Kitabı oxu: «Die rote Köchin»
Anonym
Die Rote Köchin
Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar
Aus dem Italienischen von Ambros Waibel

Anonym
Der anonyme Verfasser kaufte im Auftrag
eines Freundes in einer kleinen Tessiner
Galerie ein winziges Aquarell von
Paul Klee, ein Geschenk des Meisters an
seine Schülerin Hannah R. Die Galeristin
ist die Enkelin der Roten Köchin, von
ihr erfuhr er deren Geschichte, die er
niederschrieb.
Copyright der italienischen Originalausgabe:
© DeriveApprodi srl, Rom 2003
Originaltitel: »La cuoca rossa. Storia di una
cellula spartachista al Bauhaus di Weimar.
Con un ricettario di cucina tedesca«
Copyright der Übersetzung:
© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz 2012
Alle Rechte vorbehalten.
2. Auflage 2013
print-ISBN 978-3-931555-59-7
e-ISBN 978-3-955755-96-6
Lektorat: Sonja Vogel
Cover: Oliver Schmitt
Ventil Verlag
Boppstraße 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
Inhalt
Weimar, warum nicht? Von Dietmar Dath
Vorgeschichte
Vorrede
Vorspeisen
Heringe nach Art der Kronstädter Matrosen
Forellenfilets à la Braunberger
Terrine von Hering und Hecht
Großer Kartoffelsalat
Grüne Erbsen auf Holsteiner Art
Wirsingrouladen
Salat mit Entenschinken
Brunnenkresse-Creme mit Fröschen
Zwiebelkuchen
Schneehuhnterrine mit Portwein
Königsberger Klopse
Heringswürfel
Gefüllte Zwiebeln
Entenbrust auf Wirsing
Ochsenzunge auf Rosinensauce
Kartoffelpastete mit Räucherlachs
Gemüseartischocken mit Mark
Kraut auf westfälische Art
Geschmorte Salatherzen
Forellenauflauf mit Krabben
Kotlety Rublennye
Karpfenfilets mit Kraut
Leberauflauf
Jan im Sack
Biersuppe
Holundersuppe
Leber-Knyll in Brühe
Zanderrouladen in Mandel-Sahne-Sauce
Aalsuppe
Weichselkirschensuppe
Akaziencreme
Fette Specksuppe
Potée à la Weimar
Hauptgerichte
Schnecken nach Bauernart
Hopfensprossen mit Rührei
Hirnsuppe
Hamburger
Aal mit Speck
Gedünstete Schleie
Donaustör
Karpfen auf sächsische Art
Hecht geschmort
Bachforellen gemehlt
Kabeljau norwegisch
Luthers Schellfisch
Kabeljau mit jungen Kartoffeln und Frühlingszwiebeln
Seehecht italienisch
Bratwurstnester mit Weißwein
Blutsuppe mit Äpfeln
Hühnerfrikassee à la Kiel
Schinken mit Wiesenheu
Wachteln an marinierter Gänseleber
Kraut mit der Laus
Rehkeule mit Maronen und Quitten
Rinderlende mit Zwiebeln
Hasenrücken nach Art des Jagdzirkels
Holzbein mit Bandnudeln auf italienische Art
Rebhuhnkasserolle mit Renette-Äpfeln
Kaiserfasan
Hirschkotelettes mit Linsen
Dessert
Reibekuchen
Faschingskrapfen nach Grazer Art
Kekse der Polnischen Schwestern
Kissel mit Blaubeeren
Spartakistenpudding
Soufflé à la Kirsch
Stachelbeer-Kaltschale
Beignet mit Renette-Äpfeln
Pudding mit Waldbeerensaft
Blaubeerkuchen
Feine Pfannkuchen mit Blaubeeren und Himbeeren
Anisbogen
Gefüllte Orangen
Bayerische Creme mit Himbeeren
Kirschdessert à la Elfriede Petri
Gugelhopf hessische Art
Zabaione mit Kirsch-Ingwer-Sauce
Reistorte mit schwarzen Johannisbeeren
Plum-cake
Liszt-Mokka
Gestürzte Apfeltorte
Kirschflan
Thüringer Charlotte
Glossar
Weimar, warum nicht?
Meistens, wenn ich in Weimar bin, gibt es da zwielichtige Kunst, gutes Essen und kommunistische Streitigkeiten. Das war schon so, als ich noch nicht wusste, wie ölig die Nudeln in der Nähe des Thälmann-Denkmals schmecken und dass man die Pommes, die es unweit des härtesten Goetheviertels gibt, nicht zu dem ganz woanders gelegenen Metalltor mitnimmt, an dem Hammer und Sichel prangen, sondern gefälligst in der Kneipe aus der Schüssel isst, und zwar ohne Soßenmatsch und Ketchup-Kleister, rotgepudert und blitzgesalzen, wie sie eben sind. Die Leute hier machen Radio, Ausstellungen und Flohmärkte. Man hält es gut aus in Weimar.
Früher, sagt das Buch, das gleich anfängt, gab es in Weimar auch kommunistisches Essen, gute Kunst und zwielichtige Streitigkeiten sowie außerdem kommunistische Kunst, zwielichtiges Essen und gute Streitigkeiten.
»Was tun?«, Titel eines netten russischen Romans und einer wertvollen russischen Abhandlung, fragten die Leute, von denen das Buch handelt, in den Zeiten, von denen das Buch spricht, das gleich anfängt, lieber nicht allzu lange, weil sie wussten, dass man sich, wenn man das allzu lange fragt, leicht zwischen den zwei möglichen Deutungen dieses Fragesatzes verläuft, er heißt ja sowohl »was kann man machen?« wie »was sollte man machen?«, das ist weiß Gott nicht dasselbe. Sie machten lieber so was: »Seit einigen Wochen nutzen wir eine aus Moskau stammende Taktik, die Wilhelm erforscht hat: Versteckt auf Dächern und Bäumen vor den Fabriken werden Lautsprecher installiert und Parolen ausgegeben.« Schäm dich, faules Internet!
Die italienische Fassung dieses Buches, von der man mir erzählt, dass sie erfolgreich war und ist, kenne ich nicht. Dass Ambros Waibel, ein rundum hervorragender Mensch, der manchmal bei ganz schrecklichen Zeitungen arbeitet und sowohl erfundene wie wirklich vorgekommene, immer aber wahre Geschichten erzählen kann, das Buch jedenfalls ausgezeichnet übersetzt hat, kann ich aber trotzdem erkennen, denn es schmeckt gut (das liegt am Champagnerpfeffer, mit dem er es gewürzt hat und der natürlich, genau wie der Geschmack des Buches, eine Metapher ist – heute muss man so was ja erklären, sonst versuchen welche, das Ding aufzuessen, und tun sich hinterher mit ihrem Bauchweh dick).
Ob das alles so gewesen ist, wie das Buch nahelegt, weiß ich nicht, aber wer es liest, um sich einen Besuch beim Bauhaus, das Selberkochen, die Lektüre des Paul-Klee-Comics von Christophe Badoux oder eigene kommunistische Praxis zu ersparen, ist sowieso bescheuert. Es geht doch darum, sich daran erinnern zu lassen, dass man vieles, was man machen sollte, auch tatsächlich machen kann.
Darum geht es übrigens in jedem Buch, das man nicht ungelesen wegschmeißen muss.
Aber nicht alle schmecken so gut wie dieses.
Champagnerpfeffer.
Lautsprecher.
Nicht stehenbleiben.
Weiterlesen.
Dietmar Dath
Die Rote Köchin
»Partisan ist und wird jeder sein,
der die Faschismen bekämpft.«
Pietro Chiodi
Vorgeschichte
Ich habe Ihnen das Bild mitgebracht und noch etwas anderes, das Sie interessieren könnte, sagte sie, und schob mir einen großen Packpapier-Umschlag zu. Er war abgewetzt und mit einer Kordel umwickelt. Das ist alles, was von ihr geblieben ist. Machen Sie etwas Gutes damit. Dann lächelte sie: Einen Kaffee? Sehr gern.
Wir hatten uns ein paar Tage zuvor kennengelernt, in ihrer kleinen Kunstgalerie im Zentrum von Ascona. Sie war spezialisiert auf Nebenwerke der mitteleuropäischen Avantgarde, Stiche und Zeichnungen der großen Meister. Ein Freund aus Mailand, Sammler und Mäzen, hatte mich gebeten, ein kleines Aquarell von Paul Klee zu begutachten und dieses, bei Gefallen, für ihn zu erwerben. Ich habe keine Zeit, sagte er mir, und im Übrigen möchte ich auch nicht, dass man weiß, dass ich der Besitzer bin. Verhandele den Preis, lass es Dir jedenfalls auf keinen Fall entwischen, wenn es echt ist. Gib aus, was Du für angemessen hältst, ich lasse Dir über mein Sekretariat eine Vollmacht zukommen, damit Du das Geld direkt von meinem Schweizer Konto abheben kannst. Das Bild ist klein, leg es in ein Buch und bring es mir, sobald es Dir passt.
Die Galerie lag in der Nähe der Uferpromenade. Sie hatte ein großes Schaufenster, war innen aber winzig und sehr gepflegt. Den Eingang bewachten eine verdorrte Palme und ein Springbrunnen. Im Fenster standen Bronzen, die ich nicht zuordnen konnte, im Inneren konnte ich einige Stiche von Victor Brauner erkennen, aus dem Alterswerk, von denen ich wusste, dass sie von Upiglio in Mailand gedruckt worden waren, dazu ein paar ganz hübsche handkolorierte Stiche von Sonia Delaunay.
