Kitabı oxu: «Der Filigranschmuck»
Der Filigran-Schmuck
Anna Katharine Green
Inhaltsverzeichnis
Erstes Buch. Das unheimliche Gemach
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zweites Buch. Das Gesetz und sein Opfer
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Drittes Buch. Das Haus des Verderbens
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Impressum
Erstes Buch.
Das unheimliche Gemach
Erstes Kapitel
Für einen Detektiv, dessen Verdienste von seinen Vorgesetzten bisher wenig anerkannt worden waren, besaß ich einen Ehrgeiz, der sich im Interesse meines Einvernehmens mit dem Leutnant des Bezirks glücklicherweise noch nicht in Worten Luft gemacht hatte. Obgleich ich wenig Veranlassung hatte, große Erwartungen von mir zu hegen, so nährte ich doch stets die Hoffnung, daß, wenn mir wirklich einmal ein bedeutender Fall in den Weg käme, ich imstande sein würde, etwas zu leisten, das heißt etwas mehr, als die Polizei von Columbia nach meinen Erfahrungen die ganze Zeit über, während derer ich zu ihr gehörte, geleistet hatte. Als ich mich daher fast gegen meinen Willen in die Affäre Jeffrey-Moore verwickelt sah, glaubte ich, die Gelegenheit, bei der ich mich auszeichnen könnte, sei gekommen.
Diese Affäre Jeffrey-Moore bot Schwierigkeiten, und zwar größere, als das Publikum je geahnt hat, so lebhaft auch das Interesse war, das sie in Washington und anderwärts erregte.
Dies ist der Grund, weshalb ich es unternehme, die Geschichte dieser furchtbaren Tragödie von meinem Standpunkt aus zu schreiben, selbst auf die Gefahr hin, in den Verdacht zu geraten, als wolle ich mich mit der Rolle brüsten, die ich darin gespielt habe. In dem Verlaufe der Sache erlebte ich ebensoviele Enttäuschungen wie Triumphe, und der schließliche Ausgang erfüllte mich sowohl mit Schmerz wie mit Stolz; denn ich bin ein Verehrer der Frauen, und –
Doch ich halte den Leser mit meinen Betrachtungen nur auf. Ich befand mich an dem Abend auf der Polizeiwache, als Onkel David erschien. Er wurde stets Onkel David genannt, selbst von den Straßenjungen, die ihm nachliefen, wo sie ihn nur erblickten, und so glaube ich keine Respektwidrigkeit zu begehen, wenn ich ihm, trotzdem er ein sehr angesehener Herr ist, einen Namen beilege, der für ihn zu jener Zeit ebenso bezeichnend war wie sein mürrisches Wesen, sein seltsamer Anzug und die Beharrlichkeit, mit der er sich stets von seiner großen Bulldogge Rudge begleiten ließ.
Ich hatte schon lange zuvor von dem alten Herrn als einem der größten Sonderlinge des Bezirks sprechen hören. Ich hatte ihn sogar mehr als einmal auf der Straße gesehen, war aber noch nicht persönlich mit ihm zusammengekommen und hatte demgemäß eine viel zu oberflächliche Kenntnis von seiner Persönlichkeit, um sofort entscheiden zu können, ob das unruhige Flackern seiner kleinen grauen Augen ihnen von Natur eigen oder nur die Folge einer augenblicklichen Erregung war. Als er aber zu sprechen begann, bemerkte ich ein unverkennbares Beben in seiner Stimme und schloß daraus, daß er sich gewaltsam bemühte, seine Aufregung zu unterdrücken, und doch hatte er nur die anscheinend ziemlich harmlose Tatsache zu melden, er habe in einem Hause, das man gewöhnlich für leerstehend hielt, ein Licht brennen sehen.
Es war mir dies alles so langweilig, daß ich ihm nur geringe Aufmerksamkeit schenkte, bis er einen Namen aussprach, der mich aufhorchen ließ. Das Moorehaus, hatte er gesagt.
Das Moorehaus, wiederholte ich erstaunt; sprechen Sie vom Hause der Familie Moore?
Tausende von Erinnerungen stürmten auf mich ein, als ich diesen Namen hörte.
Wovon sonst? knurrte er, indem er mir einen ebenso durchdringenden wie ungeduldigen Blick zuwarf. Glauben Sie, ich würde mich groß um ein Haus ereifern, an dem ich kein Interesse hätte, oder Rudge von seiner warmen Decke weglocken, nur um irgend einen undankbaren Nachbar vor einem Diebstahle zu bewahren? Nein, es ist mein Haus, in das sich irgend ein Schurke eingeschlichen hat. Das heißt, verbesserte er sich ruhigeren Tones, als er das Erstaunen bemerkte, das sich auf unser aller Zügen malte, das Haus, das ich rechtmäßigerweise besitzen werde, sobald diesem dummen Dinge von Mädchen, dem mein Bruder es hinterlassen hat, etwas zustößt.
Der alte Mann brummte dem Hunde, der entschieden Lust hatte, sich auf den Fußboden auszustrecken, ein paar Worte zu, öffnete die Tür und würde im nächsten Augenblick auf der Straße gewesen sein, wenn ich ihm nicht eiligst nachgelaufen wäre.
Sie gehören zur Familie Moore und wohnen in jenem alten Hause oder in der Nähe? fragte ich.
Das Erstaunen, mit dem er diese Frage aufnahm, ließ mich etwas stutzen.
Wie lange sind Sie in Washington? entgegnete er bissig.
O, etwa fünf Monate.
Seine gute Laune, oder was bei einem so jähzornigen alten Manne dafür gelten konnte, kehrte sofort zurück, und er bemerkte kurz, aber nicht unfreundlich:
Sie haben viel in dieser Zeit gelernt. Dann fügte er mit einem Nicken, das einen höflicheren Eindruck machte als mancher anderer Leute Verbeugung, und mit einem plötzlich angenommenen würdevollen Wesen hinzu: Ich gehöre dem älteren Zweige der Familie an und bewohne das kleine Gartenhaus vor dem alten Gebäude. Ich bin der einzige Bewohner des ganzen Komplexes. Wenn Sie länger hier bleiben, werden Sie es schon erfahren, warum gerade diese Gegend bei allen, die sich nicht der Verwandtschaft mit der Familie Moore rühmen können, so unbeliebt ist. Einstweilen wollen wir den schlechten Ruf des Stadtteils dem Umstande zuschreiben, daß – die Malaria hier herrscht. – Mit einem bezeichnenden Hochziehen seiner gekrümmten Schultern, das jede Falte seines altmodischen Mantels, den er trug, in wellenförmige Bewegung setzte, ging er zur Tür hinaus.
Meine Neugier hatte sich jedoch inzwischen zur Siedehitze gesteigert. Ich wußte mehr über das Haus, als ich mir den Anschein gegeben hatte. Jedermann, der die Zeitungen der letzten Tage gelesen hatte, und nun gar jemand, der in Verbindung mit der Polizei stand, mußte notwendig mit allen Einzelheiten seiner denkwürdigen Geschichte vertraut sein. Wovon ich noch nichts wußte, war die nahe Verwandtschaft des alten Mannes mit der Familie, deren Name während der letzten vierzehn Tage in jedermanns Munde gewesen war.
Warten Sie, bitte, noch einen Augenblick, rief ich. Sie sagen, daß Sie gegenüber dem Moorehause wohnen? Dann können Sie mir vielleicht sagen –
Mein Onkel David hatte keine Lust, stehen zu bleiben, um etwas zu plaudern.
Es hat alles in den Zeitungen gestanden, rief er zurück. Lesen Sie sie nur. Aber zuerst suchen Sie herauszubekommen, wer ein Licht in dem Hause angezündet hat, in dem, wie wir alle wissen, nicht einmal ein Portier wohnt.
Dies war ein guter Rat. Sowohl mein Pflichtbewußtsein wie meine Neugierde trieben mich an, ihn zu befolgen.
Vielleicht hat der geneigte Leser von den seltsamen Gerüchten gehört, die über dieses Haus im Umlauf waren; ist dies der Fall, so braucht er meine Erläuterungen nicht. Sind ihm aber aus irgend einem Grunde die Ereignisse unbekannt geblieben, die innerhalb ganz kurzer Zeit diesem alten historischen Gebäude endgültig das Siegel des Grauens aufdrückten, dann wird er froh sein, zu erfahren, was das Moorehaus in Washington zu einem Gebäude gemacht hat, auf das man jetzt und in aller Zukunft am hellen Tage mit Fingern weist, das aber nach Einbruch der Dämmerung scheu gemieden wird, und zwar nicht nur von unwissenden, abergläubischen Farbigen, sondern überhaupt von allen, die den ganz alltäglichen Empfindungen des Schreckens und Entsetzens zugänglich sind.
Es stand bereits, als Washington noch ein Dorf war. Es ist älter als das Kapitol und das Weiße Haus. Von einem reichen Manne erbaut, bewahrt es bis zum heutigen Tage die Erinnerung an die großen Gedanken und die ruhige Eleganz der Kolonialzeiten; aber der Schatten, der schon früh darauf fiel, machte es schon in jenen alten Tagen zu einem unheimlichen Aufenthaltsorte. Man behauptete zwar nicht geradezu, es spuke darin, aber die Familien, die hineinzogen, zogen sobald wie möglich wieder aus und gaben als Erklärung dafür an, sie fühlten sich in dem Hause nicht wohl und könnten unter seinem Dache keinen Schlaf finden. Daß ein Grund für diesen Mangel an Ruhe in diesen Räumen vorlag, die nicht ihrer tragischen Erinnerungen entbehrten, mußte jedermann anerkennen. Der Tod war oft hier eingekehrt, und während sich dies von den meisten alten Häusern behaupten läßt, so geschieht es doch nicht häufig, daß man wie in diesem Falle sagen kann, die Todesfälle seien stets ganz plötzlich eingetreten und hätten alle einen und denselben Charakter getragen. In allen Häusern kann es einmal vorkommen, daß jemand tot in einem großen Lehnstuhle in der Nähe des Kamins aufgefunden wird; wiederholt sich aber diese selbe Entdeckung zwei-, wenn nicht gar dreimal in der Geschichte eines einzigen Hauses, so kann man es gewiß niemand übelnehmen, wenn er Mißtrauen gegen die Wohnlichkeit dieser Räume hegt und beim Einbruch der Dämmerung in den düsteren Zimmern das Walten eines Unheils ahnt, das, wenn es sich selbst überlassen bliebe, mit dem natürlichen Verfall des Gebäudes verschwinden würde, das aber, sowie man ihm entgegentritt und es herausfordert, von neuem zum Schlage ausholen und den Sessel, der schon dreimal Zeuge des Todes gewesen war, ein neues Opfer heischen lassen könnte.
Allein dies sind alte Märchen, die ich kaum der Erwähnung wert halten würde, wenn sich nicht ganz vor kurzem ein Ereignis zugetragen hätte, das diesen Gerüchten neue Nahrung zuführte und dem seit langer Zeit leerstehenden und langsam verfallenden Gebäude eine Bedeutung verlieh, die seinen Ruf von einem Ende des Landes bis zum anderen trug. Ich meine die Tragödie, die sich bei der vor kurzem hier gefeierten Hochzeit abspielte.
Die reiche, hübsche und übermütige Veronika Moore hatte schon lange eine seltsame Vorliebe für dieses düstere alte Heim ihrer Vorväter gehegt und faßte in dem entscheidendsten Zeitpunkt ihres Lebens den Entschluß, sich selbst und die große Gesellschaft davon zu überzeugen, daß der Bann, der auf dem Hause ruhte, nur in der Einbildung abergläubischer Leute bestehe. So ließ sie denn, als sie im Begriff stand, den Erwählten ihres jungen Herzens zu heiraten, das alte Haus für die Hochzeitsfeier öffnen; was sich dabei ereignete, weiß der Leser. Obgleich die Veranlassung eine fröhliche war und man alle Vorbereitungen getroffen hatte, um das Fest so heiter wie möglich zu begehen, nahm der alte böse Geist aus vergangener Zeit doch die Gelegenheit wahr. Einen von den Gästen, der sich in das Zimmer unseligen Andenkens verirrt hatte, das einzige Zimmer, das der Hochzeitsgesellschaft nicht geöffnet worden war, hatte man fünf Minuten vor der Trauung tot auf dem unheimlichen Sessel gefunden, und obgleich man der Braut das furchtbare Ereignis verheimlicht hatte, bis die feierliche Handlung vorüber war, so hatte doch eine förmliche Panik die Gäste ergriffen und das Haus so plötzlich und vollständig geleert, als wenn der Ausbruch der Pest darin entdeckt worden wäre.
Dies war der Grund, weshalb ich mich beeilte, Onkel David zu folgen, als er mir mitteilte, es sei in diesem Hause voller tragischer Erinnerungen nicht alles richtig.
Zweites Kapitel
Trotz seiner siebzig Jahre war Onkel David ein rüstiger Fußgänger, und namentlich an diesem Abend schritt er so tüchtig aus, daß er schon die halbe H.-Straße hinunter war, als ich erst um die Ecke der New Hampshire-Avenue bog.
Seine riesige, aber nicht ungeschickte Figur, die mit der des dicht hinter ihm einhertrottenden Hundes in eins zu verschmelzen schien, war das einzig lebende Wesen in diesem Viertel, dem ödesten von Washington. Als ich mich dem Gebäude näherte, machte die Stille ringsumher einen so beklemmenden Eindruck auf mich, daß ich hätte schwören mögen, die Schatten seien hier tiefer als anderwärts, und die wenigen Gaslaternen, die in weiten Zwischenräumen längs der Häuserreihen aufflackerten, leuchteten schwächer als in den andern Straßen Washingtons.
Inzwischen war Onkel David verschwunden. Er hatte vor einem Gartenzaune Halt gemacht, der, mit wildem Wein bewachsen, das kleine Landhaus, das er, abgesehen von dem großen Familiensitze der Moore, als das einzige Gebäude in der ganzen Gegend bezeichnet hatte, umgab und fast vor den Blicken der Vorübergehenden verbarg, mit anderen Worten, er war zu Hause.
Als ich ihn eingeholt hatte, hörte ich ihn brummen, nicht zu dem Hunde, wie dies seine sonstige Gewohnheit war, sondern zu sich selbst. In der Tat war der Hund nirgends zu erblicken, und dieses Verschwinden seines beständigen Gefährten schien seine Unruhe noch zu erhöhen und ihn weit über jedes vernünftige Maß hinaus zu erregen. Von den Worten, die er an das unsichtbare Tier richtete, konnte ich folgendes verstehen:
Du bist klug, o vielleicht zu klug! Du siehst den losen Fensterladen dort genau so gut wie ich; du bist aber eine feige Kreatur, daß du dich bei ihm so feig vorbei schleichst. Ich tue es nicht. Ich fasse das Ding ins Auge und werde dir obendrein zeigen, was ich von einem Hunde halte, der seinen Posten nicht behauptet und seinem alten Herrn nicht beisteht. Er knarrt, nicht wahr? Laß ihn immer knarren! Ich kümmere mich um sein Knarren nicht, wenn ich auch gern wissen möchte, wessen Hand – holla! Sind Sie es? Die letzten Worte waren an mich gerichtet. Ich war soeben an ihn herangetreten. Ja, ich bin es. Was ist denn nun mit dem Moorehause los?
Er mußte diese Frage erwartet haben, aber es dauerte lange, ehe er antwortete. Auch strengte er seine Stimme zu sehr an, als daß sie natürlich geklungen hätte. Aber er schien gar nicht daran zu denken, daß mir seine Art und Weise auffallen könne.
Sehen Sie sich dieses Fenster dort oben an! rief er endlich. Das mit dem ein wenig offenstehenden Laden! Passen Sie auf, und Sie werden sehen, daß sich der Laden bewegt. Da! jetzt knarrt er; haben Sie es gehört?
