Kitabı oxu: «Mausi»
Anny von Panhuys
Mausi
Roman
Saga
Mausi
© 1923 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570463
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Wenn des blauen Himmels
helle Sternenpracht
sich im Neckar spiegelt:
Nimm dein Herz in acht,
süsses Mädel!
Wenn im Neckartale
mit dir scherzt und lacht
fröhlich ein Vandale:
Nimm dein Herz in acht,
süsses Mädel!
Wenn Studenten singen
durch die Vollmondnacht,
und die Gläser klingen!
Nimm dein Herz in acht,
süsses Mädel!
Doch es gilt das Fromme:
„Nimm dein Herz in acht!“
nie, wenn ich mal komme.
Dann heisst’s:
„Aufgemacht, süsses Mädel!“
I.
Frau Reinhard rief mit lauter und derb klingender Stimme: „Mausi!“
Sie sass mit ihrem Manne bereits am Kaffeetisch und nachdem sie noch einmal „Mausi“ gerufen, sagte sie grollend:
„Aus dem Mädchen wird niemals eine gute Hausfrau werden. Statt den Tisch zu decken, sich nützlich zu machen, hockt sie sicher wieder draussen am Neckar und guckt den langweiligen Schleppkähnen nach, die hier vorbeikommen. Nein, im ganzen Leben wird Mausi keine gute Hausfrau!“ wiederholte sie.
Ein lauter Seufzer folgte und das volle Gesicht Frau Lina Reinhards sah sehr trübe dabei aus.
Ihr Mann antwortete nicht. In seinem Herzen aber klang es: Der Himmel möge geben, dass sein einziges Kind, sein liebes, süsses Mädelchen keine Hausfrau im Sinne seiner Gattin werden möchte.
Er wusste, wie sehr man oft unter den Vorzügen einer sogenannten guten Hausfrau leiden konnte. Ueber Poesie und Ideale hatte seine Frau mit Besen und Scheuertuch weggeputzt. Was ihm geblieben, war ein schäbiger Rest, ein wehes Erinnern an Jugendträume, ein kleines Hoffen, dass Mausi, seine Mausi vielleicht ein wenig Erfüllung dessen fand, was ihm das Leben schuldig geblieben.
Seine Frau meinte allerdings, er könnte mit dem, was er erreicht, zufrieden sein, denn „Baumeister“ war ein Titel, der Wichtigkeit und Würde verlieh.
Einst hatte er davon geträumt, ein Erster im Reiche der Baukunst zu werden. Kirchen und Paläste hatte seine Phantasie gesehen, die Kathedrale zu Burgos, der Dom zu Florenz, die kolossalen Prachtbauten Roms befruchteten sein Hirn und alles, alles verwehte und zerstob, sank in Trümmer, ehe noch ein Teilchen davon Wirklichkeit geworden, als er die schöne Lina Manroth freite.
Ein leichter Seitenblick streifte die Frau, die ihm eben Kaffee einschenkte.
War sie wirklich einmal so schön und reizvoll, dass er darüber alles vergass? Dass er darüber den Träumen seiner Jugend untreu ward und hier unterkroch als Baumeister, weil ihm seinerzeit hier in der Heidelberger Gegend gute Existenzmöglichkeit vorhanden zu sein schien. Längst war er sesshaft geworden, seit zwanzig Jahren. Er, der frei bleiben wollte, der frei schaffen wollte, dem die ganze Welt Heimat sein sollte.
Lina Manroth war gross und edel von Gestalt, ihr Gesicht von klassischer Reinheit gewesen, ihr Aeusseres musste jeden Künstler begeistern. Heute war sie dick und behäbig. Die Gestalt war breit geworden, die Züge verschwommen, und darüber lag der Ausdruck gediegen bürgerlicher Selbstzufriedenheit.
Reinhard nahm sich ein Brötchen und dachte, dass die Natur eigentlich sehr unvollkommen war. Menschen, die wie Lina Manroth ausgesehen, durften nicht alltäglich denken, sich nicht im Aeusseren zu Alltagsfrauen wandeln. Die Natur machte zuweilen Missgriffe oder böse Scherze. — Eben öffnete sich die Tür und im weitgeöffneten Rahmen, den jetzt goldener Sonnenglanz füllte, stand ein feines Persönchen, stand Maria Reinhard, von allen, die sie kannten, Mausi genannt, denn Maria passte nicht recht zu ihr, lag wie ein zu schweres und weites Gewand um sie herum.
Schlank war Mausi, o, so schlank, und das unregelmässige Gesichtchen war von bezauberndem Reiz. Weisse Zähnchen blinkten, grosse, blaue Augen strahlten, und um das schmale Köpfchen legte sich weichwellig, matt glänzend, hellbraunes Haar, bauschte sich in weichem Bogen über der weissen geraden Stirn, berührte in kosenden willkürlichen Löckchen die strichfeinen tiefdunklen Brauen.
„Aber Mausi, wo bleibst du nur? Was ist das für eine Art, uns warten zu lassen,“ grollte Frau Reinhard.
Mausi lächelte abwesend.
„Ach, Mutti, drei grosse Kähne fuhren neckaraufwärts und ich dachte, wie eigen es doch sein muss, auf so einem immer weiter ziehenden Heim zu leben. Ich denke es mir wundervoll, Tag für Tag auf dem Kahn zu sitzen und die Ufer langsam an mir vorbeigleiten zu lassen, alle die Häuser und Menschen. Wie wunderschöne heilige Sehnsucht muss das sein, wie immerwährende Sehnsucht. — Man träumt, was in den Uferhäusern vielleicht für Leid und Freude ist, und glaubt, dass in einem davon möglicherweise das Glück wohnt, das auf einen wartet. Aber man zieht weiter, muss immer weiter, träumt in den Himmel, sehnt sich nach Glück, und ist doch glücklich, weil Sehnsucht, tiefe Sehnsucht eigentlich schon Glück ist.“
Langsam und weich hatte das junge Mädchen gesprochen und ein Leuchten lag in den grossen blauen Augensternen.
Frau Reinhard schüttelte heftig und ärgerlich den Kopf.
„Nun trink erst mal Kaffee, Kind, und lass den dummen Schnickschnack, sonst meine ich, du bist nicht recht bei Troste. Schönes Leben, auf so einem armseligen Kahn herumzufahren durch eintönige Flüsse und schmale Kanäle. Das zweifelhafte Vergnügen würde dir bald über werden.“
Mausi schloss die Tür und setzte sich an den Tisch. Ihr gesunder junger Appetit liess es sich gut schmecken.
Sie lächelte ab und zu den Vater an, nickte ihm auch einmal heimlich zu, denn sie wusste, der Vater verstand sie ganz.
Frau Reinhard musterte die Tochter mit leichter Missbilligung.
Sie liebte das zarte, feine Dingelchen, wie eine brave Entenmutter vielleicht ein Schwänchen liebt, das sie ausgebrütet, ohne seine Art zu verstehen, sie liebte Mausi mit einem leichten Misstrauen, zerbrach sich zuweilen den Kopf, wie sie, die man in ihrer Jugend „Walküre“ und „Brünhilde“ genannt, zu diesem hauchfeinen Elfenprinzesschen gekommen.
Und wenn sie ihr auch viel nachsah, so zottelhaarig brauchte Mausi doch nicht herumzulaufen. Mit siebzehn Jahren ist man doch schliesslich kein Kind mehr.
„Mausi, du musst dein Haar noch einmal gründlich machen, ehe du zu Rohmers gehst,“ ermahnte sie.
Mausi nickte. „Natürlich, Mutti, sollst deine helle Freude haben. Ich tue Wasser auf Bürste und Kamm, dann sehe ich so ehrpusselig aus, dass ich mich selbst nicht wiedererkenne. Ungefähr so wie Klara Rohmer.“ Sie kicherte.
„Klara Rohmer sollte dir ein Vorbild sein, sie ist eins der bravsten und liebenswürdigsten Mädchen Heidelbergs,“ erwiderte Frau Reinhard betont, „sie ist wirtschaftlich eine Perle, und der Mann, den sie einmal heiratet, hat den Himmel auf Erden.“ Sie sah den Gatten an. „Es ist das Beste und wertvollste für jeden Mann, eine gute Hausfrau zur Seite zu haben.“ Ihr Blick ging zu der Tochter. „Eine gute Hausfrau zu werden, danach müsste jedes junge Mädchen streben. Aber du trippelst in die Küche, als solltest du zur Schlachtbank geführt werden, und deine Handarbeiten machst du immer nur halb fertig.“
Sie erhob sich, ging im Zimmer herum, blieb dann vor ihrem Manne stehen.
„Erwin, du bist der Vater, und Vatersein legt Pflichten auf. Ich werde mit Maria nicht fertig, sie hört nicht auf mich. Mach du ihr, bitte, klar, dass es die höchste Zeit für sie ist, sich auf ihren zukünftigen Frauenberuf vorzubereiten, denn Baumeister Reinhards Tochter will doch sicher keine alte Jungfer bleiben.“
Mausi war bei dem Namen „Maria“ zusammengezuckt. Uijeh, wenn die Mutter sie Maria nannte, war sie immer ehrlich unzufrieden mit ihr.
Der Baumeister blinzelte. Ach du lieber Himmel, er hatte gerade Lust, seinem Mädelchen eine Predigt über die Vorzüge einer zukünftigen guten Hausfrau zu halten, er, der an der guten Hausfrau litt wie an einer Krankheit.
„Mach ihr einmal den Standpunkt klar,“ drängte Frau Lina, „ich muss jetzt in die Küche.“
Wichtig und ganz Würde ging sie zur Tür, nickte von dorther ihrem Mann noch einmal zu: „Mit ihren jetzigen Eigenschaften kann Maria nie heiraten.“
Die Tür schloss sich hinter ihr.
Ein paar Augenblicke lang blickten sich Vater und Tochter stumm an, keiner wagte zu sprechen, ehe draussen auf dem Seitenflur die kräftigen Schritte Frau Linas verklungen waren. Dann aber sprang Mausi auf und mit einem kurzen Hinüberschnellen des feinen Körpers sass sie wie ein Kind auf des Vaters Knien. Wie ein Kindchen sass sie da, umschlang Vaters Hals, schmiegte sich eng an ihn.
„So, Väterchen, nun beginne, kanzele mich ab, sage mir alle die Wichtigkeiten, die Mutter von dir gesagt zu haben wünscht. Vielleicht ist doch noch nicht Hopfen und Malz an mir verloren.“
Schelmisch lachte sie zu ihm auf.
Auch der Mann lächelte, aber ganz anders, ganz anders als die Tochter. Wehmut lag auf dem Grunde dieses Lächelns.