Ein Glöckchen am Eingang meldete mein Eintreten. Hinter einem Empire-Schreibtisch saß eine Frau und schrieb. Sie hob den Kopf und nahm die Brille ab. Es roch nach Hamamelis-Parfüm. Kann ich Ihnen helfen? Bekannte haben mir gesagt, Sie hätten ein Aquarell von Klee zu verkaufen, aus dem Jahr 1921. Ich würde es gern sehen. Schweigend betrachtete sie mich einen Augenblick lang, wie um abzuschätzen, ob ich als Kunde oder nur aus Neugierde gekommen war. Dann sagte sie mit starkem deutschen Akzent: Ich habe es im Moment nicht hier. Sie müssten später noch einmal vorbeischauen. Wir verabredeten uns für den frühen Nachmittag des folgenden Tages. Ich dankte ihr und verabschiedete mich. Von draußen sah ich, wie sie einen Moment inne hielt. Dann beugte sie sich wieder über ihre Papiere.
Mich wiederzusehen überraschte sie, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ. Folgen Sie mir, sagte sie. Ihr Auftreten machte sie attraktiv, ich wusste genau, was es war: Selbstbewusstsein. Sie tippte eine Nummer auf der Tastatur des Telefons – wohl ein Sicherheitscode, der sie mit einem Wachdienst verband –, nahm aus einer Schublade einen Schlüssel und öffnete damit eine Tapetentür hinter sich. Sie führte mich in einen kleinen Lagerraum voller Regale, in denen Bilder wie Bücher in einer Bibliothek aufgereiht waren. In einer Ecke stand eine Staffelei und auf ihr, von einem Spot angestrahlt, war der Klee, den ich suchte. Wie Sie sehen, habe ich Sie erwartet. Aber ich weiß nicht, ob ich verkaufen will. Das hängt vom Preis ab, nehme ich an. Nein, vom Käufer. Es kam mir vor, als sei ihre Stimme plötzlich hart geworden.
Darf ich es mir ein bisschen näher ansehen, fragte ich. Sie presste die Lippen zusammen, erlaubte es aber. Ich nahm das Bild in die Hand. Es war großartig. Um das Eis zu brechen, sagte ich: Wenn ich es kaufe, kann ich es bar in Schweizer Franken zahlen oder mit einer Überweisung auf Ihre Hausbank, ganz wie Sie möchten. Sie fixierte mich, ohne zu antworten. Natürlich müssten Sie mir die Expertisen zeigen, auch wenn ich sie, ehrlich gesagt, so wie ich das Bild einschätze, gar nicht bräuchte. Sie verzog das Gesicht, vielleicht war es ihre Art zu lächeln, dann sagte sie leise, das Bild gehört meiner Familie schon immer, praktisch von dem Tag an, an dem es entstanden ist. Ich sah sie neugierig an. Sie fuhr fort: Er schenkte es meiner Großmutter, als er am Bauhaus unterrichtete. Sie bewunderte ihn. Sie erzählte immer wieder, er sei ein Mann gewesen, der nur für die Wahrheit und die Schönheit gelebt habe. Sie war seine Schülerin im Kurs für … wie sagt man das auf Italienisch, sie suchte nach Wörtern, Glasmalerei und Weben? Irgendwo habe ich auch noch ein Foto von ihr, wie sie Klee beobachtet, während er das Bild vollendet. Ihre Großmutter war am Bauhaus in Weimar? Das ist eine lange Geschichte, sagte die Frau, und sah mir in die Augen. Wenn ich mich entscheide, es zu verkaufen, und Sie es kaufen wollen, erzähle ich sie Ihnen vielleicht.
Wir diskutierten ein wenig über den Preis, ich war aber nicht bei der Sache. Mich beschäftigte, was sie erzählt hatte. Sie war ungefähr in meinem Alter und noch gut in Form. Ich lud sie zum Essen ein. Ich wollte den Abend nicht allein an einem Tisch im Schweizerhof verbringen, wo ich abgestiegen war. Wenn Sie es verkaufen wollen, nehme ich es sofort, und wir können uns später sehen – schlagen Sie ein Restaurant vor, Sie kennen sich hier aus. Sie dachte lange darüber nach, während sie die Dinge auf ihrem Schreibtisch ordnete. Den Kaufpreis zahlen Sie auf mein Konto bei der Credit Suisse ein, in der Filiale hinter dem Postamt. Sie seufzte, fixierte mich noch einmal, dann hatte sie sich entschieden: Zum Essen kommen Sie lieber zu mir, ich schreibe Ihnen die Adresse und die Telefonnummer auf, falls Sie es sich noch anders überlegen. Ich wohne ganz in der Nähe. Und zwar, wie ich dann feststellte, in der Gasse Contrada Maggiore, in einem roten Häuschen mit einem alten Marmorspringbrunnen in der Ecke des kleinen Atriums, über und über geschmückt mit Vasen voller Geranien und Orangenbäumchen. Sie versorgte die Blumen, die ich mitgebracht hatte, und bot mir ein Glas Madeira an. Ich habe eine Tessiner Spezialität für Sie vorbereitet. Früher habe ich sehr gern gekocht, aber in letzter Zeit hatte ich kaum mehr Gelegenheit dazu. Es gibt geschmortes Zicklein, dazu Kastanien-Quenelles mit Waldkräutern.
Das Haus war voller Erinnerungen, Bücher und Schwarzweiß-Fotografien. Große Werke sah ich nicht, aber alle trugen sie liebevolle Widmungen. Im Wohnzimmer, neben einem weißen Sofa, standen zwei Exemplare des berühmten Stahlclubsessels von Marcel Breuer. Das Leder war alt und hier und da lag auf dem Metall leichter Rost. Das sind Prototypen, sagte sie, meine Großmutter hatte sie auf ihrer Bude – und jetzt stehen sie hier. Ich nahm die Gelegenheit wahr, sie nach ihrer Großmutter zu fragen, erzählen Sie, sagte ich, Sie haben es mir versprochen. Sie lächelte.
Sie hieß Hannah, aber die Studenten des Bauhauses gaben ihr einen Spitznamen: »Die rote Köchin«. Von ihr habe ich Kochen gelernt, sagte sie und trank einen Schluck Wein, und die Liebe zur Kunst geerbt. Sie ist 1956 in Russland gestorben, sagte sie dann abrupt. Jedenfalls vermuten wir das. Sie war Spartakistin. Als der Ungarnaufstand ausbrach, stieß sie zu ihren alten Genossen, die wieder eine Zelle gegründet hatten. Aber sie wurde verraten, vom KGB festgenommen und nach Moskau verschleppt. Da verlieren sich die Spuren. Wir versuchen immer noch, mehr über ihr Schicksal zu erfahren, doch die neuen Herren im Kreml sind schlimmer als die alten. Es folgte ein bedrückendes Schweigen.
Draußen hatte es zu regnen begonnen, die gelben Lampen des Rathauses schienen heller zu leuchten. Unten auf der Straße liefen Jugendliche lachend vorbei. Sie sagten, die Zelle sei wieder gegründet worden: Was meinen Sie damit? Das ist eine lange Geschichte, wiederholte sie mit einem scheuen Lächeln. Aber nun war ich in diese Geschichte hineingeraten und ich beschloss, ihr die Wahrheit zu sagen: Dass der Klee nicht für mich war, und dass ich mich mehr für ihre Großmutter interessierte als für moderne Kunst. Das hatte ich schon verstanden, sagte sie, ich habe Sie extra deswegen eingeladen. Sie sind auch nicht so unbekannt, wie Sie glauben. Ich werde Ihnen alles erzählen und Ihnen auch die Dokumente zeigen. Und ich hoffe, dass ich damit keinen Fehler mache. Aber erst regeln wir die andere Angelegenheit. Hier ist meine Kontonummer. Wenn Sie mir morgen früh die Einzahlung belegen, bringe ich Ihnen den Klee um elf ins Hotel. Und hier, das ist für Sie. Sie nahm ein kleines Metallobjekt von einem Beistelltisch und gab es mir. Es war ein Benzinfeuerzeug aus Aluminium, würfelförmig, mit einem Messingknopf an der Seite, mit dem man es öffnete und entzündete. Meine Großmutter hat es entworfen, ich rauche nicht, nehmen Sie es. Aber jetzt essen wir, der Braten ist fertig.
