Kitabı oxu: «Eucharistische Anbetung»
ANNELIESE HERZIG
EUCHARISTISCHE ANBETUNG
EINE BEGEGNUNG, DIE VERWANDELT

Band 10 der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“, die von P. Martin Leitgöb und P. Hans Schalk im Auftrag der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen herausgegeben wird.
Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
2018
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck
Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
ISBN 978-3-7022-3636-6 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3650-2 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
INHALT
Ein Wort zu Beginn
Annäherung
Der kirchengeschichtliche Blick: Wie es zur Eucharistieverehrung außerhalb der Messe kam
Theologische Verankerung: Auf welchem Boden die eucharistische Anbetung steht
Intermezzo: „Heiliges Gerät – würdig und schön“ (SC 122)
Das Erbe des heiligen Alfons von Liguori
Begegnung, die verwandelt
Maria, die eucharistische Frau
Dank
EIN WORT ZU BEGINN
Ein Buch über eucharistische Anbetung. Ausgerechnet. Jetzt, im Jahr 2017. Es hat klar seinen Platz in einer Reihe zu redemptoristischer Spiritualität, ist doch der Gründer der Redemptoristen, der heilige Alfons von Liguori, einer der großen „Troubadoure“ dieser Frömmigkeitsform1. Aber gibt es nicht in der heutigen Welt- und Kirchensituation wichtigere Probleme? Was berechtigt zu einem (weiteren) Nachdenken zu diesem Thema – angesichts so vieler drängender ethischer und pastoraler Fragen? Oder ist es gar eine überholte Gebetsform, die noch dazu „typisch katholisch“ ist und ein Thema berührt, das die christlichen Kirchen teilweise trennt?
Ich schreibe dieses Buch, während ich mich gleichzeitig an meiner Arbeitsstelle in der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar Österreichs mit Klimawandel, zerstörerischem Bergbau und Menschen, die dagegen ankämpfen, mit Menschenrechtsfragen und vielem anderen mehr beschäftige. Ich schreibe dieses Buch, während Menschen hungern, obwohl die Erde eigentlich genügend Lebensmittel für alle produzieren könnte. Ich schreibe dieses Buch, während in unserem Haus zwei Flüchtlingsfamilien aus Syrien wohnen, die alles verlassen haben und deren Freunde und Verwandten in aller Welt zerstreut sind. Ich schreibe dieses Buch, während unsere Ordensgemeinschaft, wie so viele andere, mit „Nachwuchssorgen“ kämpft und während viele Pfarrgemeinden oft mühsam einen Weg in die Zukunft suchen. Ich schreibe dieses Buch in der Nachbarschaft unserer Einrichtung für wohnungslose Familien und denke an die Menschen, die ohne Obdach sind, auch in meiner Stadt. Egal ob Sommer oder Winter. Ich schreibe dieses Buch, während die christliche Präsenz im Nahen und Mittleren Osten aufgrund von Unterdrückung und Verfolgung im Verschwinden ist und bei uns viele Menschen mit Glauben und Religion nichts mehr anfangen können. Ich schreibe dieses Buch, während wir an 500 Jahre Reformation erinnern und uns dabei der weiterhin bestehenden Trennung der Kirchen schmerzlich bewusst werden, auch wenn vieles an ökumenischem Miteinander gewachsen ist. Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe gehört aber auch zu den theologisch umstrittenen Punkten zwischen der römisch-katholischen und den meisten protestantischen Kirchen. Hat es da wirklich Sinn, über dieses doch sehr „binnenkatholische“ Thema zu schreiben?
Für mich selbst ist die Praxis der eucharistischen Anbetung seit vielen Jahren ein großer Schatz in meinem Gebetsleben. In meiner Ordensgemeinschaft hat sie ihren festen Platz. Es sind kostbare Zeiten, von denen wir leben und die uns helfen, unseren Dienst zu tun und unser Ordensleben zu gestalten. In diesem Buch möchte ich meine Erfahrungen mit dieser Gebetsform teilen. Die Idee dazu ist in vielen Jahren gewachsen. Ich hoffe, dass meine Gedanken und Einsichten für Menschen, mit denen mich schon diese Art des Betens verbindet, vertiefend sein können. Ich hoffe auch, dass das Buch ebenso von manchen gelesen wird, die bisher noch keinen Zugang gefunden haben, aber irgendwie damit in Berührung sind. Und ich hoffe, dass einige Einseitigkeiten, die ich hie und da beobachte, aufgebrochen werden können. Eucharistische Anbetung ist für mich eine gute, sinnvolle Gebetsform. „Heilsnotwendig“ ist sie nicht, aber ich werbe gerne für sie!
Trotzdem bleibt die Frage danach, ob es angesichts der Probleme in der Welt und in der Kirche angemessen ist, ein Buch über dieses Thema zu schreiben. Eine Überlegung von Stephan Ernst gibt mir den Mut dazu2: Im Blick auf die Eucharistiefeier macht er deutlich, dass die Frucht der Feier eine Wandlung unserer Praxis ist. Und zwar in dem Sinn, dass im Glauben unser Leben und Handeln „dadurch verwandelt [wird], dass wir in der Gewissheit des Glaubens vom ängstlichen Festhalten am eigenen sicheren Nutzen befreit und zu wahrhaft mitmenschlichem Handeln befähigt werden“3. In den Sakramenten und zentral in der Eucharistie werden uns die Zuwendung Gottes in Christus Jesus und seine Vergebungsbereitschaft präsent und offenbar gemacht.
