Kitabı oxu: «Tanz der Zwerge»
Anne Marie Løn
Tanz der Zwerge
Ins Deutsche übertragen
von Knut Krüger
Lindhardt & Ringhof
Ich sehe die Welt,
mit Blumen geschmückt,
weiß, eine Unwetternacht
ist der Preis für das Glück
Viggo Stuckenberg
ERSTER TEIL
1
Verfluchter Kerl ...»
Der Kutscher hatte sich von seinem Bock erhoben und brüllte mich über das Pferd hinweg an, das sich gerade aufbäumen wollte.
«Hat so ein blöder Gnom nichts anderes zu tun ... Läuft hier auf offener Straße herum und verschreckt die Pferde anständiger Leute.»
Meine Beine wirbelten wie Trommelstöcke über das Pflaster. Das Pferd begnügte sich mit einem Wiehern, das gemeinsam mit dem klappernden Geräusch der Schuhe von der Mauer des Wohnhauses widerhallte und über den Bürgersteig auf die Straße zurückgeworfen wurde.
Die Luft war von Aufruhr erfüllt – der Wutausbruch des Kutschers, das Läuten der Fahrradglocken und das vereinzelte Hupen eines Automobils ließen die Leute innehalten. Meine Schuhspitze stieß hart gegen die Kante des Bürgersteigs. Nachdem ich um ein Haar gestrauchelt wäre und erst im letzten Moment das rettende Ufer erreichte, hatte meine Person, wie man sich denken kann, alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
«Winziges Biest!», fauchte eine Frau so dicht neben mir, dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte.
«Knotige Missgeburt!», übertrumpfte sie ein Laufbursche mit einem Handkarren.
Ich hätte aus Höflichkeit meinen Hut gelüftet, wenn ich einen aufgehabt hätte. Doch ich trage keine Hüte, weil sie den überdimensionalen Umfang meines Kopfes hervorheben – bei großer Kälte allenfalls eine Baskenmütze und manchmal zu Hause, im Sommer, eine Schiffermütze.
Nachdem ich unbeschadet zur Haustür hineingekommen bin, stehe ich keuchend auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock, halte mich am Mauervorsprung fest, über dem sich das Fenster zum Hof befindet. Das Rankenmuster der großen Scheibe tanzt vor meinen Augen. Eine Amsel sucht Resonanz im Schacht des Hinterhofs, und ich spüre, wie reizbar ich bin.
Mit einem Finger schiebe ich die Brille näher an meine Augen heran, während ich versuche, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Ich habe keinen Nasenrücken, was sehr unpraktisch ist, weil ich schlecht sehe.
Der regnerische Maitag und meine heftigen Atemstöße haben meine Brillengläser beschlagen lassen. Ich beuge meinen Kopf zur Seite, sodass ich die Gläser notdürftig mit dem Jackenärmel polieren kann, während das Herz langsam an seinen angestammten Platz zurücksinkt, der aber auf einmal viel zu klein wirkt.
Die Atemnot, die mich oft auch dann überfällt, wenn ich gar nicht laufe, ist mir längst vertraut. Ständig machen sich meine Lungen und mein Hohlkreuz den Platz streitig. Die Krümmung meines Rückgrats nach links, die ich durch ein permanentes Beugen nach rechts auszugleichen versuche, verstärkt den unvorteilhaften Druck in meinem Körper.
Alles beruhigt sich einigermaßen, aber der Schrecken macht sich als Zittern in den schlappen Gelenkbändern des Knies bemerkbar, als ich die Fensterbrüstung loslasse und mich die letzten neun Stufen zu meiner Wohnungstür am Treppengeländer hinaufziehe.
Natürlich habe ich anderes zu tun, als die Pferde anständiger Leute aufzuschrecken. Heute habe ich auf vier Begräbnissen gespielt; gestern begleitete ich drei geschmückte Särge samt Trauergesellschaft aus der Kapelle des Westfriedhofs hinaus, und morgen werde ich wieder unbemerkt hinter der Balustrade der Empore sitzen, und die motorische Sicherheit meines Orgelspiels wird die meiner Atmung bei weitem übertreffen.