Dieses Buch ist aus den Erzählungen dieses Abends entstanden und mit dem Material aus dem Umschlag. Es ist die Geschichte von Hannah R. und einer »Roten Zelle«, die einige Studenten am Bauhaus Weimar gründeten. Sie waren alle jung und voller revolutionärem Enthusiasmus, sie wollten die Welt wie den Alltag verändern. Manche verloren ihr Leben dabei. Aber bei allen wuchs in diesen Jahren ein Gefühl der Ohnmacht, der Entfremdung und des Schreckens. Sie hatten verstanden, dass die letzte Schlacht gegen die schlimmste aller politischen Horrorvisionen noch bevorstand: den Faschismus. Angesichts der Geschichte und der Leidenschaften dieser jungen Menschen und trotz ihrer Irrtümer – sagen wir es ruhig mal wieder mit Karl Marx: »Brav gewühlt, alter Maulwurf!«
»… Weißt Du, Hannah: Kochen, das ist das praktische Wissen um die kleinen Dinge, alte und edle, aber für uns ist es noch mehr: Eine clowneske Art, dem Wahnsinn dieser Zeiten zu widerstehen.«
Hans
Vorrede
Der erste Teil dieses Kochbuchs ist von der Chronologie her verworren, gibt jedoch auf seine Art auch die gesellschaftlichen Umstände wieder, die von der Autorin in ihren Erinnerungen festgehalten werden. Die fortlaufende Zählung der Manuskriptseiten beginnt mit einem Rezept, das auf eine Unterrichtsstunde Paul Klees Bezug nimmt, der allerdings seine Tätigkeit am Bauhaus erst 1922 aufnahm. Im Folgenden ist dann die Rede von früheren Ereignissen, ganz so, als hätte die Autorin ihre Hommage dem Lehrer erweisen wollen, den sie und ihre spartakistische Zelle als einzigen am Bauhaus so sehr schätzten, dass sie ihn »Meister« nannten.
Wann genau dieser Haufen junger Leute die Zelle gegründet hat, wissen wir nicht. Aber aus den Zeitumständen können wir ableiten, dass es zwischen dem 30. September 1918 – als Ludendorff und Hindenburg dem Kaiser mitteilten, dass der Krieg verloren war – und April 1919 gewesen sein muss: In diesem Monat erschien ein von Walter Gropius verantwortetes Flugblatt, das die Fusion der »Großherzoglich Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst« mit der »Kunstgewerbeschule Weimar« unter der neuen Bezeichnung »Staatliches Bauhaus in Weimar« bekannt gab.
Die Rezepte sind hier und da formal überarbeitet worden, der autobiografische Teil nicht. Als Ensemble bilden die Aufzeichnungen ein seltenes Dokument deutscher Küche, ja, einer spezifisch »nordischen« – im Gegensatz zu der heute weit verbreiteten »dieta mediterranea«, der Mittelmeerdiät. Bei genauem Hinsehen wird der Kenner viele Archetypen dessen finden, was seit den 1970er-Jahren als Marktküche bekannt geworden ist und schließlich zur Nouvelle Cuisine führte. Im Allgemeinen sind die Angaben für sechs Personen gerechnet. Fast alle Rezepte sind in der ersten Person geschrieben, ein paar jedoch, darunter das erste, in der dritten: Als ob die Autorin ihre autobiografischen Aufzeichnungen nach und nach in eine Erzählung hätte umwandeln wollen.
In den Dokumenten, die dem Kochbuch beiliegen, wird Folgendes berichtet: Das Restaurant, das die Protagonisten und Autoren der Rezeptsammlung übernahmen, wurde ihnen von den Verwandten des Vorbesitzers übertragen, einem der zahllosen, gesichtslosen Opfer jenes Krieges. Das Lokal befand sich in der Nähe des Weimarer Fürstenplatzes, nicht weit von der Bibliothek.
Vorspeisen
Heringe nach Art der Kronstädter Matrosen
Folgt nicht meiner Hand, folgt dem Thema. Nehmt mit eurer Sensibilität die entstehende Form vorweg, wie wenn ihr den Sinn der Figur schon im Entstehen begreifen würdet. Jenseits der großen Fenster des Atriums schien ein bleierner Himmel im Begriff, auf die Erde zu stürzen. Die Luft war feucht, wir froren. Dämmerung setzte ein. Die Stimme des Meisters schien zu zittern, aber seine Augen leuchteten. »Meister« – so hatten wir angefangen, ihn zu nennen, ein wenig scherzhaft, aber auch, weil er, wie Ewa immer sagte, der einzige war, der einem Engel glich.
Entschlossen lief seine Hand über das Papier. Na bitte, sagte Hans, er hat wieder einen Fisch gezeichnet. Aber nein, Dummerchen, grinste Hannah ihn an, das ist kein Fisch! Jedenfalls kein Fisch im wörtlichen Sinn, es ist eine Allegorie der Leichtigkeit, der Zerbrechlichkeit. Der Zustand von Wehrlosigkeit in einem Meer finsterer Gewalten. Es ist eine Metapher für Deutschland, dachte Hans, als ein erster Donner den Regen ankündigte. Die Hand verschob sich auf dem Blatt nach unten, hielt über einem Knäuel von Linien inne. Dann setzte sie einen Punkt, dort wo jemand, der nicht zeichnen kann, ihn auch hingesetzt hätte, einfach so. Das Linienknäuel verwandelte sich in ein Gesicht.
Lächelnd sah Hans zu Hannah. Hast Du gesehen? Ein Punkt – und alles ändert sich. Ein Pferdewagen der Straßenreinigung bog am Ende der Straße rumpelnd um die Ecke. Hans blickte auf, er wollte die Sterne am Himmel sehen, aber an diesem Abend zeigten sie sich nicht. Vielleicht reicht ein Punkt, dachte er. Aber um ihn zu setzen, musste man wie der Meister sein, ein Kind, überzeugt davon, dass im eigenen Empfinden die absolute Macht über Leben und Tod lag. Er dachte an die Worte seines Zugführers: Im Bürgerkrieg muss man Voraussicht entwickeln. Man muss wissen, was der Feind, die Zielperson will, bevor sie selbst es weiß. Wie sagte es Dostojewski in den »Aufzeichnungen aus dem Kellerloch«? Ein Prosit auf mein unterirdisches Versteck!
Die Übungsstunde ging zu Ende. Im Korridor war es schon dunkel. Jemand hatte eine Fackel im Garten angezündet. Hannah stieß zu den Freunden. Beeilen wir uns, sagte Martin, heute Abend haben wir Dienst, wir müssen uns um die Vorspeisen kümmern.
Dies ist ein Rezept eines alten Matrosen aus Oranienbaum, wo er im Soldatenrat der Stadt saß. Die sehr frischen Heringe ausnehmen, ohne den Rogen zu entfernen. Gut abtrocknen und mit einem Küchentuch die Schuppen abreiben. An jeder Seite zweimal einschneiden und mindestens vier Stunden in Salz marinieren. Es reicht eine Handvoll für jeweils sechs Heringe. Wenn sie mariniert sind, die Heringe waschen und in einer Pfanne auf einem Bett von Zwiebelringen und mit Petersilie, ein wenig Anis und Thymian, ein paar frisch gemahlenen Pfefferkörnern und einem Lorbeerblatt anordnen. Die Heringe mit einer Mischung aus Honigessig und 1 TL Wodka beträufeln, mit Zwiebelringen und einer als Julienne geschnittenen Karotte bedecken. Das Ganze aufkochen, dann bei niedriger Flamme 15 min mit Deckel köcheln lassen. Die Heringe vor dem Servieren in ihrem Saft abkühlen lassen.
Forellenfilets à la Braunberger
Versammlung in den Räumen des Gymnasiums, in der Nähe der Kunstschule. Im Publikum ein paar örtliche Amtspersonen, viele Politiker, darunter einige Abgeordnete, hohe Offiziere in Uniform und einige mittelständische Industrielle, die sich für die neuen Unterrichtsmethoden interessierten. Der Saal: hell erleuchtet, aber kalt. Boden und Bänke waren feucht. Der »Chef«, wie Gropius allgemein genannt wurde, wie immer höchst elegant gekleidet. Das kommt von Alma Mahler, flüstert Martin. Hans war schon früher gekommen. Er sagte: Schaut euch mal aufmerksam um – das ist hier keine Schulversammlung, sondern die Parodie eines politischen Kongresses. Jede Partei blieb für sich, insbesondere die Studenten. Sogar die Schüler von Johannes Itten waren da, die »Jünger Arcadiens«, die mit ihm aus Wien gekommen waren. Ihr Heiliger saß in ihrer Mitte, rasierter Schädel, Stahlbrille, Hemd mit koreanischem Stehkragen, vergeistigter denn je. Die »Nostalgiker«, wie Ewa sie nannte, hatten sich um das Rednerpult geschart, zusammen mit den »Träumern« – auch dies eine Ewa-Definition für die Schüler, die hofften, die Welt neu zu gründen, indem sie bei der Form eines Teelöffels ansetzten.
Der Chef war gerade damit fertig geworden, die Figur des »Künstler-Handwerkers« zu lobpreisen, und Itten spreizte sich schon wie ein Pfau, reckte das Kinn, als hätte er gerade eine Investitur erlebt. Neben Gropius Ernst Hardt, Generalintendant des Weimarer Theaters, er lächelte befriedigt und nickte mit dem Kopf. Du wirst sehen, sagte Hans, gleich wird er mit dem Gesamtkunstwerk loslegen. Woher willst Du das wissen? Weil er ohne Maske sprechen muss – weißt Du nicht, Oscar Wilde? »Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. Gib ihm eine Maske und er wird dir die Wahrheit sagen.« Deswegen ist hier alles vorhersehbar. Dann gingen wir.
