Kitabı oxu: «Das Harfenmädchen»
Das Harfenmädchen
Frauenroman von Anny v. Panhuys
Das Harfenmädchen
© 1952 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570388
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Erstes Kapitel
Steffi Woschilda blieb mitten auf der Dorfstraße stehen, und ihre Augen hingen wie gebannt an dem wundersamen Schauspiel, das die untergehende Sonne bot. Noch niemals glaubte sie ein so herrliches Sonnensterben gesehen zu haben wie heute. Der ganze westliche Himmel leuchtete in flammender Glut, es war, als hingen glühende Vorhänge vom Firmament hernieder und breiteten sich über den dunklen Wald hin und über die letzten Häuschen des Ortes. Wie sehnsüchtige Arme reckte es sich glutend aus unerreichbarer Himmelshöhe und liebkoste zärtlich das Dörfchen.
Langsam setzte sie ihren Weg fort, und mit leicht geröteten Wangen und frohklaren Augen betrat sie das niedrige Lehrerhaus, um das sich rotes Weinlaub wie ein purpurnes, dickgesponnenes Netz legte.
Die Mutter saß in der Vorderstube und besserte ein Bettuch aus. Ihr vergrämtes, zerknittertes Gesicht, dem die rundglasige, dicke Brille etwas Eulenhaftes gab, hob sich mit kurzem Ruck, und nörgelnd brummte sie bei Steffis Eintritt, weshalb sie denn wie angenagelt beinahe fünf Minuten mitten auf der Dorfstraße gestanden und den Himmel abgesucht hätte, an dem doch weiß Gott nichts Besonderes zu sehen gewesen wäre. Man müßte ja denken, im Lehrerhause gäbe es gar nichts zu schaffen.
Steffi lächelte leicht, und in ihren großen grauen Augen war ein Glanz, als habe sich ein rotgoldener Funke der scheidenden Sonne darin verfangen. „Ich sah die Sonne untergehen, Mutter, unser Dörfchen lag wie verzaubert in der brennenden Pracht.“
Frau Julie Woschilda zog den Faden mit heftiger, abgehackter Handbewegung durch den Stoff. „Man glaubt fast, deinen Vater reden zu hören, der über seine Phantasterei und sein Harfenspiel vergaß, daß er nur ein Dorfschulmeisterlein war. Statt die paar verdienten Heller, die er erübrigte, auf die Sparkasse zu tun, kaufte er Bücher und Noten und ließ uns in hilfloser Armut zurück. Sei du gescheiter, dummes Mädel, als er und träume nicht am hellen, lichten Tage, das bringt nichts ein.“ Sie ließ die Arbeit wieder in den Schoß sinken, und ihr verärgertes Gesicht hellte sich etwas auf. „Der Matausch-Alois hat die Lehrerstelle hier bekommen, seine Mutter war vorhin bei mir, und dabei deutete sie an, wenn du nur ein bissel freundlich zum Alois wärest, dann könntest du dich bald Frau Lehrer nennen lassen.“
Steffis lichtblonder Kopf saß plötzlich ganz starr und steif auf den schmalen Schultern, und herbe gab sie zur Antwort: „Ich dank’ dem Matausch-Alois für die Ehre, die er mir antun will, aber ich liebe ihn nicht.
„Liebe!“ Die schwarzgekleidete kleine Frau mit dem grausträhnigen Haar stieß das Wort verächtlich und bitterböse hervor. „Was bleibt von der Liebe, wenn die Sorgen kommen? Die Hauptsache ist, du kriechst gut und warm unter, der Alois ist kein Mann wie dein Vater, er hält die Batzen zusammen.“
Steffis Augen sahen müde über die Mutter weg.
„Vater ist tot, laß ihn schlafen, — er war ein Künstler, aber der Unverstand des Schicksals stellte ihn auf den Platz eines kleinen deutschböhmischen Dorfschullehrers. Laß ihn schlafen, Mutter, über sein Grab tropft jetzt Sonnengold, reicher kann kein König im letzten Bette liegen.“
Die Frau zerrte unmutig an dem geflickten Bettuch, „Redest so unverständliche Dinge wie dein seliger Vater, auch bei ihm wußte man nie, was er eigentlich meinte und was hinter seinen Worten steckte.“
Steffi lächelte schon wieder. „Laß gut sein, Mutter, der liebe Herrgott schuf die Menschen eben verschieden.“ Sie ging still ins Nebenzimmer, wo das alte Tafelklavier stand und daneben die Harfe lehnte, auf der Lehrer Woschilda so gern und oft in dieser Stunde der Dämmerung sich von dem Sehnen nach der weiten Welt draußen die Brust freigespielt hatte. Von dem Sehnen nach der Welt, die er nicht kannte, die fernab von dem engen Dorfe lag.
Leicht glitten Steffis schmale Finger über die Saiten und lockten ein melodisches, weiches Tönen daraus hervor, das sich zu nachhallendem, süßem, schwingendem Akkorde einte.
Durch ihren Kopf zogen vielerlei Gedanken. Da waren Gedanken wie rote Perlen, leuchtend gleich der Lebensfreude, und da waren trübe, graue, matte, gleich den Tagen, die von der verbitterten Mutter mit Klagen angefüllt wurden. Da waren Gedanken wie schwarze Perlen, düster gleich dem Sarg, in dem man vor einem Jahre den liebsten aller Väter in die Gruft niedergelassen, und nun lugten grüne Zweige darüber hin, dem Frühlingskleide gleich, mit dem sich die neu belebte Natur hoffnungsvoll nach hartem Winter schmückt.
Unwillkürlich, und ganz unter dem Bann der herzuströmenden Gedanken stehend, griff Steffi Woschilda hastiger in die Saiten, wie in sanft bewegtem Wellenspiel glitten die schmalen Finger darüber hin, und die blitzenden Drähte sangen eine schwermütige Weise, durch die es doch zuweilen wie ein frohes Jauchzen klang. Mit feinem melodischem Zittern band sich Ton an Ton. Zuerst war es, als werfe eine zärtliche Hand kleine silberne Kugeln in ein feinschliffenes Glas und freue sich des klaren Widerhalles, dann aber zog es wie Windeshauchen durch das blanke Saitengespinst, schwoll mählich an und ward zum Sturm, der wie ein Vernichter kam und dahinbrauste, alles mit sich reißend, Gutes und Böses, Starkes und Schwaches, der sich Raum schuf wie ein Sieger und wie ein Strom kraftvollster Lebensbejahung war.
„Steffi, Steffi!“ Schon mehrmals hatte die alte Frau nebenan den Namen ihrer Tochter gerufen, doch das Saitenspiel war über die verdrießliche Stimme hinweggespült wie das Rauschen mächtiger alter Bäume, darin der leise Schrei eines winzigen Vögeleins ertrinkt.
„Steffi!“ Nun stand die magere, kleine Frau auf der Schwelle, und ihre harte Hand legte sich auf den einen Arm der Tochter. Das Spiel brach mit kurzem, wimmerndem Nachhall ab, und fast erschreckt blickte das junge Gesicht auf die Mutter, deren Wangen in fleckigem Rot der Erregung brannten.
„Hör auf, Steffi, der Matausch-Alois ist da, er will dir ein ‚Grüß Gott‘ sagen.“
In Steffis Augen erstarb das Leuchten, und ihre Brauen zuckten wie die ausgespannten schmalen Flügel einer dunklen, fremdartigen Libelle. Aber sie erwiderte nichts, sondern stellte die Harfe an ihren Platz zurück, um dann der Mutter in das Nebenzimmer zu folgen. Seitlich in der niedrigen Stube, aus dem verschabten braunen Armstuhl, erhob sich ein kleiner, dürrer Mann mit wichtigem Holzgesicht und starren, ausdruckslosen Augen.
