Kitabı oxu: «Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen»
78 Titel in einem Buch: Die Dame mit dem Hündchen + Drei Schwestern + Die Möwe + Der Kirschgarten + Onkel Wanja + In der Osternacht + Duell + Ein Chamäleon + Die Rache + Die letzte Mohikanerin…
Übersetzer: Alexander Eliasberg, Korfiz Holm, Wladimir Czumikow & August Scholz
e-artnow, 2014
Kontakt: info@e-artnow.org
ISBN 978-80-268-2572-2
Novellen und Kurzgeschichten
Der Taugenichts
Übersetzt von Alexander Eliasberg
I
Mein Chef sagte mir: »Ich behalte Sie nur mit Rücksicht auf Ihren ehrenwerten Herrn Vater, sonst wären Sie schon längst hinausgeflogen.« Ich antwortete: »Exzellenz tun mir zu viel Ehre an, wenn Sie annehmen, daß ich fliegen kann.« Und dann hörte ich ihn noch sagen: »Schaffen Sie diesen Herrn fort, er geht mir auf die Nerven.«
Nach zwei Tagen war ich entlassen. So habe ich, seitdem ich sozusagen erwachsen bin, zum großen Kummer meines Vaters, des Stadtarchitekten, bereits neun Stellungen gewechselt. Ich war in allen möglichen Ressorts angestellt gewesen, aber alle neun Stellungen glichen sich wie die Wassertropfen: überall mußte ich sitzen, schreiben, dumme oder rohe Bemerkungen anhören und warten, daß man mich entläßt.
Mein Vater saß, als ich zu ihm kam, tief in seinem Sessel und hielt die Augen geschlossen. Sein mageres, trockenes Gesicht mit einem bläulichen Schimmer auf den rasierten Stellen – (er hatte einige Ähnlichkeit mit einem katholischen Organisten) drückte Demut und Ergebenheit aus. Ohne meinen Gruß zu erwidern und ohne die Augen zu öffnen, sagte er zu mir:
»Wenn meine teure Frau, deine Mutter, noch lebte, so wäre dein Leben für sie eine Quelle unaufhörlicher Schmerzen. In ihrem frühen Tode erblicke ich Gottes Vorsehung. Ich bitte dich, du Elender,« fuhr er fort, die Augen öffnend, »sag' einmal selbst, was soll ich mit dir machen?«
In früheren Jahren, als ich noch jünger war, wußten alle meine Verwandten und Bekannten sehr gut, was mit mir zu machen wäre: die einen rieten zum Einjährigendienst, andere zu einer Stellung in einer Apotheke, und die dritten zu einer am Telegraph. Jetzt, wo ich fünfundzwanzig Jahre alt bin und die ersten grauen Haare an den Schläfen habe, wo ich bereits Einjähriger, Apothekerlehrling und Telegraphist gewesen bin, scheint alles Irdische für mich erschöpft, und man rät mir nichts mehr, sondern seufzt nur oder schüttelt den Kopf.
»Was denkst du dir eigentlich?« fuhr mein Vater fort. »Andere junge Leute haben in deinem Alter schon eine sichere soziale Position; aber was bist du? Ein Proletarier, ein Bettler, der seinem Vater zur Last fällt!«
Und er begann, seiner Gewohnheit gemäß, davon zu sprechen, daß die Jugend von heute an Unglauben, Materialismus und übermäßiger Einbildung zugrunde gehe und daß man die Liebhaberaufführungen verbieten müsse, weil sie die jungen Leute von der Religion und von ihren Pflichten ablenkten.
»Morgen gehen wir zusammen hin, du wirst deinen Chef um Entschuldigung bitten und ihm versprechen, deine Pflicht gewissenhaft zu tun,« so schloß er seine Rede. »Keinen einzigen Tag darfst du ohne eine soziale Position bleiben.«
»Ich bitte Sie, hören Sie mich an, sagte ich mürrisch. Ich erwartete nichts Gutes von diesem Gespräch. »Das, was Sie eine gesellschaftliche Position nennen, ist ein Privileg des Kapitals und der Bildung. Aber die Besitzlosen und die Ungebildeten verdienen sich ihr Stück Brot durch körperliche Arbeit, und ich sehe gar nicht ein, warum ich eine Ausnahme bilden soll.«
»Wenn du von körperlicher Arbeit zu sprechen anfängst, so sind deine Worte immer dumm und abgeschmackt!« sagte mein Vater gereizt. »Begreif es doch, du stumpfsinniger Mensch, begreife es doch, du Schafskopf, daß du außer der rohen körperlichen Kraft auch noch einen Geist Gottes, ein heiliges Feuer in dir hast, das dich im höchsten Maße vom Esel oder vom Reptil unterscheidet und der Gottheit nahebringt! Dieses Feuer ist im Laufe von Jahrtausenden von den besten unter den Menschen gewonnen worden. Dein Urgroßvater, der General Polosnjew hat bei Borodino gekämpft, dein Großvater war Dichter, Redner und Adelsmarschall, dein Onkel – Schulmann, und endlich ich, dein Vater, bin Architekt. Alle Polosnjews haben das heilige Feuer gehütet, nur damit du es auslöschst!«
»Man muß gerecht sein,« sagte ich. »Der körperlichen Arbeit unterziehen sich Millionen von Menschen.«
»Sollen sie sich ihr nur unterzieben! Sie können eben nichts anderes. Körperliche Arbeit kann jeder leisten, selbst der größte Dummkopf und Verbrecher, sie charakterisiert den Sklaven und den Barbaren, während das heilige Feuer nur wenigen gegeben ist!«
Dieses Gespräch fortzusetzen, hatte gar keinen Zweck. Mein Vater vergötterte sich, und für ihn war nur das überzeugend, was er selbst sagte. Außerdem wußte ich sehr gut, daß der Hochmut, mit dem er über die körperliche Arbeit sprach, weniger auf den Erwägungen bezüglich des heiligen Feuers beruhte, als auf der Angst, daß ich wirklich Arbeiter und der ganzen Stadt zum Spott werden könnte; vor allen Dinge aber hatten schon alle meine Altersgenossen die Universität absolviert und waren auf dem besten Wege, Karriere zu machen; der Sohn des Reichsbankdirektors z. B. besaß schon den Rang eines Kollegienassessors, ich aber, sein einziger Sohn, war noch nichts! Dieses Gespräch fortzusetzen, war zwecklos und unangenehm, aber ich saß noch immer da und machte schwächliche Einwendungen in der Hoffnung, daß er mich vielleicht am Ende doch verstehen würde. Für mich war ja die ganze Frage ganz einfach und sonnenklar: es handelte sich nur noch darum, auf welche Weise ich mein Stück Brot verdienen könnte. Aber mein Vater wollte das Einfache nicht einsehen, sondern sprach in gedrechselten, süßlichen Sätzen von Borodino, vom heiligen Feuer, von meinem Onkel, dem vergessenen Dichter, der einst schlechte, verlogene Gedichte geschrieben, und nannte mich in seiner rohen Art einen Schafskopf und einen stumpfsinnigen Menschen. Und ich sehnte mich so sehr danach, verstanden zu werden! Trotz alledem liebe ich aber meinen Vater und meine Schwester, und die kindliche Gewohnheit, sie in allen Dingen um Erlaubnis zu fragen, ist in mir so tief eingewurzelt, daß ich mich von ihr wohl kaum jemals freimache; ganz gleich, ob ich im Recht oder Unrecht bin, ich fürchte immer, ihnen Kummer zu bereiten, fürchte, daß mein Vater einen roten Hals bekommt oder daß ihn gar der Schlag trifft.
»In einem dumpfen Zimmer zu sitzen,« sagte ich, »Papiere abzuschreiben und mit einer Schreibmaschine zu konkurrieren, ist für einen Menschen in meinem Alter beschämend und beleidigend. Wie kann da überhaupt von einem heiligen Feuer die Rede sein!«
»Es ist immerhin geistige Arbeit,« entgegnete mein Vater. »Aber genug, brechen wir dieses Gespräch ab. Doch für jeden Fall muß ich dich warnen: wenn du deinen Dienst nicht wieder antrittst und deinen verächtlichen Neigungen folgst, so entziehen wir dir, ich und meine Tochter, unsere Liebe. Ich werde dich enterben, das schwöre ich dir bei Gott!«
Ich sagte darauf ganz aufrichtig, nur um die Reinheit der Motive, von denen ich mich mein Leben lang leiten lassen wollte, zu zeigen:
»Diese Frage erscheint mir nicht so wichtig. Ich verzichte auf die Erbschaft schon von vornherein.«
Diese Worte verletzten meinen Vater ganz wider Erwarten äußerst schwer. Er wurde über und über rot.