„In der Eucharistiefeier geht es also nicht nur um die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Jesu Christi im Sinne einer distanzierten Verzauberung. Es geht vielmehr wesentlich darum, dass die Mitfeiernden selbst, ihr Leben, ihr Herz und ihr Handeln verwandelt werden, indem die verborgene Voraussetzung der Gemeinschaft mit Christus und der Zuwendung Gottes für sie bestimmend wird. … Den Mitfeiernden wird deutlich, dass sie zu Christus gehören, dass sie Söhne und Töchter Gottes sind und deshalb zu allen Menschen in geschwisterlicher Beziehung stehen. … Dieser Gedanke lässt sich auch kosmisch weiten. Insofern nämlich nicht nur die Menschen, sondern die Welt im Ganzen in Christus geschaffen und damit von Gott angenommene und geliebte Welt ist, wird in der Eucharistie auch die Verbundenheit des Menschen mit der ganzen Welt als Schöpfung Gottes deutlich.“4
Dass es auch um die Wandlung der Mitfeiernden geht, wird daran deutlich, dass der Heilige Geist im Hochgebet der Eucharistiefeier nicht nur auf die Gaben von Brot und Wein, sondern auch auf die Gemeinde herabgerufen wird. Sie soll ihrer Berufung nachkommen können und, von der ängstlichen Sorge um eigene Sicherheit, Wohlergehen und Bequemlichkeit befreit, sich und ihr Handeln öffnen können für die Nöte der Welt. Darin eingeschlossen sind die Armen und die Leidenden ebenso wie die gequälte Schöpfung.
Auch eucharistische Anbetung als eine Art meditativer „Verlängerung“ der Feier der Eucharistie hat daran Anteil. Wenn auch das zweckfreie Element der Anbetung gewahrt bleiben muss, wird sie doch gerade dann zu ihrem Ziel kommen, wenn sie den Menschen innerlich umwandelt, befreit und je mehr befähigt zu einer Praxis in der Nachfolge Jesu. Sie erlaubt gerade nicht – wie Gottfried Bachl kritisch und pointiert formuliert – eine „risikofreie Umgehung der Umkehr, wie sie Paulus für den Genuss der Eucharistie fordert“5. Die Aussagen des päpstlichen Lehramts zu Eucharistie und eucharistischer Anbetung haben diesen Zusammenhang hinlänglich und eindrücklich ins Wort gebracht. Bereits Papst Paul VI. hat in seiner Enzyklika Mysterium Fidei(1965)6 klargelegt, dass „der Kult der Eucharistie nachdrücklich zur ‚sozialen‘ Liebe“ drängt (Nr. 70). In praktisch allen Schreiben seiner Nachfolger zur Eucharistie wird dasselbe mit anderen Worten betont. Der Einsatz für Arme und für eine gerechtere Welt ist Kriterium nicht nur der Echtheit der Teilnahme an der Eucharistiefeier, sondern auch der eucharistischen Anbetung (vgl. Johannes Paul II., Mane nobiscum Domine 2004, Nr. 28)7. Eucharistische Spiritualität umfasst das ganze Leben, nicht nur die Mitfeier der Messe und die Verehrung der Eucharistie (Benedikt XVI., Sacramentum Caritatis 2007, Nr. 77)8. Diesem Ansatz fühlt sich auch das vorliegende Buch verpflichtet. Er gibt dem Thema Berechtigung inmitten großer Nöte und Herausforderungen in der Welt.
ANNÄHERUNG
ERFAHRUNGEN, FRAGEN, IRRITATIONEN UND AUSBLICK
1981 habe ich mein theologisches Grundstudium mit einer Diplomarbeit über eucharistische Anbetung abgeschlossen.9 Das Thema war damals nicht gerade „modern“, sondern schien eher ziemlich verstaubt. Natürlich gab es die Praxis in den Pfarrgemeinden, aber sie wurde mehr oder weniger als Überbleibsel einer vergangenen Zeit und als Hindernis in der Ökumene betrachtet, weil sie in anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften nicht praktiziert oder sogar dezidiert abgelehnt wird. Auf die Spur dieses Themas bin ich durch die Begegnung mit der Spiritualität von Charles de Foucauld gekommen und habe dafür bei meinem Professor offene Ohren gefunden. In der Einleitung zu dieser Arbeit habe ich zunächst kurz die historische Entwicklung skizziert und sie mit Blick auf die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dem Satz geschlossen: „Eucharistische Frömmigkeit sollte nun wieder zur ‚Messfrömmigkeit‘ werden“. Die Situationsanalyse habe ich dann – 1981 – mit folgendem Satz eingeleitet:
„Diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte bringt es mit sich, dass vielen die Eucharistieverehrung außerhalb der Messe nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher und dies oft gerade dort, wo eine vertiefte Messfrömmigkeit anzutreffen ist. So sind manche gewohnte Formen eucharistischer Verehrung sichtlich im Schwinden und finden besonders bei der jüngeren Generation keinen Anklang mehr. Andererseits gehen – vor allem ältere Menschen – die altgewohnten Wege weiter, ohne auf die durch das Zweite Vatikanum und die Liturgiereform veränderte Situation zu reflektieren. … Dennoch ist die Situation ambivalent. Parallel zum Beharren in alteingesessenen Formen sowie zur Ablehnung eucharistischer Anbetung … ist in manchen Kreisen der Kirche wieder ein verstärkter Zug zum Gebet vor dem Tabernakel zu verspüren.“10
Dieses von mir damals angesprochene Auseinanderklaffen ist meinem Eindruck nach seither noch stärker geworden. Zum einen ist im Leben vieler Pfarrgemeinden die Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messfeier (in Form der Anbetung, der Sakramentsprozession oder des „Besuchs“ im Vorbeigehen) wohl noch deutlicher zu einer Randerscheinung geworden, die zwar durchaus weiterhin existiert und in der einen oder anderen Gemeinde etwas vitaler ist, meist aber nicht im Fokus pastoraler Bemühungen steht. Auf der anderen Seite gibt es ungefähr seit der Jahrtausendwende ein Wiederaufblühen der eucharistischen Anbetung in neuen geistlichen Gemeinschaften und Jugendbewegungen. In einem Interview habe ich dazu folgenden Satz gelesen: „Im Moment kann ich mir kaum eine Bewegung vorstellen, die erfolgreich wäre, ohne eucharistische Anbetung.“11 Namentlich zu nennen sind hier z. B. Jugend 2000, Emmanuel, die Nightfever-Bewegung12 oder das Werben um „24/7“, der Tag und Nacht durchgehenden Anbetung. „Abende der Barmherzigkeit“, die stets das Gebet vor den eucharistischen Gestalten mit einschließen, erfreuen sich oft großen Zuspruchs. Selbst bei Mega-Events wie beim Weltjugendtag darf eucharistische Anbetung nicht fehlen. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia vermerkt ausdrücklich: „Die bisher größte eucharistische Anbetung mit ca. einer Million Gläubigen fand während der Vigil anlässlich des XX. Weltjugendtages in Köln unter Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. statt.“13
