Schutzmäntel und Schutzzonen waren ihr Spezialgebiet! Wehe dem, der eine solche betrat … Schmutzig blieben sie, die Kleinen, was nichts an ihrer Attraktivität änderte – hübsche, zum Stil der Eltern passende Accessoires. Die jeden Morgen um halb sechs Uhr aufstanden.
Heiner war auf Tournee. Oder auf Tour. Unterwegs jedenfalls, knatternder Kleinbus – und eine Menge Essen & Trinken, wobei das in dem Fall gleichbedeutend war mit Trinken & Rauchen. Bei Claudia die psychotische Ex auf dem Anrufbeantworter: Wann kommt er wieder? Ja. Ganz genau. Das war ganz genau das, was Claudia auch wissen wollte. Morgens. Um halb sechs.
Bis halb neun waren schon drei Stunden vergangen, Stunden, die in Claudias bisherigem Leben nicht vorgekommen waren und die sich hinzogen, als zählte ihr jemand die Sekunden einzeln auf. Das Kaffeehaus, wo sie ihren Kaffee trinken wollte, öffnete um zehn. Claudia ging nicht mehr hin, sie aß das, was die Kinder übrigließen – löchrige Eiswaffeln, abgeschnittene Brotrinden, das Braune der Banane. Wenn kein Mülleimer oder Papiertaschentuch zur Hand war, auch Ausgespucktes. Die Kinder waren Teil von ihr, also war das, was aus ihren Mündern kam, nicht unappetitlich, sondern lecker. Claudia leckte den Kindern die Gesichter sauber. Sie hatte enormen Appetit.
Am Abend klingelte die Gotel. Ob Claudia vielleicht ein paar Kürbiskerne zur Hand habe, Kürbiskerne zum Anrösten, zum Anrichten der Kürbiscremesuppe? Sie erwarte nämlich Gäste.
Nein, sagte Claudia und stellte sich schützend vor die Kinderzimmertür.
Keine Angst, sagte die Gotel, ich nehm sie dir nicht weg. Ich hör dich gar zu gerne singen, den ganzen Tag im Turm, nur bei den hohen Tönen musst du noch üben, sonst kommt er nicht zurück, dein königlicher Kerl. Sprach’s und verschwand im Treppenhaus.
Soviel zu Essen & Trinken. Beziehungsweise Trinken & Rauchen. Sobald die Kinder schliefen oder sich auch nur zehn Minuten am Stück mit sich selbst beschäftigten, musste Claudia sich eine anzünden. Um den Abstand zu sichern, die Erwachsenenwelt zu bewahren. Zwei Minuten Ruhe, zwanzig Züge Unabhängigkeit, Unverfügbarkeit, Selbstbestimmung. Warte, bis Mama die aufgeraucht hat! Die Zigarette gestattete es ihr stillzuhalten.
Sie genoss die mahnenden Blicke der Mitmütter, deren Familienleben vorgezeichnet schien. Oh ja, sie war anders. War schlecht und schlampig. Keine Sandelförmchen im Gepäck! Zigaretten! Und der Kerl ein Tunichtgut, einer, dem man’s nicht ansah, dass er ein Ernährer war. Kein Kombi, ein Tourbus! Gut gemacht, Claudia!
Röchelnder, rächender Raucherhusten. Die hohen Töne rückten in immer weitere Ferne, wurden ersetzt von schleimigem Auswurf. Die Kinder brachten seltene Grippeviren aus der Kita nach Hause, Claudia wurde krank. Vielleicht war’s auch weiterhin der Eisenmangel, Claudia aß Feldsalat, Feldsalat mit roten Beten, Feldsalat mit gerösteten Kürbiskernen, die sie der alten Gotel vorenthalten hatte. Die grüßte nicht mal mehr. War beleidigt. Claudia trank allein. Gläschen Wein am Abend, passend zur Zigarette.
Ja, ja, du hast Recht. Es gab auch andere Seiten. Den Anblick der Kinder, wenn sie schliefen. Die kurzen Phasen zwischen den Grippeviren, wenn Claudia sich stark fühlte wie ein Pferd. Diesen Karren würde sie allein aus dem Dreck ziehen! In zwanzig Minuten konnte sie die komplette Wohnung auf Hochglanz polieren, Trinken & Rauchen, Glasreiniger & Backofenspray. Claudia war high. Steckte die Nase ins Küchentuch und sank auf das Sofa.
Die alte Gotel, fragst du? Ja, das ist die, in deren Garten der Feldsalat wuchs. Die, die alles besser wusste, Claudias Nachbarin, Claudias Mutter, die Mitmütter, die Super-Nannies, die Kita-Tanten und so weiter. Eine, die die Kinder abholen würde, um dafür zu sorgen, dass sie nicht wurden wie Claudia, und nein, natürlich wünschte Claudia sich das nicht, Claudia würde nie im Leben auf ihre Kinder verzichten wollen. Ehrlich nicht. Ich muss es schließlich wissen.
Es gab keinen Ausweg.
Ohne Kinder hätte Claudia sich Kinder gewünscht. Mit Kindern wünschte sie sich den Tod.
Diesen Ort, an dem sie aufwachen würde mit nichts als dem sanften Grundrauschen im Ohr, das erklingt, wenn die Musik vorbei ist. Oder noch nicht eingesetzt hat. Heiner wäre da, aber unaufdringlich, eine Hand in ihrem Haar, die sich abschütteln ließ, falls nicht der richtige Zeitpunkt war. Noch nicht, mein Liebling, lieber schlafen. Sie wusste ja, dass es so nicht sein würde. Der Tod war genau so grausam und unerbittlich wie ein Zweijähriger am Sonntagmorgen. Aufstehn!
Sie fürchtete sich vor dem Tod. Was, wenn ihr alle Haare ausfielen? Die Parodontose fortschritt, das Hüftgelenk nicht mehr mitmachen wollte? Sie würde auf die mittleren Jahre zurückblicken wie auf eine besonders köstliche Zeit: junge Familie, die Kinder noch klein und unbeschwert. Nicht wirklich dank-, dafür aber noch formbar. Noch in dem Wunsch gefangen, ihre Freunde zu sein.
Apropos Freunde: Nehmen wir die Menschen und teilen sie in Gut und Böse. Wobei wir feststellen müssen: Nichts währt für ewig!
Heiner hat sich als Feind entpuppt, wohingegen die alte Gotel, unsympathische Vettel, mahnende Mitmutter dann doch noch ganz hilfreich war. Hat jeden Donnerstagabend die Kinder genommen, damit Claudia zu den Anonymen Alkoholikern gehen konnte, zur Gymnastik nach der Rückbildung, bei der die Hebamme dann schon ganz andere Töne anschlug. Wer jetzt nicht trainierte, würde inkontinent werden! Windeln tragen, wenn die Kinder längst aus den ihren hinaus wären! Beckenboden anspannen, absenken.
Die neue Hebamme war knapp über sechzig, aber hart und braun und biegsam wie ein Ast. Techno statt Harfenklängen, Peitschenhiebe statt Räucherstäbchen. Claudia wurde ihr hörig.
Anspannen! Absenken! Anspannen! Absenken!
Sie trainierte bis zum Umfallen. Lag dann da.
Die Hebamme drückte ihr die Hand in den Bauch. Was soll das sein, hä? Pudding oder Muskeln?