»Untersteh dich nicht, mit mir so zu sprechen, Dummkopf!« schrie er mit einer dünnen, kreischenden Stimme. »Du Taugenichts!« Und er versetzte mir mit einer geschickten, gewohnten Bewegung schnell hintereinander zwei Ohrfeigen. »Du vergißt dich letztens gar zu oft!«
In meiner Kindheit mußte ich, wenn mich mein Vater schlug, stramm, die Hände an der Hosennaht, stehen und ihm gerade ins Gesicht sehen. Und wie er mich jetzt schlug, fiel ich gleichsam in meine Kinderjahre zurück, und stand stramm und sah ihm in die Augen. Mein Vater war alt und sehr mager, seine Muskeln waren aber wohl dünn und zäh wie Riemen, denn seine Schlägt taten sehr weh.
Ich zog mich ins Vorzimmer zurück, aber hier ergriff er seinen Regenschirm und schlug mich damit einigemal auf Kopf und Schultern; in diesem Augenblick öffnete meine Schwester die Wohnzimmertüre, um zu sehen, woher der Lärm komme; als sie die Szene sah, wandte sie sich sofort mit einem Ausdruck von Mitleid und Schreck wieder fort, ohne auch nur ein Wort für mich einzulegen.
Mein Entschluß, in die Kanzlei nicht zurückzukehren, sondern ein neues Arbeitsleben zu beginnen, stand unwankbar fest. Es blieb mir nur noch übrig, die Art der Arbeit zu wählen, und das erschien mir nicht sonderlich schwer, da ich mich für außerordentlich stark, ausdauernd und jeder Arbeit gewachsen hielt. Mir stand ein eintöniges Arbeitsleben mit Hunger, Armeleutegeruch, Roheit und der ständigen Sorge um das tägliche Brot bevor, Und – wer weiß? – vielleicht werde ich, wenn ich durch die Große Adelsstraße von der Arbeit heimgehe, mehr als einmal den Ingenieur Dolschikow beneiden, der von geistiger Arbeit lebt; aber jetzt freute es mich nur, an alle meine zukünftigen Schwierigkeiten zu denken. Einst hatte ich von einer geistigen Tätigkeit geträumt und mich schon als Lehrer, Arzt oder Dichter gesehen, aber die Träume blieben eben Träume. Der Hunger nach geistigen Genüssen – z. B. nach Theater und Büchern, war in mir bis zur Leidenschaft entwickelt, ob ich aber auch die Fähigkeit besaß, mich auf diesen Gebieten selbst zu betätigen, das weiß ich nicht. Auf dem Gymnasium hatte ich eine unüberwindliche Abneigung gegen Griechisch, so daß ich aus der vierten Klasse austreten mußte. Lange Zeit nahm ich Privatunterricht und bereitete mich für die fünfte Klasse vor; dann diente ich in den verschiedenen Ressorts, wobei ich den größten Teil des Tages nichts zu tun hatte, aber das nannte man geistige Arbeit! Das Studium und der Staatsdienst erforderten weder Geistesanspannung, noch Talente, weder persönliche Fähigkeiten, noch schöpferischen Aufschwung: sie waren rein mechanisch. Solche geistige Arbeit schätze ich aber viel niedriger als die körperliche ein, ich verachte sie und glaube nicht, daß sie ein müßiges, sorgloses Leben auch nur einen Augenblick lang zu rechtfertigen vermag, da sie doch selbst nur Betrug und eine Form von Müßiggang ist. Die wahre geistige Arbeit habe ich wahrscheinlich nie gekannt. Der Abend brach an. Wir wohnten in der Großen Adelsstraße, der Hauptstraße unserer Stadt, auf der in den Abendstunden in Ermangelung eines ordentlichen Stadtgartens unsere vornehme Welt zu promenieren pflegte. Diese schöne Straße ersetzte zum Teil einen Garten, da sie zu beiden Seiten von Pappeln eingefaßt war, die, besonders nach einem Regen, herrlich dufteten, und aus den Gartenzäunen Akazien, Fliederbüsche, Faul- und Apfelbäume hervorlugten. Die Maiendämmerung, das zarte, junge Grün voller Schatten, der Fliederduft, das Summen der Käfer, die Stille, die Wärme – wie neu und ungewöhnlich war das alles, obwohl es sich jedes Jahr wiederholte! Ich stand vor der Gartenpforte, und sah mir die Spaziergänger an. Mit den meisten von ihnen war ich aufgewachsen und hatte als Kind gespielt; jetzt wäre ihnen aber meine Bekanntschaft peinlich gewesen, denn ich war ärmlich und nicht nach der Mode gekleidet, und meine engen Hosen und plumpen Stiefel waren allen zum Spott. Zudem stand ich überhaupt in schlechtem Ruf, da ich keine gesellschaftliche Position besaß und oft in billigen Gasthäusern Billard spiele; außerdem vielleicht auch aus dem Grunde, weil man mich zweimal ohne den geringsten Anlaß meinerseits auf die Gendarmerie vorgeladen hatte.
Im großen Hause gegenüber, beim Ingenieur Dolschikow, spielte man Klavier. Es dunkelte, und am Himmel leuchteten die Sterne auf. Da kommt langsam, in seinem altmodischen Zylinder mit breiter, nach oben gebogener Krempe, nach allen Seiten grüßend, Arm in Arm mit meiner Schwester mein Vater gegangen.
»Sieh einmal!« sagt er zu meiner Schwester und zeigt mit demselben Regenschirm, mit dem er mich vorhin geprügelt, nach oben: »Sieh den Himmel! Die Sterne, selbst die winzigsten unter ihnen sind ganze Welten! Wie nichtig ist doch der Mensch im Vergleich zum Weltall!«
Und das sagte er in einem Ton, als ob es ihm schmeichelhaft und angenehm wäre, so nichtig zu sein. Was war er doch für ein talentloser, unbedeutender Mensch! Leider war er unser einziger Architekt, und aus diesem Grunde ist bei uns in den letzten fünfzehn – zwanzig Jahren kein einziges anständiges Haus erstanden. Wenn man bei ihm einen Plan bestellte, so zeichnete er immer zuerst einen Saal und ein Wohnzimmer; ebenso wie die Institutschülerinnen der guten alten Zeit nur von einer bestimmten Stelle des Zimmers, nämlich vom Ofen zu tanzen verstanden, so vermochte sich die künstlerische Phantasie meines Vaters nur vom Saal und Wohnzimer aus zu entfalten. Daran zeichnete er ein Eßzimmer, ein Kinderzimmer und ein Kabinett und verband alle diese Räume durch Türen, so daß jedes Zimmer zu einem Durchgangszimmer wurde und je zwei oder auch drei Türen zuviel hatte. Seine Phantasie war augenscheinlich verworren und dürftig; als fühlte er, daß irgend etwas fehlte, griff er jedesmal zu allerlei Anbauten, die er einfach aneinanderreihte. Ich sehe auch heute noch die engen Vorzimmer und Korridore, die krummen Treppchen zum Zwischenstock, wo man nur gebückt stehen konnte und wo drei Riesenstufen in der Größe von Pritschen den Fußboden ersetzten. Die Küche befand sich aber unbedingt im Kellergeschoß und hatte eine gewölbte Decke und einen Ziegelfußboden. Die Fassade blickte eigensinnig und langweilig drein und hatte trockene, nichtssagende Linien; das Dach war niedrig und flach, und auf den dicken, gleichsam geschwollenen Schornsteinen saßen unbedingt Drahtkappen mit schwarzen quietschenden Wetterfahnen. Alle diese von meinem Vater erbauten Häuser ähnelten sich und erinnerten mich aus irgendeinem Grunde an seinen Zylinderhut und seinen trockenen und eigensinnigen Nacken. Im Laufe der Zeit gewöhnte man sich in der Stadt an die Geschmacklosigkeit meines Vaters, sie faßte Wurzeln und wurde zu unserm Stil.