Und da beginnen die Fragen, auch wenn ich mich natürlich über die Neubelebung der eucharistischen Anbetung freue, da ich einer Ordensgemeinschaft angehöre, die vom heiligen Alfons von Liguori inspiriert ist, für den sie eine wichtige Weise des Betens war. Sein Büchlein „Besuchungen des Allerheiligsten Altarsakramentes und der Gottesmutter Maria“ hat ja Generationen von Gläubigen begleitet. Aber: eine Million Menschen! Ist da noch etwas zu sehen von der Hostie in der Monstranz? Und was ist, wenn das wichtige Element des Schauens, das auch für die Entwicklung dieser Gebetsform entscheidend war, eigentlich für fast alle Betenden wegfällt? Ich will damit gar nicht in Frage stellen, dass die Vigil in Köln damals für viele Beteiligte eine intensive Gebetserfahrung war. Selbst Papst Benedikt XVI. schreibt über die beeindruckende Stille. Manchmal erlebe ich aber gerade bei solchen Großereignissen, dass die „Aussetzung“ einer größeren Feierlichkeit des Gebets zu dienen scheint. Betont wird dann zuweilen, dass „jetzt“ Jesus unter uns ist. Aber: Ist er denn sonst nicht da? Wenn der Tabernakel geschlossen ist, ist er dann nicht unter uns? Ist er nicht da, wenn wir beten und die Schrift lesen? Ist er nicht da, wenn wir im Gespräch über den Glauben sind? Ist er nicht an unserer Seite, wenn wir unser Leben als Christen und Christinnen zu gestalten versuchen und uns den Armen zuwenden? Ist er denn nicht „immer“ da (vgl. Mt 28,20)? Wozu aber dann eucharistische Anbetung? Geht es um einen „Event“? Oder spielen möglicherweise – wenn auch vielleicht unbewusst – sogar eher magische Vorstellungen eine Rolle14? „Dient“ die konsekrierte Hostie für Anbetungsstunden und Segen?
Es gibt noch andere Irritationen, z. B. im Bereich der theologischen und praxisbezogenen Literatur. Im Handbuch des Gebets „Theologie und Spiritualität des Betens“15, das 2016 erschienen ist, gibt es kein explizites Kapitel über eucharistische Anbetung, dafür Abschnitte über Schweigen, Küssen, Tanz, Musik, Exorzismus, Rosenkranz, Pilgern, Weinen, Beten mit Bildern und das Politische Nachtgebet. Auch das Thema „Anbetung“ erscheint nicht als solches im Inhaltsverzeichnis. Im kirchengeschichtlichen Überblick von Wolfgang Vogl wird eucharistische Anbetung nur in einer summarischen Aufzählung als spätmittelalterliche Gebetsform genannt, die in der Barockzeit weitergeführt worden ist.16 Allein die Benediktinerin vom heiligsten Sakrament, Mirijam Schaeidt, widmet ihm einen Abschnitt.17 Gleichzeitig gibt es in den letzten Jahren zwar eine ganze Reihe von Praxishandbüchern mit vielen Vorschlägen zur Gestaltung, die Hinweise zur theologischen Verortung sind aber meistens sehr kurz gefasst18. Parallel dazu existieren einige inspirierende theologische Überlegungen zu Eucharistie und eucharistischer Anbetung, die aber sprachlich und teilweise vom Umfang her einem kleinen Kreis von Lesern und Leserinnen vorbehalten sind.19
Noch etwas anderes fällt auf: Viele christliche Kirchen und Gemeinschaften kommen ohne eine Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe aus. In der Orthodoxie gibt es zwar die Liturgie der vorgeweihten Gaben, wodurch die Überzeugung zum Ausdruck kommt, dass die Gegenwart Jesu Christi auch nach der Feier fortdauert. Das „Schauen“ wird aber den Ikonen geschenkt, und es gibt kein Äquivalent zur Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe. In den protestantischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wird die eucharistische Präsenz unterschiedlich verstanden, und eine Verehrung außerhalb der Abendmahlfeier wird im Normalfall zumindest nicht für sinnvoll gesehen, wenn nicht überhaupt abgelehnt. Nur in der römisch-katholischen Kirche und in der anglikanischen Hochkirche gibt es diese Weise des Betens. Ist sie wirklich sinnvoll oder war es doch ein Irr- und Umweg der spiritualitätsgeschichtlichen Entwicklung, verbunden mit der Gefahr von magischen Einstellungen?
Von der römisch-katholischen Kirche aber wurde und wird die Verehrung Jesu Christi in der Gestalt der konsekrierten Hostie – denn im Normalfall dreht es sich nur um sie, da die Aufbewahrung des konsekrierten Weines schwieriger ist und das „Schauen“ wegfällt – auch außerhalb der Eucharistiefeier empfohlen und den Gläubigen ans Herz gelegt. Dazu nur einige wenige Beispiele aus päpstlichen Schreiben und Ansprachen der jüngeren Zeit:
In seiner Enzyklika Ecclesia de Eucharistia aus dem Jahr 200320 fordert Papst Johannes Paul II. nachdrücklich zur Praxis der Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe auf:
„Der Kult, welcher der Eucharistie außerhalb der Messe erwiesen wird, hat einen unschätzbaren Wert im Leben der Kirche. Dieser Kult ist eng mit der Feier des eucharistischen Opfers verbunden. Die Gegenwart Christi unter den heiligen Gestalten, die nach der Messe aufbewahrt werden – eine Gegenwart, die so lange andauert, wie die Gestalten von Brot und Wein Bestand haben21, kommt von der Feier des Opfers her und bereitet auf die sakramentale und die geistliche Kommunion vor22. Es obliegt den Hirten, zur Pflege des eucharistischen Kultes zu ermutigen, auch durch ihr persönliches Zeugnis, insbesondere zur Aussetzung des Allerheiligsten sowie zum anbetenden Verweilen vor Christus, der unter den eucharistischen Gestalten gegenwärtig ist23.