Heiner wollte betrogen werden, anders war seine Abwesenheit nicht zu erklären, also ging Claudia mit der Hebamme ins Bett. Und fand heraus, dass sie den Beckenboden bislang an völlig falscher Stelle vermutet hatte.
So, sagte die Hebamme und schüttelte die Laken auf. Claudia spürte in sich hinein. Dort? Oder dort? Was war das denn nun, was in ihrem Unterleib herumpolterte? Die Hebamme hob die Hände und sagte, na, was meinst du, wie viele Kinder hab ich damit schon zur Welt gebracht, hä? Tausend, über tausend, das letzte war Nummer Eintausendunddrei.
Claudia erschrak. Da waren sie, die späten Jahre, in Gestalt der Hebamme und ihrer holzharten Hände. Liebe? Ist gleich Macht. Und Arbeit? Durchzählen. Achtunddreißig Jahre Berufserfahrung, Eintausendunddrei! Essen & Trinken? Gar nichts mehr. Der Kühlschrank der Hebamme war leer, sie zehrte aus sich selbst, war ein Baum, ein Kamel mit Höckern voll Reserven – im Passgang walzte sie durch die Wüste, stetig und gleichgültig. Als sie endlich doch noch schlief, nahm Claudia ihre Trainingstasche und ging nach Hause.
Draußen nahte schon der Tag. Der Tourbus parkte vor dem Haus; Heiner hatte die Gotel, Gott sei Dank, längst abgelöst. Auf der Spüle welkte ein Häufchen Feldsalat in steifer Plastikschale vor sich hin, jene Sorte, die nie ein Feld gesehen hat und deshalb nicht gewaschen werden muss. Heiner war wieder da, und Claudia legte sich neben ihn, lauschte seinem knirschschienengedämpften Zähneknirschen, zählte die Sekunden, bis die Kinderzimmertür geöffnet wurde, pünktlich um halb sechs.
Da standen sie, ihre Sonnenscheinchen, und zogen ihr erbarmungslos die Bettdecke weg.
Was meinst du? Wie? Ich hab mich verfranzt?
Ja, ehrlich, das stimmt. Und Claudia erst!
Lange dauerten die Stunden von halb sechs bis halb neun, und schnell gingen sie vorbei, die Sekunden der Erkenntnis.
Heiner, die Hebamme, die Hundewelpen und das Harken – in späteren Jahren würde sie darauf zurückblicken, denn immerhin stand es jetzt hier, schwarz auf weiß in der Grausamen Chronik. Ob das half? Sie wusste es nicht. Aber ihr Stichwort war nun mal Arbeit, und die war hiermit erledigt.
Wenn du willst, kannst du weiterblättern.
BEI DEN WÖLFEN
Beim Holzholen ist Gunda heute Morgen ein großes Scheit auf den Handrücken gefallen. Jetzt hat sie einen Bluterguss mit einer kleinen, dunkelroten Blase obendrauf. Christian mag nicht hinsehen. Schon ohne Bluterguss nicht. Er sieht Gunda lieber als Ganzes. Einzeln betrachtet jagen ihre Körperteile ihm Angst ein, ganz besonders die Hände, trocken und fleckig; solche Hände haben alte Frauen, solche Blutergüsse auf dem Handrücken haben alte Frauen von den Infusionsnadeln, solche Hände mit solchen Blutergüssen werden über hellgelb bezogenen Krankenhausdecken gefaltet, wenn alte Frauen tot sind.
Christian fegt den Kamin in der Küche aus. Wenn die anderen vom Spaziergang kommen, muss das Feuer brennen. Im Schein des Feuers und als Ganzes betrachtet, sieht Gunda keinen Tag älter aus als vierzig.
Er knüllt Papier zum Anzünden zusammen. Hochglanzpapier brennt nicht gut, aber deutsche Zeitungen gibt es nicht im Supermarché in Gérardmer, nur den Stern und die Bunte. Vielleicht könnte er es morgen mit einer Libération versuchen, schließlich sind sie jetzt vier Tage hier und hören beim Autofahren immer französische Sender.
»Lass mich«, hat Gunda heute Morgen gesagt, als Christian in den Schuppen gelaufen kam, um zu sehen, was passiert war. Entweder sie weiß, wie viel Überwindung es ihn kostet, sie zu pflegen, oder sie hat irgendeine dumme Vermutung, was vergangene Nacht im linken Schlafzimmer vor sich gegangen sein könnte. Christian stochert in dem matt kokelnden Zeitschriftenpapier. Schwarze Flocken steigen hoch; natürlich ist nichts passiert, darum geht es auch nicht beim allabendlichen Auswürfeln der Schlafzimmer. Worum es geht, weiß Christian auch nicht. Es war Wolfgangs Idee, gleich nachdem sie angekommen waren.
»Du brauchst nicht glauben, dass Renate und ich wieder freiwillig ins Kuhstallzimmer ziehen«, hat Wolfgang gesagt und sein Gepäck im Flur stehen lassen.
Das Kuhstallzimmer ist das Schlafzimmer von Christians älterer Schwester und besonders unbeliebt bei seinen Freunden. Niemand will in den Zimmern der Geschwister wohnen, mit denen Christian sich das Ferienhaus im Elsass teilt, alle wollen am liebsten Christians und Gundas Schlafzimmer haben, das mit den Nesselvorhängen und Nussbaumbetten. Im Kuhstallzimmer gibt es Melkschemel als Nachttischchen, und im Zimmer von Christians Bruder Metallbetten vom Baumarkt und geblümte Stoffschränke.
»Ich kann nichts dafür«, sagt Christian jedes Mal, wenn er mit Wolfgang und Renate, Hans und Katrin herkommt, und sie kommen oft her, mindestens einmal im Jahr. Bisher hat es immer gereicht zu betonen, dass er selbst am meisten leide unter dem schlechten Geschmack seiner Geschwister, aber diesmal hat Wolfgang das nicht gelten lassen und ein Rotationssystem vorgeschlagen. Dass man dann nicht mal mehr als Paare, sondern jeder für sich allein würfeln sollte, klang nur logisch und modern, jedenfalls aus Wolfgangs Mund. Hans sah versonnen auf die Tischplatte und Katrin ungeduldig aufs Gepäck. Gunda war die einzige, die sich sichtbar gegen den Vorschlag sträubte: »Da können wir ja gleich Flaschendrehen spielen.«
»Mach schon«, hat Christian zu ihr gesagt, und dann haben sie beide für die erste Nacht ihr eigenes Schlafzimmer erwürfelt.
»Bist du jetzt enttäuscht?«, hat Gunda gefragt, als sie nebeneinander in den Nussbaumbetten lagen, und Christian war sicher, dass sie selbst enttäuscht war. »Ja«, sagte er. Aber da schlief sie schon.
Wenn die andern vom Spaziergang kommen, muss das Feuer brennen. Ohne das Feuer wäre der ganze Urlaub nichts wert. Christian versucht es mit den Resten des Osterstraußes, den seine Schwester zum Vertrocknen auf dem Küchentisch hat stehen lassen.