Nach dem gleichen Stil gestaltete er auch das Leben meiner Schwester. Es begann damit, daß er sie Kleopatra taufte (mich hatte er aber Missail genannt). Als sie noch ein Kind war, machte er ihr mit seinen Reden über die Sterne, über die alten Weisen und über unsere Ahnen Angst, erklärte ihr lang und breit, was das Leben und was die Pflicht sei; und auch jetzt, da sie bereits sechsundzwanzig Jahre alt war, betrieb er ihre Erziehung auf die gleiche Weise und erlaubte ihr, nur mit ihm allein Arm in Arm zu gehen. Aus irgendeinem Grunde bildete er sich ein, es müsse früher oder später ein anständiger junger Mann kommen, der sie aus Achtung vor den Tugenden ihres Vaters heiraten würde. Sie aber betete den Vater an und glaubte an seinen ungewöhnlichen Geist.
Es war ganz dunkel geworden, und die Straße leerte sich allmählich. Im Hause war das Klavierspiel verstummt. Das Tor wurde weit geöffnet, und über unsere Straße rollte mit gedämpftem Schellengeläute eine Troika. Der Ingenieur fuhr mit seiner Tochter spazieren. Es war Zeit zum Schlafen.
Ich hatte zwar im Hause mein eigenes Zimmer, wohnte aber auf dem Hofe in einer Hütte, die an einen Stall angebaut war. Die Hütte hatte einst zum Aufbewahren von Pferdegeschirr gedient, und in den Wänden steckten große Haken. Jetzt stand sie leer, und mein Vater benutzte sie als Ablage für seine Zeitungen, die er halbjährlich binden ließ und die niemand anrühren durfte. Wenn ich hier wohnte, kam ich meinem Vater und seinen Gästen weniger unter die Augen, und es schien mir, daß, wenn ich nicht in einem richtigen Zimmer wohnte und nicht jeden Tag zu Hause zu Mittag aß, die Worte meines Vaters, daß ich ihm zur Last falle, weniger verletzend seien.
Meine Schwester erwartete mich schon. Sie brachte mir heimlich mein Abendessen: ein kleines Stück kaltes Kalbfleisch und eine Scheibe Brot. Bei uns zu Hause hieß es immer: »Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.« Meine Schwester stand unter dem Drucke solcher Redensarten und dachte nur noch daran, wie sie die Ausgaben vermindern könnte; deshalb aß man bei uns im allgemeinen schlecht. Sie stellte den Teller auf den Tisch, setzte sich auf mein Bett und fing zu weinen an.
»Missail,« sagte sie, »was tust du uns an?«
Sie bedeckte ihr Gesicht nicht, die Tränen fielen ihr auf Brust und Hände, und ihre Züge drückten tiefe Trauer aus. Sie sank auf das Kissen, ließ den Tränen freien Lauf, zitterte am ganzen Leibe und schluchzte.
»Du hast schon wieder deine Stellung verloren,« sagte sie. »Wie schrecklich ist das!«
»Aber so höre doch, Schwester, begreife mich …« fing ich an. Ihre Tränen brachten mich zur Verzweiflung.
Wie zum Trotz war das Petroleum in meinem Lämpchen ausgebrannt; es qualmte und wollte verlöschen. Die alten Haken an den Wänden blickten streng drein, und ihre Schatten bewegten sich.
»Erbarme dich unser!« sagte meine Schwester, sich vom Bette erhebend. »Unser Vater ist tief unglücklich, und ich bin krank und fürchte den Verstand zu verlieren. Was wird aus dir?« fragte sie schluchzend, die Hände nach mir ausstreckend. »Ich bitte dich, ich flehe dich im Namen unserer verstorbenen Mutter an: geh wieder in Stellung!«
»Ich kann nicht, Kleopatra!« sagte ich, obwohl ich fühlte, daß nicht mehr viel fehlte, daß ich mich ergebe. »Ich kann nicht!«
»Warum dene nicht?« fuhr meine Schwester fort. »Warum? Nun, wenn du dich mit deinem Chef nicht vertragen kannst, so suche dir eine andere Stellung. Warum sollst du zum Beispiel nicht zur Eisenbahn gehen? Ich habe eben mit Anjuta Blagowo gesprochen; sie behauptet, daß man dich bei der Eisenbahn ganz bestimmt nehmen wird, und verspricht sogar, sich für dich zu verwenden. Um Gottes willen, Missail, überlege es dir! Ich flehe dich an!«
Wir sprachen noch ein Weilchen, und ich gab schließlich nach. Ich sagte ihr, daß der Gedanke an eine Stellung beim Eisenbahnbau mir noch gar nicht gekommen und daß ich nicht abgeneigt sei, die Sache zu probieren.
Sie lächelte freudig unter Tränen und drückte mir die Hand. Sie weinte fort und konnte sich lange nicht beruhigen. Ich aber ging in die Küche nach Petroleum.
II
Unter den Veranstaltern von Liebhaberaufführungen, Konzerten und lebenden Bildern zu wohltätigen Zwecken spielten in unserer Stadt die Aschogins, die im eigenen Hause auf der Großen Adelstraße wohnten, die erste Rolle; sie gaben jedesmal ihre Räume her und übernahmen alle Scherereien und Auslagen. Diese reiche Gutsbesitzersfamilie besaß im Landkreise ein Gut von dreitausend Deßjatinen mit einem herrlichen Herrenhause, liebte aber das Landleben nicht und wohnte im Winter wie im Sommer in der Stadt. Die Familie bestand aus der Mutter, einer groß gewachsenen, hageren, vornehmen Dame, die die Haare kurz geschoren trug und sich nach englischer Mode kleidete, und aus drei Töchtern, die man niemals bei ihren Namen nannte, sondern einfach mit die Aelteste, die Mittlere, die Jüngste bezeichnete. Alle drei Töchter hatten ein spitzes Kinn, waren unschön und kurzsichtig, hielten sich gebückt, kleideten sich wie die Mutter und lispelten höchst unangenehm. Trotzdem nahmen sie unbedingt an jeder Vorstellung teil und betätigten sich immer zu wohltätigen Zwecken; entweder spielten sie, rezitierten oder sangen. Sie waren sehr ernst und lächelten niemals; selbst in Possen mit Gesang spielten sie ohne den leisesten Humor, mit einem so geschäftsmäßigen Ausdruck, als wenn sie Buchhaltung trieben.
Ich liebte unsere Aufführungen und ganz besonders die häufigen, etwas unordentlichen, geräuschvollen Proben, nach denen man immer ein Abendbrot bekam. An der Auswahl der Stücke und der Verteilung der Rollen beteiligte ich mich nicht. Ich betätigte mich nur hinter den Kulissen. Ich malte die Dekorationen, schrieb die Rollen ab, soufflierte, schminkte die Darsteller und sorgte für solche Effekte wie Donner, Nachtigallenschlag usw. Da ich weder eine gesellschaftliche Position noch anständige Kleider besaß, hielt ich mich bei den Proben abseits, im Schatten der Kulissen und schwieg.
Die Dekorationen malte ich bei den Aschogins auf dem Hofe oder im Stall. Mir half dabei der Maler oder »Unternehmer für Malerarbeiten«, wie er sich nannte, Andrej Iwanow. Es war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, groß, sehr mager und blaß; er hatte eine eingefallene Brust, eingedrückte Schläfen und blaue Ringe um die Augen und sah sogar etwas unheimlich aus. Er litt an irgendeiner auszehrenden Krankheit, und jeden Herbst und Frühling hieß es von ihm, daß er sterbe. Aber er stand immer wieder auf und sagte dann verwundert: »Ich bin nun wieder nicht gestorben!«
In der Stadt nannte man ihn »Rettich« und behauptete, daß das sein richtiger Name sei. Er liebte das Theater ebenso wie ich, und sobald er hörte, daß man wieder eine Liebhaberaufführung plane, ließ er alle seine Arbeiten liegen und ging zu den Aschogins, um Dekorationen zu malen.
Am Tage nach der Aussprache mit meiner Schwester arbeitete ich vom frühen Morgen an bei den Aschogins. Die Probe war auf sieben Uhr abends angesetzt, und eine Stunde vor Beginn hatten sich schon alle Liebhaber im Saale versammelt. Die Aelteste, die Mittlere und die Jüngste gingen auf und ab und lasen ihre Rollen. Rettich lehnte schon in seinem langen rotbraunen Mantel mit einem Tuch um den Hals an der Wand und blickte mit andächtigen Augen auf die Bühne. Frau Aschogina-Mutter ging bald auf den einen, bald auf den anderen Gast zu und sagte einem jeden etwas Angenehmes. Sie hatte die Manier, einen jeden scharf ins Gesicht zu blicken und so leise zu sprechen, als wären es lauter Geheimnisse.