Ein Geheul – es klang mehr wie ein Winseln – ertönte aus dem Torweg hinter uns. Sofort drehte sich der alte Herr um und rief mit einer Gebärde, die ebenso streng wie unwillkürlich war:
Sei still dort! Wenn du nicht soviel Mut hast, dir einen offenen Fensterladen anzusehen, dann halte dein Maul und zeige nicht jedem Vorübergehenden, wie dumm du bist. Ich finde, murmelte er halb zu sich, halb zu mir, der Hund wird alt. Es ist kein Verlaß mehr auf ihn. Er läßt seinen Herrn im Stiche, gerade wenn – der Schluß seiner Rede ging in einem Brummen unter, das noch von mehr Zeugnis ablegte, als von Aerger und Ungeduld.
Währenddessen hatte ich das Haus, auf das meine Aufmerksamkeit so energisch gelenkt worden war, genau beobachtet. Ich hatte es schon früher oft gesehen, aber, wie dies so kommt, nie Gelegenheit gehabt, es zu betrachten, wenn die es umgebenden hohen Bäume in Dunkelheit gehüllt waren. Die schwarze Oeffnung seines unbenutzten Portals gähnte aus den Schatten herüber, die einen Teil ihrer Düsterheit den mit seiner Oede im Zusammenhang stehenden schaurigen Erinnerungen zu verdanken schienen.
Der Anblick des Hauses war wenig vertrauenerweckend. Nicht weil der Aberglaube dem einsamen Orte seine Schrecken lieh, sondern weil ich durch die blanken Fensterscheiben, die, je nachdem der von Onkel David erwähnte Fensterladen im Winde auf- und zuschlug, sichtbar wurden und wieder verschwanden, einen Lichtschimmer erblickte oder zu erblicken glaubte, der die Anwesenheit eines Unbekannten in jenen Räumen verriet, die sich vor so kurzer Zeit als ungeeignet zu einem Aufenthalte von Menschen erwiesen hatten.
Sie haben recht, bemerkte ich jetzt zu dem mürrischen Mann neben mir. Es befindet sich jemand in dem Hause drüben. Kann es vielleicht Frau Jeffrey oder ihr Gatte sein?
Zur Nachtzeit, und ohne Gas im Hause? Schwerlich.
Die Worte klangen natürlich, nicht aber die Stimme. Auch das sonstige Verhalten Onkel Davids war nicht ganz der Gelegenheit angepaßt. Ich warf ihm einen mißtrauischen Blick zu und rief, als ich bemerkte, wie scheu er sich vor mir in die Dunkelheit zurückzog, lauter, als er vielleicht erwartet haben mochte:
Ich will noch einen anderen Beamten herbeirufen, und dann wollen wir drei uns sofort in das Haus schleichen und es durchsuchen.
Ich gehe nicht mit, entgegnete er heftig, während er die von wildem Wein überwachsene Gartentür hinter sich aufstieß. Jeffrey und seine Frau würden mir mein Eindringen verübeln, wenn sie je davon hören sollten.
Wirklich! Ich lachte, während ich meinen Pfiff ertönen ließ; dann aber fuhr ich ernster fort, denn die Seltsamkeit seines Benehmens hatte mich auf das äußerste befremdet, und ich glaubte, er müßte doch auch ein Interesse an der Durchforschung des Hauses haben: Sie sollten diese Gelegenheit nicht versäumen. Kommen Sie mit und sehen Sie, was in dem Hause vorgeht, das Sie soeben als das Ihrige bezeichnet haben.
Aber er zog sich nur tiefer in seinen dunklen Garten zurück.
Ich habe dort drüben nichts zu tun, erwiderte er. Veronika und ich haben uns nie gut zusammen vertragen. Ich bin nicht einmal zu ihrer Hochzeit eingeladen gewesen, obgleich ich nur einen Steinwurf von ihrer Tür entfernt wohne. Nein, ich habe meine Pflicht getan, indem ich Sie auf jenes Licht aufmerksam machte, und ob es nun die Blendlaterne eines Einbrechers ist – Sie wissen vielleicht nicht, daß auf den Bücherbrettern der großen Bibliothek seltene Schätze aufgespeichert sind – oder eine phantastische Illumination, vor der sich dumme Leute und dumme Hunde fürchten, ich bin fertig damit, und ebenso heut abend mit Ihnen.
Nach diesen Worten ging er auf die Haustür zu und verschwand unter den Weinranken, die an der Vorderseite der kleinen Villa herunterhingen. Im nächsten Augenblick erklangen von innen die vollen Töne einer Orgel, begleitet von Rudges langgezogenem Geheul, der, sei es infolge zu großer Rührung über das Spiel seines Herrn oder zu großen Mißfallens an ihm – niemand, glaube ich, ist je imstande gewesen, dies zu entscheiden – gewohnt war, diese unerwünschte Begleitung zu jedem von der Hand des alten Mannes hervorgebrachten Tone zu liefern. Das Spiel hörte trotz dieser schauderhaften Mißklänge nicht auf. Im Gegenteil, es nahm an Stärke und Umfang zu und veranlaßte Rudge ebenfalls zu verstärkten Aeußerungen des Schmerzes oder der Freude. Die Wirkung kann man sich denken. Als ich das unerträgliche Geheul des Hundes hörte, das fortwährend das wirklich meisterhafte Spiel seines Herrn unterbrach, fragte ich mich im stillen, ob die von dem düsteren Bau des großen Familienhauses geworfenen Schatten wirklich allein für Onkel Davids Mangel an Nachbarschaft verantwortlich zu machen seien.
Mittlerweile kam Hibbard, der zuerst mein Signal gehört hatte, eiligen Laufes die Straße entlang. Als er mich erreichte, erschien das Licht oder das, was wir ein Licht nennen wollen, wieder in dem Fenster, auf das meine Aufmerksamkeit gerichtet war.
Es befindet sich jemand in dem Moorehause, erklärte ich so festen Tones, als ob ich zu kommandieren hätte.
Hibbard ist ein Riese an Wuchs und an Kraft, und soweit meine eigene Erfahrung reicht, furchtlos und unerschrocken wie der Beste von uns. Nach einem raschen Blicke auf die festungsähnlichen Mauern des einsamen Gebäudes jedoch zeigte er Spuren unverkennbarer Verwirrung und schien keine Eile zu haben, mir auf die andere Seite der Straße zu folgen.
Kommen Sie, rief ich, indem ich vom Trottoir herunterstieg, wir wollen hinübergehen und nachsehen. Es sind kostbare Sachen in dem Hause, schöne Möbel und eine Unmenge wertvoller Bücher in der Bibliothek. Sie haben doch Streichhölzer und einen Revolver?
Er nickte und zeigte mir in größter Seelenruhe erst das eine, dann das andere; dann sagte er mit verlegener Miene, die er unter einem Lachen zu verbergen suchte:
Haben Sie Verwendung für sie? Dann bin ich gern bereit, sie Ihnen für eine halbe Stunde zu überlassen.
Ich war mehr als erstaunt über diesen Beweis von Schwäche bei jemand, den ich bisher für so fest und unerschütterlich gehalten hatte wie Granit. Ich stieß seine Hand zurück, mit der er mir die Waffe halb entgegenhielt, setzte meine ernsteste Miene auf und ging quer über die Straße. Dabei rief ich ihm kurz die Worte zu:
Wir können auf eine ganze Bande stoßen. Sie werden nicht wollen, daß ich es allein mit einem halben Dutzend aufnehme?
Sie werden kein halbes Dutzend Leute drüben finden, brummte er als Antwort. Aber er folgte mir trotzdem, obgleich mit weniger Bereitwilligkeit, als mir lieb war, besonders da ich nicht halb so mutig war, wie ich mich stellte, und eine gewisse Sympathie – nun, sagen wir es gerade heraus – mit dem Hunde empfand, der auch das Orgelspiel seines Herrn lieber mit seinem disharmonischen Geheul begleitete, als daß er vor der Tür geblieben wäre und in einem Garten Wache gehalten hätte, zu dem das unheimliche Gebäude, das ich jetzt zu betreten im Begriffe stand, drohend herüberblickte.
Das Haus ist zu gut bekannt, als daß ich mich versucht fühlen sollte, eine eingehende Beschreibung davon zu geben. Die Abbildungen, die von ihm in allen Zeitungen erschienen sind, haben das große Publikum bereits mit seiner einfachen Fassade und seinen endlosen Reihen von mit Läden verschlossenen Fenstern bekannt gemacht. Selbst von der mächtigen viereckigen Vorhalle mit der für die Negerdiener bestimmten Bank sind Millionen von Photographien verbreitet worden. Wer das Bild, die Flucht der Hochzeitsgäste aus dem offenstehenden Tor darstellend, gesehen hat, wird kein besonderes Interesse für den stillen, beinahe feierlichen Anblick übrig haben, der sich mir darbot, als ich die niedrigen Stufen emporstieg und meine Hand auf die Klinke der altmodischen Haustür legte.
Ich tat dies nicht in der Erwartung, hierdurch Eintritt zu gewinnen, sondern weil es meinem Wesen entspricht, an jedes Ding in der einfachsten Weise heranzutreten. Der Leser wird daher mein Erstaunen begreifen, als die Tür beim ersten Drucke nachgab. Sie war nicht einmal eingeklinkt.
So, so, dachte ich. Das ist gar nicht so dumm; es ist jemand im Hause.
Ich hatte mich mit einer gewöhnlichen Taschenlaterne versehen, und als ich Hibbard überzeugt hatte, daß ich fest entschlossen sei, das Haus zu betreten und zu untersuchen, wer das im Volke herrschende Vorurteil benutzt hätte, um in den alten, verfallenen Zimmern mit Gleichgesinnten Zusammenkünfte abzuhalten oder einen geheimen Zufluchtsort zu suchen, zog ich diese Laterne hervor und machte sie bereit.
Wir stechen möglicherweise in ein Wespennest, erklärte ich Hibbard, dessen Füße selbst für einen Mann seiner Größe auffallend schwer zu sein schienen. Aber ich gehe hinein, und Sie werden mir folgen. Nur möchte ich den Vorschlag machen, zuvor unsere Schuhe auszuziehen. Wir können sie in dem Gebüsch hier verstecken.
Ich erkälte mich stets, wenn ich barfuß gehe, murmelte mein tapferer Gefährte; als er aber keine Antwort erhielt, zog er seine Schuhe aus und legte sie neben den meinigen in den dichten Büschen nieder, die so deutlich auf den erwähnten Photographien zu sehen sind. Dann zog er seinen Revolver aus der Tasche, spannte ihn und blieb erwartungsvoll stehen, während ich der Tür einen vorsichtigen Stoß versetzte.
Finsternis! Stille!
Lieber hätte ich mich einem Lichte gegenüber gesehen und ein Geräusch gehört, selbst wenn es von einer Einbrecherbande hergerührt hätte, denn mit solchen Leuten wußten wir umzugehen. Hibbard schien meine Empfindungen zu teilen, obgleich aus einem ganz anderen Grunde.
Pistolen und Laternen haben hier keinen Zweck, brummte er. Was wir in dieser gesegneten Minute brauchen, ist ein Priester mit einem Weihwasserwedel, und ich möchte einen –
Er wollte sich tatsächlich fortschleichen.
Mit einem unterdrückten Fluch hielt ich ihn zurück.
Sie sind doch kein Wickelkind? rief ich. Kommen Sie weiter, oder – Nun, was gibt es denn schon wieder?
Er hatte mich am Arme gepackt und deutete auf die Tür, die leise hinter uns hin- und herschwang.
Sehen Sie? flüsterte er. Kein Schlüssel im Schloß! Menschen brauchen Schlüssel, aber –
Mir riß die Geduld. Mit einem Ruck befreite ich mich von seiner Umklammerung und sagte leise zu ihm:
Gut, gehen Sie! Ich will mit einem solchen Hansnarren nichts zu schaffen haben. Ich werde allein weitergehen. Und zum Beweise meiner Entschlossenheit drehte ich an dem Schieber meiner Laterne und ließ das Licht durch das Haus blitzen.
Die Wirkung war gespenstisch; während aber der große, starke Mann neben mir schwer atmete, machte er doch von meiner Erlaubnis keinen Gebrauch, wie ich ihm halb und halb zugetraut hatte. Vielleicht war er gleich mir durch den unheimlichen Anblick langer, düsterer Wände und einer ebenso düsteren Treppe gebannt, die aus der noch eine Minute vorher undurchdringlich erscheinenden Finsternis auftauchten. Vielleicht auch war er einfach beschämt. Auf alle Fälle blieb er auf seinem Posten und betrachtete mit rollenden Augen den Teil der Halle, in dem zwei Säulen mit vergoldeten korinthischen Kapitälen die Tür zu dem Raum kennzeichneten, den niemand ohne bestimmten Zweck betrat oder ohne Zagen durchschritt. Ohne Zweifel dachte er an das, was so häufig zwischen diesen beiden Säulen hindurchgetragen worden war. Ich wußte, daß ich es tat, und als in dem plötzlichen, von der offenen Tür herkommenden Zugwinde einige in der Nähe dieser Säulen hängende Draperien sich mit einem Male aufblähten und hin- und herschwankten, war ich nicht allzusehr überrascht, zu sehen, daß er noch das bißchen Mut verlor, das in ihm zurückgeblieben war. Die Wahrheit ist, daß ich selbst stutzte; ich war jedoch imstande, diese Schwäche zu verbergen, und ich herrschte Hibbard leisen Tones an:
Seien Sie kein Narr! Hinter dieser Portiere verbirgt sich nichts Schlimmeres, als ein paar lichtscheue politische Flüchtlinge oder eine Falschmünzerbande.
Das ist möglich; ich würde mir jetzt gerade ein Vergnügen daraus machen, Upson am Genick zu packen und –
Pst!
Ich hatte soeben etwas gehört.
Einen Augenblick blieben wir atemlos stehen, als sich aber das Geräusch nicht wiederholte, schloß ich daraus, es müsse das Knarren jenes offenstehenden Ladens gewesen sein. Augenscheinlich regte sich in unserer Nähe nichts.
Sollen wir die Treppe hinaufgehen? flüsterte Hibbard.
Nicht, ehe wir uns vergewissert haben, daß hier unten alles in Ordnung ist.
Links von uns stand die Tür etwas offen.
Hier war es, wo die Trauung stattfand, bemerkte Hibbard, der mir über die Schulter sah.
Noch überall zeigten sich Spuren von dieser Feier. Wände und Decken waren mit Girlanden geschmückt gewesen, und Girlanden hingen noch am Kamin und über den verschiedenen Türen. Abgerissene Zweige und Reste vertrockneter Blumensträuße, die die davonstürzenden Gäste fortgeworfen hatten, bedeckten den Teppich und verstärkten noch den Eindruck der Verwirrung, den die umgestürzten Tische und Stühle hervorriefen. Ueberall waren Anzeichen sowohl von der Hast sichtbar, mit der das Haus verlassen worden war, wie von der abergläubischen Furcht, die selbst die Dienerschaft abgehalten hatte, es zum Zwecke der Reinigung wieder zu betreten. Nicht einmal das Piano war geschlossen worden, und unter ihm lagen noch einige zerstreute Notenhefte, die dorthin gefallen und liegen geblieben waren, wahrscheinlich zum Schaden irgend eines armen Musikers. Nur die Uhr, die die Mitte des Kaminsimses einnahm, gab Kunde, daß nicht alles ausgestorben war. Sie war zur Hochzeit aufgezogen worden und noch nicht abgelaufen. Ihr Ticktack klang jedoch äußerst schwach durch die Finsternis an unser Ohr, als ob auch sie den Lebensmut verloren hätte und bald in die Grabesruhe, die in ihrer gespenstischen Umgebung herrschte, versinken wollte.