»All die Gräser und Zweige, die man hier finden kann.« – Was für ihn das Feuermachen ist, ist für seine Schwester sorgfältige Landhausdekoration. Sie plündert die Antiquitätenläden an der Route Nationale und holzt ganze Sträucher ab, um das Ferienhaus damit vollzustopfen. Schon lange kommen sie nicht mehr gemeinsam her, auch sein Bruder nimmt lieber Freunde mit, anstatt mit Christian oder der Schwester Urlaub zu machen.
»Wilder Thymian, hier Christian, riech mal!« – Sie ist acht Jahre älter als er und war noch nie im Krankenhaus. All die Gräser und Zweige, dazu Blutreinigungstee und Bernsteinketten, keine Zigarette, nicht mal ein Feuer in der Küche des Ferienhauses.
»Was heizt ihr denn die ganze Zeit bis in den Hochsommer?« – Der Bruder hat den französischen Nachbarn dazu abgestellt, das Holzlager regelmäßig aufzufüllen, »Dreißig Francs billiger der Kubikmeter, Christian, also hör mal …«
Als die Neffen noch klein waren, ist Christian gern mit seinem Bruder hier gewesen. Da ließ sich alles als Kinderprogramm behaupten: Feuermachen und Nutella-Baguette, Nachtwanderung und Spinnenjagd. Jetzt muss er aufpassen, nicht entlarvt zu werden: In Wahrheit hat er das immer schon zu seinem eigenen Vergnügen gemacht.
Christian schiebt Stücke von Eierkarton zwischen die Weidenkätzchen.
So ein Feuer ist besser als Fernsehen. Man guckt rein und kann an alles Mögliche denken, hier und da legt man nach und bläst und schließt mit sich selbst kleine Wetten ab, welches Ende des dicken Astes zuerst Feuer fängt. Es brennt jetzt. Er hat es zum Brennen gebracht. Es geht erst wieder aus, wenn er es nicht mehr beachtet.
»Hier waren doch irgendwo Schnapsgläser?« Gunda hat Schlüsselblumen vom Spaziergang mitgebracht.
Christian schneidet Salami, während Hans und Katrin den Tisch fürs Abendessen decken.
»Schönes Feuer«, sagt Wolfgang und wirft seine Jacke auf die Bank am Kamin. »Hunger hab ich.«
Gunda legt das Schlüsselblumensträußchen vor Christian auf den Tisch.
»Keine Gräser und Zweige auf meinem Abendbrottisch!«, sagt Christian und hält Gunda die Salami hin. »Hier, riech mal.«
Gunda verzieht das Gesicht. »Riecht nach Sperma. Wo sind die Schnapsgläser?«
Christian zuckt die Achseln. »Hat jemand von den anderen weggeworfen. Außer uns trinkt hier keiner Schnaps.«
»Ich trink keinen Schnaps, ich brauch eine Vase.« Gunda rückt einen Stuhl vors Buffet, um hinter die nicht benutzten Teekannen sehen zu können.
Christian grinst. Die Vasen hat er selbst weggeworfen, ein halbes Dutzend winziger Zinnvasen, die das Fenstersims in der Küche zierten. An Schlüsselblumensträußchen hat er nicht mal gedacht dabei, sondern an seine Urlaubskrimisammlung, die letztes Mal, als er hier war, nicht mehr im Wohnzimmerregal, sondern in einem Karton in der Scheune gestanden hatte.
»Guck in der Scheune nach«, sagt er zu Gunda, »und nimm diese hässlichen Kannen mit.«
Wolfgang macht die erste Flasche Wein auf.
»Wir haben Wildschweinspuren gesehen«, erzählt Katrin mit Salami im Mund.
»Die sind vom letzten Jahr«, sagt Christian.
»Woher willst du das wissen? Du warst doch gar nicht dabei.« Wahrscheinlich hat Wolfgang sich auf dem Spaziergang wieder als Wildkenner aufgespielt.
»Das sagt man so zur Beruhigung«, sagt Christian und fixiert ihn. »Und weil hier noch nie jemand ein lebendes Wildschwein getroffen hat.«
Katrin zuckt die Schultern. »Ich steh morgen ganz früh auf und geh noch mal hin. Wenn man Tiere sieht, dann morgens.«
Das Baguette ist zäh. Katrin sollte morgens lieber Brot holen gehen, statt auf Wildschweine zu warten, die nicht kommen werden. Christian sieht Hans auf die Zahnhälse, die die Parodontose freigelegt hat. Vorgestern ist er mit ihm im Kuhstallzimmer gelandet und weiß deshalb jetzt auch, was für Pyjamas Hans trägt. Solche aus dehnbarem Stoff, mit V-Ausschnitt und kleinen stilisierten Kronen auf dem Oberteil. Christian musste die Augen schließen und sich auf alles konzentrieren, was er an Hans mag, wofür er ihn schätzt oder gar bewundert: seine Großzügigkeit und Ruhe, sein lückenloses Wissen über die k.u.k.-Monarchie, seinen Eifer beim Holzhacken. Er hat versucht, sich Katrin vorzustellen, wie sie ihre Nase in die grauen Haare wühlt, die aus dem V-Ausschnitt vorschauen, dann tief einatmet und erregt die Decke wegstrampelt. Es half; als Christian die Augen wieder aufmachte, mochte er Hans auch im Pyjama und konnte beruhigt einschlafen. Die Zähne allerdings sind nicht zum Aushalten. Hans’ Zähne, Gundas Handrücken – die Versehrtheit, die schleichend Einzug gehalten hat.
Christian weicht mit den Augen auf Wolfgang aus, der hebt sein Glas. Wolfgang hat keinen Körper, der ihm bei irgendwas im Weg sein könnte, Wolfgang ist trinkfest und integer.
»Prost!«, sagt er. Und: »Habt ihr schon mal daran gedacht, einen Pool anzulegen?«
»Pool?«, quietschen Renate und Gunda gleichzeitig.
»Man könnte die Scheune ausschachten, das wäre doch großartig.«
»Du spinnst«, sagt Christian, »was meinst du, was das kostet.«
»Ach je«, sagt Wolfgang, »seit wann ist das das Problem?«
»Hier immer«, sagt Christian, »hier geht schließlich alles durch drei.«
Wolfgang kennt Christians Geschwisterstreitigkeiten seit zwanzig Jahren. Genau wie alle anderen am Tisch.
»Geld haben heißt nicht, Geld ausgeben können«, sagt Gunda weise. »Im Gegenteil.«
»Inwiefern Gegenteil?« Katrin ist sich nie zu schade, das auszusprechen, was alle wissen und auf keinen Fall mehr diskutieren wollen. »Wachsam bleiben« nennt sie das oder »Hinsehen«. Christian fixiert sie über sein erhobenes Glas hinweg, damit sie wenigstens einmal den Mund hält. Es nützt nichts.
»Hat das Haus ohne Pool etwa nichts gekostet?«, fragt sie spitz.
Alle hier haben Geld, auch wenn Christian nicht genau weiß, wie viel. Vielleicht hat er selbst am meisten, und sicher ist, dass seine Geschwister noch mehr haben.
»So ein Pool wäre auch nicht teurer als der Terrakottaboden hier.« Katrin stampft unter dem Tisch auf. »Aber geht natürlich nicht. Pool! Wie neureich!«
Christian hofft, dass niemand in die Diskussion einsteigt.
Es steigt niemand ein.