„Liebste kleine Mausi, wozu reden, wir beide wissen ja, woran wir miteinander sind. Vielleicht ist’s nicht recht von mir, so völlig auf deiner Seite zu stehen, aber mir graut davor, dein Wesen mit der Schere des Zwanges zu beschneiden. Du steckst voll Sehnsucht bis oben und ich soll diese Sehnsucht von dir nehmen und dir erklären: Lerne einwecken und einen knusprigen Sonntagsbraten machen, sticke Tischläufer und rege dich über tausend kleine Alltäglichkeiten auf. Nein, nein, ich vermag das nicht.“ Er löste Mausis Arme von seinem Hals, nahm ihr Gesichtchen in beide Hände. „Kind, ich wäre der unglücklichste Mensch auf der Welt, wenn ich wüsste, dein Wohl und Wehe hinge davon ab, eine tüchtige Hausfrau zu werden. Aber ich meine, wo es nun mal nicht darin liegt, hat kein Zwang Sinn. Wenn du einmal einen Mann lieben wirst, dann lernst du rasch, was dir noch mangelt, um ihm das Heim froh und gemütlich zu machen. Ich habe vielfach gefunden, gerade Frauen, die als junge Mädchen nicht besonders küchensicher waren, wurden die besten Hausfrauen. Nur nicht in Küchentopf und Scheuereimer das Höchste im Leben sehen.“
„Wie Mutter,“ flüsterte Mausi ganz leise.
Erwin Reinhard nickte. „Ja, Kind, wie Mutter. Sieh, Hausfrauen wie Mutter gelten bei ihren Mitschwestern etwas, und ich kann mir nicht helfen, so gerne ich gut esse und in einer sauberen Wohnung hause, zuweilen denke ich, lieber manchmal eine angebrannte Suppe, ein Stäubchen auf den Möbeln, als soviel Nüchternheit.“
Mausis Augen glitzerten verdächtig. Sie wusste genau, wo den Vater der Schuh drückte, ahnte, dass sein Ehrgeiz das Fliegen verlernt, weil die Mutter ihn eingezwängt in die enge Kiste ihrer selbstzufriedenen Hausfrauentugenden. Ihr liebes, gutes Väterchen wollte einmal ein grosser Baumeister werden und sass nun fest an eine enge Scholle gebannt, beratschlagte mit den Stadtvätern vieler kleiner Nester neckarauf- und neckarabwärts, ob man die alte Schule umbauen solle und ob das Stückchen Garten, das beim Krämer bis auf die halbe Strasse vorsprang, von der Gemeinde mit Zwang zu beanspruchen wäre.
Wein, edlen Wein hatte Väterchen trinken wollen, Zuckerwasser hatte ihm das Leben gereicht, abgestandenes Zuckerwasser.
Sie küsste den Vater mit hingebender Zärtlichkeit.
„Ich bin froh, von dir nicht auch so geplagt zu werden wie von der Mutter. Ach, ich lese so gern, ich träume so gern, mein Klavier liebe ich und die bunten Farben, mit denen ich male. Ich liebe meine Stimme, weil ich so gern singe, und wenn ich ins Theater gehe, erlebe ich alles mit und bin die Heldin all der Stücke, die ich sehe. Dazu liebe ich meine Verse, denn wenn ich übervoll von Sehnsucht bin, dann fliessen sie mir ganz von selbst aufs Papier.“ Sie lächelte. „Ich bin eben so ein recht überflüssiges Ding, dilettiere in allen Künsten herum und beherrsche keine.“
Reinhard schüttelte leicht den Kopf.
„Du bist noch jung, Mausi, kannst noch Ziele erreichen, nimm eine Kunst ernst, dann wird der Lohn nicht ausbleiben. Talent hast du fast zu allem, Kind.“
Mausi sprang auf und lachte hell und zündend.
„Also bin ich in deinen Augen ein weiblicher Michelangelo.“ Sie sah an sich nieder: „Zwergkönigin Mausi als weiblicher Michelangelo, ein guter Witz.“ Sie wurde gleich wieder ernst. „Weisst du, Vater, am liebsten möchte ich Schauspielerin werden, das lockt mich gewaltig, aber Mutter gibt das niemals zu, und vielleicht ist meine Figur auch ungeeignet. Und so werde ich wohl, wie alle meine früheren Mitschülerinnen, daheim hübsch brav auf den Mann warten müssen. Ach, du, Vater, ich halte es zuweilen gar nicht mehr aus in dieser viereckig abgezirkelten Langweile unseres Bekanntenkreises.“ Sie seufzte. „Jetzt muss ich zu Klara Rohmer, sie hat mich zu sich gebeten, will mit mir eine Ueberraschung zum Geburtstag ihrer Mutter besprechen.“ Sie nahm des Mannes Hand. „Auf Wiedersehen, Väterchen!“
Schon war sie hinaus und pfeifend wie ein Bub stürmte sie die Treppe hinauf, um sich in ihrem Zimmerchen zum Ausgang zurechtzumachen.
Erwin Reinhard blieb versonnen zurück. Welch ein quirliges, buntschimmerndes Falterchen war seine Tochter, steckte voll Traum und Phantasie bis oben und stiess sich mit ihrer Sehnsucht vielleicht einmal an den engen Schranken ihrer Umwelt wund und müde wie er.
Eben verliess sie das Haus, in leichtem Tanzschritt war sie über den Flur gehüpft.
Er trat ans Fenster, blickte ihr nach.
Wie wunderfein war doch sein Mädelchen! Das lichtblaue Kleid mit der weissen Rankenstickerei stand ihr gut und das einfache Matrosenhütchen gab dem ganzen zierlichen Persönchen einen kecken, unternehmenden Anstrich. Die hellbraunen Löckchen wehten im leichten Sommerwind. Beschwingt und rasch war ihr Fuss.
Ein Schleppkahn kam schwerfällig heraufgefahren, ein rauhhaariger Hund stand an der Achterseite und bellte. Eine Frau hing Wäsche zum Trocknen auf.
Reinhard sah sein Mädelchen stehen bleiben, der Frau auf dem Kahn zuwinken.
Die Frau achtete gar nicht darauf, nur der Hund bellte bösartiger.
Reinhard lächelte. Was wusste die verarbeitete Schiffersfrau, was der kläffende Köter von den Sehnsüchten Mausis.
II.
Baumeister Reinhards kleines Häuschen lag im Stadtteil Neuenheim, jenseits des Neckars am Hang des Heiligenberges, und Mausi wanderte leichten Schrittes am Ufer entlang bis zur alten Brücke. Mitten drauf blieb sie stehen, sah zurück und dann vor sich, und am liebsten hätte sie die Arme weit ausgebreitet, um den ganzen wonnigen Zauber des Sonnentages, der über der herrlichen Landschaft lag, in ihre Arme zu pressen.
Sie lächelte. Ihre kurzen, schmalen Mausiarme konnten nicht viel umfassen, aber ihre schönheitsdürstenden Augen vermochten das bezaubernde Bild, das sich ihr bot, voll und tief in sich aufzunehmen.
Sie ging langsam weiter und verweilte dann vor dem prachtvollen Standbild des Kurfürsten Karl Theodor, der die schöne Brücke erschaffen liess. Im Fürstenmantel, die Hand, die eine Rolle hält, herrisch und befehlend ausgestreckt, steht die mächtige Gestalt Karl Theodors da und sein Blick, sein lebendig scheinender Blick grüsst das Schloss der Ahnen.
Zwei Studenten kamen Mausi entgegen, sie trugen die weissen Stürmer der Saxo-Borussen. Sonst war niemand weit und breit zu sehen. Der eine Student sang leise und doch klar verständlich vor sich hin:
Alt-Heidelberg, du feine,
Du Stadt an Ehren reich,
Am Neckar und am Rheine
Kein’ andere kommt dir gleich.
Sie schienen beide in gehobener Stimmung und lächelten dem anmutigen frischen Mädchen zu, das da mitten auf der Brücke stand und verzückt zu der mächtigen Gestalt des einst so lebenslustigen Kurfürsten emporschaute.
Sie machten Halt vor Mausi und der Schlankere trat noch um einen Schritt näher an sie heran und neckisch sang er:
Stadt fröhlicher Gesellen,
An Weisheit schwer und Wein,
Klar ziehen des Stromes Wellen
Blauäuglein blitzen drein.
Er grüsste. Doch der Gruss war fast ein bisschen zu tief, um ernst gemeint zu sein. Eine weiche Männerstimme sagte leise: „Süsses Kind, Sie haben die schönsten Blauäuglein, die ich bisher gesehen. Mein Herz ist zur Zeit frei, so ein berückendes Liliputchen wäre die rechte Einquartierung.“
Mausi musste sich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen, so komisch fand sie den flotten Saxo-Borussen. Aber ihr fiel ein, dass eine wohlerzogene junge Dame sich anders benehmen muss. Und so gab sie denn gar keine Antwort, sondern schlüpfte in weitem Bogen an den zweien vorbei, ging dann starr und steif, ganz eingezwängt in ihre solide Höhere-Töchter-Schulbildung und die diversen mütterlichen Ermahnungen schnell weiter, dem Heidelberger Ufer entgegen.
Aber das Gesicht des Kecken ging mit ihr. Seine hohe Gestalt schien sich an ihrer Seite zu halten.
Hübsch war der Saxo-Borusse und männlich, sie konnte sich nicht erinnern, ihm schon jemals in Heidelberg begegnet zu sein Aber sie kam ja auch nicht allzuviel fort. Sicher war er Student im älteren Semester, ebenso wie sein Begleiter. Rassige Züge hatten beide gehabt.
Nun, beim Korps der Saxo-Borussen waren die Söhne der vornehmsten Familien.
Die beiden Studenten waren auch weitergegangen in der Richtung, aus der Mausi gekommen, und der grössere von ihnen blieb noch mehrmals stehen, wandte sich, musste aber erkennen, dass die Zierliche, Wunderfeine sich nicht ein einziges Mal umwandte.
„Ein süsser Fratz, nicht wahr?“
Der um einen halben Kopf kleinere Begleiter lächelte leicht.
„Ja, ein niedliches Ding, aber für meinen Geschmack zu winzig, die kleine Dame.“
Der andere antwortete nicht und er sann, wer wohl das braunlockige Mädelchen sein mochte, das liebliche Menschenkind war ihm noch niemals aufgefallen, und er pflegte hübsche junge Mädchen sehr genau zu betrachten. Möglich, dass sie hier fremd war, vielleicht auf Besuch hier weilte.
Sein Begleiter blickte ihn von der Seite an, riss ihn aus seinem Nachdenken:
„Franz-Ferdinand, lieber Vetter und Korpsbruder, muss ich dich daran erinnern, dass für unsereiner, nicht jede hübsche Blume blüht? Heute weniger als früher, denn ob wir arbeiten und lernen wie die bürgerlichsten Bürger, das Misstrauen umschnuppert uns ständig. Wenn irgendein leichtsinniger Student einem Mädel von Liebe spricht und es dann verlässt, findet keiner was dabei. Es ist eben eine alte Geschichte! Unsereiner soll aber gleich mit dem Trauring antreten, sonst heisst’s: Natürlich wieder so’n Junker!“ — Er lachte: „Gib dein Herz leichten Weibern oder heb es auf für die künftige Gemahlin, Franz Ferdinand.“
Der grössere seufzte, dann lachte er:
„Hast recht, Ulrich, doch nun voran, sonst kommen wir zu spät nach Handschuhsheim zum Schoppen.“
Er schob seinen Arm in den des Vetters. Die Augen in dem gebräunten Antlitz, dessen Wange ein paar scharfe Narben zeigte, blitzten jung und froh.