Wir sind keine Partei, Hannah, wir sind die Bösen, murmelte Hans mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen, vergiss das nie. Man muss dem Gegner auf den Fersen bleiben. Als ich ein Mädchen war, hatte ich geglaubt, dass die richtigen Antworten die Welt verändern könnten. Jetzt bin ich schon mit ein paar Brotkrumen der Wahrheit zufrieden. Ich dachte an meinen Vater, der immer behauptet hatte, der politische Attentäter sei das gefährlichste Tier der Herde, weil ihm ein uneinnehmbarer Zufluchtsort in seinen Überzeugungen eigen ist – oder, wenn man so will, in seiner Psychopathologie. Seine Stimme erklang ganz klar in meinem Inneren, aber ich konnte mich nicht an den Gesichtsausdruck, den er dabei hatte, erinnern: War er verurteilend oder nüchtern-feststellend gewesen? Das Ziel lag vor uns, zur Linken. Und wie immer in solchen Situationen, in denen der Instinkt regiert, überkam mich eine Angst, die dann aber sofort verdrängt wurde von etwas anziehendem und abstoßendem zugleich: der Jagdlust.
Vier Forellenfilets enthäuten und parieren. In einer tiefen Pfanne das Weiße von ein paar Lauchstangen (als Julienne geschnitten) mit 50 g Butter andünsten, dazu klein gezupften Estragon geben. Darauf die Forellenfilets anrichten und drei Gläser Moselweißwein beifügen. Langsam erhitzen und drei bis vier Minuten kochen lassen, dann die Filets herausnehmen und warmstellen. Den Fond in der Pfanne mit einem Glas Sahne lösen, durchs Spitzsieb geben, dazu eine Nuss Butter, Salz, weißen Pfeffer und etwas Thymian. Filets auf einem vorgewärmten Teller anrichten, mit der Sauce beträufeln, dazu Pellkartoffeln und im Ofen geschmorte Tomaten reichen. Mit Minzblättern garnieren.
Terrine von Hering und Hecht
Ich suchte Hans in der »Wolfsschanze«, wie er seine Bude nennt, auf. Über die Unordnung, die dort herrschte, gerieten wir uns dauernd in die Haare. Aber dank seiner Rabulistik behielt er immer die Oberhand. Du weißt doch, Hannah: Die Idee der Ordnung an sich ist immer etwas arisches, etwas religiöses gewesen. Vom Standpunkt der Ordnung her ist schon die Dialektik eine jüdische Idee, ausschließlich dazu gemacht, den edlen deutschen Geist zu verwirren.
Ich sah mich um. Ein Exemplar von »Der Geheimagent« von Joseph Conrad lag achtlos aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben auf dem Fußboden neben dem Bett. Aus dem Chaos stachen Zeichenpapier-Rollen und Farbtöpfchen hervor. Das Evidente verbirgt sich im Offensichtlichen – den Spruch liebte Hans. Einige Töpfchen waren geöffnet, andere geschlossen, viele hatten kein Etikett. Koch zu sein, ist eine Berufung, sagte er und sah grinsend zum Fenster hinaus. Auf der Kommode lag eine vollgekritzelte Speisekarte aus dem Romanischen Café in Berlin und ein zerknittertes Programm des Staatlichen Bauhauses in Weimar mit Feiningers Kathedrale auf dem Deckblatt. Darauf ein Galvanometer als Briefbeschwerer.
Ich kannte seine »Farcen« sehr gut: Natriumchlorat, Zucker, Ammoniumnitrat, Kaliumchlorat, Pikrinsäure, Aluminiumpulver, Silberfulminat, Vaseline, Kieselgur – all das bildete auf dem Tisch und in den Schrankfächern mit Ölfarben und Pigmenten ein wildes Durcheinander.
Das Evidente verbirgt sich im Offensichtlichen. Das erste Mal, als ich ihn eine Bombe basteln sah, meinte er besorgt, darin sei er ja ganz gut, aber schau mal, Hannah: Die Herren in Wien, die sich mit der Seele beschäftigen, sagen, dass diese Fähigkeit auf gewisse Perversionen verweist, die nur noch nicht zum Ausbruch gekommen sind: Pyromanie, Schlafwandeln, Tierquälerei. Man sagt zum Beispiel auch – während er sprach, werkelte er unentwegt mit seinen Substanzen herum –, dass Ravachol berüchtigt gewesen sei für sein exzentrisches Sexualleben. Er verließ das Haus niemals ohne Rouge, Lippenstift und Sprengstoff. Ich weiß noch, dass ich Hans lange ansah, um rauszufinden, ob er mich auf den Arm nehmen wollte.
Das Treffen unserer Zelle war für den Abend angesetzt, nach dem Küchendienst. Diesmal brauchten wir eines von Hans’ Spezialrezepten; und er liebte es bei solchen Gelegenheiten mit Verweis auf seine militärische Ausbildung zu wiederholen, dass die anzurichtenden Schäden massiv und strukturell sein müssten, wenn sie denn Wirkung haben sollten. Beim Rausgehen drehte ich mich noch mal um und fragte: Kennst du eigentlich das Geheimnis von Léon Blum? Er sammelte die Unterwäsche von jungen Frauen!
400 g Hechtfleisch und 100 g geräuchertes Heringsfilet durch den Fleischwolf drehen. Zum Püree Eischnee von zwei Eiern, Salz, Pfeffer und einen Hauch Muskat geben. Kühl stellen. In einem Topf 100 g Brokkoliköpfe blanchieren, salzen, vom Feuer nehmen und kleinschneiden. Das Fischpüree in einer Schüssel mit dem Brokkoli, 200 g Sahne und einer Nuss Butter vermischen und nochmals salzen. Die Hälfte der Masse in eine feuerfeste Form geben, in die Mitte vier geräucherte Heringsfilets legen und mit dem Rest der Masse bedecken. Im vorgewärmten, nicht zu heißen Ofen für etwa 90 min im Wasserbad erhitzen. Die Terrine kalt in Scheiben geschnitten auf geröstetem Brot servieren. Auf jeden Teller einen sauren, mit Zitronensaft beträufelten Apfelschnitz geben.
Großer Kartoffelsalat
Überall bildeten sich Schlangen: um Brot oder Milch zu kaufen, vor den Postämtern und in den Banken. Einige Metzgereien wurden von verzweifelten Menschen gestürmt, die dabei von Soldaten Unterstützung erhielten. Diese hatten Pistolen und Gewehre, aber nur wenig Munition. Doch das blieben Episoden, in wenigen Minuten war alles wieder vorbei, fast nie wurde geschossen. Dann war es wieder still. Nur der Hass wuchs. Die Masse der Veteranen schwoll mit jedem Tag an, die Ausgedienten vagabundierten durch die Straßen und wirkten gleichzeitig verloren und bedrohlich. Immer mehr Geschäfte machten morgens gar nicht erst auf. Kinder weinten vor Hunger und Kälte. Manche hängten sich still und leise im Keller auf, als ob weiterleben schändlich geworden sei.
Ich war bei Klaus, unserem Buchhändler auf der Breiten Straße, um die Broschüren von Lukács abzuholen, den Kunst- und Erziehungskurs für die Volkskommissare, den er vor ein paar Jahren geschrieben hatte. Klaus wärmte sich an einem Öfchen, das er mit Bänden zum Administrationsrecht nährte, aus der Epoche, die nun alle schon die »Wilhelminische« nennen. Ich hatte ihm eine Schüssel Gemüsesuppe gebracht und er hatte versprochen, mir ein Exemplar von »Geist der Utopie« von Ernst Bloch zu besorgen. Mit Ewa wollten wir uns bei Hans treffen. Wir mussten ihm helfen, Zündschnüre zu basteln. Das war einfach und langweilig. Man musste die Schnüre in Petroleum tränken, dann durch Salpetersäure ziehen und trocknen lassen. Dann steckten wir sie in Trinkhalme aus Stroh. Jeder Halm musste in genau 15 Sekunden abbrennen, nicht mehr, nicht weniger, und das machte es mühsam, die richtige Salpeterdosis herauszufinden. Hans kontrollierte unsere Versuche schon fast obsessiv. Immer wieder ermahnte er uns, dass die selbstgemachten Sprengkörper die gefährlichsten überhaupt seien, höchst instabil, vor allem diejenigen, die schnell und mit großer Sprengkraft explodieren sollten.
Auf 1 kg festkochende und längliche Kartoffeln kommen zwei kleingeschnittene gekochte Heringe, zwei gedünstete und in Scheiben geschnittene Mangoldblätter, zwei gehackte Essiggurken, zwei weiße Zwiebeln und zwei geschälte, entkernte, in Würfel geschnittene Äpfel, ein paar Kapern, ein halbes Glas Honigessig, Salz und Pfeffer. Alles in einer großen Schüssel vermischen, mit 80 g ausgelöstem Schweinespeck übergießen und sofort servieren. In Ostpreußen gibt man etwas sauren Rahm dazu. Die Bauern essen es dann als Hauptgericht, die Wohlhabenden als Beilage zu gebratenem Fisch.
Grüne Erbsen auf Holsteiner Art
Ich fand Martin ganz in Lektüre versunken. Er las ein Flugblatt, das der jüngsten Nummer des »Ventilator«, der Zeitschrift von Köln-DADA, beilag und einen Abend mit Gedichten und Neuer Musik ankündigte. Martin begrüßte mich dann auch mit zwei Versen Hugo Balls: »Ich liebte nicht die Totenkopfhusaren / Und nicht die Mörser mit den Mädchennamen.« Dann grinste er mich an. Was willst Du, Hannah?