Ein Feuer ist besser als ein Pool. Drumrumsitzen und trinken kann man auch, muss sich aber nicht ausziehen dafür. Christian steht auf und legt Holz nach, während die anderen die Teller zusammenstellen und beschließen, heute nicht mehr abzuwaschen.
»Als der Lukas drei war, ist er mal von der Bank hier in die Feuerstelle gefallen«, sagt Christian und setzt sich, den Schürhaken in der Hand.
Seitdem macht auch sein Bruder kein Feuer mehr in der Küche.
»Sehr gut«, sagt Renate und lässt sich neben ihn auf die Bank fallen. »Lasst uns über die Vorteile reden, die es hat, keine Kinder zu haben.« Sie wirft die abgebrannten Streichhölzer aus der großen Schachtel ins Feuer und zündet sich eine Zigarette an.
Renate raucht am meisten von allen. Ihre Stimme ist heiser; manchmal denkt Christian, dass es sich bei Frauen allein für solch eine Stimme lohnt, sich die Lunge kaputt zu rauchen. Manchmal denkt er auch, dass er Renate vor allem deshalb mag, weil sie doppelt so viel raucht wie Gunda und trotzdem dick und gesund, vollständig und intakt ist.
»Ja, wirklich«, sagt er. »Er hatte dummerweise eine Polyesterjacke an, die geschmolzen ist und nicht mehr runter ging.«
»Deshalb wenn Kind, dann nur in Naturfasern.«
»Schafffellwindeln.«
»Rohseidenkäppchen.« Renate lacht und hustet.
Sie raucht nicht nur am meisten, sie riecht auch nach Zigaretten, aber nach einem langen Abend am Feuer fällt das nicht mehr auf. Es hat Christian nicht gestört letzte Nacht im Baumarktschlafzimmer.
»Wie alt ist Lukas jetzt?«, fragt sie.
»Einundzwanzig.«
»Und sieht man noch was?«
Bestimmt. Christian hat seinen Neffen lange nicht mehr nackt gesehen, aber als Kind hatte er überall diese wirbelige weiche Brandnarbenhaut. Mit dunkler Männerbehaarung muss sie merkwürdig aussehen. Oder wächst auf dieser Haut kein Haar mehr?
»Ich weiß nicht«, sagt er.
Die andern vier ziehen ihre Stühle zum Feuer. Hans schlüpft aus seinen Schuhen, Wolfgang macht die nächste Flasche Wein auf und wirft den Korken ins Feuer.
»Die sind doch aus Plastik«, Katrin stößt ihn an.
»Ehrlich?« Wolfgang mustert das Etikett. »Ist mir gar nicht aufgefallen.«
»Wegen der Korkkrise«, sagt Katrin.
Christian stochert mit dem Schürhaken, aber der falsche Korken schmilzt schon.
»Alles geht vorbei«, sagt Renate. »Auch die Zeit, als ein Korken noch ein Korken war.«
»Bald erinnern wir uns gar nicht mehr, wie ein echter Korken ausgesehen hat«, sagt Katrin. »Beim Wolfgang ist es schon so weit.«
»Noch ein Vorteil, keine Kinder zu haben«, sagt Renate.
»Wieso?«
»Man kann guten Gewissens alles wegschmeißen und vergessen.« Renate gähnt. »Muss man schließlich keinem mehr zeigen.«
Christian sieht zu Gunda rüber, die versucht, sich mit einem glimmenden Stöckchen die Zigarette anzuzünden. Wahrscheinlich stimmt das. Wahrscheinlich hätte er zu Hause eine Schublade mit Korken und europäischen Münzen und gelochten Pappfahrscheinen. Wahrscheinlich hätte Gunda nach der ersten Operation aufgehört zu rauchen.
»Will außer mir noch jemand was Süßes?«, fragt Renate und steht auf.
»Hier!«, sagt Hans.
Renate holt zwei Becher Pudding aus dem Kühlschrank.
»Schön oder schnell?«, fragt sie.
»Schön«, sagt Hans.
Renate seufzt und stürzt den Pudding auf zwei Untertassen. Die Karamellsoße tropft, als sie sich neben Christian zurück auf die Bank zwängt.
»Wie kannst du nur«, sagt Wolfgang, »Pudding zum Rotwein.«
Renate lacht. »Weißt du doch, Schatz. Ich kann alles.«
Das stimmt. Sie schläft sogar auf dem Bauch.
»Muss ich«, hat sie letzte Nacht gesagt, »sonst schnarche ich, und du kriegst kein Auge zu.«
Schön hat sie ausgesehen. Wie ein Kind mit den Fäusten neben dem Kopf und der Nase im Kissen. Wie das Gegenteil von über der Decke gefalteten Händen.
Zur Konfirmation hatte Christian seinem Patenkind Lukas einen Motorradausflug durch Ostwestfalen geschenkt. Lukas war abwechselnd bei ihm und Gunda mitgefahren, und nachts hatten sie in Landgasthöfen geschlafen, Lukas auf der Extraliege im Doppelzimmer. Sie hatten sich bemüht, so zu tun, als wären sie eine Clique, hatten am Abend gewürfelt und Karten gespielt und tagsüber bei jeder Caféterrasse angehalten, um Spezi zu trinken. Aber im Endeffekt waren sie doch eine Kleinfamilie gewesen, Lukas zu groß und zu schweigsam, er und Gunda betont jugendlich in ihren Lederhosen, eine Kleinfamilie, über die die anderen Gäste im Landgasthof wahrscheinlich die Köpfe schüttelten. Eine Kleinfamilie, die Christian selbst peinlich war.
»Psst«, macht Katrin und legt den Kopf schief.
»Was denn«, fragt Wolfgang, »kommt Besuch?«
»Das Wildschwein bittet um Herberge«, sagt Hans.
»Psst!« Katrin fuchtelt in seine Richtung. »Die Maus ist wieder da. Ich hab’s gehört.«
Sie sitzen bewegungslos und lauschen. Im Feuer knallt etwas, und Gunda fängt an zu kichern.
»Psst!« Katrin runzelt die Stirn.
»Was willst du denn mit der Maus?«, fragt Hans.
»Anschauen.« Katrin steht auf und geht vorsichtig Richtung Mülleimer.
»Da ist sie!«, flüstert sie aufgeregt. »Guckt mal, süß!«
Wolfgang verdreht die Augen. »Nicht zu fassen, wie verstädtert du bist. Drauftreten musst du, so hat mein Opa das gemacht. Gatsch mit dem Absatz, und gut war.«
»Niemals«, sagt Katrin, »guck doch.«
»Dann lasst uns jetzt über die Nachteile sprechen, keine Kinder zu haben«, sagt Renate mit theatralischer Geste. »Gefühlsübertragung auf Schädlinge.«
»Das ist kein Spaß«, sagt Hans. »Die nagt die Mülltüte auf, und morgen früh fällt uns alles entgegen.«
Wo sie sowieso zu faul sind, den Müll wegzubringen. Drei zugebundene Tüten stehen neben der Spüle, und in der Scheune die leeren Flaschen. Der letzte Tag wird vollständig fürs Putzen draufgehen. Putzen und Holzhacken, damit nicht so auffällt, wie viel sie verfeuert haben.