»Es muß doch recht schwer sein, Dekorationen zu malen,« sagte sie leise zu mir. »Als Sie eintraten, sprach ich gerade mit Madame Muffke von den Vorurteilen. Mein Gott, ich habe mein ganzes Leben lang gegen die Vorurteile gekämpft! Um die Dienstboten von der Grundlosigkeit des Aberglaubens zu überzeugen, pflege ich stets drei Lichter anzuzünden und alles Wichtige am Dreizehnten zu beginnen.«
Nun kam die Tochter des Ingenieurs Dolschikow, eine üppige, schöne Blondine, die, wie man sich erzählte, lauter Pariser Sachen trug. Sie spielte nicht mit, aber bei allen Proben stand stets ein Stuhl für sie auf der Bühne bereit, und man begann mit der Vorstellung nicht eher, als bis sie, strahlend und alle durch ihre Toiletten in Verwunderung versetzend, in der ersten Reihe erschien. Als Großstädterin hatte sie das Privilegium, während der Proben Bemerkungen zu machen, und sie machte sie mit einem freundlichen, herablassenden Lächeln, dem man ansehen konnte, daß sie unsere Aufführungen als ein Kinderspiel betrachten, Man erzählte sich, sie hätte am Petersburger Konservatorium Gesang studiert und wäre sogar einen ganzen Winter lang in einer Operntruppe aufgetreten. Sie gefiel mir außerordentlich, und ich pflegte sie bei den Proben und Aufführungen nicht aus den Augen zu lassen.
Ich hatte schon das Heft in die Hand genommen, um mit dem Soufflieren zu beginnen, als plötzlich meine Schwester erschien. Ohne Mantel und Hut abzulegen, ging sie auf mich zu und sagte:
»Ich bitte dich, komm mit!«
Ich folgte ihr. Hinter der Bühne stand in der Türe Anjuta Blagowo, gleichfalls in Hut, mit einem dunklen Schleier vor dem Gesicht. Sie war die Tochter des Vizepräsidenten des Kreisgerichts, der schon sehr lange, fast seit der Gründung des Gerichtshofes in unserer Stadt amtierte. Da sie groß und schön gewachsen war, wirkte sie obligatorisch an den lebenden Bildern mit, und wenn sie irgendeine Fee oder Ruhmesgöttin darstellte, glühte ihr Gesicht vor Scham; aber in den Stücken spielte sie nicht mit und kam zu den Proben immer nur im Vorbeigehen, wenn sie jemand sprechen mußte. Auch jetzt war sie offenbar nur auf dem Sprunge hier.
»Mein Vater hat von Ihnen erzählt,« sagte sie trocken, ohne mich anzusehen und errötete. »Dolschikow hat eine Stelle für Sie bei der Bahn in Aussicht gestellt. Gehen Sie morgen zu ihm hin, er wird zu Hause sein.«
Ich verbeugte mich und dankte für die Bemühungen.
»Das können Sie übrigens lassen,« sagte sie, auf mein Soufflierheft zeigend.
Dann gingen sie und meine Schwester auf die Frau Aschogina zu und tuschelten eine Weile mit ihr, zu mir herüberblickend. Sie schienen etwas zu beraten.
»In der Tat,« sagte Frau Aschogina leise, an mich herantretend und mir gerade ins Gesicht blickend: »in der Tat, wenn Sie das von ernsthafter Beschäftigung ablenkt,« sie nahm mir das Heft aus der Hand, »so können Sie das jemand anders übergeben. Machen Sie sich darüber keine Sorgen, lieber Freund, gehen Sie mit Gott.«
Ich verabschiedete mich von ihr und ging verlegen hinaus. Auf der Treppe sah ich auch meine Schwester und Anjuta Blagowo weggehen. Sie sprachen eifrig über etwas, wahrscheinlich über meinen Eintritt in den Eisenbahndienst, und hatten es sehr eilig. Meine Schwester war bisher noch niemals bei einer Probe gewesen; daher hatte sie wohl jetzt Gewissensbisse und fürchtete, der Vater könnte erfahren, daß sie ohne seine Erlaubnis bei den Aschogins gewesen war.
Ich ging zu Dolschikow am nächsten Tag, bald nach zwölf. Ein Diener führte mich in ein sehr schönes Zimmer, das dem Ingenieur als Empfangszimmer und zugleich als Arbeitszimmer diente. Hier war alles weich, elegant und kam einem Menschen wie mir, der so etwas noch nie gesehen hatte, sogar seltsam vor. Lauter teure Teppiche, riesengroße Sessel, Bronzen, Bilder in Gold- und Plüschrahmen; an den Wänden Photographien, die sehr schöne Frauen mit klugen Gesichtern in ungezwungenen Posen darstellten; eine Tür führte aus dem Empfangszimmer auf die Veranda und in den Garten, und ich sah Fliederbüsche, einen gedeckten Tisch mit vielen Flaschen und einem Rosenstrauß; alles duftete nach Frühling, nach teuren Zigarren, alles atmete Glück und alles schien sagen zu wollen: siehst du, dieser Mensch hat sein Leben lang gearbeitet und schließlich alles Glück erreicht, das auf dieser Welt möglich ist. Am Schreibtische saß die Tochter des Ingenieurs und las in einer Zeitung.
»Sie kommen zu meinem Vater?« fragte sie. »Er nimmt gerade eine Dusche, gleich wird er kommen. Bitte, setzen Sie sich.«
Ich setzte mich.
»Sie wohnen, glaube ich, uns gegenüber?« fragte sie wieder nach einer Pause.
»Jawohl.«
»Vor Langweile schaue ich oft zum Fenster hinaus. Sie müssen es entschuldigen,« fuhr sie fort, in die Zeitung blickend, »ich sehe oft Sie und Ihre Schwester. Sie hat einen so gutmütigen und besorgten Gesichtsausdruck.«
Nun kam Dolschikow herein. Er trocknete sich mit einem Handtuch den Hals ab.
»Papa, es ist Herr Polosnjew,« sagte die Tochter.
»Ja, ja, Blagowo hat mir schon von Ihnen erzählt,« wandte er sich lebhaft an mich, ohne mir die Hand zu reichen. »Aber, hören Sie einmal, was soll ich für Sie tun? Was habe ich für Stellen zu vergeben? Ihr seid doch wirklich merkwürdige Menschen!« fuhr er sehr laut fort, in einem Tone, als ob er mir eine Rüge erteilte. »Täglich kommen an die zwanzig Menschen zu mir, die sich einbilden, daß ich hier ein Ministerium habe! Ich habe ja nur die Bauarbeiten unter mir, meine Herren, und kann nur Schwerarbeiter brauchen: Mechaniker, Schlosser, Erdarbeiter, Tischler, Brunnengräber. Ihr alle versteht aber nur in den Schreibstuben zu hocken. Ihr seid alle nichts als Schreiber!«
Er atmete dasselbe Glück wie seine Teppiche und Sessel. Voll, gesund, rotbackig, mit breiter Brust, frisch gewaschen, in farbigem Kattunhemd und Pluderhose, sah er wie ein Spielzeug, wie ein Kutscher aus Porzellan aus. Er hatte ein rundes, lockiges Bärtchen ohne ein einziges graues Haar, eine Adlernase und dunkle, klare, unschuldige Augen.
»Was verstehen Sie zu tun?« fuhr er fort. »Gar nichts verstehen Sie! Ich bin Ingenieur und gut versorgt, aber bevor ich diese Eisenbahn bekam, mußte ich lange schuften. Ich bin als Maschinist auf der Lokomotive herumgefahren und habe ganze zwei Jahre als einfacher Wagenschmierer in Belgien gearbeitet. Urteilen Sie nun selbst, mein Bester, was für eine Arbeit soll ich Ihnen anbieten?«
»Gewiß, das stimmt …« stotterte ich in höchster Aufregung. Der Blick seiner klaren, unschuldigen Augen irritierte mich.
»Verstehen Sie wenigstens mit einem Telegraphenapparat umzugehen?« fragte er nach einiger Überlegung.
»Ja, ich habe schon den Telegraphen bedient.«
»Hm … Nun, wir wollen sehen. Gehen Sie vorläufig nach Dubetschnja. Ich habe dort schon einen sitzen, aber der ist ein ganz unmöglicher Kerl.«
»Worin wird meine Tätigkeit bestehen?« fragte ich.