Ich kam direkt aus dem Labor, wo wir wieder mit kurzwelligen Farben experimentiert hatten, blau, indigo, violett. Ich hatte Lust bekommen auf eine Tasse Tee, war in die Cafeteria gegangen, und hatte mich mit meinem Getränk zu ihm gesetzt. Hans hat mir gesagt, dass Du Tristan Tzara kennengelernt hast. Wie ist der so? Martin fing an zu lachen. Ich habe nicht Tzara kennengelernt, sondern Herrn Samy Rosenstock. Und zwar in Bern, bei einem Besuch im Inselspital, wo wir beide versuchten, dem Wehrdienst zu entkommen. Man hatte eine Kommission eingerichtet, bestehend aus zwei Schweizer Ärzten, zwei Rumänen, einem Deutschen und einem Franzosen. Er hatte sich von einem Psychiater in Zürich – einem Freund der russischen Psychoanalytikerin Sabina Spielrein, die er aus Lausanne kannte – ein Attest besorgt, das ihm dementia praecox bescheinigte. Ich hatte eines über eine schwere posttraumatische Depression, verursacht durch eine Bombe, die unmittelbar neben mir hochgegangen war.
Der Psychiater war klein, trug einen Zwicker aus Horn, hatte eine breite Stirn und winzige, sehr gepflegte Hände, die ständig in Bewegung waren. Der Farce entsprechend, die wir vorspielen wollten, waren wir beide sehr nachlässig gekleidet. Tzara hatte sich perfekt vorbereitet und riet mir, nichts von mir zu geben als unverständliches Schreien und Murmeln. Dann zeigte er mir, wie man sabbert – er hatte sich das von Patienten im Burghölzli abgeschaut: Man lässt die Spucke in einem langen Faden aus dem Mundwinkel auf die Krawatte laufen – das muss ganz unbewusst aussehen! Er versuchte auch mir den katatonischen Stupor beizubringen, aber ich schaffte es nicht. Ich sah ihn dann am nächsten Tag wieder, wir hatten es beide geschafft, wir waren zurückgestellt und um das zu feiern, machten wir einen ausgiebigen Kneipenbummel. Wir waren bewegt und glücklich. Ich weiß nicht mehr, wie ich oft ich ihn die Szene wiederholen ließ, wie der Arzt seine Gedichte durchblätterte, die der Krankenakte beigeheftet waren und dann gewichtig von einem schweren und unheilbaren Fall von Verblödung sprach. Wir waren wie Brüder, als wir uns um drei Uhr morgens auf der Bahnhofstraße trennten. Eine Zeit lang haben wir uns dann noch geschrieben – das wars, was ich Dir erzählen kann.
Wir schwiegen eine Weile und hörten dem Regen zu. Dann sagte Martin: Berühmt wurde er mit dem Cabaret Voltaire und der Zerstörung der »bourgeoisen« Syntax. Ich verschlang damals Geschichtsbücher und hatte einen Kurs zum Krieg der Sklaven gegen Rom besucht, dem Spartakusaufstand. Er setzte alles daran, der Begründer einer neuen Poetik, wichtiger noch als die Marinettis, zu werden; ich wollte mein Leben geben für den Kampf der Ausgebeuteten gegen den Nationalismus und die Herrschenden. Das Feuer, sagte Martin und fixierte mich, das Feuer, das in uns brannte, war vielleicht das gleiche, aber unsere Träume waren es nicht, Hannah – die nicht. Ich trank meinen Tee aus, er seinen Himbeersirup mit einem Schuss Kirsch, und ich ging zurück ins Labor.
Am Abend hatte ich die frühe Küchenschicht. Meine Großmutter behauptet, es handle sich um ein altes Rezept schwedischer Matrosen, die es Stuvade grönsaker nennen. Aber wehe, sagte sie dann lachend, du sagst das einem aus Pommern oder Holstein.
600 g Erbsen, frisch aus der Hülse gelöst, in reichlich Salzwasser 15 min kochen. Parallel 300 g frische, gesäuberte Krabben 10 min in warmem Wasser dünsten. Erbsen und Krabben in eine Kasserolle geben und mit einer Tasse Béchamel übergießen (Béchamel mit einem Zweig Thymian, einer Prise Muskat, einem Glas trockenen Weißwein, frisch gemahlenem Pfeffer, Salz und einer Nuss Butter). Das ganze bei niedriger Temperatur ein paar min binden lassen. Erbsen und Krabben in eine Schüssel geben. Den Fond in der Kasserolle um ein Drittel einkochen lassen, zusammen mit einer Messerspitze Butter, Petersilie, Anis, Kerbel, fein geschnittenem Grün einer Frühlingszwiebel über Erbsen und Krabben geben und sofort servieren.
Wirsingrouladen
An dem Tag waren wir alle nachmittags in der Webwerkstatt. Muche stand an der frisch geputzten Tafel und erklärte uns eine bestimmte Technik der Farbmischung für Stoffe. Martin langweilte sich: Von der Utopie zur praktischen Anwendung – das ist doch was für Alchemisten. Aber kennst Du denn das Zauberwort nicht? Synthese! Synthese des Heiligen und des Profanen: deutsche Kunst und kapitalistische Technik. Und das während in München andere Alchemisten Blei in Gold verwandeln.
Es war ein wenig Schnee gefallen und das Viertel wirkte gleich hübscher. Von fern drang leise ein Weihnachtslied herüber, zwischendurch immer wieder eine Sirene – Nebelwarnung. Martin hatte mich an etwas erinnert, das ich gelesen, aber vergessen hatte: Die klassische Utopie fordert den Menschen in seinem beständigen Bedürfnis nach Homöostase heraus. An dem Abend hatten wir ein Treffen. Hans hatte mir schon gesagt, worum es gehen würde, und es hieß, geeignete Vorbereitungsmaßnahmen zu treffen. Aus München war uns von einem Genossen die offizielle – und natürlich geheime – Mitgliederliste der Thule-Gesellschaft zugespielt worden. Darunter ist ein halbes Dutzend Studenten unserer Schule, die sich in einem Club namens Hammerbund organisiert haben. Noch so ein Rassisten- und Nazinest, sagt Hans, das ganz auf den irren Ideen dieses wahnsinnigen Theodor Fritsch aufbaut. Jedenfalls erklärte dies, wieso in letzter Zeit so viele Dietrich-Eckart-Broschüren und Exemplare des Völkischen Beobachters kursierten.
Weißt Du, Hannah, manchmal bin ich einfach überwältigt von der Absurdität dieser Jahre: Eine falsche Vitalität, die Lügen vom Blut, vom Mythos, vom Willen zur Macht sind an die Stelle der kritischen Analyse getreten und haben Straßen und Plätze mit Blut getränkt. Dann wechselte er plötzlich das Thema und sagte: Ich habe gehört, dass die Truppen von Nestor Machno in der Ukraine verbrannte Erde hinterlassen – was den Großgrundbesitz betrifft; und das, obwohl sie zwischen zwei Fronten stehen, der von Trotzki, grausam und vom Opportunismus angeheizt, und der von General Denikin und seiner blutrünstigen Armee.
Er lächelte. Kennst Du das: »Dimmi bel giovane / onesto e biondo / dimmi la patria / tua quale è …«? Das hat mir Greta beigebracht. Es ist der Anfang eines italienischen Liedes über die Pariser Kommune. Ich fragte ihn: Was bedeutet es für Dich, für die Homöostase zu kämpfen? Er dachte lange nach. Es gibt ein türkisches Gesetz, das den Abriss von Häusern verbietet, die über Nacht gebaut worden sind. Die Häuser heißen auch so, Gecekondu, »nachts hingestellt«, es sind die Häuser der Obdachlosen. In unserer Welt hingegen sind es die Projekte der Nacht, die Neues schaffen, indem sie das Alte in die Luft jagen. In seinem Blick lag Grausamkeit, als er das sagte, ich kannte das: Er dachte an seine »Philosophenküche«.
Von einem Kohlkopf (ca. 2 kg) die äußeren Blätter entfernen, den Kopf waschen und in kochendem Salzwasser blanchieren. Abkühlen lassen und vorsichtig die einzelnen Blätter auslösen. Die großen vom Mittelstrunk befreien, die anderen kleingeschnitten zur Füllung geben: Dafür 200 g Schweinehack mit 200 g Tatar, 3 EL Semmelbrösel, zwei Eier, Muskat, Pfeffer und Salz vermengen. Dazu in Butter und magerem Speck angebratene Frühlingszwiebeln geben. Die Kohlblätter füllen, mit Rouladennadeln schließen, einmehlen und in Butter und Speck anbraten. Kurz vor Fertigstellung ein Glas heißes Wasser oder Brühe und 1 EL Cuminsamen zufügen. Als Beilage Pellkartoffeln, die mit etwas frischem Rahm übergossen werden.
Salat mit Entenschinken
Den Abend feierten wir bei Leo. Er war glücklicher Besitzer eines Grammophons, das ihm ein amerikanischer Soldat zusammen mit einem Dutzend Platten geschenkt hatte. Und er hatte versprochen, uns Foxtrott beizubringen. Den hatte er von einer amerikanischen Marinekrankenschwester gelernt, deren Geliebter er gewesen war und die ihn bis heute nicht vergessen hat, meinte Ewa augenzwinkernd. Gerade erst hatte sie ihm eine neue Platte geschickt, Broken Doll, eine Stange Zigaretten mit einem hellen und aromatischen Tabak, Streifengummis zum Kauen, die nach Nelken schmecken und, last not least, ein Foto mit Widmung. Nur Hans kam nicht. Das sind Tänze von Kriegsveteranen, sagte er, und von Gören à la Salvatore Gotta, deren Väter sich immer noch grämen, dass sie sie in den Tango hineinschlittern und auf den Rücken haben fallen lassen.
