Kitabı oxu: «Das Mädchen im Schloss»

Şrift:

Annette Seemann & Ulrike Müller

Das Mädchen im Schloss

Lebensgeschichten der Herzogin Anna Amalia

Band 1

Mit Illustrationen von Brigitte Geyersbach


Annette Seemann

stammt aus Frankfurt/​Main, wo sie Germanistik und Romanistik studierte und 1986 promovierte. Sie lebt seit 2002 in Weimar und arbeitet als Buchautorin zur Weimarer Kulturgeschichte und weiblichen Biographien, als Übersetzerin sowie für pädagogische Projekte (Weimarer Kinderbibel). Außerdem ist sie im Ehrenamt für die Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e. V. tätig.

Ulrike Müller

wurde in Hamburg geboren. Dort studierte sie Evangelische Kirchenmusik, Germanistik und Theologie und promovierte 1989. Seit 1992 lebt sie in Weimar und arbeitet als Autorin, Referentin und Reiseleiterin. Auch ihre Themen sind weibliche Biographien und die Weimarer Kulturgeschichte. Daneben gestaltet sie gemeinsam mit befreundeten KünstlerInnen musikalischliterarische Salonprogramme.

Brigitte Geyersbach

wurde in Wurzen geboren. Nach ihrem Designstudium an der Kunsthochschule Halle Burg Giebichenstein ging sie 1980 nach Weimar an die Bauhaus Universität. Als freiberufliche Designerin arbeitet sie seit 1986. Sie ist auf den Gebieten Grafikdesign und Fotografie tätig, konzipiert und gestaltet Ausstellungen und Bücher. Mit dem Verein Löwenstarke Stöberkiste entwickelt und betreut sie interaktive Projekte für Kinder.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Über die Autorinnen

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Amalundes Nixenlied

Worterklärungen

Nachwort

Weitere Bücher

Impressum

Klappentext

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir freuen uns, dass ihr unser Buch in den Händen haltet. Ihr lernt darin Menschen kennen, die vor mehr als 250 Jahren gelebt haben. Sie sind wie heutige Menschen: sympathisch oder unausstehlich, können mitreißen und neugierig machen, aber auch enttäuschen und verletzen. Zu ihrer Lebenswelt gehörten Verhaltensweisen und Gegenstände, die euch möglicherweise fremd sind; vielleicht hört ihr sogar zum ersten Mal davon. Dinge hingegen, die wir heute selbstverständlich benutzen, waren damals noch gar nicht in Gebrauch: elektrisches Licht, Hähne, aus denen fließendes Wasser kommt, Autos, Tabletten gegen Grippe. Unglücklicher als wir waren die Menschen deshalb nicht, sie lebten nur anders.

Im Mittelpunkt unserer Geschichte steht Amélie, ein Mädchen, das wirklich gelebt hat, eine „historische Gestalt“. Amélie, mit vollständigem Namen Anna Amalia, war eine Prinzessin. Sie wurde 1739 im Schloss von Wolfenbüttel geboren, im heutigen Bundesland Niedersachsen. Ihre Eltern waren Carl I. und Philippine Charlotte, Herzog und Herzogin von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel. Damals gab es auf dem Gebiet von Deutschland unzählige, zum Teil kleinste Fürstentümer, jedes mit einer eigenen Regierung und eigenem Geld. In einem Schloss zu leben, werdet ihr nun vielleicht denken, das muss traumhaft gewesen sein, fast wie im Märchen. Doch ihr werdet euch wundern: Unsere Amélie wurde zwar umsorgt, besaß viele schöne Kleider und brauchte sicherlich nie selbst ihr Zimmer aufzuräumen. Aber sie musste von morgens bis abends lernen. Zeit zum Spielen gab es da für sie kaum. Kinder wurden damals wie kleine Erwachsene behandelt: Waren sie wie Amélie vornehmer Herkunft, wurden sie auf ihre Rolle als Adlige vorbereitet. Kamen sie aus einfachen Verhältnissen, mussten sie oft schon hart arbeiten, auf dem Land, in Handwerksberufen oder – die Mädchen – in der Hauswirtschaft.

Unsere Geschichte setzt zu der Zeit ein, als Amélie sieben Jahre alt war und den größten Teil des Tages damit verbrachte, die vielen Regeln zu verinnerlichen, die im Schloss und bei Hofe galten: dass es zum Beispiel höchst ungehörig war, einfach laut zu lachen. Und dass es unbedingt wichtig war, die Menschen, die sie traf, ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellung gemäß richtig zu begrüßen und anzureden. (Probiert aus Spaß mal aus, wie es sich anfühlt, eure Eltern und Geschwister mit Sie anzusprechen!) Als geradezu lebensnotwendig wurde es angesehen, die Familiengeschichte und den eigenen Stammbaum zu kennen. Denn im Netz der Verwandtschaft mit anderen Fürstenhäusern fand auch ein kleines Fürstentum Unterstützung, wenn es angegriffen wurde. Anna Amalias Mutter zum Beispiel war die Schwester des mächtigen Preußenkönigs Friedrich II., genannt Friedrich der Große.

Amélie lebte in einer Zeit des Umbruchs. Der Umgang zwischen den Menschen war noch weitgehend von Befehlen und Gehorchen bestimmt, doch wurde eigenständiges Denken und Handeln immer wichtiger. Wissenschaftliche Erkenntnisse und das Lesen erlangten zunehmend Bedeutung. Die medizinischen Kenntnisse waren zu Amélies Zeit allerdings noch längst nicht so weit entwickelt wie heute. Es galt als normal, dass viele Menschen schon in jungen Jahren starben; da genügte manchmal eine einfache Halsentzündung. Um so wichtiger war es, im Glauben an Gott Schutz und Trost zu finden.

Woher wir das alles wissen? Informationen über die damalige Zeit und Anna Amalia gibt es aus ganz unterschiedlichen Quellen. Bekannt sind amtlich dokumentierte Daten wie die von Geburt, Konfirmation, Heirat. Überliefert sind auch die Namen von Verwandten, wichtigen Lehrern, bedeutenden Künstlern oder auch Amélies Kinderfrau. Dazu kennen wir die Geschichte der Gebäude, wie zum Beispiel der Schlösser von Wolfenbüttel und Salzdahlum (nahe gelegener Sommersitz der Familie), in denen die kleine Herzogin sich aufhielt. Einige der Gebäude existieren heute nicht mehr. Dennoch sind uns über Dokumente nicht nur ihr Aussehen und die Funktion einzelner Räume bekannt, sondern sogar Einrichtungsgegenstände wie Möbel, Geschirr oder Gemälde, ja sogar die Titel der Bücher, die Amélies Mutter besaß. Manche Dinge sind heute noch erhalten und werden in Museen gezeigt. Wenn ihr das Schloss in Wolfenbüttel besucht, könnt ihr euch selbst einen Eindruck davon verschaffen.

Im Text und in den Illustrationen haben wir versucht, ein möglichst wahrheitsgetreues Bild von Amélies Leben darzustellen. Dennoch muss die Frage, wie es damals wirklich war, immer wieder neu gestellt werden. Darüber zum Beispiel, was Amélie als Kind und Jugendliche tatsächlich dachte, fühlte, sagte oder tat, wissen wir sehr wenig, das versuchen wir uns lediglich vorzustellen. Hinzu kommt, dass sich die Forschung nicht immer einig ist: Könnte es so gewesen sein oder war es vielleicht doch ganz anders? Doch hartnäckiges Fragen und Suchen lohnt sich. Obwohl wir schon einiges über Amélie wussten, haben wir während der Entstehung unseres Buches viel Neues dazugelernt. Die Bilder, die sich dabei am Ende ergeben haben, sind nicht vollständig, aber äußerst interessant.

Nun sind aber mehrere nebeneinanderstehende Bilder noch keine Geschichte. Um sie mit Leben zu erfüllen und zueinander in Beziehung zu setzen, haben wir die meisten Handlungen, Gespräche und auch einige der Nebenfiguren frei erfunden. Aus dem wahren Geschehen und unserer eigenen Phantasie haben wir etwas Neues entwickelt. Ihr wisst selbst, wie viel Spaß es machen kann, sich Geschichten auszudenken! Schließlich besteht das Leben aus weit mehr als Tatsachen. Das wusste übrigens auch unsere Amélie, die sich in unserem Buch mit einem prachtvollen Märchenwesen anfreundete. Je älter sie wurde, umso unklarer war ihr allerdings, ob sie ihm wirklich begegnet war oder … Womöglich habt ihr eine solche Erfahrung auch schon gemacht.

Ihr fragt euch vielleicht, wie wir überhaupt auf Amélie gekommen sind und warum wir uns gerade für ihre Kindheit und Jugend so interessieren. Wir drei, die dieses Buch für euch geschrieben und gezeichnet haben, und der Knabe Verlag, sind in Weimar in Thüringen zu Hause, und die Idee zu unserem Buch wurde hier geboren. Sie hängt mit der geschichtlichen Bedeutung zusammen, die Amélie nach ihrer Heirat bekam. Da lebte sie nämlich in unserer Stadt als Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach. Ihr Name ist mit der geschichtlichen Epoche der „Weimarer Klassik“ verbunden, mit Namen wie Goethe und Schiller, aber auch Corona Schröter und Charlotte von Stein. Von dieser Zeit soll dann unser zweiter Band handeln.

Zugegeben: Unser Buch stellt euch vor eine richtige Herausforderung. Es ist keine leichte Kost und bietet einige Stolpersteine: Wortsteine, kleine harte Brocken, an denen ihr euch stoßen könntet. Es kommen alte Namen und Begriffe vor, die ihr womöglich noch nie gehört habt, altmodische, ja gestelzt erscheinende, aber oft sehr schöne Wörter. Sie zeigen, was die deutsche Sprache alles zu bieten hat – oder im 18. Jahrhundert zu bieten hatte. Macht euch doch einmal den Spaß und benutzt so ein Wort in einem ganz normalen Gespräch. Wir haben diese Wörter entweder gleich in der Geschichte erläutert oder im Text mit einem Punkt markiert und dann im Anhang in einem alphabetischen Verzeichnis erklärt. Unsere Amélie hatte mit noch größeren und schwereren Stolpersteinen zu kämpfen. Lasst euch überraschen, wie sie damit umgegangen ist! Sie war schließlich eine ziemlich kluge kleine Prinzessin, davon kann man sich manches abschauen … Mehr wird nicht verraten.

Jetzt wünschen wir euch: Viel Freude beim Lesen!

Kapitel 1

In welchem wir Amélie kennenlernen, die sich tapfer und phantasievoll dem nicht ganz einfachen Leben einer Prinzessin stellt

Amélie war enttäuscht, ja, und wütend vielleicht auch. Aber es war nicht erlaubt, mit dem Fuß aufzustampfen, es war nicht erlaubt, ein Widerwort zu geben: Noch nicht einmal „Nein, ich kann das nicht essen!“, durfte man sagen, wenn irgendein ganz furchtbares Gericht auf den Tisch kam. So wie die Taube beim Festessen neulich, mit der sie Mitleid gehabt hatte. All das hatte das Mädchen mit seinen sieben Jahren gelernt herunterzuschlucken und dabei zu lächeln. Außerdem schreiben und französisch sprechen – das konnten alle Geschwister eigentlich von Beginn an besser als deutsch, damit waren sie aufgewachsen. Und tanzen, feine Handarbeiten mit unendlich sich verwirrenden Fäden herstellen und immer Geduld üben. Etwa, wenn es ans Frisieren ging, das ewig dauerte, bis die Haare endlich der riesige Turmaufbau waren, den die Mode vorschrieb.