»Okay, ich scheuch sie weg«, sagt Katrin, »aber tot mach ich sie nicht.«
Sie tritt mit dem Fuß gegen den Mülleimer. Katrin ist die einzige, die Hausschuhe mitgebracht hat, echte Hüttenschuhe, denkt Christian, mit gestricktem Fuß und aufgenähter Sohle. Er mag die Sorgfalt dieses Details, falls Katrin es bedacht hat. Er mag jetzt auch Katrin wieder. Alle, wie sie hier sitzen.
Am fünfzigsten Geburtstag seines Bruders waren Gunda und er die einzigen, die geraucht haben. An die vierzig Gäste, alle nikotinfrei, und nur einer pro Pärchen, der sich nachschenken ließ. Die ersten gingen um halb zwölf, und gegen eins waren nur noch er, Gunda und die erwachsenen Neffen mit ihren Freundinnen da. Also doch eine Clique. Gunda war betrunken, aber die einzige, die es schaffte, mit der schwarzgekleideten Freundin von Lukas ins Gespräch zu kommen. Diese letzte Stunde war die schönste der Party gewesen. Sein Bruder hatte den Plattenspieler freigeräumt, der seit Jahren unter Stapeln von CDs begraben lag, und Mother’s Finest aufgelegt.
Sie schweigen. Je länger sie abends ums Feuer sitzen, desto stiller wird es. Aber das stört nicht, es gibt ja das Feuer, das knistert und ab und zu knallt, die Kippen, die regelmäßig hineingeworfen werden, das Scharren, wenn jemand sein Glas vom Boden aufnimmt.
Gundas Augen glänzen.
Jetzt, wo sie wieder so hübsch aussieht, fällt Christian ein, dass sie vielleicht nicht aus Eifersucht das Zimmer-Auswürfeln ablehnt, sondern dass es wahrscheinlich noch schwerer fällt, einen eindeutig versehrten Körper zu einem fremden ins Bett zu legen, als einen, der nur altert. Er überlegt, wieso ihm das bisher nicht eingefallen ist. Es muss an der Dreistigkeit liegen, mit der Gunda ihm selbst ihren Körper zumutet. Ihm gegenüber ist sie nie schüchtern gewesen, auch nicht nach den Operationen, im Gegenteil, ihm kam es so vor, dass sie nicht mal die Idee zuließ, ihn könnte der Anblick vielleicht ekeln, zumindest aber erschrecken.
Sofort ist er wieder da, der Ärger über die Zumutung. Christian öffnet den Mund und versucht, möglichst flach zu atmen. Sie ist nicht schuld, denkt er, aber das hat noch nie geholfen.
»Na, trübe Gedanken?«, fragt Wolfgang, und Christian nickt und lässt sich nachschenken.
»Evolutionstechnisch sind trübe Gedanken äußerst sinnvoll«, sagt Wolfgang.
Christian lächelt. Jetzt kommt bestimmt wieder ein Merkspruch, der ihn von heute an ab und zu trösten wird. Entgegen der landläufigen Meinung ist es ein Segen, Psychologen im Freundeskreis zu haben.
»Die Erinnerung an unsere Fehler drängt sich auf, damit wir sie nicht noch mal machen und womöglich die Art gefährden.«
Katrin schnaubt. »Funktioniert aber irgendwie lückenhaft, findest du nicht?«
»Tja«, Wolfgang nickt entschuldigend. »Ist eben nur ein Mechanismus unter vielen.«
Christian fallen die Infusionsnadeln und Gundas Handrücken ein.
»Was ist mit den Dingen, an die man ständig denkt, obwohl man gar keinen Einfluss auf sie hat?«, fragt er.
»So genau kann dein Gehirn eben nicht aussieben. Und woher willst du überhaupt wissen, worauf du Einfluss hast und worauf nicht?«
Auf Krankheit nicht und auf Tod nicht. Oder vielleicht doch. Vielleicht will er keinen Einfluss darauf haben können. Weil es dann auch eine wirkungsvolle und eine falsche Art gäbe, darüber nachzudenken.
»Als Kind habe ich immer geglaubt, wenn ich vorher bedenke, dass etwas schiefgehen kann, geht es mit größerer Wahrscheinlichkeit nicht schief. Weil ich aus Erfahrung wusste, dass es einen am schlimmsten trifft, wenn etwas unerwartet schiefgeht. Ich hab das Schicksal für so ehrgeizig gehalten, dass es nur die perfekten Gelegenheiten nutzt, um zuzuschlagen.«
Wolfgang lacht. »Und dich für so schlau, ihm diese Gelegenheiten zu vermasseln.«
»Natürlich. Als Kind war ich doch noch Herr über mein Leben.«
Katrin schnaubt wieder. »Ob du dich da auch vollständig und im Sinne der Evolution korrekt erinnerst?«
Christian starrt ins Feuer. »Ich glaube schon. Schließlich mach ich diesen Fehler jetzt nicht mehr.«
Das Feuer ist so gut wie niedergebrannt. Jemand muss aufstehen und Holz aus dem Schuppen holen.
»Ich gehe«, sagt Renate. »Aber nicht allein.«
»Also gut.« Christian steht auf. »Damit der Stapel nicht über dir zusammenbricht wie heute Morgen über Gunda.«
Es ist doppelt kalt draußen, wenn man so lange am Feuer gesessen hat. Renate hakt sich bei Christian ein.
»Komm, schnell.«
Im Schuppen ist kein Licht, und sie haben die Taschenlampe vergessen.
»Geh aus der Tür«, sagt Christian, und Renate tritt zu ihm in den Schuppen.
Sie füllen den Wäschekorb mit Scheiten und packen jeder einen Griff.
»Hält der das aus?«, fragt Renate. »Vielleicht brauchen wir nicht mehr so viel und gehen lieber ins Bett.«
»Welches Bett?«, fragt Christian und gibt sich rasch selbst die Antwort: »Welches auch immer dran ist.«
»Die Umzieherei nervt«, sagt Renate und stößt mit der Ferse die Schuppentür zu. Gelenkig ist sie auch.
Von draußen sieht das Haus dunkel und unbewohnt aus; das Küchenfenster geht zur Seite raus.
»Ich war schon hundertmal hier, weißt du«, sagt Christian und bleibt stehen.
Renate lässt ihr Ende vom Korb los. Ein paar Scheite kullern ins Gras.
»Ich auch bald«, sagt sie.
»Nein«, sagt Christian. Er spürt, wie Renate ihn im Dunkeln ansieht. »Nicht damals«, fügt er hinzu. »Nicht, als alles neu war.«
Der erste Sommer. Als sie überall Spuren der alten Besitzer gefunden hatten. Als die Schlafzimmer noch nicht verteilt waren und er mit Gunda und seiner Schwester auf dem Scheunenboden gepicknickt und Pläne gezeichnet hatte.
»Wir hatten eine Schaukel an den Balken überm Tor gehängt. Nicht für die Kinder, Kinder gab’s damals noch keine. Nur für uns.«
Renate klingt munter. »Ja, schade«, sagt sie. »Wer hat sie abgehängt? Dein Bruder? Damit niemand runterfällt?«
»Weiß ich nicht. Wahrscheinlich.«
»Willst du denn wieder eine?«
Christian schüttelt den Kopf. »Ach was. Die Schaukel gab’s nur, weil der Balken so dick war. Um zu beweisen, dass man hier alles machen kann, was man in einer Neubauwohnung in der Stadt nicht machen kann.«
Er kickt gegen eines der Holzscheite. Renate atmet hörbar ein.
