Kitabı oxu: «Erzählungen aus 1001 Nacht - 4. Band»
Anonym
Erzählungen aus 1001 Nacht
4. Band
Impressum
Texte: © Copyright by Anonym
Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke
Verlag:
Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
gunter.50@gmx.net
Inhalt
Impressum
Einhundertfünfundneunzigste bis zweihundertneunundsechzigste Nacht
Geschichte von Niamah bin al-Rabia und Naomi, seiner Sklavin
Die Geschichte Ala al-Din Abu al-Schamats
Die Geschichte von Ala al-Din oder der Wunderlampe
Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern
Einhundertfünfundneunzigste bis zweihundertneunundsechzigste Nacht
Als nun die Hundertundfünfundneunzigste Nacht da war, fuhr Schahrazad also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als das Schiff mit allen, die an Bord waren, kenterte, da habe ein jeder sich selber zu retten gesucht; Marzawan aber warf die Strömung des Meeres unter den Palast des Königs, darinnen Kamar al-Zaman war. Und nach der Bestimmung des Schicksals geschah es, daß eben dies der Tag war, an dem König Schahriman seine Großen und Würdenträger empfing, und er saß da, seines Sohnes Haupt auf dem Schoße, während ein Eunuch die Fliegen verscheuchte; der Prinz aber hatte zwei Tage lang nicht mehr gesprochen noch gegessen noch getrunken, und er war dünner geworden als eine Spindel. Nun stand der Vezier ehrfurchtsvoll an dem vergitterten Fenster, das die See überblickte, und da er die Augen hob, sah er Marzawan, von den Wogen gepeitscht und am Ende seines Atems; das weckte Mitleid in seinem Herzen, so daß er zum König trat, das Haupt vor ihm neigte und sprach: ›Ich bitte dich um Erlaubnis, o König, hinabzugehn in den Hof des Pavillons und die Meerespforte zu öffnen, damit ich einen Menschen retten kann, der im Begriff steht zu ertrinken, und den ich der Gefahr entreißen und in Sicherheit bringen möchte; vielleicht wird Allah dafür deinen Sohn von seinem Leiden befreien.‹ Versetzte der König: ›O Vezier, es ist genug an dem, was meinem Sohn durch dich und um deinetwillen schon widerfuhr. Vielleicht wird dieser Ertrinkende, wenn du ihn rettest, von unserer Not erfahren und meinen Sohn in diesem Zustand sehen und über mich frohlocken; aber ich schwöre bei Allah, wenn dieser halbertrunkene Elende hierherkommt und von unserer Not erfährt und meinen Sohn ansieht und dann dahinzieht und jedem unser Geheimnis verrät, so lasse ich vor ihm dir den Kopf abschlagen; denn du, o mein Minister, bist die Wurzel all dessen, was uns widerfuhr, von Anfang bis zu Ende. Jetzt tu, was du willst.‹ Da sprang der Vezier auf, öffnete die geheime Pforte und stieg zum Uferdamm hinab; zwanzig Schritte hatte er noch zu gehn, da war er am Wasser, wo Marzawan mit dem Tode rang. Und er streckte die Hand nach ihm aus, ergriff ihn beim Haar und zog ihn bewußtlos, den Bauch voll Wasser und die Augen weit aus dem Kopfe, ans Land. Der Vezier wartete, bis er zu sich kam, zog ihm die nassen Kleider aus und legte ihm ein frisches Gewand an, indem er ihm den Kopf mit dem Turban eines seiner Diener bedeckte; dann sprach er zu ihm: ›Wisse, ich war das Werkzeug deiner Rettung vor dem Ertrinken: lohne mir nicht, indem du meinen Tod herbeiführst und deinen eigenen.‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Hundertundsechsundneunzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß der Vezier Marzawan, nachdem er an ihm getan hatte, was er tat, also ansprach: ›Wisse, ich war das Werkzeug deiner Rettung vor dem Ertrinken: lohne mir nicht, indem du meinen Tod herbeiführst und deinen eigenen.‹ Fragte Marzawan: ›Und wieso?‹ Versetzte der Vezier: ›Du wirst noch in dieser Stunde hinaufgehn und unter Emire und Veziere treten, die alle schweigen und deren keiner spricht um Kamar al-Zamans willen, des Sohnes des Sultans.‹ Als nun Marzawan den Namen Kamar al-Zaman vernahm, da wußte er, daß es dieser war, von dem er in mancherlei Städten hatte reden hören und den er suchte; doch er stellte sich unwissend und fragte den Vezier: ›Und wer ist Kamar al-Zaman?‹ Versetzte der Minister: ›Er ist der Sohn des Sultans Schahriman, und er liegt schwerkrank dahingestreckt auf seinem Lager, ewig rastlos, und er ißt und trinkt nicht, noch schläft er bei Tag oder Nacht; ja, er ist dem Tode nahe, und wir haben die Hoffnung aufgegeben, daß er am Leben bleibe, und sind seines Todes gewiß. Nimm dich in acht, daß du ihn nicht zu lange ansiehst, und blicke überhaupt auf keinen andern Ort als den, darauf du die Füße setzest: sonst bist du verloren, und ich dazu.‹ Entgegnete er: ›Allah sei mit dir, o Vezier, ich erflehe von deiner Gunst: mache mich bekannt mit dem Grunde, aus dem dieser Jüngling, den du mir schilderst, in solcher Lage ist?‹ Versetzte der Vezier: ›Ich weiß keinen Grund, außer daß vor drei Jahren sein Vater von ihm verlangte, er sollte sich vermählen. Er aber weigerte sich; darob ergrimmte sein Vater und setzte ihn gefangen. Und als er am Morgen erwachte, da glaubte er, in der Nacht sei er aus dem Schlafe geweckt worden, und da habe er zu seiner Seite eine junge Herrin gesehen von unvergleichlicher Lieblichkeit, deren Reize keine Zunge auszudrücken vermag; und er versicherte uns, er habe ihr den Siegelring vom Finger gezogen und ihn auf den seinen gesteckt, und sie habe ebenso getan; aber wir kennen das Geheimnis dieser ganzen Sache nicht. Also bei Allah, o mein Sohn, wenn du mit mir hinaufgehst in den Palast, so blicke nicht auf den Prinzen, sondern geh deiner Wege; denn des Sultans Herz ist erfüllt von Grimm wider mich.‹ Da sprach Marzawan bei sich selber: ›Bei Allah, dieser ist der, den ich suche!‹ Dann folgte er dem Vezier in den Palast hinauf, wo der Minister sich dem Prinzen zu Füßen setzte; aber Marzawan fand dort nichts Eiligeres zu tun, als zu Kamar al-Zaman zu treten und ihn anzustarren. Der Vezier erstarb vor Schrecken in seiner Haut und blickte fortwährend auf Marzawan, indem er ihm winkte, seiner Wege zu gehen; er jedoch tat, als sähe er es nicht, und ließ nicht ab, Kamar al-Zaman anzustarren, bis er ganz sicher war, daß er den vor sich hatte, den er suchte. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Hundertundsiebenundneunzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Marzawan, als er Kamar al-Zaman ansah und erkannte, daß er der war, den er suchte, ausrief: ›Erhoben sei Allah, der seine Gestalt geformt hat wie ihre Gestalt, und die Farbe seiner Haut wie die Farbe ihrer Haut, und seine Wange wie ihre Wange!‹ Da schlug Kamar al-Zaman die Augen auf und lieh seiner Rede ein ernstes Ohr; und als Marzawan sah, daß er sich neigte, um zu lauschen, da sprach er diese Verse:
Ich sah dich voller Sang, Verzückung, Liebesklagen,
Und einzig freut es dich, der Schönheit Reiz zu schildern:
Traf dich ein Pfeil? Hat dich der Liebe Schwert geschlagen?
Nur wer verwundet ist, gleicht so den Schmerzensbildern!
Den Becher fülle du, und sing mir, mein Genoß,
Für Tanum, Al-Rabab, Sulaima Preiseslieder:
Kreis um den Sonnenwein: ein Steinkrug ist ihr Schloß:
Im Osten steht der Schenk: im Westmund steigt sie nieder.
Auf ihre Kleider selbst erfüllt mich blasser Neid,
In denen zierlich sie den zarten Leib versteckt;
Neid auf den Becher selbst: tut sie ihm doch Bescheid,
Wenn mit dem Kussesrand den Kussesort sie deckt.
Glaubt nicht, daß mich ein Schwert mit scharfem Schnitt kann ritzen:
Mir schlug die Wunde nur der Pfeil des Augs, das lacht.
Als ich sie einstmals traf, sah ihre Fingerspitzen
Ich rotgefärbt vom Holz, des Saft so dunkel macht,
Und rief: Du färbtest dir, war ich gleich fern, die Hand,
Und also lohnst du dem, den seine Pein verzehrt!
Sprach sie (entflammend mir im Herzen heißen Brand)
Und sprach wie einer, der der Liebe nicht mehr wehrt:
Bei deinem Leben, dies ist Farbe nicht zum Färben,
Und schilt mich länger nicht, als lög ich Liebe dir:
An unserm Trennungstag, da krank ich war zum Sterben,
Da waren nackt der Arm und nackt die Hände mir,
Und ich vergoß den Strom der blutigroten Tränen,
Und wischte sie mir ab: da ward die Hand blutrot.
Hätt ich vor ihr geweint in meinem Liebessehnen,
Eh mir die Reue kam, mein Herz war frei der Not;
Doch vor mir weinte sie und ich nur, weil sie weinte,
Und sprach: Willst du den Preis, als erster niemals fehle!
Nicht schilt mich, bei dem Geist der Liebe, die uns einte:
Um sie, und nur um sie quält so sich meine Seele.
Die Weisheit hat Lukmans, die Schönheit Jusufs sie;
Davids, des Sängers Sang, und Marjams keuschen Sinn:
Doch mich läßt Jakobs Schmerz, mich Jonas' Seufzer nie,
Mich plagt des Hiob Qual, jagt Adams Fluch dahin:
Und doch erschlagt sie nicht, muß ich im Tod auch wallen:
Doch fragt sie, wie mein Blut, fragt sie, ihr ist verfallen!
Als Marzawan diese Ode sprach, fielen die Worte auf Kamar al-Zamans Herz wie eine Erfrischung nach dem Fieber, und wie die Wiederkehr der Gesundheit; er seufzte und wandte die Zunge im Munde und sprach zu seinem Vater: ›O mein Vater, lasse diesen Jüngling kommen und sich mir zur Seite setzen.‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Hundertundachtundneunzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman zu seinem Vater sprach: ›O mein Vater, erlaube diesem Jüngling, daß er komme und sich mir zur Seite setze.‹ Als nun der König diese Worte seines Sohnes hörte, da freute er sich in höchster Freude, obgleich zuerst sein Herz wider Marzawan eingenommen gewesen war und er beschlossen hatte, dem Fremdling das Haupt abschlagen zu lassen; doch als er Kamar al-Zaman reden hörte, da verließ ihn sein Zorn, und er stand auf, zog Marzawan an sich, setzte ihn zu seinem Sohne, wandte sich zu ihm und sprach: ›Preis sei Allah für deine Rettung!‹ Versetzte er: ›Allah behüte dich und erhalte dir deinen Sohn!‹ Und er rief Segen herab auf den König. Da fragte der König: ›Aus welchem Lande kommst du?‹ Versetzte er: ›Von den Inseln des Binnenmeeres, dem Königreich des Königs Ghajur, des Herrn der Inseln und der Meere und der sieben Schlösser.‹ Sprach König Schahriman: ›Vielleicht wird deine Ankunft meinem Sohne ein Segen, und Allah verleiht die Heilung seiner Krankheit.‹ Sprach Marzawan: ›Nichts soll geschehen, als was gut ist!‹ Und er wandte sich zu Kamar al-Zaman und sprach ihm ins Ohr, ohne daß der König und sein Hof ihn hörten: ›O mein Herr, sei frohen Mutes und mache dein Herz der Sorge bar und halte dein Auge kühl und klar! Was aber die angeht, um deretwillen du also bist, so frage nicht nach ihrer Not um deinetwillen. Du aber bewahrtest dein Geheimnis, während sie ihr Geheimnis verriet; und da man meinte, sie sei irre geworden, so ist sie jetzt im Kerker und in erbärmlicher Not, und sie trägt um den Hals eine eherne Kette; doch so Allah will, sollt ihr beide durch meine Hand errettet werden.‹ Als nun Kamar al-Zaman diese Worte vernahm, da kehrte ihm das Leben zurück, und er faßte sich ein Herz, und ein Freudenschauer durchlief ihn, so daß er seinem Vater winkte, er möge ihm helfen, sich aufzusetzen; und dem König war, als müsse er fliegen vor Freuden, und eilig stand er auf, um ihn emporzurichten. In seiner Sorge aber um seinen Sohn schwenkte er alsbald das Tuch der Entlassung, und alle Emire und Veziere zogen sich zurück; dann schob er seinem Sohn zwei Kissen hin, auf die er sich lehnen sollte, und befahl, den Palast mit Safran zu parfümieren und die Stadt zu schmücken, indem er zu Marzawan sprach: ›Bei Allah, o mein Sohn, dein Anblick ist ein Glück und ein Segen!‹ Und er bemühte sich um ihn, so sehr er konnte, und rief nach Speise, und als man sie brachte, trat Marzawan zu dem Prinzen und sprach: ›Steh auf und iß mit mir.‹ Und er gehorchte und aß mit ihm, und derweilen rief der König Segen auf Marzawan herab und sprach: ›Wie glückbringend war dein Eingang, o mein Sohn!‹ Und als der Vater seinen Knaben essen sah, da verdoppelte sich seine Freude, und er ging hinaus und erzählte es der Mutter des Prinzen und dem ganzen Hause. Dann verbreitete er die frohe Botschaft von der Genesung des Prinzen durch den ganzen Palast, und der König befahl, die Stadt zu schmücken, und es war ein Tag der hohen Feier. Marzawan verbrachte die Nacht bei Kamar al-Zaman, und auch der König schlief bei ihnen in Freude und Frohlocken ob der Genesung seines Sohnes. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Hundertundneunundneunzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß auch König Schahriman jene Nacht bei ihnen verbrachte, im Übermaß der Freude über seines Sohnes Genesung. Und als der nächste Morgen dämmerte und der König gegangen war und die beiden Jünglinge allein blieben, da erzählte Kamar al-Zaman Marzawan von Anfang bis zu Ende seine Geschichte, und der sprach: ›Wahrlich, ich kenne sie, mit der du zusammentrafest; sie heißt die Prinzessin Budur und ist die Tochter des Königs Ghajur.‹ Und er berichtete ihm von Anfang bis zu Ende alles, was mit der Prinzessin vorgefallen war, und machte ihn bekannt mit dem Übermaß der Liebe, die sie ihm entgegenbrachte, indem er sprach: ›Alles, was dir mit deinem Vater widerfuhr, widerfuhr ihr mit ihrem, und ohne Zweifel bist du ihr Verlobter, wie sie die deine ist; also raffe dich auf und fasse dir ein Herz, denn ich will dich zu ihr bringen und euch beide vereinen und an euch handeln, wie es der Dichter sagt:
Wenn dem Geliebten auch grollt die Geliebte – Und ihm den Groll zeigt, wie sehr er auch weint;
Doch will ich wieder zusammen sie bringen – Wie die Schneiden der Scheere der Zapfen eint.
Und er ließ nicht ab, Kamar al-Zaman zuzureden und ihn zu trösten und zu ermuntern und zu ermahnen, daß er esse und trinke, bis er Speise aß und Wein trank; und so kehrte das Leben in ihn zurück, und er ward errettet aus seiner Not; und Marzawan heiterte ihn auf und unterhielt ihn mit Plaudern und Singen und mit Geschichten, und schließlich war er der Krankheit ledig, stand auf und wollte ins Hammam gehen. Da faßte Marzawan ihn bei der Hand, und beide gingen ins Bad, wo sie sich die Leiber wuschen und sauber machten. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als Kamar al-Zaman, der Sohn des Königs Schahriman, ins Bad ging, da habe sein Vater in der Freude über dieses Ereignis die Gefangenen freigelassen und seinen Großen prachtvolle Kleider verliehen, den Armen reiche Gaben gespendet und die Stadt sieben Tage lang zu schmücken befohlen. Dann aber sprach Marzawan zu Kamar al-Zaman: ›Wisse, o mein Herr, ich kam einzig zu diesem Zwecke von der Herrin Budur, und das Ziel meiner Reise war, sie aus ihrer gegenwärtigen Not zu erretten; jetzt bleibt uns nur noch übrig, auszusinnen, wie wir zu ihr kommen können, da dein Vater den Gedanken einer Trennung von dir nicht zu ertragen vermag. Also rate ich dir, daß du ihn morgen um die Erlaubnis bittest, auszuziehen auf die Jagd. Dann nimm mit dir ein paar Satteltaschen voll Geld, steig auf ein rasches Roß und führe ein zweites am Zügel; ich will desgleichen tun, und du sprich zu deinem Vater: Ich möchte mich unterhalten, indem ich die Wüste durchjage und das offene Land betrachte, und will dort eine Nacht verbringen. Laß uns keinen Diener folgen, denn sobald wir das offene Land erreichen, wollen wir unserer Wege ziehen.‹ Dieses Planes freute Kamar al-Zaman sich in großer Freude und rief: ›Es ist gut.‹ Und er machte den Rücken steif, trat ein zu seinem Vater und sprach, wie man ihm geheißen hatte; und der König willigte ein, daß er auf die Jagd zöge, und sprach: ›O mein Sohn, gesegnet sei der Tag, der dich der Gesundheit zurückgibt! Ich will dir hierin nicht widersprechen; doch verbringe nicht mehr als eine Nacht in der Wüste und kehre am Tage darauf zu mir zurück; denn du weißt, das Leben taugt mir nicht ohne dich, und wahrlich, ich kann es kaum glauben, daß du ganz genesen bist von dem, was du hattest, denn du bist mir wie der, von dem der Dichter spricht:
Hätt ich auch bei mir Tag und Nacht – Sulaimans Teppich und der Chosroes Macht,
Mir wär es weniger als ein Mückenflügel – Wär dieses Aug um deinen Blick gebracht.
Dann rüstete der König seinen Sohn Kamar al-Zaman und Marzawan für den Ausflug aus, indem er vier Rosse für sie schirren ließ, und ein Dromedar für das Geld, und ein Kamel für das Wasser und die Zehrung. Kamar al-Zaman aber verbot all seinen Dienern, ihm zu folgen. Sein Vater nahm Abschied von ihm, drückte ihn an die Brust und sprach: ›Ich bitte dich im Namen Allahs, bleibe nicht länger fern von mir als eine Nacht, in der mir der Schlaf verwehrt sein wird; denn ich bin, wie der Dichter sagt:
Bist du da, bin ich in der Himmel Himmel – Und bist du fern, im schlimmsten Höllenfeuer:
Ich sei dein Pfand! Ist Lieben ein Verbrechen – Ja, dann ist mein Verbrechen ungeheuer.
Brennt Liebeslohe dich, wie mich sie brennt – Verdammt, zu riechen Tag und Nacht Dschehenna- Feuer?
Versetzte Kamar al-Zaman: ›O mein Vater, Inschallah, ich will nur eine Nacht im Freien schlafen!‹ Dann nahm er Abschied von ihm, und er und Marzawan saßen auf, und indem sie die übrigen Rosse und das Dromedar mit dem Gelde und das Kamel mit dem Wasser und der Zehrung führten, wandten sie die Gesichter zum offenen Lande. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertunderste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman und Marzawan aufbrachen und die Gesichter zum offenen Lande wandten; und sie ritten vom Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht; dann machten sie Halt und aßen und tranken und fütterten ihre Tiere und ruhten eine Weile; schließlich aber saßen sie wieder auf und ließen drei Tage lang nicht ab, dahinzureiten, und am vierten kamen sie zu einem geräumigen Strich, darin sie ein Dickicht fanden. Dort machten sie Halt, und Marzawan nahm das Kamel und eines der Pferde, schlachtete sie und schnitt ihnen das Fleisch nackt von den Knochen. Dann zog er Kamar al-Zaman das Hemd und die Hose aus, die er mit dem Blut des Pferdes tränkte; und er nahm den Mantel des Prinzen, zerriß ihn in Fetzen und besudelte sie mit Blut; all das warf er auf die Gabelung des Weges. Dann aßen sie und tranken, saßen wieder auf und ritten weiter; und als Kamar al-Zaman fragte, weshalb dies geschähe, und sprach: ›Was bedeutet dies, o mein Bruder, und was soll es uns nützen?‹ da erwiderte Marzawan: ›Wisse, wenn wir die zweite Nacht ferngeblieben sind, nach der, für die wir die Erlaubnis hatten, und noch immer nicht zurückkehren, so wird dein Vater aufsitzen und uns folgen auf unserer Spur, bis er hierher kommt; und wenn er dies Blut sieht, das ich vergossen habe, und wenn er dein Hemd und deine Hose findet, zerrissen, und besudelt mit Blut, so wird er glauben, dich habe ein Unheil getroffen durch wilde Tiere oder Banditen; und er wird die Hoffnung aufgeben und in seine Stadt heimkehren, und durch diese List kommen wir zum Ziel unserer Wünsche.‹ Sprach Kamar al-Zaman: ›Bei Allah, dies ist wirklich eine seltene List! Du hast recht daran getan!‹ Dann ritten die beiden tage- und nächtelang dahin, und während der ganzen Zeit tat Kamar al-Zaman nichts, als daß er sich beklagte, wenn er sich allein sah, und er ließ nicht ab zu weinen, bis sie sich dem Ziel ihrer Reise näherten; da aber freute er sich und sprach diese Verse:
Spielst den Tyrannen du mit dem, der deiner stündlich denkt – Willst nach der Liebessehnsucht du Gleichgültigkeit verraten?