Es ist schön, bei ihm zu verweilen und wie der Lieblingsjünger, der sich an seine Brust lehnte (vgl. Joh 13,25), von der unendlichen Liebe seines Herzens berührt zu werden. Wenn sich das Christentum in unserer Zeit vor allem durch die ‚Kunst des Gebetes‘24 auszeichnen soll, wie könnte man dann nicht ein erneuertes Verlangen spüren, lange im geistlichen Zwiegespräch, in stiller Anbetung, in einer Haltung der Liebe bei Christus zu verweilen, der im Allerheiligsten gegenwärtig ist? … Von dieser Praxis, die das Lehramt wiederholt gelobt und empfohlen hat25, geben uns zahlreiche Heilige ein Beispiel. … Die Eucharistie ist ein unermesslicher Schatz: Nicht nur ihre Feier, sondern auch das Verweilen vor ihr außerhalb der Messe gestattet uns, aus der Quelle der Gnade zu schöpfen“ (Nr. 25).
Zum Jahr der Eucharistie (Oktober 2004 bis Oktober 2005) lud Papst Johannes Paul II. im Schreiben Mane nobiscum Domine zu einer wahrhaft „eucharistischen Spiritualität“ (Nr. 10) ein und hält fest:
„Wenn die Frucht dieses Jahres auch nur in der Verlebendigung der Feier der Sonntagsmesse und in der Förderung der eucharistischen Anbetung außerhalb der heiligen Messe in allen christlichen Gemeinschaften bestünde, hätte dieses Gnadenjahr ein bedeutsames Ergebnis erreicht“ (Nr. 29).
Auch im nachsynodalen Schreiben Sacramentum Caritatis von Papst Benedikt XVI. aus dem Jahr 2007 findet sich ein Abschnitt über die Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe. Er hebt die Einheit zwischen liturgischer Feier und Anbetung hervor. Gleichzeitig werden die sozialen Implikationen der eucharistischen Verehrung für ein „eucharistisch“ geprägtes Leben angesprochen:
„Der Akt der Anbetung außerhalb der heiligen Messe verlängert und intensiviert, was in der liturgischen Feier selbst getan wurde: ‚Nur im Anbeten kann tiefes und wahres Empfangen reifen. Und gerade in diesem persönlichsten Akt der Begegnung mit dem Herrn reift dann auch die soziale Sendung, die in der Eucharistie enthalten ist und nicht nur die Grenze zwischen dem Herrn und uns, sondern vor allem auch die Grenzen aufreißen will, die uns voneinander trennen‘“26 (Nr. 66).
Bei seinem Besuch in Altötting 2006 wandte sich Papst Benedikt XVI. an Ordensangehörige und Priester mit folgenden Worten, in denen mehr der Aspekt persönlichen vertrauensvollen Gebetes angesprochen wird:
„Ich darf […] ein schönes Wort von Edith Stein, der heiligen Mitpatronin Europas, zitieren, die in einem Brief geschrieben hat: ‚Der Herr ist im Tabernakel gegenwärtig mit Gottheit und Menschheit. Er ist da, nicht seinetwegen, sondern unseretwegen: weil es seine Freude ist, bei den Menschen zu sein. Und weil er weiß, dass wir, wie wir nun einmal sind, seine persönliche Nähe brauchen. Die Konsequenz ist für jeden natürlich Denkenden und Fühlenden, dass er sich hingezogen fühlt und dort ist, sooft und solange er darf‘ (Gesammelte Werke VII, 136f). Lieben wir es, beim Herrn zu sein. Da können wir alles mit ihm bereden. Unsere Fragen, unsere Sorgen, unsere Ängste, unsere Freuden, unsere Dankbarkeit, unsere Enttäuschungen, unsere Bitten und Hoffnungen. Da können wir es ihm auch immer wieder sagen: Herr, sende Arbeiter in deine Ernte. Hilf mir, ein guter Arbeiter in deinem Weinberg zu sein.“27
Auch für Papst Franziskus zählt die (eucharistische) Anbetung zu den großen Schätzen der römisch-katholischen Kirche. Er sieht in ihr unter anderem eine wichtige Motivationsquelle für das christliche Engagement und warnt – mit Berufung auf Papst Johannes Paul II. – vor einer privatistischen Spiritualität. In Evangelii gaudium(2013)28 schreibt er:
„Vom Gesichtspunkt der Evangelisierung aus nützen weder mystische Angebote ohne ein starkes soziales und missionarisches Engagement noch soziales oder pastorales Reden und Handeln ohne eine Spiritualität, die das Herz verwandelt. Diese aufspaltenden Teilangebote erreichen nur kleine Gruppen und haben keine weitreichende Durchschlagskraft, da sie das Evangelium verstümmeln. Immer ist es notwendig, einen inneren Raum zu pflegen, der dem Engagement und der Tätigkeit einen christlichen Sinn verleiht (vgl. Propositio, 36). Ohne längere Zeiten der Anbetung, der betenden Begegnung mit dem Wort Gottes, des aufrichtigen Gesprächs mit dem Herrn verlieren die Aufgaben leicht ihren Sinn, werden wir vor Müdigkeit und Schwierigkeiten schwächer und erlischt der Eifer. Die Kirche braucht dringend die Lunge des Gebets, und ich freue mich sehr, dass in allen kirchlichen Einrichtungen die Gebetsgruppen, die Gruppen des Fürbittgebets und der betenden Schriftlesung sowie die ewige eucharistische Anbetung mehr werden. Zugleich ‚gilt [es], die Versuchung einer intimistischen und individualistischen Spiritualität zurückzuweisen, die sich nicht nur mit den Forderungen der Liebe, sondern auch mit der Logik der Inkarnation […] schwer in Einklang bringe ließe‘ (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo Millennio ineunte, Nr. 52). Es besteht die Gefahr, dass einige Zeiten des Gebets zur Ausrede werden, sein Leben nicht der Mission zu widmen, denn die Privatisierung des Lebensstils kann die Christen dazu führen, zu einer falschen Spiritualität Zuflucht zu nehmen“ (EG 262).
So bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck zurück: Zum einen sind da die Empfehlungen des kirchlichen Lehramts und die neue Blütezeit in geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften, zum anderen sind da vielerorts „Leerstellen“ im pfarrlichen Alltag. Auch ökumenische Rücksichten mögen hie und da zur Zurückhaltung mahnen. Die theologische Reflexion wird manchmal rasch übersprungen, um gleich zur schon gewohnten Praxis überzugehen.
WAS DIESES BUCH (NICHT) WILL
Dieses Buch will keine Modelle für die Gestaltung eucharistischer Anbetungsstunden anbieten. Hierzu gibt es eine Reihe von Werkbüchern, und auch einige Diözesen haben Handreichungen herausgegeben. In ihnen finden sich auch hinreichend die liturgischen Vorschriften wiedergegeben. Meine Überlegungen fußen zwar auf theologischen Einsichten, wollen und können aber keine – notwendig verkürzt bleibende – umfassende Theologie der Eucharistie und der mit ihr verbundenen Verehrung außerhalb der Messe sein. Ich strebe auch keine erschöpfende Darstellung der Weisen der Verehrung der Eucharistie an. Deshalb wird das Fest Fronleichnam kein eigenes Thema sein und es wird nicht um Sakramentsprozessionen oder eucharistische Kongresse gehen. Was aber dann?
•Es ist mir ein Anliegen, die theologischen Grundlagen in Erinnerung zu rufen, auf denen alleine so etwas wie eucharistische Anbetung möglich ist. Meine Überzeugung ist, dass diese so auch neu an Profil gewinnen kann. Dabei möchte ich versuchen, die komplexen theologischen Zusammenhänge für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen.
•Der Fokus ist das verweilende Gebet des Einzelnen vor der Eucharistie. Dabei spielt die so genannte „Aussetzung“, also die „Ausstellung“ der konsekrierten Hostie in der Monstranz oder einem anderen Schaugefäß, dann eine Rolle, wenn es um die Anschaulichkeit geht. Was die innere Qualität angeht, sehe ich das Gebet vor dem geschlossenen Tabernakel ihm gleich.
•Eucharistie ist Sakrament der Kirche und darauf ausgerichtet, Kirche aufzubauen. Diese Offenheit auf Gemeinschaft hin soll auch das Gebet des Einzelnen vor Jesus in der Eucharistie prägen.
•Wie schon damals in meiner theologischen Diplomarbeit mit Karl Rahner angemerkt, kann es beim Gebet vor den eucharistischen Gestalten nicht (nur) um eine „unverbindliche Unterhaltung mit dem audienzgewährenden Herrn“ gehen.29 Vielmehr hat dieses Gebet, wie ich zeigen möchte, seine eigene, spezifische Dynamik. Freilich möchte ich damit niemanden gering achten, der oder die einfach gerne vor dem Tabernakel sitzt und das Herz ausschüttet. Aber, so habe ich damals geschrieben: Es wird „die Grundintention des Beters sein müssen, sich auf das Mysterium der Eucharistie einzulassen; ist er dazu nicht bereit, wird eucharistische Anbetung zur Farce. … Zumindest punktuell sollte er sich … wieder bewusst werden, dass er vor dem eucharistischen Herrn betet und dass es Ziel seines Gebetes ist, tiefer in das Mysterium der Eucharistie einzudringen und auch sein Leben davon durchwirken zu lassen.“30
•Genau dazu will das Buch – in geistlicher Verbundenheit mit den Anregungen des heiligen Alfons zur eucharistischen Anbetung – einige Anregungen geben. Sie sind in erster Linie für die persönliche Meditation gedacht, können aber auch als Impulstexte für gemeinsame Zeiten des Gebetes dienen.
DER KIRCHENGESCHICHTLICHE BLICK: WIE ES ZUR EUCHARISTIEVEREHRUNG AUSSERHALB DER MESSE KAM
Am Anfang muss eine nüchterne Feststellung stehen: Mehr als 1000 Jahre kam die Kirche ohne ausdrückliche Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe aus. Mehr als 1000 Jahre ohne Tabernakel und Monstranz. Mehr als 1000 Jahre ohne Kniebeuge vor dem „Allerheiligsten“ und ohne „ewiges Licht“ vor dem Sakramentshäuschen (dem Tabernakel). Mehr als 1000 Jahre ohne Fronleichnamsfest und eucharistische Anbetung. Vielleicht erschrecken die einen über diese Fakten und können sich das gar nicht vorstellen. Aber es ist so, dass vieles, was heute in der (römisch-)katholischen Kirche selbstverständlich, ja identitätsbildend ist, über lange Zeit ganz anders war. Vielleicht sagen andere: Da sieht man es ja, das braucht es nicht, das ist unnötig, kehren wir doch zurück zu den Anfängen!
Einige Streiflichter aus der Geschichte31 sollen zunächst die „Geburt“ und das Wachsen und Werden der eucharistischen Anbetung erhellen. Der Blick soll dabei auf einige Motive und Ereignisse fallen, die zur Ausbildung der Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messe beigetragen haben. Es sind viele Faktoren, die daran mitgewirkt haben. Und auch wenn sich Ausdrucksgestalten von Frömmigkeit und Glauben ändern können und müssen, wirken manche Grundeinsichten fort und suchen sich immer neu einen Weg. Andere geraten in Vergessenheit und haben doch eine wichtige Botschaft. Deshalb wird am Ende zu fragen sein, was wir aus der Geschichte lernen können.