»Das wird sich schon zeigen. Gehen Sie nur hin, ich werde das Nötige anordnen. Aber um das eine muß ich Sie bitten: daß Sie mir nicht trinken und mich mit keinen Bittschriften behelligen. Sonst jage ich Sie gleich hinaus.«
Er ließ mich stehen und nickte mir nicht einmal mit dem Kopf. Ich verbeugte mich vor ihm und seiner Tochter, die in der Zeitung las, und ging. Es war mir so traurig zumute, und ich hatte so wenig Lust, die Stadt zu verlassen. Ich liebte meine Vaterstadt. Sie schien mir so hübsch und heimlich. Ich liebte dieses Grün, die stillen sonnigen Morgenstunden, das Läuten unserer Kirchenglocken; aber die Menschen, mit denen ich in dieser Stadt zusammenwohnte, langweilten mich und waren mir fremd, zuweilen sogar widerlich. Ich liebte sie nicht und verstand sie auch nicht.
Ich konnte nicht verstehen, wozu und wovon alle diese fünfundzwanzigtausend Menschen existierten. Ich wußte, daß die Stadt Kimry von Stiefeln lebte, daß Tula Samowars und Gewehre produzierte, daß Odessa eine Hafenstadt war, was aber unsere Stadt darstellte und was sie leistete, das war mir unbekannt. Die Große Adelsstraße und noch zwei andere bessere Straßen lebten von Zinsen und von den Gehältern, die der Staat den Beamten zahlte; wovon aber die übrigen acht Straßen lebten, die parallel zueinander drei Werst weit liefen und hinter dem Hügel verschwanden, das war für mich immer ein unlösbares Rätsel.
Und wie diese Menschen lebten, das war die reinste Schande! Es gab weder einen Stadtgarten, noch ein Theater, noch ein anständiges Orchester; die Stadt- und die Klubbibliothek wurden ausschließlich von halbwüchsigen Jungen besucht, und die Zeitschriften und neuen Bücher lagen monatelang unaufgeschnitten herum; selbst die reichen und gebildeten Menschen schliefen in schwülen, engen Räumen auf Holzbetten mit Ungeziefer, hielten ihre Kinder in scheußlichen, schmutzigen Löchern, die sie Kinderzimmer nannten, und die Dienstboten, selbst die alten und geachteten, mußten in der Küche auf dem Fußboden schlafen und sich mit elenden Lumpen zudecken. An Fleischtagen roch es in allen Häusern nach Kohlsuppe, und an Fasttagen – nach Stör und Sonnenblumenöl. Man aß schlecht zubereitete Speisen und trank ungesundes Wasser. Im Rathause, beim Gouverneur, beim Bischof, in allen Häusern sprach man jahrelang davon, daß wir in unserer Stadt kein billiges gutes Trinkwasser haben und daß man beim Staate eine Anleihe von zweihunderttausend Rubel machen sollte, um eine Wasserleitung zu bauen; auch die sehr reichen Leute, von denen es in unserer Stadt an die drei Dutzend gab, und die manchmal ganze Güter am Kartentisch verspielten, tranken das schlechte Wasser und sprachen ihr Leben lang mit großem Eifer von der Anleihe. Ich konnte das nicht verstehen: mir schien es viel einfacher, die zweihunderttausend Rubel aus eigener Tasche zu zahlen.
Ich kannte in unserer Stadt keinen einzigen ehrlichen Menschen. Mein Vater nahm Bestechungsgelder an und bildete sich ein, daß man sie ihm aus Achtung für seine seelischen Eigenschaften schenke; die Gymnasiasten mußten, um alljährlich versetzt zu werden, zu ihren Lehrern in Pension gehen, wofür sich diese ordentlich bezahlen ließen; die Frau des Stadtkommandanten ließ sich zur Zeit der Einberufungen von den Rekruten bestechen und sogar mit Alkohol traktieren, und einmal passierte es, daß sie in der Kirche beim Gottesdienst unmöglich von den Knien aufstehen konnte, da sie betrunken war; auch die Ärzte mußten bei den Einberufungen geschmiert werden, und der Bezirksarzt und der Veterinär hatten alle Fleischläden mit einer Steuer belegt; an der Kreisschule konnte man Atteste kaufen, die die Berechtigung zum Freiwilligendienst gaben; die Pröpste nahmen von den ihnen unterstellten Geistlichen und Kirchenvorstehern Geldgeschenke an; in allen Ämtern rief man jedem Besucher nach: »Es ist üblich, sich zu bedanken!«, und der Besucher kehrte um, um dreißig oder vierzig Kopeken zu geben. Diejenigen aber, die keine Bestechungsgelder annahmen, wie die Gerichtsbeamten, waren hochmütig, reichten bei der Begrüßung nur zwei Finger, zeichneten sich durch die Kälte und Beschränktheit ihrer Urteile aus, waren dem Kartenspiel und dem Trunke ergeben, heirateten reich und wirkten auf ihre Umgebung zweifellos schädlich und demoralisierend. Nur die jungen Mädchen atmeten Reinheit; die meisten von ihnen hatten hohe Bestrebungen und ehrliche, keusche Seelen; aber sie verstanden das Leben nicht und glaubten, daß die Bestechungsgelder in Anerkennung der seelischen Eigenschaften gegeben werden. Wenn sie aber heirateten, alterten sie früh, versumpften schnell und versanken hoffnungslos im Schlamme der trivialen, kleinbürgerlichen Existenz.
III
In unserer Gegend wurde eine Eisenbahn gebaut. An den Abenden vor den Feiertagen zogen Banden von zerlumpten Kerlen durch die Stadt, die man »Eisenbahner« nannte und vor denen man sich fürchtete. Gar oft sah ich, wie man so einen Kerl mit blutendem Gesicht, ohne Mütze zur Polizei führte, während hinter ihm als corpus delicti ein Samowar oder frischgewaschene, noch neue Wäsche getragen wurde. Die »Eisenbahner« drängten sich meistens bei den Schenken und auf den Märkten herum. Sie aßen und tranken, schimpften unflätig und begleiteten jede Dirne mit gellendem Pfeifen. Zur Unterhaltung dieser immer hungrigen Lumpen pflegten unsere Ladenbesitzer Katzen und Hunde mit Schnaps betrunken zu machen oder einem Hunde eine leere Petroleumkanne an den Schwanz zu binden; dann fingen sie zu pfeifen an, und der Hund raste, vor Entsetzen heulend, durch die Straße, während die Kanne dröhnte. Dem Hunde schien es, daß er von einem Ungeheuer verfolgt werde, er lief weit vor die Stadt ins freie Feld hinaus, bis ihn die Kräfte verließen; es gab in unserer Stadt mehrere Hunde, die immer zitterten und die Schweife eingezogen hielten; von ihnen sagte man, daß sie dieses Spiel nicht hatten ertragen können und verrückt geworden seien.
Der Bahnhof wurde fünf Werst von der Stadt erbaut. Man erzählte sich, daß die Ingenieure fünfzigtausend Rubel dafür gefordert hätten, daß der Bahnhof näher bei der Stadt läge; die Stadtverwaltung hätte dafür aber nur vierzigtausend geben wollen; wegen der zehntausend Rubel hätte sich das Geschäft zerschlagen; die Stadtverwaltung bereute es nun schwer, da sie bis zum Bahnhof eine Chaussee anlegen mußte, die viel teurer zu stehen kam. Auf der ganzen Strecke lagen schon die Schwellen und die Schienen und verkehrten Dienstzüge, die das Baumaterial beförderten; es fehlten nur noch die Brücken, die Dolschikow zu bauen hatte, und auch einige Stationsgebäude waren noch nicht ganz fertig.
Dubetschnja – so hieß unsere erste Station – lag siebzehn Werst von der Stadt entfernt. Ich ging zu Fuß. Die Saaten leuchteten grün in der Morgensonne. Die Gegend war flach und freundlich, und in der Ferne hoben sich klar der Bahnhof, die Hügel und entfernte Gutsgebäude ab … Wie schön war es hier in Gottes freier Natur! Und wie gern wollte ich diese Freiheit genießen, wenigstens diesen einen Morgen lang, und nicht daran denken müssen, was in der Stadt vorging, nicht an meine Schwierigkeiten und an den Hunger, der mich quälte, denken müssen! Nichts hinderte mich am Lebensgenuß so sehr wie dieses nagende Hungergefühl, wenn meine besten Gedanken sich sonderbar mit den Vorstellungen von Buchweizengrütze, Koteletts und Bratfischen verquickten. Da stehe ich allein im Felde, blicke auf eine Lerche, die in der Luft unbeweglich zu schweben scheint und wie in einem hysterischen Anfall schmettert, und denke mir dabei: »Wie gut wäre es jetzt, ein Stück Butterbrot zu essen!« Oder ich setze mich am Straßenrande nieder, schließe die Augen, um auszuruhen und diesen herrlichen Frühlingsgeräuschen zu lauschen, und plötzlich muß ich an den Geruch gebratener Kartoffeln denken. Obwohl ich groß gewachsen und kräftig gebaut bin, bekam ich im allgemeinen wenig zu essen, und daher war der Hunger meine wesentlichste Empfindung im Laufe des Tages; darum verstand ich vielleicht auch so gut, weshalb so viele Menschen nur des Brotes wegen arbeiten und nur vom Essen sprachen.