„Ach, Ulrich, die Zeit hat sich allerdings für Menschen wie wir beide riesig geändert. Aber ich denke nicht allzuviel darüber nach. Jetzt will ich die kurzen Studentenjahre ausnützen bis zum Schluss, will bis dahin vergessen, dass irgendwo ein altes Schloss liegt, in dem mein alter Herr und meine alte Dame der neuen Zeit gründlich grollen, und will bis dahin vergessen, dass ein kleines Thrönchen umstürzte, auf dem ich einmal sitzen sollte, und ein Krönlein zu Boden fiel, das ich einmal tragen sollte.“
Der andere nickte ernst:
„Ja, Franz-Ferdinand, wollen sie nützen, die Studentenjahre — fröhlich und arbeitsfroh. Um uns liegen Trümmer, aber unsere Füsse sind noch jung, wir steigen darüber hinweg, unsere Arme sind kräftig, wir bauen neu auf.“
Mausi hatte längst die Brücke überschritten und eilte sich nun ein wenig, um zu Klara Rohmer zu kommen, die am Kornmarkt wohnte. Sie ging am Holländerhof vorbei, an dem alten Haus, das ehedem im 16. Jahrhundert Heidelbergs einzige öffentliche Schule gewesen, und bog dann, einem plötzlichen Impulse folgend, in die enge alte Haspelgasse ein, machte Halt vor einem der kleinsten Häuschen dort, das blendend weiss getüncht, blitzblanke Scheiben zeigte und sich dadurch vorteilhaft von seiner verwitterten Umgebung abhob.
Klara Rohmer mochte warten! Sie verspürte jetzt nicht die mindeste Lust nach einer Plauderstunde mit der glattgescheitelten Justizratstochter.
Die Unterhaltung mit dem Vater spukte noch in ihrem Kopfe nach, das Bild des demütigen Saxo-Borussen hatte sich auch darin festgehängt. Sie musste jetzt mit einem warmherzigen Menschen sprechen.
,Marianne Dieter‘, stand auf einem glänzenden Kupferblättchen, neben dem der ebenso blank geputzte Knopf einer Schelle zu sehen war.
Maria Reinhard blickte sich um, niemand war in der Nähe.
Sie nickte befriedigt vor sich hin. Besser, man sah sie nicht in das Häuschen eintreten, denn die Mutter liebte ihre Besuche bei der alten Frau Dieter gar nicht. Sie hatte so viel, viel zuviel an Marianne Dieter auszusetzen. Dass sie einst Schauspielerin und zweimal verheiratet gewesen, dass sie in der schlichten, alten Haspelgasse wohnte, immer lächelte und stolz war auf die grossen Brillantohrringe, die ihr einmal ein exotischer Potentat für ihr Spiel geschenkt hatte.
Maria Reinhard drückte auf den Schellenknopf. Schon öffnete ein kleines Dienstmädchen, gleich darauf sass Maria in einem altmodischen, aber überaus behaglichen Zimmer Marianne Dieter gegenüber.
Niemand hätte in dieser Gegend eine derartig geschmackvolle Einrichtung vermutet.
Die Decke des Zimmers, in dem die Hausfrau Maria Reinhard empfangen, war sehr niedrig, aber doppelt schwer und kräftig wirkten deshalb die prunkvollen Rahmen schöner alter Gemälde. Grünsamtene Sessel von gefälligen Formen standen umher und Palmen breiteten ihre grossen Fächer über stille, blendende Marmorfiguren.
Marianne Dieter hatte ein feines, schmales Gesicht und nachtdunkle Augen unter der Fülle des schneeweissen Haares. Die sauber und gleichmässig gerollten Haarpuffen mochten wohl nicht alle am Kopfe festgewachsen sein, aber sie kleideten, und darauf kam es der einstigen Schauspielerin an.
„Jede Frau soll so schön als nur möglich aussehen,“ pflegte sie zu sagen, „ob Natur oder Kunst, ist gleich, auf die Wirkung kommt es an.“
Sie blickte das junge Mädchen forschend an.
„Nun, Mausi, wo fehlt es denn heute? Sie fühlen sich sicher mal wieder in ihrer Haut nicht wohl und irgend etwas bedrückt das Herzchen. Ist’s nicht so?“
Eine feine Hand streichelte die Rechte des jungen Mädchens.
Mausi zuckte die Schultern.
„Ach, ich weiss selbst nicht, was mit mir ist, liebe Frau Dieter, ich weiss nur, dass ich mich totsehne nach einer Beschäftigung, die mich völlig in Anspruch nimmt. Mutter will mich in die Küche stopfen, Vater sagt, ich solle nicht in allem herumdilettieren, sondern eine Kunst ernst nehmen, und ich weiss und fühle, mein Können und Wollen wird niemals gleich stehen. Stets werde ich mehr wollen als können. Die einzige Kunst, die mir wohl geben könnte, was ich erhoffe, die all mein Sehnen stille machen könnte, ist nichts für mich.“
Frau Dieter lächelte. „Schon gut, Mausi, ich kenne das Sehnen. Schauspielerin möchten Sie werden, Mausi, und wissen doch ganz bestimmt, Ihre Mutter würde sich bis aufs äusserste weigern, Sie Komödiantin werden zu lassen.“
Sie betonte das Wort „Komödiantin“ und das junge Mädchen verstand.
Die Mutter hatte einmal wegwerfend von Marianne Dieter als von einer „Komödiantin“ gesprochen. Irgend jemand hatte es ihr wiedererzählt.
Maria Reinhard war dunkel errötet.
„Liebe Frau Dieter, meine Mutter hat sehr enggezogene spiessbürgerliche Ansichten, Vater denkt anders —“
Marianne Dieter nickte. „Ich weiss ja, Mausi, weiss auch, dass Ihre Mutter es nicht mag, wenn Sie mich aufsuchen. Ich sollte deshalb zu Ihnen sagen: Bleiben Sie fort, Mausi, kommen Sie nicht zu mir. Aber ich kann es nicht, dazu habe ich Sie zu sehr in mein Herz geschlossen. Mausis Besuch ist immer eine schöne Stunde für mich. Mausis Sehnen aus der Enge erinnert mich an meine Jugend, die auch stürmte und revoltierte, und eine Welt erobern wollte.“
Die zierliche Maria Reinhard sah die Aeltere mit leuchtenden Augen an.
„Eine Welt erobern, ach, wer das könnte! Und schliesslich, es braucht keine ganze Welt zu sein, weniger genügt auch, viel, viel weniger. Aber etwas sein möchte ich, von grossen und schönen Dingen um mich herum reden hören möchte ich, und mein Fühlen und Denken nicht immer wie ein engschliessendes Korsett einschnüren. Wäre ich nicht so ein Zwerglein, vielleicht wagte ich es doch, der Mutter von meinem Wunsch zu sprechen, so aber ist’s zwecklos, die Natur selbst stellt mir ein Hindernis in den Weg.“
„Nun, Kind, so schroff dürfen Sie nicht sprechen. Es gibt doch Kompromisse. Natürlich zu einer klassischen Heldin gehört eine entsprechende Gestalt; in unseren modernen Schauspielen und Komödien aber wären diese Figuren oft mehr als schlecht am Platze. So’n modernes Satansweibchen ist meist zierlich und katzenschmiegsam. Ich sehe also keinen Grund, weshalb Sie nicht wenigstens versuchen wollen, Ihren Herzenswunsch zu verwirklichen.“
Maria Reinhard sass mit weitgeöffneten Augen. Noch niemals hatte Marianne Dieter so deutlich gesprochen. Das hiess zugleich: Du hast Talent, Maria Reinhard, deshalb wage es!
Ganz in Sinnen verloren sass die Junge, und die Aeltere wartete geduldig. Blickte hinaus in den Sonnenschein, der die schlechtgepflegte Strasse vor dem Häuschen mit blankem Licht überschwemmte und dachte daran, wie sie Maria Reinhard kennen gelernt hatte.
Vor zwei Jahren war es gewesen. Frau Melcher, die in der vornehmen Sofienstrasse ein Töchterpensionat mit Tagesschule besass, hatte sich durch zufällige Empfehlung an sie gewandt und sie gebeten, als Lehrerin für „Vorlesen und Deklamation“ in den beiden höheren Klassen zu unterrichten.
Sie war sehr gerne dem Rufe gefolgt, hatte sie doch so unendlich viel Zeit, seit sie das Theater verlassen und die Erbschaft einer wunderlichen uralten Tante angetreten hatte. Das Häuschen, darin sie wohnte, dazu ein nettes Kapital, gaben ihren alten Tagen sicheren Boden.
Sie war froh, dass etwas Abwechselung in ihr einförmiges Dasein kam. Von da ab unterrichtete sie in der höheren Töchterschule von Frau Melcher, und dort fand sie das zierliche kleine Wesen, das, talentiert zu allem, ein Herz voll Sehnsucht mit sich herumtrug und eine weiche Stimme hatte, die wie Musik klang, die Verse so zu sprechen verstand, dass man meinte, eine erste Meisterin habe sie ihr vorgesprochen, und die dann, als sie längst die Schule verlassen, immer wieder zu ihr in das kleine Heim der alten Haspelgasse huschte, und von dem Sehnen plauderte, das ihr zuweilen die Brust zu sprengen drohte.
Endlich brach Maria Reinhard das Schweigen.
„Liebe, liebste Frau Dieter, ich bin zu feige der Mutter gegenüber — und wenn ich etwas werden will, muss ich doch lernen —“ Sie stockte und endete dann traurig: „Nein, nein, ich wage es nicht.“
Marianne Dieter strich sanft über die zarten Wangen Marias.
„Sind Sie wirklich so feige, Mausi? — O, das sollten Sie aber nicht sein, denn wenn Sie hinaus wollen in die Welt, dürfen Sie nicht feige sein. Sie wissen doch, dem Mutigen lacht das Glück.“
Marianne Dieter sann flüchtig nach. „Wenn Sie mögen, will ich Sie zunächst unterrichten, ein bisschen Politur ist ja dann später von anderer Hand vielleicht noch nötig, aber die Hauptsache bringe ich Ihnen gerne bei. War dreissig Jahre bei der Bühne, da lernt sich manches.
Maria Reinhard zog die feinen Hände der Aelteren an die Lippen.
„Wie gut Sie sind, liebe Frau Dieter, wie wundergut. Gerne nehme ich Ihren Vorschlag an, ich kann ja gar nicht anders, und Sie werden dann bald erkennen, ob es sich lohnt —“
Ihre Augen blickten verloren ins Weite.