EIN STREIT UM DAS RECHTE VERSTÄNDNIS DER KONSEKRATION
Bereits im 9. Jahrhundert kam es zum so genannten ersten Abendmahlsstreit oder der „karolingischen Eucharistiekontroverse“32. Holzschnittartig gesagt ging es dabei um die Frage, ob die Kategorie des „Bildes“, die das antike Denken beherrscht hat, (noch) geeignet war, um die Gegenwart Jesu Christi im konsekrierten Brot und Wein auszudrücken. Beide Parteien, verbunden mit den Namen der Mönche Paschasius Radbertus (ca. 790–859) und Rathramnus († 870), waren sich darin einig, dass sich die Konsekration durch das Sprechen der Wandlungsworte und durch den Heiligen Geist ereignet. Sie gingen jedoch unterschiedliche Wege, um die eucharistische Gegenwart zu verstehen. Gemäß einigen Theologen33 sah sich Rathramnus noch dem älteren Bildverständnis verbunden, welches das Bild nicht nur als einen bloßen Hinweis verstand, sondern als partizipierend am Ur-Bild. Deshalb verstand er das Sakrament der Eucharistie als „Bild“ des realen Herrenleibes des erhöhten Christus und meinte damit eine wirkliche Gegenwart Christi! Bei Radbertus wird ein neues Denken sichtbar. Bild („figura“) und Wirklichkeit waren für ihn ein Gegensatzpaar. Das Bild verstand er nicht als Wirklichkeit, sondern bestenfalls als Hinweis, als äußerlich bleibendes Zeichen. Obwohl es zu seiner Zeit nicht unbedingt danach aussah, hat sich die Auffassung des Radbertus theologiegeschichtlich gesehen durchgesetzt34, so dass die Kategorie des Bildes nach und nach nicht mehr als angemessen für die eucharistische Präsenz Jesu Christi gesehen wurde. Kein Bild, sondern Wirklichkeit, hieß die neue Einsicht im Sprachgewand einer neuen Zeit.
Das Aufkommen von Formen eucharistischer Verehrung wurde dann besonders durch den zweiten Abendmahlsstreit begünstigt (nicht hervorgerufen). Er wurde durch Berengar von Tours († 1088) ausgelöst. Auch hier ging es um die Frage nach der „wirklichen“ Gegenwart Christi in den Gestalten der Eucharistie, auch hier ging es um die Frage nach „Bild“, „Sakrament“ und „Wirklichkeit“. Das alte Bilddenken wurde noch weniger verstanden als zu Zeiten von Radbert und Rathramnus, und so wurde Berengar, der sich auf Rathramnus berief, verurteilt. Die Auseinandersetzungen waren geprägt von einer zunehmenden Konzentration auf die Frage nach der „leiblichen Gegenwart“ (somatischen Realpräsenz) Jesu in den eucharistischen Gestalten. Sie mündeten schließlich ein in die auf dem Vierten Laterankonzil 1215 übernommene Rede von der „Transsubstantiation“, der „Wesensverwandlung“ (DH 802). Von diesem Begriff wird später noch die Rede sein. Insgesamt änderte sich durch diesen Streit die „Stimmung“ – bis hinunter ins Volk. Das Interesse am Gottesdienst konzentrierte sich nun fast nur mehr auf den Augenblick der „Wandlung“ und dessen „Ergebnis“, die reale Gegenwart Jesu Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis das konsekrierte Brot, der Leib Christi, auch ohne den Zusammenhang von Messe und Kommunion Bedeutung bekam.
NEUE AUSDRUCKSFORMEN DER VEREHRUNG -UND MANCHMAL AUCH: VERZERRUNG
Die Aufmerksamkeit, die sich nicht mehr in erster Linie auf die Messfeier als Ganzes richtete, sondern auf den Leib und das Blut Christi in den Gestalten von Brot und Wein, brachte nach und nach verschiedene, heute zum Teil „selbstverständliche“ Formen der Verehrung der Gegenwart Christi in der Eucharistie hervor. Zu nennen sind die Kniebeuge des Zelebranten nach den Wandlungsworten, das Läuten der Glocken als Zeichen für den nahenden Höhepunkt und vor allem das Hochheben der Hostie und später auch des Kelches nach den Konsekrationsworten, durch das der Raum der Anbetung markiert wurde. Vor allem diese „Elevation“ [Erheben] ebnet den Weg zur späteren „Aussetzung“ in der Monstranz, die so etwas wie eine über die Messe hinaus verlängerte Elevation ist. Peter Browe schreibt:
„Ohne Übertreibung kann man sagen, dass [der Ritus, die konsekrierte Hostie hochzuhalten und zu zeigen] der Ausgangspunkt der eucharistischen Frömmigkeit der folgenden Zeiten geworden ist, und dass mit ihm ein ungeahnter Aufschwung des eucharistischen Glaubens und Aberglaubens begonnen hat. … von Anfang an war die Elevation die eindringliche liturgische Geste, die darauf hinwies, dass das Brot wahrhaft und wirklich in den Leib des Herrn gewandelt ist und angebetet werden soll. Sie war Aufforderung zur Anbetung.“35