In Dubetschnja arbeitete man gerade am Verputz der Innenwände des Stationsgebäudes und baute eine hölzernen Oberstock am Wasserturm. Es war heiß, es roch nach Kalk, und die Arbeiter trieben sich träge zwischen den Haufen von Schutt und Spänen herum; der Weichensteller schlief vor seinem Häuschen, und die Sonne brannte ihm gerade ins Gesicht. Kein einziger Baum war zu sehen. Leise summten die Telegraphendrähte, auf denen hie und da Habichte ausruhten. Ich drückte mich zwischen dem Schutt umher, wußte nicht, was anzufangen und dachte an die Antwort des Ingenieurs auf meine Frage, was ich hier zu tun haben würde: »Das wird sich schon zeigen.« Was konnte sich aber in dieser Wüste zeigen? Die Maurer sprachen von irgendeinem Polier und von einem gewissen Fedot Wassiljew; ich verstand es nicht, und meiner bemächtigte sich allmählich ein Unlustgefühl, – ein körperliches Unlustgefühl, bei dem man seine Arme und Beine und seinen ganzen großen Körper fühlt und nicht weiß, was mit ihnen anzufangen.
Nachdem ich mindestens zwei Stunden so herumgebummelt, bemerkte ich eine Reihe von Telegraphenstangen, die rechts von der Strecke abbogen und vor einer weißen Mauer aufhörten; die Arbeiter sagten mir, daß dort die Baukanzlei sei, und nun begriff ich endlich, daß ich mich dorthin zu wenden hatte.
Es war ein sehr altes, verwahrlostes Gutshaus. Die Mauer aus weißem porösem Stein war verwittert und stellenweise eingefallen. Der Seitenflügel, dessen blinde Wand nach dem Felde lag, hatte ein rostiges Eisendach, auf dem hie und da einige frisch geflickte Stellen glänzten. Durch das Tor sah ich einen sehr geräumigen Hof, der mit wildem Steppengras bewachsen war, und ein altes Herrenhaus mit Jalousien an den Fenstern und einem hohen, vor Rost ganz roten Dach. Rechts und links standen zwei vollkommen gleiche Seitenflügel; die Fenster des einen waren mit Brettern vernagelt, vor dem andern aber, dessen Fenster offen standen, war Wäsche zum Trocknen aufgehängt und weideten Kälber. Der letzte Telegraphenpfahl stand auf dem Hofe, und der Draht ging in eines der Fenster des Flügels, der mit seiner blinden Wand nach dem Felde lag. Die Türe war offen, und ich trat ein. Am Tisch mit dem Telegraphenapparat saß ein Herr mit dunklem Lockenkopf, mit einer Leinenjacke bekleidet; er blickte mich erst streng und mürrisch an, lächelte aber dann gleich und sagte:
»Guten Tag, kleiner Nutzen!«
Es war Iwan Tscheprakow, mein ehemaliger Schulkollege, den man aus der zweiten Klasse wegen Rauchens relegiert hatte. Wir pflegten einst zusammen zur Herbstzeit Stieglitze, Zeisige und Kernbeißer zu fangen und am frühen Morgen, wenn die Eltern noch schliefen, auf dem Markte zu verkaufen. Wir lauerten auch den Staren auf, schossen sie mit seinem Schrot an und sammelten dann die verwundeten. Die einen starben bei uns in schrecklichen Qualen (ich erinnere mich auch heute noch, wie sie nachts in ihrem Käfig stöhnten), die anderen aber, die wieder gesund wurden, verkauften wir und schworen dabei, daß es lauter Männchen seien. Einmal war mir auf dem Markte nur ein einziger Star übriggeblieben, den ich lange nicht anbringen konnte und schließlich für eine Kopeke verkaufte, »Es ist ja immerhin ein kleiner Nutzen!« sagte ich damals zum Trost, die Kopeke in die Tasche steckend, und von nun an hieß ich bei den Gassenjungen und Gymnasiasten »kleiner Nutzen«. Es kam auch jetzt noch vor, daß Gassenjungen und Händler mich damit neckten, obgleich wohl niemand mehr den Ursprung dieses Spitznamens kannte.
Tscheprakow war schwächlich von Statur, engbrüstig und langbeinig, und hielt sich krumm. Seine Halsbinde war wie ein Strick verknotet, eine Weste hatte er überhaupt nicht an, und seine Stiefel hatten schiefe Absätze und waren noch schlechter als die meinigen. Er zwinkerte immer mit den Augen und hatte einen so ungestümen Ausdruck, als wollte er immer etwas packen.
»Wart einmal,« sage er jeden Augenblick sehr geschäftig. »Hör einmal … Ja, was wollte ich eben sagen? …«
Wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr von ihm, daß das Gut, auf dem ich mich jetzt befand, noch vor kurzem den Tscheprakows gehört hatte und erst im vergangenen Herbst in den Besitz Dolschikows übergegangen war, der es für vernünftiger hielt, sein Geld in Immobilien als in Papieren anzulegen, und in unserer Gegend bereits drei ansehnliche Güter mit Uebernahme der Schuldenlast gekauft hatte; Tscheprakows Mutter hatte sich beim Verkauf dieses Gutes das Recht ausbedungen, in einem der Seitenflügel noch zwei Jahre wohnen zu bleiben, und obendrein auch eine Anstellung für ihren Sohn an der Baukanzlei erwirkt.
»Warum soll er auch keine Güter kaufen!« sagte Tscheprakow vom Ingenieur. »Was er von den Lieferanten allein schindet! Von allen schindet er!«
Dann forderte er mich auf, mit ihm zu Mittag zu essen. Er hatte in aller Eile beschlossen, daß ich mit ihm im Seitenflügel wohnen und mich bei seiner Mutter beköstigen werde.
»Sie ist zwar ein Geizhals,« sagte er, »wird dir aber nicht allzu viel berechnen.«
In den kleinen Zimmern, die seine Mutter bewohnte, war es sehr eng; überall, selbst im Flur und Vorzimmer standen die Möbel herum, die man nach dem Verkauf des Gutes aus dem großen Hause herübergeschafft hatte; es waren lauter altertümliche Mahagonimöbel. Frau Tscheprakowa, eine volle, alte Dame mit chinesischen Schlitzaugen, saß in einem schweren Sessel am Fenster und strickte. Sie empfing mich höchst zeremoniell.
»Mama, das ist Herr Polosnjew,« stellte mich Tscheprakow vor. »Er tritt hier in Stellung.«
»Sind Sie adlig?« fragte sie mich mit seltsam unangenehmer Stimme, die so klang, als ob in ihrem Halse Fett kochte.
»Ja,« antwortete ich.
»Nehmen Sie Platz.«
Das Mittagessen war schlecht. Es gab eine Pastete mit bitterem Quark, eine Milchsuppe und sonst nichts. Jelena Nikiforowna, die Dame des Hauses, blinzelte mir die ganze Zeit bald mit dem einen, bald mit dem andern Auge zu. Sie sprach und aß, aber in ihrem ganzen Wesen war etwas Totes, und ich glaubte sogar Leichengeruch zu spüren. Das Leben glimmte in ihr ebenso schwach wie das Bewußtsein, daß sie eine Gutsbesitzerin, die einst Leibeigene besessen hatte, und Generalewitwe sei, die die Dienstboten Exzellenz zu titulieren haben; wenn diese kümmerlichen Reste ihres einstigen Lebens in ihr wieder aufleuchteten, pflegte sie ihrem Sohn zu sagen:
»Jean, du hältst das Messer nicht so, wie, es sich gehört!«
Oder sie wandte sich, schwer keuchend, an mich, mit der Geziertheit einer Dame, die ihren Gast unterhalten will:
»Wissen Sie, wir haben unser Gut verkauft. Es tut uns natürlich furchtbar leid, denn wir sind an diese Gegend gewöhnt, aber Dolschikow hat versprochen, Jean zum Stationschef von Dubetschnja zu machen. So werden wir von hier nicht fortziehen müssen, sondern auf der Station wohnen, und das ist genau so wie auf dem Gute. Der Ingenieur ist so gut! Finden Sie nicht auch, daß er ein schöner Mann ist?«
Die Tscheprakows lebten vor nicht langer Zeit als reiche Leute, aber nach dem Tode des Generals hatte sich alles verändert. Jelena Nikiforowna zankte sich und prozessierte mit den Nachbarn, kürzte den Angestellten und Arbeitern die Löhne und hatte immer Angst vor Dieben und Räubern; nach kaum zehn Jahren war Dubetschnja nicht mehr wiederzuerkennen.
