Kitabı oxu: «Die Namenlose - Schicksal eines vertauschten Kindes Bd.1»
Anny von Panhuys
Die Namenlose
Schicksal eines vertauschten Kindes Bd.1
Roman
Saga
Die Namenlose - Schicksal eines vertauschten Kindes Bd. 1
© 1927 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570524
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1. Kapitel.
Karola Overmans hübsches Puppengesicht war über und über von Tränen nass, förmlich gebadet hatten sich Wangen und Kinn in der Tränenflut, die nicht versiegen wollte.
Ihr Mann lief mit grossen Schritten im Zimmer umher, in dem mit allerlei luxuriösem Tand vollgestopften Damenzimmer, wo sich seine Frau am allerwohlsten fühlte.
Die zierliche Karola schluchzte zum Erbarmen.
„Was soll nur werden, Günter? Lieber, einziger Günter, was soll nur daraus werden? Trautchen wird jeden Tag weniger, ich habe es Dr. Frank heute deutlich angesehen, er glaubt nicht mehr an ein Besserwerden. Und wenn Trautchen sterben müsste —“
Sie rang die kleinen schmalen Hände und die Erregung versetzte ihr den Atem.
Sie packte ihren Mann am Aermel, krampfte sich darin fest.
„Um des Himmelswillen, Günter, höre endlich auf, durch das Zimmer zu marschieren, das macht mich so nervös, dass ich kaum noch weiss, was ich rede.“
Günter Overmans fuhr mit seinem Taschentuch leicht über das verstörte Antlitz der geliebten Frau.
„Liebste Karola, bitte, rege dich nicht so furchtbar auf, damit verschlimmerst du ja nur alles! Bedenke, wenn zum Beispiel mein Vater jetzt gerade hereinkäme und dich in diesem völlig aufgelösten Zustand sähe!“
Sie hob mit einem Ruck den Kopf und ein leichter Entsetzensschrei entrang sich ihr.
„O, Günter, wäre das furchtbar, wenn dein Vater mich so überrascht hätte. Dann hätte er mir bestimmt wieder viele böse Worte gegeben und behauptet, ich sei schuld, dass Trautchen krank ist.“
Günter Overmans strich über ihr leichtgewelltes hellblondes Haar, fragte fast heftig: „Was hat er dir denn wieder für Liebenswürdigkeiten gesagt?“
Sie hob den Blick.
Dunkelblaue grosse Augen besass Karola, aber die Lider, vom vielen Weinen rot und angeschwollen, nahmen den blauen Sternen alle Schönheit. Und um den Mund zuckte es schon wieder verdächtig, als bereiteten sich neue Tränenströme vor.
„Er hat gesagt, ich sei körperlich so ein Elendsmenschlein, so eine erbärmliche Hand voll Kleider mit nichts darin als ein paar Hühnerknochen, dass er dich nicht begreife und ihm das Kind leid tue, das mich Mutter nenne. Zum Glück verfüge das Kind ja über ein kräftigeres Knochengerüst und sei deshalb, und auch seinem Gesicht nach, ein echtes Overmanskind und er hoffe darum, es würde sich von seiner Schwäche erholen. Wenn es aber stürbe, sei das Selterswasser daran schuld, das in meinen Adern an Stelle von gesundem, rotem Blut laufe.“
Sie schluchzte schon wieder.
„Fast wörtlich hat er das zu mir gesagt, und als ich etwas entgegnen wollte, hat er mich angeschrien, er habe nun mal einen Narren an dem Kind gefressen und mit Trautchens Existenz stehe und falle die deine und die meine.“
Sie schlang die Arme um den Hals des vor ihr Sitzenden.
„Du kennst ja deinen Vater, weisst, er kann mich nicht leiden, und wenn es nicht um des Kindes willen wäre, könntest du mit mir hingehen, wo du wolltest. Seine Abneigung gegen mich ist so stark, weil du mich eigentlich gegen seinen Willen geheiratet hast, dass er auch auf dich keine Rücksicht nehmen würde.“
Günter Overmans nickte traurig.
„Leider ist Vater in vielen Dingen sehr hart und wir können im Grunde noch froh darüber sein, dass unser kleines Mädel sein ganzes Herz erobert hat. Unbegreiflich will es mir sogar manchmal scheinen. Alle die Liebe, um die ich als Kind und Heranwachsender vergebens bei ihm geworben, die schenkte er freiwillig unserer Kleinen.“
Sie lehnte ihre Wange fest an sein ihr zugeneigtes Gesicht.
„Gottlob, ist so ein Ausfall selten, meist beachtet mich dein Vater gar nicht, er hat zuweilen eine Art, über mich wegzugucken, die fast so wehe tut wie seine Zunge.“
Günter Overmans besann sich auf wirksame Trostworte, als es klopfte.
Die beiden sich umschlungen Haltenden fuhren auseinander und Karola sprang auf, wandte sich dem Fenster zu.
Es brauchte niemand zu sehen, wie sehr sie geweint hatte.
Das Mädchen trat ein, meldete mit einer Stimme, die förmlich von Respekt durchtränkt war: „Herr Overmans Senior ist eben gekommen und gleich zu dem Kind gegangen.“
„Schön!“ Günter winkte dem Mädchen, sich gleich wieder zu entfernen, und als sich die Türe geschlossen, nahm er den Kopf seiner Frau in beide Hände.
„Mut, du kleiner zusammengebrochener Lebenskamerad! Wasch dir die schönen geliebten Guckerln klar. Er darf nichts von unserer Angst ahnen, sonst trampelt er noch mehr auf uns herum, wie es leider schon geschieht. Und das Schlimmste ist es, sich nicht dagegen wehren zu können!“ In seinen grauen Augen blitzte es auf. „Zuweilen möchte ich es darauf ankommen lassen, möchte ihm entgegenrufen: Entweder respektierst du die Frau, die ich lieb habe, wie es sich gehört, oder ich werfe dir alles vor die Füsse, laufe mit Frau und Kind in die Welt hinein, erobere mir mit meinen beiden Händen ein bescheidenes Glück.“
Karola starrte ihn entsetzt an.
„Liebster, bester Günter, geradezu Wahnsinn wäre es, wenn du das tätest! Und auf ihn würde es nicht einmal Eindruck machen. Oder vielleicht doch,“ überlegte sie, „weil er das Kind dadurch verlöre. Das mit dem bescheidenen Glück erobern, ist etwas sehr Unsicheres. Wie wenigen gelingt es! Deine Liebe und Besorgnis gleicht ja alles, was mir dein Vater antut, reichlich wieder aus.“
Er war froh, sie wieder ruhiger zu sehen und küsste sie zärtlich.
Karola huschte in das mit allen Bequemlichkeiten eingerichtete Badezimmer. Dort wusch sie sich das Gesicht mit heissem Wasser, das Tränenspuren viel leichter auslöscht wie kaltes, spülte mit kühlem Wasser nach und bediente sich einiger kosmetischer Mittel.
Danach fühlte sie sich leidlich frisch, und nach prüfendem Blick in den Spiegel verliess sie die Badestube nach dem Korridor zu.
Einen Augenblick blieb sie tiefaufatmend draussen stehen.
Sie hörte hinter der Tür gegenüber sprechen, eine rauhe, harte Stimme fuhr eben über eine Antwort ihres Mannes hin wie mit grobkörniger Feile.
Karola hätte am liebsten Kehrt gemacht.
Die Angst vor Lamprecht Overmans, ihres Mannes Vater, bäumte sich wieder in ihr auf. Diese Angst, die ständig in ihr war, seit sie dem Gefürchteten zum ersten Male gegenübergestanden.
Sie war eine blutjunge arme Waise gewesen, als sie hier nach Stuttgart zu einer alten vornehmen Dame als Gesellschafterin kam, in deren Haus sie Günter Overmans kennen und lieben lernte, der sie aber erst nach vielen aufreibenden Auseinandersetzungen mit seinem Vater heiraten durfte. Sie war von einer geizigen und engherzigen Tante in einem abgelegenen württembergischen Nest erzogen worden, aber gerade, weil ihr die Flügel von Kind an zu sehr beschnitten wurden, hatte ihr von je die Sehnsucht nach Reichtum, Wohlleben und schönen Kleidern wie ein Fieber im Körper gesteckt, deshalb hatte ihr wohl die Erfüllung dieser Sehnsucht als herrlichstes Zukunftsbild vorgeschwebt.
Karola atmete noch einmal tief auf. Leicht war es wahrhaftig nicht, Lamprecht Overmans Schwiegertochter zu sein, aber sie brauchte sich doch von der galligen Tante keine Bitternis mehr einimpfen lassen, brauchte keine Launen einer unzufriedenen Brotherrin mehr ertragen, wie damals als Gesellschafterin. Sie lebte doch bequem, hatte alles in Hülle und Fülle, war eine elegante vielbeneidete Frau, besass wertvollen Schmuck und durfte mit Günter glücklich sein. Dafür musste sie schon das Opfer bringen, sich von Lamprecht Overmans ein bisschen tyrannisch behandeln zu lassen.
Sie bereute immer mehr, Günter etwas von den letzten Schroffheiten seines Vaters mitgeteilt zu haben.
Sie dachte, etwas froher gestimmt, ihr Mädelchen würde sich ja auch allmählich wieder erholen, so ein vierjähriges Dingelchen konnte doch wieder gesund werden.
Sie hatte die Miene des Arztes falsch gedeutet, hatte Gespenster gesehen.
Ein kleines Lächeln um die vollen Lippen, betrat sie das Spielzimmer des Kindes.
Lamprecht Overmans vierschrötige Gestalt sass in einem mit buntem Kretonne überzogenen Sessel, Klein-Traute hatte er im Arm liegen, wiegte sie langsam in täppischer Zärtlichkeit hin und her.
Die Nurse stand vor ihm und sagte eben: „Herr Dr. Frank ist gar nicht zufrieden mit dem Befinden des Kindes, es wird täglich weniger trotz der guten Pflege, ich sehe es deutlich.“
„Ich sehe es ebenfalls,“ bestätigte Lamprecht Overmans, und sein Gesicht, das dem des Sohnes ähnelte, nur dass bei ihm alles ins Vergröberte, fast Brutale verzogen war, verfinsterte sich. Er machte eine Kopfbewegung zur Nurse: „Sie können einstweilen gehen.“
Ein glimmender Blick unter halbgeschlossenen Lidern flog Karola entgegen, an der vorbei die Nurse das Zimmer verliess.
„Guten Tag, lieber Vater,“ Karola erzwang ihr freundlichstes Lächeln, „wie lieb von dir, dich so oft um Trautchen zu kümmern. Aber sie hängt auch so sehr an dir, sie fühlt die Liebe, die du ihr entgegenbringst.“
Lamprecht Overmans berührte mit verletzender Flüchtigkeit die ihm entgegengestreckte Hand.
„Das Mädelchen soll meine Liebe auch fühlen, es ist mein ganzes Glück, das Würmchen. Wenn nur die Furcht nicht in mir sässe, es verwandelt sich allmählich auch in so eine Mondscheinprinzess wie du bist.“ Er sah missbilligend den Sohn an, der ein paar Schritte von ihm entfernt Platz genommen. „Sowas zu heiraten! Eine Bretzel vom Bäcker ist handfester, und wenn man Hunger hat, kann man sie wenigstens noch vertilgen.“
Karola behielt ihr Lächeln bei. Sie war es ja gewöhnt, von ihrem Schwiegervater unangenehme Dinge anhören zu müssen.
„Lass, bitte, das Zähnefletschen,“ fuhr er sie jetzt missbilligend an, „auf mich übt es keinerlei Wirkung aus, wenn du mir dein tadelloses Gebiss zeigst! Und nun wollen wir einmal deutsch miteinander reden, da wir gerade beisammen sind, wir drei, die allein die Geschichte angeht.“
Er erhob sich, setzte die Kleine, deren dunkelbraunes Haar sich in kurzen Löckchen um das Köpfchen legte, in einen bequemen Stuhl, schob ihr ein neues Bilderbuch, das er aus seiner Tasche gezogen, in die kleinen Hände und sagte weich: „Jetzt guck dir die Putthühnchen und Miaukätzchen an, Trautchen.“
Die Kleine, deren Grauaugen in einem dichten Kranz langer schwarzer Wimpern und unter schmalen schwarzen Brauen standen, lächelte matt und gehorsam.
Lamprecht Overmans finsterer Blick streifte das Ehepaar.
„Ich habe mit Dr. Frank gesprochen, ich war vorhin bei ihm,“ begann er in einem Tone, der förmlich mit Feindseligkeit geladen war, „und was ich da hörte, war leider höchst betrübend.“
Er sah Karola an. Sein Blick tat ihr weh.
Der letzte klägliche Rest ihres Lächelns zerbrach davor.
„Es ist überhaupt nicht recht festzustellen, was dem Kind fehlt. Sein Blut läuft träge, sein Puls schlägt schwach, das Herz arbeitet mühsam, dazu kommt der Lungenspitzenkatarrh. Es ist zusammen ein bisschen viel für so ein Dingelchen. Ich setzte Dr. Frank sozusagen die Pistole auf die Brust und da gab er denn zu, er glaube nicht, dass die Kleine noch lange am Leben bleibe. Er rät zu Luftveränderung, sobald als möglich, meint, vielleicht liesse sich dadurch das Wunder bewirken, meinen Liebling am Leben zu erhalten. Hat ein Overmansgesicht die Kleine und ihre Art ist die Art der Overmans, aber die Armseligkeit ihrer Konstitution, die immer mehr zutage kommt, verdankt sie dir!“
„Lieber Vater, ich bitte dich,“ begann die junge Frau verängstigt. Weiter brachte sie nichts hervor.
Günter erhob sich.
Sein Vater ging doch zu weit in seiner Abneigung gegen Karola.
Er sagte etwas scharf: „Die Kleine hatte sich beim Baden durch die bodenlose Nachlässigkeit des früheren Kinderfräuleins eine starke Erkältung zugezogen, wie du weisst, und die folgenschwere Bedeutung der Erkältung wurde nicht sofort richtig erkannt. Aber Karola trägt doch keine Schuld daran. Sie ist doch vollkommen gesund.“
Lamprecht Overmans hob ein wenig die breiten Schultern.
„Ob so oder so, die Schuld an dem Dahinsiechen des Kindes trägt deine Frau! Entweder hat sie dem Kind die Schwächlichkeit vererbt oder sie ist eine miserable Mutter. Das Kinderfräulein ist nicht allein verantwortlich. Als Mutter kümmert man sich um alles, was das eigene Kind angeht. Wenn die Folgen der Erkältung so vernichtende sind, so ist das nur ein Beweis dafür, dass Frau Karola Overmans, die Zeit zu stundenlangen Besprechungen mit ihrer Modistin hat, ihr kleines Mädel ganz der Willkür des Kinderfräuleins überliess. Es ist ein Beweis dafür, dass sie nicht Zeit fand, beim Baden zugegen zu sein und Obacht zu geben.“
Er kam nicht weiter. Karola streckte ihm flehend die gefalteten Hände entgegen.
„Um des Himmelswillen, Vater, martere mich doch nicht zu sehr. Glaube mir, ich habe mir schon so und so oft ähnliche Vorwürfe gemacht, aber es nützt doch nichts.“
Ihre Stimme war tränenschwer.
Günter tat seine arme Frau bitterleid und der Zorn gegen seinen rücksichtslosen Vater wallte heiss in ihm auf.
Aber ein rührend bittender Blick Karolas beschwichtigte ihn.
Sie sagte leise: „Wenn Dr. Frank Luftveränderung vorschlägt, so bin ich sofort bereit, überall mit dem Kind hinzureisen, wohin er meint.“
„Um darüber zu reden, bin ich gekommen,“ gab er unfreundlich zurück. „Vorläufig soll das Kind nach St. Blasien im Schwarzwald, anschliessend daran nach Davos. Dr. Frank verspricht sich viel davon.“
Der schroffe befehlende Ton störte Karola gar nicht mehr, denn wie eine Himmelsbotschaft klang es ihr: Dr. Frank verspricht sich viel davon!
Also hatte sie bestimmt viel zu düster gesehen, als sie an ein Sterbenmüssen des Kindes gedacht.
Ihre Augen leuchteten auf, sie musste fröhlich dreinblicken.
„O, Vater, pass nur auf, unser Trautchen wird wieder frisch und gesund!“
Die Kleine hustete leicht.
Sofort war die junge Frau bei ihr.
Sie streichelte das Kind.
„Wir reisen bald weit fort, Trautchen, und dort wirst du ganz geheilt von dem bösen Husten. Mit der Eisenbahn fahren wir weit in die schöne Welt hinein und du wirst sehr, sehr viel sehen. Viel mehr, wie in allen Bilderbüchern zu sehen ist.“
Die Kleine blinzelte schläfrig.
„Trautchen ist müde, Mutti, Trautchen ist müde von die viele Bilder angucken.“
Ihr Köpfchen neigte sich seitlich herab zur Schulter.
„Bringe das Kind zu Bett!“ rief Lamprecht Overmans Karola zu. „Das heisst, die Nurse soll es tun, diese Person ist sich ja ihrer Verantwortlichkeit mehr bewusst als die vorige.“
Er ging zur Klingel, befahl dem eintretenden Mädchen: „Die Nurse soll Trautchen zu Bett bringen, das Kind bedarf der Ruhe.“
Das Ehepaar wechselte einen langen Blick.
Dass Trautchen auch Eltern besass, vergass Lamprecht Overmans meistens, wenn er, was man ja genau wusste, nur des Kindes wegen den Fuss in die elegante Villa am Herdweg setzte, darin seine ihm so unsympathische Schwiegertochter die Herrin war.
Die Nurse, Hedwig Ritter, erschien sofort und Lamprecht Overmans sah zu, wie das Kind im Nebenzimmer von ihr in das hübsche weisse Bettchen gelegt wurde.
Er selbst zupfte noch die breiten rosa Schleifen zurecht, die den schneeweissen Betthimmel aus allerfeinstem Tüll in malerischen Falten zusammenhielten und freute sich, weil das Kind das Bilderbuch von ihm mit ins Bettchen genommen.
Die Nurse musste am Lager Platz nehmen, er aber beobachtete noch ein Weilchen das Einschlafen des Kindes und schlich sich dann auf den Zehenspitzen zurück in das Spielzimmer, wo die Gatten in flüsternder Unterhaltung beisammenstanden.
Er brachte noch ein kleines Lächeln vom Bettchen des Kindes mit.
Er bückte sich neben Karola, hob ein kleines Spitzentaschentuch auf, das sich dabei ein wenig öffnete und einen kleinen Blutfleck enthüllte.
Die starken Brauen Lamprecht Overmans’ zogen sich dicht zusammen wie eine drohende Gewitterwand.