Eines Tages wird vielleicht der Kutscher, der mir nachrief, mit der Mütze in der Hand in der Kapelle stehen und dem Herrgott oder dem Unbekannten hinter der Balustrade einen Dank für die schöne Zeremonie hinaufschicken.
So gesehen bin ich eine genauso ehrbare Person wie der aufgebrachte Kutscher oder sonstwer, abgesehen von der Tatsache, dass ich ein Zwerg bin. Mit meinen 52 Zoll und meinem auffälligen Äußeren kann ich Menschen, die mich nicht täglich sehen, leicht in Verwirrung stürzen.
Wenn ich die unzweideutige Reaktion der Tiere – der Pferde (das ist mir schon öfter passiert) sowie der Hunde – bedenke und sie auf die Menschen übertrage, glaube ich, dass ihr Zorn eine Folge der Angst sein muss. Die Tiere erschrecken einfach vor meinem Äußeren, verhalten sich aber im Übrigen genauso wie meine Mitmenschen: Wenn sie sich erst einmal an mein Aussehen gewöhnt haben, fürchten sie sich nicht mehr.
Während ich mit dem Schlüssel herumfummle, wird mir schlagartig klar, wo ich mich eigentlich befand, als ich vorhin so geistesabwesend die Straße überquerte. Das Profil einer Frau, das ich im schräg über der Orgel angebrachten Spiegel erblickte, traf mich wie der Anblick einer Sternschnuppe, als sich die vorletzte Trauergemeinde während der Zeremonie erhob. Wie gelähmt saß ich vor dem Manual und sah das Profil aus dem Spiegel verschwinden, als die Gemeinde sich wieder setzte, um «Der gesegnete Tag» zu singen. An das Postludium kann ich mich nicht erinnern.
Den gesamten Heimweg über versuchte ich mir die Sekunden in Erinnerung zu rufen, in denen ich versäumt hatte, mich lautlos an die Balustrade zu stellen und hinunterzublicken. Außerdem warf ich mir vor, nicht schnell genug wieder in den Spiegel geschaut zu haben, als sich die Gesellschaft bei der letzten Strophe «So kehren wir heim ins Vaterland» erneut erhob, während der Sarg hinausgetragen wurde.
Der Tumult auf der Straße war vollkommen selbstverschuldet; ich hatte nichts anderes im Kopf gehabt, als die Gelegenheit, die ich innerhalb weniger Sekunden verspielt hatte. Wer würde sich nicht über einen Fußgänger aufregen, der weder nach links noch nach rechts schaut?
Das reale Bild des Profils ist verblasst, doch ich spüre immer noch, wie die Verzückung, welche die Erscheinung hervorrief, wiederkehrt, aus allen Teilen des Körpers warm zusammenströmt und sich wie ein Bündel aus Samt und Gold um mein Herz schließt, als ich den Schlüssel ins Schloss stecke.
Organist – eine ehrenwerte Tätigkeit, in aller Bescheidenheit gesagt. Was wäre eine Trauerfeier ohne Orgelmusik ... ein Käfer ohne Panzer. Was wäre das Leben ohne Musik ... Mühsal ohne Erbauung ... ich weiß es wirklich nicht.
Als ich noch in der Wiege lag, spielte mein Vater mir zu Hause auf unserem Flügel bereits Chopin, Schubert und dänische Kinderlieder vor.
Meine Geschwister, von denen zumindest einige zu Übertreibungen neigen, behaupten, wenn Vater Rubinsteins a-Moll-Sonate für Klavier und Violine spielte, hätte ich bei bestimmten Sätzen vor Vergnügen gejauchzt und so heftig gestrampelt, dass die Verstrebungen der Wiege ächzten.