„Grüß Gott, Woschilda-Steffi!“ Er streckte ihr die Rechte entgegen. „Wir haben uns ein Jahr lang nicht gesehen, wie geht es dir?“
Sie versuchte ein Lächeln. „Mir geht es gut, Alois, nur manchmal plagt mich die Einsamkeit.“
Sie sprach das letzte eigentlich mehr, um überhaupt etwas zu sagen, denn keinem Menschen hätte sie wohl unlieber ihr innerstes Denken anvertraut als gerade diesem.
Er aber schien einen tiefen Sinn hinter dem kurzen Satz zu wittern, um seine schmalen, wie nach innen gebogenen Lippen kroch ein Zug von Vertraulichkeit.
„Kann mir denken, daß du hier einsam bist, dein Vater hielt sich ja allen Umgang fern. Ich bin darin anders, ich bin kein Einsiedler, meine Frau müßte etwas vom Leben haben.“ Er wiederholte: „Meine Frau“, und seine starren Augen saugten sich förmlich an dem perlweißen Oval des Mädchengesichtes fest.
Frau Julie Woschilda nickte befriedigt vor sich hin und tat, als wäre ihre ganze Aufmerksamkeit bei der Flickarbeit. Der Matausch-Alois verstand’s, der ging gleich tapfer auf sein Ziel los, der würde mit Steffi schon fertig werden, um so mehr, da er wußte, sie hatte manche Eigenart ihres Vaters geerbt. Schon als Junge war er Steffi nachgesprungen, wo ihm, dem um fünf Jahre älteren, nur Gelegenheit geworden, und Steffi wäre eine Närrin, die gute Versorgung auszuschlagen. Dann konnte man, wenn der junge Lehrer hier in die Amtswohnung einzog, im Hause bleiben und brauchte nicht in irgendeinem kleinen Stübchen ärmliche Unterkunft suchen. Die kleine Lehrerpension reichte kaum, zwei Menschen notdürftig zu ernähren. Wenn man ihr nicht immer etwas zum Nähen und Ausbessern brächte, stünde es böse um das bißchen Durchkommen.
Steffi suchte indes nach den Worten „Meine Frau“ krampfhaft nach einem anderen Gesprächsstoff. „Ach, so schlimm war es schließlich nicht mit der Einsamkeit gemeint“, erklärte sie hastig, „du hast mich falsch verstanden. Ich habe ja meine Harfe und Vaters Bücher, und dann helfe ich der Mutter viel beim Nähen. Und der Lehrer-Vertreter, der das Jahr nach Vaters Tod bis jetzt hier die Schule hielt, machte keinen Anspruch auf die Amtswohnung und mietete sich, weil er unverheiratet ist, beim Lindenwirt ein, da hatten wir’s sehr bequem und durften vorläufig wohnen bleiben.“
Der junge Lehrer Alois Matausch reckte seine kleine Gestalt.
„Ich verzichte nicht auf die Amtswohnung, ich nicht, aber wenn es dir gefällt und du bleiben willst“, er machte eine kleine, feierliche Pause, „dann steht dem nichts im Wege.“ Wieder eine feierliche Pause, diesmal aber von längerer Dauer als das erstemal, ein sonderbarer Seitenblick, der wie Mahnung und Bitte war, flog zu der eifrig die Nadel handhabenden Frau am Fenster hin.
Und diese verstand den Blick, erhob sich hastig und brummelte, sie wolle schnell für den lieben Gast ein Täßchen Kaffee bereiten. Nun waren die beiden allein, und Steffi wußte, jetzt galt es offen zu sein, diesem harten Holzgesicht gegenüber waren keine Ausflüchte am Platze, diese starren Augen heischten eine gerade Antwort.
Ein tiefes Schweigen lag über dem kleinen Raum. Und plötzlich sagte die kalte, glatte Stimme des kleinen Mannes in das tiefe Schweigen hinein:
„Steffi, ich mag keine langen Reden halten, mag nicht um die Dinge herumreden, die ich meine, und deshalb, kurz heraus, wir kennen uns von Kind an, und ich habe dich gern. Sollst meine Frau Lehrerin sein, und ich denke, das paßt dir.“
Seine Augen ruhten unbeweglich auf dem unregelmäßigen, liebreizenden Antlitz, das ihm so nahe war, daß er die Arme nur ein wenig ausstrecken brauchte, um es an sich zu ziehen.
Steffi atmete bedrängt, aber dann faßte sie allen Mut zusammen, und wie bittend sprachen ihre Lippen: „Sei mir nicht böse, Alois, aber ich kann deine Frau nicht werden, denn ich liebe dich nicht.“
Der kleine Mann zuckte zusammen, als zweifle er, recht gehört zu haben. „Du liebst mich nicht? Aber vergißt du denn ganz, was ich dir zu bieten vermag, vergißt du, daß —“ Er brach ab, die Stimme gehorchte ihm nicht weiter.
„Lieber Alois, es tut mir sehr leid, dir wehe tun zu müssen, aber ich darf doch nicht ohne Liebe deine Frau werden“, sagte sie leise, doch fest.
In seine Augen trat ein Glitzern, und krampfig klang seine Frage: „So liebst du einen anderen?“
Steffi lächelte weich.
„Nein, nein, außer dem Vater habe ich keinen Mann lieb gehabt.“
„Dann ist ja alles gut“, atmete Alois Matausch auf, „dann ist ja alles gut. Wirst mich lieben lernen, Steffi, Liebe erweckt doch Gegenliebe.“ Seine knöchernen Finger tasteten nach ihren Händen, und ein Zug von Selbstbewußtsein hob seine Mundwinkel.
Steffi fuhr zurück, als krieche ihr eine Spinne über die Hände, und wie von Ekel hervorgepreßt, rief sie laut: „Nein, ich werde niemals deine Frau, niemals, hörst du, denn der Mann, den ich lieben werde, muß anders sein als du, ganz anders!“
Kaum waren ihr die Worte entflohen, bereute sie sie schon, denn ein kurzer Blick zeigte ihr, sie hatte sich in dieser Minute einen unerbittlichen Feind geschaffen. Mit zusammengebissenen Zähnen trat er zurück und griff nach seinem Hut. In der Tür erschien eben die Mutter.
„Aber ich bitt’, Herr Lehrer Matausch, wollen Sie schon fort? Ich habe doch eben einen guten starken Kaffee gekocht.“
Alois Matausch verneigte sich städtisch, weltmännisch. „Verehrte Frau Woschilda“, entgegnete er mit Würde, „meines Bleibens kann leider nicht länger sein, Steffi hat mir soeben unverhüllt gezeigt, ich sei ihr widerwärtig, und ich möchte um nichts in der Welt für aufdringlich gelten.“
Jetzt kam Leben in Frau Julie Woschilda. „Steffi ist ein törichtes, albernes Geschöpf, in ihrem Kopfe treiben allerlei Romane ihr Wesen, sie weiß nichts von der Wirklichkeit. Bleiben Sie, Herr Lehrer, bleiben Sie, und ich verspreche Ihnen, daß sie Ihre Frau wird, daß sie dankbar Ihre Frau wird.“
„Über mein Leben muß ich selbst bestimmen, Mutter“, sprach Steffi erregt, und ihr weißes Gesicht stand jäh in rosiger Glut.
