Kitabı oxu: «Natürlich heilen mit Bakterien - eBook»
Natürlich
heilen
mit Bakterien
Dr. Anne Katharina Zschocke
Natürlich
heilen
mit Bakterien
Gesund mit Leib und Seele
AT Verlag
Dieses Buch wurde nach bestem Wissen sorgfältig recherchiert. Es ersetzt jedoch weder medizinische Diagnostik noch Behandlung. Autorin und Verlag übernehmen keine Verantwortung für die Anwendung der in diesem Buch erwähnten Heilweisen oder Präparate noch für etwaige daraus entstehende gesundheitliche Folgen. Bei Erkrankungen ist ärztliche Hilfe angeraten.
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© 2016
AT Verlag, Aarau und München
Lektorat: Ralf Lay, Mönchengladbach
Bildbearbeitung: Vogt-Schild Druck, Derendingen
ISBN E-Book 978-3-03800-090-7
www.at-verlag.ch
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
Vorwort
Bakterien, Mensch und Medizin
Einleitung: Eine Revolution mit den Bakterien
Welt der Widersprüche
Krankheiten nehmen weltweit zu · Auf jedes Antibiotikum folgt Resistenzbildung · Kampf als Kulturentwicklung des 19.Jahrhunderts · Die Entfremdung der Forschung vom Leben · Militärisches Vokabular als Hindernis in der Bakteriologie · Die Erfindung bakterieller Reinkultur · Der Irrtum, Bakterien seien »Krankheitserreger« · Laborforschung führt zur Fehleinschätzung · Der Mensch versteht sich selbst nicht
Antibiotische Mittel: Ein Missverständnis
Die Suche nach bakterientötenden Mitteln · Die Entwicklung des Penicillins · Krieg in den Köpfen führt zum Krieg gegen Bakterien · Mikrobenjagd macht Menschen blind · Wie antibiotische Mittel wirken · Was Bakterienbeseitigung für den Menschen bedeutet · Bakterielle Resistenzen · »Krankenhauskeime«
Probiotika
Von Darmdesinfektion zu bulgarischen Bazillen · Escherichia coli · Milchsäurebakterien · Bakterien wirken immer probiotisch · Die Wirkung von Probiotika · Dick- und Sauermilch · Kefir · Joghurt
Biofilme, Bakterienkommunikation und die Entwicklung von Leben
Bakteriengemeinschaft im Biofilm · Die Kommunikation der Bakterien · Ernährung als »Gespräch« mit den Bakterien · Der Mensch als Zellengemeinschaft im Kreislauf des Lebendigen · Bakterien in der Atemluft · Bakterien im Trinkwasser
Bakterien und Immunsystem
Das Immunsystem als Dialogorgan · Krankheit entsteht aus einem Ungleichgewicht · Ohne Bakterien gibt es kein Immunsystem · Darmbakterien vermitteln die Außenwelt nach innen
Bakterienarmut und Krankheit
Ein neues Bild von Krankheit · Wir sind lebendiger, als wir denken · Bakterienmangel macht krank · Eine »Bläschensprache« der Zellen · Bakterien und Krebs
Das Mikrobiom des Menschen
Der mikrobielle Start ins Leben
Ohne Bakterien kann kein Mensch leben · Bakterien beim Vater · Bakterien bei der Mutter · Bakterien beim Kind · Bakterien bei der Geburt · Das Wachstum des Mikrobioms · Das Mikrobiom im Alter
Bakteriengesellschaften im Körper
Die persönliche Bakteriengemeinschaft · Bakterien der verschiedenen Körperbereiche
Bakterien und Ernährung
Babynahrung · Artgerechte Ernährung für den Homo sapiens · Bakterien und Körpergewicht · Bakterien und Zusatzstoffe · Gesunde Ernährung · Was sind gesunde Lebensmittel? · Gluten
Bakterienernährung und Präbiotika
Was sind Ballaststoffe? · Stärke · Die Ballaststoffmenge · Der Einfluss der Ballaststoffe · Fettsäuren · Präbiotikapräparate
Diät, Bakterien und Gesundheit
Diät heißt Verteilung · Warum Diäten scheitern · Der gesunde Appetit · Befreiung von Fremdbestimmung · Auf der Suche nach sich selbst · Der Weg zur Heilung · Ernährungsweise und Mikrobiom · Hunger, Fasten und Mikrobiom · Mikrobiom und Stress
Mikrobiom, Hygiene und Lebensrhythmen
Die ursprüngliche Bedeutung von Hygiene · Sonnenrhythmus als Lebensgrundlage · Tages-, Lebens und Bakterienrhythmus · Rhythmusverschiebungen stören das Mikrobiom · Elektromagnetische Felder · Reinlichkeit · Colon-Hydro-Spülungen
Traditionelle Medizin mit Bakterien
Mikroorganismen als Heilmittel in der Geschichte
Bakterienmischungen aus Natur und Kultur · Wein · Kumys, Kefir und Molke · Bier · Brot und Brottrunk · Schimmel · Heilerde · Tiere · Exkremente · Heutrunk
Mikrobiologische Therapien
Autovaccine-Therapie · Symbioflor · Mutaflor · Coli-Biogen · Rephalysin · Spenglersan-Kolloide · Darmnosoden nach Dr. Bach · Tuberkulosemittel aus der Schildkröte · Bacille Calmette-Guérin (BCG) · Fiebertherapie · Isopathische Therapie mit Sanum-Präparaten · Toxinal von Brehmer aus Siphonospora polymorpha · Stuhltransplantation
Natürlich heilen mit Bakterien
Eine neue Therapie
Heilung des ganzen Mikrobioms · Anregung der Selbstregulation · Einklang innerhalb des Menschen · Hilfe einer Bakteriengemeinschaft
Die Mikrobiom-Diagnostik
Abweichungen in der Befindlichkeit · Mikrobiologische Diagnostik
Mikrobiomtherapie
Einführung · Zugabe lebender Bakterien · Ernährung und Unterstützung der Bakterien · Mikrobiomfreundliche Lebensweise · Innerliche Reinigung des Körpers · Heilung seelischer Wunden
Praktische Bakterienanwendung
Allgemeine Grundsätze · Produkte mit Bakterienmischungen · Der Anwendungsrahmen · Grundeigenschaften der Effektiven Mikroorganismen
Bakterien beim Menschen äußerlich anwenden
Anwendungsarten: Kompresse, Wickel und mehr · Anwendungsindikationen
Bakterien einnehmen und innerlich anwenden Allgemeines
· Die Anwendungsbereiche
Die Umgebung mit Bakterien behandeln
Räume · Gegenstände, Tiere und Pflanzen
Anhang
Dank
Die Autorin
Bezugsquellen
Anmerkungen
Register
Bakterien der verschiedenen Körperbereiche in der Übersicht
Haut, Seite 103
Atemwege, Seite 104
Blase, Seite 104
Verdauungssystem, Seite 105
Mund und Zähne, Seite 105
Speichel, Seite 106
Rachen, Seite 107
Speiseröhre, Seite 107
Magen (Magensäure, Magensäureblocker), Seite 107
Darm (Verdauung, Stoffwechsel, Darmschleim, Innerer Austausch, Leaky Gut, Reizdarm), Seite 112
Leber, Seite 121
Galle, Seite 123
Gehirn (Mikroglia, Bauch-Hirn-Achse, Hormone, Nervensystem), Seite 124
Dickdarm 128
Die Anwendung von Bakterien in der Übersicht
Bakterien beim Menschen äußerlich anwenden
Anwendungsarten:
Aufträgen, Seite 251
Kompresse, Seite 251
Wickel, Umschlag, Seite 251
Waschung, Seite 251
Spülung, Seite 252
Gurgeln, Seite 252
Vollbad, Seite 252
Sitzbad, Seite 252
Anwendungsindikationen:
Bakterienanwendung bei geschlossener Haut (Bluterguss, Prellung, Zerrung, Gelenkbeschwerden, Verstauchung, Hautflecken, Juckreiz oder prophylaktisch), Seite 253
Bakterienanwendung bei gereizter Haut (Insektenstich, leichte Verbrühung, geschlossener Abszess, Sonnenbrand, Druckstelle, geschlossene Fußblase, Akne, Nagelbettentzündung, Windeldermatitis, Kopfhautschuppen), Seite 253
Bakterienanwendung bei kranker Haut (Hautpilz, Fußpilz, Neurodermitis, Ekzem, juckender Ausschlag, Gürtelrose, Akne, Schuppenflechte, Herpesbläschen, Warzen, Pickel), Seite 254
Bakterienanwendung bei Verletzungen (frische offene Wunde und Schürfwunde, verschmutzte Wunde, Zahnwunde, stumpfe Verletzung, Prellung, Verstauchung, Verrenkung, Muskelzerrung, Bluterguss, Verbrennung, Verbrühung, Sonnenbrand, chronisch offene Wunde, eiternde Wunde, Druckgeschwür, offene Beine, geöffneter Abszess, Operation, MRSA-Prophylaxe), Seite 255
Weitere Bakterienanwendungen (bei resistenten Bakterien, Sepsis, Augen-, Bindehautentzündung, Heuschnupfen, Hämorrhoiden, Genitalerkrankung, Blasenentzündung, Geschlechtskrankheit, Vaginalpilz, Zytomegalie-Virus, der Geburt, im Wochenbett und bei Brustentzündung), Seite 257
Bakterien einnehmen und innerlich anwenden
Anwendungsbereiche:
Nase (Schnupfen, Nasennebenhöhlenentzündung, Heuschnupfen, Asthma, Atemwegserkrankungen), Seite 261
Mund (Mundgeruch, Zahnfleischentzündung, Zahnfleischbluten, Mundpilz, Speicheldrüsenentzündung, Aphthen, Mundverletzung, vor und nach Zahnbehandlung, Amalgamausleitung), Seite 261
Hals (Halsschmerzen, Erkältung, Mandelentzündung, Heiserkeit, Kehlkopfentzündung), Seite 262
Atemwege (Bronchitis, Husten, Asthma, Heuschnupfen, Lungenentzündung), Seite 262
Magen (Magenschmerzen, Erbrechen, Übelkeit, Sodbrennen, Magengeschwür, Reizmagen, Magenschleimhautentzündung, Helicobacter-Überbesiedelung, Völlegefühl), Seite 263
Bauchspeicheldrüse (Bauchspeicheldrüsenentzündung, Diabetes), Seite 264
Gallenblase (Gallenblasenentzündung, Gallensteine, nach Gallenkolik), Seite 264
Leber (Lebererkrankung, Leberüberlastung, Fettleber), Seite 264
Darm (allgemeine Dosierung, akuter Durchfall, Erbrechen, Magen-Darm-Verstimmung, Vergiftung, chronischer Durchfall, Clostridium-difficile-Überbesiedelung, Verstopfung, Übergewicht, chronischentzündliche Darmerkrankung, Leaky Gut, Reizdarm, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Lebensmittelunverträglichkeit, Allergie, Divertikulitis, Darmpilzüberbesiedelung, Darmspülung), Seite 264
Fasten, Seite 268
Blase und Niere (Hämaturie, Blasenentzündung, Harnröhrenentzündung), Seite 269
Gehirn und Nervensystem (neurologische und psychische Erkrankungen, multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Alzheimer, ADHS, Autismus, Depression, Angststörung, Appetitlosigkeit, Burn-out, Borderline), Seite 270
Die Umgebung mit Bakterien behandeln
Räume
Raumluft besiedeln, Raumklima verbessern, Gerüche neutralisieren (Krankenzimmer, Arbeitsräume, Lüftungsschächte, Klimaanlagen, Sick-Building-Syndrom, Allergie, Schimmelneutralisierung und Schimmelprophylaxe), Seite 271
Boden wischen, Seite 271
Gegenstände, Tiere und Pflanzen
Oberflächen abwischen (Küchenarbeitsplatten, Schneidebretter, Esstisch, besonders in Krankenzimmern: Bett und Nachtkasten, Ablageflächen, Serviertablett, Haltegriffe, Türklinken, Lichtschalter, Fernbedienung, Bad und Toilette), Seite 272
Textilien (in Krankenzimmern, bei Staubmilbenallergie, Befall mit Lästlingen, Chemikalienunver träglichkeit, Vorhänge, Felle, Teppiche, Polster, Matratzen, Bettzeug, Kissen, Schuhe), Seite 272
Lebensmittel (waschen und lagern), Seite 272
Zahnersatz, Seite 272
Geschirr, Seite 272
Haustiere, Seite 273
Zimmerpflanzen, Seite 273
Vorwort
Selten stehen wir inmitten einer solchen Wandlung, wie wir sie gerade in Hinblick auf die Bakterien erleben. Während die allgemein verbreitete Antwort auf die Frage, was jemandem beim Wort »Bakterien« spontan einfällt, bisher »Krankheit« lautete, ist die Wahrheit, dass Bakterien im Gegenteil für die Gesundheit notwendig sind, und zwar sowohl für den Körper als sogar für die Seele.
Seit mein Buch »Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit« im Herbst 2014 erschienen ist, erhalte ich nahezu täglich positive Rückmeldungen. Von Menschen, denen die darin beschriebenen Zusammenhänge, Tipps und Hilfen nicht nur wieder Hoffnung, sondern vor allem auch Gesundheit geben, von anderen, die sich dadurch ermutigt fühlen, ihrerseits Bücher zum Thema zu schreiben, und von Ärzten und Heilpraktikern, die sich für die Erweiterung ihrer therapeutischen Perspektive bedanken.
Die meisten Fragen, die mir darüber hinaus gestellt werden, handeln davon, wie man die neuen Erkenntnisse am besten im eigenen Leben für die Gesundheit umsetzt. Um all diese Fragen zu beantworten und die Hintergründe zu beleuchten, habe ich dieses Buch geschrieben. Ich hoffe, dass es denen, die krank sind, neue Hilfe und Heilung bringt und dass alle anderen ebenfalls die Befreiung erleben, die sich mit der Wahrheit über die Bakterien verbindet.
Mit Bakterien natürlich zu heilen, bewirkt oft Erstaunliches und weckt bei vielen Begeisterung. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen herzlich Begeisterung beim Lesen des Buches und viel Freude mit den Bakterien.
Anne Katharina Zschocke
Nettersheim, im April 2016
Bakterien, Mensch und Medizin
Einleitung: Eine Revolution mit den Bakterien
Es mag für die meisten Menschen befremdlich anmuten, dass Kleinstlebewesen, nämlich Bakterien, auf einmal heilsam sein sollen. Dass mit ihnen Krankheiten kuriert werden können, mit denen zahllose Menschen sich bislang plagen, dass sie Probleme lösen können, die noch bis vor Kurzem als unüberwindbar galten – und dies einfach, preiswert und universell. Haben wir nicht von klein auf gelernt, dass Bakterien Krankheitserreger sind, vor denen man sich und seine Gesundheit schützen muss? Dass sie eine Gefahr für den Körper darstellen und es ein Immunsystem gibt, das wir stärken müssen, um uns gegen Bakterien und Infektionen zu »verteidigen«?
Ja, das haben wir gelernt, und es ist immer noch die übliche Meinung der allermeisten. Doch wir stehen mitten in einer Revolution in der Medizin. In einer Umwälzung, die Diagnostik, Menschenbild und Therapiekonzepte so verwandeln wird wie schon lange nichts mehr. Die nicht aus einfachen Neuerungen besteht, nicht der gängigen Medizin eine weitere Methode beschert, sondern die unseren Blick ändert und uns mächtig herausfordert, unser Bild vom Menschen in Gesundheit und Krankheit grundlegend umzukrempeln: Heraus kommt große Hoffnung für viele Kranke, Erleichterung für Therapeuten und sogar mehr Frieden in der Welt.
Seit wenigen Jahren gibt es neue Entdeckungen zur Bedeutung der Bakterien für den Menschen, die zahlreiche sicher geglaubte Leitsätze in der Medizin völlig über den Haufen werfen und Grundgerüste therapeutischen Handelns erschüttern: Bakterien sind die Partner unserer Gewebezellen im Körper, und wenn diese Partner fehlen, wenn sie verändert sind oder gestört, werden wir krank. Sobald dieses Miteinander wiederhergestellt wird, kann sich auch Gesundheit wieder einstellen.
Bereits 1949 sagte einer der Pioniere der Medizin mit Bakterien: »Bakterien heilen kranke Menschen besser, natürlicher und nachhaltiger als alle Methoden, die gegen die Bakterien gerichtet sind. Bakterien heilen Krankheiten, die durch Bakterien verursacht werden.«1
Auch wenn diese Erkenntnis also nicht gänzlich neu ist, bedurfte es doch der neuen Entwicklung mikrobiologischer[1] Techniken, um nachzuweisen, dass sie der Wahrheit über die Beziehung von Mensch und Bakterien entspricht. Allmählich entdecken selbst anfängliche Zweifler die wahrhaft lebens-not-wendige Bedeutung der Bakterienbesiedelung, und mit großem Schwung widmet sich jetzt die internationale Forschungsgemeinschaft der Neuentdeckung ihrer selbst.
Es ist, als würde ein Schleier beiseitegezogen, und hervor tritt die erstaunliche – und auch erschütternde – Erkenntnis: Wir haben die Bakterien nicht nur durch Mikroskope gesehen, sondern auch durch eine psychische Brille, die uns den wahren Blick auf ihr Wirken gänzlich verstellte. Sobald wir diese Brille abnehmen und ihre wahre Bedeutung sehen, kann es uns wie Schuppen von den Augen fallen: Wir erkennen, warum wir krank sind, und wir finden Wege, wieder gesund zu werden. Und zwar auf einfache, natürliche und jedermann zugängliche Weise.
Über 120 Jahre lang galten Bakterien als Feinde des Menschen, die bekämpft werden sollten. Dazu wurden die raffiniertesten Mittel und Technologien entwickelt. Mit den daraus entstandenen Strategien haben wir das Miteinander von Bakterien und Mensch auf der Erde gründlich zerstört. Dass wir zugleich unseren Körper seiner gesunden Grundlage beraubten, war uns nicht klar. Inzwischen wissen wir es, und jetzt brauchen wir bloß noch die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Dieses Buch möchte Sie hineinnehmen in die neuen Erkenntnisse, möchte Ihnen zeigen, wofür Bakterien eigentlich da sind und was sie für uns Großes bedeuten. Sie werden lesen, warum man ohne sie krank wird und wie man mit ihnen sowohl mit Leib und Seele als auch an Leib und Seele wieder gesund werden kann.
Dieses Buch ist für Laien wie Fachleute aus heilenden Berufen gleicherweise geschrieben. Es ist in vier Teile gegliedert, die zwar auch jeder für sich gelesen werden können; doch empfiehlt sich die vollständige Lektüre, um tatsächlich über das notwendige Wissen für die praktische Anwendung (ab Seite 209) zu verfügen.
Der erste Teil dient dem Verständnis dafür, wie das bisherige Denken über Bakterien entstand und welches Menschenbild davon abgeleitet wurde. Es wird gezeigt, wieso es zur Fehldeutung der Mikroorganismen kam (Seite 18ff.), welche Folgen die Bekämpfung der Bakterien hatte und warum es das heutige gewaltige Problem resistenter Krankheitskeime gibt (Seite 32ff.). Als Reaktion auf die Antibiotika wurde das Konzept der Prä- und Probiotika entwickelt, die auf Seite 49ff. und 143ff. vorgestellt werden.
Aus den elementaren Entdeckungen über die Lebensweise von Bakterien und ihren Austausch untereinander und mit der Umgebung(Seite 63ff.) leitet sich die Erkenntnis ab, dass alle Bakterien im Menschen eine Gemeinschaft sind, die mit den Gewebezellen in Beziehung steht. Man nennt dieses kürzlich neu entdeckte Organ das »Mikrobiom«[2]. Diese Gemeinschaft der Bakterien ist im Menschen lebensnotwendig. Sie ist die eigentliche Grundlage für die Gesundheit. Gesundes Leben erwächst aus dem geordneten und natürlichen Verhältnis von Bakterien und Körperzellen im Menschen, das zugleich in einem Miteinander mit dem Immunsystem ist. All dies und wie es den Menschen gesunderweise in seinem Gleichgewicht erhält, erfahren Sie ab Seite 76.
Fehlen Bakterien oder ist ihr Miteinander gestört, können Krankheiten entstehen. Daraus ergibt sich ein neues Bild von Krankheit und Gesundheit, und es ergeben sich große Behandlungschancen für eine neue Medizin, die viele bisher schwer zu behandelnde Krankheiten heilen kann (Seite 84ff.).
Gemeinsam spannen diese Kapitel einen Bogen über den Wandel im Bakterien- und Menschenbild, der Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ermöglicht, die Revolution in der derzeitigen Medizin mitzuvollziehen.
Die Entwicklung des Mikrobioms beim Menschen vom Embryo bis ins Alter wird ab Seite 96 und die Bakterienzusammensetzung des Menschen in all seinen Körperregionen ab Seite 103 beschrieben. Die Kenntnisse über das Wirken der Bakterien in den unterschiedlichen Organen und ihre gängige Störungen eröffnen Möglichkeiten der Pflege, Heilung und zur Gestaltung eines gesunden Lebens. Sie sind Voraussetzung zur praktischen Anwendung bakterieller Heilmittel.
Die Bakterienzusammensetzung im Menschen bildet sich besonders durch die Ernährung (Seite 131ff.) und durch deren Ballaststoffgehalt (Seite 143ff.). Diäten, Stress, ein Leben in psychischen Abhängigkeiten und Ähnliches verändern immer das Mikrobiom (Seite 149ff.), und auch Lebensrhythmen sind bei der Bakterienbesiedelung wichtig (Seite 164ff.). Es wird beschrieben, wie man dies am besten zugunsten der bakteriellen Gesundheit gestaltet und was Hygiene wirklich ist.
Das folgende Kapitel stellt bisherige Therapien mit Bakterien vor. Schon immer haben Menschen mit Mikroorganismen geheilt (Seite 172ff.). Auch während der Phase überwiegend antibiotischen Denkens seit dem 20. Jahrhundert wurden mikrobiologische Therapien entwickelt,von denen einige alte sowie die heute noch üblichen ab Seite 185 beschrieben sind.
Der letzte große Abschnitt schließlich stellt die erste ganzheitliche Mikrobiomtherapie vor. Welches neue Therapiekonzept sich aus den Erkenntnissen zum Mikrobiom ableiten lässt und warum, erfahren Sie ab Seite 210. Welche Grundsätze gibt es und wann ist sie sinnvoll? Und wie sieht die nötige oder mögliche Mikrobiom-Diagnostik aus (Seite 215ff.)? Um ein gestörtes Mikrobiom wieder in ein Gleichgewicht zu bringen und die damit verbundenen Krankheiten zu heilen, benötigt man unter anderem eine Zufuhr von Bakterien sowie deren Ernährung und eine bewusste Gestaltung bakterienförderlicher Lebensumstände. Alle zugehörigen Elemente und wie man sie am besten praktisch umsetzt, werden mit Tipps und Anleitungen ab Seite 219 beschrieben.
Seite 242–273 sind der praktischen Anwendung einer Bakterienmischung bei äußerlichen und innerlichen Erkrankungen mit genauen Dosierungen und mit Fallbeispielen gewidmet. Zu einer gründlichen Heilung gehört auch die bakterielle Sanierung der Umgebung (Seite 271).