Mög ich verwirken jede Huld, wenn ich dich je betrog – Verließ ich dich, verlasse mich als Ernte schlimmer Saaten:
Doch ich war schuldig keiner Schuld, die solchen Lohn verdient – Und fehlt ich je, so sühne jetzt die Reue meine Taten;
Der Wunder eins des Schicksals ist's, daß du vor mir entfliehst – Doch zeigt das Schicksal Wunder uns, mehr als wir je erbaten.
Als er seine Verse beendet hatte, sagte Marzawan zu ihm: ›Sieh! Das sind die Inseln des Königs Ghajur.‹ Da freute Kamar al-Zaman sich in höchster Freude, dankte ihm für alles, was er getan hatte, küßte ihn zwischen den Augen und zog ihn – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundzweite Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman sich in höchster Freude freute, als Marzawan zu ihm sprach: ›Sieh! Das sind die Inseln des Königs Ghajur.‹ Er dankte ihm für alles, was er getan hatte, küßte ihn zwischen beiden Augen und zog ihn an seine Brust. Und als sie die Inseln erreicht hatten und in die Stadt einzogen, da nahmen sie Wohnung in einem Chan, wo sie sich drei Tage ausruhten von der Mühsal ihrer Reise; dann führte Marzawan Kamar al-Zaman in ein Bad, zog ihm Kaufmannskleider an und versah ihn mit einer goldenen geomantischen Tafel, mit allem astrologischen Gerät und einem vergoldeten Astrolabium aus Silber. Dann sagte er zu ihm: ›Steh auf, o mein Herr, nimm deinen Stand unter den Mauern des Königspalastes und rufe laut: Ich bin der gewandte Rechner, der Schreiber; ich bin der, der das Gesuchte weiß und den Suchenden; ich bin der abgründige Mann der Wissenschaft; ich bin der Astrolog mit der unbegrenzten Erfahrung! Wo also ist der, der da sucht? Sowie der König das hört, wird er nach dir schicken und dich zu seiner Tochter führen, der Prinzessin Budur, deiner Geliebten. Doch ehe du zu ihr eintrittst, sprich zu ihm: Gib mir drei Tage Frist, und wenn sie genest, so gib sie mir zum Weibe; und wenn nicht, so verfahre mit mir, wie du mit allen verfahren bist, die mir vorangegangen sind. Das wird er dir sicher bewilligen; und sowie du allein mit ihr bist, entdecke dich ihr; wenn aber sie dich sieht, so wird ihr die Kraft zurückkehren, und der Wahnsinn wird von ihr weichen, und in einer einzigen Nacht wird sie gesunden. Dann gib ihr zu essen und zu trinken, und ihr Vater wird dich ihr in seiner Freude über ihre Genesung vermählen und sein Königreich mit dir teilen, denn er hat sich selber diese Bedingung auferlegt, und also sei Friede mit dir.‹ Als nun Kamar al-Zaman seine Worte hörte, da rief er aus: ›Möge ich nie deiner Wohltat entbehren!‹ Und er nahm die vorbenannten Instrumente und verließ den Chan im Gewand seines Standes. Er schritt dahin, bis er unter den Mauern des Palastes König Ghajurs stand, und dort begann er zu rufen und sprach: ›Ich bin der Schreiber, ich bin der gewandte Rechner, ich bin der, der da kennt das Gesuchte und den Sucher; ich bin der, der das Buch aufschlägt und die Summen summiert; der die Träume entwindet, durch die das Gesuchte sich findet! Wo also ist der Suchende?‹ Als nun das Volk der Stadt das hörte, da strömte es zu ihm herbei, denn es war lange her, seit sie einen Schreiber oder Astrologen gesehen hatten; und sie umstanden ihn, und da sie ihn anstarrten, sahen sie ihn in der Blüte der Jugend, der Anmut und der vollendeten Zierlichkeit, und sie staunten ob seiner Lieblichkeit, seiner schönen Gestalt und seines Ebenmaßes. Und schließlich sprach einer ihn an und sagte: ›Allah sei mit dir, o du schöner Jüngling mit der beredten Zunge! Lade nicht dieses Grauen auf dich, und wirf nicht dein Leben fort in deinem Ehrgeiz, die Prinzessin Budur zum Weibe zu erhalten. Hebe die Augen auf jene hängenden Köpfe; all die, denen sie gehörten, haben in eben diesem Unternehmen das Leben eingebüßt.‹ Aber Kamar al- achtete ihrer nicht, sondern rief mit lauter Stimme und sprach: ›Ich bin der Gelehrte, der Schreiber! Ich bin der Astrolog, der Berechner!‹ Und alles Volk aus der Stadt warnte ihn, er jedoch sah sie nicht an und sprach in seiner Seele: ›Niemand kennt das Verlangen, außer dem, der es erduldet.‹ Und von neuem begann er zu rufen, so laut er konnte, und schrie: ›Ich bin der Schreiber, ich bin der Astrolog!‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertunddritte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman in keiner Weise auf die Worte der Bürger achtete, sondern weiter laut ausrief: ›Ich bin der Berechner! Ich bin der Astrolog!‹ Da zürnten ihm all die Städter und sprachen: ›Du bist nur ein Dummkopf, ein alberner, eigenwilliger Bursche! Habe Mitleid mit deiner eigenen Jugend, deinen zarten Jahren, deiner Schönheit und Lieblichkeit.‹ Er aber rief nur um so lauter: ›Ich bin der Astrolog, ich bin der Berechner! Ist einer da, der sucht?‹ Und als er so schrie und das Volk ihn warnte, siehe, da hörte König Ghajur seine Stimme und den Lärm seiner Untertanen und sprach zu seinem Vezier: ›Geh hinunter und bringe mir den Astrologen da.‹ Und der Vezier stieg hinab und brachte Kamar al-Zaman eiligst mitten aus der Menge zum König hinauf; und als er vor ihn trat, da küßte er den Boden und sprach die Verse:
Acht Glorien treffen sich in dir vereint – So daß das Schicksal dienend ewig dich bewehre:
Dein Wissen, Herrlichkeit, Huld, Edelmut – Ein klares Wort, ein tiefer Sinn, der Sieg, die Ehre!
Und als der König ihn erblickte, da hieß er ihn sich neben ihm setzen und sprach zu ihm: ›Bei Allah, o mein Sohn, wenn du kein Astrolog bist, so wage nicht dein Leben noch füge dich meiner Bedingung; denn mich bindet ein Eid, daß wer immer eintrete zu meiner Tochter und sie nicht heilet, dem muß ich den Kopf abschlagen; doch wer sie heilet, den werde ich ihr vermählen. Also laß dich nicht irreführen durch deine Schönheit und Lieblichkeit; denn bei Allah, und abermals bei Allah, wenn du sie nicht heilest, so werde ich dir sicherlich den Kopf abschlagen.‹ Und Kamar al-Zaman versetzte: ›Dies ist dein Recht; und ich willige ein, denn ich wußte das, bevor ich kam.‹ Da rief König Ghajur die Kasis als Zeugen wider ihn auf, gab ihn dem Eunuchen und sprach: ›Führe diesen zur Herrin Budur.‹ Der Eunuch nahm ihn bei der Hand und führte ihn den Gang entlang; Kamar al-Zaman aber ging an ihm vorbei und drängte vorwärts, während der Eunuch ihm nachlief und sprach: ›Weh dir! Beeile nicht dein eigenes Verderben; nie noch sah ich einen Astrologen, der so begierig war auf den eigenen Tod; aber du weißt nicht, welche Nöte dir bevorstehen.‹ Da wandte Kamar al-Zaman das Gesicht von dem Eunuchen ab – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundvierte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als der Eunuch zu Kamar al-Zaman sprach: ›Geduld und nicht so ungebührliche Eile!‹ da habe der Prinz das Gesicht gewandt und diese Verse gesprochen:
Ein Weiser bin ich, doch vor dir ein Narr – Ich weiß, verstört, nicht, was die Worte sagen:
Nenn ich dich Sonne, schwindest doch den Augen – Du nicht wie sie, die sinkt mit allen Tagen,
Und deine Schönheit ist so wunderbar – Daß Redner irre gehn und Schwätzer ganz versagen.
Dann stellte der Eunuch Kamar al-Zaman hinter den Vorhang an der Tür der Prinzessin, und der Prinz sprach zu ihm: ›Welche Art wird dir mehr gefallen; wenn ich deine Herrin von hier aus behandle und heile, oder wenn ich eintrete und sie innerhalb des Vorhangs heile?‹ Der Eunuch staunte ob seiner Worte und entgegnete: ›Wenn du sie von hier aus heiltest, so wäre es ein größerer Beweis deiner Kunst.‹ Da setzte Kamar al-Zaman sich hinter dem Vorhang nieder, nahm Tintenkapsel und Papier und schrieb, was folgt: ›Dies ist das Schreiben dessen, den die Leidenschaft durchschauert – und dem die Sehnsucht auflauert – und der im wachen Elend dem Tode entgegentrauert – dessen, der da verzweifelt am Leben – dem nur der Tod noch kann etwas geben – des Herz so in Trauer schwimmt – daß kein Tröster noch Helfer mehr Anteil nimmt – dessen, des schlaflosen Augen – keine Hilfe wider die Angst mag taugen – des Tage dahingehn durch Flammen – und den seine Nächte zur Folter der Sehnsucht verdammen – ausgemergelt vor Hagerkeit ist ihm der Leib – und keinen Trost bringt ihm Botschaft von der Geliebten Verbleib.‹ Und dann schrieb er die folgenden Verse:
Ich schreibe mit einem Herzen, gewidmet einzig dem Denken an dich – Und mit Augen, gerötet von Tränen des Bluts, das sie bluten;
Einem Leib, gekleidet durch Liebessehnsucht und Pein – In das Hemd der Hagerkeit, das ungehemmt Wind und Licht durchfluten;
Ich beklage bei dir mich über die Folter der Liebe – Aus ihrer Stätte vertrieb die Geduld sie mit ihren Ruten:
O du! Sei huldvoll, zeige ein wenig Erbarmen – Der Leidenschaft grausame Hände wühlen im Leib mir, daß mir die Eingeweide bluten.
Und unter seine Verse schrieb er diese rhythmischen Sätze: ›Vom Herzen der Schmerz nur dem abzieht, der endlich die Geliebte wiedersieht – Und wen die Geliebte peinigt, den nur Allah von seinen Leiden reinigt! – Haben wir oder ihr Betrug geübt, so sei des Betrügers Lust getrübt! – Es gibt nichts Schöneres als einen Liebenden, der Treue bewahrt, wenn auch die Geliebte ihn mit dem Leiden paart.‹ Und als Unterschrift schrieb er: ›Von dem Verstörten, der ganz in Verzweiflung verloren – und den Liebe und Sehnsucht durchbohren – von dem Liebenden unter der Leidenschaft Bann – dem Gefangenen, der da nicht vermag, dem Wahnsinn zu entweichen – von Kamar al-Zaman – dem Sohn des Schahriman – an die Eine ohnegleichen – an die Perle unter den Himmelshuris – an die Herrin Budur – die Tochter des Königs Ghajur – Wisse, daß mich des Nachts Schlaflosigkeit peinigt – und daß bei Tage die Not mich steinigt – daß mich der Schwund und der Schmerz verzehren – während sich Liebe und Sehnsucht nur mehren – Meiner Seufzer sind viel – und der Tränen kein Ziel – Ich bin von der Liebe gefangen – und bin erschlagen vom Verlangen – und mein Herz erstickt vor der Trennung Bangen – Schuldner bin ich der Sehnsucht und ihrem Schmerzenstroß – und der Krankheit bin ich ein Zechgenoß – Ich bin der Schlaflose, der nimmer sein Auge schließt – der Sklave der Liebe, des Träne sich immer ergießt – denn das Feuer meines Herzens brennt noch immer – und die Flamme meiner Sehnsucht verbirgt sich nimmer.‹ Und schließlich schrieb Kamar al-Zaman diesen vielbewunderten Vers an den Rand:
Gruß aus den Schätzen der Huld, die mein Herr bewahrt – Ihr, die mein Herz und meine Seele hütend bewahrt!
Und auch diese:
Bitte, gewähre von deiner Lippe ein Wort! Vielleicht – Heilt mir und kühlt solch Erbarmen die Augen mein:
Ich verachte, was mich verächtlich macht – In der Not meiner Liebe, der Not meiner Pein:
Allah schirme ein Volk, das so fern gewohnt – Des Geheimnis ich barg im heiligsten Schrein:
Jetzt hat das Schicksal sich freundlich meiner erbarmt – Ich liege im Staub auf der Schwelle dein:
Neben mir auf dem Lager sah ich Budur, deren Sonne – Der Mond meines Glücks lieh neuen Schein.
Und als er der Botschaft seinen Siegelring angeheftet hatte, schrieb er statt der Adresse diese Verse:
Frag meinen Brief, was meine Feder schrieb – Und lies aus diesem Blatt, wie mich mein Elend trieb;
Es schreibt die Hand, und Tränen strömen nieder – Dem Blatt die Seele klagt, der nur die Sehnsucht blieb:
Die Träne trocknet nicht, und täte sie's, ich rief – Wohl meinem Blut: Jetzt du den Strom der Tropfen gib!
Und zum Schluß fügte er noch diesen Vers hinzu:
Ich schicke den Ring dir, den einst ich dir nahm vom Finger – Da wir uns begegnet: gib heute meinen dem Überbringer!
Und Kamar al-Zaman steckte den Ring der Herrin Budur in den Brief, versiegelte ihn und gab ihn dem Eunuchen, der ihn nahm und mit ihm zu seiner Herrin eintrat. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundfünfte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman den Ring in den Brief tat und ihn dem Eunuchen gab, der ihn nahm und damit zu seiner Herrin eintrat; und als die Herrin Budur ihn öffnete, da fand sie darin ihren eigenen Ring. Dann las sie das Blatt, und als sie seinen Inhalt begriff und erkannte, daß es von ihrem Geliebten kam, und daß er selber hinter dem Vorhang stand, da flog ihr Verstand, und ihre Brust schwoll hoch, voller Jubel bis an den Rand; und sie sprach diese Verse:
Lange beklagte ich, daß wir uns trennten – Tränen der Reue strömten herab;
Schwor, wenn das Schicksal je uns vereinte – ›Trennung‹, das Wort, sollte ruhn wie im Grab:
Jetzt hat die Freude mich so überwältigt – Daß sie ins Auge das Salz wieder gab:
Tränen, ihr Augen, sind euch vertraute Gäste – Rinnen vor Freuden und rinnen vor Schmerzen hinab.
Und als die Herrin Budur ihre Verse beendet hatte, stand sie alsbald auf, setzte den Fuß fest wider die Mauer und zerrte an dem eisernen Halsring, bis er ihr am Halse brach und sie die Ketten zerriß. Dann trat sie hervor hinter dem Vorhang, warf sich auf Kamar al-Zaman und küßte ihn auf den Mund, wie eine Taube ihr Junges füttert. Und sie umarmte ihn mit allem Ungestüm ihrer Liebe und Sehnsucht und sprach zu ihm: ›O mein Gebieter, wache ich oder schlafe ich, und hat der Allmächtige uns wirklich nach der Trennung die Vereinigung gewährt? Preis sei Allah, der unseren Bund wieder band, nachdem uns schon die Hoffnung schwand!‹ Als nun der Eunuch sie also sah, da eilte er laufend zum König Ghajur, küßte den Boden vor ihm und sprach: ›O mein Herr, wisse, dieser Astrolog ist wirklich der Schaykh aller Astrologen, und sie sind Narren vor ihm, einer wie alle; denn wahrlich, er hat deine Tochter geheilt und stand doch nur hinter dem Vorhang und trat nicht einmal zu ihr ein.‹ Sprach der König: ›Nimm dich in acht! Ist diese Botschaft wahr?‹ Versetzte der Eunuch: ›O mein Herr, steh auf und komm und sieh selber, wie sie die Kraft fand, die ehernen Ketten zu brechen, und wie sie hinaustrat zu dem Astrologen, um ihn zu küssen und zu umarmen.‹ Da stand der König auf und trat ein zu seiner Tochter,‹ und als sie ihn sah, sprang sie eilig empor und verhüllte den Kopf, indem sie diese Verse sprach:
Ich liebe den Zahnstocher nicht, denn wenn ich sage: Siwak – So vermisse ich dich, denn es klingt mir genau wie Siwâ-ka:
Ich liebe den Kapernbaum, denn sage ich: Arak – So klingt es, als sähe ich dich: Araka.
Da riß den König die Freude über ihre Genesung so mit sich fort, daß ihm war, als müsse er fliegen; und er küßte sie zwischen den Augen, denn er liebte sie mit herzlichster Liebe. Dann wandte er sich an Kamar al-Zaman und fragte ihn, wer er sei, und sprach: ›Aus welchem Lande bist du?‹ Da nannte der Prinz ihm seinen Namen und seinen Stand und sagte ihm, daß er der Sohn des Königs Schahriman sei, und er erzählte ihm seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende und machte ihn bekannt mit allem, was zwischen ihm und der Herrin Budur geschehen war: wie er ihr den Siegelring vom Finger genommen und ihn sich auf den eigenen geschoben hatte; so daß Ghajur erstaunte und sprach: ›Wahrlich, eure Geschichte verdient, in Büchern verzeichnet zu werden, so daß man sie noch liest, wenn ihr tot seid und längst nicht mehr lebt auf Erden.‹ Dann berief er alsbald die Kasis und Zeugen und vermählte die Herrin Budur dem Prinzen Kamar al-Zaman; und sieben Tage lang befahl er die Stadt zu schmücken. Da breitete man nun die Tische mit allerlei Speisen, die Trommeln wirbelten, die Ausrufer verkündeten die frohe Botschaft, und alle Krieger legten die besten Kleider an; und man erleuchtete die Stadt und feierte ein hohes Fest. Dann ging Kamar al-Zaman hinein zu der Herrin Budur, und der König freute sich ihrer Genesung und Vermählung; er pries Allah, daß er ihr die Liebe zu einem schönen Jüngling unter den Söhnen der Könige eingegeben hatte. Und man entschleierte sie und stellte die Braut vor dem Bräutigam zur Schau; und beide waren ihr lebendiges Ebenbild in Schönheit, Zierlichkeit, Anmut und Liebesreiz. In selbiger Nacht noch lag Kamar al-Zaman bei ihr und tat sich an ihr Genüge, während sie desgleichen an ihm ihr Verlangen stillte und seine Reize und Anmut genoß; und bis zum Morgen schliefen sie Brust an Brust. Am Tage darauf hielt der König ein Hochzeitsfest ab, zu dem er alle versammelte, die da kamen von den inneren und äußeren Meeren, und er breitete die Tische mit den erlesensten Speisen, und einen vollen Monat lang hörten die Gastmähler nicht auf.
Als nun Kamar al-Zaman so seinen Willen erreicht und seinen tiefsten Wunsch erfüllt hatte, da dachte er, während er noch eine Weile bei der Prinzessin Budur blieb, seines Vaters, des Königs Schahriman, den er im Traume sah, wie er zu ihm sprach: ›O mein Sohn, so handelst du an mir?‹ Und er sprach in der Vision diese Verse:
Dem Mond der Nacht zu folgen blendete er mich – Der Sternenschau durchs Dunkel hin verpfändete er mich:
Gemach mein Herz! Vielleicht zurück noch wendet er mir dich – Geduld, mein Geist! Wenn er mit Unbill schändet auch mir dich!
Und als Kamar al-Zaman im Traum seinen Vater gesehen und seine Vorwürfe vernommen hatte, da erwachte er morgens in Kummer und Sorge, so daß ihn die Herrin Budur ausfragte und er ihr erzählte, was er gesehen hatte. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundsechste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman und die Herrin Budur, als er ihr berichtete, was er im Traume gesehen hatte, zu ihrem Vater gingen, ihm erzählten, was geschehen war und seine Erlaubnis zur Reise erbaten. Er gab den gewünschten Urlaub; doch die Prinzessin sprach: ›O mein Vater, ich kann es nicht ertragen, mich von ihm zu trennen.‹ Sprach Ghajur: ›So geh mit ihm‹, und gab ihr Urlaub, ein volles Jahr in der Ferne zu bleiben und ihn nachher jedes Jahr einmal zu besuchen; da küßte sie ihm die Hand, und Kamar al-Zaman tat desgleichen. Und König Ghajur rüstete für seine Tochter und ihren Gatten zur Reise, versah sie mit Zehrung und allem Nötigen zum Marsch und holte aus seinen Ställen Pferde hervor, die mit seiner Brandmarke gezeichnet waren, Vollblutdromedare, die zehn Tage ohne Wasser laufen können, und eine Sänfte für seine Tochter nebst Lastmaultieren und Kamelen für die Wegeszehrung; ferner gab er ihnen zehn Sklaven und Eunuchen zu ihrer Bedienung und allerlei Reisegerät; am Tage des Aufbruchs aber, als König Ghajur von Kamar al-Zaman Abschied nahm, verlieh er ihm zehn prachtvolle Kleider aus Goldtuch, bestickt mit Edelsteinen, und zehn Reitpferde und zehn Kamelstuten und einen großen Schatz Geldes; und er ermahnte ihn, seine Tochter, die Herrin Budur, zu lieben und zu hegen. Dann begleitete der König sie bis an die fernsten Grenzen seiner Inseln, wo er zu seiner Tochter Budur in die Sänfte trat, sie an die Brust zog und küßte und weinend diese Verse sprach:
O die du nach der Trennung strebst, gemach! – Der Kuß ist der verdiente Liebeslohn:
Gemach! Die Falschheit ist des Schicksals Wesen – Und hinter jedem Kuß steht Trennung schon.
