Kitabı oxu: «Könige zum Anfassen»
Annette Küper
Könige zum Anfassen
Airedale-Geschichten um King & Co.

Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
Der Airedale-Terrier: ein König zum Anfassen
Liebe auf den ersten Blick
Ich bin ein kleiner König
Alles meins
Jagdsaison
Begegnungen
Fette Beute
Freigänger
Zu Diensten, Majestät
Humor à la Airedale
Hoheitliche Aufgaben
Urlaubsimpressionen
Seelenwärmer
Schwerer Gang
Nachtrag
Impressum
Vorwort
Zugegeben, ich bin süchtig! Süchtig schon seit fast 30 Jahren und glücklicherweise unheilbar und völlig therapieresistent. Meine Sucht bedarf aber auch keiner Behandlung, ganz im Gegenteil, sie bereichert mein Leben und fördert meine Gesundheit.
Süchtig bin ich nach dem König der Terrier, dem Airedale. An keinem kann ich vorbeigehen, ohne mich vor ihn zu hocken, ihn zu kraulen und ein nettes Gespräch mit seinen begeisterten Besitzern zu führen, in dem es um den Airedale im Allgemeinen und ihren im Besonderen geht. Erlebnisse und Erfahrungen werden ausgetauscht. Man lacht viel, laut und ausgiebig, man diskutiert verschiedene Problemlösungsstrategien beim Umgang mit dem sprichwörtlichen Terrier-Eigensinn, man leidet und trauert gemeinsam. Die leidenschaftliche Airedale-Begeisterung verbindet, schnell kommt man sich näher, häufig so, dass sich aus einer Zufallsbegegnung ein netter Kontakt, vielleicht sogar eine Freundschaft entwickelt.
Bin ich mit meinem Airedale unterwegs, gelten ihm unzählige, bewundernde Blicke, streicheln Hände über seinen Kopf, werden seine Personalangaben erbeten und selbst Menschen, die keinen Airedale besitzen, geraten in den Bann meines Terrierkönigs und erzählen von Hunden dieser Rasse, die sie gekannt und geliebt haben. Für Touristen aus aller Welt ist er begehrtes Fotomodell, lässt sich geduldig auf Speicherkarten bannen und erträgt mit stoischer Gelassenheit Finger-Echtheits-Felltests seiner rassetypischen Bart- und Beinhaare.
Einige besonders überzeugte Airedale-Fans riskieren sogar eine Vollbremsung, wenn sie ihn entdecken, und lassen ihren Wagen führerlos mit laufendem Motor und aufgerissener Tür mitten auf der Straße stehen, weil sie unbedingt ihre Begeisterung für die Rasse intensiv an meinem Hund ausleben müssen. Nicht selten artet dann ein Gespräch zu einer beinahe unendlichen Geschichte aus, sodass der herrenlose PKW ordnungsgemäß geparkt und der Motor ausgestellt werden muss. Vollsperrungen sind selbst im ländlichen Raum mit wenig frequentierten Straßen verboten, auch dann, wenn ein König sie auslöst.
Kennengelernt habe ich den ersten Airedale-Terrier vor 40 Jahren und 4 Könige zum Anfassen haben mein Leben seit 1988 bereichert. Mein Erster, Andros, war ein sehr besonnener, ausgeglichener, leichtführiger Rüde, sensibel und ganz auf mich fixiert, der mir meine Wünsche quasi von den Augen ablas und mit mir durch Höhen und Tiefen ging, bis ich ihn im Alter von fast 14 Jahren loslassen musste. Getreu dem Motto von Frau Dr. von Bardeleben: »Was ist schöner als ein Airedale? Zwei natürlich!« holte ich Cliff in unsere Familie, als Andros 11 Jahre alt war. Cliff war ein temperamentvoller Gute-Laune-Hund, ein Tausendsassa mit ausgeprägtem Terrierkopf, ein bisschen schwer erziehbar, aber in seiner Eigenwilligkeit stets charmant und mit Sinn für Humor, ein zuverlässiger Begleiter. Champ, mit einem beeindruckenden Gardemaß von 69 cm mein Größter, gehörte seit 2010 zur Familie. Er war ein Temperamentsbündel, wachsam, intelligent, arbeitsfreudig, kinderlieb, verschmust und sehr sportlich. Ohne jedes Problem schaffte er es, sich zusammenzufalten und in ein Airedale-Röllchen zu verwandeln, das sich auf meinem Schoß häuslich einrichten konnte. Wenn nötig, wurde aus ihm ein mutiger Beschützer, der Haus, Hof und Bewohner bedingungslos verteidigte. Champ sollte eigentlich mein letzter Airedale sein und mich noch eine lange Zeit begleiten, doch viel zu früh musste ich ihn von einem nicht heilbaren Leiden erlösen lassen, worüber ich immer noch untröstlich bin. Seit Sommer 2015 begleitet mich Captain Jake und ich freue mich jeden Tag darüber, noch einmal ein Airedale-Baby großziehen zu können. Wie alle meine Airedales ist Jake eine Wundertüte, die täglich Überraschungen für mich bereithält, ideenreich, spontan, selbstbewusst, spiel- und arbeitsfreudig, kurzum: ein Bilderbuch-Airedale, der sich momentan von Zeit zu Zeit als Pubertätslümmel gerne einmal das letzte Wort gönnt. Natürlich nur mit dem auch ihm eigenen »airedale-igen« Charme und dem Blick, der mich seit meiner ersten Begegnung mit dem König der Terrier immer wieder begeistert und gefangen nimmt.
Wer einen Airedale kennt, der kann und möchte viel erzählen. Irgendwann begann ich, »airedale-ige« Geschichten aufzuschreiben, Geschichten, die ich selbst mit meinen Hunden erlebt habe oder die mir Airedale-Besitzer, mit denen ich seit Jahren befreundet bin, erzählten. Und so entstand dieses Buch, eine Liebeserklärung an die Könige zum Anfassen, die sie in ihrem Facettenreichtum, ihren rassetypischen und individuellen Besonderheiten zeigt.