„Wenn es sich lohnt, dann will ich mit der Mutter reden, wenn Sie meinen, ich dürfte es wagen, dann will ich alle Feigheit beiseite setzen. Vater macht sicher keine Schwierigkeiten.“ Sie atmete tief. „Schön wäre es, wenn ich mich so aus dem Alltag herausretten könnte.“
Marianne Dieter sann ihrem eigenen Hoffen von einst nach. Stolze Träume hatte sie geträumt, o, so himmelhoch stolze Träume, aber einer nach dem anderen war verweht wie bunte Seifenblasen. Dreissig Jahre Bühnenleben lagen hinter ihr, keine stolze Perlenschnur von Erfolgen hatte es ihr gegeben, höchstens eine Kette aus Glaskugeln, mit denen sie sich vor anderen aufputzte und deren Wertlosigkeit sie selbst nur allzu gut kannte.
Sie war nie eine Grosse, nie eine Besondere gewesen, sich selbst gestand sie es ein, hatte nur immer brav mitgemimt, keine Rolle verdorben, aber auch keine durch ihr Spiel zu besonderer Bedeutung erhoben. Der göttliche Funke hatte ihr gefehlt und seine angespielte Routine hatte sein Fehlen verbergen können. Aber das waren Dinge, die man sich in grundehrlichen Stunden nur selbst eingestand, die Umwelt, in der sie jetzt lebte, brauchte nichts davon zu ahnen — auch Mausi nicht.
Sie lächelte das Mädchen an.
„Mausi, ich freue mich auf unseren Unterricht, wie schön wäre es, wenn Sie etwas erreichen würden.“
Maria Reinhard war plötzlich ganz strahlende Heiterkeit. Ein jähes, überströmendes Glücksgefühl erfüllte sie.
„Ich will unser Vorhaben und Tun geheim halten, bis ich sicheren Halt erreicht habe — dann trotze ich einer Welt, wenn es sein muss.“
Sie erhob sich.
„Nun muss ich gehen, liebe Frau Dieter.“ Zwei kinderschlanke Arme umfassten die Schultern der alten Dame, ein kleiner warmer Mund küsste ihre gepuderten Wangen. „Ich muss mich sogar sehr eilen, denn Klara Rohmer erwartet mich, Mutters Ideal.“ Sie machte eine drollig wichtige Miene: „Wann darf ich zur ersten Unterrichtsstunde kommen?“
Gleich nach der Antwort wirbelte Mausi hinaus in den sonnigen Maientag, der ganz von blendender, gleissender Helle erfüllt war. Rasch durchhuschte die zierliche Maria Reinhard die alten Gassen und war bald am Kornmarkt angelangt. Ueber den Häuserdächern baute sich die Ruine des mächtigen Schlosses auf, wie zu güldenem Mantel zusammengewoben lag der Sonnenglanz darüber, umhüllte es mit derselben Strahlenpracht wie einst, zur Zeit, als in dem mächtigen Bau noch ritterlich buntes Leben herrschte und Fürsten und schöne Frauen vom hohen Fensterrund ins liebliche Neckartal herniederschauten.
III.
Zweimal wöchentlich huschte Maria Reinhard fortan in das kleine Häuschen der Haspelgasse und Marianne Dieter hatte ihre helle Freude an der lerneifrigen Schülerin. Vor allem brachte sie ihr eine klare, deutliche Aussprache bei.
„Es wird heutzutage im allgemeinen viel zu wenig Gewicht darauf gelegt,“ ereiferte sie sich, „mag sein, dass da früher zuweilen des Guten zu viel getan und das Spiel dadurch gespreizt und unnatürlich wurde. Aber schliesslich lag das auch an dem pathetischen Ton, der einstmals mit dazu gehörte. Modern oder ich will sagen natürlich reden, bedingt doch kein Silbenrunterschlucken oder gar Dialekt sprechen.“ Ihre Miene drückte äusserste Empörung aus.
Maria Reinhard nickte Beifall. Sie war froh, mit keinem Dialekt kämpfen zu brauchen, aber eine gute Schauspielerin wollte sie werden. Marianne Dieter erzählte ihr von Kainz, der ein ausgezeichneter Sprecher gewesen. Im fernsten Galeriewinkel wäre jede Silbe von ihm genau so deutlich zu verstehen gewesen, wie auf der ersten Parkettreihe, kein anderer Schauspieler hatte die Sprache so in der Gewalt gehabt wie er.
An irgendeiner Provinzbühne, der sie einige Zeit angehört, hatte er ein paar Abende gastiert. Sie hatte mit ihm spielen, mit ihm auf denselben Brettern stehen dürfen.
Wenn sich die alte Schauspielerin solchen Erinnerungen hingab, wurde sie leicht wehmütig gestimmt.
„Dem Minen flicht die Nachwelt keine Kränze,“ zitierte sie, „das alte Wort bleibt immer neu und immer wahr, und mit dem letzten Satz von seinen Lippen scheint auch schon jede Erdenspur von ihm verweht. Zu Lebzeiten oft angebetet, im Tod ein Grab, an das niemand denkt, blumenleer, vergessen. Das Schicksal des toten Kainz ist das Schicksal anderer grosser Mimen.“
Maria Reinhard sagte ernst:
„Ich meine, es bleibt doch etwas zurück. Namen, die andere turmspitzenhoch überragen, klingen doch weiter. Schliesslich ist’s doch nur die irdische Hülle der Grossen, die da in irgend welchen engen Gräbern liegt, ihre Seele, ihr Genius, bleibt noch lange, lange. Und dass Jünger ihnen nachstreben, dass Begeisterte von ihnen erzählen, ist doch die Hauptsache.“ Sie lächelte. „Wenn der Glanz noch nach ihrem Tode gar so strahlend bliebe, würde man ja sein neues Gestirn sehen. Sie wissen doch, liebe Frau Dieter: ‚Sterne müssen untergehen, sollen Sterne sich erheben!‘“
Frau Marianne lachte. „Natürlich! Also Bahn frei für das neue Gestirn, ‚Mausi‘ genannt!“
Maria Reinhard schmollte.
„Ach, wenn ich den Namen ‚Mausi‘ höre — nebenbei bemerkt höre ich ihn gern —, dann kriege ich es immer wieder mit der Angst zu tun, so ein kleines Menschenkind wie ich gehört nicht auf die Bretter.“
Trotz des scherzenden Tones war heimliches Bangen in der Stimme.
Da begann Marianne Dieter, die feinhörig war, zu trösten und bunte Zukunftsbilder heraufzubeschwören.
„Sie sind in allen modernen Stücken am Platz! Zunächst studieren wir Rollen, die man früher in der guten alten Zeit unter ‚Naive‘ eingefacht hätte. Fachbezeichnungen sind ja abgeschafft, die Individualität triumphiert. Letzthin soll allerdings in einem Vortrag über: ‚Das Theater nach der Revolution‘ die Bemerkung gefallen sein, dass man beabsichtigt, wieder ‚Fachbezeichnungen‘ einzuführen, aber ich glaube das nicht. Man ist auf ‚Individualität‘ eingespielt, lässt sich kein Etikett mehr aufkleben wie: Erster Liebhaber, Sentimentale, Naturbursche oder Heldenvater. Doch wir wollen bei der Sache bleiben,“ unterbrach sie sich selbst. „Also zunächst studieren Sie das feine kleine Seelchen in ‚Hanneles Himmelfahrt‘ von Hauptmann, dann in des gleichen Autors ‚Versunkener Glocke‘ das ‚Rautendelein‘. Auch klassisch sollen Sie sich betätigen. Das ‚Kätchen von Heilbronn‘ wird Ihnen gut liegen. Danach kommen moderne Charakterrollen an die Reihe. Es gibt so viele, in die Sie hineinpassen.“
Maria Reinhard war ganz hingerissen von Begeisterung. Und als es eines Tages so weit war, ging sie mit wahrem Feuereifer an die Sache.
Daheim ahnten weder Vater noch Mutter etwas von ihrem Streben. Nur wenn die Mutter ausging, konnte sie lernen, oder auch des Abends, sobald alle im Hause schliefen.
„Mausi wird jeden Tag hübscher,“ fand der Baumeister, und seine Frau musste ihm beistimmen, bemängelte aber, dass Mausi nach wie vor allzu schwer an jede häusliche Beschäftigung zu bringen wäre.
„Sie erscheint mir überhaupt zuweilen verdächtig,“ meinte sie, „so als wenn sie irgend etwas vor uns verbirgt, und ich habe mir schon den Kopf zerbrochen, was das sein könnte.“ Sie machte ein ängstliches Gesicht. „Mausi wird doch nicht etwa hinter unserem Rücken eine heimliche Liebe haben?“
Erwin Reinhard wehrte fast heftig ab. Seine Frau sah Gespenster! Immerhin, Mausi hatte sich verändert, irgend etwas schien sie innerlich stark zu beschäftigen. Dass es nichts Unrechtes war, davon war er überzeugt.
Seine Frau aber gab sich so schnell nicht zufrieden.
„Ich bleibe dabei, das Mädel hat irgendein Geheimnis vor uns, und es ist an uns, es herauszubringen. Minna erzählte mir gestern, sie wäre eines Abends spät noch einmal in die Küche heruntergegangen, weil sie glaubte, das Licht brennen gelassen zu haben, und da hätte sie Mausi in ihrem Zimmer ziemlich laut mit sich selbst sprechen hören. Allerlei komisches Zeug war es und das Wort ‚Liebe‘ sei auch dabei gewesen.“
Der Mann lächelte. „Sie wird laut gelesen haben.“
Frau Reinhard verzog den Mund.
„So was tut man doch nicht! Wenn man allein ist, liest man doch leise.“
Er widersprach. „Wenn etwas sehr schön und klangvoll geschrieben ist, kann man wohl in Versuchung kommen, sich besonders wirkungsvolle Stellen, solche, die einem gefallen, laut vorzulesen.“
„Narrenpossen, ich begreife dergleichen nicht,“ erwiderte die Frau kurz.
Er sah vor sich hin. Nein, die einstige Lina Manroth begriff dergleichen nicht, begriff vieles nicht. Begriff gar nichts, was jenseits der Horizontlinie lag, in der ihr Denken kreiste.
Narrenpossen; damit tat sie ab, was sie nicht verstand. Das Wort kannte er!
Wenn er in den ersten Ehejahren noch zuweilen versucht hatte, ihr von seinen Hoffnungen, von seinen Plänen, die ins Weite strebten, zu sprechen, dann war sie stets damit bei der Hand gewesen.
Sein Streben hatte sie damit in Scherben geworfen.
IV.
Der Juni stand über Heidelberg, spannte sein Zelt tiefblau über all die wonnige Naturpracht und umkleidete die Königin aller Ruinen, die auf die Stadt und den schimmernden Neckar niederblickte, mit lichtem Grün. In dichter Ueppigkeit wanden sich die Bäume und Sträucher um die alten Mauern, und zarte Teppiche aus leuchtendem smaragdfarbenen Gras hingen aus den hohen leeren Fensterhöhlen, schmückten liebevoll die Stätten einstigen Glanzes. Ueberall grünte und blühte es, und wenn man, von der Dame Phantasie geleitet, hindurchwanderte durch die Riesenbauten, erhob sich wohl ein heimliches Raunen und Flüstern hier und dort, ward zu flüchtigem Dasein erweckt, was längst zu Staub und Asche geworden.
