Kitabı oxu: «Die Nann»

Şrift:

Anna Croissant-Rust
Die Nann

Roman

Saga

1

Langsam kam der Kuchler-Anderl den sonnigen Abhang herauf gegen sein kleines Haus zu. Alle paar Schritte blieb er stehen und schaute umher. Er trug seine Feiertags-Montur und war rasiert, denn er hatte gerade sein Weib eingraben lassen, das zweite, die Marietta. Drunten in St. Jodok sassen die andern noch beim Leichentrunk, seine Mädeln, der Bub, der Anderl, und ein weitschichtiger Vetter aus der Freundschaft. Das heisst aus der seinen, denn das Weib war eine Welsche gewesen, und von ihrer Sippschaft wollte er nichts wissen. Es wäre wohl besser gewesen, er hätte von ihr, von der Schwarzen, auch nie etwas gewusst!

Musste ihn denn der Teufel auf Arbeit über den Brenner führen und musste er gerade in dem Wirtshaus hängenbleiben, wo sie den Roten schenkte? Alle hatten es ihm gesagt, es wird nichts Gutes daraus mit der welschen Hexe – er hatte sie kaum ein Jahr, und schon lag sie auf dem Schragen, und in der Wiege schrie der kleine Balg, das Mädel mit den weissen Haaren.

War das je bei den Kuchlers vorgekommen, dass sie Kinder hell von Haut und Haar bekamen? Braun waren sie, die Haut wie Leder, schwarz und straff das Haar; er war so, seine Geschwister alle und die Kinder von der Ersten.

Kuchlergesichter, dunkle, zerknitterte Gesichter, knochig, hager, mit schwarzen Augen und buschigen Brauen, der Körper langgestreckt und sehnig. Nur der Balg war anders, der Marietta ihr Kind. Schneeweiss lag’s drinnen, die Haare waren in Locken geringelt, der Mund klein, alles zart und fein.

Anderl spuckte heftig aus und trat gleich mit dem Fuss auf die Stelle im niederen, borstigen Grasboden.

Ja, wenn sie keine Kellnerin gewesen wäre und wenn die Fremden nicht in sein Haus gekommen wären, sie zu besuchen! Sein Kind ist’s nicht, und wenn sie noch einmal an sein Bett kommt in der Nacht und es ihm schwört und noch einmal darüber stirbt, er glaubt’s nicht, er nicht! Genau so wird er’s wieder machen, sich umdrehen, der Wand zu, und sie schreien und heulen lassen.

Dem Kuchler-Anderl ist heiss geworden; er wischt sich den Schweiss aus dem borstigen Haarschopf und bleibt stehen, keuchend und müde. Seine Augen irren an den kahlen Felswänden hin und her, und seine Gedanken werden wirr.

Nicht einmal zum Sterben ist er vor ihrem Bett gestanden, sollte er sich denn von seinen grossen Kindern auslachen lassen? Dass die ihn verlachten und verhöhnten, dass er sich das junge Weib ins Haus geholt, sah man ihnen ja von weitem an. Wenn sie’s auch nur verstohlen taten, denn vor ihm getrauten sie sich nicht, da kannten sie seine Fäuste und seinen Stecken zu gut. Freilich, in den Ecken zusammenhocken, wenn sie einmal heimkamen, scheele Augen nach ihm hin machen und heimlich lachen und wispern, das konnten sie. Und erst das Ellbogenstossen und Indie-Seite-puffen, als sie den blonden Balg sahen!

So rächten sie sich für alle Schläge, die ihr Rücken empfangen, für alles verschluckte Weinen, für ihr ganzes armseliges Leben bei ihm. So sagten sie. Wenigstens die Grossen. Die hatte freilich die Marietta gleich aus dem Haus gehabt, und ihm war’s recht so. Wie hätte denn das auch gut getan, das junge Weib und die grossen, verstockten Kinder! Er wurde so oft genug daran erinnert, dass er grau zu werden anfing, wenn er das Weib mit den zwei Jüngsten, die zu Haus geblieben waren, scherzen und lachen hörte. Der alte Anderl setzte sich auf den Rasen nieder, umfasste seine mageren Knie mit den Händen und stierte vor sich hin.

Jawohl, das hatte es ihm angetan, ihre Fröhlichkeit und Genügsamkeit. Mit einem bunten Lappen war sie zufrieden, mit einem Stück Band, zu essen verlangte sie fast gar nichts und richtete das Haus zusammen, dass es eine Art hatte.

War das eine Wirtschaft gewesen, früher, als die Erste starb, Herrgott, wenn er daran dachte!

Die Faulheit von den zwei grossen Mädeln, der Schmutz, das Essen! Und dabei meinten sie, das Geld solle nur so herunterschneien; immer geben, geben, dazu wäre der „Voda“, der Kuchler-Anderl, doch da, meinten sie. Aber da kamen sie schön an bei ihm! Noch jetzt lachte er ingrimmig vor sich hin, wenn er daran dachte. Was er ihnen zum Leben daliess, wenn er auf Arbeit fortging, war gerade so viel, dass sie nicht bitteren Hunger zu leiden brauchten. Die Milch war ja von der Kuh da, ein paar Kreuzer für Brot und Polenta dazu, den übrigen Lohn behielt er. Sollten nur zuschauen, wie sie auskämen, sagte er ihnen, wenn sie nicht dienen wollten. Aber das wollten sie nicht, um keinen Preis! Das blieb hartnäckig am Haus hängen, wie die Kletten waren sie. Und dabei ärgerte eins das andre, man musste nur die Moidl und die Kathl kennen! Das Geschrei und Geschelte ging den ganzen Tag nicht aus, er konnte es ja schon von weither hören, wenn er auf das Haus zukam.

Und wie sah’s drinnen aus! Alles voller Unrat, verwahrlost, kein Bett war gemacht, die Kleider und Fetzen lagen zerstreut in den Stuben umher, die Mädeln lungerten herum, die Haare strähnig und schmutzig, Lumpen am Leib, verbissen und tückisch wie die Wildkatzen, die reine Spelunke war’s. Er wusste wohl, dass sie sich bei den Haaren herumzogen und sich braun und blau schlugen, wenn er nicht da war; mochten sie’s, ihm tat’s nicht weh, er nahm so bald als möglich seine Breithacke und ging fort aufs Zimmern. Wochen- und monatelang blieb er fort. Er vergass ganz, dass er eine Heimat, dass er ein Haus und vier Kinder hatte. Nur manchmal packte es ihn, er musste fort, er musste heim. Dann lief er Tag und Nacht über die Berge wie von einer fremden Macht getrieben. Aber sobald er das Haus sah, ging er langsamer und langsamer. –

Und die Kinder erst. Wie die erschraken! „Der Voda! Der Voda!“ Wie ein Schreckensruf ging’s durch das Haus. Aller Streit hatte ein Ende. Da standen sie steif wie die Bildsäulen und schauten in die Ecken. Gleich waren sie einig. Kein Grüss Gott, kein Wort sonst. Nach und nach schlurften sie scheu um ihn herum, aber reden wollte keine. Höchstens, dass es der Ältesten, der Kathl, einmal ein verbissenes Wort herausriss. Wenn er zum Beispiel essen wollte, und sie stellte ihm eine saure Polenta hin, hart und fest, dass man sie kaum mit dem Löffel stechen konnte, und er fing an zu schelten: „Gibt der Voda nur a Geld her, mir ham eh nix anders z’ fressen.“ Oder wenn er sie am Sonntag in die Kirche treiben wollte, schrie sie ihn an: „Schaff der Voda nur a G’wand, an die Stauden wachst koans für uns.“

„Geht’s weiter, schaut’s euch um an Dienst um!“ war wohl seine Gegenrede, aber aus der Spelunke brachte er keine hinaus. So sollten sie eben sterben und verderben auf dem Häusl, er gab keinen Kreuzer mehr her. Ja, wenn sie ihm vielleicht ein „Bitt’ gar schön, Vater“ gegönnt oder das Maul zum Betteln aufgemacht hätten! O nein! Die bissen die Zähne übereinander und schielten nach ihm, ob er nicht bald wieder über die Schwelle ging.

Wie ein Fremder war er in seinem Haus, wie wenn’s gar nicht sein gewesen wäre; sie hingen förmlich an seinen Füssen, ob er sie nicht bald wieder auswärts setze. –

Der Kuchler stand nun auf, langsam, schwer, Schritt vor Schritt stieg er in der Sonne aufwärts.

Das war freilich bei der Marietta ein ander Ding gewesen. Die schrie ja gleich vor Freude, ein eignes Haus zu kriegen! Und war’s noch so klein und eng und schmutzig, es war eine Heimat, und die hatte sie nie gekannt. Ein lediges Kind war sie, von den Verwandten herumgestossen und geschlagen, von einem zum andern geschickt, gescholten und karg gehalten, gezankt, gepufft noch als erwachsene Dirne; da war es für sie ein grosses Glück, eine Heimat zu bekommen, und sie war ihm dankbar und tat ihm alles, was er nur wollte. Es schaute bald anders aus in den Stuben, alles war blank und rein; auch kein Geschrei gab’s mehr im Haus herum, kein Schelten, nur fröhliche Gesichter; Zorn und Groll, das kannte die Marietta nicht. Im Nu harte sie der Kleinen, der Juli, den Kopf verdreht und dem Buben, dem Anderl, auch. Störrisch und verschlagen und faul, wie sie vordem bei den älteren Schwestern gewesen, waren sie nun fleissig und gut und rührig den ganzen Tag, um den Stall und das kleine Feld in Ordnung zu halten, denn davon verstand die Marietta nichts. Die Grossen mussten freilich gehen, und sie gingen, wenn auch mit Geheul und Fluchen.

Einen gleich guten Winter hatte der Anderl nie erlebt. Er sagte es ja dem jungen Weibe nicht, es war nicht seine Art; aber es behagte ihm, auf der Bank zu sitzen und zuzuschauen, wie sie herumhantierte, seine Pfeife zu rauchen und sich neben sie auf die Ofenbank zu setzen, wenn sie spann. Im Kachelofen krachten dann die Scheite, und die Stürme taten wüst draussen, der Schnee fegte gegen die Läden und lag in hohen Wehen vorm Haus. Sonst war ihm der Winter in dem eisigkalten zerrissenen Hochtal ein Greuel gewesen, und er hatte mit Bangen und Grausen darauf gewartet und gewettert und geflucht, wenn ihn Schnee und Eis schon früh abschlossen vom Tal drunten, dass er nicht mehr auf Arbeit gehen konnte.

Er hatte das Winterende nie erwarten können und war brütend im Haus herumgesessen oder hatte mit seinem ersten Weibe gehadert. Nun ging er den ganzen Tag in den Zimmern umher. Alles wollte er der jungen Frau schöner und besser machen, weil sie alles freute, in der Küche und in den Stuben. Und erst als er an die Wiege kam! Die sollte ein Prachtstück werden! War ihm denn je eingefallen, seinen andern Kindern eine neue Wiege zu machen? Da war immer die alte lange gut genug! Aber als die Marietta unter dem alten Gerümpel herumkramte und eifrig an dem staubigen, wackeligen Ding herumputzte, nein, das konnte er nicht sehen. Für ihr Kind sollte sie eine neue, schöne Wiege kriegen. Nicht genug konnte er sich tun, den halben Winter schnitzte er daran herum, und ihre glänzenden Augen freuten ihn noch mehr als das Prachtwerk, das er geliefert hatte. Ja, das wusste er noch alles!

Aber dann – pfui Teufel! – wieder spuckte der Anderl aus und zertrat mit den schweren, nägelbeschlagenen Schuhen die Stelle, pfui Teufel, ja! Auch wenn das ganze Tal nicht gehetzt hätte, er sah’s doch mit eignen Augen, dass das sein Kind nicht war und dass sie ihn belogen und betrogen hatte! Wieder musste er stehen bleiben, sich den Schweiss abtrocknen und verschnaufen.

