Kitabı oxu: «Die Weisheit des Traumas»
Anouk Bindels Die Weisheit des Traumas
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Liebe ist Licht und erleuchtet diejenigen, die sie geben und empfangen können
Trauma-Auswirkungen
Erster Bereich
Die Kraft deiner inneren Psychologie kennenlernen
1. Im Trauma gefangen
Die grausame Realität
Erkennst du dich wieder?
Geht es noch schlimmer?
2. Überleben und das Gehirn
3. Emotionen:Herz und Gehirn in Aktion
Chemie der Emotionen?
Chemie und Energie
Emotionen und Bewusstsein?
Bewusstsein als Quelle der Heilung
4. Das Denken und das Tun
Zweiteilung und Schmerz
Zusammenfassung der ›Denk-und-Fühl-Schleife‹
5. Östliche oder westliche Psychologie
6. Die Strategie zur Veränderung
Übung 1: Tagebuch des neuen Denkens
Übung 2: Die körperliche Erfahrung einer Emotion visualisieren
Übung 3: Die Atmung
Zweiter Bereich
Der intelligente Körper
1. In deinem Körper erwachen
2. Vorwärts in die Vergangenheit
3. Die Biologie der gespeicherten Überzeugung und die Folgen für den Körper
4. Bewusstsein und Meditation
Übung 2: Werde Meister im Manifestieren von Intentionen
Übung 3: Meditationen
Dritter Bereich
Die äußere Umgebung und die Rückgewinnung des eigenen Lebens
1. Der Einfluss der unmittelbaren Umgebung auf Denken, Fühlen und Verhalten
2. Resilienz entwickeln und das Leben wieder in Besitz nehmen
Erfahrungsberichte aus der Familie
Übung 1: Dankbarkeitsübung
Übung 2: Stärken und Schwächen bilanzieren
Übung 3: Einfluss der externen Umgebung
Vierter Bereich
Spiritualität und die Wiederherstellungder inneren Verbindung
1. Die innere Verbindung wiederherstellen
2. Höherdimensionale Energiesysteme und Energiezentren
Übung 1: Meditationen zu den Energiezentren
3. Meditation undBewusstseinserweiterung
4. Meditation im Alltag
5. Warum sind dieNeurowissenschaften wichtig für Coaches,Trainer und Therapeuten?
Nachwort:Ein neues Modell
Danksagung
Über die Autorin
Die Meditationen
Literaturverzeichnis
Copyright
Wichtiger Hinweis
Die Inhalte des Buches stellen keine Diagnose dar und sind kein Ersatz
für ärztliche, medizinische, medikamentöse oder therapeutische Behandlung.
Die im Buch veröffentlichten Empfehlungen wurden vom Verfasser
und vom Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann
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Vermögensschäden ausgeschlossen.
Bei möglichen unterschiedlichen Schreibweisen wurde die von der Duden-Redaktion empfohlene Schreibvariante verwendet.
eBook
(1. Auflage Printversion Dezember 2021)
Titel der Originalausgabe:
Wijsheid van Trauma
Copyright © Anouk Bindels
Aus dem Niederländischen von
Susanne Bonn
Deutsche Ausgabe: © EchnAton Verlag Diana Schulz e.K.
Alle Rechte vorbehalten.
Gesamtherstellung: Diana Schulz
Lektorat: Nina Kaiser
Illustrationen: © Mathanje Huisman
Autorenfoto: © Olesia Pantchenko, München
Coverfoto: © Adobe Stock
Covererstellung: Diana Schulz
ISBN (Printversion): 978-3-96442-042-8
ISBN (E-Book): 978-3-96442-045-9
www.echnaton-verlag.de
Dieses Buch widme ich:
Meinen Kindern Frans & Ariane,
meinem größten Geschenk.
Ton, meinem liebsten Mann,
der mir Kraft und Ruhe gibt.
Einleitung
2006 veröffentlichte die Hebrew University in Jerusalem eine Sammlung von 1400 Briefen, die Albert Einstein seiner Frau und seinen Kindern geschrieben hatte. Einstein verstarb 1955 und hinterließ der Universität ein beachtliches Archiv. Seine Stieftochter Margot Einstein bestimmte, dass die Briefe erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden sollten.
Margot starb 1986. Im Juli 2006 gab die Hebrew University dann zum ersten Mal Einzelheiten über Einsteins Briefe bekannt. Nach Aussagen der Archivverwaltung werfen die 3500 Seiten Korrespondenz ein neues Licht auf das Privatleben eines der größten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Insbesondere einer der Briefe Einsteins an eine seiner Töchter ging mir sehr nahe. Er schreibt darin:
»Es gibt eine extrem starke Kraft, für die die Wissenschaft bisher noch keine Formel gefunden hat. Es ist eine Kraft, die alle anderen beinhaltet, sie regelt und die sogar hinter jedem Phänomen steckt, das im Universum tätig ist und noch nicht von uns identifiziert wurde.
Diese universelle Kraft ist die Liebe.
Wenn die Wissenschaftler nach einer einheitlichen Theorie des Universums suchten, vergaßen sie bisher diese unsichtbare und mächtigste aller Kräfte. Liebe ist Licht, da sie denjenigen erleuchtet, der sie aussendet und empfängt. Liebe ist Schwerkraft, weil sie einige Leute dazu bringt, sich zu anderen hingezogen zu fühlen. Liebe ist Macht, weil sie das Beste, das wir haben, vermehrt und nicht zulässt, dass die Menschheit durch ihren blinden Egoismus ausgelöscht wird. Liebe zeigt und offenbart. Durch die Liebe lebt und stirbt man. Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe.
Diese Kraft erklärt alles und gibt dem Leben einen Sinn. Dies ist die Variable, die wir zu lange ignoriert haben, vielleicht, weil wir vor der Liebe Angst haben. Sie ist schließlich die einzige Macht im Universum, die der Mensch nicht nach seinem Willen steuern kann.«
Um die Liebe sichtbar zu machen, zieht Einstein einen einfachen Vergleich zu seiner berühmtesten Formel: E = mc². Er schreibt:
»Wenn wir anstelle von E = mc2 die Energie akzeptieren, um die Welt durch Liebe zu heilen, kann man durch die Liebe multipliziert mal Lichtgeschwindigkeit hoch Quadrat zu dem Schluss kommen, dass die Liebe die mächtigste Kraft ist, die es gibt. Denn sie hat keine Grenzen. (…) Nach dem Scheitern der Menschheit in der Nutzung und Kontrolle über die anderen Kräfte des Universums, die sich gegen uns gestellt haben, ist es unerlässlich, dass wir uns von einer anderen Art von Energie ernähren.
Wenn wir wollen, dass unsere Art überleben soll, wenn wir einen Sinn im Leben finden wollen, wenn wir die Welt und alle fühlenden Wesen, das sie bewohnen, retten wollen, ist die Liebe die einzige und die letzte Antwort.
Vielleicht sind wir noch nicht bereit, eine Bombe der Liebe zu bauen, ein Artefakt, das mächtig genug ist, allen Hass, Selbstsucht und Gier, die den Planeten plagen, zu zerstören. Allerdings trägt jeder Einzelne in sich einen kleinen, aber leistungsstarken Generator der Liebe, dessen Energie darauf wartet, befreit zu werden.
Wenn wir lernen, liebe Lieserl, diese universelle Energie, zu geben und zu empfangen, werden wir herausfinden, dass die Liebe alles überwindet, alles transzendiert und alles kann, denn die Liebe ist die Quintessenz des Lebens.
… Ich bedauere zutiefst, nicht in der Lage gewesen zu sein, das auszudrücken, was mein Herz enthält: mein ganzes Leben hat es leise für Dich geschlagen. Vielleicht ist es nun zu spät, mich zu entschuldigen, aber da die Zeit relativ ist, muss ich Dir wenigstens jetzt sagen, dass ich Dich liebe und dass ich durch Dich zur letzten Antwort gekommen bin.
Dein Vater Albert Einstein«
Als ich diesen Brief las, war ich bereits einige Jahre damit beschäftigt, dieses Buch zu schreiben. Mein Manuskript lag mittlerweile bei drei Verlagen, zweimal erhielt ich es ungelesen mit einem nichtssagenden Brief zurück.
Zu meinem großen Erstaunen lud mich schließlich ein bekannter Verleger in Amsterdam zum Gespräch ein. Auslöser dafür war mein Artikel über Trauer und Hinterbliebene in der Zeitung NRC. Berührt von der Schilderung meiner Geschichte, wollte er mich kennenlernen.
Es wurde ein unangenehmes Gespräch. Das Buchthema war in seinen Augen für eine Veröffentlichung ungeeignet und ich sollte vor allem nicht glauben, dass meine Geschichte von vielen Menschen gelesen würde. Entmutigt kehrte ich nach Hause zurück und legte das Manuskript erst einmal für einige Jahre beiseite.
Ich arbeitete trotz dieser Zurückweisung mit viel Liebe und Einsatz in meiner Praxis als Coach, Therapeutin und Trainerin weiter an der Entwicklung meiner Methoden und meines Ansatzes. Vielleicht zufällig, vielleicht aber auch nicht, bekam ich zu Beginn der Coronakrise im März 2020 – als ich plötzlich darüber nachdenken musste, wie ich meine Arbeit fortführen wollte – den Brief Einsteins an seine Tochter zu sehen. Das war der nötige Anstoß für mich, weiter an dem Buch zu arbeiten, das ich viele Jahre zuvor begonnen hatte. Der Arbeitstitel stand für mich sofort fest: Liebe = mc².
Was in diesem Brief über die Kraft der Liebe stand, berührte mich tief. Ich spürte ganz stark, dass die Kraft der Liebe den traumatischen Ereignissen in meinem Leben eine tiefere Bedeutung gegeben hatte, sodass ich mich selbst mit neuer Energie heilen konnte. Diese Erkenntnis zeigte mir klar, wie sehr diese außergewöhnlich starke, universelle Kraft der Liebe in unserem Leben wirken kann, wie wir uns selbst und unsere Traumata heilen und uns mit Liebesenergie nähren können, sodass wir diese wiederum an andere weitergeben können, die sie brauchen. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir körperliche, emotionale, geistige oder spirituelle Heilung suchen. Ich entdeckte, dass hinter jedem Phänomen diese unsichtbare Kraft der Liebe steckt. Aus diesem Wissen heraus entstand der Herz-Gehirn-Heilungsprozess.
Liebe ist Licht und erleuchtet diejenigen, die sie geben und empfangen können
Ich habe mich natürlich gefragt, welche neuen Erkenntnisse mein Buch den vielen bereits erschienenen Werken über Liebe, Energie, Bewusstsein und Selbstheilung hinzufügen würde, die im Laufe der Jahrhunderte bereits geschrieben worden waren.
Zunächst schrieb ich es erst nur für mich in meinen Gedanken. Als ich es zu Ende gedacht hatte, begann ich zu zweifeln und fragte mich, ob ich nicht dabei wäre, das Rad neu zu erfinden. Die Worte des französischen Phänomenologen Merleau Ponty (1908-1961), beruhigten mich dann. Ihm zufolge ist alles, was geschrieben wird, im Grunde eine Wiederholung. Er unterscheidet dabei deutlich zwischen ›Parole parlée‹ und ›Parole parlante‹. Parole parlée ist Plagiat. Parole parlante ist eine Neuanordnung, mit der jemand ein neues Werk erschafft. Das Geschriebene erhält dadurch eine neue Bedeutung, es berührt eine andere Seite im Leser und gibt einer Thematik, die vielleicht schon sehr alt ist und über die auch bereits viel geschrieben wurde, einen neuen Gefühlswert.
Dieses Buch, in dessen Mittelpunkt meine persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen stehen, gehört zur Kategorie Parole parlante. Das Fundament dazu fand ich in verschiedenen Strömungen der westlichen Psychologie und Philosophie, in alten Schriften aus der östlichen Psychologie und in diversen Philosophien über Energieheilung. Des weiteren habe ich neue Erkenntnisse aus dem Blickwinkel der Quantenphysik und Quantenpsychologie genutzt.
Dieses Buch ist für interessierte Laien gedacht, aber auch für Fachleute – Therapeuten, Coaches und Trainer. Ich berichte darin in Form des Herz-Gehirn-Heilungsprozesses ausführlich über meine eigene Reise, die ich auf drei Pfaden beschreibe: persönliche Erfahrungen mit Trauma, Verlust und Heilung; theoretischer Unterbau und Ausarbeitung und schließlich praktische Übungen.
Trauma-Auswirkungen
In meinem Leben gab es mehrere traumatische Ereignisse: schwerwiegende Verluste, emotionalen Schmerz und Krankheit. Mein eigener Heilungsprozess stellt sowohl die Ursache als auch den Hintergrund für eine Anzahl wichtiger Fragen dar, die ich in diesem Buch anspreche.
Was geschieht in unserem Herzen, unserem Kopf und unserem Körper, wenn wir durch ein Trauma oder einen schwerwiegenden Verlust emotional verletzt werden?
Wie erschaffen wir aus den beiden wichtigen Organen Herz und Gehirn ein zusammenhängendes, starkes System der Heilung?
Was ist selbstgelenkte Neuroplastizität?
Wie bereiten wir Herz, Kopf und Körper auf eine neue emotionale Erfahrung und die erwünschte Zukunft vor?
Wie verkörpern wir die Veränderung und wie wird sie zur bleibenden Erfahrung?
Wie manifestieren wir uns ein neues Leben?
Wie können wir wieder Liebe und Vertrauen fühlen?
Wenn wir ein Trauma, eine oder mehrere Verlusterfahrungen erlebt haben – erst vor Kurzem oder schon vor einiger Zeit, als junger oder alter Mensch –, haben wir wahrscheinlich eine Zeit lang mit intensiven emotionalem Schmerz gelebt. Bewusst oder unbewusst. Traumata und Verluste hinterlassen tiefe Spuren in unserem Leben.
Wir alle wohnen in einem lebenden, atmenden Körper, in dem sowohl Herz als auch Gehirn durch traumatische Erfahrungen berührt werden und bei der Übersetzung von Gefühlen, Sinneserfahrungen und Gedanken eine wichtige Rolle spielen. Körper und Geist arbeiten hierbei eng zusammen. Verlust und Trauma überfallen uns oft sehr plötzlich und haben starke Auswirkungen darauf, wie wir danach weiterleben. Ihre Spuren können unsere ursprüngliche Persönlichkeit vollkommen verändern. Geschieht dies in jüngerem Alter, beeinträchtigt es möglicherweise Wachstum und Entwicklung. Die Spuren können auch dafür sorgen, dass wir im Alltag nicht mehr glücklich sind, nicht mehr lachen können, keine Liebe mehr empfinden und die Fähigkeit verlieren, Freude und Intimität zu erleben.
Der Schmerz setzt sich im Körper fest, mit allen Folgen, die das nach sich zieht. Wir werden vielleicht depressiv oder ängstlich und fühlen uns erschöpft. Manche verlieren sogar die Kraft, weiterzuleben. Möglicherweise nehmen wir, um mit diesem Schmerz umgehen zu können, viele Medikamente (zum Beispiel Antidepressiva), Alkohol oder Drogen ein. Vorstellbar ist auch, dass wir täglich Schuld, Scham, Wut, Hass, Angst und Trauer empfinden und ein Leben voller emotionalem, mentalem und körperlichem Stress führen. Dazu gehört meist auch, dass wir uns nicht fit fühlen und uns die Vitalität für ein sinnerfülltes Leben fehlt.
Letztlich befinden wir uns dann permanent im Überlebensmodus. Wir verspüren wahrscheinlich große Einsamkeit und leben in dem Gefühl, von unseren Mitmenschen abgeschnitten zu sein. Körperliche Krankheiten können entstehen, darunter Autoimmun- oder Krebserkrankungen. Wenn wir uns von unserer Umwelt getrennt fühlen, wenn das Lebensfeuer im Inneren erloschen ist, wird es schwierig, andere um Hilfe und Unterstützung zu bitten. Wir haben dann keine Kraft mehr, mit dem täglichen Leben umzugehen und haben unsere Lebenslust verloren.
Leben bedeutet Anpassung und Veränderung. Um nach einer überwältigenden Erfahrung wieder aufzublühen, das Leben zu genießen und uns vorwärts zu bewegen, brauchen wir Resilienz. Wir wissen, dass wir Menschen eine widerstandsfähige Spezies sind, denn es ist uns als Individuen und als Kollektiv immer wieder gelungen, uns nach Krankheiten, Kriegen, Katastrophen, Gewalt und traumatischen Erlebnissen zu erholen. Das ändert jedoch nichts daran, dass dies unannehmbare, unerträgliche Erfahrungen sind, die große Auswirkungen auf unseren Seinszustand haben. Unsere Herzen werden durch traumatische Geschehnisse ernsthaft verletzt. Gebrochen und ohne Liebe bleiben wir meist niedergeschlagen und verzweifelt zurück.
Was ich hier beschrieben habe, war lange Zeit meine Realität: Ich war ein emotionales und mentales Wrack, ging durch die dunkelste Nacht meiner Seele und wurde körperlich schwer krank.
Am 10. Juni 2007 setzte mein zweiter Mann seinem Leben ein Ende, indem er vom Parkhaus des Kaufhauses Bijenkorf in Amsterdam sprang. Ein selbst gewählter Tod! Unsere beiden Kinder, ich selbst, Verwandte und Freunde, Bekannte und Kollegen blieben verstört zurück. Der Tod meines Mannes versetzte mir eine tiefe emotionale Wunde, ich führte ein Leben voller Stress. Die nächsten vier Jahre funktionierte ich, ohne dass ich mir dessen bewusst war, nur noch im Überlebensmodus. Eine schwere Erkrankung war die Folge.
Wie sollte ich meine Traumata und meinen emotionalen Schmerz heilen? Wo Resilienz hernehmen? Ich wusste es nicht, also begab ich mich auf die Suche. Vor dem Selbstmord meines Mannes war ich körperlich gesund. Das traumatische Ereignis setzte dann eine Abwärtsspirale in Gang. Es gelang mir nicht, mithilfe von Behandlungen aus dem Bereich der konventionellen Medizin daraus auszubrechen.
Im Jahr 2011, als ich durch mein tiefstes Tal ging, brachte mich eine aufmerksame Freundin auf die Spur mehrerer wissenschaftlicher Pioniere auf dem Gebiet des Traumas und der Selbstheilung, darunter Candace Pert, Peter Levine, Bessel van der Kolk, Gabor Maté, Stephen Porges, Daniel Siegel, Kelly Turner, Bruce Lipton, Gregg Braden, Joe Dispenza und Amanda Blake. Einige von ihnen veranstalteten in dieser Zeit einen Lesungszyklus mit Workshops in den Niederlanden, an dem ich mit großem Interesse teilnahm. Was sie über Heilung und die Möglichkeiten der Selbstheilung des menschlichen Körpers erzählten, inspirierte mich. Als Psychologin sprach mich besonders der Aspekt an, dass sie alle ihre Theorien in verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen begründeten, darunter Neurowissenschaft, Traumapsychologie, Genetik und Epigenetik, Physik, Quantenphysik und Heilkunde.
Inzwischen bin ich, unter anderem durch ihre Arbeit, davon überzeugt, dass ein traumatisches Erlebnis erst dann richtig verstanden werden kann, wenn verschiedene Wissensgebiete in den Heilungsprozess integriert werden. Des Weiteren hat sich meine Erkenntnis bestätigt, dass wir nach einer traumatischen Erfahrung lernen können, unseren verwundeten Körper und Geist zu heilen, indem wir uns der Programme bewusst werden, die in Gang gesetzt wurden.
Nach einem ersten Kennenlernen der Arbeit dieser Wissenschaftler beschloss ich, mich beruflich weiter in diesen neuen Heilungs-Ansatz zu vertiefen und gleichzeitig meinen eigenen, neuen Heilungsweg einzuschlagen. Ich wandte die praktischsten, leicht anwendbaren Methoden und Werkzeuge an, lernte, in Möglichkeiten zu denken und den selbstheilenden und selbstregulierenden Kräften meines Körpers, meines Herzens und meines Gehirns zu vertrauen. Mein Wissen wuchs immer mehr, was schließlich sowohl mein persönliches Leben als auch meine Arbeit als Psychologin, Systemtherapeutin, Coach und Trainerin veränderte.
Als einen der Kernpunkte, die ich bei meiner Forschung nach den Wechselwirkungen zwischen Herz und Gehirn entdeckte, erkannte ich, dass das emotionale Gehirn – aus dem unsere Instinkte und emotionalen Reaktionen kommen – direkt vom Herzen beeinflusst wird.
Das Heartmath Institute in den USA geht, basierend auf der Gehirnforschung, davon aus, dass ein kohärenter Herzrhythmus in der Lage ist, das emotionale Gehirn zur Ruhe zu bringen: »Wenn unser Herz auf gesunde Weise schlägt, können wir Stress, Ängste, Depression und andere emotionale oder mentale Krankheiten heilen. Das gilt sogar für körperliche Krankheiten.«1 Dies bedeutet, dass Körper und Gehirn sich neu konditionieren lassen, da das Gehirn offenbar die Fähigkeit hat, neue Verbindungen zwischen den Gehirnzellen (Neuronen) herzustellen und sich daher ständig zu reorganisieren. Jeden Tag sterben Millionen von Neuronen ab, während ständig neue Gehirnzellen entstehen. Diesen Prozess nennt man Neuroplastizität.
Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet ›Wunde‹. Eine Wunde entsteht dadurch, dass etwas von außen nach innen dringt und im Inneren etwas zerstört. Bei körperlichen Verletzungen äußert sich das im Bluten des Körpers, in der Beschädigung von Haut oder Organen und in körperlichen Schmerzen. Wir sprechen dann von einem physischen Trauma. Dem entsprechend sorgt eine starke traumatische Erfahrung für emotionalen Stress, der eine tiefe emotionale Wunde verursacht, die Denken, Verhalten und Fühlen angreift. Dieser emotionale Schaden kann körperlich krank machen. Wir sprechen dann von einem emotionalen Trauma.
Untersuchungen zeigen, dass in den ersten Monaten nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen, eines Kindes oder nach einem anderen schwerwiegenden Ereignis das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls um gut 50 % zunimmt. Menschen können tatsächlich an ›gebrochenem Herzen‹ sterben. Im ersten Jahr nach dem Verlust ist die Wahrscheinlichkeit zu versterben sogar sechsmal so hoch. Ein Verlust scheint die Widerstandsfähigkeit des Körpers in allen Bereichen zu schwächen. Dadurch nimmt die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten zu, sei es eine einfache Erkältung oder gar eine Krebserkrankung.
Eine langfristige Belastung durch emotionalen Stress greift das Immunsystem an und stört das Wohlbefinden. Herz und Gehirn werden toxisch und inkohärent, was zu psychischen Krankheiten wie Depressionen, Burnout, Angst- und Panikstörungen oder Psychosen führen kann. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass es möglich ist, übermäßigen emotionalem Schmerz und Traumastress zu heilen und dass sich die Mühe lohnt.
Hier einige Fragen für dich aus meinem Herz-Gehirn-Heilungsprozess:
Wie wäre es für dich, wenn du nach einem schweren Trauma und Verlust wieder Liebe, Sinn und Freude in deinem Alltag erleben könntest?
Wenn du wieder Vitalität, Gesundheit und Resilienz spüren könntest und dein Verhalten, deine Gedanken und Gefühle positiv wären?
Wie wäre es für dich, wenn du wüsstest, wie du dein Leben wieder in die Hand nehmen kannst, weil du selbst am Steuer deines emotionalen, mentalen und physischen Selbst stehst?
Erkenne, dass du ein spirituelles Wesen in einem Körper bist: Du bist keine zufällige Ansammlung von Fleisch und Knochen. Dein Leben hat eine Bedeutung. Herz und Gehirn mögen ein Leben in Liebe, Balance und Harmonie, in Verbindung mit anderen Menschen.
Die Stressreaktion – Kampf, Flucht oder Erstarren –, die auf ein unangenehmes, schmerzhaftes Erlebnis folgt, ist der naturgegebene Versuch des Körpers, zurück ins Gleichgewicht zu finden. Diese Überlebensmechanismen sind, auf kurze Zeit ausgelegt, äußerst effektiv und halfen unseren frühen Vorfahren zu überleben. Wenn wir die Stressreaktion allerdings nicht mehr ausschalten können, wird es gefährlich und wir steuern auf einen chemischen, hormonellen, emotionalen und physischen Zusammenbruch zu, in dessen Folge Krankheiten entstehen. Wenn wir lange im Stress leben, wird dies oft zu unserer ›normalen‹ Lebensart. Wir haben uns daran gewöhnt und das Überleben im Schmerz ist zu unserer alltäglichen Wirklichkeit geworden.
Während ich mit den Auswirkungen von Trauma und emotionalem Stress rang, entdeckte ich, dass die Heilung von emotionalem Schmerz kein linearer Prozess ist. Er verläuft nicht in einer logischen Reihenfolge von Schritt 1 bis Schritt 5, sondern ist gemeinsame Angelegenheit von Herz, Gehirn und Körper. Dabei spielt das körperliche Herz bei der Verarbeitung von Emotionen eine größere Rolle, als wir bisher angenommen haben.
Das Herz besitzt ein eigenes neuronales Netzwerk und seine eigene Intelligenz. Es steht direkt mit unserem Gehirn und dem Rest unseres Körpers in Verbindung. Mitunter wird das Herz auch ›das kleine Gehirn‹ genannt. 1991 entdeckte die Medizinische Biologie, dass wir etwa 40.000 Gehirnzellen (Dr. Andrew Amour, Montreal 1991), sensorische Neuronen, im Herzen haben. Was bedeutet das? Diese Neuronen arbeiten ähnlich den Nervenzellen im Gehirn und sind dafür verantwortlich, äußere Reize in interne elektrische Impulse umzuwandeln. Die Forscher schrieben über das Vorhandensein eines ›kleinen Gehirns‹ im Herzen, das in enger Verbindung mit dem Gehirn in unserem Kopf steht. Die beiden Organe schicken Signale hin und her. Sie denken, fühlen und erinnern unabhängig voneinander, stehen aber miteinander in Verbindung. Emotionen werden im Herzen gefühlt und im Körper und im Gehirn interpretiert. Dies ist von großer Bedeutung für die Heilung eines emotionalen Traumas.
Während meines Studiums und durch meine Arbeit als Psychologin und Beziehungs- und Familientherapeutin (Systemtherapeutin) hatte ich theoretisches Wissen über psychische Vorgänge nach Trauma und Verlust erworben. Im Gedankengut der modernen Psychologie und Psychiatrie fand ich allerdings zu wenig therapeutische Optionen, selbstregulierende oder kreative Behandlungsformen. Mir fehlten Empathie und ein grundlegendes Verständnis der Auswirkungen von überwältigenden Verlusterfahrungen auf Gesundheit und Wohlbefinden.
Was sollte ich mit all dem psychologischen Wissen anfangen, als mein eigenes Herz durch den Schmerz eines schweren Verlustes, dem Suizid meines Mannes, explodierte? Durch einen Schmerz, der bis in die Tiefen meiner DNA vordrang und der mein Herz, mein Gehirn und auch meinen Körper ernsthaft verletzte?
Um nach vorne gerichtet leben und die Verletzungen in meinem Herz, meinem Gehirn und meinen Körper heilen zu können, erwiesen sich mein psychologisches Wissen und meine Erfahrungen als Therapeutin als unzureichend. Ich machte mich auf die Suche nach einem positiven Ansatz für die Heilung von Trauma und Verlust. Das scheint vielen Kollegen in meinem Fachgebiet ein Widerspruch in sich zu sein, da sie sich kaum vorstellen können, wie positive Psychologie mit den unangenehmen Folgen eines emotionalen und psychischen Traumas umgehen soll. Meine Antwort lautet, dass die Heilung von Traumata und emotionalem Stress geradezu danach verlangt, gezielt die andere Seite der menschlichen Existenz zu betrachten: Liebe, Wohlbefinden, Durchhaltevermögen, Selbstheilung und Resilienz.
Aus dieser verbindenden Perspektive heraus versuche ich, in diesem Buch eine Antwort auf Fragen zu geben wie:
Wie überwinden Menschen stressbeladene Lebensereignisse?
Wie verändert Trauma die Persönlichkeit?
Wie geben traumatisierte Menschen ihrem Leben einen neuen Sinn?
Was hilft ihnen bei der Transformation zu einem neuen Selbst?
Wie konditionieren wir den verletzten Körper und Geist neu?
Wenn wir die Spuren von Trauma und Verlusterfahrungen und dadurch auch den emotionalen Schmerz und Stress heilen wollen, sind in meiner Herangehensweise vier Bereiche von Bedeutung. Sie ziehen sich als roter Faden durch dieses Buch und ich stelle sie hier kurz vor.
Der erste Bereich: die Kraft der eigenen inneren Psychologie kennenlernen
Sich selbst zu beobachten wird in den Neurowissenschaften ›Metakognition‹ genannt. Der Ausgangspunkt dafür ist, dass du wahrnehmen kannst, was du denkst und fühlst und wie du handelst. Diese innere Architektur von Denken, Handeln und Fühlen ist bei jedem von uns einzigartig, auch wenn du in derselben Familie, im selben Land, in derselben Gesellschaftsschicht oder Kultur aufgewachsen bist.
Genau wie die physische DNA hat auch die Psyche eine unverwechselbare Blaupause und diese bestimmt deine Persönlichkeit. Indem du deine Gedanken, Emotionen und Handlungen untersuchst, lernst du dich selber besser kennen und verstehen, und es kann zu einer Transformation kommen, im Zuge derer du andere Entscheidungen triffst, die neue Ergebnisse liefern. Wie dieser innere Prozess wirkt, beschreibe ich anhand von Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft und den Verhaltenswissenschaften. Damit biete ich Hilfestellungen, mit denen bleibende Veränderungen möglich sind und die im täglichen Leben anwendbar sind.
Im Grunde geht es hier um die Aktivierung der Neuroplastizität im Sinne einer Neuverschaltung im Gehirn. Da du mit deinem Denken und deinen Emotionen deine eigene Realität erschaffst, den Körper und das Gehirn programmierst, bedeutet das, dass du lernen musst, bewusste Entscheidungen zu treffen, ohne von vornherein einen klaren Plan zu haben. Du musst ins Unbekannte eintreten und gleichzeitig das Bekannte und alles, was du je gelernt hast, loslassen. Das ist keine Magie, sondern ein Lernprozess.
Der zweite Bereich: der intelligente Körper
Dein Körper hat eine eigene Intelligenz und die Auswirkungen von Stress auf den Körper sind beträchtlich. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, Wissen und Verständnis in diesem Bereich aufzubauen.
Der Körper hält dich oft in den Erfahrungen der Vergangenheit gefangen, während das Gehirn mit aller Kraft versucht, die Auswirkungen und Spuren eines Traumas hinter sich zu lassen. Das führt zu einer inneren Spaltung von Denken und Fühlen und damit zum Verlust der Verbindung zwischen den beiden Bereichen. Du erschaffst hierdurch unbewusst destruktive Muster, die sich tief in deinem Körper festsetzen und deine Realität tagein, tagaus beeinflusst. Der Körper wird zum Gehirn. Diese innere Spaltung kann für die Beziehungen zu den Menschen in deiner Umgebung und zu deiner Familie katastrophale Folgen haben.
Der nächste Schritt besteht also darin, deinen Körper in diesen Heilungsprozess einzubeziehen. Wie arbeiten Gehirn, Herz und der Rest des Körpers zusammen? Was kannst du selbst tun, um Stress zu reduzieren, deinen Schmerz zu heilen und diese Heilung zu verkörpern? Wie verbindest du Denken und Fühlen und wie wirken deine selbstheilenden, selbstregulierenden Kräfte? Wie erschaffst du aus Herz und Gehirn ein starkes zusammenwirkendes System?
Im zweiten Bereich lernst du, selbst aktiv zu werden und deinen Körper, dein Herz und Gehirn zur Kooperation zu bewegen und neue, gesunde Muster zu entwickeln. Du lernst, neue neuronale Wege und Verbindungen anzulegen.