„Alois Matausch dankt für erzwungene Gaben“, sagte der junge Lehrer zurückweisend. „Grüß Gott, Frau Woschilda.“ An der Tür blieb er flüchtig stehen, und mit triumphierendem Unterton in der Stimme rief er: „Am nächsten Ersten will ich ins Lehrerhaus einziehen, deshalb muß ich Sie bitten, bis dahin zu räumen, Frau Woschilda.“
Keine Antwort abwartend war er verschwunden.
Mit gerungenen Händen stürzte die grauhaarige Frau auf Steffi zu, und eine Flut von Vorwürfen ergoß sich über das lichtblonde Mädchenhaupt. Steffi aber stand stolz und aufrecht, es war, als glitten alle die Vorwürfe ungehört an ihr vorbei, erst als die Frau erstickt und heiser schwieg, sprach sie leise: „Ich habe den kleinen, aufgeblasenen Matausch-Alois nie leiden mögen, seine Lehrerwürde kann meine Meinung nicht beinflussen.“
„Was um des Himmels willen soll denn aus dir werden, hier im Dorf ist doch niemand, der zu dir paßt, die Handwerker wagen sich ja nicht an dich heran.“
Steffi lächelte: „Vielleicht springt für mich einmal die kleine Pforte auf, die von hier aus in die Welt führt, und draußen steht wartend ein Prinz am Wege und geleitet mich auf sein Märchenschloß.“
„Es ist zum Verzweifeln mit dir, mir steht der Sinn jetzt wirklich nicht nach schlechten Witzen“, nörgelte die Frau. Und dann sank sie in den alten braunen Lehnstuhl nieder, in dem vorhin der kleine Lehrer gesessen, und beide Hände vor das Gesicht schlagend, begann sie leise zu weinen.
Mit zwei Schritten stand Steffi neben ihr. „Mutter, liebs, liebs Mutterl, bitt’ schön, nicht weinen. Es ist doch gar kein Grund dazu. Wir werden ja nicht verhungern, auch wenn ich den Matausch-Alois nicht heirat’ und wir hier aus unserem lieben alten Hause müssen. Wir wollen in die Stadt ziehen, Mutterl, nach Tetschen, Bodenbach, vielleicht auch weiter nach Prag oder Wien. Nur von hier fort wollen wir. Ich bat dich ja schon so oft darum. In den Städten gibt es mehr Gelegenheit für mich, Geld zu verdienen, hier kann ich mich doch nicht betätigen.“ Sie strich sanft über das straff zurückgekämmte Haar der immer noch Weinenden. „Sieh, Mutterl, in der Stadt vermag ich mein Können zu verwerten, ich kann doch Klavierund Harfenunterricht geben. Schade nur, daß der Vater dicht vor seinem Tode, weil du es durchaus wolltest, seine schöne Konzertharfe nach Wien verkaufte. Ich habe so gerne drauf gespielt“, setzte sie mit einem halb unterdrückten Seufzer hinzu.
„Was braucht ein Dorfschullehrer, der bloß zu seinem eigenen Vergnügen ein bißchen Musik treibt, eine teure Konzertharfe, ich war froh, als er sie auf mein Drängen endlich hergab“, antwortete Frau Woschilda barsch.
„Ach, es klang doch alles so ganz anders darauf als auf der einfacheren kleineren Harfe, die Vater behalten“, wagte Steffi zu sagen, um dann fortzufahren: „Denk darüber nach, Mutter, ob es nicht gut für uns wäre, hier fortzugehen. Ich werde schon Schüler bekommen.“
Die noch immer erregte Frau sprang auf und fuhr sich mit dem Schürzenzipfel hastig über die Augen. „Das ist Unsinn!“ Sie stieß einen verächtlichen Ton aus. „Und auf diesen Unsinn hin sollen wir zwei in die weite Welt rennen wie zwei Abenteuerinnen? Nein, und hundertmal nein, schlag dir den Gedanken aus dem Kopf. Beim Fabrikanten Oswaldic droben wird ein Mädchen zur Beaufsichtigung und für den ersten Unterricht der Kinder gesucht. Da melde dich, dann bist du vorläufig geborgen, ich muß zusehen, wo ich unterkrieche.“ Sie schluchzte wieder. „Wenn ich denke, daß wir, wenn du nur gewollt hättest, hier ruhig und sorglos wohnen bleiben konnten, dann tut mir das Herz weh.“
Es war allmählich dämmeriger in dem niedrigen Zimmer geworden, während draußen noch die Helle überwog. Steffi stand am Fenster und achtete, in lauter trübes Denken eingesponnen, kaum darauf, daß die Mutter längst hinübergegangen war in die Küche.
Zu den Kindern des Fabrikanten Oswaldic sollte sie, sich mit den verwöhnten Geschöpfen reicher Leute herumärgern. Ihre Harfe durfte sie dort womöglich gar nicht mitbringen. Und dann würde sie das süße Spiel verlernen, und all die warmen, lieben Melodien vergessen, die immer schon in ihr sangen und klangen, wenn ihre Finger nur das blanke Gefüge der Saiten unter sich fühlten.
Eine wilde, verzweifelte Angst vor der Zukunft packte Steffi, und ein Zittern lief durch die schlanke Gestalt. Wie ein Stöhnen brach es von ihren Lippen: „Vater, weshalb bist du so früh von mir gegangen?“
Sie hob lauschend den Kopf. Was war das gewesen? Nebenan war eben eine rasche Hand über die Saiten der Harfe gefahren. Ganz leise hatten die Saiten aufgeklungen. Steffi trat erschrocken vom Fenster zurück. „Mutter?“ rief sie wie fragend, und noch einmal: „Mutter?“
Alles blieb still. Fast scheu ging Steffi in das hintere Zimmer, darin die Harfe stand. Nichts regte sich in dem Raume.
Da fachte das junge Mädchen mit zitternder Hand ein Streichholz an und sah bei dem unsicheren kleinen Schein, daß die Harfe gegen das Klavier gefallen war. Sie selbst hatte sie wohl vorhin ungeschickt fortgestellt. Mit wehem Lächeln rückte sie das geliebte Instrument fest und sicher an seinen Platz. Hatte sie doch beinahe gemeint, der Vater hätte ihr vorhin Antwort gegeben auf ihre verzweifelte Frage, warum er sie so früh verlassen. Sie schob ihre Wange gegen die Umrahmung der Harfe, und durch ihren schmerzenden Kopf flog der Gedanke, was nun werden, wie sie der Mutter und sich helfen sollte. Und sie dachte dabei, welchen Rat ihr wohl der Vater in ihrer Not gegeben haben würde.
Sie stand mit geschlossenen Augen, und dennoch war es ihr, als sähe sie plötzlich die schlanke Gestalt des Vaters dicht vor sich hintreten. Deutlich glaubte sie sein schmales, durchfurchtes Gesicht zu erblicken, und die kindlich guten Augen unter dem fast noch dunklen Scheitelhaar, dessen Spitzen silbern schimmerten und an den Schläfen in schneeweißen Fäden verliefen. Ernst und doch voll unendlicher Milde schauten sie die lieben blauen Augen an, und ihr war es, als ob die schmalen, blassen Lippen sprachen: Über alles die Pflicht!