Die Ambitionen meines Vaters erwachten auf der Stelle. So wie Dädalos ein Labyrinth für König Minos schuf, errichtete er um mich herum ein solides Bauwerk des Ehrgeizes, das mich für viele Jahre gefangen hielt. Ich habe mich aus dem Labyrinth befreit und bin mit den Flügeln emporgestiegen, die er mir aus Wachs und Federn gefertigt hatte, doch ich war klüger als Ikarus. Ich habe vermieden, der Sonne so nahe zu kommen, dass deren Wärme das Wachs hätte schmelzen können.
Mein Verhältnis zur Wirklichkeit war nie versöhnlicher als jetzt, doch mein Weg von der Wiege zur Friedhofskapelle war lang. Der Ehrgeiz, den mein Vater in meine Entwicklung setzte, pflasterte diesen Weg mit kleinen, scharfen Steinen, die durch die Sohlen meiner spezialangefertigten Schuhe schnitten. Ich beklage mich nicht. Das Kitzeln und Stechen hat mich dazu gebracht, die Füße zu heben und Schritt für Schritt voranzukommen.
2
Mein Leben lang habe ich mich mit Musik beschäftigt. Als ich mit drei Jahren meine ersten Schritte machte, führten sie mich auf direktem Wege zum Flügel des Hauses. Dies geschah mit demselben Instinkt, mit dem ein Kängurujunges nach der Geburt in den Beutel mit der Leben spendenden Zitze emporkrabbelt, um sich dort die Nahrung für sein weiteres Wachstum zu sichern, bis es voll entwickelt ist.
Als ich, auf einem Schemel stehend, die mittlere Oktave der Klaviatur in Beschlag nahm, ahnte die Familie sogleich, dass ich im Laufe der Zeit der Geschichte des Flügels ein neues, wesentliches Kapitel hinzufügen würde. Mit den Enden meiner Stummelfinger erreichte ich die Tasten, hielt mein Ohr daran und ließ von Beginn an Tonfolgen erklingen, die gewissen mathematischen Gesetzmäßigkeiten gehorchten, sodass selbst die pragmatischsten Zuhörer diese Klänge als Musik bezeichnen mussten.
Der Flügel auf Willhofsgave ist ein legendäres Instrument und Bestandteil des Kulturerbes. Eines der klassischen dänischen Lieder, das heute alle auf den Lippen haben, wurde von einem meiner Verwandten darauf komponiert, bevor ich zur Welt kam. Als ich begann, mir Dreiklänge zusammenzusuchen, und linke und rechte Hand sich unmerklich vereinten, um Akkorde mit Grundton, Terz und Quinte hervorzubringen, entschied meine begeisterte Familie, dass ich von Erbanlagen begünstigt sein müsse, die sich durch die Komponisten der mütterlichen Linie im Laufe von Generationen emporgearbeitet hätten, um sich als neue musikalische Genialität zu offenbaren.
Dieser Entschluss wurde mit so unerschütterlicher Selbstsicherheit gefasst, dass selbst heute – mit Ausnahme meines einzigen Bruders Helmuth – niemand wahrhaben will, dass ich nicht in der Königlichen Kapelle am Kongens Nytorv, sondern in der Friedhofskapelle spiele.
Für mein damaliges Problem, die benachbarten Oktaven zu erreichen, fand mein Vater eine Lösung. Resolut nahm er Maß, setzte sich in die Bibliothek und fertigte eine Zeichnung für einen niedrigen und extrem langen Schemel an. Die Skizze ließ man der Tischlerwerkstatt des Gutshofs als Eilauftrag des Hauptgebäudes zukommen.
Ich erinnere mich immer noch an das phantastische Gefühl, als meine Reichweite mit meinem Bedürfnis zur Deckung kam, auch die hohen und tiefen Töne zu erreichen. Die Hände gewöhnten sich fast augenblicklich daran, den Füßen zu signalisieren, wohin sie sich bewegen sollten. Bald steppte ich auf dem Schemel unbeschwert hin und her. Die Familie lachte und sagte, dass so zur Musik noch eine regelrechte Tanzvorführung hinzukäme.