Viren, Pilze, Parasiten und andere Mikroorganismen werden hier nicht gesondert behandelt, obwohl auch sie überall im menschlichen Körper vorkommen. Genau genommen müssten auch die Archaea separat besprochen werden, die zweite große Domäne der Prokaryo-ten[3] im Menschen, was jedoch über den Rahmen dieses Buches hinausginge. Der leichteren Verständlichkeit halber wird stattdessen allgemein von »Bakterien« gesprochen, auch wenn dies wissenschaftlich nicht ganz korrekt ist. Heilt man die Gemeinschaft der Bakterien, also das Mikrobiom als Ganzes, reguliert sich erfahrungsgemäß damit die Gemeinschaft einschließlich aller anderen Mikroorganismen.
In diesem Buch geht es also um eine besondere Weise der Heilung. Bakterien sind Lebewesen. Ihre heilende Wirkung entfaltet sich dann, wenn wir sie, anders als bisher, als diejenigen respektieren, die sie sind: Mitgeschöpfe, die als Wegbereiter des Lebens in Milliarden von Jahren die Erde zu dem Planeten entwickelt haben, der uns überhaupt erst eine Existenz ermöglicht, und die seither mit uns und in uns in friedlicher Gemeinschaft unermüdlich im Dienste höherer Ordnungen leben.
[1] Der Begriff »Mikrobiologie« ist abgeleitet von den griechischen Wörtern mikrós für »klein«, bios für »Leben« und lógos für »Wort, Vernunft«: Er bezeichnet die Wissenschaft von den Lebewesen, die dem bloßen menschlichen Auge unsichtbar sind.
[2] Ursprünglich waren nur die Gene damit gemeint, und die Mikrobenvielfalt wurde als »Mikrobiota« bezeichnet; rasch hat sich aber umgangssprachlich die Verwendung des Begriffs für die Mikrobengesamtheit eingebürgert.
[3] Einzeller, zelluläre Lebewesen ohne Zellkern. Vom griechischen pro für »vor, vorher« und káryon für »Nuss« oder »Kern«.
Welt der Widersprüche
Krankheiten nehmen weltweit zu
Kaum ein Konzept in der derzeitigen Medizin ist derart mit krassen Widersprüchen gespickt wie die therapeutische Bekämpfung von Bakterien. Das fängt mit der Bezeichnung an. Wie kann etwas Heilmittel sein, was »gegen (anti) das Leben (bíos)« gerichtet ist?
Antibiotika wurden entwickelt, um Infektionskrankheiten bestenfalls auszurotten. Im Jahr 1962 schrieb der damalige Nobelpreisträger für Medizin, Frank Macfarlane Burnet (1899–1985), noch: »Die Beherrschung der Infektionskrankheiten stellt den überhaupt größten Erfolg dar, den der Mensch über seine Umwelt zu seinem Nutzen errungen hat. Dieser Erfolg ist (…) ein prinzipiell vollständiger.«2 In Wirklichkeit nahmen Infektionskrankheiten seither weltweit zu, und dieser Versuch brachte für Mensch und Umwelt größere Probleme als je zuvor. Auch die Vorhersage, dass die Tuberkulose im Jahr 2000 ausgerottet sein würde3, trat nicht ein. 2013 erkrankten mehr als sieben Millionen Menschen weltweit neu daran, und auch ihre Zahl nimmt zu.4 Dennoch wird das antibiotische Konzept keineswegs grundsätzlich infrage gestellt.
Selbst wo Antibiotika nichts nützen, verwendet man sie. Beispielsweise bei Viruserkrankungen wie der Grippe. Bei 30 bis 50 Prozent der Antibiotikatherapien, ambulant wie in Krankenhäusern, ist ihre Anwendung überflüssig oder unangemessen.5
Trotz der Nebenwirkungen, die eine lange Liste zum Teil langwieriger Erkrankungen umfassen, gelten Antibiotika als gute Medizin: Üblich sind Durchfälle, Verdauungsstörungen und Gewichtsverlust, aber auch Hautausschläge und Allergien bis hin zum plötzlichen schweren Schock. Manche Antibiotika führen zu Blutbildungsstörungen oder psychischen Erkrankungen, können die Blut-Hirn-Schranke durchdringen und zu Sehstörungen, Psychosen, Halluzinationen und Verwirrtheitszuständen führen[1]. Das Reaktionsvermögen kann so verändert sein, dass man nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen oder Maschinen bedienen kann, und es kann bis hin zu einer erhöhten Selbstmordrate kommen[2].6 Trotzdem führte all dies nicht etwa zur intensiven Suche oder Wahl gesünderer Alternativen. Als wärendie Symptome von »Nebenwirkungen« gar keine Erkrankung, sondern gewissermaßen bloß nebensächlich, lässt man sie oft genug unbehandelt in der Hoffnung, dass sich nach dem Absetzen des Auslösers der Mensch einfach wieder von selbst reguliert.
Der größte Widerspruch jedoch ergibt sich aus den Erfahrungen mit den Bakterien selbst, nämlich als die Entstehung von Resistenzen. Dieses Unempfindlichwerden gegenüber der gewünschten Wirkung ist nichts anderes als eine natürliche Reaktion von Lebewesen, die sich dadurch vor existenzieller Bedrohung schützen wollen. Es ist ein Gesetz des Lebens, das sich erhalten will. Bakterien sind lebensnotwendig. Paradox mutet allerdings unser Umgang damit an. Wir verhalten uns nämlich den Resistenzen der Mikroorganismen gegenüber so, als sei der Homo sapiens nicht lernfähig.
Auf jedes Antibiotikum folgt Resistenzbildung
Als erstes Antibiotikum, damals noch »Chemotherapeuticum« genannt, wurde im Jahr 1910 das Salvarsan produziert. Man wusste bereits während dessen Erforschung über die Ausbildung von Resistenzen.7 Nach wenigen Anwendungsjahren waren dagegen zahllose Bakterien resistent geworden. 1935 wurden Sulfonamide eingeführt, im Jahr darauf gab es Resistenzen. Als 1942 Penicillin erstmals als Arzneimittel offiziell eingesetzt wurde, war bereits zwei Jahre zuvor die Penicillinase als Resistenzfaktor entdeckt worden. Streptomycin wurde entwickelt, kurz darauf gab es Resistenzen dagegen. Es kam 1947 das erste Breitbandantibiotikum, Chloramphenicol, das nicht gegen nur eine Bakterienart, sondern gegen eine Vielzahl gerichtet ist. Wenig später gab es darauf eben eine Vielzahl bakterieller Resistenzen. Im Jahr 1952 kam der als neu gepriesene Wirkstoff Erythromyzin auf den Markt, bald gefolgt von Resistenzen. 1953 wurde mit Tetracyclin wieder ein neuer Wirkstoff patentiert, kurz darauf gab es Resistenzen von 50 Prozent der wichtigsten Bakterien bis 1984. Schon längst sprach man vom Wettlauf der Antibiotika-Neuentwicklungen gegen die Resistenzbildung der Bakterien. Man ahnt, wie es weitergeht.
Vancomycin, in den fünfziger Jahren entwickelt, wurde ab 1980 als sogenanntes Reserveantibiotikum zur Bekämpfung antibiotikaresistenter Bakterien eingesetzt, wenige Jahre darauf gab es auch dagegen Resistenzen.
Dann kam Methicillin auf den Markt, das den resistent gewordenen Bakterien mit einem prägnanten Namen zur Berühmtheit verhalf:MRSA, Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus, ist seither der menschengemachte Schrecken, der durch Krankenhäuser, Altenheime und Pflegeeinrichtungen geistert. 1976 waren 1,4 Prozent der in deutschen Krankenhäusern untersuchten Bakterien resistent, 1995 waren es 8,7 Prozent, im Jahr 2007 waren es schon 20,3 Prozent.8 Und während dieser Prozentsatz nun nicht mehr steigt, kommen weitere Antibiotika nach, und notgedrungen gesellen sich beständig neue resistent gewordene Bakterienstämme hinzu, die nicht nur Krankenhaushygieniker in Angst und Schrecken versetzen, sondern auch die inzwischen international alarmierte Politik.
Als sich im Jahr 2015 im beschaulichen bayrischen Städtchen Elmau die Staatslenker der sieben sich als führend verstehenden Länder der Welt trafen, um über die dringlichsten Fragen der gegenwärtigen Zeit zu konferieren, war das Thema »Kampf gegen die resistenten Bakterien« auch dabei. Wohlgemerkt der »Kampf gegen«, nicht etwa die Frage nach Alternativen.9
Derweil wurde nicht der Umgang mit Krankheiten, sondern der Umgang mit resistent gewordenen Bakterienstämmen zum größten Problem in den Krankenhäusern. Laut offiziellen Zahlen10 werden 400 000 bis 600 000 Menschen jährlich in deutschen Krankenhäusern und Ambulanzen mit ihnen besiedelt, geschätzte 10 000 bis 30 000 sterben daran. Schon die Schwankungsbreite der Zahlen zeigt, dass man gar nicht weiß, wie viele es wirklich sind. Zu viele in jedem Fall.
Es ist gewöhnlich eine Grundfähigkeit des Menschen, aus Erfahrung zu lernen. Wer auf eine heiße Herdplatte fasst und sich dabei schmerzlich die Finger verbrennt, hat dazugelernt und wird in Zukunft überprüfen, ob die Platte heiß ist, bevor er darauflangt. Mit der Bakterienbekämpfung scheint dies offensichtlich und aus unverständlichen Gründen nicht der Fall zu sein. Das Konzept ist von grundlegender Erfolglosigkeit begleitet und wird dennoch ständig weiterverfolgt. Im Januar 2016 hieß es, man wolle »den Vorsprung gegenüber resistenten Bakterien wahren«.11 Dabei stolpern wir den Bakterien in Wirklichkeit einige Milliarden Jahre hinterher (siehe Seite 63ff.).
Medikamentenentwicklung und Wirksamkeitsverlust aufgrund bakterieller Resistenzen folgen in schöner Regelmäßigkeit aufeinander, und was geschieht? Es wird immer lauter nach neuen Mitteln derselben Art gerufen und nach »intelligenterem« Umgang in der Anwendung der bisherigen.12 Mit der Frage, warum dies so ist, könnte man Psychologen beschäftigen. Mit der Erfahrung, dass es so ist, können wir eigentlich nur eins, nämlich damit aufhören. Und das Erfreuliche ist: Es gibt tatsächlich Alternativen.
Diese beginnen billig, gefahrlos, leicht und für jeden machbar: mit einem einfachen Umdenken. Bakterien sind keine Feinde. Wir haben ihnen das Leben auf der Erde zu verdanken, jeden Tag neu, auch das ganz persönliche. Wir brauchen sie nicht zu bekämpfen. Sobald man das Leben der Einzeller in und um sich versteht und die Erfahrung nutzt, die die Menschheit schon seit Anbeginn der Zeit mit ihnen macht, kann einem gesünderen Weg in der Medizin, auch für Infektionskrankheiten, nichts mehr entgegenstehen.
Wenn dies so einfach ist, wieso konnte es dann überhaupt erst so weit kommen? Wieso erscheint die Menschheit seit über einhundert Jahren wie mit Blindheit geschlagen? Wieso praktiziert man eine Methode, die so viele Probleme nach sich zieht, dass es die Allgemeinheit ein Vermögen und Menschen das Leben kostet und dass wir als Gesellschaft seither kränker anstatt gesünder geworden sind? Die durchschnittlich höhere Lebenserwartung, die überwiegend der besseren Säuglingshygiene und geringeren Kindersterblichkeit zu verdanken ist, bedeutet ja nicht etwa, dass wir gleichzeitig weniger krank geworden wären. Das Gegenteil ist der Fall.
Kampf als Kulturentwicklung des 19. Jahrhunderts
Um dies besser zu verstehen, hilft ein Blick in die Zeit, aus der die Idee der Bakterienbekämpfung stammt: ins 19. Jahrhundert. Damals traf einiges zusammen: Europa wurde immer wieder von Kriegen überzogen, an denen zwangsläufig auch Ärzte beteiligt waren. Die damaligen Militärkrankenhäuser waren exzellente Ausbildungsstätten für Ärzte, auch solche, die wissenschaftlich forschten. So unterstand das königliche Charité-Krankenhaus in Berlin, an dem viele Ärzte arbeiteten und forschten, dem Kultur- und dem Kriegsministerium. Kriegsdenken und kämpferische Strategien waren folglich in ihnen verinnerlichte Lebensprinzipien, und viele von ihnen dienten in den Kriegen als Soldaten an der Front. Auch die führenden Mikrobiologen von damals hatten diese Erfahrungen entweder selbst gemacht oder bei den Vätern miterlebt. Es war Teil des gesellschaftlichen Daseins. Wie tief sich dies in die Seele einschreibt, ist aus Sicht eines Menschen, der Krieg nicht erlebt hat, kaum einfühlbar.
Nicht einmal das Verhältnis der Forscher untereinander und ihrer Arbeit blieb dabei von Kampfgedanken frei. Es gab um die Entdeckung von Krankheitserregern und Heilmethoden geradezu einen Wettbewerb, weil davon Ehre und gutbezahlte Stellungen abhingen. Ironisch wurde diese Stimmung skrupellosen Strebens um Berühmtheit im Jahr 1905 vom spanischen Arzt und Nobelpreisträger Ramón y Cajal (1852–1934) mit der Erzählung Die Rache des Professors Max von Forschung literarisch aufgearbeitet.13
Obendrein sah man sich als Vertreter der Nation im Kampf um Entdeckungen. Noch bis zur Ernüchterung nach den beiden Weltkriegen las man Sätze wie: »Die beiden Männer haben einen ehrlichen Forscherkampf miteinander ausgefochten, aus dem Koch als Sieger hervorging. Dieser Kampf war im Grunde nichts anderes als der dramatische Ausbruch einer neuen Epoche unseres biologischen und ärztlichen Denkens.«14 Rückblickend sehen wir die so gepriesene Epoche allerdings als eine Sackgasse.
Charles Darwin (1809–1882) hatte darüber hinaus mit seinem »Kampf ums Dasein«15 etwas veröffentlicht, was allgemein so aufgefasst wurde, als ob Bekämpfung von Lebendigem eine Grundlage natürlicher Lebensentwicklung sei. Damit wurde das Töten quasi legitimiert. Dass das Gegenteil zutrifft, wurde übersehen und erst mithilfe der Gehirnforschung ab Ende des 20. Jahrhunderts gründlich und eindeutig widerlegt.16
Die Entfremdung der Forschung vom Leben
Überhaupt brachte das 19. Jahrhundert eine Weichenstellung in der Betrachtung des Lebens mit sich – mit zunehmender Entfremdung von ihm. Die Naturwissenschaften erhoben den Anspruch, eine »objektive« Wissenschaft zu sein, in der subjektive Erfahrungen, Intuition oder Sinneseindrücke beim forschenden Menschen keine Rolle spielen sollten. Deren Bedeutung ging verloren, und messbare Werte aus rational wiederholbaren Versuchen traten in den Vordergrund. Von Empfindungen beim Forschen wie Staunen, Ehrfurcht und Liebe, wie sie frühere Gelehrte ganz natürlich äußerten, darf seither in den Naturwissenschaften nicht mehr geredet werden, so als müsste sich selbst der Forscher auf seine Stofflichkeit reduzieren. Nicht mehr die Betrachtung, sondern die Analyse wurde zur wissenschaftlichen Methode der Wahl. Zur üblichen Forschungstechnik wurde es, Dinge in immer kleinere Teile zu zerlegen und mit diesen Teilstücken zu experimentieren. Man verstand die Welt fortan als die Summe dieser Teile: Lebensmittel als Summe von Kohlenhydraten, Fetten, Eiweißen, Mineralien et cetera, Bodenfruchtbarkeit als die Summe von Mineralsalzen wie Phosphor, Stickstoff und Kalium, den Menschen als Summeseiner Organe. Und diese Teile ließen sich beliebig trennen und unabhängig voneinander nicht nur beschreiben, sondern scheinbar auch wie Bausteine benutzen. Lebensvorgänge in Zellen betrachtete man als die Summe chemischer Gesetzmäßigkeiten, die man bloß kennenlernen musste und dann beeinflussen konnte. Essen wurde auf Stoff- und Kalorienaufnahme reduziert. Vereinzelung galt als Methode zum Erkenntnisgewinn. Der Widerspruch, dass sich Teilstücke aus etwas Lebendigem nie wieder in dessen Ursprung zusammensetzen lassen, aus Nährstoffen beispielsweise weder wieder Birne noch Brötchen werden, gesundes Leben folglich aus mehr bestehen muss als bloß der Summe seiner Teile, wurde geflissentlich übersehen.
In der Forschung ebenso wie im Alltagsleben begann eine Technisierung. Mit aller Ernsthaftigkeit folgten daraus später Texte wie beispielsweise in einem Buch über Landwirtschaft: Die Kuh – eine chemische Fabrik.17 Oder folgender: »An dem Tage, an welchem man die entsprechend billige Kraft bekomme, werde man mit Kohlenstoff aus der Kohlensäure, mit Wasserstoff und Sauerstoff aus dem Wasser und mit Stickstoff aus der Atmosphäre Lebensmittel aller Art erzeugen. Was die Pflanzen bisher taten, werde die Industrie tun, und zwar vollkommener als die Natur. Es werde die Zeit kommen, wo jedermann eine Dose mit Chemikalien in der Tasche trage, aus der er sein Nahrungsbedürfnis an Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten befriedige, unbekümmert um Tages- und Jahreszeit, um Regen und Trockenheit, um Fröste, Hagel und verheerende Insekten. Dann werde eine Umwälzung eintreten, von der man sich jetzt noch keinen Begriff machen könne: Fruchtfelder, Weinberge und Viehweiden werden verschwinden; der Mensch werde an Milde und Moral gewinnen, weil er nicht mehr von Mord und der Zerstörung lebender Wesen lebe. Die Erde werde ein Garten, in dem man nach Belieben Gras und Blumen, Busch und Wald wachsen lassen könne, und das Menschengeschlecht werde im Überflusse und der sagenhaften Freude des goldenen Zeitalters leben.«18
Man muss diesen Zeitgeist kennen, um die Irrwege in der Geschichte der Mikrobiologie zu verstehen. Heute wissen wir, dass diese Entwicklung uns weltweit Not und Krankheiten einbrachte, Mangel und Armut und statt eines »Gartens« eine geplünderte, missachtete und verschmutzte Erde. Auf Gewinn an Milde und Moral warten wir noch.
Diese Zeit der Technisierung brachte Fortschritte in der Mikroskopie mit sich. Einzeller konnten nun bequem einzeln vergrößert dem menschlichen Auge sichtbar gemacht werden, und durch chemische Färbung ließen sie sich unterscheiden, sodass man fasziniert begann, diese neue Welt im Kleinsten vermehrt zu erforschen.
Auch politisch wurde Neuland erobert: Mit Schiffsflotten und Exkursionen machten Delegationen der europäischen Länder sich auf, um in anderen Kontinenten Land zu besetzen und dies zu Kolonien zu erklären. Prompt erklärte man Bakterien, die auf einer Nährlösung wachsen, ebenfalls zu einer Bakterien»kolonie«.
In dieser Zeitenstimmung wurde mikrobiologische Forschung betrieben und Neues beobachtet. Und die Forscher dachten dazu, so gut sie konnten, doch offensichtlich konnten sie – jedenfalls die führenden, deren Meinungen beherrschend wurden – dabei nicht aus ihrer Haut. Vielleicht setzten sie sich gerade deshalb gegenüber anderen durch, weil ihre Ansichten sich bequem mit der allgemeinen Zeitenströmung deckten. Mikrobiologische Forschung wurde durch diese Geistesbrille hindurch gedeutet, und diese Brille war nicht paradiesisch rosa, sondern militärisch und vereinzelnd imprägniert.
Militärisches Vokabular als Hindernis in der Bakteriologie
Bis zum heutigen Tage kann man dies allein bereits am Sprachgebrauch ablesen, der sich in Zusammenhang mit Einzellern eingebürgert hat. Da ist von »angreifenden« Bakterien und der »Verteidigung« durch ein wachsames Immunsystem die Rede. »Eindringlinge« müssen durch »Antikörper« in Schach gehalten werden, und wenn diese »Verteidigungslinie« zu schwach ist, kommt es zur »Invasion«. »Heerscharen« irgendwelcher »Killer« »lauern« in der Umgebung und »bedrohen« den Menschen. Stoffwechselprodukte von Bakterien wurden als »Kampfstoffe« bezeichnet,19 und Mikroskopieren galt als Betrachten der Bakterien mit »bewaffnetem Auge«.
Typischerweise klingt es dann so: »Der Eroberungsfeldzug unserer Körpergenossen beginnt in der ersten Lebensminute.«20 Oder: »Die bakterielle Landnahme geht schrittweise voran.« Beides ist im Übrigen falsch. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, strotzen selbst Texte von renommierten Instituten, in Fachbüchern und akademischen Forschungsberichten, sobald es um Einzeller geht, von verbalem Kriegsgeklapper.21
So wurde das aus dem 19. Jahrhundert stammende, heute jedoch nicht mehr gültige Denken der Zeit im Vokabular über Bakterien langfristig festgeschrieben und erschwert bis heute ihre unvoreingenommene Betrachtung. Wir hängen verbal noch im vorletzten Jahrhundert fest. Vieles wäre schon einmal gewonnen, wenn man Aussagen über Bakterien von jeglichen kämpferisch-militärischen Begriffen gründlich befreite. Sie drücken nicht die Wahrheit aus. Die Forscher damals projizierten ihre Politik, Psyche und Stimmung blindlings auf die Kleinstlebewesen, und wir dürfen diese jetzt wieder vollständig daraus entlassen.
Wenn man unbedingt Bakterien in Zusammenhang mit Krieg betrachten wollte, würde nämlich auffallen, dass Bakterien zu allen Zeiten viel eher daran beteiligt waren, Feldzüge, Belagerungen und Schlachten zu beenden. Rickettsia mit Fleckfieber, Salmonella mit Typhus, Corynebacterium mit Diphtherie oder Vibrio mit der Cholera zwangen mehr Heere zum Frieden, als es Menschen jemals vermochten.
Mikroben können sich nicht wie Menschen verhalten. Uns Menschen unterscheidet von Einzellern, Steinen, Pflanzen und Tieren unser individuelles Ich-Bewusstsein. Wir haben die Freiheit, in unserem Denken und Handeln zu wählen. Mit dieser Freiheit geht Verantwortung einher und bilden sich moralische Werte wie »gut« und »schlecht« aus. Bakterien als »gut« oder womöglich gar als »böse« oder »gewalttätig«22 zu bezeichnen, ist zwar ein Kompliment für sie, weil man ihnen vieles zutraut, es geht jedoch völlig an ihrer Wirklichkeit vorbei. Und wenn daraus Handlungen abgeleitet werden wie »die ›guten‹ Bakterien schützen, die ›schlechten‹ bekämpfen«, so kann das nur gründlich schiefgehen.
Die Erfindung bakterieller Reinkultur
Entscheidend für die Meinungsbildung über Bakterien waren Forschungen mithilfe einer Technologie, die der in Paris wirkenden Chemiker (!) Louis Pasteur (1822–1895) bereits 1857 für seine Versuche mit Bakterien nutzte: der »Reinkultur«. Der Berliner Arzt und Mikrobiologe Robert Koch (1843–1910) erweiterte diese Technik auf das Prinzip fester Nährstoffplatten, auf denen Bakterienwachstum besser sichtbar wurde als in flüssiger Lösung zuvor.