Es sieht wie nach einem Leichenbegängnis aus, sagte Hibbard leise.
Er hatte recht; es war mir, als schlösse ich den Deckel eines Sarges, sobald ich die Tür zumachte.
Unsere nächsten Schritte führten uns in den Hintergrund des Hausflurs, wo wir jedoch wenig fanden, was unsere Aufmerksamkeit hätte fesseln können, und dann machten wir mit einem durch die Umstände vollauf gerechtfertigten Grauen vor der Tür zwischen den beiden korinthischen Säulen Halt.
Sie stand offen wie alle übrigen, und – nenne man mich einen Feigling oder einen Narren – der Leser wird sich erinnern, daß ich Hibbard beide Titel gegeben hatte – ich fand, daß es mich eine gewaltsame Anstrengung kostete, die Hand nach ihr auszustrecken. Wenn irgend eine Gefahr vorhanden war, so drohte sie hier, und während ich mir noch nie bewußt gewesen war, vor einem bekannten Gegner zurückzuschrecken, so hatte ich doch wie andere Leute meines Berufes keine sonderliche Vorliebe für unsichtbare und geheimnisvolle Gefahren.
Hibbard, der mir bis dahin beinahe zu hart auf den Fersen geblieben war, ließ mir jetzt soviel Platz, wie ich nur wünschen mochte. Mit einer Empfindung, als wäre ich völlig allein, stieß ich endlich die Tür auf und überschritt die Schwelle dieses fürchterlichen Raumes, in dem erst vor vierzehn Tagen ein neues Opfer der Liste derer hinzugefügt worden war, die hier auf irgend eine unbekannte, unbegreifliche Weise den Tod gefunden hatten.
Mein erster Blick ließ mich wenig mehr erkennen als die schweren Umrisse eines alten Sessels, der an der einen Ecke des Kamins stand und zur Hälfte schräg in das Zimmer vorsprang. Da es augenscheinlich dieser Stuhl war, auf dem die Menschen, die man hier von Zeit zu Zeit tot aufgefunden hatte, von ihrem Schicksal ereilt worden waren, so fühlte ich, wie mich ein eisiger Schauer durchrieselte, als ich seine massige Form und den tiefen Schatten gewahrte, den er auf den Fußboden warf. Um den gespenstischen Erinnerungen, die er hervorrief, zu entgehen und auch um mich zu überzeugen, daß das Zimmer völlig leer sei, wie es den Anschein hatte, tat ich einen Schritt vorwärts. Die Folge davon war, daß das Licht der Laterne, die ich trug, über den Punkt hinausdrang, auf dem es sich bis dahin in so effektvoller Weise konzentriert hatte, aber eben dadurch uns die trostlose Oede des weiten Raumes noch fühlbarer zum Bewußtsein brachte. Der Stuhl war an den Fußboden angeschraubt, wie ich später feststellte, und beinahe das einzige Möbel in der ganzen Ausdehnung des Zimmers, auf dessen Fußboden kein Teppich lag. Am anderen Ende standen tief im Schatten ein oder zwei Tische und möglicherweise auch ein paar Stühle; aber der allgemeine Eindruck, den ich erhielt, war der eines vollständig verwahrlosten, den Motten und dem Roste zur Beute überlassenen Raumes.
Die Wände muß ich allerdings ausschließen. Sie waren nicht kahl wie der Fußboden, sondern von unten bis hinauf zur Decke mit Büchern bedeckt. Es waren keine modernen Bücher, sie hatten so lange an ihrem Platze gestanden, daß sie die Farbe und den Geruch des Schimmels angenommen hatten – nun, ich brauche hier dem Gemälde keinen weiteren Zug hinzuzufügen. Jedermann kennt den Geist gesundheitsschädlicher Verödung, der in Räumen herrscht, die seit undenkbaren Zeiten von Licht und Luft abgeschlossen gewesen sind.
Die Schönheit der mit schweren Stuckornamenten verzierten Decke, von der man zugeben mußte, daß sie zu den prächtigsten ihrer Art in Washington gehörte, sowie die reichen Skulpturen, die den aus weißem Marmor gehauenen Kamin schmückten, dienten nur dazu, die äußerste Verwahrlosung, der die übrigen Teile des Zimmers anheimgefallen waren, noch greifbarer zu machen. Da ich nichts weniger als Lust hatte, den beklemmenden Eindruck, den das Ganze auf mich gemacht hatte, noch weiter auf mich wirken zu lassen, und außerdem überzeugt war, daß der Raum in der Tat so leer war, wie es den Anschein hatte, wandte ich mich zum Gehen, als meine Augen mit einem Male auf etwas so Unerwartetes und Ungewöhnliches fielen, daß ich noch unter dem Eindrucke der früheren Tragödien stehend, von denen mein Geist naturgemäß noch erfüllt war, stutzte und zurückfuhr, ungewiß, ob ich einen wirklichen Gegenstand vor mir habe oder ob mich ein Spiel meiner wild aufgeregten Phantasie äffe.
Vor mir lag eine Gestalt auf dem Fußboden, und zwar in einer Ecke, die meinen Augen bisher durch die halb offene Tür entzogen gewesen war – eine weibliche Gestalt, die, wie ich sofort beim ersten Blick erkannte, von ätherischer Zartheit und ausnehmender Feinheit war, und diese Gestalt lag so da, wie sonst nur Tote daliegen – Tote! Und ich hatte soeben erwartet, auf dem Lehnsessel genau demselben Anblick zu begegnen! Nein, es war nicht genau derselbe Anblick, denn diese Frau lag am Boden, das Gesicht nach oben gekehrt, und auf der Diele neben ihr zeigten sich Blutspuren –
Eine Hand hatte meinen Arm gepackt. Es war die Hibbards. Befremdet von meiner Unbeweglichkeit und Schweigsamkeit war er mit schlotternden Gliedern eingetreten, kaum wissend, was er sich denken sollte. Sobald aber seine Augen auf die ausgestreckte Gestalt fielen, die meine Blicke mit magischer Gewalt gefesselt hielt, vollzog sich in ihm eine unerwartete Veränderung. Was mir alle Kraft und Fassung geraubt hatte, gab ihm seine volle Selbstbeherrschung zurück. Der Tod in dieser Gestalt war ihm vertraut. Vor Blut fürchtete er sich nicht. Er zeigte auch keine Ueberraschung bei der Entdeckung der Blutspuren, wohl aber, als er die Wirkung bemerkte, die diese auf mich auszuüben schienen.
Erschossen! lautete seine lakonische Erklärung, als er sich über die Leiche beugte. Durch das Herz geschossen! Sie muß tot gewesen sein, ehe sie zu Boden stürzte.
Erschossen!
Dies war eine für dies Zimmer ganz neue Erfahrung! Bisher hatte noch keine Wunde die Opfer, die hier gefallen waren, entstellt, auch war keiner von den Toten in einer anderen Stellung gefunden worden als in den Armsessel zurückgelehnt. Während diese Gedanken durch meinen Kopf schossen, blickte ich unwillkürlich nach jenem Sessel hin, denn ich wollte es beinahe nicht glauben, daß die Leiche diesmal hier ausgestreckt zu meinen Füßen lag. Als ich aber dort nichts bemerkte als den leeren Sessel unseligen Andenkens, überlief mich abermals ein Schauer, der mich einigermaßen auf den Ruf vorbereitete, den Hibbard jetzt ausstieß.
Sehen Sie her! Wie erklären Sie sich dies?
Er deutete auf etwas, was sich bei näherer Besichtigung als ein Stück weißen Seidenbandes herausstellte, das von einem der zarten Handknöchel der Frau vor uns bis zu dem Griff einer Pistole lief, die nicht allzuweit von ihr entfernt auf dem Fußboden lag. Es sieht aus, als sei die Pistole an ihr festgebunden worden. Etwas Derartiges ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. Was, meinen Sie, bedeutet dies?
Ach, es konnte nur eine Bedeutung haben. Der Schuß, der ihrem Leben ein Ziel gesetzt hatte, war von ihrer eigenen Hand abgefeuert worden. Dieses feine, zarte Geschöpf war eine Selbstmörderin!
Aber ein Selbstmord in diesem Raume! Welche Erklärung konnten wir dafür finden? Hatten die Erzählungen, die über dieses berüchtigte Zimmer im Umlauf waren, hypnotisch auf sie eingewirkt, oder war sie zufällig auf die offene Haustür gestoßen und froh gewesen, einen Zufluchtsort zu finden, an dem sie ihrem Elend ungestört ein Ende machen konnte? Ich blickte ihr scharf in das emporgerichtete Antlitz, um eine Antwort auf diese Frage zu finden, und während ich dies tat, durchzuckte mich eine neue schreckensvolle Vermutung, die ich nicht zauderte, meinem jetzt nicht mehr allzu schwachnervigen Gefährten mitzuteilen.
Sehen Sie sich diese Züge an, rief ich. Ich glaube sie zu kennen, Sie auch?
Er murmelte etwas, was wie eine Weigerung klang, beugte sich aber schließlich doch auf meine Bitte über die Leiche und richtete einen langen, forschenden Blick auf das junge Antlitz der bedauernswerten Frau. Als er wieder aufsah, hatte er die Augenbrauen nachdenklich zusammengezogen.
Ich habe sie sicher schon irgendwo gesehen, gab er zögernd zu, indem er sich langsam der Tür näherte. Vielleicht in den Zeitungen. Gleicht sie nicht –?
Ja, unterbrach ich ihn, es ist Veronika Moore selbst, die Besitzerin dieses Hauses, die vor vierzehn Tagen hier mit Herrn Jeffrey getraut wurde. Augenscheinlich hat ihr Geist unter dem schrecklichen Vorfall gelitten, der einen so düsteren Schatten über ihre Hochzeit warf.
Drittes Kapitel
Nicht einen Augenblick war ich über die Richtigkeit dieser Identifikation im Zweifel. Alle Bilder, die ich von dieser in der Gesellschaft wohlbekannten Schönheit gesehen hatte, zeigten einen ganz eigenartigen Ausdruck, der ihr Gesicht nicht wieder aus dem Gedächtnis schwinden ließ und den ich jetzt von neuem in den leblosen Zügen vor mir erkannte.
Im höchsten Grade betroffen über meine Entdeckung, aber vollkommen überzeugt, daß dieser Selbstmord nur die furchtbare Fortsetzung einer schon zur Genüge schauerlichen Tragödie war, unternahm ich zunächst die Schritte, die in solchen Fällen selbstverständlich sind. Nachdem ich den nur allzu bereitwilligen Hibbard mit der Meldung an die Polizeiwache beauftragt hatte, wollte ich mir eben die Einzelheiten, die mir von Bedeutung erschienen, aufzeichnen, als mit einem Male meine Laterne verlöschte und mich in vollständiger Finsternis ließ.
Dies war nichts weniger als angenehm, aber der dadurch hervorgebrachte Eindruck blieb nicht ergebnislos. Denn kaum fand ich mich allein in dieser dichten Finsternis und in diesem gruftähnlichen Raume, so war ich davon überzeugt, daß keine Frau, so geistesgestört sie auch sein mag, den Sprung in eine unbekannte Welt in tiefer Dunkelheit wagen wird, die ihr den Gedanken an das Grab, dem sie entgegeneilt, nur allzu nahelegt. Dies wäre unnatürlich, unter allen Umständen unnatürlich für eine Frau. Entweder hatte sie den Schlußakt herbeigeführt, ehe der schwache Tagesschimmer, der durch die geschlossenen Fensterläden eindringen konnte, gänzlich verschwunden war – eine Annahme, die aber sofort durch die Wärme widerlegt wurde, die an einzelnen Stellen ihres Körpers noch zu fühlen war – oder aber das Licht, das gebrannt hatte, während sie den verhängnisvollen Schuß abgab, war seitdem anderswohin gebracht oder gelöscht worden.
In Erinnerung an den unbestimmten Schimmer, den wir an einem der oberen Fenster bemerkt hatten, war ich geneigt, die erstere Annahme für richtig zu halten, wollte aber beiden gerecht werden. Nachdem ich daher meine Laterne wieder angezündet hatte, drehte ich an einem der Gashähne des massiven Kronleuchters, der über mir hing, und hielt ein brennendes Streichholz daran. Das Ergebnis war das vorausgesehene; es war kein Gas in den Röhren. Ein Gasometer war für die Hochzeit nicht aufgestellt worden. Dies hatten die Zeitungen wiederholt hervorgehoben, als sie von der zauberhaften Wirkung des Tageslichtes auf die eleganten Toiletten der Damen sprachen. Nicht einmal für Kerzen hatte man gesorgt – ah, Kerzen! Was war denn das, was ich auf einem kleinen Tische an der gegenüberliegenden Wand des Zimmers bemerkte? Ohne Frage ein Leuchter oder vielmehr ein altmodischer Armleuchter mit einer halbverbrannten Kerze in einer von seinen Tüllen. Rasch ging ich hin und fühlte nach dem Docht. Er war ganz hart und steif. Da ich dies aber nicht als genügenden Beweis dafür betrachtete, daß er nicht vor kurzer Zeit gebrannt habe – die Spitze eines Dochtes trocknet bald, nachdem die Flamme ausgelöscht ist – zog ich mein Taschenmesser hervor und untersuchte den Docht an seiner Wurzel; dabei fand ich, daß dort, wo das Stearin die Fäden geschützt hatte, sie verhältnismäßig weich und biegsam waren.
Die daraus zu ziehende Folgerung lag auf der Hand. Wie ich instinktiv gefühlt hatte, war die Waffe von der Frau nicht im Dunkeln abgefeuert worden; diese Kerze hatte dabei gebrannt. Hier stockten meine Gedanken jedoch von neuem. Wenn sie gebrannt hatte, von wem war sie dann gelöscht worden? Auf keinen Fall von der Dame selbst; die Kugel hatte hierfür ihr Ziel allzugut getroffen. Also hatte jemand anders – jemand, dessen Atem noch in der mich umgebenden Luft schwebte – diese Kerze nach dem Fallen des Schusses gelöscht, und die Tote zu meinen Füßen war keine Selbstmörderin, sondern sie war ermordet worden.
Die Erregung, die mir bei dieser Entdeckung durch jeden Nerv zitterte, hatte ihren Ursprung in meinem Ehrgeize, von dem ich am Eingange dieser Erzählung gesprochen habe. Ich glaubte, die langersehnte Gelegenheit sei endlich für mich gekommen, und hoffte, es werde mir gelingen, von der soeben gemachten Wahrnehmung ausgehend, so viel Anhaltspunkte zu finden und Tatsachen festzustellen, daß sie mit Notwendigkeit zur Anerkennung dieser neuen Auffassung anstatt der von Hibbard gewonnenen, daß ein Selbstmord vorliege, führen müßten; diese letztere Annahme würde natürlich auch auf sämtlichen Polizeiwachen geteilt werden, da mein Kollege ja dabei war, seine Nachricht überall zu verbreiten. Drang ich mit meiner Ansicht durch, welch ein Triumph würde dann meiner harren, und welchen Dank würde ich dem grämlichen alten Herrn schulden, dessen anscheinend phantastische Befürchtungen mich zuerst in dieses Haus geführt hatten!
Während ich diese verheißungsvolle Aussicht überdachte, die sich mir in den wenigen Minuten, die es mir vergönnt gewesen war, allein an dem Schauplatz des Verbrechens zuzubringen, eröffnet hatte, machte ich mich mit jenem methodischen Zielbewußtsein, das, wie ich mir stets gelobt hatte, meinen ersten Erfolg im Detektivberufe kennzeichnen sollte, an die Lösung meiner Aufgabe.