Wenn ich von dem Klavierschemel heruntersprang, war mein Gang natürlich genauso unbeholfen und watschelnd wie zuvor, doch mein Vater erklärte, an dem Tag, an dem die Musik mir erst als Teil meiner Persönlichkeit in Fleisch und Blut übergegangen wäre, würde ich mich überall mit derselben Anmut und Leichtigkeit bewegen wie meine Finger auf dem Manual, und die Welt würde einen Gang von solcher Eleganz kennen lernen, wie er niemals zuvor bei einem Menschen meiner Physiognomie zu sehen war.
Zu diesem Zeitpunkt war das Phänomen von französischen Professoren als Achondroplasie diagnostiziert und von deutschen Forschern als Chondrodystrophia fetalis bezeichnet worden, wohingegen die Dänen sich mit einer Diagnose noch zurückhielten, weil man auf dem Feld des Nanismus nicht mit differenzierenden Begriffen arbeitete, sondern alle Arten des Zwergwuchses als fetale Rachitis bezeichnete.
Wie ich so auf dem Schemel stand und mir die Saiten im Innern des Flügels die Fragen, die ich an die Tasten stellte, beantworteten, versank ich völlig in meinem Spiel. Schon bald lehrten mich die Tasten, ihren Willen zu begreifen, und wenn sie mich spüren ließen, dass alles seine Richtigkeit hatte, verwandelte sich der Raum in ein mächtiges Tongebilde, das alles andere verdrängte.
Das ist womöglich das Gefühl, das man göttlich nennt.
Aber mein Verhältnis zur Musik ist kein göttliches, abgesehen von der selbstvergessenen, überirdischen Freude, die einen – im Bewusstsein, ein Handwerk auszuüben – in gewissen Momenten ergreifen kann.
Während ich auf diese Weise heimlich zwischen Himmel und Erde verschwand, brachen ein oder mehrere Familienmitglieder den Zauber, indem sie betonten, mich auf dem Schemel zwischen Boden und Decke sowohl hören als auch sehen zu können.
In den vielen Jahren, in denen ich, wie von meinem Vater vorgegeben, nach Höherem strebte, hatte ich nur noch selten das Gefühl zu verschwinden. Mit der Zeit begriff ich, dass ich nicht zu Außerordentlichem geboren war, und mein Gang unterscheidet sich wohl auch nicht wesentlich von dem anderer Zwerge.
Meine Orgel hat zwei Manuale und ein Pedal. Das tiefste Register des ersten Manuals ist Bordun 16' aus gut gelagertem Kiefernholz. Prinzipal 8' ist mit seinem 15-lötigen Zinn und dem schön einsetzenden, kräftigen Klang wahrhaftig der Prinzipal aller anderen Pfeifen. Er klingt sehr hübsch mit Flute harmonique 8' und Ottava 4'. Das erste Manual hat außerdem Tromba 8', es klingt wie die Posaune des Jüngsten Gerichts.
Das zweite Manual verfügt über Gamba 8', Aeoline 8', Vox Celeste 8', Bordone 8' und Flute travers 4'. Im Pedalwerk habe ich Subbass 16' und Cello 8'.
Das erste Manual zeichnet sich durch Kraft und Schönheit, das zweite durch einen edlen, romantischen Klang aus. Ich kann sie dazu bringen, so zu klingen wie die Cavaillé-Colls-Orgel der Jesuskirche ganz in der Nähe, obwohl diese sehr viel größer ist.
Das Gehäuse, die gesamte Mechanik und die Windladen bestehen aus Mahagoni, Eichen- und Kiefernholz. Die weißen Tasten sind aus Elfenbein, die schwarzen aus Ebenholz. Die Registerknöpfe wurden aus Ebenholz gedrechselt und tragen eingelegte Porzellanschildchen mit den Namen der Register.