Maria Reinhard wanderte aufs Schloss hinauf. Sie hatte von Marianne Dieter die Rolle der Liselott von der Pfalz in dem Lustspiel „Liselott“ bekommen und es zog sie nach dem Schloss, wo die Prinzessin einst gelebt, ehe sie des Sonnenkönigs Schwägerin geworden.
Es war Spätnachmittag und Maria Reinhard tat es fast leid, zum Schloss emporgestiegen zu sein. Die vielen Fremden, die herdenweise unter Führung die Besichtigungsrundgänge absolvierten, störten sie, zerrissen die Stimmung, in der sie gekommen. Fast wäre sie umgekehrt, aber sie mochte den Weg nicht ganz umsonst gemacht haben.
Sie wollte sich ein stilles Plätzchen suchen und eine Stunde dort verträumen, mit ihrer Phantasie und Sehnsucht die toten Mauern erwärmen, sie für kurze Zeit in ihr einstiges Dasein zurückrufen. Wollte sich begeistern und vielleicht einen Hauch erhaschen, der von einstens herüberwehte, von dazumal, als die kernige, lebensfrische Prinzess Liselott noch Heidelbergs Heimatsluft geatmet, ehe sie an den Hof des eitlen Sonnenkönigs kam, wo parfümierte Stickluft herrschte, und die zierlich gewundene Rede, Hass und Intrigue, Bosheit und Rachsucht zu verstecken wusste. Wie entsetzlich musste der grundehrlichen Liselott die Umgebung der neuen Heimat gewesen sein, dachte die blutjunge Maria Reinhard und wanderte durch den Stückgarten.
Die herrlichen alten Linden rauschten ganz leise, leise. Wehklagend schien es Maria Reinhard und sie dachte flüchtig an ihn, der sie dereinst pflanzen liess, an ihn, der all die grosszügigen gärtnerischen Anlagen des Schlosses für seine heissgeliebte Gattin Elisabeth Stuart geschaffen, an ihn, Friedrich V., den ehrgeiziges Stuartblut auf dem Königsthron sehen wollte, den unglückseligen, spottend benannten „Winterkönig“, als der er im Buch der Geschichte fortleben wird.
Tief in Sinnen verloren ging Maria Reinhard vorwärts, und wie sie dahin gekommen, sie hätte es später selbst nicht sagen können, aber sie hockte plötzlich auf einem von dichten Efeuranken und wildem Wein umkleideten Fensterrand und ihr Auge flog sehnsuchtsvoll über die Landschaft zu ihren Füssen. Die Sonne, die schon ein wenig tief stand, zeigte das Gesamtbild, das sich vor ihr ausbreitete, in scharfer Helle. Vom lichten Hintergrund hoben sich plastisch umrissen die Häuser der Stadt, und ferne, ferne glitzerte der Rhein, mischte sein Silberflimmern in die Sonnenhelle. Dazu im Umkreis die trutzigen Riesen-Trümmer des Schlosses selbst, in ihrer überwältigenden Majestät.
Das junge Mädchen befand sich allein, sie befand sich abseits von den Wegen, die fast alle Schlossbesucher gingen, und die Vergangenheit kroch aus dem alten Gemäuer und nahm plauderlustig neben der Zierlichen Platz. Erzählte Geschichten aus vergangenen Tagen, zauberte das Einst machtvoll vor das geistige Auge der Zierlichen, die andächtig lauschte.
Und die Zeit hob sich, da der Orleanssche Erbfolgekrieg losbrach und die fürchterlichsten Tage für die Pfalz, für Heidelberg herannahten. Am Hofe zu Versailles bat Liselott umsonst, Melacs Truppen warfen die Pechkränze in das schöne, stolze Schloss.
Ganz deutlich trat Maria Reinhard ihre Rolle ins Gedächtnis, und sie fühlte mit förmlichem Entsetzen, was Liselott, die einstige Prinzessin von der Pfalz, an Schmerzen erlitten haben musste, als man ihr die Nachricht vom Schicksal ihrer Vaterstadt brachte.
„Heidelberg in Trümmer! Mein, mein Heidelberg!“ Unwillkürlich lösten sich die Worte der Rolle aus ihrem Munde, wie ein Entsetzensschrei klangen sie auf.
Unter dem Fenster stand plötzlich ein Student, ein weisser Stürmer leuchtete zu der in Gedanken ganz Abwesenden empor. Ein gebräuntes junges Männergesicht hob sich, und der hochgewachsene Saxo-Borusse unter dem Fenster wiederholte kopfschüttelnd: „Heidelberg in Trümmer?“ Er lachte. „Aber, meine sehr verehrte Allergnädigste, Sie stellten da soeben ziemlich laut eine Tatsache fest, die überholt ist. Heidelberg ist längst wieder aufgebaut, und dies Schloss ist schon seit Jahrhunderten Ruine, darüber dürften Sie sich auch kaum noch wundern.“
Maria Reinhard hatte die Gegenwart und die Wirklichkeit so weit vergessen, dass sie beim Anblick des weissen Stürmers unfähig gewesen, sofort ihren Platz zu verlassen und sich eiligst davonzumachen.
Sie hatte keine Ahnung, welchen entzückenden Anblick sie bot, wie sie, leicht gegen die eine Fenstermauer lehnend, auf dem Vorsprung sass, umrahmt von Efeu und jungem wilden Weinlaub. Der kleine Matrosenhut lag lässig neben ihr, und das weiche, leicht gelockte Haar spann sich wirr und flimmernd zu bräunlichem Goldgeflirr um die klare Kinderstirn, darunter die grossen, tiefen Augensterne im dunkeln Blau schimmerten.
Nachdem der erste Schreck bekämpft, wollte sich die Zierliche rasch durch schleunige Flucht retten, doch es war zu spät, der Saxo-Borusse hatte ihr Vorhaben durchschaut bei der ersten Bewegung.
„Hiergeblieben!“ befahl er so schroff und kurz, dass Mausi förmlich in sich zusammenkroch und angstvoll auf den jungen Herrn starrte, der es wagte, sie so grob anzuschreien, dass sie tatsächlich vor lauter Verblüffung gehorchte.
Doch gleich hatte sie den lähmenden Bann, in den sie der Befehl versetzte, von sich abgeschüttelt.
„Was fällt Ihnen denn ein!“ rief sie ziemlich heftig hinunter. „Ich kann tun und lassen, was mir beliebt!“
Ihren Hut ergreifend, stand sie auf, liess den Studenten stehen. Doch sie hatte noch keine zwei Schritte getan, da hörte sie hinter sich ein Geräusch, als ob Steine bröckelten, und als sie sich jäh umwandte, stand der Saxo-Borusse schon hinter ihr.
Er hatte sich mit einem kühnen Sprung durch das nicht allzu hohe Fenster zu ihr hineingeschwungen.
Sprachlos sah Mausi auf den Gewalttätigen, dessen eine Schlägernarbe noch in dunkler Röte glühte.
Sie besann sich darauf, dass die Sachlage von ihr jetzt wieder durchaus damenhaftes Benehmen forderte, wie damals auf der alten Brücke.
„Was wünschen Sie denn eigentlich von mir, mein Herr?“ Ihre biegsame weiche Altstimme, die fast zu voll und stark für das schmale Körperchen war, fragte es sehr kühl.
Er schüttelte sich in komischem Entsetzen.
„Meine Allergnädigste scheint mordsmässig ungnädig zu sein.“ Er zog die Kopfbedeckung mit eleganter Bewegung. „Verzeihung, dass ich mir die Freiheit nahm, Sie hier in Ihrer Kemnate zu überfallen.“ Er sah sich mit bezeichnendem Blick in dem saalartigen Raume um, dessen Boden Sand und dessen Dach der blaue Sommerhimmel war.
Sie musste nun doch lachen. Ach, Mausi lachte so gern, und sie tat es ausgiebig, presste dann hervor:
„Weshalb reden Sie eigentlich solch furchtbares Blech?“
Er lachte ebenfalls.
„Dafür kann ich nichts, ich rede immer Blech, ich habe den Fehler gleich mit auf die Welt gebracht.“
Darüber musste nun Mausi wieder lachen. Und dieses gemeinsame Lachen brachte die beiden einander rasch näher, riss die trennende Wand, die zwischen ihnen stand, weil beide nichts voneinander wussten, völlig nieder. Eine Minute später sassen sie beide in diesem abgelegenen, wenig besuchten Teil des Schlosses auf dem breiten Fensterrand, spielten lässig mit den Blättern des wilden Weins und musterten sich halb forschend, halb wohlgefällig.
Franz Ferdinand musste denken, dass es kaum etwas Süsseres und Holderes geben konnte, als dieses schmale Geschöpfchen, nach dem er schon seit Wochen ganz Heidelberg und Umgebung abgesucht, ohne auch nur eine Spur davon zu entdecken, und das jetzt halb vertraulich, halb scheu neben ihm auf diesem allerdings sehr poetischen, aber wenig bequemen Platz sass und ihn unter leicht gesenkten Wimpern anblinzelte.
Durch einen Zufall hatte er das reizende Mädelchen heute wiedergefunden, ein Narr wäre er gewesen, wenn er die braunlockige Feine vorhin hätte entwischen lassen.
Aber vor allem war sie ihm erst noch Auskunft schuldig, was sie vorhin mit ihrem merkwürdigen Ruf, dass Heidelberg in Trümmern liege, eigentlich gemeint hatte.
Er stellte die Frage.
Sie wurde rot bis zu den Schläfenhaaren. Die Antwort war schwer.
„Ich sah einmal ein Theaterstück, ich glaube, es hiess: Liselott! Jedenfalls aber war Liselott von der Pfalz die Heldin des Stückes, und als ich vorhin in Gedanken hier sass, dachte ich daran, wie Liselott erschrak, als sie in Frankreich von dem Unheil hörte.“
Sie brach schroff ab, die Erklärung mochte ihm genügen, diese kurze, aus Wahrheit und Unwahrheit gemischte Erklärung.
Er nickte. „Ja so, nun verstehe ich. Die Liselott rief das, was Sie vorhin riefen, in dem Theaterstück.“ Er lachte. „Eine schnurrige junge Dame sind Sie, liebliche Unbekannte.“
Maria Reinhard ärgerte sich flüchtig über den Ausdruck „schnurrige junge Dame“, aber es hatte so lieb geklungen, sie mochte sich nicht ärgern. Es war doch so wunderschön auf der Welt, wenn man gesund war, Ziele hatte und sich mit einem so fidelen, hübschen Studenten unterhalten konnte.
Dem schlanken Mann kam flüchtig der Gedanke, dass die Korpsbrüder im Schlossgarten beim Konzert zusammensassen und ihn erwarteten. Mit dem Gedanken ward er schnell fertig. Mochten sie warten, dies wunderschöne, stimmungsvolle Stündchen hier liess er sich nicht nehmen. Er lächelte fast zärtlich. „Seit wir uns vor Wochen, langen Wochen auf der alten Brücke trafen, habe ich Sie gesucht, Elfenprinzesschen. Wo stecken Sie denn eigentlich, dass man Sie nirgends trifft? Sie müssen doch auch ein Heim haben?“
Maria Reinhard baumelte ein wenig mit den schmalen Füssen, aber nur ein ganz klein wenig.