Aber heute war es einfach zu viel gewesen: Amélie durfte nicht mit den Brüdern und Schwestern in das Lustschloss• Salzdahlum fahren. Dort würden sie vielleicht in den wunderbaren Laubengängen• schon längst Verstecken spielen, Hütten bauen und mit den Hunden tollen. Es war einfach gemein. Als Strafe für ein paar ganz kleine Streiche musste sie zu Hause bleiben. Oder war es vielleicht schlimm, Madame Benzin, der Hofmeisterin•, die alles in ihrem Leben und dem ihrer Schwestern bestimmte, heimlich hinter dem Rücken eine Nase zu drehen oder ihr eine Spinne in den Rückenausschnitt ihres Kleids gleiten zu lassen? Oder war es so furchtbar, im Gottesdienst zu lachen, als von Jesus und dem Lahmen die Rede war? Als es hieß, dass Jesus ihn aufforderte, aufzustehen, sein Bett zu nehmen und zu wandeln, hatte sie das überlegt: Wie wäre es gewesen, wenn der Lahme ihr Vater gewesen wäre und das tonnenschwere Prunkbett herumgetragen hätte? Das war doch komisch! Nein, ihre Vergehen waren nicht schlimm, befand sie trotzig. Warum war die Benzin denn auch immer so übel gelaunt?

Außerdem war es immer dasselbe: Abt• Jerusalem, der ihren Unterricht und den der älteren Schwester kontrollierte, ließ keine Gelegenheit aus, Caroline zu loben. Amélie selbst wurde von ihm als „noch wenig gebildet“ bezeichnet. Caroline war neun, aber ein Muster aller Tugenden. Sie war klug, ihr Benehmen war vollkommen und sie war, wie die Eltern betonten, sehr schön. Von ihr selbst war nie die Rede, sie war einfach unwichtig. Warum nur? Sie ahnte es. Nur eines wurde hervorgehoben: Ihr feines Ohr, das es ihr möglich machte, jeden vorgesungenen Ton genau richtig zu treffen.

Amélie, so rief man sie – ihr deutscher Name, Anna Amalia, zierte nur die Geburtsurkunde – beschloss in ihrer Wut und Enttäuschung über den verpassten Ausflug, aber auch überhaupt (!) zu verschwinden. Wenn es an ihr so wenig zu loben gab, dann war sie ja wohl überflüssig! Außerdem hatten die Eltern nun wirklich genug Kinder. Sie hatte zwei ältere Geschwister und fünf jüngere – drei andere Geschwister waren schon früh verstorben. Gerade eben war eine neue Schwester angekommen, Friederike Wilhelmine, und zwei weitere Geschwister würden noch kommen. Kurz und gut: Sie drehte sich auf dem Absatz um. Ihr Ziel: Weg von hier.

Wenig später war sie wirklich, unter dem Vorwand, ein stilles Örtchen besuchen zu müssen, in ein Treppenhaus geschlüpft, das nur die Diener benutzten. Das war streng verboten, denn im Wolfenbütteler Schloss gab es eine riesige Menge von Regeln für alle Menschen, die hier lebten und arbeiteten. Und da war es auch ganz deutlich, wer welche Treppen benutzen durfte, welche Räume aufsuchen konnte oder eben nicht. Gerade Toiletten oder Abtritte, wie sie auch genannt wurden, waren nur für die Bedienten da. Sie selbst und ihre Eltern hatten in ihren Gemächern kleine Kabinette• oder auch Nachtstühle und -töpfe. Dieses dunkle Nebentreppenhaus jedenfalls war ihr und ihren Geschwistern streng verboten. Mit einer kleinen Gänsehaut überlaufen, weil sie ein Verbot übertreten hatte, und einem entsprechend kleinem schlechten Gewissen behaftet, war sie aber dennoch entschlossen nach unten in das Parterre• des Schlosses gelangt. Und nachdem sie durch den dunklen, muffig riechenden Kellergang gehuscht war, entwischte sie durch eine unscheinbare, schwere Holztür aus dem Schloss. Vom Sonnenschein geblendet stand sie nun direkt am Mühlgraben, einem Seitenarm der Oker. Danach klopfte ihr Herz ganz gewaltig, stellte sie fest und wollte schon den Mut verlieren. Aber dann kam die Wut wieder: alle anderen waren in Salzdahlum. Nur sie und die neugeborene Schwester Friederike, die natürlich nicht laufen konnte, hatten zurückbleiben müssen. Nein, sie hatte keine Angst, im Gegenteil: Sie würde allein einen schönen Nachmittag verbringen. Vielleicht würde er sogar viel schöner sein als der, den die Brüder und ihre Schwestern Caroline und Elisabeth in Salzdahlum verbrachten. Oh ja, ihre blauen Augen blitzten unter den langen Wimpern, mit denen sie rasch die einzige Träne zerquetschte, die ihr doch entglitten war. Sie war fest entschlossen, einen sehr schönen Nachmittag zu verbringen! Tief atmete sie ein und machte sich selbst Mut, indem sie das kleine Menuett• trällerte, das Caroline ihr neulich vorgespielt hatte. Sodann begab sie sich auf Schleichwegen durch Gärten der Wolfenbütteler Ackerbürger• zu einem nur ihr bekannten Platz an der Oker, die auch den Schlossgraben speiste und die kleine Stadt insgesamt durchfloss, in der sie zur Welt gekommen war. Schon nach wenigen hundert Schritten war der letzte Garten durchquert. Das freie Land begann, ein weiter Blick bot sich ihr über die frühlingshafte Landschaft. Sie hatte die Oker schon erreicht.

Amélie liebte das Flüsschen, und jetzt war es hier auch ganz besonders lauschig. Sie setzte sich ins Gras, achtete nicht auf ihr hellgelbes Kleid, das ihren Ausflug sicher durch einige Flecken verraten würde. Sie genoss die Wärme und es flossen keine oder allenfalls nur noch ein paar kleine Tränen, die sie rasch mit dem Handrücken abwischte. Kein Taschentuch war zur Hand. Das hätte ihr im Schloss erneut einen Tadel eingebracht, nun sah es aber niemand … Sie seufzte. Wie sollte sie sich später entschuldigen, wenn sie zurückgekehrt war? Man würde sie gewiss wieder bestrafen. Ihr mehrere Seiten zum Abschreiben aufzwingen, was sie hasste. Oder sie schon wieder von einem Vergnügen ausschließen, während ihre Geschwister, sobald sie zurückgekehrt waren, auf den Kostümball gehen durften … Was war das für ein Leben? Und eigentlich war sie, genau wie die musterhafte Caroline, doch eine Prinzessin! Der Abt Jerusalem hatte das gesagt und auch das: „In Ihrem Fürstentum werden alle fürstlichen Kinder, also die Prinzen und Prinzessinnen, Herzog und Herzogin genannt.“ Wie fast alle anderen Menschen um sie herum, ausgenommen der Piper, die ihre Kammerfrau war und sie immer schon an- und ausgezogen und frisiert hatte, hatte er das auf Französisch gesagt. Es galt im Schloss als höchst unfein, deutsch zu sprechen. Das taten die Diener untereinander – und sie gelegentlich heimlich mit der Piper oder auch mit der Tochter der Köchin. Mit dieser zu sprechen, war ihr eigentlich auch nicht erlaubt.

Wenn die anderen, die Kinder der Bäcker und Weber und Bauern, wüssten, was das bedeutete! Tag für Tag. Eigentlich war es nur schrecklich. Sie war zwar immer unter Menschen, aber niemand verstand sie. Eine Freundin zu haben, jemanden, der sie verstehen könnte, der sie auch einmal trösten würde und der ihr nicht nur als Beispiel wie Caroline vorgehalten würde, das wäre schön, träumte sie und vergoss in ihrer Einsamkeit noch einmal ein paar Tränen. Und vielleicht schlief sie auch vor lauter Erschöpfung ein, denn an Schlaf fehlte es den Kindern von Herzog Carl und Herzogin Philippine Charlotte von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel immer: Sie wurden jeden Morgen sehr zeitig geweckt, um sechs Uhr, und kamen eigentlich nicht vor elf Uhr abends ins Bett. Natürlich nicht, ohne vor dem Bett kniend ein letztes Abendgebet zu sprechen. Nur die Geschwister unter vier Jahren durften einen Mittagsschlaf halten. Wie dem auch sei, eine Art Erscheinung riss sie plötzlich aus ihren eher traurigen Überlegungen: Da schlängelte sich doch ein ziemlich großer silbriger Fisch durch die gemächlich dahinfließende Oker. Das war ein ganz kapitaler Fisch, würde ihr großer Bruder Carl Wilhelm Ferdinand sagen. Der war schon dreizehn Jahre alt und ritt und jagte und focht. Aber … das war gar kein Fisch, das war … Und da hob dieses Tier doch seinen Kopf aus den Fluten. Und da hatte der Kopf ein Mädchengesicht und wunderbares, goldengrün schimmerndes Haar. Und da lächelte das Wesen, war jetzt nahe bei ihr, dann mit einem Sprung aus dem Wasser und aalte sich auf einem kleinen Felsvorsprung.

Amélie wollte ihren Augen nicht trauen, wollte davonrennen, schreien … aber das Wesen lächelte lieblich.

Und Amélie, die eigentlich ein mutiges kleines Mädchen war, fasste sich und sagte einfach nur: „Bonjour, Mademoiselle.“ Das heißt: „Guten Tag, junges Mädchen.“ Und das Wesen lachte und schüttelte seine nasse Haarmähne, dass die Tropfen wie glitzernde Perlen herumstoben und auch Amélie benetzten.

Verblüffung zu zeigen war unfein, das hatte sie auch schon gelernt! Auf keinen Fall durfte man sich beeindruckt zeigen, wenn der Anblick, den jemand bot, auch noch so seltsam war: Weder unmäßig dicke Menschen, noch Einäugige, Hinkende oder andere Bedauernswerte sollten angestarrt werden, sagte die schreckliche Madame Benzin immer. Die war die Frau eines Pastors und musste so etwas wissen. Und außerdem war dieses Wesen da eigentlich sehr schön, und richtig: Der lange schuppige Schwanz des Wassermädchens war das Zeichen dafür, dass sie einer Nixe begegnet war! Einem richtigen Märchenwesen. Sie hatte also recht und Caroline unrecht. Die sagte, es gäbe keine Zwerge, Hexen, Kobolde und Zauberer. Möglich. Nixen gab es jedenfalls, denn das Wesen hier war eine Nixe! Amélie beschloss, das Abenteuer zu genießen und fragte sie nach ihrem Namen. Da hörte sie einen ganz ausnehmend schönen, wie ihr schien: Amalunde hieß die Okernixe mit der Perlenstimme. Sie sprach kein Französisch, das hätte Madame Benzin als Grund genügt, das Gespräch gar nicht erst aufzunehmen, aber Amélie machte das nichts aus. Sie hatte sofort Vertrauen zu dem wunderschönen Wesen mit der guten Laune. Daher erzählte sie ihr alles: das von dem verbotenen Ausflug, von der Gemeinheit wegen Madame Benzin, von den ewigen Verhaltensmaßregeln und von allen Versuchen der anderen, ihr jede Freude, jedes bisschen Spaß zu vergällen. Erneut kamen ihr vor Wut ein paar Tränen. Da rollte Amalunde ihre grünen Augen und fasste mit ihrer kleinen, nassen Hand an Amélies Wange, fühlte die Träne an und fragte: „Was ist denn das?“ Amélie schämte sich: Das ging doch wirklich nicht. Eine fremde Person zu treffen, ihr alles Mögliche zu erzählen und dann noch – zu weinen. Und von der Person berührt zu werden! Sie fasste sich: „Ach das, das ist … gar nichts, das ist Wasser, du hast mich nass gespritzt.“ Da lachte Amalunde und peitschte ihren langen Fischschwanz lustig durch das Wasser, sodass Amélies Ärmel ganz nass wurden und sie auch zu lachen anfing.

Die Nixe gab übrigens vortreffliche Ratschläge, fand sie. Sie sagte beispielsweise: „Singe einfach in Dir ein Lied, und Du wirst sehen, wie gut es Dir dann geht.“ Dies schien ihr ein hervorragender Rat zu sein, und die Zeit mit der Gutgelaunten verging wie im Fluge. Als diese mit dem Fischschwanz noch einmal peitschte und dann ganz plötzlich zurück ins Wasser glitt und winkte, schien es Amélie, als seien erst wenige Minuten vergangen.