Der Airedale, der die Hauptrolle in meinen Geschichten spielt, braucht selbstverständlich einen Namen. Welcher passt besonders gut zu einem König der Terrier aus good old England und kann als Titel vor jedem beliebigen Airedale-Namen stehen? Richtig! Er muss King heißen. Stellvertretend für viele seiner Rasse unterhält, ärgert, belustigt, erstaunt, überrascht, ängstigt und bezaubert er ein »Ich«, in dessen Erlebnissen und Gefühlswelt sich jeder Airedale-Liebhaber wiederfinden wird.
Der Airedale-Terrier: ein König zum Anfassen
Man nehme ein gutes Stück Otterhound, füge jeweils eine Prise der örtlichen englischen Terrierarten hinzu, …! Familienrezepte bleiben in der Regel streng gehütete Geheimnisse. So auch im 19. Jahrhundert bei den Bewohnern des Tales der Aire in der Grafschaft Yorkshire in Mittelengland. Einige Inhaltsstoffe ihres Rezeptes lassen sich zwar ermitteln, aber niemals die genaue Zusammensetzung, die Menge der jeweiligen Zutaten und die vielen kleinen Tricks bei der Zubereitung. Sicher ist nur, welches Ergebnis die Rezeptur haben sollte: einen kräftigen, großen, robusten, wasserbegeisterten und vielseitig einsetzbaren Arbeitshund mit hartem Rauhaar, intelligent und mutig, der zur Jagd, zum Apportieren, zum Treiben von Vieh und als Wachhund eingesetzt werden konnte.
Nach jahrzehntelangem züchterischem Bemühen wurde der zunächst unansehnliche, struppige Waterside- zum bildschönen Airedale-Terrier, dem man nicht nur wegen seiner Größe den Beinamen »König der Terrier« gab: muskulös, kompakt, ein temperamentvoller Bewegungsartist mit raumgreifendem Gangwerk, aktiv, lern- und arbeitsfreudig. Er ist damals wie heute wahrlich ein Tausendsassa, ein Hund, der kein Spezialist ist, aber sehr anpassungsfähig und deshalb für alles einsetzbar, was man ihm als Aufgabe gibt. So reicht das Spektrum seiner Einsatzmöglichkeiten vom loyalen, kinderfreundlichen, gut gelaunten Familienhund mit Sinn für Humor über den zuverlässigen, engagierten Begleiter im Hundesport, den schneidigen Jagdhelfer, den unbestechlichen, aber nicht aggressiven Beschützer von Familie, Haus und Hof, den ausdauernden Suchhund bis hin zum gelassenen, sensiblen Therapiehund.
Der Airedale möchte körperlich wie geistig ausgelastet werden. Lange Spaziergänge schätzt er sehr und er ist ein perfekter Begleiter bei sportlichen Aktivitäten wie Radfahren, Joggen, Walken oder auch Schwimmen. Trägt man seinem Bewegungs- und Spieltrieb Rechnung, hat man einen ruhigen, angenehmen Hausgenossen, der entspannt in seinem Hundebett oder an seinen Besitzer gekuschelt ruht, vorzugsweise grinsend in Rückenlage. Langweilt er sich aber über längere Zeit, entwickelt er ganz selbstständig ein Beschäftigungsprogramm, das aus Menschensicht nicht immer haus- und gartenkompatibel ist.
Eines allerdings ist der Airedale nicht: ein unterwürfiger Befehlsempfänger! Er hinterfragt gerne Befehle, die man ihm gibt, beharrlich, aber immer mit dem ihm eigenen Charme. Seinem Terrier-Dickkopf begegnet man am besten mit konsequenter, freundschaftlicher Erziehung und Ausbildung. Dann wird man in den Genuss seiner wirklich beachtlichen Fähigkeiten kommen, die natürlich größtenteils auf seiner Intelligenz und einer gewissen Selbstständigkeit im Handeln beruhen. Beides macht einen wesentlichen Teil seines Charakters aus und sichert, dass man in einem Airedale einen Partner hat, der für seine Menschen sprichwörtlich »durchs Feuer geht«, einen stets hellwachen, kooperativen Hund, der seinem Besitzer gefallen möchte, jede Situation souverän meistert und Liebhaber findet, die ihm hoffnungslos verfallen.
Liebe auf den ersten Blick

Herzensräuber
Es gibt sie wirklich, die Liebe auf den ersten Blick, auch wenn ich dieses Phänomen lange belächelt habe. Ich habe mich verliebt, ganz spontan und mit einer Intensität, die ich nie für möglich gehalten hätte. Jahrzehnte sind seitdem vergangen und aus der Verliebtheit ist eine tief verwurzelte Liebe geworden.
Wie an jedem Morgen seit Beginn meines Urlaubs, den ich in einer kleinen, familiären Pension in den Alpen verbringe, liegt er zur Frühstückszeit mit dem Kopf an der Schwelle zum Speiseraum, hat ein Bällchen in der Schnauze, kaut darauf herum und schaut sich alle Gäste gründlich an. Auch heute erwidere ich seine Blicke, bewundere die tiefbraunen, lebhaft funkelnden Augen, das lustige Bärtchen, die keck nach oben gerichteten Augenbrauen und die kleinen, v-förmigen Ohren, die er nach vorne gekippt trägt. Ich mag seine intensiven Farben, die tiefschwarze Decke, das rötliche Braun des übrigen Fells, das drahtige Haar, den muskulösen, kompakten Körperbau und die selbst im Liegen fröhlich getragene Rute, die mich jedes Mal anwedelt, wenn sich unsere Blicke treffen. Er ist ein Rassehund, ganz sicher, aber einer Rasse zugehörig, die mir unbekannt ist. Er muss gespürt haben, dass meine Aufmerksamkeit nicht mehr dem Frühstück gilt, und stupst sein Bällchen in den Raum, ohne mit der tiefschwarzen Nase auch nur einen Millimeter in den offensichtlich verbotenen Bereich des Frühstücksraumes zu geraten. Jetzt hält mich nichts mehr auf meinem Stuhl. Ich lasse Brötchen Brötchen sein, hebe den Ball auf und rolle ihn zum Hund zurück. Geschickt nimmt er ihn an, kaut ihn genüsslich zwei-, dreimal durch und schickt ihn erneut auf die Reise in den Gastraum. Ganz begeistert schaut er mich an, ja, ich habe fast den Eindruck, er grinst! Und so hocke ich auf dem Parkett; er liegt weiterhin auf der Schwelle und wir rollen uns gegenseitig den Ball zu, ohne einander räumlich näher zu kommen! Viel länger noch hätte ich dieses Spielchen genießen können, aber er folgt brav einem »Paul, komm her!« und verschwindet mitsamt Ball in den privaten Räumlichkeiten der Gastgeber.