Als ich gerade meine Toilette vor dem Spiegel beenden wollte, kam er aber doch vorbei, steckte mir eine Rose ans Kleid und trällerte etwas, von dem ich nur ein paar Verse behalten habe: »… this is the way the world ends / this is the way the world ends / this is the way the world ends / not with a bang but a whimper«. Als ich mich zu ihm drehte, stand er schon in der Tür, eine Zigarre in der einen, eine Petition für Sacco und Vanzetti in der anderen Hand. Und von ferne kam durch das offene Fenster die unverwechselbare Stimme der Mistinguett, die ihren letzten Erfolg singt: Mon homme. Auf dem Markt in Eisenach, wo wir auf der Wartburg die Lutherstuben besuchten, hatten wir frischen Salat gekauft und nach einem ungarischen Bauernrezept gefüllt.
Sechs Salatherzen vorsichtig putzen und waschen. Für wenige min in reichlich kochendes Wasser geben, kalt abschrecken und trocknen. In einer Schüssel 100 g Brotinneres mit einem Becher frischem Rahm einweichen. Drei Scheiben in Würfel geschnittenen Entenschinken, eine kleine fein gewiegte Zwiebel, einen Hauch Muskat, eine Handvoll Petersilie und fünf Eigelb dazugeben. In einer Pfanne ein Bett aus Zwiebeln und Karotten richten und mit drei Nuss Butter bei geschlossenem Deckel ein paar min andünsten. Die vorsichtig mit der Masse gefüllten Salatherzen auflegen. Ein Glas Tokajer, ein wenig Hühnerbrühe und Kräuter (Lorbeer, Thymian, Salbei, Rosmarin) zufügen. Das Ganze mit mageren Speckstreifen belegen und bei geschlossenem Deckel mindestens 60 min köcheln lassen. In der Pfanne oder auf einer vorgewärmten Platte mit reduziertem und mit Butter gebundenem Fond servieren.
Brunnenkresse-Creme mit Fröschen
Er kraulte sich den Bart, nahm die Brille ab und putzte sie. Das, wussten wir, war des Meisters subtile Art, den Beginn der Stunde anzukündigen. Dann erhob er sich, ging zur Tafel, hielt inne und betrachtete uns. Wie er so dastand, glich er einem Portrait in Dreiviertelansicht, das Licht beschien ihn von hinten. Hans und Kurt – unsere Neuerwerbungen – saßen hinter mir. Ich drehte mich um und sah sie an. Sie hatten rote Augen, denn sie waren erst spät nachts aus Chemnitz zurückgekommen und hatten gerade Zeit gehabt, sich umzuziehen und ein Glas Milch zu trinken. Wilhelm dagegen war nicht zum Unterricht gekommen und das beunruhigte uns.
Heute, setzte er nun leise zu sprechen an, werden wir sehen, wie aus dem Grunde der Sinn erwächst. In der Aula war es mucksmäuschenstill. Ihr müsst Euch den Punkt als etwas denken, aus dem Energie hervorkommt. Und während er das sagte, zeichnete seine Hand schon geometrische Formen und die Feldlinien, die sie erzeugen. Es war eine weiße und zarte Hand, die sich vom Schwarz der Tafel deutlich absetzte. Es ist der Anfang, der fruchtbar ist. Und von dort aufbrechend kommen wir zur Gestalt. Aber wir müssen sorgsam sein und beachten, dass die Figur immer an die Bewegung geknüpft ist. Es gibt keine vollkommenere Gestalt als jene, die das Wasser als Synthese von Phänomen und Darstellung zeichnet. Er sagte das, als verriete er uns ein Geheimnis. Ich schaute zu Hans, der hob den Kopf und reichte mir einen Zettel. Ich las: Das Wasser ist eine Metapher für Strategie und Taktik. Es bewegt sich von den Höhen eilig nach unten – so wie Strategie und Taktik das Korsett des Substanziellen verlassen und in die Leere eintauchen.
Mehr stand da nicht. Wann hat er das gesagt? Hans lachte. Er hat es gar nicht gesagt, antwortete Kurt, aber vielleicht gedacht. Geschrieben hat das ein chinesischer Stratege, 700 Jahre vor Christus.
Nun zog uns wieder die Tafel in ihren Bann. Seltsame Pflanzen vereinigten sich dort in einem luftigen Gebilde, das vor allem den Drang nach Veränderung ausdrückte. Die Lebensenergien, die aus dem Punkt eine Linie, aus der Linie eine Fläche, aus der Fläche eine räumliche Dimension machen – sie bilden ein Ganzes. Seine Hand schien die Tafel ganz auszufüllen, die Linien verdichteten sich, um sich wieder zu verzweigen, ganz so, als hätte sie ein Eigenleben. Hans hatte sich neben mich gesetzt und flüsterte wie verzaubert von dieser Hand: Hinter diesen Symbolismen, Hannah, sehe ich sein Vertrauen in das Leben. Deswegen habe ich unserem Quartiersrat vorgeschlagen, eine seiner Zeichnungen zur Illustration unserer Flugblätter zu verwenden. Wenn unter diesem Mischmasch die Signatur »Klee« steht, dann sind es »Klees«; aber wenn Du die Signatur weg lässt, dann wird aus diesem Gekritzel die Masse der Ausgeschlossenen, die voranschreitet und Angst macht, weil sie keine Form hat. Nichts schreckt die Bourgeoisie mehr als eine radikale Opposition, die keine hierarchische Ordnung hat, die vor allem keine der bürgerlichen Parteien nachäfft. Ich war überrascht. Aber ich sagte nichts. Die Linie illustriert mit ihrem Wesen ihr Entstehen …
Martin ist daheim in Blankenburg gewesen, bei der Hochzeit eines Jugendfreunds. Nun hat er uns 5 kg Frösche mitgebracht, die er mit Bekannten nachts in einem Teich gefangen hat, mit Karbidlampen und Spießen. So ist unsere Vorspeise heute Abend gesichert.
Für die Creme 600 g Brunnenkresse sorgfältig waschen, davon 500 g in Salzwasser dünsten und abtropfen lassen. Eine sehr fein gewiegte Zwiebel mit wenig Butter und einem Glas frischem Rahm goldbraun anbraten. Die Brunnenkresse zugeben und einköcheln lassen. Alles durch den Fleischwolf geben, Salz und Pfeffer sowie die übrige kleingeschnittene Kresse beifügen. In einer hohen Pfanne zwei kleingeschnittene Schalotten anbraten. Mit einem großen Glas Weißwein übergießen, dazu einen Hauch Muskat, einen Bund gewiegte Petersilie und 700 g gesäuberte und von der Haut befreite Froschschenkel. Nachsalzen und pfeffern, bei geschlossenem Deckel zum Kochen bringen. Nach 5 min die Froschschenkel herausnehmen und warmstellen – das Fleisch ist gar, wenn es sich von den Knochen löst. Den Fond um mindestens die Hälfte reduzieren, noch ein wenig Butter und ein Glas steif geschlagenen Rahm zugeben. Die Kressecreme erwärmen und damit auf jedem Teller ein Nest formen, in das jeweils ein paar Froschschenkel gelegt werden, mit einem Klacks Sauce und ein wenig Kerbel garnieren. Sofort servieren.
An diesem Abend hatten wir sehr viel Kundschaft. Also schlug ich vor, die Creme auf kleine Knoblauchpfannkuchen zu setzen – ein voller Erfolg. (Ein Assistent aus dem Fotokurs, der bukolische Motive liebt, hat uns erzählt, dass es vor dem Krieg an der Straße nach Rudolstadt, vor allem unterhalb von Schloss Heidecksburg, künstlich angelegte Wassergräben – sogenannte »Klingen« – zur Kultivierung von Brunnenkresse gegeben hatte. Jetzt nutzte sie niemand mehr, der Bauer, dem sie gehörten, und seine ganze Familie waren umgebracht worden.)
Zwiebelkuchen
Seitdem »Die Aktion« mit dem Untertitel »Wochenschrift für revolutionären Sozialismus« erschienen war und auch unsere oft polemischen Beiträge akzeptiert hatte, ließen wir uns Exemplare schicken, um sie hier im Viertel zu verteilen. Die Genossinnen boten sie Passanten an, während einige Genossen abwechselnd unauffällig Wache stehen. Wie sagte Martin? Wenn man gezwungen ist, in einer kleinen Stadt zu leben, gewöhnt man sich daran, den Nächsten still zu hassen und die eigene Schlauheit im spießbürgerlichen Alltag täglich auf die Probe zu stellen.