In Wahrheit aber wurde es schon fast dunkel. Amélie hörte noch ein seltsames Liedchen, das Amalunde wohl trällerte, während sie durch die Oker glitt. Jetzt hastete unsere kleine Prinzessin zum Schloss, weil ihr einfiel, dass man sie dort wahrscheinlich lange schon vermisste.

Das Lied hörte sie von nun an öfter, denn jede Gelegenheit nahm sie wahr, die neue Freundin – das wurde Amalunde nämlich für Amélie – zu treffen. Sie achtete der Strafen wenig, die sie für ihr Ausbleiben bei einer Tanzstunde oder dem Handarbeitszirkel der adligen Mädchen aus Wolfenbüttel und den benachbarten Rittergütern erhielt. Sie meinte, Amalunde war genau das, was sie sich gewünscht hatte: Ihre Freundin – ein Wesen, das immer heiter war, das nicht an gestern und an morgen dachte, sich nicht fürchtete und nie zornig war, das in der Gegenwart genoss und nicht, wie der Hofprediger es verlangte, sein Gewissen durchforstete nach irgendwelchen Sünden von gestern und vorgestern. Amélie wurde bei jedem Treffen von einer so feinen Heiterkeit getragen, und das Lied der Nixe summte sie bald immer vor sich her. Es hatte auch einen Text, und der wurde so etwas wie ein Wahlspruch für Amélie, die den Sinn am Anfang nur unvollkommen verstand:

Hör auf die Wellen, hör auf die Felder,

Trau dem Licht und der Schatten weicht.

Tritt in den Kreis der großen Natur.

Lache und wieg‘ dich im Wind,

Lache und wieg‘ dich im Wind.

Schau auf die Menschen, schau ihre Welt,

Sei eine Freundin dem guten Geist.

Sei ein Gedanke, der himmelwärts reicht.

Lache und wieg‘ dich im Wind,

Lache und wieg‘ dich im Wind.

Übrigens: Von ihrem heimlichen Ausflug hatte niemand im Schloss etwas mitbekommen, fast alle waren ja in Salzdahlum gewesen und spät zurückgekommen.

Und so war dieser Tag, der schlecht begonnen hatte, ein richtiger Glückstag für sie geworden, fand Amélie, als sie abends im Bett lag. Und sie träumte von einer Nixe mit goldengrünen Haaren.

Kapitel 2

Wie Amélie beinahe ein Segel in ihrer Suppe gefunden hätte und im Clavichord die Welt der Musik für sich entdeckt

Amélie war heute nicht heimlich, sondern mit Erlaubnis der Hofmeisterin ganz allein im Schloss unterwegs. Das Mittagessen nahmen sie und ihre Geschwister gemeinsam ein. Mit Ausnahme des ältesten Bruders Ferdinand, der im so genannten Kleinen Schloss unweit des großen Schlosses mit seinem eigenen Hofstaat• und den Lehrern lebte, lernte und aß, wie es die Sitte für den Thronfolger erforderte. Alle übrigen Kinder der herzoglichen Familie hatten sich an jedem Wochentag um Punkt 12 Uhr im großen Speisesaal zum Mittagessen einzufinden. Und irgendwann war es beendet. Die Mutter, die Wert darauf legte, alle ihre Kinder einmal am Tag gemeinsam zu sehen, war heute ausnahmsweise nicht zugegen gewesen. Stattdessen hatte Madame Benzin als einzige Erwachsene mit den herzoglichen Kindern am Tisch gesessen, um diese zu beaufsichtigen.

Der Gesichtsausdruck der Dame war von einer derartig kalten und unbeweglichen Strenge gewesen, dass Amélie, die ihr direkt gegenüber saß, am liebsten auf der Stelle davongelaufen wäre. Sie fürchtete sich nämlich vor harten Worten und davor, getadelt zu werden, was leider zu oft geschah. Doch dann wurde sie zum ersten Mal in ihrem Leben von diesem später noch so häufig empfundenen unbezwingbaren Drang ergriffen, erst recht standzuhalten und aufrecht an ihrem Platz zu verharren.


Sie musste dieses Gesicht der Benzin immerfort ansehen – unauffällig, versteht sich, aus niedergeschlagenen Augen – und zwar so lange, bis sich irgendetwas, nur eine Kleinigkeit, darin ändern würde. Dann nämlich hörte die Angst auf. An deren Stelle aber hatte sich eine freche kleine Phantasie in ihren Kopf geschlichen, eine Art banger Erwartung – oder vielleicht war es auch eine heimliche Hoffnung. Was, wenn die lange dünne Nase der Hofdame in einer plötzlichen Regung von Ungehorsam auf einmal an dem silbernen Esslöffel festwachsen würde? Und zwar genau in einem jener Momente, in dem sie ihn, mit einer Portion Suppe gefüllt, in den Mund hinein beförderte? Amélie konnte es genau vor sich sehen: Madame Benzin würde den Löffel zunächst in der gewohnten würdevollen Langsamkeit mit der rechten Hand abwärts zum Teller führen, in die Suppe tauchen, dann frisch gefüllt bis an die Lippen heben und zur Abkühlung einen Augenblick ruhig halten. Aber dann! Auf dem Rückweg vom Mund zum Teller würde die Nase unverrückbar am Löffel kleben bleiben, sich also mitsamt diesem immer weiter vom Gesicht entfernen. Schließlich würde sie unten mit in der Suppe landen und wie ein kleines Segel daraus aufragen. Oder womöglich von den graugrünen Wogen der Suppe überspült werden wie bei Sturm der kleine Felsvorsprung an der Oker. Wie die gestrenge Dame wohl aussehen würde – so ohne Nase?

Amélie hielt unwillkürlich im Essen inne. Nur mühsam unterdrückte sie ein Kichern. Um ein Haar hätte sie, die gebotene Contenance• vergessend, fast auch noch gegen das Redeverbot verstoßen, welches stets – bis auf das vor Beginn gesprochene Tischgebet – für die gesamte Zeit des Essens galt. Denn beinahe hätte sie ihren Lieblingsbruder Friedrich, der neben Madame am Tisch gegenüber saß, laut gebeten, das fantastische Geschehen schnell mit seinem Silberstift in das kleine, rote, in Wachstuch eingeschlagene Papierheft zu zeichnen, das er immer bei sich trug, um sich darin Sätze, Zahlen oder Kuriositäten• zu notieren. Doch ein Kontrollblitz aus Madames Augen hatte sie zurückgeholt und das ganze Unterfangen verhindert. Ihren zweiten Gedanken, dass schließlich ja auch ihre eigene, Amélies Nase, am Löffel kleben bleiben und am Ende im Tellergrund untergehen könnte, hatte sie infolgedessen nicht mehr zu Ende denken können. Sie hatte ja schließlich nicht zu träumen, sondern weiter zu essen, nach dieser schier unendlichen Portion Vorsuppe noch Hauptgericht und Dessert zu bewältigen, und zwar möglichst viel davon. Denn sie war dünn, zu dünn, geradezu dürr wie eine Bohnenstange, wie Caroline nicht ohne jenen verhassten triumphierenden Unterton in der Stimme bemerkte.

Diese Suppe! Schon morgens gab es nichts außer Milchsuppe oder einer Getreidegrütze zu essen – schon allein das Wort Grütze war eine Zumutung! Aber das war so üblich, auch in einem Adelshaushalt, hatte die Oberhofmeisterin den Kindern mit freundlichem Bedauern erklärt, als Friedrich eines Morgens mutig fragte, ob er Hühnchen bekommen könne. Schließlich mussten die Kinder an vielen Wochentagen schon vor dem Frühstück eine Stunde Sprachunterricht bewältigen. Und Lernen macht auch die strebsamsten Kinder bekanntlich hungrig. Doch die Vorsuppe am Mittag schmeckte genauso grausig wie der Brei vom Morgen.

Neulich, beim festlichen Diner• mit Gästen, da hatten in der Vorsuppe unter einer der ebenso seltenen wie verheißungsvollen Sahnehauben kleine rosafarbene Stückchen geschwommen. Und in der üblichen Unterweisung vor dem Mahl hatte die Hofmeisterin den Kindern erklärt, es handle sich um Krebsfleisch. Aber schwammen nicht Krebse sonst äußerst lebendig mit ihren großen Scheren im Meer herum? Jedenfalls hatten diese Krebse, das wusste Amélie todsicher, auf geheimnisvollen Wegen noch mit Scheren die Freitreppe des Wolfenbütteler Schlosses überwunden – schließlich hatte sie einen wahrscheinlich heruntergefallenen dort liegen sehen – und waren nun ohne in der Festsuppe gelandet. Hier taten sie keinen Mucks mehr und wurden von allen am Tisch gleichmütig verspeist. Und wie immer fand niemand außer ihr, Amélie, etwas Besonderes daran. Ob Amalunde, die Nixe, schon lebenden Krebsen begegnet war? Bestimmt! Im Fluss sollte es doch auch welche geben, aber nur ganz kleine. Die würde sie aber gewiss nicht essen, lieber würde sie mit ihnen plaudern. Denn wahrscheinlich konnten sie ebenso gut sprechen wie Amalunde. Amélies Herz klopfte. Die Nixe – ihre Nixe, ihre Amalunde. Amélie und Amalunde.

„A-ma-lun-de!“, sie sprach es leise vor sich hin. Welch ein wundervoller Name! Das klang wie Musik: herrlichste grüngoldene Wassermusik. Überhaupt sollte sie jetzt besser an die Musik denken! Die Unterhaltung mit der Nixe vor drei Tagen würde ihr sowieso niemand glauben, am wenigsten die Mutter, die sich, wenn sie zwischen ihren zahllosen Audienzen• und Korrespondenzen•, Bällen und wohltätigen Besuchen einmal Zeit hatte, nicht gerade brennend dafür zu interessieren schien, was in ihrer Amélie vorging.

Ja die Mutter! Eigentlich hatte Amélie zu ihr gar keine persönliche Beziehung. Ihrer Kammerfrau•, der Piperin zum Beispiel, fühlte sie sich viel näher. Ihre Mutter bewunderte sie eher aus der Ferne. Philippine Charlotte war hochmusikalisch, hatte eine wohltönende Stimme und spielte verschiedene Instrumente, unter anderem Flöte. Amélie hörte gern zu, wenn die Damen und Herren sich an den Montagabenden im großen Saal einfanden und gemeinsam musizierten. Und wenn sie dann in dem Zusammenklang der verschiedenen Instrumente den feinen festlichmetallischen Klang des Cembalos heraushörte, das die Mutter so wundervoll zu spielen verstand, wurde ihr warm, viel wärmer als von der schrecklichen Suppe.

Pünktlich um ein Uhr sollte sie sich im Musikzimmer einfinden. Zum ersten Mal ganz allein! Heute wollte der Weg durchs Schloss wohl gar nicht enden! Er führte durch lange Flure, in denen unzählige Verwandte der herzoglichen Familie aus riesigen Rahmen von den Wänden auf Amélie herabsahen. Fast noch strenger blickten sie als Madame Benzin. Niemand dieser entfernten Vettern, Onkel, Großtanten und Urahnen lachte oder lächelte. Die Kinder konnte man nur daran erkennen, dass sie auf den Gemälden kleiner als die Erwachsenen dargestellt waren. Ansonsten sahen sie genau so ernst und würdevoll aus und waren auch ebenso gekleidet wie die Erwachsenen. Alle, kleine Mädchen und kleine Jungen, trugen Kleider. Jungen hielten Vögel oder Waffen in den Händen, nur daran waren sie zu erkennen. Amélie fürchtete sich immer ein wenig, durch diese Flure zu gehen. Als sie die Treppe überwunden hatte, wusste sie, dass jetzt der riesige Eckspiegel mit dem breit geschwungenen Goldrahmen kommen würde und sie der schmächtigen Gestalt mit dem Buckel, die sie dort gleich vorüberhuschen sehen würde, nicht entgehen konnte. Aber diesmal wandte sie einen Trick an, um die schreckliche Wölbung hinten an ihrer Schulter verschwinden zu lassen: Sie ging seitwärts, sodass sie sich die ganze Zeit nur von vorne sah. Das ging. Im Weitergehen zupfte sie unwillkürlich unten am Saum ihres dunkelgrünen Samtkleides, das, von der Taille an abwärts von einem unsichtbaren Drahtgestell festgehalten, weit vom Körper abstand. Sie mochte einfach nicht leiden, dass der weiße Spitzenbesatz des Unterrocks darunter hervor schaute, aber das entsprach ja wohl der neuesten französischen Mode. Das behauptete jedenfalls die Oberhofmeisterin.