Da hob Steffi die Arme und ließ sie gleich wieder ergebungsvoll sinken. Das alte Merkwort des Vaters, das ihm zur Richtschnur gedient sein Leben lang, es wies auch ihr den Weg, den sie gehen mußte. Um wie viel Freude und Glück hatte sich der Tote durch dieses strenge Wort gebracht, aber es hatte dennoch als Leitstern über seinem weichen Träumerleben gestanden, und seine schwingende musikalische Seele, in der tausend wundersame Melodien jubelten und nach Befreiung riefen, eingepreßt in den engen, strengen Pflichtenkreis eines armseligen Dorfschullehrers. Ein Großer, ein Künstler hätte er sein können und war doch tapfer und ruhig an der Seite einer kleindenkenden Frau dahingeschritten durch die einförmigen Tage, die hier hinter den hohen Seitenwänden jeden Augenblick in die Welt, die bunte, lockende, lebenswerte Welt versperrten.
Steffi fuhr sich über die heißen Augenlider, morgen wollte sie zum Fabrikanten Oswaldic gehen, vielleicht gab man ihr dort die Stellung bei den Kindern.
Grelles Lampenlicht warf seinen Schein in das Zimmerchen. Auf der Schwelle stand die Mutter mit mißmutigem Gesicht. „Komm zum Essen, Steffi!“
Das Mädchen nahm der Mutter sanft die Lampe aus der Hand und setzte sich nebenan auf den Tisch.
„Morgen gehe ich zum Fabrikanten Oswaldic, Mutter“, sagte sie begütigend.
Die Frau nickte kurz. „Das ist auch deine Pflicht und Schuldigkeit.“
Steffi fühlte ein Frösteln in den Gliedern. Wie anders klang hier die kleine und doch so inhaltsschwere Silbe „Pflicht“ als einst aus dem Munde des Vaters.
Zweites Kapitel
Der Herbstmorgen hüllte sich in ein goldflimmerndes Tuch, überall lagen die blitzenden Enden seines Saumes, und dennoch trat Steffi Woschilda mit einer kleinen Falte auf der sonst so klaren Stirn ihren Gang ins Haus des Fabrikanten Oswaldic an.
Ziemlich weit draußen vor dem Dorfe lag die ausgedehnte Knopffabrik, in der mehr als der dritte Teil der Dorfbewohner arbeitete, und in einiger Entfernung davon erhob sich in grellem Weiß die Villa des reichen Mannes. Sein Großvater war ein einfacher Bauernbursche gewesen, aber ein gescheiter, kluger Kopf, der, nachdem er einige Zeit außerhalb in einer großen Knopffabrik gearbeitet hatte, selbst einen Betrieb anfing. Nur in allerkleinstem Maßstabe, nur in den allerbescheidensten Grenzen. Aber sein fester Wille, vorwärtszukommen, dem sich das Glück zugesellte, ermöglichte es ihm, bald sein Unternehmen zu vergrößern. Es wuchs von Jahr zu Jahr, und als er starb, hinterließ er seinem Sohne eine Fabrik, in der fünfzig Arbeiter und Arbeiterinnen schafften, vorzügliche Geschäftsverbindungen und ein schon ganz ansehnliches Barvermögen. Dieser Sohn baute das von dem Vater Ererbte im Sinne des Toten weiter aus, und die Fabrik vergrößerte sich zusehends. Als er sich zur Abreise in die Ewigkeit rüstete, konnte er seinem Sohne mehr als das Doppelte von dem hinterlassen, was er einst von seinem Vater erhalten. Und unter Franz Oswaldic wuchs und wuchs nun das Werk zu einem großen Unternehmen von Klang.
Steffi Woschilda bog rechts ab von der Fabrik. Ein schmaler, gutgehaltener Pfad führte geradewegs auf die Villa zu, während die Fahrstraße einen weiten Bogen darum beschrieb, ehe sie vor dem leuchtenden Weiß des Fabrikantenheims mündete. Ein Diener trat Steffi Woschilda schon auf der breiten Freitreppe entgegen.
„Ich möchte Frau Oswaldic sprechen.“ Leichte Schüchternheit verriet sich in der Stimme des jungen Mädchens.
Der Diener lächelte nachsichtig. „Sie meinen natürlich, Sie möchten die gnädige Frau sprechen? Wen muß ich der gnädigen Frau melden?“
Eine brennende Röte überflog Steffis Wangen, die Zurechtweisung, die in der Frage des Dieners lag, empörte sie, aber sie sagte sich sofort, daß er von seinem Standpunkt aus recht habe, und erwiderte: „Ich heiße Stefanie Woschilda, bin die Tochter des verstorbenen Dorfschullehrers und möchte mich um die Stellung bei den Kindern der Herrschaft bewerben.“
Des Dieners Miene ward zutraulich. „Ehrlich gesagt, sind Sie zu schade für die Bälge, ein hübsches Mädel wie Sie wäre doch besser als Kammerjungfer aufgehoben.“
Steffi blitzte den Sprecher zornig an. „Ich bitte Sie, mich der gnädigen Frau zu melden.“
„Mit dem Ton werden Sie hier nicht weit kommen“, brummte der Diener, entfernte sich dann aber eilig. Wenige Minuten später geleitete er sie die Treppe hinauf und öffnete eine breite Flügeltür vor ihr, um sie eintreten zu lassen.
„Die gnädige Frau wird gleich erscheinen“,. sagte er dabei und ließ sie allein.
Steffi blickte sich in dem großen Gemache um, und wie ein Alp überfiel es sie in der Pracht, die darin herrschte.
Der Spiegel gegenüber gab ihr Bild wider, und sie fand, ihre schwarze, einfache Kleidung nahm sich wie ein häßlicher, dunkler Fleck in der strahlenden Umrahmung des wundervollen venezianischen Glases aus, dessen prismenförmig geschliffener Rand in dem Sonnenstrahl, der darüber hinzitterte, in buntem Feuer aufleuchtete. Ein leises Geräusch schreckte Steffi aus ihren Betrachtungen auf. Unter dem leicht zurückgezogenen Vorhang zum Nebenzimmer stand Frau Jutta Oswaldic. Ihre großen, schwarzen Augen musterten Steffi von oben bis unten.
„Sie sind die Tochter des verstorbenen Lehrers Woschilda, ich erinnere mich, Sie schon gelegentlich, wenn ich durchs Dorf fuhr, gesehen zu haben.“
Steffi neigte den Kopf. „Mein Vater starb vor einem Jahr, und nun möchte ich gern etwas verdienen, deshalb wäre ich sehr dankbar, wenn Sie es mit mir bei Ihren Kindern versuchen wollen, gnädige Frau.“
Die winzig kleine Frau unter dem Vorhang nickte. „Weshalb sollte ich nicht, aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Josef und Josefa sehr eigenartig veranlagte Kinder sind.“ Sie trippelte auf hochhackigen Schuhen näher, und ihr lose niederfallendes weißes Tuchkleid umwogte die überschmale Gestalt im Tanzrhythmus. „Lassen Sie sich mal ganz von nahe anschauen“, sagte sie und ging im Kreise um Steffi herum, als betrachte sie ein Kleidungsstück, ein Tier oder auch ein Spielzeug von allen Seiten. „Hm, nett, wirklich, einfach und nett, nicht so ein aufgetakelter Fratz wie das vorige Kinderfräulein, auch keine Vogelscheuche wie ihre Vorgängerin.“ Sie lächelte mit kleinen scharfen Zähnen und zupfte an dem schwarzen Lockengekräusel über der schmalen Stirn herum. „Was können Sie denn? Verfügen Sie über gute Elementarbildung, ich meine, können Sie richtig schreiben und lesen?“
Steffi entgegnete ernst: „Mein Vater war Lehrer, wie ich Ihnen sagte, gnädige Frau.“
Jutta Oswaldic zog mit leichtem Unwillen die schmalen Brauen etwas hoch. „Weshalb denn so empfindlich, meine Liebe? Wer sich in abhängige Stellung begibt, darf nicht stets Prinzessin auf der Erbse spielen.“
Steffi schwieg bis ins Herz erkältet. Jutta Oswaldic fuhr fort: „Also will ich es mit Ihnen versuchen. Wann können Sie eintreten?“
„Sogleich, gnädige Frau.“
„Gut, dann erwarte ich Sie morgen im Laufe des Vormittags. Außer Ihrem Lohn erhalten Sie natürlich freie Wohnung und Essen.“
Steffi verneigte sich. „Ich werde morgen kommen, gnädige Frau.“
Vor der Tür des Lehrerhauses empfing sie schon die Mutter mit fragender Miene. Steffi zwang sich, trotz der Herzensbangigkeit, die sie beherrschte, ein frohes Antlitz zu zeigen.