Dann verließ er seine Tochter, trat zu ihrem Gatten, sagte ihm Lebewohl und küßte ihn; und schließlich gab er den Befehl zum Abmarsch und kehrte mit seinen Kriegern in seine Hauptstadt zurück.
Der Prinz und die Prinzessin aber reisten mit ihrem Gefolge weiter, ohne Halt zu machen, den ersten, den zweiten, den dritten und den vierten Tag hindurch; und einen vollen Monat ließen sie nicht ab, dahin zu wandern, bis sie in eine geräumige Ebene kamen, die voller Weiden war; dort schlugen sie die Zelte auf, aßen und tranken und ruhten, und die Prinzessin Budur legte sich zum Schlafe nieder. Nach einer Weile nun trat Kamar al-Zaman zu ihr ein, und er fand sie im Schlafe liegend, gekleidet in ein Hemd aus aprikosenfarbener Seide, das nichts verbarg; und auf ihrem Haupte trug sie einen Kopfschmuck aus Goldtuch, bestickt mit Perlen und Juwelen. Die Brise hob ihr Hemd, so daß es ihren Nabel entblößte und ihre Brüste zeigte und einen Bauch zur Schau stellte, weißer als Schnee, in dessen jedem Grübchen eine Unze Benzoensalbe Platz gefunden hätte. Bei diesem Anblick wuchs seine Liebe und Sehnsucht noch, und er hub an:
Wenn man mich fragte in der Hölle Feuer – Ob Flammenglut mein Herz auch sengend spie:
Was ziehst du vor: die Flammen, die dich sengen – Oder den kühlen Trank? Ich sagte: Sie!
Und er streckte die Hand aus nach der Schnur ihrer Hose und zog daran und löste sie: da aber sah er ein Juwel, rot wie Färbeholz, an der Schnur befestigt. Er band es los, und da er es prüfte, erkannte er zwei Zeilen, die in einer unentzifferbaren Schrift darein gegraben waren; da staunte er und sprach in seiner Seele: ›Wäre dieser Stein ihr nicht sehr teuer, so hätte sie ihn nicht an das Hosenband gebunden und ihn am geheimsten und kostbarsten Ort ihres Leibes verborgen, so daß sie nicht von ihm getrennt werden konnte. Wüßte ich nur, was sie damit tut, und welches Geheimnis an ihm hängt.‹ Mit diesen Worten nahm er ihn und ging vor das Zelt, um ihn im Lichte zu betrachten. – «
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundsiebente Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß er den Stein mitnahm, um ihn im Lichte zu betrachten; und als er ihn in der Hand hielt, siehe, da stieß ein Vogel auf ihn herab, riß ihn aus seiner Hand, flog mit ihm fort und ließ sich zu Boden nieder. Schnell lief Kamar al-Zaman, aus Furcht, das Juwel zu verlieren, dem Vogel nach; der aber flog vor ihm auf, so daß er ihn gerade nicht mehr greifen konnte; und so lockte er ihn vorwärts von Tal zu Tal und von Hügel zu Hügel, bis die Nacht dunkelte und der Himmel von Sternen funkelte; da setzte er sich auf einen hohen Baum. In wirren Gedanken und schwach vor Hunger und Ermattung machte Kamar al-Zaman Halt unter dem Baume und gab sich verloren; er wäre umgekehrt, doch er kannte den Weg nicht, auf dem er gekommen war, weil ihn die Finsternis überfallen hatte. Da rief er aus: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen!‹ Und er legte sich nieder unter dem Baum, darauf der Vogel saß, und schlief bis zum Morgen. Und als er erwachte, da sah er, wie auch der Vogel erwachte und davonflog. Er sprang auf und ging ihm nach, und er flog langsam vor ihm her, genau, wie er selber ging; da lächelte er und sprach: ›Bei Allah, seltsam! Gestern flog dieser Vogel vor mir her, so schnell ich laufen konnte, und heute, da er weiß, daß ich müde erwacht bin und nicht laufen kann, da fliegt er so schnell, wie ich gehe. Bei Allah, dies ist wunderbar! Doch ich muß diesem Vogel folgen, ob er mich nun zum Tode oder zum Leben führt; ich will gehen, wohin er geht, denn auf jeden Fall wird er nur in einem bewohnten Lande hausen.‹ So folgte er denn weiter dem Vogel, der jede Nacht auf einem Baume schlief; und zehn Tage hindurch ließ er von seiner Verfolgung nicht ab, und er nährte sich von den Früchten der Erde und trank von ihren Wassern. Nach Ablauf dieser Zeit aber kam er zu einer bewohnten Stadt, und dort schoß der Vogel davon gleich dem Blick eines Auges, und indem er in die Stadt hineinflog, entschwand er Kamar al-Zaman, der nicht wußte, was das bedeutete, noch wohin er entschwunden war; er staunte und sprach: ›Preis sei Allah, der mich sicher zu dieser Stadt geleitet hat!‹ Dann setzte er sich an einem Bache nieder, wusch sich Hände, Füße und Gesicht und ruhte eine Weile; und da er des vergangenen Lebens in Lust und Heiterkeit gedachte, als er noch mit der Geliebten vereint war, und da er es verglich mit seinem gegenwärtigen Zustand der Unruhe und Ermattung, der Not in der Fremde, des Hungers und der Trennung, da strömten ihm die Tränen aus den Augen, und er sprach diese Verse:
Gern hätt ich verborgen mein Werk, doch zeigte es sich – Das Wachen wohnt bei mir, der Schlaf verblich:
Du verschmähtest mein Herz, da rief ich laut – Halt inne die Hand, Zeit, stachle nicht mich:
Ich wohne ja ewig in Not und Gefahr!
Wär mir nur der Herr der Liebe gerecht – Er hätte den Schlaf meines Augs nicht geschwächt.
Erbarme dich, Herrin, die Liebe zu dir – Macht den Liebling des Stamms nun gering und schlecht:
Die Liebe kam, und der Bettlertod zu dem, der reich einst war.
Die Spötter höhnen dich: ich fall nicht ein – Ich verstopfe mein Ohr und winke nur: Nein!
Du liebst eine schlanke Magd, sprechen sie; aber ich: – Ich las sie aus, den Rest, den ließ ich sein:
Wenn das Schicksal kommt, so ist das Aug des Menschen der Sehkraft bar!
Und als er seine Verse geendet und sich ausgeruht hatte, da stand er auf und ging langsam dahin, bis er die Stadt betrat. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundachte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman, als er seine Verse geendet und ausgeruht hatte, aufstand und in das Stadttor trat, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte. Er ging vom einen zum anderen Ende durch die Stadt; durch das Landtor war er eingezogen, und er machte nicht eher Halt, als bis er das Meerestor erreichte, denn die Stadt stand an der Küste. Und als er zum Tore hinausgegangen war, zog er weiter, bis er zu den Gärten und Obstgeländen des Ortes gelangte; dort schritt er dahin zwischen den Bäumen und kam zu einem Garten, vor dessen Tor er stehen blieb; da trat der Wächter heraus und grüßte ihn. Der Prinz aber gab seinen Gruß zurück, und der Gärtner hieß ihn willkommen und sprach: ›Preis sei Allah, daß du den Bewohnern dieser Stadt ohne Schaden entgangen bist! Schnell, komm in den Garten, ehe die Städter dich sehen.‹ Da trat Kamar al-Zaman, in der Seele verwundert, ein in den Garten und fragte den Hüter: ›Welches ist die Geschichte des Volks dieser Stadt, und wer mögen ihre Bewohner sein?‹ Versetzte der andere: ›Wisse, die Bewohner dieser Stadt sind sämtlich Magier; aber Allah sei mit dir, sage mir, wie du hierherkamst, und was dich trieb, unsere Hauptstadt aufzusuchen.‹ So erzählte denn Kamar al-Zaman dem Gärtner alles, was ihm widerfahren war, von Anfang bis zu Ende, so daß er in höchstem Staunen staunte und sprach: ›Wisse, o mein Sohn, die Städte des Islam liegen fern von uns; und zwischen uns und ihnen ist es eine Reise von vier Monden zur See und von einem vollen Jahre zu Lande. Wir haben ein Schiff, das alljährlich mit Waren zur nächsten Stadt der Moslems segelt, das in die Meere der Ebenholzinseln fährt und von dort nach den Khalidan-Inseln, dem Reiche des Königs Schahriman.‹ Da sann Kamar al-Zaman eine Weile nach, und er kam zu dem Schluß, daß er nichts Besseres tun könnte, als bei dem Gärtner im Garten zu bleiben, um sein Gehilfe zu werden, wofür er als Zahlung ein Viertel des Ertrags erhalten sollte. So sprach er denn zu ihm: ›Willst du mich in Dienst nehmen, damit ich dir in diesem Garten helfe?‹ Versetzte der Gärtner: ›Hören ist einwilligen‹; und er begann alsbald, ihn zu lehren, wie er das Wasser an die Wurzeln der Bäume leiten mußte. Und Kamar al-Zaman blieb bei ihm und wässerte die Bäume und jätete das Unkraut aus; bei dieser Arbeit trug er einen kurzen blauen Rock, der ihm bis an die Knie reichte. Und er weinte Tränenfluten, denn er hatte keine Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht, dieweil er in der Fremde war, und immer sprach er Verse auf seine Geliebte, und unter anderen diese:
Ihr gabt Versprechen, haltet ihr sie nicht? – Ihr spracht ein Wort, doch Taten folgen nicht?
Wir bleiben wach, indes ihr schlaft und schlummert – Kein wacher Wächter solches Recht anspricht:
Wir schworen, heimlich unsre Lust zu halten – Doch sprach der Mittler, und auch ihr schwiegt nicht:
O Freund in Schmerz und Lust, in Freud und Kummer – Ihr einzig, ihr wart meinem Geist das Licht!
Im Volke einer hält mein Herz gefangen – Zeigt er Erbarmen nur, das mir gebricht!
Nicht jedes Auge ist wie meines wund – Nicht jedes Herz wie meins in Schmerzen bricht:
Ihr tatet unrecht, spracht: Die Liebe schmerzt – Ihr hattet recht: denn so der Weltlauf spricht.
Den Liebesknecht vergißt man, dem den Glauben – Die Welt nicht raubt, flammt auch sein Herz im Licht:
Und soll mein Feind als Richter mich verdammen – Wer bleibt, der Recht ob meinem Richter spricht?
Tät mir nicht Liebe not, hätt ich sie nicht gesucht – So wäre auch mein Herz so voll Verstörung nicht.
So also stand es mit Kamar al-Zaman; als aber sein Weib, die Herrin Budur, erwachte, da suchte sie nach ihrem Gatten und fand ihn nicht: und sie sah ihre Hose geöffnet, dieweil die Schnur gelöst war und der Stein verloren, und sprach bei sich selber: ›Bei Allah, dies ist seltsam! Wo ist mein Gatte? Es ist, als hätte er den Stein genommen und sei fortgegangen, da er das Geheimnis nicht kennt, das an ihm hängt. Wollte der Himmel, ich wüßte, wohin er sich gewandt hat! Doch es muß etwas Ungewöhnliches gewesen sein, was ihn von mir hinwegführte, denn er kann es nicht ertragen, mich auch nur einen Augenblick zu verlassen. Allah fluche dem Stein und verdamme seine Stunde!‹ Dann sann sie eine Weile nach und sprach in ihrer Seele: ›Wenn ich hinausgehe und den Dienern sage, daß mein Gatte verschwunden ist, so wird es sie nach mir gelüsten; es hilft nicht, ich muß eine List gebrauchen.‹ Und sie stand auf und legte von ihres Gatten Kleidern an: Reitstiefel und einen Turban, seinem gleich, von dem sie einen Zipfel als Mundschleier über ihr Gesicht zog. Dann setzte sie eine Sklavin in ihre Sänfte, trat aus dem Zelt hervor und rief den Sklaven, die ihr das Roß Kamar al-Zamans brachten; und sie saß auf und befahl ihnen, die Tiere zu beladen und die Reise fortzusetzen. So banden sie die Lasten und brachen auf; und sie ließ nicht ab vom Marsch mit ihrem Gefolge, bis sie eine Stadt erreichten, die das Salzmeer überblickte; dort schlugen sie vor den Mauern ihre Zelte auf und machten Halt, um auszuruhen. Die Prinzessin fragte nach dem Namen der Stadt, und man sagte ihr: ›Sie heißt die Ebenholzstadt; ihr König heißt Armanùs, und er hat eine Tochter namens Hajat al-Nufus.‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundneunte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als die Prinzessin Budur vor der Ebenholzstadt Halt machte, um zu ruhen, da habe König Armanùs einen Boten ausgeschickt, um zu erfahren, welcher König vor seiner Hauptstadt kampiere; und als der Bote zu den Zelten kam, erkundigte er sich nach ihrem König und erfuhr, sie sei ein Königssohn, der auf dem Wege nach den Khalidaninseln die Straße verloren habe; mit dieser Nachricht kehrte er zu König Armanùs zurück, und als der König sie hörte, da ritt er sofort mit den Herren seines Landes hinaus, um den Fremden bei seiner Ankunft zu begrüßen. Als er sich den Zelten näherte, kam ihm die Herrin Budur zu Fuß entgegen, worauf der König absprang und sie einander begrüßten. Er führte sie in die Stadt und in den Palast, befahl, die Tische zu breiten und Speisen zu bringen, und ließ ihr Gefolge und ihr Gepäck in das Gasthaus schaffen. Dort blieben sie drei Tage lang; und nach Ablauf dieser Zeit trat der König ein bei der Herrin Budur. Nun war sie an eben diesem Tage im Hammam gewesen, und ihr Antlitz leuchtete wie der Mond in seiner Fülle als eine Versuchung für die Welt und als ein Zerreißen des Schleiers der Scham bei den Menschen. Armanùs fand sie gekleidet in ein seidenes Gewand, das bestickt war mit Gold und Juwelen; so sprach er zu ihr: ›O mein Sohn, wisse, ich bin ein sehr alter Mann und gebrechlich, und Allah hat mich nicht mit einem Kinde gesegnet außer mit einer einzigen Tochter, die dir an Schönheit und Anmut gleichkommt. Ich aber bin untauglich geworden für die Leitung des Staates. Sie ist dein, o mein Sohn, und wenn dir dieses mein Land gefällt und du willens bist, hier zu bleiben und hier deinen Wohnsitz aufzuschlagen, so will ich dich ihr vermählen und dir mein Königreich geben, damit ich Ruhe habe.‹ Als die Prinzessin Budur das hörte, da neigte sie das Haupt, und ihre Stirne schwitzte vor Scham, und sie sprach bei sich selber: ›Was soll ich tun, da ich eine Frau bin? Wenn ich ablehne und von ihm gehe, so bin ich nicht sicher, daß er mir nicht Truppen nachsendet, mich zu erschlagen; und wenn ich einwillige, so werde ich der Schmach verfallen. Ich habe meinen geliebten Kamar al-Zaman verloren und weiß nicht, was aus ihm geworden ist; und ich kann nicht aus dieser Not entkommen, außer dadurch, daß ich still bin und einwillige und hier bleibe, bis Allah herbeiführt, was geschehen soll.‹ So hob sie den Kopf und unterwarf sich dem König Armanùs und sprach: ›Hören ist Gehorchen!‹ Des freute er sich und befahl dem Herold, auszurufen auf den Ebenholzinseln, daß man ein Freudenfest feiern und die Häuser schmücken sollte. Dann versammelte er seine Kämmerlinge und Nabobs, seine Emire und Veziere, seine Würdenträger und die Kasis der Stadt; und indem er förmlich dem Sultanat entsagte, übertrug er es Budur und kleidete sie in all die Gewänder der Königswürde. Die Emire und Großen traten vor sie hin und huldigten ihr, denn keiner zweifelte, daß sie ein Jüngling wäre, und alle, die sie sahen, näßten ihre Hose ob des Übermaßes ihrer Schönheit und Lieblichkeit. Als dann die Herrin Budur zum Sultan gemacht worden war und die Trommeln schlugen, das frohe Ereignis zu verkünden, und als sie feierlich auf den Thron gestiegen war, da schickte König Armanùs sich an, seine Tochter Hajat al-Nufus für die Ehe auszustatten; und nach ein paar Tagen führte man die Herrin Budur zu ihr hinein, und es war, als seien sie beide zwei Monde, die gleichzeitig aufgegangen wären, oder zwei Sonnen in Konjunktion. So zogen sie ein in das Brautgemach, und die Türen wurden verschlossen und die Vorhänge hinter ihnen herabgelassen, nachdem die Diener zuvor für sie die Wachskerzen entzündet und das Teppichbett gebreitet hatten. Als nun Budur sich allein sah mit der Prinzessin Hajat al-Nufus, da dachte sie ihres geliebten Kamar al-Zaman, und der Kummer bedrängte sie sehr. Sie weinte ob seines Fernseins und der Entfremdung und sprach die Verse:
O die ihr floht und ließet mein Herz in Schmerzen – Kein Hauch des Lebens lebt mir im Gewand:
Ich hab ein Aug, das klagt ob ewigen Wachens – Es füllen Tränen; nie es Genüge fand.
Denn da ihr gingt, blieb ich, der Liebende, hinten – Fragt ihn, welche Schmerzen ihr ihm ließet als Pfand!
Und flössen Ströme nicht mir aus den Augen – Mein Feuer flammte hoch und sengte jegliches Land.
Ich stöhne zu Allah um die, die ich liebte und verlor – Für die so Schmerz und Not wie ich dem Blick entschwand:
Zuleide tat ich nichts, doch zu viel Liebe flammte – Die Liebe trennt uns stets in Selige und Verdammte.
Und als sie ihre Verse geendet hatte, setzte die Herrin Budur sich nieder neben der Prinzessin Hajat al- und küßte sie auf den Mund; dann aber stand sie jählings auf und nahm die geringere Waschung vor und vertiefte sich in ihr Gebet; und nicht eher ließ sie zu beten ab, als bis Hajat al-Nufus in Schlaf verfiel; da schlüpfte sie zu ihr ins Bett und lag, mit dem Rücken zu ihr gekehrt, bis zum Morgen an ihrer Seite. Und als der Tag angebrochen war, da traten der König und die Königin bei ihrer Tochter ein und fragten sie, wie es ihr ginge; sie aber erzählte ihnen, was sie gesehen hatte, und wiederholte ihnen Budurs Verse.
Die Königin Budur jedoch ging derweilen hinaus und setzte sich auf den Königsthron, und all die Emire und Hauptleute und Würdenträger kamen zu ihr, küßten den Boden vor ihr und riefen Segen auf sie herab. Lächelnden Mundes sprach sie sie an, kleidete sie in Ehrengewänder, mehrte die Pfründen der Würdenträger und ließ den Truppen Geld austeilen. Dafür liebte das Volk sie, und man sandte Gebete empor um lange Dauer ihrer Herrschaft, denn niemand zweifelte daran, daß sie ein Mann sei. Den ganzen Tag lang saß sie in der Staatshalle, gebot und verbot, sprach Recht, ließ Gefangene los und befreite von den Zöllen, bis die Nacht hereinsank; dann zog sie sich in das Gemach zurück, das für sie gerüstet war, und fand dort Hajat al-Nufus auf einem Lager sitzend; sie setzte sich ihr zur Seite, streichelte ihr den Rücken, schmeichelte ihr, liebkoste sie und küßte sie zwischen den Augen; dann sprach sie die Verse:
Was ich geheim hielt, sagen diese Tränen – Mein hagrer Leib muß meine Liebe klagen:
Barg ich die Pein, am Trennungstag die Not – Sie mußte jedem Neider alles sagen:
Die ihr das Lager abbracht, ließet hier – Müd meinen Geist, mein Herz vom Frost geschlagen:
Ihr haust im Herzenskern, und diese Augen – Vergießen Blut, wo sonst die Tränen nagen:
Die Fernen kauf ich mit der Seele los – Wie ich voll Sehnsucht bin, kann jeder sagen:
Ich hab ein Aug, das längst aus Liebe sich – Dem Schlafe weigert, den die Tränen jagen.
Mög nie mein Ohr hinhören, wenn der Feind – Mitleidig den Verlust mich heißt ertragen!
Ich führte irre sie, gewann mein Ziel – Bei Kamar al- Zaman in Lustgelagen:
In ihm vereinen sich die Gaben alle – Kein König war ihm gleich in alten Tagen:
Bin Za'idahs Milde sinkt, sehn wir ihn an – Und wer kann noch nach Muawijah fragen?
War nicht der Vers so schwach, und kurz die Zeit – Ich priese reimend ihn in Ewigkeit.
Und die Königin Budur stand auf, wischte sich die Tränen ab, nahm die geringere Waschung vor und vertiefte sich in ihr Gebet; und sie ließ zu beten nicht ab, bis die Herrin Hajat al-Nufus schläfrig wurde und einschlief; da kam die Herrin Budur und legte sich bis zum Morgen neben sie. Mit Tagesanbruch stand sie auf, betete das Morgengebet und setzte sich auf den Königsthron, um den Tag hindurch Befehle und Gegenbefehle zu geben, Gesetze zu erlassen und Recht zu sprechen.