Er war jetzt hoch über den steilen Abhang heraufgekommen in der Mittagsglut, und vor ihm lag schon sein Häuschen, dicht an der jäh abfallenden Felswand. Drunten gurgelte der Bach, der vom Gletscher kam, zwischen Geröll und niederem Gestrüpp. Dunkel und wild schaute das Tal selbst an diesem sonnensprühenden Tage aus. Die Wände stiegen fast senkrecht in die Höhe, nur mehr mit spärlichem, zerzaustem Wald und mit struppigen Legföhren bewachsen. Drüber schauten die Gletscher, von Zeit zu Zeit von einem schleierartigen Nebel umzogen, der wieder zerflatterte. Über die Steilhänge kletterten Alpenrosen herab, fast bis an sein Haus kamen sie in breiten roten Streifen, und ihr strenger, würziger Harzduft vermischte sich mit dem Geruch des Heues, das, in Schwaden niedergemäht, an den Berglehnen trocknete.

Zerstreut lagen die Höfe im Tal, meist von den Felswänden gegen die Stürme geschützt, sein kleines Haus am höchsten, es hatte nur von einer Seite Schutz. Unter ihm, in der Richtung gegen Jodok zu, standen ein paar Häuser beisammen, weiss und schmuck, mit steinbeschwerten Dächern, Wäsche hing am Zaun und blinkte hell im grellen Sonnenschein. Weiter herauf, auf einem Vorsprung, mitten unter Wiesen, lag der Malseinerhof, das grösste und reichste Gehöft im Tal.

Der Malseiner war eigentlich sein Nachbar, wenn er auch fast dreiviertel Stunden von ihm entfernt war.

Die von Malsein waren fast alle bei der Leiche gewesen, die mochten alle die Marietta gern und waren die einzigen im Tal, die es ihm verdachten, wie er zu ihr gewesen, und die’s ihn auch merken liessen.

Der Malseiner hatte ihn gleich gar nicht angeschaut bei dem Begräbnis, und die Frau kaum. Sie waren noch nicht daheim; als er vorhin an ihrem Hof vorbeiging, hatte er nur den Hansi sitzen sehen, aber auch der schaute nicht auf und schnitzte an einem Holz weiter. Noch setzt konnte er ihn auf der Bank vor dem Haus sehen, und wenn der Wind gerade recht ging, hörte er ihn sogar singen.

Und wie er sang! Wie ein Vogel, voller Freude und Lust. Ja, die hatten gut singen in Malsein! Und noch dazu der Bub, so ein Teufelskerl, wie der war! Überall schon voran mit der Arbeit trotz seiner zwölf Jahre, gross und schlank und kräftig, und was er anpackte, geriet, und der Malseiner schmunzelte nicht umsonst, wenn er von seinem einzigen Kinde sprach.

Wenn sein eigner Bub so gewesen wäre, der Anderl! Wie ein lahmer, verschlagener Hund war er, und jetzt gar, wo die Grossen wieder an ihm herumzuschimpfen und zu stossen hatten!

Die Marietta hatte es noch am ersten verstanden, etwas aus ihm herauszubringen. Ein Kreuz war’s! Jetzt, wo er fünfzehn Jahre alt wurde und recht anpacken sollte, ging’s genau so langsam wie früher. Kaum die Hälfte von dem leistete er, was der Hansi leisten konnte. Dafür hatte der aber auch einen unbändigen Stolz, und der Hochmutsteufel steckte ihm im Blut, er hätte nicht von Malsein herstammen müssen!

Wenn ein paar Buben beisammen waren, auch ältere drunter, hatte der Hansi das grosse Wort. Er gab an, er schaffte an, und gerade wie wenn’s so in der Ordnung wäre, folgten sie ihm alle. Wie ihn das schon gegiftet hatte! Wie oft er den Anderl gehöhnt, angestachelt hatte, sich ihm zu widersetzen! Aber natürlich der Anderl! Der tat blindlings, was der Hansi verlangte! Es hätte ihm auch nur einer widersprechen sollen! Trotzig und wild und ungebärdig war er wie ein junges Ross. Wenn der einmal Bauer wurde! Da musste eine Bäuerin vom Himmel fallen, denn weit und breit war keine gut genug und reich genug und stolz genug! Denn das gehörte dazu, das Stolzsein!

Des Kuchler-Anderls Augen nahmen einen hässlichen, gehässigen Ausdruck an, wie er so hinunter auf das stattliche Gehöft blickte. Der ganze Groll des Kleinhäuslers gegen den Bauern, der ganze Hass des Nichtbesitzenden gegen den Besitzenden sprach daraus.

Jawohl, der Bub wusste schon, dass er einmal die Gulden im Sack konnte klingen lassen, das stieg ihm zu Kopf und machte ihn hoffärtig.

Warum sie nur alle da unten so gut mit der Marietta gewesen? Wohl nur aus Trotz gegen ihn, der sich nie freundlich oder gar untertänig gezeigt hatte, wie’s die Sippschaft haben wollte. Die Marietta dagegen hatte für jeden ein freundliches Gesicht und ein gutes Wort gehabt, und das hatte denen gefallen, natürlich. Der Hansi konnte ja nicht genug Blumenstöcke heraufschleppen, weil sie die Marietta gar so freuten. So lange trug er zu, bis die Fenster beinah so voll standen wie auf Malsein. –

Dicht vor seinem Haus blieb der Anderl nochmals stehen und zog sein blau und weiss kariertes Tuch. Es war, als zögere er einzutreten. Das war eine Hitze! Die Felswand glühte fast, und die paar roten Federnelken, die wie hingespritzte Tropfen das graugelbe Gestein fleckten, hatten die Blätter ordentlich zusammengerollt vor Hitze. Der kleine Garten blühte mit blauem Rittersporn, brennender Liebe und den bunten Kerzen der Levkoien. Der Kuchler lehnte sich an den Zaun und schaute auf die Beete. Salat und Rettich, Lauch und Zwiebel und Schnittlauch, alles noch fein säuberlich in der Reihe, wie sie es gesetzt hatte; aber das Unkraut ging schon überall heimtückisch auf. Sah denn das keine? Wofür waren sie denn zurückgekommen? Lieber lungerten sie auf der Bank vor dem Hause herum oder zupften an den spärlichen Beeren, die der verkrüppelte Johannisbeerstrauch trug.

Und da schau einer her! Die Blumen vor den Fenstern liessen alle die Köpfe hängen, und es war doch eine Pracht, die dicken roten und weissen Geranien, die vielen Nelken und die gelben Büschel der Hirtentaschen zu sehen. Das Gesindel! Nicht einmal danach schauten sie! Mit einem Fluch stiess er gegen die Haustüre – sie gab nicht nach, und in wütender Ungeduld schlug er mit der Faust auf den Drücker, doch niemand kam, ihm zu öffnen. Hatte er nicht der Kathl gesagt, sie müsse dableiben? Die sass jetzt gewiss bei den andern in der kühlen Wirtsstube in Jodok und tat sich gütlich!

Was war denn auch in ihn gefahren, dass er da herauf musste bei der Bärenhitze? Hätte er nicht sitzenbleiben können, bis der Talwind kam, zu essen und zu trinken fand er heute doch nichts zu Hause, und das Viertel Roten, das er getrunken, brannte ihm wie Feuer im nüchternen Magen.

Scheltend ging er ums Haus. Richtig hatten sie auch noch die Stalltüre nicht zugeschlossen. Zu stehlen gab’s freilich nichts beim Kuchler, aber sie wussten es genau, dass er so etwas nicht duldete. Da stand die Kuh vor dem leeren Barren, brüllte kläglich und hatte fort und fort zu tun, sich die Mücken mit dem Schwanz abzuwehren, die in ganzen Schwärmen auf ihr sassen und um sie herumbrummten.

Dazwischen hörte er ein dünnes Stimmchen – Herrgott, das Kind! Hatten sie’s rein mutterseelenallein im Haus gelassen, und zu trinken hatte die Kleine gewiss auch nichts mehr, sie konnte ja gar nimmer weinen! Der Kuchler klinkte die Stubentüre auf, richtig, da stand sie mitten in der Sonne, und ein Schwarm Fliegen sass auf den Händchen und dem Gesicht und hatte sich an die Flasche festgeklebt, die neben ihr in die Kissen hineingefallen war. Freilich, am Morgen, als die Juli die Wiege dorthin stellte, war’s kühl und schattig dort gewesen, und die Kathl – na, wart nur! Komm du nur heim! Dass er sie auch nicht gesehen hatte! Bei der Leiche und beim Leichentrunk war sie sicher nicht gewesen, solange er dort war, das wusste er. Die sollte sich nur freuen, wenn sie ihm zwischen die Finger kam!

Er wehrte zornig mit dem Taschentuch die Fliegen von dem Kinde ab, aber das dünne Stimmchen klagte weiter; dann nahm er die Flasche, wusch sie draussen und steckte sie der Kleinen in den Mund, die gierig zu saugen begann. Jetzt war wenigstens für einen Augenblick Ruhe, das konnte ja kein Christenmensch anhören, das Gewimmer!

Er warf seinen Hut auf den Tisch, holte seine Pfeife aus der Rocktasche, stopfte sie und begann fest zu qualmen, da ging’s gleich wieder an. Er rannte aus der Stube in die Küche und machte sich am Herd zu schaffen, er warf der Kuh Futter vor und blieb im Stall, aber überall sickerte das Gewimmer durch, wie ein dünnes, feines Netz legte es sich auf ihn. Hört es denn nicht endlich auf?

Er stieg ins obere Stockwerk, aber droben war’s nicht zum Aushalten, eine Luft zum Ersticken, eine Bruthitze, kein Fenster offen – das Weibervolk hatte alles zu gelassen, und als er die Fenster öffnete, drang das dünne Stimmchen noch deutlicher zu ihm hinauf. Mit ein paar Sätzen ist er über die Stiege hinunter, den Hals möchte er dem Balg umdrehen, das war ja, wie wenn man immerfort eine Nadel ins Fleisch gestossen kriegte! Er stolpert in die Stube und auf die Wiege los, er reisst das Kind hin und her, schleift die Wiege über die Dielen – wenn er jetzt seine grosse Hand nehmen, den kleinen Kopf in die Kissen drücken würde, so ein paar Vaterunser lang, dann wär alles vorbei, Schande und Zorn und Verdruss. –

Da macht das Kind die Augen gross auf. Er kann nicht hinschauen, er senkt den Kopf. Still setzt er sich auf die Ofenbank und zieht die Wiege nach. Immer noch mit den Augen am Boden, bleibt er eine Weile sitzen, dann stopft er sich die Pfeife wieder. Das war immer sein Platz gewesen, da auf der Ofenbank. Im Sommer, wenn die Fenster weit offen standen, sah er gern, so wie jetzt, übers Tal auf die Schneefelder, während die Marietta ihre Nadeln neben ihm klappern liess oder im Garten arbeitete und dazu sang; im Herbst mochte er gern da sein, wenn die Nebel dick vor den Fenstern lagen und er feucht nach Haus gekommen war im Nebelreissen, und mochte den Rücken an dem breiten Kachelofen wärmen, in dem das erste Feuer brannte. Auch im Winter war’s fein, wenn sie neben ihm sass und spann. –

Er paffte Zug um Zug aus der grünen Porzellanpfeife, und ganz mechanisch, weil die Kleine immer noch wimmerte, fing er an die Wiege mit dem Fuss in Bewegung zu setzen. Es war eine Gewohnheit aus früheren Wintern her, wenn er gerade nicht fort konnte, und wo ihm die Erste ohne viel Federlesens einfach die Wiege zugeschoben und er, paffend, halb im Dusel und vor sich hin sinnierend, weitergewiegt hatte.

Durchs Fenster klang das Gezirpe der Grillen, der schwere Duft des Heus kam mit dem schwachen Luftzug herein, das leise Weinen wurde schwächer. –

Anderl nickte nach und nach ein, im Schlaf immer noch die Wiege im Gange haltend.

Es wurde Abend, und die Sonne stand gross und rot genau über der höchsten Spitze des Ferners, wie wenn man dort eine glühende Riesenscheibe aufgestellt hätte, als Anderl durch Geschrei und Gelächter geweckt wurde. Er konnte sich im Augenblick auf nichts besinnen – wer waren denn die vier? – Was wollten sie denn? –

„Jesses, der Voda!“ schrie die Moidl, „er wiegt gar das weisse Chrischtkindl. Schaugt’s ihn decht an. Gib mir’s her, des fremde Engerl!“, und unter schallendem Gelächter wollten sie und Kathl das Kind aus der Wiege reissen.