„Was bedeutet das?“ fragte er leise, aber splitternd kalt und scharf. „Trautchen hat vorhin gehustet, du gingst zu ihr. Sage die Wahrheit, hustet das Kind vielleicht Blut? Bisher hat mir noch niemand etwas davon gesagt. Ich glaube fast, ihr beide belügt mich in Dingen, die das Kind angehen und Doktor Frank, der meine Leidenschaft für das Kind kennt, will mich schonen. Also, ich fordere Wahrheit!“
Hart, fast drohend war der Ausdruck seines Gesichts.
Karola hob die linke Hand und blickte auf die Stelle, wo sie sich vorhin verletzt hatte.
Man sah noch deutlich die Spuren.
Sie hielt Lamprecht Overmans die Hand entgegen.
„Ich riss mich vorhin an einem Nagel, drückte das Tuch vor dem Abwaschen des Blutes zufällig dagegen.“
Er atmete sichtlich erleichtert auf.
„Also gut!“ sagte er und gab ihr das Tuch. „Aber ich rate dir, dergleichen nicht zu verlieren, es ist ekelhaft und widerwärtig für den Finder.“
Seinem Sohn schlug die Röte der Empörung ins Gesicht wie eine Flamme.
„Vater, deine Abneigung gegen Karola nimmt allmählich geradezu groteske Formen an. Bei jeder Gelegenheit kanzelst du sie ab wie ein böswilliges Schulkind.“
Lamprecht Overmans hob den Kopf, musterte den Sprecher von oben bis unten.
„Stellst du mich vielleicht zur Rede, Günter? Es klingt eigentlich so! Ich bin das aber nicht gewöhnt und dulde es nicht, merke dir das, bitte, ein für allemal.“
„Vater, du gehst zu weit!“ brauste der Jüngere auf.
Die starken Brauen Lamprecht Overmans’ nahmen schon wieder die Form einer drohenden Gewitterwand an, als er zurückgab: „Ich glaube, mein Lieber, wenn sich einer von uns beiden vergisst und zu weit geht, dann bist du es! Wenn du aber vielleicht meinst, mir etwas Besonderes sagen zu müssen, dann stehe ich dir gern zur Verfügung. Aber nicht hier. Das Kind schläft nebenan und die Nurse wacht bei ihm. Das Kind könnte im Schlafe gestört werden, auch verspüre ich keine Lust, die Aufmerksamkeit der Nurse zu erregen.“
Karola machte ihrem Manne heimlich Zeichen, einzulenken.
Und wie so oft schon vorher, sich dabei voll und ganz der eigenen Schwäche bewusst, lenkte er ein.
Lamprecht Overmans lachte kurz auf.
„Wir wollen Günters Zimmer aufsuchen,“ schlug er vor, „und uns dort besprechen, denn die Reise mit dem Kinde soll so rasch wie möglich vor sich gehen. Dr. Frank wird auch mitreisen. Er beabsichtigt sowieso, sich ein paar Ferienwochen zu leisten, und da lässt es sich mit seiner Begleitung ganz gut arrangieren. Wenn ich abkommen könnte, würde ich natürlich ebenfalls mitreisen, aber —“
Er brach ab, weil er es nicht für nötig hielt, zu erklären, weshalb er nicht abkommen kannte.
Karola musste den Atem einhalten, um keinen Laut von sich zu geben, denn wie eine erdrückende Last hatte sich bei den ersten Worten des Schwiegervaters die Angst auf sie herabgesenkt, er könne sie begleiten wollen.
Dr. Frank dagegen war ihr angenehm und sympathisch.
Man ging in Günters Zimmer, das mit seinen gediegenen Eichenmöbeln, ein paar ansprechenden modernen Gemälden und hübschen matten Teppichen voll Behaglichkeit war.
Eine reich geschliffene Kristallschale, gefüllt mit Frührosen in brennendem Rot, hob sich scharf von dem sanftdunklen Lila der Tischdecke ab. Aber so sehr sich die Farben zu verneinen schienen, so malerisch wirkten sie doch in dieser Zusammenstellung.
Es war Karolas Freude, diesen kleinen Winkel immer wieder neu und anders für den geliebten Mann zu schmücken.
Lamprecht Overmans liess sich auf das Sofa fallen, seine Augen streiften spöttisch die Schale mit den Rosen.
„Bitte, Karola, tue das Blumenzeug weg und die scheusslich gefärbte Decke, stelle einen Aschenbecher her, ich möchte rauchen!“
Karola gehorchte sofort.
Günter stellte den gewünschten Aschenbecher vor den Vater hin, daneben eine geöffnete Zigarrenkiste und reichte ihm Feuer.
„Nun komm endlich her!“ winkte er Karola, die noch abseits stand, und sie setzte sich neben Günter, damit sie ihn, wenn nötig, heimlich anstossen konnte, falls bei ihm wieder Rebellionsgelüste ausbrechen sollten, wozu er sichtlich neigte.
Lamprecht Overmans erklärte nochmals: „Also Dr. Frank wird, da er Trautchen bisher behandelt hat, nach St. Blasien mitreisen. Damit es aber kein Geklatsch geben kann, da Dr. Frank noch jung und unverheiratet ist, musst auch du mitreisen, Günter. Ich kann dich gerade jetzt ganz gut entbehren.“
Karola fühlte, wie ihr Gesicht vor Freude erglühte.
Dass Günter sie und das Kind begleiten würde, das hatte sie nicht im entferntesten zu hoffen gewagt.
Auch in ihren Augen spiegelte sich ihre Freude wider und Freude bringt leicht Hoffen mit.
Sie versicherte: „Glaube nur, Vater, wir drei, Günter, Doktor Frank und ich werden alles tun, was in unseren Kräften steht, damit Trautchen frisch und gesund zurückkommt!“
Die scharfen grauen Augen hängten sich fest an den weichen, jetzt rosig überhauchten Wangen der jungen Frau.
„Wir wollen alle hoffen, dass die Kleine frisch und gesund zurückkommt. Wehe euch, wenn es anders wäre! Würde dem Kinde etwas geschehen, dann braucht ihr euch überhaupt nicht mehr vor mir sehen lassen.“ Seine Abneigung gegen Karola brach wieder durch, als er ihr missachtend und anzüglich hinwarf: „Wenn ein Weibsbild knapp hundert Pfund wiegt, sollte es ihm polizeilich verboten sein, zu heiraten und Mutter zu werden.“
Günters Auflehnungsgelüste strudelten hoch wie das Wasser eines stillen Sees, in dem man Steine hineinwirft.
Karola haschte heimlich auf dem Sofasitz nach seiner Hand und ein fester, inniger Druck ihrer kleinen Finger glättete den Aufruhr in ihm.
2. Kapitel.
In den nächsten Tagen erschien Lamprecht Overmans oft in der eleganten Villa am Herdweg, dieser überaus vornehmen Villenstrasse Stuttgarts, die sich hoch über der Stadt aufbaut.
Das einem kleinen Schloss gleichende Haus hatte er seinem Sohn nach der Hochzeit zur Verfügung gestellt, weil er nicht das Schauspiel geben mochte, dass der Einzige des reichen Overmans in einer Vierzimmerwohnung hausen musste.
Das Kind befand sich in den letzten Tagen vor der Abreise in auffallend gutem Zustand. Es war munterer als in der Zeit zuvor, hustete weniger und freute sich auf die Reise, die in dem kleinen Köpfchen ein Wirrsal märchenhafter Erwartungen schuf.
Dr. Frank scherzte, die Kur wirke bereits voraus.
Auch er freute sich auf die Reise und den Aufenthalt im Schwarzwald. Seine knappen Finanzen hätten ihm dergleichen nicht erlaubt.
Seit kurzem hatte er sich selbständig gemacht. Aber er besass noch keine nennenswerte Patientenzahl und die Protektion Lamprecht Overmans schien ihm ungemein wichtig für seine Karriere.
Am Tage vor der Abreise kam Lamprecht Overmans schon am frühen Morgen in die schöne Villa am Herdweg.
„Die Stunden bis zum Abend gehören meinem kleinen Liebling,“ erklärte er und sass dann auch wirklich mehrere Stunden lang im Kinderzimmer mit Trautchen und der Nurse beisammen.
Die Nurse sollte ebenfalls mitreisen und er prägte ihr immer von neuem ein, auf das Kind in jeder Beziehung achtzugeben, als sei es ihr Augapfel.
„Kommt die Kleine gekräftigt und hustenfrei zurück, werde ich mich Ihnen erkenntlich zeigen,“ erklärte er.
Die Nurse, die nach englischem Rezept in eine Art braune Schwesterntracht gekleidet war und die aus England Importierte spielte, stammte aus Berlin, und hatte längst erfasst, dass es in diesem Hause am vorteilhaftesten war, den Befehlen des alten Overmans zu folgen.
Sie gab sich längst keinem Zweifel mehr darüber hin, wie wenig Lamprecht Overmans die junge Frau beachtete, und ihre unfeine Natur, statt sich wenigstens innerlich auf die Seite der unterdrückten und missachtend behandelten Karola zu stellen, gab sich redlich Mühe, sich dem Familientyrannen dienstwillig und ergeben zu zeigen.
Karola trat, von ein paar raschen Abschiedsbesuchen heimkehrend, in das Kinderzimmer.
Trautchen lief ihr entgegen.
„Mutti, Opapa hat mir was sehr Schönes geschenkt!“
Karola kniete vor dem Kind nieder und bewunderte das Medaillon, das in Form eines vierblättrigen Kleeblattes an der Kette hing. Es war aus mattem Gold und Platin, mit winzigen Smaragden und Brillantchen übersät.
Sie lächelte staunend.
„Der Grosspapa ist aber nobel. Du darfst es natürlich nur Sonntags tragen, Trautchen, und musst es sehr schonen, damit du es niemals verlierst.“
Die Nurse erwiderte betont: „Herr Overmans aber wünscht gerade, Trautchen solle das Medaillon täglich tragen und es gar nicht ablegen. Herr Overmans informierte mich bereits über seine besonderen Wünsche.“
Es klang ungefähr so, als wollte sie ihr klarmachen, wieviel mehr die Nurse bei Lamprecht Overmans galt als die Schwiegertochter.
Karola mochte die immer so scheinheilig tuende Hedwig Ritter überhaupt nicht besonders leiden, aber Lamprecht Overmans hatte die Nurse seinerzeit einfach engagiert, ohne die Mutter um ihre Meinung zu befragen.
Trotzdem sie sich über das Benehmen der ein wenig mollig geratenen Nurse ärgerte, sagte sie freundlich: „Also, wenn es dein Grossvater wünscht, wirst du das entzückende Glitzerchen stets tragen, mein Trautchen, bei Tag und Nacht, und es nur beim Baden und Waschen ablegen.“
Sie drehte das Medaillon herum und las auf der Rückseite: Auf frohes Wiedersehn!
In diesem Augenblick empfand sie ein Gefühl von Rührung. Der alternde Mann, dessen Schläfenhaar schon silbergrau glänzte, hing doch geradezu fanatisch an dem Kinde. Und deshalb durfte sie ihm wohl überhaupt nicht ernstlich zürnen, trotz seiner oft so bösen Ausfälle gegen sie.
Das ziemlich energisch geformte, aber sehr bleiche Gesichtchen der Kleinen ward wichtig.
„In das goldne Ding ist ein Bild von Opapa, ich gebe ihm, wenn wir erst weit weg sind, morgens und abends Küsschen!“ erklärte sie.
Karola öffnete das Medaillon.
Richtig, Lamprecht Overmans’ hartes, etwas plumpes Gesicht schaute ihr, auf Elfenbein gemalt, aus der Kapsel entgegen und der scharf geschnittene, von keinem Bart in seiner Herbheit gemilderte Mund lächelte sein bestes Lächeln.
Er sagte jetzt: „Die Kleine soll durch das Bildchen stets an mich erinnert werden. Auch wünsche ich sonst, dass man dadurch, dass man viel und gut von mir zu Trautchen spricht, mein Gedächtnis in dem kleinen Köpfchen frisch erhält.“
Die Nurse berührte das Kind an der Schulter.
„Sage dem lieben Opapa, wie gut du ihm bist. Er hört das sehr gern, denn morgen bist du um diese Zeit schon weit von hier fort.“
Trautchen wandte sich von der Mutter ab, ging zu dem Manne, der es verwöhnte, wie er nur irgend konnte, und liess sich von ihm auf den Schoss nehmen.
„Opapa, ich habe dich lieb, und wenn ich wiederkomme, huste ich gar nicht mehr, und wenn du willst, heirate ich dich!“
Er lachte hell auf, küsste die Kleine und versenkte seinen Blick in die klaren Augen, die wie kleine dunkelgraue Seen aus dem dichten schwarzen Wimperngehänge schauten.
Overmansaugen waren es, echte graue Overmansaugen, auch das gerade Näschen war Overmanserbteil und das tiefbraune, fast schwarze Haar.
Nur die überzarte Gesundheit des Kindes stammte von der Mutter, von dieser schmalen körperlichen Armseligkeit, die keine Schwiegertochter nach seinem Wunsche war.
Noch fester drückte er das Kind an sich.
„Komm nur recht, recht gesund wieder, mein Kleines, Opapa möchte ein ganz kräftiges gesundes Trautchen, keine solche Spinnwebe wie dein Mutti, die schon wegfliegt, wenn man fest pustet!“
Die Kleine lachte und Karola zwinkerte energisch die Tränen weg, die sich durch ihre Wimpern drängen wollten.
Ein scharfer Blick traf sie.
„Sind Frau Prinzessin vielleicht beleidigt? Dann bitte ich natürlich untertänig um Verzeihung. Aber in Wahrheit will ich das tun und dich achten und ehren, wenn mein Liebling sich erholt und gesund wieder heimkehrt. Dann sollst du mit Lamprecht Overmans, dem unangenehmen Schwiegervater, zufrieden sein. Vor allem gehört dann Günter und dir dieses Haus endgültig und geschäftlich erhält Günter die Prokura, auf die er sich schon lange spitzt. Im übrigen machen wir beide dann Burgfrieden für alle Zeit!“
Er erhob sich langsam mit dem Kinde auf dem Arm.
„Du weisst nun ein für allemal, Karola, woran du mit mir bist.“
Sie wollte etwas erwidern, aber sie fühlte sich ausserstande dazu.
Ein eiskalter Schauer glitt über ihren Körper hin.
Sie fürchtete sich plötzlich so sehr vor der Reise und vor all der Verantwortung, die dieser harte Mann auf ihre Schultern lud, allein auf ihre armen, schmalen Schultern, die nur deshalb leidlich standhielten, weil Günters Liebe sie immer von neuem stärkte, diese Liebe, die ein so grosses und wundersames Glück für sie bedeutete.
3. Kapitel.
Schon drei Wochen lebte Günter Overmans mit seiner Frau und dem Kinde in St. Blasien, aber der Gesundheitszustand der Kleinen hatte sich noch nicht im geringsten gebessert, sondern sich eher noch verschlechtert.
Das junge Paar bewohnte mit Trautchen und der Nurse die vier vermietbaren Zimmer einer kleinen Villa, in der man durch keine anderen Sommergäste gestört wurde, während Dr. Just Frank in der „Krone“ logierte.
Günter Overmans war mit dem Arzt im Auto nach St. Blasien gekommen, damit er seinen Wagen für etwaige Spazierfahrten benutzen konnte.
In ganz kurzen Zwischenräumen gingen kurze Berichte Dr. Franks über Trautchens Befinden an Lamprecht Overmans nach Stuttgart ab.
Diese Berichte waren günstig gefärbt, kein Wort wagte der Arzt davon zu erwähnen, wie ernstlich besorgt er um das Kind war.
Eigentlich hätte Dr. Frank längst einen der hiesigen Aerzte zuziehen müssen. Aber er hielt es nicht für nötig, er hatte sein Urteil über Trautchen längst fertig, sie war nach seiner Meinung unrettbar verloren.
Vielleicht würde sie nur noch ein paar Wochen, vielleicht aber auch noch mehrere Monate leben. Vielleicht zählte ihr Leben aber nur noch nach Tagen.
Das Kind hatte keine Lebenskraft, man musste ständig befürchten, das Herzchen würde streiken.
Still und langsam verblühte sie, wie ein Pflänzchen, das in trockener harter Erde nicht Tau noch Regen erquickt.
Das Kind war unlustig zu allem.
Eines Frühnachmittags, als Karola mit ihrem Manne und dem Doktor oben in dem als Wohnzimmer benutzten Raum beisammen war, während Trautchen unter der Obhut Hedwig Ritters in einer schattigen Ecke des kleinen Villengärtchens in einem Liegestuhl lag, schlug Karola vor, nun endlich einen Spezialarzt zu befragen.
„Gnädige Frau, verzeihen Sie meine Offenheit, aber ich würde das Urteil eines Kollegen hier längst angerufen haben, wenn mich nicht Feigheit davon zurückhielte.“ Er zuckte die Achseln. „Ich klammere mich krampfhaft an die Hoffnung, es könnte noch ein Wunder geschehen, während diese Hoffnung mit einem Schlage zunichte würde, wenn ein Kollege objektiv spricht. So aber haben wir drei doch noch eine kleine Galgenfrist. Denn ganz abgesehen von allem Kummer um das Kind haben Sie beide genau solche Angst, Herrn Overmans mit einer Hiobsbotschaft zu kommen, wie ich.“
„Sie meinen, es gibt für Trautchen wirklich keine —“ begann Karola stockend und ihre feinen Hände strichen nervös über das goldbraune Kleid mit den Randstickereien aus hellgrüner Seide.
Günter umfasste die schmale Gestalt der geliebten Frau mit langem Mitleidsblick.
„Rege dich, bitte, nicht so sehr auf, mein Herz, Unentrinnbarem muss man gefasst entgegengehen.“
Ihre Augen weitete die Angst.
Verstört setzte sie noch einmal an:
„Sie meinen, es gibt für Trautchen wirklich keine Rettung?“
Sie wollte weitersprechen, aber die Zunge gehorchte ihr nicht mehr.
Er antwortete zögernd: „Nein, gnädige Frau, ich glaube, wir dürfen uns in bezug auf das Kind keinen Illusionen mehr hingeben, ich verspreche mir für Trautchen keine Rettung mehr. Sie ist viel zu schwach, zu matt, zu lebensunfähig. So furchtbar das an und für sich ist, meine ich doch, wir dürfen darüber nicht vergessen, Kriegsrat zu halten, auf welche Weise wir es Herrn Lamprecht Overmans beibringen. Denn er wird es wohl bald erfahren müssen.“
Karola sass regungslos und totenblass in ihrem Stuhl und dachte verworren, nun hatte doch wenigstens einer von ihnen dreien den Mut aufgebracht, das laut zu sagen, was sie alle gewusst und was sie alle dumpf und unheimlich belastet.