Der obligatorische Morgenspaziergang bietet heute wenig Abwechslung. Schon zum x-ten Mal wandere ich straßauf, straßab an meinem Urlaubsquartier vorbei. Irgendwann muss er doch herauskommen, mein ballverliebter Herzensräuber, und ich bin wild entschlossen, so lange hin und her zu gehen, bis ich ihn samt Leinenhalter erwische. Keinen Blick habe ich für die Schönheit der Hochgebirgslandschaft. Stattdessen starre ich die Holztür der Pension an und habe das Gefühl, ich könnte aus dem Gedächtnis jeden einzelnen Schnörkel der gegendtypischen Schnitzereien aufzeichnen. Gut, dass ich meine Schnürschuhe trage, so kann ich beim Passieren des Hauses eine unverdächtige Pause einlegen, um die Senkel neu zu binden. Als ich noch intensiv mit dem rechten Schuh beschäftigt bin, fühle ich, dass mir jemand aufmerksam zusieht. Ich schaue auf, während ich krampfhaft nach einer plausiblen Erklärung für mein ständiges Schuhschnüren suche. Auf Augenhöhe befindet sich das Pelzgesicht, in das ich mich so verliebt habe, und eine feucht-warme Zunge schleckt über meine Nase.
Selbstverständlich nehme ich als Dritte im Bunde am Gassigang teil und sauge so viel Wissenswertes wie möglich über Paul, den ersten von mir bewusst wahrgenommenen Airedale-Terrier, auf. Und während ich mir die unterhaltsamen und informativen Erzählungen eines überzeugten Airedale-Halters über die Rasse und seinen Paul anhöre, begeistere ich mich immer mehr für meinen Herzensräuber und er sich für meine Schnürsenkel. Zielsicher öffnet er sie bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit und ich bin überzeugt davon, dass er sich und mir damit einen Gefallen tun will. Bei der Beobachtung meiner unzähligen Bindeübungen vor seiner Haustür musste er den Eindruck gewonnen haben, meine Lieblingsbeschäftigung sei das Zubinden von Schnürsenkeln. Wie passend, seine ist eindeutig das Aufziehen!
Ich bin ein kleiner König

Nachtjägerin
In mein Haus und in mein Herz ist er am Spätnachmittag eingezogen, 8 Wochen jung, bildhübsch, bezaubernd und unwiderstehlich, mein King, ein kleiner König der Terrier, der sofort selbstbewusst jede Ecke seines neuen Reiches in Besitz nimmt. Unglaublich spannend ist es für ihn, ohne Rückendeckung seiner Mutter und Geschwister so viel Neues zu erforschen. Die Rute fröhlich getragen, strolcht er durch das Wohnzimmer, während ich mich von seinem Anblick nicht losreißen kann. Aufregung und Blasentätigkeit scheinen bei einem Welpen unmittelbar miteinander verknüpft zu sein. Bewusst wird mir dieser Zusammenhang erst, als King beinahe ansatzlos die typische Hock-Haltung einnimmt und ein ansehnliches Pfützchen auf meinem Parkettboden hinterlässt. Erziehung zu Stubenreinheit ist jetzt wohl die dringlichste Aufgabe, die es zu meistern gilt.
Ich bewaffne mich mit Leckerlis, nehme den kleinen Kerl auf den Arm und stelle ihn im Garten auf den Rasen. Ein Eldorado an Geruchserlebnissen stürmt hier auf ihn ein und so setzt er sich völlig überwältigt erst einmal auf sein Hinterteil. Dann siegt die Neugier und King erkundet vorsichtig die fremde Umgebung. Gefährlicher Rosenstrauch links: wird verbellt! Graue Monster-Mülltonne rechts: wird verbellt! Riesiges Findling-Ungeheuer auf dem Heidehügel: wird verbellt! Ergebnis der ganzen Aufregung ist ein Pfützchen in der hintersten Ecke des Gartens und ein sehr zufriedenes Frauchen, das freizügig Leckerbissen verteilt. Der erste Schritt ist geschafft! King hat jetzt ein Garten-Hundeklo, das er immer wieder benutzen wird!
Vorm Schlafengehen wecke ich meinen Miniatur-Airedale noch einmal und trage ihn hinaus auf den Rasen, in der Hoffnung, er werde spornstreichs Richtung Löseplatz marschieren, um schnell alle Geschäfte zu erledigen.
Aber King hat Zeit, schnüffelt hier und da an einem Grashalm, steckt das Näschen in ein Mauseloch, hüpft durch mein Staudenbeet, reißt dort einen Blütenstängel ab und tollt damit ausgelassen durch den Garten, während ich fröstelnd auf der Terrasse stehe und auf ihn warte.
Aus den Augenwinkeln sehe ich schemenhaft einen großen Schatten von einem Zaunpfahl auffliegen. Völlig lautlos gleitet ein gedrungener Körper mit fast rundem Kopf in Bodennähe auf meinen King zu. Das ist sie, die gefürchtete Nacht-Jägerin, die in der Lage ist, eine davonhuschende Maus bei der Bodenjagd einzuholen. Sie hat offensichtlich von ihrem Ansitz aus King fixiert. Eulen töten immer auf die gleiche Weise. Den Flug wird sie abrupt abbremsen, sobald sie den Kleinen erreicht hat, und zeitgleich die dolchartigen Klauen nach vorne strecken. Darauf folgt der Tötungsbiss in den Nacken und das Opfer wird mit den kräftigen Fängen durchgewalkt. Ihre Flügel nehmen dabei die Fangstellung ein und werden weit über die Beute gespreizt.