»Alles?«, fragt sie.
»Ja. Alles.«
Sie kommt auf ihn zu.
»Lass mal«, sagt Christian schnell.
»Was denn?«
Es ist wie heute Morgen, als er Gunda nicht trösten durfte. Nur dass jetzt er an der Stelle von Gunda ist.
Renate lacht und legt ihm trotzdem den Arm um die Hüfte, den Kopf an seine Schulter.
»Keine Sorge«, sagt sie. »Vor mir brauchst du nun wirklich keine Angst zu haben.«
Sie lassen den Korb mit Holz neben der Bank auf den Boden plumpsen.
»Tür zu!«, ruft Wolfgang und greift gleich zwei Scheite, um sie auf die nur noch schwach glühende Asche zu legen.
»Achtung!« Er bläst hinein.
»Das wird wieder«, sagt er zufrieden. »Irgendwelche Wildschweine draußen?«
»Nichts«, sagt Renate.
Sie bleibt an die Spüle gelehnt stehen. Christian geht zurück auf seinen Platz und sieht zu, wie aus der Glut kleine Flammen aufspringen.
»Ich geh schon mal ins Bett«, sagt Renate. Als keine Antwort kommt, klopft sie sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und geht zur Tür. »Gute Nacht zusammen.«
»Moment«, sagt Wolfgang, als sie draußen ist. »Haben wir schon gewürfelt?«
Katrin sieht strafend auf. »Tu doch nicht so.«
Das vordere Scheit fängt zuerst Feuer, obwohl es nicht kleiner ist als das hintere.
Wolfgang zieht die Augenbrauen hoch. »Scheinbar hab ich was verpasst.«
»Will jemand Kaffee?«, fragt Christian und steht auf.
»Jetzt noch?«
Die kleine elektrische Kaffeemaschine steht auf einem Bord neben der Spüle. Als Christian den Filterbehälter vorklappt, löst er sich aus der Halterung, und der Kaffeesatz vom Nachmittag fällt Christian auf die Füße. Er fasst die durchweichte Filtertüte mit spitzen Fingern und schleudert sie in Richtung der Müllsäcke.
»Was machst du für eine Sauerei?«, fragt Hans.
Christian versucht, den Filterbehälter wieder einzuhängen, aber der kleine Plastikzapfen ist abgebrochen.
»Scheißding«, er wirft den Behälter in die Spüle.
»Was machst du denn?«, fragt Katrin.
Christian bückt sich und zieht den Stecker aus der Wand. »Kaffee. Aber nicht mit dieser Kaffeemaschine. Solche hat man heutzutage gar nicht mehr. Deshalb stehen sie auch zu Dutzenden halb kaputt hier im Ferienhaus rum.« Er drückt Katrin die Maschine in den Schoß. »Bitteschön. Kannst du verfeuern oder als Andenken für die Kinder aufbewahren. Für wessen auch immer.«
Er lässt Wasser in einen Topf und stellt ihn zitternd auf die Herdplatte.
»Wie du meinst«, sagt Katrin und wirft die Kaffeemaschine ins Feuer.
»Seid ihr jetzt übergeschnappt?«, ruft Wolfgang und springt auf. Er zieht die Maschine am Kabel aus dem Feuer.
»Ich lass mich doch nicht zum Deppen machen«, sagt Katrin, »was hab ich denn damit zu tun?«
Christian sieht auf den Topf, unter dem die Herdplatte jetzt anfängt zu zischen und zu knallen.
Hans seufzt. »Mensch. Das stinkt doch.«
Richtig, denkt Christian. Der Herd ist fettig und soßenverspritzt, die Mäuse nagen die Mülltüten auf, und auf dem Boden liegt feuchter Kaffeesatz, der sich nicht wegfegen lässt. Wenn man jetzt den Besen nähme, würden die Staubflusen, die niemand rausgezupft hat, sich zu Dreckbatzen zusammenrollen und sich auf ewig mit den Borsten verbinden. Christian will am liebsten gar nichts mehr anfassen, nicht mehr reingehören in dieses Haus, zu diesem Dreck. Er will wieder klein sein, Eltern haben, die für ihn sorgen.
»Ich wasch mal ab«, sagt Gunda, tritt an die Spüle und dreht den Wasserhahn auf.
Hans steht auch auf, greift sich den halbzerfledderten Stern aus dem Altpapierkorb und sagt: »Wenn ihr jetzt mit Putzen anfangt, geh ich ins Bett. Ihr könnt mir ja was übriglassen.«
Welches Bett? Christian sieht auf Gundas Hände im Spülmittelschaum, denkt an ihre Knie im Badeschaum, fragt sich, ob er auch nach oben gehen soll, und in welchem Bett Renate liegt. Er würde gern ein Bad nehmen. Zu Hause nimmt er immer ein Bad, wenn ihm alles andere zu kompliziert ist, aber hier gibt es keine Wanne, hier gibt es nur eine Duschkabine, weil die Geschwister nichts übrig haben für warmes Badewasser und Taschenbuchkrimis, sondern ihre Körperpflege effektiv erledigen. Die Kinder sind im Sommer oft in die Kuhtränke vor dem Haus gestiegen, aber das tun sie inzwischen bestimmt nicht mehr. Lukas hat die Narbenhaut, und seine schwarzgekleidete Freundin hat nicht so ausgesehen, als ginge sie bei Sonne auch nur nach draußen.
Ein Sitzplatz an der Kuhtränke wäre schön, eine Eckbank wie hier am Feuer, um dem Wasser beim Überlaufen zusehen zu können. Das würde den Brennholzbedarf enorm reduzieren, wenn sie eine zweite Möglichkeit zum Starren hätten. Katrins Augen sind schon ganz glasig, aber das kann auch am Wein liegen.
»Ich fahr morgen weg«, sagt sie.
»Hör auf«, sagt Wolfgang, »das sagst du jedes Mal.«
Gunda fängt an abzutrocknen. Katrin steht auf und hilft beim Wegräumen. Christian gießt kochendes Wasser in die Kaffeekanne und löffelt Kaffee dazu.
»Falschrum«, sagt Katrin und hat Recht, das Pulver geht nicht unter, sondern liegt als Haufen oben auf. Christian gießt nach, die Kanne läuft über.
»Kommst du mit rauf?«, fragt Katrin Gunda. Die beiden hatten letzte Nacht das schöne Schlafzimmer zusammen.
Gunda nickt und hängt das Trockentuch auf. »Bis morgen«, sagt sie.
Das muss nicht heißen, dass sie wieder mit Katrin das Zimmer teilt. Zu Hause sagt Gunda auch »Bis morgen«, wenn sie als erste ins Bett geht. Im selben Bett zu schlafen, bedeutet bei ihnen nicht mehr zwangsläufig, beieinander zu sein. Jeder schläft und träumt für sich, um morgens die Augen aufzuschlagen und nachzusehen, ob der andere noch da ist. Vielleicht legt Katrin sich zu Hans, und jetzt liegen zwei Frauen allein da und warten, dass er zu ihnen kommt. Zum Glück gibt es Kaffee.