Wie abwesend flüsterte sie vor sich hin: „Trautchen wird sterben müssen, ich trage die Schuld, weil es so schwächlich ist und sterben muss. Wie entsetzlich schuldig bin ich doch.“
Die beiden Männer wechselten einen stummen Blick und jeder las in den Augen des anderen grenzenloses Mitleid mit der armen Mutter.
Günter Overmans erhob sich und nahm Karolas Hände zärtlich in die seinen.
„Armes kleines Frauchen, das Schicksal ist grausam zu dir und mir. Doppelt fest wollen wir fortan zusammenhalten, doppelt stark uns lieb haben, wenn wir unser Liebstes verlieren müssen.“
Karola hob jetzt erst den Blick.
Irr und unruhig flackerte er in den des Mannes.
„Rede nicht davon, dass wir Trautchen verlieren müssen, ich will es nicht hören. Denn es kann nicht wahr sein, was Dr. Frank sagt, ich glaube es einfach nicht und will es nicht glauben.“
Sie schob die zärtlichen Gattenhände zurück mit beinahe heftiger Bewegung und sprang so schroff auf, dass der Stuhl hinter ihr umfiel, ohne dass sie es beachtete.
Mit einem Satz stand sie mitten im Zimmer und mit leidenschaftlich gerötetem Gesicht rief sie den beiden Männern zu: „Ich dulde es nicht, dass mein Kind stirbt, es muss sich ein Mittel finden lassen, ihm zu helfen, es gesund zu machen. Tausende, ja Millionen von Menschen werden wieder gesund und viele sind darunter, die ruhig fortkönnten, die niemand vermissen würde, durch deren Tod keine Lücke entstände. Trautchen aber ist nötig, sie muss bei uns bleiben. Ich lasse sie nicht sterben, ich habe sie doch über alles lieb. Ich könnte es nicht ertragen, sie zu verlieren.“ Sie warf die Arme hoch und lachte. Ein splitternd kaltes, befremdendes, unheimliches Lachen. „Dr. Frank, sorgen Sie nur gleich rechtzeitig für die Irrenhauszelle, in die man mich wird bringen müssen, wenn Trautchen stirbt!“
Günter Overmans bat tieferschüttert: „Bitte, gib dich nicht solchen Gedanken hin, mein Lieb, und glaube nur, Dr. Frank kann nichts, gar nichts dafür, wenn es anders kommt, wie wir sehr innig hofften. Er ist selbst sehr traurig darüber, uns nun keine Hoffnung mehr geben zu können.“
Die schmale zierliche Frau verzog die Lippen mit unendlicher Bitternis.
„So, meinst du, er sei darüber besonders traurig? Nein, Günter, ich glaube das nicht, ihm ist es im Grunde wohl ziemlich gleichgültig.“
Just Frank machte eine ablehnende Kopfbewegung und seine Stimme klang heiser vor Erregung, als er mit mühsamer Beherrschung sagte: „Nein, gnädige Frau, Sie verkennen mich vollständig. Ein Arzt ist kein Gott und vermag keine Wunder zu tun, immer und immer wieder werden ihm Menschen sterben, die er so heilig gern retten möchte. Und in unserem besonderen Fall bitte ich Sie, mir zu glauben, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, meine kleine Patientin Trautchen ist auch mir ans Herz gewachsen und ich leide mit Ihnen und Ihrem Gatten. Ich leide noch besonders, weil ich mir gerade hier in diesen letzten Wochen so recht meiner Machtlosigkeit bewusst geworden bin.“
Dann sagte er ruhiger und doch noch mit einem leichten Nachhall der Erregung: „Gnädige Frau, Ihr Schmerz ist unbestreitbar der grösste und wird es bleiben, denn Sie sind die Mutter. Mutterliebe und Mutterschmerz lassen sich nicht überbieten! Aber ganz abgesehen von meiner persönlichen Zuneigung zu dem hübschen, liebenswerten Kind steht auch sonst noch sehr viel für mich auf dem Spiele, wenn Trautchen stirbt. Sie wissen, durch Zufall kam ich dazu, den vermögenden, einflussreichen Mann in seiner Krankheit zu behandeln, mir sein gewiss nicht leicht zu erringendes Vertrauen zu erwerben. Ich hatte meine ganze Hoffnung darauf gesetzt, durch ihn aus dem Elend des Anfängerarztes bald herauszukommen. „Der Traum von der guten, grossen Praxis dürfte wohl für mich ausgeträumt sein, wenn Trautchen stirbt. Ich höre Ihren rücksichtslosen Schwiegervater, der ein Selfmademan in des Wortes wahrster Bedeutung ist, und der immer tut und sagt, was ihm passt, schon mit erschreckender Deutlichkeit, wie er mich Pfuscher und Scharlatan nennt.“
Er pumpte den Atem tief aus den Lungen herauf.
„Sehen Sie, gnädige Frau, so sieht es jetzt in mir aus. Hinzufügen möchte ich noch, ich habe vor dem Wiedersehen mit Lamprecht Overmans eine heidenmässige, unglaubliche Angst!“
Karola starrte ihn wie benommen an und stammelte: „Daran habe ich jetzt zuletzt am allerwenigsten gedacht und es ist doch wohl das Allerschlimmste und bleibt es!“
Man sah deutlich, wie sie erschauerte.
Im nächsten Augenblick hielt sie Günter in den Armen.
„Ich werde dich zu schützen wissen, denn gerade genug hat mein Vater dir schon angetan. Wenn er deinem Schmerz auch noch roh begegnen würde, wäre das Mass übervoll. Du hast mich bisher immer davon zurückgehalten, ihm so offen die Meinung zu sagen, wie ich es längst gern getan hätte.“
„Wir hängen doch aber so sehr von ihm ab, Günter,“ wehrte sie sich. „Und wenn Trautchen gesund würde, käme bestimmt vieles anders.“
Sie entzog sich den Armen ihres Mannes.
„Doktor, lieber, guter Doktor, verzeihen Sie mir das Unrecht, das ich Ihnen vorhin in meiner grenzenlosen Erregung angetan, ich war ja unzurechnungsfähig. Bitte, seien Sie mir nicht böse und retten Sie mein Kind!“
„Wenn ich das könnte, würde ich es bestimmt tun,“ entgegnete er traurig, „ich habe Ihnen doch ganz klar und deutlich von meiner Machtlosigkeit gesprochen.“
„Ja, ja,“ stiess sie hastig hervor, „aber was Ihnen nicht möglich ist, wird vielleicht einer ärztlichen Kapazität möglich sein.“
„Ich bin leider fest überzeugt, man würde das Kind vielleicht nur noch unnötig quälen, denn es gibt aller Wahrscheinlichkeit nach keine Hilfe mehr. Die allgemeine Schwäche ist zu gross, das Kind ist zu zart, hat keine Kraft, gar keine,“ erklärte er in bestimmtem Ton.
Er war voll Mitgefühl, aber er musste sich hüten, seinem Mitgefühl folgend, neue Hoffnungen zu erwecken, sonst kam die arme, schon so zermürbte Frau gar nicht mehr aus dem Hangen und Bangen heraus.
Er schloss gütig zuredend: „Je besser Sie sich auf alles vorbereiten, um so leichter wird sich der unvermeidliche Zusammenstoss mit dem Schwiegervater gestalten, gnädige Frau.“
Karola blickte ins Weite und der Klang ihrer Stimme war dumpf von vielen mühsam verhaltenen Tränen.
Sie rang die Hände.
„Wenn Lamprecht Overmans Ihnen böse Dinge sagt, können Sie ungehindert Ihre Wege gehen, Sie dürfen nur dabei nicht an Ihre Karriere denken, ich aber muss mir sagen lassen, was für ein Elendswurm ich bin und dass ich allein die Schuld trage an der Krankheit oder meinetwegen Schwächlichkeit des Kindes. Dazu kommt noch sein Hohn, der scharf und ätzend ist.“ Sie schlug die Hände vor das Gesicht. „Ich werde also unser liebes behagliches Heim am Herdweg niemals wiedersehen, denn ich wage mich nicht mehr heim, nie mehr, mag werden daraus was will.“
Günter Overmans legte den Arm um die Schultern der masslos Erregten.
„Süsses, Liebes, denke doch jetzt nicht daran, es ist ja, gottlob, noch nicht soweit und wenn der Doktor nicht kann, so wollen wir beide wenigstens vorläufig noch auf das ersehnte Wunder hoffen. Und jetzt schlage ich vor, wir vertauschen die Stube, die ganz durchseucht ist von den Bazillen unserer Angst, mit dem Aufenthalt in Gottes freier Natur. Komm mit ins Freie, mein Lieb! Dort draussen unter dem lachenden blauen Himmel wirst du ruhiger werden, dich in dir selbst wieder besser zurechtfinden. Unser Doktor ist wohl so gut und bleibt bei dem Kind, zu unsrer Beruhigung.“
Karola hörte apathisch zu, nickte schliesslich.
Im nächsten Augenblick wandte sie sich dem Arzt zu.
„Herr Doktor, bitte, sprechen Sie nur nicht allzu deutlich zu der Nurse von dem, was Sie für das Kind befürchten. Sie ist durch die Protektion meines Schwiegervaters in ihrem Benehmen mir gegenüber schon jetzt reichlich dreist, und ich fürchte, wenn Sie ihr die Gewissheit geben wie uns, dann schreibt sie nach Stuttgart und mein Schwiegervater kommt sofort.“
Sie bebte vom Kopf bis zu den Füssen.
„Ich verstehe Sie vollkommen, gnädige Frau,“ gab Just Frank zurück, „und ich bin mir über den Charakter dieser Hedwig Ritter längst nicht mehr im Zweifel. Sie fühlt sich in der Protektionssonne Herrn Overmans Senior ausserordentlich und trumpft auch mir gegenüber auf. Aber sie ist eine vorzügliche Kinderpflegerin und zurzeit eigentlich unersetzlich.“
Karola dachte, dass sie überhaupt nicht wagen würde, die Scheinheilige zu entlassen, gerade weil Lamprecht Overmans ihr besonders wohlwollte.
Der Doktor lächelte ein wenig.
„Fräulein Hedwig Ritter hörte bisher aus meinem Munde nur Günstiges über Trautchens Befinden. Und so werde ich es auch weiterhalten.“
Während ihr Mann das Auto holen wollte, das in einer Hotelgarage untergestellt war, suchten Karola und der Arzt den kleinen Garten der Villa auf, der im buntesten Blumenschmuck prangte.
Hedwig Ritter erzählte dem Kinde, das, mit halbgeschlossenen Augen im Liegestuhl hingestreckt, zuhörte, ein Märchen. Ein paar Feen kamen darin vor und eine arme Prinzessin.
Als das Kind die Mutter bemerkte, öffnete es die Augen zu voller Grösse und lächelte ihr entgegen.
Wie blass die Kleine heute wieder aussah, kaum war es Karola vorher so unbarmherzig deutlich aufgefallen.
Aber die etwas zu vollen und von der Röte der Gesundheit gleichmässig bemalten Wangen der Nurse liessen das Kindergesichtchen doppelt bleich erscheinen.
Karola beschäftigte sich mit dem Kind, plauderte ihm lachend und scherzend allerlei vor, während ihr zumute war, als müsse ihr das Herz brechen.
War es nicht unverantwortlich von ihr, das totgeweihte Kind auch nur für kurze Zeit zu verlassen?
Schon war sie entschlossen, nicht mit Günter auszufahren, als die Autohupe ertönte und gleich darauf ihr Mann in den Garten trat.
„Komm, Karola, wollen unsere Spazierfahrt antreten.“
Sein Blick flehte sie dabei an, weil er ahnte, sie hatte es sich wieder anders überlegt.
Just Frank bat drängend: „Fahren Sie mit Ihrem Mann, gnädige Frau, eine nette, etwas weitere Autotour wird Ihnen gut tun. Ich verschreibe sie Ihnen als Rezept.“
Hedwig Ritter mischte sich ein.
„Die gnädige Frau ist entbehrlich, ich gehe ja ganz in Trautchens Pflege auf, nach den Anweisungen Herrn Overmans Senior.“
Wie anmassend sie es hinwarf.
Der Doktor hielt ihr kühl entgegen: „Ich glaube aber, Herrn Overmans Senior ist am besten damit gedient, wenn Sie sich an meine, die ärztlichen Anweisungen halten, im übrigen kann die beste Pflegerin nicht die Mutter ersetzen.“
Die Nurse hatte etwas schrägstehende hellbraune Augen, auch die Brauen zogen sich, nach den Schläfen zu, schräg hinauf.
Das gab dem Gesicht ein wenig den Typ der Kalmückin.
Klein-Trautes Fingerchen spielten mit dem Medaillon, das sie um den Hals trug.
Verirrte Sonnenstrahlen, die sich durch die dichten Zweige der Gartenbäume schoben, liessen die winzigen Smaragden und Brillantchen auf dem aus Gold und Platin gearbeiteten Kleeblatt hell aufsprühen in grünem und buntem Feuer.
Die Kleine kommandierte: „Mache das goldene Ding auf, Mutti!“
Wie oft hatte Karola „das goldene Ding“ schon aufmachen müssen.
Und sie wusste auch genau, was dann für weitere Kommandos aus Trautchens Mund folgen würden.
Wie schon so oft vordem, hob die Kleine auch heute das geöffnete Medaillon an die Lippen und küsste das auf Elfenbein gemalte Gesicht Lamprecht Overmans.
Wie schon so oft vordem, hielt sie ihr danach auch heute das geöffnete Medaillon entgegen und sagte wichtig: „Nu bist du dran, Mutti, nu musst du den lieben Opapa auch küssen und ihn mächtig toll lieb haben!“
Dann küsste sie, wie es Trautchen verlangte, das lächelnde Männergesicht, das sich ihr im Leben noch niemals freundlich zugewandt, legte das Medaillon, zärtlich tuend, an die Wange und streichelte es in etwas übertriebener Weise.
Die beiden letzten Bewegungen umfassten nach Trautchens Anweisung das mächtig tolle Liebhaben.
Heute kommandierte sie: „Musst den Opapa aber noch viel mehr toll liebhaben, Mutti, er hat das so schrecklich gern.“
Es blieb Karola nichts weiter übrig, als das Bildchen Lamprecht Overmans noch viel mehr toll lieb zu haben.
Und sie dachte dabei, wenn er jetzt sähe, was sie tat, würde ihr sein Hohn die hellen Tränen aus den Augen beizen.
Ein unverkennbarer Spottblick der Nurse beendete das tolle Liebhaben.
Sie sagte, emporgejagt von diesem Spottblick, zu ihrem Manne, sie wäre zur Ausfahrt bereit und küsste das Kind auf die Stirn.
Dem Doktor, der bei der Kleinen bleiben wollte, reichte sie die Hand und war froh, jetzt fortzukönnen, der stumme Spott Hedwig Ritters war unerträglich gewesen.
4. Kapitel.
Vor der Gartentür stand der dunkelblaue Benzwagen, Karola nahm neben Günter Platz und gleich darauf sauste das Auto auch schon dahin.
Karola hatte keinen Hut aufgesetzt und der leichte Wind spielte mit ihren losen, lockigen Scheitelhaaren und dem goldnen Gewirr im Nacken, das sich aus dem kleinen weichen Knoten stahl.
Der kosende, erfrischende Wind liess sie tief aufatmen nach den Beängstigungen der letzten Stunde, aber sie redeten kein Wort mehr darüber jetzt die zwei, die sich nach fünfjähriger Ehe noch liebten wie am Tage, da sie die Ringe gewechselt.
Auf wundervoller, durch ein Land der Romantik sich hinziehender Chaussee gelangten sie an das Gasthaus „Zur Seebrugg“, wo sie eine Erfrischung genossen, das Auto zurückliessen und den kurzen Weg zum Schluchsee zu Fuss machten. Bald hatten sie ihn erreicht. Schmal und langgestreckt lag sein Wasser vor ihnen, wie ein Hauch von Melancholie ging es von dem stumpfgrauen düsteren See aus.
Die Sonne barg sich schon hinter dem Wald, der die Ufer säumte, und es war Karola, als senke sich ein düsterer Schleier nieder, umhülle die Landschaft und ersticke jedes Hoffen für immer in dem Gespinst grenzenloser Trostlosigkeit.
Ganz anders hatte sie sich diesen See vorgestellt.
Ganz anders!
Als ein helles, freundlichschimmerndes Auge in dunkler Waldesmitte, als ein frohes Lachen der Natur, als einen Trost für Zage und Lebensbange.
Sie schmiegte sich eng an ihren Mann.
„Hier dürften nur ruhige, zufriedene Menschen hergehen,“ sagte sie leise, „wem schon bedrückt zumute ist, den schreckt hier so vieles, was Fröhliche gar nicht sehen würden.“
Ihre Rechte wies über die stumpfen Wasser.
„Schau nur, Günter, dort drüben zwischen den Baumstämmen spaziert der Tod umher, dort der Kahn am Ufer gehört ihm. Darin kommt er herübergefahren, um uns unser Trautchen fortzuholen.“
Günter Overmans überlief es kalt, und ihm war es fast, als grinse dort drüben hinter einem der Baumstämme wirklich des Knochenmannes grauses Antlitz hervor.
Er zog die geliebte Frau fest an sich.
„Karola, einziggeliebte Karola, was redest du nur? Um Christiwillen, nimm dich zusammen, werde nicht krank vor Jammer und Aufregung. Vergiss nie, bitte, vergiss nicht einen einzigen Augenblick, dass du mein Alles auf der Welt bist. So lieb ich das Kind habe, schon weil es unser Kind ist, so habe ich dich doch noch lieber. Ohne dich ginge ich zugrunde, wäre der elendeste Mensch. Deshalb erhalte dich mir, denke immer und immer an unsere Liebe. Sprich nicht solche Dinge wie eben, du erschreckst mich masslos.“
Sie fuhr sich mit der Rechten über die Stirn, hinter der viele schmerzliche und traurige Gedanken kreisten.
„Sei mir nicht böse, Günter, aber ich bin so sehr durcheinander von dem, was Dr. Frank heute gesagt, ich kann nicht damit fertig werden.“ Sie schob sich langsam mit ihm einige Schritte zurück. „Ich habe dich auch sehr lieb, Günter, ich habe dich unendlich lieb, aber wenn ich mir vorstelle, Klein-Trautchen wird eines Tages nicht mehr bei mir sein und niemals mehr wiederkehren, dann vergesse ich beinahe meine Liebe zu dir und denke, die ganze Welt würde zu einem grossen Grabe.“
Sie blickte sich scheu um, doch keiner war weiter in der Nähe zu sehen, als ein Stückchen hinter ihnen im Walde ein älterer Mann mit einem Mädchen. Anscheinend ein Bewohner des Dorfes mit seiner Enkelin.