Wie versteinert erlebe ich die Sekundenbruchteile, in denen sich der Angriff abspielt, kann meinen Blick nicht von den dramatischen Ereignissen lösen. Mit weit aufgerissenen Augen erkenne ich, dass die Eule knapp über King, der sich ängstlich auf den Boden drückt, hinweggleitet, ohne ihn zu berühren, und in Richtung Wald abdreht. Im letzten Moment hat sie glücklicherweise wohl erkannt, dass mein Airedale-Baby keine überdimensionale Maus ist.
Altersunabhängige Großmäuligkeit
Großmäuler gibt es wahrlich genügend: Großmaulantennenwelse, Großmaulmakrelen, Großmaulhaie, Großmaulkampffische. Auch Krokodile, Schlangen, Flusspferde, Löwen und Co. zeigen beim Aufreißen ihrer Mäuler Respekt einflößende Großmäuligkeit. Sie tritt selbst beim Homo sapiens auf, der dieses Attribut aber nicht wegen der beachtlichen Größe seines Mundes zuerkannt bekommt. Zweifelsfrei gehört auch der Airedale zu den Großmäulern. Er hat ein beachtlich großes Maul und zuweilen riskiert er auch ein solches! Gezeigt hat mir mein King seine bewundernswerte Großmäuligkeit bereits im zarten Welpenalter.
Kaum habe ich den Kleinen in mein Auto gepackt, mit einem extralangen Ochsenziemer ausgestattet, um ihm die mehrstündige Urlaubsfahrt zu versüßen, ertönt aus dem mit einem großen Handtuch gepolsterten Fußraum vor dem Beifahrersitz eine alarmierende Mischung aus Ächzen, Stöhnen und Würgen. Eine Vollbremsung ist die Folge meines kurzen Seitenblicks in den Fußraum. Der Ochsenziemer ist bis auf ein kleines Stück vollständig in meinem Welpen verschwunden. Ein mindestens 30 Zentimeter langes, spitzes Exemplar in meinem Miniatur-Airedale! Grausige Bilder laufen vor meinem inneren Auge ab, während ich hektisch um den Wagen herum zur Beifahrerseite renne. Schwer verletzt muss er sein, mein Kleiner, vielleicht unrettbar verloren wegen Perforationen von Magen und Darm.
Keine Hilfe in Sicht, Landschaft, so weit das Auge reicht, und eine schnurgerade Straße, auf der nur ich unterwegs zu sein scheine. Die Beifahrertür aufreißen, King schnappen und den Ochsenziemer herausziehen, geschieht beinahe instinktiv und dann harre ich der Dinge, die da kommen müssen. Es kommen aber keine, jedenfalls keine, die mich in weitere Ängste versetzen. King stellt sein Würgen ein, die Rute wird wieder fröhlich getragen und er hüpft vor meinen Füßen hin und her und bettelt darum, den Ochsenziemer zurückzubekommen. Ich dagegen bin immer noch fassungslos, schaue ratlos Ochsenziemer und meinen Welpen an und gebe dann seufzend auf herauszufinden, wie King es geschafft hat, das lange Ding zu 90 Prozent in sich hineinzuwürgen. King verhilft die Kunst des Ochsenziemerschluckens glücklicherweise nur dazu, dass ich ihm nie wieder einen zum Kauen gönnen werde. Bei den zukünftigen Ausmaßen meines Hundes bliebe noch nicht einmal ein winziger Rest sichtbar, an dem ich zwecks Sofortrettung ziehen könnte, da bin ich sicher.
Am Ziel angekommen, nimmt der Winzling spornstreichs sein neues Revier in Augenschein. Unerschrocken marschiert er auf noch kurzen, stämmigen Beinchen mit überdimensionalen Pfoten durch den Garten des Ferienhauses. Ganz verzückt schauen zwei Kuvasz-Hündinnen vom Nachbargrundstück durch den Zaun und jeder ihrer Blicke sagt: »Ein Baby, wie niedlich! Komm her, kleiner Mann, wir adoptieren dich!« Das Baby ist jedoch keineswegs auf der Suche nach Müttern, zumal es der seinen vor nicht allzu langer Zeit entronnen ist und bereits weiß, wie sich Erziehung auf Hundeart anfühlt! Also wächst mein kleiner König über sich hinaus, indem er seine Vorderpfoten auf einen Blumenkübel setzt, starrt die großen Weißen herausfordernd an und bringt den gestandenen Hündinnen wütend seine helle Welpen-Stimme zu Gehör. David gegen zwei Goliaths, so etwas nenne ich Selbstbewusstsein und Schneid. In Anbetracht des stabilen Zaunes vielleicht auch Großmäuligkeit!
Erstaunliche Affinität
Der menschliche Zeigefinger dient zum Zeigen, das sagt bereits der Name. Zeigen kann man auf viele Dinge, auch auf Welpen. Das ist zunächst einmal ungefährlich. Ungefährlich ist es auch, den Zeigefinger zu Kommunikationszwecken mit dem neuen Familienmitglied als moralischen zu erheben. Anders sieht die Sache aus, wenn man mit besagtem Zeigefinger eine Welpenannäherung vornimmt.
Will ein Hundekundiger einen ersten Kontakt zu einem ausgewachsenen Lebewesen der Gattung Canis lupus familiaris aufnehmen, hält er ihm die Hand hin, um dem Vierbeiner Gelegenheit zu geben, ihn auf Hundeart kennenzulernen. Hundewelpen erzeugen auch beim Menschen durch das Kindchenschema das unbedingte Bedürfnis, sie zu streicheln, zu verhätscheln und zu beschützen. Welpen sind natürlich noch klein und das ist wohl der Grund dafür, dass zum Kennenlernen nicht die ganze, im Verhältnis zum Welpen überdimensional große Hand hingehalten wird, sondern nur ein Zeigefinger und zu diesem entwickelt mein King schon am Tag des Kennenlernens meiner engsten Freunde eine erstaunliche Affinität.