Hinter dem großen Hause lag ein alter Garten, in dem Gras und Gesträuch verwilderten. Ich betrat die schöne und noch gar nicht baufällige Terrasse und blickte durch die Glastür ins Innere des Hauses hinein. Ich sah ein Zimmer mit Parkettfußboden, wohl einen Salon mit einem alten Klavier und Stichen in breiten Mahagonirahmen an den Wänden; sonst war nichts drin. Von den früheren Blumenanlagen waren nur Päonien und Mohn übriggeblieben, die aus dem Grase ihre weißen und grellroten Köpfe hoben. Längs der Wege wuchsen, einander drängend, junge Ahornbäume und Ulmen, die von den Kühen ordentlich angenagt waren. Das Dickicht schien undurchdringlich; so war es aber nur in der Nähe des Hauses, wo noch Pappeln, Fichten und Linden, die wohl ebenso alt wie das Haus waren, standen. Aber weiter hinaus war der Garten schon zu einer Weide ausgerodet; hier war es nicht mehr so schwül, hier bekam man nicht fortwährend Spinngewebe in den Mund und in die Augen, hier wehte ein erfrischender Wind. Und noch weiter vom Hause weg war es schon sehr geräumiger; hier standen ganz frei Kirschen-, Pflaumen- und Apfelbäume, von Stützen und Brand entstellt, und so große Birnbäume, daß man gar nicht glauben wollte, daß es Birnbäume seien. Dieser Teil des Gartens war an Obsthändlerinnen aus der Stadt verpachtet, und ein halbverrückter Bauer, der in einer Hütte wohnte, bewachte ihn vor den Staren und Dieben.
Der Garten ging dann allmählich in eine richtige Wiese über und stieg zum Flüßchen herab, das mit grünem Schilf und Weidengebüsch umwachsen war; neben dem Mühlendamme lag ein tiefer, fischreicher Teich. Die mit Stroh gedeckte Mühle rauschte wütend, und die Frösche quakten wie wahnsinnig. Auf dem glatten Wasserspiegel zogen Kreise, wenn ein Fisch die Stengel der Wasserlilien streifte. Jenseits des Flüßchens lag das Dorf Dubetschnja. Der stille blaue Teich lockte zu sich und verhieß Kühle und Ruhe. Und jetzt gehörte das alles – der Teich, die Mühle und die schönen Ufer dem Ingenieur!
Nun begann mein neuer Dienst. Ich empfing Telegramme und gab sie weiter, setzte allerlei Berichte auf und schrieb die Bestellzettel, Klagen und Rechnungen ins reine, die uns die kaum des Schreibens kundigen Poliere und Meister schickten. Den größten Teil des Tages tat ich aber nichts und ging, in Erwartung von Telegrammen, im Zimmer auf und ab; oder ich ließ einen Jungen als Aufpasser zurück und spazierte im Garten, bis der Junge mir meldete, daß der Apparat klopft. Zu Mittag aß ich bei der Frau Tscheprakow. Fleisch gab es sehr selten; meistens bekamen wir Milchspeisen und an Mittwochen und Freitagen – Fastenspeisen; an diesen Tagen standen rosa Teller auf dem Tisch, die man »Fastenteller« nannte. Frau Tscheprakowa hatte die angenehme Angewohnheit, mir immer zuzublinzeln, und in ihrer Gegenwart fühlte ich mich recht unbehaglich.
Da es nicht einmal für einen Menschen genug Arbeit gab, so tat Tscheprakow gar nichts, sondern schlief meistens oder ging mit der Flinte an den Teich, Wildenten zu schießen. An Abenden betrank er sich im Dorfe oder auf der Station, betrachtete sich dann vor dem Schlafengehen in einem kleinen Spiegel und rief sich selbst zu:
»Guten Abend, Iwan Tscheprakow!«
Wenn er betrunken war, sah er sehr blaß aus, rieb sich immer die Hände und wieherte wie ein Pferd. Manchmal zog er sich auch ganz nackt aus und lief in diesem Zustand im Felde herum. Er aß auch Fliegen und behauptete, daß sie säuerlich schmeckten.
IV
Eines Nachmittags kam er zu mir außer Atem gelaufen sagte:
»Komm, deine Schwester ist da.«
Ich ging hinaus. Vor dem großen Hause hielt tatsächlich eine Stadtdroschke. Meine Schwester war mit Anjuta Blagowo und einem Herrn in Militäruniform gekommen. Als ich näher kam, erkannte ich ihn: es war Anjutas Bruder, der Militärarzt.
»Wir sind zu Ihnen zu einem Picknick gekommen,« sagte er: »Ist es Ihnen recht?«
Meine Schwester und Anjuta wollten mich wohl fragen, wie es mir hier ginge, aber beide schwiegen und sahen mich nur an. Auch ich schwieg. Sie wußten, daß es mir hier nicht gefiel; meiner Schwester traten Tränen in die Augen, und Anjuta Blagowo wurde rot. Wir gingen in den Garten. Der Militärarzt schritt voran und rief begeistert:
»Das nenn' ich eine Luft! Heilige Mutter Gottes, ist das eine Luft!«
Er sah noch ganz wie ein Student aus. Er sprach und bewegte sich wie ein Student, und auch seine grauen Augen blickten lebhaft, einfach und offen wie bei einem guten Studenten. An der Seite seiner stattlichen und schönen Schwester erschien er schmächtig und klein; sein Bärtchen war dünn, ebenso seine nicht unangenehme Tenorstimme. Er diente bei irgendeinem Regiment und war auf Urlaub zu den Seinen gekommen. Im Herbst wollte er nach Petersburg gehen, um dort das Doktorexamen zu machen. Er hatte schon Familie – eine Frau und drei Kinder; er hatte früh, im vierten Semester, geheiratet, und in der Stadt erzählte man sich, daß es eine unglückliche Ehe sei und daß er von seiner Frau getrennt lebe.
»Wie spät ist es jetzt?« fragte meine Schwester unruhig »Wir wollen früh heimkehren, Papa erlaubte mir nur bis sechs Uhr hier zu bleiben.«
»Ach, Ihr Papa!« seufzte der Doktor.
Ich bereitete den Samowar. Auf einem Teppich vor der Terrasse des großen Hauses tranken wir Tee, der Doktor schlürfte ihn kniend aus einer Untertasse und behauptete, er fühle sich selig. Tscheprakow holte dann den Schlüssel, sperrte die Glastür auf, und wir traten alle ins Haus. Hier war es halbdunkel und geheimnisvoll, es roch nach Pilzen, und unsere Schritte hallten, als wenn sich unter dem Fußboden ein Keller befände. Der Doktor berührte stehend die Tasten des Klaviers, und dieses antwortete mit einem schwachen, zittrigen, heiseren, aber doch harmonischen Akkord; er versuchte seine Stimme und begann ein Lied, die Stirne runzelnd und geärgert mit dem Fuße stampfend, wenn irgendeine Taste versagte. Meine Schwester hatte es nicht mehr so eilig, nach Hause zurückzukehren, sondern ging erregt im Zimmer auf und ab und sprach:
»Mir ist so lustig zumute! So furchtbar lustig!«
In ihrer Stimme klang Erstaunen, als ob es ihr selbst ganz unwahrscheinlich schiene, daß sie einmal lustig sein, könnte. Zum erstenmal in ihrem Leben sah ich sie so lustig. Sie sah sogar auf einmal hübscher aus. Ihr Profil war nicht schön, Nase und Mund standen hervor und hatten den Ausdruck, als ob sie vor sich bliese, sie hatte aber wunderschöne dunkle Augen, einen blassen, sehr zarten Teint und einen rührenden Ausdruck von Güte und Trauer; wenn sie sprach, schien sie recht anmutig und sogar hübsch. Wir beide, sie und ich, waren unserer Mutter nachgeraten und waren breitschultrig, kräftig und ausdauernd; aber ihre Blässe war krankhaft, sie hustete oft, und in ihren Augen beobachtete ich manchmal den Ausdruck, den die Menschen haben, die ernsthaft krank sind, es aber aus irgendeinem Grunde verheimlichen. In ihrer plötzlichen Lustigkeit lag etwas Kindliches und Naives; es war, als ob die Lustigkeit, die man in uns in unserer Kindheit durch strenge Erziehung unterdrückt hatte, jetzt in ihrer Seele erwacht und mit Gewalt zum Ausbruch gekommen wäre.