„Frau Oswaldic hat mich angenommen.“ Julie Woschilda krauste die Lippen. „Man muß zufrieden sein, aber wenn ich bedenke, daß du es gar nicht nötig gehabt hättest, dich mit fremden Kindern abzuplagen. Der Matausch-Alois ist ein feiner städtischer Mann, für den kein Mädel zu schade ist.“
Steffi schlüpfte rasch ins Zimmer, die ewigen Vorwürfe der Mutter quälten sie.
— — —
Am nächsten Vormittag zog sie in der weißen Villa ein. Ein Dorfjunge fuhr ihr auf einem kleinen Handwagen den Korb mit ihren Kleidungsstücken ans Ziel, sie selbst aber trug die Harfe, die in einem verblaßten grünen Tuchfutteral steckte. Ob sie in der Villa würde spielen dürfen, darüber gab sie sich keinen allzu großen Hoffnungen hin, aber sie mußte ihr geliebtes Instrument wenigstens bei sich haben, es betrachten können.
Sie erhielt eine ziemlich große Stube im zweiten Stock neben dem Schlafzimmer der Kinder, und die sechsjährigen Zwillinge Josef und Josefa, beide schwarzhaarig, schwarzäugig, wie dickbackige Engel auf alten spanischen Kirchenbildern, standen erwartungsvoll dabei, als Steffi ihrer Harfe einen Platz anwies.
„Was ist da drin?“ fragte Josef in seiner kurzen, herrischen Art.
„Eine Harfe“, gab die Gefragte freundlich Auskunft.
„Harfe?“ wiederholte der Kleine. „Kenne ich nicht, zeige mir die Harfe.“
Josefa nickte wichtig. „Ich will sie auch sehen.“
Steffi lächelte und schälte das Instrument aus der sackartigen Verhüllung.
Die Kleinen starrten neugierig auf die blanken Saiten. „Was macht man damit?“ fragte Josef.
Steffi zog die Harfe zu sich heran und riß mit schlanken Fingern ein altböhmisches Kinderlied aus den Saiten. Wie das so koseweich wiegte und wogte, wie das neckisch quirlte und lachte und schmeichelnd trostreich schloß.
Josef und Josefa standen mit vorgeneigten Köpfen. „Das war fein!“ entschied Josef.
„War fein!“ bestätigte seine Schwester.
Von dem Tage an mußte Steffi den Zwillingen oft vorspielen, und so wild, trotzig und ungebärdig die Kinder sonst waren, unter dem Zauber der Harfenklänge wurden sie still und lieb. Durch ihr Harfenspiel erreichte Steffi alles bei ihnen, und es dauerte nicht lange, so hingen sie Steffi Woschilda fast mehr an als der sie maßlos verwöhnenden Mutter. Jutta Oswaldic empfand zuweilen ein Gefühl von Eifersucht gegen die blasse Lehrerstochter.
Eines Nachmittags spielte Steffi den Kindern wieder vor, da kam der Fabrikherr den Gang entlang und blieb ein Weilchen wie gebannt vor der Tür des Kinderzimmers stehen, um dann leise einzutreten. Das junge Mädchen unterbrach sofort ihr Spiel.
Josef rief heftig: „Weiterspielen, weiterspielen!“
Der Fabrikherr nickte. „Ja, bitte, spielen Sie weiter, Fräulein Woschilda, und gestatten Sie mir, ein Viertelstündchen Zuhörer zu sein.“
Steffi zierte sich nicht und spielte, glücklich darüber, daß nun auch der Herr des Hauses ihr Harfenspiel in seinem Heim nicht als Störung empfand, wie sie immer heimlich gefürchtet. Ihre frohe Stimmung riß sie hin, und wie ein Jubelgesang quoll es unter ihren Fingern auf.
Franz Oswaldics etwas gedrungene Gestalt stand wie versunken an einen Schrank gelehnt, in dem Kinderspielzeug aufbewahrt wurde, und seine Augen folgten den über die Saiten huschenden Mädchenfingern. Franz Oswaldic war ein Mann der Arbeit, und Vergnügungsstätten suchte er nur um seiner Frau willen Geschmack abzugewinnen. Aber dieses zu Herzen gehende Spiel Steffi Woschildas ließ seine von steter Arbeit des Nachdenkens, Rechnens und Anordnens gestrafften Nerven ein wenig ausspannen. Wie ein wohltuendes Ausruhen kam es dabei über ihn.
Plötzlich ward die Klinke von rascher Hand niedergedrückt. Jutta Oswaldic in einem dunkelgrünen Samtkleid mit grauer Pelzverbrämung klapperte auf hohen Holzhacken über die Schwelle, und unmutig rief sie: „Also hier finde ich dich, Franz, ich suchte dich schon überall.“ Sie wandte sich Steffi zu: „Sie sollten auch weniger auf der Harfe herumklimpern, mich stören und langweilen Sie jedenfalls sehr damit, ich kann so krassen Dilettantismus nicht ertragen.“
Steffi war die kurze, schroffe Art der Dame schon gewöhnt und gewissermaßen dagegen abgehärtet, dieses wegwerfende Urteil über ihr Harfenspiel aber tat ihr empfindlich weh. Bleich bis auf die Lippen stellte sie das Instrument beiseite, und tonlos zwängte sie hervor:
„Ich werde in Ihrem Hause nicht mehr spielen, gnädige Frau.“
Josef schrie laut auf: „Du sollst aber spielen, Fräulein, sonst bin ich schrecklich ungezogen.“
Der Fabrikherr machte einen Schritt auf Steffi zu. „Vergönnen Sie meinen Kindern weiter die Freude, ab und zu Ihre kleinen Zuhörer sein zu dürfen. Mir haben Sie jedenfalls einen schönen Genuß geschenkt. Ich bin kein Musiksachverständiger und kann nicht fachmännisch urteilen, doch meine ich, wer einem durch sein Spiel so das Innerste zu packen weiß, der ist weit über den Dilettantismus hinausgewachsen.“
Er betonte den letzten Satz, und Frau Jutta merkte dieses Unterstreichen.
Sie zuckte die Achseln. „Mein guter Franz, ein paar melodiöse Töne machen dein Urteil befangen, Fräulein Woschilda ist sicher nicht so eingebildet, ihr bißchen Harfengezupf als Kunst einzuschätzen. Josef, Josefa, kommt, wir wollen eine lustige Fahrt machen, hinüber nach Grafendorf zur Waldschenke, ich nehme für unterwegs ein Schächtelchen von den dicken Marzipanküchlein mit.“
Die Kinder sprangen auf, Steffi Woschildas Harfenspiel trat vor so süßer Lockung vorläufig in den Hintergrund.