Jetzt war Amélie vor dem Musikzimmer im zweiten Obergeschossangekommen, wo die herzoglichen Kinder und ihr Hofstaat ihre Räume hatten. Kein Laut war zu hören, die hohe Tür geschlossen. Vorsichtig drückte Amélie die Klinke herunter, öffnete, trat ein. Sie blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, blinzelte, aus der Düsternis der Flure kommend, einen Moment in die Helle des Sonnenlichts, das den Raum freundlich durchflutete. Dann atmete sie tief ein, nahm all ihren Mut zusam men und durchquerte, die neue blaue Mappe für den Unterricht fest unter dem Arm, den Raum. Sie hörte den Nachhall ihrer eigenen Schritte auf dem Parkett, bis sie vor dem Instrument angekommen war, wo sie erst einmal abwartend stehen blieb.

Vor der hellen Fensterfront zeichnete sich die hohe, sehr schlanke, um nicht zu sagen; hagere Gestalt eines jungen Mannes ab. Er trug einen einfachen schwarzen Anzug mit Stehkragen und ein schwarzes Käppchen auf dem Kopf, unter dem krauses, ein wenig dünnes, dunkelblondes Haar hervorschaute. Der Lehrer trug keine Perücke! Nun wandte er sich der Ankommenden zu. Er nahm ehrerbietig seine Kopfbedeckung ab, schritt dann auf Amélie zu und verneigte sich grüßend vor ihr, wobei sein Oberkörper in diesem kurzen Augenblick eine beträchtliche Wegstrecke von oben nach unten zurückzulegen hatte. Sie sah ein freundliches braunes Augenpaar, fühlte flüchtig einen Handkuss und vernahm dazu den üblichen gemurmelten Satz, den man nie ganz verstehen konnte – offenbar sah es das höfische Reglement auch für einen Musiklehrer so vor – und hörte die wohlgesetzten Worte zur Begrüßung: „Willkommen, verehrte Herzogin, gestatten Sie mir, dass ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Friedrich Gottlieb Fleischer, ich habe die Freude, das Amt des Hoforganisten• seiner Majestät, Ihres herzoglichen Vaters, zu bekleiden und bin nun mit der überaus ehrenvollen Aufgabe betraut worden, Sie, gnädige Herzogin, in die Grundzüge der Musik und des Instrumentalspiels einzuweisen. Wie ich von Ihrer gnädigen Mutter, der Herzogin, vernahm, zeigen Sie bereits ganz besondere Aufmerksamkeit für die Musik?“

Er öffnete den Deckel des Clavichords•, eines rechteckigen Kastens aus rotbraun gemasertem, glänzend poliertem Holz. Nun klappte der Lehrer den Deckel aufrecht nach hinten, so dass Amélie zum ersten Mal aus nächster Nähe einen Blick in das Innere des Instrumentes werfen konnte. Es sah wunderschön aus, war eine kleine geheimnisvolle Welt für sich: Vorn lagen die Tasten mit ihren länglichen, rhythmisch angeordneten schwarzen und weißen Spielflächen. Dahinter befanden sich die über einem hellen hölzernen Untergrund dicht nebeneinander auf einen gebogenen Holzstock gespannten und auf diesem festgeschraubten Saiten. Was Amélie aber am allermeisten faszinierte, war das prachtvolle farbige Gemälde auf der Innenseite des hölzernen Deckels. Vor einem weißen Schloss, von dessen Türmen blaue und gelbe Fahnen flatterten, war eine Gruppe tanzender und musizierender Damen in leichten Gewändern zu sehen. Monsieur Fleischer ließ seiner neuen Schülerin ein paar Momente Zeit, das Kunstwerk zu bestaunen. Dann sagte er behutsam und in freundlichem Ton: „Wenn Sie nun auf dem Stuhl vor dem Instrument Platz nehmen wollen und versuchen, die Hände auf die Tasten zu legen? Ich werde dabei behilflich sein.“ Er rückte einen gepolsterten Stuhl zurecht, auf dem noch zwei zusätzliche Kissen lagen, half Amélie sich zu setzen und ihre Füße so auf einer Fußbank zu platzieren, dass sie aufrecht vor dem Instrument sitzen konnte und ihr Kleid dabei nicht allzu sehr gedrückt wurde. Das war gar nicht so einfach. Amélie drohte sofort vom Stuhl wieder herunter zu rutschen. Um das zu verhindern, stützte sie sich rasch vorn mit den Händen auf den Tasten ab und erzeugte dabei die ersten Clavichordklänge ihres Lebens. Ein wenig erschrocken nahm sie die Hände ebenso schnell wieder vom Instrument und suchte sich auf dem Stuhl nun eine Position, in der sie die Balance halten konnte.

Die Töne hatten wunderlich ungeordnet geklungen und zugleich sanft und weich, ein wenig wie die Laute, die manchmal bei den Hoftänzen gespielt wurde. Ein Klang, der auf angenehme Weise ein bisschen traurig stimmte.

„Ja, das ist ein Instrument mit einem außergewöhnlich schönen Klang“, sagte der Organist, als habe er ihre Gedanken erraten. „Der große Barthold Fritze hat es selbst gebaut, der berühmteste Clavierbaumeister in Braunschweig, aus dessen Werkstatt auch noch viele andere Tasteninstrumente stammen, die inzwischen in aller Welt erklingen. Sie werden Ihre Freude haben an der Musik, die dieses Instrument, das man Clavichord nennt, hervorbringt.“ Behutsam hatte er, während er sprach, ihre kleinen Hände erneut auf die Tasten gelegt. Jetzt bedeutete er ihr, mit einzelnen Fingern langsam nacheinander bestimmte Tasten herunterzudrücken, sie kurz liegen zu lassen und wieder zu lösen. Und auf einmal erkannte sie Teile einer Melodie. Die hatte sie vor einer Woche beim Ostergottesdienst in der Kirche mitgesungen! „Christ ist erstanden“, so hieß das Lied. Noch etwas zaghaft, aber immer freudiger wiederholte sie nun ohne Hilfe die eben angeschlagenen Töne in derselben Reihenfolge. Da war sie, die Melodie! Ihre Finger wollten ihr nicht gleich gehorchen. Die vorderen Gelenke schlenkerten noch herum und bogen sich manchmal durch, wenn sie eine Taste herunterdrückte. Aber die ersten beiden Teile des alten Liedes gelangen schließlich fehlerfrei, sogar im richtigen Rhythmus.

„Sie können noch etwas kräftiger drücken, dann wird der Ton lauter“, wurde sie von Monsieur Fleischer ermuntert. „Das Clavichord ist zwar ein leises Instrument, gut geeignet für die Hausmusik, nicht für einen großen Konzertsaal, aber man kann mit der Stärke des Anschlags bestimmen, wie laut oder leise der Klang sein soll. Wenn ich Ihnen das einmal zeigen dürfte.“ Er hob Amélie samt Stuhl und Fußbank vorsichtig ein wenig zur Seite, zog für sich selbst einen zweiten Stuhl herbei, setzte sich und begann zu spielen. Erst nur mit der rechten Hand, die ganze, schon geübte Melodie, einmal laut, einmal leise, einmal in einer Mischung aus beidem. Dann folgte ein ähnliches Osterlied, das Amélie ebenfalls kannte: „Christ lag in Todesbanden“. Diesmal spielte ihr Lehrer mit der rechten Hand die Melodie und mit der linken eine einfache Begleitung, eine Art zweiter Melodie dazu. Und dann wurde nach und nach ein Musikstück mit immer reicheren Klängen daraus, aus dem zwischendurch, mal langsam, mal schnell und in unterschiedlichen Tonhöhen, immer wieder die Melodie herauszuhören war. Und er erläuterte: „Das war ein Stück des berühmten Johann Sebastian Bach, der Musiker an der Thomaskirche in Leipzig war. Beim nächsten Mal wollen wir einen höfischen Tanz, eine Gavotte•, miteinander ausprobieren, die stammt von einem Franzosen namens Jean Philippe Rameau. Und dazu werde ich dann noch etwas Besonderes mitbringen: Noten. So heißt nämlich die Schrift, nach der Sie lernen können, Musik selbstständig zu lesen, zu spielen und aufzuschreiben und dabei ihre Gesetze zu verstehen. Ich muss nun die Chorprobe in der Schlosskirche leiten und darf mich für heute von Ihnen verabschieden. Aber vorher möchte ich Sie bitten, mir noch einmal Ihr neues Lied vorzuspielen.“

„Ja, gern“, antwortete Amélie gar nicht so schüchtern wie sonst. Das war das Erste und Einzige, was sie, außer der Begrüßung, zu ihrem Musiklehrer sagte. Im Laufe des weiteren Musikunterrichts bei Monsieur Fleischer würde sie es noch so oft und so freudig sagen wie in keinem anderen Fach.

Nachdem ihr Lehrer gegangen war, saß sie noch lange vor dem Instrument und probierte vorsichtig, aber beharrlich, das gesamte Lied darauf zu spielen, langsam, aber flüssig, mal lauter und mal leiser. Sie tauchte dabei so tief in diese neue Welt ein, dass sie fast zu spät zum Tanzunterricht gekommen wäre. Der sollte um zwei Uhr mittags im großen Redoutensaal• beginnen. Gerade noch rechtzeitig war Caroline mit zwei weiteren jungen Mädchen, Töchtern von Hofdamen, zu ihr geschickt worden, um sie abzuholen – normalerweise kein Grund zur Freude. Doch nach der ersten Musikstunde ihres Lebens war Amélie von einem nicht gekannten Glücksgefühl erfüllt, sodass weder die Sticheleien ihrer Schwester noch das alberne Gekicher der drei Mädchen ihr etwas anhaben konnten. Denn es gab etwas viel Wichtigeres: Sie musste unbedingt, unbedingt! bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit mit Amalunde sprechen. Natürlich über Musik.

Kapitel 3

In welchem Amélie erfährt, dass Menschen und andere Lebewesen seit Urzeiten auch außerhalb von Kirchen getauft worden sind

Viel Zeit war inzwischen vergangen. Amélie war zwei Jahre älter geworden, ein kleines Stück gewachsen und hatte sehr viel dazugelernt. Oft war sie zwischendurch heimlich an die Oker geschlüpft, um Amalunde zu treffen, das brauchte sie bei den vielen Erlebnissen, den bösen und weniger bösen, den aufregenden und traurigen. Amalunde war ihre beste Freundin, mit der sie über alles sprechen konnte. Ihr vertraute sie auch an, was sie bedrückte, wie zum Beispiel der gemeinsame Unterricht mit Caroline. Immer wusste die Schwester alles und sie – so wenig. Und wenn sie doch einmal die richtige Antwort auf der Zunge hatte, fehlte ihr meistens der Mut, gleich loszureden. Dabei mochte sie die beiden Lehrer, die im Herbst, kurz nach ihrem neunten Geburtstag, den Unterricht übernommen hatten: Hofkaplan und Religionslehrer Matthias Theodor Christoph Mittelstaedt und auch den anderen Lehrer, den Informator• für Geschichte und Geographie, Carl Friedrich Kirchmann. Mittelstaedt mochte sie noch lieber. Er konnte sehr schön erzählen. Er sprach mit leiser melodischer Stimme und lächelte den Kindern häufiger aufmunternd zu, gelegentlich mit einem leichten Augenzwinkern. Auch zeigte er ihnen wunderschöne, manchmal sogar farbige Abbildungen zu den biblischen Geschichten. Vor allem ging es ihm darum, die heiligen Handlungen des Christentums anschaulich zu machen.