Anderl liess seine wilden Augen unter den buschigen Brauen vor über die zwei Dirnen gehen. Die waren ja beide, weiss Gott, betrunken! „Und du! du!“ – die Kathl war im Sonntagsgewand der Marietta zum Begräbnis gegangen! Wie ein Tier stürzte er auf sie zu und packte sie vorne an der Brust: „Was hascht du dir unterstanden? Was hascht du getan? – – Tu’s runter, des G’wand, tu’s runter,“ brüllte er, und da sie ihm nicht schnell genug war, riss er ihr das Kleid herunter, dass es in Fetzen zu Boden fiel. Dann trieb er die Erschrockene mit harten Stössen durch den Gang gegen die Haustüre, riss diese auf und stiess sie hinaus: „Du kimmscht mir nimmer einer, du nimmer; du hättescht dableiben können, du und die Moidl aa, aber jetzt is aus –“

Dann drehte er sich nach der Moidl um, die, blöd und verängstigt, mit stierem Blick noch immer neben der Wiege stand und mit beiden Händen abzuwehren versuchte – denn wenn der ‚Voda‘ so tat, war’s gefehlt! – er packte sie aber unbarmherzig beim Arm und schleifte die Widerstrebende, die sich am Türpfosten halten wollte, hinaus. „Du aa, du aa kimmscht mir nimmer!“ schrie er – ein Ruck, das Haustor flog krachend zu, und der Riegel knirschte.

„Mach die hintere Tür zua,“ schrie er Anderl an, der, schlotternd vor Furcht, sich zwischen Ofen und Wand eingeklemmt hatte. „Will des a Bua sein? Schamst di nit? Glei gehst!“

Mit gebogenem Rücken, in grossen Sätzen wie ein verjagter Kater flog Anderl durch die Stube, dem Stall zu.

Juli war wie angewurzelt an derselben Stelle stehengeblieben, und das Gebetbuch zitterte in ihrer Hand. Sie hatte freilich nichts getan. Der Vater hatte ihr geheissen, mit zur Beerdigung zu gehen, sie hatte nicht zuviel Wein getrunken – die andern hätten ihr schon keinen vergönnt –, hatte auch nicht die Kleider der toten Mutter angezogen, die nun halbzerfetzt am Boden lagen, aber wenn der Vater so war, da mochte man etwas getan haben oder nicht, da war alles eins!

Wenn er sie nun auch weiterschickte, dann kam sie nicht mehr ins Haus herein, das wusste sie. Eine kurze Zeit blieb sie noch verängstigt wie festgenagelt stehen, dann schlich sie, so leis es ihr mit den groben nägelbeschlagenen Schuhen möglich war, am Vater vorbei. Für eine Vierzehnjährige war ihr Körper noch vollständig unentwickelt, und in dem viel zu knappen Kleid sah er noch dürftiger aus, als er war. Die Juli hatte ordentlich Mitleid mit sich, wenn sie dies verschlissene alte Kleid anschaute. Wenn sie die tote Mutter so gesehen hätte! Nie hätte die sie so fortgehen lassen! Nun hatten ihr die Grossen alles genommen, auch den schönen Stoff, von dem ihr die Mutter ein Kleid hatte machen wollen.

„Dass du mir die Zwoa nit ins Haus einerlassescht, sonst geaht’s dir und dem Anderl grad a so!“ schrie ihr der Vater nach, „und jetzt geahscht du kochen!“

In der Küche hatte Anderl schon Feuer gemacht; er hielt den Rücken noch immer gekrümmt wie ein verfolgter Kater, wie wenn er jeden Augenblick Schläge erwarte, und getraute sich kaum zu reden. Aber Milch hatte er gebracht und die Kaffeemühle hergerichtet, denn das Essen vergass er nie. Die Juli hockte sich neben ihn, und so hielten sie sich mäuschenstill, die Juli lauschend, ob das Kleinste, die Nann, sich nicht rühre. Doch die schlief fest. Wie durch ein Wunder hatte sie mitten im wüstesten Geschrei weitergeschlafen. Der Alte sass wieder rauchend auf der Bank, und das grosse Erkerfenster in der Stube funkelte im Schein der Sonne, dass man es weit im Tal sehen musste. Der Rauch von Anderls Feuer, das er endlich nach langem Pusten zustand gebracht hatte, stieg blau über dem kleinen Haus in die Höhe, alles sah friedlich und freundlich aus in der Abendsonne.

In der Streuschupf aber, zuhinterst unter dem Laub, lagen zwei und stiessen Verwünschungen aus gegen dies sonnenüberglänzte Haus, das so friedlich ins Tal hinabschaute und das ihr Vaterhaus war.

2

Nach acht, es war schon dunkel geworden, und die gegenüberliegenden Berge warfen schon lange Schatten, sassen der alte und der junge Anderl und die Juli bei der Suppe. Juli hatte die roten Vorhänge vorgezogen, wie sie es die Mutter hatte tun sehen, das Licht angezündet, die Schüssel auf den Tisch gesetzt und Brot hineingeschnitten. Jetzt löffelten die drei los, die Kinder eng aneinander gedrückt. Der Juli liefen bald die Tränen über die Backen, und sie legte den Löffel weg. Da Anderl stets das tat, was die Juli ihm vormachte, fing auch er zu heulen an und legte den Löffel weg.

„Iss, Bua!“ schrie ihn der Vater an, und gehorsam tauchten die zwei Kinder wieder ein, Juli nur mit Widerwillen die Suppe hinabwürgend.

Da klopfte es draussen an der Türe. Der Vater ass ruhig weiter, die zwei andern hielten inne, den Löffel mit aufgestütztem Arm in die Luft haltend. Und wieder klopfte es.

„Voda, klopfen tut’s,“ sagte Juli, die Resolutere, leis.

„Halt’s Maul, und dass mir koans aussergeht!“

Juli und Anderl sahen sich an, der Bub hielt den Mund offen und lugte starr nach der Türe, wie wenn dort etwas hereinkommen müsste, sie zu erschrecken.

Aber der Vater stopfte sich in aller Umständlichkeit eine neue Pfeife und blies bald solche Wolken von sich, dass das ganze Zimmer grau war; sollte er sich denn da fürchten? Es wurde kühl, und von der Küche, deren Fenster offen standen, wehte der Firnwind herein, hier und da hörte man ein paar Töne des Abendläutens von Jodok herauf.

Da klopfte es so stark an das Fenster, an dem die Juli sass, dass die mit einem Schreckensruf in die Höhe fuhr und Anderl sich unter dem Tisch zu verkriechen suchte.

Der Alte stand auf, nahm den Bergstock aus der Ecke, und bald hörten die zwei den Riegel, dann die Haustüre knarren, ein paar Schreie und flüchtende Schritte an den Fenstern vorbei, hörten alsbald den Vater rings ums Haus gehen, zweimal, sie hielten den Atem an – nichts – dann knarrte weit weg ein Riegel – „die Schupfentür“ wisperte Anderl; nun kam der Vater durch den Stall zurück, und wieder knarrte der Riegel, dann schloss er die Küchenfenster, schloss die Haustüre, lehnte den Bergstock in die Ecke und trieb die Kinder mit einer herrischen Gebärde auf.

„Geht’s ins Bett“, sagte er rauh, „der Bua schlaft da in der Kammer, und du geahscht jetzt aufer mit der Nann, und da oben bleibt sie, ich will sie nie mehr sehen da unten.“

So wurde die kleine Nann von ihrem Vater aus der Stube verbannt und musste ins obere Stockwerk wandern.

Juli trug das Kind, das durch das Aufheben erwacht war, an dem Vater vorbei, wie wenn sie ein Unrecht tue, und es fiel ihr schwer auf die Seele, dass das Kind wieder zu weinen anfing. Als sie das weinende Kind droben aufs Bett gelegt und ihr Stümpfchen Kerze angezündet hatte, kam ihr ihr zukünftiges Leben so schwer vor, dass sie zu heulen und zu beten anfing. Was sollte sie denn mit dem kleinen Kinde anfangen? – Und die Mutter, die doch so gut war, die war jetzt tot, und nur der böse Vater blieb, und niemand half ihr mehr ...

Keiner sagte ihr etwas – –. Sie schaute die Nann an – so blass sah sie aus; wenn sie starb, wer war dann schuld? Die Juli. Wenn sie schrie, wer war dann schuld? Die Juli. Und das Kind wimmerte fort und fort. Sie nahm es auf den Arm und trug es herum, es weinte weiter, sie legte es nieder und nahm’s gleich wieder auf; der Arm wurde ihr lahm, sie musste sich aufs Bett setzen und das Kind in den Schoss nehmen, aber ruhig wurde es auch da nicht. Sie redete der kleinen Nann zu, sie sang ihr leise etwas vor, dann horchte sie wieder, ob sich im Haus etwas rühre, ob der Vater noch auf sei und sie hören könne – es war alles ruhig. Unermüdlich ging sie auf und ab, und unermüdlich weinte das Kind, nichts wollte helfen. Ob’s am Ende gar Hunger hatte? Wie ein Dieb schlich sich die Juli hinunter, mit Herzklopfen, es gab ihr jedesmal einen Stich, wenn die Stufen knarrten; sie tappte sich durch den Gang nach der Küche, da war ja noch warme Milch! Eilig schüttete sie etwas Wasser daran, wie die Mutter immer getan, und tastete sich gegen die Stube, das kleine Stümpfchen Licht vor dem Erlöschen schützend. Sie musste ja auch das ‚Flascherl‘ haben. Beinahe hätte sie Milch und Kerze fallen lassen, denn drinnen in der Stube sass der Vater noch auf, die Ellbogen aufgestützt und das Gesicht mit den Händen verdeckt, und als er sie jäh zurückzog, sah sie, dass er weinte.

In die Erde hätte sie sinken mögen, Angst und Scham schnürten ihr den Hals zu, sie wusste nicht, was sagen oder tun. „’s Flascherl!“ stiess sie endlich heraus, und als sie’s hatte, flog sie wie der Wind über die Treppe.

Sie war so verwirrt, dass sie kaum der Nann die Nahrung reichen konnte. Der Vater weinte. Warum weinte er? – Er hatte doch keine Träne vergossen, solange die Mutter schwer krank war, keine, als sie tot drinnen lag, keine während der Leiche! Er kam ihr sonderbar und fremd vor, und doch stand er ihr wieder näher, er tat ihr leid, und trotzdem scheute sie sich wieder hinunterzugehen zu ihm. –

Die kleine Nann hatte gewaltig an ihrer Flasche geschluckt, nun schlief sie fest. Die Juli aber war noch lange wach, auch nachdem das Licht ausgegangen war, und allerlei Gedanken und Sorgen rumorten in ihrem jungen Kopfe.

Ans Fenster gekauert, sah sie angestrengt auf den hellen Fleck vor dem Hause, der Vater hatte die Lampe immer noch nicht gelöscht. Endlich hörte sie ihn aufstehen, der lichte Fleck verblasste, nun war’s fast ganz dunkel. Undeutlich nur sah man das Gezack der Berge gegen den Himmel stehen, die kleinen weissen Häuser wie Flecke an der Lehne kleben und den Schnee in den Schroffen, da säumten sich plötzlich die Gipfel mit einem hellen Streifen, ein weisser Schein breitete sich über den Himmel aus, und langsam kam der Mond wie hinter einer Riesenmauer vor.

Hatte sie nicht etwas gehört? Leise Tritte? – Sie drückte den Kopf nahe ans Fenster – da schlichen zwei ums Haus, in die Fenster spähend, vorsichtig an den Türen rüttelnd, wie Wölfe, die in der Nacht auf Raub ausgehen; sie kamen, verschwanden im Schatten, kamen wieder – ein heiseres Geflüster, die Steine am Weg krachten, eilige Tritte in der Ferne, dann wurde es still.