»Ihr seid schuld«, sagt Christian und setzt sich zu Wolfgang auf die Bank. »Du und Renate. Ihr seid die Anführer. Ihr seid verantwortlich für die Evolution.«
»Wie bitte?« Wolfgang schenkt Wein nach.
»Na, Stammesentwicklung. Fortpflanzung.«
»Ach, darum geht’s noch.«
»Ganz genau. Darum.«
Wolfgang stützt seinen großen Kopf in die Hände, die Ellbogen auf die Knie. Christian sieht, wie das Feuer sich in seinen Augäpfeln spiegelt. Er hat schöne Augen, sein Freund. Und große Hände. Den Ehering kriegt er bestimmt nicht mehr runter, aber wozu auch.
Wolfgang wiegt den Kopf. »Wie bei den Wölfen, meinst du.«
Christian zuckt die Schultern.
»Bei den Wölfen kann nur das Weibchen des Anführers überhaupt schwanger werden. Die andern Weibchen sind gar nicht fruchtbar, solang sie unterworfen sind.«
Christian nickt. »Genau«, sagt er, »genau das meine ich.«
»Na ja«, sagt Wolfgang, »die machen das dann aber auch.«
»Was?«
»Junge kriegen.«
Christian zuckt die Schultern.
»Trotzdem«, sagt er.
Wolfgang räkelt sich und legt noch mal nach. »Ich versteh nicht, warum das auf einmal wieder Thema sein soll. Ist doch längst zu spät.«
»Sicher«, sagt Christian. »Aber wer Schuld hat, kann man ja trotzdem feststellen.«
Das ist es. Wolfgang hat in diesem Falle versagt. Wolfgang war der einzige, der überhaupt die Chance gehabt hätte, Kinder zu zeugen. Und jetzt schlich seine Frau im Dunkeln herum und versuchte, ein neues Alpha-Männchen zu küren. Aber nicht mit ihm. Er könnte höchstens noch seinem eigenen Weibchen, das in die Fuchsfalle geraten ist, die verstümmelte Pfote lecken. Wahrscheinlich nicht mal das.
»Gute Nacht«, sagt er zu Wolfgang, der mit dem Schürhaken auf die Kaffeemaschine klopft.
»Nacht.«
Christian steigt im Dunkeln die Treppe hoch. Unter keiner der Türen ist noch Licht zu sehen. Wahrscheinlich haben sie es gemacht wie letzte Nacht, und sein Platz ist links bei Renate.
Er will nicht. Er kann sich nichts Absurderes vorstellen, als neben einem anderen Körper zu liegen, geschweige denn, einen solchen anzufassen. Warum das wohl jemals ging? Vielleicht, wenn er ganz flach atmet.
LEIDER NEIN
Dass jeden Tag etwas Spannendes und Lustiges passieren sollte, zumindest aber etwas überdurchschnittlich Angenehmes oder gänzlich Unverhofftes, ließ Sandra nervös werden. Bevor sie abends ins Bett ging, schaltete sie den Anrufbeantworter ein, falls sie im Schlaf das Telefonklingeln überhören sollte. Dieser Fall war noch nie eingetreten, Sandra war viel zu nervös, um nicht beim ersten Klingeln hellwach zu sein, trotzdem sah sie morgens als erstes nach, ob nicht die rote Lampe blinkte. Leider nein, aber es war auch noch früh. Ob der Hörer richtig aufgelegen hatte?
Sie zog sich an, was eine Weile dauerte, weil sie nicht wusste, ob sie sich hübsch machen sollte für das Unerwartete, oder ob sie die schönen Kleider lieber schonen sollte für den Tag, an dem es mit größerer Wahrscheinlichkeit geschah. Noch war es früh, noch scheute sich die Welt, bei Sandra anzurufen. Noch war die Post nicht gekommen. Noch war nicht klar, ob das Wetter sich halten würde.
Gegen Mittag ließ die Nervosität etwas nach. Claudia hatte angerufen, um Sandra zum Abendessen einzuladen. Das war nicht wirklich spannend, aber zumindest war das Telefon nicht kaputt. Die Post war gekommen, eine Urlaubskarte von Sven, was bedeutete, dass er sie noch nicht aus seinem Adressbüchlein gestrichen hatte. Der Himmel hatte sich bewölkt, sodass Baden nicht mehr infrage kam. Sandra ging zurück ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
Alles in allem war der Sommer doch die übelste Jahreszeit. Warm zwar, bunt und duftend, aber deshalb auch drängelnd und in ständiger Erwartung begriffen.
»Na, was machst du draus?«, fragt die Sonne alle fünf Minuten, während sie scheint.
November war besser. Im November war das, was man tat, ein tapferes Trotzdem: trotz des Regens, trotz der Kälte, trotzdem es nicht richtig hell wurde im Zimmer. Leider war aber nicht November, sondern August, und im August musste nochmal doppelt so viel Schönes passieren. Wozu sonst war die Nacht so lau, der Teer so weich, das Wasser glitzrig und das Gras frisch gemäht?
Sandra war eine von denen, die nicht gelernt hatten, das Leben gelassen zu nehmen: Beruf, Liebe, Familie, Altwerden. Für Sandra schienen diese Dinge mit großen, eigenmächtigen Entscheidungen zusammenzuhängen.
»Willst du alt werden?«, fragt das Schicksal, und Sandra überlegt.
»Ich glaube, lieber nicht«, antwortet sie. »Alles wird anstrengend, weil der Körper kaputt geht und die Erinnerungen immer schöner werden. Alles wird dringend, weil das Leben bald vorbei ist, lässt sich aber nicht mehr verwirklichen, weil man dann früher eine andere Richtung hätte einschlagen müssen. Nein, ich denke, lieber nicht.«
Claudia war genauso. Bei jedem Abendessen bestätigten sich die beiden, wie sie die Kinder, die sie nicht hatten, auf keinen Fall nennen würden. Sven hatte schon mehrmals dabeigesessen und glasige Augen bekommen.
»Hanna, Laura, Sophia? Nein: Sophia-Charlotte. Und das zweite Charlotte-Sophie.«
Zum Glück war Sven im Urlaub.
Sven war ein bisschen anders. Er bastelte gern, und zwei Frauen hatten bereits Kinder von ihm abgetrieben. Sven ging mehr drauflos, aber vielleicht kam das Sandra auch nur so vor, weil er ohne Weiteres in Urlaub fuhr. Sandra wollte mit dem Urlaub noch warten, bis sie ihr Leben richtig auf der Reihe hatte.
Das Spannende und Lustige, auf das Sandra wartete, war in Wahrheit das Romantische. Wenn sie allein im Bett lag, so wie jetzt, dachte sie daran, dass sie eine Frau war. Mit allen Begehrlichkeiten und gewiss auch allem Begehrenswerten. Das kam ihr absurd und anstrengend vor, ließ sich aber nicht wegüberlegen. Geschichten von vertrockneten Zimmerpflanzen, Osteoporose und Gebärmuttersenkung fielen ihr ein. Die Zimmerpflanze hatte sie von ihrem letzten Freund zur Trennung geschenkt bekommen, zum Üben, wie er meinte, üben, wie man sich Lebewesen gegenüber verhält. An Osteoporose waren hormonelle Umstellungen schuld, vollkommen natürlich, aber wieso denn jetzt schon? Und die Gebärmuttersenkung war unvermeidlich, wenn man keinen Mann hatte, der einem die Getränkekisten in den vierten Stock trug, beziehungsweise wenn man Jahre damit zugebracht hatte, den Richtigen zu überzeugen, indem man die Kisten selber trug. Alles hatte sich geändert. Alles war ein Irrtum gewesen. Neues schlich sich von hinten an.