Der dritte Bereich: die externe Umgebung und unser Leben zurückfordern
Verlusterfahrungen und emotionale Verletzungen erschüttern nicht nur den direkt davon betroffenen Menschen, sondern oftmals auch sein soziales Umfeld. Wie wirkt sich das auf den Umgang miteinander aus?
Die Wirklichkeit, wie sie einmal war, existiert plötzlich nicht mehr für die Familie, die erweiterte Verwandtschaft oder den Freundeskreis. Ich nenne das ein existenzielles Erdbeben. Nichts bleibt stehen, alles liegt wirr durcheinander, im Inneren wie im Äußeren. Hier zeigt sich eine wichtige Ursache für kulturelle, soziale und individuelle Verletzung. Es bestehen allerdings große Unterschiede darin, wie Menschen mit diesen Traumata umgehen und einander beeinflussen.
Wenn du für deine Veränderung immer wieder die gleichen Gedanken und Gefühle benutzt, konditionierst du dich immer wieder auf dieselbe Art und Weise. Du machst dir oft nicht bewusst, wie die Umgebung (Menschen, Organisationen, Ereignisse) dich an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten negativ oder auch positiv beeinflusst. Insbesondere bei emotionalen Verletzungen suchst du nur allzu oft Bestätigung bei anderen und wiederholst immer wieder aufs Neue unbewusst dieselben Dinge.
In diesem Bereich untersuche ich, wie unsere externe Umgebung unsere Realität erschafft und unsere Persönlichkeit definiert. Du lernst, eine Bestandsaufnahme dieser externen Umgebung zu machen und dich darin zu behaupten.
Der vierte Bereich: Spiritualität und die Wiederherstellung der inneren Verbindung
Hier geht es um die Entscheidung für neue Werte und Normen im Rahmen des persönlichen und spirituellen Wachstums. »Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden«, sagte der dänische Philosoph Kierkegaard (1813-1855). Das gilt besonders, wenn es um traumatische Lebensereignisse geht. Wir verstehen erst viel später, was diese mit unserem Leben und uns selbst gemacht haben: wie sie unsere Perspektive auf das Leben verändert, welche Verschiebungen sie in unserer Psyche verursacht haben.
Was ich den spirituellen Bereich nenne, ist Teil einer Reihe von höherdimensionalen Energiesystemen, die direkt in unser Gehirn und unseren Körper führen. Die landläufige Wissenschaft erkennt die Wirkung dieser höheren energetischen Anatomie erst nach und nach. Sie steht in starkem Kontrast zu traditionellen und östlichen Weisheiten und Praktiken auf dem Gebiet der Heilung und Medizin, die diese multidimensionale Anatomie des Menschen ausführlich beschrieben haben.
In diesem vierten Bereich geht es um wirkliche Veränderung, um Transformation und Bewusstseinsentwicklung, sodass du dich bewusst aus dem Überlebensmodus in den Schöpfungsmodus begibst. Du lernst, verschiedene Wahlmöglichkeiten zu erkennen und neue Erfahrungen zu kreieren. Dies geschieht beispielsweise, indem du die Vergangenheit loslässt, dein Gehirn neu ›verdrahtest‹, Verantwortung für dich selbst übernimmst, den Körper emotional im Hinblick auf eine neue Zukunft instruierst, persönliche Führungsstärke entwickelst und deine Resilienz stärkst, um schließlich ein Leben voller Liebe und Inspiration führen zu können.
In der Darlegung dieser vier Bereiche dient mein persönlicher Lernprozess als roter Faden. Für mich ist die Heilung meines Traumas und meines emotionalen Schmerzes und Stresses ein Spiegel geworden, der den Sinn meines Lebens reflektiert.
Ich habe gelernt, dass ich keinen Einfluss auf Verlusterfahrungen, Traumata oder andere plötzliche Veränderungen meiner Wirklichkeit habe, wohl aber darauf, wie ich damit umgehe. Ich habe aber sehr wohl Einfluss auf meine innere Wirklichkeit und auf die Welt, die in meinem Gehirn, meinem Herzen und meinem Körper existiert. Dadurch bekomme ich meine emotionalen Verletzungen zu fassen. Ich wiederhole: Ich bin davon überzeugt, dass emotionaler Schmerz dauerhaft geheilt werden kann und dass die Kräfte der Liebe und des Bewusstseins diese Heilung ermöglichen.
Erster Bereich
Die Kraft deiner inneren Psychologie kennenlernen
Es ist notwendig, ein beobachtendes Bewusstsein zu
entwickeln, um die innere Psychologie kennenzulernen
und zu verstehen.
Deine innere Architektur aus Denken, Fühlen, Handeln
hat Auswirkungen. Wie du im Hier und Jetzt denkst, fühlst und handelst,
ist das Ergebnis früherer und heutiger
Erfahrungen.
Alle Lebenserfahrungen von unserer Geburt bis heute
haben Auswirkungen. Sie haben unsere innere
Architektur geformt.
Wer bist du?
Was ist deine Lebensgeschichte?
Wo willst du hin?
1. Im Trauma gefangen
Der buddhistischen Lehre zufolge bereitet uns
das Leben selbst auf Leben und Tod vor.
Sie besagt, dass wir nicht auf den schmerzhaften Tod
eines Menschen warten müssen, um unser eigenes
Leben zu betrachten.
Auch müssen wir nicht auf eine Krise oder ein
traumatisches Erlebnis warten.
Sie sagt außerdem, dass wir,
je bewusster wir leben, dem Schmerz des Verlustes
nicht mit leeren Händen gegenüberstehen müssen.1
Wir alle können hier und jetzt den Sinn des Lebens finden! Nach jenem Tag, an dem mein Liebster sich das Leben nahm, stand ich leider doch mit leeren Händen da. Ich verlor den Sinn meines Lebens ganz und gar und fand keinen Ansatz, um mit dieser überwältigenden Erfahrung, mit dem emotionalen Schmerz umgehen zu können. Das Erlebnis warf mich um und versetzte mich in eine vollkommen neue, entsetzliche und sehr schmerzhafte Realität.
Seit über 25 Jahren arbeite ich mit traumatisierten Menschen und Familien und weiß, dass viele geistige und körperliche Beschwerden aus traumatischen Erfahrungen entstehen. Die Spuren, die diese hinterlassen, liegen oft im Unbewussten verborgen. Im Kern eines jeden Traumas stecken Isolation und Angst. Beide verursachen starke Veränderungen in Gehirn und Körper.
Mein Leben lang war ich auf der Suche nach einem Ausweg aus einer mir unverständlichen Angst, einer Angst, die ich immer bei mir trug. Sie äußerte sich in Form von körperlicher und emotionaler Taubheit und dem Unvermögen, mich an Begebenheiten aus meiner Kindheit zu erinnern. Es fiel mir schwer, Vertrauensverhältnisse aufzubauen, mich in meinem Körper zu Hause zu fühlen und ein Gefühl der Kontrolle über mich selbst zu haben.
Weil ich meine eigenen inneren Kämpfe besser verstehen wollte, beschloss ich, nach meiner Pflegeausbildung Verhaltenswissenschaften und Psychologie zu studieren. Den Schlüssel zu meinen versteckten Kammern der Angst und Unsicherheit fand ich allerdings nicht während der verschiedenen Therapien, die ich im Zuge meiner Ausbildung machte, ich entdeckte ihn erst nach der traumatischsten Erfahrung meines Lebens. Nach dem Suizid meines zweiten Mannes lernte ich, mich aus dem Gefängnis meiner Vergangenheit zu befreien.
Als professionell arbeitende Therapeuten erzählen wir unsere eigene Geschichte meist nicht. Das sei unprofessionell, heißt es. Meiner Meinung nach ist das falsch. Ich wäre beruflich niemals zu dem Punkt gelangt, an dem ich jetzt stehe, wenn ich nicht selbst die zerstörerischen Auswirkungen traumatischer Erlebnisse kennengelernt hätte. Immer wieder suchte ich nach erhellenden Erkenntnissen über Ursachen und Folgen der Verletzungen, die ich selbst erlebt hatte. Als Mensch und als Therapeutin forschte ich solange, bis ich neue Spuren entdeckte, ihnen folgte und Wege zur Heilung fand. Meine Suche als Individuum verlief daher zu einem großen Teil parallel zu meiner Suche als Therapeutin und meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse trugen wesentlich zu meiner Entwicklung als Therapeutin bei. Darum nehme ich den Leser zunächst mit in meine eigene Geschichte, zu dem Augenblick, an dem für mich ein neuer Weg begann. So zeige ich, wie ich neue Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft mit körperorientierter Psychotherapie und Meditation verbunden habe und wie ich das Ganze in mein persönliches Leben und in meine therapeutische Praxis integriert habe. Ich sehe mich in erster Linie als (Mit-)Mensch und erst danach als Therapeutin.
Es ist Sonntag, der 10. Juni 2007. Ein sonniger, warmer Tag. Ich sitze in meinem roten Ledersessel im Wohnzimmer und versuche, einen Artikel zur Weiterbildung zu lesen. Ich bin nicht wirklich bei der Sache.
Die Terrassentüren stehen offen, die Gardinen wehen leise im Wind. Draußen zwitschern die Vögel, Kinder spielen und lachen. Ich höre das spritzende Wasser in einem Pool im Nachbargarten. Fröhliche, entspannte Geräusche eines schönen Frühlingstages. Mein zwölfjähriger Sohn liegt auf dem Sofa und liest ein Buch, während meine elfjährige Tochter oben spielt und singt.
Ich frage mich, wo mein Mann ist. Ich habe ihn schon mehrfach auf dem Handy angerufen. Heute Morgen um 9:00 Uhr hat er das Haus verlassen, ohne zu sagen, wo er hinwollte. Als er ging, stand ich unter der Dusche, die Kinder schauten im Wohnzimmer einen Film. Er hatte sich aus dem Haus geschlichen, obwohl wir abgesprochen hatten, dass er warten würde, bis ich im Bad fertig bin. Wir hatten eigentlich vor, gemeinsam mit den Kindern und dem Hund im Wald spazieren zu gehen, damit der ruhelose, sich ständig drehende Geist meines Mannes in der Natur zur Ruhe kommen konnte. Das half ihm immer.
Während ich duschte, hörte ich, wie sich die Haustür schloss. Das Badfenster liegt direkt über dem Eingang und ich schaute umgehend nach draußen. Ich sah ihn mit seinem schwarzen Lederrucksack in der Hand zum Auto gehen. Er öffnete die hintere Autotür und legte den Rucksack auf die Rückbank. Ich öffnete das Badfenster und rief ihn, doch er drehte sich nicht um. Ich rief noch einmal, lauter. Er schaute nicht auf, blickte sich nicht um. Als er die Fahrertür öffnete, schrie ich regelrecht seinen Namen. Bewusst vermied er meinen Blick und ignorierte meine Rufe, als er einstieg. Er legte den Rückwärtsgang ein und wendete – jetzt schaute er mich im Wegfahren kurz an. Ich sah ein aschgraues Gesicht und einen leeren Blick. Voller Unruhe darüber, was gerade passiert war, zog ich mich an und lief, so schnell ich konnte, nach unten zu den Kindern. Sie erzählten mir, er habe ihnen gesagt, dass er nach Amsterdam zu einer Lesung fahren wollte. Sie wussten weiter nichts und ich wurde immer nervöser.
Um 11.00 Uhr rief ich dann vom Schlafzimmer aus in Panik meine Mutter an, weil ich meinen Mann nicht am Handy erreichen konnte. Ich schilderte ihr meine sorgenvollen Gedanken über die seltsame Situation, über sein plötzliches Wegfahren, sein Nicht-Beachten meiner Rufe. Ich erzählte ihr auch von meiner beängstigenden Vorahnung und meinen Gefühlen des Verlassen-Seins und der Einsamkeit. Die Angst fraß sich durch meinen Körper. Meine Mutter versuchte vergeblich, mich zu beruhigen. Im Anschluss rief ich meine Schwägerin an, die in Haamstede auf einer Familienfeier war, und dann noch eine Freundin.
Ich esse mit den Kindern zu Mittag. Immer wieder rufe ich meinen Mann an. Keine Reaktion! Die Zeit vergeht und es wird 15.00 Uhr. Er war seit morgens um 9.00 Uhr weg und hatte seit Stunden nichts von sich hören lassen.
Um 15.30 Uhr klingelt es. Ich gehe zur Haustür und sehe zwei Polizeibeamte davor stehen, einen Mann und eine Frau. Sehr höflich fragen sie, ob sie hereinkommen dürfen. Ich sehe an ihren Gesichtern, dass sie keine guten Nachrichten dabeihaben. Ich lasse sie ins Haus. In der Tat bringen sie sehr schlechte Neuigkeiten für mich und meine Kinder. Sie teilen uns mit, dass mein Mann, ihr Vater, um etwa 10.00 Uhr an diesem Vormittag Suizid begangen hatte, indem er vom Dach des Parkhauses am Bijenkorf sprang. Er war tatsächlich nach Amsterdam gefahren … aber nicht zu einer Lesung!
Die grausame Realität
Bis heute spüre ich den Augenblick, in dem ich die Nachricht erhielt. Ich habe die Bilder sofort vor Augen, wenn ich meine Gedanken zurückhole. Die Erinnerung ist so stark, dass ich immer noch spüre, wie mir der Atem in der Kehle stecken bleibt.
Als ich vom Tod meines Mannes erfuhr, begann ich zu zittern und fühlte eine riesige Stresslawine durch meinen Körper fließen. Ich versuchte, dies vor meinen Kindern zu verbergen. Auf der Stelle bekam ich pochende Kopfschmerzen, mein Hals und meine Schultern wurden steif. Meine Gedanken begannen zu rasen und wurden chaotisch. Die Kinder erlebten ähnliche Reaktionen im Körper, wie ich später von ihnen erfuhr.
Jetzt, da ich ›rückwärts verstehe‹, kann ich sagen, dass dies die Stressreaktion war, die uns in den Überlebensmodus versetzte. Mit allen Tricks nahm ich mich, um meiner Kinder willen, zusammen. Ich fühlte mich machtlos und zugleich in meinem innersten Kern irreparabel beschädigt, verlassen und verraten. Das Schlimmste war meine Furcht, dass es den Kindern genauso gehen könnte.
Neun Monate später, es war Karfreitag, der 21. März 2008: Ich liege mit gelähmten Beinen in einem Krankenhausbett, neben mir steht ein Rollstuhl. Eine Autoimmunreaktion hat mein Nervensystem angegriffen, im sogenannten Caudabereich, von der Mitte meines Körpers aus abwärts – in der Fachsprache wird dies Neuritis genannt. »Ursache unbekannt«, sagen die Neurologen und behandeln die Symptome intravenös mit einer hohen Dosis Corticosteroide. Das ist offensichtlich die Behandlungsleitlinie für dieses Krankheitsbild.
Kurze Zeit später ergreift ein unangenehmes Bakterium Besitz von meinem Körper und ich muss über einen langen Zeitraum erneut intravenös behandelt werden, diesmal mit Antibiotika. Als ich nach mehreren Wochen das Krankenhaus verlasse, ist das Gefühl in eins meiner Beine zurückgekehrt, in das andere noch nicht ganz. Ohne Krücken kann ich mich nicht fortbewegen. Ich fühle mich in jeder Hinsicht wie ein Wrack – emotional, geistig und körperlich.
Über ein Jahr werde ich mit Corticosteroiden und Antibiotika behandelt. An mehreren Stellen in meinem Beckenboden habe ich kein Gefühl mehr und kann daher den Urin nicht gut einhalten. Ich bin nicht in der Lage zu arbeiten, da ich keine Energie dazu habe. Das Konzentrieren fällt mir schwer, vergesse bestimmte Dinge ständig – ich leide an einer kognitiven Störung. Trotz Behandlung mit den besten Medikamenten wird es nicht besser. Anfang 2009 beschließe ich, einen Psychiater hinzuzuziehen und eine Therapie zu beginnen. Er diagnostiziert eine Depression infolge einer ›aufgeschobenen Trauerreaktion‹ und gibt mir ein weiteres Medikament, ein Antidepressivum.
Die ganze Zeit über bleibt mein Denken negativ und kreist immer in denselben Gedankenspuren:
»Er hätte sich nicht umbringen dürfen.«
»Er hätte seine Kinder nicht einfach ohne Vater zurücklassen dürfen.«
»Er hätte mich nicht mit diesem finanziellen Durcheinander sitzen lassen dürfen.«
»Wie konnte er einfach so gehen und mich und die Kinder ohne eine Nachricht zurücklassen?«
»Was für ein Schuft, mich einfach so zu verlassen, sodass ich die Kinder alleine erziehen muss.«
»Ich hasse ihn, weil er keine Nachricht zurückgelassen hat.«
»Ich vermisse ihn.«
»Ich fühle mich einsam ohne ihn.«
»Ich will mit ihm sprechen und ich will eine Erklärung. So kann es nicht weitergehen.«
Das Antidepressivum macht mich schlapp und lustlos und ich verliere noch mehr von mir.
Erkennst du dich wieder?
Es erfordert extrem viel Energie, nach einer solchen überwältigenden Erfahrung weiter zu funktionieren. Mir war nicht klar, dass ich die Erinnerung an diesen Schmerz immer so weit wie möglich aus meinen Gedanken halten wollte. Das war eine große Anstrengung, vergleichbar mit einem Vollzeitjob.
Lange Zeit tat ich so, als ob nichts geschehen wäre. Ich nahm mein Leben kurz nach der Beerdigung wieder auf und ging bald wieder arbeiten. Während ich innerlich immer noch sehr erregt, verwundbar und vor allem vollkommen wehrlos war, fand ich mitten in meinem Krankheitsprozess eine neue Beziehung, verkaufte mein Haus und zog ans andere Ende des Landes. Ich gab alles auf, um mit diesem neuen Mann zusammenzuleben!
Es ist bekannt, dass traumatisierte Menschen oft Schwierigkeiten haben, intime Beziehungen einzugehen, und dass es ihnen sehr schwerfällt, wieder zu vertrauen. Ironischerweise geraten sie oft in eine neue traumatische Beziehung. Das war auch bei mir der Fall. Die Dynamik in meiner neuen Beziehung sah so aus, dass meine Angst vor dem Verlassenwerden, vor Verrat und intensiven Einsamkeitsgefühlen immer wieder getriggert wurde. Dadurch wurden in meinem Gehirn immer wieder dieselben Schaltkreise aktiviert und riesige Mengen von Stresshormonen ausgeschüttet. Die Folge waren unangenehme Gefühle und intensive körperliche Empfindungen, die mich überwältigten, sodass meine Gesundheit sich nicht verbesserte. Mit einem Fachbegriff ausgedrückt: Ich geriet in einen Kreislauf der Retraumatisierung.
Meine Emotionen schossen zwischen Scham, Schuld, Wut, Angst, Trauer, Hoffnungslosigkeit, tiefer Verlassenheit und Einsamkeit hin und her. Mein Verhalten war von Wut geprägt. Ich kämpfte gegen alle, die mir lieb waren und das Beste für mich wollten, stieß Menschen zurück. Dazu steckte ich in einer Beziehung mit einem Mann, der sich genauso verhielt und der – wie sich später herausstellte – selbst schwer traumatisiert war.
Im Lauf des Jahres 2009 bekam ich noch mehr körperliche Probleme. Meine Mundschleimhäute entzündeten sich und es bildeten sich Geschwüre in meinem Mund. Eine weitere Autoimmunerkrankung wurde festgestellt: erosiver Lichen planus, eine Plattenepithelkrankheit. Dagegen bekam ich noch mehr Corticosteroide in Form von Salben und Pillen. Diese Medikamente störten meine Speichelproduktion. Eine schmerzhafte Erfahrung.
2010 steigerten sich meine Gesundheits- und Beziehungsprobleme weiter. Allmählich wurde mir bewusst, dass ich in einer Abhängigkeitsbeziehung zu einem Mann steckte, der mich und meine Kinder weiter traumatisierte. Er verstand sich nicht mit den Kindern und gab ihnen ständig das Gefühl, dass es sie nicht geben sollte. Wir waren schließlich in sein Haus gezogen! Es wurde nie unser Zuhause. Im Mai jenes Jahres verlor ich meinen Arbeitsplatz, meinen einzigen noch sicheren, wiedererkennbaren Ort. Ein weiterer Verlust.
Im Verlauf des Jahres litt ich immer stärker unter der Erosion der Schleimhäute in meinem Körper (Mund, Vagina, Anus, Speiseröhre). Mein Immunsystem war mittlerweile fast zusammengebrochen und neben Hautproblemen bekam ich es auch mit allerlei Allergien zu tun.
Infolge der Spannungen in meiner Beziehung und meiner gesundheitlichen Probleme war ich emotional sehr angeschlagen und lebte in ständigem Stress. Es blieb mir immer weniger Vitalität und Energie zum Leben. Ich ging durch die dunkelste Nacht meiner Seele. Damals konnte ich es nachvollziehen, warum jemand seinem Leben ein Ende setzen wollte. Ich ertappte mich bei Gedanken, die in diese Richtung gingen.
Das Antidepressivum half mir in diesem Kampf mit mir selbst nicht. Ich trank mehr, als mir lieb war, nahm regelmäßig Drogen (Cannabis) und verlor die Kontrolle über meine Kinder und die Verbindung zu ihnen. Nach außen hin hielt ich mich aufrecht. Meine mentale Flexibilität nahm jedoch drastisch ab, ebenso meine Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Geht es noch schlimmer?
Im Januar 2011 war ich dann zur Gastroskopie im Krankenhaus. Seit etwa drei Monaten litt ich unter Magensäurereflux. Wenn ich aß, hatte ich das Gefühl, dass das Essen stecken blieb und nicht richtig nach unten rutschte. Bei dieser Gastroskopie war zu sehen, dass ein beginnender Tumor am Übergang zwischen Speiseröhre und Magen saß. Dadurch konnte die Nahrung tatsächlich nicht weitertransportiert werden und blieb auf dem Weg zum Magen stecken. Das war ein weiterer, schwerwiegender körperlicher, geistiger und emotionaler Anschlag auf mein System. Das dünne Eis unter meinen Füßen brach und ich war am Ertrinken.
Ich war ganz allein, als ich die endgültige Diagnose bekam. Der Mann, in dessen Haus ich gezogen war, ließ sich buchstäblich nirgends blicken. Er hielt sich in Südamerika auf. Wir hatten im Grunde schon lange Zeit nebeneinander hergelebt und ich hatte mich in dieser Beziehung im Laufe der Zeit immer einsamer gefühlt. Allein gelassen begann ich die Chemotherapie und überlegte, ihn zu verlassen.
2011, an einem Februarmorgen, fand ich mich im Haus des Mannes, zu dem ich gezogen war, auf dem Fußboden wieder. Mein Herz raste, ich schwitzte und aus meinen Muskeln schien alle Energie zu entweichen. Ich fing unkontrolliert an zu weinen, kroch über den Boden und stöhnte voller Verzweiflung. Ich ging auf die Knie und begann zu beten.
In diesem Jahr würde ich 50 Jahre alt werden: Wollte ich mit meinem Leben, meinen Kindern und meiner Gesundheit so weitermachen? Ich betete um eine Lösung. Wenn sie käme, würde ich den Rest meines Lebens dankbar sein und jeden Tag genießen. Ich bat um Führung und Unterstützung. Wie konnte ich die Abwärtsspirale wenden? Dieser Augenblick der Verzweiflung wurde zum Wendepunkt in meinem Leben.
Als erstes beschloss ich, mit den konventionellen Behandlungen aufzuhören. Ich bekam eine Diagnose nach der anderen, aber keine Lösungen. Niemand betrachtete das größere Bild. Alle blieben bei ihrem Fachgebiet und inzwischen war ich Patientin bei einem Internisten, einem Neurologen, einem Dermatologen, einem Arzt für Mundheilkunde und einem Psychiater. Sie verteilten alle reichlich Medikamente, aber im Grunde fühlte ich mich von keinem von ihnen verstanden, ja, nicht einmal gesehen oder gehört. Ich teilte meine Entscheidung, die Medikamente abzusetzen, den Ärzten bewusst nicht mit, sondern ging einfach nicht mehr hin. Mein Hausarzt nannte mich naiv. Übrigens hat mich weder einer der Spezialisten noch eine Krankenhausabteilung je danach angerufen oder Fragen gestellt. Dieser bewusste Augenblick im Februar 2011, am Boden, betend und um Hilfe flehend, gab mir die Kraft, neue Entscheidungen zu treffen. Ich begann meine Suche nach einer eigenen Wohnung und nach alternativen Behandlungsmethoden.
Zwei Monate, nachdem ich für mich beschlossen hatte, dass es so nicht weitergehen konnte und sich etwas ändern musste, ging ich auf Einladung einer Freundin und Kollegin zu einem Vortrag von Joe Dispenza. Seine Herangehensweise an Heilung sprach mein Psychologengehirn direkt an, vor allem, weil er theoretisches Wissen (das Warum) mit einem praktischen Ansatz (das Was und das Wie) kombinierte. Meine Neugier wurde vor allem durch seine Aussage geweckt, dass wir uns in einer Zeit von Schmerz und Leid verändern können, aber auch in Zeiten von Inspiration und Freude. In unserem Leben gehe es um Veränderung, erklärte er, und um in unserem privaten und beruflichen Leben zu überleben und aufzublühen, müssten wir uns immer wieder an neue Situationen anpassen.
Das war leichter gesagt als getan. Weil ich mich von dieser positiven, praktischen Vision sehr angezogen fühlte, begann ich sofort eine intensive Selbsterforschung. Außerdem suchte ich nach weiteren Quellen für diesen Ansatz. In dieser Zeit hatte ich ständig Schmerzen und steckte in meinem Leid fest, war gefangen in meinem Trauma. Ich war am Ende und sah keinen Ausweg. Wenn ich mit jemandem darüber sprach – sei es mit Laien oder Fachleuten – bekam ich meist die Bestätigung, dass mein Leiden eine normale Reaktion auf all das wäre, was ich erlebt hatte.
Joe Dispenza sagte etwas anderes. An diesem ersten Abend nahm ich von seinem Vortrag mit, dass sich meine Persönlichkeit aus dem zusammensetzt, wie ich denke, wie ich handle und wie ich fühle, und dass ich dadurch meine persönliche Wirklichkeit erschaffe … Was hatte ich also durch meine Art zu denken, zu handeln und zu fühlen damals selbst geschaffen? Wie hatte ich das in meinem Körper emotional konditioniert und welche Programme ließ ich daher ablaufen? Wer ich heute bin, ist das Ergebnis meines früheren und heutigen Denkens, Handelns und Fühlens.
Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass zu den Veränderungen meiner persönlichen Realität auch Veränderungen im Herzen und im Gehirn gehörten und dass diese beiden Organe großen Einfluss auf meinen Körper hatten. Damals wusste ich allerdings noch nicht, dass die Auswirkungen des selbst gewählten Todes meines Mannes sich mit einem Trauma aus meiner Jugend verbunden hatten. ›Sekundäre Traumatisierung‹ nennt man das in Fachkreisen.
Im Juni 2011 beendete ich meine negative Beziehung endgültig, fand eine Wohnung für mich und meine Kinder und ging meinen eigenen Weg. Im Rückblick kann ich sagen, dass damals mein Herz-Gehirn-Heilungsprozess begann.
2. Überleben und das Gehirn
Inzwischen bin ich nicht mehr im Trauma gefangen
und stecke nicht mehr im Überlebensmodus fest.
Die schmerzhafteren Verluste in meinem Leben sind zur wertvollen Etappe eines besonderen Weges geworden.
Sie haben mich gelehrt, den Sinn meines Lebens zu finden und meine Traumata, meinen Schmerz,
meine Wunden zu heilen.
Für mich ist das die Bestätigung dafür, dass emotionaler Schmerz eine wichtige Informationsquelle ist,
mit der wir aufgeklärter und menschlicher umgehen
können, als die meisten von uns bisher gelernt haben.
Um dies in der Praxis umzusetzen, muss zuerst
das Unbewusste bewusst werden. Wenn wir in den ersten Lebensjahren unangenehme Dinge erlebt haben,
ist das schwieriger.
Inzwischen bin ich davon überzeugt,
dass auch frühkindliche Traumatisierung
im Hier und Jetzt geheilt werden kann.
Als acht Monate altes Baby lag ich mit einer Typhusinfektion todkrank im Krankenhaus. Fünf Monate war ich dort isoliert. Was geschieht in dieser Situation mit einem so kleinen Kind? Diese Frage habe ich mir erst 2011 gestellt.
Was geschieht mit dir, als Kind von acht Monaten, wenn deine Eltern dich nur hinter Glas sehen, dich nicht berühren dürfen? Wenn du ganz allein medizinische Eingriffe über dich ergehen lassen musst? Wenn du nur von medizinischem Personal berührt wirst?
Vor über 50 Jahren war diese Praxis noch völlig normal. Niemand beachtete damals die Auswirkungen auf die persönliche Entwicklung eines Kindes. Die Entwicklungspsychologie steckte noch in den Kinderschuhen. Es fehlte an der Erkenntnis, dass für die Entwicklung eines Kindes das Erleben von Vertrauen und Sicherheit im ersten Lebensjahr entscheidend ist. Von psychischem Trauma war keine Rede, schon gar nicht von einer (chronischen) Stressreaktion.
Die Ärzte sagten meiner Mutter, dass ich mich später an nichts mehr erinnern würde! Babys denken schließlich nicht nach und haben keine bewusste Erinnerung an Schmerzen. Das wurde damals zwar behauptet, aber heute wissen wir, dass durch frühe Erfahrungen wie diese das Nervensystem anders ausgerichtet wird. Das Baby, das ich vorher war, existierte nach diesem Krankenhausaufenthalt nicht mehr. Alle Erfahrungen und Erinnerungen an diesen Zeitraum sind allerdings erhalten geblieben: in meinem limbischen Gehirn – dem wortlosen Teil –, in meinem Herzen und in meinem Körper.
Trotz der Erkenntnisse, die ich im Lauf meines Lebens über mein erstes Lebensjahr gewann, merkte ich nach dem Verlust meines zweiten Mannes, dass mein rationales Gehirn nicht in der Lage war, meine Emotionen und meine chaotischen Gedanken anzuhalten. Die Essenz dessen, was mit mir los war, konnte ich nicht in Worte fassen. Es schien, als ob ich in einer Wirklichkeit lebte, die nicht zum tatsächlichen, alltäglichen Leben passte. Ich entfremdete mich von mir und meiner Umgebung. Es schien, als ob ich ›irgendwo‹ feststeckte und nicht wusste, wie ich ›dort‹ wieder wegkonnte. Dieser Zustand verzehrte viel Energie und das ging auf Kosten meines täglichen Lebens.
Im Nachhinein weiß ich, dass das Alarmsystem, das ich in meinem ersten Lebensjahr angelegt hatte, weiterhin scharfgeschaltet war und ich es nicht einfach ausschalten konnte. Es gelang mir nicht, mich in Sicherheit zu bringen. Die Situation war vor langer Zeit entstanden. Das Unterbewusste wurde jetzt bewusst.
Die wichtigste Aufgabe des Gehirns besteht darin, für unser Überleben zu sorgen. Unser Gehirn besteht aus einem komplexen Netzwerk miteinander verbundener Teile, die uns helfen zu überleben und zu wachsen. Sie sind so programmiert, dass sie hervorragend zusammenarbeiten. Traumatischer Stress kann jeden dieser Teile beeinflussen und dazu führen, dass Emotionen das rational denkende Gehirn vollkommen übernehmen. Wir können dann zwar rufen: »Jetzt sei doch mal normal!«, aber das funktioniert nicht. Im Gegenteil, das Alarmsystem schaltet dann eher noch einen Gang höher. Das ist vergleichbar mit einem Autofahrer, der seinen Sicherheitsgurt nicht angelegt hat und trotz ohrenbetäubendem Warnsignal einfach weiterfährt, ohne sich anzuschnallen.
Es gibt drei Arten von Stress, die den Körper aus dem Gleichgewicht bringen können.
1 Körperlicher Stress: Unfälle, Verletzungen, Zerrungen, Stürze, Knochenbrüche, Erschöpfung, Schusswunden, Vergewaltigung, Misshandlung
2 Chemischer Stress: Verschmutzung, Viren und Bakterien, Gifte, Pestizide, Schwermetalle, Schadstoffe wie Asbest, Aspartam oder Hormone in der Nahrung
3 Emotionaler Stress: Verlust von Angehörigen, Gesundheit oder Arbeitsplatz, häusliche Gewalt, schlechte Beziehungen, kranke Kinder, Familientragödien, Vergewaltigung