Zunächst also noch einen Blick auf das schöne junge Opfer selbst! Welch ein Leidenszug um die Braue! Welch tiefe Höhlen entstellten die Wangen, die im übrigen so zart waren wie die Blütenblätter einer Rose! Das interessante, wenn auch nicht im strengsten Sinne schöne Antlitz erzählte mir manches, was ich kaum in Worte fassen konnte, sodaß ich den Eindruck gewann, als lasse die Tote ein anziehendes, aber unergründliches Geheimnis hinter sich; von dem Gesicht wandte ich mich zum Studium der Hände, von denen jede ein besonderes Problem darbot. Das von dem rechten Knöchel dargebotene kennt der Leser bereits – das lange weiße Band, an dem die abgeschossene Pistole hing. Die linke enthüllte ein zwar weniger schreckliches, aber vielleicht ebenso bedeutungsvolles Geheimnis. Sämtliche Ringe waren verschwunden, selbst der Trauring, der vor so kurzer Zeit hierher gesteckt worden war. Hatte man sie beraubt? Ich konnte keine Anzeichen von Gewalt, ja nicht einmal von jener Unordnung bemerken, die die Beraubung durch Verbrecherhand zu begleiten pflegt. Die Krause von köstlichen schwarzen Spitzen, die ihren Hals umgab, befand sich in tadellosem Zustande, und die schweren Falten ihres Kleides aus feinem Tuch deuteten in keinerlei Weise darauf hin, daß irgend eine fremde Hand die Tote nach ihrem Hinstürzen berührt hätte. Wenn ein Schmuck an ihrem Halse geglänzt oder Ringe ihre Ohren geschmückt hatten, so waren sie von einer sorgsamen, wenn nicht gar liebenden Hand entfernt worden. Aber ich neigte eher zu der Ansicht, daß sie den Schauplatz ihres Todes ohne Schmucksachen betreten hatte – eine solch strenge Einfachheit sprach aus ihrem ganzen Anzuge.
Ihr Hut, der ebenso einfach und elegant war wie ihre sonstige Kleidung, lag neben ihr auf dem Fußboden. Augenscheinlich hatte ihn eine ungeduldige Hand abgenommen und weggeworfen. Daß diese Hand ihre eigene gewesen war, ging aus einem kleinen, aber sehr bedeutsamen Umstande hervor. Die Nadel, die den Hut auf ihrem Haar festgehalten hatte, war wieder in ihn hineingesteckt worden. Keine Hand außer der ihrigen würde so ordnungsliebend gewesen sein. Ein Mann würde sie ebenso heftig zur Seite geschleudert haben, wie er dies mit dem Hute getan hätte.
Es erhob sich nun die Frage: deutete dies auf ihre selbstverständliche Absicht hin, den Hut wieder aufzusetzen? Oder war die Handlung die Folge einer zur zweiten Natur gewordenen Gewohnheit?
Nachdem ich nun alles notiert hatte, was möglicherweise von Bedeutung sein konnte, ohne den Rechten des Coroners In Amerika und England der Beamte, der bei verdächtigen Todesfällen die Untersuchung zu leiten hat. vorzugreifen, machte ich mich zunächst daran, Anhaltspunkte für die Feststellung der Person zu suchen, die ich für das Löschen der Kerze verantwortlich machen zu müssen glaubte. In dieser Hinsicht wartete meiner jedoch eine große Enttäuschung. Ich konnte nichts finden, was auf die Gegenwart einer zweiten Person hätte schließen lassen können, außer einem Häufchen Zigarrenasche in der Nähe eines gewöhnlichen Küchenstuhls, der vor den Bücherbrettern in dem Teile des Zimmers stand, in dem sich der kleine Tisch mit dem Armleuchter befand. Aber diese Asche sah alt aus, und ich konnte in der dumpfen Atmosphäre, die im ganzen Zimmer herrschte, auch keine Spur von Tabaksgeruch entdecken. Rührte diese Asche von dem Manne her, der vor vierzehn Tagen hier gestorben war? War dies der Fall, so mußte seine nicht zu Ende gerauchte Zigarre irgendwo zu bemerken sein. Sollte ich nach ihr suchen? Nein, zu diesem Zwecke hätte ich mich zu dem Sessel begeben müssen, und dies war mir denn doch eine zu gefährliche Stelle, als daß ich mich ihr ohne besondere Vorsichtsmaßregel hätte nähern mögen.
Außerdem war ich mit meiner Untersuchung des Fleckes, auf dem ich stand, noch nicht zu Ende. Konnte ich zu keinem befriedigenden Resultat hinsichtlich der Asche gelangen, so war dies doch vielleicht in bezug auf den Stuhl oder die Bücherreihen, vor denen er stand, möglich. Es hatte jemand hier gesessen, der sich für Bücher interessierte, jemand, der für jene alten Bände genügend Zeit übrig zu haben glaubte, um das Bedürfnis nach einem Stuhle zu empfinden. War dieses Interesse ein allgemeines gewesen, oder hatte es sich auf einen bestimmten Band konzentriert? Ich ließ mein Auge über die Bücher gleiten, soweit es reichte, möglicherweise in der Absicht, diese Frage zu stellen, und obgleich ich nur eine beschränkte Kenntnis von Büchern besitze, sah ich doch sofort, daß man diese hier sehr wohl als Seltenheiten bezeichnen konnte. Einige von ihnen enthielten Proben von altgotischer Schrift und waren mit Moder und Staub bedeckt, andere waren Inkunabeln, die das Entzücken eines jeden Sammlers bilden mußten. Aber an keinem konnte man eine Spur davon entdecken, daß es in jüngster Zeit zur Hand genommen worden war, und um keine Zeit mit nichtigen Einzelheiten zu vergeuden, entfernte ich mich rasch von dem Stuhle und war im Begriff, meine Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung zu lenken, als ich auf einem der oberen Fächer ein Buch bemerkte, das etwas vor den übrigen hervorragte. Im Nu war ich auf dem Stuhle und ergriff das Buch. Fand ich es interessant? Jawohl, aber nicht hinsichtlich seines Inhaltes, denn der war mir völlig unverständlich, sondern weil der Staub am oberen Rande abgewischt war, der doch jeden anderen Band, den ich zur Hand genommen hatte, bedeckte. Dieses Buch also war es, das den Unbekannten an die Bücherfächer gelockt hatte – diese – ich will sehen, ob ich mich an seinen Titel erinnern kann – Untersuchung über alte Küstenlinien. Pah! Ich hatte meine Zeit verloren. Was hatte ein solch trockenes Lehrbuch wie dieses mit der Toten zu tun, die einige Schritte hinter mir in ihrem Blute dalag, oder mit der Hand, die die Kerze nach jener grausigen Tat gelöscht hatte? Nichts! Ich stellte das Buch wieder an seinen Platz, aber nicht so hastig, um es auch nur einen Zoll weiter nach vorwärts zu stellen, als ich es gefunden hatte. Denn wenn es eine Geschichte zu erzählen hatte, so war es meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß diese Geschichte von anderen gelesen werden konnte, die sich besser auf Bücher verstanden als ich.
Mein nächster Schritt führte mich zu dem kleinen Tische, auf dem der Armleuchter mit seinen glänzenden Behängen stand. Dieser Tisch gehörte zu einer Gruppe gleichartiger Möbel, die an einer Wand standen. Die nähere Untersuchung ergab, daß der Tisch vor ganz kurzer Zeit von den anderen Möbeln entfernt und an seinen gegenwärtigen Platz gebracht worden war, da der Staub, der auf seiner Platte lag, an einer Seite, an der man ihn getragen hatte, fast vollständig fehlte. Auch der Armleuchter hatte nicht lange auf dem Tischchen gestanden, da der Staub sowohl unter ihm, als um ihn herum lag. Hatte ihre Hand ihn hierher gebracht? Schwerlich, wenn er sich auf dem Simse des Kamins befunden hatte, an dessen Untersuchung ich mich nunmehr machte.
Ich habe diesen Kamin schon mehr als einmal erwähnt. Dies hätte sich auch kaum vermeiden lassen, da in ihm und in seiner Nähe der Schlüssel des Geheimnisses lag, wegen dessen das Zimmer so verrufen war. Obgleich ich jedoch so ausführlich von ihm gesprochen habe und er mir nicht ein einzigesmal aus dem Sinne gekommen war, so hatte ich doch noch nicht gewagt, ihn anders als aus sicherer Entfernung zu betrachten. Als ich nun überlegte, wie ich wohl am gefahrlosesten näher treten könne, fühlte ich jenes plötzlich aufsteigende und alles überwältigende Interesse an jeder Einzelheit seines Aeußeren, das sich an alle mit einer Gefahr verbundenen Gegenstände knüpft.
Ich tat einen Schritt auf ihn zu und hielt dabei meine Laterne so, daß ein heller Strahl auf einen verblaßten alten Stich fiel, der über dem Kamin hing. Es war das – wenigstens in Washington – wohlbekannte Bild, das Benjamin Franklin am französischen Hofe darstellt und an sich ohne Zweifel interessant, aber kaum geeignet war, in einem so kritischen Moment das Auge zu fesseln. Auch das Bücherbrett darunter konnte nicht mehr als vorübergehende Aufmerksamkeit erregen, denn es war vollkommen leer. So war auch die abgenutzte, vielleicht blutbefleckte Feuerstelle, soweit sie sich in dem undurchdringlichen Schatten, den die hohe Gestalt des großen an einer Ecke des Kamins stehenden Sessels auf ihn warf, erkennen ließ.
Ich habe schon den Eindruck beschrieben, den dieses alte, charakteristische Möbel bei meinem Eintreten auf mich gemacht hatte.
Dieser wurde jetzt noch verstärkt, als mein Auge über die plumpe Schnitzerei streifte, die die Unbequemlichkeit seiner hohen, geraden Rücklehne noch erhöhte und ich den muffigen Geruch seiner möglicherweise von Mäusen bewohnten Polster spürte. Ein geheimes Furchtgefühl stieg in mir auf und trat an die Stelle meines anfänglichen instinktiven Widerstrebens. Umfing mich der Aberglaube mit seinen Schrecken? Ort und Stunde sowie die unmittelbare Nähe der Toten wären vollkommen geeignet gewesen, die Einbildungskraft über die Grenzen der Wirklichkeit hinauszutragen. Während ich so in Gedanken versunken dastand und den Armsessel mit seinem Lederbezuge und den schweren geschmiedeten Nägeln betrachtete, mittels deren der letztere an dem Holze befestigt war, begann eine Empfindung, der ich keinen Namen geben kann und die mich ganz gegen meinen Willen packte, die ruhige Ueberlegung bei mir zu verdrängen. Ehe ich mir klarmachen konnte, welcher Art dieser Impuls war oder wozu er mich antrieb, fühlte ich, wie ich mich langsam, aber stetig diesem fürchterlichen Sitze mit dem unwiderstehlichen Verlangen näherte, mich auf diese alten Polster niederzulassen.
In diesem Augenblick rief mich aber das Knarren irgend eines offenstehenden Ladens – vielleicht war es der, den ich von der entgegengesetzten Seite der Straße aus hatte hin- und herschwingen sehen – zu meinen gegenwärtigen Pflichten zurück. Da ich mich erinnerte, daß meine Untersuchung erst halb vollendet war, und daß ich jede Minute von anderen Geheimpolizisten überrascht werden könne, schüttelte ich den unheimlichen Bann ab, der mich in dem Augenblick, als ich mich von ihm befreite, mit Entsetzen erfüllte, und verließ das Zimmer durch eine Tür in der Hinterwand, um in einem der anstoßenden Räume nach den entscheidenden Spuren zu suchen, die ich an dem eigentlichen Schauplatz des Verbrechens zu entdecken nicht vermocht hatte.
Es war eine traurige Untersuchung, da sie mir auf Schritt und Tritt die beinahe wahnsinnige Hast verriet, mit der die Gäste das Haus verlassen hatten. Der Speisesaal namentlich erregte nichts weniger als angenehme Empfindungen. Die offenbar für das Hochzeitsmahl hergerichtete Tafel war in solch atemloser Eile geleert worden, daß die von den Schüsseln heruntergeworfenen Speisen nun in schimmelnden Klumpen auf dem Fußboden lagen. Der Hochzeitskuchen, den jemand hatte fallen lassen, möglicherweise bei dem Versuche, ihn zu retten, war zertreten worden; zerbrochene Gläser, zerknüllte Tischwäsche und verwelkte Blumen lagen überall herum und machten das Gehen über die morschen Dielen anwidernd und gefährlich zugleich. Die mit dem Saale in Verbindung stehenden Vorratskammern befanden sich in keinem besseren Zustande.
Angeekelt von dem Anblick und den Gerüchen, die sich mir hier aufdrängten, ging ich nach der Küche und gelangte weiterhin über einen schmalen Korridor nach den Zimmern für die Dienerschaft, die im hinteren Teile des Gebäudes dicht beieinander lagen. Hier machte ich eine Entdeckung. Eines der Fenster in diesem lange Zeit nicht benützten Flügel des Hauses stand halb offen. Da ich aber auf keine Spuren stieß, die darauf hindeuteten, daß der Mörder durch dieses Fenster entflohen sei, ging ich nach den vorderen Räumen des Hauses zurück und gelangte somit auch zu der Treppe, die in das obere Stockwerk emporführte.
Auf dem am Fuße dieser Treppe liegenden Teppich fand ich das erste von etwa einem Dutzend angebrannter Streichhölzer, die auf den Treppenstufen und auf dem Fußboden des oberen Flures lagen und eine deutliche Fährte bildeten. Da diese Streichhölzer sämtlich so kurz herabgebrannt waren, wie sie jemand überhaupt noch zwischen den Fingern halten konnte, so war es klar, daß sie dazu gedient hatten, jemand zu leuchten, der sich nach oben begeben wollte, vielleicht gerade in das Zimmer, in dem wir das Licht gesehen hatten, das uns zuerst in dieses Haus gelockt hatte. Was nun? Sollte ich weitergehen oder auf einen Kollegen warten, bevor ich mich auf die Suche nach dem vermeintlichen Mörder machte? Ich entschloß mich zum Weitergehen, veranlaßt, wie ich glaube, durch die Bestimmtheit und Klarheit der vor mir liegenden Fährte.
Als ich aber sorgfältig den Schritten desjenigen, der so kurze Zeit vor mir denselben Weg zurückgelegt hatte, nachgegangen war, gelangte ich an eine eingeklinkte Tür am Ende eines Seiteneinganges, vor der ich, wie ich zugeben muß, einen Augenblick zögernd stehen blieb, ehe ich die Hand auf die Klinke legte. So vieles kann sich hinter einer verschlossenen Tür verbergen! Aber meine Unschlüssigkeit, wenn es überhaupt Unschlüssigkeit war, dauerte nur eine Sekunde. Meine natürliche Ungeduld und die Regungen meines Ehrgeizes erhielten die Oberhand über die Mahnungen der Vernunft, und unbekümmert um die Folgen, vielleicht ihnen absichtlich Trotz bietend, legte ich schwer die Hand auf den Griff. Ich öffnete leise die Tür, und als ich einen Lichtschimmer am Türpfosten emporlaufen sah, stieß ich sie weiter und weiter auf, bis ich endlich den ganzen Raum überblicken konnte. In diesem Augenblick knarrte der Laden an einem der Fenster, und dies bewies mir, daß das Zimmer in der Tat dasjenige war, das wir von unten aus erleuchtet gesehen hatten. Sonst war alles still; auch konnte ich beim ersten flüchtigen Umherblicken kein anderes Anzeichen von der Anwesenheit eines Menschen entdecken, als eine Kerze, die auf dem Boden eines auf einem altmodischen Toilettentische stehenden Glases knisternd brannte. Diese Kerze, der einzige Gegenstand, der nicht in das reich und geschmackvoll möblierte Zimmer hineinpaßte, deutete mit voller Bestimmtheit auf die Anwesenheit jemandes hin, der sich hier verborgen hielt; aber von diesem jemand war keine Spur zu entdecken.