Die Reinkultur besteht darin, Einzeller »von allen fremden, toten oder lebendigen Materialien, die sie begleiten«, abzulösen.23 Dass das gar nicht möglich ist, weil auch jede künstliche Nährlösung im Labor noch »tote oder lebende Materialien« hat, die sie begleiten und beeinflussen, wurde satte 150 Jahre lang geflissentlich übersehen. Selbst die Eigenschaften unterschiedlicher Gläser beim Experimentieren und Mikroskopieren beeinflussen das Bakterienwachstum. Schon Spuren von Kupfer, Zink, Bor, Alkali und anderem führen zur Abtötung oderVermehrung, das heißt zur Auswahl bestimmter Stämme.24 Man lebte also generationenlang in Forschungsillusionen.
Louis Pasteur hatte beobachtet, dass Gärungen von bestimmten Einzellern vollzogen werden, die man auch prompt nach diesen Gärungen benannte. Man dachte sich eine einfach Ursache-Folge-Kette. Milchsäurebakterien bewirken die Milchsäuregärung, Essigsäurebakterien die Essigsäuregärung und so fort. Es lag nahe, daraus zu schließen, dass auch »Krankheitsbakterien« die jeweils passende Krankheit »machen«. Man müsste, so glaubte man, dazu nur die jeweils zugehörige Mikrobe identifizieren.
Bei einer Reinkultur werden im Labor Bakterien so angezüchtet, dass aus einer Mischkultur schließlich die einzelnen, darin vorkommenden Bakterien jeweils vereinzelt als Monokultur auf jeweiligen Platten als Kolonien wachsen. Diese lassen sich unter geeigneten Bedingungen beliebig lang weiter vermehren. Robert Koch beispielsweise experimentierte mit Reinkulturen von Tuberkelbakterien, die er bis zu neun Jahren im Labor fortgezüchtet hatte.25 Derart gewonnene bakterielle Reinkulturen dienten und dienen bis heute für anschließende Tierversuche.
Die Vorgehensweise war relativ simpel: Man spritzte eine gewisse Menge einer bakteriellen Reinkultur in gesunde Organe lebender Tiere. Wurden diese Tiere daraufhin krank, galt dies als wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass diese Bakterie der Verursacher der Krankheit sei. Wenn das Bakterium am Wachstum gehindert würde, so schloss man daraus, wäre damit zugleich die Krankheit zum Verschwinden gebracht. Diese Vorstellung war bestechend. Man glaubte, endlich den Weg zur Heilung gefunden zu haben. Voller Euphorie jubelte man Robert Koch zu, als er seinen dazu wegweisenden Vortrag vor 5000 Ärzten in Berlin im Jahr 1890 mit den Worten beendete: »Und so lassen Sie mich denn diesen Vortrag schließen mit dem Wunsche, dass sich die Kräfte der Nationen auf diesem Arbeitsfelde und im Kriege gegen die kleinsten, aber gefährlichsten Feinde des Menschengeschlechts messen mögen und dass in diesem Kampfe zum Wohle der gesamten Menschheit eine Nation die andere in ihren Erfolgen immer wieder überflügeln möge.«26
Dass Robert Koch es eigentlich für angemessen hielt, bloß das Wachstum der Bakterien im Körper zu stoppen, ohne sie dabei gänzlich zu töten, ging im späteren Schwung der Entwicklung von Antibiotika unter.
Unabhängig davon enthielt die damalige Idee verschiedene grundlegende Irrtümer. Zwar war die Zucht einer mikrobiellen Reinkultureine interessante Erfindung. Nur hatte sie mit den Gegebenheiten in der Natur – auch von Mensch und Tier – nichts mehr zu tun. Nirgendwo in der Natur gibt es eine solche Monokultur[3], vielmehr ist das Leben, wo immer es in Erscheinung tritt, auf große Vielfalt ausgelegt: eine Vielfalt aus untereinander in Beziehung lebenden Lebewesen, deren Miteinander im jeweiligen Lebensraum umso gesünder ist, je vielfältiger es eben ist. Aus der Vielfalt eines solchen Lebensraumes etwas zu entnehmen, es zu einer Monokultur umzuzüchten und diese Monokultur wieder in einen vielseitigen Lebensraum hineinzugeben, macht schon aufgrund der Methode krank, denn sie bewirkt dort in jedem Fall ein Ungleichgewicht. Das ist überall gültig. Gibt man also eine Monokultur in einen gesunden Lebensraum, wird dieser in Abhängigkeit des Verhältnisses zwischen Vielfalt und Monokultur krank. Einfacher ausgedrückt: Ein bisschen Monokultur in einem großen vielfältigen Lebensraum macht nicht viel aus, viel Monokultur in einer geringen Vielfalt macht krank. Es ist also eine Frage der Dosis.
Der Irrtum, Bakterien seien »Krankheitserreger«
Somit ist nicht dasjenige, was zur Monokultur herangezüchtet wurde, der Verursacher eines Ungleichgewichts. Vielmehr ist die Methode an sich die Ursache der daraus folgenden Probleme. Würde beispielsweise ein Mensch, dessen gesunde Ernährung bekanntlich in einer abwechslungsreichen Mischkost besteht, stattdessen nur noch Äpfel essen – morgens Äpfel, mittags Äpfel, abends Äpfel, täglich Äpfel, dauernd Äpfel –, würde er seinem Körper also eine Monokultur von Apfelernährung zufügen, so würde er kurz über lang krank werden, egal wie gesund Äpfel eigentlich sind. Und zwar einfach deswegen, weil ihm der Rest der Nahrung fehlt. Die Medizin kennt zahlreiche solcher Mangelerkrankungen. Man behebt sie, indem das Fehlende wieder zugeführt wird. Er würde auch krank, wenn er eine gewaltige Masse Äpfel auf einmal äße. Gemäß Kochscher Bakterienlogik wäre aber dann der Apfel der »Erreger« der Krankheit, der Schuldige, der nun am Wachsen gehindert werden müsse, um das Entstehen dieser Krankheit zu verhindern. Man müsste ein »Antiapfelbiotikum« erfinden und Äpfel bekämpfen, um diese Krankheit zu beheben. Dasselbe träfe zu, wenn jemand täglich nur noch ständig fortwährend dasselbe Lied trällerte. Oder seinen Blick unermüdlich auf nur eine einzige Buchseite richtete.
Der gesunde Menschenverstand weiß, dass all dies Unfug wäre, sooft man dies auch erfolgreich wiederholen würde.
Es sind folglich nicht die Einzeller an sich, die krank machen. Es ist schlichtweg ein Übermaß in ihrer Anzahl und Aktivität im Verhältnis zu dem Lebensraum, in den sie gerade gelangen. Gerät eine geringe Zahl an Mikroben, die an sich nicht in seinen Körper gehören, in einen gesunden Menschen, beispielsweise ein paar Salmonellen, geschieht nicht viel. Ist es aber eine große Menge, oder der Betroffene ist arm an Bakterien, können sie das Gleichgewicht aus dem Lot bringen, und der Mensch erkrankt. Das ist auch ein Grund dafür, dass nur jeweils ein Teil derjenigen, die in Kontakt mit den Mikroben kommen, krank wird, ein anderer Teil nicht. Wären gewisse Bakterien »per se Krankheitserreger« – fachsprachlich nennt man dies »obligat pathogen« –, wären wir längst alle krank oder tot. Das ist aber nicht der Fall. Eine Mikrobe macht noch keine Krankheit. Dazu gehört zwingend die Verfassung des Menschen. Selbst bei großen Epidemien – die in der Regel hygienischen Mängeln geschuldet sind – wurden nicht alle krank. Warum Menschen der Industrienationen anfälliger für mikrobielle Störungen geworden sind, wird auf Seite 84ff. noch weiter ausgeführt.
Dass alles in allem Widersprüche in der bakteriellen Forschung fahrlässig gedeutet wurden, bemerkte bereits Friedrich Sander, praktischer Arzt in Barmen, im Jahr 1875 (!) in einem Aufsatz in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift: »Die zweite Thatsache, welche mit der Bakterientheorie sich schwer vereinigen lässt, ist das Vorkommen massenhafter Vegetationen [Bakterien] im gesunden menschlichen Körper und bei nicht infectiösen Krankheiten … Man hat dieser zweiten Thatsache gegenüber sich mit der Ausrede zu helfen versucht, es gebe zwei Sorten von Bakterien: harmlose und gefährliche.«27
Weil er das damals ebenfalls erkannte, schluckte der Hygieneprofessor Max von Pettenkofer (1818–1901) demonstrativ am 7. Oktober 1892 eine Portion Cholera-Vibrionen, tatsächlich ohne dadurch an der Cholera zu erkranken. Er wollte damit beweisen, dass Bakterien alleine keine Krankheitserzeuger sind. Leider glaubte man auch seinen Ausführungen nicht.
Laborforschung führt zu Fehleinschätzung
Ein weiterer Irrtum ist, zu glauben, man könne Ergebnisse aus dem Labor dem Verhalten gleichsetzen, das ein Lebewesen in natürlicher Umgebung an den Tag legt. Man wird ihm damit nie gerecht. Laborergebnissemit Bakterien darf man nie verallgemeinern. Das Bakterium Escherichia coli[4] verdoppelt sich, auf einer Nährstoffplatte angezüchtet, alle zwanzig Minuten. In seiner natürlichen Umgebung hingegen ist die Verdoppelung abhängig von den begleitenden Mikroben und dem Milieu und dauert viel länger. Im Körper geschieht sie je nach Bedingungen beispielsweise zweimal am Tag. Man läge also ziemlich daneben, würde man die Laborverdoppelungszeit auf das Leben von E. coli im Darm übertragen.
Mikroskopiert man Bakterien, insbesondere solche, die im Labor herangezüchtet wurden, gelten die Ergebnisse ehrlicherweise nur für das Leben im Labor. Man sieht dort etwas anderes als im ursprünglichen Lebensraum. Genau dies wurde jedoch bisher nicht bedacht. Man würde ja auch Eichen nicht allgemein danach beurteilen, wie eine einzelne erscheint, wenn sie in einem Wohnzimmertopf wächst. Aus einer solchen einsamen Eiche, die sich weder entfalten könnte noch befruchtet würde oder Eicheln trüge, auf deren Äste keine Vögel sängen, die keine Wurzelkontakte zu anderen Bäumen pflegen könnte, würde man ja auch keine Rückschlüsse auf einen Eichenwald ziehen. Logischerweise kann eine Analyse von Lebendigem, das aus seinem Zusammenhang gerissen wurde, keine Aussage über das nicht mehr vorhandene Zusammenleben machen. Eine einzelne Kuh im Stall kann beobachtet werden, und man kann ihr Verhalten erkunden, während man sie beobachtet. Aber damit weiß man noch lange nicht, wie sie sich verhalten würde, sobald sie in einer Herde wäre. Man kann es sich höchstens in seiner Fantasie vorstellen. Und genau das hat man mit den Bakterien getan. Bei der Mikrobiologie im 19. Jahrhundert flossen Beobachtungen und menschliche Vorstellungen so unbemerkt ineinander, dass bis heute fraglos an den alten Irrtümern festgehalten wird.
Man ging obendrein damals davon aus, dass die Bakterien, die man durch Anzüchten auf einer Platte fand, alle Bakterien waren, die in dem betreffenden Lebensraum vorkamen. Es fehlte gänzlich die Bescheidenheit, zu denken, dass dies nur ein winziger Ausschnitt der Wirklichkeit sein könnte. So irrte man gewaltig. Mittlerweile geht man davon aus, dass vielleicht ein winzig kleiner, unter ein Prozent betragender Ausschnitt der Einzeller eines Lebensraums »kultivierbar« ist. Selbst die anderen, kürzlich mit neuen Methoden entdeckten Einzeller, die man »nicht kultivierbare« Mikroorganismen nennt, stellen mit großer Wahrscheinlichkeit noch immer nicht alles dar, was es gibt. Wer weiß, was wir in weiteren Jahrzehnten noch entdecken. Man hat also ausgehend von einer winzigen Zahl von Bakterien leichthin auf das ganze Leben geschlossen, ohne zu bemerken, welche Fehldeutungen damit einhergingen.
Der Mensch versteht sich selbst nicht
In jener Zeit der Industrialisierung und Technisierung wurde es üblich, mit einzelnen Teilen der Welt zu hantieren, als seien es Bausteine, aus denen sich das Leben beliebig kombinieren ließe. Man dachte sich den menschlichen Körper aus vielen Organen zusammengesetzt, die aus vielen Zellen bestehen. Diese teilte man später in ihre kleinen Elemente bis in abgeteilte Gene als Bausteine der Erbinformation, mit denen schließlich heute biotechnologische Genmanipulation betrieben wird. In der weiteren Entwicklung verlor man das Miteinander bei Einzeller und Mensch völlig aus dem Blick. Man dachte, der Mensch könne nur überleben, wenn er sich vor Bakterien schützt. Diese Vorstellung ging mit einer allgemeinen Entfremdung vom Zusammenleben mit der Natur einher, die der schleichende Verlust bäuerlicher Landwirtschaft und die fortschreitende Industrialisierung mit sich brachten. Gespeist wurde dies wie gesagt aus einem Geist der Trennung, untermalt von der Idee des Kampfs aller Teile um ein Überleben ihrer selbst.
Diese Mischung von Beobachtung, Fehldeutungen, Fantasie, Zeitgeist und Projektion ergab folgende Vorstellung: Es gibt einen abgegrenzten Menschen. Außerhalb des Menschen gibt es Krankheitserreger, die ihn ständig damit bedrohen, in den Körper einzudringen. Zur Abwehr dagegen hat der Körper ein Immunsystem. Bakterien geben angeblich obendrein Gifte ab, »Toxine«[5], die zerstörend wirken.28 Dagegen bildet der Organismus »Antikörper«. Schleim und Speichelfluss, so stellte man sich vor, dienten dazu, innere Oberflächen ständig von aus der Umwelt aufgenommenen Bakterien und deren Gifte »freizuspülen«.29
Gesundheit, so folgte daraus, bestehe darin, zu verhindern, dass krank machende Bakterien in den Körper gelangen können. Wird der Mensch krank und findet man Bakterien, handelt es sich um eine »Infektion«[6]. Krankheit wird also als ein von außen an den Mensch herantretendes Schicksal gedacht, und bei einer »Infektionskrankheit« gilt eine zugehörige Mikrobenart als Verursacher. Dies wird wiederum außerhalb des kranken Menschen diagnostiziert, nämlich durch Bakterienkultur im Labor. Ein von außen einwirkendes Mittel zur Bekämpfung dieser Bakterien in Menschen, das Antibiotikum, wiederum gilt dazu als Therapie. Heilung besteht in der möglichst »vollkommenen Desinfektion des infizierten Organismus«.30
Dieses Denkmodell und Menschenbild ist noch immer weit verbreitet, obwohl es längst überholt ist. Gute Hygiene, so folgte aus dieser Idee, besteht in weitgehender Befreiung des Lebens von Bakterien. Daraufhin setzte sich der Glaubenssatz »Steril ist gesund« in den Köpfen und Handlungen der allermeisten Menschen fest.
Wie widersprüchlich solch eine Vorstellung war, wird einmal mehr daran deutlich, dass man damals sehr wohl beobachtete, dass im gesunden Körper zahlreiche Bakterien leben. Man deutete sie jedoch als Schmarotzer, die sich von abgestorbenen Körperzellen ernährten, dadurch das Leben verkürzten und potenziell zu Krankheitserregern werden konnten. Folglich benannte man sie bei ihrer jeweiligen Entdeckung statt nach ihren typischen Eigenschaften gern nach der Krankheit, mit der man sie in Verbindung beobachtete, zum Beispiel Streptococcus pneumoniae[7].
Dieses im 19. Jahrhundert entstandene Lebensbild von Bakterien ist ein mit großer Tragweite für die Weltgesundheit entstandener Irrtum mit unerfassbaren Folgen für das Leben und die Zukunft der gesamten Erde.
[1] Zum Beispiel das Antimykotikum »Voriconazol«.
[2] Zum Beispiel bei »Ciprofloxacin«.
[3] Vom griechischen mónos für »einzig, allein« und lateinischen cultura zu colere »pflegen, bebauen«.
[4] Auch kurz E. coli. Benannt nach dem Kinderarzt und Bakteriologen Theodor Escherich (1857– 1911) und dem griechischen Wort kõlon für »Darm«.
[5] Als »Toxin« bezeichnet man in diesem Zusammenhang bakterielle Eiweiße, die von lebenden Bakterien an die Umgebung abgegeben (Exotoxin) oder aus zerfallenden Bakterien freigesetzt werden (Endotoxin). Heute weiß man, dass diese Toxine »mikrobielle Vitamine« sind, die als Botenstoffe das Gleichgewicht im Immunsystem aufrechterhalten.
[6] Vom lateinischen inficere, aus facere für »machen« und in für »in, hinein«.
[7] Pneumonie, die Lungenentzündung. Vom griechischen pneũma für »Wind, Atem, Luft«.
Antibiotische Mittel: Ein Missverständnis
Die Suche nach bakterientötenden Mitteln
Nachdem Bakterien zu Krankheits»erregern« von Infektionskrankheiten erklärt worden waren, die nicht nur Wundheilungsstörungen verursachten, wie man bereits länger glaubte, sondern auch Erkrankungen innerer Organe, suchte man nach Wegen, um sie im Körper zu beseitigen. 1877 hatte man die bakterientötende Wirkung von UV-Strahlen und 1892 die von elektrischem Licht entdeckt. Man unternahm mit Körperteilen Versuche zur Bakterienvernichtung durch Röntgenstrahlen und Uran, mit Radium und spezifischen Wellenspektren, mit α- und γ-radioaktiven Strahlen, mit Kurzwellen, Hochfrequenzströmen und mit elektrischem Gleichstrom.31 Sie alle scheiterten daran, dass der Mensch dabei zu große Schäden litt, bis die Bakterien wie gewünscht beseitigt waren.
Gleichzeitig suchte man nach bakterientötenden chemischen Stoffen. Der Erste, der ein chemisches Mittel gegen körperinnere Lebewesen entwickelte, war der Pathologe Albert Adamkiewicz (1850–1921). Er ging davon aus, dass Krebs von einem Parasiten namens Coccidium sarcolytus hervorgerufen werde, und entwickelte dagegen im Jahr 1890 aus Leichengift das »Cankroin«.32 Sein Werk wurde allerdings kaum gewürdigt.
In einem Arzneimittelbuch von 191633 werden noch vier Wege aufgezählt, Infektionskrankheiten zu behandeln: die vorsorgliche »Abhaltung der Organismen vom Körper«, die »Zustandsverbesserung der befallenen Organe«, eine »Bindung der produzierten Toxine« oder eine »unmittelbare Wirkung auf die Mikroben«. Vier Wege also, Heilung zu bewirken. Im Text behandelt wird jedoch nur der letzte. Dafür unterschied man »Antiseptika«, die bakterielles Leben hemmen, von den »Desinficientia«, die Bakterien töten. Zur Entfernung der »Fäulniserreger« aus dem Darm werden kräftige Abführmittel empfohlen.34 Die anderen drei Heilungsansätze werden nirgends weiter ausgeführt. Damit beschränkte sich die Arzneimittellehre auf die Beseitigung der Bakterien.
Die große Schwierigkeit dabei bereitete die generelle Wirkung der dazu eingesetzten Desinfektionsmittel, die nicht bloß die Einzeller, sondern zugleich auch Körperzellen schädigten. Man überlegte sogar, verschiedene Antiseptika gemischt anzuwenden, die alle zusammenauf Bakterien wirken, aber dabei verschiedene Körperorgane je nur ein bisschen schädigen. Darauf, eine Mischung verschiedener Einzeller als Heilmittel einzusetzen (siehe Seite 242ff.), wäre man im damaligen Denken im Traum nicht gekommen.
Stattdessen entstanden künstliche Stoffe. Paul Ehrlich (1854–1915) änderte im Jahr 1910 das altbekannte Arsen chemisch ab zum Arsphenamin, das den Wunsch nach Abtöten von Einzellern unter Erhalt von Körperzellen erfüllte. Es war gegen die Treponema pallidum wirksam, eine Spirochäte[1], die 1905 als Verursacher der Syphilis identifiziert wurde. Weil es durch eine chemische Strukturänderung einer natürlichen Substanz entstand, nannte man es ein »Chemotherapeutikum«. Mit diesem Mittel, dem »Salvarsan«, verdiente die herstellende Firma, die Farbwerke Höchst, im ersten Geschäftsjahr knapp drei Millionen Mark.35 Der Kampf gegen die Bakterien hatte die Farben- und chemische Industrie damit erstmals im großen Stile zum Partner der Medizin gemacht. Schon damals rief dies heftige Kritik bei den Zeitgenossen hervor. Es war eine Weichenstellung in der Medizin. Allein für die Entwicklung des Streptomycins, das 1947 auf den Markt kam, hatte die chemische Industrie Amerikas den beteiligten Forschungsstellen zuvor eine Million Dollar zur Verfügung gestellt.36
Der Erfolg dieser chemischen Therapie schien die Richtigkeit des eingeschlagenen Wegs zu bestätigen. Die »innere Desinfektion« bei bakteriellen Krankheiten erschien als die zukunftsweisende Medizin, folglich die Entwicklung chemisch-synthetischer Mittel dazu der geeignete Weg – bis heute. Diesem folgend, wurde im Jahr 1932 von Gerhard Domagk (1895–1964), einem medizinischen Forscher bei der I. G. Farbenindustrie in Wuppertal, die bakterienhemmende Wirkung der Sulfonamide entdeckt.[2] Dies galt als die lang ersehnte erste medizinische »Chemotherapie der bakteriellen Infektionen«.37
Der heute übliche Begriff »Antibiotikum« wurde erst ab 1942 benutzt und meinte damals »antimikrobiell wirkende Substanzen von Mikroorganismen«.38 Er entstand aus dem Missverständnis, Mikroben würden sich untereinander genauso verhalten wie die Menschen sich ihnen gegenüber, nämlich einander bekämpfen. Heute wissen wir, dass diese Substanzen Botenstoffe zur Kommunikation sind und Einzellern wie Mehrzellern ein gesundes Miteinander ermöglichen (siehe Seite 63ff.). Es war eine tragische Fehlbezeichnung. Damals unterschied man damit die natürlichen von den chemischen bakterientötenden Mitteln.
Heute wird die Bezeichnung »Antibiotikum« generalisiert für bakterienhemmende und -tötende Mittel natürlichen, halbsynthetischen oder chemischen Ursprungs verwendet. »Antibiose« meint die medikamentöse Therapie mit diesen Mitteln. Neuerdings wird vorgeschlagen, von »Antiinfektiva« zu sprechen. Wörtlich übersetzt heißt dies »gegen das Hineinmachen«. So ein Begriffswechsel ist jedoch kein Fortschritt, weil sowohl die Idee, gegen Bakterien zu behandeln als auch die, gegen eine Infektion, dem Irrtum unterliegt, Bakterien würden von draußen den Körper bedrohen und müssten beseitigt werden. Wie wir noch sehen werden, hilft erst ein anderes Verständnis von Gesundheit und Krankheit, die passenden Begriffe für wahre Wege in Bezug auf Bakterien und Heilung zu finden. Der Begriff »Chemotherapie« wird heutzutage für chemische Medikamente in der Krebsbehandlung verwendet.
Die Entwicklung des Penicillins
Dass der Londoner Bakteriologe Alexander Fleming (1881–1955) der »Entdecker des Penicillins« sei, wie landläufig behauptet wird, ist eines der Märchen, mit denen in der Bakteriologie zahlreiche angebliche »Helden« hervorgebracht wurden. Ein anderes rankt sich um »Streptomycin«, das erste bei Tuberkulose wirksame Antibiotikum. Es wurde durch Albert Schatz entdeckt, nicht durch Selman Waksman, der dafür 1952 den Nobelpreis erhielt39. Zum einen waren Schimmelpilze, aus denen man Penicillin zunächst zog, seit alters ein bewährtes Heilmittel (siehe Seite 177). Man hatte auch bereits lange beobachtet, wie arabische Stallknechte Pferdesättel in dunklen, feuchten Räumen lagerten, um das Leder zum Schimmeln zu bringen, weil dies die Wundheilung förderte, wenn die Beine der Reiter aufgescheuert waren.