Sein erster Besucher ist unser Nachbar Wolfgang, genauso airedale-verliebt wie ich, und so gerät er bei dem Anblick des neuen Familienmitglieds sofort in Verzückung. Das muntere Fellknäuel liefert im Moment eine bühnenreife Vorstellung mit Buddelarbeiten und Phantom-Hetzjagden in meinem Garten, Kings heißgeliebtem Abenteuerspielplatz. Noch ist der Neuankömmling für den Kleinen uninteressant. Irgendwann haben sich Wolfgangs Augen aber sattgesehen und sein Wunsch nach näherem Kontakt in Form von Streicheleinheiten wird übermäßig. Also hockt er sich auf die Terrasse und lockt King. »Ja, du bist ja niedlich! Komm doch einmal her! Ja, King, komm schnell, komm zu Wolfgang!«, säuselt er in den höchsten Tönen und hat Erfolg. King unterbricht das Totschütteln seines Plüschesels und wackelt auf seinen Bewunderer zu.
Und jetzt kommt er ins Spiel, der bereits erwähnte Zeigefinger. Wolfgang streckt ihn aus und King, der sich nicht mit Beschnüffeln aufhält, locht ihn umgehend mit einem nadelspitzen Fangzähnchen. Wolfgang starrt fassungslos die blutende Bisswunde an und verlangt nach sofortiger Desinfektion. Jod & Co. habe ich nicht im Hause, aber den guten 80-prozentigen, aus Österreich importierten Strohrum. Der tötet mit Sicherheit alle Krankheitserreger, hat allerdings eine schmerzhafte Nebenwirkung bei Wundkontakt. Ich verzichte trotzdem darauf, Wolfgang wie im Wilden Westen als schmerztherapeutische Hilfe ein Stück Kaminholz zum Hineinbeißen anzubieten, und träufele vorsichtig den Rum auf den lädierten Zeigefinger. Wolfgang zieht geräuschvoll die Luft zwischen den Zähnen und zeitgleich blitzschnell den Finger ein. Natürlich schütte ich dadurch den Rum ins Leere. Mein Airedale-Baby, das zu Wolfgangs Füßen sitzt und interessiert die Prozedur verfolgt, öffnet das kleine Mäulchen, streckt die winzige Zunge hervor, fängt geschickt ein paar Tröpfchen Rum auf und findet sie offensichtlich so sehr schmackhaft, dass die Terrassenplatten nach dem Geschmackstest akribisch rumfrei geleckt werden.
An diesem Tag sind noch drei weitere medizinische Rum-Desinfektionen bei Besuchern nötig und dadurch hat sich jetzt unverbrüchlich etwas in dem kleinen Hunde-Hirn verknüpft: ein ausgestreckter Zeigefinger ==> Aufforderung zum Anbeißen ==> Rumkur ==> zungenunterstützter Putzeinsatz mit Partyflair. Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht spätestens morgen an der Haustür ein Schild anbringe, das ein Ausstrecken des Zeigefingers Richtung King kategorisch untersagt. Man stelle sich nur vor, die nächsten Zeigefinger-Opfer bestehen auch noch auf innerer Anwendung des Hochprozentigen. Der dann regelmäßig notwendige Import von österreichischem Strohrum würde für mich in Anbetracht der langen Wegstrecke und stets steigender Benzinpreise unerschwinglich.
Kleiner Ausbrecherkönig
»Du musst mir helfen und den Kleinen ein paar Tage übernehmen«, lautet der morgendliche Hilferuf. So wenig ich meiner Bekannten ihren verstauchten Fuß gönne, so sehr freue ich mich darauf, ihren 10 Wochen alten Baby-Airedale Justus für ein paar Tage in Vollzeit-Pflege zu nehmen. Ausgestattet mit einer Vielzahl guter Ratschläge und einem Laufstall als »Notfall-Gefängnis«, treffen wir zu Hause ein. Die sonst so freudige Begrüßung durch King fällt erheblich kürzer und weniger intensiv aus, denn jetzt muss der kleine Gast vordringlich ausgiebig beschnüffelt werden. Beide Hunde kommen sich sofort näher, der Kleine in Rückenlage und ein begeistert wedelnder King, dem diese respektvolle Demutsgeste natürlich schmeichelt. Justus beherrscht das Welpen-Einmaleins, leckt King die Schnauze und fordert ihn anschließend zu einem wilden Spiel auf. Für einen Moment schaue ich dem munteren Treiben lächelnd zu, bevor ich ächzend und stöhnend den sperrigen Laufstall in den Keller schleppe. Gefängnis für Welpen, so ein Quatsch, das brauche ich nicht, das grenzt ja schon an Tierquälerei!

Diese Ansicht gerät ins Wanken, als ich nach dem Kellergang mein Wohnzimmer anschaue. Binnen der wenigen Minuten meiner Abwesenheit war Justus raumgestalterisch tätig. Verstreut liegende Sofakissen mit Lochmuster, lustig durch die Luft wirbelnde Daunen, eine völlig zerfetzte Zeitung und akribisch zerlegte Blumengestecke deuten auf seine fragwürdige innenarchitektonische Begabung hin. Justus hat damit wahrlich gut für das Hundegefängnis argumentiert, also revidiere ich meine Meinung zur Sicherungsverwahrung und hole es wieder hervor. Die Funktionalität des Laufstalls teste ich sofort und setze den kleinen Tunichtgut hinter die Gitter, damit ich in Ruhe mein Wohnzimmer restaurieren kann. Da hockt er nun mit dem unschuldigsten Gesicht auf Beobachtungsposten, während ich jeder einzelnen Daune hinterherjammere.