„Wahnsinnige Angst habe ich vor deinem Vater. Und wenn du mir noch so fest deinen Schutz versprichst, ich wage mich bestimmt nicht in seine Nähe, wenn Trautchen nicht am Leben bleibt. O, weshalb tat der Himmel kein Wunder? Wie lieb und schön hätte alles werden können, wenn sich dein Vater endgültig mit mir ausgesöhnt hätte! Und nun wird er mich, da seine Natur nun einmal so ist, bald hassen wie seinen schlimmsten Feind.“
Unter den langen Wimpern drängten sich ein paar grosse Tränen hervor und sie zogen mit feierlicher Langsamkeit über die sanft gerundeten Wangen, erweckten heisse Rührung in dem Manne, der sich so entsetzlich machtlos fühlte, gegen das bittere Weh der liebsten Frau anzukämpfen.
Plötzlich schrie sie leicht auf und taumelte zurück, irgend etwas war ihr gegen den Kopf geflogen.
Günter bückte sich, hob einen kleinen bunten, aber schon stark verfärbten Gummiball auf.
„Siehst du, hier ist der Uebeltäter,“ suchte er zu scherzen.
Beide schauten sich um.
Der ältere Mann, der im Walde mit dem Kind gespielt, stand jetzt auf dem Weg zum Dorf, nicht allzu weit von ihnen entfernt.
Seinen Hut trug er in der Hand und man erkannte jetzt deutlich, dass er kein Bauer war.
Das Kind aber kam mit überhasteten, etwas grotesken Sprüngen näher, langsam folgte ihm der Mann.
Und als das Kind sich so näherte, und die beiden am Seeufer Stehenden es immer deutlicher betrachten konnten, fühlte Günter förmlich das Zittern des schmalen Frauenkörpers mit, und ohne, dass Karola ein einziges Wörtchen sprach, wusste er, was sie jetzt empfand.
Denn er erblickte ja dasselbe, was ihre Augen erblickten: Das kleine, schlicht und bäuerisch gekleidete, ungefähr vierjährige Mädchen, das täppisch lebhaft auf sie beide zusteuerte, weil es seinen Ball in den Händen Günters sah, ähnelte Trautchen fast zum Verwechseln.
Nur dass die Wangen des fremden Kindes, von der Gesundheit geküsst, in leuchtendem Rosenrot blühten und sein Körperchen vor Lebenswonne strotzte.
Die Lippen waren wie ein Herzkirschenpaar und die grauen Augen funkelten vor Uebermut.
Der Mann setzte sich jetzt auch in Trab, und er holte das Kind denn auch ein, gerade als es dicht vor dem Paare stand, seine dicken Patschhändchen verlangend nach dem Ball ausstreckte.
Karola war tief erschüttert von der Aehnlichkeit des fremden Mädelchens mit ihrem Kinde.
Der Begleiter der Kleinen, der mit einer gewissen saloppen Eleganz gekleidet war, wie man von nahe erkannte, grüsste durch eine leichte Verneigung, den Hut in der Hand.
„Ich bitte die Herrschaften vielmals um Vergebung, an dem unglücklichen Ballwurf trage ich die Schuld. Ich wollte den Ball nur gerade soweit werfen, um mein kleines Dickchen hier zum Laufen zu bringen. Und ich warf zu weit! Ich bitte nochmals recht herzlich um Verzeihung.“
Ein bewundernder Blick traf die reizvolle junge Frau.
Günter hatte dem Kind den Ball schon zurückgegeben, er bemerkte nun, dass Karola die Augen gar nicht von der Kleinen abzuwenden vermochte.
Er lächelte: „Das war ja nichts Schlimmes mit dem Ball. Uebrigens wollen wir auch ins Dorf, wenn es Ihnen recht ist, können wir ja zusammengehen.“
Der Aeltere, mit dem markanten Gesicht und dem leicht ergrauten Haar, nickte. „Aber gerne, mein Herr.“ Er lachte. „Da hat sich mein Babettchen schon ganz freundschaftlich an die Seite der jungen Dame gemacht, um recht genau das schöngestickte seidene Kleid zu bewundern. Mein Babettchen putzt sich nämlich gern und es gibt sicher mal ein Modenärrchen.“
Karola sah auf das Kind nieder und voll unsagbarer Bitternis dachte sie, warum war Trautchen nicht so ein frisches, gesundes Ding wie diese Kleine.
Die Tränen drängten sich ihr schon wieder in die Augen und die Kleine schaute zu ihr auf, blieb stehen und zwitscherte verwundert: „Hat dir mein Ball Weh-Weh gemacht?“
Karola schüttelte mit schmerzlichem Lächeln den Kopf.
Die Kleine schien flüchtig nachzudenken und zwitscherte nach einem Weilchen:
„Dann brauchst auch nit zu heule!“ Und nach kurzer, neuer Ueberlegungspause: „Babettli heult nur, wenn’s Weh-Weh hat.“
Günter wandte sich an seinen Begleiter.
„Meine Frau hat heute eine traurige Nachricht erhalten.“
Er sagte es, um Karolas tränenverschleierte Augen zu erklären.
Der Fremde neigte den Kopf.
„Da dürfen wir aber wirklich nicht stören.“
Er grüsste und wollte, seinen Schritt verlangsamend, zurückbleiben.
Doch Karola bat: „Gehen Sie doch mit uns zusammen. Das Kind erinnert mich so sehr an mein Liebstes und ich freue mich seiner Frische und Gesundheit.“
„Da hat die gnädige Frau wohl ein Töchterchen durch den Tod verloren?“ fragte der ältere Herr in mitfühlendem Ton.
Um Karolas Lippen zitterte der grenzenlose Mutterschmerz, der ihr Herz wundstach. Sie vermochte im Augenblick nicht zu antworten, ihr Mann tat es an ihrer Stelle.
„Unser einziges Kind, ein Mädelchen wie dieses im Alter, und ihm ähnlich fast wie eine Zwillingsschwester, ist schwach und leidend, ohne direkt krank zu sein, siecht es von Tag zu Tag mehr dahin und der Arzt gibt keine Hoffnung mehr.“
Der Fremde vermied jedes zudringliche Trostwort.
Er ehrte die Mitteilung durch längeres Schweigen, bewies dadurch, er besass Herzenstakt.
Die Kleine reichte Karola den Ball.
„Darfst ihn tragen, meinen Balli, und ich will dir’s Händli geben, du gefällst mir.“
Karola musste unwillkürlich über die niedliche Kleine lachen, und für kurze Zeit dämmte das drollige Geplauder des Kindes ihren Schmerz ein.
Der Fremde plauderte: „Das Kind gehört einer Nichte meiner Frau, die vor kurzem gestorben ist und nichts hinterliess als ein Dorfhäuschen, das gestern versteigert wurde. Meine Frau stammt aus der hiesigen Gegend, und weil sie gar zu gern wieder einmal Heimatsluft atmen wollte, reisten wir auf einen Jammerbrief ihrer Nichte hierher. Sie wollte uns vor dem Sterben ihr Kind übergeben, sie war schwer herzkrank. Ihr Mann verunglückte im vorigen Jahr in den Bergen.“ Er wies in einer bestimmten Richtung. „In der Nähe vom Hochfirst, bei einem fürchterlichen Gewitter.“
Er warf einen mitleidigen Blick auf das Kind.
„Das Würmchen ahnt noch nicht, wieviel es verloren hat, es meint, seine Mutter sei nur für ein Weilchen zum lieben Gott gegangen, um den Vater zu besuchen, aber da meine Frau und ich uns bemühen, seine kindliche Phantasie zu beschäftigen, wird ihm anscheinend die Zeit bis zur Rückkehr der Mutter gar nicht lang.“
Er seufzte: „Die kleine Babette kann ja nichts dafür, aber Sie dürfen mir glauben, für uns bedeutet das Kind eine riesige Last. Man ist nicht mehr jung und elastisch genug für so ein Menschlein, und eigene Kinder haben meine Frau und ich nicht gehabt. Wir schwanken immer noch, ob wir die Kleine nicht ins Waisenhaus stecken sollen, denn ganz davon abgesehen, dass einem so eine Kleine mancherlei Last und Umstände macht, denkt man schon daran, was soll aus dem Kinde werden, falls einem etwas zustösst. Ich bin sechzig, meine Frau ist nicht jünger. Und dann hat man das Wurm ins Ausland geschleppt.“
Günter sah ihn fragend an.
Der Fremde lächelte ein wenig.
„Ach ja, Sie wissen ja weiter gar nichts von mir als das, was Sie eben hörten. Meine Frau und ich waren durch lange Jahre hindurch ein beliebtes und sehr gutbezahltes, gefeiertes Tanzduett, Ueber alle grossen Varietébühnen des Kontinents und vieler überseeischer Länder sprangen und hüpften wir, bis —“ Er lachte kurz auf. Es klang unfroh und fuhr fort: „Bis wir zu alt wurden für diese erstklassigen Etablissements. Die Varietés zweiten Ranges kamen an die Reihe und die dritten Ranges. Zum Schluss krebsten wir durch Singspielhallen niedrigster Ordnung, bis uns unser Selbstbewusstsein schliesslich ein energisches Halt zurief. Gerade in London kamen wir auf die Idee, unser Können für Unterrichtszwecke zu verwenden, und auf diese Weise bringen wir uns seitdem dort ganz gut durch. Wir unterrichten im Gesellschaftstanz, aber bilden ebenso für die Bühne aus. Einige Spargroschen liegen auch schon auf der hohen Kante, aber so ein Kind bedeutet eine erhebliche Störung. Wenn es wenigstens ein paar Jahre älter wäre! Meine Frau stösst sich nur an das Versprechen, das sie der Nichte gegeben, gut für das Kind zu sorgen, sonst hätte ich schon Umschau gehalten, wo es unterzubringen wäre. Auch ist’s ein allerliebstes Ding und tut einem leid. In kurzer Zeit werden wir abreisen und müssen es wohl schliesslich mitnehmen. Wir fühlen uns hier im allgemeinen doch nicht so wohl, wie wir hofften und allzu lange darf unsereins auch keine Ferien machen.“
Beim Plaudern war er gemächlich neben seinen Zufallsbekannten hergegangen, nun aber verhielt er den Schritt.
„Jetzt sage der Dame ein schönes ‚Grüss Gott‘ zum Abschied, Babette, nun müssen wir unseren Weg allein fortsetzen. Wir wohnen nämlich ganz abseits und wollen hier links einbiegen,“ wandte er sich an das Ehepaar. „Uebrigens mein Name ist Brown, früher, ehe wir uns naturalisieren liessen, wurde er zwar genau so ausgesprochen, doch ‚Braun‘ geschrieben. Ein häufig vorkommender Name ist’s, dort in England ebenso wie hier. Ich stamme aus der Ulmer Gegend, aber nun lebt niemand mehr dort.“
Karola neigte sich zu dem Kinde nieder.
„Gott segne deine Zukunft im fremden Lande, kleine liebe Babette!“
Als das volle rosige Gesichtchen dem ihren ganz nahe war, konnte sie nicht widerstehen, sie küsste die Kleine und ein paar heisse Tränen fielen auf die Wange des Kindes nieder.
Die Kleine zwitscherte verweisend: „Du darfst doch nit immer gleich heulen!“
Der alte Tänzer nahm schnell das Kind bei der Hand und zog es mit sich fort in den Seitenpfad.
„Komm, Babettchen, die Grosstante wartet auf uns.“
Er hatte bemerkt, wie fassungslos die schöne junge Frau war, weil sie wahrscheinlich wieder an ihr krankes Kind dachte, und er wollte ihr schnellstens den Anblick der Kleinen entziehen, damit sich die Aermste nicht weiter mit Vergleichen abquälte.
Karola aber schaute dem Mädelchen noch lange nach, das ein paarmal den Kopf wandte und Kusshändchen warf.
Sie sass dann wieder neben ihrem Manne im Auto und nach langem Schweigen, währenddessen beide ihren Gedanken nachhingen, sagte Karola voll Bitternis: „Weshalb ist nur alles so ungerecht verteilt auf der Welt? Die kleine Waise ist so übergesund, dass sie davon abgeben könnte, und unser Trautchen läuft wie ein Gespenstchen umher, wird täglich kraftloser, löst sich förmlich auf. Wir würden doch wer weiss was dafür geben, wenn unser Kind gesund wäre, und dieses andere Kind bedeutet für die Menschen, bei denen es leben soll, eigentlich nur eine Last. Wäre es da nicht gerechter, so ein Waisenkind, dem niemand besonders wohl will, wäre krank und stürbe, anstatt dass Trautchen vielleicht gehen muss, die so unendlich viel für uns bedeutet?“
Ihr Mann schüttelte abwehrend den Kopf.
„Solche Vergleiche passen nicht zu deinem guten Wesen und deiner anständigen Gesinnung.“
Karola verkrampfte die Hände ineinander.
„Du bist ein Mann und empfindest manches anders wie ich. Aber es hat ja auch keinen Zweck, sich gegen das Schicksal aufzulehnen. Die kleine Babette besitzt in Ueberfülle, was unserm Trautchen fehlt, besitzt alles, was unser Liebling entbehren muss. Ach, Günter, es war so eigen, so überwältigend, als ich vorhin plötzlich das Mädelchen vor mir sah mit Trautchens Augen und Haar, mit ihrem Mund und Näschen, mit ihren Bewegungen. Es war, als stände Trautchen leibhaftig vor mir, aber als völlig Gesunde. Ich beneide das alte Paar, das sich seines grossen Glückes gar nicht bewusst ist, und mein Herz tut doppelt weh, wenn ich mir nun Trautchen vorstelle.“
Nach einem Weilchen begann sie wieder:
„Wenn sich Trautchen, wie wir gehofft, hier erholt und so dicke rote Bäckchen bekommen hätte wie das Waisenkind, brauchte mir nicht vor der Heimreise bangen.“
Günter Overmans sann traurig darüber nach, dass die Begegnung mit der kleinen Babette seine ohnehin schon so erregte Frau völlig durcheinandergebracht hatte.
Die Autofahrt nach Schluchsee, von der er sich ein Ruhigerwerden Karolas versprochen, wäre besser unterblieben.
Zu Hause erzählte dann Karola dem Doktor sehr lebhaft und mit zitternder Stimme von der Begegnung, betonte immer wieder die auffallende Aehnlichkeit zwischen den Kindern, machte Just Frank schliesslich neugierig.
Ihn interessierte die so übergesunde kleine Doppelgängerin Trautchens ebenfalls ausserordentlich.
5. Kapitel.
Heinrich Braun, oder wie er sich seit seiner Naturalisation nannte, Harry Brown, sass an einem wundervollen Sommerabend vor der Tür des kleinen, mit einem Staketenzaun umgebenen Häuschens, das die Nichte seiner Frau hinterlassen, und atmete tief die reine Bergluft ein, in die harziger Tannenduft verwoben war, die köstliche Schwarzwaldluft, die so stark und rein ist und so eigen, dass alle, die in dem herrlichen Bergland geboren sind, sie nie vergessen, selbst nicht am fernsten Ende der Welt.
Ueberallhin verfolgt das Kind des Schwarzwaldes das Heimweh nach dem frischen Gottesodem, der über die mit Tannen bedeckten Berge und über die anmutigen Täler streicht.
Und so war es auch Helene Braun, oder wie sie jetzt hiess, Nelly Brown, ergangen, die ein Dorfmädel des Schwarzwaldes gewesen, auf kurios gewundenen Zickzackwegen eine Varietétänzerin geworden und mit dem Manne, dem sie sich verbunden, kreuz und quer durch die bunte Welt gezogen war, die immer dort gelebt, wo es am lautesten und buntesten hergegangen.
Immer wieder hatte sie ihre Heimatssehnsucht unterdrücken müssen, immer wieder, bis sie nun als alternde Frau doch endlich einmal heimkehren durfte, wenn auch nur für kurze Zeit.
Aber sie war fremd geworden in der Heimat durch die langen Jahre, nur ein paar alte Leute erinnerten sich ihrer noch.
Sie trat mit dem Kind an der Hand aus dem Hause, setzte sich neben ihren Mann auf die Bank, während die kleine Babette in überquellender Lebensfreude die Aermchen hochreckte und einen Juchzer ausstiess.
Das Häuschen von Babettes Mutter war versteigert worden mit allem Mobiliar, aber das Kind ahnte nichts davon, wie bald es hier zum letzten Male durch das kleine Gärtchen rennen würde, ahnte nicht, dass seine Mutter niemals wiederkehren würde von dem Besuch im Himmel.
Es ahnte nicht, dass die beiden alten Leute auf der Bank vor dem Hause eben die Rückreise nach London besprachen, und noch einmal gründlich erwogen, ob es nicht doch besser wäre, die Kleine hierzulassen.
Ein Waisenhaus würde sie aufnehmen, aber auch hier im Orte selbst wäre wohl manche Familie gern bereit, die Kleine aufzuziehen. Das Häuschen mit allem, was sich darin und darum befand, hatte sechstausend Mark gebracht.
Das Kind war also nicht mittellos, brauchte nicht um ein ‚Vergelts Gott‘ aufgezogen werden.
Sechstausend Mark waren auch für das alternde Paar eine sehr annehmbare Summe, und beide überlegten hin und her, aber sie kamen zu keinem Entschluss.
Nelly Browns Figur war noch schlank und jugendlich, die ständige Beschäftigung mit dem Tanz hatte sie gerade und elastisch erhalten, doch ihr Gesicht, das wohl einstens sehr hübsch gewesen, hatte sehr von Schminke und Puder gelitten, und ihr Haar war rostrot gefärbt, bildete im Nacken einen kleinen lockigen Knoten.
Die mit ihr einmal unter den Schwarzwaldtannen jung gewesen, waren Bäuerinnen, deren Haut Sonne und Wetter verbrannt und gegerbt, mit dünnen ergrauten Scheiteln und plumpen resoluten Bewegungen, die nichts von Grazie und Körperkultur wussten. Die morgens mit dem angefeuchteten Handtuchzipfel über Gesicht und Hände fuhren oder am Brunnen eine flüchtige Wasserprobe nahmen, die Schminke und Puder niemals berührt und niemals einen Augenbrauen- noch einen Lippenstift besessen hatten.
Nelly Brown aber benützte noch alle diese kosmetischen Hilfsmittel und viele andere dazu, weil sie jünger aussehen wollte als sie war. Weil sie noch lange nicht zu den alten Frauen gehören wollte und durfte. Weil das eine Existenzfrage für sie war, für sie und ihren Mann.
Ein Herr ging langsam am Zaun vorüber, und dem Paar fiel es auf, mit welcher Aufmerksamkeit er das spielende Kind betrachtete.
Ganz versunken schien er in den Anblick.
Bis Babette selbst aufmerksam wurde, und an das Lattentürchen laufend, ihn keck und dreist fragte: „Was willst du denn, Mann?“
Der Herr lachte belustigt, und zog, dabei das Paar auf der Bank ansehend, den leichten braunen Filzhut, rief in verbindlich liebenswürdigem Tone: „Das ist die kleine Babette, nicht wahr, und die Herrschaften sind Herr und Frau Brown, wenn ich nicht irre?“
Der alte Tänzer erhob sich, trat näher.
„Zu dienen, mein Herr, ich bin Harry Brown. Darf ich fragen, was Sie zu mir führt?“
Er öffnete mit einladender Geste die kleine Gartentür.
Der Herr folgte der stummen Einladung.
„Ich hörte von einem jungen Ehepaar Ihren Namen, Herr Brown, beide haben Sie und die Kleine am Schluchsee getroffen. Ein Ball vermittelte die Bekanntschaft. Als mich ein Spaziergang nun heute hier vorbeiführte, erkannte ich das Kind sofort nach der Beschreibung, was wirklich nicht schwer war. Ich bin nämlich der Arzt, der die kränkliche Doppelgängerin Babettes in die Kur begleitet hat und sie behandelt.“
Harry Brown verständigte seine Frau durch ein paar erklärende Worte. Er hatte ihr bereits von der Begegnung mit der verstörten jungen Mutter erzählt.
Ueber Nelly Browns stark verpudertes Gesicht flog es wie ein Schein von Anteilnahme.
Vielleicht war es auch nur ganz einfache Neugier.
Sie bat den Doktor, ein wenig zu verweilen, und eine graziöse Handbewegung lud ihn ein, auf der Bank neben ihr Platz zu nehmen.
Er verbeugte sich, murmelte, wie das so oft beim Vorstellen geschieht, undeutlich seinen Namen, und ein Weilchen später wunderte er sich eigentlich selbst, wie es gekommen, dass er zwischen dem alten Tänzerpaar sass und ihm von dem Dahinsiechen Trautchens, von dem Jammer der Mutter, und dem wenig angenehmen Schwiegervater der jungen Frau erzählte.
Doch vermied er es, Namen zu nennen und auf die näheren Verhältnisse des alten und jungen Overmans einzugehen. Auch nannte er den Wohnort der Familie nicht, betonte nur den Reichtum des Familienoberhauptes und seine Tyrannei der jungen Frau, die sich entsetzlich fürchte vor dem derben höhnischen Alten, wenn das Kind nicht genesen würde oder gar stirbt.
Nelly Brown blickte, in tiefes Nachdenken verstrickt, zu Babette hinüber, die ein Stückchen abseits stand und zu der kleinen Gruppe auf der Bank herüberschielte.
„Die arme junge Frau hat entschieden Pech,“ sagte Nelly Brown aus ihrem Nachdenken heraus, „aber schliesslich, alles Gute ist nicht beisammen. Sie lebt wenigstens in Reichtum und Sorglosigkeit, ihr Dasein ist auf gediegenen Fundamenten aufgebaut. Wenn sie sich dafür ducken muss, so ist das mehr oder weniger ein bisschen ausgleichende Gerechtigkeit.“
Leise Bitternis klang durch die Sätze, galt den langen durchtanzten Lebensjahren, die ihr und dem Gefährten ihrer Tage die heissersehnte Sorglosigkeit nicht beschert hatten, so dass man sich nun, wo das Alter begann, sehr nach der Decke strecken musste, damit ein Notgroschen blieb, falls Krankheit käme.
Die langersehnte Reise in die Heimat war schon ein Zuviel gewesen, das man dem Spargeld zugemutet.
Sie nickte vor sich hin. „Ja, ja, manchmal gibt es im Leben Ausgleiche.“
Von einem jäh aufspringenden Gedanken erfasst, sagte sie: „Babette geht bei uns drüben in London wahrscheinlich doch keiner besonders sicheren Zukunft entgegen, die junge Frau kann ja das Kind zu sich nehmen. Die Aehnlichkeit der beiden kleinen Mädchen wird auch den Schwiegervater bewegen, seine Einwilligung zu geben. Das Kind zu adoptieren, ist das Elternpaar allerdings noch zu jung, aber die Hauptsache wäre doch, falls das kränkelnde Kind stirbt, dem alten Herrn einen Ersatz für seinen Liebling zu bringen.“
Just Frank glaubte zuerst, das überraschende Angebot sei nur scherzhaft gemeint, doch als Harry Brown jetzt ausrief: Das ist eigentlich eine ganz ausgezeichnete Idee meiner Frau! bezweifelte er nicht mehr, dass der Vorschlag durchaus ernst gemeint war, den die Frau mit dem gemalten Gesicht gemacht hatte.
Er lächelte amüsiert.
„Meine Herrschaften, das wäre ein Fastnachtsstreich in den Augen des alten Herrn. Er würde rasen vor Zorn über die Zumutung, seinen Liebling durch ein fremdes Kind zu ersetzen.“
Sein Lächeln schwand.
„Mit einem solchen Vorschlag würde sich die junge Frau seine vollständige Ungnade zuziehen.“ Nach einer kleinen Pause schob er zögernd nach: „Eigentlich, wenn ich es recht überlege, ist es jammerschade, dass es nicht geht, denn die Aehnlichkeit ist eine sehr grosse, wenn es bei genauerer Prüfung natürlich auch manchen Unterschied zwischen den beiden Kindern gibt. So scheint es mir, die Züge der kleinen Leidenden sind betonter, ausgeprägter, und Babettes Gesichtchen sei weicher. Vielleicht kommt es nur dadurch, weil es voller und gesünder ist. Die Augen meiner Patientin sind etwas grösser, auch die Nase, das Haar ist vielleicht etwas weniger lockig. Alles in allem aber habe ich die Ueberzeugung, Ihre kleine Grossnichte verkörpert das Idealbild, wie es sich der alte Herr in seiner Vorstellung von seinem Liebling macht. Aehnlich aussehend erwartet er das Kind wohl eines Tages zurück.“
Er seufzte ergeben.
„Ich fliege als Hausarzt natürlich auch, sobald er sich überzeugt hat, ich habe das Wunder, das er von mir erhofft, nicht schaffen können.“
Nelly Brown blickte wieder zu Babette hinüber, die mit einem Nachbarkätzchen ein phantastisches Spiel begonnen.
„Wenn der alte Herr einem offenen ehrlichen Vorschlag nicht zugänglich wäre, müsste man eben eine Täuschung in Szene setzen,“ begann Nelly Brown nach längerem Nachsinnen. „An Stelle des kranken Kindes käme eben Babette in das reiche Haus und gilt dort als die gesundgewordene Kranke. Natürlich erst nach längerer Zeit, nachdem sich Babette völlig an die junge Frau gewöhnt hat und vergessen hat, was vordem gewesen. Man müsste ihr einreden, alles Frühere war nur ein Traum. Allmählich glaubt sie es und denkt nicht mehr daran. Da die Kranke doch bald sterben wird, wie Sie sagen, wer will es dann verhindern, wenn wir drei hier und die jungen Eltern einig sind, dass sie unter dem Namen Babettes stirbt, unter dem Namen Babette Kempen.“
Sie hatte zum Schluss überschnell gesprochen, als müsse sie ihren Einfall rasch loswerden, und ehe einer der beiden Männer auch nur den kleinsten Einwurf machen konnte, redete sie schon weiter.
„Man müsste dem alten Herrn eben etwas vormachen. Es geschähe ja im besten Sinne aus anständigen und begreiflichen Gründen. Ihm bliebe, wenn das Kind gestorben, doch wenigstens der Glaube, sein Liebling sei noch am Leben, die junge Frau brauchte nicht mehr vor Furcht zu vergehen und Sie, Herr Doktor, würden sicher sehr von ihm protegiert werden. Und schliesslich, um auch uns noch zu nennen, mein Mann und ich, wären mit unserer Kleinen eine schwere Verantwortung los. Wir erwogen gerade vorhin, als Sie kamen, ob wir nicht noch gewissermassen im letzten Augenblick das Kind einem Waisenhaus oder einer Familie übergeben sollten.“
Sie redete und redete, liess den Männern wenig Gelegenheit, sich zu äussern. Sie schilderte immer wieder die Vorteile des Vorschlages, der Just Frank anfangs nicht der Erwägung wert geschienen und nun, je weiter Nelly Brown sprach, je klarer ihm die Möglichkeit ward, schon wie eine Verlockung vor ihm stand.
Nelly Brown lächelte: „Uns allen wäre mit einem Schlage geholfen und es würde dabei niemand, aber auch niemand, nur der geringste Schaden zugefügt. Ausserdem liesse sich alles verhältnismässig leicht arrangieren, wenn wir einig sind. Wie in einem Theaterstück aufs Stichwort könnte alles klappen.“
Just Frank, der anfangs mehrmals ein heftiges Wort auf der Zunge gehabt, mit dem er die ganz dem Ausmalen ihres Planes Hingegebene unterbrechen wollte, ertappte sich schon dabei, das, was Nelly Brown vorschlug, zu überlegen.
Er sah sich plötzlich einer ganz gewaltigen Verlockung gegenüber.
Liess sich der Vorschlag verwirklichen, so war tatsächlich allen Beteiligten mit einem Schlage geholfen. Die arme Karola Overmans hatte ein gesundes kleines Mädel, an das sie Mutterliebe verschwenden durfte, das ihr zu Frieden und Ruhe mit Lamprecht Overmans verhalf, die kleine Waise fand eine schützende Heimat und Eltern, das Tänzerpaar war eine Sorge los, die es allzu rasch auf sich genommen, um eine Sterbende in Frieden einschlafen zu lassen und er, nun er würde sich bestimmt Lamprecht Overmans vollster Gunst erfreuen dürfen und durch diese Gunst bald ein gesuchter Arzt werden.
Er blickte die Frau neben sich plötzlich scharf an.
Vielleicht zu scharf.
Nelly Brown war in ihrem vielbewegten Leben genügend Menschenkennerin geworden, um den Blick richtig zu deuten.
Sie sagte ruhig: „Verehrter Herr Doktor, Sie grübeln jetzt nach, ob man mir, respektive ob man dem Ehepaar Brown wohl trauen darf. Wir könnten später Erpressergelüste verspüren und so weiter. Nicht wahr, das ging soeben durch Ihren Kopf?“
Just Franks stark abwehrende Handbewegung, sein fast zu lauter Protest: „Aber ich bitte Sie, verehrte Frau Brown!“ halfen ihm nichts, bedeuteten für die Frau nur eine Bestätigung.
„Also ich habe es erraten, was übrigens gar nicht schwer war,“ sagte sie, als hätte er bejaht, was er doch verneint hatte.
Sie lächelte ein bisschen überlegen.
„Wollen uns nicht mit Höflichkeitsphrasen bekomplimentieren, es hält nur auf! Also bleiben wir zunächst dabei: Sie trauen uns nicht. Den Verdacht möchte ich entkräftigen. Vor allem, Herr Doktor, wir reisen in allerkürzester Zeit ab nach London und werden kaum noch einmal im Leben die Heimat wiedersehen. Wir haben unser Brot drüben und können nicht noch einmal von vorn anfangen. Also müssen wir die Heimat schon aus Klugheitsgründen ausschalten. An der Erinnerung dieses jetzigen Aufenthaltes zehre ich bis ans Ende. Es ist ja auch nur noch die Natur, die mir hier Heimat ist, Freunde und Bekannte habe ich nicht mehr. Und das Bild meines geliebten Schwarzwaldes, das nehme ich mit im Herzen nach der grossen Stadt an der Themse. Also wir kommen nicht wieder, nie wieder, und wir denken auch nicht im geringsten daran, jetzt vielleicht ein Geschäft zu machen. Sie erzählten, das leidende Kind sei so kraftlos, es müsse allernächstens sterben. Es stirbt dann als unsere kleine Babette und Babette lebt weiter als das reiche Mädelchen. Ich versprach meiner sterbenden Nichte, gut für ihr Kind zu sorgen. Kann ich aber besser dafür sorgen, als wenn ich es in ein reiches Haus schaffe. Babette ist die letzte Verwandte, die ich auf Erden besitze, es wäre für mich eine Beruhigung, sie der gemeinen Alltagsnot entrückt zu wissen. Geld, Herr Doktor, oder sonst eine Entschädigung in irgendwelcher Form, erbitte ich weder, noch würde ich sie annehmen. Das dürfte Ihnen vielleicht schon eine kleine Garantie dafür sein, dass nicht Geldgier die Triebfeder zu dem Plan ist, den ich Ihnen in weiten Umrissen unterbreitete, den ich aber auch schon in seinen Einzelheiten übersehe, mit denen ich gern dienen will, wenn Sie meinem Vorschlag genügend Interesse, und mir genügend Vertrauen entgegenbringen.“
Harry Brown fuhr sich mit einem etwas grellen gelbseidenen Taschentuch über die Stirn.
„My dear, deine Phantasie ist dir durchgegangen, lass das Thema fallen, please, der Herr Doktor muss sonst wirklich glauben, du willst mit den Kindern einen Tausch, nach dem Rezept eines Kitschfilms, in Szene setzen.“
Ihm war, trotz seiner anfänglichen Begeisterung, die er laut geäussert, doch längst angst und bange geworden.
Nelly war so recht die Frau dazu, das, was sie als Plan vorgetragen, in die Tat umzusetzen.
Und er machte nicht mit, so verlockend die Geschichte auch scheinen wollte.
Brenzlich blieb so etwas auf alle Fälle.
Die Augen der Frau sprachen ganze Bände, als sie sich nun dem Lebensgefährten zuwandten, aber mit Worten war sie ihm gegenüber jetzt sparsam.
„Harry, my old boy, misch dich nicht ein, du weisst ein für allemal, wo es darauf ankam, war ich von uns beiden noch immer die Gescheitere.“
Ihre Augen wanderten wieder zurück zu dem Besucher.
„Vor allem, Herr Doktor, weiss ich Ihren Namen nicht —“
Er fiel ihr hastig ins Wort: „Verzeihung, Frau Brown, aber ich nannte ihn doch vorhin.“
Sie nickte zustimmend.
„Allerdings, aber Sie murmelten ihn etwas undeutlich und ich verstand ihn nicht, mein Mann sicher ebensowenig.“ Sie machte eine abwehrende Bewegung. „Bitte, wiederholen Sie ihn nicht. Wir brauchen gar nicht erfahren, wie Sie heissen. Das soll Ihnen eine Garantie mehr sein, dass wir Sie, wenn wir über meinen Plan einig werden, niemals behelligen würden. Wir wissen ja auch bis jetzt nicht, wie das kränkliche Kind heisst und nicht, was sein Vater und der gefürchtete Grossvater sind, wissen auch nicht, in welchem Orte Deutschlands die Herrschaften und Sie, Herr Doktor, leben, ja, wir wissen nicht einmal, wo das betreffende Kind mit seiner Begleitung hier im Schwarzwald wohnt. Ich nehme an in Titisee, vielleicht aber auch in Höhenschwand oder St. Blasien. Wir brauchen es ebensowenig zu wissen, wie das andere, wir wollen nur wissen, dass wir der Sorge um die kleine Babette enthoben sind und es ihr gut gehen wird in der Zukunft. So, Herr Doktor, ich habe wohl klar genug gesprochen, und Ihnen vor allem den Beweis geliefert, Sie dürfen uns vertrauen. Nun überlegen Sie sich alles und besprechen Sie sich mit dem Vater. Die Mutter ist vorerst am besten auszuschalten, denn ihr muss alles noch ganz anders klargemacht werden, weil sie sonst bestimmt nicht darauf eingeht und nicht darauf eingehen kann, weil sie eben die Mutter ist. Aber entscheiden Sie sich bald, denn wir wohnen hier nur noch dank der Freundlichkeit des neuen Hausbesitzers, die wir doch nicht allzu lange ausnützen möchten.“
Just Frank erhob sich hastig.
Er fühlte, es war nicht mehr der geringste innere Widerstand mehr in ihm gegen den Plan vorhanden. Auf seine Entscheidung allein kam es ja auch nicht an, wenn es aber so wäre, dann würde sein Wehren jetzt nichts weiter mehr bedeuten, als Angst vor etwaigen Folgen, falls etwas schief ginge.
Es war, als erriet Nelly Brown auch diesmal wieder seine Gedanken.
Sie zupfte an ihrem schwarzen Kleide herum, blickte auf ihre eleganten Schuhe nieder. Auf elegantes Schuhzeug hielt sie, und hätte lieber gehungert, als sich mit einem billigen Schuh gezeigt. Ihre Tänzerinneneitelkeit liess das nicht zu.
„Gefahr besteht gar keine!“ erklärte sie, ohne dass er die Besorgnis laut geäussert. Ihre Stimme ward zum Flüstern: „Das Allerwichtigste ist es, dass Sie ganz genau wissen und davon überzeugt sind, die kleine Schwächliche wird bald sterben müssen.“
Just Frank erwiderte lebhaft: „Natürlich weiss ich es, das ist ja gerade das Verzweifelte, wenn der Tod einem Zeit liesse, könnte man auch noch hoffen.“
Er machte einen kleinen Schritt. Nein, er wollte der Versuchung nicht länger sein Ohr leihen und lieber fortgehen.
Nelly Brown hielt ihn resolut am Aermel fest und er taumelte unwillkürlich zurück, sank wieder auf die Bank nieder.
Die Frau flüsterte weiter: „Schenken Sie mir noch ein wenig von Ihrer Zeit, Herr Doktor, denn wer weiss, ob sich noch einmal so eine gute Gelegenheit zu einer Aussprache zwischen uns findet. Wenn Sie gehen, dann plagen Sie sich, trotzdem Sie die Vorteile meines Vorschlags anerkennen, mit allerlei Wenns und Abers herum, mit verfrühten und höchst überflüssigen Gewissensbissen, und lassen sich, als natürliche Folge davon, hier nicht mehr sehen. Die Sache drängt aber, wenigstens was unser Einigwerden betrifft, und deshalb möchte ich Ihnen noch schnell von den Einzelheiten meines Planes sprechen. Er muss gelingen, wenn er resolut, klug und verschwiegen ausgeführt wird.“
Just Frank rang mit sich. Aber weshalb sollte er die alte Tänzerin eigentlich nicht weiter anhören? Das verpflichtete ja zu gar nichts.
Harry Brown erhob sich, wollte zu dem Kinde gehen.
Seine Frau lachte. „Bleib nur hier, Mister Hasenfuss, es ist gut, wenn du dich gleich mitorientierst, wenn mein Plan zur Ausführung käme.“
Er schüttelte den Kopf.
„Mir summt es hinter der Stirn schon genügend, ein ganzer Spatzenschwarm scheint da Flugübungen zu veranstalten.“
Er winkte der kleinen Babette, die ihm entgegengesprungen kam.
Ein leichter Geruch von Parma-Veilchen entströmte dem Kleide Nelly Browns, ihr Puder wiederum duftete nach Nelken, und die Brillantine, die ihr gefärbtes Haar zum Glanze des Mahagonis zwang, roch ganz anders, ein wenig säuerlich.
Diese unangenehm ineinander zerfliessenden Parfüms störten Just Frank, verursachten ihm Kopfweh.
Oder trug nur das lebhafte Flüstern der Frau die Schuld daran? Trugen die Anweisungen und Erklärungen die Schuld daran, die alles, was ihm noch Bedenken schuf, so einfach und leicht erscheinen liessen.
Nelly Brown merkte genau, sie fing den Mann neben sich immer mehr ein für ihre Idee. Für diese Idee, die ihr vorhin erst durch den Kopf geschossen und ihr jetzt schon so vertraut und selbstverständlich geworden, als hätte sie seit langen Tagen darüber nachgesonnen.
Eben spazierte der alte Tänzer mit dem Kind an der Hand vorbei.
Er sagte halb ernst, halb belustigt: „Meine liebe Nelly, so endlos lange Jahre sind wir nun schon verheiratet, aber dein Talent zur Intrigantin entdecke ich erst heute.“
Sie zuckte die Achseln.
„Ich möchte der kleinen Babette und uns helfen, wenn dabei noch zugleich eine Hilfe für andere wird, so kann es sich um keine böse Tat handeln.“
Ihr Mann blickte auf das Kind nieder und spazierte mit ihm an der Hand weiter durch die kurzen und engen Gartenwege.
Just Frank atmete, als die Versucherin ihr Flüstern eingestellt, tief auf.
Es beschwerte seinen Kopf ganz gewaltig, was ihm die alte Tänzerin auseinandergesetzt und was in der Ausführung gar keinen besonderen Schwierigkeiten begegnen würde.
Er ertappte sich dabei, dass er sich im Geist schon die Sätze zurechtlegte, durch die er Günter Overmans beeinflussen wollte.
Er gestand ehrlich: „Ihr Plan leuchtet mir ein, Frau Brown, aber ob ich den Mut aufbringen werde, den Eltern meiner kleinen Patientin davon zu sprechen, das bezweifle ich noch stark.“
Die Frau lächelte aufmunternd: „Sehen Sie, Herr Doktor, ich denke dabei an den Vorteil für mein Grossnichtchen, an die Entlastung für meinen Mann und mich. Ihnen rate ich, denken Sie nur an Ihren Vorteil dabei, der wohl auch nicht zu unterschätzen ist!“
Daran brauchte sie ihn gar nicht zu erinnern, er dachte gerade genug daran, ausserdem tat ihm die reizende junge Mutter leid, er verehrte sie sehr, vielleicht barg sich in seiner Verehrung sogar ein bisschen heimliche Liebe. Ihre Angst vor Lamprecht Overmans aber hatte vor allem sein Mitleid erregt.
Er erhob sich wieder, doch diesmal liess er sich nicht zurückhalten.
„Vielleicht komme ich wieder, Frau Brown, vielleicht sage ich mir aber schon, wenn ich kaum zehn Schritte hier vom Hause entfernt bin, Ihr Vorschlag war nichts weiter als ein Alpdruck.“
Er grüsste hastig und wandte sich. Er mochte der Frau keine Gelegenheit mehr geben, von neuem auf ihn einzusprechen.
Nelly Brown rief ihm nach: „Wir werden noch ein Weilchen bleiben, lassen Sie sich bald bei uns blicken. Auf Wiedersehen!“
Am Gartentor stand der Tänzer. Er sagte: „Wir werden uns wohl kaum noch sehen, viele gute Wünsche für die Genesung des Kindes!“
Und Babette reichte ihm ihr molliges Patschhändchen, und wie er die Kleine nun noch einmal ansah, dachte er, dass die überraschende, seltsame Aehnlichkeit fast wie ein Fingerzeig des Schicksals war.
6. Kapitel.
Während Just Frank die Bekanntschaft der kleinen Babette gemacht, war in St. Blasien ein Brief angekommen von Lamprecht Overmans.
Der Brief war nur kurz, aber Karola war ganz verstört nach dem Lesen.
Lamprecht Overmans schrieb: „Ich meine fast, Ihr färbt Eure Mitteilungen über Trautchens Zustand etwas zu rosig, um Euch bei mir beliebt zu machen. Vergesst, bitte, nicht, falls Ihr übertreibt, dass ich doppelt enttäuscht sein würde. Karola vor allem müsste mir dann Rede stehen, die grösste, schwerste Verantwortung trüge sie in meinen Augen. Ich höre, auf meinen besonderen Wunsch, auch öfter durch die pflichtgetreue Nurse über Trautchen und ich glaube, sie steht mit der Wahrheit auf besserem Fuss wie Ihr. Ich kann leider jetzt hier kaum abkommen, sonst würde ich mich persönlich überzeugen.
Sollte Doktor Frank mich ebenfalls täuschen, würde er sich meines Wohlwollens nicht mehr lange zu erfreuen haben.“
Dieses Schreiben hatte Karola in einen Abgrund von Furcht und Verzweiflung gestürzt, ihr Mann fand, trotz aller Mühe, die er sich gab, nicht die rechten Trostworte für sie.
Das Kind lag in seinem Bettchen und Hedwig Ritter sass am Lager, machte keine Miene aufzustehen, als Karola sagte, sie selbst wünsche jetzt ein Weilchen bei der Kleinen zu bleiben.
„Bedaure, gnädige Frau,“ kam es ölglatt zurück, „aber Sie machen einen etwas erregten Eindruck und das Kind braucht ruhige Gesellschaft, falls es munter wird. Herr Overmans Senior würde mir jetzt bestimmt nicht gestatten. Sie mit Trautchen allein zu lassen. Sie sehen aus, als ob Sie weinen möchten und wozu soll das Kind Tränen sehen. Ich kann die Gefahr nicht heraufbeschwören helfen und bitte ich Sie, mich lieber mit Trautchen allein zu lassen.“
Karola wollte eine empörte Antwort geben, aber ein Blick auf das in ganz leisem Schlummer liegende Kind, das ein lautes Wort aufschrecken konnte, liess sie schweigen.
Ihre Empörung mühsam meisternd, ging sie in das Wohnzimmer.
Schluchzend fiel sie ihrem Manne um den Hals.
„Günter, die grässliche Person, die Nurse, ist kaum noch zu ertragen. Deinen Vater informiert sie hinter unserem Rücken, verklatscht uns anscheinend, und mich behandelt sie ganz von oben herab. Weigert sich einfach, das Kinderzimmer zu verlassen, macht mir klar, dass ich lieber wieder gehen sollte, beruft sich auf deinen Vater. Und ich wollte so gern ein Weilchen still an Trautchens Lager sitzen, ihren Schlummer bewachen und dabei den lieben Gott, wie schon so oft vorher, wieder um die Gnade des Wunders bitten.“
Es klopfte. Just Frank trat auf das Herein ins Zimmer, und das verstörte Gesicht der reizvollen Frau fiel ihm sofort auf.
Er erfuhr denn auch den Grund und zornig entschlüpfte es ihm: „Machen Sie doch kurzen Prozess und werfen Sie das unverschämte Weibsbild einfach hinaus!“
Karola blickte ihn förmlich entsetzt an und wehrte ab.
„Aber ich bitte Sie, Herr Doktor, das wäre wohl fast wie Auflehnung gegen den Vater!“
Sie ging in die Schlafstube hinüber, weil sie fühlte, wie sehr ihre Nerven rebellierten. Sie vermochte jetzt keine Unterhaltung mit dem Doktor zu führen. Durch den Brief und das dreiste Benehmen Hedwig Ritters war sie sich wieder so recht ihres Kummers bewusst geworden.
Sie sank vor einem der kleinen Stühle unwillkürlich in die Knie, und die Hände faltend, betete sie, während tränenloses Schluchzen ihren ganzen Körper erschütterte, aus tiefstem Herzen emporsteigend: „Lieber guter Himmelsvater, bitte, mach mein Kind gesund. Rette es!“
Sie verbarg das Antlitz in den Händen, denn sie glaubte die verächtlichen Blicke Lamprecht Overmans auf ihrem Gesicht zu fühlen.
O, brauchte sie nur nie mehr vor ihn hinzutreten, nie mehr.
Sie vergass in ihrer geduckten Stellung Zeit und Ort, verlor sich in ein Labyrinth von traurigen Grübeleien.
Und nebenan sagte Günter Overmans zu dem Doktor: „Meine Frau reibt sich bei der ständigen Erregung auf. Irgendwie muss da endlich Wandel geschaffen werden! Es wird sowieso nicht mehr lange gehen zwischen meinem Vater und meiner Frau. Wenn unser Mädelchen nicht mehr sein wird, liegt für meine Frau ja völlig alles trostlos, denn um des von ihm vergötterten Kindes willen würde mein Vater wohl allmählich seine Art und Weise gegen meine Frau ändern und es wäre immerhin noch ein leidliches Verhältnis zwischen den beiden zustandegekommen.“ Er seufzte. „Ich muss natürlich zuerst an meine Frau denken, denn ich habe sie ja so über alles lieb, und leicht ist es nicht, das schöne Heim in Stuttgart aufzugeben und hineinzuspringen ins Ungewisse, ein geliebtes Wesen mithineinzureissen in Unsicherheit und Not und wer weiss in was für schwere Sorgen.“
Just Frank neigte den Kopf.
„Ich verstehe Sie, Herr Overmans, aber ich meine, Sie sollten nicht gleich daran denken, all die Daseinssicherheit, die Sie jetzt besitzen, hinzuwerfen und ein zartes, feines Geschöpf, wie Ihre Gattin, vielleicht der gemeinen brutalen Alltagsnot auszusetzen. Sie sollten lieber um das, was jetzt noch Ihr Eigen ist, kämpfen. Gerade um Ihrer Frau willen! Es ist sogar Ihre Pflicht. Ein einziges Mal lebt man nur, und wenn es auch wohl arme und reiche Menschen auf der Welt von je gegeben hat und weiter geben wird, ist es doch vorzuziehen, zu den reichen zu gehören. Namentlich wenn man so eine Frau hat, wie Sie.“
Mit vielen anderen Worten wiederholte er ihm mehrmals dasselbe, lockte dadurch die fast kläglich klingende Frage hervor: „Was aber soll ich nach Ihrer Meinung tun, Herr Doktor? Ich sehe keinen anderen Ausweg als den, mit meinem Vater zu reden, um meine Frau zu schützen. Und das ist in unserem Fall gleichbedeutend mit einem Bruch zwischen ihm und mir, mit einem Schlussstrich, den ich unter die Vergangenheit machen muss.“ Sein Selbstbewusstsein meldete sich. „Ich fülle doch meinen Platz in Vaters Unternehmungen aus, ich arbeite von meinem achtzehnten Jahre an bis jetzt, wo ich zweiunddreissig bin, kaufmännisch sowohl in seiner Pianofabrik, als auch in der Brauerei. Nur ein paar kurze Auslandsaufenthalte fallen dazwischen, um gründlich Sprachen zu erlernen, in fremden Betrieben mitzuarbeiten. Auch in Vaters Betrieben habe ich praktisch mitgeschafft, habe alles von Grund auf erlernen müssen und durchackern, wie ein Lehrling. Nichts hat er mir geschenkt, nicht das Langweiligste und Unangenehmste! Also ich glaube ohne Ueberhebung sagen zu dürfen: Ich kann etwas. Und da werde ich auch wohl anderswo mein Brot finden, Brot für Frau und Kind.“
Er stutzte bei dem letzten Wort, wiederholte es, und dann irrte ein trauriges Lächeln um seinen Mund.
„Aber das ist es ja gerade, das Kind schaltet schon aus, denn um das Kind geht es ja eigentlich nur. Bliebe es am Leben, gäbe es die Zukunftssorgen doch gar nicht.“
Der Doktor stand dicht neben Günter Overmans. Die beiden hatten bisher schon leise gesprochen, nun aber dämpfte Just Frank die Stimme bis zur äussersten Grenze herab, ohne deshalb auch nur im geringsten undeutlich zu werden.
„Nur auf das Kind kommt es an! Wird das Kind gesund, bringt es dem Grossvater rote Bäckchen und blanke Augen heim, erübrigt sich jede Zukunftssorge. Deshalb muss das Kind am Leben bleiben, muss frisch und gesund werden.“
Das verdüsterte Gesicht Günter Overmans erhellte sich jäh. Es war, als zöge man einen Vorhang davor fort.
„Liebster Doktor,“ stiess er atemlos hervor, „Sie erwecken in mir eine wundervolle Hoffnung, bitte, schnell, sprechen Sie, wird Trautchen wieder gesund werden?“
Just Frank half sich mit einer unbestimmten Kopfbewegung.
„Nein, leider nein, und trotzdem auch ja. Es kommt dabei nur auf Sie an!“
Der andere blinzelte nervös.
„Ich bin viel zu erregt jetzt, um Rätsel lösen zu können und ich bitte Sie deshalb, deutlicher zu sprechen.“
„Sind Sie imstande, mir ruhig zuzuhören, sind Sie imstande, Empörungsrufe zu unterdrücken und mir nicht im ersten Zorn völlig falschen Verstehens vielleicht Grobheiten zu sagen, die uns trennen müssten, Herr Overmans? Was mir sehr, sehr leid täte, denn ich möchte Hausarzt bei Ihrem Vater und Ihnen bleiben. Das ist meine Reklame, meine Brücke zur Karriere.“
Sehr eindringlich klang alles, trotz der verhaltenen Stimme.
Günter Overmans blickte befremdet.
„Das klingt alles so verwirrend, aber ich verspreche gern, wie auch die Rätsellösung lauten möge. Ihnen ruhig zuzuhören. Selbst dann, wenn Sie mir vorschlagen sollten, unser Trautchen bei meinem Vater durch eine genialgescheite Puppe zu ersetzen, die er für seinen Liebling hält. Puppen, die ‚Mama‘ wimmern, gibt es ja, vielleicht lassen Sie eine konstruieren, die ‚Opapa‘ ruft und sonst noch allerlei verzapft.“
„Beinahe besorgen Sie das Rätsellösen schon allein,“ gab Just Frank zurück, „nur dass ein echtes kleines Menschlein einer derartigen Puppe entschieden vorzuziehen wäre, ein Mädchen mit den Zügen Trautchens, ein kleines Fräuleinchen, das ihr gleicht wie eine Zwillingsschwester.“
Günter Overmans’ beide Hände hoben sich langsam in entsetzter Abwehr.
„Sie denken dabei an das Kind aus Schluchsee!“ Und er fragte: „Also haben Sie es inzwischen auch gesehen?“
„Gesehen und mit ihm gesprochen,“ erwiderte der Doktor, „mit den Verwandten des Kindes habe ich mich sogar sehr lange unterhalten.“ Er unterbrach sich. „Aber wenn es Ihnen recht ist, Herr Overmans, wollen wir uns lieber setzen, denn ich muss Ihnen viel erzählen. Aber leise will ich weitersprechen, denn niemand darf auch nur ein Sterbenswörtchen davon hören.“
Günter Overmans nahm mechanisch Platz und ihm gegenüber sass nun der Arzt und erzählte ihm von der Begegnung mit der kleinen Babette und von seiner seltsamen Unterhaltung mit der alten Tänzerin.
Plötzlich gebot ihm der Zuhörer Schweigen und er sah ihn dabei mit unverhülltem Zorn an.
„Ich möchte nichts mehr wissen von alledem, Doktor Frank. Sie beleidigen mich schon durch die Zumutung einer solchen Ungeheuerlichkeit, wie sie das Hirn dieser Deutschengländerin ausgebrütet.“
Just Frank bewahrte seine Ruhe.
„Verehrter Herr Overmans, ich fragte Sie, weil ich Ihre Empörung voraussah, schon ehe ich das Thema anschnitt, ob Sie imstande wären, Empörungsrufe und ähnliches zu unterdrücken. Sie versprachen mir, ruhig zuzuhören.“
„Ja, das tat ich. Aber wie konnte ich auch dergleichen erwarten, denn es handelt sich, um das gleich klarzustellen, um ein Verbrechen, das Sie mir zumuten,“ erfolgte die Antwort, die zwar leise gegeben wurde, aber mit Empörung geladen schien.
Just Frank erwiderte den Blick des ihm Gegenübersitzenden mit Offenheit.
„Nein, Herr Overmans, Ihr Urteil ist unüberlegt und vorschnell, es handelt sich um kein Verbrechen. Niemals würde ich irgendeinem Menschen ein Verbrechen zumuten, also auch Ihnen nicht und niemals meine Hand dazu leihen. Es ist allerdings ein delikater Fall, den die Gerichte, wenn sie davon Kenntnis erhielten, nicht straflos durchgehen liessen. Aber von Ihrem und meinem Standpunkt aus, sowie vom allgemein menschlichen, kann man den Plan vielleicht eigenartig und romantisch nennen, aber das Wort Verbrechen verdient er nicht.“
Da sein Gegenüber schwieg, wiederholte er beim Weitersprechen manchmal ganze Sätze, durch die ihn Nelly Brown überzeugt hatte, und er merkte, wie Günter Overmans ihm jetzt schon viel aufmerksamer zuhörte, von der ersten Empörung blieb immer weniger übrig.
Doch mitten im Satz brach Just Frank ab, ein Wehelaut aus dem Nebenzimmer, dem ein dumpfer Fall folgte, liess beide Männer aufhorchen.
Einen Augenblick später stürzte Günter Overmans zur Schlafstubentür, riss sie weit auf und dann rief er auch schon: Doktor! Doktor!
Karola war nach der Erregung, in die sie der Brief des Schwiegervaters und das impertinente Betragen der Nurse versetzt, aus ihrer knienden Haltung vor dem Stuhle umgesunken und ohnmächtig zusammengebrochen.
„Sie ist ganz verhetzt und übernervös aus Angst um das Kind und vor meinem Vater,“ klagte Günter Overmans und trug die am Boden Liegende, mit Hilfe des Arztes, auf ihr Bett.
Just Frank mühte sich um sie, tröstete den erregten Mann: „Es ist nur eine ganz leise Ohnmacht!“
Er dachte, dieses Ohnmächtigwerden der jungen Frau unterstützte seine Ueberredungsversuche von vorhin bei Günter Overmans gerade im geeigneten Moment sehr wirksam, illustrierte sie gewissermassen.
Es dauerte auch nicht allzu lange, bis Karola wieder die Augen aufschlug, die grossen, tiefdunklen Blauaugen, die, seit er sie zum ersten Male gesehen, über Günter Overmans Leben standen als die herrlichsten Sterne.
Niemals vordem war es Just Frank so sehr aufgefallen wie eben, von welcher rührenden Kindlichkeit das feine Gesichtchen der jungen Frau noch war, trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre.
Es würde vielleicht gar nicht einmal so schwer sein, sie für den Plan zu gewinnen.
Vor allem lag ihr doch auch an Ruhe und an einem guten Leben. Ihre immer sehr modisch und sorgfältig ausgewählte Kleidung, ihre Freude an wertvollem Schmuck waren beachtenswerte Bundesgenossen.
Karola klagte: „Ich schäme mich meiner Schwäche, aber es war so heiss heute, das hat mich erschlafft.“
Ihr Mann nahm ihre beiden Hände, führte sie abwechselnd an die Lippen, ohne zu sprechen.
Es war Ingrimm in ihm und auch Kummer.
Wie brav Karola zur Lüge griff, um nicht die Schuld auf den Vater zu schieben.
Die Hitze war gar nicht so besonders gewesen, nur der Brief aus Stuttgart und die Frechheit der Nurse hatten die schon durch und durch Nervöse umgeworfen.
Befand sie sich aber jetzt schon in diesem Zustand, was sollte erst werden, wenn das Kind wirklich starb und sie dann wieder mit seinem Vater zusammentraf, was doch gar nicht zu umgehen war?
Just Frank verabschiedete sich.
„Ich schaue noch einmal nach Trautchen und gehe dann in mein Hotel. Wenn Sie mich nochmals wünschen, bitte ich, wie immer, anzutelephonieren.“
Günter Overmans war es, als traf ihn dabei ein ganz besonderer Blick.
„Bleiben Sie noch lange auf, Herr Doktor?“ fragte er. „Denn dann mache ich Ihnen nach dem Nachtessen vielleicht noch einen Besuch.“
„Ich begebe mich nie vor Mitternacht zur Ruhe,“ erklärte Just Frank, „die Sommernächte hier oben im Schwarzwald sind gar so wundervoll. Ebenso die frühen Morgenstunden, die ich besonders liebe. Da laufe ich oft stundenlang in der Umgebung umher, lege mich irgendwo an einen saftgrünen Bergeshang und schaue den weidenden Kühen zu. Wenn es einen aber plötzlich packt, und man erinnert sich mit einem Male an die grosse lebhafte Stadt, in die man bald zurückkehren muss, und an all die graue stumpfe Kleinlichkeit, von der man dort erwartet wird, dann friert man in der köstlichsten Morgensonne. O, wie möchte man dann so herzensgern mit dem kleinsten Bauer tauschen in seinem niedrigen Hause, unter dem tiefgehenden, weitüberhängenden Dach, wie gern möchte man dann dem Kuhhirten zurufen: Gib mir deinen Stecken, das Zeichen deiner freien Herrscherwürde, und ziehe anstatt meiner in die laute Stadt! Aber wenn sich der Wunsch erfüllte, wäre man wohl erst recht ein armer Schlucker, weil man sich ja auf die Dauer doch nicht mehr in der überwältigenden Schlichtheit der Natur zurechtfände, man ist verdorben dafür, die Stadt hat uns das Blut vergiftet.“
Karola Overmans konnte schon wieder ein ganz klein wenig lächeln.
„Sie scheinen Anlage zum heimlichen Dichter zu haben, Herr Doktor!“
Er lächelte ebenfalls.
„Vielleicht!“
Er verabschiedete sich und während er seinem Hotel zuschritt, dachte er nur daran, ob ihn Günter Overmans heute wohl noch aufsuchen würde.
Er hatte so das Gefühl, es wäre möglich.
Er hatte ihm vorhin am Lager der Ohnmächtigen deutlich vom Gesicht abgelesen, er beschäftigte sich in Gedanken doch schon mit dem Plan, von dem er nichts hatte wissen wollen.
Und richtig, kaum hatte er auf der Veranda des Hotels sein Nachtmahl verzehrt, als Günter Overmans schon vor ihm stand und ihn bat, noch einen kleinen Spaziergang mit ihm hinaus in die Natur zu machen.
Just Frank war sofort dazu bereit.
Er liess seinen Nachtisch im Stich, holte seinen Hut vom nahen Garderobenhaken, und von allerlei oberflächlichen Dingen redend, wanderten die beiden irgendeiner kleinen Einsamkeit entgegen, um dort von dem zu sprechen, was ihnen auf dem Herzen brannte.
Weit draussen an der Alb fanden sie eine Bank, die ihnen für ihr Gespräch der rechte Platz zu sein schien.
Es war eine jener wundervollen hellen Sommernächte, die wie Extrageschenke des Himmels sind.
Köstliche Frische kam von dem Flüsschen her, mischte sich mit dem kräftigen starken Odem der Berge, und Günter Overmans fand, hier draussen in der Reinheit der Natur war es schwerer als in irgendeinem Zimmer, das Thema zu besprechen, das ihm keine Ruhe mehr liess seit Karolas Ohnmacht vorhin.
So phantastisch und unmöglich ihm der Vorschlag der alten Tänzerin auch erst geschienen, so beleidigt er sich gefühlt, weil ihm Just Frank davon gesprochen, so annehmbar dünkte er ihm, seit er wieder den Beweis erhalten, wie sehr Karola litt und wie sie sich meist nur zusammennahm, um ihn nicht zu erschrecken und zu betrüben, bis sie dann ab und zu widerstandlos wurde.
Er begann hastig: „Ich bin in grosser Besorgnis wegen meiner Frau, es geht einfach nicht so weiter. Raten Sie mir doch bitte, Herr Doktor, was geschehen soll, um ihr zu helfen.“
Just Frank erwiderte ohne Umschweife: „Sie wissen so gut wie ich, seelische Leiden lassen sich nicht mit Pillen und Tropfen verjagen. Die Angst, das Kind verlieren zu müssen, quält Ihre Frau stark, aber beinahe noch stärker ist die Furcht vor Ihrem Vater, vor seinen unverdienten Vorwürfen. Wie bald wird die Aermste Trauerkleider tragen, aber tiefer Schmerz verlangt nach Ruhe und Frieden, um still zu werden. Ihr Vater wird der Beklagenswerten diese Ruhe und diesen Frieden nicht gönnen. Wir brauchen uns ja darüber nichts vorzumachen. Es kann sogar geschehen, Ihre Frau glaubt schliesslich noch, seine Vorwürfe zu verdienen und belastet ihr überreiztes Hirn damit. Ihre Frau ist sehr zart und so könnte es möglich sein, dass sie, die durch die Reden Ihres Vaters schon mürbe gemacht ist, nach dem Verlust des Kindes ganz verwirrt würde. Sie leidet schon an einer Art von Verfolgungswahn durch Ihren Vater. Wenn das Gespräch auf ihn kommt, zuckt sie zusammen und zittert.“
Er brach ab, sagte nach einem Weilchen, anscheinend ganz unzusammenhängend mit dem Vorherigen: „Es ist ein gesunder Menschenschlag, der hier im Schwarzwald zur Welt kommt, die kleine Babette ist selbst wie ein derbes stämmiges Tannenbäumchen.“
Günter Overmans sah vor sich nieder.
Scheu flüsterte er: „Ich wage es nicht, meiner Frau davon zu sprechen.“
„Es ist vielleicht gar nicht so schwer, wie Sie glauben,“ ermunterte Just Frank.
„Ich werde es bei nächster Gelegenheit versuchen,“ kam es gepresst zurück. „Da Sie mir wiederholt versicherten, es sei keinerlei Gefahr mit der Ausführung des Planes verbunden, so willige ich in alles, wenn meine Frau einwilligt. Nur Ruhe soll sie endlich haben, jetzt und für die Zukunft!“
Seine Stimme war voll Qual.
„Sie will es ja durchaus zu keinem Zerwürfnis zwischen dem Vater und uns kommen lassen, und ich wage es nicht, weil ich ihr keine Garantie bieten kann, dass ich ihr, wenn ich mich vom Vater lossage, der sie quält, auch nur ein leidlich sorgloses Leben zu bieten vermag. Und sie soll und darf nicht in Not geraten.“
Just Frank neigte sich ganz nahe dem Ohr des anderen und wiederholte die Einzelheiten des Planes. Er betonte: „Trautchen ist schon viel zu schwach, um noch lange leben zu können. Die Browns bleiben in Deutschland, bis — nun ja, und mit den Papieren der kleinen Babette geht Trautchen zur ewigen Ruhe! Am besten ist’s natürlich, möglichst bald hier fortzureisen und uns wo anders mit den Browns zu treffen, Tür an Tür mit ihnen zu wohnen und offiziell die Kinder schon mit den Namen zu vertauschen. Da niemand etwas ahnt, wird niemand misstrauisch werden.“
Günter Overmans sass schweigend. Er leistete gar keinen Widerstand mehr. Mochte das geschehen, was er zuerst ein Verbrechen genannt, mochte es geschehen, wenn Karola einverstanden war.
Aehnliches geschah vielleicht öfter auf der Welt aus mehr oder weniger egoistischen Gründen. Ein Mensch starb, ein anderer, ihm äusserlich ähnlich, nahm seinen Platz ein und die Welt ging deshalb nicht aus den Fugen. Nicht eine einzige Schwarzwaldtanne stürzte, wenn Trautchen starb, und die mollige kleine Babette Karola und ihn Mutter und Vater nannte.
Er erhob sich. Er wollte es jetzt des Grübelns und Simulierens genug sein lassen, er fühlte sich matt und benommen.
„Wir wollen umkehren, Herr Doktor, sonst ängstigt sich meine Frau vielleicht über mein langes Ausbleiben.“
Er blickte zu den flimmernden, flirrenden Sternen auf, die in silberner, klarer Teilnahmelosigkeit so hoch über all dem Leid der Menschen stehen. In dieser köstlichen Sommernacht schienen die Sterne da droben heller und zahlreicher denn je, aber von keinem einzigen floss Trost und Wärme nieder in das Herz des Mannes, der schwer gekämpft zwischen Gattenliebe und Vaterliebe.
Schweigsam gingen die beiden späten Spaziergänger durch die prächtigen Anlagen an der Alb, und sie trennten sich mit flüchtigem „Gute Nacht“ vor dem Hotel des Doktors.
Als Günter Overmans die Gartentür der Villa, wo er wohnte, öffnen wollte, hörte er durch Gebüsch und Hecken, die das Gartengitter von innen bekleideten, die Stimme der Nurse eben in lautem Flüsterton sagen: „Meine Madame ist ja jetzt immer wie verrückt! Jetzt sitzt sie wieder am Bett des Kindes und starrt es mit ganz unheimlichen Augen an. Mich fragte sie, ob das Kind nicht am Ende gar tot sei, ihr schiene es, als spüre sie keinen Atem mehr. Nun, Grund sich aufzuregen hat sie reichlich; wenn das Kind stirbt, kann sie sich auf etwas von dem Schwiegervater gefasst machen! Wissen Sie, Frau Blümli, sie ist eigentlich nichts anderes als unsereins gewesen. Gesellschafterin war sie bei einer alten Dame in Stuttgart. Der alte Overmans hat die Heirat zwischen den beiden auch durchaus nicht zugeben wollen, nun wischt er ihr aber bei jeder Gelegenheit eins aus. Das Kind ist merkwürdigerweise sein ein und alles, wenn das ein Engelein wird, was wohl sicher ist, möchte ich nicht in ihrer Haut stecken! Das Kind tut einem ja leid, denn der Alte ist millionenschwer und die Kleine hätte sicher mal den ganzen Krempel geerbt.“
Also mit der Vermieterin unterhielt sich das empfehlenswerte Kinderfräulein so ungeniert über die Herrschaft. Sie schien das weise Sprüchlein nicht zu kennen: Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’!
Ehe sich Günter Overmans noch recht besonnen, ob er jetzt dazwischentreten sollte, sprach Hedwig Ritter schon weiter: „Ja, sehen Sie, liebe Frau Blümli, so sieht es hinter den Kulissen aus und man braucht reiche Leute eigentlich gar nicht immer zu beneiden.“
Die Vermieterin brummte etwas, anscheinend eine Zustimmung.
Schon fuhr die Nurse fort: „Wenn das Kind sterben sollte, verliere ich eine sehr gute Stellung, der alte Herr hat grosses Vertrauen zu mir. Von der jungen Frau lasse ich mir nichts sagen, gar nichts! Ich werde mich auch jetzt bei Herrn Overmans senior in einem Brief beschweren, dass sie mich vorhin aus dem Zimmer gewiesen hat, weil sie mit dem Kind allein sein will. Und ich schreibe ihm auch, dass sie mich gefragt hat, ob das Kind tot wäre.“
Im ersten Zorn wollte Günter Overmans jetzt vortreten und der abscheulichen Person gründlich seine Meinung sagen, wollte sie sofort entlassen.
Aber schon in nächster Sekunde fand er das sehr töricht. Es hatte ja alles Zeit bis morgen, hier draussen durfte er keine Szene hervorrufen.
Wie eigen das nur war, dass er jetzt, ohne sich auch nur im geringsten den Kopf zerbrechen zu brauchen, einen Entlassungsgrund für die Nurse hatte.
Denn die Entlassung der Nurse spielte eine Hauptrolle in dem Plan Nelly Browns.
Er trat jetzt absichtlich laut auf, öffnete die Gartentür mit beinahe zu viel Geräusch.
Die zwei Klatschbasen fuhren auseinander, als hätte man einen Kübel kaltes Wasser über sie ausgeleert.
Günter Overmans fragte mit erzwungener Ruhe: „Weshalb sind Sie nicht bei Trautchen?“
Hedwig Ritter, die noch eben wie das verkörperte böse Gewissen dagestanden, war nach der Frage überzeugt, der eben nach Hause Gekommene hatte nichts gehört von dem, was nicht für sein Ohr bestimmt gewesen.
Sie erwiderte sehr liebenswürdig: „Die gnädige Frau wünschte ein wenig mit Trautchen allein zu bleiben und da ging ich noch ein Weilchen in den Garten. Doch nun will ich sofort zu dem Kinde, denn ich meine, die gnädige Frau sollte sich jetzt lieber zur Ruhe begeben, ihr Nerven sind zu sehr herunter. Ich sagte eben zu Frau Blümli, wie sehr mir die arme gnädige Frau leid tut.“
Beinahe hätte Günter Overmans ihr ein kräftiges: Pfui Teufel, Sie gemeine Lügnerin! ins Gesicht gerufen, doch er beherrschte sich wiederum und verschwand mit kurzem Gutenachtgruss.
Frau Blümli meinte etwas vertattert: „Mir scheint, er hat was von Ihrem Geschwätz gehört!“
Hedwig Ritter schüttelte den Kopf.
„Ausgeschlossen! Wenn er gehört hätte, was ich sagte, wäre er eben bestimmt nicht so ruhig gewesen.“
„Ich weisst nicht, ich weiss nicht, mir kam er nicht recht geheuer vor,“ brummelte die dicke Frau Blümli, die diese sehr gut zahlenden Kurgäste aus Stuttgart gern noch längere Zeit im Hause behalten hätte.
Die Nurse klopfte ihr gönnerhaft auf die Schulter.
„Keine Bange, Frau Blümli, wenn ich Ihnen versichere, er hat nichts gehört, dürfen Sie sich darauf verlassen, ich kenne meine Pappenheimer und bin eine gute Menschenkennerin.“
7. Kapitel.
Am Bett des Kindes sass Karola und hing ihren trüben Gedanken nach.
Nur eine kleine Nachttischlampe mit bläulichem Seidenschirm brannte und über das Gesichtchen der Kleinen lag es wie ein hellgrauer Schein.
Karola dachte, wie eine Tote sah das Kind aus und sie nahm sich vor, morgen einen kleinen roten Seidenschirm für das Lämpchen zu machen, damit die Wangen ihres Lieblings davon rosig würden, damit sie sich der Illusion hingeben konnte, die Gesundheit erblühe wieder auf den schmalen Kinderwangen.
Hedwig Ritter trat leise ein.
„Gnädige Frau, ich möchte gern ins Bett, darf ich also gnädige Frau bitten, zu gehn. Herr Overmans ist auch soeben nach Hause gekommen.“
Karola erhob sich zögernd, aber da die Nurse im Zimmer des Kindes schlief, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zu entfernen.
An so vieles hatte sie heute abend denken müssen und neue Hoffnungen hatte sie aufgebaut, denn sie wollte immer noch an ein Wunder glauben, darauf hoffen und warten.
Sie warf noch einen letzten, langen Blick auf das schlafende Kind und verliess dann den Raum mit einem leichten Kopfneigen gegen die Nurse.
Weshalb durfte sie nicht das Zimmer mit Trautchen teilen, nicht die ganze Nacht in ihrer Nähe sein?
Aber Lamprecht Overmans hatte bestimmt: Die Nurse muss bei dem Kind schlafen, sie ist als Pflegerin ausgebildet und dafür da, jederzeit dienstbereit zu sein!
Und was Lamprecht Overmans bestimmte, war so gut wie der Befehl eines Vorgesetzten.
Karola fand ihren Mann im Wohnzimmer in einem Korbstuhl sitzend.
Seine Stirn erhellte sich bei ihrem Anblick, in seinen Augen leuchtete es auf.
Sie sah ihn traurig an.
„Wie tot hat Trautchen jetzt wieder in ihrem Bett ausgesehen,“ klagte sie, noch immer unter dem starken Eindruck von vorhin, „aber weisst du, daran trägt nur der blöde blaue Seidenschirm die Schuld, der über dem Nachttischlämpchen liegt, morgen nähe ich einen leuchtend roten. Der rote Schein malt ihr dann rosige Bäckchen.“
Er sagte wie bittend: „Du wirst dich in deiner Angst um das Kind noch zugrunde richten. Denke doch, bitte, auch an mich und daran, dich für mich zu erhalten. Was soll denn werden, mein Lieb, wenn das Unglück, auf das wir doch vorbereitet sind, wirklich geschieht?“
Sie erwiderte seinen Blick voll Verzweiflung.
„Ach, ich nehme mir so oft vor, stark zu sein, schon deinetwegen, aber es gelingt mir doch nicht. Wenn das Unglück wirklich geschieht, ist alles gleich, dann mag werden, was will.“ Sie murmelte: „Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie wirr es in meinem Kopfe aussieht, aber die Angst vor deinem Vater ist doch das Schlimmste.“
Er erhob sich und nahm sie mit unendlicher Zärtlichkeit in die Arme.
„Glaubst du, Karola, dass ich dich über alles in der Welt liebe?“
Sie sah ihn nur stumm an, aber in ihrem Blick lag vollste Bejahung.
Er fragte weiter: „Glaubst du, ich würde dir jemals etwas raten, was nicht zu deinem Besten wäre?“
Sie bewegte verneinend den Kopf.
Er sagte nach längerem Zögern: „Der Doktor und ich wissen zwar keinen Rat, wie du um das Traurigste und Schmerzlichste, um Trautchens Tod herumkommst, aber wir wüssten einen Ausweg, dich von der Angst vor dem Vater zu befreien und zugleich endgültigen Frieden zwischen dir und ihm zu stiften. Es könnte sich dann noch alles gut zwischen euch beiden gestalten.“
Karola erwiderte mit zitternder Stimme: „Nie wird das geschehen, nie, wenn uns das Kind für immer verlässt. Er wird mich dafür hassen!“
Günter Overmans schien die Gelegenheit überaus günstig, Karola jetzt von dem Vorschlage Nelly Browns zu sprechen.
Er sagte leise: „Ich möchte dir gern davon reden, auf welche Weise sich zwischen meinem Vater und dir noch alles gut gestalten könnte.“
Ihr ungläubiges Gesicht liess ihn den Satz noch einmal etwas betonter wiederholen.
Er gab sie frei, schloss die Fenster und zog sie dann sanft mit sich zum Sofa.
„Aber leise, sehr leise müssen wir uns unterhalten, mein Lieb, niemand darf auch nur den Bruchteil eines Satzes auffangen.“
Sie schenkte ihm einen Blick, in dem sich ihre ganze Liebe zu ihm kundtat.
„Ich weiss, Günter, du gäbest wer weiss was dafür, mir helfen zu können. Was ihr euch aber auch ausgesonnen habt, der Doktor und du, ihr werdet bestimmt kein Mittel gefunden haben, deinen Vater günstiger gegen mich zu stimmen, ausser, wenn unser Kind so gesund wird, wie er es wünscht, und dann bedarf es auch keines besonderen Mittels mehr. Dann würde sich alles von selbst zum besten ändern.“
Ihr Mann rang mit sich. Sollte er es wagen oder nicht?
Er begann zögernd. „Wir dachten nämlich, der Doktor und ich, man müsste, falls Trautchen —“
Er stockte schon. Es war doch eigentlich schrecklich, immer von dem möglichen Sterben des Kindes zu reden.
Noch lebte und atmete es ja.
Gottlob, dass es noch lebte und atmete.
Noch durfte er immer wieder versuchen, die Fahne der Hoffnung aufzupflanzen.
Er sagte mit förmlicher Inbrunst: „Unser Trautchen muss gesund werden!“
Um ihre Lippen zuckte der Schmerz.
„Und wenn sie nicht gesund wird?“
„Dann muss mein Vater getäuscht werden, Karola, denn unsere ganze Zukunft hängt davon ab, bedenke das. Und vor allem dein Seelenfrieden. Erinnere dich, bitte, an die kleine Babette, die wir am Schluchsee trafen.“
Karolas Augen weiteten sich.
„Meinst du, wir könnten das Kind an Stelle Trautchens annehmen? Aber ich bitte dich, so etwas ginge doch gar nicht ohne deines Vaters Vorwissen und er müsste doch auch Trautchens Tod erfahren.“
Er bettete ihren Kopf an seine Brust.
„Geliebte kleine Frau, was wir dir vorschlagen, geht etwas weiter. Bitte, erschrick nicht.“
Er flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Sie legte ihm hastig die Hand auf den Mund.
„Ich soll mein totes Kind gegen die lebende Kleine umtauschen, damit nach Davos gehen, mindestens ein Jahr dort leben und dann mit dem falschen Trautchen nach Stuttgart zurückkehren? So etwas soll ich tun? Davon soll ich sprechen und darüber nachdenken, und mein Kind lebt noch! Günter, mein Kind, unser Kind, lebt noch, und du redest davon, als sei es schon gestorben. Das ist ja furchtbar! Und furchtbar ist die ganze Zumutung. Glaubst du, eine einzige Mutter auf der Welt würde ihr Kind auf diese Weise hergeben? Täte sie es, verdiente sie den Namen Mutter nicht. Günter, dem Doktor nehme ich den Vorschlag nicht einmal so übel, er hat sein eigenes Interesse im Auge, er meint es wahrscheinlich sogar gut mit uns, aber wenn er Trautchen noch so gern hat, sie bleibt für ihn immer nur ein kleines fremdes Mädel. Doch dir, Günter, habe ich nach diesem Vorschlag sehr viel zu verzeihen. Und ich tue es, weil ich weiss, nur durch deine Liebe zu mir konntest du dich soweit verirren.“
Günter Overmans streichelte ihre blassen Wangen.
„Wenn uns Trautchen erhalten bleibt, brauchen wir niemals wieder davon reden, wenn es aber anders kommt —“
„Und wenn es anders kommt,“ empörte sie sich, „so tausche ich doch mein Kind nicht um wie eine Ware!“
Er lächelte müde.
„Du hast wohl recht, mein Lieb, ganz recht, und ich bin ein miserabler Mensch, dir so etwas zuzumuten. Aber wenn das Glück gegen uns sein sollte, wenn Trautchen fort muss und mein Vater dich weiter, oder wie zu erwarten ist, noch mehr quält, dann kann und darf ich nicht mehr untätig zusehen, dann lasse ich es darauf ankommen und wenn er uns die Wege weist.“
Sie erwiderte ernst: „Auch ich bin sehr, sehr glücklich durch dich, Günter, aber, bitte, erwähne das nie mehr, was du mir vorhin unterbreitet hast.“
Sie sah ihn bewegt an.
„Ich bin im Grunde ein eitles Ding, ich gebe das ehrlich zu. Aber mein totes Kindchen gäbe ich nicht her, um mir damit ein reiches, sorgloses Leben zu erkaufen.“
Er küsste sie innig.
„Noch einmal, mein Lieb, verzeihe, dass ich dir vorschlug, was jene Frau dem Doktor vorgeschlagen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ein toller und sonderbarer Vorschlag ist es, und handelte es sich nicht um mein eigenes geliebtes Kind, fände ich das Gaukelspiel, das die alte Tänzerin ausgesonnen, fast lächerlich.“
Sie beendete das Thema.
„Etwas anderes möchte ich noch mit dir besprechen, Günter. Ich las nämlich heute ganz zufällig in einer Freiburger Zeitung von einer namhaften Kinderärztin dort. Es war ein kurzes Feuilleton über sie. Man brächte kranke Kinder aus aller Herren Länder zu ihr, um ihr Urteil zu erfragen, hiess es. Und ich möchte nun gern, dass sie unser Trautchen untersucht.“
„Das ist eine gute Idee,“ lobte er, „wir wollen darüber morgen früh mit dem Doktor reden.“
Am nächsten Morgen traf er Just Frank, der schon von einer seiner Frühpromenaden zurückkehrte, in der Nähe des Hauses, und erzählte ihm gleich von der Freiburger Aerztin.
Der Doktor war sofort bereit dazu, das Urteil der Aerztin anzurufen.
„Ich begreife nur nicht, dass ich noch nicht selbst daran gedacht habe,“ verwunderte er sich nachdenklich, „Frau Dr. Lütteritz ist ja eine Berühmtheit in unserem Vaterlande. Sie soll eine riesige Praxis haben, die selbst den Neid der Gerechten erregt, hörte ich.“
Er sah Günter Overmans fragend an.
„Haben Sie Ihrer Gattin in der betreffenden Angelegenheit schon eine Andeutung gemacht?“
Der Gefragte nickte.
„Ja, schon gestern abend, die Gelegenheit war gerade günstig. Aber meine Frau erklärte mir, niemals würde sie einwilligen, niemals — und seien wir ehrlich, Herr Doktor, unnatürlich wäre es, wenn sie anders dächte. Ich jedenfalls schäme mich, auch nur ein paar Stunden lang anders gedacht zu haben.“
Just Frank kniff ein wenig die Lippen ein, aber er wagte dem festen Ton gegenüber nicht das bescheidenste Wörtchen einer Erwiderung.
Günter Overmans fasste den Doktor unter, ging mit ihm auf und ab vor der Gartentür, und erzählte ihm nun, was er gestern abend noch zufällig belauscht, dass er aber seiner Frau davon noch keine Mitteilung gemacht, weil er fürchtete, sie aufzuregen und weil auch so rasch kein Ersatz für die bösmäulige Nurse zu verschaffen war.
Der Doktor widersprach.
„Sie dürfen das Frauenzimmer keinen Tag länger in der Nähe Ihrer Gattin dulden, von der sie so geringschätzend spricht.“
Karola war eben aus der Gartentür auf die Strasse getreten und hatte den Satz aufgefangen. Als die Herren gerade Kehrt machten, stand sie vor ihnen und fragte, den Doktor dabei ansehend: „Wen darf mein Mann nicht länger in meiner Nähe dulden, wer spricht geringschätzend von mir?“
Günter Overmans erschrak über Karolas unvermutetes Erscheinen, aber was blieb ihm jetzt weiter übrig, als ihr die Wahrheit zu sagen, wenn auch in etwas zarterer Form.
„Rausschmeissen! Ganz energisch rausschmeissen!“ riet Just Frank. Und sich an Karola wendend, meinte er: „Ich glaube, Sie werden auch allein mit der Pflege des Kindes fertig, gnädige Frau, wenigstens für einige Tage. Zugleich rate ich Ihnen, Ihre Zelte hier abzubrechen, da auch die Vermieterin hier sich nicht sehr taktvoll benommen hat. Sie durfte das Geklatsche der Ritter gar nicht anhören. Ich schlage vor, so bald wie möglich mit dem Kind nach Davos überzusiedeln und in Freiburg Station zu machen, um die Kinderärztin Dr. Lütteritz zu besuchen.“
Karola nickte. „Ja, Herr Doktor, so soll es sein! Im übrigen bin ich glücklich, wenn ich mich mehr um Trautchen kümmern darf, und nicht immer seitab zu stehen brauche, als sei ich von der Nurse nur aus Gnade und Barmherzigkeit zugelassen.“
„Also ist ja alles in bester Ordnung,“ meinte Just Frank, „und nun los, gehen wir der Ritter gleich zu Leibe, dann haben Sie den unangenehmen Fall wenigstens bald hinter sich.“
Sie betraten alle drei das Haus gemeinsam und betraten gemeinsam die Stube, die der Nurse und dem Kind als Schlafzimmer diente.
Es war darin schon tadellos aufgeräumt und die Fenster standen weit offen, um die köstliche Morgenluft einzulassen.
Trautchen hatte heute ihren schlechten Tag, sie lag im Bett und ihr blasses Gesichtchen hob sich gar so fahl ab von der schneeigen Weisse des Kopfkissens.
Karola nahm sofort neben dem Lager Platz, redete leise und zärtlich mit dem Kinde. Den Gruss Hedwig Ritters hatte sie ebenso überhört, wie ihn die beiden Herren überhört hatten.
Die Nurse riss die Augen auf, sie begriff nicht, dass man es wagte, sie unhöflich zu behandeln, denn sie fühlte sich durch die Protektion Lamprecht Overmans als äusserst wichtige Person.
Was wollte man nur von ihr?
Der Doktor sah geradezu tückisch aus, fand sie.
Sie blieb nicht lange im unklaren darüber, was man von ihr wollte.
Günter Overmans trat ziemlich dicht an sie heran.
„Fräulein Ritter, ich empfehle Ihnen, sich eine andere Stellung zu suchen, jedenfalls sind Sie von dieser Stunde an entlassen. Sie werden sich wahrscheinlich noch an Ihre Unterhaltung mit Frau Blümli, unserer Wirtin, vom gestrigen Abend erinnern. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, mitanzuhören, in welchem verletzenden Tone Sie von meiner Frau sprachen. Das ist der Entlassungsgrund. Mit dem Kind haben Sie gar nichts mehr zu tun, und im übrigen werde ich Ihnen das Gehalt für die nächsten drei Monate als Entschädigung für die sofortige Entlassung zahlen.“
Hedwig Ritter war bei den ersten Worten, die sie über den Kündigungsgrund aufklärten, zusammengezuckt.
Sie hätte sich selbst ohrfeigen mögen für ihre Unvorsichtigkeit von gestern abend.
Ihre schräg stehenden Augen glimmten ihn an wie die Augen einer tückischen Katze, und die Lippen aufwerfend, hielt sie ihm entgegen: „Ich bin von Herrn Overmans senior engagiert worden und kann nur von ihm entlassen werden.“
„Trautchen ist mein Kind, und mein Vater würde sich in so einem Fall, wie Sie ihn durch Ihre Dreistigkeit geschaffen, bestimmt nicht für Sie verwenden.“
„Nein, ganz bestimmt nicht,“ sekundierte ihm Just Frank und er warf Hedwig Ritter einen herausfordernden Blick dabei zu.
Sie lachte kurz und spöttisch auf.
„Tanzen Sie nur immer mit ums goldene Kalb, Herr Doktor, machen Sie sich beliebt bei den Overmans, allzu lange wird das Vergnügen sowieso nicht mehr dauern. Denn wenn Sie die Wunderkur nicht zustande bringen, die Herr Overmans senior von Ihnen erwartet, sind Sie ja doch nicht viel mehr als der liebe Niemand, dann ist die Leiter umgeplumpst für immer, auf der Sie sich schon ganz hoch oben gesehen als bekannter Stuttgarter Arzt.“
Sie wandte sich Günter Overmans zu.
„Wann kann ich mein Geld erhalten?“
„Sofort!“ gab er zurück.
„Schön! Und damit Sie Bescheid wissen: Ich fahre von hier aus nach Stuttgart und beschwere mich,“ trumpfte sie auf.
Er sagte erregt: „Am liebsten möchte ich Sie hinauswerfen, aber ich befinde mich nicht in meinem eigenen Hause.“
Hedwig Ritter erwiderte scharf: „Nein, Sie befinden sich hier nicht in Ihrem eigenen Hause, aber in Stuttgart ist es doch um kein Jota anders. Die Villa am Herdweg gehört Ihrem Vater, und ob er Ihnen und Ihrer Frau, wenn Sie ohne das Kind ankommen, auch nur noch das Wohnrecht darin lässt, ist sehr zweifelhaft.“
„Was wagen Sie, Unverschämte!“ schrie sie Günter Overmans an.
Sie war zwar ein paar Schritte zurückgewichen, aber sie hatte noch die Stirn, zu antworten: „Ich wage es, die Wahrheit zu sagen. Und wenn Sie von Bad zu Bad, von Kurort zu Kurort ziehen mit dem Kind, und wenn Sie ausser Dr. Frank noch ein paar Hof- und Leibärzte mitschleifen auf Kosten des millionenschweren Vaters, so erreichen Sie doch nichts, etwas früher oder später gibt es keine Traute Overmans mehr.“
Karola nahm sich in Gegenwart des Kindes mit äusserster Kraft zusammen, aber sehr schwer, unendlich schwer wurde ihr die erquälte ruhige Haltung.
Es hatte entsetzlich grausam und herzlos geklungen: Etwas früher oder später gibt es keine Traute Overmans mehr!
Auch Günter musste sich zusammenreissen, sonst wäre er mit geballten Fäusten auf die hämisch Dreinblickende zugestürzt.
Das Kind aber blickte mit müden, teilnahmelosen Augen von einem zum anderen, weil alle so böse Gesichter machten.
Günter Overmans holte seine Brieftasche hervor und zählte mehrere Scheine ab.
„Hier ist Ihr Gehalt für diesen Monat und die drei nächsten Monate.“
Sie nahm das Geld, stopfte es nach sorgfältigem Durchzählen in die Tasche ihres braunen faltigen Rockes.
Günter Overmans befahl: „Und jetzt fort mit Ihnen! Das Postauto fährt in ein und einer halben Stunde hinunter an den Bahnhof Titisee. Sie können noch bequem packen und es erreichen.“
Hedwig Ritter sagte dreist: „Ein Zeugnis verlange ich auch!“
Günter Overmans neigte zustimmend den Kopf.
„Natürlich können Sie ein Zeugnis von mir erhalten. Vorausgesetzt, es liegt Ihnen daran, sich durch meine Unterschrift bestätigen zu lassen, dass Sie eine Heuchlerin und gemeine Person sind!“
Sie fauchte förmlich vor Wut.
„Gut, ich verzichte auf Ihr Zeugnis, aber denken Sie daran, noch ist nicht aller Tage Abend, und Ihr Püppchen da wird sich ja wohl in Kürze von Ihrem Vater noch ganz andere Dinge sagen lassen müssen, wie ich jetzt von Ihnen.“
Sie zeigte ungeniert mit dem Finger auf Karola.
Nun ging sie zur Tür.
„Ich will meinen Koffer vom Flur holen und dann ersuche ich Sie, das Zimmer zu verlassen, bis ich gepackt und mich umgekleidet habe.“
Karola nahm das Kind aus den Kissen.
„Du darfst in Muttis Bett weiter ausruhen, mein Herzchen.“
Die Kleine lächelte matt und drückte sich eng in die schützenden Mutterarme.
Hedwig Ritter stand an der weitgeöffneten Tür und liess die drei an sich vorbeigehen.
Ihre Augen sprühten Wut, als sie erregt rief: „Vielleicht kommt einmal im Leben eine Gelegenheit, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen für den heutigen Tag, der Zufall spielt ja oft wunderlich!“
Das Ehepaar tat, als höre es gar nichts, Just Frank aber lachte ihr ins Gesicht: „Leben Sie wohl, Sie Sanftmütigste, Sie Perle aller Kinderpflegerinnen!“
Die Nurse trat ins Zimmer zurück und warf die Tür ins Schloss, dass Frau Blümli entsetzt aus der Küche gelaufen kam. Aber sie begriff rasch, um was es sich handelte.
Erstens tat das sonst so freundliche junge Ehepaar sehr zurückhaltend und zweitens teilte ihr Günter Overmans mit, man würde morgen bereits abreisen.
Sie tappte erschreckt in die Küche zurück und dachte reumütig an den gestrigen Abend.
Als sich Hedwig Ritter von ihr verabschieden wollte, wickelte sie ihre Hände fest in die Schürze und über die Schulter weg schimpfte sie: „Machen Sie nur, dass Sie fortkommen, ich dank’s Ihnen bestimmt nicht, dass Sie mir die besten Gäste, die ich seit langem gehabt, zum Hause hinausgescheucht haben. Sie Babbelliese!“
Da wandte sich die Nurse, aber die gleichmütige Miene, die sie aufsteckte, war erheuchelt, denn der Zorn erstickte sie fast.
Pulsuz fraqment bitdi.