„Natürlich habe ich ein Heim.“
Er überlegte, in welche Klasse der Heidelberger Einwohnerschaft er das wunderhübsche Mädchen einreihen sollte. Aber es wollte ihm nicht gelingen.
Die Kleine hatte ein so frisches, unbefangenes Wesen, und ein feiner Hauch der Unberührtheit umgab sie, der ihm zu Kopf stieg wie der Duft edlen Weines.
Er streckte vorsichtig seine Rechte aus, an der ein grosser Wappenring auffiel, versuchte Maria Reinhards feines Händchen zu erfassen. Doch flink zog sie es zurück, lachte und fühlte doch das Blut in ihre Wangen steigen, das Herz lebhafter schlagen.
Er sagte leise: „Nun, bitte, Sie wundersüsses Blauäugelein, erzählen Sie mir, wer Sie eigentlich sind, wie Sie heissen, wo Sie wohnen?“ Es war immer gut, darüber Bescheid zu wissen, denn Ulrich hatte seinerzeit mit der Bemerkung nicht unrecht: Unsereiner aber soll gleich mit dem Trauring antreten, sonst heisst’s: Natürlich, wieder so’n Junker! — Er hatte gar keine Lust, durch eine unüberlegte Liebelei Heidelbergs Klatschzungen in Bewegung zu setzen.
Maria Reinhard dachte gar nicht daran, ihren Namen zu nennen, er konnte damit anfangen, sich vorzustellen. Ihr fiel die Rolle des „Rautendelein“ in der „Versunkenen Glocke“ ein, die Frau Marianne Dieter mit ihr durchgenommen. Lächelnd erwiderte sie:
„Woher ich stamme, wüsst’ ich nicht zu sagen,
noch auch, wohin ich geh’. Die Buschgrossmutter
hat mich von Moos und Flechten aufgelesen.“
Der schlanke Mann lächelte auch. „Also Rautendelein hab’ ich vor mir, das Fabelwesen, das in Schlesiens Bergen spukt.“ Er verneigte sich im Sitzen scherzhaft. „Darf ich gewöhnlicher sterblicher Mensch mich erkundigen, weshalb Rautendelein zurzeit hier weilt, so fern der Heimat?“
Das junge Mädchen amüsierte sich köstlich.
„Verwandte meiner Art hausen hier am Jettenbühl und Gaisberg, ich bin zum Besuch bei ihnen in einer Erdhöhle.“
Der Student wagte es abermals, die Rechte vorzuschieben. Dieses phantastische, kecke Mädchen machte ihm das Herz warm, ein Kuss von den rosigen, scharfgezeichneten Lippen, hinter denen schneeige Zähne in Reih und Glied standen, lockte ihn.
Schon umspannte er die kleine, weiche Hand, schon war sein Kopf dem braunen Mädchenkopf nahe, da sprang die Zierliche mit graziösem Sprung auf. „Rautendelein muss fort.“
Er eilte ihr nach, umfasste ihre schmalen, kinderzarten Schultern.
„Wann und wo darf ich Rautendelein wiedersehen?“
Sie wollte sich losmachen, doch seine nervigen Finger hielten sie fest. „Hören Sie, Rautendelein, ich glaube nicht an Ihr spukhaftes Elfenweibtum, Sie sind ein süsses Heidelberger Mädel.“
Sie lachte. „Und wenn ich das wäre?“
Er sah ihr tief in die Augen, ein Gedicht fiel ihm ein, er sprach es leicht betont, liess ihre Schultern dabei nicht frei:
„Wenn des blauen Himmels
helle Sternenpracht
sich im Neckar spiegelt:
Nimm dein Herz in acht,
süsses Mädel!
Wenn im Neckartale
mit dir scherzt und lacht
fröhlich ein Vandale:
Nimm dein Herz in acht,
süsses Mädel!
Wenn Studenten singen
durch die Vollmondnacht,
und die Gläser klingen:
Nimm dein Herz in acht,
süsses Mädel!
Doch es gilt das fromme:
‚Nimm dein Herz in acht!‘
nie, wenn ich mal komme.
Dann heisst’s: Aufgemacht,
süsses Mädel!“a
Er neigte sich ganz nahe, und plötzlich ward der hübschen, blutjungen Maria Reinhard ganz eigen zumute. Wie eine wonnige Betäubung legte es sich über ihr Denken, und unfähig, sich zu rühren und Widerstand zu leisten, liess sie es geschehen, dass sich der schlanke Mann niederbeugte und ihre reinen Lippen küsste.
Ein seltsamer Schauer glitt über ihren Körper und ihr war es, als müsse sie sich fest an den hochgewachsenen Mann schmiegen und ihre Arme um seinen Hals schlingen.
Doch fast im selben Augenblick kam die Ernüchterung.
Ja, schämte sie sich denn nicht, sich von einem Studenten heimlich küssen zu lassen, von dem sie nichts, aber auch gar nichts wusste, dessen Name ihr unbekannt war, und der vielleicht allen Mädchen in Heidelberg nachlief?
Sie riss sich plötzlich von ihm los, schluchzte laut auf.
„Sie sind schlecht, o, so bodenlos schlecht, und ich verbiete Ihnen, jemals wieder in meine Nähe zu kommen!“
Ihre kleinen Füsse stampften zornig den Boden, und dann rannte Maria Reinhard wie gejagt davon.
Mit verdutztem Gesicht blieb der Mann zurück.
Er durfte der Wunderschönen nicht folgen, sie war zu erregt, und das Schloss war heute sehr besucht, wie stets an solchen Sommertagen. Er mochte nicht die Gefahr einer Szene vor dem Publikum heraufbeschwören, und die Kleine wäre dessen in ihrer Aufregung fähig gewesen.
Er hatte schon Glück gehabt, dass die Szene eben unbemerkt geblieben, aber dieser Erdenwinkel lag zu versteckt, dennoch hätte jeden Augenblick irgend jemand kommen können.
Er ging zu dem vorhin innegehabten Fensterplatz zurück, setzte sich und sann.
Wie eigentümlich das war! Erst hatte die Kleine ganz hingebend in seinen Armen geruht, und dann mit einem Male war sie gleich einer Wildkatze davon, nachdem sie ihn noch tüchtig angefaucht.
Er fühlte plötzlich ein Gefühl, das wie Sehnsucht war, ein ganz schweres, banges Gefühl, und ihm war es, als ruhten seine Lippen wieder auf dem jungen, jungen Munde und er spüre einen leisen, ganz leisen Gegendruck.
Noch niemals vor ihm hatten Männerlippen den Jungmädchenmund berührt, das wusste er in diesem Augenblick mit aller Bestimmtheit. —
Er blickte hinaus in den Sommertag, sass stille auf diesem abgelegenen Plätzchen und träumte wie ein junger Fuchs von seiner Liebe.
Fast noch eine Viertelstunde sass er so, dann klopfte er sich Sand- und Steinspuren vom Anzug und ging, er mochte sich jetzt nicht zu den Korpsbrüdern gesellen, mochte jetzt nicht den Kuss mit Bier oder Wein von seinen Lippen spülen.
V.
Franz-Ferdinand, Graf von Wildhausen, hatte, seiner Neigung folgend, vor dem Kriege in Heidelberg Medizin studiert. Es hatte ziemlich schwere Kämpfe mit dem Vater gekostet, der nicht begreifen wollte, wie ein Mensch, der es nicht nötig hat, Interesse für die ärztliche Kunst haben konnte.
Seine Mutter begriff es schon eher. Vielleicht, weil sie den Sohn überhaupt von je besser verstand als ihr Gatte, der sich stets exklusiv allem Leben und Erleben fernhielt, das sich nicht auf den Höhen abspielte, auf die ihn seine Geburt verwies. Er führte den Fürstentitel, der jeweils auf den ersten Sohn überging. Als Franz-Ferdinand V., Fürst von Weyden, Graf von Wildhausen, Freiherr zu Bärstein, residierte er mit seinem zwanzigsten Jahr auf Schloss Wildhausen, empfing ab und zu allervornehmste Gäste, reiste von Zeit zu Zeit irgendwo auf einen feudalen Herrensitz zu Besuch, und es existierte für ihn nur, was ihm gefiel und sich mit seinen Standesanschauungen deckte. Dass es ganz nahe um ihn herum noch eine andere Welt gab, eine Welt der Künstler, Gelehrten, Bürger, Bauern und Arbeiter, bemerkte er kaum.
Auf Bitten seiner Frau gab er endlich nach, nannte eine Laune, was dem jungen Franz-Ferdinand bitterer Ernst war. Der menschliche Körper, dieses wundervollste Wunder der Schöpfung, diese zugleich komplizierteste und einfachste Maschine, reizte ihn gleich einem Rätsel. Er wollte ihre tiefsten und heiligsten Geheimnisse ergründen, damit er herausbringen konnte, wie so manche Krankheit zu heilen oder wenigstens zu lindern wäre, für die heute noch die rechten Mittel fehlten.
Zweiundeinhalbes Jahr hatte er bereits in Heidelberg studiert, da brach der grosse Völkerkrieg aus, und er zog hinaus wie alle die vielen Söhne der Heimat, um dann kurz vor Ausbruch der Revolution zurückzukehren. Er brachte seine geraden Glieder wieder heim, die mehrfach erlittenen Verletzungen hatten keine Spuren hinterlassen.
Dann kamen die Novembertage, die Fürstenthrone stürzten, und auch Franz-Ferdinand V. ward Privatmann, lebte das Leben eines Gutsherrn und musste sich daran gewöhnen, dass die höfische Etikette, auf die er sehr hielt, und die ihm Lebensbedingung geworden, sehr zusammenschrumpfte unter dem Hauch der neuen Zeit, der durch Türen und Fenster heranzog, selbst wenn er die Spalten aufs sorgfältigste verstopfte.
Er ward plötzlich stumpf und alt, er fand sich nicht mehr in dieser Zeit zurecht, wurzelte zu tief im Boden vergangener Tage.
Als sein einziger Sohn Franz-Ferdinand den Wunsch aussprach, nun seine vor dem Krieg in Heidelberg begonnenen und schon über die Hälfte beendeten Studien wieder aufzunehmen, machte er keine Schwierigkeiten mehr.
Er sollte tun, was er wollte, seinetwegen mochte er sogar als Arzt praktizieren. In dieser Zeit war das vielleicht ganz in der Ordnung. Er stand der neuen Zeit feindlich gegenüber; wer es wollte, mochte ihr Zugeständnisse machen, er persönlich tat es nicht.
So bezog Franz-Ferdinand, Graf von Wildhausen, wieder die alma mater zu Heidelberg, ging zu den Saxo-Borussen, wie ehedem, und trug, wie ehedem, das weiss-grün-schwarzweisse Band auf der Brust. Er war einer von den wenigen, die wiederkehrten, er und sein Vetter Graf Ulrich Lettnitz, der sich schon vor dem Krieg mit Jura befasst. Dem war ein leichtes Lahmen des rechten Fusses als eine Erinnerung an den Krieg geblieben.