Sandra lag und dachte und spürte die Begehrlichkeit.
Irgendwo hatte sie gelesen, dass Frauen ihre Sexualität erst ab dreißig richtig entdecken würden. Diese These traf auf Sandra absolut zu.
»Da bist du ja, Sexualität«, murmelte sie ins Kissen.
Was sollte sie nur mit ihr anfangen? Die Geschichte von Caroline Ingalls fiel ihr ein, die tüchtig und glücklich auf »Unserer Kleinen Farm« lebt, zusammen mit Charles und den Kindern, dem Apfelkuchen und den Gebeten, und die in einer Folge plötzlich das Haar offen trägt und sich wünscht, dass Charles es bemerkt. Und dann bemerkt Charles es und sagt ihr, wie schön sie ist, und sie muss doch nicht mit dem Tagelöhner aus North Dakota vögeln, dessen Anwesenheit sie überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, sondern bekommt herrliche nächtliche Stunden mit Charles geschenkt, Gottes Segen und noch mehr Kinder. Derartige Rahmenbedingungen standen Sandra leider nicht zur Verfügung.
»Du musst geschmeidiger sein«, war ein Rat, den sie ernstnahm. Rumgezicke ging ihr bei Freundinnen auch auf die Nerven. Aber wie sollte sie es abstellen, wo sie doch ständig im Recht war?
»Die Frau ist dem Manne untertan«, sagte der Mann, den Sandra unter allen Umständen lieben wollte.
»Zu deinen Diensten«, antwortete sie und wusste dann nicht weiter. Er auch nicht. Also blieb sie allein.
Am Abend auf dem Weg zu Claudia bemühte sich Sandra, die Vorzüge zu genießen, die die mittelgroße Stadt gegenüber der Großstadt bereithielt: die Grünphasen der Ampeln waren länger, die Radfahrer fuhren langsamer, das Rot vom Grundschulneubau passte zum Stoppschild. Und vor Claudias Haustür war ein Parkplatz frei.
Sie blieb noch ein Weilchen sitzen, nachdem sie den Motor abgeschaltet hatte. Im Autoradio log Whitney Houston; »I will always love you!«, schrie sie, ein Versprechen, das sie niemals würde einhalten können, weshalb schon in der zweiten Strophe Trompeten zum Gesang hinzukamen. »I will always love you!«, immer verzweifelter. Sandra kannte diesen Willen nur zu gut.
»Der Willi isch heut net daheim«, sagte sie und stellte das Radio ab.
Oben in der Küche überfiel sie Rührung. Es gab Geschnetzeltes in Sherrysoße, Endiviensalat und Ananasquark. Niemand wusste besser, was Sandra schmeckte, als Claudia. Niemand konnte es mütterlicher und gleichzeitig sorgloser zubereiten. Niemand sonst war so gut zu ihr.
»Warum reicht mir das nicht?«, fragte Sandra Claudia, während sie die Quarkschüssel auskratzte.
Claudia schnaubte. Weil es Sandra nicht reichte, konnte Claudia behaupten, dass es ihr durchaus reichen würde. »Du bist ein Vaterkind. Du brauchst einen Mann, vor dem du schöntun kannst.«
Seit neuestem betrachtete Claudia die Dinge systemisch. Deshalb war sie nie mehr um eine Antwort verlegen, und es machte Spaß, sich mit ihr zu unterhalten. Erst hinterher, auf dem Nachhauseweg, fühlte Sandra sich manchmal ein bisschen manipuliert.
»Aber wenn das so ist«, sagte sie jetzt, »warum nehme ich mir dann nicht einen, der mir zuschaut und applaudiert? Warum liebe ich dann am liebsten die, die mich praktisch nicht beachten?«
Claudia guckte ernst und mitleidig. »Was ist die hervorstechendste Eigenschaft von Vätern? Richtig. Wahrscheinlich hat dein Vater anderes im Kopf gehabt, als zu Kleinmädchenkram zu applaudieren.«
Sandra versuchte sich zu erinnern. Hatte ihr Vater sie nicht genügend wahrgenommen? Still war er gewesen und unwillig, wenn es um Elternversammlungen ging, aber er hatte durchaus ihre Zeugnisse bewundert und ihre Schulfreunde und Kindergärtnerinnen mit Namen anreden können.
»Als zweite Tochter hättest du sowieso ein Junge werden sollen«, sagte Claudia und zuckte mit den Schultern. »Deshalb lebst du jetzt allein und machst Karriere.«
»Ich dachte, ich will einen Mann.«
»Na klar. Aber du findest keinen, wenn du deine Mutter nicht ehrst.«
Es war nicht leicht, sich so gut auszukennen. Klug waren sie, Sandra und Claudia, aber außerordentlich verzagt. Sie beschrieben sich gegenseitig den Weg, wollten ihn dann aber nicht beschreiten. Sahen sich Kylie Minogue im Musikkanal an, die tanzte dort durchsichtig frontal. »Das könnten wir auch«, kamen sie überein, aber wozu? Es gab keine Schallplatten, die sie verkaufen mussten, und niemand interessierte sich speziell für ihre Brüste.
»Wenn Kylie Minogue nackt tanzen darf, mach ich das auch«, sagt Sandra und springt auf.
»Du hast eine Ecke im Hüftschwung«, sagt Claudia, »das sieht ungelenk aus.«
»Dafür kann ich andere Sachen.«
»Ganz bestimmt.«
Sinnkrisen und Lebensfragen. Und eine lange Reihe schillernder Ideen, die unaufhaltsam einstaubten. Sie gingen sich damit gegenseitig auf die Nerven.
»Dann tu’s doch!«
»Tu ich auch.«
»Na los, bitteschön.«
»Ich trau mich nicht.«
Vielleicht war es Sandra deshalb so dringend mit dem Mann, den sie liebte. Weil er sich von vornherein weigerte.
Nachhause fuhr Sandra einen Umweg, um nachzusehen, ob er die Nacht in seiner Wohnung verbrachte. Drei Fenster zur Straße hatte er, hinter dem rechten stand das Bett, aber das mittlere war gekippt. Kein klares Zeichen. Sandra war zu verwirrt, um sich zu erinnern, ob er mit offenem Fenster schlief. Und selbst wenn. Was würde Claudia sagen?
»Wenn es eine Verbindung zwischen uns gäbe, könntest du spüren, wo ich bin«, sagt der Mann.
Claudia schnaubt nur. »Vatertöchter und Muttersöhne können kein erfülltes Sexleben miteinander haben.«
Leider nein. Ob er bei einer Muttertochter untergekommen war?
Zum Glück kam Sven aus dem Urlaub zurück.
Er rief Sandra an und verabredete sich mit ihr in einer unterirdischen Cocktailbar.
»Die hättest du ohne mich nie gefunden«, triumphierte er. Sein Gesicht war hübsch gebräunt, aber trotzdem war er Sven und nicht der Mann, den Sandra unbedingt lieben wollte.
Pulsuz fraqment bitdi.