König Armanùs aber kam zu seiner Tochter und fragte sie, wie es ihr ginge; und sie erzählte ihm alles, was geschehen war, wiederholte ihm die Verse, die die Königin Budur gesprochen hatte, und fügte hinzu: ›O mein Vater, nie noch sah ich einen, reicher an Verstand und Bescheidenheit, als meinen Gatten, nur daß er nichts tut als weinen und seufzen.‹ Versetzte er: ›O meine Tochter, habe noch diese dritte Nacht mit ihm Geduld, und wenn er nicht bei dir schläft und dir dein Mädchentum nimmt, so werden wir wissen, wie wir mit ihm verfahren müssen, und wir werden ihn vom Thron verjagen und aus dem Lande verbannen.‹ Und so kam er mit seiner Tochter überein, welchen Weg sie einschlagen wollten. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundzehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als König Armanùs mit seiner Tochter übereingekommen war, welchen Weg sie einschlagen wollten, und als die Nacht hereinsank, stand die Königin Budur vom Throne auf, begab sich in den Palast und trat in das Gemach, das ihr bereitet war. Dort fand sie die Wachskerzen brennend vor, und die Prinzessin Hajat al-Nufus erwartete sie; da dachte sie ihres Gatten und all dessen, was ihnen beiden in so kurzer Zeit an Sorge und Trennung widerfahren war; sie weinte und stöhnte und seufzte Seufzer auf Seufzer und sprach aus dem Stegreif diese Verse:
Die Kunde meiner Liebe füllt das Land, das schwör ich – Wie auf die Steppe regnet Sonnenglut:
Spricht seine Hand, ist schwer ihr Sinn zu sagen – So wächst mein Gram, und nie die Sorge ruht:
Ich hasse die Geduld, seit ich dich liebte – Sahst je du hassen wohl aus Liebeswut?
Ein Blick hat krank gemacht und mich erschlagen – Denn Blicke töten, wie's die Folter tut:
Er warf die Liebeslocken sich zurück – So sah ich seiner Schönheit dunkle Glut:
Er hält so Not wie Heilung in der Hand – Wer Schmerzen schuf, heilt auch der Schmerzen Wut:
Sein Gürtel wurde toll im weichen Rumpf – Und neidisch hängend seine Hüfte ruht:
Die Stirn im Lockendiadem ist schwarze Nacht – Entschleire sie, und heller Morgen lacht.
Und als sie die Verse geendet hatte, da wollte sie aufstehen, um zu beten, aber siehe, Hajat al-Nufus griff nach ihrem Saum und klammerte sich an sie und sprach: ›O mein Herr, schämst du dich nicht vor meinem Vater, der dir soviel Gnade erwies, mich zu einer solchen Stunde zu verachten?‹ Und als die Königin Budur ihre Worte hörte, da setzte sie sich wieder an derselben Stelle und sprach: ›O meine Geliebte, was sagst du da?‹ Versetzte sie: ›Ich sage, daß ich noch niemals jemanden sah, der sich so stolz für sich behielt wie du. Ist jeder, der schön ist, so verachtungsvoll? Ich sage dies nicht, um dich mir geneigt zu machen; ich sage es nur, weil ich für dich von dem König Armanùs Unheil fürchte; denn wenn du nicht noch heute nacht bei mir schläfst und mir mein Mädchentum nimmst, so will er dich morgen der Königswürde entkleiden und dich aus dem Reiche verbannen; und vielleicht verführt ihn auch das Übermaß seines Zornes dazu, dich zu erschlagen. Aber ich, o mein Herr, ich habe Erbarmen mit dir, und ich warne dich offen; es ist dein Recht, daß du vorbeugst.‹ Als nun die Königin Budur diese Worte aus ihrem Munde vernahm, da neigte sie in arger Ratlosigkeit eine Weile das Haupt zu Boden und sprach bei sich selber: ›Wenn ich mich weigere, so bin ich verloren, und wenn ich gehorche, so bin ich beschämt. Aber ich bin jetzt Königin der ganzen Ebenholzinseln, und sie stehen unter meiner Herrschaft, und nirgends werde ich meinen Geliebten wiedersehen, es sei denn hier; denn er hat keinen anderen Weg in seine Heimat außer dem durch die Ebenholzinseln. Wahrlich, ich weiß nicht, was ich beginnen soll, doch ich vertraue Allah meine Sorge an; er leitet alles zum besten, ich aber bin kein Mann, daß ich aufstehen könnte und diese Jungfrau öffnen.‹ Und die Königin Budur sprach zu Hajat al-Nufus: ›O meine Geliebte, wenn ich dich vernachlässigt und mich deiner enthalten habe, so geschah es wider meinen eigenen Willen.‹ Und sie erzählte ihr ihre ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende, zeigte sich ihr und sprach: ›Ich beschwöre dich bei Allah, mein Geheimnis zu bewahren, denn ich habe es nur verborgen gehalten, damit Allah mich mit meinem geliebten Kamar al-Zaman vereinige, und dann komme, was da kommen mag.‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundelfte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als die Herrin Budur Hajat al-Nufus mit ihrer Geschichte bekannt machte und sie bat, ihr Geheimnis zu bewahren, da habe diese ihr in höchstem Staunen zugehört, und zum Mitleid gerührt habe sie zu Allah gebetet, sie mit ihrem Geliebten zu vereinigen, indem sie sprach: ›Fürchte nichts, o meine Schwester, sondern habe Geduld, bis Allah herbeiführt, was geschehen muß‹; und sie sprach die Verse:
Nur der Treue bewahrt ein Geheimnis – Der Treue bewahrt es unentsiegelt:
Mir ist es wie ein verschlossenes Haus – Ohne Schlüssel die Schlösser, die Türen verriegelt.
Und als Hajat al-Nufus geendet hatte, da sprach sie: ›O meine Schwester, wahrlich, wer sein Geheimnis Edlen und Helden gab, der senkte es in ein verschwiegenes Grab, und nie will ich deines verraten.‹ Dann spielten sie miteinander und umarmten und küßten sich und schliefen bis fast zum Ruf des Mu'ezzins zum Morgengebet; und als Hajat al-Nufus aufstand, da nahm sie eine junge Taube, schnitt ihr über ihrem Hemde den Hals ab und besudelte sich mit dem Blute. Dann zog sie ihre Hose aus und rief laut, so daß ihre Dienerinnen herbeieilten und den üblichen Jubel anstimmten und das Geschrei der Freude und des Frohlockens. Bald darauf trat ihre Mutter ein, fragte sie, wie es ihr ginge, machte sich bei ihr zu schaffen und blieb bis zum Abend; die Herrin Budur aber stand derweilen auf, begab sich mit Tagesanbruch ins Bad, wusch und reinigte sich und ging in die Staatshalle, wo sie sich auf ihren Thron setzte und Recht sprach unter dem Volk. Als nun König Armanùs die lauten Freudenschreie hörte, da fragte er, was es gäbe, und man sagte ihm, die Hochzeit seiner Tochter sei vollzogen; des freute er sich, und seine Brust schwoll vor Jubel, und er hielt ein großes Fest ab, dessen Lustbarkeiten lange dauerten. Also erging es mit ihnen.
König Schahriman aber hatte derweilen, als sein Sohn, wie zuvor berichtet, mit Marzawan auf die Jagd gezogen war, geduldig auf ihre Rückkehr zur Nachtzeit gewartet; als aber sein Sohn nicht erschien, da verbrachte er die Nacht ohne Schlaf, und die dunklen Stunden lasteten lang auf ihm; seine Rastlosigkeit war groß, seine Erregung bedrängte ihn, und er glaubte, nimmer werde der Morgen tagen. Und als der Tag anbrach, da saß er da und wartete seines Sohnes, und er harrte bis Mittag, er aber kam nicht; nun ahnte sein Herz die Trennung, und es brannte vor Furcht für Kamar al-Zaman; und er rief: ›Wehe! Mein Sohn!‹ und weinte, bis seine Kleider naß waren von Tränen, und sprach mit pochendem Herzen:
Der Liebe Jünger hab ich stets verfolgt – Bis selbst ich koste Liebesbitternis und Süße:
Ich trank das Glas der Strenge bis zur Hefe – Demütig warf ich mich vor ihrer Sklaven Füße:
Das Schicksal schwor, uns Liebende zu trennen – Es hielt sein Wort: ich weiß es, weil ich büße!
Und als er seine Verse geendet hatte, wischte er sich die Tränen ab und befahl seinen Truppen, sich zum Marsche bereit zu machen und zu einem langen Zuge zu rüsten. So saßen sie alle auf und zogen aus, geführt von dem Sultan, dem das Herz brannte vor Gram und in Flammen stand vor Sorge um seinen Sohn Kamar al-Zaman; und sie rückten in Eilmärschen vor. Nun teilte der König sein Heer in sechs Teile, einen rechten Flügel und einen linken Flügel, einen Vortrab und eine Nachhut; und er gab Befehl, daß man sich am Tage darauf an der Wegesgabelung treffen sollte. Da trennten sie sich und streiften den ganzen Rest des Tages durchs Land, bis zur Nacht, und sie marschierten die Nacht durch, und um den Mittag des folgenden Tages stießen sie wieder zusammen, wo sich die vier Straßen begegneten. Aber sie wußten nicht, welcher der Prinz gefolgt war, bis sie das Zeichen der zerrissenen Kleider sahen und die Fleischfetzen erblickten und das Blut, das neben dem Wege verspritzt war; und sie achteten auf jedes Stück der Kleider und jeden Fetzen zerrissenen Fleisches auf allen Seiten. Als nun König Schahriman das sah, da stieß er aus seines Herzens Kern einen lauten Schrei aus und rief: ›Wehe! Mein Sohn!‹ Und er schlug sich das Gesicht und raufte sich den Bart und zerriß sich das Kleid, denn er zweifelte nicht, daß sein Sohn tot wäre. Und er überließ sich ganz dem Übermaß des Weinens und Klagens, und auch die Truppen weinten, dieweil er weinte, denn alle waren überzeugt, daß Prinz Kamar al-Zaman umgekommen wäre. Sie streuten sich Staub auf das Haupt, und als die Nacht hereinbrach, da vergossen sie Tränen und klagten, bis es war, als sollten sie sterben. Der König aber sprach mit flammendem Herzen und brennenden Seufzern diese Verse:
Schilt nicht den Trauernden, der Schmerz betrauert – Die Seufzerklage zeigt dir jedes Leid:
Er weint im Drang der Trauer und der Pein – Sie zeigen seine Glut am besten weit:
Glücklich! Wem Liebeskrankheit schwor, es sollte – Sein Auge tränen alle Ewigkeit:
Er klagt, weil er den schönsten Mond verlor – Der alle übertraf im hellsten Kleid:
Doch gab der Tod den Becher, voll zum Rand – Als ihn zur Ferne trieb der Wanderneid:
Er ließ sein Haus und ging von uns zum Leide – Und keinem Bruder sagte er Bescheid:
Und sein Verlust stach mich mit Trennungsschmerzen – Nun steht die Trauer tausendfach bereit:
Er ging, verwaist er unsre Augen ließ – Ihm aber gab der Herr das Paradies.
Und als König Schahriman seine Verse geendet hatte, da kehrte er mit seinen Truppen in seine Hauptstadt zurück. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundzwölfte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß König Schahriman, als er seine Verse beendet hatte, mit seinen Truppen in die Hauptstadt zurückkehrte; denn er gab seinen Sohn verloren und glaubte, wilde Tiere oder Banditen hätten ihm aufgelauert und ihn in Stücke gerissen; und er ließ ausrufen, daß alle Bewohner der Khalidaninseln aus Trauer um ihn schwarze Kleider anlegen sollten. Und ferner baute er zu seinem Gedächtnis eine Halle, die er das Haus der Klagen nannte; und Montags und Donnerstags widmete er sich den Staatsgeschäften und der Regelung aller Angelegenheiten seiner Untertanen und Krieger; den Rest der Woche aber verbrachte er im Hause der Klagen, wo er seinen Sohn betrauerte und ihn in elegischen Versen beklagte, von denen einige also lauteten:
Mein Tag des Glücks ist der, da du erscheinest – Mein Tag der Qual ist der, an dem du gehst:
Beb ich die Nacht durch auch in Todesbangen – Das höchste Glück kommt, wenn du bei mir stehst.
Und wiederum sprach er:
Mein Herz sei Opferpfand für den, des Gehen – Die Herzen hat in argem Schmerz gebrochen:
Die Freude mag die Witwenfrist erfüllen – Hab ich ihr dreifach doch die Scheidung ausgesprochen.
Inzwischen nun blieb die Königin Budur, die Tochter des Königs Ghajur, als Herrscherin auf den Ebenholzinseln, wo das Volk mit den Fingern auf sie zu zeigen pflegte, indem es sprach: ›Das ist der Eidam des Königs Armanùs.‹ Und jede Nacht lag sie bei Hajat al-Nufus, der sie ihre Verlassenheit klagte und ihre Sehnsucht nach ihrem Gatten Kamar al-Zaman, und sie weinte und schilderte ihr seine Schönheit und Lieblichkeit, und sie lechzte danach, ihn zu genießen, wäre es auch nur im Traum. Zuweilen auch sprach sie:
Zu Wucherzinsen muß, Gott weiß es, ich – Mir Tränen borgen seit dem Trennungstage:
›Geduld!‹ der Tadler ruft: ›Bald kommt die Lust!‹ – Wo wohnt Geduld? Hör, Tadler meine Frage!
Kamar al-Zaman aber blieb derweilen bei dem Gärtner im Garten, und er weinte Tag und Nacht und sprach Verse, in denen er die vergangene Zeit des Genusses und der Lust beklagte; und immer tröstete ihn der Gärtner und versicherte ihm, zu Ende des Jahres werde das Schiff nach dem Lande der Moslems segeln. So blieb es lange, bis er eines Tages sah, wie sich das Volk zusammenscharte, und darob erstaunte; der Gärtner aber trat zu ihm ein und sprach: ›O mein Sohn, laß heute die Arbeit und leite kein Wasser zu den Bäumen; denn es ist ein Festtag, an dem die Leute einander besuchen. Also ruhe dich aus und behalte nur den Garten im Auge, derweilen ich fortgehe und nach dem Schiff ausschaue: nur noch eine kurze Weile, und dann sende ich dich in das Land der Moslems.‹ Mit diesen Worten ging er zur Pforte des Gartens hinaus, in dem er Kamar al-Zaman sich selber überließ. Der nun begann über seine Not zu sinnen, bis es war, als müsse ihm das Herz brechen, und bis ihm die Tränen aus den Augen strömten. Und er weinte in übermäßigem Weinen, bis er in Ohnmacht sank, und als er wieder zu sich kam, da stand er auf und ging im Garten umher und erwog, was alles die Zeit ihm angetan hatte; und er klagte ob der langen Dauer seiner Wanderschaft in der Fremde und ob der Trennung von allen, die er liebte. Und als er so versunken war in traurige Gedanken, da stolperte sein Fuß, und er fiel auf das Gesicht, und seine Stirn traf auf den vorragenden Wurzelast eines Baumes, so daß er sie aufschlug und ihm das Blut herabrann und sich mit seinen Tränen mischte. Er stand wieder auf, wischte sich das Blut ab, trocknete seine Tränen und verband sich die Stirn mit einem Tuch; dann setzte er seine Wanderung durch den Garten fort, erfüllt von traurigen Träumen. Plötzlich aber warf er einen Blick hinauf in einen Baum, wo sich zwei Vögel zankten, und er sah, wie der eine sich erhob und den anderen mit dem Schnabel im Nacken traf, so daß er den Kopf vom Rumpfe trennte; dann flog er davon, während der erschlagene Vogel vor Kamar al-Zaman zu Boden fiel. Und als er so dalag, siehe, da stießen zwei große Vögel herab, und der eine setzte sich ihm zu Häupten, der andere zu Füßen; und beide ließen die Flügel hängen und senkten die Schnäbel über ihn und reckten die Hälse und weinten. Und auch Kamar al-Zaman mußte weinen, als er sah, wie die Vögel ihren Genossen beweinten, und er dachte seines Weibes und seines Vaters. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertunddreizehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman weinte und klagte ob seiner Trennung von Weib und Vater, als er die beiden Vögel um ihren Genossen weinen sah. Dann schaute er ihnen zu, und er sah, wie sie ein Grab gruben und den Erschlagenen darein versenkten; dann flogen sie weit in den Himmel hinauf und verschwanden eine Weile; aber schließlich kehrten sie mit dem Mörder zurück, landeten auf dem Grabe des Ermordeten und traten auf den Mörder ein, bis sie ihn getötet hatten. Dann rissen sie ihm den Leib auf, zerrten die Eingeweide heraus und gossen das Blut auf das Grab des Erschlagenen; und ferner zogen sie ihm die Haut ab und pickten sein Fleisch in Stücke, zupften den Rest des Gedärms heraus und verstreuten das alles hierhin und dorthin. Derweilen aber sah Kamar al-Zaman ihnen staunend zu; und plötzlich, als er die Stelle betrachtete, auf der die beiden den dritten erschlagen hatten, sah er dort etwas glitzern. Da trat er herzu und fand den Kropf des toten Vogels. Er nahm ihn auf, öffnete ihn und fand darin den Talisman, der ihn von seinem Weibe getrennt hatte. Doch als er ihn sah und erkannte, da fiel er zu Boden, ohnmächtig vor Freuden; und als er wieder zu sich kam, da sprach er: ›Preis sei Allah! Dies ist ein Vorgeschmack des Guten und eine Weissagung der Wiedervereinigung mit meiner Geliebten.‹ Er prüfte den Stein, strich sich damit über die Augen, band ihn, voll Freude über kommendes Wohl, an seinem Unterarm fest und ging bis zum Einbruch der Nacht umher, indem er des Gärtners harrte; und als er nicht kam, da legte er sich nieder und schlief an der gewohnten Stelle ein. Mit Tagesanbruch ging er an seine Arbeit, und indem er sich mit einem Strick aus Palmenfaser gürtete, nahm er Beil und Korb und ging durch den ganzen Garten hinab, bis er zu einem Johannisbrotbaum kam, an dessen Wurzeln er die Axt anlegte. Der Schlag aber klang hohl und hallte wider; und er räumte das Erdreich fort, fand eine Falltür und hob sie auf. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundvierzehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman, als er die Falltür aufhob, darunter eine Wendeltreppe fand, die er hinabstieg, bis er in ein altes Gewölbe kam, aus der Zeit der Ad und Thamud, das aus dem Felsen gehauen war. Rings um dies Gewölbe standen viele bronzene Gefäße, jedes so groß wie ein großer Ölkrug, und alle gefüllt mit gleißendem, rotem Golde. Sprach er bei sich selber: ›Wahrlich, die Sorge schwand, und der Trost ist gekommen!‹ Dann stieg er wieder hinauf aus dem Gewölbe in den Garten, deckte die Tür wie zuvor wieder zu und begann bis zur Neige des Tages Wasser an die Bäume zu leiten; und abends kehrte der Gärtner nach Hause und sprach zu ihm: ›O mein Sohn, freue dich der frohen Botschaft schneller Heimkehr in deine Heimat: die Kaufleute sind zur Reise gerüstet, und in drei Tagen wird das Schiff nach der Ebenholzstadt unter Segel gehen, die da die erste ist unter den Städten der Moslems; wenn du dort bist, so mußt du noch sechs Monate lang zu Lande reisen, um nach den Khalidaninseln zu kommen, dem Reiche des Königs Schahriman.‹ Des freute Kamar al-Zaman sich und sprach:
Nicht höhne grausam den, den Unschuld schützt – Und weiche nicht von dem, der auch von dir nicht wich:
Ein andrer hätte wohl sein Herz zurückgenommen – Und wäre anders jetzt: ein andrer, doch nicht ich!
Dann küßte er dem Gärtner die Hand und sprach: ›O mein Vater, genau wie du mir eine frohe Botschaft gebracht hast, so habe auch ich eine große, gute Nachricht für dich‹; und er erzählte ihm von seiner Entdeckung des Gewölbes. Da freute der Gärtner sich und sprach: ›O mein Sohn, achtzig Jahre lebe ich nun in diesem Garten, und niemals habe ich etwas gefunden; du aber bist nur ein Jahr bei mir gewesen und hast diesen Schatz entdeckt; also ist er eine Gabe des Himmels für dich, und er wird dein Ungemach beenden und dir helfen, zu den Deinen zurückzukehren und die aufzusuchen, die du liebst.‹ Sprach Kamar al-Zaman: ›Es hilft nicht, wir müssen ihn teilen zwischen dir und mir.‹ Dann führte er ihn hinab in das Verlies und zeigte ihm das Gold, das in zwanzig Krügen lag; zehn nahm er für sich, und zehn nahm der Gärtner, und der Alte sprach zu ihm: ›O mein Sohn, fülle dir Lederschläuche mit den Sperlingsoliven, die in diesem Garten wachsen, denn man findet sie nur in unserem Lande, und die Kaufleute nehmen sie mit in alle Gegenden. Lege das Gold in die Schläuche und bedecke es mit den Oliven, und so nimm sie mit auf das Schiff.‹ Da stand Kamar al-Zaman unverzüglich und unverweilt auf, nahm fünfzig Lederschläuche, tat in einen jeden ein wenig von dem Golde und schloß ihn, nachdem er eine Schicht Oliven darüber gebreitet hatte; und auf den Boden eines der Schläuche legte er den Talisman. Dann setzte er sich, um mit dem Gärtner zu plaudern, denn er war schneller Vereinigung mit den Seinen gewiß, und sprach bei sich selber: ›Wenn ich zu den Ebenholzinseln komme, so will ich von dort in das Land meines Vaters reisen und fragen nach meiner geliebten Budur. Wollte der Himmel, ich wüßte, ob sie in ihre Heimat zurückgekehrt ist oder weiter zog zum Lande meines Vaters, oder ob ihr auf dem Wege etwas widerfuhr!‹ Und er sprach die Verse:
Sie entflammten die Liebe mir in der Brust und gingen – Und fern ist, darin der Geliebte weilt, das Land:
Fern ist das Lager und die, die darinnen lagern – Fern steht ihr Zelt, zu dem nimmer den Weg ich fand.