Heute stand die Taufe auf dem Lehrplan, und sie erfuhren etwas über Johannes, den Täufer, von dem sich auch Jesus hatte untertauchen lassen, und zwar im Fluss Jordan. Nicht lange danach hatten sich auch Jesu Jünger von Johannes taufen lassen, um ihre Sünden wieder loszuwerden, sich wieder wie neue Menschen zu fühlen. Das Wasser sollte bei dieser heiligen Handlung nicht den Körper reinigen, sondern die Seele und vor allem das Gewissen, erklärte der Kaplan. Doch wie war eine solche Taufe praktisch vor sich gegangen, wollte Amélie wissen. „Nun“, antwortete ihr Lehrer, „die Beteiligten schritten, feierlich weiß bekleidet, in die Mitte des Flusses, der so flach war, dass man darin stehen konnte. Beim Taufen wurde dann der Kopf kurz unter die Oberfläche gedrückt und mit Flusswasser übergossen.“ Das ist eigentlich ziemlich praktisch, überlegte sich Amélie. Vielleicht wäre das ja auch mit dem Wasser der Oker möglich … Denn immer wieder überfielen sie diese Ängste, etwas falsch zu machen, Unpassendes zu sagen und dafür ausgelacht zu werden. Vielleicht könnte so eine neuerliche Taufe alle schlechten Gefühle einfach löschen, ja sogar diesen Schandfleck an ihr, den Buckel, gerade machen, verschwinden lassen – und alles wäre endlich, endlich gut? Unwillkürlich verkrampften sich ihre Hände ineinander, als sie daran dachte, wie elend sie sich oft fühlte. Und dann auch dieses grässliche „schlechte Gewissen“: Nicht, weil sie jemand anderem etwas Böses antat – so direkt geschah das nie –, sondern, weil sie oft mit ihrem scharfen Blick die Schwächen und Fehler der anderen Menschen um sich her wahrnahm, ja, aufdeckte. Denn alle Menschen versuchten doch, ihre dunklen Seiten möglichst zu verstecken. Dann hatte sie ein schlechtes Gewissen, vor allem, weil sie sich in ihrer Phantasie ausmalte, wie es wäre, wenn plötzlich auch alle anderen diese Fehler sähen: Die Naschsucht des sonst so tadellosen Abts Jerusalem, die Besserwisserei Carolines, die Klatschhaftigkeit von Madame Benzin und so weiter … Natürlich habe ich auch schlechte Eigenschaften … So bin ich sehr, sehr ungeduldig …, dachte sie gerade, als die Stimme von Kaplan Mittelstaedt wieder an ihr Ohr drang: „Nun, Herzogin, haben Sie noch Fragen zu diesem Thema?“

Amélie errötete leicht. Ihr war klar, dass sie die Gedanken von eben lieber für sich behielt. Aber gewohnt, ihre Phantasien in sich zu verschließen und nach außen schnell auf ein unverfänglicheres Thema auszuweichen, bemerkte sie nach kurzem Überlegen etwas altklug, dass Jesu und die Jünger doch schon erwachsen gewesen seien. Jetzt aber würden doch eigentlich immer die Kinder getauft. Ob beides gleich gut wäre? Der Kaplan sah sie überrascht und leicht amüsiert an und antwortete dann: „Im christlichen Glauben ist es heute so, dass man erst einmal die Kinder tauft. Sie, Herzogin, sind ja auch direkt nach Ihrer Geburt getauft worden. Die Taufe ist das Zeichen dafür, dass die Kinder ein für alle Male in die christliche Gemeinde wie in eine große Familie aufgenommen werden und ihnen deshalb später auch immer wieder ihre Sünden vergeben werden können. Aber auch Erwachsene können sich noch taufen lassen, wenn sie später zum Glauben finden und fortan ein Leben im Namen Christi führen wollen. Das kann zum Beispiel ein Mensch sein, der vorher einer anderen Religion angehört hat, eine Frau, die in Afrika aufgewachsen ist, oder ein Mann aus Indien.“ Und dann erzählte er noch ein paar Geschichten über christliche Lehrer, die lange Jahre in fernen Ländern zubrachten, um den Menschen dort das Christentum nahezubringen – Missionare wurden sie genannt. „Herzogin Caroline, erinnern Sie sich an den Lateinunterricht? Was bedeutet ‚missio‘?“ „Botschaft! Weil es um die christliche Botschaft geht!“, rief Amélie vorlaut. „Gut, Herzogin Amélie“, lobte der Pastor, „nur, dass ich nicht Sie, sondern Ihre Schwester gefragt hatte.“ „Das hätte ich auch gewusst“, sagte Caroline verärgert. Und Amélie befand, das war glatt gelogen. Sie unterdrückte ein kurz aufflammendes Gefühl von Triumph und nahm sich ernsthaft vor, die reinigende Kraft des Okerwassers für eine zweite Taufe auszuprobieren.

Unter den vielen kurzweiligen Geschichten des Kaplans ging die Lektion rasch ihrem Ende entgegen. Zuletzt gab er ihnen Zeit, damit sie aufschreiben konnten, was sie behalten hatten. Dann sammelte er ihre Hefte ein, um sie beim nächsten Mal korrigiert wieder mitzubringen – eine neue, ziemlich wirksame Methode, um die Aufmerksamkeit während des Unterrichts zu erhalten. Beim nächsten Mal sollte es dann um die Taufformel und um Petrus und Paulus gehen.

Die beiden Schwestern, die immer gemeinsam unterrichtet wurden, hatten jetzt ungewöhnlicherweise drei freie Stunden, da der Französisch- und der Geographieunterricht ausfielen. Beide Lehrkräfte waren zu einem Begräbnis gebeten worden. Caroline ging schnell davon, weil sie für den bevorstehenden großen Ball noch Tanzschritte üben wollte. Amélie aber hatte einen ganz anderen Plan … Dafür musste sie allerdings erst einmal die gleichaltrige Tochter der Köchin finden, mit der sie ein bisschen befreundet war – nur ein bisschen, denn offiziell war ihr der Umgang mit einem Mädchen von niederer Herkunft nicht gestattet. Sie entdeckte Anna-Greta im riesigen Vorraum zur Küche, wo sie dabei war, mit einem Reisigbesen den Boden zu fegen. Amélie nahm sie beiseite: „Kann Sie mir noch einmal einen von Ihren Kitteln ausleihen?“, fragte sie leise auf Deutsch, was ihr ein wenig schwer fiel. „Ich habe wieder einen Weg zu machen, allein, aber Sie weiß, das ist ein Geheimnis, davon darf niemand etwas erfahren.“ Anna-Greta kannte das schon und fragte nicht weiter, aber sie war stolz darauf, dass „die kleine Herzogin“, wie Amélie in der Küche genannt wurde, ihr vertraute. Sie bewunderte Amélie sehr und war stolz darauf, ihr einen Dienst erweisen zu können. Auf klappernden Schuhen lief sie davon und kam schon nach ein paar Minuten mit einem groben Leinengewand unter dem Arm zurück, das sicherlich schon bessere Tage gesehen hatte. Dazu hatte sie noch ein unauffälliges braunes Tuch mitgebracht, mit dem Amélie ihren Kopf und vor allem die kunstvoll geflochtenen und aufgesteckten Haare verhüllen konnte. Nur Schuhe konnte Anna-Greta der adligen Freundin nicht anbieten; ihr einziges Paar, hölzerne Pantoffeln, trug sie selbst an den Füßen. Amélie glitt hinter den Vorhang, der die großen Fässer und Gläser verdeckte und kam wenig später als zweite Anna-Greta wieder heraus. Nur ihre feinen Seidenschuhe wollten nicht passen und das Gewand war auch etwas zu weit, vor allem an den Ärmeln; Anna-Greta war größer und kräftiger, nicht zuletzt von der täglichen körperlichen Arbeit. „Kurz vor der Teezeit bin ich zurück; ich lege die Sachen wieder hinter den Vorhang“, flüsterte Amélie aufgeregt. Dann schlüpfte sie eilig durch den Dienstboteneingang auf der Rückseite der Küche nach draußen, lief geduckt an den Gebüschen entlang, die den Schlossgraben umsäumten, setzte ihre Schritte vorsichtig über den rutschigen Holzsteg, der abseits der Steinbrücke zum Schlossportal über den Graben führte und hatte es nun nur noch wenige Meter bis zum Ufer der Oker. Dort musste sie, vorbei an den stachligen Büschen, die immer wieder Anna-Gretas Gewand festhalten wollten, noch einige Meter bergab klettern, um den geheimen Treffpunkt zu erreichen: Grau und zerklüftet lag der Felsblock da und verdeckte die kleine Quelle, die neben dem Fluss aus dem sumpfigen Ufergrund sprudelte.

Schwupps, schon saß sie wieder mitten in der Quelle, sie, Amalunde, die kleine Flussnixe, und wieder hatte Amélie ihr Kommen nicht bemerkt. „Hoheit haben heute wieder Ihr Festtagsgewand an?“, spottete sie quietschvergnügt. „Ach, Amalunde, Du weißt doch, wie schwierig es ist, hier unauffällig herzukommen, aber … ich musste unbedingt kommen, denn ich habe eine wichtige Frage an Dich, und vielleicht … “ Sie sah mit zweifelndem Blick aufs Wasser und zog unwillkürlich fröstelnd die Schultern hoch. „Vielleicht“, murmelte sie, „vielleicht gehe ich auch einmal ins Wasser.“ Und dann wieder lauter: „Aber sag mir: Weißt Du, was eine Taufe ist, und: bist Du getauft?“ Die kleine Nixe glitt behände auf einen bequemen Vorsprung des Felsens, wrang ein paar nasse Strähnen ihres langen goldengrünen Haares aus, warf es mit gekonntem Schwung in den Nacken und antwortete dann: „Natürlich weiß ich, was eine Taufe ist! Ich, meine Familie und alle unsere Vorfahren, wir sind schließlich alle getauft worden.“ „Aber ihr lebt doch sowieso immer im Wasser, da ist Wasser doch gar nichts Besonderes“, wandte Amélie ein. „Pah“, sagte Amalunde, und das klang einigermaßen hochmütig, „Das Wasser ist etwas Besonderes, weil wir schon immer darin leben, seit tausenden von Jahren.“ „Aber“, so schnell gab Amélie nicht klein bei, „wie könnt ihr denn ‚schon immer‘ dort leben und ‚schon immer‘ getauft sein, wo doch Christi Geburt noch nicht einmal zweitausend Jahre her ist?“ „Was hat denn unsere Taufe mit eurem Christus zu tun?“ Fragte Amalunde ernsthaft erstaunt. „Die Taufe ist so alt wie das Wasser selbst!“


Das musste Amélie erst einmal verstehen und verkraften. Was würde Kaplan Mittelstaedt wohl dazu sagen? „Also ihr seid nicht ‚in Christi Namen‘ getauft?“ „Nein, im Namen aller Wassergötter und -göttinnen der Welt. Und deshalb dauert unsere Taufe auch sehr, sehr lange und ist ein großes, großes Fest. Ein Meeresnöck• bringt ein Fischerboot voller Meereswasser aus der griechischen See mit, ein Wassertroll aus den nordischen Fjorden große Zapfen von süßem Eiswasser, eine schwarzhaarige Nereide• regenbogenschillerndes Wasser in farbigen Muscheln aus dem pazifischen Ozean, die schöne Lau• bringt einen Bottich sprudelnden Quellwassers herbei und einer von den verrückten amerikanischen Siebzehnzehenreitern• einen Rucksack mit Wasser von den Niagarafällen. Und am Schluss kommen dann noch die Gobeline• aus der Wüste mit einem Lederschlauch voller Regenwasser. Dass diese Reise besonders lange dauert, kannst Du Dir wohl denken. Na ja, und all diese verschiedenen Wassersorten werden dann feierlich über einem ausgeschüttet. Aber vorher werden auch die Lippen damit bespritzt und man muss mindestens drei Tropfen davon kosten.“ Amélie war starr vor Staunen: „Und Du bist auch mit all dem Wasser getauft worden und hast davon gekostet?“ „Ja, natürlich! Alle Wasserkinder, gleich, ob Nixen oder Nöcke, werden im Alter von 150 Jahren getauft. Bei mir ist das erst vor kurzem gewesen, vor 27 Jahren. Unsere Taufe ist das Zeichen dafür, dass wir in die große Weltwasserfamilie aufgenommen worden sind und fortan mit dazu gehören, dass wir, so sagt man ja wohl, mit allen Wassern gewaschen sind.“