Und nun schaute der Mond heraus, eine weiche Helle lag über dem Tal und den Gletschern, in einem fernen Gehöft bellte ein Hund, da kroch die Juli endlich zitternd ins Bett. Es war kühl geworden, und der Wind wehte leichte Nebel an den Zacken der Berge hin. Julis letzter Gedanke war, als sie müde und zerschlagen unter den Laken lag: ‚Morgen gehst du zu der Malseinerin, dass sie dir’s sagt wegen der Nann.‘

Als die Malseiner Knechte am frühen Morgen – kaum graute der Tag, und die Berge sahen noch finster aus gegen den glasigen Himmel – aufs Mähen gehen wollten, fanden sie in dem Schupfen die Kuchlerdirnen, die eine im Unterrock, die andre ohne Leibchen, fest in eine Schürze gewickelt. Sie lagen und schnarchten und schliefen wie die Murmeltiere, selbst das Gelächter der Knechte weckte sie nicht. Erst als sie einer gehörig rüttelte, wachten sie auf. Moidl setzte sich in die Höhe, rieb sich die steifen Arme, – sie hatte ihr Leibchen der Kathl gegeben – und lachte die Männer an. Sie war keineswegs verlegen, – halb verschlafen wie sie war, rüttelte sie sich und konnte sich nicht entschliessen, aus dem warmen Stroh aufzustehen. Kathl dagegen, mürrisch und zornig wie immer, hatte sich zuerst umgedreht und aufs Gesicht gelegt, dann war sie aufgesprungen und hatte versucht, sich mit Ellenbogenstössen Platz zu machen, um durchzukommen. Doch die Knechte standen fest und konnten nicht genug kriegen, sich an dem Aufzug der beiden und an Kathls Wut zu weiden. Selbst als der Bauer unter die Haustüre trat, gingen sie nicht auseinander. Der Malseiner hielt die Hand vor die Augen, denn die ersten feurigen Streifen kamen am Himmel herauf und blendeten ihn. Er war in Hemdärmeln, trotzdem es so kühl war, dass man seinen Atem sah. „Was is?“ rief er hinüber, ohne einen Schritt vorwärts zu machen, „was gibt’s?“ Er war hoch gewachsen, breit in den Schultern, mit einem braunen krausen Vollbart, die kurzgehaltenen Haare seitwärts gescheitelt, während sie im Nacken weit hinuntergewachsen waren. Stattlich und bewusst, mit kräftigen Beinen, stand er vor dem Hause. Die Stimme klang scharf und kurz, aber man sah’s den braunen Augen an, dass sie nicht nur unwillig schauen konnten, wie jetzt.

Michel, der älteste Knecht, ein grober, wüster Kerl, hatte eben die Moidl am Arm gepackt und versuchte sie in die Höhe zu zerren: „Bringsch’n ja nit wach, den Duifl,“ schrie er, „hat no sein’n Rausch von geschtern, scheints!“

Moidl widerstrebte, halb aus Zorn, halb aus Vergnügen an der Sache, die ihr ganz lustig vorkam. So zerrten sie hin und her, die Knechte lachten und schrien, und Moidl schrie und zeterte. Die Dirnen kamen nun auch alle aus dem Haus, laufend und so neugierig, dass sie sich nicht einmal Zeit liessen, sich vollends anzuziehen, sondern noch im Gehen die Röcke und Schürzen einhakten. Sie drängten sich vor die Männer und waren im Spotten und im Geschrei und Gelächter die ärgsten. Keine war dabei, die Kathl oder Moidl beigestanden hätte, umsonst versuchte Kathl bei ihnen durchzukommen. Erst als der Bauer näherkam, weil ihm keiner Antwort gab, und die Dienstboten anrief, erst als die sich nach ihm umdrehten, gelang es ihr, mit einem Puff bei den Dirnen eine Lücke zu stossen und wegzulaufen.

Moidl hockte, noch immer blöd lachend, auf dem Boden und schaute den Bauern hilflos an.

„Ha, die Moidl!“ sagte er, „wo kimmscht denn du her?“ Alle schwiegen; das Gelächter hörte sogar auf, nur die Dirnen wisperten hinter dem Rücken der Knechte. Jetzt, nachdem sich der Malseiner an das Halbdunkel des Schupfens gewöhnt hatte, sah er erst, wie Moidl ausschaute. „Geht’s an die Arbeit!“ herrschte er die Dienstboten an. „No – Marsch, sag’ i!“

Zögernd entfernten sie sich, die Weiber sich dicht beieinander haltend und tuschelnd. Immer wieder drehten sie die Köpfe herum und versuchten noch etwas zu hören.

„Jetzt sag’, Moidl, was ischt mit dir?“

Statt aller Antwort fing sie an zu heulen und liess sich nicht beschwichtigen, sondern heulte immer lauter.

„Hat di der Vater g’jagt?“

„Ja, ja,“ schrie sie, und ganze Tränenbäche rannen über ihr braunes Gesicht.

„Warum denn?“

„I woass nit, i woass nit!“ – sie begann ihre nackten Arme zu reiben, „mi friert a so,“ dabei blieb sie am Boden knien und machte keinen Versuch, aufzustehen.

Dem Malseiner fiel ein, dass er sie gestern beim Leichentrunk hatte schäkern und lachen hören und dass sie mitten unter einer Rotte von jungen Burschen gesessen hatte, die ihr fortwährend einschenkten. Seine Frau hatte noch gesagt: „Na, wenn das Madl koan Rausch kriegt heut, die stellt si schön an beim Leichentrunk!“

Sie war wirklich ausser Rand und Band gewesen. Fortwährend hatte sie den Kopf im Nacken und den Mund weit aufgerissen und lachte ohne Aufhören, wie wenn sie immerfort gekitzelt würde. Das war das erstemal, dass sie länger mit Burschen zusammen war, denn der Vater hatte sie nie fortgelassen, und auf dem Einzelhof, wo sie in der letzten Zeit gedient hatte, kam sie auch nicht unter die Leute.

Der Bauer schaute die zerraufte und heulende Dirne missmutig an.

„Steh auf,“ sagte er kurz, „geh einer, iss was,“ und drehte sich um, aufs Haus zugehend.

Moidl tappte sich an der Mauer in die Höhe und folgte dem Bauern zögernd nach. Ihre Schuhe und Röcke waren voller Staub und Schmutz, die Haare hingen ihr ins Gesicht und klebten voller Tannennadeln, sie zog und zerrte an der Schürze, um sie über die Schultern zu bringen, und drückte sich halb scheu und halb trotzig an den Türpfosten.

In der grossen Stube stand, wie jeden Morgen, eine dampfende Schüssel für Bauer und Bäuerin; eine kleinere für den seltenen Vogel, den sie heute im Schupfen gefunden, hatte die Bäuerin dazugestellt.

Moidl sagte kein Grüss Gott, und die Bäuerin beachtete sie weiter nicht. Vor den Männern hatte sich Moidl nicht gescheut, aber hier in der grossen reinen Stube, die ganz mit dem kalten grauen Frühlichte erfüllt war, vor den forschenden Augen der schlanken, peinlich sauberen Bäuerin begann sie sich ihres Aufzuges zu schämen. Unbeholfen strich sie an sich herum, zog die Schürze fest um sich und fing dann wieder an, sich die Nadeln aus den Haaren zu lesen, immer aber hielt sie die Augen niedergeschlagen.

„Geh di waschen und kampeln,“ sagte die Bäuerin, gab ihr das Schüsselchen mit Milchsuppe und Brot in die Hand und schickte sie in die Kammer.

„Muass ma sie nachher wieder hoamschicken?“ sagte sie.

„Wenn sie dir geht,“ nickte der Bauer.

„Der Kuchler-Anderl muass sie wieder g’halten, des Diandl is zu jung, er kann sie nit aus’m Haus werfen.“

„Du kennst ’n Kuchler schlecht,“ sagt er, „’s Madl fürchtet sich ja z’tot.“

„Nimm du sie! Arbeit ischt gnua!“

„I? – A Kuchlerdirn? Na na, da wird nix draus!“

„Mir reden an andersmal davon,“ sagte die Bäuerin, und da sie stets rasch von Entschluss war und sich alles schnell zurechtlegte, ganz im Gegensatz zu ihm, der in allen wichtigeren Dingen bedächtig vorging, wenn er nicht zornig war, meinte sie: „I geah jetzt glei auffer zum Kuchler, i han a so mit ihm zu reden wegen seiner Arbeit bei uns, und nach der kloa’n Nann und der Juli möcht’ i a schaun, nachher werd’ i ’s schon sehgn. Fressen wird er mi nit glei! ’n Hansi nimm i mit, er will a so schon lang das Poppele sehn.“

Die Sonne war schon hinter den Bergen vorgekommen, als die Malseinerin und Hansi gegen das Kuchlerhäusl aufwärts stiegen. Das Tal war licht und hell, tief unten sah man den grün und roten Kirchturm von St. Jodok wie ein Kinderspielzeug liegen. Die Fenster in all den grossen und kleinen Häusern blinkerten lustig, die Kühe bimmelten weit oben auf den Almen mit ihren Glocken, der Bach schäumte und plätscherte, bis weit hinunter konnte man ihn verfolgen. Auf dem Gras, das zwischen den Steinen im Schatten wuchs, stand noch der Tau, und auf der andern Talseite drüben war’s noch frisch, und leichter Morgendunst lag dort. Den zweien aber wurde es schon heiss im Aufwärtssteigen.

Hansi suchte nach den Knechten und Dirnen, die zum Heuen ausgegangen waren, und entdeckte sie bald da und bald da, hoch oben, und zeigte sie der Mutter. Das lebhafte, bewegliche, mehr zugreifende Temperament der Mutter vereinigte sich bei ihm ganz glücklich mit der nichts überstürzenden, etwas zu bedächtigen Art des Vaters; das Aufbrausende und ganz unerwartet Hervorbrechende hatte er auch vom Vater. Seine ganze kräftige und schon hochgewachsene Gestalt sah nach Leben und Gesundheit aus, und wie er droben neben Anderl stand, schon fast so gross wie der Fünfzehnjährige, und wie sein rotbackiges Gesicht von dem gelbbraunen Anderls abstach, fuhr dem alten Kuchler ein Fluch heraus. „Schamst di nit, Anderl? Is dös aar a Bua? Schau ’n Hausi an.“ Aber Anderl streckte sich nicht etwa oder hielt sich gerader deshalb, er zog den Kopf nur noch mehr ein und schielte von unten vor.

Obwohl die zwei Buben fast tagtäglich denselben Weg zur Schule gegangen waren, war nie ein kameradschaftliches Verhältnis zwischen ihnen gewesen. Hansis stolzem, geradem Sinn widerstrebte das scheue, verschlossene und unterwürfige Wesen Anderls; seine Anschauung hatte er dem Blöden sehr oft durch Püffe oder durch eine Tracht Prügel gezeigt. Was Anderl von allen, vom Vater, vom Lehrer, sogar von der Juli hörte, die sonst ganz gut mit ihm war, das „Scham di!“ oder „Schamst di nit?“ hörte er auch oft genug von Hansi, und er hatte nie eine Freude, den Malseinerbuben zu sehen, wie dieser sich auch sobald als möglich von Anderl losschrauben wollte.

„I will doch ’s Poppele sehn,“ sagte er ungeduldig zu der Mutter, die ihm zu wenig Gehör schenkte.

„Ja, ja,“ nickte die Bäuerin zerstreut.

Anderl sprang voraus, das war auch ihm recht. ‚Das Poppele‘ war auch ihm gegenwärtig das Liebste.

Während die Malseinerin den alten Starrkopf zu bearbeiten suchte, dass er die Moidl wieder aufnähme, sass Hansi bei der Juli in der Kammer auf einem kleinen Schemel und hatte die Nann auf den Knien liegen. Schon lange hatte er sich ein Schwesterchen gewünscht, einen kleinen Spielkameraden, jemand, den er an der Hand über die steilen Wiesenmähder hätte führen können bis hinauf zu den kleinen Stadeln, wo man weit, weit bis ins Dux und gegen das Zillertal zu, nach Navis und über den Brenner sehen konnte, wo alles im Sommer voller Blumen stand, dass man sich nichts Schöneres denken konnte als dort liegen und den blauen Himmel ansehen; jemand, mit dem er über die Steilhänge hätte herabrollen können, der mit ihm schrie und jauchzte vor Lust – einen kleinen Kameraden zum Rodeln im Winter, wo er wie der Sturmwind über die Halden sauste, eine Gefährtin beim Schneeballen, die seine grossen Schneemänner, seine Wälle, seine Schneehäuser bewundert hätte, ein kleines Schwesterchen, dem er seine Schnitzarbeiten zeigen, dem er Spielsachen hätte schnitzen können. Gerade jetzt, wo er nur des Sonntags zur Schule ging und ihn der Vater noch nicht immer zur Arbeit anhielt, ging’s ihm ab, und er hatte oft die Mutter gequält, dass sie ihm ein ‚Poppele‘ bestellen solle, aber ein Schwesterchen musste es sein, von einem Bruder wollte er nichts wissen.