Die Orgel wurde nach den neuesten pneumatischen Prinzipien gebaut, was ein sehr effektvolles Spiel der zwölf Register ermöglicht, die man auf unendlich viele Weisen miteinander verbinden und mischen kann. Sie sind nach dem Kammerton gestimmt, und das erste und zweite Manual sind so eingerichtet, dass sie sich sogar während des Spiel miteinander kombinieren lassen.
Ich nenne die Orgel mein Eigen, und es erfüllt mich mit Freude, sie zu beschreiben. Mein so genanntes Verschwinden war ein kindliches Spiel; die Muschel existiert, aber die Schale hat sich um den beschädigenden Fremdkörper herum geschlossen, sodass die Wogen des Meeres sie frei umspülen können. Über dem eingeschlossenen Sandkorn bildet sie Schicht für Schicht Perlmutt, und so spürt die Muschel fortwährend, dass sie am Leben ist.
3
In der Willhof-Holm-Familie war die Begeisterung ganz auf meiner Seite, als ich den bürgerlichen Beruf des Organisten ergriff und dieses halb geistliche Amt für ein festes Gehalt von 1800 Kronen jährlich zuzüglich 4 Kronen und 82 Öre für jeden Gottesdienst antrat.
Wir Mitglieder der hauptstädtischen Friedhofsverwaltung sind die am besten bezahlten Organisten des Landes, gleich nach den Domorganisten. Ich bin – im Gegensatz zu meinem früheren Lehrer Thorvald Nielsen, Organist und Kantor der Frederiksberg Kirche – nicht mehr darauf angewiesen zu unterrichten, Klaviere zu stimmen und Vertretungen zu übernehmen. Über die finanzielle Seite dieser Angelegenheit habe ich meiner Familie wohlweislich nicht allzu detailliert Rechenschaft abgelegt.
«Friedhofsverwaltung!»
Das Gesicht meines Vaters wurde weißer als sein Haar. Hinter dem faltigen Pergament seiner Haut wurden seine beschwörenden Prognosen über meine glänzenden Zukunftsaussichten als Künstler unkenntlich und sein unerschütterlicher Glaube an meine besondere musikalische Begabung und meine offenkundige Fähigkeit, die Wirklichkeit zur Kulisse zu degradieren, völlig sinnlos. Der Wirklichkeit und dem Leben am nächsten ist – gleich nach der Geburt – der Tod.
Mit meiner Anstellung hatte ich ihm den letzten Rest seiner immer realitätsferneren Träumereien bezüglich meiner Solistenlaufbahn ausgetrieben und seine vage Hoffnung begraben, mein Talent könne ein Gebrechen in eine unbedeutende Beeinträchtigung künstlerischer Hochleistung verwandeln. Außerdem hatte ich seinen Status als mein Mäzen untergraben.
Gewisse pekuniäre Umstände, die mit heute weniger denn je überschaubaren finanziellen Schwierigkeiten meiner Familie zusammenhängen, zwangen mich vor zwei Jahren, die Organistenprüfung abzulegen und eine Stelle anzutreten. Ein Beleg meines Savoir-faire.
Bis zu meinem neunundzwanzigsten Lebensjahr hatte ich dazu beigetragen, die Illusion meines Vaters über seinen konzertierenden Sohn zu nähren. Doch mein Leben ist keine Illusion. Ich lebe, und es ist eine Tatsache, dass heute ein Frauenprofil in den Spiegel über der Orgel hineinglitt und dass dessen Anblick eine Wärme erzeugt, die aus allen Körperteilen zusammenfließt und mein Herz umschließt.
Die Gesichtshaut meines Vaters hat wieder Farbe angenommen. Er weiß nur zu gut, dass Erkenntnis Erfahrung voraussetzt und Einsicht nach der Erkenntnis kommt. Was für Erkenntnisse er nach seiner unmittelbaren Reaktion gewann, als ich meinen Rückzug aus den Reihen potenzieller Schöngeister kundtat, weiß ich nicht.