Die Evolution hat uns Menschen ein besonderes Geschenk gemacht: ein Alarmsystem, das automatisch darauf programmiert ist, zu kämpfen, zu flüchten oder zu erstarren.
Die Nerven und chemischen Botenstoffe des Gehirns stehen in direkter Verbindung mit dem Körper. Um zu verstehen, wie das funktioniert, muss man wissen, dass das Gehirn aus drei Teilen besteht, die als großes Ganzes zusammenarbeiten. Man könnte sagen, das Gehirn funktioniert wie ein Orchester. Wir haben nicht drei separate, unabhängige Kontrollzentren (Neocortex, limbisches System, Kleinhirn), sondern ein fest miteinander verbundenes, voneinander abhängiges System.

Das primitive Gehirn (auch Reptiliengehirn oder Kleinhirn genannt) ist im evolutionären Sinn der älteste Teil. Es entwickelt sich im fötalen Stadium und ist schon bei der Geburt aktiv. Angesiedelt ist es im Hirnstamm, dicht über der Stelle, wo das Rückgrat beginnt und mit dem Schädel verbunden ist. Es versetzt das Baby in die Lage zu atmen, zu weinen, zu essen, zu schlafen und aufzuwachen, Kälte und Wärme wahrzunehmen, zu verdauen und auszuscheiden.
Dicht über dem Reptiliengehirn liegt der Hypothalamus. Beide zusammen nennt man das Kleinhirn und sie regeln das Energieniveau im Körper. Die Funktion von Herz und Lungen, das Hormonsystem und das Immunsystem werden durch diese Zusammenarbeit koordiniert. Gemeinsam sorgen sie für das Gleichgewicht in unserem Körper. Der medizinische Fachbegriff dafür heißt Homöostase. Alles, was von außen oder innen dieses Gleichgewicht stört, beeinflusst damit direkt dieses System.
Viele psychische Probleme sind mit körperlichen Beschwerden verbunden, die mit Schlafen, Essen und Berühren zusammenhängen. Dazu gehören zum Beispiel ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, Schlaflosigkeit oder übermäßiger Schlaf, eine zu träge oder zu schnelle Verdauung, ein unveränderliches Hunger- oder Sättigungsgefühl, die Abwehr von körperlicher Berührung oder ein fehlendes Empfinden für Intimität oder Zärtlichkeit.