Nicht zufrieden mit diesem kurzen Ueberblick – einem Ueberblicke, der mir ein geräumiges, altmodisches Zimmer gezeigt hatte, das vollständig möbliert war, aber mehr den Geist der Vergangenheit als der Gegenwart atmete – und entschlossen, das Aeußerste zu erfahren, oder, besser gesagt, das Aeußerste zu wagen und zu erdulden, schritt ich geraden Weges bis in die Mitte des Zimmers vor und warf rasch einen forschenden Blick um mich, der vor nichts zurückwich, selbst nicht vor den tiefen Schatten, die in den Ecken lauerten. Aber es erhob sich keine liegende Gestalt aus diesen Ecken, es zeigte sich auch kein lauschender Kopf neben den Wänden des großen Schrankes, hinter dem ich genau nachschaute.
Sehr beruhigt und in der Tat völlig davon überzeugt, daß, wo auch immer der Verbrecher lauern mochte, er sich doch in diesem Augenblick keinesfalls in demselben Zimmer mit mir befand, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf meine Umgebung, die mancherlei Interessantes darbot. Zunächst war da das riesige Bett, das einen großen Raum zu meiner Rechten einnahm. Ich hatte nie zuvor ein ähnliches gesehen und wurde im höchsten Grade durch seine Größe und den Anschein des Geheimnisvollen gefesselt, der ihm durch die fest zusammengezogenen Vorhänge von verblichenem Brokat verliehen wurde. In der Tat übte dieses Bett, sei es infolge seines Aeußeren, sei es infolge eines ihm anhaftenden geheimen Einflusses, eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Ich zögerte, mich ihm zu nähern, konnte mich aber nicht enthalten, es lange und genau zu betrachten. War es denn nicht möglich, daß diese Vorhänge jemand verbargen, der sich hinter ihnen versteckt hatte? Seltsam, ich fühlte nicht den Mut in mir, sie zurückzuschlagen und nachzusehen.
Ein Toilettentisch, bedeckt mit Flakons und sonstigen Toilettengegenständen, die alle von außergewöhnlichem Wert und Reichtum waren, nahm den Platz zwischen den beiden Fenstern ein, und auf dem Fußboden, unmittelbar vor einem hohen Kaminmantel aus Mahagoniholz, lag inmitten einer Menge leerer Büchsen ein umgestürzter Stuhl. Dieser Stuhl und die Vermutungen, die seine Lage in mir erweckte, veranlaßten mich, den Kamin zu betrachten, mit dem er mir irgendwie in Beziehung zu stehen schien, und so wurde ich eine verblaßte alte Zeichnung gewahr, die über ihm an der Wand hing. Warum dieses Bild, das eine durchaus uninteressante Skizze eines einfältig lächelnden Mädchengesichtes zeigte, mein Auge länger als einen Moment fesselte, weiß ich nicht. Es war nicht schön, selbst wenn man es vom sentimentalen Standpunkte aus beurteilen wollte, und besaß wenig oder keinen künstlerischen Wert. Die schon an sich ziemlich schwachgezeichneten Linien waren nahezu verwischt und stellenweise völlig verblaßt. Und doch konnte ich nicht aufhören es zu betrachten und vergaß darüber mich selbst und beinahe sogar meine Aufgabe. Es lag anscheinend gar kein Grund für den Reiz vor, den es auf mich ausübte, und ebensowenig konnte ich mir die förmlich abergläubische Furcht erklären, die mich von diesem Moment an beherrschte und mich veranlaßte, meinen Kopf nach allen Seiten zu wenden und einen ängstlichen Blick nach rückwärts zu werfen, sobald der offene Laden knarrte oder eines der vielfältigen Geräusche, die wir in der Stille der Nacht zu hören glauben, wenn wir stark erregt sind, meine Aufmerksamkeit fesselte oder mein Blut erstarren machte.
Allem Anscheine nach war hier oben weniger Veranlassung für einen Mann vorhanden, den Mut sinken zu lassen, als unten. In diesen Räumen verbreitete keine das Anzeichen eines Mordes an sich tragende Leiche Schrecken; aber die Empfindungen, die ich in der Bibliothek unten mit leichter Mühe überwunden hatte, verfolgten mich hier mit seltsamer Zähigkeit, und als ich mich mit gewaltsamer Anstrengung zum Gehen zwang und unerwartet mein Bild in einem Spiegel erblickte, an dem ich gerade vorüberkam, erlitt ich eine derartige Nervenerschütterung, wie ich mich nicht erinnern konnte, sie je erlebt zu haben. – Es mag unnötig und für einen Mann meines Berufes unpassend erscheinen, diese zufälligen Empfindungen zu erwähnen; aber ich muß es tun, um zu erklären, wie mehrere Minuten vergehen konnten, ehe ich wieder soviel Geistesgegenwart besaß, die geschlossenen Vorhänge des Bettes zurückzuschlagen und einen raschen Blick dahinter zu tun, wie es meine gegenwärtige prekäre Lage erheischte. Aber kaum hatte ich den Bann abgeschüttelt, so fühlte ich meine Mannheit und mit ihr meinen alten Spürsinn wiederkehren. Das Bett enthielt keinen nach Luft schnappenden, zitternden Verbrecher, und doch war es nicht ganz leer. Etwas lag darin, und dieses Etwas, obgleich an sich durchaus nichts Ungewöhnliches, überraschte mich doch in Anbetracht des Ortes und der Stunde zur Genüge, um mein Interesse zu erregen und meine Gedanken zu beschäftigen. Es lag ein Damenüberwurf da von so kostbarem Stoffe und so wundervoller Arbeit, daß ich ganz erstaunt war, ihn in so vernachlässigtem Zustande in diesem alten verfallenen Hause zu finden. Obgleich ich wenig von dem Preise für Frauenkleider verstehe, kenne ich doch den Wert der Spitzen, und dieses Kleid war über und über damit bedeckt.
So sehr dieser Fund auch mein Interesse erregte, der folgende tat es in noch höherem Grade. In den Falten des Ueberwurfs verborgen lagen die verwelkten Ueberreste eines Straußes, der nur das Brautbukett gewesen sein konnte. Jetzt unscheinbar und geruchlos, war einst ein Meisterwerk der Blumenbindekunst gewesen. Als ich bemerkte, daß an dem aus Lilien und weißen Rosen bestehenden Strauß an langen seidenen Bändern kleinere Sträußchen hingen, erinnerte ich mich mit begreiflichem Schrecken an den Gebrauch, der von einem ähnlichen Bande dort unten gemacht worden war. In dem durch dieses Zusammentreffen erzeugten Schauder vergaß ich ganz, mir die Frage vorzulegen, wie ein von der Braut getragener Strauß seinen Weg in dieses Zimmer im ersten Stock zurückfinden konnte, wenn sie, wie alle Erzählungen übereinstimmend berichteten, den im Parterre liegenden Salon, ohne ein Wort zu sprechen oder auch nur einen Augenblick zu warten, in wilder Flucht verlassen hatte, als sie die Nachricht von dem Unglücksfalle in der Bibliothek erhielt. Daß ihr Mantel hier lag, war nicht auffallend, aber daß das Brautbukett –
Daß es wirklich das Brautbukett war und daß sich die Braut in diesem Zimmer zur heiligen Handlung angekleidet hatte, mußte auch dem oberflächlichsten Beobachter einleuchten. Aber es wurde zur unumstößlichen Tatsache, als ich bei meiner weiteren Untersuchung des Zimmers auf ein Taschentuch stieß, dessen eine Ecke den Namen Veronika in Stickerei trug.
Dieses Taschentuch bot, abgesehen von dem Namen, ein besonderes Interesse. Es war von feinem Gewebe und stimmte hinsichtlich der Kostbarkeit ganz mit den übrigen Sachen seiner anspruchsvollen Besitzerin überein. Aber es war nicht sauber, sondern zeigte Schmutzflecken, und zwar einer so besonderen Art, daß ich sie mir nicht sogleich erklären konnte. Eine Frau würde zweifellos sofort die Ursache der braunen Streifen, die ich darin fand, erkannt haben, aber bei mir dauerte es mehrere Minuten, ehe ich mir klarmachen konnte, daß dieses Batisttuch, zart wie eine Spinnwebe, zum Abwischen von Staub benutzt worden war. Zum Abwischen von Staub! Staub, wovon? Wahrscheinlich von dem Kaminsims, an dessen einem Ende ich es gefunden hatte. Aber nein! Ein Blick über die polierten Bretter hinweg belehrte mich, daß, was auch immer in diesem Zimmer abgestäubt worden sein mochte, dieser Sims es sicherlich nicht gewesen war. Ich konnte die Staubansammlung von Tagen, ja von Monaten von einem Ende seiner glatten Oberfläche bis zum anderen übersehen, mit Ausnahme der Stelle, an der das Taschentuch gelegen hatte, und – die wichtigste Entdeckung bis jetzt – derjenigen, an der fünf deutlich erkennbare Flecke gerade links von der Mitte verrieten, daß die Hand eines Menschen dort geruht hatte. Nichts anderes als der Druck der Fingerspitzen konnte diese Flecke verursacht haben. Bei näherer Prüfung konnte ich sogar erkennen, wo der Daumen gelegen hatte, und sofort sah ich die Möglichkeit voraus, mit Hilfe dieser Flecke sowohl die Größe wie die Gestalt der Hand zu bestimmen, die diesen so klaren und unverkennbaren Beweis zurückgelassen hatte.
Seltsam! was bedeutete dies alles? Aus welchem Grunde sollte jemand seine Finger auf dieses abgelegene Kaminsims stützen? Hatte er es getan, um sich bei einem Versuche, den Kamin zu betrachten, im Gleichgewicht zu erhalten? Nein, denn dann würden sich die von seinen Fingern hinterlassenen Spuren am Ende des Simses gezeigt haben, während sie sich tatsächlich in dessen Mitte befanden. Auch war ihre Gestalt rund, nicht länglich; der Druck war also von oben gekommen, und, ha! jetzt hatte ich es, diese Abdrücke in dem Staub des Simses sahen genau so aus, als rührten sie von jemand her, der sich aufgestützt hatte, um sich das alte Bild genau anzusehen. Und dieser Umstand erklärte auch das Umstürzen des Stuhles und das Benutzen des Taschentuches als Staubtuch. Irgend jemand mußte ein größeres Interesse an dem Bilde genommen haben als ich, irgend jemand, der entweder sehr kurzsichtig oder dessen Temperament so geartet war, daß nur die genaueste Besichtigung eine plötzlich erwachte Neugier stillen konnte.
Dies brachte mich auf einen Gedanken, oder besser gesagt, überzeugte mich von der Notwendigkeit, die Umrisse dieser eine ganze Geschichte erzählenden Spuren für die Dauer zu erhalten, solange sie noch für das Auge deutlich sichtbar waren. Ich zog mein Taschenmesser hervor und umfuhr mit der Spitze der schärfsten Klinge leicht jeden einzelnen Abdruck, bis ich sie für alle Zeit in der wohlerhaltenen Politur des Mahagoniholzes festgelegt hatte.
Nach Erledigung dieser Arbeit kehrten meine Gedanken zu der Frage, die ich mir schon einmal gestellt hatte, zurück. Was gab es an diesem alten Bilde zu sehen, daß es jemand, der auf bösen Wegen ging, wenn er nicht gar soeben ein schändliches Verbrechen begangen hatte, eine solche Neugier einflößen konnte? Ich habe oben gesagt, daß das Bild als solches wertlos war, nichts weiter als eine verblaßte Skizze, die nur für die Rumpelkammer paßte. Worin lag dann aber sein Reiz, den auch ich empfunden hatte, wenn auch nicht in demselben Grade? Es war nutzlos, Vermutungen hierüber anzustellen. Mit dieser überraschenden Entdeckung hatte sich eine neue Schwierigkeit für die Lösung meiner Frage erhoben, aber Schwierigkeiten steigerten nur meinen Eifer. Ich fühlte mich daher nur um so zuversichtlicher, als ich bei der weiteren Untersuchung des Zimmers auf zwei weitere Tatsachen stieß, die ebenso seltsam wie unvereinbar waren.
Die eine bestand in dem Auffinden eines Taschenmessers mit offener Feile, das ich auf einem Tischchen in der Nähe des Fensters mit dem offenstehenden Laden entdeckte. Rings herum lagen Feilspäne, die ich glänzen sah, als das Licht meiner Laterne auf sie fiel, die aber so fein waren, daß man beinahe ein Vergrößerungsglas gebraucht hätte, um sie wahrzunehmen. Die andere bezog sich auf ein kleines Nebengelaß in der Nähe des Bettes. Es war leer, leer bis auf einige Kleiderhaken und ein Gestell mit zwei halb offenstehenden Schubladen an der Rückwand; mitten auf dem Fußboden aber lag ein umgestürzter Armleuchter, ähnlich dem, den ich unten bemerkt hatte, dessen Prismen aber umhergestreut waren und dessen eine Kerze zerdrückt und aus aller Form gebracht auf der geschwärzten Diele lag. Der Fuß, der auf ihr in wilder Erregung umhergestampft hatte, um die Flamme zu löschen, war offenbar der eines Wahnsinnigen gewesen. Von wem und wann war aber diese wahnwitzige Handlung vollbracht worden? Innerhalb der letzten Stunde? Ich konnte keinen Geruch von Rauch entdecken. Oder zu einer früheren Zeit, sagen wir am Hochzeitstage?
Als ich von der zertretenen Kerze zu meinen Füßen auf die in dem Glase auf dem Toilettentische blickte, die soeben zischend verlöschte, mußte ich mir eingestehen, daß ich ganz verdutzt war.
Sicherlich genügte keine gewöhnliche Erklärung für diese auffallenden und einander anscheinend widersprechenden Tatsachen.
Viertes Kapitel
Ich bin in gewisser Beziehung überempfindlich. Neben meinen Schwächen besitze ich jedoch eine heilsame Furcht vor dem Lächerlichen, und dies ist wahrscheinlich der Grund, weshalb ich es unterließ, dem Polizeihauptmann, der inzwischen erschienen war, meine Ansicht auseinanderzusetzen, und es sogar vermied, die verschiedenen kleinen Umstände zu erwähnen, die meine Aufmerksamkeit so stark in Anspruch genommen hatten. Wenn er und die erfahrenen Männer, die mit ihm kamen, in dem gewaltsamen Tode einer erst seit vierzehn Tagen verheirateten jungen Frau einen Selbstmord und weiter nichts als einen solchen erblickten, dann war es nicht meine Sache, auf die Möglichkeit eines Verbrechens hinzuweisen, namentlich da mich einer der Beamten mit offener Geringschätzung behandelt hatte, als ich den Vorschlag machte, die Herren hinauf in das Zimmer zu begleiten, in dem das Licht gebrannt hatte. Nein, ich wollte meine Entdeckungen für mich behalten oder es wenigstens vermeiden, ein Wort davon zu äußern, bis ich einmal den Hauptmann allein traf, und so bat ich nur um die Erlaubnis, bis zur Ankunft Herrn Jeffreys im Hause bleiben zu dürfen.
Ich hatte gehört, daß ein Schutzmann abgeschickt worden sei, um diesen Herrn zu suchen, und als ich das Rollen eines Wagens vernahm, eilte ich rasch an die Tür, voller Eifer, einen wenn auch nur flüchtigen Blick auf ihn zu werfen. Aber es war eine Dame, die ausstieg.