Amélie überging die Tatsache, dass Amalunde also schon offenbar 177 Jahre alt war. Sie war sich nicht sicher, ob sie die nächste Frage lieber nicht stellen sollte, tat es dann aber doch: „Und können damit auch Deine Sünden abgewaschen und die Seele und das Gewissen gereinigt und erneuert werden?“ „Seele? Gewissen? Was ist denn das?“, erkundigte sich Amalunde mit dem leicht spöttischen Unterton, der ihr zu eigen war, „ist das eine Art Haut oder Farbe?“ „Nein, das sitzt eher im Innern“, versuchte Amélie zu erklären, „Alle Menschen haben eine Seele und ein Gewissen.“ „Naja“, meinte die kleine Nixe, „wir sind ja auch keine Menschen, sondern nur mit ihnen verwandt. Aber sag mir doch: Wozu sind Seele und Gewissen denn nütze?“ Wenn ich das so genau wüsste, dachte Amélie, eigentlich sind sie nur eine Plage, behielt den Gedanken aber für sich. „Ich kann damit“, sagte sie dann laut, aber etwas beklommen, „herausfinden, ob das, was ich tue, gut oder schlecht ist, und wie sich das anfühlt.“

Nun gab es im Gespräch erst einmal eine längere Pause. Amalunde, so schien es Amélie, bekam vorübergehend schlechte Laune. „Ihr Menschen mit euren Gefühlen“, brummelte sie. Dann aber überzog ein listiges Lächeln ihr Gesicht. „Übrigens, Prinzessin“, rief sie, „was ich beinahe vergessen hätte! Seit dem 17. Jahrhundert ist überhaupt erst bekannt, dass wir mit den Menschen verwandt sind. Und daher gibt es seit der Zeit auch einen Extra-Guss aus einem Eimer der Menschen: Dazu wird ein Dienstmädchen aus der Küche des nächstgelegenen Schlosses oder Guts zur Feier eingeladen.“ „Und was bringt es mit?“, fragte Amélie gespannt. „Putzwasser“, jauchzte Amalunde übermütig, „einen Eimer voll mit herrlichem Putzwasser, aber das muss richtig gebraucht und schmutzig sein, sonst wirkt es nicht!“

Amélie konnte das nicht glauben: „Ist denn aus unserem Schloss bei Euren Taufen auch ein Dienstmädchen dabei gewesen? Vor 27 Jahren?“ Da brach Amalunde in glucksendes, silberhelles Lachen aus: „Du glaubst wohl nicht im Ernst, dass wir an diesem popeligen Flüsschen Oker unsere große Weltwassertaufe abhalten? Das glaubst Du nicht wirklich! Nein, das war am Rhein, direkt neben dem berühmten Loreley-Felsen. Und es war ein Dienstmädchen von einem der Weingüter dort. Bereits dorthin zu schwimmen, hat mehrere Wochen gedauert. Ein unvergessliches Erlebnis: 723 Nöcken, 415 Nixen und 75 der ältesten auf Neptun zurückgehenden Wassergötter samt ihrem Harem• von Wassergöttinnen mit Algenhaaren und Muschelpanzern zu begegnen. Dazu die Musik aus den Muschelhörnern, unsere Unterwasserballetts, das Festessen am Rhein zur Mitternacht … kurz: Es war nixisch schön!“ Amélie musste zugeben, sie wäre auch gerne dabei gewesen, begriff aber gleichzeitig, dass Amalunde ihr in Gewissensfragen nun wirklich nicht helfen konnte.

Jetzt schlug es vom Schlossturm fünf Uhr, was bedeutete, dass sie wieder einmal zu spät zum Tee erscheinen würde. Dabei war noch kein einziges Wort über Musik gesprochen worden, weil das Gespräch eine so unerwartete Wendung genommen hatte. Nach einer feuchten Abschiedsumarmung sputete Amélie sich tüchtig, um rasch noch den Kittel bei Anna-Greta abzulegen.

Kapitel 4

In welchem Amélie die Krone des Tanzes erwirbt und fast gelernt hätte zu reiten wie ein Junge

Über Wochen kam es für Amélie weder zu der Taufe mit Okerwasser noch zum Gespräch über Musik mit der Nixe. Zu viele Aufgaben, ein voller Stundenplan und schließlich das jährliche Frühjahrshochwasser verhinderten weitere Besuche bei Amalunde. Der Tanzunterricht fand nun täglich statt. Heute jedoch hatte ihn der Tanzmeister um eine Stunde verschoben. Was sollte Amélie mit dieser kostbaren freien Stunde anfangen? Nach oben in den Musiksaal gehen, an das geliebte Instrument? Nein, sie wollte, musste jetzt unbedingt zu Amalunde. Also hieß es, ein besonders abweisendes Gesicht aufzusetzen, so zu tun, als memoriere sie italienische Vokabeln und in mäßigem Tempo und dabei leicht die Lippen bewegend, die Treppe nach unten zu gehen, um dann unauffällig, ohne sich umzusehen, den Weg zur Küche einzuschlagen. Ob Anna-Greta ihr wieder den Leinenkittel leihen würde? Es war keine Anna-Greta zu sehen. Das heimliche „Ausbüxen“, wie die Piperin sagen würde, war noch keine Gewohnheit geworden für die kleine Herzogin, und ihr Herz klopfte daher gewaltig. Aber andererseits wollte sie unbedingt ihre Freundin an der Oker wiedersehen. Da draußen die Sonne schien und der Untergrund wieder einigermaßen begehbar war, hoffte sie, dass man ihrer Kleidung nachher den Ausflug nicht ansehen würde.

Klack-klack-klack-klack – O Gott, da kam ihr jemand auf dem kleinen Holzsteg entgegen, der über den Wassergraben aus dem Schloss herausführte und nur vom Dienstpersonal benutzt werden durfte. Und nun? Zu ihrer Beruhigung erkannte Amélie aber schon Anna-Gretas Mutter Tine an deren etwas schleppendem Gang in den einfachen Holzschuhen. Tine, die Schlossköchin, blickte sie, während beide aufeinander zugingen, ein wenig verwundert, aber freundlich an. Sie hatte ein glattes, rundes Gesicht, nur um ihre braunen Augen herum befanden sich Lachfalten. Im Vorübergehen – das Tempo des Klack-Klack der Pantinen änderte sich nicht – zog sie kurz fragend ihre Augenbrauen empor, und die Lachfalten gingen dabei zu Amélies Entzücken wie immer mit in die Höhe. Sie sagte aber nichts, da es dem Dienstpersonal der unteren Ränge verboten war, Mitglieder der herzoglichen Familie von sich aus anzusprechen. Eigentlich durften sie ihnen auch gar nicht ins Gesicht sehen, sondern sollten bei einem Knicks• den Blick untertänig auf den Boden heften. Doch bei Amélie hatten sich weder sie noch ihre Tochter erstaunlicherweise je daran gehalten. Vielleicht aus geheimer Sympathie? Amélie sah Tine nur kurz bittend an, legte den rechten Zeigefinger auf ihre Lippen und schüttelte dabei leicht den Kopf. Und Tine nickte lächelnd. Beide hatten sich schon oft auf diese Weise, stumm, doch deutlich, verständigt, und Tine hatte sie noch nie verraten, denn sie gehörte wie die Piperin, zu Amélies „guten Geistern“. Da es im Schloss von diesen leider viel zu wenige gab, musste Amélie jetzt auch unbedingt zu Amalunde, denn die war ja die einzige, mit der sie frei sprechen konnte.

Die Nixe saß still im Sonnenlicht auf ihrem großen Stein. Sie blickte kurz auf, lächelte, warf wie gewohnt ihr goldengrünes Haar zurück, hob die linke Hand und winkte Amélie grüßend zu. Doch dann schaute sie wieder nach unten auf etwas, was sie in der Höhlung ihrer rechten Hand verborgen hielt, und das manchmal, wenn sie die Finger bewegte, ein wenig in der Sonne aufblitzte. Neugierig trat Amélie näher. „Guten Tag, liebe Amalunde“, sagte sie höflich, um sich dann gleich neugierig zu erkundigen: „Was hast Du denn da, doch nicht einen Zauberring?“ Amalunde lachte zur Begrüßung ihr Nixenlachen, das so gut zu ihrem Haar passte. „Und was würde sich meine Freundin Amélie wünschen, wenn es ein Zauberring wäre?“, fragte sie und umschloss den geheimnisvollen Gegenstand schnell wieder fest mit den Fingern, so dass Amélie nichts, aber auch gar nichts davon sehen konnte. Dass alle Menschen freundlich zu mir sind, wollte sie antworten, dachte aber gleich: Dann weiß ich ja gar nicht mehr, wer meine wirklichen Freundinnen und Freunde sind. Also ließ sie diesen Wunsch wieder fallen und sagte: „Dass mein krummer Rücken wieder gerade wird und niemand mehr über mich lacht.“ Und dabei fühlte sie sich gleich wieder ganz elend. „Ach, mach doch wieder ein fröhliches Gesicht“, bat Amalunde. „Du hast, als Du ankamst, so froh ausgesehen. Komm, setz Dich zu mir auf den Stein. Und wenn Du mir erzählst, was Du Schönes erlebt hast, dann zeig ich Dir auch, was ich in meiner Hand trage. Es ist zwar kein Zauberring, aber auch etwas sehr Feines.“ Und sie ließ das „Ding“ erst einmal zwischen zwei großen Schuppen in ihrem Fischgewand verschwinden. Nun konnte Amélie endlich von ihrer liebsten Beschäftigung erzählen, der Musik, den wundersamen Klängen des Instruments, das Clavichord hieß, und von ihrer Freude daran, auf den Tasten mit ihren eigenen Händen eine Melodie zum Klingen zu bringen. „Singst Du mir das Lied vor?“, fragte die kleine Nixe. Und Amélie, gar nicht so verlegen wie sonst – sie vergaß sogar, sich erst vorsichtig umzublicken – sang ihr „Christ ist erstanden“ vor. „So eine merkwürdige traurig-frohe Melodie und solche Worte habe ich noch nie gehört“, staunte Amalunde. „Was, bei allen guten Nöcken, heißt: ‚Kü-ri-e-lais‘? Ist das ein Name?“ „Nein, das sind eigentliche zwei Wörter in griechischer Sprache: Kyrie und eleison, und die heißen: Herr, erbarme Dich, und ‚Herr‘, meint den lieben Gott“, erklärte Amélie. Das wusste sie aus dem Religionsunterricht. „Aber wer ist das eigentlich, Euer Herr, Euer lieber Gott?“ Amélie überlegte einen Augenblick. Das waren schwierige Fragen, ganz andere als im Unterricht! Dann antwortete sie: „Der liebe Gott ist der Vater aller Geschöpfe auf Erden, der Tiere und der Menschen – ja und natürlich auch der Nöcken und Nixen“, setzte sie schnell hinzu; sie wollte keinesfalls, dass Amalunde sich ausgeschlossen fühlte, weil sie nur zu gut wusste, wie sich das anfühlte. „Und der liebe Gott wohnt im Himmel, wo auch die Menschen nach ihrem Tod hinkommen, wenn sie gegen Gott gehorsam waren, und böse Menschen kommen in die Hölle, einen ganz schrecklichen, finsteren Ort, wo sie leiden müssen wegen ihrer Sünden im Leben“, ergänzte sie noch und zog, von einem plötzlichen Schauer erfasst, ihre dünnen Schultern zusammen. „Hmm“, meinte die Nixe und warf ihr Haar mit gekonntem Schwung auf die andere Schulter, so dass Amélie wie immer ein paar feuchte Spritzer abbekam. „So eine Art Gott kennen wir auch, aber das ist kein Wesen wie ein Mensch, ein Mann oder eine Frau, und auch nicht wie eine Nixe oder ein Nöck, sondern eine Art Wind, oder, noch besser, eine große, gute Fee. Die kann man eigentlich überall treffen: Unter Wasser, in den Bäumen, in der Wüste und auch auf den Bergen. Und sie ist für alle Lebewesen da – sogar für Wasserratten und Haifische!“, sagte sie mit plötzlicher Empörung in der Stimme und rümpfte kurz ihre zarte Nixennase. „Ja, und das Zuhause der großen, guten Fee ist die ganze Natur. Und wenn darin jemand die Ordnung durcheinander bringt, etwas absichtlich zerstört oder Mitbewohnern Leid zufügt, kann sie sehr böse werden, dann treten die Flüsse über ihre Ufer und das Meer kocht über.“ Die Nixe sang plötzlich wieder ihr Lied, das sie bei der ersten Begegnung gesungen hatte. „Tritt in den Kreis der großen Natur! Lache und wieg` dich im Wind! Lache und wieg` dich im Wind!“ Beide schwiegen daraufhin und dachten nach, über den lieben Gott und die große, gute Fee und wie es war, wenn beide böse wurden.