Mich floh die Geduld auch, da sie vor mir flohen – Der Schlaf verließ mich, die Ausdauer schwand:
Sie gingen, und mit ihnen ging meiner Freuden jede – Und auch der Friede bietet mir nicht mehr die Hand:
Sie machten, daß flutend die Liebestränen rollen – Und seit sie fort sind, füllt Wasser die Augen zum Rand.
Wenn trauernd mein Geist sie wieder erblicken möchte – Und wenn die Erwartung sich mit den Schmerzen verband,
So muß ich im Herzen mir ihre Bilder bauen – In Liebe und Sehnsucht ihre Anmut zu schauen.
Und während er das Ende der Tagesfrist erwartete, erzählte er dem Gärtner die Geschichte von den Vögeln und alles, was zwischen ihnen vorgefallen war; und der Hörer staunte darob; dann legten sie beide sich nieder und schliefen bis zum Morgen. Krank erwachte der Gärtner, und er blieb es zwei Tage lang; am dritten Tage aber übermannte ihn die Krankheit so, daß sie an seinem Leben verzweifelten und Kamar al-Zaman sich schwer um ihn grämte. Inzwischen nun, siehe, kam der Schiffsführer mit seiner Mannschaft und erkundigte sich nach dem Gärtner; und als Kamar al-Zaman ihnen sagte, daß er krank wäre, fragten sie: ›Wo ist der Jüngling, der mit uns zu den Ebenholzinseln reisen will?‹ ›Er ist euer Diener, und er steht vor euch!‹ versetzte der Prinz, der ihnen befahl, die Olivenschläuche an Bord zu tragen; sie aber nahmen sie auf und sagten: ›Eile dich, denn der Wind ist günstig.‹ Versetzte er: ›Ich höre und gehorche.‹ Dann trug er seinen Proviant aufs Schiff, und als er zurückkehrte, um dem Gärtner Lebewohl zu sagen, fand er ihn schon im Todeskrampf; da setzte er sich ihm zu Häupten, und als seine Seele aus dem Leibe entfloh, drückte er ihm die Augen zu; er bahrte ihn auf, empfahl ihn der Gnade des allmächtigen Allah und senkte ihn in die Erde. Dann eilte er hinunter zum Schiff, doch er sah, daß es schon die Anker gelichtet hatte und unter Segel gegangen war; und es ließ nicht ab, durch die See dahinzuschneiden, bis es seinen Blicken entschwand. So kehrte er schweren Herzens und wirbelnden Kopfes dorthin zurück, woher er gekommen war; niemanden sprach er an, und keinem gab er eine Antwort. Als er den Garten erreichte, da setzte er sich nieder in Sorge und Kummer, streute sich Staub aufs Haupt und schlug sich die Wangen. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundfünfzehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als das Schiff seinem Laufe folgte, da sei Kamar al-Zaman in Sorge und Kummer in den Garten zurückgekehrt; bald darauf aber pachtete er das Gelände von seinem Besitzer und mietete sich einen Mann, der ihm bei der Bewässerung der Bäume half. Ferner begab er sich zu der Falltür, stieg in das Gewölbe hinab, holte den Rest des Goldes herauf und verstaute ihn in weiteren fünfzig Schläuchen, die er mit einer Schicht Oliven bedeckte. Dann erkundigte er sich nach dem Schiff, und man sagte ihm, es segle nur einmal des Jahres; da wuchs seine Ratlosigkeit noch, und er weinte bitterlich um alles, was ihm widerfahren war, am meisten jedoch um den Verlust des Talismans der Prinzessin Budur, so daß er die Nächte und Tage weinend verbrachte, indem er Verse sprach.
Das Schiff aber segelte mit günstigem Winde dahin, bis es die Ebenholzinseln erreichte. Nun saß nach dem Spruche des Schicksals die Königin Budur an einem Gitterfenster, das das Meer überschaute, und sie sah, wie die Galeere am Strande Anker warf. Bei diesem Anblick pochte ihr das Herz, und sie saß auf mit den Kämmerlingen und Nabobs, ritt zur Küste hinab und machte neben dem Schiffe Halt, als eben die Seefahrer zu löschen begannen und die Ballen in die Warenschuppen trugen; da rief sie den Schiffsführer vor sich und fragte ihn, was er bringe. Versetzte er: ›O König, ich habe bei mir in diesem Schiff aromatische Säfte, Schönheitsmittel, Heilpulver, Salben, Pflaster, Edelmetalle, reiche Stoffe und Tücher aus Yamanileder, in solchen Mengen, daß kein Maultier und kein Kamel sie zu tragen vermag, und allerlei Essenzen, Gewürze und Wohlgerüche, Zibet und Amber und Kampfer, Aloenholz aus Sumatra, Tamarinden und Sperlingsoliven, wie man sie selten findet in diesen Landen.‹ Als sie von Sperlingsoliven hörte, da sehnte ihr Herz sich nach ihnen, und sie sagte zu dem Führer des Schiffes: ›Wieviel Oliven hast du?‹ Versetzte er: ›Fünfzig Schläuche; doch ihr Besitzer ist nicht bei uns; also soll der König von ihnen nehmen, so viel er will.‹ Sprach sie: ›Bringt sie ans Land, damit ich sie sehe.‹ Und er rief die Matrosen an, die ihr die fünfzig Schläuche brachten. Einen öffnete sie, und als sie die Oliven sah, da sagte sie zu dem Schiffsführer: ›Ich will alle fünfzig nehmen und euch ihren Wert bezahlen, welches ihr Wert auch sei.‹ Versetzte er: ›Bei Allah, o mein Herr, in unserem Lande haben sie keinen Wert; obendrein blieb ihr Eigentümer hinter uns zurück, und er ist ein armer Mensch.‹ Fragte sie: ›Und was gelten sie hier?‹ Und er erwiderte: ›Tausend Dirhems.‹ ›Ich will sie um tausend Dirhems nehmen,‹ sagte sie und befahl, die fünfzig Schläuche in den Palast zu tragen. Als dann die Nacht kam, rief sie nach einem Sehlauch Oliven, und sie öffnete ihn, als niemand zugegen war, außer ihr und der Prinzessin Hajat al-Nufus. Und sie stellte eine Schüssel vor sie hin und schüttete den Inhalt des Krugs hinein; da aber fiel mit den Oliven ein Haufe roten Goldes in die Schüssel, und sie sagte zu der Herrin Hajat al-Nufus: ›Dies ist nichts anderes als Gold!‹ So rief sie denn auch nach den anderen Schläuchen, und alle fand sie voll edlen Metalles, der Oliven aber kaum genug, um einen einzigen Krug zu füllen. Und ferner suchte sie in dem Golde und fand den Talisman, den sie in die Hand nahm und prüfend ansah, und siehe, es war der, den Kamar al-Zaman ihr von der Schnur ihrer Hose genommen hatte. Da stieß sie einen lauten Freudenschrei aus und glitt ohnmächtig zu Boden. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundsechzehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als die Königin Budur den Talisman sah, da habe sie einen Freudenschrei ausgestoßen und sei ohnmächtig zu Boden gesunken. Und als sie wieder zu sich kam, da sprach sie in ihrer Seele: ›Wahrlich, dieser Talisman war der Anlaß meiner Trennung von meinem geliebten Kamar al-Zaman; aber jetzt ist er ein Vorzeichen des Glücks.‹ Dann zeigte sie ihn Hajat al-Nufus und sprach: ›Dies war der Anlaß der Trennung, und jetzt soll es, so Allah will, der Anlaß der Vereinigung werden.‹ Und sowie der Tag dämmerte, setzte sie sich auf den Königsthron und schickte nach dem Schiffsherrn, der vor sie hintrat und vor ihr den Boden küßte. Sprach sie: ›Wo ließest du den Besitzer dieser Oliven?‹ Und er: ›O König der Zeit, wir ließen ihn im Lande der Magier, und er ist Gärtner dort.‹ Versetzte sie: ›Wenn du ihn mir nicht bringst, so ahnst du nicht, welches Unheil deiner und deines Schiffes harrt.‹ Und sie befahl, die Vorratshäuser der Kaufleute zu versiegeln, und sprach zu ihnen: ›Wahrlich, der Besitzer dieser Oliven hat von mir geborgt, ich habe einen Schuldanspruch an ihn, und wenn ihr ihn mir nicht bringt, so will ich euch alle unfehlbar töten lassen, und eure Habe ziehe ich ein.‹ Da gingen sie alle zu dem Führer des Schiffes und versprachen ihm Miete für das Schiff, wenn er hinziehen wollte und nochmals fahren, und sprachen zu ihm: ›Befreie uns von diesem herrischen Tyrannen.‹ So schiffte er sich denn ein, ging unter Segel, und Allah verlieh ihm eine günstige Reise, bis er zu den Inseln der Magier kam, wo er zur Nachtzeit landete und in den Garten ging. Nun war Kamar al-Zaman diese Nacht lang geworden, und er saß da, in Gedanken an seine Geliebte, und beklagte, was ihm widerfahren war, indem er die Verse sprach:
Die Nacht, da jeder Stern den Lauf verweigert – Die Nacht, die endlos schien in bangen Sorgen:
Langwierig wie der Auferstehungstag – Für den, der wacht und wartet auf den Morgen.
In eben diesem Augenblick nun klopfte der Schiffsführer an das Gartentor, und Kamar al-Zaman tat ihm auf und ging mit ihm hinab an Bord des Schiffes und sogleich unter Segel; und sie ließen tage- und nächtelang nicht ab von ihrem Lauf, und immer noch wußte Kamar al-Zaman nicht, weshalb man also an ihm handelte; doch als er sie fragte, da erwiderten sie: ›Du hast dich vergangen an dem Herrn der Ebenholzinseln, dem Eidam des Königs Armanùs, und du hast ihm sein Geld gestohlen, Elender, der du bist!‹ Sprach er: ›Bei Allah, nie noch war ich in jenem Lande, noch auch weiß ich, wo es liegt!‹ Sie aber zogen mit ihm weiter, bis sie die Ebenholzinseln erreichten; und als sie landeten, führten sie ihn zu der Herrin Budur, die ihn auf den ersten Blick erkannte und sprach: ›Laßt ihn bei den Eunuchen, damit sie ihn zum Bade führen.‹ Dann entließ sie die Kaufleute aus der Haft und gab dem Schiffsführer ein Ehrengewand, das zehntausend Goldstücke wert war; und als sie in den Palast zurückkehrte, ging sie nachts zur Herrin Hajat al-Nufus und erzählte ihr, was geschehen war, und sprach: ›Bewahre du mein Geheimnis, bis ich mein Ziel erreiche und eine Tat tue, die man berichten wird, und die Könige und Untertanen lesen sollen, wenn wir tot und vergangen sind.‹ Und als sie Befehl gegeben hatte, Kamar al-Zaman ins Bad zu führen, da taten die Diener es, und kleideten ihn in ein königliches Gewand, so daß er, als er heraustrat, einem Weidenzweige glich oder einem Stern, der das größere und das geringere Licht beschämte, und Leben und Seele kehrten wieder ein in seinen Leib. Dann begab er sich in den Palast und trat ein zu der Prinzessin Budur; und als sie ihn sah, da lehrte sie ihr Herz Geduld, bis sie ihr Ziel erreicht haben würde; und sie gab ihm Mamelucken und Eunuchen, Maultiere und Kamele. Und ferner schenkte sie ihm einen Schatz Geldes, und sie ließ nicht ab, ihn von Würde zu Würde zu befördern, bis sie ihn zum Großschatzmeister machte und seiner Obhut alle Schätze des Staats übergab; und sie erhob ihn zu vertrauter Gunst und machte die Emire bekannt mit seinem Rang und seiner Würde. Und alle liebten ihn, denn die Königin Budur ließ nicht ab, Tag für Tag seinen Reichtum zu mehren. Kamar al-Zaman aber fand keinen Grund, weshalb sie ihn so ehrte; und aus der Fülle des Reichtums gab er Gaben und Geschenke; und er widmete sich dem Dienste des Königs Armanùs, so daß ihn der König und alle Emire und das Volk, so Große wie Kleine, anbeteten und bei seinem Leben schworen. Trotzdem aber staunte er immer über die Ehre und Gunst, die ihm die Königin Budur erwies, und er sprach bei sich selber: ›Bei Allah, es muß einen Grund geben für soviel Neigung! Vielleicht erweist mir dieser König so unmäßige Gnade nur zu einem argen Zwecke, und also hilft es nicht, ich muß ihn um Urlaub bitten, dies Reich zu verlassen.‹ Also trat er ein bei der Königin Budur und sprach zu ihr: ,O König, du hast mich mit Gunstbezeugungen überschüttet, aber du wirst das Maß deiner Güte voll machen, wenn du mir alles nimmst, was dir beliebte mir zu verleihen, und wenn du mir die Erlaubnis gibst, davonzuziehen.‹ Sie lächelte und fragte: ›Was treibt dich hinweg und in neue Gefahren, da du doch die höchste Gunst genießest und das glücklichste Gedeihen?‹ Versetzte Kamar al-Zaman: ›O König, wahrlich, diese Gunst ist, wenn sie nicht ihre Gründe hat, ein Wunder der Wunder, zumal du mich zu Würden erhoben hast, wie sie bejahrten und erfahrenen Männern gebühren, obgleich ich fast noch ein junges Kind bin.‹ Und die Königin Budur erwiderte: Der Grund ist der, daß ich dich liebe, um deiner großen, Lieblichkeit und deiner unvergleichlichen Schönheit willen; und wenn du mir gewähren willst, wonach mich verlangt, deinen Leib, so will ich dich noch höher heben in Ehre und Gunst und Reichtum; und ich will dich trotz deiner zarten Jahre zum Vezier befördern, sowie das Volk mich zum Sultan machte, da ich nicht älter war als du; so ist es denn heute nicht mehr wunderbar, wenn Kinder führen, und bei Allah, der war ein begabter Mann, der da sprach:
Es scheint, vom Stamme Lots sein unsre Tage – Sie wollen liebend Jugendliche fördern.
Als aber Kamar al-Zaman diese Worte vernahm, da stand er beschämt, und seine Wangen erröteten, bis es war, als flammten sie; und er sprach: ›Ich brauche diese Gunst nicht, die zur Sünde führt; ich will arm leben an Reichtum, doch reich an Tugend und Ehre.‹ Sprach sie: ›Ich lasse mich nicht täuschen durch deine Bedenken, die du nur spielst, weil du spröde bist und kokett; und Allah segne den, der da sprach:
Ich sprach von Paarung ihm, doch er versetzte: – Wie lange willst du so beharrlich flehn?
Doch als ich Gold ihm zeigte, rief er aus: – Wer kann des Geldes Allmacht je entgehn?‹
Als nun Kamar al-Zaman gar diese Verse vernahm und sie und ihren Inhalt begriff, da sprach er: ›O König, ich bin solche Dinge nicht gewöhnt, noch auch habe ich die Kraft, so schwere Bürden zu tragen, zu denen sich Ältere denn ich als ungeeignet erwiesen; wie also sollte es gehen bei meinen zarten Jahren?‹ Sie aber lächelte seiner Rede und sprach: ›Wahrlich, es ist doch wunderbar, wie der Irrtum aus dem Mangel an Verständnis entspringt! Da du doch ein Knabe bist, wie kannst du dich vor der Sünde fürchten und vor dem Tun verbotener Dinge, dieweil du doch noch nicht das Alter der gesetzlichen Verantwortlichkeit erreicht hast und die Vergehen eines Kindes weder Strafe noch Vorwurf finden? Wahrlich, du hast dich um des Streites willen in Wortspiele eingelassen, und es ist deine Pflicht, dich dem Vorschlag des Genusses zu beugen; also laß hinfort deine Weigerung und Scheu, denn Allahs Befehl ist vorbestimmter Beschluß. Wahrlich, ich habe mehr Grund als du, mich vor dem Fall zu fürchten und davor, daß mich die Sünde irreführt; und schön begeistert war der, der da sprach:
Mein Stachel ist groß, und der Kleine sprach: – Stoß kühn hinein mit Löwenstich!
Ich sprach: Das ist Sünde; doch er: Nicht für mich – Da stieß ich ihn gleich mit falschem Stich.‹
Als Kamar al-Zaman das hörte, da wurde das Licht vor seinen Augen zunicht, und er sprach: ›O König, du hast schöne Frauen und Sklavinnen in deinem Hause, die ihresgleichen in unserer Zeit nicht finden: genügen nicht sie dir ohne mich? Tu deinen Willen an ihnen und laß mich gehn!‹ Versetzte sie: ›Du sprichst die Wahrheit, aber nicht bei einer von ihnen kann der, der dich liebt, seine Qualen heilen und sein Fieber kühlen; denn wenn Geschmack und Neigung vom Laster verderbt sind, so lauschen und gehorchen sie anderem als gutem Rat. Also laß das Streiten und höre auf die Worte des Dichters:
Siehst du den Basar mit den Früchten in Reihen? – Der liebt die Feige und jener die Sykomore!
Und ein anderer sagt:
Bei manchen ist die Spange stumm, doch klingt der Gürtel hell – Der eine ißt sich reichlich satt, der andere lebt von Klagen:
Du heißt ein Narr mich sein und dich um ihren Reiz verlassen – Verhüte Gott, daß untreu ich mich sollte des Glaubens entschlagen!
Nein, bei dem Recht deines Wangenbarts, der ihre Locken höhnt – Nicht Weib noch Maid soll jemals dir mein brennend Herz enttragen.
Und wieder ein anderer:
Der Schönheit Perle! Du bist mein Bekenntnis – Mein höchster Wunsch, der Gott, den ich erkor:
Die Frauen schwor ich ab, so mögen alle – Mich einen Pfaffen schelten, der sich schor.
Und wieder ein anderer:
Gleich nicht dem Mädchen den, der bartlos ist – Noch achte des Spions, sagt er: Ein falscher Schuß:
Eins ist das Mädchen, dem den Fuß du küßt – Und eins das Wild, des Fuß die Erde küssen muß.
Und wieder ein anderer:
Ein Knabe von zweimal zehn ist recht für einen König!
Und wieder ein anderer:
Das Glied paßt, rund und glatt, gut für das Hinterteil – Wär es bestimmt für das Weib, es wäre geformt wie das Beil.
Und wieder ein anderer:
Meine Seele für dich, den ich wählte – Weil dich keine Blutung stört noch des Eierstocks Bürde:
Verkehrt ich mit Frauen, ich zeugte – Der Kinder soviel, daß die Welt uns zu enge würde.
Und wieder ein anderer:
Sie spricht (im schärfsten Sinne schwer verletzt – Denn was sich nicht geziemte, trug sie an):
Rührst du mich nicht, wie es dem Weib gebührt – So schilt auch nicht, fühlst du der Hörner Bann!
Dein Stab scheint wächsern, wie ein Tuch so schlaff – Und knet ich, fühlt er sich nur weicher an!
Und wieder ein anderer:
Sprach sie (denn niemals lag ich mehr bei ihr): – Du Narrheitsjünger Narr! Du Narr im Kern!
Paßt als Altar für dies dir nicht mein Das – Ich zeig ein andres dir: das hast du gern.
Und wieder ein anderer:
Sie bot mir die zarten Lenden – Sprach ich: So mag ich dich nicht!
Aufsprang sie, sprach: Vom Glauben – Fällt ab er nach Gottes Gericht!
Wie einst man es tat, ist es heute – Veraltet nach jüngstem Bericht!
Und sie wandte sich um, und leuchtend – Zeigt sie mir ihr zweites Licht.
Ich rief: So recht, meine Herrin! – Ich sorge mich länger nicht;
Von allem, was Allah geöffnet – Zeigst du mir, worauf ich erpicht!