Zum anderen war der »Antagonismus«[3] zwischen Schimmelpilz und Mikrobe längst wissenschaftlich bekannt und wurde bereits in den Lehrbüchern erwähnt.40 Er war bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts Thema zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen gewesen, und man wusste, dass auf einer Kulturplatte nach Pinselpilzen, wie Penicillium damals hieß, keine Bakterien mehr wachsen.41 In England, Deutschland, Italien, Russland sowie den USA hatten Ärzte mit den hemmenden Wirkungen verschiedener Schimmelpilzkulturen der Gattung Penicillium auf Bakterien experimentiert.
Der angehende französische Arzt Ernest Duchesne (1874–1912) schrieb schließlich im Jahr 1897 seine Doktorarbeit über die Wechselwirkungen bei Mikroben. In gemeinsamer Kultur mit Penicillium glaucum blieben je nach Nährstoffmilieu mal die Bakterien, mal die Pinselpilze am Leben. Spritzte er Penicillium jedoch im Tierversuch gleichzeitig mit »giftigen Kulturen pathogener Mikroben« wie Bacillus typhosus oder Bacterium coli in Meerschweinchen, wurde ihre gefährliche »Wirkung in so bemerkenswertem Maß verringert«, dass er vorschlug, diese Ergebnisse wegen ihres Nutzens für Hygiene und Therapie noch einmal zu wiederholen und zu kontrollieren.42 Dazu kam es jedoch nicht. Er starb mit 38 Jahren. Die Forschung interessierte sich derweil mehr für Impfungen mit Serumbestandteilen oder Bakterien in die Haut, um zu heilen (siehe Seite 185ff.).
Man isolierte auch andere Bakterien und Pilze, reicherte sie an und untersuchte, ob sie das Wachstum von »Krankheitserregern« änderten. Dabei stellte man immer wieder fest, dass Bodenpilze das Bakterienwachstum zu hemmen vermochten, allerdings waren die Pilze mit der stärksten Wirkung am seltensten.43 Man deutete dabei die feinen Signalbotenstoffe als Mittel »gegen das Leben« der jeweils anderen Art und übersah, dass sie in isoliert angereicherter Menge natürlich eine andere Wirkung zeigten als in ihrem natürlichen Miteinander. Darüber ging der Erste Weltkrieg ins Land.
Krieg in den Köpfen führt zum Krieg gegen Bakterien
Es ist interessant zu erkennen, dass die Entwicklung der Antibiotika schon früh mit politischem Gedankengut verflochten war. Bakterien wurden für staatliches menschliches Denken und Handeln vereinnahmt, sei es als Projektionsobjekte oder als unbewusste Rechtfertigung. Eine Zeitlang galt das Leben der Einzeller noch als verschieden deutbar. Die entscheidende Weichenstellung hin zur Antibiose fand interessanterweise genau in der Zeit statt, als auch die Kriege im 20. Jahrhundert durch die Köpfe von Wissenschaftlern, Entscheidungsträgern, Bevölkerung und Europa zogen. Das Prinzip der Ausrottung von Leben galt daraufhin allgemein als berechtigt. Womöglich half das Gefühl, die Bakterien besiegen zu können, über das Empfinden anderer Niederlagen hinweg?
Aus solch einer antibiotischen Perspektive wurden Forschungstexte sogar im Rückblick verfälscht. So legte im Jahr 1966 der leitende Professor für Mikrobiologie in Wien, und Mitentwickler des PenicillinsRichard Brunner (1900–1990), dem Arzt und Botanikprofessor Anton de Bary (1831–1888) in den Mund, er habe im Jahr 1879 den Begriff »Antibiose« geprägt.44 Tatsächlich beschreibt de Bary damals in Die Erscheinung der Symbiose[4] bloß seine Erkenntnisse zum »eigenthümlichen Genossenschaftsverhältnis« ungleicher Pflanzen. Er entdeckte, dass Flechten eine Gemeinschaftsbildung aus Pilzen und Algen sind.45 Da, wo auch er, dem Zeitgeist folgend, einen »Kampf« zwischen Parasiten und Wirt deutet, spricht er von »Antagonismus«, übersetzt: »Wechselwirkungen«. Die Frage, wie denn die Lebewesen zueinander stehen, wurde zu Barys Zeiten erst noch intensiv erforscht. Erst mit und nach den Weltkriegen wurde das Miteinander von Bakterie und Mensch tatsächlich ebenfalls zum Krieg.
Dass man damals die Wahl hatte, einen bakterienfreundlichen Weg zu gehen, kann man daran ablesen, dass de Bary selbst bereits im Jahr 1885 die Bakterien im menschlichen Körper als »unschädliche Gäste, Wohnparasiten«[5] und »selbst nützliche Beschützer gegen die Invasion störender Gährungserreger« beschrieb, also genau so, wie wir es heute neu als hilfreich erkennen.46
Die aus der Bakterie Pseudomonas pyocynea gewonnene und »Pyocyanase« genannte Substanz war die erste antimikrobielle Substanz aus natürlicher Herkunft, deren antibakterielle Wirkung sich therapeutisch bewährte. Sie wurde schließlich ab 1928 durch das sächsische Serumwerk Dresden als Medikament hergestellt. Im selben Jahr zeigte sich dem – später im Rückblick berühmt gemachten – Alexander Fleming beim Züchten von Bakterien im Labor die hemmende Wirkung des Pinselpilzes. Aus dem Filtrat der Pilzkultur gewann er die Substanz, die das Wachstum der Bakterien hemmte, und nannte sie »Penicillin«. Er fand diese Entdeckung bloß »an sich« interessant und verfolgte sie nicht weiter. Erst zehn Jahre später, mit einer seit Kriegsbeginn 1938 aufflammenden Kampfesstimmung einhergehend, griff man diese Forschungsergebnisse wieder auf.
Bis schließlich daraus dann das Medikament Penicillin wurde, vergingen noch Jahre. Zahlreiche Forscher in Europa und Amerika befassten sich mit der Isolierung, Reinigung und Anreicherung des Penicillins, um eine therapeutisch ausreichende Menge reiner Substanz zu erhalten. Diese Forschung geschah während des Zweiten Weltkriegs unter großer Geheimhaltung, da man hoffte, mit Antibiotika Wunden und Infektionen der Soldaten zu kurieren und sich somit militärischeVorteile zu verschaffen. In England und den USA überwachten regierungseigene Agenturen den Wissensaustausch über Produktionsweisen und Neuigkeiten.47 Erst im Jahr 1941 waren die erforderlichen Prozesse so weit entwickelt, dass versuchsweise Patienten mit einer ausreichenden Menge Penicillin behandelt werden konnten. Mit Erfolg. Kaum bewährt, begann die industrielle Produktion. Die Substanz war anfangs so kostbar, dass man den Urin der Behandelten sammelte und, da Antibiotika den Organismus zum größten Teil unverändert wieder verlassen, das darin ausgeschiedene Penicillin wieder daraus extrahierte.48 Im Jahr 1947 zahlte man auf dem Nachkriegsschwarzmarkt in Deutschland für eine einzige Ampulle 5000 Zigaretten, derweil ein Zentner Kohle nur vierzehn Zigaretten kostete und ein Stück Butter 250.49
Inzwischen begann ein Wettsuchen um das Auffinden weiterer antibakterieller Substanzen. Die man gefunden hatte, wirkten ja nur gegenüber einem Teil der Bakterien. Nachdem man wusste, dass sie in Pilzen vorkamen, besorgten Forscher sich Erdbodenproben aus aller Welt, isolierten daraus, was sie konnten, fanden Zehntausende von Mikrobenarten in Komposthaufen, Marmeladengläsern, Säften und Früchten, und prüften, welches Bakterienwachstum womit gehemmt werden konnte. Mal wurde man in einer Bodenprobe aus Venezuela fündig,[6] mal in Wundeiter[7] oder in einem Abwasserkanal[8].
Mikrobenjagd macht Menschen blind
Man jagte damals die Mikroben gleich in zweierlei Richtung: Man suchte die einzelnen »Krankheitserreger« der verschiedenen Krankheiten, und man suchte die Mikrobenstämme, aus denen man Substanzen zum Bekämpfen Ersterer isolieren konnte. Mikrobenjäger hieß dann auch das 1926 in Amerika erstmals erschienene und jahrzehntelang in Hunderttausenden Exemplaren und zahlreichen Übersetzungen verbreitete erste für jedermann geschriebene Buch über die Geschichte der Bakteriologie. Der Autor war Professor für Bakteriologie und arbeitete unter anderem am Pasteur-Institut in Paris und am Rockefeller-Institut in New York. Im Vorwort der 13. deutschen Auflage von 1937 heißt es über die Forscher: »Helden …, nicht geringer als die bewunderten Helden der Kriege, werfen doch auch sie ihr Leben in den Kampf, in ein mutiges, verbissenes Ringen gegen heimtückische, unfassbare Menschheitsgeißeln … Sie retten geheimnisvoll Tausende, vielleicht Millionen von Menschenleben, die früher als Opfer würgender Seuchen dem ebenso geheimnisvollen Angriff winziger Mikroben erlagen.« Und: »… die uns auch eine Befreiung und ein Neuland erkämpften: ein gesundes, längeres, schöneres Leben.«50
So kann man sich irren. Interessanterweise fragten die Antibiotika-Forscher sich nicht, welche Aufgabe die von ihnen gefundenen Substanzen natürlicherweise bei Pilzen und Bakterien hatten. Man sah im Labor die erwünschte hemmende Wirkung auf mutmaßliche »Krankheitserreger« und bewertete sie zielgerichtet nach dem selbst erklärten Zweck. Hätte man die Frage nach ihrem eigentlichen Sinn gestellt und wäre man bereits damals auf die Idee gekommen, dass diese »Antibiotika« in Wirklichkeit Signalbotenstoffe der Mikroben untereinander für einen gesunden Dialog zur Verständigung zwischen Zellen sind, hätte man sie vielleicht klüger eingesetzt.
Dann hätte man vielleicht auch schneller bemerkt, dass es schwerwiegende Folgen für einen Lebensraum hat, wenn man sich ungefragt in die Kommunikation der kleinsten dort lebenden Wesen einmischt.
Stattdessen trafen mit dem kriegerischen Propagandavokabular der Weltkriege wiederum martialisches Gedankengut und bakteriologische Forschung zusammen. Die Beziehung, in die der Mensch sich dadurch zu den Bakterien setzte, entsprach den diktatorischen politischen Kräften der damaligen Zeit. Man entnahm sie und ihre Stoffe, laborierte damit nach Gutdünken und versuchte, ihr Dasein zu beherrschen. Statt eines respektvollen Miteinanders, wie man es zwischen dem Menschen und seinem Ursprung erwarten könnte, prägt ein liebloses Dominieren und Manipulieren seither die medizinische Mikrobiologie. Dass Einzelne den Spieß heute umdrehen und die Mikroben als »Herrscher der Welt« bezeichnen,51 macht deutlich, wie weit entfernt man immer noch von der Wahrheit des Miteinanders ist.
Um eine therapeutische Wirkung zu erzielen, mussten die ausfindig gemachten Substanzen labortechnisch gereinigt und stark angereichert werden. Dazu züchtete man die »Produzenten«stämme im Labor in speziellen Nährlösungen und manipulierte sie auch zwecks größerer Ausbeute. Schließlich konnte man einzelne Substanzen chemisch verändern, woraus die »halbsynthetischen« Antibiotika entstanden. Der Eingriff in das Zwischenzell-Leben wurde dadurch noch entfremdender.
Man merkte zwar sehr deutlich, dass der Einsatz von Mitteln, die im Körper auf Bakterien zielen, für den Patienten von Gefahren begleitetwar, viele Nebenwirkungen hatte und keine echte Stärkung des Kranken bedeutete. Todesfälle unter den so Behandelten und das Auftreten von Bakterienresistenzen riefen früh schon Kritiker wach. Das allein reichte jedoch nicht aus, um die Bakterienbekämpfung an sich zu hinterfragen.
Wie antibiotische Mittel wirken
Antibiotische Medikamente, die gegen Bakterien gerichtet sind, haben unterschiedliche Wirkmechanismen:[9] Sie greifen in Lebensprozesse im Bakterium ein und stören damit ihr Leben, ihre Vermehrung oder ihre Aktivität. Wird dabei die Vermehrung der Bakterien gehemmt, spricht man von »bakteriostatischer«[10], werden sie getötet, von »bakterizider«[11] Wirkung. Manche blockieren den Zellwandaufbau, sodass Bakterien bei der Teilung sterben, weil die neu gebildeten Zellwände missgestaltet und zu durchlässig für den Zellinhalt sind. Andere blockieren die Ablesung der genetischen Information in der Bakterie, sodass Entstehungsschritte für Stoffwechselprodukte unmöglich werden, und der Einzeller stirbt. Wieder andere stören die Eiweißbildung, wodurch in der Bakterie missgebildete Eiweiße entstehen, die einen tödlichen Mangel verursachen. Oder es wird die Bereitstellung von Mikronährstoffen zum Beispiel der Tetrahydrofolsäure innerhalb der Zelle verhindert, woraufhin die Gene der Bakterie nicht mehr abgelesen werden können, was das Weiterleben der Art unterbindet.
Diese Form der »Unterhaltung«, die der Mensch mit den Bakterien eines kranken Körpers mit ursprünglich bakteriellen Botenstoffen pflegt, ist ziemlich barbarisch. Bedenkt man, dass sowohl Einzeller untereinander (siehe Seite 66ff.) als auch mit Körperzellen (siehe Seite 80ff.) ständig über Signale in Kontakt stehen, ist klar, dass dies von den Zellen beantwortet wird.
Mit der Zeit wurde das »Antibiotikum« zum Inbegriff des Beseitigungsmedikaments. Allen Widersprüchen, Nebenwirkungen und Resistenzen zum Trotz erhielt es eine positive Bedeutung und galt bis in die sechziger Jahre hinein als das »Wunder«mittel schlechthin. Keine andere Medikamentengruppe wurde so emotional besetzt. Es erschien wie gesagt als das Mittel zur Rettung der Menschheit. Das erklärt auch, warum ihr Einsatz sich nicht auf die Medizin beschränkte, sondern es zu einer einzigartigen Entwicklung kommt, nämlich dass etwas, was als Medikament für ernsthaft Erkrankte entwickelt wurde, schließlich zu einem Konzept wird, das den gewöhnlichen und gesunden Alltag der Menschen tränkt. »Antimikrobiell« klingt in den Ohren der meisten Menschen gleichlautend mit »gesund«. Wobei bei der Werbung mit »antimikrobieller Wirkung« nicht einmal nachgewiesen werden muss, dass dieser Effekt auch tatsächlich eintritt.52
Massen von Konsumartikeln werden trotzdem antibiotisch präpariert, ob Tennissocke, Computertastatur oder Kühlschrank, von Bettzeug über Handseife bis zu Zimmerfarben. Man muss mittlerweile schon gründlich suchen, um Einlegesohlen zu finden, die nicht antibakteriell imprägniert wurden. Duschschläuche, Schneidebretter, Kinderspielzeug, sogar Besteck und Geschirr gibt es »antimikrobiell«. Kaum ein Lebensbereich wird davon ausgespart. Im Jahr 2016 waren in Deutschland mehr als 30 000 »Biozid«-Produkte zugelassen, im Jahr 2009 waren es noch 18 000.53 Sie werden damit beworben, dass sie »befreien«, »abhalten«, »beseitigen«, »schützen« und »hygienisch« seien und »ein gutes Gefühl« geben. Alles positive Aspekte, die jeder Mensch sich wünscht. Leider am falschen Platz, denn beim pauschalen Beseitigen von Bakterien ist genau das Gegenteil der Fall, wie wir noch sehen werden.
Das gilt auch für den überflüssigen Ersatz des gründlichen Händewaschens mit Seife durch Handdesinfektion. Der Gesamtverbrauch an Händedesinfektionsmitteln stieg bei tausend Kliniken, die in Deutschland dafür registriert wurden, von 2008 bis 2015 um 81 Prozent, »ein positiver Trend, den es«, so die verantwortliche Professorin, »zu halten und weiter zu steigern gilt«.54 So klafft die Schere zwischen dem Wissen um Bakterien und falsch verstandener Hygiene immer weiter auseinander. Der Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt ist völlig überflüssig.55 Hygienisch ist nicht die Beseitigung der Bakterien aus einem Lebensraum. Hygienisch ist die passende Bakterienvielfalt und -mischung mit ihrer gesunden Aktivität und Kommunikation am jeweiligen Ort.
Mittlerweile wird der Begriff »antimikrobiell« derart grob verallgemeinert, dass schier alles damit gemeint ist, was irgendwie die Bakterienzusammensetzung irgendwo in einem Lebensraum verändert. Als sei dies von besonderem Wert, heißt es nun im Zusammenhang mit allem Möglichen stolz, es wirke auch »antimikrobiell«. Küchengewürze, Gartenpflanzen, Edelsteine, Öle, Textilfasern, Schlafanzüge,Schmuck – oft sind es sogar Naturprodukte, die jetzt durch solch eine Brille fokussiert werden. Mit Buchtiteln wie Antibiotika aus der Natur wird unterstellt, in der Natur gäbe es einen Kampf gegen das Leben. Was für ein Unfug angesichts der Tatsache, dass Leben immer aus seinem lebenspendenden Ursprung heraus und im Miteinander lebt! Oft genug findet man in solchen Büchern bloß Auflistungen von allerlei Heilmitteln aus der Natur. Als sei, was heilt, automatisch »keimtötend«, ein Begriff, der dabei meist völlig aus der Luft gegriffen und gänzlich unwissenschaftlich verwendet wird. Vollkommen unbedacht wird dabei der Natur im aktuellen 21. Jahrhundert noch einmal neu das aus der Entfremdung von der Natur im 19. Jahrhundert entstandene Denkkonstrukt übergestülpt.
Vor den Hintergrund, dass in der Natur alles miteinander lebt, kooperiert und es dabei Kommunikation und Regulation gibt, muten solche Bezeichnungen geradezu grotesk an. Nicht jede Fähigkeit eines Stoffes, zu wirken, selbst wenn sie eine Bakterienbesiedelung beeinflusst, ist mit einer »Bekämpfung« gleichzusetzen. Jede Veränderung eines Milieus bringt veränderte Lebensbedingungen mit sich, denen eine gewandelte Bakterienzusammensetzung folgt. Das ist Lebensgesetz. Wenn eine Pfütze austrocknet und da, wo vorher Wasserläufer und Mückenlarven lebten, Gras wächst, auf dem Marienkäfer krabbeln, würde ja auch niemand behaupten, die Marienkäfer hätten die Mückenlarven bekämpft. Oder wenn ein ausgetrockneter Gartenteich, in dem sich Ameisen und Spinnen tummeln, wieder mit Wasser gefüllt wird und sich dann Kaulquappen und Fische darin finden, käme auch niemand auf die Idee zu sagen, die Kaulquappen hätten die Spinnen bekämpft.
Genauso wenig »kämpfen« Heilmittel. Die Verwendung von Heilpflanzen und Heilsteinen unterscheidet sich grundlegend vom Einsatz der »Antibiotika«. Erstere beeinträchtigen die natürliche Bakterienbesiedelung nicht, während sie das Milieu regulieren. Das jedoch ist bei Letzteren in schwerwiegender Weise der Fall.
Was Bakterienbeseitigung für den Menschen bedeutet
Nimmt ein Mensch ein Antibiotikum, verändern sich in seinem ganzen Körper Bakterienzusammensetzung und -aktivität. Es kommt zu einem individuell unterschiedlich stark ausgeprägten Mikrobiomschock. Diese Veränderung ist unwiderruflich. Wissenschaftliche Studien zur Veränderung des Darmmikrobioms nach Antibiotikagabezeigen übereinstimmend, dass direkt nach der Einnahme des Mittels, egal ob örtlich aufgetragen, eingenommen oder intravenös gespritzt, die Anzahl der Bakterien abnimmt, und zwar im gesamten Körper. Nutzt man also an Zähnen ein Antibiotikum, kann dies die Vaginalflora verändern. Antibiotische Vaginalzäpfchen können die Mundflora verändern. Auch die Zahl der verschiedenen Bakterienarten nimmt dabei ab, zum Beispiel um 50 Prozent im Darm.56
Dabei wird die Zusammensetzung der Bakterienarten im Mikrobiom verschoben, und einige Stämme verschwinden. Sie werden vielleicht durch andere ersetzt. Die Verhältnisse der verschiedenen Arten untereinander ändern sich grundlegend. Neu zu finden sind resistenzaktivierte Stämme. Lässt man per Computerbild die als Punkte in einer Tabelle aufgeführten Veränderungsdaten direkt optisch aufeinanderfolgen, zeigt sich ein wilder Zickzackkurs, bis sich das Mikrobiom allmählich mit einer neuen Zusammensetzung woanders stabilisiert als zuvor.57
Folgt auf eine kurze Antibiotika-Einnahme eine Erholungszeit, kann sich in einem gesunden Milieu die Bakterienmenge aus den verbliebenen Bakterien wieder vermehren, und die Funktionsfähigkeit des Mikrobioms wird so gut wie möglich wiederhergestellt. Die verbliebenen Bakterienstämme können ersatzweise Aufgaben der verschwundenen Stämme übernehmen, womöglich aber nicht in der gleichen Aktivität. Abhängig von den persönlichen Lebensumständen, kann nach einigen Wochen oder Monaten ein zwar verändertes, aber funktionsfähiges Mikrobiom wiederhergestellt sein.
In Studien wurde die Zusammensetzung der Darmbakterien bis zu vier Jahren nach einer antibiotischen Therapie beobachtet. Eine vollständige Rückkehr zum ursprünglichen Mikrobiom gibt es dabei nie.58
Nimmt man allerdings in der Erholungsphase, beispielsweise binnen eines halben oder eines Jahres, erneut ein Antibiotikum, kommt es zu keiner Wiederherstellung mehr. Die Verschiebung der Arten sowie die Verminderung in Vielfalt und Fülle bleiben in größerem Maße bestehen und können langfristig Störungen der Gesundheit in allen Organen mit sich bringen, da sie auf die Zusammenarbeit mit den Bakterien angewiesen sind. Bekanntlich folgen daraus Durchfälle und Unverträglichkeiten und schließlich chronische Reizdarmsymptome. Weniger bekannt sind Stoffwechselstörungen wie Übergewicht oder Diabetes. Es kann auch zu einer allgemeinen Infektanfälligkeit, Unverträglichkeiten und zu psychischen Störungen kommen. Typischerweise wiederholen sich Infektionen von da an immer wieder.