Doch ich freute mich – gemeinsam mit meiner Mutter und meinen zu Hause wohnenden Schwestern – während der gesamten, über das Wasser führenden Fahrt nach Willhofsgave darüber, dass mein Vater in seinem hohen Alter mit verblüffender Vitalität seine philosophischen Studien wieder aufnahm. Die Werke seines Jugendfreunds Harald Høffding über die Einheit und Kontinuität des Bewusstseins wurden im Lichte der neuen Situation repetiert und bearbeitet. Besonderes Gewicht lag auf dem psychophysischen Parallelismus, den er schon in ganz jungen Jahren mit Høffding zusammen bei Spinoza studiert hatte und der ihn zu Beginn der neunziger Jahre, als ich ein Säugling war, erneut beschäftigte. Aus den heimischen Bulletins lernte ich, dass der alte Mann immer noch nicht immun war gegen das Allheilmittel, sich in philosophische oder literarische Dinge zu vertiefen, um Licht in das Dunkel zu bringen.
Obwohl ich meinem Vater immer wieder beteuert habe, mein Talent ganz und gar ausgeschöpft zu haben, wird er insgeheim bis ans Ende seines Lebens über die Kollision meiner Behinderung mit meinen Karrierechancen nachgrübeln und zu der Ansicht neigen, die Behinderung hätte diese beeinträchtigt. Natürlich hat es eine Kollision gegeben, doch ich finde es sinnlos, mich mit Mutmaßungen abzuplagen, welche Teile meiner Persönlichkeit anderen Teilen eventuell im Weg gestanden haben könnten.
Ich halte mich an einen interessanten Gedanken von Grundtvig über Körper und Geist, der mir manchmal in den Sinn kommt, obwohl mein Vater alles, was von diesem Mann stammt, als «unwissenschaftliches Geschwätz» bezeichnet: «Vielleicht war er ein Dichter; ein Denker war er jedenfalls nicht. In diesem Herrn steckte zu viel Materie und zu wenig Geist.»
Betreten habe ich gehört, wie er viele von Grundtvigs Kirchenliedern ohne den Respekt und die Großherzigkeit zerpflückt hat, die ihn sonst auszeichnen und die er seinen Kindern so erfolgreich vermittelt hat. So einen Quatsch, sagt er, hat man in Dänemark nie zuvor gehört, zum Beispiel, dass der Bauer vom Licht der Aufklärung durchdrungen sei, weil er gemeinsam mit der Sonne aufstehe, und dass der Bauerntrampel im Gegensatz zum Gelehrten einen Geist wie das Nordlicht habe.
Ich finde, Estrups phantasielose Kabinettspolitik passt einfach nicht zu meinem Vater. Dennoch war er über viele Jahre ein eingefleischter Estrup-Anhänger und teilte dessen Standpunkt, das allgemeine Wahlrecht sei eine Torheit. Von meinem Urgroßvater weiß ich genug, um mir vorstellen zu können, dass er sich im Grab herumdrehen würde, wenn ihm diese Anschauung des dritten Erbhofbesitzers zu Ohren käme. Auch mein Großvater wäre nicht gerade stolz auf den politischen Sinneswandel seines Sohnes.
Ich sehe meinen Vater das Gesangbuch mit allen Zeichen der Missbilligung zuschlagen und den Vorgängen um ihn herum den Rücken zukehren, wenn in der heimischen Kirche Grundtvig gesungen wird. Er wendet sich also, um es einmal so auszudrücken, ziemlich oft ab.
Dass mein Geschlecht sich über vier Generationen auf Willhofsgave halten konnte, beruht auf einer ausgewogenen Mischung von Geist und Materie. In meiner Generation hat, wie ich finde, der Geist überhand genommen. So wie ich meine Ahnen durch Studien und die Privatdokumente des Gutshofs kennen gelernt habe, wären sie darin völlig einer Meinung mit mir.
Für meinen Vater spricht, dass er sich sein ganzes Leben lang, zuerst als junger Hoferbe und später als Erbhofbesitzer, in die Enge getrieben fühlte und stellvertretend für die Familie um den Besitz des Gutes fürchten musste. Das ist keine Vermutung, sondern eine Tatsache.