Das limbische Gehirn liegt direkt über dem Reptiliengehirn. Diesen Teil nennt man das Säugetiergehirn. Alle Wesen auf der Erde, die ihre Jungen säugen und versorgen und in Gruppen leben, haben dieses Gehirn.
Die Entwicklung des limbischen Gehirns beginnt bei der Geburt und setzt sich bis zum sechsten Lebensjahr fort. Danach entwickelt es sich auf eine Art und Weise, die wir ›gebrauchsabhängig‹ nennen können. Dieses Gehirn ist der Sitz der Emotionen und des Messinstruments, das Gefahren wahrnimmt, Erfahrungen als angenehm oder unangenehm einordnet und bestimmt, ob wir ängstlich oder nervös werden. Auch, wie wir mit unserer Umgebung umgehen, mit wichtigen Bezugspersonen und dem, was für unser Überleben wichtig ist, wird hier festgelegt.
Das limbische System bildet einen Teil der Persönlichkeit. Es wird auf der Basis von genetischer Veranlagung geformt, aber auch in Reaktion auf unsere Erlebnisse. Unsere Erfahrungen als Fötus, Baby und Kleinkind schaffen gemeinsam die Basis für unsere Wahrnehmung der Welt.

Wie funktioniert dieses limbische Gehirn? Bessel van der Kolk beschreibt in seinem Buch Verkörperter Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann2, dass Neuronen (Nervenzellen), die gemeinsam feuern, sich miteinander zu neuronalen Netzwerken verbinden. So entsteht ein Schaltkreis, ein Muster von Leitungen. Wenn dieser Kreislauf wiederholt aktiviert wird, wächst ein emotionales Reaktionsmuster, das zu unserer ›Standardeinstellung‹ wird. Es ist die Verdrahtung für unser Leben.
Seit meinem Krankenhausaufenthalt als Baby war meine Standardeinstellung Angst und Unsicherheit, und das machte aus mir später ein unsicheres, ängstliches Kind.
Um es konkreter auszudrücken: Wenn wir uns geliebt und sicher fühlen, entstehen neuronale Schaltkreise, die uns genau das empfinden lassen, und so entwickeln wir Neugier und Lerneifer. Fühlen wir uns dagegen ängstlich und allein, bilden sich Schaltkreise und Netzwerke, die uns ständig Gefühle von Angst und Einsamkeit verschaffen. Als Baby und Kleinkind lernen wir von der Welt um uns herum: Wir ahmen sie nach. Hier bilden sich die limbischen Strukturen heraus, die mit Emotionen und Gedächtnis zu tun haben. Diese Strukturen verändern sich während des ganzen Lebens infolge von – guten oder schlechten – einschneidenden Erlebnissen und Erfahrungen.
Unser emotionales Gehirn, das limbische System, liegt im Herzen des Nervensystems und hat die wichtige Aufgabe, für unser Wohlbefinden zu sorgen. Wenn Gefahr droht, aber auch, wenn vielleicht die Liebe unseres Lebens vor uns steht, bilden wir in Bruchteilen von Sekunden Hormone. Diese Substanzen bringen uns dazu, wegzulaufen, anzugreifen oder zu erstarren, oder – im Fall der großen Liebe – sexuelle Erregung zu empfinden und dem anderen ganz nah sein zu wollen. Bis vor Kurzem wusste man nicht, dass diese Stoffe höchst süchtig machen können.
Wie bereits erwähnt, merkt sich der Körper alles, die negativen wie auch die positiven Erfahrungen. Die dabei entstehenden Hormone lösen innere Empfindungen aus und sorgen dafür, dass unsere Aufmerksamkeit sofort zur betreffenden Stelle gelenkt wird. Es gibt kein Entkommen. Körperlich und geistig können wir also von einem Augenblick zum anderen in eine komplett andere Richtung geschickt werden und völlig falsche oder auch wunderbar gute Entscheidungen treffen.
Das emotionale Gehirn zieht leider oft übereilte Schlüsse. Das liegt daran, dass die ankommenden Informationen undifferenziert beurteilt werden: Das vorprogrammierte Netzwerk aus Fliehen, Kämpfen oder Erstarren ist der einzige Weg aus der Situation. Diese automatischen, unbewusste Reaktionen unseres Körpers werden ohne Überlegung oder Planung aktiviert. Das limbische Gehirn arbeitet schneller als das rationale, kognitive Gehirn – der Neocortex –, der jüngste Teil in der Evolution des Menschen.

Der Neocortex ist unser ›Office Manager‹ und vor allem mit unserer Umwelt beschäftigt. Er will verstehen, wie die Dinge funktionieren, legt die Reihenfolge unserer Handlungen fest, weiß, wo wir hinmüssen und wie wir dorthin kommen.
Dieser Teil ist darauf programmiert, komplexe Handlungen auszuführen und zu beurteilen. Von unserem zweiten Lebensjahr an entwickeln sich die Stirnlappen, der präfrontale Cortex, die den größten Teil des Neocortex ausmachen. Erst nach dem 26. Lebensjahr sind sie voll entwickelt. Diese Stirnlappen unterscheiden uns vom Tierreich. Sie ermöglichen es uns, abstrakt zu denken, Sprache und Symbole zu verwenden, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu deuten, aber auch, Zusammenhänge herzustellen – dies macht unser Leben als Mensch so einzigartig. Neurowissenschaftler sprechen vom ›Sitz der Seele‹, oder auch vom ›Regisseur unseres Lebens‹. Die Stirnlappen versetzen uns in die Lage, uns ein Bild von der Zukunft zu machen, von dem aus wir die Wirklichkeit lenken und beeinflussen können. Sie sorgen für einen Überblick über unser Denken, Tun und Fühlen und dafür, dass wir uns ihrer bewusst sind und sie reflektieren können. Hier sitzen der Ursprung der Kreativität und auch die Empathiefähigkeit.
In den Stirnlappen befinden sich die Zellen, die unsere Spiegelneuronen bilden. Ein Spiegelneuron ist eine Nervenzelle, die das Verhalten, den Gemütszustand und die Absichten anderer Menschen wahrnimmt, speichert und bei Bedarf wiedergibt oder imitiert. Gut funktionierende Stirnlappen sind daher entscheidend, wenn wir intime und harmonische Beziehungen führen wollen.

Bei einer traumatischen Erfahrung wird der Stirnlappen, der präfrontale Cortex, als Reaktion auf eine Gefahr ausgeschaltet. Dadurch verliert er die Fähigkeit, relevante Informationen von irrelevanten zu unterscheiden. Je stärker das emotionale Gehirn reagiert, desto schwerer fällt es dem rationalen Gehirn, diesen Vorgang zu steuern. Das Gehirn ist ständig damit beschäftigt, eine angemessene Reaktion auf die Gefahr zu organisieren. Die fünf Sinne verschaffen ihm dabei die nötigen Informationen. Die Augen sehen, die Ohren hören, die Nase riecht, der Mund schmeckt, die Haut fühlt.
Diese Informationen gelangen über den Thalamus in das limbische System. Der Thalamus vermischt sie und gibt die Wahrnehmungen in zwei Richtungen weiter: an die Amygdala (die Alarmzentrale) tief im limbischen Gehirn und an den Stirnlappen. Der Weg zur Amygdala ist der schnellere, der Weg zum Stirnlappen dauert etwas länger.