Da sie in großer Aufregung war, eilte einer der Herren ihr entgegen, um ihr den Arm zu reichen. Als sie ihn nahm, fragte ich Hibbard, der mit einem Male wieder da war, wer sie sei.
Er sagte, es sei wahrscheinlich die Schwester der Toten. Jetzt erinnerte ich mich, daß diese Dame, ein Fräulein Tuttle – sie war nur die Halbschwester von Fräulein Moore – wiederholt in den Zeitungsberichten über die Hochzeit als ein sehr liebenswürdiges Mädchen von hervorragender Schönheit erwähnt worden war.
Dies verminderte nun mein Interesse gerade nicht, und die Schicklichkeit beiseite setzend, näherte ich mich möglichst der Schwelle, die sie bald überschreiten mußte. Während ich dies tat, war ich erstaunt, die Töne von Onkel Davids Orgel noch von der anderen Seite der Straße herüberdringen zu hören. In einem so ernsten Augenblick, während augenscheinlich Dinge von großer Tragweite in diesem Hause vorgingen, auf das er selbst die Aufmerksamkeit der Polizei gelenkt hatte, frappierte mich dies, da es mir schien, als treibe er den Stoizismus doch zu weit. Diese offene, ja geradezu beleidigende Gleichgültigkeit von seiten des einzigen noch lebenden Mitglieds der Familie Moore – eine Gleichgültigkeit, die mir selbst bei einem Manne von seiner krankhaften Exzentrizität nicht natürlich vorkam – machte einen nicht gerade vorteilhaften Eindruck auf mich, und ich beschloß, mehr von diesem alten Manne in Erfahrung zu bringen und vor allem mich mit den Beziehungen, die zwischen ihm und seiner unglücklichen Nichte bestanden hatten, genau vertraut zu machen.
Inzwischen war Fräulein Tuttle in den Lichtkreis unserer Laternen getreten. Ich habe nie in meinem Leben ein so schönes Mädchen gesehen, oder eins, dessen Züge eine so herzzerreißende Angst verrieten. Ich fühlte, daß diese Seelenqual Achtung erheische und zog mich deshalb von meinem Lauscherposten zurück. Aber bald kam ich wieder nach vorn, denn mein Wunsch, die junge Dame kennen zu lernen, war zu groß, der Eindruck, den ihr Verhalten auf mich gemacht hatte, zu verworren, als daß jemand, der einen Schlüssel zu der furchtbaren Tragödie suchte, die sich soeben im Hause abgespielt hatte, leichten Herzens darüber hinweggegangen wäre.
Währenddessen hatten sich ihre Lippen zu dem Schrei geöffnet:
Meine Schwester! Wo ist meine Schwester?
Der Hauptmann ging eiligen Schrittes davon; dann aber kehrte er zurück und wollte die Dame, offenbar in der löblichen Absicht, sie auf den gräßlichen Anblick, der ihrer harrte, vorzubereiten, in den Salon führen. Allein sie ließ sich nicht von ihrem Wege ablenken. Sie schritt an ihm vorüber, ging direkt auf die Bibliothek zu und stürmte förmlich in sie hinein. Von ihrer Entschlossenheit frappiert, drängten wir uns alle hinter ihr her und stellten uns in unserer brutalen Neugier in einem Halbkreise an der Tür auf, als sie auf die ausgestreckte Gestalt ihrer Schwester zuwankte und neben ihr in die Knie sank. Ihr unwillkürlicher Aufschrei und ihr wildes Zurückfahren, als ihre Augen auf das lange weiße Band fielen, das von dem Handgelenk ihrer Schwester aus sich auf dem Fußboden hinzog, machten auf mich den Eindruck des äußersten Entsetzens, dessen eine Menschenseele überhaupt fähig ist. Es war, als sei ihr ganzes inneres Leben vernichtet. Irgend etwas in dem Umstande selbst, daß dieses schneeige Band an den Arm ihrer Schwester, der kaum weniger weiß sein konnte, geknüpft war, schien an den Grundlagen ihres Wesens selbst zu rütteln, und als ihr Blick, dem Bande folgend, auf die todbringende Waffe fiel, krümmte sie sich in solch offenkundiger Qual zusammen, daß wir glaubten, sie würde in Ohnmacht sinken oder in Raserei verfallen. Wir waren daher erstaunt, als sie in strengem, befehlshaberischem Tone ausrief:
Lösen Sie diesen Knoten! Warum lassen Sie dieses furchtbare Band an ihr? Lösen Sie es ab, sage ich; es bringt mich um. Ich kann seinen Anblick nicht ertragen. – Ihr Zittern wurde immer heftiger, bis ihre ganze Gestalt krampfhaft hin- und hergeworfen wurde.
Der Hauptmann zog nach reiflicher Ueberlegung seine Hand wieder zurück, die er unwillkürlich nach dem Bande ausgestreckt hatte.
Nein, nein, entgegnete er abwehrend, das können wir nicht tun; wir können nichts tun, bis der Coroner kommt. Es ist notwendig, daß er die Leiche genau so sieht, wie wir sie gefunden haben. Außerdem hat Herr Jeffrey einen Anspruch auf dasselbe Recht. Wir erwarten ihn jeden Augenblick.
Das schöne Mädchen vor uns schüttelte unwillkürlich den Kopf, aber seine Lippen erhoben keinen Widerspruch. Ich weiß nicht, ob Fräulein Tuttle in diesem Augenblick überhaupt die Kraft besaß, zu sprechen. Bei der Erwähnung des Gattens ihrer Schwester war eine leichte, aber ganz verständliche Veränderung eingetreten, und obgleich sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, schien diese Anstrengung doch über ihre Kräfte zu gehen. Um diesen Anfall von Schwäche zu verbergen, erhob sie sich plötzlich, und jetzt sahen wir erst, welch hohen Wuchs sie hatte, wie gut ihr der lang herabfallende Mantel stand und was es überhaupt für ein herrliches Geschöpf war.
Es wird ihn umbringen, sagte sie stöhnend. Dann rief sie mit einer gewissen erzwungenen Hast und in einem Tone der Ueberraschung, der mir nicht ganz natürlich klang, der Schwester, die sie weder mehr hören noch ihr Antwort geben konnte, laut zu:
O Veronika, Veronika! Was hattest du für eine Veranlassung, in den Tod zu gehen? Und warum müssen wir dich an einem Orte finden, den du so sehr fürchtetest und verabscheutest?
Wissen Sie es nicht? fragte der Hauptmann in mildem, eindringlichem Tone, den er selten anzuschlagen pflegte. Glauben Sie nicht, uns eine Erklärung für das gewaltsame Ende Ihrer Frau Schwester geben zu können? Sie haben doch bei ihr gelebt und sogar – so habe ich wenigstens sagen hören – noch nach ihrer Hochzeit mit Herrn Jeffrey?
Jawohl.
Laut und deutlich erklang die Antwort, hart in ihrer Offenheit und beinahe zu laut, um zu dem halbgedämpften Tone zu passen, in dem sie fortfuhr: Ich weiß, daß sie nicht glücklich war, daß sie niemals glücklich gewesen ist, seitdem der Schatten, den dieses Zimmer verbreitet, auf ihre Hochzeit fiel. Aber nie konnte ich es mir nur träumen lassen, daß ihre Furcht vor der Vergangenheit oder ihre Furcht vor der Zukunft sie zum Selbstmorde treiben würde, und namentlich hier an dieser Stelle! Hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt, daß sie in diesem Maße angegriffen sei, glauben Sie, ich würde sie dann auch nur einen Augenblick allein gelassen haben? Niemand von uns wußte, daß sie sich mit Todesgedanken trug. Sie erweckte gar nicht einen solchen Anschein. Sie lachte, als ich –
Was war sie im Begriff, zu sagen? Der Hauptmann schien gespannt zuzuhören und fragte, nachdem er vergeblich auf die Vollendung ihres Satzes gewartet hatte, ruhig:
Sie haben nicht zu Ende gesprochen, gnädiges Fräulein.
Sie stutzte und schien aus weiter Ferne zurückzukehren, in die sie mit ihren Gedanken gewandert war. Ich weiß es nicht, ich habe vergessen, was ich sagen wollte, stammelte sie mit einem herzzerreißenden Seufzer. Arme Veronika! Unglückliche Veronika! Wie soll ich es nur ihm mitteilen! Wie, wie können wir nur ihn vorbereiten?
Der Hauptmann benutzte diese Erwähnung Herrn Jeffreys, um zu fragen, wo dieser sei. Die junge Dame schien sich nicht mit der Antwort beeilen zu wollen; auf wiederholtes Drängen erwiderte sie jedoch, obgleich etwas mechanisch, sie könne dies unmöglich wissen; Herr Jeffrey habe viele Freunde und sei wohl der Einladung zu einer Gesellschaft gefolgt.
Aber es ist jetzt schon lange nach Mitternacht, bemerkte der Hauptmann. Pflegt er so lange auszubleiben?
Mitunter, gab sie schüchtern zu. Zwei- bis dreimal ist er seit seiner Hochzeit erst um ein Uhr zurückgekehrt.
Lagen außer jenem einen angedeuteten noch andere Gründe für die offenbare Enttäuschung und die unglückliche Ehe der jungen Frau vor? Es konnte einem gewiß nicht verübelt werden, wenn man auf einen solchen Gedanken kam.
Fräulein Tuttle mochte wohl derartige Zweifel auf unseren Gesichtern gelesen haben, denn sie rief mit heftiger Betonung:
Herr Jeffrey war meiner Schwester ein liebender Gatte. Ein äußerst liebender Gatte, setzte sie mit Nachdruck hinzu. Dann fuhr sie fort, während tödliche Blässe ihr Antlitz überzog: Ich habe nie in meinem Leben einen besseren Mann gekannt – und brach dann kurz ab.
In ihrem Aufschrei lag ein geheimes Weh, in ihrem Stocken ein Besinnen auf sich selbst, und ich kam auf eine Vermutung, die, wie ich zu meiner Freude bemerkte, von dem Hauptmann bei seiner nächsten Frage übersehen wurde.
Wann haben Sie Ihre Schwester zum letzten Male gesehen? erkundigte er sich. Waren Sie zu Hause, als sie die Wohnung ihres Gatten verließ?
Ach! erwiderte sie. Als sie dann bemerkte, daß eine ausführliche Antwort von ihr erwartet wurde, fuhr sie mit dem Anschein von Leichtigkeit fort: Ja, ich war zu Hause und hörte sie fortgehen. Aber ich hatte keine Ahnung davon, daß sie dies zu einem anderen Zwecke tat, als in eine Gesellschaft zu gehen.
In diesem Anzuge?
Der Hauptmann deutete auf den Fußboden, und Fräulein Tuttles Augen folgten seiner Bewegung. Auf keinen Fall war Frau Jeffrey gesellschaftsmäßig gekleidet. Als Fräulein Tuttle den Fehler bemerkte, den sie gemacht hatte, versetzte sie hastig, wobei sich ihre Worte beinahe überstürzten:
Ich habe es nicht bemerkt. Sie trug öfters Schwarz – es stand ihr. Meine Schwester war etwas exzentrisch.
Eine schlimme Ausrede, ebenso schlimm wie nutzlos. Gewisse Entgleisungen können nicht wieder gutgemacht werden. Fräulein Tuttle schien zu erkennen, daß dies bei ihr der Fall sei, denn sie brach ganz unvermittelt ab mit halb vollendeten Worten auf ihrer Zunge. Und doch erheischte ihre Haltung Achtung, und ich für meine Person war bereit, sie ihr zu zollen.
Gewiß, das war eine Frau, wie man sie nicht alle Tage sieht, und wenn es auch ihren Antworten an Offenheit gebrach, so lag doch ein solcher Adel in ihrer Erscheinung, der jeden Zweifel verstummen ließ. Wenigstens war dies der Eindruck, den sie auf mich machte. Ob der Polizeihauptmann meine Empfindung teilte, konnte ich schwer feststellen, denn seine Aufmerksamkeit sowohl wie die meinige wurde plötzlich durch den Schrei abgelenkt, der jetzt von ihren Lippen ertönte:
Ihre Uhr! Wo ist ihre Uhr? Sie ist fort! Ich bemerkte sie an ihrer Brust, und jetzt ist sie fort! Sie hing gerade dort, wo – wo –
Warten Sie einmal! rief einer der Beamten, der sich auf dem Fußboden umgesehen hatte. Ist sie dies?
Er hielt einen kleinen, von Edelsteinen blitzenden Gegenstand in die Höhe.
Jawohl! rief sie, schwer atmend, indem sie ihre Hand nach der Uhr ausstreckte.
Doch der Beamte überreichte sie dem Hauptmann.
Frau Jeffrey muß die Uhr beim Niederstürzen verloren haben; die Nadel, mit der sie sie an ihrem Kleide befestigt hat, muß zu lose eingesteckt gewesen sein. Dann fuhr er rasch und mit einem scharfen Blick auf Fräulein Tuttle fort: Wissen Sie, ob die Uhr richtig ging?
Ja. Wozu fragen Sie mich danach? Ist sie –
Sehen Sie! Er hielt die Uhr mit dem Zifferblatte auf uns zu. Die Zeiger standen auf sieben Uhr dreizehn Minuten. Die Stunde und die Minute, in der sie auf dem Fußboden aufschlug, erklärte er. Und folglich die Stunde und die Minute, in der Frau Jeffrey zusammenbrach, fügte mein Kollege Durbin hinzu.
Fräulein Tuttle erwiderte nichts, sondern atmete nur schwer.
Ein wertvoller Beweis, fuhr der Hauptmann fort, indem er die Uhr in seine Tasche steckte. Dann begann er von neuem mit einem freundlichen Blick auf Fräulein Tuttle, da er ihre Qual bemerkte: Stimmt diese Stunde mit der Zeit überein, in der Ihre Frau Schwester das Haus verließ?
Ich kann es nicht sagen. Ich glaube aber. Es war etwas vor oder nach sieben Uhr. Ich entsinne mich nicht genau.
Sie wird fünfzehn Minuten zu dem Gange hierher gebraucht haben. Ging sie zu Fuß?
Ich weiß es nicht. Ich sah sie nicht fortgehen. Mein Zimmer liegt nach hinten hinaus.
Können Sie angeben, ob sie das Haus allein oder in der Gesellschaft ihres Gatten verließ?
Herr Jeffrey war nicht bei ihr.
War Herr Jeffrey zu Hause?
Nein.
Diese letzte Antwort wurde mit leiser Stimme gegeben.
Der Hauptmann notierte dies und fuhr dann mit seinen Fragen fort.
Wann war er fortgegangen?
Ihre Lippen zitterten; sie befand sich in großer Aufregung; dann aber erwiderte sie kalt und mit erzwungener Bestimmtheit:
Herr Jeffrey war heut abend überhaupt nicht zu Hause. Er war den ganzen Tag abwesend.
Nicht zu Hause? Wußte seine Gattin, daß er auswärts speiste?
Sie hat nichts darüber gesagt.
Der Hauptmann brach kurz ab, und im nächsten Augenblick verstanden wir auch den Grund. Ein Herr stand in dem Torwege, dessen Antlitz auf den ersten Blick genügte, die Worte auf jedermanns Lippen ersterben zu lassen. Fräulein Tuttle sah diesen Herrn fast zu derselben Zeit wie wir und sank mit einem unwillkürlichen Stöhnen in die Knie.
Es war Francis Jeffrey, der gekommen war, um einen letzten Blick auf seine tote Gattin zu werfen.