Und wieder ein anderer:
Der Mann hebt hoch die Hand, fleht er um Gnade – Doch mit den Beinen fleht die Frau zumeist:
Auf an das fromme, andachtsvolle Werk – Der Herr erhebt, was nach den Tiefen weist.‹
Als aber Kamar al-Zaman sie all diese Verse sprechen hörte und gewiß war, daß er nicht würde umhin können, zu tun, was sie wollte, da sprach er: ›O König der Zeit, wenn du es durchaus so willst, so schließe einen Pakt mit mir, daß du solches mit mir nur einmal tun willst, obgleich es nicht fruchtet, wenn ich deine verderbten Lüste verbessern möchte; und daß du bis zum Ende der Zeit dies nie mehr von mir verlangen willst; dann wird mir Allah vielleicht die Sünde erlassen.‹ Sprach sie: ›Ich verspreche dir solches, denn ich hoffe, Allah werde in seiner Gnade nachsichtig sein gegen uns und unser tödliches Vergehen streichen; denn der Gürtel der Vergebung des Himmels ist wahrlich nicht so eng, sondern er kann uns umfassen und uns lossprechen von dem Übermaß unserer schmählichen Sünden und uns aus dem Dunkel des Irrens in das Licht des Heils hinaufführen. Wahrlich, trefflich sagt der Dichter:
Gar arge Dinge munkeln sie von uns – An dem Gedanken hängt ihr Geist in Treue:
Komm, laß uns recht denn ihrer Seele geben – Und so sie retten; schnell ein Streich, dann – Reue!‹
So schloß sie mit ihm einen Pakt und Vertrag, und sie schwor einen feierlichen Eid bei Ihm, der da aus sich selber ist, daß solches nur einmal zwischen ihnen geschehen sollte, und in aller Zeit nie wieder, da das Verlangen nach ihm sie in Tod und Verderben treibe. Unter dieser Bedingung erhob er sich mit ihr und folgte ihr in ihr Gemach, damit sie die Glut ihrer Lust an ihm löschte, und sprach: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Dies ist der vorbestimmte Beschluß des Allmächtigen und Allweisen!‹ Und in Scham und Verlegenheit zog er die Hose aus, während ihm im Drange der Angst die Tränen aus den Augen liefen. Da lächelte sie, und sie ließ ihn neben sich auf ein Lager steigen und sprach zu ihm: ›Nach dieser Nacht sollst du nichts mehr sehen, was dich verletzt.‹ Dann wandte sie sich um zu ihm, küßte ihn und zog ihn an die Brust, schmiegte Wade auf Wade und sprach: ›Lege mir die Hand an der gewohnten Stelle zwischen die Schenkel: dann erhebt es sich vielleicht nach der Niederwerfung zum Gebet.‹ Er aber weinte und rief: ›Ich tauge nicht für all diese Dinge‹; doch sie sagte: ›Bei meinem Leben, wenn du tust, was ich dir sage, so soll es dir nützen!‹ Da streckte er die Hand aus, und die Eingeweide brannten ihm vor Verwirrung; und er fand ihre Lenden kühler als Rahm und weicher als Seide. Die Berührung erweckte ihm Lust, und er bewegte die Hand hierhin und dorthin, bis sie zu einer Kuppel kam, die reich war an guten Gaben, Regungen und Wendungen, und er sprach bei sich selber: ›Vielleicht ist dieser König ein Zwitter, weder ganz ein Weib noch ganz ein Ritter‹; laut aber sagte er zu ihr: ›O König, ich glaube, du hast nicht wie andere Männer ein Werkzeug; was also trieb dich zu dieser Tat?‹ Da lachte die Königin Budur laut, bis sie auf den Rücken fiel, und sprach: ›O mein Liebling, wie schnell hast du die Nächte vergessen, da wir beieinander lagen!‹ Und sie gab sich ihm zu erkennen, und er erkannte sie als sein Weib, die Herrin Budur, die Tochter des Königs Ghajur, des Herrn der Inseln und der Meere. So umarmte er sie, und sie umarmte ihn, er küßte sie, und sie küßte ihn; und sie legten sich nieder auf dem Bette wollüstigen Genusses, indem sie die Worte des Dichters sprachen:
Als ihn sein weicher geschmeidiger Leib eng in die Arme mir bog – Die ihn umschlangen, tastend ganz, wie rankender, klammernder Wein,
Als sich die Flut des Schmelzens ihm über das Herz ergoß – Da gab er nach, ob im Anfang auch weigernd er sprach ein Nein;
Und ob aus Furcht, daß des Spötters Aug seine Gestalt erspäh – Er in der Vorsicht Rüstung kam, um ihm nicht sichtbar zu sein:
Sein Rumpf stöhnt ob der hinteren Last, die auf die Füße drückt – So drückt das junge Kamel die Last der Waren schwer wie Stein;
Ihn gürtet das Schwert seiner Blicke fest: es scheint, sie dürsten nach Blut – Ihn schirmt ein Panzer aus Locken schwarz: sie glänzen von leuchtendem Schein:
Sein Duft schon verkündet mir nahendes Glück: die Schritte kommen herbei – Dem Vogel gleich, der dem Käfig entfloh, flieg ich in den Arm ihm hinein:
Ich breite die Wange ihm auf den Pfad: er tritt sie mit seinem Schuh – Und siehe, das Pulver seines Staubs heilt meiner Augen Pein.
Mit einer Umarmung binde ich neu der Liebe Banner uns – Und löse den Knoten meiner Lust, den Fesseln schlangen ein:
Dann laß ich ein Fest uns rüsten schnell, die Freuden strömen herein – Die graues Alter nie erkannt, nicht Schmerzen kennen noch Pein:
Der volle Mond streut Sterne aus auf Perlenzähne und Mund – Sie tanzen freudig am sprudelnden Rand des Bechers auf dem Wein:
Ich aber gab in der Nische mich des Gebets ihrer Freuden ganz – Dem hin, was dem größten Sünder selbst könnte Demut und Reue leihn.
Ich schwöre bei den Zeichen all, die auf seiner Stirn ich las – Vergessen will ich nimmermehr die Sure Al-Ikhlas.
Dann erzählte die Königin Budur Kamar al-Zaman alles, was ihr widerfahren war, von Anfang bis zu Ende, und er tat desgleichen; schließlich aber begann er sie zu schelten, indem er sprach: ›Was trieb dich, heute nacht an mir zu handeln, wie du es tatest?‹ Versetzte sie: ›Verzeih mir, ich tat es aus Scherz, und damit die Lust und die Freude noch wuchsen.‹ Und als der Morgen dämmerte und der Tag leuchtend in seinem Glanze aufging, da schickte sie zum König Armanùs, dem Vater der Herrin Hajat al-Nufus, und machte ihn bekannt mit dem wahren Sachverhalt und sagte ihm, daß sie das Weib Kamar al-Zamans wäre. Ferner berichtete sie ihm ihre ganze Geschichte: den Anlaß ihrer Trennung, und wie seine Tochter eine Jungfrau sei, rein wie bei ihrer Geburt. Er staunte in höchstem Staunen ob ihrer Erzählung und befahl ihnen, sie in goldenen Lettern aufzuzeichnen. Dann wandte er sich zu Kamar al-Zaman und sprach: ›O Königssohn, möchtest du mein Eidam werden, indem du dich meiner Tochter vermählst?‹ Versetzte er: ›Ich muß die Königin Budur um Rat fragen, denn sie hat um unablässiger Wohltaten willen einen Anspruch an mich.‹ Und als er sich mit ihr beriet, da sagte sie: ›Recht ist deine Rechnung: vermähle dich ihr, und ich will ihre Sklavin sein; denn ich bin für Güte und Gunst und gute Dienste in ihrer Schuld und ihr mannigfach verpflichtet, zumal wir hier in ihrem Palaste sind und ihr Vater uns mit Wohltaten überhäuft hat.‹ Da er nun sah, daß sie dazu bereit wäre, ohne Eifersucht auf Hajat al-Nufus, da kam er hierin mit ihr überein. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundsiebenzehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman mit seinem Weibe, der Königin Budur, übereinkam und dem König Armanùs erzählte, was sie geantwortet hatte; der aber freute sich in großer Freude. Und er ging hinaus und setzte sich auf seinen Staatssitz, versammelte all die Veziere, Emire, Kämmerlinge und Großen und berichtete ihnen die ganze Geschichte Kamar al-Zamans und seines Weibes, der Königin Budur, von Anfang bis zu Ende; und er tat ihnen zu wissen, daß er seine Tochter Hajat al- mit dem Prinzen zu vermählen wünschte, um ihn an Stelle der Königin Budur zum König zu machen. Da sprachen sie alle: ›Er ist der Gatte der Königin Budur, die bisher unser König war, da wir sie für den Eidam des Königs Armanùs hielten, und so sind wir alle damit zufrieden, ihn als Sultan über uns zu haben; wir wollen seine Diener sein und ihm nie die Treue brechen.‹ Des freute der König sich, und indem er die Kasis und Zeugen berief und die ersten Würdenträger des Staates, befahl er, den Ehevertrag zwischen Kamar al-Zaman und seiner Tochter, der Prinzessin Hajat al-Nufus, zu schreiben. Dann hielt er ein Freudenfest ab, indem er prunkvolle Gastmähler gab und kostbare Ehrengewänder an alle Emire und Hauptleute des Heeres verlieh; er verteilte Almosen unter alle Armen und Bedürftigen und ließ die Gefangenen frei. Die ganze Welt freute sich der Thronbesteigung Kamar al-Zamans; alle segneten ihn und wünschten ihm Dauer des Ruhms und Gedeihens, des Glücks und Preises seines Namens; und sowie er König geworden war, hob er die Zölle auf und entließ alle, die noch in den Kerkern zurückgehalten wurden. So lebte er lange in würdigem Verhältnis zu seinen Untertanen; und er lebte in Frieden mit seinen beiden Frauen, in Glück, Treue und Zufriedenheit, indem er nachts abwechselnd bei einer von ihnen schlief. Viele Jahre lang blieb es so, denn wahrlich, all seine Nöte waren aus seinem Gedächtnis getilgt, und er vergaß seinen Vater, den König Schahriman, bei dem er einst in Ehre und Gunst gestanden hatte. Nach einer Weile segnete Allah, der Allmächtige, ihn mit zweien Kindern, leuchtenden Monden gleich; das ältere hieß Prinz Amdschad, und seine Mutter war die Königin Budur, und das jüngere hieß Prinz Asad, und seine Mutter war die Königin Hajat al-Nufus; und dieser war noch schöner als sein Bruder. Sie wurden aufgezogen in Glanz und zärtlicher Liebe, in der Haltung der Ehrfurcht und vollendeter Erziehung; und man unterrichtete sie im Schreiben und in den Wissenschaften und in den Künsten der Herrschaft und des Reitens, bis sie die höchste Bildung erlangten und die äußersten Grenzen der Schönheit und Lieblichkeit erreichten, so daß Männer wie Frauen entzückt waren von ihren Reizen. Seite an Seite wuchsen sie auf, bis sie siebenzehn Jahre alt wurden; sie aßen und tranken zusammen und schliefen in einem Bette und trennten sich nie, zu keiner Zeit und keiner Stunde, so daß alle sie beneideten. Als sie nun erwachsen waren und begabt mit jeder Vollkommenheit, da pflegte ihr Vater sie, so oft er eine Reise antrat, in der Halle des Gerichtes abwechselnd an seine Stelle zu setzen, und ein jeder sprach an je einem Tage unter dem Volke Recht. Nun aber geschah es, daß nach dem vorbestimmten Schicksal und dem beschlossenen Lose im Herzen der Königin Budur die Liebe keimte zu Asad (dem Sohne der Königin Hajat al-Nufus); und daß sich die Liebe zu Amdschad (dem Sohne der Königin Budur) erhob im Herzen der Königin Hajat al-Nufus. So ergab es sich, daß jede der Frauen mit dem Sohn ihrer Eheschwester zu spielen und zu kosen pflegte, indem sie ihn küßte und an die Brust zog, während eine jede der Mütter glaubte, das Tun der anderen entspringe nur mütterlicher Neigung. Und die Leidenschaft bemeisterte sich der Herzen der beiden Frauen, und ihre Liebe zu den beiden Jünglingen wurde zum Wahnsinn, so daß die eine den Sohn der anderen, wenn er bei ihr eintrat, an die Brust preßte, voller Sehnsucht, sich nie mehr von ihm zu trennen; und schließlich, als ihnen das Warten langwierig wurde und sie keinen Weg zu finden vermochten, um zum Genuß zu gelangen, verweigerten sie Speise und Trank und verbannten den Trost des Schlafes. Und eines Tages ritt der König hinaus zu Jagd und Hatz, und er befahl seinen beiden Söhnen, abwechselnd je einen Tag lang wie immer an seiner Stelle Recht zu sprechen. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundachtzehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Kamar al-Zaman auszog zu Jagd und Ritt und seinen beiden Söhnen befahl, wie immer abwechselnd jeder einen Tag an seiner Stelle Recht zu sprechen. Nun saß am ersten Tage Prinz Amdschad zu Gericht, und er gebot und verbot, ernannte und setzte ab, gab und versagte; und die Königin Hajat al-Nufus, die Mutter Asads, schrieb ihm einen Brief, in dem sie ihn um seine Gunst bat und ihm ihre Leidenschaft und Liebe offenbarte; sie warf die Maske ab und tat ihm zu wissen, daß sie ihn zu genießen begehrte. Der Brief aber, den sie schrieb, enthielt diese Zeilen: ›Von der Liebesverstörten – der trauernden Betörten – deren Qual sich hinzieht in Sehnsucht nach dir! – Wollte ich dir schildern meines Kummers Dauer – und alles, was ich ertrage an Trauer – die Leidenschaft, die mir im Herzen gestritten – und was ich von Tränen und Unrast gelitten – wie mir die Brust zerrissen ist – und nimmer der Gram mir läßt eine Frist – wie der Schmerz unablässig an mir nagt – und mein Herz ob der Trennung von dir klagt – und wie die Glut und die Trauer mich plagt – das könnte kein Brief umfassen – noch würde es sich berechnen lassen! – Himmel und Erde engen sich rings um mich ein – und mein Vertrauen und meine Hoffnung setze ich auf dich allein! – Schon bin ich dem Tode nah – und die Schrecken der Vernichtung ich schon vor mir sah – brennend schließt es mich ein – mit Entfremdung und Trennungspein. – Wollte ich schildern, wie mich die Sehnsucht immer mehr peinigt – es genügte nicht alles Papier der Welt vereinigt – und im Übermaß meiner Leiden und Schmerzen habe ich diese Verse gedichtet:
Wollt schildern ich die herzverzehrende Glut – Die Unrast, Raserei an Geistes Statt,
Es bliebe Tinte nicht noch Federrohr – Und kein Papier, nein, nicht ein einzig Blatt.
Dann hüllte die Königin Hajat al-Nufus ihren Brief in ein Stück kostbarer Seide, das sie mit Moschus und Amber parfümierte; und sie band ihn mit ihren seidenen Haarschnüren, die Schätze gekostet hatten; das Ganze legte sie in ein Tuch und gab es einem Eunuchen, dem sie befahl, es dem Prinzen Amdschad zu bringen. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundneunzehnte Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß sie ihre Botschaft dem diensttuenden Eunuchen gab und ihm befahl, sie dem Prinzen Amdschad zu bringen. Und der Eunuch ging dahin, ohne zu wissen, was die Zukunft für ihn barg (denn der Allwissende ordnet die Dinge, wie es ihm gefällt); er trat ein bei dem Prinzen, küßte den Boden zwischen seinen Händen und reichte ihm den Brief. Als er das Tuch entgegennahm, öffnete er es, las den Brief, und da er den Inhalt begriff, erkannte er, daß seines Vaters Weib in ihrem Wesen eine Ehebrecherin und in ihrem Herzen eine Verräterin an ihrem Gatten war, dem König Kamar al-Zaman. Da ergrimmte er in höchstem Grimm und höhnte die Weiber und ihr Wirken, indem er sprach: ›Allah verfluche die Weiber, die Verräterinnen, unvollkommen an Verstand und Religion!‹ Dann zog er das Schwert und sprach zu dem Eunuchen: ›Pfui, du boshafter Sklave! Trägst du Botschaften der Untreue für das Weib deines Herrn? Bei Allah, du taugst nicht, du Schwarzhäutiger, Schwarzherziger, ekel nach Antlitz und Bildung der Natur!‹ Und er traf ihn im Nacken und trennte ihm das Haupt vom Leibe; dann schlug er das Tuch wieder über den Inhalt und steckte es in die Tasche auf seiner Brust; und er ging zu seiner eigenen Mutter und erzählte ihr, was geschehen war, indem er sie schmähte und schalt und zu ihr sprach: ›Eine jede von euch ist noch gemeiner als die andere; und bei Allah, dem Glorreichen, Großen, fürchtete ich nicht, mich ungebührlich zu vergehen wider die Rechte meines Vaters Kamar al-Zaman und meines Bruders Asad, ich ginge gewißlich zu ihr und schlüge ihr den Kopf ab, wie ich ihn dem Eunuchen abgeschlagen habe!‹ Dann verließ er seine Mutter in gewaltiger Wut, und als die Nachricht von dem, was er an ihrem Eunuchen getan hatte, die Königin Hajat al-Nufus erreichte, da schmähte sie ihn, fluchte ihm und spann Verrat. Krank vor Wut, Zorn und Sorge, verbrachte er die Nacht, und er fand keine Freude mehr an Speise und Trank oder Schlaf. Und als der nächste Morgen dämmerte, da ging Prinz Asad seinerseits hin, an seines Vaters Stelle über das Volk zu gebieten; seine Mutter aber, Hajat al-Nufus, erwachte ganz schwach, denn sie hatte gehört, wie Prinz Amdschad ihren Eunuchen erschlagen hatte. Prinz Asad saß an diesem Tage in der Prunkhalle, richtete und sprach Recht, ernannte und setzte ab, gebot und verbot, gab und verlieh. Und die Königin Budur schickte nach einer listigen alten Frau, enthüllte ihr, was ihr im Herzen tobte, und schrieb einen Brief an den Prinzen Asad, in dem sie sich in diesen rhythmischen Zeilen beklagte ob des Übermaßes ihrer Liebe und ihres Verlangens nach ihm: ›Von ihr, die erstirbt vor Leidenschaft, in Liebe verloren – an ihn, der von Natur und durch Pflege am herrlichsten ist geboren – an ihn, der da eitel ist auf seine Lieblichkeit – und sich brüstet mit seiner lockenden Zierlichkeit – der von denen sich wendet, die ihn zu genießen streben, an den Ungütigen – der die Gunst verweigert denen, die sich vor ihm demütigen – an ihn, der da grausam ist und verächtlich blickt – von ihr, die in der Verzweiflung erstickt – an den Prinzen Asad, den die Schönheit umkleidet – und der an der eigenen Anmut sich weidet – und an seinem mondhellen Angesicht – an der Stirne wie Blüten licht – die wie blendende Strahlen sticht! – Dies ist mein Brief an ihn, der mir durch die Liebe schmilzt meinen Leib – und mir die Haut zerreißt, die Knochen zerbricht! – Wisse, es flieht die Geduld, sag ich: bleib! – einen Rat in der Not, ach, ich weiß ihn nicht! – Schlaf und Ruhe fliehen mich – Sehnsucht und Ratlosigkeit ermüden mich – aber die Trauer und das Wachen umklammern mich – und Verlangen und Leidenschaft foltern mich – und das Übermaß des Siechtums und der Krankheit hat mich zuschanden gemacht – und doch sei mein Leben als Lösegeld dir dargebracht – und ist es auch deine Lust, die zu erschlagen, die dich liebt – so flehe ich doch zu Allah, der dir langes Leben gibt – daß er dich schütze vor jeglicher Schwäche!‹ Und nach diesen Sätzen schrieb sie noch diese Verse:
Das Schicksal will, daß dein Genoß ich werde – Du Leuchtender, dem Mond gleich hell und klar,
Umfängst die Schönheit und Beredsamkeit – Nichts herrlicher je in den Welten war:
Ich bin schon froh, bist du mein Folterknecht – Gib einen Blick mir, schön und wunderbar!
Glück ist der Tod aus Liebesdurst zu dir! – Wer dich nicht liebt, ist jeden Glückes bar!
Und auch diese:
Dir klag, Asad, aus Liebesschmerzen ich – Mitleid mit ihr, die brennt vor Flammenpein:
Wie lange spielt der Liebe Hand mit mir – Soll Sehnsucht, Wachen, Qual mir ewig sein?
Bald rast ein Meer im Herzen, bald das Feuer – Ein Wunder ist es, Wunsch des Herzens mein!
O Tadler, laß den Tadel, flieh du selbst – Sonst wird dein Aug ein Tränenrinnsal sein.
Wie oft schrei ich ob Trennung und Verlangen – Doch keinen Vorteil trägt mein Schrei'n mir ein:
Denn unerträglich krank macht deine Härte – Du bist mein Arzt, laß Hilfe angedeihn!
O Schmäler, laß und warne mich nicht mehr – Auch dich trifft wohl der Liebesplage Speer.