Nach der Aufräumaktion kann ich dann endlich den kleinen Gast in Ruhe genießen. Dem Charme eines Airedale-Welpen erliege ich immer und so hocke ich mit Justus auf dem Boden, lasse ihn an Kings Plüschesel zerren und muss immer wieder über das helle Knurren und die lustigen Sprünge lachen, wenn er ihn mir nicht entreißen kann. Lasse ich ihn gewinnen, trägt er seine Beute stolz mit erhobenem Köpfchen durch das Wohnzimmer, aber nicht, ohne sie King mehrfach zu präsentieren. Mein Großer nimmt das gelassen und gönnerhaft hin. Hundebabys haben bei ihm weitgehend Narrenfreiheit.
Welpen brauchen Ruhephasen und auf mich wartet noch eine ungeliebte Hausfrauenpflicht. Justus wird für ein Schläfchen wieder in den Laufstall befördert und ich widme mich im Keller den frisch gewaschenen Wäschebergen.
Als fast alle Wäschestücke ihren Platz an der Leine gefunden haben, höre ich lautes Poltern im Erdgeschoss. »King? King, was machst du?« Und während ich zwei Stufen auf einmal nehme, taucht mein Terrierkönig an der Treppe auf und freut sich über meine Rückkehr aus den tieferen Gefilden des Hauses. Und noch jemand freut sich und hüpft und springt ausgelassen um mich herum. »Justus!« schreien und ins Wohnzimmer stürmen dauert nur Bruchteile von Sekunden. Tischdecke und -deko sind ihm diesmal zum Opfer gefallen. Für heute lasse ich ihn nicht mehr aus den Augen, den kleinen Ausbrecherkönig, das steht fest. Aber eines muss ich bewundernd feststellen: Meine Bekannte hat einen sehr begabten Kletterkünstler. Er muss den Weg aus dem Laufstall mit einem beachtlichen Klimmzug bewältigt haben.
Die Welpenüberwachung ist gar kein Problem, wenn ich das Wohnzimmer nicht verlasse. Deshalb bleibt die Arbeit für heute endgültig liegen und ich ziehe mich mit einem Buch auf die Couch zurück. Gänzlich versöhnt bin ich, als meine Jungs lebende Wärmflasche spielen. King schnarcht auf meinen Füßen und Justus macht es sich auf meinem Schoß gemütlich. Er liegt im Tiefschlaf auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, und lässt seine Mausezähnchen sehen. Auch kleine Airedales beherrschen bereits dieses unwiderstehliche Lachen, wenn sie in Rückenlage schlafen.
Ein schrilles Klingeln kann sehr störend sein, wenn man gemütlich auf der Couch liegt und dem Mörder dicht auf den Fersen ist. Genervtes Brummen aus zwei Airedale-Kehlen ertönt, als ich die Heizquellen zur Seite schiebe und mich zum Telefon bequeme.
»Klar, mach ich doch gerne. Nein, nein, mach dir keine Gedanken wegen so einer kleinen Gefälligkeit. Ich bin dann in einer halben Stunde da!« Die alte Dame von gegenüber hat einen Termin zu später Stunde und keine Fahrgelegenheit. Normalerweise ist solch kleiner Freundschaftsdienst überhaupt kein Problem. Heute allerdings war Normalität bisher Mangelware und deshalb grübele ich darüber nach, wie ich Justus wirklich ausbruchssicher festsetzen kann. Aber klar doch, »Deckel drauf« heißt die Lösung! Die Suche im Keller ist erfolgreich und ich wuchte eine beachtlich große Holzplatte die enge Treppe hinauf. Justus verfrachte ich mit Kauknochen und Spielzeug in den Laufstall und setze den Deckel auf! »Tut mir leid, mein Kleiner! Ich bliebe jetzt auch lieber auf dem Sofa liegen und würde dich nicht schon wieder einsperren. Aber eine neue Wohnzimmereinrichtung übersteigt mein Budget! Seid schön brav, Jungs, ich bin gleich zurück!« In der beruhigenden Gewissheit, mein Wohnzimmer nach meiner Rückkehr wohlgeordnet vorzufinden, gehe ich aus dem Haus.
Ich hätte es besser wissen müssen. Airedales sind immer für Überraschungen gut. Diesmal sind Justus die CDs samt Hüllen unter die Zähnchen gekommen, ein Häufchen ziert meinen Fußboden und einer der granulierten Dekoäpfel, die in einer Schale auf dem Couchtisch lagen, bleibt trotz intensiver Nachsuche verschwunden. King sitzt mit nach hinten gelegten Ohren in seinem Körbchen und scheint ein schlechtes Gewissen zu haben, obwohl ich jede Wette eingehen würde, dass er garantiert keinen Anteil an den Schandtaten hat. Nur seine Schwanzspitze signalisiert: »Schön, dass du wieder da bist!«
Die Holzplattenabdeckung des Laufstalls ist verschoben, sodass ein erneuter Ausbruch für Justus eine Kleinigkeit war. Ob King dem Kleinen geholfen hat, die Platte wegzurücken, oder ob der es selbst geschafft hat, weiß ich bis heute nicht. Wohin der Zierapfel geraten ist, bleibt als einziges Problem nicht rätselhaft. Nachdem ich alle Schäden beseitigt habe, fängt Justus plötzlich heftig an zu würgen und fördert Unmengen von Zellstoff mit Granulat zutage.
»Der erste Gedanke ist immer der richtige«, das wusste zu meiner Schulzeit mein Mathematiklehrer stets anzubringen, wenn ich vor einer Aufgabe saß und vergeblich nach zunächst richtigem Ansatz x falsche Lösungsversuche unternahm. Daran hätte ich besser von Anfang an gedacht. Wie war das noch? »Gefängnis für Welpen, so ein Quatsch!« Absolut korrekt! Bei einem kleinen Ausbrecherkönig hilft das sowieso nicht.
Markierkünstler
Das Beinchenheben des Rüden dient der Kennzeichnung des Reviers und der Verbreitung seiner speziellen Urin-Nachrichten. Rüden markieren gerne vertikale Oberflächen, da die Höhe ihrer Markierung Aussagen über ihre Größe macht, die ja bekanntlich Einfluss auf die Stellung in der Rangordnung nimmt. Daher bemüht sich jeder Rüde, das Hinterbein so hoch wie möglich zu heben. Je höher er seine Duftmarken-Botschaft platziert, umso schwerer haben es andere Hunde, sie durch ihre eigene zu überdecken. Es gilt also in der Hundegesellschaft der Grundsatz: je höher, desto besser!
Aber nicht für King! Er bevorzugt schon seit fast acht Monaten horizontale Flächen, hockt sich hin und erledigt, was es zu erledigen gibt, ohne Wert darauf zu legen, Nachrichten an exponierten Stellen zu hinterlassen. Dabei hätte er eine ganze Menge zu erzählen: »58 cm bin ich jetzt schon groß, kerngesund, hatte heute Hühnchen mit Gemüse und Leinöl zum Frühstück und stehe als Trainingspartner für spielintensiven Wiesenschnelllauf in meinem Revier jederzeit zur Verfügung.« Die Nachrichten anderer Vierbeiner jedoch lassen ihn keineswegs kalt, er liest sie zunehmend interessierter, sodass ich die berechtigte Hoffnung hege, bald statt eines Riesenbabys einen gestandenen Rüden an meiner Seite zu haben.
Heute schnüffelt King ausgiebig an dem dicken Baumstamm der schönsten Linde in unserem Revier. Er umrundet ihn im Schneckentempo, einmal, zweimal und ich schleiche fast auf Zehenspitzen hinter ihm her, um ihn ja nicht aus seiner Konzentration zu bringen. Jetzt rückt er an den Stamm, dreht sich in Markierposition und hebt – das rechte Vorderbein. Nun ja, der Anfang ist gemacht und der Tag noch lang!
Beim nächsten Versuch geht King schon routinierter vor. Eine Buche ist Ziel der Markier-Übung. King macht mit geschickten Drehungen jedem Walzerkönig Konkurrenz, rückt dem Baum ganz dicht zu Leibe, hebt den linken Hinterlauf einige Zentimeter hoch, gerät ins Wanken und fällt um. Verdutzt rappelt er sich wieder auf, schaut erst die Buche, dann mich an, schüttelt sich und hüpft gut gelaunt um mich herum. Wie immer, wenn er mich dazu bringt, laut zu lachen, ist er mit seiner Leistung überaus zufrieden. Stolz beschnüffelt er sein Werk, das immerhin die beachtliche Höhe von 10 Zentimetern aufweist und sich auf einer der Baumwurzeln befindet.
Inzwischen haben wir das Dorf hinter uns gelassen und King bekommt Freilauf. Er liebt es, alle Wege x-mal zu machen, saust ein ganzes Stück voraus, kommt im Tiefflug zu mir zurück, um sofort wieder durchzustarten. Auf einer Bank am Waldrand sitzt ein älterer Herr und genießt mit geschlossenen Augen die Sonne. Kings Interesse gilt aber nicht dem Mann, sondern dem Fuß der Bank. Er wird doch nicht … Doch, er wird! Ich sehe, wie der Hinterlauf angehoben wird, und brülle: »Hier!« Stolz müsste ich sein auf mein Riesenbaby! Wäre ich auch, wenn es nicht vor dem zügigen Zurückkommen noch ein paar Spritzerchen in Richtung menschliches Hosenbein losgelassen hätte. Es gibt wirklich nette Menschen, tolerant und hundefreundlich. Der Herr schmunzelt, besichtigt seine Jeans und stellt lakonisch fest: »Dir fehlt aber noch ein bisschen Übung, mein Kleiner! Keine Sorge, junge Frau, nichts passiert!«
Für den Abend dieses Tages gilt das allerdings nicht mehr. Wir besuchen wie so oft Ares, einen 5 Jahre alten Welshterrier-Rüden und sein Frauchen. King liebt sein kleines Ebenbild sehr, und während wir uns angeregt im Wohnzimmer unterhalten, spielen die Hunde Esszimmertisch-Rundlauf mit Quietsche-Ente und Ringen mit Ganzkörpereinsatz. Kurz bevor ich mich verabschiede, fällt meiner Bekannten eine beachtliche Pfütze auf. »Unglaublich, hat Ares doch tatsächlich meinen Esszimmerschrank markiert. Ich glaube, dein King wird erwachsen und mein Lümmel hält es für notwendig, ihm zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Sei froh, dass ich dich dabei nicht erwischt habe, Ares!«
Als ich die leidige Angelegenheit noch einmal genau in Augenschein nehme, fällt mir auf, dass es zwei Markierspuren gibt, die eine Ares-kompatibel, die andere ein ganzes Stück höher. King wird also nicht erst erwachsen, er ist es schon!
Alles meins

Metamorphose
Eine verschwenderische Fülle von Farben und Düften, die Wiesenteppiche voller Miniatursonnen, die sich zu filigranen Fallschirmsternen wandeln, um Millionen neuer Sonnen hervorzubringen, Äste, überschäumt mit weiß-rosa Blüten: ein Frühlingserwachen, das berauscht!
King drängt es dann hinaus in sein Revier, mehr noch als sonst, als wolle er alles auf einmal in sich aufnehmen, was er in den kalten Monaten entbehren musste. Stundenlang streift er mit mir durch die frisch belebte Natur, erkundet sein Revier so, als müsse er es neu kennenlernen. Jede Information nimmt er mit allen Sinnen auf, jeder Bewegung spürt er nach, jede Wandlung überprüft er und beäugt sie kritisch. Selbst die frisch gestrichene, fröhlich lachende Erdbeere, die seit gestern den Wegrand bevölkert und auf die bald nahende Erntezeit aufmerksam macht, wird nach beeindruckenden Drohgebärden beschnüffelt und schließlich beinahe verächtlich auf Hundeart als sein Eigentum gekennzeichnet. Er nimmt es sichtlich übel, wenn jemand sein Reich verändert.
Während unserer Wanderung durch offene Wiesenlandschaften und dichte Wälder wechselt er stets die Gangart zwischen kraftvoll-dynamischem, raumgreifendem Dahinfliegen und locker-elegantem, fast schwerelosem Trab und mit Freude betrachte ich das Spiel der Muskeln in der kräftigen Hinterhand. Immer wieder zwischendurch tanzt er ausgelassen um mich herum, fordert mich zum Spielen auf und dann wirbelt er begeistert mit glänzenden Augen und flatternden Ohren unermüdlich hinter seinem Spielzeug her über das frische Grün.
Von Zeit zu Zeit aber erstarrt King in Sekundenbruchteilen mit erhobener Pfote am Waldrand. Dann ist jede Faser seines Körpers gespannt und sein Blick konzentriert auf die Stelle, an der er etwas wahrgenommen hat, eine Bewegung vielleicht, einen Geruch oder ein Geräusch und ich weiß, dass jetzt der Jäger in ihm erwacht. Das ist der Moment, in dem ich mit einem scharfen »Hier« sein wölfisches Erbe stoppen muss und ich bin jedes Mal erleichtert, wenn er meinem Ruf Folge leistet. Die Jagdbeute aus meiner Jackentasche ist ihm dann sicher, das weiß er.
Haben wir den Höhenrücken erreicht, ist es nicht mehr weit bis zu unserer Bank, die einen traumhaften Blick über die Landschaft ermöglicht, und wir beide genießen die Sonne und die Stille abseits der Wanderwege. King sitzt vor mir am Wegrand, die Nase, im Wind, und lässt den Blick über sein Revier schweifen, wandelt sich vom spielbegeisterten Wirbelwind zu einem territorialen König, der sein Reich von diesem erhöhten Aussichtsplatz überwacht. Jederzeit ist er bereit, es mit Menschen, Hündinnen und ehrerbietigen Rüden zu teilen. »Alles meins!« gilt bei ihm ausschließlich bei unverschämt dominanten Lümmeln, die wohlmöglich auch noch größer sind als er! Die treffen wir in seinem Revier glücklicherweise nur selten, in sehr geringer Anzahl und sie spazieren immer gut leinengesichert! King allerdings dann auch!
Der große Zapfenstreich
»Im Gleichschritt, marsch! Links, zwo, drei, vier! Links, zwo, drei, vier! Links, …, links, …, links, zwo, drei, vier!« Ein Heer von Nilgänsen bevölkert unsere Wiese und macht aus ihr einen Exerzierplatz. Unfassbar, aus Kings Wiese, die bis zum Himmel geht und die jetzt statt der Sonnen-Sterne ein bescheiden grünes Gewand trägt. Wie gebannt stehen wir beide am Wegrand und beobachten den Drill einer Formalausbildung. Der Major wirft sich in die Brust und befiehlt militärisch korrekt: »Kompanie, halt! Rührt euch! In Linie antreten! Richt euch! Augen geradeaus! Schnabel ab! Fett anfuttern!«
Was muss jetzt in Kings Kopf vorgehen, der ja am liebsten unumschränkt in seinem Reich herrscht und jeden Eindringling zähnefletschend vertreibt? Daran hindert ihn im Moment wohl nur die Leine, die ich sicherheitshalber auf Spannung halte. King kennt durchaus etliche Gefiederte, hat auch Spaß daran, ihre Flugfähigkeiten zu schulen, aber solche Gänse in ihrer schmucken Paradeuniform hat er noch nie gesehen. Kein Wunder, ist doch das von unserem Zuhause entfernteste Gebiet, in dem er sich ab und zu aufhält, das nördliche Italien und von da bis nach Ägypten die Entfernung noch recht beträchtlich!
Plötzlich besinnt sich mein Terrier auf seine territorialen Ansprüche, springt auf, wirft sich ohne Rücksicht auf meine Standfestigkeit in die Leine, knurrt, bellt, geifert und fletscht das Heer der Gänse an, sodass es dem befehlenden Offizier zu ungemütlich wird. »Zum Abflug, marsch!« Hunderte von Flügeln schlagen hektisch, die Wiesenstartbahn wird zur Geschwindigkeitssteigerung genutzt und nach dem zunächst schwerfälligen Start fliegt der Trupp in einer geordneten Formation gen Süden. Ich kann es zwar nicht mehr erkennen, aber ich könnte wetten, der Major fliegt an der Spitze und führt seinen Drill fort. Seine Kommandostimme kann ich nämlich noch gut hören! Es ist natürlich auch möglich, dass er King eine Strafpredigt hält, weil mein Airedale das Essenfassen seiner Truppe abrupt gestoppt hat und die Schuld daran trägt, dass jeder Nilgans mindestens ein Fettpölsterchen fehlt. Jetzt fällt ein ganzer Chor von Stimmen in das Geschrei ein. Das Schimpfen muss also wirklich King gelten! Brave, gut gedrillte Truppenmitglieder geben ihrem Kommandanten keine Widerworte.
King sitzt noch immer angespannt am Wegrand und überwacht den Abzug des Heeres. Beschimpfen lässt er sich natürlich auch von Gänsen nicht kommentarlos und schickt ihnen noch ein paar wütende Beller nach. Ich zupfe an der Leine: »Komm jetzt, sie sind weg!« King bleibt auf Beobachtungsposten. »King!« Er sitzt wie angewurzelt. Wieder rucke ich an der Leine. »King, sofort!« Ganz langsam erhebt er sich, schaut mich vorwurfsvoll an und schleicht wenig begeistert neben mir her. Immer wieder dreht er sich um und kontrolliert mit einem kurzen Blick, ob Wiese und Himmel noch gänsefrei sind. Ja, gehorsam ist er, mein King, aber eben nicht immer bedingungslos! Ein »bei Fuß« würde seinem Treiben ein sofortiges Ende setzen. Das verkneife ich mir aber und löse stattdessen die Leine. So kann ich wieder einmal den Einfallsreichtum meines Hundes genießen, der jetzt beinahe jeden Grashalm, nur tröpfchenweise, aber immer mit Wiesenblick markiert. Nein, die Aufregung ist ihm nicht auf Nieren und Blase geschlagen. Was King jetzt zeigt, ist typisch »airedale-ige« Strategie.
Pulsuz fraqment bitdi.