Ich bin bei manchen ergreifenden Auftritten zugegen gewesen und habe Männer beinahe unter jeder Art von Schmerz, Schrecken und Gewissensqual beobachtet; allein in dem Gesichte dieses Mannes lag in diesem furchtbaren Augenblick etwas, das mir und wie ich glaube auch den anderen abgehärteten Beamten um mich her völlig neu war. Ohne Zweifel war er ein feingebildeter Mann und obendrein aus guter Familie, und es kommt höchst selten vor, daß wir es mit Leuten seines Standes zu tun haben.
Mit atemloser Spannung warteten wir auf seine ersten Worte.
Nicht daß er besonders erregt war oder irgend ein Zeichen von Schmerz oder Ueberraschung, wie es doch bei einer solchen Veranlassung natürlich gewesen wäre, von sich gegeben hätte. Im Gegenteil, er war der Ruhigste von uns allen, und unter allen Gemütsbewegungen, die sich auf seinem totenblassen Antlitz spiegelten, konnte ich keine entdecken, die irgendwie auf Schmerz hingedeutet hätte. Und doch war sein Aussehen derart, daß sich einem das Herz im Leibe umwandte und man auf die widersprechendsten Vermutungen geriet, wenn man sich fragte, welche Saite in dieser Natur, die sich augenscheinlich in der fieberhaftesten Spannung befand, durch das staunende Entsetzen über diesen erschütternden Abschluß einer so kurzen Ehe am härtesten in Mitleidenschaft gezogen war.
Sein Auge, das auf den ausgestreckten Leichnam seiner Gattin gerichtet war, verriet nichts von seinen Geheimnissen. Als er sich der Stelle näherte, wo sie lag und seinen ersten Blick auf das Band und die an diesem befestigte Pistole warf, blieben auch die Erfahrensten unter uns über die Art seines Fühlens und Denkens völlig im Ungewissen. Nur eins war uns allen klar. Er hegte keinen Wunsch, diese Frau, der er vor so kurzer Zeit ewige Liebe und Treue geschworen hatte, zu berühren. Seine Augen verschlangen sie förmlich, er schauderte und versuchte wiederholt zu sprechen; obgleich er an ihrer Seite niederkniete, streckte er doch keine Hand aus, noch ließ er eine Träne auf die bleichen Züge fallen, die so sehnsuchtsvoll emporgerichtet waren, gleich als wollten sie seinem Blicke begegnen.
Plötzlich sprang er auf.
Muß sie hier liegen bleiben? fragte er, indem er seine Augen forschend im Kreise umherschweifen ließ.
Der Hauptmann antwortete mit der Gegenfrage:
Wie erklären Sie sich ihr Hiersein überhaupt? Welche Erklärung haben Sie, der Ehemann der Toten, für diesen auffallenden Selbstmord Ihrer Frau Gemahlin?
Als Antwort zog Jeffrey, der ein ausnehmend schöner Mann war, ein kleines Blatt zerknüllten Papiers aus seiner Tasche und überreichte es dem Sprechenden.
Lassen Sie ihn sich durch ihre eigenen Worte erklären, versetzte er. Ich fand diesen Zettel in unserer Wohnung, als ich heut abend nach Hause kam. Sie muß es geschrieben haben, unmittelbar bevor – bevor –
Ein unterdrücktes Schluchzen unterbrach ihn, aber es kam nicht von seinen Lippen, die festgeschlossen waren, sondern von denen des jungen Mädchens, das dort drüben am Boden kauerte. Vernahm er diesen Schmerzenslaut eines Wesens, dessen Gegenwart er bis dahin noch gar nicht bemerkt zu haben schien? Es hatte nicht den Anschein. Sein Auge war auf den Hauptmann geheftet, der bei dem Lichte einer Laterne, die ein Detektiv in der Hand hielt, langsam die beinahe unleserlichen Worte entzifferte, die, wie Jeffrey soeben erklärt hatte, die letzte Mitteilung seiner Gattin an ihn enthielten.
Werden sie für das Auge ebenso ergreifend sein, wie sie es für das Ohr in jenem Raum voller unseliger Erinnerungen und im Angesichte des Todes waren?
Ich finde, daß ich Dich nicht so liebe, wie ich es glaubte. Ich kann nicht länger leben, seit ich weiß, daß dies der Fall ist. Möge mir Gott verzeihen.
Veronika.
Ein schweres Atmen von der Gestalt in der Ecke; dann tiefes Schweigen. Wir waren froh, als wir wieder des Hauptmanns Stimme hörten.
Ein Frauenherz ist ein unergründliches Geheimnis, bemerkte er mit einem kurzen Blicke auf Jeffrey.
Es war eine Aeußerung, der wir alle beipflichten konnten; denn er, dem sie in diesen paar Zeilen erklärte, sie könne ihn nicht lieben, war ein Mann, den die meisten Frauen für die Verkörperung alles Bewundernswerten und Fesselnden ansehen würden.
Daß eine Frau ihn so betrachtete, war allen klar. Wenn je ein menschliches Antlitz die Regungen des Herzens verriet, so war dies bei Fräulein Tuttle der Fall, als sie ihren Schwager an der Leiche seiner Gattin, die noch vor wenigen Stunden der Gegenstand des Neides der gesamten vornehmen Damenwelt von Washington gewesen war, nach Fassung ringen sah. Es fiel mir schwer, meine Aufmerksamkeit auf die nächste Frage zu richten, so interessant und wertvoll auch jede Einzelheit, selbst die geringfügigste, möglicherweise für mich werden konnte, falls meine Auffassung des traurigen Ereignisses sich je als richtig herausstellen sollte.
Wie kommen Sie dazu, Ihre Gattin hier zu suchen, die Ihnen doch nur diesen nichtssagenden und nichts weniger als befriedigenden Abschiedsbrief geschrieben hatte? Ich erblicke in diesen Zeilen keinen Hinweis auf den Ort, an dem sie sich das Leben zu nehmen beabsichtigte.
Nein! nein! Selbst dieser starke Mann schrak vor diesem Gedanken zurück und zeigte eine nur allzu natürliche Scheu, als seine Blicke durch das übelberüchtigte Zimmer glitten und schließlich an dem Kamin haften blieben, über dem ein so entsetzliches Geheimnis in undurchdringlicher Dunkelheit schwebte. Sie hat mir nichts von ihrer Absicht gesagt, absolut nichts! Aber der Schutzmann, der mich holen sollte, teilte mir mit, wo sie gefunden worden sei. Er wartete an der Tür meines Hauses auf mich. Er hatte in der ganzen Stadt nach mir gesucht. Wir begegneten uns auf der Schwelle meines Hauses.
Der Hauptmann nahm diese Erklärung an, ohne weiter auf den Gegenstand einzugehen. Es war mir lieb, daß er dies tat. Aber meinem Blicke zeigten sich in dieser Angelegenheit noch zahlreiche Widersprüche, die zu lösen ich als meine besondere Pflicht betrachtete.
Fünftes Kapitel
Ich fand in jener Nacht keine weitere Gelegenheit, die drei Hauptcharaktere in dem furchtbaren Drama, das sich vor meinen Augen abspielte, zu studieren. Der Hauptmann hatte mir eine Aufgabe zugewiesen, die mich von dem Hause fernhielt, und ich war daher bei der nächstfolgenden Szene – der Ankunft des Coroners – nicht zugegen. Aber ich entschädigte mich für dieses Versäumnis in einer Weise, die ich vor mir selbst durch die Wichtigkeit meiner Auffassung von dem Ereignisse rechtfertigte. Dazu kam die offen zutage liegende Notwendigkeit, all und jedes Beweismaterial zusammenzubringen, das geeignet wäre, neues Licht über die Angelegenheit zu verbreiten, falls die Polizeidirektion zu der Ueberzeugung gelangte, es handle sich hier wirklich um einen Mord.
Da ich bemerkte, daß in Onkel Davids Wohnung noch Licht brannte, ging ich über die Straße bis an seine Tür und zog die Glocke. Als Antwort erscholl das tiefe, langgezogene Geheul des Hundes, das aber bald durch den freundlichen Gruß seines Herrn unterbrochen wurde. Diese Art des Empfanges überraschte mich. Ich hatte so häufig von Herrn Moores ungastlichem Benehmen gehört, daß ich eine Abweisung erwartet hatte. Aber ich begegnete keinen derartigen Anzeichen von Feindseligkeit. Seine Brauen waren glatt und sein Lächeln höflich – verbindlich. Er schien über mein Kommen erfreut zu sein und warf einen begütigenden Blick auf Rudge, dessen stürmische Freude bei dieser Unterbrechung der Monotonie seines Daseins sich mit der Furcht paarte, seinem Herrn wehe zu tun. Mit neuerwecktem Interesse folgte ich diesem Manne von so widerspruchsvollem Wesen in das Zimmer, in das er mich geleitete.
Ich blieb schweigsam und wartete darauf, daß er die Unterhaltung beginnen sollte. Dies tat er denn auch, sobald er bemerkte, daß ich nicht die Absicht hatte, zuerst zu sprechen.
Haben Sie denn jemand in dem alten Hause angetroffen? fragte er.
Ich faßte ihn scharf ins Auge und sagte in absichtlich brüskem Tone:
Sie ist einmal zu oft dort gewesen.
Der starre Blick, mit dem er mich ansah, war der eines Schauspielers, der das Gefühl hat, man erwarte von ihm, daß er ein erstauntes Gesicht mache.
Sie? wiederholte er. Wen in aller Welt können Sie damit meinen?
Das Erstaunen, das ich bei diesem kühnen Versuch, den Unwissenden zu spielen, in meinen Zügen ausdrückte, war hoffentlich besser gelungen.
Sie wissen es nicht? rief ich aus. Sie wohnen gerade einem Hause gegenüber, in dem so merkwürdige Menschenansammlungen stattfinden, und haben kein Interesse daran, wer in den öden Räumen aus- und eingeht?
Ich pflege nicht an meinen Vorderfenstern zu sitzen, entgegnete er mürrisch.
Mein Auge fiel auf einen Stuhl, der in verdächtiger Nähe des bezeichneten Fensters stand, und ich fragte weiter:
Aber Sie haben doch das Licht gesehen?
Ich sah es von der Türschwelle aus, als ich in den Garten ging, um Rudge, wie alle Tage, auf fünf Minuten ins Freie zu lassen. Aber Sie haben immer noch nicht meine Frage beantwortet: wer soll drüben gewesen sein?
Veronika Jeffrey, erwiderte ich, die gewesene Veronika Jeffrey. Sie hat dieses ihr gehörige verrufene Haus heute zum letzten Male betreten.
Zum letzten Male? Entweder konnte oder wollte er mich nicht verstehen.
Was ist meiner Nichte zugestoßen? rief er, sich mit solchem Ungestüm in die Höhe richtend, daß der große Hund erschrocken auffuhr und mit gesenktem Kopfe und eingezogenem Schweife nach seinem gewöhnlichen Lager unter dem Tisch schlich. Ist sie einem Geiste in jenen vermaledeiten Zimmern begegnet? Ihre Mitteilung interessiert mich im höchsten Grade. Ich hätte nicht geglaubt, daß sie nach jenem Vorfall bei ihrer Hochzeit den Mut gehabt haben sollte, das alte Haus je wieder zu betreten.
Sie hat den Mut besessen, erklärte ich ihm, und was noch mehr ins Gewicht fällt, sie hat ihn in dem Grade besessen, daß sie das Haus ganz allein betreten hat. So nimmt man wenigstens vorläufig an. Wären Sie mit mehr Neugier behaftet gewesen und hätten Sie einen ausgiebigeren Gebrauch von dem Stuhle gemacht, von dem aus man das Haus gegenüber so bequem beobachten kann, so wären Sie vielleicht in der Lage gewesen, diese Annahme zu berichtigen. Es würde der Polizei ihr mühsames Werk bedeutend erleichtern, wenn sie bestimmt wüßte, daß sie bei ihrem verhängnisvollen Besuche keinen Begleiter hatte.
Verhängnisvoll? wiederholte er, indem er mit dem Finger in seinen Halskragen fuhr, der ihm mit einem Male zu eng geworden zu sein schien. Hat sich meine Nichte in diesem alten Hause vielleicht zu Tode erschreckt? Sie beunruhigen mich.
Er sah gar nicht beunruhigt aus, hatte aber andererseits auch keine leicht erregbare Natur. Aber er war zuletzt aus demselben Stoffe gemacht wie wir Menschen alle, und wenn er tatsächlich nicht mehr von dem Vorfall wußte, als er sich den Anschein gab, so konnte er bei dem, was ich ihm nunmehr zu sagen hatte, doch nicht ganz unempfindlich bleiben.
Sie haben ein Recht, beunruhigt zu sein, pflichtete ich ihm bei. Sie hat sich nicht zu Tode erschreckt, sondern sie liegt tot auf dem Fußboden der Bibliothek. Dann fügte ich mit einem Blick auf die Fenster hinzu: Ich nehme an, daß man einen drüben abgefeuerten Pistolenschuß in diesem Zimmer nicht hören kann.
Er sank mit ziemlich theatralischer Gebärde in seinen Sessel zurück. Ich bin von dieser Nachricht aufs tiefste erschüttert, bemerkte er. Sie hat sich erschossen? Aus welchem Grunde?
Ich habe nicht gesagt, daß sie sich selbst erschossen hat, wiederholte ich mit Nachdruck. Aber alle Umstände sprechen dafür, und Herr Jeffrey stimmt dieser Vermutung zweifellos zu.
Ah, Herr Jeffrey ist drüben?
Ganz gewiß; man hat ihn sofort holen lassen.
Und Fräulein Tuttle? Sie kam natürlich mit ihm?
Sie kam, aber nicht mit ihm. Sie hängt sehr an ihrer Schwester.
Ich muß sofort hinüber, rief er, indem er aufsprang und seinen Hut suchte. Es ist meine Pflicht, die Honneurs des Hauses zu machen, kurz, das – das Haus zur Verfügung der Herren zu stellen. Jetzt fand er seinen Hut und setzte ihn auf den Kopf. Das Haus gehört jetzt mir, erklärte er höflich, indem er sich mit einem Aufleuchten seiner grauen Augen voll nach mir umwandte und mich mit der hoheitsvollen Miene jemandes, der unerwartet zu Vermögen gekommen ist, betrachtete. Frau Jeffreys Vater war mein jüngerer Bruder – es ist dies eine alte und lange Geschichte – und das Vermögen, das von Rechts wegen unter uns hätte geteilt werden sollen, fiel ihm allein zu. Aber er war im ganzen genommen ein guter Junge und sah die Ungerechtigkeit von seines Vaters Testament ebensogut wie ich, und schon vor Jahren vermachte er mir aus eigenem Antriebe sein ganzes Vermögen für den Fall, daß er keine Nachkommen hinterließe oder daß diese Nachkommen stürben. Veronika war sein einziges Kind, und Veronika ist tot; folglich ist das alte Haus jetzt mein Eigentum nebst allem, was dazu gehört, nebst allem, was dazu gehört.
In dieser Wiederholung einer Redensart, deren Sinn an sich völlig klar war, lag die Prahlsucht des armen Schluckers, oder, besser gesagt, die Prahlsucht jemandes, der nach einem Leben voller Entbehrungen plötzlich reich geworden ist. Zugleich aber lag darin eine Gefühlshärte betreffs des überraschenden Todes seiner Nichte, die ich mich für berechtigt halte, besonders zu erwähnen.
Sie nehmen ihren Tod sehr ruhig hin, bemerkte ich. Vermutlich wissen Sie, daß sie geistesgestört war.
Er war dabei, seinem Hunde, der sich bei der ersten Bewegung seines Herrn bereitwillig erhoben hatte, einen aufmunternden Stoß zu versetzen, blieb aber mit dem Fuße in der Luft stehen, da er bemüht war, seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Antwort zu konzentrieren.