„Du begleitest uns wohl nach unten.“ Jutta Oswaldic lächelte ihren Mann an, und er, wie stets bezwungen, wenn diese zierliche wunderhübsche Frau liebenswürdig und zärtlich zu ihm war, legte seine Hand in ihren Arm und verließ mit ihr das Zimmer.
Steffi Woschilda blickte wie betäubt vor sich nieder. Ihr war sterbenselend zumute. Wie stolz und selbstbewußt war sie noch vor kurzem gewesen und wie elend und in Fetzen gerissen lag nun ihr Stolz und Selbstbewußtsein im Staube. Nun durfte sie nicht mehr spielen, ihr „krasser Dilettantismus“ erregte die Nerven der schönen verwöhnten Frau, und ihre Tage würden deshalb fortan keine Feierstunden mehr haben. —
Sie sann einen Augenblick, schlüpfte dann in ihren alten dunklen Mantel, der ärmlich, eng und ausgewachsen die schlanken Glieder umschloß und band einen Wollschal um das blondumkrauste Köpfchen. Steffi wußte, daß Frau Oswaldic von solcher Ausfahrt wie heute nicht vor zwei bis drei Stunden heimzukehren pflegte. Deshalb wollte sie ins Dorf gehen, um die Mutter zu besuchen. Vor vierzehn Tagen hatte diese das Lehrerhaus räumen müssen, und der neue Lehrer war mit seiner Mutter dort eingezogen. Julie Woschilda hatte alle überflüssigen Möbel, darunter auch das Tafelklavier, verkauft und sich ein Stübchen beim Schneider Wenzel unfern dem Schulhause gemietet.
Julie Woschilda empfing die Tochter wie stets mit brummigem Gesicht, trotzdem ihr Steffi bisher ihren ganzen Lohn getreulich abgeliefert hatte. Verkniffen stöhnte sie über die enge Stube, in der sie nun hausen müsse, und darüber, daß die Mutter des jungen Lehrers Matausch an gewöhnlichen Arbeitstagen einen funkelnagelneuen schweren Rock trage und ein wollenes Tuch mit langen Fransen.
Hinter all dem neidischen Gestöhn lagen viele Vorwürfe für Steffi, die sich darunter ergebungsvoll zusammenduckte, aber die erste Gelegenheit wahrnahm, aufzubrechen.
Langsam wanderte sie wieder der weißen Villa zu. Unterwegs holte sie ein Herr ein, groß, schlank und vornehm aussehend. Er trug keinen Bart, und seine Augen standen dunkel und leuchtend in dem scharfgezeichneten Gesicht. Ein voller Blick traf Steffi, dann ging der Herr weiter, und das junge Mädchen sah ihn vor sich in der Villa verschwinden.
Steffi wollte ihr Zimmer aufsuchen, auf dem oberen Flur trat ihr die Zofe von Frau Oswaldic entgegen. „Wo bleiben Sie denn nur? Die gnädige Frau ist heute schon nach einer knappen Stunde heimgekehrt und hat bereits dreimal nach Ihnen gefragt.“
Steffi zog eilig den Mantel aus, warf den Schal ab und eilte, so schnell sie vermochte, die Treppe hinunter.
Jutta Oswaldic befand sich nicht allein, der Herr, der Steffi vorhin begegnet, stand neben ihr und ließ eben ihre beiden ringfunkelnden Hände los. Über Jutta Oswaldics Antlitz flog es wie ein Schatten beim Anblick der Eintretenden und gereizt rief sie ihr entgen: „Was wollen Sie denn um des Himmels willen ausgerechnet jetzt, da ich meinen jahrelang abwesenden Bruder begrüße, während man Sie vorhin im ganzen Hause wie eine Stecknadel suchte?“
Steffi stotterte, befangen unter den Männerblicken, die unausgesetzt auf ihr ruhten: „Ich dachte, weil gnädige Frau mit den Kindern ausfuhren, ich dürfte inzwischen vielleicht einmal nach meiner Mutter sehen.“
Jutta Oswaldic machte eine abwehrende Bewegung mit der Rechten. „Wenn Sie Ihre Mutter zu besuchen wünschen, so haben Sie dazu erst vorher meine Erlaubnis einzuholen. Ich liebe es nicht, wenn meine Leute fortwährend ins Dorf hinunterpilgern.“ Sie unterbrach sich. „Aber wie sehen Sie denn aus, Ihr Haar ist ja völlig durcheinander, als kämen Sie eben aus dem Bett. Und so laufen Sie hier im Hause herum? Gehen Sie und kämmen Sie sich — und dann hier, Sie sagten mir, daß Sie sticken können, nehmen Sie das Dutzend Taschentücher und sticken Sie mein Monogramm hinein. Die Zeichnung dazu liegt bei. Hoffentlich leisten Sie Besseres im Sticken als im Musizieren“, setzte sie mit einem kleinen Spottlächeln hinzu.
In Steffi kochte der rasche Zorn hoch, der stets da war, wenn sich ihr Empfinden mit aller Gewalt gegen ungerechte Behandlung sträubte. Sie fühlte die Blicke des fremden hochgewachsenen Mannes mitleidig über sich hinstreifen, und das raubte ihr den letzten Rest von Besonnenheit.
Trotzig hob sie den schmalen Kopf, um den das lichtblonde Lockenhaar so aufrührerisch strudelte, und ihre grauen Augen waren fast dunkel vor Empörung.
„Ich muß sehr bitten, gnädige Frau, mich nicht wie ein hergelaufenes unverschämtes Schulmädel zu behandeln, denn ich gab Ihnen niemals Grund dazu, im übrigen steht es Ihnen nicht zu, ein Urteil über meine Musik zu fällen. Mein seliger Vater war Musiker mit Leib und Seele, er gab mir all sein Können und Wissen, und Sie beleidigen in mir meinen toten Vater, wenigstens empfinde ich es so. Ich versprach Ihnen ja schon, in Ihrem Hause nicht mehr zu spielen, mehr kann ich nicht tun.“
Jutta Oswaldic war bei dieser Rede Steffi Woschildas sehr blaß geworden. Jetzt hob sie die Rechte und auf die Tür weisend sagte sie scharf: „Verlassen Sie mein Zimmer und bis spätestens morgen früh mein Haus, Ihren Lohn wird Ihnen der Diener bringen. Sie scheinen aufrührerisches Blut in den Adern zu haben, und solche Elemente dulde ich nicht um mich.“
Steffi legte die Taschentücher still auf einen kleinen Tisch und schritt der Türe zu. Als sie die Finger schon auf die Klinke gelegt hatte, wandte sie sich noch einmal um und schien etwas sagen zu wollen, vielleicht eine demütige Bitte, doch ein Blick auf das stolze Männergesicht verschloß ihr sofort den Mund, und gleich darauf drückte sie die Tür hinter sich ins Schloß.
„Nun, Werner, was sagst du zu der kleinen Giftkröte?“ lächelte Jutta Oswaldic den Bruder an, neben dem sie sich wie ein zerbrechliches Püppchen ausnahm.