Es geht dabei lediglich um einen Unterschied von Millisekunden, dennoch ist die Amygdala das erste Warnsystem. Ihre primäre Funktion besteht darin, festzustellen, ob eine Information Gefahr bedeutet oder nicht. Werden wir diese Situation überleben oder nicht? Nimmt die Amygdala eine drohende Gefahr wahr, sendet sie sofort ein Signal an den Hypothalamus und den Hirnstamm.
Das Stresshormonsystem und das autonome Nervensystem werden aufgefordert, körperliche Reaktionen in Gang zu setzen. Da die Amygdala die Informationen schneller verarbeitet als die Stirnlappen, trifft sie eine Entscheidung, bevor uns bewusst wird, was tatsächlich vorgeht. Es kann sogar sein, dass der Körper schon voll in Aktion ist, bevor wir richtig verstehen, was los ist. Die Signale der Amygdala sorgen für einen erhöhten Ausstoß der starken Stresshormone Cortisol und Adrenalin. Diese beeinflussen die Geschwindigkeit von Atmung und Herzschlag ebenso wie den Blutdruck. Dies geschieht zur Vorbereitung des Körpers auf Kampf oder Flucht.

Wenn sich zeigt, dass doch keine Gefahr besteht oder die Gefahr vorüber ist, kehrt der Körper schnell in seinen normalen Zustand zurück. Ist das nicht der Fall, arbeitet er in diesem Modus Operandi weiter, was sehr ermüdend und energieaufwendig ist. Letzten Endes kann der Körper dadurch ausbrennen. Das nennen wir dann Burnout.
Traumatische Ereignisse können unsere Fähigkeit, Gefahr und Sicherheit richtig einzuschätzen, schwer stören. Es kommt gewissermaßen zu einem Defekt im Überwachungssystem. Der Alarm schaltet sich zum falschen Zeitpunkt ein, meist viel zu früh. Das kann zu heiklen Situationen führen. So werden beispielsweise harmlose Ereignisse mächtig aufgeblasen, Scherze oder bestimmte Gesichtsausdrücke völlig falsch interpretiert, worauf Wutausbrüche und Weinkrämpfe folgen können. All das kann zu Isolation und Entfremdung führen. Stresshormone schaffen negative Emotionen, darunter Scham, Machtlosigkeit, Wut, Frustration, Unsicherheit, Schmerz, Hass, Trauer, Leid, Depression, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit.
Traumatische Erinnerungen werden anders gebildet und gespeichert als alltägliche Erinnerungen. Was geschieht eigentlich, wenn wir ein Trauma erleben und das Gehirn es nicht verarbeiten kann?
Einfach ausgedrückt, kann der Thalamus nicht alle Informationen annehmen und das Gehirn speichert nur einen Teil dessen, was geschehen ist. Traumatisierte Menschen erinnern sich meist nicht an das vollständige Erlebnis, sondern nur an spezifische Bilder, Geräusche und körperliche Empfindungen ohne Kontext. Bestimmte Gefühle wirken, durch die Funktion des impliziten Erinnerungssystems im Gehirn, als Trigger aus der Vergangenheit. Schließlich ist das Gehirn so verdrahtet, dass es anzeigt, was sicher und was gefährlich ist. In meinem impliziten Erinnerungssystem war die Verdrahtung auf Angst, Gefahr und Unsicherheit ausgerichtet.
Dieser Mechanismus kann zur Folge haben, dass ein bestimmter traumatischer Zwischenfall möglicherweise nicht als Geschichte, sondern als Sinneseindruck gespeichert wurde. Das kann ein bestimmter Geruch sein, ein Bild, ein Geräusch oder eine Berührung. Diese können alle plötzlich auftauchen und mit einem Schlag, vollkommen unerwartet und direkt den emotionalen Zustand aufrufen, der zu dem damit assoziierten traumatischen Vorfall gehört. Die so hervorgerufene Angst oder Unsicherheit liegt auf einer viel tieferen biologischen Ebene. So bringt der Geruch nach Krankenhaus – unser Riechorgan ist die kürzeste Verbindung zwischen dem Gehirn und der externen Welt – mich unmittelbar zurück zu meinem langwierigen Krankenhausaufenthalt als Baby.
Was bedeutet die Erkenntnis, dass eine traumatische Erinnerung ohne Zusammenhang codiert ist, für den Heilungsprozess? Wichtig ist hierbei, dass es bei posttraumatischem Stress nicht um die Vergangenheit geht, sondern vielmehr um einen Körper, der sich verhält und organisiert, als ob diese Erfahrung jetzt geschähe. Wenn ich mit Menschen arbeite, die traumatisiert sind, ist es für mich von entscheidender Bedeutung, dass sie lernen, wie ihr Körper heute reagiert. Die Vergangenheit ist nur so weit relevant, wie sie die heutigen Empfindungen, Gefühle, Emotionen und Gedanken hervorruft. In der Schilderung der Vergangenheit wollen wir einfach loswerden, wie schlimm das Trauma war, oder erklären, warum wir bestimmte Verhaltensweisen zeigen. Das wahre Problem besteht darin, dass das Trauma uns verändert hat: Wir fühlen uns dadurch anders und erleben bestimmte Gefühle anders. Bei meiner Arbeit erforsche ich zusammen mit den Klienten, wie das Trauma bei ihnen gelagert ist.
Ich erinnere mich an einen besonderen Zwischenfall bei einem Aufenthalt in den Tropen, als ich 19 Jahre alt war. Wir wurden vor großen schwarzen Skorpionen gewarnt, die nachts gern in Blusenärmel oder Hosenbeine kriechen. Eine ängstlich programmierte Person wie ich hörte diese Information besonders deutlich. Wir saßen gemütlich auf dem Balkon, mir wurde kühl und ich ging im Dunkeln in unsere Hütte, um meinen Pullover anzuziehen. Erst schob ich den linken Arm in den Ärmel, dann folgte der rechte Arm und als ich den Pullover über den Kopf ziehen wollte, fühlte ich etwas Weiches. Einen Sekundenbruchteil später schrie ich laut auf. Ein Skorpion!! Ich schrie und schrie und konnte meinen Pullover nicht mehr ausziehen. In Panik sprang ich hin und her und versuchte so, meine Arme aus den Ärmeln zu befreien.
Meine Reisebegleiterin kam herein, schaltete das Licht ein und half mir aus dem Pullover. Dabei kam ein schwarzes Frotteehaarband zum Vorschein, das am Tag zuvor offensichtlich in dem Ärmel stecken geblieben war. Kein Skorpion war zu finden. Mein Körper hatte allerdings sofort reagiert, mit erhöhter Atemfrequenz und schnellerem Puls. Mir schlug das Herz bis zum Hals, ich zitterte am ganzen Körper und hatte Schweißausbrüche. Klar denken war mir nicht möglich. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, ich blieb ängstlich und nervös. Erst am nächsten Tag flaute das Ganze ab. Meine Reisegefährtin gab mir die Rückmeldung, dass ich doch sehr übertrieben reagiert hätte. Sie fragte mich, ob ich da nicht etwas unternehmen müsste.
Im Rückblick auf diesen Vorfall weiß ich jetzt, dass wir nicht nur unbewusst reagieren, sondern auch, dass wir allein durch unser Denken eine Stressreaktion auslösen können. Der Gedanke an den möglicherweise vorhandenen Skorpion setzte meine Reaktion in Gang. Was danach geschah, hatte ich nicht mehr unter Kontrolle, ebenso wenig die Dauer der Stressreaktion. Wenn man den schlimmstmöglichen Fall antizipiert oder eine vergleichbare und daher einigermaßen vorhersagbare Erfahrung im Leben gemacht hat, an die man sofort zurückdenkt, übernimmt der Körper die Regie. In meinem Fall mit dem Skorpion war ich wieder einmal nicht in der Lage gewesen, meine Emotionen zu zügeln.
Übertragen auf die Arbeitsweise des Gehirns bedeutet dies: Die Amygdala funktionierte als Alarmsystem und der Stirnlappen als Kamera. Die Kamera überwachte die Situation und warf die rationale Frage auf, ob wirklich ein giftiger Skorpion in meinem Ärmel steckte und ich Gefahr lief, gebissen zu werden. Die Amygdala fragte sich das leider nicht. Bevor der Stirnlappen aber auch nur die Chance hatte, die Situation richtig zu beurteilen und einen Entschluss zu fassen, war mein Körper schon in höchster Alarmbereitschaft. Das ist das Unterbewusstsein in Aktion. Als ich im Nachhinein, auch dank der Hilfe meiner Freundin, keine Angst mehr spürte und erkannte, dass es sich um falschen Alarm gehandelt hatte, half der Stirnlappen, die Homöostase wieder herzustellen, und ich beruhigte mich nach und nach. Das ist ein Beispiel für das Unterbewusstsein in Aktion.
Wenn das Alarmsystem defekt ist, durch einen schwerwiegenden Verlust oder ein überwältigendes Erlebnis wie Vergewaltigung, Misshandlung, Vernachlässigung, einen schweren Unfall, Krieg, Krankheiten oder Verletzungen, dann sind wir unserem Reptiliengehirn und unserem limbischen Gehirn ausgeliefert. In dem Augenblick, in dem wir glauben, auch nur ein Anzeichen von Gefahr wahrzunehmen, wenn wir bestimmte Empfindungen spüren oder einen missbilligenden Gesichtsausdruck zu sehen glauben, geraten wir automatisch in den Kampf- oder Fluchtreflex. Die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren und Impulse zu beherrschen, wird dadurch ausgeschaltet. Die Emotionen übernehmen unkontrolliert die Regie und bestimmen unser Handeln, weil der Körper in derselben Realität lebt, in der das tatsächliche Ereignis damals stattgefunden hat. Hierauf gehe ich später im dritten Bereich ausführlicher ein.
Wenn meine Reisebegleiterin damals ebenso ängstlich gewesen wäre wie ich, hätten wir wahrscheinlich miteinander um die Wette geschrien. Weil sie so ruhig blieb, konnte ich den Zwischenfall besser und schneller verarbeiten. Ich habe allerdings auch Situationen erlebt, in denen ich andere mit in meine Ängste zog. Meist hatten sie selbst in der Vergangenheit eine vergleichbare unangenehme Erfahrung gemacht. Auf der Beziehungsebene ist dies eine Quelle von Problemen und Missverständnissen.
Emotionen sind wichtig, weil sie unseren Erfahrungen Bedeutung geben. Sie bilden das Fundament unseres Denkens. Unser rationales Gehirn, mit dem wir denken, und das limbische Gehirn, mit dem wir fühlen, erzeugen gemeinsam das Fundament unserer Persönlichkeit. Anschließend erschafft dann unsere Persönlichkeit unsere Realität. Wenn die beiden Gehirne miteinander im Gleichgewicht sind, spüren wir unseren inneren Kern und sind ruhig und entspannt, zufrieden mit unserer Persönlichkeit.
Wenn wir von Emotionen überflutet werden, wissen wir, dass ihr Ursprung in den Spannungen in den tieferen Gehirnschichten liegt, die unsere Wahrnehmung und das Bewusstsein steuern. Wenn das Alarmsystem im limbischen Gehirn ständig anschlägt und sich das für uns jedes Mal wie eine Gefahr anfühlt, dann haben die Versuche anderer Menschen, uns zur Einsicht zu bringen oder mit uns darüber zu sprechen, keine Chance. Der Empfang verläuft ausschließlich über das Fühlen und das Sammeln neuer Erfahrungen, denn der Körper ist zum Gehirn geworden
Mein Leben lang musste ich lernen, mit dieser emotionalen Struktur und den neuronalen Netzwerken umzugehen, mit meiner ›Verdrahtung‹ sozusagen. Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, wo meine Ängste herkamen, ebenso wenig, warum ich so überwachsam und angespannt war, warum ich kaum jemanden vertraute, warum mir Freundschaften schwerfielen und warum ich manchmal explodierte oder ungeduldig wurde. Mithilfe der Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften verstehe ich jetzt besser, wie das Gehirn auf traumatische Erfahrungen reagiert. Es ist ein Kampf, der größtenteils im Körper ausgetragen wird: in den Organen, den Muskeln und im Nervensystem.
3. Emotionen:
Herz und Gehirn in Aktion
In jahrelanger Selbsterforschung entdeckte ich,
dass unser Gefühl von Wohlbefinden größtenteils
durch unsere Beziehungen und unsere Fähigkeit
bestimmt wird, diese Beziehungen,
wenn nötig, wiederherzustellen.
Das Potenzial, eine andere Person oder uns selbst
zu zerstören, ist genauso groß wie das,
uns oder jemand anders zu heilen.
Wir haben die Möglichkeit, den Körper zu regulieren
und Veränderungen in unserer äußeren Umgebung
vorzunehmen.
Wir sind aktiv an unserer Heilung beteiligt.
Die Frage ist jedoch: Sind wir bereit,
unsere eigene Kraft kennenzulernen?
Wie ich im vorhergehenden Kapitel beschrieben habe, geben Emotionen allem, was wir tun, Form und Richtung. Das Wort ›Emotion‹ kommt vom lateinischen ›emovere‹, was ›nach außen bringen‹ bedeutet. Emotionen werden durch unseren Körper ausgedrückt: mit Hilfe unserer Muskeln (z.B. Kopf-, Arm- und Beinhaltung) und dabei insbesondere durch unsere Gesichtsmuskulatur. Gesichtsausdruck und Körperbewegung geben anderen Menschen Einblick in unseren mentalen Zustand und unsere Absichten. Wenn wir böse schauen und uns erregt verhalten, reagiert die andere Person darauf möglicherweise, indem sie sich zurückzieht. Sind wir bedrückt, lädt das oft zu Fürsorge und Aufmerksamkeit ein. Angst warnt vor Gefahr.

Normalerweise sind wir intuitiv in der Lage, die Emotionen und die Haltung einer anderen Person zu ›lesen‹. Das tun wir, indem wir wahrnehmen, ob jemand angespannt oder entspannt ist und wie er sich verhält. Auch Ton und Klangfarbe der Stimme spielen hierbei eine Rolle. All dies gehört zur nonverbalen Kommunikation, zum Austausch von zwischenmenschlichen Botschaften mit Hilfe von nichtsprachlichen Signalen und Zeichen. Ohne Worte. Auch wer nichts sagt, kommuniziert ständig, weil unsere Gefühle permanent eingeschaltet sind.
Gefühle sind die Sprache des Körpers. Über die Körpersprache senden wir – zumeist vollkommen unbewusst – fortwährend Nachrichten aus. Zur nonverbalen Kommunikation gehören Haltung, Gestik, Mimik, Intonation, Blickkontakt und Atmung. Es geht dabei nie um richtig oder falsch, sondern vor allem darum, uns bewusst zu machen, dass wir immer etwas ausstrahlen, auch wenn wir nichts sagen – sei es beabsichtigt oder nicht.
Emotionen regen zum Handeln an. In der Evolutionsgeschichte sollte dieses Handeln Gefahren vermeiden, ihnen entkommen und eine Überlebenschance sichern. Wenn unser Körper im Überlebensmodus feststeckt und alle Energie auf den Kampf gegen unbewusste Feinde gerichtet ist, bleibt jedoch kein Raum mehr für Kreativität. Emotionen übernehmen dann die Regie und bestimmen unser Handeln, weil der Körper in derselben Wirklichkeit lebt wie das tatsächliche, belastende Erlebnis von früher.
Emotionen berühren das physische Herz, das über einen wichtigen Nerv reagiert: den Nervus vagus. Diese ›Leitbahn‹ ist direkt mit der Magengegend, dem Darm, dem Herzen und der Lunge verbunden. Er spielt eine wichtige Rolle bei Steuerung und Ausdruck von Emotionen. Die folgenden Sätze illustrieren den Zusammenhang von Körper und Emotionen: »Das schlägt mir auf den Magen«, »Es zerreißt mir das Herz« oder »Ich ersticke an meinen Gefühlen«.
Emotionen werden über das Herz im Körper gefühlt und anschließend im Kopf registriert. Solange wir die Emotionen im Kopf wahrnehmen können, ist alles in Ordnung, denn dann haben wir sie noch im Griff. Wenn allerdings das Herz nach einem Verlust gebrochen ist, wenn uns ein überwältigendes Ereignis einen Schlag in die Magengrube versetzt oder der Schreck uns bei einem ernsten Zwischenfall den Atem nimmt, wollen wir unbedingt alles unternehmen, um diese unangenehmen Gefühle zu beenden. Das ist nur logisch.
Nach dem Tod meines zweiten Mannes klammerte ich mich an eine neue Beziehung. Etwas später verstärkte ich mein Nicht-Fühlen-Können durch Alkohol und Drogen. In meiner Jugend hatte ich diesen Kreislauf schon einmal durchlaufen. Heute sehe ich dies als einen Versuch, dem unerträglichen körperlichen Schmerz der Emotionen zu widerstehen. Weil der Schmerz der Ereignisse nicht nur ein Trauma für Herz und Seele darstellt, sondern sich auch als Schmerz im Körper äußert, versuchen wir, den Körper zu betäuben.
Die Reaktionen Kampf, Flucht oder Erstarren stehen mit dem autonomen Nervensystem in Zusammenhang. Dieses besteht aus zwei Teilen, die eng zusammenarbeiten: das sympathische und das parasympathische Nervensystem.
Das sympathische Nervensystem reagiert auf Emotionen und ermöglicht schnelles Handeln, indem es Blut zu den Muskeln leitet, nachdem die Nebennieren das Signal erhalten haben, Adrenalin auszuschütten. Adrenalin erhöht den Blutdruck und den Puls, damit wir kämpfen oder fliehen können. Das parasympathische Nervensystem regt Funktionen an, die auf Selbsterhaltung gerichtet sind, zum Beispiel Wundheilung und Verdauung. Dieses System wirkt eigentlich ›gegen Emotionen‹. Man könnte das eine System das Gaspedal und das andere die Bremse nennen. Der Magen kann sich buchstäblich aufregen und daraufhin verschwindet der Appetit.
Das parasympathische Nervensystem sorgt dafür, dass wir den Neurotransmitter Acetylcholin herstellen. Dieser verlangsamt den Puls und bewirkt, dass die Muskeln sich entspannen. Bei jeder tiefen Einatmung aktivieren wir das sympathische Nervensystem, langsames Ausatmen wiederum stimuliert das parasympathische Nervensystem. Über die Atmung können wir unseren Puls verlangsamen oder beschleunigen – und die Stressreaktion beenden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Untersuchung des amerikanischen HeartMath Institute von 1991, die den Zusammenhang zwischen Emotionen und Herzratenvariabilität (HRV) bestätigt. Sie haben mithilfe von Messungen die HRV ‒ die Zeitintervalle zwischen Herzschlägen ‒ untersucht. Was kam dabei heraus? Unser Herzrhythmus verändert sich ständig und die HRV zeigt, wie hochempfindlich das Herz auf emotionale Veränderungen reagiert. Die HRV zeigt auch, ob ein kohärenter Herzrhythmus vorhanden ist, und liefert wichtige Informationen über unsere Resilienz und Vitalität.
Die Informationen zu der HRV lassen sich auf zwei Arten nutzen: zur Diagnostik und als Feedback. Die Diagnostik dient vor allem der wissenschaftlichen Forschung, das Feedback dagegen der jeweiligen Person selbst.