Interessant ist, dass die Hochhebung der Hostie nicht unumstritten war, sondern zum Teil durch bischöfliche Erlässe sogar eingeschränkt und vor allem in ihrer Dauer begrenzt wurde. Die langsame Einführung der Elevation setzte am Beginn des 12. Jahrhunderts ein. Vorher war es ganz und gar nicht selbstverständlich, den Leib Christi (auf die Hostie konzentrierte sich das Interesse in erster Linie) unverhüllt zu sehen. Im Gegenteil: In den Jahrhunderten zuvor hat man sich geradezu davor gescheut, die Hostie zu viel den Blicken auszusetzen. Man empfand das als schamlos und des Geheimnisses nicht würdig. Deshalb wurden die eucharistischen Gestalten meist verhüllt, z. B. mit einem großen Tuch. Auch zu den Sterbenden wurde das Sakrament in einem verhüllten Speisekelch getragen. Nun aber schlug das Bedürfnis um: Man wollte und sollte sehen! Das hat zum einen mit dem zu tun, was man allgemein „gotische Schaufreude“ nennt. Zum anderen hat es die Kirche auch gefördert, um den Gläubigen den rechten Zeitpunkt der Verehrung von Leib und Blut Christi anzuzeigen. Man wollte damit verhindern, dass die Gläubigen „zu früh“ anbeten, wenn die Wandlung noch nicht vollzogen ist. Die Worte des Priesters konnten ja nicht verstanden werden. Damit die Gläubigen gut sehen konnten, griff man zu „Wandlungskerzen“ oder spannte dunkle Tücher, auf denen sich die weiße Hostie besser abheben sollte.36
Dabei kam es auch zu Auswüchsen in der Verehrung – und mitunter zu Verzerrungen und sogar zu magischen Vorstellungen und Praktiken. So wollten viele Fromme das Altarsakrament möglichst oft schauen. Anstatt einen Gottesdienst ganz mitzufeiern, gingen sie von Messe zu Messe, von Altar zu Altar, um den Augenblick der Elevation zu erhaschen und dadurch möglichst viel Gnade zu „erwerben“. Andere wiederum begnügten sich damit, kurz zum Zeitpunkt der Wandlung (der durch die Kirchenglocken auch nach außen hin angezeigt wurde) in die Kirche zu gehen, und erachteten ihre Christenpflicht dadurch erfüllt. Denn die Hochhebung der Hostie (die des Kelches war nicht so wichtig, weil man das Blut Christi dabei doch nicht sehen konnte) entwickelte sich immer mehr zum Mittelpunkt der Volksfrömmigkeit. Auch manche Priester förderten dies, indem sie die Hostie sehr lange oder sehr oft hochhoben. Konsekration und Elevation wurden so in den Augen der Gläubigen zum wertvollsten Augenblick des Gottesdienstes, so sehr, dass sie auch alleine stehen konnten. Es wurde für das eigene Seelenheil wichtig, den Leib des Herrn zu schauen. Die Eucharistie wurde immer weniger als Speise gesehen, sondern als Gegenstand der Verehrung und Anbetung.37 Der Kommunionempfang ging noch mehr zurück, als es ohnehin schon der Fall war. Die Vorschrift des Vierten Laterankonzils 1215, dass die Gläubigen wenigstens einmal im Jahr die Kommunion empfangen sollen, ist deshalb als Ermutigung, nicht als Einschränkung zu deuten. Auch auf der Ebene der Diözesen gab es eine ganze Reihe von Verlautbarungen, die zum Kommunionempfang (verbunden mit dem Sakrament der Buße) wenigstens einige Male im Jahr aufriefen.
Aus dieser Zeit findet man auch Wunderberichte über blutende Hostien oder über Hostien, die sich in Fleisch verwandeln. Es wird erzählt, dass plötzlich am Altar das Jesuskind statt der Hostie sichtbar wurde. Viele Menschen suchten diese Wunder, in denen man den Glauben an die reale (hier sehr drastisch vorgestellte) Gegenwart Jesu Christi, an sein Fleisch und Blut (Joh 6,52–56) eindrucksvoll bestätigt sah. Wallfahrtsstätten entstanden und bestehen zum Teil bis heute38. Der Glaube an die machtvolle Präsenz Jesu in der Gestalt des Brotes führte jedoch auch zu mannigfaltigem Missbrauch: Konsekrierte Hostien wurden z. B. dem Vieh gegeben, um dessen Wohlergehen zu garantieren. Schaden sollte abgewendet oder sogar anderen zugefügt werden. Frauen nahmen Hostien heimlich mit, um sie in einen Liebestrank für ihre Männer zu mischen. Peter Browe führt noch viele andere Beispiele auf, die beim Lesen erschauern lassen. Der Angst vor solch einem frevelhaften Umgang mit der Eucharistie sind manche Bestimmungen über einen selteneren Kommunionempfang geschuldet. Nicht zuletzt wurde die Eucharistie auch verwendet, um Delinquenten auf die Probe zu stellen und so ihre Schuld bzw. Unschuld zu erweisen. An diesen Beispielen wird deutlich: Kirchengeschichte, Frömmigkeitsgeschichte – sie ist spannend und manchmal zugleich erschreckend!
ÜBER DIE MESSFEIER HINAUS …
Die letzten Beispiele zeigen auch noch in ihrer Verzerrung des Ursprünglichen, wie stark der Glaube an die Gegenwart Jesu in den konsekrierten Gestalten auch über die Messfeier hinaus reichte. Und dieser Glaube war keineswegs neu. Die alte Praxis der Kommunion für die Sterbenden ist eine frühe Zeugin dafür. Allerdings wurden nur sehr wenige Stücke für dieses so genannte „Viatikum“ (Wegzehrung) aufbewahrt, zum Beispiel in der Sakristei oder in der Sakramentstaube über dem Altar. Ansonsten bemühte man sich über Jahrhunderte hinweg, nicht zu viel von den Opfergaben, die die Gläubigen in die Eucharistiefeier mitbrachten, zu konsekrieren, damit nach der Liturgie nichts übrig bleibt. Den nicht konsekrierten Rest gab man oft nach dem Gottesdienst an die Leute. Die byzantinische Liturgie kennt bis heute das Antidoron, ein gesegnetes Brot, das nach der Liturgie ausgeteilt wird. Bis ins 11. Jahrhundert hinein oblag es hauptsächlich dem Klerus, die zu viel konsekrierten Hostien zu konsumieren, ganz so wie es bis heute mit dem Wein geschieht39. Erst dann kam der Brauch auf, die übrig gebliebenen konsekrierten Hostien aufzuheben und in einer späteren Messe auszuteilen oder den Gläubigen auch außerhalb der Messe zu reichen. Davor hatte man sich bis dahin gescheut.