Ich bin kein Freund von Sentimentalitäten, versetzte er kalt. Ich habe in meinem ganzen Leben nur einen Menschen geliebt. Warum sollte ich da um eine Nichte trauern, die sich nicht einmal soviel um mich gekümmert hat, um mich zu ihrer Hochzeit einzuladen? Es würde dies eine Heuchelei sein, ganz unwürdig des Mannes, der endlich dazu gelangt ist, seine ihm gebührende Stellung in dieser Stadt als Besitzer des großen Mooreschen Vermögens einzunehmen. Denn groß wird es sein, fuhr er mit Nachdruck fort. In drei Jahren werden Sie das Haus nicht wiedererkennen. Trotz seiner erdichteten Geister und seines todbringenden Kamins wird es zu den ersten in Washington gehören. Ich, David Moore, verspreche Ihnen dies, und ich bin nicht der Mann dazu, alberne Prophezeiungen auszusprechen. Aber man wird mich drüben vermissen. Bei diesen Worten gab er seinem Bullenbeißer den Stoß, der so lange hatte auf sich warten lassen. Rudge, du bleibst hier. Der Hausflur drüben ist eisig kalt. Außerdem würde dein Geheul heut abend in jenen alten Räumen nicht gerade vermißt werden. Auch würdest du ja gar nicht mit mir kommen wollen, dafür kenne ich dich zu gut, alter Freund. Er hat niemals auf jene andere Seite der Straße hinübergehen wollen, fuhr der alte Herr fort zu schelten und zeigte hierbei heute abend die erste Spur von Gereiztheit. Aber er soll dieses Vorurteil bald überwinden lernen, selbst wenn ich den alten Kamin niederreißen und die Wände erneuern lassen müßte. Ich kann ohne Rudge nicht sein und will an keinem anderen Orte leben, als in dem alten Hause meiner Väter.
Inzwischen hatten wir das Zimmer verlassen und ich begann, da die Zeit drängte, mit einer gewissen Keckheit: Sie haben vergessen, auf meine Andeutung von vorhin etwas zu erwidern. Darf ich mir vielleicht gestatten, sie als Frage zu wiederholen? Ihre Nichte, Frau Jeffrey, schien alles in der Welt zu besitzen, was nur den Menschen glücklich machen kann, und doch nahm sie sich das Leben. Lag vielleicht erbliche Belastung mit Wahnsinn vor, oder war ihre Natur so unberechenbar, daß ihr plötzlicher Tod an einem so unheimlichen Orte Sie so wenig in Verwunderung setzt?
Ein Aufblitzen des Jähzorns, der den alten Herrn mehr oder minder sogar bei den Straßenjungen gefürchtet gemacht hatte, die ihm auf Schritt und Tritt folgten und ihn verhöhnten, brach aus seinem Auge, als er mir an der offenen Haustür den Vortritt ließ. Aber er unterdrückte rasch dieses Zeichen von Mißfallen und antwortete mit feinem Sarkasmus:
Sehen Sie, Sie erwarten Empfindungen von mir, die der Jugend angehören oder Leuten, die mehr Herz als Verstand besitzen. Ich erkläre Ihnen offen, ich habe kein Herz. Meine Nichte kann wahnsinnig geworden sein oder einfach mit ihren achtzehn Jahren den Becher des Genusses bis zur Hefe geleert und allzufrüh den bitteren Nachgeschmack empfunden haben. Ich weiß es nicht und kümmere mich auch nicht darum. Was mich angeht, ist einzig das, daß mir die Verantwortlichkeit für ein großes Vermögen höchst unerwartet zugefallen ist, und daß ich Stolz genug besitze, um zu wünschen, ich möchte imstande sein, diese Last auf mich zu nehmen. Außerdem könnte man sich versucht fühlen, die Wände oder Dielen drüben zu beschädigen. Die Polizei achtet niemandes Eigentum. Aber ich werde ihr zeigen, daß sie das meinige zu achten hat. Ich werde kein Aufreißen des Fußbodens und kein Niederlegen von Wänden gestatten, ohne daß ich dabei bin, um die Arbeiten zu beaufsichtigen. Ich bin jetzt der Herr des alten Ahnensitzes und werde es jedermann zeigen. Und mit einem letzten Blicke auf den Hund, der als Antwort darauf den kläglichsten Protest erhob, verschloß er die Haustür und begab sich auf die andere Seite der Straße.
Während ich seine sichere Haltung beobachtete, mit der er durch das unheimliche Portal schritt, das ihm, wie er mir selbst erzählt hatte, so lange verschlossen gewesen war, legte ich mir die Frage vor, ob die Kerzen, die ich auf seinem Kaminsims hatte liegen sehen, von derselben Art und Größe waren, wie die, die ich bei meiner Durchsuchung des Hauses, in das er soeben getreten war, gefunden hatte.
Sechstes Kapitel
Am nächsten Morgen befand sich die Stadt in fieberhafter Aufregung. Die brennenden Tagesfragen – die ganz unerwartet kommende Mobilisierung des Heeres und die Aussicht auf rasche Fortschritte auf Cuba – waren alle über der einen furchtbaren Nachricht von dem Tode der jungen Frau Jeffrey und den beklagenswerten Umständen, unter denen er erfolgt war, vergessen. Niemand sprach von etwas anderem, und nur wenige vermochten an etwas anderes zu denken. Ihre Jugend, ihre Vornehmheit, ihre Vereinigung mit einem so ausgezeichneten Manne wie Herrn Jeffrey, der schreckliche Vorfall bei ihrer Trauung, der jetzt durch das noch ergreifendere Unglück, das ihrem eigenen Leben so plötzlich ein Ziel gesetzt hatte, in Schatten gestellt worden war, verliehen der Angelegenheit ein Interesse, das während der ersten vierundzwanzig Stunden keiner weiteren Steigerung durch eine übereilte Hindeutung auf einen vorliegenden Mord fähig war.
Ich hütete mich denn auch wohl, eine Bemerkung darüber zu machen, daß ich an etwas anderes als einen Selbstmord glaubte, nahm mir aber im stillen vor, alle die Familie Jeffrey betreffenden Tatsachen zu sammeln. Eine meiner ersten Beschäftigungen bestand darin, daß ich die Spalten des »Star« durchblätterte und noch einmal den Artikel über das schreckliche Ende der Jeffrey-Mooreschen Hochzeit las, der am Abend seines Erscheinens ganz Washington mit Entsetzen erfüllt hatte. Die Festlichkeit, die infolge des verspäteten Erscheinens der Braut über eine halbe Stunde später als festgesetzt stattgefunden hatte, war dadurch jäh unterbrochen worden, daß ein den übrigen Gästen vollständig unbekannter Mann, der durch bei ihm aufgefundene Briefe als ein Herr W. Pfeiffer aus Denver rekognosziert wurde, tot auf dem Lehnstuhle in der Bibliothek gefunden wurde. Die unheimliche Entdeckung hatte zwar keine Unterbrechung der Zeremonie bewirkt, aber die Gäste waren nach Schließung der Ehe nach allen Richtungen geflohen.
Eine weitere Depesche aus Denver besagte, man könne sich dort die Anwesenheit Wallace Pfeiffers, eines der angesehensten Bürger der Stadt, in Fräulein Moores Hause nur so erklären, daß er, obgleich Kaufmann und vor kurzem Goldgräber in Klondike, sich doch sehr für die Geheimwissenschaften interessierte und fast an alle Arten übernatürlicher Kundgebungen glaubte. Er hatte wohl von dem unheilvollen Gerüchte gehört, das sich an das Moorehaus heftete, und hatte die Gelegenheit benutzt, das interessante alte Gebäude zu betreten und die verhängnisvolle Bibliothek persönlich zu durchforschen. Dabei sei seine Phantasie wohl so erregt worden, daß der Tod infolge der außerordentlichen Feinfühligkeit seiner Natur eintrat.
Der nächste Artikel war kurz. Neuere Ereignisse hatten den Vorfall, der vor drei Tagen das Stadtgespräch gebildet hatte, in den Hintergrund gedrängt.
»Verdikt in Sachen des auf dem Lehnstuhle in der Bibliothek des alten Moorehauses tot aufgefundenen Wallace Pfeiffer.
Todesursache: Herzlähmung.
Die Leiche wurde heute nach Denver übergeführt.«
Und darunter, nur durch einen Zwischenraum getrennt, standen die Worte:
»Herr und Frau Francis Jeffrey haben sich entschlossen, ihre Hochzeitsreise aufzugeben und ihre Flitterwochen in Washington zuzubringen. Sie werden ein Haus in der K.-Straße beziehen.«
Die letztgenannte Notiz brachte mir die mich unaufhörlich beschäftigende Frage in mein Gedächtnis zurück. Konnte man in dem Haushalt des neuvermählten Paares und in den bei seiner Verbindung möglicherweise obwaltenden geheimen Leidenschaften die Veranlassung zu dem blutigen Verbrechen erblicken, das sich meiner Meinung nach hinter diesem anscheinenden Selbstmorde verbarg? Oder waren diese in Betracht kommenden Personen unschuldig und der alte David Moore die einzige treibende Kraft bei der Herbeiführung einer Tragödie, die ihn bereichern und jene berauben sollte? Was diese selbst betrifft, so schienen die wenigen, eine Erklärung versuchenden Zeilen, die Veronika ihrem Gatten hinterlassen hatte, auf niemand Eindruck zu machen. Für die näheren Bekannten des jungen Paares bildeten sie einen untrüglichen Beweis für ihre Geistesstörung; in den Augen derer, die das Paar oberflächlich kannten, und für das Publikum im großen und ganzen waren sie das Geständnis einer Frau, die sich von ihrem Manne enttäuscht sieht.
Um herauszubekommen, welche von diesen beiden Auffassungen die richtige war, benutzte ich einen freien Nachmittag zu einem Ausfluge nach Alexandria, wo, wie mir mitgeteilt worden war, Herr Jeffrey die Bekanntschaft seiner Frau gemacht hatte. Man sieht, ich wünschte etwas Lokalklatsch zu erfahren, und mein Wunsch ging in Erfüllung. Die Luft war vollgeladen damit, und da ich die Vorsicht gebrauchte, mich nicht als Detektiv einzuführen, um kein Mißtrauen rege zu machen, so brachte ich mit leichter Mühe verschiedene dem Anschein nach unbedeutende Tatsachen zusammen. Geordnet und in Form einer Erzählung gebracht, lautet das Ergebnis folgendermaßen.
John Judson Moore, Veronikas Vater, besaß weniger Seltsamkeiten als die übrigen Mitglieder dieser exzentrischen Familie. Man glaubte jedoch, er hätte den seiner Familie eigentümlichen Selbständigkeitstrieb dadurch gezeigt, daß er bei der Wahl einer Lebensgefährtin eine Witwe bevorzugte, die ihm nicht nur ein Kind mit in die Ehe brachte, sondern die auch allgemein als die einfachste Frau in Virginia galt, während er die größte Schönheit des Südens habe bekommen können. Aber als im Laufe der Zeit diese verachtete Frau jene Tugenden und gesellschaftlichen Vorzüge entwickelte, die sie im hohen Grade zur Leitung des großen Haushaltes befähigten, dessen Herrin sie geworden war, wurde ihm sein Mangel an Geschmack verziehen. Es wurde seitdem wenig von seinen Eigenheiten gesprochen, bis er nach dem Tode seiner Frau und bei der Schwächlichkeit seines Kindes ein Testament zugunsten seines Bruders errichtete, das diesen Herrn später mit so tiefer Genugtuung erfüllen sollte.
Weshalb diese Handlungsweise bei den Freunden der Familie so großen Unwillen erregte, darüber erhielt ich keine Auskunft; daß dem aber so war, geht daraus hervor, daß allseitig große Befriedigung Platz griff, als sich Veronika plötzlich zu einem gesunden, kräftigen Kinde entwickelte und die Wahrscheinlichkeit, daß David Moore das große Vermögen erben würde, ganz minimal wurde. Die Freude dauerte jedoch nicht lange, denn John Judson folgte seiner Gattin in die Gruft, ehe Veronika ihr zehntes Jahr erreicht hatte, und hinterließ sie und ihre Halbschwester, Cora, der Vormundschaft eines sonderlichen alten Rechtsgelehrten, der schon seines Vaters Sachwalter gewesen war. Dieser Anwalt war grämlich und eigensinnig, aber niemals direkt unfreundlich. Zwei Jähre lang schienen die Schwestern ziemlich zufrieden zu sein, als man sie plötzlich und in etwas gebieterischer Weise trennte, indem Veronika in eine Schule nach dem Westen geschickt wurde, wo sie, anscheinend ohne einen einzigen Besuch im Osten zu machen, bis zu ihrem siebzehnten Jahre blieb. Während dieser langen Abwesenheit der Schwester lebte Fräulein Tuttle in Washington und entwickelte sich unter der Leitung ihrer Lehrer zu einer vollendeten Dame. Veronikas Vormund, der die jugendliche Besitzerin des großen Vermögens, dessen alleiniger Verwalter er geworden war, sehr streng behandelte, zeigte sich gegen die Schwester, die keinen Pfennig besaß, auffallend freigebig, vielleicht mit der Hoffnung in seinem verschlossenen, eigenwilligen alten Herzen, daß die Reize und die Anmut Coras ihr einen Gatten aus der bevorzugten Gesellschaftsklasse verschaffen würden, zu der sie von der Natur bestimmt schien. Aber Fräulein Tuttle war nicht leicht zu befriedigen, und die ersten Männer Washingtons kamen und gingen, ohne in ihr ein wärmeres Interesse zu erregen, bis sie Francis Jeffrey begegnete, der ihr Herz sogleich beim ersten Blicke gewann.
Diejenigen, die sich ihrer von jenem Winter her erinnern, behaupten, sie habe sich unter seinem Einflusse aus einem schönen Mädchen in ein liebliches verwandelt. Aber es fand keine Verlobung statt, und man wunderte sich, warum Francis Jeffrey seine Hand nicht nach einem so hohen Preise ausstreckte, als Veronika Moore nach Hause kam und die Frage endgültig entschieden wurde.
Veronika war nunmehr fast achtzehn Jahre alt und war in ihrer Abwesenheit zur Jungfrau herangeblüht. Sie war nicht so schön wie ihre Schwester, aber sie besaß ein anmutiges und gefälliges Aeußere und dabei doch soviel Uebermut in ihrem Temperament, um ihre mädchenhaften Züge nicht leer und ihre Unterhaltung witzig, wenn nicht geradezu glänzend erscheinen zu lassen. Als aber Francis Jeffrey sich mit seinen Huldigungen von Fräulein Tuttle abwandte und sie ganz offen und ohne jede Scheu diesem hübschen Schmetterling darbrachte, so ließ sich nur ein Ausdruck zur Charakterisierung dieser Handlungsweise finden, und der lautete: Glücksjäger. Im Besitze eines kleinen, aber sicheren Einkommens, hatte er bisher eine gewisse Zufriedenheit mit seiner Lage gezeigt, die darauf berechnet war, Achtung einzuflößen und den Anschein zu erwecken, als seien seine Huldigungen für Fräulein Tuttle aufrichtig und ernst gemeint. Aber kaum erblickte er Veronikas strahlende Augen, als er sein Herz der jungen Erbin zu Füßen legte und seine Werbung so angelegentlich und rasch betrieb, daß sie nach zwei Monaten verlobt und nach Verlauf eines halben Jahres verheiratet waren – die traurigen Folgen hatten sich allerdings sehr bald gezeigt.
Den Kopf voll von diesen Eindrücken, kehrte ich nach Washington zurück. Ich hatte mich mit den offen zutage liegenden Tatsachen aus der Geschichte der Familie bekannt gemacht; was wußte ich aber von dem Innenleben der in Betracht kommenden Personen? Wer wußte überhaupt etwas davon?
Pulsuz fraqment bitdi.