Durch ruhiges Ein- und Ausatmen und beim Fühlen einer positiven Emotion zeigt die HRV ein harmonisches Muster. Das liegt daran, dass hier Atmung und Puls aufeinander abgestimmt sind. Atem, Emotionen und Gefühle wirken sich also auf den Herzrhythmus aus. Das Ausmaß, in dem das stattfindet, ist bei jedem Menschen anders. Dieses Feedback bringt uns schnell Erkenntnisse über unsere eigene Physiologie. Yogis in Indien haben gezeigt, dass sie beide Nervensysteme allein durch ihre Atmung beeinflussen können. Viele Meditationen beginnen damit, ein langsames Ausatmen zu üben. Darauf komme ich später, im Bereich über den intelligenten Körper, zurück.
Emotionen erzeugen einen Erregungszustand und damit eine erhöhte Wahrnehmung im Körper und lassen uns dadurch fühlen, dass wir leben. Es gibt zwei Arten von Emotionen: Die erste kostet uns Energie, die zweite schenkt uns Energie. Zur ersten Sorte von Emotionen gehören Wut, Angst, Ohnmacht, Scham, Schuld, Trauer, Hass, Misstrauen und Eifersucht. Sie alle sorgen für Erregung in unserem Körper. Zur zweiten Gruppe gehören Emotionen wie Dankbarkeit, Liebe, Mitgefühl, Empathie und Vergebung. Sie schenken uns körperliche Ruhe.
Es ist bekannt, dass Menschen weniger schnell von Schmerz und Trauma überwältigt werden, wenn sie gut in soziale Strukturen eingebettet sind und sich in ihren Beziehungen zu anderen stark verbunden, sicher und geliebt fühlen. Als traumatisierter Mensch war man in der Vergangenheit leider meist jemandem oder etwas ausgesetzt, der oder das schweren Schaden verursacht hat. Wir sind dann derart verletzt, dass wir nicht nur damals unmöglich entkommen konnten, sondern auch später nicht.
Wenn wir in einer überwältigenden, traumatischen Erfahrung gefangen wurden, in der wir nicht sofort etwas unternehmen konnten, wurde der natürliche Kampf- oder Fluchtreflex des emotionalen Gehirns behindert. Dass wir nicht den Weg aus diesem Trauma wählen, sondern stattdessen aufgeben, ist eine natürliche Überlebensreaktion. Dies kann zu Dissoziation führen und sorgt dafür, dass diese Erfahrungen abgespalten und im Lauf des Lebens zerkleinert werden. Bei frühkindlicher Traumatisierung äußert sich das häufig in Form von Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensschwierigkeiten in späteren Jahren. Wir bleiben oft unbewusst hängen, zum Beispiel in der Angst, die uns vertraut ist, und daher gehen wir in höherem Alter keine neuen Risiken mehr ein.
Ob jung oder alt, wir alle schütten bei Verletzungen mehr Stresshormone aus als üblich. Später kann dies zu extremer Unrast oder auch zum Zusammenbruch führen. Wir erzeugen diese Stresshormone nämlich weiter, auch wenn die Gefahr längst vorüber ist.
Normalerweise wechselt unser Stresshormonsystem nach einer superschnellen Reaktion auf eine Gefahr genauso geschwind zurück in seinen Normalzustand, sobald die stressbehaftete Situation wieder vorbei ist. Bei Menschen mit einer chronischen Stressstörung aufgrund eines traumatischen Erlebnisses wurde jedoch festgestellt, dass das Stresshormonsystem sein Gleichgewicht nicht mehr findet. Auf lange Sicht gerät somit der ganze Körper aus der Balance. Wir leben nicht mehr, sondern überleben nur noch, da die emotionalen Reaktionen immer wieder getriggert und durchlebt werden.
In den letzten Jahren zeigte die neuropsychiatrische Forschung immer klarer, dass chronischer Stress eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Depressionen und möglicherweise sogar von Demenz spielt. Der Neurobiologe Paul Lucassen schreibt über die Auswirkungen auf das Gehirn: »Bei Depressionen, Demenz und auch bei Angststörungen und Schizophrenie beobachten wir Wissenschaftler eine Schrumpfung der präfrontalen Hirnrinde und des Hippocampus und dem gegenüber ein Wachstum der Amygdala. Außerdem zeigt sich eine Funktionsstörung dieser Gehirnbereiche.«3

Vor allem drei Gehirnbereiche leiden stark unter Stress. Zunächst ist da der präfrontale Cortex, der Bereich hinter der Stirn, mit dem wir Regie über unser Leben führen. Er ist sozusagen der Regisseur unseres Gehirns. Unter chronischem Stress treten in diesem Bereich bei vielen ausführenden Funktionen Lücken auf, die uns behindern, wenn wir planen, Prioritäten setzen, Angst und Panik im Zaum halten und angemessen auf unerwartete Zwischenfälle reagieren wollen.
Lucassen ist der Ansicht, dass sich unter chronischem Stress in weiten Teilen des »präfrontalen Cortex die Ausläufer von Gehirnzellen, die sogenannten Dendriten, zurückziehen. Auch die Verzweigungen dieser Ausläufer werden kürzer oder verschwinden, und dadurch verlieren die Gehirnzellen den Kontakt miteinander.« Infolgedessen funktioniert dieser Gehirnbereich nicht mehr richtig, was unter anderem zu chaotischeren Plänen, nicht regulierten Emotionen und Konzentrationsmangel führt.
Ein zweiter Gehirnbereich, der Hippocampus, schrumpft bei langanhaltendem Stress. Er ist der Mittelpunkt unseres Gedächtnisses und reguliert unsere Stimmung und unsere Reaktion auf Stress. Versuchstiere und Menschen, die unter chronischem Schlafmangel oder Depressionen leiden, haben einen kleineren Hippocampus. Ein schwaches Gedächtnis ist die Folge, aber auch mangelhafte Erholung unseres Körpers nach einem stressigen Zwischenfall. Dieser Teil des Gehirns regelt nämlich auch das Absenken des in die Höhe geschossenen Stresslevels. Funktioniert er nicht richtig, entsteht ein alles untergrabender Teufelskreis.
Zum Schluss folgt als drittes die Amygdala, ein etwa mandelgroßer Gehirnbereich, mit dem wir Gefahr signalisieren und unser Verhalten entsprechend anpassen – meist in Form von Angst oder Aggression. Bei chronischem Stress reagiert die Amygdala genau umgekehrt im Vergleich zum Hippocampus: Es bilden sich mehr Ausläufer und Verzweigungen an den Gehirnzellen. Menschen und Tiere, bei denen dies geschieht, reagieren ängstlicher oder aggressiver. Bei Menschen mit einer Angststörung oder einer schweren Depression ist die Amygdala oft hyperaktiv und nimmt an Umfang zu.
Insbesondere einschneidende Erlebnisse in der Jugend – zum Beispiel der Verlust eines Elternteils, schwere Vernachlässigung und Misshandlung oder Missbrauch –, machen Menschen anfällig für Depressionen und Angststörungen. Das Durcheinander im Stresssystem ist in diesen Fällen schwerwiegend und hartnäckig. Etwas Spannung gehört zum Leben, aber chronischer Stress kann das Gehirn stark in Unordnung versetzen und es gelingt dann nicht mehr, die Stresshormone auf ein Ruhelevel zu bringen.
Wenn immer neue unangenehme Erlebnisse in unser Leben dringen, bleibt zu wenig Zeit, damit die Stresshormone wieder auf ein normales Level sinken können. Hier handelt es sich um giftigen, unkontrollierbaren Stress, bei dem das Stresssystem entgleist.

Starke Angst und großer Stress können sich so anfühlen, als ob wir unseren Körper kurz verlassen. Das stört wiederum die Funktion des Gedächtnisses. Wer sich in seinem Körper nicht wohlfühlt, erinnert sich schlecht und fühlt anders.
Wie findet man heraus, ob jemand nicht in seinem Körper zu Hause ist? Wie bereits beschrieben, kann es sein, dass Menschen sich bei einschneidenden emotionalen Erlebnissen der Wirklichkeit entziehen. Sie sind dann einfach mal weg und erinnern sich später nicht mehr an das, was geschehen ist. Der schwedische Gehirnforscher Henrik Ehrsson hat mit einem Versuch an Studenten gezeigt, dass Erinnerungen schlechter gespeichert werden, wenn sich jemand stärker von sich selbst losgelöst fühlt. Auf Gehirnscans war zu sehen, dass die Aktivität des Hippocampus – dort werden Erinnerungen an persönliche Ereignisse gespeichert – deutlich verändert war, wenn die Studenten Erinnerungen an Situationen hervorholten, die sie ›außerhalb ihres Körpers‹ erlebt hatten.
Mit einer speziellen 3D-Brille verschob Ehrsson das Ich-Gefühl seiner Testperson (129 Studenten) an einen Ort außerhalb ihres Körpers. Ein Professor unterhielt sich mit den Studenten, während sie sich entweder außerhalb ihres Körpers fühlten oder ganz normal in ihm anwesend waren. Diese Person stellte Fragen zu drei Themenbereichen, zu denen die Studenten vorher Texte zu lesen bekommen hatten: Poesie, Gehirnforschung und Mechanik. Zwischendurch wurde über Versagen oder über die Bedeutung von Wissen gesprochen. Auf diese Art hinterließ das Ereignis besonders viel Eindruck bei den Studenten.
Der Professor war ein Schauspieler, aber das wussten die Teilnehmer nicht. Der Schauspieler wiederum wusste nicht, ob die Testpersonen in ihrem Körper waren oder nicht. Eine Woche später mussten die Testpersonen so detailliert wie möglich erzählen, woran sie sich erinnern konnten. Wie der Raum aussah, was dort geschah, was der Professor sagte, wie sie sich fühlten.
An die Erlebnisse, die sie außerhalb ihres Körpers erfahren hatten, erinnerten sich die Studenten signifikant weniger (42 %). Das lag nicht daran, dass sie abgelenkt waren.
Unter Stress werden zwei Hormone ausgeschüttet, die sehr unterschiedlich auf das Gehirn Einfluss nehmen: Cortisol und Adrenalin. Der Hippocampus hat Rezeptoren, die auf Cortisol reagieren. Dies erschwert die Aufnahme und Integration einer Erinnerung. Wenn die Stressreaktion lange genug anhält, kann Cortisol sogar toxisch auf das Gehirn wirken und die Gedächtnisfunktion schwer schädigen. Adrenalin wiederum hat einen ähnlichen Einfluss auf die Funktion der Amygdala, sodass bestimmte Erinnerungen sogar verstärkt werden.
Die Kombination von Emotionen bei einem einschneidenden, überwältigenden Erlebnis sorgt dafür, dass wir uns ganz anders fühlen als zu ›normalen‹ Zeiten, da das innere chemische Gleichgewicht grob gestört wird. Hält diese Störung zu lange an, werden wir mitunter körperlich krank. Wann dieser Punkt erreicht ist, lässt sich nicht vorhersagen. Das Gehirn hat riesige Speicherkapazitäten und merkt sich bestimmte einfache Handlungen, Fertigkeiten, Haltungen, emotionale Reaktionen, unbewusste Reflexe und Verhaltensweisen. Alles wird abgespeichert: alle Arten von gelernter Information sowohl aus dem Denken (Neocortex) als auch aus dem Erleben (limbisches/emotionales Gehirn).
Gehirnforscher nennen dies das nicht-deklarative Gedächtnis. Wir haben etwas schon so oft getan, dass es zur zweiten Natur geworden ist. Wir brauchen nicht mehr darüber nachdenken, weil es vollständig mit uns verwoben ist.
Während der Dissoziation sind wir im wörtlichen und übertragenen Sinn für kurze Zeit an einem anderen Ort oder eine andere Person, ähnlich wie im Film K-PAX (2001) des Regisseurs Ian Softley mit Hauptdarsteller Kevin Spacey. In diesem Film behauptet der Protagonist, von einem anderen Planeten zu stammen, wo man äußerst liebevoll, respektvoll und gleichberechtigt miteinander umgeht. Als er in New York am Grand-Central-Bahnhof entdeckt wird, ist es allen ein Rätsel, was mit ihm los ist. Er erzählt, er heiße Prot und stamme vom Planeten K-Pax. Daraufhin wird er in eine psychiatrische Einrichtung gebracht, wo ein interessierter Psychiater die Frage zu untersuchen beginnt, ob er wirklich von einem anderen Planeten oder psychotisch ist. Während Prots Klinikaufenthalts geschehen seltsame Dinge mit den Menschen auf der Station und er inspiriert alle um ihn herum, das Beste aus sich zu machen.
Erst am Ende des Films erkennen die Zuschauer, dass der Protagonist aufgrund von Trauer innerlich völlig zerbrochen ist. Eines Tages war er von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte seine Frau und seine beiden Töchter ermordet in ihrem Haus vorgefunden. Daraufhin verließ er diese Wirklichkeit.
Im Film ist gut zu sehen, wie Dissoziation funktioniert. Der Mann irrt umher und ist geistig und emotional nicht mehr anwesend. Er erzählt allen, er sei ein Wesen von einem anderen Planeten. Der Film zeigt außerdem, dass der Körper noch lange weiter normal atmet, verdaut und Zellen erneuert und einfach so tut, als ob nichts wäre. Und ebenso, dass die Umwelt oft vor einem Rätsel steht, wenn es um die Frage geht, was tatsächlich vorgeht.
Bei der Erstarrungsreaktion geschieht etwas Besonderes und zugleich für unser Bewusstsein sehr Komplexes und Verwirrendes. Der Körper reagiert dabei auf zwei Systeme, die gleichzeitig aktiviert werden. Wir bremsen sozusagen mit dem einen Fuß und geben mit dem anderen Gas. Wenn wir das im Auto tun, wissen wir, was die Folge ist: Der Motor brennt durch.
In der Erstarrungsreaktion werden das sympathische und das parasympathische Nervensystem gleichzeitig aktiviert. Das sympathische Nervensystem bereitet den Körper auf die Flucht vor, das parasympathische Nervensystem sorgt dafür, dass sich der Herzschlag verlangsamt, der Atem stockt, die Muskeln erschlaffen und der Stoffwechsel herunterfährt. Anschließend werden Endorphine freigesetzt, sodass wir keinen Schmerz spüren und uns sogar ganz ausschalten können. Wir sind damit aus dem Jetzt herausgetreten, die Dissoziation ist vollständig. In diesem Augenblick haben wir unsere Fähigkeit, ein Problem zu lösen, völlig verloren. Ein Kurzschluss ist aufgetreten.
Die beiden entgegengesetzten Bewegungen in unserem Inneren sorgen dafür, dass wenn wir aus der Erstarrung zurückkehren und das Bewusstsein wiedererlangen, langsam erkennen, was geschehen ist. Wir haben allerdings inzwischen einen großen Teil der Erinnerungen verloren. Wir wissen, dass etwas Schwerwiegendes geschehen ist, kommen aber nicht darauf, was genau. Verwirrung ist die Folge. Die Erstarrungsreaktion kommt oft bei Menschen vor, die schon in jungen Jahren traumatisiert wurden und in der Kindheit eine chaotische Bindung erlebt haben.

Der Adrenalinschub, den wir bekommen haben, kann allerdings auch umgekehrt wirken. Wir können danach süchtig werden, ohne uns dessen bewusst zu sein. Durch diesen Kick fühlen wir uns lebendig. Unbewusst beginnen wir, die Probleme in unserem Leben – nachteilige Umstände, negative Beziehungen und traumatische Erlebnisse, Abhängigkeit von Drogen, Alkohol, Medikamenten, Spielen, Zigaretten und Sex, ungesunde Ernährung, Schulden, Arbeitslosigkeit oder unangenehme Arbeit –, mit dem Adrenalinschub zu assoziieren. Nur er gibt uns schließlich das Gefühl, dass wir leben. Mit der Zeit gewöhnen wir uns so stark an die Stresssubstanzen und die negativen Emotionen, die sie hervorrufen, dass diese Bestandteil unseres Alltags werden. Fertig ist der Teufelskreis.
Der große Nachteil dabei ist, dass diese Substanzen stark süchtig machen und uns so in unseren nachteiligen Umständen festhalten. Das nennt man Übererregtheit. Immer wieder taucht ein neuer negativer, vernachlässigender Partner auf und wir schaffen es nicht, die Abhängigkeit von Drogen, Alkohol, Zigaretten, Glücksspiel oder Sex zu durchbrechen. Die Schwierigkeiten bleiben und die Geschichte scheint sich ständig zu wiederholen. Hier müssen wir wissen, dass unser Körper auf eine solche Zukunft konditioniert ist, basierend auf den Erfahrungen aus der Vergangenheit und den dazugehörenden Stress-Substanzen. Unser Körper lebt jedes Mal aufs Neue in derselben Realität.
Wenn wir von Stress-Substanzen gesteuert werden, haben uns unsere selbst geschaffenen Umstände fest im Griff und erhalten unsere volle Aufmerksamkeit. Wir werden egozentrisch, entwickeln Selbstmitleid oder werden genusssüchtig. Aus manchen Opfern werden dabei Täter. Wenn wir nach Emotionen süchtig sind, die uns eigentlich nur helfen zu überleben, ist der Entzug schwierig. Hier liegt in vielen Fällen die Ursache von Selbstvernichtung oder der Vernichtung anderer. Eine Sucht kann man nicht einfach ablegen.