An diesem Nachmittag verteilten wir »Die Aktion« in der Erfurter Straße, die Luft war kalt und vom nassen Asphalt kam ein Geruch nach Regen, der sich mit dem feuchter Kleider vermischte. Sogar die Kinder hatten keine Lust mehr, draußen zu spielen. Ein gut gekleideter Mann mit Hut und Stock, der aus Richtung der Bürgerschule kam, näherte sich Susanne und ließ sich einige Exemplare geben. Dann begann er sie mit großer Geste zu zerreißen. Susanne wollte ihn gerade fragen, warum er das tue, da zischte er sie hasserfüllt an: Du bist eine von diesen roten Nutten von der Schule, was? Jetzt erlauben sie Euch schon, auf der Straße zu rauchen und die Leute zu belästigen. Ihr Schlampen, Ihr braucht die Peitsche! Er holte Luft und mit Schaum vor dem Mund schrie er: Aber mit diesem Defätismus ist jetzt Schluss! Es geht wieder aufwärts. Deutschland, erwache!
Hans, der am nächsten war, kam heran, um ihn zu beruhigen. Aber der regte sich nur noch mehr auf, drohte ihm mit dem Stock und nannte ihn kommunistischen Abschaum. So was wie er käme eben heraus aus so einer Scheißschule des Kulturbolschewismus voller Juden. Das alles geschah binnen weniger Minuten. Hans machte nun, wie er es beim Militär gelernt hatte, eine blitzschnelle Körperdrehung und traf den Mann hart mit dem Absatz an der Kniescheibe und der ging zu Boden. Hans knöpfte sich die Hosen auf und pisste ihm auf die Brust. Dann richtete er sich wieder her und stieß zu uns.
Warum hast Du das gemacht? Das wird böse Folgen haben. Weil dieses Schwein einen Stockdegen hatte, mit dem er auf mich losgehen wollte. Aber jetzt hauen wir schnell ab. Und im Übrigen: Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist unsere Furcht. Die Vision einer friedlichen Welt der Moderne ist die extravaganteste aller Hoffnungen – für diese Lektion haben wir einen hohen Preis bezahlt. Und wir, Hannah, wir verteidigen existenzielle Werte gegen diese Spießer, die nie gelebt haben. Wir können nicht immer so tun, als sei das ausschließlich mit noblen Methoden zu schaffen. Später nahmen wir die Diskussion wieder auf. Ewa und ich waren uns einig: Wenn man das Wesen des Klassenkampfes herausarbeitet, dann kommt man darauf, dass er dem Überlebenstrieb widerspricht, ja, ihn verachtet. Doch auf ihn zu verzichten, hieße, sich feige zu unterwerfen und sich in ewige Gefangenschaft zu begeben. Auf den Zwiebelkuchen sind wir in Baden gekommen, wo wir uns aufhielten, um einen kulturellen Zirkel, der sich auf die Ideen Moeller van den Brucks bezog, zu »schließen«. Er erinnert sehr an den Speckkuchen, den man hier in Thüringen gern als Brotzeit isst, zu einem Glas Apfelwein. Uns gefällt er als Vorspeise.
Auf einem Brett einen Mürbeteig (pate à foncer) aus 500 g gesiebtem Mehl, 200 g weicher Butter, einem Ei, einem Eigelb, einem halben Glas Milch, etwas Zucker und 1 TL Salz rühren, eventuell etwas heißes Wasser zufügen. Damit sich die Butter gleichmäßig verteilen kann, die fertige Teigkugel in sechs Stücke, die einzeln eingemehlt werden, zerteilen, bevor man sie wieder zusammenfügt. Den Teig dünn und rund ausrollen und damit eine gebutterte Kuchenform auslegen. Währenddessen zehn große, weiße Zwiebeln in Ringe schneiden, mit 50 g Schweineschmalz anbraten und auf dem Teig ausbreiten. Mit einer Mischung aus drei Eiern, zwei Gläsern frischem Rahm, 100 g mageren, geräucherten Speckwürfeln, 50 g geriebenem Greyerzer, Salz und Pfeffer übergießen. Mindestens 40 min im heißen Ofen backen und sofort servieren. Um ihn knusprig zu machen, könnt Ihr den Teig alleine 15 min vorbacken. Dazu wird er mit einer Gabel mehrfach durchstochen und mit Kichererbsen beschwert. Diese »Blindfüllung« wird nach dem Backen durch die eigentliche Füllung ersetzt.
Schneehuhnterrine mit Portwein
Es sind die imperialen Illusionen gewesen, die den Krieg provoziert haben und verloren gehen ließen. Aber in Berlin ist man aus dem 918 Jahre währenden Schlaf noch nicht erwacht. Über den Prachtstraßen der europäischen Kapitale spannen sich Triumphbögen aus weißen und roten Blumen, jeder Gruppe von Soldaten geht eine lärmende Militärkapelle voran. Wir hier in Deutschland müssen jetzt lernen, mit unserer bitteren moralisch-politischen Niederlage weiterzuleben, weiterzumachen unter den blühenden Rosskastanien, dem Gestank der Korruption einer operettenhaften Bourgeoisie, der aufreizenden Arroganz einer Geschichte, die immer diejenigen verachtet hat, die sie doch ausbeutet und die bislang kein Feuer hat ausmerzen können. Wir müssen weitermachen trotz der Sehnsucht nach dem sozialen Zusammenhalt, der wie Schnee in der Sonne geschmolzen ist, nach königlichen Hoheiten, die ihre Schleier lüften für den letzten übrig gebliebenen Gardeoffizier. Wir machen weiter trotz der Kleinbürger, die in ihren winzigen Wohnungen die abgetretenen Teppiche einrollen, um den Shimmy üben zu können. Machen weiter trotz der Polizeistreifen, der lähmenden Ruhe, mit der wir in den alten, verstaubten und düsteren Cafés die Nacht erwarten, trotz der Idioten, die auf mondän und five o’clock tea machen und von amerikanischen Autos träumen. Wir machen weiter, obwohl sich die Flammen einer europäischen Revolution als Strohfeuer erwiesen haben und unsere frierenden Herzen nicht mehr wärmen können. Wir müssen weiterleben mit einem faulen Reformismus, mit den Irrtümern der Nationalisten, mit den Volkstribunen, mit denen, die uns ungefragt ihre Brüder nennen und mit den delirierenden Charismatikern. Wir müssen, wir müssen …
Aber dann waren alle Flaschen leer getrunken und von unseren Zimmern aus konnten wir sehen, dass auch in der Schule die letzten Lichter gelöscht worden waren. Die Entscheidung war gefallen, unser Lokal hatte einen Namen: Unendliche Nacht! Leonhard hat das ausgegraben, er ist unser Musikspezialist, es stammt aus Igor Stravinskys »Sacre du printemps«, und alle waren sofort begeistert, gerade Wilhelm, den dieses Stück an die Lichter und Schatten seiner Stadt St. Petersburg erinnert. Die Fenster stehen offen, damit der Zigarrenqualm entweichen kann, und plötzlich dringt eine Stimme herein, die die Bajadere von Kálmán singt: »Früher einmal machten es die Wilden / Jetzt gehört’s dazu, um sich zu bilden …« Diese Schneehühner, sagt Martin, sind die Brotkrumen, die wir vom Tisch des Feindes gestohlen haben. Schlichter gesagt sind sie die Frucht seiner Geschäftchen mit ein paar Förstern, die mit ihrem regulären Einkommen nicht zufrieden sind.
Acht Pastetenformen aus Aluminium rechtzeitig kühl stellen. Sieben Blätter Gelatine in Wasser einlegen (meine Oma hat sie mit Kalbshaxe, Knochen und Speckschwarten noch selbst gemacht). Wenn die Blätter sich aufgelöst haben, mit 1 l Hühnerbrühe aufgießen. Wenn die Masse geronnen ist, die Formen füllen und wieder kalt stellen. Die ausgenommenen, sauberen Schneehühner in einen Topf mit kochendem Salzwasser und Kräuterbouquet geben und 30 min köcheln lassen. Erkalten lassen und Fleisch auslösen. Zusammen mit drei Eigelb, einem Gläschen roten Portwein und dem Rest der Gelatine mit Brühe, einem Glas frischem Schlagobers, 1 TL Muskat, Salz und Pfeffer durch den Fleischwolf geben. Mit der Masse die Formen füllen, ein paar min im Wasserbad kochen und mindestens vier Stunden kalt stellen. Vor dem Servieren die Terrine kurz über der Flamme erwärmen, auf den Teller stülpen, mit gerösteten Pinienkernen und einer Kartoffelkrokette mit Kastanienmehl garnieren.
Königsberger Klopse
Was ist passiert? Hannah nahm ihn beim Arm, um ihn ins Licht zu ziehen. Wilhelm zuckte vor Schmerz. Sie legte das Buch aus der Hand, das am Morgen mit der Post gekommen war. Ihr Vater hatte es geschickt, »Psychologische Typen«, ein Essay von Carl Gustav Jung, gerade in Zürich bei Rascher & Co. erschienen. Was ist passiert, fragte sie noch einmal. Dann zog sie seinen Ärmel hoch und sah den blutgetränkten Verband. Messer oder Schuss? Schuss. Ist die Kugel noch drin? Er schüttelte den Kopf. Hat das schon ein Arzt gesehen? War nicht nötig, die Wunde ist sauber. Und die Kopfwunde – war das auch ein Schuss? Ja klar, Gewehr. Wilhelm lächelte. Du bist nicht komisch, sagte Hannah. Setz dich hin, ich mache den Verband neu.