Dann parfümierte die Königin das Papier mit einer Fülle wohlriechenden Moschus, und sie band es ein in ihre Haarschnüre, die aus Irakiseide waren, mit Gehängen länglicher Smaragden, besetzt mit Perlen und Edelsteinen; und schließlich gab sie es der Alten, der sie befahl, es dem Prinzen Asad zu bringen. Diese tat es, um der Königin zu Gefallen zu sein, ging unverweilt zum Prinzen und fand ihn in seinen eigenen Zimmern, wo sie ihm ungesehen den Brief übergab; dann blieb sie stehn und harrte etwa eine Stunde lang der Antwort. Als aber Asad das Blatt gelesen hatte, umwand er es wieder mit den Schnüren und steckte es in die Tasche auf seiner Brust; dann (denn er war über alles Maß des Grimmes hinaus ergrimmt) fluchte er allen falschen Weibern, sprang auf, zog sein Schwert und traf die Alte im Nacken, so daß er ihr den Kopf abschlug. Und er ging zu seiner Mutter, der Königin Hajat al-Nufus, die schwach auf ihrem Bette lag, um dessentwillen, was ihr mit dem Prinzen Amdschad widerfahren war; und er schmähte und verfluchte sie; dann ließ er sie allein und ging zu seinem Bruder, dem er erzählte, was die Königin Budur unternommen hatte; und er fügte hinzu: ›Bei Allah, o mein Bruder, hätte ich mich nicht vor dir geschämt, so wäre ich stracks zu ihr gegangen und hätte ihr den Kopf von den Schultern geschlagen!‹ Versetzte Prinz Amdschad: ›Bei Allah, o mein Bruder, gestern, als ich auf dem Sessel des Gerichtes saß, da widerfuhr mir dasselbe, was dir heute widerfahren ist, mit deiner Mutter, die mir einen Brief des gleichen Inhalts schickte.‹ Und er berichtete ihm alles, was geschehen war, und fügte hinzu: ›Bei Allah, o mein Bruder, nur die Achtung vor dir hielt mich davon ab, zu ihr zu gehen und an ihr zu handeln, wie ich an dem Eunuchen gehandelt habe!‹ So verbrachten sie den Rest der Nacht im Gespräch, und sie fluchten den falschen Weibern und kamen überein, die Sache geheim zu halten, damit nicht ihr Vater davon hörte und die beiden Frauen tötete. Doch sie litten fortwährend an Unruhe und sahen Trübsal voraus. Und als der Morgen dämmerte, da kehrte der König mit seinem Gefolge heim von der Jagd, und er setzte sich eine Weile in den Staatsstuhl; dann schickte er die Emire an ihre Geschäfte und ging in seinen Palast. Dort fand er seine beiden Frauen im Bette, und beide waren sehr krank und schwach. Nun hatten sie gegen ihre Söhne ein Komplott geschmiedet und vereinbart, ihnen das Leben zu nehmen; denn sie hatten sich vor ihnen bloßgestellt und fürchteten, in ihrer Gewalt zu sein und von ihrer Nachsicht abzuhängen. Als aber Kamar al-Zaman sie also sah, da fragte er sie: ›Was fehlt euch?‹ Und sie erhoben sich vor ihm, küßten ihm die Hände und erwiderten, indem sie die Sache umkehrten, dieses: ›Wisse, o König, deine beiden Söhne, die in deiner Güte aufgezogen wurden, haben dich verraten und dich in deinen Frauen entehrt.‹ Als er das hörte, da wurde das Licht vor seinen Augen zunicht, und er raste in solchem Grimm, daß ihm der Verstand entfloh; dann sprach er zu ihnen: ›Erklärt mir diese Sache.‹ Versetzte Königin Budur: ›O König der Zeit, wisse, seit vielen Tagen schon hat mir dein Sohn Asad beharrlich Briefe und Botschaften geschickt, in denen er mich zu Unzucht und Ehebruch verlockte, während ich ihm solches untersagte; er aber wollte es sich nicht untersagen lassen; und als du zur Jagd auszogst, stürzte er auf mich ein, trunken, und ein gezogenes Schwert in der Hand, mit dem er meinen Eunuchen traf und erschlug; so büßte er seinen bösen Willen an mir mit Gewalt. Und wenn du mir jetzt nicht Recht verschaffst wider ihn, o König, so werde ich mich mit eigener Hand erschlagen, denn ich bedarf des Lebens in der Welt nicht mehr nach dieser verworfenen Tat.‹ Und die Königin Hajat al-Nufus erzählte ihm, von Tränen erstickt, eine gleiche Geschichte über den Prinzen Amdschad. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß die Königin Hajat al-Nufus ihrem Gatten, dem König Kamar al-Zaman, eine gleiche Geschichte erzählte wie ihre Eheschwester Budur und sprach: ›Dasselbe widerfuhr mir von deinem Sohne Amdschad.‹ Dann begann sie zu weinen und zu klagen und sprach: ›Wenn du mir nicht Recht verschaffst wider ihn, so erzähle ich es meinem Vater, dem König Armanùs.‹ Und beide Frauen weinten vor Kamar al-Zaman in bitterem Weinen, und als er ihre Tränen sah und ihre Worte hörte, da kam er zu dem Schluß, daß ihre Geschichte wahr sei, und indem er über jedes Maß des Grimmes hinaus ergrimmte, ging er davon, denn er gedachte seine beiden Söhne zu überfallen und zu töten. Unterwegs aber traf er seinen Schwiegervater Armanùs, der auf die Kunde von seiner Heimkehr zu eben dieser Stunde kam, um ihn zu begrüßen; und da er ihn sah, das nackte Schwert in der Hand, während ihm vor dem Übermaß der Wut Blut aus der Nase tropfte, fragte er, was ihn anfechte. Da erzählte ihm Kamar al-Zaman alles, was seine Söhne Amdschad und Asad getan haben sollten, und fügte hinzu: ›Und jetzt will ich sie auf die schmählichste Weise erschlagen und sie zum schändlichsten Beispiel machen.‹ Sprach König Armanùs (und wahrlich, er war ergrimmt wider sie): ›Du tust recht daran, o mein Sohn, und Allah möge sie nicht segnen, noch überhaupt die Söhne, die gegen ihres Vaters Ehre solche Taten tun. Aber, o mein Sohn, der Dichter des alten Spruches sagt: Wer nicht das Ende bedenkt, dem das Schicksal keine Freundschaft schenkt. Auf jeden Fall sind sie deine Söhne, und es schickt sich nicht, daß du sie mit eigener Hand erschlägst, wenn du nicht von ihrer Todesqual trinken willst und bereuen, daß du sie erschlugst, wenn keine Reue mehr fruchtet. Lieber schicke sie mit einem deiner Mamelucken in die Wüste und lasse sie dort töten, fern von deinen Augen, denn, wie das Sprichwort sagt: Fern von dem Blick meines Freundes ist es besser und angenehmer.‹ Als Kamar al-Zaman die Worte seines Schwiegervaters hörte, da erkannte er sie als richtig; er stieß das Schwert in die Seheide, kehrte um und setzte sich auf den Thron seines Reiches. Dort berief er seinen Schatzmeister, einen uralten Mann, der bewandert war in den Geschäften und Wechselfällen des Schicksals; und er sprach zu ihm: ›Geh hinein zu meinen Söhnen Amdschad und Asad; binde ihnen die Hände mit starken Fesseln, lege sie in zwei Kisten und lade sie auf ein Maultier. Dann sitze auf und bringe sie mitten in die Wüste; dort töte sie beide und fülle zwei Flaschen mit ihrem Blute und bringe es mir eilig her.‹ Versetzte der Schatzmeister: ›Ich höre und gehorche‹, und er stand eilends auf und ging davon, die Prinzen zu suchen; und unterwegs traf er sie, wie sie aus der Halle des Palastes traten, denn sie hatten ihre besten und reichsten Kleider angelegt; und sie waren auf dem Wege, ihren Vater zu begrüßen und ihm Glück zu wünschen zur wohlbehaltenen Rückkehr von der Jagd. Und als er sie sah, da legte er die Hand an sie und sprach: ›O meine Söhne, wißt, ich bin nur ein Sklave, dem man befiehlt, und euer Vater hat mir einen Befehl auferlegt; wollt ihr seinem Befehl gehorchen?‹ Sie sagten: ›Ja‹; er aber trat zu ihnen, fesselte ihnen die Arme und legte sie in die Kiste, die er auf ein Maultier lud, das er aus der Stadt mitgebracht hatte. So ritt er mit ihnen fast bis zum Mittag in das offene Land hinein; und als er an einem wüsten und verlassenen Orte Halt gemacht hatte, stieg er ab von seiner Stute und nahm die Kiste vom Rücken des Maultiers. Dann öffnete er sie und nahm Amdschad und Asad heraus; und als er sie ansah, da weinte er bitterlich um ihre Schönheit und Lieblichkeit; und indem er das Schwert zog, sprach er zu ihnen: ›Bei Allah, o meine Herren, es wird mir schwer, so arg an euch zu handeln; aber ich bin entschuldigt, da man einem Sklaven befiehlt, denn euer Vater, der König Kamar al-Zaman, hat mir befohlen, euch den Kopf abzuschlagen.‹ Versetzten sie: ,O Emir, tu des Königs Geheiß, denn wir ertragen in Geduld, was Allah (dessen die Ehre sei und die Macht und der Ruhm!) uns bestimmt hat; und du bist frei von unserem Blute.‹ Sie umarmten einander und sagten sich lebewohl, und Asad sprach zu dem Schatzmeister: ›Allah sei mit dir, mein Oheim, erspare mir den Anblick der Todesqual meines Bruders, damit ich nicht von seinen Ängsten trinken muß, und töte mich zuerst, denn so wird es mir leichter.‹ Und Amdschad sagte desgleichen und flehte den Schatzmeister an, ihn vor Asad zu töten, indem er sprach: ›Mein Bruder ist jünger als ich; also laß mich nicht von seinen Qualen kosten!‹ Und beide weinten bittere Tränen, während der Schatzmeister weinte, dieweil sie weinten. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundeinundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß der Schatzmeister weinte, dieweil sie weinten; und die beiden Brüder umarmten einander und sagten sich lebewohl und sprachen: ›All dies kommt von der Bosheit dieser Verräterinnen, meiner Mutter und deiner Mutter; und dies ist der Lohn dafür, daß ich mich deiner Mutter, und daß du dich meiner Mutter enthieltest! Aber es gibt keine Macht, und es gibt keine Majestät außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Wahrlich, wir sind Allahs, und zu ihm kehren wir zurück.‹ Und Asad umarmte seinen Bruder, schluchzte und sprach die Verse:
O du, dem angstvoll zitternd Wichte klagen – Du, stets bereit, was immer kommt, zu tragen!
Es hilft mir nur, klopf ich an deine Tür – Wo poch ich sonst, willst du die Tür versagen?
Du, dessen Huld ein Wort einschließt, dies: Werde! – Erbarm dich mein, so flehe ich voll Zagen.
Als nun Amdschad seines Bruders Weinen hörte, da weinte auch er, und er drückte ihn an die Brust und sprach die Verse:
O du, der mehr als einmal viel mir gab – Des Gaben zahllos, grenzenlos ich fand!
Nie fiel ein Streich des Schicksals je auf mich – Ich fand zur Seite stützend deine Hand.
Dann sprach Amdschad zu dem Schatzmeister: ›Ich beschwöre dich bei dem Einen, Allmächtigen, bei dem Herrn der Gnade, dem Wohltätigen! Erschlage mich vor meinem Bruder Asad, so werde ich vielleicht das Feuer in meinem Herzen nicht mehr kennen, und es wird mich in diesem Leben nicht mehr brennen.‹ Asad aber weinte und rief aus: ›Nein, ich will als erster sterben.‹ Und schließlich sprach Amdschad: ›Das beste wäre, ich umarmte dich, und du umarmtest mich, so daß uns das Schwert auf einen Streich träfe und beide erschlüge.‹ So umarmten sie sich denn, Wange an Wange, und klammerten sich eng aneinander an, während der Schatzmeister sie weinend mit Stricken umwand. Dann zog er das Schwert und sagte zu ihnen: ›Bei Allah, o meine Gebieter, es wird mir wahrlich schwer, euch zu erschlagen! Aber habt ihr nicht noch letzte Wünsche, die ich erfüllen, oder Aufträge, die ich ausführen könnte, oder eine Botschaft, die ich überbringen kann?‹ Versetzte Amdschad: ›Wir haben keinen Wunsch; und mein einziger Auftrag ist der, daß du meinen Bruder unter mich legest, und mich über ihn, damit der Schlag zuerst auf mich falle; und wenn du uns getötet hast und zum König zurückkehrst, und er dich fragt: Was hörtest du vor ihrem Tode von ihnen? so antworte du: Wahrlich, deine Söhne grüßen dich und sagen dir: Du wußtest nicht, ob wir unschuldig waren oder schuldig, und dennoch hast du uns hingerichtet, und dich nicht von unserer Sünde überzeugt noch auch unser Vergehen untersucht. Dann wiederhole ihm diese Verse:
Die Weiber sind Teufel, erschaffen zum Leide der Männer – Ich fliehe zu Allah vor ihren Satansschlingen:
Urquell aller Übel sind sie unsres Geschlechtes – In weltlichen Nöten und Glaubensdingen.‹
Und Amdschad fuhr fort: ›Wir wünschen nichts von dir, als daß du unserem Vater diese beiden Verse wiederholest.‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundzweiundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Amdschad also zu dem Schatzmeister sprach: ›Wir wünschen nichts von dir, als daß du unserem Vater diese beiden Verse wiederholest, die du eben gehört hast; und ich beschwöre dich bei Allah, habe Geduld mit uns, während ich meinem Bruder noch ein paar Verse vorspreche.‹ Und er weinte mit bitterem Weinen und hub an:
Die Könige, die vor uns dahingegangen – Sie zeigten Beispiele uns in Scharen:
Der Großen und Kleinen, der Hohen und Niedern – Wie viele sind dieses Weges gefahren!
Als nun der Schatzmeister diese Worte Amdschads hörte, da weinte er, bis ihm der Bart naß war, während Asads Augen voll standen bis an den Band voll Tränen, und er sprach die Verse:
Das Schicksal schreckt uns, wenn die Not vergangen – Die Träne gilt dem Leibe nicht allein:
Was fehlt den Nächten? Gott tilg unsre Sünde! – Den Nächten wird ein andrer Tod verleihn!
Schon einst verspürt Zubairs Sohn ihren Haß – Und floh um Zuflucht zu dem Haus und Stein:
Und als Kharidschah für Amru erlag – Konnt Ali man durch Opfertod befrein.
Und während ihm die niederrinnenden Tränen die Wangen befleckten, sprach er auch diese Verse:
Gebrandmarkt sind die Tage und die Nächte – Und wie Verräter falsch, so lügen sie;
Der Wüstendunst glänzt gleich wie ihre Zähne – Kohl ihren Augen grause Schwärze lieh:
Die Sünde an der Welt, die ich verachte – Ist Schwertessünde, Kampf des Schwerts ist sie.
Dann wurde sein Schluchzen lauter, und er sprach:
Der du die Welt, die unwert ist, umwirbst – Lern sie als Unheilshaus, als Netz des Todes kennen:
Als Haus, drin morgen weint, der heut gelacht – Mög das Verderben sein dies Haus der Qualen nennen!
Endlos ihr Kampf: und ihre Knechte werden – Niemals befreit: endlos Gefahren uns berennen.
Wie viele prahlten ihres Prunks und Stolzes – Bis stolz und prunkvoll sie die Grenzen nicht mehr kennen.
Dann drehte sie den Schild und ließ sie saufen – Den vollen Trank, um dann auf Racheschuld zu brennen.
Denn wisse, schnell und sicher fällt ihr Streich – Ob sie auch lange zagt, des Schicksals Pfad zu rennen:
Hab acht auf deinen Tag, daß nicht das Leben – Eitel dahingeh, und mehr du als je lernst kennen;
Und schneide durch des Weltverlangens Ketten – Hinauf zu Höherem die Seele dir zu retten.
Als nun Asad seine Verse beendet hatte, da drückte er seinen Bruder Amdschad in den Armen, bis sie beide zu einem Leibe wurden, und der Schatzmeister zog sein Schwert und wollte sie eben treffen, als, siehe, sein Roß erschrak vor dem Luftzug seiner gehobenen Hand, die Fessel brach und in die Wüste entfloh. Nun hatte das Pferd tausend Goldstücke gekostet, und auf seinem Rücken lag ein Sattel, der viel Geld wert war; daher warf der Schatzmeister das Schwert zu Boden und lief dem Tiere nach. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertunddreiundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß der Schatzmeister, als ihm sein Pferd davonlief, dem Tier in großer Sorge nachsetzte und nicht eher im Laufe innehielt, dieweil er es fangen wollte, als bis es ein Dickicht erreicht hatte. Und auch, während es durch den Wald dahinstob, indem es die Erde mit den Hufen traf, daß der Staub türmend hoch in die Lüfte emporwirbelte, folgte er ihm noch; und es schnaubte, fauchte, wieherte und wurde wild und wütend. Nun traf es sich, daß in diesem Dickicht ein Löwe lebte, ein schrecklich gewaltiges Tier: Grauenhaft für das Gesicht: seine Augen sprühten Licht: sein Blick schmetterte nieder, und sein Anblick jagte den Schrecken in der Menschen Glieder. Und schließlich machte der Schatzmeister Kehrt und erblickte den Löwen, der auf ihn zukam; er aber sah keinen Weg zur Flucht und hatte auch sein Schwert nicht bei sich. Da sprach er bei sich selber: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Diese Not hat mich aus keinem anderen Grunde betroffen als um Amdschads und Asads willen; und wahrlich, dieser Ritt war von Anbeginn ohne Segen.‹ Derweilen nun drückte die Hitze schwer auf die beiden Prinzen, so daß sie durstig wurden und ihnen die Zunge herniederhing und sie um Hilfe riefen, doch niemand kam. Da sprachen sie: ›Wollte der Himmel, wir wären erschlagen worden und hätten Ruhe vor diesem Schmerz! Aber wir wissen nicht, wohin das Pferd entflohen ist, da der Schatzmeister ihm nach ist und uns hier gefesselt zurückließ. Käme er nur und tötete uns, das wäre weniger schwer für uns als diese Folter.‹ Sprach Asad: ›O mein Bruder, sei geduldig, so wird uns Allahs Hilfe (Er sei erhöht und erhoben!) sicherlich zuteil werden; denn das Pferd entsprang nur vermöge Seiner Gnade, und nichts quält uns als dieser Durst.‹ Und zugleich reckte und schüttelte er sich und zerrte nach rechts und nach links, bis er die Fesseln zerbrach; dann stand er auf, band seinen Bruder los, ergriff das Schwert des Emirs und sprach: ›Bei Allah, wir wollen nicht eher von hinnen gehen, als bis wir nach ihm gesehen haben und wissen, was aus ihm geworden ist.‹ Und sie begannen, seiner Spur zu folgen, bis sie sie in das Dickicht führte; dort sprachen sie zueinander: ›Sicherlich sind weder das Pferd noch der Schatzmeister aus diesem Walde entkommen.‹ Sprach Asad: ›Bleibe du hier, während ich in das Dickicht eindringe und es durchsuche‹; und Amdschad versetzte: ›Ich laß dich nicht allein hinein: und nur zusammen wollen wir eindringen; wenn wir dann entkommen, so entkommen wir beide, und finden wir den Tod, so finden wir beide den Tod.‹ Beide also drangen ein und fanden den Löwen, wie er auf dem Schatzmeister kauerte, der einem Sperling gleich in seinen Krallen lag, Allah um Hilfe anrief und mit den Händen gen Himmel winkte. Als nun Amdschad das sah, da nahm er das Schwert, stürzte auf den Löwen zu, traf ihn zwischen den Augen und streckte ihn tot zu Boden. Staunend ob seiner Rettung sprang der Emir empor, und da er Amdschad und Asad erblickte, die Söhne seines Herrn, warf er sich ihnen zu Füßen und rief aus: ›Bei Allah, o meine Herren, es wäre unerträgliches Unrecht, wollte ich euch töten. Möge der nie leben, der euch töten wollte. Wahrlich, mit meinem Leben kaufe ich euch los.‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundvierundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß der Schatzmeister zu Amdschad und Asad sprach: ›Mit meinem Leben will ich euch beide loskaufen!‹ Dann stand er eilig auf, umarmte sie alsbald und fragte sie, wie sie ihre Fesseln gelöst hätten und hierher gekommen wären; da berichteten sie ihm, wie sich die Fesseln des einen von ihnen gelöst hatten und der den anderen befreite; denn die Reinheit ihrer Absichten habe ihnen geholfen, so daß sie seine Spur verfolgen konnten, bis sie ihn erreichten. Er aber dankte ihnen für ihre Tat und verließ mit ihnen das Dickicht; und als sie auf offenem Felde waren, sprachen sie: ›O Oheim, tu nach unsres Vaters Geheiß.‹ Versetzte er: ›Allah verhüte, daß ich euch mit Unheil nahen sollte! Aber wisset, ich gedenke eure Kleider zu nehmen und euch in meine zu kleiden. Dann will ich zwei Flaschen mit dem Blute des Löwen füllen und zum König zurückkehren, um ihm zu sagen, ich habe euch hingerichtet. Ihr beide aber zieht hinaus in die Lande, denn Allahs Erde ist weit; und wisset, o meine Herren, es schmerzt mich, daß ich euch verlassen muß.‹ Darob begannen sie alle zu weinen; dann legten die beiden Jünglinge ihre Kleider ab, und der Schatzmeister kleidete sie in die seinen. Ferner machte er aus ihrer Kleidung zwei Bündel, füllte zwei Flaschen mit dem Blute des Löwen und nahm all das vor sich aufs Pferd. Dann nahm er Abschied von ihnen, schlug die Richtung zur Stadt ein und ritt dahin, bis er vor den König Kamar al-Zaman trat und den Boden küßte zwischen seinen Händen. Der König sah sein verwandeltes Antlitz und seine Unruhe (die Folgen des Abenteuers mit dem Löwen), und da er meinte, es komme von der Tötung seiner beiden Söhne, so freute er sich und sprach zu ihm: ›Hast du das Werk vollbracht?‹ ›Ja, o unser Herr,‹ versetzte der Schatzmeister und gab ihm die beiden Kleiderbündel und die beiden Flaschen Blutes. Fragte der König: ›Was beobachtetest du an ihnen?‹ Versetzte der Schatzmeister: ›Ich fand sie geduldig und ergeben in das, was über sie kam, und sie sprachen zu mir: Wahrlich, unser Vater ist entschuldbar; bringe ihm unseren Gruß und sprich zu ihm: Du bist des Mordes an uns frei. Wir aber geben dir den Auftrag, ihm diese Verse zu wiederholen:
Die Weiber sind Teufel, erschaffen zum Leide der Männer – Ich fliehe zu Allah vor ihren Satansschlingen:
Urquell aller Übel sind sie unsres Geschlechtes – In weltlichen Nöten und Glaubensdingen.‹
Als nun der König diese Worte des Schatzmeisters vernahm, da beugte er das Haupt zu Boden, lange, und er erkannte, daß seiner Söhne Worte bedeuten sollten, sie seien unschuldig hingerichtet worden. Und er dachte der Tücke der Weiber und des Unheils, das durch sie zustande kommt; und er nahm die beiden Bündel und öffnete sie und begann die Kleider seiner Söhne hin und her zu wenden und weinte. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundfünfundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß König Kamar al-Zaman die beiden Bündel öffnete und die Kleider seiner Söhne hin und her zu wenden begann; und während er weinte, begab es sich nun, daß er in der Tasche des Gewandes seines Sohnes Asad einen Brief in der Handschrift seines Weibes fand, der mit ihren Haarschnüren gebunden war; und er öffnete ihn und las ihn, und als er den Inhalt verstanden hatte, da wurde er inne, daß der Prinz fälschlicherweise angeklagt worden war. Dann durchsuchte er Amdschads Kleiderbündel, und auch in seiner Tasche fand er einen Brief: der war in der Handschrift der Königin Hajat al-Nufus, und auch er enthielt die Schnüre ihres Haares; er öffnete und las ihn und erkannte, daß auch Amdschad unrecht geschehen war; da schlug er mit der Hand auf die Hand und rief: ›Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Ich habe meine Söhne ungerechterweise erschlagen!‹ Und er schlug sich das Gesicht und rief: ›Wehe, meine Söhne! Wehe, mein langer Gram!‹ Dann befahl er, ihnen in einem Hause, das er das Haus der Klagen nannte, zwei Gräber zu bauen, und ließ auf ihnen die Namen seiner Söhne einritzen; und er warf sich auf Amdschads Grab, weinte und stöhnte und klagte und sprach aus dem Stegreif diese Verse:
O Mond, auf ewig jetzt hinabgetaucht – Um den die Sterne aller Himmel klagen!