Negative Emotionen Positive Emotionen
Emotionen setzen bestimmte Stoffe frei. Candace Pert zeigt in ihrem Buch Moleküle der Gefühle4, wie unsere interne Chemie in Form von Neuropeptiden und ihren Rezeptoren die biologische Grundlage für unser Bewusstsein bildet und wie sie sich als Emotionen, Überzeugungen und Erwartungen manifestiert – und so unser Erleben und unsere Reaktion auf die Welt stark beeinflusst. Der Nachweis von Peptiden im Körper führte zu einem grundlegenden Richtungswechsel in der modernen Medizin. Bis zu dieser Entdeckung war man der Ansicht, dass diese Stoffe nur im Gehirn vorkämen und nannte sie daher ›Neuropeptide‹.
Perts Forschung zeigt, wie wichtig das Zusammenspiel von Immunologie, Endokrinologie, Neurophysiologie, Psychologie und Biologie ist. Sie entwickelte eine umfassende Theorie dazu, wie unsere Gedanken und Emotionen in der Lage sind, sowohl Krankheit als auch Gesundheit in unserem Körper zu erschaffen.
Perts Entdeckung, dass an allen Systemen im Körper Neuropeptide und Rezeptoren beteiligt sind, wurde zur Grundlage für einen neuen Zweig der Wissenschaft, der Psychoneuroimmunologie (PNI). Ausgangspunkt der PNI ist, dass alle unsere Organe und Organsysteme auf biochemischer Ebene mithilfe von Molekülen, die Informationen übertragen – den Neuropeptiden –, miteinander kommunizieren. Sie stehen also ständig in Kontakt. Das spielt eine bedeutende Rolle bei der Entstehung und Erhaltung von Krankheit oder Gesundheit. Pert trat für eine Veränderung der etablierten Theorien zu psychosomatischen Krankheiten ein – du bist ein Herz-und-Gehirn-Phänomen!
Wissenschaft und Medizin waren jahrhundertelang davon überzeugt, dass Gedanken und Emotionen ihren Ursprung ausschließlich im Gehirn haben und keine Auswirkung auf den Körper und seine Gesundheit haben. Pert zeigt, dass Emotionen und Gedanken unter dem Einfluss der Neuropeptide – den ›Gefühlsmolekülen‹ – aus dem Körper aufsteigen und durch den frontalen Cortex im Gehirn in Geschichten und Ideen umgesetzt werden, die zu unseren Erwartungen, Überzeugungen und anderen Filtern passen.
Ihre Theorie untermauert verschiedene westliche ›alternative‹ Therapiemethoden in ihrer Sicht auf Krankheit, Gesundheit und Heilung. Daneben weist sie überraschend viele Übereinstimmungen mit der östlichen Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit auf, die besagt, dass der wichtigste Grund für Krankheiten im falschen Umgang mit Emotionen liegt. Im Jahrtausende alten Ayurveda zum Beispiel – einer traditionellen Heilmethode aus Indien – steht die in beide Richtungen funktionierende Verbindung zwischen Körper und Geist im Mittelpunkt.
Um 1980 kam ich über den niederländischen Psychiater Jan Foudraine (1929-2016) erstmals mit diesen anderen Erkenntnissen in Kontakt. Jan Foudraine war nicht nur Psychiater, sondern auch Psychotherapeut und Publizist und zudem unter dem Namen Swami Deva Amrito bekannt. Er gab an unserer Akademie eine Lesung aus seinem soeben erschienenen Buch Wer ist aus Holz?5 Seine Vision berührte mich.
Foudraine war ein Schüler des indischen Philosophen Sri Mohendra Rajneesh (später Osho genannt) und betrachtete die Psychiatrie immer stärker aus einer mystischen, philosophischen Perspektive. Er trat schon damals für mehr Fühlen und Sprechen und weniger Medikamente ein, für stärkeres Hören auf den Körper und auf das Zuhören der wahren Geschichten. Foudraine brachte mich zum ersten Mal mit körperorientierten Therapien und Meditation in Kontakt.
Angst, Schmerz, Schuld und Wut führen zu spezifischen, erkennbaren Reaktionen und erschaffen verschiedene Seinszustände. Idealerweise hat eine emotionale Reaktion einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Nach einem schmerzhaften oder überwältigenden Erlebnis folgt ein Zeitraum, in dem diese Reaktion anhält, die so genannte Refraktärzeit. In dieser Refraktärzeit beginnt der Körper, chemisch zu reagieren.
Jede Emotion hat eine spezifische chemische Zusammensetzung im Körper. Emotionen können uns die Vorstellung geben, dass das, was wir fühlen, wahr ist. Ich war mir wirklich sicher, dass ein Skorpion in meinem Ärmel steckte (Kapitel 2, Seite 63) und dass ich das Tier gespürt hatte.
Bleibt solch eine emotionale Reaktion über kurze Zeit erhalten, nennt man das eine Stimmung. Die Stimmung kann schwanken zwischen Wut und Trauer, zwischen Hass und Eifersucht, zwischen Angst und Panik, oder zwischen Fröhlichkeit und Überschwang. Dauert eine Emotion allerdings lange, dann wird sie meist zum Teil unsere Persönlichkeit. Dann sagen wir zueinander: »Diese Person hat einen ausgesprochen wütenden oder ängstlichen Charakter.«

Solange etwas nicht verarbeitet ist, bleiben die Stresshormone, die der Körper ausschüttet, um sein Leben zu retten, infolge von anhaltenden emotionalen Reaktionen und Verteidigungsmechanismen im Kreislauf. Der Stirnlappen – die Kamera, die Ausschau hält –, schaltet auf ›schwarz‹. Bei schweren Traumata spalten sich Erfahrungen ab, sodass Emotionen, Gedanken, körperliche Wahrnehmungen, Bilder, Gerüche und Geräusche ein Eigenleben führen.
Wenn ich als Kind in ein Krankenhaus kam, nahm ich sofort einen bestimmten Geruch wahr und fühlte eine Empfindung, die ich nicht gleich einordnen konnte. Mir wurde auf der Stelle schlecht und ich bekam beklemmende Angst. Das Atmen fiel mir schwer und mein Bauch tat weh. Als ich acht Jahre alt war, wurde ich mit diesen Magenschmerzen sogar akut ins Krankenhaus aufgenommen, nachdem ich mit meinem Vater einen kranken Onkel besucht hatte.
Zehn Jahre später machte ich als Pflegeschülerin ein Praktikum auf einer Kinderstation. Während dieser Zeit wurde ich sehr traurig und ertrug es überhaupt nicht, die kranken Kinder stechen zu müssen oder sie auch nur zu sehen. Ich spürte, dass es einen Zusammenhang mit meinem eigenen, langwierigen Krankenhausaufenthalt als Baby gab. Viele Jahre später entdeckte ich, wie solch schmerzhafte und unangenehme Erfahrungen abgespaltet im Unterbewusstsein feststecken.
Kinder mit Verhaltensproblemen und Wutausbrüchen bekommen oft schon in jungen Jahren viel Aufmerksamkeit. Es gibt allerdings auch Kinder, die wie betäubt sind und die man kaum wahrnimmt. Man merkt bei diesen ›abwesenden‹ Kindern, dass die Trennung zwischen dem Gefühl und dem Selbst vollkommen verschwunden ist. So ein Kind war ich. Ich schaltete ab. Kam zu nichts. Viele Behandlungsmethoden zielen leider darauf, jemanden weniger empfindsam für seine Vergangenheit zu machen. Aber was ist, wenn man sich sowieso an nichts erinnern kann?
Sinnliche Erinnerungen können sich uns bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit im Hier und Jetzt aufdrängen. Wir erleben sie dann so, als ob sie erneut stattfinden würden. Es sind Rückblenden in die Vergangenheit und damit eine Wiederholung des damaligen Erlebens. Die Gehirnstrukturen, die uns damals im Stich ließen, werden auch im Hier und Jetzt noch angesprochen, und wir haben keine Ahnung, warum wir auf etwas völlig ›Normales‹ wie einen Besuch im Krankenhaus so reagieren. Ähnliches erlebe ich seit dem Selbstmord meines Mannes, wenn ich einen Film sehe, in dem jemand von einem Gebäude springt. Andere Menschen sagen und denken: »Es ist nur ein Film.« Für Traumatisierte fühlt es sich dagegen echt an.
In mancher Hinsicht sind diese Rückblenden das Schlimmste. Die Ereignisse liegen schon lange zurück, aber es lässt sich leider nicht vorhersagen, wann sie wieder zuschlagen, weil sie uns nicht bewusst sind. Das Unangenehme daran ist, dass die negativen Emotionen und die dazugehörigen Stresshormone sich umso tiefer in unser Gedächtnis graben, je öfter sich dieses innere Erleben abspielt. Die neuronalen Netze, die zusammenfunken und sich verbinden, stecken fest. Manche Verdrahtungen sind wie aus Stahl und ihre Spur schleift sich tiefer und tiefer ein.
Das Gefühl, dass wir dann noch für unser tägliches Leben übrig haben, nimmt ab. Das Konzentrationsvermögen lässt nach und meist fangen wir an, stark an uns zu zweifeln, weil wir die Emotionen intensiv erleben und das Gefühl haben, dass wir anders sind als die anderen. Traumatisierten Kindern fällt das Lernen oft schwer, sie brauchen länger und fühlen sich weniger mit der Welt um sie herum verbunden.
Viele Menschen in meiner Praxis haben mir dieses Entfremdungsgefühl beschrieben. Zur Einnahme von Drogen ist es schließlich nur noch ein relativ kleiner Schritt, denn damit fühlen wir immerhin etwas. Therapie hilft dann nur noch in gewissem Maße.
Chemie der Emotionen?
Wir gehen davon aus, dass eine Emotion das Endprodukt einer Erfahrung ist. Die Refraktärzeit sorgt dafür, dass bei unseren Reaktionen eine Lücke entsteht zwischen dem, wie die Dinge aussehen, und wie sie wirklich sind. In Moleküle der Gefühle arbeitet Pert die biomolekulare Basis der Emotionen heraus. So bietet sie Erkenntnisse an, mit denen wir uns selbst noch besser kennenlernen können.
Jeder Mensch hat Emotionen und Gefühle und erlebt diese in seinem Körper, unabhängig von Zeit, Kultur, Bildung oder gesellschaftlichem Status. Während Emotionen immer vorhanden sind, stellen überwältigende Erfahrungen diese in den Vordergrund.
Pert untersuchte die Chemiefabrik zwischen unseren Ohren, die unzählige Körperfunktionen ansteuert. Sie entdeckte die Rezeptoren, die Informationen von außen empfangen. Wenn die Chemie, die Frequenz und die elektrische Ladung zwischen einem Rezeptor und dem ankommenden Signal übereinstimmen – das kann ein Gedanke oder eine Überzeugung sein –, dann wird die Zelle angeregt, bestimmte Aufgaben zu erfüllen.
Bei jedem Gedanken findet also eine biochemische Reaktion in unserem Gehirn und unserem Herzen statt. Wir produzieren eine chemische Substanz. Wenn wir etwas denken, sendet das Gehirn chemische Signale an den Körper, wo sie als Botschafter der Gedanken auftreten. Wenn unser Körper die chemischen Botschaften empfängt, reagiert er sofort, indem er eine entsprechende Reihe von Reaktionen in Gang setzt, die mit dem übereinstimmt, was das Gehirn denkt. Daraufhin sendet unser Körper einen Bericht zurück an das Gehirn, sodass wir nun passend zu dem fühlen, was das Gehirn denkt.
Mit diesem Wissen als Grundlage könnte man also sagen, dass Emotionen in Wahrheit neuronale Aktivitäten in bestimmten Gehirnbereichen sind. Um dies noch besser zu verstehen, sollten wir noch mehr über die Stoffe erfahren, die für die Gehirnaktivität und bestimmte Körperfunktionen verantwortlich sind: Neurotransmitter, Neuropeptide und Hormone. Diese drei Arten von chemischen Substanzen dienen als Boten oder Verbindungen und werden daher ligantia genannt. Das lateinische Wort ›ligare‹ bedeutet ›verbinden mit‹.
Neurotransmitter sorgen als Botenstoffe dafür, dass das Gehirn und das Nervensystem miteinander kommunizieren. Sie senden Signale zwischen verschiedenen Nervenzellen. Es gibt verschiedene Arten von Neurotransmittern und jeder Typ ist für eine bestimmte Aktivität verantwortlich. Manche bremsen, manche regen an. Andere machen uns schläfrig und wieder andere wecken uns auf. Man denke an Melatonin und Serotonin. Die Neurotransmitter, die im Gehirn vorkommen, sind außerdem an zwei weiteren Stellen im Körper vorhanden: im Herzen und im Verdauungstrakt.
Das Herz hat eine Standleitung zum Gehirn und eine eigene Intelligenz, die der des Gehirns in nichts nachsteht. Alle internen und externen Eindrücke werden vom Herzen verarbeitet. Was wir vor allem bewusst registrieren, sind die vom Gehirn verarbeiteten Informationen. Deshalb sind wir uns unserer allerersten Eindrücke oft nicht gewahr, da sie vom Herzen verarbeitet und aufgenommen werden. Das körperliche Herz hat auch physiologisch besondere Eigenschaften: Es hat ein Gedächtnis!
Die Neuropeptide stellen die Mehrheit der Botenstoffe dar. Der Hypothalamus ist der Teil des Gehirns, der die meisten Neuropeptide produziert. Pert entdeckte, dass unser Immunsystem ebenfalls Neuropeptide herstellt und zudem eng mit dem Verdauungstrakt verbunden ist. Diese Substanzen senden dem Körper bestimmte Instruktionen, nachdem sie die Hypophyse passiert haben. Im Körper gelangen die Neuropeptide in die Blutbahn und heften sich anschließend an die Zellen verschiedener Gewebe, vor allem an Drüsen, die wiederum den dritten verbindenden Faktor ins Spiel bringen: die Hormone. Diese Hormone sind die Substanzen, die für unsere Gefühle und Emotionen verantwortlich sind und stehen ihrerseits in enger Verbindung mit dem Verdauungstrakt. Deshalb essen manche von uns bei Stress viel, während andere keinen Bissen hinunter bekommen.
Zusammenfassung
Neurotransmitter sind die chemischen Botenstoffe des Gehirns und des Geistes (des Denkens).
Neuropeptide sind die chemischen Signale zwischen dem Gehirn und dem Körper (Herz, Immunsystem, Verdauung), die uns fühlen lassen, was wir denken.
Hormone sind die Stoffe, die diese Gefühle für die Organe ›übersetzen‹.
Eine persönliche Erfahrung soll die Funktion dieser drei Arten von Botenstoffen illustrieren: Mein Gedanke »Er hätte nicht Selbstmord begehen und die Kinder ohne Vater zurücklassen dürfen.« Meine Neurotransmitter starten den Denkvorgang im Gehirn und erschaffen eine bestimmte Stimmung in meinem Geist. Meine Neuropeptide senden anschließend chemische Signale an meinen Körper und ich beginne, entsetzt, wütend oder traurig zu sein. Wenn die Peptide meine Nebennieren erreichen, werden diese dazu angeregt, das Hormon Adrenalin oder Cortisol auszuschütten, und jetzt werde ich so richtig wütend. Mein Körper bereitet sich auf einen Kampf vor. Es entsteht eine ›Denk-und-Fühlschleife‹, in der Therapie auch emotionale Blockade genannt.
Wenn dieses spezifische Netzwerk von Neuronen erst einmal aktiviert ist, produziert das Gehirn immer weiter Stoffe mit genau der Signatur, die zu dem passt, was ich gefühlt und gedacht habe. Ich bleibe also in diesen Gedanken hängen.

Bei liebevollen, frohen oder positiven Gedanken produzieren wir Stoffe, durch die wir uns froh und glücklich fühlen. Bei ängstlichen, wütenden, negativen Gedanken fühlen wir uns schneller ängstlich, wütend oder negativ. Es handelt sich hier um ein Zusammenspiel zwischen Herz, Gehirn und Körper, das synchron verläuft. Wenn wir uns so fühlen, wie wir denken, fangen wir an zu denken, wie wir uns fühlen.
Unser Körper, und damit auch das Herz, steht in stetigem Kontakt mit dem Gehirn, das wiederum ständig verfolgt, wie der Körper sich fühlt. Das Gehirn erhält eine chemische Rückkopplung, die dafür sorgt, dass es immer mehr Substanzen produziert, die ihrerseits bestätigen, wie der Körper sich fühlt. So wird die Schleife sichtbar, in der wir erst fühlen, wie wir denken, und anschließend denken, wie wir fühlen.