Werner Arneburg zuckte mit den breiten Schultern. „Ich kenne die junge Person ja gar nicht und weiß nichts über ihren Charakter, wenn ich aber ehrlich sein soll, finde ich, du behandeltest sie ein bißchen sehr schlecht, was sie in meiner Gegenwart wohl doppelt peinlich berührte.“
Er ließ das Thema rasch fallen.
„Das Mädchen hat unsere Begrüßung vorhin unterbrochen, also nochmal, Jutta, ich freue mich riesig, daß mir meine Besuchsüberraschung so gut gelungen ist. Denke, ich komme geradewegs aus Rotterdam, wo man, wie du weißt, durchaus eine neue Kirche von Werner Arneburg gebaut haben wollte.“
Jutta Oswaldic drückte den Bruder in einen Sessel nieder, und mit aufleuchtenden Augen fragte sie: „Und sind die Rotterdamer zufrieden mit dem Werk, das ihnen der berühmte Kirchenbaumeister schuf?“
Um die strenggeschnittenen Lippen des Mannes huschte es wie leise Verträumtheit. „Wie kann ich das sagen. Ehrungen, nun ja, die wurden mir in Menge zuteil, Ihre Majestät überreichte mir selbst den Hausorden von Oranien-Nassau, auch konnte ich meiner Berliner Bank einige hohe Geldnoten überweisen, aber ob die Menschen, die nun fortan in dieser von mir erbauten Kirche ihre Predigt hören und zu Gott beten, zufrieden mit mir sind, das weiß ich nicht. Glücklich wäre ich, wenn mir das gelang. Der Gedanke überwältigt mich oft, wenn ich mir ausdenke, da und dort steht nun ein Gotteshaus, und ich durfte die Form dazu ersinnen, ich durfte dadurch so etwas wie ein Mittler sein zwischen Gott und den Menschen.
Er erhob sich. „Aber wo ist Franz, wo sind die Kinder, ich möchte sie doch begrüßen?“
Jutta Oswaldic legte die Arme um den Hals des Bruders und zog seinen Kopf zu sich nieder. „Ich bin so unbändig stolz auf dich, Werner.“
Er küßte ihr schwarzes Scheitelhaar. „Liebes, kleines Schwesterchen.“
Sie ließ ihn frei. „Franz ist in der Fabrik, und die Kinder sind in der Küche, sie schauen zu, wie die alte Köchin Waffeln bäckt, die mögen sie so gern, aber ich lasse sie rufen, sie sollen kommen.“
Der Diener nahm den Befehl entgegen und bald trappelten überhastige kleine Füßchen über den Gang, die Tür flog auf, und zwei dunkellockige Kinder stürmten ins Zimmer.
— — —
Steffi Woschilda packte ihre Habseligkeiten, und obgleich sie das Bewußtsein erfüllte, gegen die stolze, hochmütige Herrin recht gehandelt zu haben, marterte sie sich dennoch mit Vorwürfen.
Über alles die Pflicht! Wie kläglich war sie schon nach so kurzer Zeit über diesen Satz, den sie hoch und stolz wie ein Banner vor sich hatte hertragen wollen, gestrauchelt. Wenn die Mitleidsblicke des fremden Mannes nicht gewesen wären, vielleicht hätte sie sich doch nicht so weit hinreißen lassen. Nein, sicher hätte sie es dann nicht getan. Unwillen beschlich sie gegen ihn, der so vornehm und herrisch in dem reichausgestatteten Raume gestanden und die harten Reden seiner verwöhnten, launischen Schwester stumm mit angehört und ihnen durch sein schweigendes Mitleid erst die rechte schmerzende Schärfe verliehen hatte. Blicke wie die seinen waren einem armen zerlumpten Bettler, aber nicht ihr gegenüber am Platze.
Sie reckte sich auf. Sie brauchte kein Mitleid, sie nicht, mochte er andere damit beglücken. Sie drehte die Beleuchtung an und zog die Vorhänge vor den Fenstern zusammen. Es klopfte. Der Diener schob sich mit einem vertraulichen Lächeln auf dem glatten, gutrasierten Gesicht ins Zimmer. Er hielt ihr einen Umschlag entgegen.
„Von der gnädigen Frau, Ihr Lohn einschließlich Kostgeld für die nächsten vierzehn Tage und ein Zeugnis.“
„Es ist gut“, sagte sie kühl und wandte sich ab. Das vertrauliche Lächeln des Dieners tat ihr förmlich weh.
Sie wollte froh sein, wenn er erst wieder gegangen war. Doch der schien gar nicht daran zu denken, leise sagte er:
„Ich dachte mir’s gleich, schon damals, als Sie sich hier vorstellten und um die Stellung bewarben, daß Sie nicht hierherpassen. Die Gnädige ist eine verwöhnte Dame, die mag nur Leute um sich haben, die ihr schöntun und katzbuckeln. Der Herr geht ja mit ihr um, als sei sie eine leibhaftige Prinzessin, und da ist ihr der Dünkel zu Kopf gestiegen. Früher soll sie gar nicht so gewesen sein. Geld hat sie gar keines gehabt, bitterarm war sie, als sie den Herrn geheiratet hat. Und ihr Bruder war damals auch noch ein unbekannter Baumeister, nun freilich soll sein Name oft in den Zeitungen stehen, Kirchen baut er, und überall will man von ihm Kirchen gebaut haben. Nun, die Gnädige ist auch unbändig eingebildet auf den Bruder, sie vergöttert ihn und tut, als sei ein regierender Fürst eingekehrt.“
Steffi fuhr sich über die Stirn und glühendes Rot schoß über ihr Gesicht hin.
Mit finsterer Miene drehte sie sich herum. „Ich mag kein Geklatsch, Sie haben den Auftrag der gnädigen Frau erledigt, folglich können Sie gehen.“
Der Diener blickte sie einen Augenblick starr an. „Sie haben eine eigentümliche Art, die Menschen, die es gut mit Ihnen meinen, zu behandeln.“
Steffi beachtete ihn kaum. „Ich will allein sein“, sagte sie kühl.
„Wenn Sie glatt durch die Welt kommen wollen, müssen Sie noch viel lernen“, brummte er, beeilte sich aber, die ungastliche Stätte zu verlassen.
Steffi warf den Briefumschlag auf ein niedriges Schränkchen und wanderte mit raschem Schritte, als müsse sie eine innere Unruhe bekämpfen, durch das weite Gemach. Also ein Kirchenbaumeister war er, der breitschultrige, vornehme Herr, dessen Blicke voll Mitleid sie für Minuten jeden klaren Nachdenkens beraubt? Oh, wenn sein Mitleid wahr und echt gewesen, hätte er wohl ein beschwichtigendes Wörtlein zu seiner Schwester, die ihn ja vergöttern sollte, äußern können, hätte es nicht mitansehen brauchen, daß man das arme Kinderfräulein mit schroffen Reden so reizte, daß sie ihre Stellung vergaß und das Wagnis einer Verteidigung unternahm.
Um Steffis Mundwinkel grub sich ein Zug von Bitternis. Da unten in den reichen vornehmen Räumen der schönen Frau Oswaldic saß die Familie jetzt sicher sehr vergnügt beisammen, und keiner dachte auch nur flüchtig an sie, die morgen früh ins Dorf zurück mußte; und doch vor diesem Gange bangte ihr, als begehe sie ein Unrecht damit, wenn sie vor die Mutter hintrat und ihr sagte: Ich konnte mich nicht kränken lassen, Mutter, deshalb wies man mir oben in der Villa die Tür!
Sie fürchtete sich vor dem vergrämten, verbitterten Antlitz der Mutter, und hinter ihren Schläfen pochte es wie mit harten, grausamen Knöcheln.
Kleine Füßchen trippelten den Gang entlang und traten nebenan ins Kinderzimmer.
Josef rief: „Huh, hier ist es noch finster, wo bist du, Fräulein Steffi?“
Josefa piepste: „Huh, wie finster!“
Steffi eilte nach nebenan, das Licht aufflammen zu lassen. Da standen die Geschwister und lachten sie strahlend an.
„Der Onkel ist lustig“, rief Josef.
„Er hat uns soviel mitgebracht, eben ist sein Koffer angekommen“, jubelte Josefa und hielt ihr mit Stolz eine teure Puppe entgegen.
„Mama hat gesagt, du gehst morgen wieder fort“, rief Josef, „und Mama nennt dich ein ungezogenes Mädchen. Onkel sagt, du siehst aus wie die Bernsteinhexe in einem alten Märchenbuch von ihm, weil du so gelbes Haar hast“, erzählte Josefa.
Steffi kämpfte mit neuer Bitternis.
Bernsteinhexe! Häßlich und abscheulich dünkte ihr diese Bezeichnung. Sie wollte nicht mehr hören, was der berühmte Kirchenbaumeister vielleicht noch über sie geäußert, und sich zu den Kleinen niederbeugend, sprach sie leise:
„Ja, ich muß euch morgen wieder verlassen, und deshalb will ich mich eilen, mit dem Packen fertig zu werden.“
„Schade, daß du weg mußt“, klagte Josef, doch verweilte er nicht lange bei dem Gedanken, seine Mutter mußte ihm wohl durch mancherlei Versprechungen den Abschied von ihr in tröstlichem Lichte hingestellt haben, „kannst uns noch einmal auf der Harfe vorspielen“, bat er, und Josefa wiederholte seine Bitte getreulich nach.
Steffi überlegte. Durfte sie die Bitte der Kinder erfüllen, ohne sich damit der Gefahr auszusetzen, Frau Jutta Oswaldic gegen sich aufzubringen? Ach, was kam es darauf noch besonders an. Sie war abgelohnt wie ein lästiger Dienstbote, und morgen verließ sie dieses Haus für immer. Sie wollte wenigstens bei den Kleinen ein gutes Andenken hinterlassen.
Sie holte ihre Harfe herbei und hatte schon nach den ersten Tönen vergessen, daß sie lediglich für die Kinder spielte. Sie spielte für sich und nur für sich. Ihr Schmerz, ihre Bitternis, ihr Zagen und Bangen ward zu Klängen, die da weinten und schluchzten, trotzten und sich matt durchhofften zu neuen Lebensplänen, von denen doch keiner fest umrissene Gestalt zeigte.
Die Zwillinge saßen eng aneinandergeschmiegt, zwischen sich die Puppe, und lauschten mit großen Augen. Es mußte viel angeborenes musikalisches Verständnis in den Kindern sein, sonst hätten sie wohl kaum so mäuschenstill verharrt, als Steffi Woschilda all ihr Leid und ihre Ängste, ihr Ringen und Sehnen und ihren verletzten Stolz in weichen Harfenklängen laut werden ließ.
Draußen, mitten auf dem Flur stand eine hohe Männergestalt und rührte sich nicht. Trank Ton um Ton in sich hinein, und die Seele ward ihm weit bei dem wundervollen Spiel, das zu ihm hinausdrang. Er befand sich in seinem Zimmer, um sich vor dem Abendessen endlich den Reisestaub abzuspülen, da war das süße Klingen zu ihm hereingezogen, wie ein sehnsüchtiges Rufen, und hatte ihn die Treppe hinaufgelockt, bis vor die Tür, hinter der das blonde Mädchen aus dem Dorfe auf ihrer Harfe spielte.
Vorsichtig und sacht öffnete Werner Arneburg ein wenig die Tür und blieb dann regungslos stehen, um das Bild, das sich ihm bot, voll in sich aufzunehmen.
Steffi Woschilda saß ein wenig seitlich, so daß er nur noch einen Teil ihrer Wange sah, die Kinder aber hockten auf zwei Stühlen nebeneinander, drehten ihm den Rücken zu und hielten sich eng umschlungen. Und auf das matte Blondhaar des jungen Mädchens floß das Licht des dreiarmigen Lüsters nieder und legte ein goldenes Schleiergespinst über das dichte Gelock. Die schmalen, blassen Finger rankten sich durch die leuchtenden Drähte wie weiße Blumenelfchen, die durch ein Netz von Sonnenstrahlen hin und her schwebten und huschten. Wie tiefer Orgelsang brauste es auf und zog in klingenden Wellen durch die Oktaven hinauf bis in die höchsten Register, wo ein unirdisch zartes Flüstern anhub, als raunten sich die hin und her wiegenden Elfchen süße traurige Märchen zu von Menschen, die Leid trugen.
Mit einem verhallenden Akkord, der einem vielstimmigen Amen in der Kirche vergleichbar war, schloß das Spiel. Die Kinder atmeten laut. „Das war schön“, lobte Josef, „du solltest doch bei uns bleiben, Fräulein Steffi.“
Werner Arneburg wollte sich ebenso leise, wie er gekommen, wieder fortschleichen, doch schon bei seinem ersten Tritt schauten sich alle drei Zimmerinsassen um. Da zog der Mann die Türe hinter sich zu und trat vollends ein. Die Kinder sprangen auf ihn zu, Steffi aber blieb sitzen, und ihr Blick flog ihm fast feindselig entgegen. Wieder glaubte sie in seinen Augen Mitleid zu lesen, und bebend rief sie:
„Die gnädige Frau schickt Sie wohl, mir das Spielen zu verbieten? Die Kinder baten darum, und es war zum letztenmal.“
Werner Arneburg lächelte, und sein ernstes, scharfes Gesicht sah viel jünger aus durch dieses Lächeln.
„Ihr Spiel zog mich aus meinem Zimmer treppauf und machte mich zum Lauscher. Verzeihen Sie mein heimliches Eindringen und lassen Sie mich danken —“
Steffi Woschilda stand schroff auf. „Ich spielte ja für die Kinder, nicht für Sie.“
Da verstummte Werner Arneburg, seine Schwester hatte nicht ganz unrecht, die Lehrerstochter aus dem Dorfe schien aufrüherisches Blut in den Adern zu haben. Ein seltsam weiches Gefühl erfaßte ihn für dieses hübsche blonde Geschöpf, aber er suchte vergebens, auf welche Art es ihm wohl gelingen konnte, ihr Vertrauen zu gewinnen.
Steffi schauerte zusammen. Da war er wieder, der mitleidige Blick, der sie aufs äußerste aufstachelte und empörte, und ohne noch eine Silbe zu sprechen, trug sie die Harfe in das eigene Zimmer hinüber. Als sie nach einer geraumen Weile wiederkam, war das Kinderzimmer leer. Ein paar heiße Tränen quollen in Steffis Augen auf. Hastig riß sie ihr Taschentuch hervor und strich damit die glitzernden Tropfen fort. Hexen weinen nicht, dachte sie bitter, und ich bin ja eine Bernsteinhexe, weil ich so gelbes Haar habe. Die vielen ungeweinten Tränen aber, die alle den Weg durch die großen grauen Mädchenaugen nehmen wollten, mußten in ihren tiefen Quellen bleiben und brannten auf ihrem Herzen wie böses rotes Feuer.
Pulsuz fraqment bitdi.