Es gibt weltweit mittlerweile achtzig Antibiotikaklassen. Viele weitere sind in Entwicklung.59 Daraus waren im Jahr 2014 beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte 2429 verkehrsfähige Antibiotika zugelassen. Geschätzte 650 Tonnen Antibiotika wurden im Jahr 2011 in Deutschland von Menschen aufgenommen. 1706 Tonnen gebrauchte man in der Tierhaltung, wovon über Lebensmittel immer wieder Spuren auch beim Menschen landen. Vierzig Millionen Antibiotika-Verordnungen wurden im Jahr 2013 bei Krankenkassen abgerechnet, gut ein Drittel der Versicherten erhielt mindestens eine Antibiotika-Behandlung im Jahr, bei den vier- bis sechsjährigen Kindern sind es 41 Prozent, bei den über neunzigjährigen Menschen etwa jeder zweite.60 Dabei ist bei Kindern ein stabiles Mikrobiom für eine gesunde Entwicklung unerlässlich, und alte Menschen haben ohnehin bereits eine verringerte Bakterienvielfalt im Körper, was sie anfälliger sein lässt (siehe Seite 96ff.).61 Ein zusätzlicher Mikrobiomstress bringt im Alter ein geschwächtes Zusammenwirken zwischen Einzellern und Körperzellen womöglich völlig zum Erliegen, mit unter Umständen schwersten Folgen. Gerade dann ist eine mikrobiologische Therapie oft heilsamer, um das Wohlbefinden wiederherzustellen.
Die persönliche Verminderung von Vielfalt und Fülle im Mikrobiom der einzelnen Menschen summiert sich in den von dieser Entwicklung betroffenen Gesellschaften auf einen allgemeinen Bakterienmangel, der inzwischen dahin geführt hat, dass Menschen in industrialisierten Ländern erheblich weniger Bakterienarten im Körper haben als in naturnah lebenden Kulturen. Forscher verglichen die »zivilisierte« Bakterienbesiedelung mit jeweils der von Hadza-Jägern im Inneren von Tansania,62 von Ureinwohnern in Papua-Neuguinea63 und in Burkina Faso64 und von erst im Jahr 2009 kontaktierten Dorfeinwohnern des Jäger-und-Sammler-Volksstammes der Yanomami im Urwald von Venezuela.65 Letzterer lebt seit 11 000 Jahren dort, ohne von der antimikrobiellen Zivilisation berührt worden zu sein. Bei allen ermittelte man in Stuhlproben, Nasenabstrichen und Haut ein viel größeres Bakterienspektrum als bei uns. Bei den Yanomami fand man die höchste je bei Menschen gemessene Artenvielfalt überhaupt, um 40 Prozent mehr als beim durchschnittlichen US-Amerikaner. Fast ungläubig äußern die Forscher in den Studien die Vermutung, die größere Vielfalt und Fülle als bei uns hänge wohl mit dem von der Natur entfremdeten Lebensstil der Menschen in Industrienationen zusammen, der sie ihrer ursprünglichen Bakterienbesiedelung beraubt habe. Schon werden Überlegungen angestellt, ob diese Vielfalt bakterienreicher Völker nicht zu therapeutischen Zwecken für die Menschen in der westlich zivilisiertenWelt genutzt werden könne. Derweil schickt die Regierung Venezuelas fürsorglich zweimal jährlich per Helikopter medizinische Versorgung zu den Yanomami und behandelt sie – unter anderem mit: Antibiotika!
Wir leiden also aufgrund unserer desinfektiösen Lebensweise in unserer Zivilisation an persönlichem Bakterienchaos im Körper und an kollektivem Mikrobenmangel im ganzen Volk. Und wo die natürliche Vielfalt in einer großen Gemeinschaft verloren ist, kann sie selbst bei innigstem Körperkontakt nicht mehr ausgetauscht, nicht mehr von Mutter zum Kind weitergegeben und ohne Hilfe nicht mehr wiederhergestellt werden. Das ist erschütternd. Wir haben ungewollt die Grenzen unserer Mikrobiomtoleranz längst weit überschritten und bekommen nun die Folgen überall zu spüren.
Bakterielle Resistenzen
Neben Bakterienmangel ist eine logische Folge von Antibiose die Veränderung der übrig bleibenden Bakterien und die Ausbildung von Resistenz. Resistenz bezeichnet die Fähigkeit von Einzellern, Pflanzen, Tieren oder Menschen, gegenüber lebensbedrohenden Giften aus der Umgebung zwecks Überleben unempfindlich geworden zu sein. Sind Bakterien gegenüber einem Antibiotikum resistent, wirkt das Mittel nicht mehr gegen sie. Das heißt, dass sie sich trotz der Anwendung bakterienhemmender Mittel weiter vermehren oder trotz bakterientötender Mittel weiter leben können.
Wie kommt solch eine Resistenz zustande?
Gesunderweise leben Bakterien wie alle Wesen immer und überall in Verständigung miteinander und mit der Umgebung. Sie haben feine Wahrnehmungsorgane in Form bestimmter Oberflächengebilde auf ihrer Hülle, die nach Kontakt von außen im Zellinneren eine passende Reaktion bewirken, damit sie die der Umwelt angemessene Aktivität entfalten. Das ist die Voraussetzung für ein Miteinander des Mikrobioms mit Körperzellen. Sie lesen dadurch die Umgebung beständig ab und sind fähig, auf veränderte Bedingungen jederzeit angemessen zu reagieren. Indem sie ihr ganzes Leben beständig fein den Gegebenheiten anpassen, können sie den jeweils wechselnden Umständen, wie sie beispielsweise durch das Essen im Darm entstehen, stets gerecht werden und ihre jeweiligen Aufgaben vor Ort unentwegt gemeinschaftlich erfüllen.
Der Information der Einzeller untereinander und auch mit den Körperzellen von Pflanze, Tier und Mensch dient der Austausch kleinerSignalbotenstoffe. Antibiotika sind nun, wie wir gesehen haben, isolierte und verdichtete, also zur Verstärkung kräftig angereicherte Formen solcher Signalstoffe. Es sind Botschaften, die zum Beispiel Schimmel- oder Bodenpilze natürlicherweise gegenüber Bakterien in kleinen Mengen abgeben, um sich über Aktivitäten in der Umgebung zu verständigen. Diese Verständigung erfolgt gemäß einer jahrmilliardenalten Entwicklung zu höherem Leben und dient den Mikroben zur Erfüllung ihrer jeweiligen Aufgaben.
Die zu Antibiotika erklärten Substanzen bedienen diese Kommunikation, allerdings nun künstlich verstärkt und mit der Absicht, Bakterien zu töten. Sie sind quasi eine von Menschen nachgemachte und gewaltig übersteigerte Nutzung ihrer naturgegebenen Verständigungsweise, eigentlich ihr Missbrauch. Bildlich gesprochen, ist es, als würde man das Sprechen und Hören von Menschen gegen sie nutzen, indem man ihnen Sprache per Megaphon so laut ins Ohr plärrt, dass sie vor Schreck erstarren oder tot umfallen. In diesem Bild bestünde eine mögliche Resistenz darin, sich Ohrstöpsel oder Kopfhörer auf die Ohren zu setzen, den Lautsprecher zu zerlegen oder den Strom abzudrehen, damit man wieder normal weiterleben, sich in Ruhe unterhalten und seiner Tätigkeit nachgehen kann.
Bakterien reagieren auf einen Angriff von Antibiotika, deren Ausmaß sie bedroht, wie alle Lebewesen mit einer Art SOS-Reaktion. Sie können je nach Bedarf Enzyme aktivieren, die die antibiotische Substanz spalten oder verändern, sie können die Molekülanordnung in sich selbst verwandeln, ihre Zellwand verdicken, Pumpen zum Ausschleusen der Substanz in Gang setzen und anderes mehr. Es sind also zuvor angelegte Möglichkeiten, die nun durch Antibiotika aktiviert werden.
Als man das Prinzip der Resistenz gegenüber Antibiotika anfangs beobachtete, meinte man, die Bakterien reagierten mit einer Art Neuentwicklung von Eigenschaften. Man glaubte, sie wehrten sich gegen den Menschen. Mittlerweile fand man jedoch, dass die Information für Antibiotikaresistenzen bereits in den Genen von Bakterien prähistorischer Funde liegt. Die Möglichkeit zur Neutralisierung von Signalbotenstoffen, also auch der Antibiotika, gehört nämlich zum natürlichen Repertoire der Bakterien. Die Information dazu befindet sich meist auf kleinen Genstücken gespeichert, die man »Plasmide« nennt und die frei im Zellinneren liegen. Anders als das Chromosom der Bakterien können diese Plasmide beliebig untereinander ausgetauscht und auch einfach in die Umgebung abgegeben werden. Es gibt Resistenzplasmide für Enzyme, die bereits mehr als zwei Millionen Jahre alt sind66 und seit Millionen von Jahren unter Bakterien ausgetauscht werden. AndereResistenzgene fand man in rund 30 000 Jahre alten Sedimenten im Permafrost des Beringmeeres.67 Auch Ötzi, die 5000 Jahre alte Gletscherleiche, trug bakterielle Resistenzgene im Darm.
Was wir also Resistenz nennen, ist in Wirklichkeit keine Neuerrungenschaft, vielmehr die natürliche Fähigkeit von Einzellern, ihre Kommunikation fein zu regulieren. Nur, dass nun auf zu viele Botenstoffe eine entsprechend große Regulation erfolgt. Es ist nachvollziehbar, dass ein Botenstoff, nachdem er seine Wirkung gezeigt hat, ja irgendwie neutralisiert werden muss. Dass das unserer Absicht zuwiderläuft, Bakterien zu behindern, und dass wir es folglich »Resistenz« nennen, ist bloß die einseitige Sicht der menschlichen Idee von Bekämpfung und Widerstand.
Solange Antibiotika noch natürlichen Ursprungs waren, wurde vorhandene Resistenzfähigkeit in Bakterien einfach aktiviert. Durch die Entwicklung künstlicher Antibiotika entstanden dann zusätzliche Mechanismen. Damit begegnen die Bakterien den Angriffen so, dass das Leben auf der Ebene der Kleinstlebewesen möglichst trotzdem bestehen bleiben kann. Nach obigem Bild des Megaphons schützen sich die Mikroben vor dem Übermaß an Lautstärke und machen die »Ohren« dicht – mit der Folge, dass sie dann untereinander und mit Körperzellen natürlich auch nicht mehr wie zuvor »reden« können. So führen Antibiotika über die aktivierten Resistenzen zu neuen Problemen. Das Übermaß an Resistenzen, das auf der Erde jetzt die Politiker alarmiert, ist der verzweifelte Versuch der Bakterien, auf unsere unmäßige Verwendung ihrer Signalbotenstoffe ausgleichend zugunsten der Rettung der Erde zu reagieren. Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr Resistenzaktivität wird es folglich geben. Jedenfalls, solange es Bakterien gibt.
Seit Beginn der Antibiotika-Verwendung wurden Zigtausende Tonnen künstlich produziert und auf der Erde verteilt. Allein in den Jahren 2000 bis 2010 stieg der weltweite Antibiotikaverbrauch um 30 Prozent.68 Dabei wirkt beispielsweise Penicillin gegen Staphylokokken bereits in einer Verdünnung von 1 zu 84 Millionen!69 Über Mensch und Tier und Produkte werden 30 bis 90 Prozent der Wirkstoffe unverändert ausgeschieden,70 gelangen ins Abwasser und reichern sich in allen Lebensräumen an. Man hat Erdboden von heute mit archiviertem Boden vom Jahr 1940 verglichen und eine um mehr als 15 Prozent höhere Menge von Resistenzgenen im Vergleich zu früher gefunden. Wir haben die Erde in eine Resistenzhyperaktivität getrieben.71
Am stärksten entwickeln sich Resistenzen dort, wo die meisten Antibiotika eingesetzt werden und wo am wenigsten gesunde Bakteriensind. Länder mit hohem Antibiotikaumsatz verzeichnen hohe Resistenzraten.72 Die Massentierhaltung mit Antibiotika führt zur massiven Resistenzgenentwicklung und zum Resistenzgenaustausch. In konventionellen Schweinemastställen fand man in Nasenabstrichen bei 92 Prozent der Tiere resistente Bakterien.73 Sie leben im Stallstaub, in der Nase der Landwirte, fliegen in die Umgebung und bleiben im verkauften Fleisch. Im Extremfall verschwinden normale, nicht resistente Bakterien völlig.74
Beim einzelnen Menschen können sich diese Folgen antibiotikaresistent gewordener Bakterien auf vielfältige Weise äußern: Sei es in einer Schwächung des Immunsystems, in Verdauungs- oder Wundheilungsstörungen, in Erbrechen und Durchfällen bis zur Austrocknung, in Atemwegserkrankungen, Organversagen, massiven Entzündungen bis hin zur Blutvergiftung und zum Tod.
»Krankenhauskeime«
In Krankenhäusern entstehen mehr Resistenzen als außerhalb von ihnen, was zur Bezeichnung »Krankenhauskeime« für resistente Bakterien dort geführt hat. Hunderttausende von Menschen jährlich werden in Deutschland damit neu besiedelt. Zehntausende sterben daran. Natürlich bleiben die Bakterien aber nie an einem Ort. Durch die Dichte antibiotikabehandelter Menschen und die vielen desinfizierenden Maßnahmen entwickeln sich allerdings in Krankenhäusern oft gleich mehrere Resistenzaktivitäten gleichzeitig. Weist ein Bakterium drei oder mehr davon auf, spricht man von »Multiresistenz«. Diese versucht man durch sogenannte »Reserveantibiotika« weiter zu bekämpfen. Wenn auch diese keine Wirkung mehr zeigen, weil die Bakterien entsprechend reagieren, ist die moderne akademische Medizin gegenüber Erkrankten buchstäblich hilflos.
Ein großer Prozentsatz auch der gesunden Bevölkerung trägt die veränderten Resistenzgene unbemerkt in sich und überträgt sie durch Körperkontakt überallhin. Wird ein solcher Mensch krank, kann es sein, dass er nur viel mühsamer gesundet als jemand ohne sie.
Bakterienmangel, Verlust an Bakterienvielfalt, Verzerrung der Mikrobiom-Gemeinschaft und Resistenzaktivierungen – die Folgen der Antibiotikaverwendung sind horrend. Die Zusatzkosten allein bei einem Kranken mit Antibiotikaresistenz beziffert man mit etwa 8850 bis 35 390 Euro pro Person. Dies summiert sich in den 43 OECD-Ländern bis zum Jahr 2050 auf geschätzte 2,5 Billionen Euro.75
Bisher werden die Folgen der Resistenzaktivierung weltweit zwar als »Bedrohung« erkannt. Eine Mitteilung der britischen Regierung 2014 rechnet vor, dass bis zum Jahr 2050 jährlich weltweit zehn Millionen Menschen mehr als heute an resistenzaktivierten Bakterien sterben werden. Allein die rechnerische Verringerung des Bruttosozialproduktes durch das Vorhandensein von Resistenzen im Menschen würde dann mit fast 90 Billionen Euro mehr Geld kosten als das gesamte derzeitige Weltwirtschaftsvolumen.76
In ihren Vorschlägen zur Verbesserung dieser Perspektive fehlt jedoch ausnahmslos allen – auch noch so ausführlichen – Strategiepapieren, Konzepten und Managementprogrammen, sei es der Regierungen, Gesundheitsorganisationen, Krankenkassen, Ärzteverbände oder anderen Initiativen, der wahre Weitblick. Denn um diese Spirale zu beenden, hilft nur eins: die Kommunikation zwischen Mensch und Mikrobe ab sofort wieder von jeglichen Tötungsabsichten vollständig zu befreien.
Für eine wahre Heilung in dieser das Leben auf der Erde existenziell gefährdenden Situation nutzt es nämlich nichts, die Folgen der Ursache immer noch weiter zu bekämpfen. Das sagt schlichtweg der gesunde Menschenverstand: Wenn auf eine Aktion eine Reaktion folgt, und man reagiert darauf, indem man die Aktion verstärkt, wird darauf logischerweise eine stärkere Reaktion folgen. Zu hoffen, man könne die Aktion fortführen, ohne die Reaktion zu bewirken, ist illusorisch. Zu glauben, die Aktion müsse nur so stark werden, dass die Reaktion verschwindet, ist geradezu naiv. Die Ansicht, die Menschheit könne durch »verstärkte Anstrengung« das Problem bakterieller Resistenzen »in den Griff bekommen«, ist tatsächlich eine Anmaßung gegenüber dem Leben. Auf diese Weise können die Folgen mit Sicherheit nur noch dramatischer werden.
Bereits vor vierzehn Jahren forderte die Weltgesundheitsorganisation WHO: »Mittlerweile hat das Problem überall auf der Welt ein kritisches Niveau erreicht. Es muss dringend etwas passieren.«77 Dieser Ruf ertönt derweil von den höchsten Stellen allüberall. Doch er verhallt in der Verharrung, denn das, was wirklich geschehen muss, wird immer noch nicht gesehen: Der einzige Ausweg aus all diesen existenzbedrohenden Problemen ist die Änderung der bisherigen Absicht von Bekämpfung durch den Menschen und stattdessen die Hinwendung zu einem friedlichen Miteinander mit den natürlichen Lebensgemeinschaften und Eigenschaften der Bakterien auf der Erde.
[1] Spiralförmige Mikroorganismen, deren bekannteste derzeit die Borrelien sind.
[2] Ab 1935 als »Prontosil« im Handel.
[3] Vom griechischen antagōnisma für »Widerstreit«. Eine bei Mikroben irreführende Bezeichnung für ihre Kommunikation untereinander.
[4] Vom griechischen symbíōsis für »Zusammenleben«.
[5] Als »Parasit« galt damals ein Lebewesen an oder in einem Organismus, der ihm Nahrung gibt, also auch Bakterien im Körper (vom griechischen parásitos für »Tischgenosse«).
[6] »Chloramphenicol«.
[7] »Bacitracin«, nach der Patientin namens Tracy benannt.
[8] »Cephalosporin«.
[9] Man unterscheidet die gegen Pilze gerichtete »antimykotische«, gegen Würmer gerichtete »antihelminthische«, gegen Viren gerichtete »antivirale« sowie eine gegen Protozoen gerichtete Therapie. Der übergeordnete Begriff ist »antimikrobiell«.
[10] Vom griechischen statós für »stillstehend«.
[11] Vom lateinischen caedere für »töten, fällen, ermorden, schlachten«.
Probiotika
Von Darmdesinfektion zu bulgarischen Bazillen
Was wir heute »Probiotika« nennen, übersetzt »für das Leben«, entspringt einer Entwicklung, die bereits lange vor der Erfindung der Antibiotika begann. Es war ja eine Zeitlang ungewiss, was Bakterien im Menschen denn wirklich zu suchen hatten.
Ab 1890 war die Idee des Tötens von Bakterien zur Beseitigung von Krankheiten zwar insgesamt vorherrschend, jedoch widmeten viele Forscher bis zum Beginn der Sulfonamidtherapie 1935 ihre Arbeit weiterhin den allgemeinen Fragen zum Bakterienleben. Etliche von ihnen beschäftigten sich mit ihrer Wirkung als »Autovaccine«, die das Immunsystem gegen Krankheiten stärken sollten (siehe Seite 186ff.). Man sammelte viele Erkenntnisse über das Mikrobiom, die dann über die Antibiotika-Ära wieder in Vergessenheit gerieten.
Am einfachsten waren beim Menschen dabei Versuche mit Bakterien aus dem Darm, weil man sie aus Stuhl bequem gewinnen konnte. Bis heute wird bevorzugt an Stuhlproben geforscht, obwohl diese in Wirklichkeit bloß einen Teil der Darmbakterien erfassen. Vielleicht auch, weil sich im Darm die größte bislang gefundene Bakteriendichte im Menschen versammelt findet.
Man stellte sich damals eine »Darmintoxikation« vor, eine Vergiftung, die aus dem Darminneren sich in den ganzen Körper auswirkte. Dafür machte man »Fäulnisbakterien« verantwortlich. Dass eine solche Vorstellung nicht ganz unberechtigt war, erweist sich heute, allerdings genau andersherum: nicht wegen der Bakterien, sondern bei ihrem Mangel. Bei Mikrobiomstörungen mit einer zu großen Durchlässigkeit der Darmschleimhaut (Leaky Gut, siehe Seite 119f.) gelangen Stoffe ungefiltert direkt in Blut und Leber und »vergiften« von da aus tatsächlich den restlichen Organismus.
Als der bulgarische Medizinstudent Stamen Grigorow (1878–1945) Sauermilch zum Studium mit an die Universität nach Genf nahm, ahnte er nicht, dass er damit Geschichte schreiben würde. Er mikroskopierte sie und entdeckte im Jahr 1905 Bakterien darin, die später Bacillus bulgaricus genannt wurden, heute Lactobacillus delbrueckii subspecies bulgaricus. Davon schrieb sein Institutsleiter Dr. Massot dem Nachfolger von Louis Pasteur an dessen berühmtem Institut in Paris, Elias Metschnikow (1845–1916).78 Metschnikow hatte jahrzehntelang versucht,den Darm beim lebenden Menschen zu desinfizieren, um ihn völlig von diesen Bakterien zu befreien, die offensichtlich bloß das Leben verkürzten.79 Nun hatte eine Umfrage durch ihn ergeben, dass in Bulgarien die meisten Hundertjährigen Europas lebten.80 Als er nun von den bulgarischen Bakterien hörte, führte Metschnikow das hohe Alter der Bulgaren auf ihren regelmäßigen Verzehr der dortigen Sauermilch zurück. Zwar aß man damals dort natürlich genauso milchsauer fermentierte Gemüse und lebte vielleicht auch ansonsten gesund, doch darüber sprach man gerade nicht. Jedenfalls vollzog Metschnikow eine gedankliche Kehrtwende und empfahl fortan »Joghurt« zur Förderung der Gesundheit und Verlängerung des Lebens. Da er just im Jahr der Nobelpreisverleihung für seine Entdeckung von Fress-Immunzellen (Phagozyten), 1908, seine Gedanken über gesunde Lebensweise veröffentlichte, fanden sie große Verbreitung. Und Bulgarien wurde um ein nationales Wahrzeichen reicher.
Der im nördlichen Europa bis dato unbekannte »Joghurt« mit Lactobacillus bulgaricus wurde ab 1919 als Heilmittel für kindliche Durchfälle in Apotheken – zunächst in Spanien – vertrieben, und sein guter Ruf als förderliche Bakterienkur für den Darm nahm seinen Lauf. Da Joghurt jedoch nicht als Medikament, sondern als Lebensmittel galt, wurde seine Wirkung als Heilmittel gleicherweise angezweifelt. Ernährung und Heilmittel wurden spätestens seit damals als zweierlei verschiedene Dinge angesehen, was es absurderweise bis heute möglich macht, sich ungesund zu ernähren und dann Medikamente für die Gesundheit zu schlucken.
Sicherlich ist der Zweifel bei der modernen industriellen Herstellung von Joghurt, der womöglich mit gentechnisch manipulierten Bakterien kultiviert wurde, vollkommen berechtigt. Wissenschaftliche Studien bestätigen jedoch grundsätzlich, dass sein Verzehr das bakterielle Leben im Darm unterstützt. Er senkte zum Beispiel das Durchfallrisiko bei Patienten, die Antibiotika schluckten, um 57 Prozent.81
Ging es Elias Metschnikow überwiegend um die Verlängerung des Lebens, erforschten damals andere Wissenschaftler die »Antagonismen«, also die Wechselwirkungen zwischen den Bakterien oder ihre Wirkung auf den Körper. Sie erkannten deren Bedeutung für die Gesundheit. Es wurden auch viele erfolgreiche Heilungswege mit Bakterien entwickelt (siehe Seite 172ff.), die aber bald durch die Dominanz der Antibiotika verdrängt wurden.
Escherichia coli
Der Freiburger Hygienearzt Alfred Nißle (1874–1965), ab 1912 Privatdozent und später Professor am Institut für Hygiene der Universität Freiburg im Breisgau, entdeckte, als er bei den Vorbereitungen mikrobiologischer Kurse E.-coli-Bakterien mit Typhusbakterien mischte, dass sie unterschiedliche Wechselwirkungen zeigten, je nachdem, von wessen Stuhl sie stammten. Manche Coli-Bakterien konnten die Typhusbakterien auf der angelegten Nährbodenkulturplatte einfach verdrängen.82 Er entwickelte Reinkulturen daraus und erstellte einen »Coli-Index« aus dem Verhältnis der beiden Bakterienstämme, der diese Fähigkeit widerspiegelte. Menschen, die solche Coli-Bakterien im Darm trugen, waren nach seinen Beobachtungen gegenüber Darmerkrankungen geschützt. Aus den Coli, die auf dem Index den stärksten »antagonistischen Wert« hatten, entwickelte er schließlich ein Medikament[1], mit dem er 1917 die »antagonistische Coli-Therapie« als neues Heilprinzip in die Medizin einführte (siehe Seite 193).83 Er gab die E. coli aus besagtem Stuhl Kranken in Kapseln zu schlucken. Viele Patienten, die zum Teil bereits jahrelang Durchfälle hatten, auch akut schwer erkrankte, wurden damit kuriert.
Der Stamm E. coli Nißle 1917 ist seither weltberühmt. Er ist in der Deutschen Sammlung für Mikroorganismen in Braunschweig für den allgemeinen Gebrauch hinterlegt, wird beständig weitervermehrt und ist in etlichen modernen probiotischen Mitteln enthalten. Er ist ein treuer Begleiter der Menschen geworden.
Bereits damals bemerkte man, dass das Schlucken der Bakterienkapseln nicht nur Darmerkrankungen zu heilen imstande war, sondern zugleich Krankheiten kurierte wie Leber- und Gallenleiden, »ungenügende Nahrungsausnutzung«, Allergien, Hautausschläge, Frauenleiden, Migräne, Neurodermitis, Blutarmut, Gelenk-, Magen-, Blasenentzündungen, Gicht, Depressionen und mehr. Sogar Heilungen bei Krebs werden berichtet. Warum, konnte man damals nicht erklären, doch vermutete man, dass das Fehlen »wertvoller« Bakterien zur Ansiedelung solcher führt, die sich unpassend vermehren und zu einer ungesunden Gesamtheit führen. Nißle nannte dies »Dysbakterie«[2] und vermutete darin die Hauptursache für Krankheitszustände.84
Im Grunde genommen spricht Nißle unbemerkt in seinen damaligen Veröffentlichungen bereits das nötige Gleichgewicht in der Bakterienbesiedelungan, das die Mikrobiomforschung jetzt wieder als lebensnotwendig entdeckt. Er schrieb damals, dass es auf die Stärke der eigenen »persönlichen« Coli-Bakterien »gegenüber Infektionserregern« ankomme.85 Allerdings hielt er seine Coli für die einzigen Bakterien, die sich im Darm ansiedelten, während geschluckte Milchsäurebakterien dies dort den Stuhluntersuchungen nach nicht taten. Er begrenzte seinen Blick damals auf diese einzelne Bakterienart, und so fehlte ihm die Einsicht in die größere bakterielle Vielfalt.
Nißle war Stabsarzt, hatte also eine militärische Ausbildung, und als Lösung sah er standesgemäß die »Bekämpfung« der Situation. Auch er war in seinem Denken gefangen, hatte allerdings bereits ein anderes Menschenbild als das auf Seite 21ff. geschilderte.86 Während man sich zuvor den Menschen als bakterienfrei vorstellte und alle Bakterien als äußere Feinde betrachtete, die ihn bedrohen, entwickelte man nun das Bild, es gebe im Menschen gleichzeitig gesunde und krank machende Bakterien. Diese befänden sich beständig in Konkurrenz gegeneinander und bekämpften sich innerhalb des Organismus. Der Kampf wurde quasi ins Innere des Menschen verlagert. Daraus entwickelte sich die Vorstellung, es gebe »gute« und »schlechte« oder gar »böse« Bakterien, und die guten seien zu fördern und die schlechten auszurotten. Für die guten nimmt man folglich Probiotika, gegen die schlechten Antibiotika. So buk die heute zu Bahlsen gehörende sächsische Wurzener Biscuitfabrik in den dreißiger Jahren »Krietsch Yoghurt-Kekse«, deren »Gesundheitsbakterien« »Körper und Geist vor den verderblichsten Feinden«, den »giftigen Bakterien«, »sichern« sollten.
Diese Vorstellung ist heute noch weit verbreitet,[3] obwohl sie ebenfalls längst überholt ist. Sie deckte sich natürlich leicht mit einem Denken zu Kriegszeiten, in denen die Welt in »Freund« und »Feind« aufgeteilt wird, was eine häufige Projektion des Menschen ist, nicht nur auf die Einzeller. Mit deren Dasein und der Lebenswirklichkeit auf der Erde hat es jedenfalls nichts zu tun. Diese ist nachweislich überall auf Miteinander ausgelegt, mit beständiger Kommunikation zugunsten höheren Lebens.
Alfred Nißle gilt als der Begründer der probiotischen Therapie, auch wenn es diesen Begriff erst später gab. Er hatte gezeigt, dass Bakterien Krankheiten heilen. Tragischerweise entwickelte sich sein Therapieansatz in einer Zeit, die politisch anders ausgerichtet war und in der bald darauf der »Siegeszug« der Antibiotika begann.
Belächelt von Vertretern der »offiziellen« Medizin, lebte die Darmbehandlung mit Bakterien daraufhin erfolgreich ein bescheidenes Schattendasein in der »Alternativmedizin«, bis die Mikrobiom-Forschungswelle sie jetzt wiederbelebte. Im Jahr 2015 nennt Die Rote Liste, das Arzneimittelverzeichnis für Deutschland, 19 370 Medikamente in 5503 Präparate-Einträgen.87 Darunter sind nur 446 pflanzliche und bloß 46 mit Mikroorganismen.
In gewisser Hinsicht wird die alte Coli-Therapie neuerdings sogar wieder aufgegriffen, denn in der modernen »Stuhltransplantation« mit dem Schlucken von Kapseln mit Stuhl einer anderen Person (siehe Seite 206) kehrt man, ohne bewusst darauf zurückzugreifen, nach hundert Jahren in die Anfänge der Darmbakterientherapie zurück.
Heilen mit Bakterien wurde in dem Jahrhundert ihres Bestehens immer wieder diskutiert, und die positiven Wirkungen bei Mensch und Tier wurden in wissenschaftlichen Studien vielfach nachgewiesen.88 Solange man die Therapie jedoch auf nur einen Einzelstamm beschränkt, bleibt sie unvollständig. Sie wurde daher nicht allgemein anerkannt.
Milchsäurebakterien
In den Jahren nach Nißle entwickelten zahlreiche Forscher mit den offenbar sympathischeren Milchsäurebakterienstämmen ebenfalls Heilkonzepte. Während die Coli-Präparate zu Medikamenten wurden, wurden aus Milchsäurebakterien eher »Probiotika«. Einen kläglichen Versuch, den bekannt werdenden Antibiotikaresistenzen im Körper etwas Schützendes entgegenzusetzen, gab es dazwischen in den sechziger Jahren mit dem »Antibiophilus«, einem Medikament mit »antibiotikaresistentem Lactobacterium acidophilum«[4]: 10 Gramm für 9,05 (!) DM, Dosierung: 3 bis 4 halbe Kaffeelöffel täglich.
Albert Döderlein (1860–1941) hatte im Jahr 1890 die Milchsäurebakterien als gesunde Besiedelung der Vagina entdeckt. Der Kinderarzt Ernst Moro (1874–1951) kultivierte sie in saurer Bierwürzebrühe und nannte sie acidophilus, »säureliebend«. Henri Tissier (1866–1926), Kinderarzt im Institut Pasteur in Paris, isolierte 1899 aus dem Stuhl gestillter Babys das milchsäurebildende Bifidobakterium, das durchfallkranken und flaschenmilchgefütterten Kindern mangelte. Seinen Namen bifidus, lateinisch für »in zwei Teile gespalten«, erhielt es 1924wegen seiner Y-ähnlichen Form. Lactobacillus und Bifidobacterium sind bis heute zwei der gängigsten Probiotika-Gattungen. Sie können für ein Gleichgewicht im Mikrobiom sorgen.89
Man versuchte, besonders geeignete Stämme zu vermehren, um sie mit fermentierten Lebensmitteln für die Gesundheit einzusetzen, stieß jedoch auf verschiedene Schwierigkeiten, etwa dass sie ihren Stoffwechsel änderten,90 im gewünschten Lebensmittel nicht ausreichend überlebten, es nicht möglich war, sie präzise zu identifizieren und zu benennen. Außerdem wusste man nicht, welche Wirkung sie im Körper überhaupt entfalteten.
Der Kopenhagener Milchforscher Sigurd Orla-Jensen (1870–1949) versuchte 1912, den traditionellen Lactobacillus bulgaricus bei der Joghurtherstellung durch Lactobacillus acidophilus zu ersetzen, weil er ihn wegen seines Vorkommens im Menschen für diesen für verträglicher hielt. Man suchte nämlich Stämme, die angeblich besser die »Magen-Dünndarm-Passage« überlebten, mit dem Wunsch, bestimmte Bakterien im Dickdarm anzusiedeln. Daraus entstand die sogenannte »Azidophilus-Milch« und 1934 ein »Reformjoghurt«,91 der auf die Arbeiten von Gärungsforscher Wilhelm Henneberg (1871–1936) in Kiel zurückging. Da damit jedoch keine gewinnbringende Herstellung mehr gelang, begnügte man sich schließlich damit, ihn den beiden üblichen Joghurt-Stämmen Lactobacillus bulgaricus und Streptococcus thermophilus hinzuzugeben.
Die europäische mikrobiologische Forschungswelle zu gesundheitsfördernden Mikrobenkulturen hatte weltweit Interesse ausgelöst. In Japan isolierte im Jahr 1930 Minoru Shirota (1899–1982) Lactobazillen aus dem Darm eines Kindes und brachte sie 1935 als gezuckerten Azidophilus-Joghurt-Drink in hübschen handlichen Fläschchen als »Yacult« in den Handel. 1974 stellte sich zwar heraus, dass andere Lactobazillen darin waren als deklariert, nämlich Lactobacillus casei. Das Produkt gelangte dennoch, künstlich vitaminisiert, gezuckert, aromatisiert oder mit Süßstoff versetzt, nach Europa und wurde 1995 auch in Deutschland eingeführt.
Der Zweite Weltkrieg verschob die Perspektive der Bakteriologen in Richtung Antibiotika, sodass der Gedanke an Ernährung und Medizin mit heilenden Bakterien weitgehend verdrängt wurde.
Einige Ärzte, die früh vor dem Gebrauch und den Folgen der Antibiotika warnten, widmeten sich dennoch dem praktischen Einsatz von Bakterien für die Heilung. Ihr Arbeiten war nicht immer leicht. Arthur Becker (1893–1952), Facharzt für innere Medizin und Bakteriologie, war der damalige Pionier der Heilanwendung von Bakterien. Er arbeiteteals Arzt, derweil er über mikrobiologische Therapie forschte, war aber Repressionen ausgesetzt und musste in den dreißiger Jahren mehrfach in die Schweiz flüchten, weil man ihm ein Berufsverbot auferlegte und die jeweiligen Forschungslabore schloss. Erst nachdem wieder Frieden eingekehrt war und sich die Lebensbedingungen nach 1945 wieder normalisierten, konnte er weiterforschen. Mit ihm arbeiteten Kollegen zusammen, sie trafen sich, tauschten ihre guten Erfahrungen mit der Bakterientherapie untereinander aus, entwickelten sie weiter und begründeten im Jahr 1954 in Hessen den »Arbeitskreis Mikrobiologische Therapie«, den es seither gibt (siehe Seite 190).
In dieser Zeit trennte sich die Entwicklung probiotischer Medikamente und der Lebensmittelprobiotika, obwohl die Bakterien dabei an sich natürlich die gleichen sind.
Bakterien wirken immer probiotisch
Der Begriff »Probiotikum« wurde anscheinend erstmals im Jahr 1953 verwendet, und zwar von Werner Kollath (1892–1970), der etwas gänzlich anderes damit meinte. Er bezeichnete damit nämlich Nahrungsbestandteile, die dem Leben förderlich seien, im Gegensatz zu schädlichen »Antibiotika«. Damit begann geradezu eine Laufbahn des Begriffs: 1965 verstand man unter Probiotika Substanzen, die von Bakterien abgegeben wurden, um das Wachstum anderer Mikroben zu fördern, als Gegensatz zu den sie hemmenden »Antibiotika«.92 Später waren es Organismen oder Stoffe, die das Bakteriengleichgewicht im Darm förderten,93 dann meinte man damit lebende Mikroorganismen, die als Zusätze zur Gesundheitsförderung der Nahrung oder dem Tierfutter zugegeben wurden,94 noch später lebende Mikroben, die zu Gesundheitszwecken verzehrt wurden. Diese vergeblichen Versuche, »Probiotika« genau zu definieren, mündeten in die heutigen Begriffsfassung der WHO aus dem Jahr 2001, nach der Probiotika lebende Mikroorganismen sind, »die, wenn in ausreichender Menge verabreicht, dem Wirtsorganismus einen gesundheitlichen Nutzen bringen«. Nimmt man diese Definition beim Wort, zählten folgerichtig auch Bier und Champagner, Rohmilchkäse sowie der Salat aus dem Garten zu »Probiotika«, da auch sie mikrobenreich sind und dem Menschen einen gesundheitlichen Nutzen bringen. Kurzum: Alles Essen mit Bakterien ist probiotisch. Essen ohne Bakterien gibt es allerdings nicht. Gleichzeitig gelten auch äußerlich angewendete Mikroben, also Vaginalzäpfchen mit Bakterien oder Hautcremes, als Probiotikum. DieVerwirrung besteht jetzt darin, dass man nun gar nicht mehr weiß, was ein Probiotikum eigentlich Besonderes sei und was es von einem Lebensmittel oder Medikament unterscheidet.
Im Oktober 2013 fand sich daher eine Gruppe von Spezialisten zu einer Tagung zusammen und fragte sich, ob wegen der neuen Mikrobiom-Erkenntnisse die derzeitige Definition denn noch gültig sei. Man fand ja, schloss aber neu diejenigen Mikrobenstämme darein, die in kontrollierten wissenschaftlichen Studien bestimmte Gesundheitswirkungen gezeigt haben. Hingegen sollten Mikrobenstämme, für die es entweder keine Studien gibt, die zu fermentierten Lebensmitteln gehören oder die als Stuhltransplantationen verwendet werden, gar nicht mehr als »Probiotika« gelten. Übrig blieben dann nur die industriell hergestellten Mittel unter Verwendung isolierter Stämme, die vom Menschen künstlich kultiviert in eine streng kontrollierte Form gebracht wurden.95
Damit wird die Verwirrung leider noch vergrößert, abgesehen davon, dass darin obendrein ein weiterer Versuch liegt, die grenzenlose Fülle und Vielfalt der Kleinstlebewesen in ein menschengemachtes Korsett zu zwängen. Der freie Fluss unseres Lebensursprungs, der durch die Mikroben unentwegt im Lebendigen vermittelt wird, würde damit fortgesetzt blockiert.
In den »Probiotika« verschwimmen Ernährung und Medizin. Nichts macht deutlicher, dass unsere Gesundheit tatsächlich von dem abhängt, was wir aufnehmen, egal wie es heißt. Der Spruch »Eure Nahrung sei euer Heilmittel, und eure Heilmittel seien eure Nahrung« stammt zwar nicht von Hippokrates, dem er fälschlicherweise zugeschrieben wird.[5] Er drückt nichtsdestotrotz die tiefe Weisheit aus, dass die Gesundheit von der Ernährung abhängt. Deren Wirkung auf den Organismus wird, wie wir jetzt wissen, durch die »Übersetzung« durch die Darmbakterien bestimmt (siehe Seite 131ff.).
Der Begriff »Probiotika« bezeichnet daher eigentlich etwas, was Nahrung und Heilmittel zugleich ist: nämlich eine bakterienhaltige Ernährung. Denkt man diese Bedeutung der definierten »Probiotika« zu Ende, implizieren sie, dass sie Medizin überflüssig machen könnten, wenn man sich nur gut genug ernährt. Kein Wunder also, dass Probiotika aus mancher Sicht eher unerwünscht sein mussten.
Jetzt, wo die Mikrobiomforschung die große Bedeutung der Bakterien bewiesen hat, gelten sie aber doch auf einmal wieder als Medizin der Zukunft. Daher ist es umso wichtiger, tatsächlich umzudenkenund ein wahres Bild von Mikroben und Mensch zu entwickeln, um nicht dem nächsten Irrtum in der Medizin anheimzufallen.
Vor fast hundert Jahren gab es also eine Weichenstellung in der akademischen Medizin: Entweder man behandelte mithilfe der Bakterien, oder man ging gegen sie an. Vielleicht gefördert durch das Denken in Kriegszeiten, wählte man den Umweg des Bekämpfens. Wir haben die Möglichkeit, die Wege jetzt wieder zusammenzuführen und an den Pfad eines friedlichen Umgangs mit Bakterien anzuknüpfen.
Die Wirkung von Probiotika
Es gibt noch einen Grund, der den Ruf der Probiotika minderte: Die Forscher, die die Wechselwirkungen zwischen Mikroben und Mensch erforschten, taten dies im Labor. Sie führten dort objektivierbare Studien durch, deren Ergebnisse erst auf den Tierversuch, dann auf den Menschen übertragen wurden. Solange man dabei auf ein bestimmtes Symptom blickte, zum Beispiel auf Durchfall, ließ sich ein Prozentsatz derer ermitteln, bei denen es verschwand. Das ist bei den Antibiotika leicht möglich. Bei einem Probiotikum, das ja definitionsgemäß direkt im Menschen wirkt, sind Laborversuche für die Ergebnisse hingegen wenig aussagekräftig und die Wirkungen im Lebendigen kaum objektivierbar, weil jeder Mensch natürlich anders ist als der nächste. Da die Wirkung nicht immer nachweisbar ist, ist der Begriff »probiotisch« seit Dezember 2012 mit gesundheitsbezogenen Aussagen bei Lebensmitteln in Europa verboten.96
Die diversen Menschenbilder der Ärzte entwickelten somit unterschiedliche therapeutische Richtungen. Probiotika galten als »alternativ«. Sie wurden in der Erfahrungsheilkunde eingesetzt, die auf den einzelnen Menschen und seine ganz persönliche Konstitution sah. Antibiotika hingegen wurden zur offiziellen und daher auch von den Krankenkassen bezahlten, naturwissenschaftlich-akademischen Medizin. Während ein Antibiotikum eine zwingende Wirkung hat, die in entsprechenden Studien nachweisbar sein kann, ist dies bei Probiotika nicht möglich, da sie auf ein persönliches Mikrobiom treffen. Dementsprechend unterschiedlich fielen die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zu Probiotika aus. Erst ab den neunziger Jahren gab es überhaupt welche, dann eine stetig zunehmende Anzahl. Doch untereinander vergleichen lassen sie sich ebensowenig. Damit wurden sie für viele Ärzte nicht nachvollziehbar. Es ist auch hier so: Mikroorganismen sprengen das menschliche Begreifen.
Geht man heutzutage in ein Reformhaus, um ein Probiotikum zu erwerben, findet man Pulver oder Kapseln, die aus verschiedenen Stämmen von zum Beispiel bei minus 180 Grad Celsius schockgefrosteten und gefriergetrockneten Mikroben bestehen. Meistens sind es Milchsäurebakterien der Stämme Lactobacillus oder Bifidus. Sie werden geschluckt oder in Wasser eingerührt und zum Essen eingenommen. Viele enthalten auch sogenannte Prä- oder Prebiotika, worunter man Substanzen versteht, die Bakterien im Körper als spezifische Nahrung dienen, sogenannte Ballaststoffe (siehe Seite 143ff.). Werden »Probiotikum« und »Präbiotikum« kombiniert, nennt man dies »Symbiotikum«. Diese Bezeichnung ist jedoch eher theoretischer Natur, denn niemand bittet im Geschäft um ein »Symbiotikum«, und auch in der Fachliteratur ist dieser Begriff unüblich.
Mit der Einnahme eines Probiotikums verbindet sich die Vorstellung, seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun, speziell bei Darmerkrankungen oder wenn ein Antibiotikum angewendet wurde. Erst »Anti«, dann »Pro« – damit drückt sich die Gegensätzlichkeit aus, die sich im vergangenen Jahrhundert entwickelt hat. Beide Begriffe waren zuvor überflüssig. Man ernährte sich ganz natürlicherweise mit einer ausreichenden Menge von Bakterien. Jetzt gibt es Probiotika für jedes Lebensalter, vom Baby bis zum Greis, für Sportler, gestresste Manager und Reisende in ferne Länder. Sie heißen nach Kuscheltieren, tragen kraftvolle Marken wie »Stress Repair«, so als ob man Stress mit Bakterien reparieren könne. Sogar ein »Breitband«-Probiotikum wird bereits beworben.
Damit werden Bakterien für eine weitere Medikamentierung des Lebens benutzt. Eine Monatsration derlei Probiotika kann gut und gern so kostspielig werden, dass man stattdessen gleich bakteriengerechte und naturnah angebaute Lebensmittel kaufen kann. Heilung besteht darin, sein Leben in ein gesundes Fließgleichgewicht zu bringen, und nicht, den kranken Zustand durch Pulver und Pillen zu stabilisieren. Die meisten solcher Präparate sind zwar tauglich, sie genügen jedoch in der Regel nicht für eine Genesung.
Man muss Bakterien auch nicht mit »magensaftresistenten« Kapseln schlucken. Kapseln bestehen aus künstlich gefärbter Hart- oder Weichgelatine[6], die in der Regel bereits nach kurzer Verweildauer im Magen aufgelöst wird[7]. Ebenso können die enthaltenen Bakterien künstlich mit magensaftresistenten Eigenschaften versehen worden sein.
Dick- und Sauermilch
Alle alten Kulturen kannten »probiotische« Gärgetränke, die einen Reichtum an lebenden Bakterien und an bakteriellen Stoffwechselprodukten mit sich brachten – die übrigens den künstlich hergestellten Probiotika fehlen. Honig wurde zu Met vergoren, Früchte zu Wein, Getreide zu Bier und Korn (siehe Seite 172ff.). Wo es Milch gab, gab es auch Sauermilch. Diese bildet sich, wenn Bakterien aus der Luft sich mit der Milch spontan verbinden, und die Mikroben beginnen, die Milch zu verdauen. (Im deutschsprachigen Raum spricht man eher von »Dickmilch«). Der Milchzucker wird dabei von den Bakterien in Säuren umgesetzt, in Milchsäuren, Buttersäuren, Essigsäure, Ameisensäure, daher der Zusatz »sauer«. Und dadurch sinkt der pH-Wert. Dies löst die zuvor homogenen Milcheiweiße aus ihrem Zusammenhang, indem die als Micellen bezeichneten Milchkügelchen gelockert werden und bei weiterer Säuerung ein kurzkettiges Gel entsteht, eine Art Netz. In dessen Zwischenräumen liegen dann bakterielle Verdauungsenzyme und bakteriell verdaute Milchbestandteile als Mikronährstoffe vor, darunter enzymatisch abgespaltene Aminosäuren und gelöste Mineralien.98 Dieser Vorgang bringt die »Dicklegung« der Sauermilchprodukte mit sich, was sie besser transportierbar und über längere Zeit haltbar macht. Je nach beteiligten Bakterien werden dazugehörige Aromata, Eiweißketten oder wie bei Crème fraîche Gummi- und Schleimstoffe abgegeben.
In der Kulturentwicklung der Menschheit lernte man, diesen mikrobiellen Prozess bewusst zu lenken und dadurch unterschiedliche Sauermilchbereitungen entstehen zu lassen. Aus der vollen Milch zum Beispiel Kumys, Kefir, Dickmilch oder Joghurt, aus dem Rahm saure Sahne, Schmand oder Crème fraîche. Die Dicklegung der Milch erfolgt spontan nur, wenn sich frische Milch mit geeigneten Bakterien vermischt. Sie setzt also handwerkliches Melken und die passende natürliche Luftzusammensetzung voraus, wie es in Deutschland bis zum letzten Jahrhundert auf dem Land gegeben war. Sobald die Milch gekühlt oder erhitzt wurde oder wenn die Bakterienzusammensetzung in der Raumluft nicht passt, wird die Milch stattdessen nach längerem Stehen ungenießbar.
Im 19. Jahrhundert wurde von Louis Pasteur die Keimabtötung mittels Hitze initiiert, die nach ihm »Pasteurisierung« genannt wurde. Da man ja damals fälschlich noch davon ausging, dass Bakterien im menschlichen Körper nichts zu suchen hätten, und da man »Krankheitskeime« abtöten wollte, führte man die Milcherhitzung von Gesetzeswegen ein.[8] Damit verschwanden nicht nur die Milchbakterien aus unserer Ernährung, sondern auch das Verspeisen frischer »Dick«milch mit all ihren hilfreichen Effekten für die Gesundheit (siehe Seite 174). Um weiterhin Käse und Dickmilch zu produzieren, gab man ab 1890 der Milch künstlich gezüchtete Starterkulturen für die Sauerlegung bei.99 So war der natürliche Bakterienkreislauf fortan abgeschnitten. Zur Bakterienversorgung wurde stattdessen ab 1919 der künstlich unter besonderem Wärmeeinsatz hergestellte Joghurt ins nördliche Europa eingeführt.100
Inzwischen weiß man, dass die Milchbakterien über das Blut aus dem Verdauungstrakt der Muttertiere stammen. Für einen gesunden Milchverzehr ist es also wichtiger, sich um Futterqualität, Wohlbefinden und Bakterienversorgung der milchspendenden Tiere zu kümmern, als in einer ungesunden Milch hinterher Bakterien zu töten. Zuerst Tiere in unnatürlicher Massenhaltung aufzuziehen, ihre dadurch entstandenen Krankheiten antibiotisch zu behandeln und dann ihre Milch zu erhitzen ist abwegig und entfernt Tiere, Milch und ihre Produkte immer weiter vom natürlichen lebendigen Nahrungskreislauf. Gesunde Tiere geben auch gesunde Milch.
Kefir
Im Kaukasus war diese Sauermilch der Kefir[9]101 oder »Milchwein«, ein Volksgetränk und Heilmittel zugleich. Er bildet sich im Miteinander mehrerer Pilze und Bakterien[10].102 Kefirknollen werden mit Kuh-, Schafs- oder Ziegenmilch an der Luft angesetzt – früher in ledernen Schläuchen –, und die daraus nach einem Tag gebildete Gärmilch samt Mikroben wird abgegossen, mit frischer Milch vermischt und luftdicht abgefüllt weiter fermentiert. 1892 wurde Kefir in Deutschland erstmals mikrobiologisch beschrieben.103 Frisch gemacht ist er kohlesäure-, milchsäurereich und alkoholhaltig. Die Milcheiweiße werden durch die Mikroben vorverdaut
Joghurt
Die Herstellung von Joghurt gelangte offenbar von den Nomadenvölkern über das Osmanische Reich und den Balkan nach Europa. Sie unterscheidet sich in dem Sauerlegen der Milch durch eine andere Bakterienmischung, die bei einer höheren Temperatur gedeiht, so wie sie in den südlichen Ländern häufig ist. Bereits im 16. Jahrhundert wird von Reisenden vom jugurt aus der Türkei nach Deutschland berichtet.104 Doch auch in Homers Ilias, etwa im 7. Jahrhundert vor Christus, ist bereits von der »Milchkost« der Thraker, eines Reitervolksstammes im heutigen Bulgarien, die Rede. Der von Elias Metschnikow zur Joghurtbereitung eingeführte Lactobacillus bulgaricus stammt von dort. Das Wort kommt vielleicht von yogurmak, dem türkischen Wort für »kneten, mischen, hart machen«,[11] und lautet in quasi allen europäischen Sprachen ähnlich. Es benennt ein fermentiertes Sauermilchprodukt, bei dem die beteiligten Bakterien Milchbestandteile umwandeln. Dies macht Joghurt lange haltbar. Im Produkt sind schließlich nicht nur die Bakterien, sondern ebenso ihre Stoffwechselprodukte enthalten, die beim Verzehr im Körper ihrerseits wirken. Der Herstellungsprozess ist folglich entscheidend für seine Wirksamkeit. Vielleicht machen die bakteriellen Stoffwechselendprodukte im Joghurt einen Gutteil seiner Wirkung aus. Es handelt sich dabei gewissermaßen um eine »Botschaft« der Nahrung an die Darmbakterien.
Die Bakterien der Sauermilchprodukte wirken im Körper, siedeln sich dort aber nicht an. Früher wurde Joghurt in Lederbeuteln geschüttelt, die die Mikrobenkulturen von Mal zu Mal, ja von Generation zu Generation weitertrugen. Die heutige industrielle Massenproduktion ist davon weit entfernt. Lebende Bakterien sind im Verkaufsprodukt nur dann noch enthalten, wenn die Milch nicht wärmebehandelt, zum Beispiel pasteurisiert wurde, also in der Regel in biologischen Joghurts aus Rohmilchqualität. Eingesetzt werden möglicherweise künstlich gentechnisch veränderte Bakterienstämme. Zusätze von Lactose oder Magermilchpulver zur Verdickung müssen nicht deklariert werden, außer bei biologisch klassifizierten Produkten. Konservierungsstoffe, die das Verderben durch Schimmelwachstum und Gären zugesetzter Früchte verzögern sollen, entfalten natürlich auch im Körper ihre Wirkung. Dort ist eine »Konservierung« das Gegenteil von »Verdauung«.[12] Nachträglich zugesetzter Zucker, wie er in Handelsjoghurt üblich gewordenist, nimmt ihm seine eigentliche Gesundheitswirkung. Gezuckerte Trinkjoghurts, die als »probiotisch« beworben werden, in handlich schönen Fläschchen daherkommen und unter dem Druck massiven Marketings sogar in Krankenhäusern verteilt werden, stellen eine ungute Entstellung der ursprünglichen Rolle dar, die Joghurt und Sauermilch in der Menschheitsernährung seit Jahrtausenden einnehmen. Ein namhaftes dieser Produkte enthält neben Joghurt und Mager(!)milch bei 2,8 Prozent Eiweißen und 1,1 Prozent Fett satte 10,5 Prozent Zucker, dazu synthetische Vitaminzusätze. Eine fruchthaltige Variante davon für Kinder kommt sogar auf einen 15,3-prozentigen Zuckeranteil. Das ist mehr als bei Cola. Man muss also sehr genau hinschauen, wenn man sich mit einem Sauermilchprodukt etwas Gutes tun möchte.
Ein Joghurt sollte dafür aus biologischer reiner Milch, zuckerfrei, ohne Zusätze, unerhitzt und mit natürlichen Bakterienstämmen fermentiert worden sein. Da Joghurt ballaststofffrei ist, die Bakterien im Körper also nicht ernährt (siehe Seite 143ff.), empfiehlt es sich, ihn mit ballaststoffhaltiger Ernährung zu kombinieren. (Zu weiteren Bakterienstämmen in Probiotika siehe Seite 172ff.).
[1] »Mutaflor«
[2] Vom griechischen dys für »schlecht, krankhaft, von der Norm abweichend« und baktḗrion für »Stöckchen«.
[3] Das aktuelle Förderprogramm der Europäischen Union zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen heißt: »New Drugs 4 Bad Bugs«, »Neue Mittel für schlechte Bakterien«.
[4] Von der Firma M. Woelm, Eschwege.
[5] Weder in Schriften, die die Worte des Hippokrates überliefern, noch in denen der Ärzteschule von Kos ist er zu finden.
[6] Als Weichmacher dienen »Glycerol« oder »Sorbit«.
[7] Hartgelatinekapseln lösen sich in wässriger Umgebung bei 37 Grad Celsius binnen 2 Minuten auf.97
[8] Die Sterilisation von Milch wurde 1886 vom Agrarchemiker Franz von Soxhlet (1848–1926) entwickelt.
[9] Tartarisch für »die Wonne«.
[10] Saccharomyces, Streptococcus, Diaspora caucasica und andere.
[11] Yogun heißt im Alttürkischen »dick«, im Neutürkischen »dicht«.
[12] Wird ein Joghurt mit »frei von Konservierungsstoffen« beworben, können solche trotzdem in den Früchten im Joghurt sein, wenn deren Menge einen gewissen Prozentsatz einhält.
Biofilme, Bakterienkommunikation und die Entwicklung von Leben
Bakteriengemeinschaft im Biofilm
Einzeller waren die ersten Lebewesen, die wohl vor mindestens 3,8 Milliarden Jahren auf der Erde lebten. Zunächst bestand diese aus Gasen wie Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Stickoxiden und Kohlenmonoxid, in denen elementare Vorgänge abliefen, dann aus einer Art globalem Plasma»pudding«, in dem sich Moleküle zu Membranen zueinanderfügten. Eine lebendige Abgrenzung zwischen einem Innen und Außen entstand: die Einzeller.
Welche gewaltige Kraft hinter dem Ursprungsimpuls und der Entwicklung dieses Lebens waltet, ahnen wir nur. Es kann allein die schöpferische Liebe sein, aus dem Urgrund der Ewigkeit, deren Dimension für uns nicht zu erfassen ist. »Zufälle« können dies jedenfalls nicht.
Sobald es ein »Innen« und ein »Außen« gab, gab es Transportmechanismen für den Stoffaustausch durch Membranen hindurch und die Möglichkeit für ein anderes Milieu drinnen als drum herum. Seither bilden Zellmembranen beides zugleich: Durchlässigkeit und Abgrenzung und die Entstehung von Raum.
Gleichzeitig bildeten Einzeller Verständigungsmöglichkeiten aus. Man geht davon aus, dass bereits die ersten in großen Gemeinschaften lebten. Sie bildeten Biofilme, das sind Milieus, in denen die Bakterien ihre Stoffwechselprodukte so anreichern, dass sie darin dauerhafte Strukturen im Miteinander entstehen lassen können. In so einer gelartigen Materie, zum Beispiel aus Zuckerketten[1], sind sie gegenüber der oft wässrigeren Umgebung als Gemeinschaft abgesondert. Sie leben darin sozusagen in ihrem eigenen »Saft«.
Solche bakteriellen Biofilme sind beispielsweise der schmierige weißliche Belag, der sich auf Zähnen bildet, die nicht geputzt werden, oder der sich im Inneren von Schläuchen entwickelt, wenn man sie nicht genügend spült. Im Boden sind pflanzliche Feinwurzelspitzen von Biofilmen umgeben, und auch die Darmschleimhaut hat ihren Namen wegen des Biofilms, der auf den Darmepithelzellen aufliegt. Alle diese Häute sind von organisierten Einzellern gebildet, und sie bilden neue Lebensräume aus. Dies sind die Urlebensräume der Erde.
Innerhalb eines Biofilms finden sich die Mikroorganismen in geordneten, zum Beispiel geschichteten Gruppen zusammen, die unterschiedliche Stoffwechsel durchführen. Dabei entsteht ein Gefälle, etwa an Sauerstoffgehalt zwischen Ober- und Unterseite des Biofilms, und durch die möglichen Unterschiede wird größere Vielseitigkeit von Lebensräumen möglich.
Auf festen Flächen sammeln sich grundsätzlich mehr Stoffe an, als sie im Wasser der Umgebung in Lösung sind. Die Pionieroberflächen auf der Erde waren die Einzellermembranen, an denen sich Substanzen ansammelten. Diese Einzeller fanden sich zusammen, bildeten in ihren Biofilmen größere Oberflächen, die sich wiederum zusammenlagerten, und so reicherte sich Materie im Laufe der Zeit zu zunehmend dichterer Masse an. So wie man es kennt, dass aus Zahnbelag sogenannter Zahnstein wird, bildeten Bakterien Mikrobenmatten,[2] an deren negativ geladene Oberflächen sich positiv geladene Mineralsalze kristallin anlagerten, sodass Stein entstand. Auf absterbenden Mikroben-Substanz-Schichten wuchsen die Biofilme in die Höhe. So verfestigte sich die Erde zunehmend.
Einzeller bewirken also seit Beginn des Lebens die Gliederung in Fülle und Vielseitigkeit sämtlicher bestehender Lebensräume. An jeglichen Grenzen, Übergängen und Oberflächen bilden sie spontan Biofilme aus: von Luft zu Wasser, Wasser zu Festem, Festem zu Luft – und auch im lebenden Organismus. Beim Menschen finden sie sich genauso wie bei Gewässern, Steinen, Pflanzen und Tieren. Es ist, als übersetzten die Einzeller unentwegt geistige Urbilder des Lebens überall in die Substanz der manifestierten Wesen.
Als vielzellige Gemeinschaftsbildung ist der Biofilm die Vorstufe zum späteren Mehrzeller. Höheres Leben entstand aus zunehmend größerem Gefälle und der Differenzierung zwischen Außen und Innen, weiteren Innenraumbildungen und der Ausbildung besonderer Zellen, mit Stoffaufnahme und Stoffabgabe, ständig im Fluss der molekularen Substanzen durchs Lebendige.
Seitdem begleiten Einzeller jegliche Mehrzeller auf der Erde und natürlich auch den Menschen. Mikroorganismen machen seit jeher die größte Biomasse aus und sind damit die wichtigsten Lebewesen unseres Planeten.
Innerhalb des Biofilms leben die vernetzten Einzeller anders als einzeln gelöst in wässriger Umgebung. Was nicht heißt, dass sie sich da nicht ebenso verständigen. An einem Ort im Biofilm können sie sichjedoch bildlich gesprochen ganz konzentriert den wesentlichen Aufgaben ihres Lebens widmen. Bewegliche Bakterien werfen dort ihre Fortbewegungsorgane ab, ihre Vermehrungsrate verlangsamt sich, und Stoffwechselaktivitäten werden geordnet und gleichmäßig verteilt. Dadurch lebt eine höhere Mikrobenvielfalt friedlich auf engstem Raum zusammen, was eine höhere Produktivität des Ganzen ermöglicht. Biofilme sind geschichtlich und gegenwärtig der Ort intensivster Wandlungen und Entwicklungen im Leben. In einem Biofilm fanden Forscher eine einmillionenfach größere Produktivität als im freien Wasser drumherum.105 Manchmal wird dadurch das Zusammenleben bestimmter Gemeinschaften überhaupt erst ermöglicht, zum Beispiel in einer Umgebung, in der keiner einzeln überleben könnte. Anaerobe[3] Campylobacter können zum Beispiel in einer sauerstoffhaltigen Umgebung nur dann existieren, wenn sie sich mit Pseudomonas-Bakterien zusammentun.106 Dieses Prinzip gilt natürlich auch in unserem Körper. Der Mangel an bestimmten Bakterienstämmen kann dabei das Überleben anderer gefährden.
Innerhalb des Biofilms erleben die Bakterien äußere Einflüsse wesentlich gemildert. Ändern sich Nährstoffdichte, Säuregrad, Wassergehalt, Temperatur, UV-Strahlungen oder anderes außerhalb, werden diese abgepuffert. Gifte gelangen weniger leicht zum Einzeller und werden in der Zwischenzellsubstanz womöglich neutralisiert. Das bakterielle Miteinander bleibt stabilisiert.
Ist ein solcher Biofilm verringert, zum Beispiel die Schleimschicht im Darm, hat das erhebliche Folgen. Dann fehlen nicht nur Menge und Vielfalt der Bakterien in diesem Lebensraum, sondern auch ihre Anordnung zur Gemeinschaft als Mikrobiom. Es verändern sich Aktivität und Produktivität, Vernetzung und Vermehrung und potenziell jegliche Eigenschaften, die Bakterien haben. Dass das Folgen für die Gesundheit hat, leuchtet ein.
Eigentlich bräuchte man daher eine Diagnostik für den Gemeinschaftgrad des Biofilms in einem Organ, um dessen Befindlichkeit abzulesen. Denn dieser Biofilm ist ausschlaggebend für die Bakterienaktivität im jeweiligen Mikrobiom, nicht allein die Anzahl dort zu findender Bakterienstämme, auf die man sich bislang stützt.
In der Medizin ist »Biofilm« eher noch ein Reizwort, weil man ihn für gefährlich hält und als Hindernis für die Wirkung antimikrobieller Substanzen ansieht. Man betrachtete ihn als Ursache für Kariesbildung oder für eine störende Besiedelung von Implantaten, Kathetern odermedizinischen Geräten. Auch in der Trinkwasserversorgung hat man Biofilme ungern, aus Angst, dass sie in Fäulnisprozesse umschlagen. Woanders nutzt man sie hingegen gezielt, etwa zur Essigherstellung, für die Abwasser- oder Abgasreinigung oder zur Sanierung vergifteter Böden.
Die Kommunikation der Bakterien
Wie die Bakterien im Biofilm zur differenzierten Gemeinschaft zusammenfinden, wissen wir bisher lediglich ansatzweise. Zu wissen, dass alle Bakterien kommunizieren, ist jedoch wichtig, weil es bedeutet, dass jede Aufnahme von Bakterien in den Körper, jedes Abtöten von Bakterien im Körper und jede Nahrungsaufnahme in den Körper, die ja die Bakterien ernährt, in ihrer Wirkung nie auf einen Ort begrenzt bleibt, sondern sich allen Bakterien im Organismus mitteilt. Die Heilung mithilfe der Bakterien besteht darum nicht bloß in einem Hinzufügen von Bakterien, die fehlen. Es ist vielmehr ein Weg, das Miteinander im Mikrobiom zu fördern, indem man den geeigneten Rahmen dafür schafft, und der vorhandenen Gemeinschaft mithilfe von Bakterien einen Impuls zur Reorganisation gibt.
Mikroorganismen kommunizieren auf vielerlei Wegen und Ebenen: durch chemische Botenstoffe, Mikropartikel, elektrische Ladungen, Lichtquanten, Frequenzmuster, Gene und anderes mehr. Jegliche genetische Information, die in Bakterien vorkommt, kann nach Bedarf in die Umgebung vervielfältigt oder an andere Zellen abgegeben werden. Einzeller teilen folglich alle einen Genpool miteinander, im Grunde genommen sogar weltweit, was man »Pangenom« nennt. Kleinere, meist kreisförmige Genstücke, sogenannte Plasmide, können Informationen tragen, die nur bei Bedarf benötigt werden. Sie liegen im Ruhezustand in der Zelle und werden durch Reize aktiviert. Antibiotikaresistenzen sind auf solchen Plasmiden kodiert. Auch die direkte Berührung von Zelle zu Zelle – egal welcher Art – ist ein Signal an die Zellen, in denen es eine Aktivität auslösen oder verändern kann.
Bewegungen von Bakterien sind mit Mini-Energieentladungen nach außen verbunden, die aus Formveränderungen der Membran entstehen. Gerät eine Bakterie in Stress, strahlt dies in die Umgebung aus.107 Diese elektrische Ladung von Bakterien kann auch durch Veränderung der Umgebung, zum Beispiel des pH-Wertes, stärker oder schwächer werden, wodurch sich ihre Eigenschaften innerhalb eines Lebensraumes verändern.108 Damit erklärt sich eine entstehende Fehlbesiedelungim Körper bei verändertem pH-Wert. Dieselben Bakterien, die vorher harmlos waren, können dann Krankheiten auslösen. Welche Rolle elektrische Felder dabei spielen, lässt sich erahnen.
Alle Zellen, sei es von Einzellern, Pflanzen, Tieren oder Menschen, verständigen sich über Signalbotenstoffe aus kleineren Stoffmolekülen. Bakterien schwimmen geradezu in einer beständigen Botenstoffflut, aus deren Information ihre gesamte Aktivität folgt. Es gibt Botenstoffe, die der Verständigung innerhalb der Art dienen, und andere, die Informationen zwischen Arten weitergeben. Es gibt überhaupt keine Umgebung, die den Mikroben nicht irgendetwas mitteilt. Was auch immer sie vermögen, geschieht im Einklang mit dem Umfeld.
Ob sie an einem Ort bleiben oder sich woandershin bewegen, ob und welche Art von Stoffwechsel sie betreiben, welche Enzyme, Vitamine, Säuren oder Toxine sie abgeben, ob sie sich zum Biofilm anordnen oder nicht, ob sie Plasmide übertragen, Mutationen veranlassen, in einem Ruhezustand verharren, sich stärker verdoppeln – alles geschieht auf Wahrnehmung hin. Die Nährstoffdichte, der pH-Wert, Stoff- und Zellbewegungen, Lichtstärke, Temperatur, was auch immer, und alles bewirkt etwas. Dazu berühren kleine Moleküle Sensoren auf der Außenmembran der Einzeller. Das sind über die Oberfläche herausragende Eiweißketten, die den Reiz ins Zellinnere übertragen, wo er an die Zellsteuerung weitergeleitet wird. Botenstoffe können auch durch Poren ins Zellinnere gelangen. Oder durch kleine Tunnel, die durch Signale geöffnet werden und dann Stoffe hinein- oder herauslassen. Man hat mehr als hundert Sensoren auf einer einzelnen Bakterienmembran entdeckt. Wahrscheinlich sind es mehr. Andere Eiweißketten auf der Außenmembran präsentieren Moleküle aus dem Zellinneren und zeigen so nach außen, was in ihr gerade vorgeht.
Reichert sich ein Botenstoff in einem Lebensraum an, können dort alle Einzeller gleichzeitig auf den Reiz reagieren. Das nennt man »Quorum Sensing«.[4] Sie können somit wie ein Gemeinschaftswesen tätig sein. Das ist beim Mikrobiom der Fall.
Bakterien richten sich also stets aufeinander ein, dem Milieu entsprechend, in dem sie leben. Sie agieren nie eigenwillig. Es ist daher Unsinn, wenn wir sie »Killer«bakterien oder »böse«, »aggressiv«, »Krankheitserreger« oder sonst wie nennen. Damit lenken wir leicht von der Tatsache ab, dass wir selbst das Milieu geprägt haben, in dem sie leben. Umgebung und Bakterien sind untrennbar miteinander verknüpft.Die Umwelt gestalten wir durch unser Leben, und Bakterien übersetzen dies in ihre Aktivität im Miteinander der Gegebenheiten am jeweiligen Ort. Dabei stehen sie im Dienst eines übergeordneten Ganzen, dessen Weisheit sich den meisten von uns bislang entzieht.
Das bedeutet aber auch, dass Einzeller, losgelöst aus ihrer botenstoffgetränkten Gemeinschaft, genau diese Regulation und Kommunikation verlieren. Wenn Signale bei nur wenigen Bakterien eine Aktivität auslösen, sind alle Vorgänge, die gemeinschaftlich gesteuert werden, »unproduktiv«.109 Und bar jeder Gemeinschaft entsteht Chaos. Trotzdem hat man auf solche Zustände die Erkenntnisse der Bakteriologie aufgebaut. Züchtet man Bakterien isoliert heran, »hören« sie nur noch die Signale von ihresgleichen und aus dem angebotenen Nährboden im Labor. Mit der Folge, dass sie ein künstliches, quasi ein »narzisstischeres« Verhalten an den Tag legen als dieselben Bakterien in natürlicher Mischkultur.
Damit sind die im Labor gefundenen Aussagen zu Bakterien als »Krankheitserreger« nicht auf das Leben übertragbar. Das gilt nicht nur für die Mikrobiologie im 19. Jahrhundert, sondern genauso heute. Man darf aus Mikrobeneigenschaften im Labor nie auf ihr Verhalten woanders schließen, denn ungestört leben Mikroben immer mit der Korrektur durch die größere Gemeinschaft zusammen.
Ernährung als »Gespräch« mit den Bakterien
Die Verständigung der Bakterien beschränkt sich nicht nur auf die charakteristischen Botenstoffe, die von Einzellern abgegeben werden. Vielmehr dient jegliche Substanz als Signal, das ihnen irgendetwas »erzählt«. Also auch Bruchstücke von Pflanzenresten, synthetischen Stoffen, Mineralien, Gase, Flüssigkeiten, im Klartext: unsere Nahrung, Kleidung, Kosmetik, Medizin, Körperpflegemittel, Wasser und Atemluft und alles sonst. Alle Vitamine und Hormone, Spurennährstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und Aromamoleküle können Signalwirkung auf die Bakterien haben. Wir können gar nicht nicht mit ihnen kommunizieren. Mit jedem Molekül unserer Welt gehen wir beständig mit unserem Mikrobiom in Kontakt.
So gibt es bakterielle Botenstoffe aus der Klasse der »Furanone«, die der Verständigung zwischen Bakterienarten untereinander dienen, zugleich aber auch in Obst wie Erdbeeren und Pampelmusen, Ananas, Buchweizen und Tomaten vorkommen. Sie finden sich als Aromastoffe in gekochten und fermentierten Lebensmitteln wie Bier und Sojaprodukten,Käse und Wein, sie entstehen je nach Herstellungsweise beim Rösten von Kaffee – und: Vitamin C ist ebenfalls ein Furanon.
Diese Kommunikation geschieht wechselseitig. Bakterielle Signalmoleküle werden über Haut und Schleimhäute in die Blutbahn aufgenommen, wirken dort und kreisen durch den Körper. Einige von ihnen zählen zu den Nervenbotenstoffen, die im Nervensystem und Gehirn wirken. Was sie wann, wo und wie tun, weiß man noch nicht. Vor Kurzem hat man aber entdeckt, dass ein Botenstoff, den man bislang bloß aus der Verständigung von Bakterien untereinander kannte, beim Menschen für eine Regulation der Herzfrequenz zuständig ist. So sprechen unser Herz und unsere Bakterien bereits eine gemeinsame Sprache.110
Umso schlimmer ist es, wenn wir mit antibakteriellen Mitteln dazwischenplatzen. Da Antibiotika ja angereicherte Signalbotenstoffe von Bodenpilzen wie Penicillium notatum sind (siehe Seite 35, 44), torpedieren sie isoliert, multipliziert, verändert, synthetisch modifiziert und nachgebaut jede angemessene Kommunikation.
Bakterielle Resistenzen sind daher nichts anderes als die naturgegebene Antwort der Mikroben auf unsere Art, mit ihnen zu »reden«. Wollen wir die gigantischen Probleme lösen, die daraus folgten, liegt es an uns, uns anständiger und kooperativer mit ihnen zu »unterhalten«. Von vor 3,8 Milliarden Jahren bis vor wenigen Jahrzehnten, als der Mensch auf diesbezügliche Abwege geriet, waren sie dies auch überall auf der Erde gewohnt. Schließen wir also Frieden und finden wir zur aufrichtigen Zusammenarbeit mit der größten Biomasse in der Erde zurück!
Der Mensch als Zellengemeinschaft im Kreislauf des Lebendigen
Der Urlebensraum der Erde ist also eine kooperativ geordnete Einzellergemeinschaft, die im beständigen Fluss Materie aufnimmt und abgibt und dabei in ihrem Inneren nach Bedarf Stoffe verändert. In der Zelle und im Biofilm geschieht ein Stoffwechsel. Außerhalb der Zelle finden chemische Reaktionen statt, in ihr lebendige. Dadurch kommt es zu Entwicklungsprozessen. Es entwickelten sich schließlich Bakterien, die Sauerstoff abgaben,[5] der sich im Laufe von Jahrmillionen über der Erde anreicherte. Als neuer Raum entstand die sauerstoffreicheAtmosphäre mit der schützenden Außenhülle aus Ozon. Bakterien nutzten diesen Sauerstoff und entwickelten die »Atmung«. Größere Einzeller nahmen vor etwa zwei Milliarden Jahren kleinere Einzeller mit der Fähigkeit zur Atmung in sich auf.111 Nachkommen dieser einst in die Zelle aufgenommenen Bakterien sind die Mitochondrien, die in jeder Körperzelle in uns die Zellatmung bewirken.[6]
Auch sie kommunizieren, insbesondere mit dem Zellkern. Eigenständige Gene ermöglichen ihre unabhängige Verdoppelung in der Zelle, und sie werden mit der Eizelle der Mutter auf die Kinder vererbt. Ihre Aktivität in der Zelle hängt von Lebensqualitäten wie Ernährung, Bewegung, Hormonen und Sauerstoffversorgung ab.112 Da Mitochondrien die Energie für die Körperzellen zur Verfügung stellen, sind sie besonders wichtig für ein gesundes Leben, und offenbar gehen Mikrobiom-Erkrankungen mit Mitochondrienstörungen Hand in Hand.113 Sind die Mitochondrien in den Darmschleimhautzellen geschwächt, zum Beispiel durch ständige Minderdurchblutung bei Leistungssport, wegen Giftbelastung oder wegen Stress und Anspannung im Bauch, kommt es leichter zu einem Leaky Gut (siehe Seite 119f.).
Aus der Symbiose von Bakterien wurden also Zellen mit Zellorganellen und mit Zellkern.[7] Vor etwa einer Milliarde Jahren begannen gemeinschaftliche Zellbereiche, sich zu differenzieren, woraus sich Organe und Gewebe entwickelten. Aus Einzellern wurden Mehrzeller und die ganze Vielfalt zunächst an einfachen Meerestieren, dann an Pflanzen, Säugetieren und schließlich der Mensch. Alle Lebewesen, die wir heute mit bloßem Auge sehen können, sind aus der einstigen Symbiose von Bakterien hervorgegangen. Und seither, über all die Milliarden Jahre, blieben die Einzeller ihre treuen lebensnotwendigen Begleiter. Sie leben auf ihren Oberflächen und inneren Grenzflächen, wirken im Energiehaushalt, Stoffwechsel und in der Abgrenzung zwischen Fremd und Eigen. Sie vermitteln unermüdlich das Gesamtbild eines Organismus an alle seine Organe.
Erst dadurch, dass jedes »höher«entwickelte Lebewesen beständig in seine bakterielle Vorfahren und Begleiter lebendig eingebettet ist, kann es als komplexes Individuum auf der Erde leben. Was einst als Gemeinschaft der Einzelzellen vorausging, blieb in zahllosen kleinen Symbiosen zwischen Bakterienzellen und Körperzellen bestehen.
In der Vergangenheit haben wir uns nur anhand unserer kernhaltigen Körperzellen als Mensch identifiziert. Wir sahen uns als einen Gewebeverbund aus Organen, Blutzellen, Organzellen, Nervenzellen und so weiter. Die Bakterien haben wir dabei übersehen. Dieses unvollkommene Menschenbild dürfen wir jetzt gründlich revidieren: Wir sind nicht allein. Die Einzeller gehören dazu. Wir sind eine große Gemeinschaft, jeder von uns in sich und mit jedem anderen von uns. Wir stehen über die zahllosen Mikroorganismen in uns in einem bakteriellen Strom des Lebens, den wir aufnehmen, unterschiedlich lange in uns tragen und wieder ausscheiden. Dabei verändern wir sie in uns und sie uns. Was uns zum Individuum macht, ist unsere Gestalt. Und auch sie ist beständiger Wandlung anheimgegeben, denn ständig erneuern sich alle Körperzellen. Etwa alle neun Tage in Magen und Lungenbläschen, alle anderthalb Tage im Dünndarm, alle zehn Tage im Dickdarm, alle zwanzig Tage in der Leber, alle zwei Wochen auf den Lippen, alle drei Wochen unter den Sohlen, alle acht Wochen in der Harnblase – weiche Gewebe rascher, harte langsamer.[8] Im Gesunden sterben alte Körperzellen in genau der Geschwindigkeit ab – oder werden wie in den Knochen abgebaut –, wie neue Zellen nachwachsen. Fällt diese Fließgeschwindigkeit aus dem Lot, kommt es entweder zu Zerfall oder zur Wucherung, was beides krank macht. Das gilt auch bei unseren Mikroorganismen. Wir nehmen sie auf, sie leben in uns, wir geben welche ab, und dies geschieht gesunderweise in einem ständigen Gleichgewichtsfluss. Auch wenn dieser nicht fließt, werden wir krank.
Der Mensch ist ein Wesen im Fluss des Lebens, im Kreislauf des Lebendigen, im Kreislauf der Einzeller aus Boden-Pflanze-Nahrung-Luft-Wasser-Ausscheidung – eingebettet in den Rest der Welt. Ständig nimmt der Mensch in seinen Körper auf: Nahrung, Wasser und Luft. Er scheidet Atemluft, Harn, Schweiß und Stuhl aus. Und er nimmt mit all diesem Bakterien auf und gibt wieder welche ab. Er ist über die Bakterien in einem ständigen Dialog mit seiner Umgebung. Erst sie ermöglichen ihm, als gleichbleibendes und sich zugleich entwickelndes Individuum in dichter Verbindung zur Umgebung flexibel in den wechselnden Lebensumständen dieser Welt zu stehen.
Diese Gleichzeitigkeit von Bleibendem und Veränderung ist schwer zu erfassen, sie hat etwas Transzendentes. Am ehesten lässt sie sich mit der Welle in einem Bach vergleichen, die als Wellenform stehen bleibt und doch ständig von frischem Wasser durchflossen ist.
Bakterien in der Atemluft
Dass wir Bakterien mit dem Essen aufnehmen und dass sie üppig im Darm leben, ist nun schon lange bekannt. Dass wir Bakterien mit dem Stuhl ausscheiden, auch. Die Mengenangaben schwanken zwischen der Hälfte und einem Drittel des Stuhlgewichtes.
Dass die Atemluft voller Bakterien ist, und dies je nach Ort, Jahreszeit und Witterung verschieden ist, beschrieb man bereits 1877.114 Im Jahr 2015 konnten Forscher der Universität Oregon nun zeigen, dass die Ausatemluft jedes Menschen seine typischen Bakterien enthält.115 Das ist in sehr praktischer Weise für die Gesundheit wichtig. Schon immer hat man von »Tröpfcheninfektion« gesprochen, wenn Mikroben über die Luft von Mensch zu Mensch übertragen wurden. Und man hat Krankenzimmer gut gelüftet. In Krankenhäusern mit frischer Luftzufuhr herrschte erfahrungsgemäß schon immer eine angenehmere Atmosphäre als bei Vollklimatisierung.
Jetzt weiß man, dass jeder Mensch eine so persönliche Bakterienwolke um sich trägt, dass man ihn anhand der Bakterien, die er in einem Raum hinterlässt, sogar identifizieren kann.
Man findet seine Bakterienzusammensetzung nach einer kurzen Zeit in der Luft und auch auf den Oberflächen in der Umgebung. Mit jedem Atemzug und jedem Luftzug, selbst wenn wir still sitzen, geben wir eine bakterielle Signalwolke hinaus in die Welt, in der wir leben. Und wir atmen die bakterielle Welt »mit Haut und Haaren« ein. Was wir »Ausstrahlung« eines Menschen nennen, ist also tatsächlich voller Leben. Man hat ermittelt, dass ein Mensch etwa eine Million biologische Teilchen pro Stunde nach außen abgibt, darunter vor allem Bakterien.116 Jeder prägt, wo immer er oder sie ist, seiner Umgebung die eigenen Mikroben auf. Folglich tragen wir auch die Verantwortung für die Bakterienwelt, die wir ständig um uns her verteilen.
In einem Neubau finden sich nach wenigen Tagen die typischen Bakterien der neuen Bewohner wieder, und jeder Besucher mischt etwas dazu.117 Atembakterien gestalten die Raumatmosphäre mit, die in einer Wirtschaft dann anders ist als in einer Kirche. Jedenfalls war das Leben früher bakteriell gar nicht so ungesund. Ein offenes Feuer, wie es im Küchenherd und Stubenofen üblich war, reinigte unentwegt die durch die Flammen hindurchziehende Luft. Ein gestampfter Lehmboden mit Mikroben konnte dank Bodenpilzen ein übermäßiges Bakterienwachstum hemmen. Auch das »Räuchern« eines Raumes mittels Weihrauch und Ähnlichem kann die Mikrobenzusammensetzung verändern.
Die Luft, die wir einatmen, ist natürlich nach der Art des Ortes zusammengesetzt, an dem wir uns befinden. In einer Großstadt findet sich eine andere Luftmikrobenmischung als im Hochgebirge. In »Luftkurorte« fährt man ja deshalb zur Genesung, weil die Luftzusammensetzung dem Menschen Heilung bringt. Bislang hat man dabei noch nicht so sehr an die Luftbakterien gedacht. Vielleicht entwickelt man in Zukunft mikrobiologische Luftkurortqualitätskriterien. Jedenfalls kann man eine positive Bakterienbelebung der Luft therapeutisch nutzen118 (siehe Seite 271).
Die private Raumluft ist also immer sehr persönlich. Forscher aus den USA und Dänemark stellten anhand von Staubproben aus 1200 unterschiedlichen Haushalten fest, dass die Zusammensetzung der Pilze durch die äußere Umgebung geprägt wird, die der Bakterien mehr von den jeweiligen Bewohnern.119 Dabei spielte die Anzahl der zusammenlebenden Personen eine Rolle und das Verhältnis von Männern zu Frauen. Auffällig war, dass die Mikrobenvielfalt sofort zunahm, sobald Haustiere in der Nähe waren. Das direkte Zusammenleben von Mensch und Tier fördert also eine mikrobielle Vielfalt.
Die Ergebnisse bestätigen, was Ärzte vor Jahren schon mit der »Hygiene-Theorie« vermuteten: dass nämlich Einzelkinder mehr krank sind, als wenn sie mit Geschwistern ihr Zimmer teilen. Ähnliches berichtete eine Ärztin von einem Lazarettschiff im Vietnamkrieg. Obwohl aus Platznot mehrere Kranke in jedem Bett lagen, fanden sich in Böden und Betten bei einer Hygiene-Untersuchung bloß gewöhnliche Alltagsbakterien.120 Allein die Mischung hatte für eine Regulation gesorgt. Der heutige Verlust an Mikrobenvielfalt liegt also nicht nur an Desinfektion, schlechter Ernährung und antibiotischen Aktivitäten, sondern auch an der Singlekultur. Das Empfinden von »Einsamkeit« bekommt tatsächlich noch eine ganz andere Dimension. Jedenfalls gab den Menschen das Leben in einer bäuerlichen dörflichen Landwirtschaft mit Tieren, Garten- und Feldbebauung eine gesunde Mikrobenvielfalt in der Hofgemeinschaft. Und wer weiß: Vielleicht tat die Nähe der Menschenmikroben auch der tierischen Bakterienvielfalt gut?
Dass Zimmerpflanzen die Raumluft und deren Zusammensetzung positiv verändern, ist bereits länger bekannt. Aber auch die Art von Architektur und Lüftung spielen eine Rolle. In künstlich klimatisierten Räumen findet sich weniger Bakterienvielfalt als bei Lüftung durch Öffnen der Fenster. Es entsteht eine separierte Luftmikrobenmischung, und die Unterschiede zur Mikrobiota[9] der Außenluft ist erheblich. Dasbedeutet, dass jemand, der sich länger in einem klimatisierten Raum aufhält, sei es ein Gebäude, ein Flugzeug oder ein Zug, bei dessen Verlassen schlagartig gänzlich anderen Mikroben ausgesetzt ist. Diese Abtrennung der Atemluft vom Außenmikrobiom ist der Gesundheit abträglich. Man hatte bisher die Vorstellung, in Krankenhäusern könnten »Keime« aus der Außenluft die Genesung stören. Man stellte jedoch fest, dass bei gefilterter Klimaanlagenluft tatsächlich mehr »Krankheitskeime« in den Krankenzimmern zu finden waren. Auch eine zu geringe Luftfeuchtigkeit verringert die gesunde Vielfalt zulasten der Menschen.121 Da der Mensch sein Mikrobiom zum Gutteil mit der Luft teilt,122 sollte bei einer mikrobiologischen Therapie immer auch die Umgebung mitbehandelt werden. Dafür kann ein Versprühen von Bakterien sehr hilfreich sein (siehe Seite 271ff.).
Bakterien im Trinkwasser
Trinkwasser ist nicht etwa so bakterienfrei, wie man bis vor Kurzem glaubte. Als man bei einem schweizerischen Forschungsinstitut123 mit der aus der Blutzellzählung bekannten Durchflusszytometrie[10] reines Trinkwasser betrachtete, das definitionsgemäß bakterienfrei sein sollte, entdeckte man auf einmal große Mengen kleinster Bakterien. Bisher hielt man Bakterien im Leitungswasser für schädlich und kontrollierte die Reinheit des Trinkwassers damit, ob daraus auf Nährböden Bakterien wuchsen. In Deutschland dürfen höchstens bis zu einhundert koloniebildende Einheiten[11] pro Milliliter enthalten sein und gar keine E. coli und Enterokokken, die gewöhnlich aus Verdauungsprozessen stammen. Durch die neue Methode stellte man jedoch die bis zu zehntausendfache Bakterienanzahl fest – von solchen, die sich bisher bloß nicht künstlich kultivieren ließen. Das revolutioniert unsere bisherige Vorstellung von reinem Wasser völlig. Es kommt offenbar eher darauf an, welche Bakterien im Wasser sind. Vielleicht ist destilliertes Wasser deshalb ungenießbar, weil ihm die mikrobielle Lebendigkeit fehlt?
Bisher hat man eine Biofilm-Bildung in Trinkwasserleitungen gefürchtet. Jetzt stellte man fest, dass es völlig normal ist, wenn sich in neuen Wasserleitungen aus stabilem Material binnen Wochen bis Monatenein Biofilm als Innenauskleidung entwickelt, der sich schützend auf die innere Oberfläche legt und einen gesunden Wasserdurchfluss erlaubt. Die Bakterien vermehren sich darin nur dann, wenn das eingespeiste Wasser organische Kohlenstoffe enthält. Und die können paradoxerweise gerade dann entstehen, wenn Huminstoffe im Wasser durch Chlor- oder Ozonbehandlung bioverfügbar gemacht werden, was das Wasser ja eigentlich reinigen soll. Sie entstehen auch durch lösliche Kunststoffrohranteile.124
Offensichtlich ist das, was wir bislang als »Wasserqualität« und »Wasserbelebung« bezeichnet haben, in Wirklichkeit ein Anhalt für die Bakterienlebendigkeit im Wasser, für ein fließendes Wassermikrobiom. Nimmt man ein solches Wassermikrobiom an, so hat jedes Wasser sein eigenes Mikrobiom, auch jedes Gewässer. Ein Mikrobiom reagiert auch auf Einträge von Antibiotika – wie sie aus Kläranlagen in Flüsse gelangen – und kann mithilfe von Mikroorganismen saniert werden, wie es mit den Effektiven Mikroorganismen gelingt. Da auch der Wasserhaushalt des Menschen ein wesentliches Element seines Organismus darstellt, sind wir mit der Wasseraufnahme und der Ausscheidung von Harn und deren Bakterien in dieses wässrige Mikrobenleben der Erde hineingestellt – mit der Möglichkeit, es zu gestalten.
Das konfrontiert uns mit der atemberaubenden Erkenntnis, dass es unmöglich ist, dem, was wir den Mikroben tun, irgendwohin auszuweichen. Wasser fließt überallhin, in ewigen Kreisläufen. Was es mit sich trägt, kann an jede Stelle der Erde gelangen. Aus der Quelle zum Menschen, aus dem Menschen in Erde, Flüsse und Meer, aufgenommen in die Wolken, wo man festgestellt hat, dass die Bakterien das Wetter mitbilden, indem ihre Aktivität Wärme bildet, die Regentropfen entweder schweben oder fallen lässt.[12]125 Hinabgeregnet in die Erdoberfläche, aufgenommen dort vom Lebendigen, hinabgesickert in die Tiefe des Untergrunds und wieder aufgestiegen in einer Quelle … Heilige Wege … Die Erde ist lebendiger, als viele meinen. Auch die Luft trägt Einzeller überallhin, im Kleinen beim Atemzug, beim Sprechen, bei geöffnetem Fenster, sowie im Großen, und vermischt sie überall. Sie steigen in die Höhe der Atmosphäre, und Winde blasen sie umher. Man geht von 2,2 Milliarden Tonnen Staub aus, die jährlich durch die Erdatmosphäre verfrachtet werden, und jedes von Wüstenstürmen von Kontinent zu Kontinent getragene Staubkorn kann Milliarden von Mikroben mit sich tragen.126 Wir und die Mikroben der Welt sind eins.
[1] Grundmatrix aus Polysacchariden, die »extrazelluläre polymere Substanz«, EPS.
[2] Stromatolithen, Gesteinsbildungen aus Biofilmen, sind die ältesten Fossilien der Erde, die man gefunden hat.
[3] Anaerob: ohne Sauerstoff lebend.
[4] Ein »Quorum« war in der römischen Politik die Mindestzahl von Mitgliedern, die im Senat für eine Abstimmung erforderlich waren. Das englische sensing leitet sich vom lateinischen sensus für »Wahrnehmung, Gefühl, Verstand« ab.
[5] Vor circa drei Milliarden Jahren die Cyanobakterien.
[6] Bei Pflanzen die Photosynthese praktizierenden Chloroplasten.
[7] Alle Lebewesen der Erde werden nach ihrer Gensubstanz in Domänen unterteilt: die Prokaryoten ohne Zellkern und die Eukaryoten, zu denen der Mensch zählt, mit Zellkern. Im Zellkern wird die genetische Information von einer Doppelmembran eingehüllt.
[8] Diese Anhaltswerte schwanken und sind abhängig von Alter, Konstitution und Gesundheitszustand. Binnen weniger Jahre haben sich alle Zellen eines Körpers erneuert.
[9] Als »Mikrobiota« bezeichnet man die Zusammensetzung der Bakterienarten in einem Lebensraum.
[10] »Zyt-« ist ein Wortbildungselement mit der Bedeutung »Zelle« (vom griechischen kýtos für »Höhlung, Wölbung«). Das Wort metreĩn heißt »messen, zählen«. Bei der Zytometrie wird eine Flüssigkeit beobachtet, während sie zügig durch eine feine Glaskapillare strömt.
[11] KBE, Messgröße zur Ermittlung der Bakterienzellzahlen durch Kultivieren eines Ausstrichs auf einer Nährstoffplatte.
[12] Wetterbildende Mikroben sind überwiegend pflanzlichen Ursprungs. Werden Wälder abgeholzt, wirkt dies daher über die Mikroben auf das Klima. Von kranken Pflanzen können Bakterien abgegeben werden, die Eiskristalle in Wolken bilden.
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