Die meisten aber, die einst Gruss und Handschlag mit ihm getauscht, die mit ihm gebummelt und gezecht, lagen fern in Frankreich und in Polen. — —
Franz-Ferdinand ging langsam den Schlossberg hinab und er dachte an all das, und so sehr er sich dagegen stemmte, vermochte er die jähe Traurigkeit, die ihn überfallen, doch nicht von sich abzuschütteln.
Er wollte doch lieber nicht heimgehen, sich jetzt nur nicht in vier Wände einsperren, lieber noch die Beine müde laufen und die Augen herumspazieren lassen in der schönen Gottesnatur.
Bald würde er seinen Doktor machen, dann kehrte er heim nach Wildhausen zu dem verbitterten Vater, der halberblindeten Mutter und zu Kusine Ulla, die, seit ihre Eltern gestorben, Haustochter auf Wildhausen war. Prinzessin Ulla Raggau war blendend schön und stolz, und von Kind an hatte man ihnen erzählt, dass sie beide einmal ein Paar würden.
Ulla war schön, ja — aber ihr rotblondes Haar lag zu glatt um das schneeweisse, marmorstarre Antlitz, und die grossen, grünlichen Augen hatten keinen warmen Glanz, hatten nur das Leuchten von echten Juwelen. Jede Bewegung des hohen, vollendeten Körpers war berechnet. Niemals setzte sich Ulla schneller, niemals erhob sie sich um eine Sekunde schneller als stets, niemals sprach sie lauter, niemals leiser als stets. Ihr Ton war hart, hatte einen befehlenden Beiklang.
Manchmal war es Franz-Ferdinand, als hätte er Ulla lieb, ihre Schönheit lockte ihn zuweilen, aber dann wieder fand er ihr Gleichmass in allem ernüchternd und tötend. Dennoch dachte er niemals etwas anderes, als dass sie einmal, wenn es an der Zeit war, seine Gattin ward, denn das hatten doch alle, die es anging, schon seit langem bestimmt, und es war ihm nicht eingefallen, solche Bestimmungen, die doch wie ungeschriebene Gesetze waren, umzustossen.
Sicher, Ulla würde einmal eine der schönsten Fürstinnen sein, wenn auch eine Fürstin ohne Krone und Land.
Er dachte an das zierliche Mädelchen mit dem braunen, goldflimmernden Gelock und den strahlenden Blauaugen, in die er mit seinem Kuss Tränen der Empörung getrieben.
Unwillkürlich verglich er im Geiste die beiden Mädchen, die stolze, hochmütige Ulla und das niedliche Geschöpf, von dem er nichts weiter wusste, als dass es sich „Rautendelein“ genannt.
Fast komisch mutete es an, die zwei zu vergleichen. Aber wenn er ehrlich sein sollte, und das konnte er ja sich selbst gegenüber, dann musste er sich eingestehen, seine Sehnsucht rief nach dem süssen Geschöpfchen, dessen taufrisches Wesen nichts von Etikette, nichts von steifen Prinzessinnen und dergleichen wusste.
Er überquerte am Kornmarkt die Strasse und verlor sich in engen Gassen, er wollte über die alte Brücke gehen, und am berühmten Pauklokal in der Hirschgasse vorbei, den Philosophenweg entlang wandeln. Es war sein Lieblingsspaziergang, der Philosophenweg.
VI.
In der Nähe des Holländer Hofes sah Franz Ferdinand plötzlich ein lichtblaues, faltiges Kleidchen vor sich her wehen, über hellbraunem, weichen Seidenhaar ein schlichtes Matrosenhütchen. Weiss der Himmel! Er war doch seine wohlgezählten sechsundzwanzig Jahre alt, und leichte Liebeleien waren ihm fremd, aber Herzklopfen hatte ihm, seit seiner ersten törichten Liebe kein weibliches Wesen mehr verursacht, und nun fing sein Herz wahrhaftig ganz unsinnig an zu pochen, weil da vor ihm die süsse Kleine ging, die er geküsst in einem heimlich versteckten Ruinenwinkel des alten Schlosses.
Sonderbar, dass er zufällig in ihren Spuren lief! Wenn sie sich umwandte, würde sie für Absicht halten, was doch wirklich nur Zufall war. Sicher würde sie glauben, er sei ihr nachgegangen.
Hoffentlich dachte sie nicht daran, zurückzuschauen.
Er war ja im allgemeinen nicht ängstlich vor Frauen, aber vor der Kleinen fürchtete er sich fast ein bisschen. Fürchtete einen verächtlichen Blick ihrer wundervollen Augen. So ein Blick würde ihm wehe tun, das wusste er.
Und ob er über sich und seine seltsame Sentimentalität lachen wollte, es gelang ihm nicht, ganz befangen hielt er sich so weit als möglich hinter dem leichten, blauen Kleid.
Wahrscheinlich wanderte sie auch über die alte Brücke hinüber. — —
Wenn die Brücke wenig belebt war, konnte er sie ansprechen, sie um Verzeihung bitten, weil er vorhin so dreist gewesen.
Was weiter kam, darüber mochte er sich jetzt noch nicht den Kopf zerbrechen.
Es dünkte ihn in diesem Augenblick schon Glück, wenn ihm das reizende Geschöpf als Zeichen der Versöhnung die Hand bot.
Und wie sich sein Denken so mit der allernächsten Zukunft befasste, verlor er flüchtig die vor ihm Gehende aus den Augen, sah sie gerade noch in ein kleines Haus verschwinden.
„Haspelgasse“, las er kopfschüttelnd. Merkwürdig! Ob sie hier wohnte? Sie schien auf keinen Fall hierher zu passen. Vielleicht hatte sie in dem Hause nur eine Bestellung zu erledigen.
Er behielt das Haus jedenfalls im Auge.
Langsam ging er näher, fand auf einer blankglänzenden Kupferplatte den Namen Marianne Dieter. Vielleicht ist diese Marianne Dieter Schneiderin, musste er denken, und als er sich wandte, zurückwollte, fiel sein Blick unwillkürlich durch weit offene Fenster in das Innere eines niedrigen Zimmers von guter, gediegener Einrichtung.
Er hörte leises Weinen und eine Frauenstimme, die sagte: „Aber, Mausi, liebste Mausi, so erzählen Sie doch nur, was geschehen ist. Bitte, Mausi.“
Er blieb wie festgehalten zwischen zwei Fenstern stehen und vernahm die schluchzend hervorgezwängte Antwort: „Ach, Frau Dieter, nichts ist geschehen, gar nichts, mir ist heute so traurig zumute, weiter nichts. Lachen Sie mich nur aus.“
Er hörte noch ein kurzes Lachen, hörte ein: „Aber, Mausi, sind Sie junges Ding schon so nervös, dass Sie grundlos weinen?“ — dann stürmte er förmlich davon.
Er schämte sich. Hatte er das arme Mädelchen so erschreckt mit seinem gewaltsamen Kuss, dass es sich nun hier bei einer Bekannten ausweinen musste?
Er war schon halb über die alte Brücke, da wandte er sich ein wenig. Richtig, da hinten war das blaue Kleid sichtbar. Er trat seitlich hinter das Monument des Kurfürsten Karl Theodor, damit sie ihn nicht schon von weitem erkannte, sonst nahm sie möglicherweise einen Rückzug. Erst als sie ziemlich nahe war, verliess er seinen Platz, trat mit tiefem Gruss an ihre Seite.
Ihre Augen trugen noch die Spuren von Tränen, und um den kleinen Mund zuckte es.
Er sagte rasch, unbekümmert um etwaige Vorübergehende: „Verzeihen Sie mir, bitte, wenn ich Sie kränkte, es soll nie mehr geschehen.“
Ein rascher Blick traf ihn. Aber in diesem Blick lag keine Spur von Verachtung, auch nichts mehr von Erregung und Zorn, eher etwas ganz, ganz anderes, etwas, was ihn traf bis ins innerste Herz.
„Ich bin Ihnen ja gar nicht böse,“ antwortete die weiche Mädchenstimme, deren tiefer Klang etwas Liebkosendes hatte.
„Ich fürchtete schon, Sie beleidigt zu haben,“ sprach er und kam sich banal und albern vor, aber seine Augen ruhten zärtlich auf ihrem lieblichen Gesicht.
Sie schüttelte den Kopf, dass die Löckchen um Stirn und Schläfen hüpften.
„Es war ja nicht recht, was Sie taten, aber ich war auch gleich sehr bös und hässlich zu Ihnen und —“ sie druckste herum, „na ja, und das tut mir leid.“
Herrgott, war das Mädelchen süss!
Mit welcher Offenherzigkeit es da eben gesagt hatte: „Ich war aber gleich sehr bös und hässlich zu Ihnen,“ dazu der Blick von kurz zuvor.
Franz-Ferdinand atmete tief auf, und wie Trauer ging es ihm durch den Sinn, dass es doch wohl besser war, die Kleine zu meiden, nun sie ihn so unverfälscht merken liess, dass er ihr gar nicht gleichgültig war, trotzdem sie ihn kaum kannte.
Sein Kuss hatte das junge Herzchen sicher schneller schlagen gemacht. Dennoch mochte er sich jetzt noch nicht von ihr trennen. Bis über die Brücke konnte man doch zusammenbleiben. Die wenigen Minuten durfte er sich gönnen. Wie einen köstlichen Leckerbissen wollte er die kurze Zeit dieses Beisammenseins mit dem entzückenden Mädel geniessen.
Fortan musste er ihr dann aus dem Wege gehen.
Ihm fiel ein, wie die Frauenstimme, die das weinende Geschöpf in dem kleinen Hause hatte trösten wollen, immer „Mausi“ gesagt hatte.
Die Benennung passte so gut zu der Zierlichen, Feinen.
„Ihren Namen haben Sie mir vorhin nicht nennen mögen,“ lächelte er, „eins aber darf ich vielleicht doch erfahren. Ich bin ja wohl aufdringlich und neugierig, dennoch, bitte, wie ruft man Sie daheim? Darf ich es wissen?“
Errötend gab die Kleine Antwort.
„Getauft bin ich Maria, aber so weit ich zurückdenken kann, nennt man mich —“. Sie stockte. Es erschien ihr zu komisch, dem schlanken, vornehm aussehenden Korpsstudenten zu erzählen: „Man nennt mich ‚Mausi‘“. Nein, das ging nicht gut, sie mochte sich um keinen Preis lächerlich machen.
Franz Ferdinand ahnte, mit welchen Gedanken sich die neben ihm Gehende herumschlug. Sanft sagte er: „Mausi!“
Sie blickte ihn gross und erschreckt an, stotterte: „Woher wissen Sie?“
Er lächelte. „Irgend ein Lüftchen hat es mir ins Ohr geflüstert.“
„Aber nein — sagen Sie doch die Wahrheit,“ sie machte eine reizende Schmollmiene.
Entzückend, hinreissend fand er das Mädelchen so.
„Also ich will wahr sein, gnädigstes Fräulein Mausi,“ lachte er. „Sie sehen einfach so aus, als ob man Sie ‚Mausi‘ rufen müsste.“
Nun lachte sie vergnügt, und beide waren froh wie Kinder, die sich über Harmlosigkeiten freuen.