Die hellen Schläge der Uhr des Schlossturms durchdrangen die Stille und beendeten wieder einmal zu früh das Zusammensein. Amélie wusste sofort, dass sie gehen musste, und Amalunde wusste es auch. Beide wandten einander den Kopf zu, sahen sich an, öffneten im selben Moment den Mund, und sprachen beide gleichzeitig, um einander ein und dieselbe Frage zu stellen: „Bringst Du mir nächstes Mal Dein Lied bei?“ Erst als Amélie schon wieder auf dem Rückweg war und über den kleinen Steg huschte, fiel ihr das glänzende „Ding“ in Amalundes Hand wieder ein. Sie hatten es beide vor lauter Gesprächen über Gott und die Welt glatt vergessen! Eilig rannte Amélie zurück zum Schloss.

Seit sie denken konnte, gab es in ihrem Leben die Tanzstunde, mal um zwei Uhr, mal etwas später, sie war jedenfalls immer am Nachmittag, nach dem eigentlichen Unterricht. Caroline hatte erst vor kurzem gesagt, in der gehässigen Weise, die sie auszeichnete: „Liebe Schwester, Sie haben tanzen gelernt, bevor Sie denken gelernt haben!“ Eigentlich sollte das bedeuten: Du, kleine Schwester, hast noch überhaupt nicht denken gelernt! Ein Grund, nicht Frau Benzin, sondern Caroline heute ganz verstohlen ein paar Ameisen von hinten in den Kleiderausschnitt zu stecken.

Und tanzen … anfangs ging es los wie ein Spiel: Sie war vielleicht drei oder vier Jahre alt gewesen, da zog man ihr das erste wirklich hübsche Kleid an. Es hatte ein Rosenmuster, das wusste sie noch genau. Und dann war „Tanzen“ zunächst einfach nett sein, gerade stehen, die Füße nach außen setzen und die Complimente• lernen, insgesamt vier, nach jeder Seite eins, dann das nach vorn und das zurück. Der Tanzmeister sprach viel von edlem Herz, von Großzügigkeit und Religion – all das brauchte man zum Tanzen. Am Anfang verstand Amélie gar nichts und machte nur nach, was die anderen, größeren Kinder in ihren schönen Kleidern ihr vormachten. Die Brust heraus, betonte der Tanzmeister jedes Mal, besonders Amélie gegenüber, die, als sie größer war und alles verstand, jedes Mal errötete. Eben wieder. Eine Brust hatte sie ja gar nicht, jedenfalls keine so wie die Mama und die anderen großen Damen. Der Spiegel war ihr Feind, wir wissen ja inzwischen schon, warum. Ihr missratener Rücken grämte sie, der da, wo er bei Caroline schön sanft in einer wunderbaren Biegung wieder zur Taille herabging, bei ihr einen Berg, ja einen Berg aufwies … warum nur?

Die Tränen waren ihr vor ein paar Wochen nach solch einem Blick in den Spiegel wieder einmal in die Augen geschossen. Sie konnte nicht mehr tanzen, hatte sich nicht mehr leicht gefühlt und schön schon gar nicht, sie hatte am Abend weiter geweint und die Piper, die liebe Piper, die sie schon in den Schlaf gewiegt hatte, als sie ganz klein gewesen war, und die immer noch „Herzogin“ und „Du“ zu ihr sagte, die liebe Piperin also hatte ihr manches erklärt. Das mit dem Spiegel: „Der lügt, der sieht dich nicht, wie du wirklich bist, wie Gott dich will. Der will nämlich, dass Du tanzt und froh bist und andere auch froh machst.“

Und dann noch das, was es mit dem kleinen Berg auf sich hatte: „Es ist man bloß ein Hügel, Herzogin, der ist angeboren, und für Dich findet sich allemal ein passabler• Gemahl!“ Warum und wieso? Auf diese Frage ging die Piper gar nicht ein. „Sei man bloß froh, dass Du lebst und sie lebt, denn Deine Mutter ist doch eine Gute, Kluge! Du kannst so viel von ihr lernen, lütte• Herzogin!“ Ja, das wusste Amélie und seufzte, aber nur ein kleines bisschen. Denn seufzen sollte man ja auch nicht. Da sagte Madame Benzin immer: „Contenance, Duchesse•!“

Also ging Amélie wieder zum Tanzen, tapfer und eigentlich getröstet. Den Spiegel schaute sie seitdem nicht wieder an. Sie bemühte sich vielmehr, alle Complimente richtig zu machen, alle Schrittfolgen zu beachten und nur leicht die Fingerspitzen der linken Hand zu reichen. „In Schulterhöhe der Dame!“, rief der Maître• immer, wenn der Herr oder vielmehr der als Herr verkleidete kleine Junge, Bruder, Cousin ihr seine Rechte gab. Denn sie war klein und blieb auch klein. Die Jungen und auch – leider – die anderen Mädchen wuchsen hingegen. Sie alle wuchsen beständig, man sah sie förmlich wachsen, bis Amélie nach oben schauen musste wie bei den Erwachsenen, und viele Tänzer sich dann fast verbogen, um es dem Maître recht zu machen. Heimlich kicherte sie dann in sich hinein. Graziös nahm sie die dritte Position ein, denn bald konnte sie alle Schrittfolgen des Menuetts und auch sonst aller Tänze auswendig, der Quadrille, der Polonaise, der Française, des Contretanzes und sogar des ganz modernen spanischen Fandango. Wenn man ihn tanzte, betonte der Maître immer, dass es ein spanischer Tanz sei, der die Grenze der Sittsamkeit fast – und hier zitterte seine ohnehin zu hohe Stimme – übersteige!!!

Da er das in jeder Tanzstunde sagte, mit demselben Ausdruck in der Stimme, grinsten die fürstlichen Tanzschüler und -schülerinnen einander heimlich zu. Nach und nach grinsten auch die gräflichen und ritterlichen Freunde der Geschwister Amélies, die immer teilnahmen, aber sich nicht recht trauten, den Ton anzugeben bei solchen Gefühlsregungen. Die waren doch eigentlich verboten. Und Amélie kicherte immer leise, manchmal verbarg sie es in einem Hüsteln ins Taschentuch … die Sittsamkeit war ja ein ewiges Thema, das von morgens bis abends behandelt wurde. Manchmal kam ihr in den Sinn, sogar Atmen wäre vielleicht nicht sittsam, da man es ja ebenso sehen oder hören könnte wie Niesen oder schlimmer noch wie Husten, Schnupfen, Spucken. Aber da war die Piper deutlich: „Nee, Herzogin, atmen musste schon – ansonsten … “ Sie machte eine schauerliche Geste, zog die Hand wie ein Rasiermesser an ihrem Hals entlang. Gut, dachte Amélie, das Atmen verbieten sie mir dann eben nicht.

Amélie liebte den Tanz ebenso wie die Musik, es war für sie fast wie Ausruhen. Wenn sie aber gefragt wurde, welches Stück sie denn am liebsten jetzt tanzen würde … da wurde sie zunächst rot. Aber eine Antwort oder gleich zwei, drei Vorschläge hatte sie auch immer.

Lange hatte sie darauf gewartet, endlich auch das schwierige Menuett lernen zu dürfen, denn für diesen Tanz hatte der Maître zwei Gruppen gebildet: Die älteren Geschwister und größere adlige Kinder, meistens solche von hohen Beamten des Hofs, in der einen Gruppe, und die jüngeren – darunter auch sie – in der anderen. Nun war der Tag gekommen, an dem sie mit ihren Tänzerfreunden und der älteren Gruppe erstmalig zusammen tanzen sollten. Es galt, ein großes Fest im Lustschloss Salzdahlum vorzubereiten. Viele auswärtige Gäste wurden erwartet, vielleicht auch Onkel Friedrich aus Berlin, so sagte die Mutter, und ihre Stimme hatte so etwas Erwartungsvolles gehabt. „Deinen Onkel nennt man Friedrich den Großen“, hatte die Piper ihr einmal zugeflüstert. „Er ist der König von Preußen und in Deutschland der allerwichtigste Herrscher.“ Mehr Angst als vor dem Urteil des Maître hatte Amélie vor dem Urteil Carolines, die unerbittlich jeden Fehler ihrer kleinen Schwester auf eine Liste setzen würde, zumindest in ihrem Kopf.

Amélie konzentrierte sich sehr. Und als der Geiger das Menuett von Rameau anstimmte, das ihr gut bekannt war, seufzte sie vor Erleichterung. Sie setzte das erste Compliment so präzise wie keine der kleinen Damen in dem Saal. Und zugegeben, es ist nicht gerade einfach, wird es doch mit vier Tritten gemacht, und man muss die ganze Zeit zählen! Und wie sie zählte: Zuerst mit dem rechten Fuß in die 2. Position und still die 1 zählen, dann den linken Fuß hinter den rechten ziehen, in die 5. Position und dabei 2 zählen. Wieder mit dem rechten Fuß in die 2. Position ziehen und die 3 zählen, dann den linken Fuß erneut hinter den rechten in die 3. Position bringen und sich verbeugen, dabei 4 zählen, sich erheben, 5 und 6 zählen. Dann das Compliment nach links.

Alles ging wie von selbst, jede Angst, einen Fehler zu machen, war von ihr abgefallen, und dass Caroline am Ende gar nichts sagte, und dann der Maître selbst noch lächelnd äußerte: „Duchesse Amélie, Sie haben heute die Krone des Tanzes erworben“, das tat ihr gut. Vielleicht hatte sie es sogar am besten gemacht, wollte er wohl damit sagen. Unglaublich. Die Tanzkarte, die am Ende jedes Unterrichts von ihm ausgefüllt wurde, gab schließlich allen ihren Triumph preis, stand doch darin, dass sie nicht nur musterhaft in ihrem sittlichen Betragen, sondern exzeptionell• in ihrer Tanzbeherrschung und ihrer Musikalität gewesen sei. Diese Karten las ja auch die liebe Mutter, die chère mère, und sie würde das sicherlich auch goûtieren, wie sie sagte, wenn ihr etwas gefiel. Und dann hatte sie manchmal sogar die Andeutung eines Lächelns auf den Lippen.