„Wenn sie grad schon grösser wär’“, sagte er nachdenklich und etwas geringschätzig zur Juli und gab ihr die kleine Nann. Nie war ihm in den Sinn gekommen, mit Juli zu spielen, die ihm im Alter doch näher stand als der Anderl. Er war ja oft genug zu der Kuchlerin heraufgekommen, war viel bei ihr im Garten gewesen, aber nie erinnerte er sich, mit der Juli gespielt zu haben. Er hiess sie nur die Zigeunerin und mochte ihr krauses, wirres Haar, das bronzefarbene Gesicht, ihre pechschwarzen, etwas glanzlosen Augen nicht leiden.

Dagegen gefiel ihm die weisse kleine Nann mit den gelben Löckchen sehr.

„Da schau grad’ die feinen Haarlen an und die kloan Fingerlen! I muass sie glei der Muatter zeig’n,“ und eilends nahm er sie wieder Juli ab und stieg hinunter.

„Da schau, Muatter, ’s Poppele, wie nett es ischt.“

Die Mutter nahm’s ihm vom Arm.

„Wie a Engerl, gelt, Kuchler, ma muss es ja gern hab’n, das arme Heiterl!“

Aber der Kuchler stand am Fenster, drehte ihr den Rücken und tat, als höre und sehe er nicht. Erst als Hansi gegangen war, gab er seinen Platz am Fenster wieder auf, und auf seinem Gesicht stand deutlich zu lesen: ‚Was willst du denn noch? Ich brauch’ niemand von Malsein in meinem Haus,‘ und die Sprache war so deutlich, dass die Malseinerin sich gleich zum Gehen anschickte.

„Also, Kuchler“, sagte sie, „es bleibt dabei, du nimmscht die Moidl nit?“

„I nit.“

Die Malseinerin hatte auch ihren Trotz, und jäh, wie sie war, fuhr’s ihr heraus: „Na nimm ich sie.“

Der Kuchler lachte. „G’halt sie nur, i wünsch’ dir Glück dazua!“

Nun musste sie eben sehen, wie sie den Malseiner herumbrachte, auf der Alm war Arbeit genug oben und immer eins zu wenig, da konnte man sie fürs erste schon aus dem Weg räumen.

Die Juli ging noch ein gutes Stück Weges mit und kam dann mit all ihren Sorgen und bat um Rat.

„Sei du nur brav, Juli, es wird schon gehn, i will gern nachschaug’n“, war der Malseinerin letztes Wort. „Du musst es dem armen Hascherl seiner Muatter zulieb tun, wenn der Vater nix von ihm wissen will.“

3

Für die Juli begann nun ein hartes Leben; sie hatte gehofft, dass der Vater, wie immer, auf das Zimmern ausgehen und sie mit Anderl und der Kleinen allein lassen würde. Sie hatte sich das recht schön gedacht, so allein im Häusl wirtschaften zu dürfen, wo doch der Anderl gut folgte und die grossen Schwestern fort waren, die immerfort Zank und Unfrieden stifteten. Aber da wurde nichts daraus. Der Vater bestand darauf – was er nie getan hatte – das Heu selber zu machen und mit Anderl und mit ihr herunterzubringen. Obwohl er in der Nähe Geschäfte hatte, merkte sie sehr wohl, dass er nicht gehen wollte, sondern sich einrichtete, ein paar Wochen zu Hause zu bleiben, wahrscheinlich, damit die beiden Schwestern nicht wieder hereinkamen. Sie arbeitete ja gern und hätte mit Anderl so nach und nach alles in Ordnung gebracht. Aber wie der Vater arbeitete! Von früh bis nachts wurde sie gehetzt. Hatte sie die Frühsuppe gekocht und das Vieh versorgt, so blieb ihr kaum Zeit, die Nann zu richten und ihr Nahrung zu geben, gleich musste sie Nachkommen zum Mähen, zum Wenden, zum Einführen. Wenn’s zu lange dauerte, rief sie ein Pfiff des Vaters zur Arbeit; kam sie dann nicht gleich, schlug er sie. Es war, als übertrage er den Groll, den er gegen die Nann hegte, auf ihre Wärterin. Dabei sollte gekocht sein, wenn der Vater Hunger hatte, und draussen sollte sie auch mithelfen, besonders zur Zeit des Heuens. Der Vater liess ihr keine Stunde, wo sie hätte aufräumen und säubern können; kam er aber des Abends heim mit Anderl, der keuchend und schwitzend hinterdreintrabte, so begehrte er auf, wenn nicht alles in Ordnung war. Dabei musste die Juli alles für die Nann heimlich tun; des Nachts, wenn ihr beinahe die Augen zufielen, musste sie noch für die Kleine waschen oder ihr noch etwas kochen – –. Den ganzen Tag blieb die arme Nann oft in der Kammer allein, und viele Male hörte die Juli das Kind weinen und durfte nicht von der Arbeit weg.

Es zuckte ihr in den Fingern, sie hätte alles hinwerfen und zu ihr laufen mögen, wenn sie sich nur vor dem Vater getraut hätte. Nie fragte er nach dem Kinde, die kleine Nann hätte ebensogut tot sein können. Wenn er sie schreien hörte, sah man ihm den Groll über das Dasein dieses kleinen Wesens an, das ihm nur Schande und Spott gebracht hatte und das in seinem Hause vor ihm verräumt und versteckt werden musste. Die Juli durfte sich nicht einmal getrauen, die kleine Wäsche aufzuhängen, denn er warf sie zu Boden, schalt und fluchte und trat mit den Füssen darauf herum. Sie konnte sich oft nicht mehr helfen, beständig gehetzt, beständig in Aufregung, immer in Angst vor dem Vater, immer gescholten – sie setzte sich untertags hin, vollständig stumpf und gleichgültig, und selbst wenn der Vater gekommen wäre, würde sie sitzengeblieben sein. Mochte er sie hauen, mochte er sie totschlagen, dann war’s doch wenigstens aus! Da hatte es ja der Anderl noch besser, der machte halt seinen Trab fort, wenn er auch einmal seinen Fusstritt oder seine Maulschellen bekam, er machte es deshalb nicht schneller, er weinte nicht, er widersetzte sich nicht, er ‚stellte seinen Buckel auf‘, wie der Vater sagte, wie wenn ihm das von allem helfen könnte. Manchmal brachte das verstockte und scheue Wesen Anderls den Vater freilich so in Wut, dass er ihn schlug, bis ihm der Arm wehtat. Allerdings weinte der Bub auch da nicht, er kroch nur hinauf in die Kammer zur Nann, setzte sich neben die Wiege, und indem er diese sanft in Bewegung setzte, erzählte er dem kleinen Diandl alles, was ihn drückte, wie’s ihnen ging, ja er redete sich oft in eine ganz blutrünstige Stimmung hinein und sprach vom Erschlagen und Erschiessen.

Die Kammer, in der die kleine Nann mit der Juli schlief, war überhaupt eine Zufluchtsstätte für die beiden Kinder. Wollten sie dem Vater aus dem Weg gehen, weil er seinen Zorn hatte, so liefen sie über die Stiege in die Kammer, denn da waren sie sicher vor ihm, dahin kam er niemals. Manchmal versuchte die Juli, die kleine Nann ins Freie zu bringen, aber dann musste sie wie gejagt vorauslaufen, wenn der Vater in Sicht war, und nicht nur das Kind, sondern auch die Wiege mit fortnehmen, denn gerade der Anblick der Wiege versetzte ihn in die fürchterlichste Wut. Er stiess sie um, dass die Bettstücke nur so flogen, im Haus krachten dann die Türen, und die Kinder verkrochen sich.

Die kleine Nann aber gedieh in der Atmosphäre von Zorn und Zank und Zittern und Angst. Wie eine Blume blühte sie in der Kammer auf. Weiss und rot, die feinen Härchen in lauter Ringeln über der Stirn. Die Malseinerin konnte sich nicht genug wundern, wie das Kind gedieh, wenn sie manchmal auf ein Viertelstündchen heraufkam. Gewöhnlich brachte sie Hansi mit, der immer sehen wollte, ob denn die Nann noch nicht laufen könne.

Wenn die Malseinerin hereinkam, ging der alte Anderl gewiss zur Türe hinaus. Was hatte denn jemand von Malsein da heroben zu tun? Nur des Mahnens zur Arbeit halber kam die Malseinerin nicht. Ihre Reden schmeckten ihm schon gar nicht, die konnte es noch besser wie der Pfarrer. Jedesmal wusste sie etwas andres. Einmal, dass er Moidl wieder nehmen müsse.

„Aha, sie wird dir z’viel,“ lachte er höhnisch.

„Na, nit weil sie mir z’viel ischt, aber weil sie da zu wenig ischt. Siehscht es du nit, dass die Juli si’ zu Tod schindet, kannst du das anschaug’n?“

Ein andermal sagte sie ihm, er hätte die Pflicht, nachzusehen, man höre nichts Gutes von Kathl, die in Patsch einen Dienst gefunden.

„Geaht mi niacht an und geaht di niacht an,“ fertigte er die Bäuerin ab. Aber als sie ihm gar damit kam, sie wollte heute die Nann mitnehmen und ganz bei sich behalten, da fuhr er sie wütend an: „Unterschteah di! Überhaupt, du bleischt draussen aus mei’m Haus; i will di nimmer sehg’n!“

Die sonst so resolute Bäuerin ging, ganz erschrocken über sein wüstes Aussehen.

Von nun an traf sie Juli nur heimlich, tröstete sie: „Schau, wenn er wieder auf Arbet geht, werd’s besser,“ oder sie steckte ihr heimlich etwas zu.

Das Heu war eingebracht, sie hatten viel in diesem Jahre bekommen, im Feld war das Nötigste getan, aber der Alte ging noch immer nicht aus dem Hause. Die Arbeit drängte, die Leute schickten um ihn, er sass noch immer herum, suchte da und dort etwas auszubessern und zu flicken, es war, wie wenn ihn dies traurige Haus, in dem man keinen Morgen- und Abendgruss kannte und eines dem andern kein gutes Wort gönnte, gehalten hätte.

Stundenlang konnte er vor dem Ofen sitzen und auf den Boden stieren, oder er begann ein Wandern vom Keller zum Speicher, vom Speicher zum Keller, durch alle Stuben, wie wenn er jemand suche. Juli hörte ihn oft laut reden dabei: ‚Narr, Narr, alter Narr!‘, oder sie sah, wie er mit den Armen um sich schlug, als wehre er jemanden ab. Der Vater, den sie bis jetzt nur gefürchtet hatte, wurde ihr jetzt unheimlich, und als sie ihn einst leise wie einen Dieb in die Kammer schleichen sah, in der die Nann lag, stürzte sie voller Schrecken nach:

„Voda, was tust?“

Der Vater stiess sie aber nur zur Seite und ging wieder zur Türe hinaus, ohne ihr zu antworten.

Als sie ihn nun auch in der Nacht treppauf und treppab wandern hörte, sagte sie bei der Frühsuppe – freilich wurde sie blutrot dabei und wollten ihr die Worte nicht aus dem Halse –: „Wenn der Voda du’ auf die Arbet gang, i han koan Kreuzer mehr, und ’s Brot ischt aa gar.“

Anderl duckte sich vor Schrecken zusammen, dass die Juli so etwas wagte, und meinte, jetzt würde der Vater aber zuschlagen. Doch der sass ganz still, starrte nur vor sich hin, wie wenn er nichts gehört hätte; nach kurzer Zeit sahen aber die Kinder, wie er sein Handwerkszeug zusammensuchte und in den Wochensack packte, wie er die Breithacke auf die Schulter nahm und talabwärts ging.

Nun sollte es aber anders werden, nun wollten sie sich freuen! Anderl machte ein paar Bockssprünge, hielt aber gleich verdutzt und wie beschämt wieder inne; die Juli klatschte in die Hände dazu und fing an zu lachen. Aber auch sie gab’s bald wieder auf. Wie denn? Sie hatten doch lustig sein wollen, tanzen und sich freuen, und nun gingen sie still an ihre Arbeit, fast so still wie früher, fast so scheu wie früher. Erst allmählich gewöhnten sie sich daran, dass sie allein waren, dass sie arbeiten konnten wie sie wollten und sich Rast vergönnen durften.

Anderl hatte es ganz verlernt, sich um die Nann zu kümmern, er machte sich gar nichts mehr aus ihr, ja er hatte sogar einen versteckten Groll auf sie, den er der Juli feige verbarg, denn er fühlte heraus, dass der Vater immer ‚so viel zornig‘ gerade wegen der Nann war und dass er viel davon entgelten musste. Bei der Juli war es umgekehrt; je erbitterter ihr der Vater geschienen, desto mehr behütete und beschützte sie instinktiv die Kleine.

Jetzt konnte sie sie endlich heraustragen, im Gras liegen lassen, wo sie vor Vergnügen krähte, oder sie mit der Wiege unter einen Baum stellen und ihrer Arbeit nachgehen. Seit der alte Kuchler der Malseinerin die Türe gewiesen, kam auch Hansi nur flüchtig und nur verstohlenerweise herauf. Er musste jetzt schon tüchtig bei der Arbeit anpacken, denn da kannten Vater und Mutter keinen Spass, und des Abends nach Feierabend, wenn er Zeit gehabt hätte, kam auch der Kuchler-Anderl wieder zurück.

Das hatte der Alte allerdings sonst nie getan; sonst übernachtete er stets auf den Höfen, wo er arbeitete, aber jetzt war ihm der Gang von Malsein her und später sogar von der Alm herunter nicht zu weit und zu beschwerlich.

Wie sollte denn das im Winter werden? Die Juli zerbrach sich den Kopf. Wo sollte sie denn die Nann unterbringen? Die Kammer war nicht zu heizen; wenn sie das Kind auch untertags in der Stube haben konnte, was sollte sie des Nachts damit anfangen? – –

Es wurde Herbst, sie brachten das Grummet heim und bereiteten auf den Winter vor, der Vater kam noch jede Nacht heim. Er redete keins mehr an, er zankte keins, er schlug sie nicht mehr, aber er jagte Anderl aus der Kammer und schlief allein dort, und jede Nacht riegelte er sich ein. Doch was Juli das ärgste war und was sie mit aller List vor Anderl zu verbergen suchte: der Vater betrank sich, was sie nie vorher bei ihm gesehen. Sie fand oft die leeren Schnapsflaschen, sie merkte es, wenn er zur Türe hereintrat, dass er torkelte, und sie fürchtete ihn mehr denn je, wenn er mit den glasigen Augen in irgendeinem Winkel hockte.

Anderl richtete schon seinen Holzschlitten her, denn die ersten Fröste waren gekommen, und die Blumen standen schon lange, von den Fenstern weggenommen, im Erker und in der Kammer, der Himmel war grau und schwer, wie wenn er Schnee bringen wollte, der Vater kam noch immer heim, ja er ging zuletzt auch am Morgen nicht mehr weg, sondern blieb sitzen und schaute zu, wie’s unaufhörlich leise und langsam zu schneien begann. Wie ein weisser Vorhang, immer dichter fielen die Flocken vor den Fenstern herunter.

Und so schneite es drei Tage fort, fast bis zu den Fenstern ging der Schnee. Dann riss der Wind auf einmal einen kleinen Fleck blauen Himmels auf, ein Zacken, eine weisse Spitze schauten grell beleuchtet, ganz unwirklich, ganz geisterhaft aus dem Grau; in der Nacht trat starker Frost ein, der Wind orgelte ums Haus, der Himmel war auf einmal wie ausgekehrt und die Mondsichel stand scharf und weiss über den Bergen.

Die Juli hörte, dass der Vater in der Nacht aufstand und herumkramte. Sie hatte die Nann zu sich ins Bett genommen und getraute sich nun nicht zu schlafen, aus Furcht, sie zu erdrücken; gegen Morgen schlief sie aber doch ein und wurde erst durch ein lautes Klopfen an der Kammertüre geweckt. Der Vater? – „Steh auf, Suppen kochen!“ schrie er draussen. Im Nu war sie auf, und bald brannte ein tüchtiges Feuer in der Stube und stand die Schüssel dampfend vor dem alten Kuchler.

Die Fenster waren bis hoch hinauf gefroren, und die Stube wollte lange nicht warm werden. Während der Nacht hatte der Vater gepackt, einen grossen Wochensack voll, sein Handwerkszeug, Schneereifen und Steigeisen lagen bereit. Ging er jetzt endlich fort? Und für lange? Nachdem er seine schwere Joppe genommen, legte er etwas Geld auf den Tisch. „I geah furt,“ sagte er.

„Bleibt der Voda lang aus?“

„I woass es nit.“

„Wo soll ma’ Poscht hintun, bald was g’schieht?“

„Braucht’s nit.“

Und ohne ‚Behüt Gott‘ stolperte er fort, in den grauen Morgen hinein.

4

Es blieb viele Tage hartes Frostwetter, dann kam’s zum Tauen und fror wieder, so dass grosse Eiszapfen vom Dach des Häuschens herabhingen; so ging es mit stets härter werdendem Frost gegen Weihnachten zu.

Schon war der Bach in allerlei wunderlichen Formen gefroren, kein Laut kam in die weisse Einsamkeit herauf, nur wenn ein Baum die Schneelast abschüttelte oder Krähen um den Schupfen flogen, rührte sich etwas. Beim Tauwetter hatte Anderl die Wintervorräte von Jodok im grossen Rückenkorb heraufgebracht, hatte sich aber nicht nach Malsein hineingetraut, um dort zu sagen, dass der Vater fort sei. Von dort kam niemand zu ihnen, und die Kinder wussten, es würde auch nicht leicht jemand kommen, ausser es musste sie etwas von höchster Wichtigkeit dazu treiben. So waren die Kinder wie gefangen, und die Tage gingen langsam hin. Anderl war nicht böse über die stille Zeit; hatte er seine Arbeit getan, gefüttert, den Stall gerichtet oder Holz gemacht, so schlief er meistens auf der Ofenbank, und es gefiel ihm vorderhand ganz gut so. Juli machte sich daran, nach und nach das Haus zu säubern und zurechtzuflicken.

Die kleine Nann fing schon an zu lachen und nach dem Licht zu greifen, sie versuchte, sich überall aufzurichten und in der Stube umherzukriechen. Wunderlich genug sah sie aus in den Kitteln, die ihr die Schwester zusammenzauberte, wie ein Kind fahrender Leute. Sie ass und schlief tüchtig und machte der Juli wenig Sorgen.

Als der Frost nicht nachliess und ein Tag wie der andre grau und trübselig dahinging, legte sich die grosse Einsamkeit lähmend auf die Kinder, sie wurden mürrisch und wortkarg, doch hatten sie sich schon an vielen stillen Abenden zuvor beraten, sie wollten Weihnachten feiern. Gleich am Abhang beim Haus stand eine kleine Fichte, die schlug Anderl, und nun freuten sie sich Tag für Tag auf den Heiligen Abend. Juli hatte altes Seidenpapier gefunden, dazu ein paar Lichtstümpfchen im Schrank der Mutter; damit putzten sie das Bäumchen, die Juli legte noch Äpfel und Nüsse darunter, die der Hansi im Herbst gebracht und die sie sorgsam gehütet. Als sie die Lichter angezündet hatten, standen sie vor dem Bäumchen und warteten auf die Freude, die nicht kommen wollte, und wurden traurig und trauriger; es kam ihnen vor, als seien sie ganz allein und verlassen auf der Welt und verloren in Schnee und Eis.

„Die Muatter,“ sagte die Juli und sah’s dabei auch dem Anderl an, dass er sich nicht fassen konnte vor Heimweh. Nur die Nann, die noch nichts wusste von Sehnsucht und Verlassenheit, freute sich an den brennenden Lichtern. –

In der Nacht raste, ganz plötzlich erwacht, der Sturm durchs Tal, fegte den Schnee hier weg und blies ihn dort fast haushoch zusammen. Alles war verändert ringsum, man kannte sich am Morgen fast nicht mehr aus, und die Kinder schauten mit grossen, fast furchtsamen Augen auf die neuen Hügel und Täler, die entstanden waren. Später entdeckten sie erst, dass der Brunnen durch den starken Frost eingefroren war, nun hatten sie kein Wasser mehr und wussten, dass eine saure und harte Arbeit ihrer warte, denn jetzt hiess es Schnee holen, viel Schnee, und ihn dann schmelzen, um Wasser für den Haushalt zu bekommen.

Anderl sträubte sich, was er nur konnte, gegen diese Plage; das Liegen auf der Ofenbank und das Rauchen, das er nun angefangen mit alten Pfeifen und altem Tabak vom Vater, gefielen ihm viel besser. Aber sein Widerstand half nicht viel, die Juli war viel zu schwach, die schwere Arbeit allein zu tun, und schalt so lange, bis er sich endlich zur Hilfe entschloss. Aber er war böse auf Juli, dass sie ihn in seiner Musse störte, ganz wie wenn sie Schuld daran trüge, dass der Brunnen eingefroren. „Wirscht a Duifl wie der Voda,“ sagte er, doch die Juli war viel zu müde, um ihm zu antworten. Zu müde vom Arbeiten, zu müde von dem trüben Einerlei der Tage. – Um sechs Uhr krochen sie manchmal schon in ihre Betten. Sie mussten Licht sparen, wer weiss, wie lange sie noch gefangen blieben! Auch am Morgen standen sie nicht zu frühzeitig auf, so hatten sie eine lange, lange Nacht und mussten oft beide wachen. Sie schliefen jetzt alle der Wärme halber in der grossen Stube. Anderl war in den langen dunklen Nächten so furchtsam geworden, dass er schon aufschrie, wenn ein Brett krachte oder ein Scheit im Ofen umfiel. „Juli, es ischt was!“ schrie er in seiner Herzensangst, oder gar: „Juli, a Diab!“, und sie musste den grossen Buben beruhigen wie ein kleines Kind. Sie selbst war sehr gewachsen in der letzten Zeit, sie war fast so gross wie Anderl, aber überall sahen ihr die Knochen heraus, die Kleider schlotterten an ihr herum, und den ganzen Tag war sie müde. Am liebsten wäre sie immerfort sitzengeblieben und hätte immerfort auf die weisse Öde ringsum gestarrt, die tagein, tagaus sich glich, stumm, weit und ohne Erbarmen. Aber sie musste ja mit Anderl Schnee holen, Eis aufhacken, kochen; wenn es nur endlich tauen wollte! –

Endlich, endlich fing es an in grossen Flocken zu schneien, die wie weisse Vögel geflogen kamen; sie freuten sich beide, jetzt gab’s Tauwetter! Und es schneite, schneite, dass sie kaum einen Schritt weit sahen; es schneite am Morgen, am Mittag und am Abend, und wieder am Morgen, am Mittag und am Abend. Als sie ins Bett gingen, war der Schnee so hoch gekommen wie das Fenster. Das beunruhigte besonders die Juli so, dass sie kaum schlafen konnte. Wenn es so weiterschneite, waren sie in ein paar Tagen begraben!

Während der Nacht entstand auf einmal ein furchtbares Getöse – ein langandauerndes Krachen war’s, ein Splittern und ein Poltern –, die Kuh wollte nicht aufhören mit Brüllen, und die Geiss meckerte dazwischen; es war ein beständiges Klirren der Ketten, ein immerwährender Lärm im Stall – die Juli fuhr im grössten Schrecken auf, ihr Herz klopfte so, dass sie nichts andres sonst hörte. Doch der Lärm wiederholte sich nicht, nur die Unruhe im Stall, das Klagen der Tiere dauerte an. Aber die Angst vor etwas Unheimlichem, das da draussen vorgehen mochte, verliess die Juli nicht. Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und verrammelte die Türe mit dem Tisch und mit Stühlen, damit ja nichts zu ihnen dringen könne. Anderl hatte sich in seiner Todesangst vollständig vergraben im Bett, er war nicht einmal dazu zu bewegen, eine Antwort zu geben. Ohne Laut, in stummem Schrecken hielt er sich die ganze Nacht unter den Kissen verborgen.

Die Juli hörte wohl das Stossen gegen den Barren im Stall, hörte das Klagen der erschreckten Tiere, wagte es aber erst aufzustehen, als es hell wurde, und da stand sie mit Zagen auf, es war ihr, als müsse etwas Schreckliches auf sie da draussen warten. Nach vielem Zureden und Betteln und Bitten und Schelten und Zanken gelang es ihr, Anderl auf die Beine zu bringen; er hielt sich immerfort hinter ihr und dazu noch an ihrem Rocke fest, als sie ihn nach dem Stall mitnahm. Zweimal versuchte sie dort die Türe zu öffnen und fand nicht den Mut dazu, das drittemal machte sie gleich herzhaft weit auf.

Was war denn da geschehen?! Das war ja, wie wenn sie ins Freie gingen! –

Oben zum Stalldach schaute der blanke Himmel herein, auf dem Boden lagen grosse Haufen Schnees, Balken und Holzschindeln von dem durch den Schnee eingedrückten Dach durcheinander, das Vieh stand, steif vor Frost, mitten drinnen.

„Jess’s Maria, des aa no!“ schrie sie. Hatte sie es nicht dem Vater gesagt, das Dach sei schlecht, und hatte er es nicht ausbessern sollen? Nun war er im Haus herumgesessen, hatte gefaulenzt und war gegangen, ohne nur einen Nagel da oben einzuschlagen! Und sie begann in Verwünschungen auszubrechen gegen diesen Vater, der sie verhungern und verkommen und elend zugrunde gehen liess, der sie allein da heroben wusste und nicht kam und nicht bei ihnen blieb – es war ihr ganz aus dem Sinn gekommen, dass sie es nicht hatte erwarten können, bis er aus dem Haus ging!

„Jetz hammer’s, jetz hammer’s!“ jammerte sie und lief wie eine Verrückte hin und her mit Schaufel und Körben und schaufelte und schleppte; aber obgleich sie beide mit aller Kraft arbeiteten, sah man gar nicht, wo sie angefangen hatten! Wo sollten sie denn die Kraft hernehmen, den vielen Schnee wieder wegzuschaffen?

In der Stube schrie die Nann, neben ihr begann Anderl zu heulen, vor ihr klagte die Kuh, da fing auch die Juli bitterlich zu weinen an.

„Was tuan mir, Anderl! Was tuan mir?“ jammerte sie.

Da hatte Anderl einen guten Gedanken, einen so guten, dass er viele Jahre lang, wenn er gescholten und für tapsig und blöd erklärt wurde, nie vergass, ihn aufzutischen.

Er nahm die Kuh an der Kette, führte sie stolz über den Gang nach der Küche und holte auch die Ziege nach. Dann zündete er im Herd ein gutes Feuer an und brachte den erfrorenen Tieren Futter. Die Ziege fing gleich, obzwar immer noch mit anklagendem Meckern, zu fressen an, aber die Kuh schnupperte nur so am Futter herum und gab ihr heiseres Brüllen nicht auf.

Auch in der Stube machte Anderl ein grosses Feuer und wärmte Milch für die Nann, denn die Juli war ganz aus der Fassung gebracht, ganz verwirrt, und anstatt wie sonst den Anderl anzutreiben, liess sie nun alles geschehen, was er tat, sie wusste sich keinen Rat mehr.

„Wenn d’ nur nach Malsein geahn kunntscht! Geah nach Malsein, dass sie uns helfen!“

Malsein, Malsein, Malsein! das war ihr ewiges Lied.

„Mir kinnen nit awer, schau decht ausser!“

Aber sie liess nicht nach mit Quälen. Da nahm er denn in Gottes Namen die Schaufel und begann vor dem Haus den Schnee auszuschaufeln. Nein, das waren ja Berge! Er kam keine drei Schritte weit, keine Rede davon, dass er allein nach Malsein käme! Und doch fing sie wieder an:

„Du muscht nach Malsein!“

Sie stiess ihn beiseite und fing selbst an zu schaufeln und zu graben, dass ihr der Schweiss herunterlief, aber auch sie kam nicht vorwärts und schaute sich wieder hilflos nach ihm um.

Mit einem tiefen Seufzer holte Anderl seine dicke Joppe, die Schneereifen und die Steigeisen. Vielleicht ging’s so.

Die Luft war frisch, aber die Berge standen zum Greifen nah, ganz wie wenn Tauwetter zu erwarten wäre. Anderl wollte ja gern vorwärtskommen, wenn er noch so lange brauchen sollte, wenn’s nur überhaupt ging! Schon nach den ersten Schritten aber stolperte er; dann sank er ein, raffte sich wieder auf, kam eine Strecke weiter, sank wieder ein und arbeitete sich wieder heraus. Und der Schnee schien immer weicher zu werden, das Vorwärtskommen wurde immer schwerer, und zuletzt stand er vor einem hohen weissen Hügel, einem fremden Hügel, den er nicht kannte, der sich da aufgetürmt hatte, daneben ging die Wand in die Höhe, und auf der andern Seite fiel der Felshang ab. Keine Möglichkeit, da hinüberzukommen, Anderl machte gar keinen Versuch. Wenn es gegangen wäre, würde er am liebsten heulend zurückgerannt sein. So musste er denselben mühseligen Weg wieder Schritt für Schritt zurücklegen.

Ausser Atem, keuchend, die Kehle von Jammer zugepresst, kam er droben wieder an. Jetzt würde die Juli schön auf ihn losfahren!

Aber die Juli redete kein Wort, blieb nur sitzen und machte grosse Augen; gerade wie der Vater sah sie aus. Sollte denn das den ganzen Tag so fortgehen und wollte sie sich nicht entschliessen, endlich aufzustehen und etwas zu kochen? Er hatte jetzt gearbeitet genug und getan, was er nur tun konnte, der Magen brannte ihm, vorderhand war ihm das Essen die Hauptsache. Sah sie ihm denn das nicht an?

„So koch decht amal a Supp’n!“ mahnte er vorwurfsvoll.

Als er gesättigt war und die Sonne plötzlich schien und alles warm und behaglich machte, fasste er frischen Mut und redete auch der Juli kräftig zu. Vis der Abend kam, hatten sie richtig Schnee und Schindeln ausgeräumt, sogar die schlechten Teile auf dem Dach entfernt und begonnen, neue Bretter einzufügen. Es kam ihnen jetzt recht zustatten, dass sie dem Vater oft zugesehen hatten, und wenn sie’s auch nicht so machen konnten wie er, so ging’s doch leidlich, und das Arbeiten oben in der Sonne war auch nicht so hart, als sie gedacht; doch waren sie beim Dunkelwerden ganz zerschlagen und elend und krochen wie abgehetzte Tiere in die Betten. Sie nahmen sich keine Zeit mehr, sich zu waschen oder zu kämmen, auch die Nann blieb liegen, wie sie war; sie fühlten sich beide am Morgen noch todmüde von der ungewohnten Arbeit und mussten doch gleich wieder beginnen. Wie notwendig das war, sahen sie, als sie in den Stall kamen. Über Nacht war wieder Schnee gefallen, zwar nicht sehr viel, aber doch genug, um die Juli mutlos zu machen.

„Es ischt für niacht, es ischt für niacht,“ klagte sie, während dicke Tränen Rinnen in ihr schmutziges Gesicht zogen. Ihre Augen brannten, und sie sah grau und elend aus; doch ermannte sie sich noch einmal, und nun begann ein wildes Arbeiten: „Es muass, es muass fertig werden bis auf die Nacht.“

Sie war ganz ausser sich, sie hörte nicht, sie sah nichts wie die Arbeit, wie ein Fieber war’s. Ganz nass von Schweiss schaufelte sie den Schnee weg, schleppte Bretter, sägte, hackte, nagelte –

Anderl war ihr nicht schnell genug, sie schalt ihn, sie puffte ihn herum, sie schlug ihn sogar; ordentlich zum Fürchten war sie, gerade wie der Alte, wenn er seinen bösen Tag hatte! Von Ausruhen war keine Rede, nicht einmal essen und trinken wollte sie, und ein Stück Brot, das ihr Anderl brachte, warf sie ihm vor die Füsse. Es fiel ihr gar nicht ein, sich um die Nann zu kümmern, die konnte schreien, so viel sie wollte.

„Hörscht es denn nit, Juli, die Nann? Reahrn tuat sie in oan Trumm fort,“ mahnte Anderl.

„Lass sie reahrn, i kann ihr nit helfen, mir hilft aa koaner.“ –

Die Nacht kam, und die Juli hockte noch oben auf dem Dache und schlug Nägel ein. Anderl stand unten und hielt die Leiter, vor Müdigkeit fielen ihm fast die Augen zu; fast wäre er eingeschlafen, hätte ihm die Schwester nicht auf einmal zugerufen: „Hilf mir, Bua, i kann nit awer.“

Die ganze Leiter herunter musste Anderl sie stützen, ja beinahe tragen, und als sie unten stand, ging sie fast stolpernd vorwärts, sich an den Wänden haltend, als schwanke der Boden unter ihren Füssen. Aber das Dach war fertig, nun war alles gut, nun war alles gleich!

Sie vermochte nichts mehr zu essen, sie war so abgemattet, dass sie sich nur noch ins Bett schleppen konnte und gleich einschlief. Ein schwerer, dumpfer Schlaf kam über sie, der in wirres Träumen überging; sie musste immer weiterarbeiten, ohne Rast und Ruh, immer mit der treibenden Angst, nicht fertig zu werden. Das war ein Wühlen und Graben, ein Wüten und Schaffen! Selbst Anderl mühte sich ab unter Weinen und Ächzen und Stöhnen, jetzt stiess er gar ein Wehgeschrei aus – jetzt wieder! – Das Schluchzen und Rufen dauerte an! – nein, aber das war ja nicht ein Träumen; jemand rief und weinte wirklich! Nicht da war’s, in der Stube, draussen auf dem Gang oder in der Küche musste es sein! Noch in ihren verwirrten Träumen, fand sie sich nicht gleich zurecht; war das wirklich Anderls Stimme, die nach ihr rief? Was war denn?

Gleich fiel’s ihr auf die Seele, sie hatte ja der Nann gestern nichts zu essen gegeben! – „Die Nann?“ schrie sie in Todesangst.

„Na, die Kuh!“ heulte Anderl. Richtig, da stand ja die Wiege mit der Nann, und die schluckte an ihrem Fläschlein und schaute fröhlich und vollständig mit dem Schicksal ausgesöhnt aus ihren blaugrauen grossen Augen nach der Juli.

Wie lange die brauchte, bis sie nur ihre Kleider fand! Und sobald sie in der Höhe war, kam immer wieder dies Schwindelgefühl, dies Sausen und Klopfen, das sie schon am Abend gespürt, die Zunge lag ihr wie geschwollen im Munde; wenn sie ging, drehte sich alles um sie, am Ende wurde sie gar krank? Ganz sachte, ganz vorsichtig, ganz unsicher kam sie in die Küche geschlichen, gerade als die Kuh die Augen verdrehte und sich streckte. Aus war’s, sie war tot. Die Juli konnte keinen Schmerz empfinden, sie wunderte sich nicht einmal darüber, dass sie nicht verzweifelte, nicht schrie und betete wie Anderl, der ausser sich war.

„Mir derhungern, mir müass’n derhungern,“ weinte er, und gleich darauf wieder: „Heilige Maria Mutter Gottes, wenn ma decht ’s Fleisch essen kannten! – Der Voda derschlagt uns ja! Bitt für uns arme Sünder – moanscht nit, Juli, mir kannten’s essen? – jetzt und in der Stunde unsers Absterbens! Amen!“

Das war ein Jammer, dass es einen Stein hätte erbarmen mögen, einen grösseren Schmerz hatte Anderl noch nie durchgemacht! Und kein Wort fand die Juli, ihn zu trösten, sie ging einfach wieder zurück und legte sich auf die Ofenbank und liess ihn ratlos und allein in der Küche!

*

Gegen Mittag begann der warme Föhn zu wehen, eine matte Sonne kam hinter dem Gewölke vor, verschwand und erschien aufs neue; die Farbe der Berge ging vom Weiss ins Bleigrau über, die Eiszapfen am Haus fingen an zu tauen; auch der Brunnen rann wieder und der Schnee ringsum krachte und knisterte geheimnisvoll; später begann ein Knacken und Rieseln ringsumher, vor dem Hause standen grosse Lachen, denn die Dachtraufe spie unaufhörlich das Schneewasser aus, kleine Rinnsale kamen von den Hügeln herunter, und mit leisem Schauern fiel der Schnee von den Bäumen. Nun wurde die Ferne dunkelblau und violett, die Berge mit ihren Zacken und Graten waren ganz vors Haus gerückt, es war, wie wenn der Frühling kommen wollte.

Doch der Föhn wurde immer lauter, Wolkenfetzen flohen über die blasse Sonne, es sang und heulte im Kamin, und der Rauch drang aus allen Ritzen des Ofens, wenn ihn der Sturm niederdrückte. Die Juli sah und hörte nichts von allem, teilnahmslos kauerte sie am Ofen mit halbgeschlossenen Augen, während Anderl scheu um sie herumstrich. Sie nahm die Brotsuppe nicht, die er brachte, sie hörte nicht, was er sagte, sie gab keine Antwort, wenn er jammerte und fragte.

Was soll denn werden um aller Heiligen willen?

„So sag was, sag was, hörscht denn nit?“ redete er auf die Schwester ein, und weil sie hartnäckig schwieg, geriet er, der sich sonst nicht rührte, vor Angst und Schrecken ganz wild gemacht, ausser sich. Er riss Juli in die Höhe, er versuchte sie auf die Füsse zu stellen und schüttelte sie, doch sank sie ihm unter den Händen zu Boden. Und welche Mühe das dem erschrockenen Buben machte, sie auf die Bank hinaufzulegen, denn weiter brachte er sie nicht, mit welcher Angst er nach ihr schaute, wie er hin und her lief, bis er ein Kissen und eine Decke für sie fand und sie gebettet hatte!

Da lag sie nun am warmen Ofen und zitterte vor Frost, hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht mehr.

Er betete und weinte leise und betete und weinte laut, es blieb dasselbe. –

Die Geiss hatte er nun in den neuen Stall geführt und sie schon gemolken, vielleicht trank Juli die Milch?

Aber die Kranke nahm nur in grossen, gierigen Schlucken das Wasser, das er ihr reichte, und versank wieder in ihre Teilnahmslosigkeit.

In der Stube hörte man nichts wie das Jauchzen oder Krähen Nanns, die ganz zufrieden mit den Hobelspänen spielte, die Anderl beim Feueranmachen verstreut hatte.

In der letzten Zeit hatten die Kinder ganz vergessen, die Uhr aufzuziehen. Anderl wusste nicht mehr, welche Zeit am Tage es war; doch begann er jetzt nachzuzählen und brachte heraus, dass dies der letzte Tag des Jahres sein musste.

So ging also das neue gut an! Was sollte denn aus ihnen werden, wenn die Juli auch noch krank wurde und keiner kam, nach ihnen zu sehen? Was blieb denn da übrig, wie zu versuchen, nach Malsein hinunterzukommen?

Er trat vor die Haustüre, aber der Schneehügel versperrte ihm die Aussicht, nicht einmal den Rauch von Malsein konnte man sehen, nichts wie das weite, weite Weiss und das stille Rieseln und Rauschen war ringsum, ein leises Knacken, ein Zerstäuben, emporschnellende Äste, wenn ein Wind kam – sonst nichts.

Aber da wachte plötzlich irgendwo ein dumpfer, fast verhaltener Ton auf, der stärker und stärker wurde und näher und näher kam, zuletzt in ein Sausen überging –

Anderl sah erschreckt nach der Wand über dem Hause – dort hatte sich’s losgelöst, von dort kam’s auf ihn zu – er rannte wie besessen hinein: „A Lahn kimmt!“

Da brach es schon mit dumpfem Getöse herein. Einen Augenblick wurde es dunkel vor den Fenstern, Steine, die die Lawine mitführte, schlugen krachend gegen die Türe – ein Sausen und Tosen und Splittern – dann stürzte der weisse Koloss ins Tal, sie waren verschont geblieben! Zitternd und fast ohne Besinnung, den Kopf in den Händen vergraben, blieb Anderl noch lange Zeit knien, ehe er es wagte, aufzustehen.

An den Fenstern lief wässeriger Schnee herunter, ganz so wie im Frühjahr, wenn der Tauwind Regen und Schnee an die Scheiben warf; nach und nach erst getraute sich Anderl, hinauszusehen. Der Gartenzaun war weg und eine Ecke des Schupfens; weit über das Haus hinaus sah man die breite Bahn, die die Lawine genommen, und wie sie alles reingefegt hatte, sogar der Schneehügel war verschwunden. Jetzt konnte er gewiss nach Malsein hinunter! Er lief hin und her, von einer grossen Unruhe getrieben.

Er kam ganz gut bis an den Platz, wo der grosse Schneehügel gelegen, aber dahinter sank er gleich wieder ein, und droben fing’s aufs neue an, ein Rutschen, ein sausendes Geräusch – an einer andern Stelle löste sich wieder ein Schneeklumpen los und stürzte, sich stetig vergrössernd, mit unglaublicher Schnelligkeit über die Matten herunter.

Nein, nein, er wagte es nicht, er getraute sich nicht hinunter, nun war man erst recht seines Lebens nicht sicher!

Was sollte er denn nun tun? – Wie konnte man helfen? – Anderl wusste sich keinen Rat; er hockte am Tisch, die Ellbogen aufgestützt, den Kopf darauf gelegt, und Viertelstunde um Viertelstunde verrann.

Das Wasser draussen rieselte, die Bäume ächzten, der Föhn stöhnte, und plötzlich war die Dunkelheit da, alles Licht war wie auf einen Schlag ausgelöscht, nur der Schnee glänzte durchs Fenster. Jetzt musste er freilich aufstehen, Licht machen, Feuer anzünden, die Nann versorgen, füttern und kochen, so viel, so viel musste er tun! Lange rutschte er auf der Bank umher, ehe er sich endlich zum Aufstehen entschloss, aber die Küche mied er, dort hinein wäre er um keinen Preis der Welt gegangen! Er fürchtete sich vor der toten Kuh; er fürchtete sich überhaupt vor allem: vor den langen Schatten an den Wänden, die so plötzlich auf ihn zukamen oder sich aus den Ecken ganz unerwartet in die Höhe schnellten, vor dem Heulen im Kamin und dem Klappern der Läden, an denen der Sturm rüttelte, und nicht am wenigsten fürchtete er sich vor der Juli, die mit rotem Kopf und glänzenden Augen dalag und immerfort vor sich hinplapperte, wirres, unverständliches Zeug, oder mit den Armen um sich schlug und aufschrie. Sie tat ihm am Ende noch was! Mit schlotternden Knien ging er herum, den Buckel gekrümmter denn je, und mehr denn je einem verscheuchten Kater ähnlich. In weitem Bogen ging er um die Juli herum, und als er am Tische sass, um zu essen, sah er fortwährend von der Seite nach ihr – ach Gott, es schmeckte ihm auch kein Essen mehr!

Dicke Tränen kamen ihm, immer mehr, bis er vor seinem Schüsslein Milchsuppe unaufhörlich schluchzte. Und vom Weinen kam er ins Beten und vom Beten wieder ins Weinen – und plötzlich hatte er einen Gedanken. Den hatte ihm Gott eingegeben, weil er gar so fleissig gebetet hatte!

Alle Furcht vor den langen schwankenden Schatten war verschwunden, er sah sie gar nicht und dachte nur an das, was ihm soeben eingefallen war.

So schnell er nur konnte, lief er hinters Haus, suchte im Schuppen Schaufel und Besen und erklomm im Dunkel den Hügel hinter dem Haus, den ihm die Lahn schön rein und glatt gefegt hatte. Droben brauchte er gar nicht viel Arbeit mit Schaufel und Besen, gleich lag der Rasen frei, so schön war aller Schnee weggewischt. Dann trug er Hobelspäne und Scheiter und Stücke Holzes herbei, schichtete einen Vorrat von Holz daneben auf – keine kleine Mühe, denn er musste immerfort den Hügel auf und ab, und er war hoch gestiegen! – und nun entzündete er das Ganze. Hui, wie da der Wind hineinfuhr! Wie die kleine gelbrote Flamme züngelte! Das knisterte und krachte, ein dicker, graugelber Qualm stieg auf, drückte sich gleich wieder nieder, die Scheiter glimmten nur mehr, dann erloschen sie – das Feuer war aus. Und wieder zündete Anderl den Holzstoss an, trug neue, leichtere Hölzer herbei, beim drittenmal erst brannte er endlich, und zwar mächtig. Von dieser Stelle aus musste man es drunten sehen, und sie mussten ihm zu Hilfe kommen!

Hoch loderte die Flamme auf, duckte sich, stieg pfeilgerade in die Höhe, wehte wie eine glühende Fahne nach rechts, schoss wieder knisternd empor, leichter Rauch zerstob über ihr, während von unten dicker grauer Brodem nachdrang, denn immer mehr Holz trug Anderl her. Er sah zu, wie die kleinen Flämmchen aus den Scheitern krochen, wie sie an ihnen herumleckten, dann sich zurückzogen, im Versteck sassen und lauerten, plötzlich wieder glühend rot und spitz wurden und drohend ins Dunkel herausschossen. –

Stunde um Stunde sass er da. Er wusste nicht, wie spät es war und ob noch Hilfe kommen konnte. Seine Hosen waren durchnässt vom Knien in dem wässerigen Schnee, seine Schuhe durchweicht, während die Glut ihm schier Gesicht und Hände versengte. Zuletzt überkam ihn eine grosse Schläfrigkeit, und während die Flamme neben ihm noch immerfort hoch gegen den Himmel brannte, fing er an einzuschlafen.

So wollte ihnen also niemand Hilfe bringen? Dann mussten sie eben elend verderben, da heroben in ihrer Einöde. – –

Der Holzstoss brannte nieder; die glimmenden Scheite sprachen ihre eigne, geheimnisvolle, wispernde Sprache – ein Krachen, Erlöschen, ein Wiedererwachen, ein langer glühender, knisternder Streifen, ein Stückchen Glut, das absprang – es hatte Anderl an der Hand getroffen, verstört wachte er von dem Schmerz auf.

Über ihm stand der Himmel voller Sterne, das Firmament war wie dunkler Samt, ohne Mond, der Wind hatte sich gelegt, es sah aus, als habe sich das Tal gedehnt, so weit, so gross erschien es und so hoch und weit auch der Himmel.

Da krachte ein Schuss durch die Nacht, und die Felswände wiederholten ihn rollend; jetzt noch einer, schwächer und entfernter.

Kam nun endlich Hilfe? – Der Bub sprang auf. Kommen sie schon mit Laternen? Er bog sich weit vor, um die kleinen hellen Punkte zu sehen – nichts. Waren es die Malseiner? – Ringsum Dunkel und Stille. Aber da krachte wieder ein Schuss, und nun folgten sie sich knatternd und krachend, an den Felswänden hinrollend, sich förmlich suchend und fangend, um allmählich zu ersterben; und nun hörte Anderl auch Glocken, ganz schwach nur konnte er sie hören, was war das? –

Neujahr! Sie läuteten das Neujahr ein, sie schossen, weil Neujahr war! – Oh, alle hatten sie sie vergessen, keiner dachte mehr an die Kinder droben; sie wollten nicht kommen. Wein trinken und prassen war ihnen lieber als da heraufsteigen in Mühseligkeit!

Mochten die sterben und verderben, es fragte ja doch keiner nach ihnen, es waren ja nur die Kuchlerischen! –

Anderl schlich ins Haus zurück; es kam ihm gar nicht in den Sinn ins Bett zu gehen; auf den blanken Fussboden legte er sich, dicht neben die Juli, und schlief auf den harten Brettern ein.

Pulsuz fraqment bitdi.

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280 səh. 1 illustrasiya
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9788711460832
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