Gleich war das jenseitige Ufer des Neckars, die Neuenheimer Seite, erreicht, und Franz-Ferdinand dachte, nun müsste er sich verabschieden, denn immer deutlicher empfand er es, das Mädchen war zu schade für eine Liebelei, viel zu schade — und auf mehr durfte er sich nicht einlassen. Daheim auf Schloss Wildhausen wartete Ulla auf ihn, sicher erschien ihr und ihm der Tag, da sie vereint vor dem Altar der kleinen Hauskapelle knien würden, um von Pfarrer Haslanger den Ehesegen zu empfangen. Der alte Pfarrer Haslanger, der ihn schon getauft hatte.
Er blieb zögernd stehen. „Darf ich fragen, in welcher Richtung Sie weitergehen wollen, Fräulein Mausi?“
„Ich will heim,“ sie wies nach links. „Ganz oben, noch ein Stück über die neue Brücke hinweg, wohnen meine Eltern.“
Er folgte einer plötzlichen Eingebung, die alle kühlen, verständigen Vorsätze umwarf.
„Hören Sie, Fräulein Mausi, wollen wir noch ein bisschen zusammenbleiben? Mir ist’s, als hätte ich Ihnen noch etwas zu sagen. Aber hier am Ufer entlanggehen, ist lange nicht so schön wie droben den Philosophenweg. Ich gehe ihn so gern.“
Maria Reinhard fiel ihm ins Wort: „Ich auch, und weil ich noch Zeit habe — —“
Nun fiel er ihr ins Wort: „Gehen wir zusammen.“
Und so geschah es. Maria Reinhard dachte nicht einen Augenblick daran, dass es sich nicht gehörte, mit einem Studenten, dessen Namen sie nicht einmal kannte, den Waldweg entlang zu bummeln, sie wusste nur, es musste lieb und schön sein, neben dem schlanken, vornehmen Mann noch ein Stück Weges weiterzuwandern. Und er hatte das Gefühl, ein köstliches Geschenk erhalten zu haben, weil das hübsche, braunhaarige Mädchen noch ein Stündchen mit ihm zusammenbleiben wollte.
Hier am jenseitigen Ufer war es stiller als drüben, hier verebbte der Ansturm der Fremden, denn die meisten Passanten, die das Schloss besichtigten, liessen sich nicht Zeit, die landschaftlichen Schönheiten dieses Ufers zu geniessen. Unter leichtem Geplauder gingen die beiden dahin, und Franz-Ferdinand erzählte, dass er Medizin studiere, dass er sich auf seinen Doktor freue.
Mausi strahlte ihn an.
„Ja, es muss schön sein, seinen leidenden Mitmenschen helfen zu können.“
Bald hatten sie den Philosophenweg erreicht, und ihnen zu Füssen lag der Neckar. Von drüben grüssten jetzt Heidelberg und das Schloss. Die untergehende Sonne breitete ihren flammenden Mantel weit über den Himmel, hüllte alle Nähe und Ferne in brennenden Glanz.
Sie blieben beide stehen und blickten ins Tal; überströmendes Gefühl war in der kleinen Maria Reinhard ob der Herrlichkeit der Welt und des seltsamen Glückes dieser Stunde. Franz-Ferdinand nahm sanft die kleine Mädchenhand.
„Mausi, ich danke Ihnen, weil Sie mir vergeben haben, denn ich kann nicht anders: was mir bei jedem Mädchen sonst wenig Gedanken bereitet hätte, bei Ihnen empfinde ich es klar und deutlich, es war unrecht von mir, Sie zu küssen, es war schlecht.“
Sie blickte ihn mit unsicheren Augen an.
„Nicht mehr davon reden. Ich weiss ja auch, so ein Spaziergang wie der jetzt gehört sich nicht von mir, Mutter jedenfalls würde tüchtig schelten, aber —“
Sie wusste nicht weiter. Er sann flüchtig, was das nur war, was ihn mit förmlicher Elementargewalt zu dem Mädelchen riss. Nie vordem im Leben hatte er das Empfinden gekannt. Niemals.
Er war bisher kein Bruder Leichtsinn gewesen, eine gewisse Schwere liess ihm zuweilen die vergnügtesten Augenblicke zur Qual werden, aber im allgemeinen hatte er die Liebeleien, die sich ihm bisher boten, froh genossen und ihnen nicht nachgetrauert, wenn sie vorüber waren. Jedenfalls hätte er niemals geglaubt, dass ihn ein so winziges Menschenkind in ein Chaos von Gedanken stürzen würde.
Sie gingen weiter und erreichten den Liselotteplatz, liessen sich auf eine Bank dort nieder.
Still war es umher, grüne Zweige hingen tief auf den Gedenkstein hernieder, der von der Pfälzer Prinzessin erzählte.
Franz Ferdinand wies darauf hin. „Auch ein Erinnerungszeichen an sie, die Sie so interessiert,“ sagte er.
Maria Reinhard nickte. „Ja, die Liselott interessiert mich sehr. Eigentlich tut sie mir leid. Ich glaube nicht, dass sie ihren Mann geliebt hat, so Prinzessinnenehen werden doch meist aus Vernunftsgründen geschlossen.“ Sie blickte gedankenverloren vor sich hin. „Ich möchte keine Prinzessin sein, auch heute nicht, wo es in Deutschland keinen Thron mehr gibt, denn ohne Liebe zu heiraten, muss doch furchtbar sein.“
Franz-Ferdinand lächelte ein bisschen schwermütig.
„Sie haben recht, Mausi. Ohne Liebe zu heiraten, mag nicht schön sein, und auf Thronen hatte die Staatsräson ja oft ein gewichtiges Wort mitzureden. Aber nicht immer, ich glaube auch an Neigungsehen zwischen Hochgeborenen.“
Er dachte an Prinzessin Ulla, die er einmal freien würde, und die so wunderschön war — dass man sie wohl lieben musste, trotzdem sie so eisig kühl war.
Maria Reinhard nickte. „Natürlich, auch Menschen, die in Schlössern geboren sind, können sich liebhaben, aber ich glaube nicht recht daran im allgemeinen.“
Er nahm wieder die kleine Hand.
„Mausi, wir werden uns vielleicht nicht mehr wiedersehen, und wenn Sie mir nicht sagen mögen, wer Sie sind, muss ich, weil es sich doch so gehört, Ihnen meinen Namen nennen —“
Sie liess ihm die Hand, und während ihre Augen auf dem grossen Wappenring an seiner Rechten ruhten, schnitt sie ihm den Satz ab:
„Ich möchte gar nicht wissen, wer Sie sind, nein, nein. Sie sagten, wir werden uns nicht wiedersehen, wozu bedarf es dann noch der Namen?“
Er presste die kleine Hand fester.
„Wollen Sie mich denn noch wiedersehen, darf ich das hoffen?“
Sie barg ihre blauen Augensterne unter den gesenkten Wimpern und neigte den reizenden Kopf.
Da stürzte auch der letzte Halt ein, an den sich seine Ueberlegung und Vernunft geklammert. Er sagte zärtlich: „Mausi, einzig süsse Mausi!“ Und plötzlich ruhte sein Mund auf dem ihren, und diesmal duldete Maria Reinhard den Kuss, duldete noch mehr Küsse.
Die Bäume rauschten leise, flüsterten uralte Liebesgeschichten, und in den Zweigen sang ein Vöglein ein jauchzendes Liedchen.
Langsam lösten sich die Mädchenlippen von denen des Mannes. Er war wie benommen, begriff nicht, was ihm geschehen. So manches Mädchen hatte er schon geküsst, aber keine mit solcher Innigkeit, keine mit solchem stillen, seligen Glücksempfinden.
Eigen war das, eigen!
„Mausi, liebes, liebes Mausi!“ flüsterte er leise.
Die Kleine lächelte ihn an.
„Nun möchte ich gerne den Namen wissen —“ sie unterbrach sich: „Ich heisse Maria Reinhard, Baumeister ist mein Vater.“
Er dachte, ich will meinen Namen vereinfachen, damit sie nicht vor mir zurückschreckt, und erwiderte:
„Ich heisse Franz-Ferdinand von Wildhausen.“
Sie nickte. „Ein hübscher Name, er klingt so kraftvoll.“
Spielerisch zog sie die Rechte, die den Wappenring trug, nahe. Er zeigte einen Eberkopf und zwei gekreuzte Schwerter.
Eine kleine Gesellschaft nahte, und die beiden erhoben sich, gingen langsam weiter. Er führte das Mädchen an der Hand und konnte noch immer nicht fassen, wie glücklich ihm zumute war.
„Mausi, wann darf ich dich wiedersehen?“ fragte er, und das Ohr des Mädchens nahm das erste „Du“ von den Männerlippen mit einem leisen Glücksschauer entgegen.
Sie erwiderte: „Wir wollen uns wieder auf dem Schloss treffen, dort, wo —“
Er lachte. „Dort, wo mich Mausi angefaucht und mit den Füsschen gestampft hat. Recht, mein Mausi, dort können wir uns treffen. Aber wann? Bitte, morgen schon!“
Sie wiegte, von Zweifeln bewegt, den Kopf.
„Nein, morgen werde ich nicht fortkönnen. Morgen und übermorgen haben wir grosse Wäsche, und da muss ich allerlei im Haushalt helfen.“
Sie sagte es halb wichtig, halb komisch.
Er lächelte belustigt. Er vermochte sich das zarte Geschöpfchen gar nicht bei der Ausübung irgendwelcher hausfraulichen Pflichten vorzustellen.
„Dann sehen wir uns aber bestimmt den Tag nach der Wäsche,“ drängte er.
Sie nickte. „Gegen vier Uhr.“
Er neigte sich ein wenig zu ihr nieder.
„Sage doch einmal ‚Franz-Ferdinand‘ zu mir, nenne mich einmal du. Du musst das jetzt, wir haben uns doch geküsst.“
In ihren tiefen Augen erglomm ein wundersames Leuchten. „Ja, wir haben uns doch geküsst.“ Sie blickte sich scheu um. „Ich will lieber das letzte Stück Weg allein zurücklegen, es kennen mich zu viele in der Gegend, wo wir wohnen.“
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang mit einer fast heftigen Bewegung die schmalen Aermchen um den Hals des Mannes. „Auf Wiedersehen, Franz-Ferdinand, am dritten Tag von heute, auf Wiedersehen, und sei hübsch pünktlich, du.“
Ihre weichen Lippen küssten ihn und dann lösten sich die Arme, gaben ihn frei, ein lichtblaues kurzes Kleidchen flatterte leicht auf bei den Bewegungen des zierlichen Körpers, den es umschloss. Fort war Mausi. — —
Franz-Ferdinand wanderte den ganzen Weg zurück, spann sich dabei tief in seine Gedanken ein, und er fühlte sich so jung, so überjung. — Kein einziger Gedanke flog mehr nach dem Schloss der Eltern zu Ulla, der blendendschönen Prinzessin.
Pulsuz fraqment bitdi.