Etwas aber beunruhigte eine Woche später Amélie sehr, denn für den jetzt nahenden Ball in Salzdahlum sollte sie zum ersten Mal eine Frisur wie die großen Damen und ihre Schwester erhalten. Und nicht die Scheitelzopffrisur war es, die Amélie ängstigte, sondern der erste Besuch in der Puderkammer. Caroline war schon mehrfach dort gewesen und in Amélies Augen als ein Gespenst wieder hervorgekommen, ein Mädchen mit weißen Haaren!!! Eine uralte Frau!!! Nicht allein das! Vorher wurden die Haare mehrfach mit Pomade und Puder behandelt, damit sie den nötigen Halt bekamen. Das fand Amélie eklig. Schön waren allerdings die bauschigen Schwanfederquasten, die die Piper in einem rotschwarzen Lackkästchen verwahrte und mit denen sie den Puder – „Herzogin, du, das ist reines Mehl“, sagte sie dann – auf dem Haar verteilte. Aber es war fremd, man fühlte sich, als würde einem eine Rüstung angezogen, fand Amélie. Dazu kam noch, dass die Piper ein silbernes Messerchen nahm und ihr die Reste des Puders vom Gesicht strich. Da wurde es dann deutlich. Es ging in den Krieg. Da musste man sich rüsten. In der Puderkammer, so hörte sie, wurde man in einen Frisiermantel gekleidet und nahm vor der Poudreuse Platz – einem Spiegeltisch. Und andere von den Bediensteten, so die Piper, würden einen bestäuben mit dem fein pulverisierten Mehl. Dem sei hier Zibet• und Lavendel beigegeben, man würde also gut duften.

Der Schulz, ein Diener, habe einen Blasebalg, und man müsse eine Maske vor das Gesicht nehmen, die Maske habe aber auch Glasaugen … Schon die Vorstellung ängstigte Amélie. Glasaugen – wie bei den Blinden, die einen immer so anstierten. Sie hatte schon zweimal bei einem Gang in die Kirche mit der Piperin einen gesehen, der am Kircheneingang bettelte. Die Glasaugen waren etwas vollkommen Unnatürliches. Und andererseits: Alle ließen sich pudern, die etwas größer wurden, die Schwestern, die Cousinen. Und sie überlebten es nicht nur schadlos, sie fanden das Ergebnis schön. Und erhielten Lob, weil auch die Erwachsenen sie so schön fanden.

Überhaupt: Schön zu sein war offenbar wichtig. Gut. Aber am Sonntag und täglich vom Prediger zu hören, dass allein die Seele des Menschen wichtig wäre, wie passte das zu dem Zwang, immer schön sein zu müssen? Es gibt nur einen Gott. Und – Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! Manchmal kam es Amélie so vor, als hätten all die Großen hauptsächliche andere Götter. Durfte sie das denken? Und wo sollte sie sich denn hinwenden? Wer konnte ihr raten, diese Widersprüche aufzulösen? Mit wem konnte sie eigentlich sprechen?

Es fiel ihr auf, dass in ihrer Welt niemand auch nur den Anschein eines Zweifels an all dem zu haben schien, und außerdem: Was war denn so schlimm? Am Morgen verkleidete man sich, um eine „Prinzessin“ oder „Herzogin“ zu sein und wurde genau dazu erzogen und musste das bis zum Abend spielen – und zwischendurch durfte man manchmal einfach ein Christ sein und beten oder ein Mädchen, das schreiben und rechnen und sticken lernt. Aber einfach einen Menschen, mit dem man redete, wie es einem geht, den hatte man anscheinend nicht. Außer der Piper, aber eine Freundin war die halt auch nicht. Und Anna-Greta, diese gute Seele, schwieg ja fast immer. Da gab es eigentlich nur … Amalunde, die sie schon ewig lange nicht mehr gesehen hatte. Mindestens eine Woche nicht. Dabei war sie dreimal heimlich an die Oker geschlüpft. Es war wie verhext. Wo war die Nixe nur geblieben? Ganz und gar vom Wasserboden verschwunden war sie. Ob es ihr schlecht ging? Sie krank in irgendeiner Wasserhöhle lag?

Amélie vergaß ihre Sorgen um die Nixe und ihr Gefühl der Einsamkeit und Unverstandenheit aber dann doch, denn gerade jetzt trat in Gestalt ihres etwas jüngeren Bruders Friedrich ein Mensch in ihr Leben, der ihr, immer, wenn er konnte, ein Gefährte sein würde. Und das geschah so.

Amélie hatte schon lange bewundert, dass der jüngere Bruder reiten lernte, und oft hatte sie gefragt, ob nicht auch sie diese Kunst erlernen dürfe. Es kam ihr verlockend vor, in bequemer Kleidung auf einem warmen Pferderücken zu sitzen und durch die Natur zu traben oder zu galoppieren. Da war man frei, in den Hosen konnte man sich sicherlich fabelhaft bewegen, da umströmte einen die Luft, da war man dem Himmel näher. Aber auch hier gab es strenge Regeln: Jungen von adligen Eltern lernen sehr früh reiten, Mädchen viel später, im Reitkleid, und auch nur auf sehr braven Pferden. Friedrich war ein eher schüchterner Bruder, fand Amélie. Er hatte sogar Angst vor seiner ersten Reitstunde gehabt, hatte er ihr gestanden. Er besah sich lieber Bilder in den Bänden der Bibliothek der Mutter, schrieb sich immer Notizen in sein kleines Wachstuchheft und sprach von Italien als seinem Wunschparadies.

Er fiel auch erst einmal häufig vom Pferd. Das machte die Sache leider nicht besser. Und nur, weil der Vater gesagt hatte, man müsse ihn herausfordern, er solle kein Schwächling werden, hatten sie ihm gleich sehr unbändige Pferde gegeben. Amélie tröstete Friedrich immer, wenn er am Bein blutete und ganz blau geschlagen war. Dass ein Junge weinte, hatte sie übrigens auch nur einmal bei Friedrich gesehen und sich ihm dadurch ganz nah gefühlt. Am letzten Sonntag nach einem festlichen Essen unterhielten sie sich einmal ganz in Ruhe und er erzählte, dass der Sohn des Fouriers• krank geworden wäre und lange nicht mehr bei den Reitstunden teilnehmen würde. Er sollte das dem Lehrer am Montag ausrichten. Amélie bekam große, weite Augen: „Am Montag, wann denn?“, flüsterte sie. „Na, schon früh, vor dem Frühstück, um 7 Uhr haben wir Reitstunde, und immer auch am Mittwoch und Freitag … immer dann.“ „Vor dem Frühstück?“, flüsterte Amélie und hatte sofort einen Plan im Kopf: Wenn sie die Französischlektion einmal ausfallen lassen würde … und wenn sie nun auch das Frisieren und Anziehen abkürzen würde … die Piper, die all das mit ihr ja machen musste, die die Kleider heraussuchte, aufbügelte, sie anzog, dies und das noch neu annähte und die Haare mit der Brennschere kräuselte … wenn sie die Piperin bereden könnte, dass sie die ganze Prozedur öfter einmal verkürzte und anstatt des kleinen Freunds von Friedrich sie reiten lernen durfte? Sie versuchte einen Augenaufschlag: „Lieber Friedrich, leihen Sie mir Ihre Sachen oder solche für einen Jungen?“ So flehte sie … Friedrich brauchte lange, bis er verstand. „Ach so“, sagte er. Dann kam eine Pause. Friedrich zeigte Bedenken durch sein Schweigen. Amélie war umso beredter: „Ich weiß, dass ich es genauso gut kann wie … “ – jetzt zögerte sie – „wie Sie“ zu sagen, wäre wahrscheinlich sehr dumm. Daher sagte sie schlau: „Wie Ihr Reitlehrer.“ Friedrich, der den Mann hasste, bemerkte: „Schwester, Sie haben Mut.“ Aber dann zwinkerte er ihr zu und fügte an: „Gut. Das Zeug finden Sie.“

Damit war er verschwunden, denn schon dreimal war er von seinem Hofmeister gerufen worden. Amélie blieb zurück, etwas verwirrt und erstaunt über ihre plötzliche Idee.

Wirklich, Friedrich hielt Wort. Die Piper brachte Amélie abends einen Ballen, in Geschirrtücher eingewickelt, da waren die Jungenkleider drin. Sie drohte mit dem Finger: „Na, Herzogin, ob das man gut ausgeht? Was hast Du denn mit dem Herzog Friedrich vor?“ „Na, Piperin, weil Du es bist, sage ich es Dir.“ Und Amélie beichtete das Geheimnis, sprach von dem so großen Wunsch, reiten lernen zu dürfen wie die Jungen und … die Piperin verstand es!!! Amélie jubelte und gab ein Gelübde ab: Von dem Geld, das sie und ihre Geschwister zu Weihnachten erhielten, um allen Dienstboten eine Freude zu machen, sollte die Piperin das meiste bekommen, und sie wollte ihr überhaupt nur noch Freude machen: nicht mehr maulen, wenn das Korsett geschnürt wurde und sie piekte und die Strümpfe kratzten und die Haare beim Frisieren ziepten. Von dem Geld wollte die Piperin gar nichts wissen. Amélie probierte die Kleider rasch an und tanzte darin durchs Zimmer. Sie war ein Junge, der am nächsten Morgen richtig reiten lernen würde!

Sie jubelte und sang – und stellte sich schon vor, wie herrlich das alles wäre …

Aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Und herein trat, vollkommen unerwartet, ihre Schwester Caroline, schon im Nachtgewand. Sie hielt ein von Amélie geliehenes Buch in der Hand.

Caroline erstarrte wohl ebenso rasch wie Amélie. „Was machen Sie denn da?“, stotterte sie, die sonst nie stotterte. Amélie wusste, sie hatte nur eine Chance – zu lügen. Was das Zeug hielt. „Ich habe mir für Papas Geburtstag ein Stück ausgedacht und übe gerade mit der Piperin eine Szene. Ich wollte Ihnen das morgen in der Tanzstunde erzählen. Es gibt Rollen für uns alle.“ „Ach so, ach so – aber in Jungenkleidern … das ist wenig sittsam, Amélie“, hauchte Caroline, immer noch verwirrt. Doch Amélie war jetzt sicherer: „Das ist nicht meine Rolle, das ist die für Friedrich, ich wollte sie nur mal ausprobieren, ob sie so wirkt … der Effekt, Caroline, wir dürfen uns nicht blamieren. Und überhaupt … Wollen Sie mir nicht helfen bei dem Stück?“

Und so kam es, dass an diesem Abend ein kleines, sehr charmantes Theaterstück für den Vater erdacht wurde, dass auch Caroline die Jungenkleider einmal anprobierte und eine andere Rolle verkörperte, dass sie viel Spaß zusammen hatten, dass beide todmüde schließlich zusammen in Amélies Bett einschliefen, die Piperin beide zudeckte und das Bündel mit den Kleidern wieder an Friedrich zurückgab.

Der kranke Reitgenosse wurde übrigens rascher gesund als vermutet. Aber Amélie wusste nun, dass sie erstens in der Piper eine wahre Verbündete hatte, dass Friedrich ein Mensch zum Pferdestehlen war und zugegebenermaßen Caroline wenigstens manchmal doch ganz brauchbar.

Das Theaterstück mit dem Titel „Ruhm und Ehre des Herkules – eine Komödie“ wurde ein großer Erfolg, es wurde als Carolines und Amélies gemeinsame Leistung angesehen und von den Eltern gewürdigt. Am Geburtstag des Herzogs gab es, was es nur ganz selten gab, eine Torte mit Marzipanfiguren – einem Harlekin, einer Smeraldina, einem Dottore, einem Pantalone und zwei Verliebten, die Figuren in der italienischen Komödie•. In der Mitte der Torte stand eine Minerva.

Die Figur der verliebten Dame hatte sich Caroline gemaust. Amélie nahm sich die Minerva und fragte sich, was diese ernsthafte Göttin der Wissenschaften und Künste in der lustigen italienischen Komödie zu suchen hatte.

Pulsuz fraqment bitdi.

19,03 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
Həcm:
213 səh. 22 illustrasiyalar
ISBN:
9783944575100
Müəllif hüququ sahibi:
Автор
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar