Kitabı oxu: «Meeresglühen (Bd. 1)»

Şrift:

Für Geelke, die mein Geschreibsel seit der siebten Klasse erträgt und immer noch meine Freundin ist.

eISBN 978-3-649-64009-7

© 2021 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Anna Fleck

Covergestaltung: Carolin Liepins

Lektorat: Frauke Reitze

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-63906-0.

Anna Fleck

Meeresglühen

Geheimnis in der Tiefe




Inhalt

Jetzt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Danksagung

Über den Autor

Jetzt

Ich stehe am Rand der Klippen und sehe hinaus auf das unruhige Meer. Der Himmel ist blassgrau, der Wind zerrt an meinen Haaren. Ein Sturm kommt auf. Der erste richtige Sturm seit Juni … seit dem Tag, als Aris fast gestorben wäre und meine Welt eine andere geworden ist.

Ich streiche über die goldgestreifte Muschel in meiner Hand, fahre über das feine Perlmutt und die rauen Kanten. In Gedanken wiederhole ich Aris’ Botschaft, sein Versprechen: »Wir werden uns wiedersehen.«

Kapitel 1

Cornwall, auf dich kann man sich echt verlassen! Verspürt jemand den Wunsch nach eiskaltem Wind und Starkregen an einem Tag, der in Berlin als sonniger Frühsommermorgen begonnen hat? Kein Problem: Man fliegt einfach nach Gatwick, steigt ein paar Mal um, erst in Züge, dann in Busse – ta-daa: Schon hat man Nässe und Kälte. Aber auch die umwerfende Aussicht auf den schiefergrauen, von weißer Gischt gekrönten Atlantik, der aufgewühlt durch den Sturm an Strand und Klippen kracht …

Ich zog meinen 50-Pence-Regenponcho etwas fester um mich und meinen Wanderrucksack und versuchte, noch ein bisschen schneller die lange, unregelmäßig gepflasterte Hauptstraße von Greycove hinaufzugehen. Hier und da warfen mir die Ladenbesitzer mitleidige Blicke durch ihre regennassen Schaufenster zu. Einige der Gesichter kannte ich und winkte fröhlich. Jawohl, die kleine Ella Keane aus Deutschland war wieder da! Wenigstens daran erkannte man, dass der Sommer kam.

Ein Windstoß traf mich schräg von vorn und drückte mich gegen eins der malerischen grauen Fischerhäuser, denen Greycove seinen Namen verdankt. Von der Fischerei lebte hier allerdings seit Jahren kaum noch jemand. Na ja, die Einwohner dieses Dörfchens waren schon immer eher Strandräuber und Schmuggler gewesen als brave Fischer oder Minenarbeiter. Hatte zumindest meine Granny gern gescherzt.

Beim Gedanken an Granny Rose verschwand meine Fröhlichkeit. Sie war hier aufgewachsen, gehörte zum Örtchen wie die Seeluft und das Möwengeschrei und ich hatte sie fast jeden Sommer mit meiner Mutter besucht. Doch vor zwei Jahren war sie gestorben – und statt ihres ansteckenden Lachens und ihrer großartigen Rosinenscones wartete nur noch ihr kleines Cottage mit dem verwilderten Gärtchen auf mich. Ich seufzte, wischte mir die Regentropfen aus dem Gesicht und stopfte ein paar verirrte blonde Ponyfransen zurück unter die Kapuze. Nicht zum ersten Mal gratulierte ich mir zu dem praktischen Kurzhaarschnitt. Hey, wo kein Styling ist, kann auch keins ruiniert werden!

Ich stieß mich von der rauen Hauswand ab und marschierte weiter. Nach wenigen Minuten erreichte ich das kleine geduckte Häuschen mit der weißen Tür, von der die Farbe abblätterte. Einer meiner Jobs diesen Sommer, eindeutig.

Gerade wühlte ich in den Hosentaschen meiner nassen Jeans nach dem Schlüssel, da klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer. Ich ging trotzdem ran, doch bevor ich etwas sagen konnte, überfiel mich die Stimme meiner Mutter mit einem ganzen Wortschwall.

»Ella? Leg nicht auf, ich bin es! Das ist das Handy von Lars, kannst gleich die Nummer speichern. Auf meins hab ich versehentlich den Defi gestellt und jetzt macht es keinen Mucks mehr, aber ich hab eh nur Empfang, wenn ich aufs Dach der Klinik gehe …«

»Ganz langsam, Mama!« Ich versuchte, sie zu bremsen und gleichzeitig die Tür aufzuschließen. Sie klemmte, wie immer bei Feuchtigkeit. Also die Tür, nicht meine Mutter. »Bist du etwa immer noch in Afghanistan?«, fragte ich. »Wer ist Lars?«

»Es tut mir so leid, Mäuschen, ich kann erst nächste Woche nach Greycove kommen, die machen uns hier Ärger wegen der Sicherheitslage. Aber keine Sorge, es ist wirklich alles ruhig und Lars fährt mich dann mit dem Jeep nach Kabul …«

»Nett von ihm. Wer ist Lars?«

Okay, das Schloss war offen. Die Tür nicht. Ich versuchte, den rutschigen Knauf in den Griff zu bekommen und fest gegen die Tür zu drücken, wobei mir die Kapuze herunterrutschte. Der Regen nutzte die günstige Gelegenheit, mir in den Kragen und den Rücken hinunterzulaufen. Uäh …

»Du bist nicht böse, oder? Ich schaffe es bestimmt nächste Woche, spätestens übernächste, und dann machen wir es uns richtig schön, ja?«

»Ich bin nicht böse. Wer ist Lars?«

»Ich muss Schluss machen, die brauchen mich gleich wieder im OP! Hab dich lieb!«

»Mama?!«

Weg war sie. Ich starrte auf mein Handy. Das leuchtete noch einmal schwach auf und wurde dann schwarz. Ich brauchte echt ein neues, der Akku hielt überhaupt nicht mehr.

»Wer ist Lars?!«, fragte ich die weiße Tür vor mir. Doch die blieb stumm und geschlossen.

Das war mal wieder typisch meine Mutter! Mit der einen Hand die Welt retten und mit der anderen Chaos verbreiten. So war sie, seit ich denken konnte. Mein Vater musste ein sehr entspannter Mann gewesen sein. Leider konnte ich mich nicht an ihn erinnern – er starb, als ich noch ganz klein war. Krebs, natürlich. Stirbt überhaupt noch jemand an etwas anderem? Okay, dazu hatte meine Mutter sicher eine eigene Meinung. Schließlich nahm sie sich seit Jahren regelmäßig ein paar Wochen im Jahr frei, um statt ihrer berechenbaren Stelle als Chirurgin im Berliner Westend-Krankenhaus für Ärzte ohne Grenzen durch die Weltgeschichte zu hüpfen. So hatte sie, das Kreuzberger Urgestein Sophie Herrmann, auch den Briten Scott Keane kennengelernt. Und so war es ziemlich schnell zu der kleinen Ella Keane gekommen, die zwar in Berlin wohnte und dort auch nächstes Jahr ihr Abi machen würde – Daumen drücken für die Deutschnote! –, aber einen Sommer nach dem nächsten in Cornwall aufgewachsen war. Und die deshalb nun einen schönen, extralangen Mutter-Tochter-Urlaub geplant hatte, bevor der ganze Prüfungsstress losging. Dass Mama mal wieder nicht pünktlich sein würde, hatte ich, ehrlich gesagt, schon eingerechnet. Dass die Verspätung allerdings mit einem Männernamen zu tun hatte, den ich bisher noch nie von ihr gehört hatte, machte mich schon etwas stutzig.

Komm wieder runter, redete mir meine innere Stimme gut zu, vermutlich ist es bloß ein Kollege. Und selbst wenn nicht, die Frau hat sich seit Dads Tod nur um dich und ihre Arbeit gekümmert. Da hat sie doch wohl ein Anrecht auf ein bisschen Spaß, oder?

In diesem Moment raste ein grauhaariges Ungetüm um die Ecke und stürzte sich auf mich. Ich ging zu Boden, mitten hinein in eine matschige Pfütze.

»Snowflake! Kommst du her! Ach, du bist das, Ella …«

Hinter dem Monster, das mir verrückt vor Freude seine dreckigen Pfoten in den Bauch drückte, erkannte ich das Gesicht von Mrs. Kemp, der Nachbarin. Sie war gut mit meiner Granny befreundet gewesen und kümmerte sich seit deren Tod um das Cottage, wenn Mama und ich nicht da waren. Worum sie sich noch kümmerte, war Snowflake – ein riesiger, spindeldürrer irischer Wolfshund mit zottigem grauem Fell, der Granny gehört hatte, aber eigentlich so etwas wie das Dorfmaskottchen war. Eine Seele von Hund, auch wenn er auf manche Leute einschüchternd wirkte. Mich konnte er schon immer besonders gut riechen.

Eingeklemmt zwischen meinem Rucksack unter mir und dem enthusiastisch hechelnden Riesenzottel über mir winkte ich Hilfe suchend. Mrs. Kemp hatte jedoch bereits entschieden, dass alles seine Ordnung hatte. Die kleine Ella war da, somit lagen Hund und Cottage für die nächsten Wochen nicht mehr in ihrer Verantwortung. Und es war wirklich unangenehm nass und windig hier draußen, nicht wahr? Sie winkte also einfach herzlich zurück, rief noch etwas von Hundefutter und Auflauf und eilte dann zurück in ihr warmes, trockenes Häuschen.

Ich kämpfte mich von Snowflake frei, kam auf die Beine und verpasste der Eingangstür einen beherzten Tritt. Noch mehr Farbe platzte ab, aber die Tür sprang auf.

Na bitte, geht doch.


Eine Stunde später war die Welt wieder in Ordnung. Zumindest für jemanden wie mich, der eher mit der Unordnung vertraut ist. Ich hatte geduscht, trockene Sachen aus meinem Rucksack gewühlt und mir Mrs. Kemps Auflauf im Backofen heiß gemacht. Snowflake hatte fast den halben Sack Trockenfutter verputzt, lag nun zu meinen Füßen und verbreitete den unverkennbaren Geruch von nassem Hundefell. Draußen riss der Himmel auf und ein Sonnenstrahl fiel durch das Küchenfenster herein. Eine Möwe schrie. Snowflake hob den Kopf und sah mich aus seinen dunklen Augen erwartungsvoll an.

Ich zwinkerte ihm zu. »Geht gleich los.«

Er verstand natürlich genau, sprang auf und rannte glücklich bellend in Richtung Hintertür. Ich schnappte mir mein Handy und meinen guten Anorak – den ich ganz unten in meinen Rucksack gepackt hatte, in der irrigen Annahme, ihn vorerst nicht zu brauchen, weshalb ich mir am Busbahnhof dann den geschmackvollen 50-Pence-Regenponcho besorgen musste. Es war Zeit für mein Greycove-Ritual: eine schöne lange Wanderung entlang der Steilküste bis zu meinem Lieblingsstrand, gemeinsam mit meinem großen, dummen Lieblingshund.

Hinter dem Cottage empfing mich eine neue Welt. Der Wind hatte den Regen vertrieben und jagte nur noch verspielt ein paar Wolkenfetzen über den strahlend blauen Himmel. Die Sonne beschien die sturmzerzauste Graslandschaft, die sich vor mir bis zum Rand der Steilküste ausbreitete. Die Luft jedoch war immer noch empfindlich kühl, untypisch für Cornwall im Juni. Gut gelaunt stapfte ich den Trampelpfad entlang, der wahrscheinlich außer von mir nur von Kaninchen genutzt wurde. Snowflake rannte in weiten Kreisen um mich herum und versuchte vergeblich, nach den Möwen zu schnappen. Die sahen ihn natürlich lange vorher kommen, stießen sich lässig vom Boden ab und segelten mühelos auf der nächsten Windböe davon.

Ich atmete tief ein. Zwar wohnten wir seit Jahren in Berlin, der Heimatstadt meiner Mutter, wo ich auch den größten Teil meiner Schulzeit verbracht hatte – aber richtig zu Hause fühlte ich mich eigentlich nur hier. Ich erreichte einen halbherzig asphaltierten Feldweg, der an den Klippen entlangführte und an einer Stelle sogar gefährlich nah an den Abgrund heranreichte. Tatsächlich hatte man in Greycove in den letzten Jahren immer mal wieder darüber nachgedacht, den Weg zu verlegen, wegen der Absturzgefahr. Aber da er eigentlich nur genutzt wurde, wenn die Dorfjugend zum Surfen oder Grillen in die darunter liegende Bucht wollte, war nie etwas daraus geworden. Die Leute von hier wussten schließlich, an welchen Stellen man Abstand halten musste.

Umso besser, dachte ich zufrieden. So kommen nicht mehr Besucher in mein Revier als unbedingt nötig.

Vorsichtig trat ich an die Felskante und warf einen kurzen Blick hinunter: hier und da abgesackte Erde, aber nichts, was besonders dramatisch wirkte. Alles cool. Die Bucht lag unter mir und der schmale Strand leuchtete mir einladend entgegen. Baden war natürlich nicht drin, das Meer wirkte noch viel zu aufgewühlt. Ich sah zu, wie die Brandung an eine Reihe flacher Felsen schlug, die die »King’s Steps« genannt wurden. Der Legende nach hatte König Artus an dieser Stelle mal ein Schiff besteigen wollen, woraufhin die Felsen wie von Zauberhand aus dem Wasser aufgetaucht waren, damit sich der Gute nicht die herrschaftlichen Füße nass machte …

Auf der anderen Seite der Bucht lag, außer Sichtweite, ein einsames Cottage: die Frühstückspension der Schwestern Hildy und Helen Bernhardt. Die beiden alten Damen galten im Dorf als etwas versponnen und zahlende Gäste konnten sie eher selten begrüßen – Greycove lag einfach zu abgeschieden. Aber jedes Kind, das nach dem Spielen am Strand in ihren Garten hereinschneite, hatte die sichere Aussicht auf ein Glas Limonade und manchmal auch eine spannende Abenteuergeschichte. Zwar war ich längst kein kleines Mädchen mehr, aber ich besuchte sie trotzdem jeden Sommer. Ich nahm mir vor, gleich heute bei ihnen vorbeizuschauen.

Erst einmal aber zog es mich hinunter ans Wasser. Wer weiß, vielleicht hatte der Sturm interessantes Treibgut angespült? »Strandräuber« war immer das liebste Spiel meiner englischen Sandkastenfreunde Lisa und Kenneth gewesen – und daher natürlich auch meins.

Plötzlich machte es Ping und in meinem Handy poppte eine Nachricht auf: »Hey, Baby, alles klar? Wie wär’s mal wieder mit ’nem Drink oder so? Diesen Sa? «

Ich sah ungläubig auf das Display.

Echt jetzt?

Die Nachricht war von Luca – oder vielmehr von »Luca, dem Mistkerl«, wie er bei meinen Berliner Freundinnen nur noch hieß, seit er mich letztes Jahr kurz vor Weihnachten abserviert hatte. Weil er sich noch nicht »reif genug für eine Beziehung« gefühlt hatte. Ha. Er war aber reif genug gewesen, schon am nächsten Tag mit der hohlen Céline aus der Parallelklasse rumzumachen. Vermutlich hatte sich das sogar schon länger angebahnt, aber ich war einfach zu verknallt gewesen, um irgendwas zu checken. Na ja, ein Gutes hatte die Aktion immerhin: Denn als ich davon erfuhr, war ich so sauer geworden, dass mein Liebeskummer mit einem Schlag verschwunden war. Im Nachhinein ärgerte ich mich nur, dass ich ausgerechnet an diesen Idioten mein erstes Mal verschwendet hatte. Tja.

Was lernen wir daraus?, dachte ich seufzend. Manche Prinzen sind eben einfach nur Frösche.

Vielleicht küssen manche Prinzessinnen auch einfach nicht so gut, wie sie glauben, kicherte es frech in meinem Kopf.

Ich streckte mir selbst die Zunge heraus. Also echt, manchmal fragte ich mich, auf wessen Seite meine innere Stimme eigentlich stand.

Ich warf noch einen Blick auf die Nachricht. Erst wollte ich etwas schön Fieses zurückschreiben, leider fiel mir nichts Richtiges ein. Und auf einmal merkte ich, dass mir das Ganze – und vor allem Luca – mittlerweile komplett egal war. In diesem Moment schnaufte mein Handy den letzten Funken Energie aus und schaltete ab. Akku alle, schon wieder. Aber auch: Thema erledigt. Zufrieden grinsend steckte ich das Teil weg. Dann pfiff ich nach Snowflake, der begeistert vom Strand unten zurückbellte und ansonsten kein bisschen gehorchte. Lachend rannte ich den steilen Pfad hinab, immer auf der Hut vor losen Steinen und heimtückischen Wurzeln.

Endlich stand ich in der kleinen Bucht. Der Sand leuchtete fast weiß im Sonnenlicht. Er war bedeckt von Algenfetzen, Treibholz … und leider auch einer ganzen Menge Dosen, Flaschen und zerfetzten Plastiktüten. Das weniger romantische Strandgut. Ich sah keine Fußspuren außer den mächtigen Pfotenabdrücken von Snowflake, der immer noch hoffnungsvoll den Möwen nachjagte. In einiger Entfernung schmiegte sich ein kleiner, grob gezimmerter Verschlag an die Steilwand: Stewarts Bootsschuppen. Er wirkte nicht beschädigt – bis dahin war die Sturmflut letzte Nacht also nicht gekommen. Vor mir allerdings krachten die Wellen immer noch mit Wucht ans Ufer. Wo sie die zerklüfteten Felsen trafen, spritzte die Gischt hoch und wurde vom Wind durch die Luft gewirbelt. Das Wasser, bei ruhiger See fast türkisblau, war jetzt von dunklem, undurchdringlichem Grau. Gedankenverloren folgte ich mit den Augen einer Möwe, die Snowflake aufgescheucht hatte. Sie schwebte dicht über den Wellen, als ob sie in dem aufgewühlten Wasser einen Landeplatz suchte.

Und dann sah ich ihn.

Es war ein Surfer, der die dämliche Idee gehabt hatte, an so einem Tag mit seinem Brett hinauszupaddeln, um nach der richtigen Welle zu suchen. Stattdessen hatte er wohl mehr als genug von den falschen gefunden. Ich sprang auf einen der Felsen am Strand, um besser sehen zu können. War er in Schwierigkeiten? Verdammt, es sah ganz so aus. Die Wellen rissen das Brett unkontrolliert hin und her, der bäuchlings darauf liegende Körper schien sich kaum zu bewegen.

»Hey!«, brüllte ich gegen den Wind an. »Alles in Ordnung bei dir?«

Snowflake kam bellend heran und sprang an meinem Felsen hoch, doch ich ignorierte ihn. Hatte der Kerl auf dem Brett reagiert? Ich konnte es nicht erkennen. Panik bohrte sich in meinen Magen und meine Gedanken stürzten durcheinander. Schließlich konnten die Strömungen in der Bucht schon an ruhigen Tagen zur tödlichen Gefahr werden. Das Brett verschwand unter einem gewaltigen Brecher … und tauchte leer wieder auf. Nein, mit der Unterseite nach oben. Dann, Gott sei Dank, drehte es sich und der Surfer war wieder über der Wasseroberfläche, regte sich jedoch nicht mehr. Nichts war in Ordnung.

Ich zerrte mein Handy aus der Jackentasche. Verdammt, kein Lebenszeichen, die letzte Nachricht hatte es erledigt.

Mach doch was, Ella! schrie meine innere Stimme. Bei der nächsten Welle kommt er vielleicht nicht wieder hoch!

Ich tat das Dümmste, was ich tun konnte.

Ich tat das Einzige, was ich tun konnte.

Ich riss mir Anorak und Schuhe herunter und rannte ins Wasser.

Kapitel 2

Schon die erste Welle fegte mich fast von den Füßen und tränkte mich mit eiskaltem Salzwasser. Ich schnappte nach Luft, rammte meine Füße in den sandigen Untergrund und stemmte mich gegen den Druck des Wassers. Noch konnte ich stehen, das war gut. Schritt für Schritt kämpfte ich mich voran. Um mich herum sprühte die Gischt und nahm mir die Sicht, aber als erneut eine Welle anbrandete und etwa auf meiner Höhe brach, sah ich mein Ziel wieder: Der Surfer war weiter in Richtung Ufer getrieben und klammerte sich verzweifelt an sein Brett. Oder hing er irgendwie darauf fest?

»Hey! Hierher!«, brüllte ich ihm zu und bereute es sofort, denn ich bekam einen Schwall Meerwasser in den Mund. Hustend und spuckend versuchte ich weiterzukommen, aber jetzt wurde es langsam tiefer. Ich spürte, wie die Unterströmung an meinen Beinen riss.

Das schaffst du nicht, warnte meine innere Stimme. Du musst zurück, sofort, oder sie fischen nachher zwei Leichen aus dem Meer!

Ein Versuch noch!, schrie ich ihr zu.

Ich stieß mich vom Boden ab. Ein Schwimmzug, zwei, drei. Die Gischt machte mich halb blind. Vier, fünf. Plötzlich vor mir: eine graue Wand. Ein enormer Brecher, der sich immer höher auftürmte. Aber auch der Surfer, der mitsamt seinem Brett emporgerissen und auf mich zugetrieben wurde, näher, näher … Die Welle brach mit ungeheurer Wucht direkt über mir. Ich hatte gerade noch Zeit zum Luftholen, da wurde ich auch schon unter Wasser gedrückt und herumgewirbelt. Wild ruderte ich mit den Armen – und bekam etwas zu fassen: die Leine des Surfbretts. Das war vermutlich meine Rettung, denn das Brett hatte einen fantastischen Auftrieb. Im nächsten Moment durchstießen wir die Wasseroberfläche und ich rang keuchend nach Atem. Ein kurzer Blick auf den Surfer genügte mir – nein, er bewegte sich wirklich nicht mehr. Panik erfasste mich.

Beeil dich, Ella!

Ich krallte mich an das Heck des Bretts und schlug mit den Beinen, so kräftig, wie ich nur konnte. Tatsächlich, das Ufer kam langsam näher, auch wenn uns jede Welle erneut ein Stück zurückzog. Gott sei Dank war Flut, auflaufendes Wasser, wie mein langsam wieder einsetzender Verstand nun registrierte. Sonst hätte ich keine Chance gehabt. Schließlich fühlte ich Boden unter den Füßen; das Brett im Schlepptau, taumelte ich durch das hüfthohe Wasser dem Strand entgegen.

Dort begrüßte mich ein grauer, nasser Schatten und rammte meine Beine, sodass ich fast das Gleichgewicht verlor.

»Snowflake, du blödes Vieh!«, schrie ich. »Zurück ans Ufer, aber sofort! Du kannst mir nicht helfen!«

Nicht zu fassen. Sonst wasserscheu wie eine Katze, aber wenn man es gar nicht gebrauchen konnte … Zum Glück gehorchte er und preschte mir voraus, offenbar beruhigt, dass sein Frauchen heil zurückgekommen war. Ich zog das Brett mit seinem Passagier so weit aus der Brandung, wie es mir mit meinen zitternden Beinen möglich war, dann sackte ich erst einmal zusammen.

Aber mein Wunderhund ließ mir keine Ruhe, knuffte mich, jaulte und bellte, so aufgeregt und froh war er.

»Ab, Snowflake!« Ich schob ihn mühsam von mir und stemmte mich auf die Knie. Was war mit dem Surfer? Lebte er noch? Reglos lag er auf seinem Brett. Hektisch versuchte ich ihn herunterzuzerren, bis ich bemerkte, dass er daran festgeschnallt war. Wie sollte man denn so surfen? Egal. Irgendwie befreite ich ihn von den Gurten und drehte ihn auf den Rücken.

Es war ein junger Typ in meinem Alter. Schwarze, kurze Haare umrahmten sein Gesicht. Ein Gesicht mit auffallend schönen männlichen Zügen – aber totenblass. Ein Schauer durchfuhr mich. Hatte ich es nicht rechtzeitig geschafft? Fieberhaft tastete ich nach seinem Puls, erst am Hals, dann am Handgelenk, aber meine Finger zitterten, und seine Haut war so kalt, dass ich keinen klaren Eindruck bekam. Kurz entschlossen riss ich sein Hemd auf – ein dunkler Stoff, ganz sicher kein Neopren – und presste mein Ohr auf seine Brust.

Super, Ella, wirklich professionell, von wegen Arzttochter!, nörgelte es in meinem Kopf.

Ich schloss die Augen. Es gelang mir, Wellenrauschen, das Pfeifen des Windes und Snowflakes Gehechel auszublenden. Und dann hörte ich ihn: seinen Herzschlag. Schwach, aber stetig. Erleichtert setzte ich mich auf. Und bemerkte etwas Seltsames: ein schwaches goldenes Glühen auf der nassen Brust des Surfers. Hatten sich dort Leuchtalgen oder so etwas verfangen? Ich wischte mit der Hand über seine Haut, das Glühen blieb. Aber viel wichtiger war ja: Atmete er noch? Keine Chance, das auf die Schnelle und bei Wind zweifelsfrei festzustellen. Mund-zu-Mund konnte nicht falsch sein, oder?

Los jetzt, feuerte mich meine innere Stimme an. Du kannst das, Mama hat’s dir gezeigt.

Ich hielt dem Typen also die Nase zu, öffnete seinen Mund, presste meine Lippen auf seine und atmete tief aus. Verdammt, war das richtig so? Wenn ich es nun vermasselte? Unsicher hob ich den Kopf – und bekam einen Schwall Salzwasser ins Gesicht. Mein Beatmungsopfer hustete und spuckte krampfhaft. Gerade noch rechtzeitig wälzte ich ihn auf die Seite, bevor er den halben Ozean erbrach.

Er keuchte und würgte eine gefühlte Ewigkeit, dann folgte ein tiefer, zitternder Atemzug. Eine Weile hockte ich einfach nur neben ihm. Ich fühlte mich vollkommen erschlagen. Das Adrenalin ließ nach, und ich begann, heftig zu frieren. Jetzt erst merkte ich, wie kalt das Wasser gewesen war, wie stark der Wind pfiff und wie wenig Wärme meinem Körper in den durchnässten Sachen blieb. Wenn schon mir die Unterkühlung drohte, war es für den Geretteten ganz sicher lebensbedrohlich. Wir brauchten Hilfe. Und zwar schnell.

Ich kam taumelnd auf die Füße und blickte um mich. Noch immer trieb sich keine Menschenseele in der Bucht herum. Mein Handy blieb natürlich auch tot. Und Snowflake hatte so gar nichts von einem Rettungshund an sich. Das nächstgelegene Haus mit Telefon war das der Bernhardts, aber es würde eine Ewigkeit dauern, bis ein Rettungswagen die Bucht erreichte. Runter zum Strand konnte er sowieso nicht fahren, der Weg war zu schmal. Was sollte ich nur tun? Der Surfer musste ins Warme, so schnell wie möglich. Dann fiel mein Blick auf Stewarts alten Bootsschuppen. Und ich hatte die rettende Idee.

Na ja, vor allem hatte ich unverschämtes Glück. Denn im Sommer bewahrten die Wassersport-Fans aus dem Dorf ihre Surfbretter und Kajaks in dem Schuppen auf. Zu dieser Ausrüstung gehörte auch ein selbst gebauter Karren, mit dem der ganze Kram am Ende der Saison wieder abtransportiert wurde – eigentlich kaum mehr als ein Brett mit Rädern. Der perfekte Krankentransporter.

Mittlerweile hatte die Haut des Surfers einen bläulichen Ton angenommen, der mir wirklich Angst machte. Eilig streifte ich ihm meinen trockenen Anorak über und hievte ihn auf den Wagen. Und dann schob und zerrte ich mit aller Kraft, die mir noch blieb. Das schwierigste Stück war der Anfang, durch den Sand. Dachte ich. Dann kam der steile Weg die Klippen hinauf – und der hatte es echt in sich. Ein paar Mal verlor ich den Halt, rutschte mit den Füßen weg und konnte gerade noch verhindern, dass mir der Karren aus den Händen glitt. Jedenfalls war mir ganz schnell nicht mehr kalt. Snowflake rannte laut bellend um uns herum, als ob er mich anfeuern wollte. Endlich hatte ich die Kuppe erreicht, ab jetzt war der Weg zum Glück eben, sogar leicht abschüssig. Und das Haus der Bernhardts lag schon in Sichtweite.

»Miss Bernhardt! Miss Bernhardt!« Mein Geschrei scheuchte die zwei alten Damen auf, die gerade friedlich im Vorgarten ihre Rosen beschnitten.

»Du meine Güte!«, rief Hildy, die jüngere, und rückte ihre Brille zurecht. »Ist das nicht die kleine Ella?«

Beinahe hätte ich gelacht, schließlich überragte ich die Schwestern inzwischen um einen ganzen Kopf. Aber die beiden begriffen sofort die Lage und verloren keine Sekunde.

»Schnell ins Haus, setz den Kessel auf, wir brauchen heißes Wasser!«, kommandierte Helen, die ältere Schwester. »Und dann ruf den Notarzt!«

»Wird gemacht!« Ohne nachzufragen, ließ Hildy die Rosenschere fallen und verschwand im Haus.

Helen zog rasch die Handschuhe aus und öffnete das Gartentor. »Ein Badeunfall, was? Aber noch am Leben?«

Völlig außer Atem nickte ich.

»Dann los, Mädchen, nichts wie ins Haus mit ihm. Der Ärmste ist ja ganz blau vor Kälte! Einen Moment …« Mit sicherem Griff tastete sie Beine, Arme und Brustkorb des Bewusstlosen ab. »Scheint nichts gebrochen zu sein. Na komm, ich fasse mit an!«

Mühsam schafften wir ihn vom Karren ins Haus.

»Nach oben, ins Gästezimmer! Hier unten haben wir kein Bett!«, befahl Helen.

Die enge Treppe zogen wir den armen Kerl eher hinauf, als dass wir ihn trugen. Noch ein paar Schritte durch den schmalen Flur, dann hatten wir das Gästezimmer erreicht und legten ihn aufs Bett. Hastig zerrten wir ihm den Anorak und das zerrissene, lange Hemd vom Körper.

Dann zögerte ich. Schließlich hatte ich noch nie einem fremden Mann die Hosen ausgezogen – ob bewusstlos oder nicht.

»Na, was hast du denn, Herzchen?« Die alte Dame blickte mich fragend über den Rand ihrer Nickelbrille an. Dann verstand sie, was los war, und schnalzte tadelnd mit der Zunge. »Das ist doch jetzt wohl zweitrangig, oder?«

Oh Mann, natürlich hatte sie recht. Also zogen wir ihm auch noch die Hose aus, so schnell das eben mit dem nassen Stoff ging. Wobei, eine normale Hose war es gar nicht, sondern irgendein weit geschnittenes, an der Hüfte und den Knöcheln geschnürtes Teil. Er trug auch keine Unterhose im eigentlichen Sinne, eher so etwas wie einen Lendenschurz. Hatte ich schon wieder einen dieser Hipster-Trends verpasst?

Zum Glück war Helen vollkommen beherrscht bei der Sache. Zum Abschluss zauberte sie aus dem schmalen Wandschrank mehrere Decken hervor, in die wir den Bewusstlosen einhüllten.

»Hildy! Was machen die Wärmflaschen? Und wo haben wir das Fieberthermometer?«

»Gleich da!«, schallte es von unten zurück. »Ich hänge beim Notruf noch in der Warteschleife!«

»Wie? Na, das wollen wir doch mal sehen!« Helen Bernhardt drehte sich zu mir, strich energisch ihre Strickjacke zurecht und warf mir einen strengen Blick zu. »Und du, Kleine, ab unter die Dusche! Keine Widerrede!«

Ich hatte keine Widerrede.


Zwei Minuten später stand ich hinter einem mit Rosenblüten bedruckten Duschvorhang und ließ heißes Wasser über meinen Körper laufen. So lange, bis das Kältezittern aufhörte, das Schockzittern anfing und die Tränen kamen. Die Knie wurden mir weich, ich sank in der Wanne zu Boden und heulte mir den Schreck und die Anspannung der letzten Stunde aus dem Leib.

Dann war der Boiler leer. Ich bekam einen Schwall kaltes Wasser ab, der mich aufkreischen ließ und wieder auf die Beine brachte. Ein letztes Mal schniefte ich, atmete tief durch und machte mich ans Abtrocknen. Es klopfte an der Badezimmertür.

»Wenn du so weit bist, Liebes, kannst du das hier erst einmal überziehen«, hörte ich die ältere Bernhardt-Schwester sagen. »Hat Hildy in Hongkong gekauft. Keine Ahnung, was das wieder sollte, wurde noch nie getragen …«

Durch den Türspalt reichte sie mir eine Art Morgenmantel, ein unglaubliches Teil in Dunkelblau und Gold mit aufwendiger Drachenstickerei. Wow. Aber da meine eigenen Klamotten in einem kalten, salzigen Klumpen auf dem Fliesenboden lagen, warf ich mir den Bruce-Lee-Fummel dankbar über. Als ich das Badezimmer verließ, war weder von der einen noch von der anderen Miss Bernhardt etwas zu sehen, doch ich hörte ihre Stimmen im Erdgeschoss. Sie kämpften immer noch mit der Notruf-Warteschleife. Ich tappte den Flur entlang zum Gästezimmer, um nach dem Surfer zu sehen. Vorsichtig öffnete ich die Tür und trat ein.

Er lag noch so da, wie ich ihn verlassen hatte. Regungslos, tief versunken unter einem Berg pastellfarbener Decken und Quilts, den Kopf auf ein Kissen mit Veilchenaufdruck gebettet. Nein, etwas war anders: Zwar sah er noch fahl im Gesicht aus, aber es war nicht mehr diese halb erfrorene bläuliche Blässe, die mich vorhin so erschreckt hatte. Sein Atem ging gleichmäßig und ruhig. Entweder verfügte er über eine bemerkenswerte Konstitution – oder die Bernhardts hatten ganze Arbeit mit ihren Wärmflaschen geleistet. Vermutlich beides.

Leise trat ich an das Bett heran und setzte mich vorsichtig auf die Kante. Mein erster Eindruck hatte mich nicht getrogen: Er musste wirklich ungefähr mein Alter haben. Ich sah in ein ausdrucksvolles Gesicht mit einer geraden Nase und starken Wangenknochen. Mit dem dunklen, leicht gewellten kurzen Haar erinnerte es mich an die Büsten römischer Herrscher, die ich letztes Jahr in einer Berliner Ausstellung gesehen hatte. Kam der Unbekannte vielleicht aus Italien? Seine Lippen waren schmal, aber schön geschwungen.

Der kann bestimmt gut küssen, schoss es mir durch den Kopf.

Whoa, Ella, reiß dich zusammen! Meine innere Stimme verpasste mir einen Tritt in den Hintern. Mädchen, du brauchst echt einen neuen Freund, wenn du schon am Bett eines fast Ertrunkenen an so etwas denkst …

Die Hauptsache war schließlich, dass es ihm offenbar besser ging. Alles andere spielte überhaupt keine Rolle, richtig? Mein Blick fiel auf seine rechte Hand, die unter der Bettdecke hervorschaute. Am Zeigefinger steckte ein großer goldener Ring. War der etwa echt? Statt eines Edelsteins zierte das Schmuckstück eine ovale Scheibe aus Gold mit feinen eingravierten Mustern.

Gerade als ich sie genauer betrachten wollte, hörte ich den Surfer leise aufseufzen. Ich zuckte zurück. Seine Lider flatterten, öffneten sich – und dann blickte ich ihm in die Augen. Sie waren grün. Kein Grasgrün, eher ein Graugrün, aber eine ganz unglaubliche, strahlende Farbe. Wie der Atlantik im Sonnenschein.

Aus so einem Meer müsste mich bestimmt niemand retten, dachte ich versonnen.

Sein Blick schweifte zuerst ziellos in die Ferne, aber dann bemerkte er mich – und fuhr zusammen, als ob man ihm einen Elektroschock verpasst hätte.

»Hey, schon gut.« Ich versuchte, meiner Stimme einen beruhigenden Tonfall zu geben, und legte meine Hand leicht auf die Decken über seiner Brust. »Es ist alles okay. Du warst ein bisschen zu lange im Wasser, aber es ist noch mal gut gegangen. Der Arzt kommt gleich.«

»Nein!«, brachte er hervor. Gehetzt blickte er um sich, stieß meine Hand weg und versuchte, sich aufzurichten. »Nicht … Arzt! Niemand!« Seine Stimme klang heiser, und er sprach mit einem Akzent, den ich nicht einordnen konnte.

»Komm, du musst jetzt ruhig liegen bleiben!«, bat ich. »Verstehst du nicht, das hätte echt übel ausgehen können …« Doch er wehrte sich weiter, erstaunlich kräftig sogar, obwohl ihn sein Kampf mit den Wellen geschwächt haben musste. »Beruhige dich doch! Es ist alles in Ordnung!« Als ich schon dachte, er würde sich wirklich hochstemmen, verließ ihn die Kraft. Sein Atem ging schwerer und er sackte zurück auf das Kissen. »Alles okay. Nur keine Panik«, murmelte ich. »Wir holen einen Arzt, der weiß, was zu tun ist.«

»Nein …« Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. Seine Augenlider zitterten, als würde er gleich wieder bewusstlos werden. Aber er kämpfte dagegen an – und plötzlich packte er meine Hand. Er umklammerte sie in einem geradezu eisernen Griff. Ganz dicht heran zog er mich, sodass ich seine unglaublichen seegrünen Augen besser sehen konnte, als mir lieb war. »Niemand … holen!« Noch nie hatte ich einen Tonfall gehört, der so dringlich und verzweifelt ernst war. »Niemand. Niemand. Sie … finden mich. Sie töten mich. Und … dich auch …«

Dann kippte sein Kopf zur Seite und er war wieder bewusstlos. Doch seine Finger umklammerten noch immer meine Hand. Ich hatte Mühe, sie zu befreien.

Oh Mann. Was war hier eigentlich los?

Kapitel 3

Als ich ins Wohnzimmer der Bernhardts kam, blickten mir die beiden alten Damen erwartungsvoll entgegen.

»Äh … Er war kurz wach und hat gesprochen«, machte ich pflichtgetreu Meldung. »Dann wurde er wieder bewusstlos. Atmet aber ruhig … und sieht auch aufgetaut aus.«

»Oh, das ist gut. Sehr gut!« Helen lächelte und bot mir einen Platz auf der Couch an. Ihr Gesicht erinnerte mich immer an einen gut gereiften Apfel – von der Seeluft gerötete runde Wangen und unzählige Fältchen, dazu scharfe, dunkle Augen, die hinter einer Brille mit Goldgestell hervorblitzten. Ihre Kleidung war jeder Zoll englische Lady vom Lande, stilvoll, aber praktisch: Über der geblümten Bluse trug sie eine dunkelgrüne Wolljacke, passend zum gleichfarbigen knielangen Rock, und feste, vernünftige Lederschuhe, mit denen man vermutlich stundenlang über die Klippen stapfen konnte. Ihre weißgrauen Haare waren zu einem strengen Dutt hochgesteckt. Keine Strähne zitterte, als sie ihrer Schwester auffordernd zunickte. »Hildy, einen Becher Tee, na los …«

»Ich glaub, das kriegt er noch nicht hin …«, murmelte ich und setzte mich.

»Nicht für ihn, Schätzchen, für dich!«

Die jüngere Bernhardt-Schwester kicherte und drückte mir einen riesigen, dampfenden Becher mit verwaschenem Arielle die Meerjungfrau-Aufdruck in die Hand. Dahinter ließ sich mein belämmerter Gesichtsausdruck wunderbar verstecken.

»Beim Notruf spielen sie die ganze Zeit so eine dumme Musik ab und bitten um etwas Geduld«, seufzte Hildy und schob die Zuckerdose zu mir herüber. »Ist das zu fassen? Man stelle sich vor, wir hätten jemanden mit Herzinfarkt hier!«

Sie sah ihrer Schwester im Gesicht unglaublich ähnlich, doch ihr Outfit war eindeutig weniger Laura Ashley als vielmehr Vivienne Westwood: Über einer verwaschenen himmelblauen Batik-Tunika und neongrünen Leggins saß eine kurze Jacke in Hot Pink. An den Füßen trug sie Filzlatschen in Lila und Gold, um den Hals mehrere bunte Perlenketten. Auf ihrer Nase thronte eine riesige Brille mit violett getönten Gläsern, was ihr den Ausdruck eines leicht zugedröhnten Uhus verschaffte, und in ihren grauen Haaren, die zu zwei flotten Knoten gezwirbelt waren, entdeckte ich lila Strähnchen. Schon als Kind hatte ich gestaunt über ihre Aufmachung, die so gar nicht in das Cornwall-Post-kartenidyll passte – und erst recht nicht zu der stilbewussten Helen. Doch trotz des unterschiedlichen Kleidungsgeschmacks waren die beiden Schwestern ein Herz und eine Seele.

Dementsprechend sprang Helen auch jetzt Hildy bei. »Recht hast du! Ich frage mich, wofür wir jedes Jahr höhere Steuern zahlen, wenn am Ende so was dabei herauskommt!«, sagte sie kopfschüttelnd. »Tja, da heißt es wohl erst einmal abwarten und Tee trinken, was, Kindchen?«

»Vielleicht ist das ja auch besser so«, erwiderte ich, hinter meinem Becher verschanzt.

Hildy warf mir einen neugierigen Eulenblick über den Rand ihrer violetten Brille zu. »Du meine Güte, Liebes, was soll denn das bedeuten?«

»Na ja …« Ich zog den Morgenmantel enger um mich. »Es war voll schräg. Kaum wach, ist der Typ total abgedreht. Vor allem, als er hörte, dass wir einen Arzt rufen. Er will keinen Arzt, es soll überhaupt niemand kommen. Er hat gesagt …« Ich holte kurz Luft. »Er hat gesagt, man würde ihn sonst töten. Und mich auch.«

Die Schwestern wechselten einen Blick.

»Was noch?«, wollte Hildy wissen.

»Nichts weiter, dann war er wieder weg«, erklärte ich. »Aber ich glaube nicht, dass er von hier ist. Vielleicht nicht mal aus Großbritannien. Er spricht mit Akzent und hat nach Worten gesucht, Grammatikfehler gemacht. Englisch ist bestimmt nicht seine Muttersprache.«

»Hm …« Helen nahm einen Schluck aus ihrem eigenen Riesenbecher, der in knalligem Blau-Schwarz-Grün die Aufschrift »Jambo!« trug.

Einen Moment lang herrschte Stille. Ich gebe zu, ihre Reaktion überraschte mich. Sollten alte Damen bei Todesdrohungen unter ihrem eigenen Dach nicht vielleicht etwas … was weiß ich, besorgter reagieren? Doch wenn ich das Funkeln in ihren Augen richtig deutete, war da eher Abenteuerlust als Angst.

»Drogen«, verkündete Hildy schließlich dramatisch. »Es könnte mit Drogen zu tun haben.«

»Ein Dealer mit Surfbrett?« Helen warf ihr einen spöttischen Blick zu. »Wir sind doch nicht in Kalifornien!« Dann wandte sie sich an mich. »Was meinst du denn?«

Ich pustete in meine Riesentasse und sagte: »Was macht ein Krimineller auf einem Surfbrett vor Cornwalls Küste? Noch dazu in einem Sturm? Die werden ja wohl auch den Wetterbericht hören …« Ich nahm einen Schluck Tee und überlegte. »Also, ich glaube, er ist ein Flüchtling. Ein Illegaler. Er war draußen auf einem Boot, und dann haben ihn die Schlepper auf dem Brett ausgesetzt, damit er an Land kommt. Vielleicht waren da noch mehr.«

Helen runzelte die Stirn. »Aber wovor hat er solche Angst?«

»Wahrscheinlich vor der Polizei hier«, vermutete ich. »Wer weiß, was die ihm erzählt haben.«

Hildy warf ein Stück Zucker in ihren gigantischen Winnie-Puh-Becher und nickte verständig. »Schön und gut. Was machen wir denn jetzt?«

»Egal, was er sagt, er muss doch untersucht werden, oder?«, fragte ich unsicher. »Vielleicht sollten wir ihn direkt ins Krankenhaus bringen?« Ich fühlte mich ziemlich hilflos. Wäre doch bloß meine Mutter hier!

Die ältere Bernhardt-Schwester warf der jüngeren einen verschwörerischen Blick zu. »Wir könnten deinen Verehrer holen.«

»Colin ist nicht mein Verehrer!«, zischte Hildy empört, schob aber sogleich hinterher: »Du hast recht, das könnten wir. Bei dem läuft bestimmt keine Warteschleife …« Eifrig verschwand sie in Richtung Telefon, begleitet vom Klickern ihrer zahlreichen Perlenketten.

»Dr. Wilkes ist ein alter Freund aus St. Ives«, erklärte mir ihre Schwester augenzwinkernd. »Er ist Arzt. Oder war es. Seine Praxis hat er vor gut zehn Jahren aufgegeben, aber so was verlernt man ja nicht, denke ich. Wenn wir ihn bitten – oder wenn Hildy ihn bittet«, sie schmunzelte, »kommt er bestimmt sofort und schaut sich dein Strandgut an. Und er kann den Mund halten.«

Ich stellte den Arielle-Becher ab und lehnte mich erschöpft in die Kissen der Couch zurück. »Hauptsache, das ›Strandgut‹ wacht während der Untersuchung nicht auf. Dann garantiere ich für nichts …«

Mir fielen die Augen zu, und ich schüttelte mich kurz, um wach zu bleiben. Aber Helen tätschelte mir beruhigend den Arm. »Mach du ruhig ein Nickerchen, Kindchen. Du hast für heute genug getan.«

Und das klang plötzlich nach einer richtig guten Idee.


Es war eine tiefe Stimme mit unverkennbar cornischem Akzent, die mich weckte. Sie klang, als ob sich ein freundlicher Pirat an Land verirrt hatte.

»Kein Wunder, dass ihr beim Notruf nicht durchgekommen seid, meine Lieben«, tönte es aus dem Flur. »Der Sturm letzte Nacht war wohl schlimmer als erwartet. Hat im Süden einen Haufen Dächer abgedeckt und Unfälle verursacht. Und auf See erst! Wie ich gehört habe, wird mindestens ein halbes Dutzend Boote vermisst. Zwei sind bei den Scillies Leck geschlagen und gesunken. Zum Glück keine Toten – bisher …«

Ich zwang mich, die Augen zu öffnen. Das Licht, das in das kleine, zugestellte Wohnzimmer der Bernhardts fiel, hatte sich verändert. Es musste bereits früher Abend sein. Oh Mann, ich war wirklich auf der Couch eingeschlafen! Jemand hatte mich fürsorglich mit einem hellblau gemusterten Quilt zugedeckt. Ich richtete mich auf und zupfte hastig den verrutschten Morgenmantel zurecht.

»Jetzt vielleicht doch ein Tässchen, Colin?« Hildy lugte um die Ecke. »Oh Liebes, du bist ja wach! Kommt, dann setzen wir uns zu dir. Colin, das ist Ella Keane. Ella – Dr. Wilkes.«

Ein grauhaariger Herr betrat das Wohnzimmer, angeführt von den Bernhardts. Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie zerrupft ich aussehen musste, mal ganz abgesehen von meinem schrägen Asia-Look. Dr. Wilkes begrüßte mich förmlich mit How do you do?. Ganz Gentleman der alten Schule. Dazu passte auch der leicht verstaubt wirkende dunkelbraune Dreiteiler, den er trug. »Dir verdankt der Junge da oben also sein Leben, ja?«, sagte er. »Keine Widerrede, so ist es. Schließlich konnte ich mich gerade selbst von seinem Zustand überzeugen. Aber einen Schutzengel hattest du auch, das weißt du, oder?«

Ich murmelte etwas und bemühte mich, den festen Händedruck des Doktors zu erwidern. Er hatte ein zerfurchtes, wettergegerbtes und sehr freundliches Gesicht, das mehr nach einem Kapitän als einem Arzt im Ruhestand aussah. Dann wurde er auch schon in den Sessel neben mir beordert und bekam ebenfalls einen Becher Tee. Darauf prangte ein grünes Cartoon-Krokodil nebst der Aufschrift »No worries, mate!«.

»Nun erzähl aber endlich.« Hildys Stimme unterbrach meine Gedanken. »Wie geht es unserem Gast? Du sprachst von einem Rätsel?«

»Wenn es nur eins wäre …« Dr. Wilkes blickte nachdenklich in die Runde. »Ihr wisst nichts weiter über ihn? Wo er herkommt?« Dabei sah er mich an.

Ich schüttelte den Kopf. »Er war nur kurz bei Bewusstsein. Hatte Angst vor irgendjemandem.«

»Ella vermutet, dass er ein illegaler Flüchtling ist«, schaltete sich Helen ein und reichte einen Keksteller herum. Ich merkte, wie leer mein Magen war, und griff mir gleich eine Handvoll. Custard Creams – schon etwas pappig, aber trotzdem lecker.

»Schätzchen, das weißt du ja noch nicht, aber wir haben in der Zwischenzeit seine Sachen ein bisschen unter die Lupe genommen.« Hildy zwinkerte mir verschwörerisch durch die lila Gläser ihrer Brille zu.

»Und nichts gefunden«, bremste ihre Schwester die Dramatik aus. »Keine Papiere, kein Handy oder Geld, nichts.«

»Da ist dieser Ring …«, fiel mir ein.

Beide nickten zustimmend.

»Massives Gold, dürfte ziemlich wertvoll sein. Sehr feine Arbeit«, meinte Helen mit Kennermiene. »Wirkt wie nach einem antiken Vorbild angefertigt. Aber der Stil sagt uns nichts. Keine Ahnung, aus welchem Kulturkreis der stammen könnte. Falls also Name und Adresse nicht innen eingraviert sind, hilft er uns auch nicht weiter.«

»Übrigens waren keinerlei Etiketten an der Kleidung«, ergänzte Hildy. »Der Stoff ist ausgesprochen hochwertig, soweit man das noch sagen kann. Und alles handgefertigt, schätzen wir.«

»Dann ist er entweder sehr reich«, ich schluckte hastig den Custard Cream hinunter, den ich noch im Mund hatte, »oder er kommt von echt weit her. Ich meine, in welchem Land zieht man sich heute noch so an?«

Nachdenkliche Blicke waren die Antwort.

»Aber entschuldigen Sie, wie geht es ihm denn nun?«, wandte ich mich an Dr. Wilkes und dachte an das Rätsel, das Hildy erwähnt hatte.

Der pensionierte Arzt räusperte sich. »Also, soweit ich das sagen kann, geht es ihm nicht schlecht. Genauer kann ich das erst beurteilen, wenn er wach ist, aber fürs Erste wirkt sein Zustand stabil. Und damit beginnt der weniger klare Teil meiner Anamnese.« Jetzt blickte er mich an. »Er ist erkennbar dehydriert, hat schätzungsweise seit zwei Tagen nichts getrunken. Ich habe einen Tropf mit Elektrolytlösung für ihn improvisiert, den müsstet ihr in etwa zwei Stunden erneuern.«

»Das kann ich machen«, bot ich an. Damit kannte ich mich immerhin aus, dank Mama.

Dr. Wilkes nickte anerkennend und fuhr fort: »Außerdem habe ich Sonnenbrand festgestellt, vor allem an Nacken, Unterarmen, Waden und Handrücken. Eben alle Stellen, die nicht mit Kleidung bedeckt und exponiert waren, wenn er bäuchlings auf dem Surfbrett lag. Das kann er sich nicht gestern geholt haben, bei dem Sturm. Aber vorgestern hatten wir einen wolkenlosen Himmel. Von daher müsste er tatsächlich seit zwei Tagen auf dem Meer gewesen sein.« Die Worte des Arztes klangen bedächtig, als ob er mit sich selbst spräche. »Das ist allerdings höchst unwahrscheinlich – bei diesen Temperaturen, ohne entsprechende Ausrüstung … Ein Freund bei der Navy hat mir einmal gesagt: Im Atlantik ist die Rettungsweste vor allem dazu da, damit deine Leiche nicht untergeht.«

»Er hatte dieses echt coole Surfbrett«, warf ich ein. »Das dürfte seinen Körper komplett über Wasser gehalten haben.«

Der Nicht-Verehrer von Hildy Bernhardt wiegte den Kopf hin und her. »Das könnte der Grund dafür sein, warum er nur unterkühlt und nicht tot ist. Aber noch etwas ist mir aufgefallen: seine Haut. Nicht mitgenommen genug für zwei Tage im Salzwasser.«

»Apropos Haut«, hakte Helen nach.

»Das hast du auch gesehen, ja?« Dr. Wilkes’ Gesicht wirkte jetzt sehr ernst.

»Als wir ihm die Wärmflaschen ins Bett gepackt haben«, nickte Helen, und ihre Schwester nickte ebenfalls, wobei die wilden lila-grauen Haarknoten auf ihrem Kopf bedenklich wackelten.

Haben die drei auch dieses Glühen auf der Brust bemerkt?, fragte ich mich im Stillen. Laut sagte ich nichts, um mich nicht lächerlich zu machen.

»Er hat frische Abschürfungen an den Hand- und Fußgelenken, dazu einige schwere Hämatome im Rippenbereich«, erklärte Dr. Wilkes an mich gewandt. »Hildy hat mir berichtet, dass du ihn von Gurten befreien musstest? Könnten die Spuren daher stammen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Äh … glaub ich kaum. Die waren zwar am Oberkörper befestigt, aber mehr so an Schulter und Hüfte. Arme und Beine konnte er frei bewegen.«

Der Arzt seufzte, als ob er meine Antwort befürchtet hatte. Es fiel ihm sichtlich schwer fortzufahren. »Da sind auch noch diese anderen … Spuren. Hautirritationen, ziemlich schwere. Etwa drei Zentimeter Durchmesser jeweils – und ein eigenartiges Muster. Wie ein Stern mit Strahlenkranz. Je einer unter dem rechten und linken Schlüsselbein, neben den Nackenwirbeln und je einmal an der Innenseite der Unterarme.« Er rieb sich mit der Hand über die Augen. »Ich kann nicht sagen, was das verursacht hat. Eine Verbrennung oder Verätzung? Am ehesten erinnert es mich an einen Quallenstich. Aber einen verdammt ernsten. Ich … als ich damals in Brisbane gearbeitet habe, brachten sie ein Kind zu uns ins Krankenhaus, das beim Baden an eine dieser hochgiftigen Würfelquallen geraten war. Es hat überlebt, aber seine Schreie werde ich nie vergessen. Das hier sieht fast so ähnlich aus. Er ist ja im Meer getrieben …« Dr. Wilkes schwieg einen Moment. »Aber wir sind nicht in Australien, sondern in Cornwall. Und dann diese präzise Verteilung? Nein. Das ist nicht beim Schwimmen passiert. Und auch nicht zufällig.«

Während seiner Worte war eine dumpfe Unruhe in mir aufgestiegen. Mit belegter Stimme fragte ich: »Was wollen Sie damit sagen?«

Er warf mir einen langen Blick aus seinen auf einmal sehr müde wirkenden Augen zu. »Ich bin nur ein einfacher Landarzt. Na ja, war es. Mit solchen Dingen habe ich keine Erfahrung. Aber wenn ich etwas aus meinen Beobachtungen schließen soll …« Er holte tief Luft. »Ich denke, dieser Junge wurde längere Zeit gefangen gehalten. Man hat ihn misshandelt. Vielleicht gefoltert. Und dann … ist er entkommen.«


Das Mondlicht schimmerte durch die Gardinen. Die Bernhardt-Schwestern hatten mich kurzerhand in ihrem zweiten Gästezimmer einquartiert, wogegen ich nur schwach protestiert hatte. Nun lag ich seit bestimmt schon einer Stunde in einem unglaublich weichen Bett unter warmen, leicht nach Lavendel duftenden Decken, war wahnsinnig müde und bekam trotzdem kein Auge zu. Was genau war heute eigentlich passiert? Ich hatte jemanden aus dem Wasser gezogen. So viel stand fest. Nur war dieser Jemand kein Surf-Freak, der sich selbst über- und die Wellen unterschätzt hatte. Nein, dieser Jemand hatte Todesangst und, wenn Dr. Wilkes mit seinen Vermutungen richtiglag, auch allen Grund dazu. Was aber sollten wir jetzt machen? Es kam mir schrecklich unfair vor, dass ich die Bernhardts unwissentlich in etwas hineingezogen hatte, das vielleicht richtig gefährlich werden konnte. Obwohl ich mittlerweile den leisen Verdacht hegte, dass Hildy und Helen von allen noch am besten mit dieser seltsamen Situation klarkamen. Sie wirkten geradezu abenteuerlustig, wenn es um das Geheimnis des Gestrandeten ging.

Ich dachte an die ungewöhnlichen Souvenirs und Fotos, mit denen das Cottage vollgestopft war und die ich schon als Kind bestaunt hatte. Eine Aufnahme zeigte die Schwestern auf einem eisbedeckten Gipfel, noch sehr jung und in unpraktischer altmodischer Ausrüstung. Daneben hing ein mannshohes Indio-Blasrohr mit passendem Pfeilköcher an der Wand. Auf einem gerahmten Zeitungsausschnitt sah man Hildy und Helen in Badeanzügen aus dem vorigen Jahrtausend, erschöpft und glücklich in die Kamera grinsend – nachdem sie, laut Bildunterschrift, den Ärmelkanal durchschwommen hatten. Dann ein Regalbrett voll afrikanischer Masken, die wie Monsterfratzen aussahen. Eine Aufnahme von Hildy und Helen auf Safari, jede mit einem Gewehr in der Hand. Und so weiter und so fort. Ja, all diese Schätze waren mir lange vertraut. Ich hatte sie betrachtet wie die Requisiten eines Theaterstücks. Doch langsam dämmerte mir etwas: Sollten die Abenteuergeschichten, die die Bernhardts uns Kindern erzählt hatten, in Wahrheit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben gewesen sein?

Wenn auch nur die Hälfte davon stimmt, haben die beiden mehr hinter sich, als du jemals erleben wirst, kommentierte meine innere Stimme trocken. Ich musste ihr seufzend recht geben.

Natürlich wollten meine Gastgeberinnen auch nichts von Dr. Wilkes’ Vorschlag hören, unser »Strandgut« doch in ein Krankenhaus zu bringen – oder, noch besser, zur Polizei. Jedenfalls nicht, bevor er aufwachte und erklärte, was er mit seiner Warnung gemeint hatte. Das machte Helen mit resolutem Tonfall klar, Hildy mit einem betörenden Blick aus lila Eulenaugen. Und so hatte Dr. Wilkes zwar zweifelnd den Kopf geschüttelt, aber vorerst Stillschweigen versprochen. Ein bisschen beruhigte ihn meine Versicherung, dass wir beim kleinsten konkreten Verdacht den Behörden Bescheid geben würden. Und dass in einer Woche meine Mutter zu uns stoßen würde, die weiß Gott schon Erfahrungen mit traumatisierten Menschen gemacht hatte. Vielleicht konnte sie uns sogar sagen, welche Sprache der Fremde sprach und aus welchem Land er kam. Dass sie auch erst deutlich später hier in Greycove ankommen könnte, daran wollte ich lieber nicht denken …

Fürs Erste jedenfalls wohnten wir alle unter einem Dach: zwei mehr als rüstige Rentnerinnen, eine überforderte Abiturientin und ein mysteriöser Fremder.

Ein großer, dunkelhaariger und gut aussehender Fremder. Der Klassiker!, flüsterte mir meine innere Stimme spöttisch zu. Und diese Augen! Beschwer dich bloß nicht.

Ich verpasste ihr innerlich eine Kopfnuss.

Ach ja: Und dann war da noch ein Riesenhund, der den Nachmittag getrennt von seinem Teilzeit-Frauchen im Garten der Bernhardts verbringen musste, dort die Hälfte ihrer gepflegten Rasenfläche aufgebuddelt hatte und jetzt schnarchend auf dem weiß lackierten Dielenboden vor meinem Bett schlief.

Ich versuchte, Ordnung in mein wirres Gedankenkarussell zu bringen. Und mich zu beruhigen. War es wirklich denkbar, dass jemand den neuen Hausgast der Bernhardts umbringen wollte? Und dazu jeden, der ihm half? Hatte ich uns alle in Todesgefahr gebracht? Nein, das erschien mir selbst im Dunkel der Nacht zu unwirklich.

Moment mal. Hatte da nicht die Treppe geknarrt?

Ich hielt den Atem an. Zehn Sekunden, zwanzig.

Nichts.

Langsam atmete ich wieder aus.

Toll, Ella, man braucht dir keine Angst zu machen, das erledigst du schon ganz alleine, schimpfte es in mir.

Dann klappte irgendwo eine Tür.

Ich schoss aus meinem Bett hoch. Mein Herz klopfte wie wild. War jemand außer uns im Haus? Snowflake, der Wunderhund, hob träge den Kopf und gähnte mich an. Das entspannte mich trotz allem etwas. Zwar hatte ich noch nie Gelegenheit gehabt, es zu überprüfen, war aber überzeugt, dass mich dieses Vieh im Ernstfall verteidigen würde. Ich zog Snowflake am Halsband hoch und zwang ihn, mit mir das Zimmer zu verlassen. Angestrengt lauschte ich, hörte aber keinen Laut bis auf das leise Ticken der Regency-Uhr, die unten auf dem Kaminsims stand. Mein Blick fiel auf die Tür zum anderen Gästezimmer. Sie stand offen. Und ich begriff: Es war niemand gekommen und ins Haus eingedrungen. Jemand war gegangen.

Wenige Schritte über den Flur und mein Verdacht war bestätigt: Das Krankenbett war leer. Von Dr. Wilkes’ Tropf-Konstruktion baumelte verlassen der Schlauch mit der Infusionsnadel herab. Unser Gast hatte sich aus dem Staub gemacht.

Einen Augenblick später stand ich vor dem Haus der Bernhardts, bekleidet nur mit der wunderbaren Hongkong-Robe und einem Paar pinker Crocs, die ich neben der Tür gefunden hatte. Snowflake kratzte von innen am Holz und winselte flehend.

»Nichts da, du bleibst hier!«, zischte ich ihm zu. »Du gehst mir noch verloren!«

Dann drehte ich mich um und rannte durch den Garten hinaus in die Nacht. Das Mondlicht sorgte für harte, tiefschwarze Schatten. Ich blickte mich suchend um. Von Dr. Wilkes’ Patienten keine Spur. Wohin war er gegangen? Zur Straße? Zu den Klippen? Ich wandte mich Richtung Strand und rannte den Trampelpfad entlang, den ich erst am Nachmittag, also vor einer halben Ewigkeit, entlanggekeucht war. Nichts und niemand war zu sehen. Sollte ich rufen? Nein. Wenn er merkte, dass er verfolgt wurde, würde er vielleicht in Panik geraten. Ihn einfach gehen zu lassen, kam mir nicht in den Sinn – schließlich war er in Schwierigkeiten, und ich fühlte mich für ihn verantwortlich.

Ich brauchte einen Aussichtspunkt, von dem ich das Gelände überblicken konnte. Also stolperte ich hügelan, zu den Klippen, die diese Seite der Bucht überragten und von denen man sowohl den Strand als auch die Wiesen rund um das Haus der Bernhards einsehen konnte. Ich erreichte die Kuppe und sah mich um. Auf der Festlandseite konnte ich keine Bewegung entdecken. Mit den Augen suchte ich den Weg ab, der tief unter mir in schmalen Windungen zum Strand führte. Der dunkle Fleck dort – war das ein Mensch? Ich machte einen Schritt in Richtung der Felskante und beugte mich vor.

Ohne Vorwarnung gab der Boden unter meinen Füßen nach. Erde und Gesteinsbrocken stürzten die Steilwand hinab – und ich mit ihnen. Trotz des Schocks warf ich mich instinktiv im Fallen herum und schlug mit dem Oberkörper auf einem Vorsprung auf. Ich bekam eine Wurzel zu fassen und klammerte mich daran. Verzweifelt tastete ich mit den Füßen nach einem stabilen Halt, doch die Masse aus Erde und Geröll rutschte immer wieder unter mir weg. Vom Strand schallte das Geräusch aufschlagender Steine zu mir hinauf.

Vermutlich hatte ich schon aufgeschrien, als ich den Halt verlor, aber jetzt schrie ich erst recht: »Hilfe! Hört mich jemand?«

Doch wer sollte mich hören? Unser Flüchtling? Der war bestimmt längst über alle Berge. Die Bernhardts vielleicht? Oder Snowflake? Dämlich, dämlich, dämlich!, hämmerte es in meinem Kopf. Jedes Kind wusste, dass man hier nicht zu nah an die Steilkante treten durfte.

Unverhofft fand mein rechter Fuß Halt – einen Sekundenbruchteil lang, dann brach mein Trittstein aus der Wand und stürzte ebenfalls in die Tiefe. Ich klammerte mich verbissen an die Wurzel. Wenn ich mich etwas hochziehen konnte … die Kante war nur zwei Handbreit über mir … Aber selbst das Festhalten wollte mir kaum noch gelingen. Meine Armmuskeln schmerzten bereits vor Anstrengung und meine Füße traten nur noch mehr lose Erde aus der Wand. Schon merkte ich, wie die Wurzel meinen tauben Fingern entglitt – da spürte ich einen festen Griff um mein Handgelenk.

Kapitel 4

»Lass los und greif meinen Arm«, hörte ich eine Stimme dicht über meinem Kopf. »Ich ziehe jetzt. Nicht … zappeln.«

Einen Moment später lag ich bäuchlings im Gras, meine Füße keinen Meter von der Abbruchkante entfernt. Ich drückte meine Stirn in die kühle Erde und holte tief Luft. Für ein paar Atemzüge zählte nichts außer der wunderbaren Gewissheit, wieder festen Boden unter mir zu spüren.

»Geht es dir gut?« Da war sie wieder, die Stimme mit dem fremden melodischen Akzent.

Langsam hob ich den Kopf, unwillig, meinen Kontakt zum stabilen Untergrund schon wieder aufzugeben. Neben mir im Gras kniete der nicht-englische Patient. Ich setzte mich auf.

»Puh, das war knapp«, begann ich. »Du warst echt –«

Doch der Fremde drehte sich abrupt weg und stand auf.

Wie ist der denn drauf?, dachte ich irritiert.

Da deutete er vage in meine Richtung und sagte: »Deine … Garderobe …«

Oh, verdammt. Der Kaiser-von-China-Morgenmantel war total verrutscht und hatte mir ein mehr als großzügiges Dekolleté verschafft. In Windeseile zerrte ich alles zurecht.

»Okay. Kannst wieder gucken«, murmelte ich dann, bestimmt knallrot.

Er wandte sich um, reichte mir galant die Hand und zog mich auf die Füße. Meine Beine fühlten sich noch ziemlich wacklig an, aber sein fester Griff verhinderte, dass ich gleich wieder auf dem Hintern landete. Ich beschloss, unseren Handschlag zu nutzen.

»Hi. Ich … ich bin Ella. Ella Keane. Ähm … Vielen, vielen Dank für deine Hilfe.«

Einen langen Moment blickte er mich wortlos an, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Beleuchtet vom Vollmond, wirkte er mit seinen schwarzen Haaren, der hellen Haut und der dunklen Kleidung wie einem altmodischen Schwarz-Weiß-Foto entstiegen. Die ungewöhnliche Farbe seiner Augen war in diesem Licht nicht zu erkennen, doch sein Blick war klar und wach, als er mich eingehend musterte. Dabei ließ er meine Hand nicht los. Seine Finger fühlten sich warm und trocken an, sicher ein Zeichen, dass es ihm besser ging. Er war groß – mich mit meinen 1,76 Metern überragte er etwa um einen halben Kopf, so dass ich zu ihm aufsehen musste.

Und eine verdammt gute Figur, was?, stichelte meine innere Stimme. Schlank, starke Schultern, durchtrainiert. Könnte schon als Surfer durchgehen.

Ich ignorierte sie und konzentrierte mich lieber auf etwas anderes: Er trug wieder die Kleidung, in der ich ihn gefunden hatte. Sie war noch feucht, lag daher eng an seinem Körper an und sah wirklich sehr kostbar aus. Sein Hemd – wohl eher so etwas wie eine Tunika – reichte ihm bis zu den Knien, die weiten Ärmel bis zum Ellenbogen. Kragen und Saum waren mit feinen Stickereien verziert, die im Mondlicht schimmerten. Eine handbreite, geflochtene Stoffbahn diente als Gürtel. Darunter trug er ein weites, hosenartiges Kleidungsstück von hellerer Farbe. Da ich das Hemd am Strand so rücksichtlos aufgerissen hatte, klaffte es ziemlich weit auf. Verstohlen wanderte mein Blick über die glatte Haut seines Brustkorbs. Von einem Leuchten war jedoch absolut nichts zu sehen.

Langsam, als würde er sich die Worte sorgfältig zurechtlegen, sagte er: »Ich erkenne dich. Ich habe dich gesehen, in diesem Zimmer. Und … im Wasser.«

Aha. Er war anfangs also noch bei Bewusstsein gewesen. Ich nickte. »Ich war zufällig am Strand und habe dich da draußen entdeckt. Dann habe ich versucht, dir zu helfen. Schätze, jetzt sind wir quitt, was?« Mein Tonfall war bewusst locker – ich fand, wir hatten für diesen Tag genug Drama gehabt.

Aber das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. »Quitt … kein Gedanke. Du hast dich für mich in tödliche Gefahr gebracht.« Seine Stimme klang rau. Im nächsten Augenblick kniete er vor mir auf dem Boden, ein Bein angewinkelt, den Kopf gebeugt. Meine Hand lag immer noch in seiner – und einen Moment lang dachte ich schon, er wollte sie küssen. Doch stattdessen führte er sie an seine Stirn und sagte: »Ella Keane, du hast mir das Leben gerettet und dabei das deinige riskiert. Diese Schuld kann nicht beglichen werden. Aber ich schwöre bei allen Göttern, beim Wind, bei der Erde und der See, ich werde es versuchen.«

Ach du Schande. Was sollte ich jetzt bloß sagen? Erwartete er etwa eine ähnlich formale Erklärung? Mir fiel nichts ein außer: »Äh … Ist schon okay.« Er kniete weiter vor mir wie ein Mann, der den Ritterschlag erwartet. Oder die Antwort auf einen Heiratsantrag. Mit beidem hatte ich nicht die geringste Erfahrung. Schließlich murmelte ich: »Stehst du jetzt bitte mal wieder auf?«

Einen Moment später war er wieder auf Augenhöhe mit mir. Meine Hand bekam ich auch zurück, genau wie sein Lächeln.

Das ermutigte mich. »Verrätst du mir deinen Namen?«

Darüber schien er ernsthaft nachzudenken. Dann sagte er zögernd: »Ich heiße Aris.«

»Aris«, wiederholte ich. Den Vornamen hatte ich noch nie gehört. »Und … weiter?«

Stille.

»Woher kommst du?«

Er schüttelte den Kopf. »Das kann ich dir nicht sagen.«

Okay. Ich atmete kurz durch. »Hör zu«, versuchte ich es auf die vernünftige Art. »Ich bin sicher, du hast ganz schön was mitgemacht, um hierherzukommen. Und du weißt nicht, wem du vertrauen kannst. Das verstehe ich. Ehrlich gesagt, hab ich keine Ahnung, wie wir die Sache am besten angehen, aber ich kenne Leute, die dir helfen können. Wenn du hierbleiben willst, musst du allerdings auch ein paar Regeln befolgen.«

»Hierbleiben?« Aris sah mich an, als hätte ich ihm vorgeschlagen, sich einen dritten Arm wachsen zu lassen. »Ich will doch nicht hierbleiben! Ich darf es nicht. Ich muss unbedingt zurück nach … ich meine, zu meinen Leuten. So schnell wie möglich.«

»Aber …« Jetzt wusste ich echt nicht weiter. »Ich dachte, du bist ein Flüchtling!«

»Geflohen bin ich«, nickte er düster. Unwillkürlich rieb er sich die Handgelenke, als spürte er dort immer noch Fesseln. Bei der Bewegung klaffte der zerrissene Ausschnitt seines Hemdes auf, sodass das Mondlicht auf seine Haut fiel. Unter dem rechten Schlüsselbein erblickte ich zum ersten Mal bewusst einen der sternförmigen Abdrücke, die Dr. Wilkes sich nicht erklären konnte.

»Davor?«, fragte ich leise und wies darauf.

Hastig wandte er sich ab und richtete den Stoff. Sein Körper war plötzlich angespannt wie ein Wildtier in der Falle. Ich war zu weit gegangen. Wie einen Vorwurf spürte ich dumpf meinen Herzschlag. Was sollte ich tun, wenn er nun davonrannte?

Aris schien einen kurzen Kampf mit sich auszutragen. Schließlich trat er zu mir und legte mir sachte die Hände auf die Schultern. »Ella Keane …«

Die ungewohnte, vertrauliche Geste verpasste mir ein eigenartiges Ziehen in der Brust. Ich murmelte: »Nur Ella. Keane ist mein Nachname. Der … der Name meiner Familie.«

»Ella.« Er sah mir direkt in die Augen. Sein schön geschnittenes Gesicht war ernst und konzentriert, doch ich konnte auch Anspannung und Erschöpfung darin erkennen. »Ich will dich nicht anlügen. Aber alles erklären kann ich dir auch nicht. Es … es ist nicht nur mein Geheimnis, verstehst du?«

Leider verstand ich überhaupt nichts.

Die letzten Stunden waren eindeutig noch nicht richtig bei mir angekommen. Standen da wirklich mitten in der Nacht auf den Klippen hoch über dem Meer die kleine Ella Keane und ein geheimnisvoller Fremder namens Aris, die in den letzten Stunden beide fast umgekommen waren? Oder war ich in Wirklichkeit im Flieger eingeschlafen und würde gleich mit steifem Nacken aufwachen? Ich hätte mich gern gekniffen, aber die blauen Flecken von meinem Sturz schmerzten schon genug. Der Nachtwind verschaffte mir eine Gänsehaut, dafür spürte ich die Wärme von Aris’ Händen durch den dünnen Stoff an meinen Schultern umso deutlicher. Nein … das hier war ohne Zweifel real. Ich rang mir also ein Nicken ab.

»Gut.« Er schien erleichtert. »Dann erzähle ich dir, was ich kann.«

Ich lächelte schwach. »Können wir uns dafür vielleicht wieder hinsetzen? Ich glaub, ich kipp gleich um.«

Er lächelte zurück. »Gute Idee. Ich auch.«


Kalt und still lag die Bucht unter uns, nur das sanfte Rauschen der Wellen klang zu uns herauf. Der Mond war ein Stück weiter über den klaren Himmel gezogen.

Aris saß dicht neben mir. Ich spürte die Feuchtigkeit, die von seiner Kleidung ausging und die für ihn alles andere als angenehm sein musste. Ich fror ja selber in meinem blau-goldenen Seidenfähnchen. Aber keiner von uns machte Anstalten, zum Haus der Bernhardts zurückzukehren und sich aufzuwärmen.

Nach einer Weile begann er zu sprechen. Sein Englisch war trotz des Akzents nahezu fließend, doch manchmal suchte er erkennbar nach dem richtigen Wort. »Ich habe dir gesagt, dass ich geflüchtet bin. Aber nicht, wieso. Du musst wissen … Meine Familie ist sehr einflussreich in meiner Heimat. Mein Vater ist der … ist ein Herrscher. Er hat große Ziele. Und viele Feinde. Das haben wir in den letzten Jahren zu spüren bekommen.« Er starrte hinaus auf das Meer. »Aber ganz ehrlich: Ich dachte lange nicht, dass mich das wirklich kümmern muss.« Jetzt blickte er mit einem schiefen Grinsen im Gesicht zu mir. »Ich bin nur der dritte Sohn, verstehst du? Und, hm … so etwas wie das schwarze Schaf der Familie.«

Echt jetzt? Ich überschlug kurz den Eindruck, den ich bisher von Aris gewonnen hatte. Wenn er das schwarze Schaf war – wie außergewöhnlich musste der Rest der Familie dann sein?

Er fuhr fort, nun wieder ganz nüchtern: »Letztes Jahr ist mein ältester Bruder gestorben. Ermordet, glauben wir. Eine politische Intrige, um meinen Vater und seine Nachfolge zu schwächen. Vor einigen Wochen hat es dann meinen zweiten Bruder getroffen. Er – er hatte einen schweren Unfall. Wenn es ein Unfall war. Noch schwebt er zwischen Leben und Tod. Wir beten, dass er sich erholt …« Unwillkürlich berührte er mit der Linken den Goldring an seinem Finger.

»Das tut mir so leid«, sagte ich mitfühlend.

Aris nickte und schluckte. »Das Gleichgewicht verschiebt sich. Jeder konnte es spüren. Nur ich nicht. Ich wollte es wohl nicht wahrhaben. Und dann … hat es mich erwischt. Sie haben mich erwischt.«

»Wen meinst du?«, fragte ich flüsternd.

»Aufständische. Verschwörer. Sie handeln aus dem Schatten heraus. Sie hatten den Befehl, mich lebend zu fangen. Zuerst dachte ich, sie wollten so meinen Vater erpressen. Aber es ging um etwas anderes.«

Seine Stimme stockte. Ich hielt den Atem an und war mir auf einmal gar nicht mehr sicher, ob ich den Rest wirklich hören wollte.

Doch Aris sprach weiter. Er klang abwesend, als müsste er sich mühsam an etwas erinnern, das vor langer Zeit geschehen war. »Ich bin mir sicher, dass sie mich töten wollten. Nur sollte ich ihnen vorher noch etwas verraten. Ein Geheimnis, das meine Familie hütet.« Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken, wo Dr. Wilkes ebenfalls die seltsamen Male entdeckt hatte.

Was haben sie mit dir gemacht?, dachte ich erschrocken. Vorsichtig fragte ich: »Und … hast du es ihnen gesagt?«

»Ich weiß nicht.« Er senkte den Blick. »Aber ich … ich kann es mir nicht anders vorstellen.« Er sah mich wieder an, und ich konnte in seinem Gesicht lesen, wie schwer es ihm fiel, über all das zu reden.

»Du bist ihnen entkommen«, stellte ich fest und bemühte mich, meiner Stimme einen aufmunternden Klang zu geben. Irgendwie musste ich ihn doch aus seinen schwarzen Gedanken herausholen! »Wie hast du das geschafft?«

Er rieb sich mit der Hand über die Augen. »Unter denen, die mich gefangen hielten, war einer, den ich kannte. Er … hatte Mitleid. Oder ein Gewissen. Er hat die anderen hintergangen, hat mich befreit und aus ihrem Unterschlupf herausgeschmuggelt. Was ihn das gekostet hat, weiß ich nicht. Mir blieb keine Wahl, keine Zeit zum Nachdenken. Er hatte ein Skriff für mich gestohlen. Damit bin ich entkommen.«

»Ein … was?«, fragte ich. »Meinst du das Brett, auf dem ich dich an Land gezogen habe?«

Er nickte. »Eine Notfallausrüstung zum kurzfristigen Überleben auf dem offenen Meer. Es hat einen kleinen Antrieb und auch einen Signalsender. Den einzuschalten habe ich allerdings nicht gewagt. Meine einzige Chance war das Festland. Ich habe gebetet, dass sie mich nicht finden, bevor ich es erreiche. Oder dass ich stattdessen auf meine Leute stoße. Schließlich war der Antrieb jedoch erschöpft. Der Sturm trieb mich zur Küste. Und da … hast du mich gefunden.«

Ich lächelte ihm zu, aber Aris reagierte nicht, sondern schien wieder ganz in Gedanken versunken.

»Ich muss zurück, unbedingt. Meine Eltern müssen wissen, dass ich noch lebe. Dass … dass ich uns wahrscheinlich alle in Gefahr gebracht habe. Vielleicht können wir die Verschwörer dann noch aufhalten.«

»Und du denkst, die sind immer noch hinter dir her«, bemerkte ich.

Er warf mir einen fragenden Blick zu.

Ich räusperte mich. »Als du das erste Mal aufgewacht bist, da hast du gesagt …« Ich schluckte kurz. »Du hast gesagt, wenn jemand von deiner Anwesenheit hier erfährt, wirst du getötet. Und … ich auch. Also, ich nehme an, jeder, der dir hilft, nicht speziell ich.«

»Daran erinnere ich mich nicht«, murmelte er. »Ich … ich war wohl nicht ganz bei mir. Aber ja, sie suchen mich bestimmt.«

»Und … wenn sie dich finden?«

»Ich bin eine Gefahr für dich und deine Leute«, sagte er ernst. »Das war einer der Gründe, warum ich gegangen bin.«

»Aber was hattest du denn vor? Wohin wolltest du, mitten in der Nacht? Wo ist deine Heimat?« Ich musste einfach fragen. »Versteh doch … ich will dich nicht aushorchen, ich will dir helfen!«

»Ich brauche das Skriff«, erwiderte er. »Das ist meine einzige Chance. Mit ein bisschen Ruhe und Werkzeug kann ich die Einstellungen des Peilsenders verändern. Dann sendet er ein gezieltes Signal, das hoffentlich nur meine Leute erreicht und nicht von den Verschwörern abgefangen wird.«

»Deshalb bist du zurück zum Strand«, schloss ich. »Aber da wirst du es nicht mehr finden.« Unglücklich zog ich die Schultern hoch. »Ich dachte, es ist bloß ein Surfbrett, und hab’s in der Brandung liegen gelassen. Doch inzwischen war Flut …«

Aris antwortete erst nicht. Dann sagte er leise: »Es ist nicht mehr am Strand. Ich habe schon gesucht. Bei diesem Licht könnte man es gar nicht übersehen. Meine letzte Hoffnung war, dass du es vielleicht versteckt hast.«

Ich schüttelte stumm den Kopf.

Er blickte zur Seite, atmete langsam aus und murmelte schließlich: »Dann … weiß ich nicht weiter.« Er sank in sich zusammen, als ob man die Fäden einer Marionette abgeschnitten hätte.

»Aber ich!« Erklären konnte ich es nicht, aber es traf mich bis ins Mark, diesen jungen Fremden, den ich erst seit ein paar Stunden kannte, so … so besiegt zu sehen. Ja, seine Geschichte klang unglaublich, und ich hatte keinerlei Beweise dafür, dass sie der Wahrheit entsprach. Trotzdem vertraute ich ihm. Und ich konnte nicht zulassen, dass er aufgab. Entschlossen wandte ich mich zu ihm und fasste ihn an den Oberarmen. »Pass auf. Ich habe Freunde hier. Gute Freunde, auf die Verlass ist. Die kennen die Gegend wie ihre Westentasche, wissen alles über die Gezeiten und Strömungen. Strandgut treibt hier oft von Bucht zu Bucht. Ich bin sicher, wir haben noch eine Chance, dein … Dings zu finden.«

Er hob den Kopf. In seinen Augen leuchtete ein Funken Hoffnung auf.

Schnell fuhr ich fort: »Wenn dich diese Kerle bisher nicht aufgespürt haben, wissen sie wahrscheinlich nicht, wo genau du dich befindest – nicht mal, dass du an Land gegangen bist. Das verschafft uns Zeit, richtig?«

Er nickte langsam, fast widerwillig. »Trotzdem, das Risiko für dich …«

Ich unterbrach ihn: »Lass mich meinen Freunden deine Geschichte erzählen und sie um Hilfe bitten. Sie werden dich nicht verraten, ganz sicher. Vertraust du mir?«

Aris senkte den Kopf und wurde still. Er focht einen weiteren inneren Kampf aus, das merkte ich deutlich. Dann blickte er wieder auf und sah mir genau in die Augen.

Kapitel 5

»Und was hat er geantwortet? Jetzt komm schon, Ella!«

Der nächste Tag war da. Ich saß bei strahlendem Sonnenschein vor dem Imbiss auf der Hafenmauer von Greycove. Lisa neben mir zappelte ungeduldig. Sie war nicht nur meine Cornwall-Ferienfreundin seit Kindertagen, sondern einfach meine beste Freundin überhaupt, auch wenn wir uns meist nur in den Sommerferien sahen.

Sie war ein Jahr jünger als ich, hatte die kurvige Figur und die langen, blonden Locken, die ich mir heimlich wünschte, und ein ausgesprochen schwärmerisches Temperament. Ihr kleines Zimmer war vollgestopft mit Liebesromanen und Disney-Merchandise. Zwar wusste sie noch nicht genau, welcher Beruf einmal der richtige für sie sein würde – aber ein Ziel hatte sie auf jeden Fall schon jetzt: die Welt erobern und dabei ihren Traumprinzen finden. Eine Menge Leute aus ihrem Umfeld hielten sie deshalb für naiv und überspannt, aber ich beneidete sie dafür, dass sie wenigstens solche festen Vorsätze hatte. Schließlich wusste ich selbst noch so gar nicht, was ich mit mir anfangen sollte, und dabei musste ich mich schon in einem Jahr für irgendetwas entscheiden. Medizinstudium, wie meine Mutter? Lehramt? Irgendwas mit Medien? Na ja, im Zweifel schob ich halt ein Gap-Year ein, das planten einige aus meiner Klasse.

Wer Lisa ebenfalls für zu überschäumend hielt, war ihr großer Bruder. Kenneth Rowe war sechs Jahre älter als sie, bärtig und riesengroß, doch dank seiner dunkelblonden Haare und braunen Augen war die Familienähnlichkeit unverkennbar. Charakterlich war er ihr genaues Gegenteil: Er stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden – oder auf dem Deck seines Fischkutters – und war geradezu die Definition von Verlässlichkeit. Ausufernde Fantasie gehörte für ihn zwischen zwei Buchdeckel, nicht in den Alltag oder in Zunkunftspläne. Diese Einstellung hatte ihm das Leben schmerzhaft eingehämmert: Denn die Rowe-Geschwister hatten schon als Kinder ihre Eltern verloren und waren mehr schlecht als recht bei ihrem Onkel untergekommen. Kenneth hatte ihm früh beim Fischen helfen müssen. Als der Onkel starb – weil er, wie so oft sturzbesoffen, in das Hafenbecken von Greycove gefallen war –, übernahm es Kenneth, für sich und Lisa zu sorgen. Wenn er auch manchmal etwas brummig und verschlossen wirkte – für Lisa hätte er sich zerreißen lassen. Und für mich, seine kleine »Teilzeit-Schwester«, vermutlich auch.

»Ella Mortadella!« Lisa tippte mir ungeduldig mit dem Plastiklöffel ihres Frozen-Yoghurt-Bechers gegen die Nase. Sie war restlos begeistert von meinem Abenteuer und wollte jetzt natürlich alles wissen. Ich gebe zu, es tat gut, die Geschichte mit meiner besten Freundin zu teilen. Vor allem aber brauchte ich die Unterstützung ihres Bruders, der vor Greycove jeden Felsen und jede Strömung kannte und mir sicher helfen würde.

Ich wehrte Lisas Attacke mit meinem eigenen Löffel ab. »Ist ja gut! Er hat gar nichts weiter gesagt. Nur genickt. Aber wir sind dann zusammen zurück ins Cottage der Bernhardts und heute Morgen war er noch da, also …« Also vertraut er mir hoffentlich wirklich, führte ich den Satz in Gedanken zu Ende.

Lisa vibrierte geradezu vor Aufregung. »Wahnsinn! Ein Fremder mit einem dunklen Geheimnis … Und du hast ihn gerettet. Wie romantisch!«

»Irre romantisch«, erwiderte ich trocken. »Vor allem der Teil, als er mir einen Eimer Meerwasser ins Gesicht gespuckt hat.«

Doch sie ließ sich nicht beirren. »Und jetzt helfen wir ihm, wieder nach Hause zu kommen … Warte nur, bis Kenny das erfährt!«

»Vielleicht müssen wir ihm nicht alles erzählen, oder?«, bat ich. »Du kennst ihn doch.«

»Du hast recht.« Sie nickte heftig, wobei ihr goldblonder Pferdeschwanz auf und ab hüpfte. »Er würde sicher kein Wort glauben.«

Aber du schon, Lisa, dachte ich amüsiert. Und was bin ich gerade dankbar für deine Vorstellungskraft!

»Wir fragen ihn einfach nur, wohin Strandgut von den King’s Steps am ehesten treibt«, sagte sie, checkte auf ihrem Handy die Uhrzeit und schaute hinaus auf das glitzernde Meer. »Er müsste bald wieder reinkommen von seiner Angeltour.«

Doch zunächst kam jemand ganz anderes in Greycove an.

Als Erstes hörten wir das Wummern eines starken Automotors. Ein dunkelgrüner Jaguar drängte sich um die enge Kurve, die zum Hafenbecken von Greycove führte. Der Motor heulte noch einmal auf, dann schoss der Wagen an uns vorbei und stoppte kurz vor dem Übergang zum Pier.

Der Fahrer stieg aus. Es war ein junger Typ mit kastanienbraunem, perfekt geschnittenem Haar, eine Sonnenbrille in seinem aristokratischen Gesicht. Seine Klamotten sahen ziemlich teuer aus – Hemd und Sakko, so die Upperclass-Nummer. Besitzergreifend musterte er die Umgebung: die malerischen, aber leicht heruntergekommenen Fassaden der schmalen grauen Häuser, das Hafenbecken mit seinen wenigen Booten, den schäbigen Imbiss … und uns.

Neben mir war Lisa zur Salzsäule erstarrt. Nun stieß sie ein kleines Quietschen aus. »Das ist Tristan!«

Ich guckte etwas genauer hin. »Könnte sein … Den hab ich ja seit Jahren nicht mehr gesehen. Studiert bestimmt noch in Oxford, oder?«

Lisa nickte, hatte mir aber definitiv nicht zugehört. Sie starrte weiter zur gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens, wo sich der Neuankömmling nach einer offensichtlich langen Fahrt gerade ausgiebig reckte – was bei seiner sportlichen Figur echt sehenswert war. Mittlerweile waren noch drei weitere, ähnlich angezogene Typen aus dem Wagen gestiegen und taten es ihm gleich.

Ich blickte Lisa an und überlegte, ob ich jetzt ihr mit meinem Löffel gegen die Nase klopfen sollte. Na, na, flüsterte meine innere Stimme. Die Ankunft des Kronprinzen von Greycove ist es schon wert, einen Moment auf Pause zu drücken, oder?

Tristan Prideaux war der einzige Sohn und Erbe von Oliver Prideaux und entstammte damit einer der ältesten Familien Cornwalls. Dem Senior gehörten fast das gesamte Dorf und weite Teile des umliegenden Landes. Das war ihm aber nicht genug gewesen, denn er hatte sich schon in früher Jugend darangemacht, die Hochfinanzwelt zu erobern – mit Erfolg. Den Stammsitz seiner Familie, ein ziemlich beeindruckendes Herrenhaus zwei Meilen außerhalb von Greycove, nutzte er nur noch für Stippvisiten. Tristan, der Goldjunge, sollte natürlich in die Fußstapfen seines Vaters treten und eines Tages dessen Finanzimperium übernehmen. Die Vorbereitungen liefen, wie man so hörte – Wirtschaftsstudium in Oxford, Praktika bei amerikanischen Top-Unternehmen, Bullingdon Club …

Lisa und ich kannten Tristan von früher. Er war ein paar Jahre älter als wir und ebenso wie ich vor allem als Sommergast in Greycove aufgetaucht. Das hätte uns vielleicht zu Freunden machen können, aber Tristan ließ sich nicht oft im Dorf oder an den Stränden sehen. Wenn doch, beachtete er uns nicht. Und wir waren natürlich zu schüchtern, den älteren Jungen anzusprechen. Stattdessen himmelten wir ihn von Weitem an und malten uns die schönsten Aschenputtel-Szenarios aus. Seit er auf die Uni ging, hatte Tristan sich praktisch gar nicht mehr in Cornwall blicken lassen. Doch jetzt war er mal wieder im Lande. Greycove hatte sich wohl überlegt, mir diesen Sommer so richtig was zu bieten.

»Er kommt hierher«, hauchte Lisa und stieß mir ihren Ellenbogen in die Seite.

Tatsache: Seine Freunde im Schlepptau, schlenderte Tristan am Hafenbecken entlang in unsere Richtung. Wir bemühten uns um Coolness und versuchten, unbeeindruckt unser Eis weiterzulöffeln, das mittlerweile eher zu Unfrozen Yoghurt geworden war.

Ein paar Schritte vor uns blieb der Prideaux-Erbe stehen und nahm lässig seine Sonnenbrille ab. Dahinter kamen die eisblauen Augen zum Vorschein, die uns damals ganz schön viele schlaflose Nächte gekostet hatten. »Ladys«, grüßte er uns.

»Hi«, antwortete ich, hoffentlich ebenso lässig. Lisa saß stumm neben mir, wie das Kaninchen vor der Schlange.

Tristans Blick fiel auf die Becher in unseren Händen. Mit gespielter Missbilligung fragte er: »Eis? Am Vormittag? Ich dachte, ihr Mädels achtet immer so auf eure Linie!«

»Das ist Frozen Yoghurt«, informierte ich ihn hoheitsvoll. »Fettfrei und zuckerreduziert.« Ich grinste zu ihm hoch. »Genuss ohne Reue, Tristan.«

Er runzelte einen Moment die Stirn, dann erinnerte er sich. »Warte mal … Ella, richtig? Die aus Deutschland?«

Ich nickte.

Ziemlich unverhohlen musterte er mich von Kopf bis Fuß. »Hast dich verändert.«

Du wohl auch, dachte ich belustigt. Vor ein paar Jahren hast du uns nicht mal gegrüßt!

Sein Blick schweifte zu meiner Freundin und er hob anerkennend die Augenbrauen. »Du bist die Schwester von diesem Rowe, oder?«

»Lisa«, antwortete sie, ihre Stimme gut eine Oktave höher als sonst.

Er schenkte uns ein 100-Watt-Lächeln, drehte sich dann zu seinen Kumpels um. »Und ich warne euch noch, dass ihr in Greycove nur alte Fischweiber findet. Stattdessen bekommen wir ein erstklassiges Empfangskomitee!«

Die anderen lachten beifällig.

»Aber wo sind meine Manieren? Leute, das sind Ella und Lisa. Wir kennen uns von früher.« Er zwinkerte seinen Freunden zu, als ob er mehr als eine simple Bekanntschaft mit uns andeuten wollte. »Ladys: Der Rotschopf heißt Ralph, das blonde lange Elend ist Charles und das dünne Hemd mit den schwarzen Haaren ist Jacob. Wie ich alles Mitglieder im Oxford Fencing Club.«

»Die was zu feiern haben!«, ergänzte Ralph mit dröhnender Stimme und schlug Tristan kräftig auf die Schulter. »Der Kerl hier hat uns gerade den Sieg gegen die Poser von Cambridge erkämpft!«

»Ach, ihr fechtet?«, erkundigte ich mich interessiert.

Tristan nickte. »Lief ziemlich gut die letzten Jahre. Ich komme demnächst in die Auswahl für unsere Olympiamannschaft.«

»Wie cool!«, hauchte Lisa.

Ich war ebenfalls beeindruckt. »Na dann, herzlichen Glückwunsch!«

»Die Jungs hier sind aber auch nicht schlecht«, meinte Tristan gönnerhaft. »Ralph und Charles sind Spezialisten fürs Florett – das sind die Degen mit der ganz dünnen Klinge –, aber ich kämpfe mit dem Säbel. Familientradition. Tja, und Jacob …« Er grinste zu dem schwarzhaarigen Schlacks hinüber. »Jacob ist richtig gut im Taschentragen.« Seine Kumpel lachten, auch wenn Jacob das vermutlich nicht ganz so witzig fand.

Tristan schien einen Moment über etwas nachzudenken. Dann sagte er beiläufig: »Wie gesagt, wir haben was zu feiern. Deshalb schmeiße ich morgen Abend ’ne große Party auf unserem Anwesen. Wart ihr da eigentlich schon mal?«

Oft sogar, antwortete ich im Stillen, aber nur, weil wir uns hingeschlichen haben. Nicht auf deine Einladung hin.

Er wartete ohnehin keine Antwort ab, sondern fuhr nonchalant fort: »Fast der ganze Club wird da sein, na, und ein bisschen einheimische Füllmasse. Kommt doch auch!«

»Als Füllmasse?«, fragte ich ironisch.

»So war das nicht gemeint. Ich würde mich wirklich freuen.«

Ich blickte in seine eisblauen Augen und dachte an eine ganz andere Farbe. War das etwa der Grund, warum mich das Gespräch mit Tristan nicht so umwarf wie meine Freundin?

Blödsinn, entschied ich. Meine Schwärmerei für ihn war mit den Jahren einfach abgekühlt und meine erste echte Beziehung – oder vielmehr ihr Ende – hatte mich in puncto Traumprinzen etwas ernüchtert.

Lisa dagegen war kurz vor dem Schmelzpunkt und nicht wirklich sprechbereit. Also antwortete ich für uns beide: »Mal gucken, was unser Terminkalender sagt.«

Tristan nahm das als Ja. »Könnt auch noch wen mitbringen«, ergänzte er großzügig und zwinkerte uns zu. »Aber nur was Gutaussehendes, okay?«

Wow, charmant! Ich schnaubte spöttisch. Doch bevor ich den Spruch passend kommentieren konnte, wurde ich abgelenkt. An der gegenüberliegenden Seite des Hafens war etwas passiert, auf das keiner von uns geachtet hatte: Kenneths Kutter, die »Minnie«, war gerade eingelaufen und machte fest – im Schlepptau eine kleine weiße Segeljacht. Mehrere Leute standen am Kai und wirkten sehr aufgeregt. In diesem Moment bog ein Streifenwagen um die Ecke und fuhr langsam über das holprige Pflaster zu ihnen hinunter.


»Wahnsinn! Er macht ’ne Party! Und wir sind eingeladen!« Lisa war immer noch auf Planet Tristan, auch wenn der und seine Satelliten unsere Umlaufbahn bereits in Richtung Prideaux Hall verlassen hatten. Aber dann kam ihr ein Gedanke und das Strahlen wich einer verzweifelten Miene. »Mann, Kenny lässt mich da bestimmt nicht hin! Der ist grad voll sauer auf die Prideaux’ wegen der letzten Mieterhöhung. Und außerdem darf ich eh nie was Cooles allein machen …«

»Na und?«, murmelte ich abwesend. »Geh doch trotzdem, bist schließlich nicht mehr zwölf.«

»Du kommst aber mit, ja?«

»Mal sehen …« Gerade war ich mehr daran interessiert, was die Polizei in Greycove wollte. Das konnte doch nichts mit Aris zu tun haben, oder? »Lass uns mal rübergehen, okay?«

Wir schlenderten den Kai entlang in Richtung der beiden frisch eingetroffenen Boote. Mittlerweile hatte sich dort halb Greycove versammelt, und alles beobachtete neugierig, wie die Beamten an Bord der Segeljacht herumstöberten. Inmitten der Menschenmenge entdeckte ich Mr. Coad, den Hafenmeister, der sich wild gestikulierend wichtigmachte.

Auf halbem Wege kam uns Kenneth entgegen, Bart und Haare vom Wind zerzaust. Wie fast immer trug er Jeans und einen grauen, ausgeleierten Wollpullover. Als er Lisa und mich sah, leuchteten seine Augen auf. Im nächsten Moment steckte ich in einer bärigen Umarmung fest.

»Ella! Ich wusste gar nicht, dass du schon angekommen bist!«

»Ich hab dir vier Nachrichten geschickt«, moserte Lisa. »Wenn du mal auf dein Handy gucken würdest …«

»Ich kann die Dinger nicht ab, das weißt du genau«, knurrte Kenneth in ihre Richtung. »Diese winzigen Bedienfelder! Du mit deinen Babyhänden kommst damit vielleicht klar …«

Ich grinste und dachte: Schön, dass sich manche Dinge nie ändern.

Wie immer in Kenneths Nähe stieg ein warmes Gefühl der Vertrautheit in mir auf. Er war mehr großer Bruder als Kumpel für mich, doch im Gegensatz zu Lisa bekam ich seine brummige Seite so gut wie nie zu spüren. Na gut, ich sah ihn ja auch viel seltener – und mit echten Geschwistern kabbelt man sich eben mehr, wie die beiden gerade wieder bewiesen.

»Weißt du, es gibt da jetzt diese Senioren-Handys«, flötete Lisa, »mit extragroßen Tasten und gaaanz einfach zu bedienen. Vielleicht wär das was für dich?«

»Ich brauch eher eins mit automatischer Abschaltung – für dein Mundwerk!«, kam prompt die Antwort. »Und für deinen anderen Online-Quatsch gleich mit. Wir knapsen jeden Monat mit der Kohle, aber Prinzessin Lisa muss timbern …«

»Das heißt Tinder! Und das war kostenlos! Hab die App außerdem längst gelöscht, ich wollt ja nur mal gucken …«

»Eine wird gelöscht, zehn neue kommen dazu, alle gleich dämlich und überflüssig.« Er schaute grimmig, was bei seiner Statur und dem bärtigen Gesicht ganz schön bedrohlich wirkte, Lisa aber überhaupt nicht beeindruckte.

Dann jedoch fragte ich nach dem anderen Boot. Kenneth wurde schlagartig ernst.

»Ich war mit diesen Ami-Touristen draußen, kleine Angeltour«, berichtete er. »Die Jacht da haben wir ein paar Meilen nordwestlich von hier entdeckt. Trieb einfach vor sich hin, nur die Fock gesetzt, kein Mensch an Bord.« Er kratzte sich nachdenklich am Kopf. »Das hab ich auch alles schon den Bullen gesagt. Die schieben’s auf den Sturm. Aber ich könnte schwören, ich hab das Boot gestern gesehen, und zwar bemannt. Nachmittags. Da hatten wir draußen nur noch wenig Wellengang, das sollte nicht mal Sonntagsskipper in Schwierigkeiten bringen. Na, das kriegen die schon raus.«

»Gibt’s Spuren an Bord?«, fragte ich beiläufig. Irgendwie bereitete mir die Geschichte ein mulmiges Gefühl.

»Ella Mortadella, CSI Greycove.« Kenneth grinste breit. »Was meinst du denn für Spuren? Einschusslöcher, Blutspritzer oder vielleicht ein mobiles Meth-Labor? Tut mir leid. Da waren nur zwei umgekippte Kaffeebecher. Schöne Sauerei.« Er warf Lisa einen scharfen Blick zu. »Das kommt davon, wenn man an Bord nicht immer anständig klariert. Kennst du ja auch.«

Sie streckte ihm die Zunge heraus.

Also sind mindestens zwei Personen an Bord gewesen, überlegte ich. Das mulmige Gefühl in meinem Magen hatte sich fest eingenistet, aber ich wusste nicht, was es mir sagen wollte. Konnte das verlassene Boot etwas mit Aris zu tun haben? Hatte man ihn dort festgehalten? Aber warum war dann jetzt niemand mehr an Bord? Ich schüttelte den Gedanken ab. Konkrete Anhaltspunkte gab es nicht und wilde Spekulationen halfen mir nicht weiter.

Stattdessen erinnerte ich mich an mein ursprüngliches Vorhaben und fragte Kenneth nach den Strömungen vor Greycove – vorgeblich, weil die Sturmflut Stewarts Schuppen erwischt hatte und ein paar der Bretter davongetrieben waren. Natürlich konnte er mir ein paar gute Tipps geben und versprach auch, sich bei seinen Kumpels umzuhören. Vielleicht hatte ja jemand ein Surfbrett aus dem Wasser gefischt.

Ich bedankte mich herzlich, doch Kenneth winkte ab – kein Thema, er müsse ja eh noch im Hafen bleiben, solange die Polizei auf den Booten herumschnüffelte.

Lisa und ich verabschiedeten uns mit unschuldiger Miene. Schließlich hatten wir noch eine Aufgabe: Wir mussten etwas klauen.

Kapitel 6

Eine Stunde später stapfte ich den Weg zum Haus der Bernhardts entlang. Auf dem Rücken hatte ich Lisas kleinen Die Schöne und das Biest-Rucksack, vollgestopft mit alten Klamotten von Kenneth, die wir aus seinem Schrank stibitzt hatten. Sie stammten noch aus seiner Schulzeit und würden Aris hoffentlich einigermaßen passen – denn der war zwar groß, aber kein menschlicher Grizzly wie Lisas Bruder. Die Suche nach passenden Schuhen hatte sich allerdings als hoffnungslos herausgestellt. Da musste mein rätselhafter Fremder wohl oder übel weiterhin die geschnürten Ledersandalen benutzen, in denen ich ihn gefunden hatte.

Auf dem Weg zum Cottage der Schwestern war mir das verlassene Boot nicht aus dem Kopf gegangen. Umso mehr, weil Kenneth erwähnt hatte, dass seit dem Sturm vorgestern noch vier weitere Boote ohne Besatzung vor der Küste aufgefunden worden waren. Keins hatte ein SOS abgesetzt; keins war beschädigt gewesen; nur eins war gekentert und wies somit eine erkennbare Notsituation auf.

In meinem Kopf kreisten pausenlos zwei Sätze umeinander: »Sie suchen mich bestimmt …«, gefolgt von: »Ich bin eine Gefahr für dich und deine Leute.«

Genau so hat er das gesagt, Fräulein Sonnenschein. Natürlich ließ mich meine innere Stimme nicht in Ruhe. Und du hast es nicht ernst genommen, oder?

Stimmt. Hatte ich nicht. Nicht wirklich. Wie konnte ich auch? Sollte ich ernsthaft glauben, dass sich da draußen auf dem Meer jemand herumtrieb, der heimlich Boote überfiel und deren Besatzung verschwinden ließ? Nein, das hatte ich mir nicht einmal im Dunkel der Nacht vorstellen können. Und jetzt, am helllichten Tag, kam es mir noch unwahrscheinlicher vor.

Hörst du Hufschläge, denk an Pferde, nicht an Zebras, sagte ich mir den Medizinerspruch auf, den meine Mutter so gern zitierte. Hieß übersetzt: Die wahrscheinlichste Erklärung ist meist auch die richtige. Es war der Sturm und fertig. Kenneth beschwerte sich doch immer, dass heutzutage zu viele Nichtskönner auf dem Wasser unterwegs waren …

Trotzdem, das mulmige Gefühl blieb.

Es half auch überhaupt nicht, dass ich bereits zweimal erfolglos versucht hatte, meine Mutter zu erreichen, nachdem ich mein Handy in Grannys Cottage aufgeladen und mich umgezogen hatte. Normalerweise hätte ich Mama nie freiwillig Grund zur Beunruhigung gegeben, wenn sie unterwegs war. Denn trotz ihres Talents zur Chaos-Queen war sie eine Problemlöserin. Und wenn sie nicht direkt eingreifen konnte, ging sie die Wände hoch, umso mehr, wenn ihr einziges Kind das Problem hatte. Aber gerade jetzt hätte ich ihren Rat echt gut gebrauchen können.

Oh Mann, seufzte ich innerlich, warum muss sie auch ihr Handy mit nem Defibrillator killen. Hoffentlich ist Lars bald mal wieder auf Empfang …

Im Vorgarten der Bernhardts lief ich der älteren Schwester in die Arme. Heute trug sie eine dunkelblaue Version des Landadel-Outfits von gestern, dazu eine passende Gartenschürze, aus deren Tasche Blumendraht und Bindfäden hervorquollen. Die grüne Zink-Gießkanne in ihrer Hand war fast so groß wie Snowflake. Obwohl sichtlich schwer beschäftigt, begrüßte Helen mich freundlich und setzte dann verschmitzt hinzu: »Sehr gut erzogen, dein junger Mann, das muss ich sagen. Hat von allen Saisongästen bisher die besten Manieren, auch wenn er nichts weiter über sich erzählen mag.«

»Er ist nicht mein junger Mann«, protestierte ich halbherzig. Aber ich merkte, dass sie mich nur aufziehen wollte.

Ja, ich hatte Aris letzte Nacht überzeugt, dass es das Beste war, wenn er bis auf Weiteres bei den Bernhardts blieb. Aber nur, wenn die beiden genauso viel über ihn wissen durften wie ich. Also war ich morgens gleich hinunter ins Erdgeschoss getapst, wo die beiden Schwestern bereits fröhlich plaudernd beim Tee saßen, und hatte reinen Tisch gemacht. Ich erzählte ihnen alles – okay, nicht den Teil mit dem Morgenmantel –, und zog dann den Kopf ein. Eine derartig abgefahrene Story konnte schließlich niemand einfach akzeptieren, erst recht nicht, wenn sie so bedrohlich klang. Aber nicht zum ersten Mal hatte ich mich gründlich in den Bernhardts getäuscht: Sie ließen sich von der Aussicht auf eventuelle Gefahren nicht im Geringsten ins Bockshorn jagen.

»Da saßen wir schon mal tiefer in der Tinte, oder, Hildy?«, hatte Helen trocken kommentiert.

Ihre Schwester war genauso entspannt gewesen: »Gottchen, ja, wenn ich an die Sache damals in Kairo denke … Noch einen Tee, Liebes?«

Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie im nächsten Moment eine Kalaschnikow unter dem Sofakissen hervorgezogen hätte. Jedenfalls war das Thema damit für die beiden erst einmal abgeschlossen.

Aris befand sich folglich in besten Händen und hatte sogar widerwillig einer zweiten Visite von Dr. Wilkes zugestimmt. Den guten Mann hatte ich gerade verpasst, aber, wie mir Helen haarklein berichtete, er war zufrieden mit dem Zustand seines Patienten gewesen: Weitere Infusionen oder Medikamente seien nicht notwendig, stattdessen eine anständige Mahlzeit.

Und deshalb fand ich den neuen Pensionsgast der Bernhardts wenig später in ihrer winzigen Küche, vor sich einen großen Teller Nudeln in Tomatensoße, die er argwöhnisch beäugte. Als er mich sah, leuchteten seine Augen auf. Ich stellte fest, dass ich mich in Bezug auf ihre seegrüne Farbe doch nicht getäuscht hatte. Sein Blick ließ mich noch weniger kalt als gestern. Das Unbehagen in meinem Bauch verknotete sich mit irgendetwas anderem.

Um mich abzulenken, konzentrierte ich mich lieber auf die Tatsache, dass Aris immer noch seine ziemlich mitgenommen wirkenden Kleider trug, die inzwischen zumindest getrocknet waren. So konnte ich erkennen, dass die Tunika in einem ungewöhnlichen Rostrot gefärbt war. Die feinen Stickereien an den Hals- und Ärmelausschnitten schimmerten matt golden. Alles in allem wirkte er an dem kleinen Resopaltisch mit den bunten Platzdeckchen ungefähr so fremdartig wie der Mann im Mond.

Hildy setzte mir ebenfalls einen Teller vor. Sie hatte heute das Lila ihrer Eulenbrille knallhart in ihrem ganzen Outfit durchgezogen, dafür waren ihre beiden Haarknäuel mit fein geschnitzten Essstäbchen aus Elfenbein festgesteckt. Als sie sich vergewissert hatte, dass wir satt werden würden, ging sie hinaus, um ihre Schwester etwas Lebenswichtiges zum Thema Hortensiendünger zu fragen.

Mein Verdacht zu den verlassenen Booten kam mir mittlerweile albern vor, und ich beschloss, niemanden damit zu beunruhigen. Ich warf einen Blick zu Aris hinüber, der seine Farfalle noch immer mit zweifelndem Blick musterte.

»Das ist ein seltsames Essen«, stellte er schließlich fest. Gegenüber der fürsorglichen Hildy hatte er wohl aus Höflichkeit geschwiegen.

Der Knoten in meinem Bauch platzte. Ich musste lachen. »Kein Mensch findet Pasta seltsam.«

»Ich bin ein Mensch«, verkündete er würdevoll. »Und ich finde diese Paste …«

»Pasta.«

»… ausgesprochen seltsam.«

Nichtsdestotrotz begann er zu essen.

Mit der Hand.

Ich sah mir das einen Moment an und griff dann betont langsam nach meiner Gabel. Er bemerkte die Geste und versuchte rasch, es mir gleichzutun. Schlecht schlug er sich nicht, aber ich war mir sicher, dass er noch nie in seinem Leben eine Gabel in der Hand gehabt hatte.

Hey, wenigstens kämmt er sich damit nicht die Haare!, kicherte meine innere Stimme. Ich kämpfte heroisch gegen ein Grinsen an und konzentrierte mich auf meinen eigenen Teller.

Immerhin schmeckte es dem fremden Küchengast. Tatsächlich wirkte er, als ob er sich das Essen am liebsten mit beiden Händen hineingeschaufelt hätte und sich nur mühsam beherrschte – vermutlich aufgrund der guten Erziehung, die die Bernhardts bei ihm diagnostiziert hatten. Irgendwie kam ich mir fies vor, dass ich ihn so auflaufen ließ. Aber ich hatte nun mal versprochen, keine Fragen zu stellen. Und wenn er nichts erklären wollte, musste er eben den Star in »Mann gegen Nudel« geben. Oder?

Komm schon, Ella, sagte ich mir, sei kein Arsch!

Also suchte ich kurz nach der Besteckschublade, griff mir zwei Suppenlöffel und schob einen davon Aris hinüber. Er nahm ihn mit dankbarem Blick. Genau wie die Papierserviette, die ich auf der Anrichte fand. Danach lief das Essen für uns beide deutlich entspannter.

Abgesehen davon schien er sich überdurchschnittlich für alles um sich herum zu interessieren. Sein Blick schweifte unauffällig durch die kleine Küche und blieb an den banalsten Dingen hängen: dem altersschwachen Kühlschrank, einem Kalender mit Ansichten von Paris, sogar der verdammten Eieruhr. Doch er sagte kein Wort, und ich tat so, als ob ich nichts bemerkte.

Als schließlich die letzte Schmetterlingsnudel besiegt war, verkündete ich die gute Nachricht, dass Kenneth mir vier Buchten genannt hatte, in denen Treibgut von den King’s Steps mit hoher Wahrscheinlichkeit angespült wurde. Zwei davon waren von hier aus sogar zu Fuß zu erreichen.

Aris wäre am liebsten gleich aufgesprungen und losgelaufen. Aber vorher bekam er von mir noch den Rucksack mit den gemopsten Klamotten in die Hand gedrückt, dazu die klare Ansage, sich umzuziehen. Falls wir auf dem Weg jemandem begegneten, würde er wenigstens nicht weiter auffallen.

Mach dir bloß nichts vor, Baby, raunte mir meine innere Stimme spöttisch zu. Wer so aussieht wie der, fällt immer auf!

Ich ignorierte sie und ging nach draußen zu den Bernhardts, die gerade begeistert Theorien über die Herkunft ihres Pensionsgastes austauschten. Aktuell lag Helen vorn, mit irgendeiner steilen These zu Uruguay.

Schließlich trat Aris vor die Tür und blinzelte vorsichtig in die Sonne. Er trug jetzt eine alte Jeans von Kenneth und darüber ein ausgewaschenes grün-schwarz-kariertes Hemd, das ihm locker über den Hosenbund hing. Alles ein bisschen zu groß, aber okay. Die steife Art, mit der er sich darin bewegte, ließ jedoch darauf schließen, dass er sich unwohl fühlte. Weil nichts so richtig passte … oder weil er solche Anziehsachen nicht gewohnt war?

Jedenfalls sollte es verboten sein, in zwei Nummern zu großen Klamotten so gut auszusehen, seufzte meine innere Stimme. Aber hey: Wenn alles andere schiefgeht, kannst du ihn vielleicht als Baggystyle-Model vermitteln …

Wie schon in der Küche warf er auch hier verstohlene Blicke um sich. Letzte Nacht hatte er wohl kaum Zeit gehabt, die Umgebung gründlich zu begutachten. Mir schien, als ob er sich unheimlich zusammenriss, nicht zu sehr in Staunen zu verfallen. Dabei gab es wahrhaftig nichts Außergewöhnliches im Garten der Bernhardts zu sehen: die gepflegten Rosenbüsche, ein paar Hortensien und den von Snowflake frisch gepflügten Rasen. Aris betrachtete das alles jedoch mit einem Gesichtsausdruck, als wäre er soeben auf die Welt gekommen.

Helen und Hildy hatten seine Reaktion ebenfalls bemerkt und warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Dann ertönte ein begeistertes »Waff!« und 50 Kilo zottige Hundeliebe stürmten auf unseren Gast zu.

»Ella, Vorsicht!« Aris sprang schützend vor mich und versuchte, mich zurück ins Haus zu drängen.

»Hey, lass das!« Ich leistete entschieden Gegenwehr, sobald ich mich von meiner Überraschung erholt hatte. »Das ist doch Snowflake! Der will nur spielen …«

Zugegeben, der Spruch klang total lahm und hatte wahrscheinlich noch nie jemanden beruhigt, der Hundeangst hatte. Rasch zerrte ich mein wild hechelndes Zottelvieh am Halsband zurück. Aris blieb in der niedrigen Tür stehen und beobachtete ungläubig, wie ich das Monster bändigte, das uns gerade angefallen hatte.

»Was ist – das?«, rutschte es ihm heraus.

Und ich begriff: Das war keine Hundeangst. Das war die Reaktion auf eine vollkommen unbekannte Bedrohung.

Immerhin hat er versucht, dich zu beschützen!, kommentierte meine innere Stimme. Unnötig … aber ritterlich.

»Du weißt nicht, was ein Hund ist?« Okay, das war jetzt mir herausgerutscht.

Aris schüttelte den Kopf und sagte gleichzeitig: »Doch … natürlich!«

»Vielleicht hast du noch keinen so großen gesehen, hm?«, baute ich ihm eine Brücke. »Aber das sind bei uns ganz normale Haustiere.«

»Sogar die Queen hat welche«, warf Hildy hilfreich ein.

»Hatte. Und deutlich kleinere«, berichtigte Helen streng.

»Dafür mehrere! Das macht auch nicht weniger Arbeit!«, kam die Retourkutsche.

»Pah, als ob Ihre Majestät sich selbst um Hundehaufen und Futternäpfe kümmert!«

Der Schlagabtausch ging noch weiter, aber ich hörte nicht mehr zu. Stattdessen zog ich Snowflake außer Reichweite und sperrte ihn in den Geräteschuppen hinter dem Cottage. Ein tief enttäuschter Blick aus dunklen Hundeaugen traf mich, bevor ich die Tür schloss. »Nachher gibt’s Leckerli, versprochen!«, wisperte ich schnell, bevor ich zurücklief.

Die Bernhardts waren mittlerweile von den Corgis der Queen zum Thema »Koreanische Hundefleischgerichte, die man probieren muss« übergegangen.

Buäh.

Aris stand daneben und wirkte noch etwas durchgeschüttelt von seiner unheimlichen Begegnung der sabbernden Art. Ich ging zu ihm hinüber und gab ihm einen leichten Schubs gegen die Schulter. »Na los. Suchen wir dein Dingsbums.«

»Skriff«, korrigierte er mich lächelnd, und ich wusste, er war wieder an Bord.

»Sag ich doch.«


Unsere erste Chance lag etwa drei Meilen westlich – ein entspannter Spaziergang bei strahlendem Sonnenschein und fast völliger Windstille. Aris ging neben mir her. Er hatte kein weiteres Wort zu Snowflake gesagt, und mir war es recht, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Stattdessen herrschte eine entspannte Stille zwischen uns. Mir fiel auf, wie er die Landschaft mit seinen Blicken geradezu einsog.

»Warst wohl noch nie in Cornwall, was?«, fragte ich schließlich, ohne Hoffnung, darauf eine Antwort zu bekommen. Doch da lag ich überraschenderweise falsch.

»Ich war überhaupt noch nie irgendwo«, erklärte er und klang dabei richtiggehend begeistert.

»Was, hält dich deine Familie in einem Turm gefangen, Rapunzel?«, fragte ich neckend. »Weil du das schwarze Schaf bist? Was hast du denn so Schlimmes gemacht – Mamas Schmuck geklaut oder Papas Auto geschrottet?«

Lachend fuhr er sich mit der Hand durch sein kurzes Haar. »Nichts dergleichen. Ich benehme mich nur nicht würdevoll genug. Kein Interesse an den Staatsgeschäften, kein Verständnis für die großen Zusammenhänge …« Er zuckte mit den Achseln. »Mein Vater ist ziemlich enttäuscht von mir, schätze ich. Aber wir sehen uns nicht oft.«

»Eltern, hm?«, sagte ich. »Man kann’s ihnen halt nicht immer recht machen.«

»Ist das bei dir auch so?«, erkundigte er sich interessiert.

»Na ja, nicht wirklich«, musste ich zugeben. »Meine Mutter ist eigentlich ganz cool. Keine Ahnung, ob mein Vater da anders gewesen wäre. Er ist schon lange tot.«

Aris nickte mitfühlend. »Ah. Das tut mir leid. Wurde er umgebracht?«

»Aber nein!« Ich warf ihm einen scharfen Blick zu. Wollte er mich aufziehen? Doch er guckte total ernst. Ich erklärte: »Er hatte Leukämie.«

Höfliche Verständnislosigkeit.

»Du weißt schon, Blutkrebs.«

Immer noch nichts.

»Eine schwere Krankheit? Mann, du musst doch schon von Krebs gehört haben?!«

Nein, hatte er nicht. Und als ich versuchte, ihm das Ganze zu erklären, wechselte er ziemlich schnell das Thema. Ich war mir sicher, dass er gerade unbeabsichtigt eine weitere Wissenslücke zugegeben hatte und davon ablenken wollte. War das jetzt Eitelkeit oder etwas ganz anderes? Denn dass es Länder auf der Welt gab, wo man weder Pasta noch Gabeln kannte, sah ich ja gerade noch ein. Aber Krebs …?

Mann, Aris, dachte ich, unter welchem Stein lebst du bloß?

Jedenfalls kamen wir wieder zu unseren Familien zurück. Ich beschrieb meine unorganisierte Mutter, die partout nicht einsehen wollte, welches Chaos sie regelmäßig mit ihrer Art anrichtete. Aris konterte mit seinem Onkel, der wohl früher die Rolle des schwarzen Schafes besetzt und schon so manche Familienfeier gesprengt hatte.

»Du müsstest ihn mal hören, wenn er Vater bei einer seiner Tiraden über mich nachäfft!« Er warf sich in Positur und schwadronierte mit dröhnender Stimme: »Der Junge hat nicht einen Knochen seiner Brüder im Leib! Nichts als Glücksspiel und Wettkämpfe im Sinn!«

»Und stimmt das?«, fragte ich grinsend. So langsam wurde das mit dem schwarzen Schaf etwas glaubhafter.

Er setzte eine todernste Miene auf. »Nicht im Geringsten. Hm. Wetten, ich bin schneller am Rand der Steilküste da vorn als du?« Zwinkernd fügte er hinzu: »Einen Extrapreis für jeden, der nicht runterfällt.«

»Oh, hahaha!« Ich verpasste ihm einen Schlag gegen den Arm und knurrte: »Wette gilt! Auf drei? Eins, zwei –«

Aris lief los.

»Hey!«, schrie ich empört. Ich hörte sein Lachen und rannte hinter ihm her.

Er war schnell. Richtig schnell, wie ich nach wenigen Metern einsehen musste – und dabei war ich an meiner Schule eine der besten Sprinterinnen. Allerdings kannte ich jede Windung des Pfades und holte rasch auf. Dicht hintereinander liefen wir über die grasbewachsene, weite Ebene. Aris warf mir einen strahlenden Blick über die Schulter zu. War er von meinem Tempo beeindruckt? Ließ er mich etwa absichtlich herankommen? Und konnte es sein, dass mir das vollkommen egal war? Schneller als wir waren in diesem Moment ohnehin nur die Möwen und der Wind.

Außer Atem erreichten wir etwa gleichzeitig unser Ziel. Die Aussicht war beeindruckend. Tief unter uns glitzerten die Sonnenstrahlen auf den blaugrünen Wellen, die weiße Gischt wurde an den dunklen Felsen emporgeschleudert. In der Ferne lag ein leichter Dunst über dem Wasser, sodass der Ozean direkt in das leuchtende Blau des Himmels überzugehen schien. Am liebsten hätte ich unseren Anlauf genutzt, um hineinzuspringen. Aris drehte sich überwältigt, als versuchte er, den Himmel, das Meer und die Landschaft gleichzeitig zu erfassen.

»Du kannst jetzt gern anfangen, über deine Träume zu singen«, schlug ich gönnerhaft vor. Lisa und ich waren große Disney-Fans und so eine Szene kam schließlich in jedem Film vor.

»Das willst du nicht.« Er sah mich amüsiert an. »Som sagt, von meinem Gesang platzt ihm der Kopf.«

Ich wollte fragen, wer Som war, aber ich kam nicht dazu. Denn plötzlich wurde Aris kreidebleich, riss die Arme vor die Brust und brach vor meinen Füßen zusammen.

Kapitel 7

»Aris! Aris, was hast du? Sag doch was!«

Er hörte mich nicht. Mit fest zusammengepressten Augen und Lippen lag er auf dem Boden, von heftigen Krämpfen geschüttelt, das Gesicht schmerzverzerrt. Ich packte ihn an den Schultern, versuchte, ihn zu beruhigen, ihm zu helfen, erreichte aber gar nichts. Er war völlig weggetreten.

Voller Panik riss ich mein Handy heraus und wählte den Notruf. Ich kam genau bis zu »Hallo, ich brauche dringend Hilfe, hier ist jemand mit einem epileptischen Anfall oder so etwas«, dann wurde mein Display schon wieder schwarz. Verdammter Akku! Wütend schleuderte ich das nutzlose Teil weg.

Verzweifelt fiel ich neben Aris auf die Knie und versuchte, mir ins Gedächtnis zu rufen, was man bei Krampfanfällen tun sollte. Atemwege freihalten? Stabile Seitenlage? Aber auf der Seite lag er ja eh schon. Und seinen Mund würde ich nicht aufkriegen, keine Chance. Die Kiefermuskeln waren vollkommen verspannt und er schien kaum zu atmen. Sein Körper zitterte, als ob eine unsichtbare Bestie versuchte, ihn totzuschütteln. Was immer das auch war – er musste entsetzliche Schmerzen haben. Mir wurde schlecht vor Angst. Mühsam rang ich nach Luft, um das Gefühl niederzukämpfen.

Endlich merkte ich, dass der Anfall abklang. Zumindest entspannten sich Aris’ Glieder langsam wieder und er atmete ruhiger.

»Hey … hey, alles klar? Kannst du sprechen?«

Wie konnte ich ihm nur helfen? Er war schweißgebadet und hatte die Augen noch immer fest geschlossen. Als ich ungeschickt nach seinem Puls am Hals tastete, verrutschte der Kragen des karierten Hemdes und für einen Moment sah ich die rätselhaften Male unter seinem Schlüsselbein. Nur waren sie jetzt nicht mehr rot, sondern so dunkel, dass sie geradezu schwarz wirkten. Was zur Hölle war das?

Seine Lippen bewegten sich. Ich beugte mich ganz nah zu seinem Gesicht hinab. »… geht gleich wieder«, flüsterte er kaum verständlich. »Keine Sorge … Das ist normal …«

»Normal?!«, fauchte ich mit zitternder Stimme. »Scheiße, in welcher Welt ist das normal? Was hast du?«

Aber ich musste noch ein paar Minuten auf eine Antwort warten. Minuten, in denen ich versuchte, mein wild schlagendes Herz zu beruhigen. Es half kein bisschen, dabei zuzusehen, wie er sich mit vor Schmerz aschfahlem Gesicht vollends ins Bewusstsein zurückkämpfte. Schließlich war er so weit, dass er sich mit meiner Hilfe wieder aufsetzen konnte. Selbst durch den Hemdstoff fühlte sich seine Haut feucht und fiebrig an.

»Aris, was war das? Bist du krank?« Ich ließ mich neben ihn sinken. Noch immer schnürte mir die Panik fast die Kehle zu. Ich konnte kaum glauben, dass er mir jetzt so etwas wie ein aufmunterndes Lächeln zuwarf.

»Nachwirkungen … Das Gift ist wohl noch nicht ganz raus.«

Was für Gift?

»Kann … kann das wieder passieren?«

»Möglich.« Er zuckte schwach mit den Schultern und grinste schief. »Ist für mich auch das erste Mal …«

Ich zog die Beine an und vergrub meinen Kopf zwischen Armen und Knien. Meine Nerven brauchten einen Moment Pause. Aris lehnte sich kraftlos an mich, und ich hörte, wie sein Atem langsam ruhiger und kontrollierter ging. So saßen wir eine ganze Weile.

Er könnte drogenabhängig und auf Entzug sein, erklang es in mir, als ich etwas klarer denken konnte. Oder psychisch krank. Meine innere Stimme war wieder in Form. Sei ehrlich, Ella: Nichts von dem, das du bisher gesehen und erfahren hast, würde dem widersprechen. Vielleicht ist er selbst die größte Gefahr, die er zu befürchten hat. Dann verhinderst du, dass er professionelle Hilfe bekommt. Was, wenn er noch so einen Anfall hat? Und dein einziger Beitrag ist ein Handy mit kaputtem Akku? Vielleicht stirbt er dann.

Ich weiß!, beteuerte ich. Aber was soll ich denn machen?

Jedenfalls nicht rumheulen, klar?

Klar. Ich atmete tief durch und fasste einen Entschluss. Also gut. Wir suchen jetzt dieses blöde Brett. Wenn wir es finden – mal sehen, ob das ein Grund ist weiterzumachen. Aber wenn nicht, sage ich morgen den Behörden Bescheid. Ich nickte mir in Gedanken zu. Sicher war das eine vernünftige Entscheidung.

Aber war sie auch richtig?

Ein Blick zu Aris neben mir ließ mich schon wieder zweifeln. Nichts an seinem Verhalten wirkte für mich labil oder Misstrauen erweckend. Schließlich hätte er mir genauso gut eine glaubhafte Geschichte vorlügen können. Stattdessen hatte er mich um mein Vertrauen gebeten. Und ich hatte es ihm zugesagt. Also: Was war das wert? Mir blieb vorerst nichts anderes übrig, als sitzen zu bleiben und auf seine Atemzüge zu horchen.

»Schwarze Perlen.« Nach einer gefühlten Ewigkeit begann Aris, leise zu sprechen. »So nennen wir sie. Es sind eigentlich Medusen. Winzige Quallen. Ungefähr so groß.« Er hielt Daumen und Zeigefinger etwa zwei Zentimeter weit auseinander. »Sie sind sehr selten. Aber wenn man sie sieht, dann in Schwärmen. Sie verbinden sich mit ihren Nesselfäden und treiben leuchtend im Wasser nebeneinander, in langen Reihen … wie Perlenketten. Das ist ein wunderschöner Anblick.«

Wo siehst du so was bloß?, fragte ich mich fasziniert. Aber ich hielt meinen Mund, um ihn ja nicht zu unterbrechen.

Er sprach weiter, geradezu mechanisch. »Ihre Körper sind durchsichtig. Bis auf einen schwarzen Punkt im Inneren. Dort sitzt das Gift. Nicht stark genug, um einen Erwachsenen zu töten. Aber es lähmt und … und wirkt stundenlang. Der Schmerz ist … unbeschreiblich.« Er senkte den Kopf und schloss die Augen. Seine Stimme wurde leiser. »Ist aber wohl nicht so einfach mit der richtigen Dosierung. Sie haben jedenfalls immer abgewartet, bis die … Behandlung vollständig abgeklungen war. Sonst wäre ich ihnen vielleicht doch zu früh verreckt.«

Entsetzt blickte ich ihn an. Ich hatte eine schlimme Geschichte vermutet, sicher. Aber so etwas …? Was er erzählte, klang so grausam und gleichzeitig so … so fremd, dass ich gar keine Worte fand. Aris saß ebenfalls vollkommen still neben mir. Seine Augen waren geöffnet, doch sie blickten leer auf den Horizont.

Schließlich wagte ich mich wieder an eine Frage: »Und … wie lange ging das?«

»Keine Ahnung«, murmelte er. »Ein paar Tage? Es ist alles ziemlich verschwommen.«

Ich schluckte. »Wie hast du das bloß ausgehalten?«

»Gar nicht.« Er lächelte bitter. »Ich glaube, ich hätte ihnen schon nach dem ersten Mal alles gesagt, was ich weiß. Aber sie wollten … das Verschlossene.«

»Das Verschlossene?«

Aris atmete tief ein, rückte von mir ab und setzte sich ganz gerade hin. Weil es ihm besser ging – oder weil er Abstand von mir wollte? Die zweite Möglichkeit war mir unerwartet unangenehm.

»Ich hatte dir ja erzählt, dass meine Familie viele Geheimnisse hütet«, antwortete er. »Manche sogar vor sich selbst. Wir haben eine Methode, so etwas in Menschen zu … verschließen. Das Wissen ist da. Aber der Betroffene selbst kennt es nicht. Erst, wenn die Zeit gekommen ist.«

»Soll das heißen, da ist irgendwelches Zeug in deinem Kopf und du hast keinen Zugriff darauf?«

»Ja. Ich kann es nur bewahren, aber nicht nutzen. Also auch nicht missbrauchen – oder verraten. Es sei denn …«

»Es sei denn, jemand kommt mit diesen komischen Quallenviechern?«

Er nickte. »Wenn das Gift hoch genug dosiert ist, fällt das Opfer schließlich in einen tranceähnlichen Zustand. Dann redet jeder. Und selbst die Barriere zum Verschlossenen löst sich auf.«

Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Man hatte Aris Furchtbares angetan, damit er etwas verriet, das ihm nicht einmal bewusst war? Angespannt blickte ich zum Himmel. Ein Schatten schien sich vor die Sonne gelegt zu haben. Ihre Strahlen wärmten nicht mehr und leuchteten auch weniger hell. Jedenfalls kam es mir so vor.

Er warf mir ein entschuldigendes Grinsen zu. »Ich hielt das auch immer für eine dieser Legenden, die politische Gegner einschüchtern sollen. Falls Schwarze Perlen überhaupt je für Befragungen missbraucht wurden, ist das Jahrhunderte her, hieß es immer. Es sei zu gefährlich, niemand von Ehre würde das heute tun und so weiter.« Er zuckte mit den Schultern. »Da habe ich wohl Neuigkeiten für unsere Berater.«

»Ihr habt Berater zu … zu Foltermethoden?«

»Verschärfte Befragung nennt man das«, korrigierte er nüchtern. »So haben sie es uns erklärt, meinen Brüdern und mir. Womit wir rechnen müssen, im Fall einer Entführung. Da war aber mehr die Rede von Schlafentzug, Dauerverhören, so etwas. Ich … ich hätte nie gedacht –« Er lachte freudlos auf. »Besonders würdevoll habe ich mich jedenfalls nicht benommen. Und ich habe alles verraten, ganz sicher.«

»Weißt du denn jetzt wenigstens, um was es ging?«, fragte ich behutsam.

Aris schüttelte den Kopf. »Nein. Alles ist wie vorher. Es fühlt sich an wie eine graue Wand in meinem Kopf. Ich kann sie nicht durchbrechen. Ha, ich kann mich ihr nicht einmal nähern! Sinnlos. Aber wenn die Verschwörer ein solches Risiko eingegangen sind, muss es da etwas Großes geben, etwas Gefährliches. Vielleicht ist es schon längst zu spät …«

Ich sah die Verzweiflung in seinem Blick und fragte mich vergeblich, ob man so etwas vortäuschen konnte.

Reiß dich zusammen, Ella, ermahnte mich meine innere Stimme. Du hast einen Entschluss gefasst. Jetzt bleib dabei.

Richtig.

Und ich hatte versprochen, dass wir in jedem Fall dieses »Skriff« suchen würden. Also los: Zeit, die Sonne wieder anzuknipsen.

Entschlossen stand ich auf und streckte Aris die Hand entgegen. »Kannst du wieder laufen? Wir haben noch was vor.«

Einen Moment lang sah er mich unsicher an. Dann ergriff er meine Hand und ließ sich auf die Beine ziehen. Immerhin lag die erste Bucht direkt unter uns.


Und dann … hatten wir richtiges Glück.

Denn dort, verkeilt zwischen zwei Felsen, leuchtete im hellen Sonnenlicht ein sanft gebogenes und längliches Brett: das Skriff.

Aris rannte so schnell über den Strand darauf zu, dass ich schon dachte, ich hätte mir seinen schrecklichen kräftezehrenden Anfall von vorhin nur eingebildet. Als ich ihn eingeholt hatte, kniete er bereits im knöcheltiefen Wasser und war dabei, das Teil zu untersuchen.

Ich fragte mich, wie ich es für ein normales Surfbrett hatte halten können. Okay, die Form war ähnlich, auch wirkte es auf den ersten Blick ganz herkömmlich weiß. Das komplizierte Geschirr, aus dem ich Aris befreit hatte, war an fünf Punkten befestigt. Jetzt verstand ich, dass seine Funktion nichts mit Surfen zu tun hatte, sondern allein darin bestand, einen Körper möglichst sicher bäuchlings auf dem Brett zu fixieren. Die Verschlüsse ähnelten keinem mir vertrauten System – weiß der Himmel, wie ich die aufgekriegt hatte. Bei genauem Hinsehen erkannte ich, dass die Hülle des Skriffs nicht aus einem weißen Kunststoffüberzug bestand, wie ich angenommen hatte, sondern mit feinen Schuppen bedeckt war, die perlmuttartig glänzten. Ich hatte außerdem noch kein Surfbrett gesehen, an dessen Oberfläche bei leichtem Druck schwach pulsierende goldene Adern zum Vorschein kamen. Was war das bloß für ein Material?

Aris strich mit den Händen darüber, ganz benommen vor Freude. »Es ist nicht beschädigt … Ella!« Im nächsten Augenblick sprang er auf, riss mich in seine Arme und wirbelte mit mir im Kreis herum.

Seine Begeisterung war so echt und ansteckend, dass ich meine guten Vorsätze in den Wind schoss, mich mitreißen ließ und einfach das irre Gefühl genoss, wie mühelos er mich durch die Luft schwang.

Schließlich setzte er mich wieder ab, ich stolperte lachend gegen ihn auf der Suche nach Halt. Einen Moment lang starrten wir uns atemlos an. Ich sah in seine Augen und mir schoss durch den schwindeligen Kopf: Heute, im Sonnenlicht, haben sie wirklich genau die Farbe des Meeres.

Dann merkte ich, dass ich bis zu den Knöcheln im Wasser stand. Oh Mann! Meine schönen Sneakers! Na, die waren wohl im Eimer. Ich hastete ins Trockene, hinter mir Aris’ leichtherziges Lachen.

Kapitel 8

Eine Stunde später saßen wir hinter dem Cottage der Bernhardts, die sich gemeinsam mit mir zum technischen Beratungsteam ernannt hatten. Das bedeutete in erster Linie, dass wir den Haushalt der beiden Schwestern auf alles hin durchforsteten, das Aris für die Arbeit am Sender verwenden konnte. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass nahezu das ganze Arsenal klassischer Werkzeuge dafür unbrauchbar war. Am Ende hockte Aris auf dem Boden über dem umgedrehten Skriff, bewaffnet mit einem Schaschlikspieß, einem Buttermesser und einem Eierlöffel aus Perlmutt, der angeblich aus Sankt Petersburg stammte. Wir sahen ihm fasziniert zu. Als Erstes klopfte er fest auf die Spitze des Bretts, was wieder ein goldenes Pulsieren unter der schimmernden weißen Oberfläche auslöste. Plötzlich klaffte in dem Material eine schmale Öffnung mit harten Kanten, wie eine Muschel, die sich geöffnet hatte. Darin konnte man so etwas wie einen leuchtenden Knopf erkennen.

»Druck von außen löst den automatischen Peilsender aus«, erklärte Aris. »Aber das ist eine offene Notfrequenz, die könnte jeder empfangen.« Er sah auf und fügte hinzu: »Also, jeder von uns. Genau das will ich nicht.«

Hildy, Helen und ich nickten verständig und dachten vermutlich alle dasselbe: Wen genau meint er mit »uns«? Aber keine fragte nach. Dazu waren wir zu beeindruckt von der seltsamen Technik, die sich da vor uns zeigte.

Na, reicht das, um weiterzumachen?, fragte ich meine innere Stimme herausfordernd. Sie antwortete nicht. Für mich war es jedenfalls genug. Das Brett, seine völlig fremdartige Technologie und Aris’ Vertrautheit damit, all das deutete auf ein unvorstellbares Geheimnis hin – dabei hatte ich haufenweise Fantasie und konnte mir eigentlich eine Menge vorstellen. Aber hier stieß ich an meine Grenzen. Konnte ein militärisches Geheimprojekt dahinterstecken? Allerdings wirkte Aris nicht gerade wie ein Soldat oder Spion. Okay, dann waren seine Eltern vielleicht Wissenschaftler und … Ich seufzte innerlich. Wie gut hätte ich jetzt Lisa und ihre wilden Theorien brauchen können!

Mittlerweile hatte Aris die Öffnung dank des Buttermessers gewaltsam erweitert und stocherte mit dem Perlmuttlöffel darin herum. Eine kurze Drehung, ein kräftiger Ruck – schon hielt er etwas in der Hand, das mich an das Innere einer Miesmuschel erinnerte. Allerdings war dieses spezielle Muschelfleisch kinderfaustgroß, transparent wie Glas und mit feinen goldenen Adern durchsetzt. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich das jetzt wunderschön oder einfach eklig fand.

Aris jedenfalls war begeistert. »Der Sender! Das hat schon einmal geklappt. Jetzt muss ich nur noch die Frequenz ändern, und dann –«

Er sprang auf und rannte hinein, um seine Arbeit am Küchentisch fortzusetzen. Hildy, Helen und ich lächelten uns verschwörerisch zu. Natürlich würden wir weiter mithelfen – wer weiß, was wir dabei noch herausfinden konnten … Aber erst einmal war das technische Beratungsteam vollauf damit beschäftigt, Gegenstände mit immer feineren Spitzen heranzuschaffen, weil der Schaschlikspieß sich als zu grob erwies. Am Ende des Nachmittags lagen vier Rouladenpiker, einige Haarnadeln und Hildys zerfleddertes Nähset auf dem Tisch. Mehrere Nadeln waren zerbrochen, mir taten allein vom Zuschauen die Finger weh, aber es war geschafft: Der Sender würde jetzt auf Knopfdruck nur eine ganz bestimmte Frequenz bedienen.

Ich sah Aris erwartungsvoll an. »Und? Willst du ihn nicht benutzen?«

»Er muss ins Meerwasser«, erklärte er und rieb sich die Augen. »Nur dann funktioniert er.«

»Aber erst einmal gibt es einen anständigen Tee, Kinder!« Helen rief uns nach draußen an den Gartentisch und gegen ihren resoluten Ton war Widerstand zwecklos. Ich merkte zwar, dass Aris die Verzögerung kaum ertrug, aber er bedankte sich höflich für das Angebot und ging brav mit mir hinaus.

Die Bernhardts hatten einen Berg Sandwiches und Kekse auf dem kleinen weiß lackierten Eisentisch aufgebaut, der, umgeben von hohen Wildrosenbüschen, in einer Ecke des Gartens stand. Wir setzten uns und bekamen außer gut gefüllten Tellern auch jeder noch einen der hübsch-hässlichen Riesenbecher mit dampfendem Tee serviert. Für mich gab es wieder den Arielle-Becher, der für Aris zeigte ein pummeliges Einhorn in Regenbogenfarben. Entzückend. Er riss sich bewundernswert zusammen und machte nicht die kleinste Andeutung über »seltsames Essen«. Und da man für Sandwiches kein Besteck braucht, lief alles problemlos. Auch lobte er ausdrücklich den stark gesüßten Earl Grey – das Getränk schien das einzig Vertraute für ihn hier zu sein. Ich überlegte: War seine Heimat vielleicht Teil des alten britischen Imperiums? Das grenzte es allerdings auch nicht wirklich ein. Indien, Australien … alles so absurd weit weg. Ich zermarterte mir das Gehirn, welche afrikanischen Länder dazugehört hatten.

Genau, weil man ja nirgendwo auf der Welt Tee trinkt außer im ehemaligen Commonwealth, Miss Superhirn!, ertönte es spöttisch in mir. Schon mal was von Russland gehört? Oder China?

Mit einem inneren Seufzer gab ich das Detektivspielen für den Moment auf. Ohnehin war Aris’ hoffnungsvolle Fröhlichkeit einfach zu ansteckend.

Also saßen wir vier einfach in der warmen Sonne und ließen uns die Brote schmecken, umweht von Rosenduft und einer salzigen Meeresbrise. Die Bernhardts plauderten aufgeräumt mit uns über Gott und die Welt und gaben ein paar Anekdoten aus ihrem bewegten Leben zum Besten, wie früher in Kindertagen, wenn Lisa und ich andächtig ihren Geschichten gelauscht hatten. Wieder war ich wahnsinnig beeindruckt von dem, was sie alles erlebt und gesehen hatten – vielleicht auch ein kleines bisschen neidisch. Schließlich war ich, abgesehen von Berlin und Cornwall, noch nicht viel herumgekommen. Aris war ähnlich hingerissen. Er hörte gespannt zu, wagte manchmal eine erstaunte Nachfrage und wirkte insgesamt so gelöst wie noch nie seit seiner unfreiwilligen Ankunft.

Auch Snowflake war kein Problem mehr. Zwar hatte Aris weiterhin Respekt vor ihm, ließ aber zu, dass das halb verhungerte Tier – ha! – den Kopf auf seinen Oberschenkel legte und sich mit treuem Blick ein Sandwich erbettelte. Ausgerechnet mit Gurke, aber der zottige Gierschlund fraß ja eh alles. Er ließ keinen Krümel übrig und entschied danach, dass der großzügige Spender die Beförderung vom Kauknochen zum besten Kumpel verdient hatte.

»Das war großartig. Ich danke Ihnen beiden sehr, aber jetzt drängt die Zeit.« Mit diesen Worten erhob Aris sich schließlich und verbeugte sich leicht in Richtung seiner Gastgeberinnen, die es kichernd zur Kenntnis nahmen.

Es war bereits ausgemachte Sache, dass der Sender am äußersten Felsen der King’s Steps befestigt werden würde. Jetzt herrschte Ebbe und alle Steine waren gut erreichbar. Auch ich stand auf. Natürlich würde ich mit hinunter zum Meer gehen.

Aris schnappte sich den zauberhaft-ekligen Muschelsender, den Hildy formlos in eine Tesco-Plastiktüte gestopft hatte, und wir machten uns auf den Weg. Die Bernhardts blieben mit einem auf weitere Brote hoffenden Snowflake am Gartentor zurück und winkten uns nach. »Viel Glück, Kinder!«

Ich musste lächeln. Auf einmal kam ich mir wieder vor wie das kleine Mädchen, das den ganzen Tag mit seinen Freunden Schätze am Meer gesucht hatte, auf eine Limo bei den lieben Omis eingekehrt war und jetzt zu neuen Abenteuern aufbrach.


Es dämmerte bereits, als wir zügig den sandigen Pfad in Richtung Bucht entlangmarschierten. Aris’ Gedanken waren trotz seiner Eile noch beim Cottage.

»Diese Damen sind fantastische Menschen«, murmelte er. »Sie sind einfühlsam, mutig, klug … und witzig.« Er warf mir einen raschen, scheuen Blick zu. »Wie du.«

Wow, hatte er mir gerade ein Kompliment gemacht? Ich versuchte, locker zu bleiben, und lachte: »Na ja, ich bin allerdings noch nicht durch den Ärmelkanal geschwommen.«

»Den …?«

»Das Meer zwischen England und Frankreich.«

»So etwas haben sie getan?« Er war angemessen beeindruckt. Dann wurde er wieder nachdenklich. »Ich hätte nicht gedacht, dass es hier solche Menschen gibt.«

»Hier?«

»Hier.« Er zeigte unbestimmt in die Umgebung.

Ich dachte mir, dass er wohl ganz Großbritannien oder vielleicht Europa meinte.

»Die gibt es überall«, versicherte ich ihm und erinnerte mich daran, dass er laut seiner eigenen Worte noch nicht viel von der Welt gesehen hatte. »Meine Mutter war schon sonstwo. Als Chirurgin für Ärzte ohne Grenzen, du weißt schon. Und obwohl sie eigentlich immer in Krisengebieten unterwegs ist, müsstest du mal hören, was sie von den Leuten dort erzählt. Auch krasse Sachen, klar. Aber hauptsächlich Positives. Gastfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft … all so was.« Ich merkte plötzlich, dass ich sie ganz schön vermisste.

Aris hatte aufmerksam zugehört. »Sie lässt dich oft allein?«

»Nein, nein, so richtig im Einsatz ist sie immer nur drei, vier Wochen pro Jahr. Sie kommt in ein paar Tagen her, gerade ist sie noch in Afghanistan.«

Das Land sagte ihm nichts. Ich schob ein paar Erklärungen ein. Nicht sehr gute offenbar, denn was ihn am meisten beeindruckte, war die Entfernung. »So weit weg ist deine Mutter? Sie muss großes Vertrauen in dich haben.«

»Hm, vermutlich«, antwortete ich. »Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber ich werde ja nächstes Jahr auch schon 18.« Ich lachte. »Dann bin ich volljährig und kann eh machen, was ich will.«

»Aber einen Ehemann hast du noch nicht? Oder … bist du jemandem versprochen?« Er sah mich von der Seite an.

»Was? Quatsch, nein!« Ich schüttelte heftig den Kopf. Hallo, sollte das ein Witz sein? »Das wäre mir jetzt echt ein bisschen zu früh. Außerdem, äh, gibt es da gerade keinen, der infrage käme.« Moment mal. Mir kam ein anderer Gedanke: Wollte er etwa geschickt herausfinden, ob ich einen Freund hatte?

Aris grinste nur. »Vielleicht hat deine Mutter schon jemanden für dich in Aussicht. In so etwas sind Mütter gut.«

»Na, der würde ich was erzählen!« Kichernd riss ich ein paar hellgelbe Blüten von einem verkrüppelten Ginsterbusch und warf sie in seine Richtung. »Und was ist mit dir? Bist du etwa schon jemandem ›versprochen‹?« Extrem peinlich: Aber ich hielt geradezu den Atem an, als er antwortete.

»Nicht, dass ich wüsste«, erwiderte er unbekümmert. »Ich bin ja nur der dritte Sohn, da ist das nicht ganz so … Ich meine, jetzt bin ich der zweite.« Kurz flogen Kummer und Ernüchterung über sein Gesicht. Aber schon schob er den Gedanken beiseite und lächelte wieder. »Na ja, das ist jedenfalls nur eine Frage der Zeit.«

»Wie, suchen deine Eltern echt die Frau für dich aus?«, fragte ich ungläubig. Ella, leg nicht immer deine eigenen Maßstäbe an andere Kulturen an, hörte ich meine Mutter sagen. Trotzdem konnte ich mich nicht zurückhalten. »Das ist aber ganz schön … traditionell!« Im letzten Moment schaffte ich es, ein härteres Wort zu vermeiden.

Aris nickte. »Wir sind eine traditionelle Gesellschaft.«

Vorsichtig hakte ich nach: »Und … das ist okay für dich?«

»Gehört eben dazu.« Er zuckte mit den Achseln.

»Aber was ist, wenn du dich verliebst?«, fragte ich kritisch.

Er musste nicht lange überlegen. »Das ist natürlich von Vorteil. So war es bei meinen Eltern. Damit hat damals wohl niemand gerechnet, aber sie sind ein echtes Paar geworden.«

Ich verdrehte die Augen. »Ich meine, wenn du dich in eine andere verliebst als in deine Zukünftige. Oder wenn sie jemand anderen hat.«

Er hob nochmals die Schultern. »Dann gibt es wohl Tränen am Hochzeitstag.«

»Bist du entspannt!«, kommentierte ich und fügte scherzhaft hinzu: »Na, musst du dich eben vor deiner Heirat noch ordentlich austoben.«

»Mache ich ja auch.« Er warf mir einen frechen Blick zu. »Alles – außer das, was du gerade denkst.«

Erwischt.

Ich merkte, wie ich rot wurde, und schoss zurück: »Äh, und warum, wenn ich fragen darf? Ist das was Religiöses?«

»Nein, etwas Politisches«, antwortete er sachlich. »Aus Liebe wird schnell ein Kind. Es gibt Parteien bei uns, die einen Bastard meiner Familie zu gern für ihre Zwecke einsetzen würden. Ganz sicher verhindern lässt sich das eben nur auf einem Weg.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Ich habe meinen Eltern ja schon so einiges zugemutet. Aber das tue ich ihnen nicht an.«

»Echt nicht?« Ich musste einfach fragen. »Ich meine, du hast noch nie …?« Kopfschütteln. »Nicht mal geknutscht?«

»Doch, geknutscht schon«, gab er zu. »Zweimal. Sag’s aber nicht meiner Mutter. Die macht mich zu Krakenfutter.«

»Versprochen«, versicherte ich.

Oh Mann … Wie genau war denn das jetzt passiert – dass ich mit einem Wildfremden allerpersönlichste Themen besprach? Und dann auch noch mit diesem Wildfremden dieses Thema?

Er hätte ja nicht antworten müssen, beruhigte ich mich.

Hat er aber, sagte meine innere Stimme und schickte eine knallharte Analyse hinterher: Das bedeutet entweder, dass er dir einfach vertraut – oder dass du bei dem Thema eh draußen bist.

Na toll, danke.

Sehr wahrscheinlich Letzteres.

Hey!!!

Bevor ich meiner inneren Stimme an die Gurgel gehen konnte, hatten wir glücklicherweise die King’s Steps erreicht. Die Felsenreihe ragte vollständig aus dem ruhigen Wasser heraus und zog sich als steinerner Pfad gute dreißig Meter ins Meer hinein – dorthin, wo es selbst bei Ebbe schon richtig tief wurde. Angeblich hatten Schmuggler sie früher benutzt, um ihre verbotenen Waren an Land zu bringen, ohne die Boote bis zum Strand rudern zu müssen. Jedenfalls erzählte Kenneth die Story gern Touristen, die eine seiner Ausflugstouren buchten. Das kam noch besser an als die Version mit König Artus.

Als wir klein waren, hatte man uns strengstens verboten, dort zu spielen. Zwischen den Felsen entstanden nämlich gefährliche Wirbel, die einen unerfahrenen Schwimmer unter Wasser ziehen konnten. Wir hatten es natürlich trotzdem getan. Ohne Schutzengel läuft eh nichts bei Kindern, hatte meine Mutter geseufzt, nachdem sie uns wieder einmal erwischt hatte.

Und später muss man eben allein klarkommen, dachte ich, als ich vor Aris den ersten der flachen Felsen betrat. Die Oberfläche war vom Wasser glatt geschliffen und mit Algen bewachsen. Man musste also ein wenig aufpassen, wie man seine Schritte setzte – aber ansonsten war es ein Kinderspiel, von Felsen zu Felsen zu schreiten, ob man nun König war oder Schmuggler.

Aris blieb dicht hinter mir. Vor dem letzten Felsen ließ ich ihn vorbei, damit er den Sender dort unterhalb der Wasserlinie anbringen konnte. Es wurde auch langsam Zeit, denn die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen.

Aris legte sich an der Felskante auf den Bauch. Ich reichte ihm die Plastiktüte und beobachtete, wie er den Sender im klaren Meerwasser an den Stein unter ihm presste. Das Gerät – oder war es in Wirklichkeit ein Lebewesen? – blieb haften und begann, mit einem sanften Licht zu pulsieren. Aris erhob sich auf die Knie und sah mit undurchdringlicher Miene aufs Meer hinaus. Die untergehende Sonne verlieh seiner hellen Haut einen goldenen Schimmer, seine schwarzen Haare wirkten dagegen noch dunkler als sonst. Unter ihrem Ansatz im Nacken schaute ein Stück der sternförmigen Male aus dem Hemdkragen heraus.

Trotz der vertrauten Kleidung von Kenneth wirkte Aris für mich in diesem Moment wie ein Alien im wahrsten Sinne des Wortes – wie ein Fremdling. Ich hatte plötzlich das unerklärliche Gefühl, dass er nicht aus dieser Welt stammte. Und obwohl es so ein warmer, milder Abend war, fröstelte es mich kurz. Dann aber drehte er sich um, lächelte zu mir hoch – und ich erkannte ihn wieder.

Vorsichtig richtete er sich auf. Ich prustete los. Er blickte an sich hinunter und musste ebenfalls lachen: Sein Hemd war vollkommen beschmiert mit dunkelgrünen, schleimigen Algen.

»Das kannst du mal gleich waschen, mein Freund«, kicherte ich und wies mit großer Geste auf das abenddunkle Meer. »So kommst du den Bernhardts nicht ins Haus!«

»Aber natürlich.« Sprach’s, und bevor ich ihn aufhalten konnte, hatte er das Hemd über den Kopf gezogen und ging an mir vorbei, um einen der tiefer gelegenen Felsen als Waschplatz auszuwählen.

Okay … den Oberkörper kann man wirklich vorzeigen, kommentierte meine innere Stimme bewundernd.

Ich musste ihr recht geben. Fest, muskulös und echt gut proportioniert, aber keiner von diesen unnatürlich perfekten Hollywood-Bodys. Und wie ihm die etwas zu weite Jeans locker auf den schlanken Hüften saß … So eine Figur bekam man definitiv nicht, wenn man nur für den Spiegel trainierte. Dafür musste man wahrscheinlich von morgens bis abends … ja, was eigentlich? Ich hatte schließlich keine Ahnung von einem typischen Tag im Leben des Aris Unbekannt. Schwimmen vielleicht? Könnte schon hinkommen – bei diesen Armen und Schultern …

Hallo! Jetzt komm wieder klar, Mädchen! Sonst nutzt er gleich seine wunderbar starken Arme, um echt dieses blöde Hemd zu waschen!

Ich verpasste mir rasch eine innere kalte Dusche, sprang hinter ihm her und rief: »Hey, warte mal! Das war doch nur ein Scherz!«

Er drehte sich um – und blieb so abrupt stehen, dass ich gegen ihn prallte. Für einen Moment nahm ich den Duft seiner warmen Haut wahr.

Oh wow …

Zentrale? Noch einen Eimer Wasser, bitte!

Ich trat fix einen Schritt zurück und atmete kurz durch.

»Ein Scherz?« Gut gelaunt drohte Aris mir mit dem verschmierten Hemd. »Na, dann kannst du das ja übernehmen, Frau!«

Offenbar hatte er kein bisschen mitgekriegt, wie sehr mich sein kleiner Halb-Striptease aus dem Konzept gebracht hatte. Und es schien ihn auch nicht weiter zu beeindrucken, dass ihm gerade ein, sagen wir mal, nicht ganz unansehnliches Mädchen gegen die nackte Brust geknallt war.

Hey, vielleicht steht er ja auf Jungs!, schlug meine innere Stimme hilfreich vor.

Vielleicht hältst du jetzt einfach mal die Klappe!, knurrte ich im Stillen zurück.

Na gut. So lässig wie er war ich schon lange. »Vergiss es! Du hast es eingesaut, du wäschst es auch!« Ich stemmte die Hände in die Hüften.

Aris nahm ebenfalls eine herausfordernde Pose ein. »Wir kämpfen es aus, wie wär’s?«

»Da verlierst du«, erwiderte ich großspurig. »Ich hab mit Kenneth trainiert, du hättest keine Chance!«

»So?« In seinen grünen Augen blitzte es amüsiert auf. »Das werden wir ja sehen.«

Er griff nach mir, aber ich wich aus und stellte ihm ein Bein. Ich wollte ihn nicht wirklich ins Wasser schubsen, nur ein bisschen aus dem Gleichgewicht bringen. Aber wie das so ist mit undurchdachten Plänen und rutschigen Felsen: Sie sind keine gute Basis.

Und so brachte ich den überraschten Aris tatsächlich ins Wanken. Er suchte einen Halt, fand meinen Arm – und im nächsten Moment landeten wir beide im Meer. Nach Luft schnappend tauchte ich wieder auf, zwei Meter neben mir Aris.

»Große Göttin, ist das kalt!«, prustete er. »Das hatte ich ganz vergessen!«

Ich packte das neben mir treibende Hemd und wollte es rachsüchtig in seine Richtung schleudern. Doch ich erstarrte mitten in der Bewegung. Denn auf Aris’ Brust begann ein Netz feiner goldener Linien zu glühen.

Kapitel 9

Aris bemerkte meinen Gesichtsausdruck und blickte an sich hinunter. Mir war sofort klar, dass ich gerade etwas sah, das ich nicht hätte sehen sollen.

Langsam schüttelte er den gesenkten Kopf, als ob er nicht fassen könnte, was er da unbeabsichtigt zugelassen hatte. Aber als er wieder zu mir schaute, lag fast so etwas wie Erleichterung in seinem Blick.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Das Zeichen meines Hauses. Die Dornenbienen«, antwortete er schlicht.

Als er Boden unter den Füßen fand und sich aufrichtete, sodass ihm das Wasser nur noch bis knapp über den Bauch reichte, konnte ich das Muster erkennen: Es war die filigrane Darstellung zweier Bienen, im Profil gesehen, die sich einander zuneigten. Mit den Beinen hielten sie zwischen sich eine runde Form – eine Münze oder eine stilisierte Sonne? Feine Linien und Punktmuster umgaben sie. Das kunstvolle Motiv war ungefähr handgroß und saß genau über Aris’ Herz.

Auch ich hatte inzwischen Halt gefunden. Um der Versuchung zu widerstehen, die schimmernden Linien auf seiner Brust zu berühren, blieb ich jedoch auf Abstand. »Und … wieso leuchtet es im Wasser?«

»Nur im Meerwasser«, erklärte Aris. »Das Aurikalchos reagiert mit dem Salz.«

»Aha«, erwiderte ich schwach. »Klar.«

Er schien einen Entschluss gefasst zu haben. Oder irre geworden zu sein. Jedenfalls strahlte er mich auf einmal übermütig an und fragte: »Willst du etwas Tolles sehen?«

Mir gelang ein mechanisches Nicken.

»Ich bin nicht so gut darin.« Er legte seine rechte Hand auf die Wasseroberfläche. »Aber das müsste eigentlich klappen …«

Einen Moment lang passierte gar nichts. Dann aber erschien unter seiner Handfläche ein schwacher Lichtschein im mittlerweile fast schwarzen Wasser. Das Glühen breitete sich langsam weiter aus. Schon hatte es mich erreicht, und ich erkannte, dass es aus unzähligen winzigen Leuchtpartikeln bestand. Die Meeresoberfläche um mich herum sah aus wie flüssiger Goldstaub … wie ein Universum mikroskopisch kleiner Sterne. Wenn ich meine Arme bewegte, wirbelten die Leuchtfunken in immer neuen Galaxien umeinander. Vor Entzücken vergaß ich zu atmen. Und dann alles andere.

Aris hatte konzentriert den Blick gesenkt und hielt seine Hand ruhig auf der Wasseroberfläche. Das Meeresleuchten reichte nun schon vom äußersten Felsen der King’s Steps bis zum Strand. Und wir schwebten in seinem Zentrum.

Vorsichtig trat Aris einen Schritt näher und noch einen, bis er direkt vor mir stand. Die Zeichnung auf seiner Brust war jetzt besser zu sehen, und es wirkte, als ob sich die feinen Linien aus dem goldenen Wasser seine Haut hinaufschlängelten.

Magisch. Wunderschön. Und unfassbar anziehend.

Er schüttelte sich das Wasser aus den Haaren und sah mir ins Gesicht. »Atmen«, sagte er mit leisem Lachen.

Ich schnappte nach Luft und musste selber lachen, ungläubig, verzaubert. Dann holte ich mit beiden Armen aus und spritzte nach ihm. Goldene Tropfen zogen eine funkelnde Bahn durch die Luft zwischen uns, wie das fantastischste und seltsamste Feuerwerk der Welt. Und ich vergaß, was ich versprochen hatte: keine Fragen.

»Wie geht das?«, wollte ich wissen. »Warum kannst du so was?«

»Ich kann es eben«, gab er leichthin zurück. »Willst du –«

»Nein, ernsthaft, wie geht das?« Ich ließ nicht locker. »Machen das alle bei euch oder bist du der einzige Wassermagier?« Neckend schnippte ich noch ein paar glitzernde Tropfen in seine Richtung.

Sein Lächeln erlosch.

Ich vermisste es sofort, doch ich konnte einfach nicht aufhören zu fragen. »Hat das auch was zu tun mit diesem – wie war das? Orika…? Oder ist das so was wie ’ne Superkraft?«

»Ella.« Sanft nahm er meine Hand. »Ich kann … ich darf dir nichts weiter sagen.«

»Aber warum nicht?« Jetzt verschwand auch mein Hochgefühl. »Vertraust du mir denn nicht?«

Er antwortete nicht, sah mich nur stumm an.

Langsam wand ich meine Hand aus seinem Griff. Ein Schaudern kroch mir über die Haut, das nichts mit dem kalten Wasser zu tun hatte. Ja – dieses Meeresleuchten war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Aber auf einmal machte es mir auch eine Scheißangst. Dies hier war nichts, das ich rational erklären konnte. So etwas gab es einfach nicht auf unserer Welt – kein Mensch konnte das!

Plötzlich drängte sich alles Bedrohliche und Erschreckende in mein Bewusstsein, das in den letzten Stunden auf mich eingestürmt war: fast ertrunken, fast abgestürzt. Todesangst und Todesdrohung. Geschichten von Verrat, Entführung, Folter. Bootsbesatzungen, die spurlos verschwanden. Fremdartige Technologien, unmögliche Fähigkeiten. Und keine Erklärung in Sicht, für gar nichts. Das Schaudern breitete sich in mir aus, umklammerte mich wie mit eisigen Fangarmen.

Die Sonne war untergegangen. Über uns senkte sich die Dunkelheit herab. Aber das Glühen im Wasser war hell genug, um Aris’ Gesicht sehen zu können – die Freude darin war wie weggewaschen. Genau so fühlte ich mich auch, übrig waren nur Verwirrung, Zweifel … und Angst.

»Ella, es tut mir leid«, sagte er leise. »Ich wollte … ich dachte, es würde dir gefallen.«

»Mir ist kalt«, brachte ich heraus. »Dir nicht auch?«

Er nickte. Ohne ein weiteres Wort schloss er seine Finger zur Faust, und die Sterne im Wasser um uns herum erloschen, einer nach dem anderen, bis nur noch die schwarzen Wellen übrig blieben. Wir schwammen zum nächstgelegenen Felsen der King’s Steps, zogen uns daran hoch und kehrten zum Strand zurück. Ich lief voraus, durch den Sand und weiter den Weg hinauf. Erstens zitterte ich vor Kälte und zweitens wollte ich in diesem Moment einfach nur weg – vom Meer, von Aris, aber vor allem von seinen Geheimnissen.

Oben auf der Kuppe holte er mich ein. »Ella, warte doch kurz. Bitte!«

Abrupt blieb ich stehen und drehte mich zu ihm um. Er hatte sich das Hemd wieder übergestreift, aber da die Knöpfe offen standen, war das leuchtende Bild auf seiner Brust noch gut zu erkennen. So schön es auch aussah – in diesem Moment konnte ich den Anblick einfach nicht ertragen.

»Was ist?«, fuhr ich den Unbekannten vor mir an. »Was sollte diese Lichtshow? Was soll das überhaupt alles? Wer bist du?«

Er senkte den Blick. »Es tut mir leid«, wiederholte er gepresst. »Ich … Wenn alles gut geht, bist du mich in spätestens zwei Tagen los.«

»Und wenn nicht alles gut geht?«, fragte ich wütend. »Was dann, hm? Gibt’s dann ’ne neue Vorführung?«

»Nein.« Er machte einen Schritt zurück. »Du hast recht. Ich werde sofort gehen. Ich hole nur noch meine Sachen.« Damit ging er in Richtung des Cottages davon.

Ich sah ihm nach und spürte, wie meine Wut in sich zusammenfiel.

Keine Fragen, keine Lügen … Nicht so einfach, wie es sich anhört, was? Meine innere Stimme war wieder aufgetaucht. Aber du hast ihn gestern selbst zum Bleiben überredet, vergiss das nicht. Und warum?

Ja, warum? Okay, wohl auch, weil ich neugierig war. Aber vor allem, weil ich ihm ehrlich helfen wollte. Vielleicht vertraute er mir nicht. Aber aus irgendeinem Grund vertraute ich ihm – selbst jetzt noch, das wurde mir plötzlich klar. Ich wollte ihn nicht im Stich lassen. Also gab ich mir einen Ruck und lief ihm hinterher.

»Hey, warte!«, rief ich. »Nun sei nicht albern. Bleib.«

Aris ging weiter und schüttelte nur stumm den Kopf, als blieben ihm die Worte in der Kehle stecken. Ich überholte ihn, stellte mich vor ihn und zwang ihn so, stehen zu bleiben. Er sah an mir vorbei. In seinen Augen lag ein seltsamer Glanz. Dann sagte er: »Ich kann nicht bleiben.«

Mir war klar, dass er nicht von den nächsten zwei Tagen redete.

Ich schluckte das meiste von dem hinunter, was mir auf der Zunge lag, und sagte schließlich nur: »Das macht nichts, okay? Aber wir … du hast es doch schon fast geschafft. Da musst du jetzt nicht die letzten Tage am Strand übernachten. Komm mit zurück und bleib. Keine Fragen mehr, versprochen.« Ich versuchte es mit einem Scherz: »Wenn ich dich so gehen lasse, bringen mich die Bernhardts um.«

Es klappte. Aris lächelte schwach. Schließlich entspannte sich seine Körperhaltung etwas und er nickte. Das letzte Stück zum Haus gingen wir nebeneinander.

Die beiden Schwestern waren schon ins Bett gegangen, und bis auf das Willkommenslicht, das die Lampe über dem Eingang verbreitete, lag das Cottage im Dunkeln. Da ich drinnen den Schalter nicht fand, tasteten wir begossenen Pudel uns im Finstern die Treppe hinauf. Ich beschloss, dass ich heute schon genug herumgerannt war und einfach noch einmal das zweite Gästezimmer der Bernhardts in Anspruch nehmen würde. Sie hatten bestimmt nichts dagegen. Und an die nassen Sachen fremder junger Leute in ihrem Badezimmer waren sie hoffentlich auch schon gewöhnt.

»Duschen wäre jetzt wohl zu laut«, flüsterte ich Aris bedauernd zu. Ich konnte ihn gerade so erkennen, weil das Mondlicht durch das schmale Flurfenster hereinfiel. Auch von der Zeichnung auf seiner Brust war noch immer ein schwacher goldener Schein zu sehen. »Aber wenn dir kalt ist, mach ruhig.«

Er schüttelte den Kopf, obwohl er genau wie ich zitterte.

Ihr müsst euch mal eine andere Art von Date überlegen, spottete meine innere Stimme.

»Ich will nur schlafen.« Er wirkte müde und niedergeschlagen, blieb jedoch weiter im Gang stehen und sah mich an. »Ella.« Seine Stimme klang rau und verstärkte die Gänsehaut, die ich unter meinen nassen Sachen spürte. »Ich habe es ernst gemeint vorhin. Ihr seid gute Menschen und sollt meinetwegen nicht in Sorge sein … oder in Gefahr. Nichts hiervon hätte passieren dürfen. Ich wusste einfach nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Aber jetzt habe ich einen Ausweg. Wenn ich erst fort bin, wird für euch alles wieder so sein wie vorher.«

Und für dich?, fragte ich stumm. Du kehrst zurück in deine wunderbare, schreckliche Heimat. Und dann hoffst du, dass du auf die triffst, die wie du das Meer zum Leuchten bringen. Nicht auf die, die dich mit schwarzem Gift foltern. Was, wenn du das nicht schaffst?

In diesem Moment wirkte Aris auf mich wieder so fremd, geradezu unnahbar … und unglaublich einsam. Ich hatte einen Kloß im Hals und kam mir mies vor wegen meines Ausbruchs. Irgendetwas musste ich doch sagen oder tun, um das wieder auszubügeln und ihn nicht einfach so wegzuschicken!

Soll ich mit zu dir rüberkommen? Einfach, damit du heute Nacht nicht allein bist? Die Worte lagen mir auf der Zunge. Aber ich hatte Angst, dass er sie falsch verstehen würde, besonders nach dem, was er mir auf dem Weg zum Strand anvertraut hatte. Also sagte ich nur unbeholfen: »Es ist alles gut. Mach dir keine Gedanken um uns. Jetzt schlaf erst mal.«

Er senkte den Kopf und wandte sich um. »Bis morgen.«

Die Tür schloss sich hinter ihm, ich zog meine zu, und dann war jeder von uns allein mit seinen Gedanken.


Keine Ahnung, wie es ihm ging, ich jedenfalls konnte lange nicht einschlafen. Und zwar nicht nur, weil ich so durchgefroren war. Wie immer erschienen mir die Probleme in der Dunkelheit noch größer und drückender, als sie es ohnehin schon waren. Ich kam mir so grenzenlos verpeilt und hilflos vor wie noch nie in meinem Leben. Eine einzige Sache hatte ich in den letzten Tagen richtig gemacht: diesen Kerl aus dem Wasser zu ziehen. Aber dann hörte es auch schon auf.

Was bildete ich mir eigentlich ein? Ich traf reihenweise Entscheidungen, die mit Vernunft nicht wirklich etwas zu tun hatten, da konnte ich mir die Gründe noch so schönreden. Und wofür das alles? Für jemanden, den ich überhaupt nicht kannte.

Und für seine schönen Augen, erklang es in mir.

Das hat überhaupt nichts damit zu tun!, protestierte ich empört.

Vielleicht sieht er das ja anders.

Alarmiert bohrte ich nach. Was soll das denn heißen?

Naja. Meine innere Stimme wirkte jetzt ziemlich nüchtern. Du bist schließlich seine wichtigste Verbündete hier. Vielleicht will er sichergehen, dass du ihn nicht doch fallen lässt. Wird ja langsam ganz schön komisch, das Ganze.

Du meinst, er hat das im Wasser eben aus Berechnung getan?, fragte ich ungläubig. Um – um mich zu bezirzen oder so was?

Warum nicht? Wenn die schönen Augen nicht reichen, muss man eben noch ’ne Schippe drauflegen.

Nein. Ich schüttelte den Kopf. Das glaube ich nicht. So wirkt er kein bisschen.

Mhm. Wo du ja so ’ne gute Menschenkennerin bist. Gerade bei Typen.

Luca war eine Ausnahme!, zischte ich wütend zurück. Und das kann man überhaupt nicht vergleichen!

Konnte man wirklich nicht. Mein Exfreund sah auch ziemlich gut aus – wobei ich jetzt echt einen neuen Maßstab entdeckt hatte – und gefiel sich sehr in der Rolle als Gottes Geschenk an die Frauen. Ich war in seinen Augen maximal Kategorie guter Durchschnitt und hatte entsprechend dankbar für seine Beachtung sein sollen. Aris dagegen schien sich seines fantastischen Aussehens nicht einmal bewusst zu sein, geschweige denn, dass er es für seine Zwecke einsetzte. Oder war ich immer noch zu blöd, um die Anzeichen zu erkennen?

Kann mir auch egal sein, grummelte ich. Ich will ja nichts von ihm.

Ach, gaaar nichts?, säuselte es ironisch in mir.

Ich helfe ihm, nach Hause zu kommen, und das war ’s. Dann ist auch Schluss mit diesen ganzen schrägen Geschichten. Missmutig zog ich mir das Kissen über den Kopf. Und jetzt Ruhe. Ich muss schlafen.

Aber das war leichter gesagt als getan. Ich wälzte mich noch ziemlich lange unruhig hin und her, zuckte beim kleinsten Geräusch zusammen und wühlte mich durch einen immer größeren und wirreren Gedankenhaufen. Irgendwann fielen mir doch die Augen zu. Ich schlief tief und traumlos.


Als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch. Aus dem Erdgeschoss drang das Klappern von Geschirr an meine müden Ohren. Von draußen hörte ich Snowflakes Möwengebell. Oh Mann, den hatte ich ja völlig vergessen! Zum Glück hatten sich die Bernhardts um ihn gekümmert. Da war wohl etwas mehr fällig als Discounter-Hundesnacks …

Groggy kämpfte ich mich aus dem Bett und tastete nach meinem Handy. Wie spät war es? Aber ich bekam keine Antwort, denn obwohl das Teil seit gestern Nachmittag am Ladekabel hing, blieb das Display schwarz. Es hatte wohl endgültig seinen Geist aufgegeben, als ich es ins Gras gepfeffert hatte. Na super. Jetzt gab es für mich gar keine Chance mehr, meine Mutter anzurufen, denn natürlich hatte ich die Nummer von Lars’ Handy nirgendwo notiert. Tja, hoffentlich kontaktierte sie Mrs. Kemp oder Lisa, wenn sie mich nicht erreichte. Und bestimmt konnte ich ihr bei meiner Freundin zur Sicherheit eine Mail schreiben.

Dann kroch mir langsam ins Bewusstsein, dass ich noch ein paar andere Probleme am Start hatte. Das kleinste war, keine Zahnbürste eingesteckt zu haben, als ich gestern in Grannys Cottage gewesen war. Das größte saß hoffentlich unten und frühstückte mit den Bernhardts.

Auf dem Boden vor der Zimmertür fand ich mein Shirt und meine Jeans, sauber zusammengelegt und trocken. Ich hätte die Bernhardts küssen können – wahrscheinlich hatten sie das nasse Zeug im Badezimmer gefunden und eine Runde in den Trockner geworfen. Schnell schlüpfte ich in meine Sachen und stapfte die Treppe hinunter.

In der Frühstücksecke des Wohnzimmers fand ich allerdings nur die beiden Schwestern beim Tee. Sofort meldete sich mein Unbehagen wieder. Wo war Aris? Hatte er sich letzte Nacht etwa doch zu Herzen genommen?

Aber Helen, stilvoll in einen schiefergrauen Rock und Rosenmuster-Bluse gekleidet, beruhigte mich mit ihrer Begrüßung: »Ah, da bist du ja, Ella. Wurde gestern ein bisschen spät, was?« Zwinker, zwinker. »Dein junger Mann ist schon seit Sonnenaufgang auf den Beinen. Er wollte unbedingt nachsehen, ob mit dem Sender alles in Ordnung ist.«

»Wir stehen ja auch immer sehr früh auf«, fügte Hildy hinzu und fuchtelte in der Gegend herum, sodass unzählige indische Armreifen klimperten, die bestens zu ihrem orangefarbenen Sari-Outfit passten. »Einen Tee hatten wir um die Zeit aber noch nicht fertig. Sollen wir euch vielleicht etwas einpacken und du nimmst es mit runter?«

Ich nickte dankbar, konnte aber kaum abwarten, bis die alten Damen mir eine Thermoskanne und ein paar aufgebackene Scones in den Rucksack gestopft hatten. Dann rannte ich los, Snowflake laut bellend hinter mir.

Was, wenn Aris nicht am Strand war?

In spätestens zwei Tagen bist du mich los. Ich hatte keine Ahnung, wie er auf diese Zeiteinschätzung kam. Was, wenn der Sender deutlich eher Erfolg gebracht hatte? Kam ich vielleicht schon zu spät?

Doch diese Sorge verflüchtigte sich, sobald ich den Rand der Steilküste erreicht hatte und hinunter in die Bucht blickte.

Aris war noch da.

Er saß auf dem äußersten Felsen der King’s Steps, ließ die Beine baumeln und hielt sein Gesicht in die Sonne. Über Kenneths Jeans trug er wieder seine rostrote, zerrissene Tunika. Auf dem Stein hinter ihm trocknete Kenneths Hemd.

Ich fasse es nicht, dachte ich. Er hat es tatsächlich gewaschen.

Dank Snowflakes Gebell bemerkte er mich natürlich sofort. Ausnahmsweise war ich dem Wunderhund wegen seines Lärms nicht böse, denn so ersparte er mir die Überlegung, wie ich mich am besten ankündigen sollte. Aris drehte sich zu mir um und winkte fröhlich. Ich atmete erleichtert auf. Er war wieder ganz der Alte.

Ganz der Alte, spottete meine innere Stimme. Du kennst den Typen jetzt noch keine drei Tage! Und wenn es nach ihm geht, werden es auch kaum mehr.

Ich schüttelte den Kopf, schüttelte die Stimme ab. Dann warf ich Snowflake ein Scone zur Ablenkung hin, damit er nicht versuchte, mir auf die Felsen zu folgen. Vorsichtig sprang ich von Stein zu Stein, bis ich schließlich vor Aris stand.

Er beschirmte seine Augen mit der Hand und blickte lächelnd zu mir hoch. »Bringst du mir etwa das Frühstück?«

»Ausnahmsweise. Schönen Gruß von den Bernhardts.« Ich lächelte zurück, unheimlich froh, dass wieder alles in Ordnung zwischen uns war. Okay, vielleicht war Ordnung nicht ganz das richtige Wort, aber hey … Unordnung war eh mehr mein Ding.

Und jetzt hatte ich echt Hunger. Also setzte ich mich neben ihn und wir teilten uns Tee und Scones. Ich biss herzhaft in das krümelige Gebäck und musste an meine Granny denken: wie sie beim Backen mit der immer gleichen blau-weißen Teetasse runde Teigstücke ausgestochen und sich dabei meine kleinen oder großen Sorgen angehört hatte. Wenn die Scones kurz darauf heiß und knusprig auf dem Tisch gestanden hatten, war die Welt jedes Mal wieder im Einklang gewesen – jedenfalls für sie und mich …

Wie sich herausstellte, dachte auch Aris an seine Familie.

»Das ist wirklich guter Tee«, sagte er, nachdem er fast die ganze Kanne allein ausgetrunken hatte. »Vielleicht kann ich einen Beutel davon zurückschmuggeln. Der wäre etwas für meinen Bruder …« Seine Hand griff nach dem goldenen Ring an seinem rechten Zeigefinger, drückte ihn kurz und fest.

Ich sagte nichts, aber er sah, dass ich seine Geste bemerkt hatte.

»Der gehört ihm«, erklärte er leise.

»Kann ich mal …?« Ich biss mir auf die Lippen.

Oh Mann. Du wolltest es doch lassen, Ella!

Aber, oh Wunder: Aris hielt mir tatsächlich seine Hand hin, damit ich den Ring näher betrachten konnte. Die flache Schmuckscheibe darauf schimmerte im Sonnenlicht. Sie war bedeckt mit zarten, eingravierten Linien, die ein unglaublich detailliertes Bild zeigten. Ich kniff die Augen zusammen: Das Motiv der Dornenbienen befand sich im Zentrum, flankiert von einer Frauen- und einer Männerfigur, die, soweit ich es erkennen konnte, beide prächtig gekleidet waren, geradezu zeremoniell. Sie wurden eingerahmt durch eine Landschaft mit Hügeln und tempelartigen Gebäuden. Aber um mehr zu erkennen, hätte ich wirklich eine Lupe benötigt – die Einzelheiten waren einfach zu winzig. Eine wahre Miniatur.

»Das sieht irre kunstvoll aus«, kommentierte ich bewundernd.

Aris zog seine Hand zurück und nickte erfreut. »Die besten Goldschmiede arbeiten für meine Familie. Ich besitze auch so einen Ring. Aber ich habe ihn gegen diesen getauscht. Wenn Ionis wieder gesund ist, bekommt er ihn zurück. Das habe ich ihm versprochen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Ich … ich glaube zwar nicht, dass er mich hören konnte, aber vielleicht –«

»Er schafft’s bestimmt«, versicherte ich in einem hilflosen Versuch, tröstlich zu klingen. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wie es seinem Bruder wirklich ging oder was er hatte.

Aber Aris schien für jeden Strohhalm dankbar. »Ja, da bin ich sicher.« Hoffnungsvoll blickte er mich an. »Ionis ist der Stärkste von uns. Und der Klügste. Eigentlich war er schon immer der bessere Nachfolger für meinen Vater, ob zweiter Sohn oder nicht. Solon wollte vor allem seinen eigenen Kopf durchsetzen. Aber Ionis versteht das alles, die ganzen Allianzen und Intrigen. Wie jeder versucht, seine Interessen zu verfolgen und einen Keil zwischen seine Gegner zu treiben.« Er grinste. »Bei unserer Familie hat das aber noch niemand geschafft. Wir sind uns eng verbunden. Und dabei müsstest du mal hören, was so über uns erzählt wird: Mein Vater sei geisteskrank, mein Onkel ein Giftmischer, meine Mutter …« Er zog eine Grimasse. »Ich sage besser nicht, was sie über meine Mutter verbreiten.«

Ich konnte es mir lebhaft vorstellen und fragte nicht nach den schlüpfrigen Details. Stattdessen interessierte mich etwas anderes. »Warum nennen sie deinen Onkel einen Giftmischer?« Das klang wie ein sehr spezieller Vorwurf.

Aris zuckte mit den Schultern. »Vor Jahren, ich war gerade erst geboren, gab es einen Anschlag auf meinen Vater. Man hatte versucht, ihn zu vergiften. Aber das eigentliche Gift war das Gerücht, mein Onkel – sein Bruder – stecke dahinter. Vater hat nie an ihm gezweifelt, aber er musste ihn dennoch ins Exil schicken, um seine Herrschaft nicht zu schwächen. Das war ein schwerer Schlag für meine Familie. Die wahren Verschwörer wurden schließlich entdeckt und Vater holte Onkel Evros zurück an den Hof. Aber so ganz hat unser Haus das nie abgeschüttelt. Trotz seiner Unschuld darf mein Onkel bis heute keine offizielle Position einnehmen. Dafür war er so etwas wie mein Erzieher. Ich glaube, er kennt mich besser als meine Eltern …«

Aris verstummte. Ihm war wohl bewusst geworden, dass er mehr gesagt hatte, als er sollte.

Doch dass er überhaupt wieder etwas von sich erzählte, ließ Freude und Aufregung in meinem Magen pulsieren. Fasste er endlich Vertrauen zu mir? Um das nicht wieder zu verspielen, riss ich mich zusammen und fragte nicht weiter nach – obwohl ich darauf brannte, mehr über seine Familie und seine geheimnisvolle Heimat zu erfahren.

So saßen wir eine ganze Weile in entspanntem Schweigen nebeneinander, hingen unseren Gedanken nach und sahen hinaus auf das glitzernde Wasser. Ab und an hörte ich Snowflake am Ufer bellen. Er war schon wieder auf Möwenjagd und hatte sich damit abgefunden, dass sein Frauchen unbedingt auf einem Stein im Meer sitzen musste.

Noch immer war es ungewöhnlich warm und windstill. Tristans Party an diesem Abend kam mir in den Sinn. Na, mit dem Wetter hatte er jedenfalls Glück …

Schließlich richtete Aris sich auf und wischte die letzten Krümel von seiner Hose. »Der Sender funktioniert«, murmelte er. »Aber ich will noch einmal etwas anderes versuchen. Nicht ausflippen, wenn es klappt, in Ordnung?«

Ich warf ihm einen gespielt finsteren Blick zu. Grinsend beugte er sich hinab und legte wieder seine rechte Hand auf die Wasseroberfläche. Mit der nahenden Flut erreichten die Wellen inzwischen fast den oberen Rand des Felsens. Lange konnten wir hier nicht mehr bleiben, wenn wir keine nassen Füße bekommen wollten. Ich packte vorsichtshalber schon einmal alles zusammen und stand auf. Dann sah ich, wie das Wasser unter Aris’ Handfläche zu glühen begann. Im Sonnenlicht musste man allerdings schon genau hinschauen, um es zu bemerken. Diesmal breitete sich der goldene Schein nicht ringsherum aus, sondern pfeilartig nach vorn – weg von Aris, hinaus aufs Meer. Sein Gesicht und sein Körper wirkten voll konzentriert. Das hielt er vielleicht fünf Minuten durch, dann entspannte er sich wieder und das Leuchten verblasste.

Er ließ seine Hand im Wasser baumeln und sah seufzend zu mir hoch. »Ich habe das heute Morgen schon ein paarmal probiert, aber ohne Erfolg.«

»Was genau soll denn passieren?«

Er kam nicht dazu, mir zu antworten. Denn plötzlich tauchte ein gewaltiger schwarzer Schatten vor uns auf und riss Aris mit sich unter Wasser.

Pulsuz fraqment bitdi.

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29 dekabr 2025
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9783649640097
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