Gedanken gehören zum Verstand, das Fühlen zum Herzen und zum Körper. Körper und Geist arbeiten zusammen und bilden ein gemeinsames Ganzes. Wenn wir kohärent sind, ist das Ergebnis ein ruhiger Seinszustand. Im Stresszustand sind wir inkohärent. Nach einem heftigen Ereignis und dem daraus folgenden emotionalen Schmerz und Stress werden wir nach und nach vertraut mit diesem geistig-emotionalen Seinszustand.
Manchmal denken und fühlen wir jahrelang auf dieselbe Weise in Bezug auf solche Ereignisse. Das führt dann zu einem verinnerlichten Seinszustand, der schließlich zu unserer persönlichen Identität wird. Mentalität und Verhalten decken sich und werden dann zum Beispiel als geopfert, aggressiv, schuldig und beschämt oder sarkastisch definiert. Die Gedanken und Gefühle sind miteinander verschmolzen und ineinander übergegangen. Aus der Emotion wird eine Stimmung, aus der Stimmung ein Charakterzug.
Ist dann noch eine Veränderung möglich und wenn ja, wie? Man kann sagen: Veränderung bedeutet, größer zu denken als wir uns fühlen. Oder noch einfacher: »Was wir einmal gelernt haben, können wir auch wieder verlernen und stattdessen etwas Neues lernen.« Das geht nicht im Handumdrehen, aber die Neuroplastizität des Gehirns hilft uns dabei.
Obwohl manche Kreisläufe aus Denken und Fühlen fest eingegraben sind, ist das Gehirn so plastisch, dass es sich jederzeit verändern kann. Der Schlüssel liegt darin, neue Erfahrungen zu schaffen und andere Dinge zu fühlen. Dadurch erhalten wir wieder Kontrolle über unser Leben und entwickeln Resilienz. Wir konditionieren unseren Körper für eine neue, bessere Zukunft. Wahrzunehmen, was unser Herz fühlt, ist der erste Schritt in diesem Heilungsprozess.
Chemie und Energie
Mystiker, Philosophen, Yogis und verschiedenste mystische Strömungen innerhalb der großen Weltreligionen gehen noch einen Schritt über Herz, Gehirn und Körper hinaus. Sie lehren, dass der Mensch keine zufällige Ansammlung von Fleisch und Knochen darstellt, sondern viel komplexer aufgebaut ist. Sie sagen, dass wir auf einer elementaren Ebene eine Konzentration von Energie sind, keine Abfolge von chemischen Reaktionen.
Rohe Gefühle und überwältigende Erlebnisse verursachen tiefe energetische Störungen, die uns aus unserer Mitte vertreiben. Der natürliche Fluss der Dinge wird dadurch grob unterbrochen und die vertraute Wirklichkeit zerfällt von außen nach innen. In der Tat stellen die neuesten Forschungsergebnisse von Pert und der Psychoneuroimmunologie eine Bestätigung dieser Sichtweise dar.
Jeden Tag geraten Menschen in traumatische Situationen, Krisen und Konflikte, die ihr Leben von diesem Augenblick an durcheinanderwerfen. Nichts bleibt, wie es war, und im Inneren entsteht energetischer Schaden, zusätzlich zum Schaden an Psyche und Gehirn. Vor der darauffolgenden Phase gibt es kein Entkommen: wir müssen uns mit diesen Gefühlen auseinandersetzen. Dabei sind Schmerz, Wut, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst und vielleicht auch Ohnmacht in jedem Augenblick des Tages zu fühlen, ständig sind wir ängstlich und müde und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Au!
Warum empfinden es viele Menschen als so kompliziert, sich aus dem Trauma zu befreien? Traumatische Erfahrungen, Verlust und andere Leiden rufen immer wieder eine emotionale Reaktion hervor, bei der das traumatische Ereignis im Mittelpunkt steht. Wir denken oft an die Vergangenheit und diese Erinnerungen lassen sich leicht aufrufen.
Wenn wir zehn Jahre lang traurig denken und fühlen, werden wir zu dieser Trauer und diesem Schmerz. Die logische Folge davon ist, dass wir nicht mehr anders sein können als traurig. Wir haben die Trauer so verinnerlicht, dass wir sie mit allem im Hier und Jetzt verknüpfen. Alle Gedanken an das Leben und an uns selbst werden durch diese Trauer gefärbt. Unser Körper verhält sich entsprechend und wir handeln danach.
Dass ich wiederholt zu den Gedanken von Wut, Trauer, Scham, Schuld und Angst zurückkehrte, sorgte dafür, dass mein Gehirn immer dieselben Sequenzen und Muster abspielte. Ich selbst schickte mein Gehirn immer wieder in die Vergangenheit und so wuchsen diese Kreisläufe zu programmierten Netzwerken heran. Immer wieder wurden dieselben Substanzen dupliziert, als ob ich den Verlust jedes Mal neu erlebte. Diese Stoffe trainierten meinen Körper, die Emotionen noch viel stärker zu verinnerlichen. Ich bekam Herzrhythmusstörungen und eine Nervenentzündung.
In der westlichen Psychologie heißt es, dass wir unsere Persönlichkeit und Identität etwa im Alter von 35 Jahren fertig ausgebildet haben. Wir haben dann eine Reihe von emotionalen Reaktionen, Überzeugungen und Verhaltensweisen ausgewählt und programmiert. Diese Programme liegen im Unterbewusstsein und laufen im Hintergrund. Daher geraten wir auf dieselbe Weise in dieselben Emotionen, wir denken dasselbe und reagieren identisch auf dieselben Dinge. Wir haben eine Reihe von unterbewussten Programmen, die zu Automatismen geworden sind. Sobald wir einen Gedanken oder ein Gefühl haben, schaltet der Körper den Autopiloten ein. Da wir durch viele Wiederholungen gegangen sind, brauchen wir nicht mehr darüber nachzudenken, denn alle Informationen stecken im Körper, im Herzen und im Gehirn. Denken → fühlen → handeln → sein.

An einem bestimmten Punkt entschied ich mich bewusst dafür, glücklich zu sein. Ich merkte allerdings, dass ich meinen Körper darauf konditioniert hatte, sich unglücklich, traurig und wütend zu fühlen.
Die Beziehung, die ich nach dem Selbstmord meines zweiten Mannes eingegangen war, half mir, dieses unglückliche Gefühl zu verstärken. Mit meinem neuen Partner war ich alles andere als glücklich. Die starke Konditionierung infolge von aufeinandergeschichteten traumatischen Erfahrungen machte es schwierig, mit diesem tief eingebrannten Muster zu brechen. Mein Körper hatte sich an diesen Zustand gewöhnt. Ich dachte, dass ich das Kommando hätte, aber das war keineswegs die Wahrheit.
Emotionen und Bewusstsein?
Emotionen sind keine Besonderheit des Menschen. Auch Tiere empfinden Emotionen. Sie haben allerdings kein Bewusstsein dafür und können daher nicht wie wir darüber nachdenken. Was uns von den nicht-menschlichen Lebewesen unterscheidet, ist die Verbindung unserer Emotionen mit der Komplexität unserer Gedanken, Urteile, Werte, Prinzipien und deren Wirkung auf unseren Körper. Wir werden von Emotionen, Gefühlen und mentalen Mustern gelebt.
Solange uns jedoch unsere Gedanken, Emotionen und Gefühle nicht bewusst sind, verhalten wir uns oft wie ein zielloses Projektil, das sich selbst und anderen schaden kann. Wir handeln unbewusst aus diesen Gedanken, Emotionen und Gefühlen heraus und rechtfertigen sie mit allerlei Geschichten und Überzeugungen. Wir neigen dazu, unseren Geist (das Denken) zu nutzen, um Tatsachen zu verbergen, anstatt sie zu enthüllen. Ein Teil unseres Geistes ist damit beschäftigt, einen Schutzschirm aufzustellen, um zu verschleiern, was vorgeht. In den verschiedenen Dimensionen des Geistes kann dabei jeweils etwas anderes vorgehen.
Nach einem schweren Trauma denken wir vielleicht das eine, fühlen etwas anderes und handeln noch einmal ganz anders. Das tun wir nicht mit Absicht. Alles hat eine Funktion im Prozess des Überlebens. Um zu überleben, tun wir manchmal Dinge, die sich schließlich als neuronale Pfade in unserem Gehirn verankern und Blockaden verursachen.
Emotionen lösen körperliche Veränderungen aus, die in verschiedenen Bereichen des Gehirns und im Herzen sichtbar werden. Bewusstsein ist der Schlüssel zur Verbindung zwischen Fühlen und Wissen. So können wir wissen, was wir fühlen, und das gibt uns ein Verständnis für die Beweggründe unserer Handlungen und daher auch für unser Denken und unsere Überzeugungen. Entscheidend ist deshalb der Unterschied zwischen drei Aspekten. Erstens, die Emotion selbst. Zweitens, das Gefühl dieser Emotion und das Wissen um dieses Gefühl. Drittens, das Erleben der Emotion im Körper.
Giovanni Frazzetto schreibt in seinem Buch Der Gefühlscode6, dass ein Gehirnscan mit dem Ausblick über eine Stadt vergleichbar ist. Wir sehen die Häuser und Straßen, sowie wo die Menschen wohnen und wie sie sich bewegen. Wir sehen jedoch nicht, was sie bewegt. Frazzetto schlägt vor, mehr Musik zu hören, mehr Kunst zu betrachten und Gedichte zu lesen, um dadurch zu erfahren, was dies über unsere Emotionen aussagt. Das ist natürlich eine Möglichkeit, aber mir erschien sie eher als Abkürzung und genügte mir nicht.
Was mich bei meiner Selbsterkundung und in meinem Heilungsprozess antrieb, war das Verlangen nach dem Verstehen meiner eigenen Gefühle und Emotionen. Ich wollte den Verlust von Kontinuität, Kohärenz, Verbindung und Vitalität, den Mangel an Autonomie und Energie verstehen. Es war eine schwierige und zugleich auch faszinierende Herausforderung. Der Verlauf meiner eigenen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem selbstgewählten Tod meines Mannes gab den Ausschlag dafür, diesen Prozess zu beschreiben.
Mein Partner war ein intelligenter, freundlicher Mann und ständig auf der Suche nach dem Sinn der Welt und des Lebens gewesen. Er war nicht in der Lage, in seinem Inneren Fühlen und Wissen zusammenzubringen und lehnte sich immer wieder selbst ab. Damit war er nicht der Einzige. In meiner jahrelangen Praxiserfahrung habe ich viele Klienten erlebt, die im Alltag Mühe hatten, Fühlen und Wissen bewusst zusammenzubringen. Letzten Endes passierte das auch mir.
Ein Kind tut alles nach Gefühl. Es kann mit dem ganzen Körper in etwas aufgehen – es handelt unbefangen im Sinne von ›nicht gefangen‹. Als Erwachsene haben wir diese Unbefangenheit verloren, weil wir selbst eine Mauer gebaut haben, hinter der unsere Gefühle gefangen sitzen. Bis zu unserem siebten Lebensjahr haben wir keine bewusste Erinnerung, dennoch hat unser Körper im limbischen System alle Erfahrungen gespeichert – tief verborgen und gut aufgehoben im Unterbewussten.
Das Leben ist ein großes Geheimnis. In jedem Menschen wartet eine große Kammer des Bewusstseins, die uns einlädt, sie zu betreten und Ja zu uns selbst zu sagen. So öffnet sich ein neuer Weg, der mit dem Geheimnis unserer Existenz verbunden ist, und wir bleiben uns selbst nicht länger fremd. Für viele traumatisierte Menschen ist die Konfrontation mit dem ›Unbekannten‹ jedoch schmerzhaft.
In dem Wissen, dass ein viel größeres Potenzial in uns verborgen liegt, stellt sich die Frage: Wie können wir Zugang dazu bekommen? Sicher ist, dass wir uns durch viele verschiedene Schichten von Hindernissen durcharbeiten müssen, um zu erfahren, was sich ›auf der anderen Seite der Mauer‹ abspielt. Der Mensch ist seit Tausenden von Jahren damit beschäftigt, die Geheimnisse des Lebens zu erkunden. Die Suche beginnt bei der Ergründung unseres Selbst bis in die Tiefen unseres Wesens als Mensch.
Ja zu uns selbst zu sagen ist ein Weg, der in der Gegenwart beginnt, in der materiellen Wirklichkeit dessen, wer wir jetzt sind. Je länger wir damit beschäftigt sind, desto subtiler werden die Hindernisse. Die Mauer verwandelt sich zuerst in eine durchsichtige Glasplatte und zum Schluss in einen Schleier, der verschwindet. Ja zu uns selbst zu sagen bedeutet, Bereitschaft zu zeigen, ins Innere zu reisen und an die Arbeit zu gehen. Der Weg der Suche nach dieser starken, in uns schlummernden Energie kann lang oder kurz sein.
Bewusstsein als Quelle der Heilung
Für viele Menschen ist es ungewohnt, das Bewusstsein als Quelle der Heilung anzusehen. Für Heilung sind schließlich Haus- und Fachärzte oder Therapeuten zuständig. Selbstheilung zeigt uns einen anderen Zugang als den medizinisch-wissenschaftlichen.
Damit will ich nicht sagen, dass wir keine Ärzte, Spezialisten oder Therapeuten zu Rate ziehen sollten. Es ist allerdings kurzsichtig, andere Heilungsprozesse von vornherein zu verwerfen, nur weil sie nicht mit den üblichen wissenschaftlichen Methoden überprüft werden können.
Aus dem Materiellen heraus lässt sich die geistige Welt nicht wirklich begreifen. Und was wir nicht verstehen, können wir auch nicht beurteilen. Wir könnten kritische Fragen stellen, aber das ist etwas anderes, als so zu tun, als ob etwas nicht existierte. Niemand wird gezwungen, spirituelle Heilmethoden anzuwenden und niemand wird gezwungen, sie nicht anzuwenden. Wir sollten nicht zulassen, dass andere ihre Angst auf uns projizieren, wenn wir nach einem traumatischen Erlebnis oder anderen überwältigenden Erfahrungen, die uns tief verletzt haben, unseren eigenen Weg der Heilung einschlagen wollen.
Nassim Nicholas Taleb schreibt in seinem Buch Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen7:
Was ist ein Fragilist? Er verwechselt das Unbekannte mit dem Nicht-Existenten. Er glaubt, dass es das, was er nicht sieht, nicht gibt, beziehungsweise dass das, was er nicht versteht, nicht existiert. Ein naiver Rationalist vielleicht? Dank der Fragilisten ist die moderne Zivilisation immer blinder geworden für das Geheimnisvolle, das Undurchdringliche – für den Bereich des Lebens, den Nietzsche als das ›Dionysische‹ bezeichnete.
Posttraumatisches Wachstum anstatt posttraumatischem Stress: Menschen, die von Ereignissen in der Vergangenheit beschädigt wurden, übertreffen sich selbst. Im Volksmund: ›Charakterbildend‹.
Entscheidend ist für mich die Verbindung zwischen Herz, Gehirn und Körper. Diese Verbindung kommuniziert über das Nervensystem. Unser Gehirn setzt Signale um in Bilder, diese wiederum in ein Gefühl und das wird anschließend im Körper wahrgenommen.
Die Wissenschaft konnte inzwischen zeigen, dass das Herz Zugang zu hereinkommenden Informationen hat und schneller darauf reagiert, noch bevor das Gehirn diese registriert. Der Kardiologe Joel Kahn kommt in seinem Buch Das gesunde Herz 9 zu dem Schluss, dass das Herz ein elektrisches Feld mit einer 60 Mal höheren Amplitude als die Gehirnaktivität hat, und ein elektromagnetisches Feld, das 5000 Mal so stark ist wie das des Gehirns. Diese Felder können am Körper, aber auch noch aus mehreren Metern Entfernung gemessen werden.
Kahn schreibt, dass die Aktivität eines Herzens auch im Gehirn einer anderen Person gemessen werden kann! Die elektromagnetischen Felder von zwei Personen, die einander berühren oder die sich in wenigen Metern Abstand voneinander befinden, können eine Interaktion entwickeln, bei der die energetische Aktivität im Herzen des einen Individuums in den Gehirnströmen des anderen gemessen werden kann.
Die elektrische Aktivität des Herzens und des Gehirns kann so in einen synchronen elektrischen Rhythmus gelenkt werden. Dies lässt sich messen, wenn beide Personen sich auf Emotionen wie Dankbarkeit, Liebe und Vergebung konzen-trieren. Dieser Fokus gibt den Organen Kohärenz und ist zudem mit höheren ätherischen Funktionen der beiden Körper verbunden. Auf physischer Ebene sinken dadurch Blutdruck und Cortisolspiegel und das Immunsystem wird gestärkt. Die Liebesenergie und ihre Schwingungen spielen eine große Rolle dabei, Gesundheit, Vitalität, Kohärenz und Regeneration zu erhalten, ebenso beim Halten einer Verbindung mit dem anderen und dabei, kreative Energie und Lebensweisheit strömen zu lassen. Dies sind wichtige Hinweise für einen anderen Blick auf Heilung und für die Anwesenheit einer anderen Person in Heilungsprozessen.
Nach Aussagen der Wissenschaft ist insbesondere die erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol die wichtigste Ursache für Krankheitserscheinungen. Cortisol sorgt dafür, dass mehr Zucker ins Blut gelangt, sodass mehr Energie verfügbar wird. Wenn der Cortisolspiegel langfristig hoch bleibt, kann das den Körper schädigen.
Etliche Frauen bekommen nach dem Tod ihres Partners durch den hohen Cortisolspiegel im Körper zeitweise Probleme mit Haarausfall. In meinem Fall blieb nach dem Tod meines Mannes meine Periode aus und ich kam direkt in die Wechseljahre. Manche Menschen sind eine Zeit lang besonders anfällig für Erkältungen, Grippe und Kopfschmerzen. Viele leiden nach dem Tod eines geliebten Menschen oder nach einem anderen traumatischen Zwischenfall unter hohem Blutdruck. Möglicherweise als Folge davon treten auch Schlaganfälle oder Herzinfarkte häufiger auf. Mitunter steigt das Risiko von Enteritis oder Diabetes.
Alle Nervenknotenpunkte liegen in der Nähe von Körperstellen, die ich Energiezentren nenne: hinter den Augen, beim Netzwerk in der Kehle, den Nerven in der Brust, der Lunge und dem Herzen. Diese Energiezentren befinden sich in der Nähe des Zentralnervensystems und der endokrinen Drüsen. Durch Hormone regeln diese Drüsen die Produktion aller chemischen Substanzen in unserem Körper. Die Energiezentren funktionieren wie Organe, die Lebensenergie aufnehmen und über den Körper verteilen.
Jedes Energiezentrum ist mit einer endokrinen Drüse und mit einem wichtigen Knotenpunkt im Körper verbunden. Die hereinkommende Energie fließt durch die Energiekanäle zum Nervensystem und von dort ins Blut, um den Körper zu nähren. Tritt in einem Energiezentrum eine Störung auf, sodass es nicht mehr richtig funktioniert, wird auch die Energieaufnahme gestört und eine Krankheit oder ein Symptom zeigen sich im damit verbundenen Körperbereich. Die Energie kann dann nicht mehr vollständig aufgenommen oder abtransportiert werden. Wenn unsere Lebensenergie ungehindert fließen kann, fühlen wir uns gesund, voller Energie und geistig im Gleichgewicht. Unverarbeitete Emotionen oder Traumata stören diesen Energiefluss.

Der Suizid meines zweiten Mannes rief bei mir die Emotion Entsetzen hervor. Meine Kernüberzeugung lautete lange Zeit: »Er hätte nicht Suizid begehen und die Kinder ohne Vater zurücklassen dürfen.« Alles war zu überwältigend, um es zu fühlen. Ich hatte außerdem in meiner Kindheit ein Programm gelernt, meine Gefühle nicht zu äußern.
Darüber hinaus verhält sich die Umwelt bei einem Suizid nicht wirklich kooperativ. Wir alle sind in unseren eigenen Programmen aus Emotionen und in Gefühlen von Entsetzen und Ohnmacht gefangen. Für eine gewisse Zeit ist das nicht schlimm. Es wird jedoch dann zum Problem, wenn wir davon nicht mehr loskommen und diesen emotionalen Zustand zu fest verinnerlichen.
Alles entsteht und vergeht. Also war auch mein Entsetzen irgendwo hergekommen. Diese Emotion wirkte bei mir in die Tiefe und wurde nach und nach zu einer Quelle von körperlichem Schmerz. Eine Überzeugung, die uns ein positives Gefühl gibt, möchten wir aufrechterhalten. Im Gegensatz dazu wollen wir eine Überzeugung, die Unwohlsein in uns verursacht, die uns traurig oder wütend macht, am liebsten ignorieren.
Als ich nicht mehr tiefer fallen konnte, begann ich mit einer profunden Selbsterforschung. Indem ich mir eindringliche Fragen stellte, konnte ich nach einer gewissen Zeit der Übung und der Reflexion die Aussage bestätigen: »Wo Bewusstsein entsteht, hört das Leid auf.«
Pulsuz fraqment bitdi.