Dafür aber mussten geeignete Aufbewahrungsorte geschaffen werden, die sicher genug waren, um gegen eine Schändung oder einen Diebstahl vorzubeugen. Das war sozusagen die Geburtsstunde des Tabernakels, wie wir ihn kennen. Für ihn wurden nach und nach verschiedene Vorschriften zu seiner Beschaffenheit erlassen und schließlich auch die des ständig brennenden Lichtes40. Aber: ein eigener Gebetsort war der Tabernakel zunächst noch nicht, höchstens dort, wo die Eucharistie z. B. durch ein Fenster ständig sichtbar war, wie es im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts an manchen Orten Brauch war. Erst im 15. Jahrhundert wurde das Gebet vor dem verschlossenen Tabernakel empfohlen.41 Vorher galt der Besuch in den Kirchen in erster Linie dem Altar oder den Gräbern bzw. den Reliquien der Heiligen.42 Es hat wohl mit der sinnlichen Veranlagung des Menschen zu tun, dass er nach bestimmten Orten sucht, um seiner Verehrung oder auch seiner Not Ausdruck zu geben. So „besuchten“ die Menschen zunächst den Altar als Sinnbild Christi und „grüßten“ ihn dort. In späterer Zeit galt der „Besuch“ dann Christus im Sakrament der Eucharistie, die auf oder über dem Altar aufbewahrt wurde. Der Brauch der „Besuchung des Allerheiligsten“ (Visitatio Sanctissimi) wurde besonders in den Klöstern gefördert, ergriff aber nach und nach auch die anderen Gläubigen.43
APROPOS HEILIGE …
Hier muss man noch auf eine andere Querverbindung hinweisen: die Reliquien der Heiligen. Das „Schauverlangen“ der Menschen im Mittelalter galt zunächst und zuerst ihnen als den Überresten von wirkmächtigen Zeugen und Zeuginnen des Glaubens. Man setzte sie in Schaugefäße aus edlem Material ein, aus denen sich später die Monstranzen für die Eucharistie entwickelten. Manchmal wurden in einer Übergangszeit diese Schaugefäße abwechselnd für Reliquien und für das eucharistische Brot verwendet oder Reliquiare wurden zu Monstranzen umgearbeitet. Anfangs war die heute gängige Praxis des Segens mit der Monstranz bzw. besser gesagt mit der konsekrierten Hostie gar nicht selbstverständlich. Erst nach und nach setzte sie sich durch. Die Gläubigen in früherer Zeit wurden mit den Reliquien der Heiligen gesegnet. Auch gab es Prozessionen mit Reliquien, bevor die Prozession zu Fronleichnam mit der Monstranz entstand. Reliquien waren das kostbare Gut des Mittelalters, um das sogar Kriege geführt wurden. Mit der aufkommenden Konzentration auf die leibliche Gegenwart Jesu im Sakrament trat nun ein noch Mächtigerer, der Gottessohn selbst, auf. So ist es nicht verwunderlich, dass der Leib Christi im Bewusstsein der Gläubigen die Reliquien weit übertraf und einen immer größeren Platz in der Frömmigkeit einnahm, im Schauen und im Segnen.
EINE VISIONÄRIN UND EIN FEST – UND PROZESSIONEN UND SEGEN
Eine weitere Quelle, die die Verehrung der Eucharistie bis heute speist, ist die Einführung des Fronleichnamsfestes. „Fronleichnam“, vrône lîcham, des Herren Leib – das ist eine wörtliche Übersetzung des lateinischen corpus Domini, Herrenleib. Das Fest geht zurück auf Juliana von Lüttich († 1258). In einer Vision sah sie die hell erleuchtete Mondscheibe mit einer dunklen Stelle. Christus offenbarte ihr, dass der Mond die Kirche darstellt und dass in ihr noch ein Fest fehle, das mehr noch als der Gründonnerstag der Eucharistie gewidmet ist. Auf diese Eingebung hin begann man zunächst örtlich, dieses Fest, eben das Fronleichnamsfest, zu feiern. 1264 wurde es dann von Papst Urban IV., der aus Lüttich stammte, für die Gesamtkirche eingeführt. Auch dieses Fest steht in Verbindung mit dem Kampf gegen als falsch erachtete Auffassungen über die Art der Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie und sollte den Glauben an die Transsubstantiation, die Wesensverwandlung, festigen. Es dauerte aber noch einige Zeit, bis es sich wirklich flächendeckend durchsetzte. Vom Konzil von Trient wurde es dann 1551 feierlich bestätigt – in Abgrenzung zu den Auffassungen Martin Luthers, der die Feier von Fronleichnam mit dem damit verbundenen Brauchtum völlig ablehnte.
Denn als fester Bestandteil des Fronleichnamsfestes entwickelte sich eine Prozession, bei der man wie heute in einer Monstranz „das Allerheiligste“ mittrug – und beim anschließenden Hochamt auf dem Altar beließ. Die Messe vor dem ausgesetzten Allerheiligsten wurde dann auch abseits des Fronleichnamsfestes ein jahrhundertelang gepflegter Brauch, bevor sie durch die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils untersagt wurde, da sie dem Sinn der Eucharistiefeier entgegensteht.
Auch die Praxis, mit der in der Monstranz sichtbaren konsekrierten Hostie den Segen zu geben, verbindet sich mit dem Fronleichnamsfest. Das war laut Peter Browe bis in das 14. Jahrhundert hinein unbekannt. Gesegnet wurde bis dahin vom Bischof mit der Hand. Priester segneten oft mit der Patene oder dem Kelch, auch mit dem Korporale (dem „Tischtuch“ der Messe). Oder der Segen wurde, wie schon gesagt, mit Reliquien gegeben. Nun aber wurden die Gläubigen mit dem in der Monstranz ruhenden eucharistischen Brot gesegnet. Von der Feier des Fronleichnamsfestes aus verbreitete sich dieser „neue“ Segen auch auf die anderen Gottesdienste. Ebenso trug man die konsekrierte Hostie nicht nur zu Fronleichnam, sondern auch bei anderen Prozessionen, etwa Flurprozessionen oder Bußgängen, mit. Von dorther wurde dann die Ausgestaltung der Fronleichnamsprozession wieder selbst beeinflusst.44 Mit dem Glauben mischten sich hier so manch magische Vorstellungen und nicht selten mussten Bischöfe eingreifen, um Auswüchse abzustellen.
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