Gebrochner Zweig, der niemals winkend mehr – Des Schauers Aug wird mit Verzückung schlagen;
Aus Eifersucht nahm ich dich diesen Augen – Die nun in dieser Welt die Trennung tragen:
Schlaflos ertrinke ich im Meer der Tränen – Sahirahs Flammen mir am Leibe nagen.
Dann warf er sich auf Asads Grab, stöhnte und weinte und klagte und sprach aus dem Stegreif diese Verse:
Ich teilte wahrlich gern die Not mit dir – Doch Allahs Wille will wie meiner nicht:
Schwarz macht mein Gram die Welt mir bis zur Leere – Der Augen Schwarz wird weiß wie helles Licht:
Der Strom der Tränen trocknet niemals auf – Im Herz die Eiterschwären trocknen nicht:
Es schmerzt mich schwer, daß dort ich dich erblicke – Wo Knecht und Herr ein Lager eng umflicht!
Und er weinte und klagte nur doppelt, und als er seine Klagen und seine Verse beendet hatte, verließ er seine Freunde und Vertrauten, versagte sich seinen Frauen und den Seinen, schloß sich im Hause der Klagen ab vor der Welt und verbrachte dort seine Tage, indem er um seine Söhne weinte.
Amdschad und Asad aber zogen derweilen weiter, in die Wüste hinein; einen vollen Monat lang aßen sie von den Früchten der Erde und tranken aus den Regenlachen, bis ihre Wanderung sie zu einem Berge aus schwarzem Flintstein führte, dessen weiterer Verlauf nicht bekannt war. Und hier gabelte sich der Weg; der eine Pfad führte den mittleren Kamm entlang, der andere aber zum Gipfel empor. Sie schlugen den ein, der zur Höhe hinauflief, und fünf Tage lang folgten sie ihm unablässig, ohne ein Ende zu finden; sie waren überwältigt von Mattigkeit, denn sie waren des Marsches in den Bergen oder sonstwo ungewohnt. Schließlich, als sie daran verzweifelten, das Ziel des Weges zu erreichen, kehrten sie um auf ihrer Spur und schlugen den zweiten Pfad ein, der über den mittleren Kamm hinlief. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundsechsundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß die Prinzen Amdschad und Asad umkehrten auf dem Pfade, der zum Bergesgipfel führte, und den einschlugen, der den mittleren Kamm entlang lief; auf ihm nun zogen sie den ganzen Tag hindurch dahin, bis die Nacht hereinbrach und Asad, müde vom langen Wandern, zu Amdschad sprach: ›O mein Bruder, ich kann nicht länger gehen, denn ich bin über die Maßen schwach.‹ Versetzte Amdschad: ›O mein Bruder, fasse Mut! Vielleicht sendet Allah uns Hilfe.‹ Und also wanderten sie denn noch einen Teil der Nacht weiter, bis das Dunkel sie umschloß; da wurde Asad müde über alles Maß der Müdigkeit hinaus, und er rief: ›O mein Bruder, ich bin erschöpft und ausgegeben vom vielen Wandern,‹ und er warf sich zu Boden und weinte. Amdschad aber nahm ihn in die Arme und ging mit ihm weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit niedersetzte, um auszuruhen, bis der Tag anbrach und sie auf die Bergeshöhe kamen, wo sie einen Bach fließenden Wassers fanden, und an seinem Ufer einen Granatbaum und eine Nische zum Beten. Sie trauten kaum ihren Augen, als sie das sahen; doch sie setzten sich nieder neben der Quelle und tranken von ihrem Wasser und aßen von der Frucht des Granatbaums; dann legten sie sich nieder auf den Boden und schliefen bis zum Aufgang der Sonne. Und als sie erwachten, wuschen sie sich und badeten in dem Bach und aßen von dem Granatbaum, um dann wiederum bis zur Zeit des Nachmittagsgebets zu schlafen. Dann dachten sie ihre Wanderschaft fortzusetzen, aber Asad konnte nicht gehen, denn seine Füße waren geschwollen. Sie blieben also drei Tage lang dort, bis sie ausgeruht waren, und machten sich dann wieder auf und zogen dahin über das Gebirge bei Tag und bei Nacht, geplagt vom Durst, der sie fast tötete, bis sie in der Ferne eine Stadt aufblinken sahen, worob sie sich freuten und auf sie zuhielten. Und als sie näher kamen, da dankten sie Allah (erhöht sei sein Name!), und Amdschad sprach zu Asad: ›O mein Bruder, bleibe hier sitzen, während ich in jene Stadt gehe und nachsehe, welche es ist und wessen sie ist, und wo in Allahs weiter Welt wir sind, damit wir erfahren, durch was für Länder wir gekommen sind, als wir durch dies Gebirge zogen; und wären wir seinem Rande gefolgt, wir hätten diese Stadt nicht in einem Jahr erreicht. Also sei Allah gepriesen für die Rettung!‹ Versetzte Asad: ›Bei Allah, o mein Bruder, niemand soll hinuntergehn in jene Stadt als ich selber; und möge ich dein Lösegeld sein! Wenn du mich allein lässest, und wäre es auch nur auf eine Stunde, so stelle ich mir tausend Dinge vor und ertrinke in einem Gießbach der Angst um deinetwillen, denn ich kann die Trennung von dir nicht ertragen.‹ Sprach Amdschad: ›So gehe und zögere nicht.‹ Da nahm Asad ein paar Goldstücke, ließ seinen Bruder, der auf ihn wartete, allein, stieg den Berg hinab und ging dahin, bis er in die Stadt einzog. Als er nun durch die Straßen ging, da traf er einen altersverfallenen Greis, dessen Bart ihm auf die Brust herabfloß und sich unten gabelte; in der Hand trug er einen Stab, und er war reich gekleidet, während seinen Kopf ein großer, roter Turban bedeckte. Als Asad ihn sah, da staunte er ob seiner Kleidung und Miene; und er trat zu ihm, grüßte ihn und sprach: ›Wo ist der Weg zum Markt, o mein Gebieter?‹ Und der Schaykh lächelte ihn an und sprach: ›O mein Sohn, mich dünkt, du bist ein Fremder!‹ Versetzte Asad: ›Ja, ich bin ein Fremder.‹ – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundsiebenundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß der Schaykh, dem Asad begegnete, ihn anlächelte und sprach: ›O mein Sohn, mich dünkt, du bist ein Fremder!‹ Versetzte Asad: ›Ja, ich bin ein Fremder.‹ Da sprach der Alte: ›Wahrlich, du machst unser Land froh durch deine Gegenwart, o mein Sohn, und trostlos machst du dein eigenes Land durch deine Abwesenheit. Was wolltest du auf dem Markte?‹ Sprach Asad: ›O mein Oheim, ich habe einen Bruder, mit dem ich aus einem fernen Lande komme und mit dem ich seit drei Monden wandere; und als wir diese Stadt erblickten, da ließ ich ihn, der mein älterer Bruder ist, auf dem Gebirge und kam hierher, um Speise und anderes zu kaufen und damit zu ihm zu kehren, damit es uns sättige.‹ Sprach der Alte: ›Freue dich alles Guten, o mein Sohn, und wisse, ich gebe heute ein Hochzeitsfest, zu dem ich viele Gäste geladen habe, und ich habe viele Speisen bereitet, die besten und köstlichsten, die sich das Herz nur wünschen kann. Wenn du also mit mir kommen willst in mein Haus, so will ich dir gern alles geben, dessen du bedarfst, und keinen Preis noch sonst etwas von dir fordern. Und ferner will ich dich die Straßen dieser Stadt kennen lehren; und Preis sei Allah, o mein Sohn, daß ich dir begegnet bin, und kein anderer.‹ ›Wie du willst,‹ versetzte Asad, ›tu, wie es dir beliebt, nur eile dich, denn wahrlich, mein Bruder erwartet mich, und sein ganzes Herz ist bei mir.‹ Da nahm der Alte Asad bei der Hand und führte ihn in eine enge Gasse, indem er ihn anlächelte und sprach: ›Ruhm sei Ihm, der dich errettete vor dem Volk dieser Stadt!‹ Und er ging weiter, bis er eintrat in ein geräumiges Haus, darinnen ein Saal war, und siehe, in seiner Mitte saßen vierzig hochbetagte Greise, die um ein brennendes Feuer, vor dem sie sich niederwarfen und Andacht verrichteten, einen geschlossenen Kreis gebildet hatten. Als Asad das sah, da war er verwirrt, und das Haar auf seinem Leibe richtete sich auf, obgleich er nicht wußte, was sie waren; und der Schaykh sprach zu ihnen: ›O ihr Ältesten des Feuers, wie gesegnet ist dieser Tag!‹ Dann rief er laut und sprach: ›Hallo, Ghazban!‹ Und ein riesiger schwarzer Sklave von furchtbarem Anblick, mit grimmem Gesicht und flacher Nase, einem Affen gleich, trat zu ihm heraus; und als der Alte ihm einen Wink gab, bog er Asad die Arme auf den Rücken und fesselte sie; dann sprach der Schaykh: ›Laß ihn hinab in das Verlies unter der Erde, und dort laß ihn liegen und sage zu meiner Sklavin Soundso: Foltere ihn bei Tag und Nacht und gib ihm morgens und abends ein Kuchenbrot zu essen, bis die Zeit gekommen ist der Reise zum Blauen Meer und zum Berge des Feuers, auf dem wir ihn als Opfer schlachten wollen.‹ Und der Schwarze führte ihn zu einer anderen Tür hinaus, hob eine Platte im Boden, die eine Treppe von zwanzig Stufen verdeckte, und brachte ihn in eine Kammer unter der Erde, wo er seine Füße in Eisen schloß, ihn der Sklavin übergab und davonging. Inzwischen sprachen die Greise zueinander: ›Wenn der Tag des Feuerfestes kommt, so wollen wir ihn auf dem Berge opfern, als eine Sühngabe, durch die wir dem Feuer gefällig sind.‹ Das Mädchen aber ging alsbald hinab und schlug ihn schwer, so daß ihm Ströme Blutes aus den Flanken liefen und er in Ohnmacht fiel; dann legte sie ihm zu Häupten ein Kuchenbrot hin und einen Krug salzigen Wassers, ging davon und ließ ihn allein. Mitten in der Nacht erwachte er, und da er merkte, daß er gefesselt war und geschlagen und wund von Schlägen, so weinte er bittere Tränen; und er gedachte seiner einstigen Ehrenstellung im Glück, in der Herrschaft und der Regierung, und seiner Trennung vom Vater und der Verbannung aus seiner Heimat. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundachtundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als Asad merkte, daß er gebunden war und geschlagen und wund von Schlägen, da habe er seiner einstigen Ehrenstellung, seines Glücks und seiner Herrschaft gedacht und geweint und laut gestöhnt und diese Verse gesprochen:
Tritt hin zu der Stätte der Trümmer und frage nach uns – Glaub nicht, dort wohnend wie ehdem fändest du uns:
Die Welt, die Trennerin trennte ja jetzt auch uns – Doch glättet der Neider Herz das Schicksal nimmer für uns:
Mit Peitschen geißelt, verflucht, die Sklavin uns – Ihre Brust geht trächtig mit schwärendem Haß wider uns:
Vielleicht auch enttrennt einst Gott das Leben für uns – Und endet die Not und verjagt unsre Feinde von uns.
Und als Asad seine Verse gesprochen hatte, da streckte er die Hand zu seinen Häupten aus, und da er die Kruste und den Krug voll salzigen Wassers dort fand, aß er einen Bissen, der eben genügte, das Leben in ihm zu erhalten, und er trank ein wenig Wasser, doch bis zum Morgen fand er vor den Schwärmen der Wanzen und Läuse keinen Schlaf. Als es dann Tag war, kam die Sklavin zu ihm herab und wechselte seine Kleider, die naß waren vom Blut und an ihm klebten, so daß ihm mit dem Hemde die Haut abriß; laut schrie er auf und rief: ›Wehe!‹ und sprach: ›O mein Gott, ist dies deine Lust, so mehre es mir! O Herr! Wahrlich, du siehst nicht hinweg über den, der mich bedrückt; also räche du mich an ihm!‹ Und er stöhnte und sprach die folgenden Verse:
Geduldig, o Herr, beug ich mich deinem Geschick – Was dir zu bestimmen gefällt, genüge mir:
Geduldig will, o mein Herr, deinen Willen ich tragen – Geduldig lieg ich auf Kohlen des Ghazabaumes vor dir:
Sie tun mir unrecht und suchen mich heim mit Schmerzen – Vielleicht verjagt und vertreibt deine Huld sie von mir:
Fern sei es von Dir, o mein Herr, den Missetäter zu schonen – Du Herr des Schicksals, es ruht meine Hoffnung in dir!
Und was ein anderer sagt:
Denk nicht der Welt, sie macht dir bang – Laß alles nur des Schicksals Gang;
Denn oft wird, was dich heute quält – Dir morgen doch zu Lust und Dank;
Und oft wird weit, was eng erst war – Und was weit war, wird eng und bang.
Allah wird tun, was ihm gefällt – Drum schilt nicht du auf Not und Zwang!
Freu dich der Hoffnung künftigen Glücks – Da deine Not die Zeit verschlang.
Und als er seine Verse geendet hatte, fiel die Sklavin von neuem mit Schlägen über ihn her, bis er in Ohnmacht sank; und indem sie ihm ein Stück Brot hinwarf und einen Krug salzigen Wassers, ging sie davon und ließ ihn traurig und einsam in seinen eisernen Ketten zurück, fern von denen, die er liebte, während ihm das Blut von den Seiten herabrann. Und er weinte und dachte seines Bruders und der Ehren, die er einst genoß. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertundneunundzwanzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß Asad seines Bruders dachte und der Ehren, die er einst genoß; und er weinte und stöhnte und klagte und vergoß Tränen in Strömen und sprach aus dem Stegreif diese Verse:
Gemach, o Schicksal! Soll dies Leiden ewig währen? – Das mich den Brüdern raubt am Morgen und zur Nacht?
Ist es nicht endlich Zeit, daß dir mein Leid genügt – Und daß dein Felsenherz zu milder Huld erwacht?
Den Freunden tatst du Schmach, als du die Feinde triebst – Zu jubeln voller Hohn, da du mich schlugst mit Macht:
Des Feindes Herz frohlockt ob dessen, was er sah – Wie in der Fremde nur mich Elend überdacht:
Genügt dir nicht der Schmerz, der schon mein Haupt belastet – Jeglichen Freunds Verlust, das Auge rot entfacht?
Daß in den Kerker du mich wirfst, so eng, daß ich – Die Hand nur beißen kann, die mir am Lager wacht,
Mit Tränen, die herab wie Wolkengaben strömen – Und Sehnsuchtsdurst, des Brand nicht Sättigung gebracht.
Verlangen, Stöhnen, Reu und unablässig Seufzen – Sehnsucht, Erinnerung, des Schmerzes Wahnsinnsnacht:
Schwer drückt mich die Begier, und tief Melancholie – Ich bin der Raserei als Beute ganz vermacht:
Ich finde keinen Freund, der noch erbarmend blickt – Und mich besucht, mein Leid zu lindern sanft und sacht:
Sag, lebt wohl einer noch, der, treu in seiner Liebe – Ob meiner Qualen stöhnt, ob meiner Krankheit wacht?
Dem ich noch seufzen kann, und der voll Mitleid dann – Auf meine Augen blickt, schlaflos vom Schmerz gemacht?
Mein Blut saugt Laus und Floh, dem Ritter gleich, der Wein – Aus schönen Händen trinkt, die ihm den Kelch gebracht:
Und unter Wanzen mahnt mein Leib mich an das Gut – Der Waisen in der Hand des Schelms in Kasis Tracht:
Mein Haus, das ist ein Grab; es mißt der Ellen drei – Drin leb gefesselt ich in meiner Qualen Schacht:
Die Tränen sind mein Wein, Musik der Ketten Klirren – Die Sorgen Obst bei Tisch, der Gram mein Bett zur Nacht.
Und als er seine Verse geendet und seine Prosa gesprochen hatte, da stöhnte er von neuem und klagte und dachte dessen, was er gewesen und wie er von seinem Bruder getrennt worden war. So also stand es mit ihm.
Sein Bruder Amdschad aber wartete derweilen bis Mittag auf Asad, doch er kam nicht zurück: da bebte Amdschad das Herz, die Schmerzen der Trennung bedrückten ihn, und er vergoß reichliche Tränen. – –«
Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die Zweihundertunddreißigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, als Amdschad seinen Bruder bis Mittag erwartet hatte und er nicht kam, da habe ihm das Herz gebebt; die Trennungsschmerzen bedrückten ihn sehr, und er vergoß reichliche Tränen, indem er rief: ›Wehe, mein Bruder! Wehe, mein Freund! Wehe, mein Gram! Wie sehr hatte ich gefürchtet, daß wir getrennt werden könnten!‹ Und er stieg nieder vom Bergesgipfel, während ihm Tränen über die Wangen herabrannen; und er betrat die Stadt und machte nicht eher Halt, als bis er auf dem Markt ankam. Er fragte die Leute nach dem Namen des Orts und nach den Bewohnern, und sie versetzten: ›Die Stadt heißt die Stadt der Magier, und ihre Bewohner beten zumeist zum Feuer statt zum allmächtigen König.‹ Dann fragte er nach der Ebenholzstadt, und sie erwiderten: ›Wahrlich, es ist eines Jahres Reise dorthin zu Lande, und zur See sechs Monate Fahrt: sie wurde einst beherrscht von einem König namens Armanùs; doch nahm er zum Schwiegersohn und machte an seiner Stelle zum König einen Prinzen namens Kamar al-Zaman, der sich hervortut durch Gerechtigkeit, Milde, Billigkeit und Güte.‹ Als Amdschad von seinem Vater hörte, da stöhnte er und weinte und klagte und wußte nicht, wohin er gehen sollte. Er kaufte sich jedoch ein wenig Zehrung und trug sie an einen entlegenen Ort, wo er sich niedersetzte und zu essen dachte; doch als ihm sein Bruder einfiel, begann er zu weinen, und er nahm nur einen Bissen, um Atem und Leib zusammenzuhalten, und auch den nur wider seinen Willen. Dann stand er auf und ging in der Stadt umher, indem er nach Nachricht suchte von seinem Bruder, bis er einen moslemitischen Schneider in seinem Laden sitzen sah; er setzte sich zu ihm und erzählte ihm seine Geschichte, und der Schneider sprach: ›Wenn er den Magiern in die Hände gefallen ist, so wirst du ihn schwerlich wiedersehen; aber vielleicht wird Allah euch doch noch vereinigen. Und du, o mein Bruder, willst du bei mir wohnen?‹ Versetzte Amdschad: ›Ja‹; und dessen freute der Schneider sich. Und er blieb bei ihm viele Tage hindurch, während deren der Schneider ihn tröstete und zur Geduld ermahnte und ihm das Schneiderhandwerk lehrte, so daß er ein Meister wurde in dieser Kunst. Nun ging er eines Tages hinaus an die Meeresküste und wusch seine Kleider; dann trat er ins Bad und legte sich saubere Gewänder an; und schließlich ging er in der Stadt umher, um sich durch ihre Schönheiten zu zerstreuen, als ihm ein Weib begegnete von herrlicher Schönheit und Lieblichkeit, ohnegleichen an Anmut und Zierlichkeit. Und als sie ihn sah, da hob sie den Schleier und winkte ihm mit den Augenbrauen und mit der Augen lockenden Blicken, indem sie die Verse sprach:
Pulsuz fraqment bitdi.