Die Freunde waren in Chemnitz bei einer Kundgebung gewesen und dort von Freikorps-Leuten angegriffen worden, einige in Offiziersuniform. Nach der ersten Salve hatte es Verletzte gegeben, Panik war ausgebrochen. Die Organisatoren hatten Mühe gehabt, die Ordnung wiederherzustellen und zu reagieren. Am Ende waren zwei Demonstranten tot am Platz geblieben, zahlreiche hatten Verletzungen davongetragen. Unbewaffnet können wir nicht weitermachen, Hannah. Wilhelm war bleich, er hatte die Lippen aufeinander gepresst, die Augen waren rot gerändert vor Müdigkeit. Mühsam versuchte er, sich die Jacke wieder anzuziehen.
Um Kommunisten zu sein, müssen wir die Idee in ihrer ursprünglichen subversiven Kraft lebendig werden lassen – aber um Revolutionäre zu sein, müssen wir so handeln, dass diese Idee wahr wird. Dazu verfügen wir über kein anderes Instrument als die Praxis. Die, sagt Sergeji Jessenin, muss den Regenbogen im Himmel wie eine Armbrust spannen. Scheiße, Hannah: Wir müssen uns besser bewaffnen und zwar sofort!
Kurt hat uns erzählt, dass diese Klopse aus Ostpreußen kommen. Seine Großmutter machte sie noch mit Wildschwein, das die Männer von der Jagd mitbrachten.
300 g Rind, 400 g Schwein und einen entgräteten Hering durch den Fleischwolf geben. Eine fein gewiegte Zwiebel, ein halbes Glas Semmelbrösel, 2 EL frischen Rahm mit einem Spritzer Zitrone, etwas frischen Thymian, zwei Eier, Salz und frisch gemahlenen schwarzen Pfeffer dazugeben. Das Ganze vermengen und zugedeckt beiseite stellen. Nun eine Mehlschwitze zubereiten: 50 g Butter in einer Kasserolle auflösen, kurz vom Feuer nehmen, dann mit 50 g Mehl verrühren. (Während ich das machte, erklärte mir Hans, dass die Stärke des Mehls sich auf diese Weise in Dextrin verwandelt, welches die Eigenschaft besitzt, Flüssigkeiten, denen es zugesetzt wird, einzudicken. Gilt das für alle Arten von Küchen? Er lächelte nur.) Bei niedriger Flamme mit dem Holzkochlöffel rühren, bis die Masse sich hellbraun färbt. 1/2 l Brühe, ein Lorbeerblatt, ein paar Pfefferkörner, eine Handvoll Kapern und einen Strunk Sellerie dazugeben. Aufkochen und bei niedriger Temperatur um ein Drittel reduzieren. Eventuell nachsalzen. Dann mit nassen Händen eigroße Klopse formen, in die Sauce geben und bei geschlossenem Deckel gut 20 min auf kleiner Flamme ziehen lassen. Ab und an leicht am Topf ruckeln, damit die Klopse nicht ankleben. Die fertigen Klopse auf eine vorgewärmte Platte legen, den Fond durch ein Sieb geben und mit ein paar Löffeln Rahm, einem Eigelb und der geriebenen Schale einer halben Zitrone abschmecken, gut durchrühren, eventuell nachsalzen und auf die Klopse geben. Kurz vor dem Servieren mit frischer Petersilie bestreuen. Dazu Pellkartoffeln und Essiggurken reichen. (Nach der Schicht habe ich den Brief wieder zur Hand genommen, der dem Buch beilag. Mein Vater schrieb: »Lies das Buch aufmerksam. Es ist ein weiteres Exempel für die Kultur des Idealismus, die immer allzu geneigt ist, einen gefährlichen Dualismus zu propagieren. Es fängt damit an, dass man Introvertiertes und Extrovertiertes, Denken und Fühlen, Intuition und Realitätswahrnehmung als konträr begreift; und das führt dann zur Antinomie von Materie und Geist und endet mit dem Primat des Geistes über das nackte Leben. Der historische Materialismus hat dem einen doppelten Riegel vorgeschoben: Den materialistischen Monismus und den dialektischen Zugriff auf alle Lebensbereiche. Wenn ich mich recht an einen Gedanken meines alten Professors für Physiologie erinnere, dann ist die Wissenschaft von den psychischen Erkrankungen nur der letztmögliche und wahrscheinlich gefährliche Versuch, den Menschen als abstraktes biosoziales Wesen göttlicher Natur zu begreifen. Dein Bär.« Als Unterschrift hatte er den Namen benutzt, den ich und meine Schwestern ihm gaben, nachdem er sich einen Bart hatte wachsen lassen. Und mit dieser melancholischen Erinnerung schlief ich ein.)
Heringswürfel
Im Namen der Lebensreform hat Itten im Vorkurs eine Reihe von morgendlichen Gymnastikübungen eingeführt: Arme, Beine, Rumpf werden bewegt, gleichzeitig ist es fortan Schülern und Lehren erlaubt, festliche Themenabende zu veranstalten. Das ist alles Strategie, sagt Alex. Wir sollen uns dadurch mit dem Menü in der Mensa abfinden, das immer mehr in Richtung eines seltsamen Mystizismus vegetarisch-supergesunder Natur abgleitet. Deswegen sind wir zum ersten Fest, das der Farbe gewidmet war, ganz in schwarz erschienen, mal abgesehen von zwei roten Sternen am Revers.
Wassily, wie wir Wilhelm unter uns nennen, hat in einer alten Prawda einen Schnittmuster-Bogen gefunden, entworfen von Studenten der Moskauer Kunstgewerbeschule, mit dem man ganz einfach und ohne viel Stoff zu verschwenden, einen Anzug nähen kann. Es gibt vier verschiedene, sehr bequeme Schnitte, und wir haben von jedem drei Stück angefertigt. Während wir nähten, bat ich Greta, mir von ihrer Moskauer Studienzeit zu erzählen. Wie immer reagierte sie ausweichend, wegen ihrer Saudade, behauptet sie. Diesmal aber verriet sie mir doch etwas Neues und Kurioses. Ihr Vater hatte mit Otto Weininger zusammengearbeitet, bis zu dessen Tod. Eines Tages suchte er ihn auf, um ihm Bücher zurückzubringen, die er sich geliehen hatte und um ihm bei der Korrektur der Fahnen von »Geschlecht und Charakter« zu helfen. Als er in Weiningers Wohnung ankam, erfuhr er, dass der sich in der Nacht zuvor umgebracht hatte.
Meine Eltern waren damals ganz fasziniert von dem, was man die »sexuelle Frage« nannte. Sie glaubten, die sexuelle Energie müsse dazu erzogen werden, sich in all ihren Bestandteilen ausdrücken zu können. Mein Vater teilte da aber längst nicht mehr Weiningers Furor, was die angeblich grundsätzliche Andersartigkeit der Frau anging, die sich in der Realität eben als kulturelle, soziale und politische Minderwertigkeit ausdrücken sollte. Das lag vor allem an meiner Mutter, denke ich. Sie konnte die Idee nicht akzeptieren, dass die Frau unerbittlich ihrer Sexualität unterworfen sei – eine These, die Weininger dann dazu führte, die Prostituierte als ideale Gefährtin des Condottiere und Politikers, die Mutter aber zu der des Künstlers und Poeten zu erklären. So führte sie der Weg in die Liga für die freie Liebe und ich wuchs in aller Freiheit auf. An was erinnerst Du Dich aus dieser Zeit? Greta schüttelte lächelnd den Kopf: Die Dreistigkeit, mit der ich Tango tanzte, die Angewohnheit, keine Unterwäsche zu tragen und mit den Männern zu spielen. Du weißt, wie sie reagieren, wenn man ihnen sagt: Ja, ja ich geh mit dir ins Bett, aber bitte keine Versprechungen oder Intimitäten. Ich musste lachen und sagte nichts mehr – auch ich hatte eine Menge Tango getanzt … Dies ist Gretas Rezept. Sie hat es von einer Freundin bei einem Hochzeitsessen bekommen. Wahrscheinlich kommt es aus Finnland.
Man braucht ganz frische Heringe, einen pro Gedeck. Sorgfältig putzen, Kopf und Schwanz abschneiden, beiseite stellen. Den Rest waschen und filetieren, in Würfel schneiden. In eine Schüssel die gleiche Menge in Würfel geschnittene gekochte Kartoffeln und ein paar geschälte, entkernte Äpfel füllen. Ein halbes Glas Olivenöl, 1 EL Essig, den Saft einer Zitrone, Salz und Pfeffer dazugeben. Durchmischen und mit einer fein gehackten Mischung aus Petersilie, Kerbel, wildem Fenchel und Pinienkernen würzen. Köpfe und Schwänze etwa 1 min in Wasser kochen. Auf einer Platte die Heringe wieder zusammensetzen: Kopf, Würfel, Schwanz. Mit Minze und in Julienne geschnittenen Zitronen servieren. Kleinbürger ruinieren die Sache, sagte Greta mit einem abschätzigen Grinsen, indem sie die armen Fische in Mayonnaise und Worcestersauce ertränken. Hans hingegen wusste, wie die in Odessa stationierten Matrosen der russischen Marine sie zubereiten: Sie legen die geputzten Heringe für ein paar Stunden in Milch ein, filetieren sie dann, tauchen sie in Wodka und zünden sie auf den Schutzschilden ihrer schweren Maschinengewehre an. Sie essen dazu Schwarzbrot und rohe Zwiebeln.
Pulsuz fraqment bitdi.