Als aber der Abend anbrach und der Wagen vorfuhr, wurde sie wieder schweigsam, klappte zusammen und setzte sich in die Droschke mit einer Miene, als ob es eine Anklagebank wäre.
Als sie alle weg waren, wurde es gleich wieder still … Mir fiel es auf, daß Anjuta Blagowo die ganze Zeit kein einziges Wort zu mir gesagt hatte.
– Ein merkwürdiges Mädchen! – dachte ich mir: – Ein merkwürdiges Mädchen!
In den Petrifasten bekamen wir tagtäglich Fastenspeisen zu essen. Der ewige Müßiggang und die Unbestimmtheit meiner Lage bedrückten mich schwer, und ich trieb mich unzufrieden mit mir selbst, faul und hungrig auf dem Gute herum und wartete nur auf eine passende Stimmung, um von hier fortzugehen.
Eines Abends, als bei uns im Seitenflügel Rettich saß, erschien plötzlich Dolschikow, braungebrannt und über und über mit Staub bedeckt. Er hatte drei Tage auf der Strecke verbracht und war nach Dubetschnja auf einer Lokomotive und von der Station zu uns zu Fuß gekommen. In Erwartung seiner Equipage, die ihn hier abholen sollte, machte er mit seinem Verwalter eine Runde durch seinen Besitz, erteilte mit lauter Stimme Befehle, saß dann eine ganze Stunde bei uns in der Kanzlei und schrieb Briefe; für ihn liefen in einem fort Telegramme ein, die er sofort selbst beantwortete. Wir drei standen vor ihm schweigend und stramm da.
»Diese Unordnung!« rief er angeekelt, in die Tagesberichte hineinschauend. »In vierzehn Tagen kommt die Kanzlei ins Stationsgebäude hinüber, und dann weiß ich wirklich nicht, was ich mit euch anfangen soll, meine Herren!«
»Ich gebe mir die größte Mühe, Euer Hochwohlgeboren,« sagte Tscheprakow.
»Ich sehe ja, wie ihr euch Mühe gebt. Ihr versteht nur, die Gehälter einzustecken,« fuhr der Ingenieur fort, mit einem Blick auf mich. »Ihr hofft immer auf Protektion, um möglichst schnell und leicht faire la carrière. Ich gebe aber auf Protektion gar nichts. Für mich hat sich niemand bemüht. Bevor ich diese Eisenbahn bekam, fuhr ich lange Zeit auf der Lokomotive herum und arbeitete in Belgien als einfacher Wagenschmierer. Und was machst du hier, Pantelej?« wandte er sich an Rettich. »Du trinkst wohl mit ihnen?«
Er hatte die Angewohnheit, alle einfachen Leute »Pantelej« zu nennen; solche aber wie uns, mich und Tscheprakow, verachtete er und titulierte uns hinter dem Rücken mit Sauser, Vieh und Gesindel. Gegen die kleinen Angestellten war er überhaupt grausam: er zog ihnen vom Gehalt Strafgelder ab und jagte sie ohne viele Worte aus dem Dienst.
Endlich kam seine Equipage. Beim Abschied versprach er, uns alle in vierzehn Tagen zu entlassen, nannte seinen Verwalter einen Schafskopf, setzte sich recht bequem in die Polster und fuhr in die Stadt.
»Andrej Iwanowitsch,« sagte ich zu Rettich, »nehmen Sie mich zu sich als Arbeiter.«
»Nun, von mir aus!«
Und wir gingen zusammen in die Stadt. Als die Station und das Gut weit hinter uns lagen, fragte ich ihn:
»Andrej Iwanowitsch, warum waren Sie eigentlich nach Dubetschnja gekommen?«
»Erstens, weil meine Leute hier auf der Strecke arbeiten, und zweitens mußte ich der Generalin die Zinsen zahlen. Vergangenes Jahr habe ich von ihr fünfzig Rubel geliehen und zahle ihr jetzt einen Rubel monatlich ab.«
Der Malermeister blieb stehen und nahm mich am Rockknopf.
»Missail Alexejewitsch, mein Engel,« fuhr er fort, »ich bin der Ansicht, daß jeder einfache Mann oder vornehme Herr, der auch die geringsten Zinsen nimmt, ein Verbrecher ist. In einem solchen Menschen kann die Wahrheit nicht wohnen.«
Der magere, blasse, unheimliche Rettich schloß die Augen, schüttelte den Kopf und sagte im Tone eines Philosophen:
»Läuse fressen das Gras, der Rost – das Eisen, und die Lüge – die Seele. Herr, sei uns Sündern gnädig!«
V
Rettich war unpraktisch und verstand nicht zu rechnen; nahm viel mehr Arbeit, als er bewältigen konnte, bei der Abrechnung verlor er stets die Fassung und hatte daher fast immer Schaden. Er malte, setzte Scheiben ein, tapezierte und übernahm sogar Dachdeckerarbeiten, und ich kann mich noch erinnern, wie er manchmal wegen irgendeines ganz unbedeutenden Auftrages drei Tage lang auf der Suche nach Dachdeckern herumlief. Er war ein vorzüglicher Meister, verdiente zuweilen zehn Rubel am Tage, und wenn er nicht den Ehrgeiz hätte, unbedingt als Erster zu gelten und »Unternehmer« zu sein, so hätte er wahrscheinlich Geld gespart.
Er selbst arbeitete in Akkord und zahlte davon mir und den anderen Arbeitern siebzig Kopeken bis einen Rubel täglich. Solange es heiß und trocken war, machten wir allerlei Außenarbeiten und strichen hauptsächlich die Dächer. Ich war diese Arbeit nicht gewohnt, und meine Füße glühten, als ob ich auf einer heißen Herdplatte ginge; zog ich aber Filzstiefel an, so war es meinen Füßen wieder zu schwül. Das war aber nur in der ersten Zeit so; als ich mich gewöhnte, ging es wie geschmiert. Ich lebte jetzt unter Menschen, für die die Arbeit obligatorisch und unvermeidlich war und die wie die Lastpferde arbeiteten, oft ohne die sittliche Bedeutung der Arbeit einzusehen und selbst ohne das Wort »Arbeit« in ihren Gesprächen zu gebrauchen; in ihrer Nähe fühlte ich mich gleichfalls als ein Lastpferd, überzeugte mich immer mehr von der Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit dessen, was ich tat, und das erleichterte mir das Leben und befreite mich von allen Zweifeln.
In der ersten Zeit interessierte mich alles, alles war mir neu, und ich fühlte mich wie neugeboren. Ich konnte auf der Erde schlafen, konnte barfuß gehen, was übrigens sehr angenehm ist; konnte, ohne jemand zu belästigen, in einem Haufen gemeinen Volkes stehen, und wenn auf der Straße ein Droschkenpferd fiel, kam ich gelaufen und half es aufheben, ohne Angst, meine Kleider zu beschmutzen. Vor allen Dingen lebte ich aber auf eigene Kosten und fiel niemand zur Last!
Das Anstreichen der Dächer, insbesondere wenn wir auch Firnis und Farbe beistellten, war ein recht einträgliches Geschäft, und selbst so gute Meister wie Rettich verachteten diese grobe und langweilige Arbeit nicht. In kurzer Hose, mit lila Beinen stolzierte er wie ein Storch auf dem Dache herum, und oft hörte ich ihn bei der Arbeit schwer seufzen und sagen:
»Wehe, wehe uns Sündern!«
Auf dem Dache spazierte er ebenso frei herum wie auf dem Fußboden. Obwohl er kränklich und blaß wie eine Leiche war, zeichnete er sich durch ungewöhnlicht Gewandtheit aus; wie die jüngsten Arbeiter malte er die Kirchenkuppeln ohne jedes Gerüst, nur mit Hilfe einer Leiter und eines Strickes, und es war ein wenig unheimlich, wenn er, in der Höhe über der Erde stehend, sich in seiner ganzen Länge ausstreckte und, man wußte nicht, zu wem, sagte:
»Die Läuse fressen das Gras, der Rost – das Eisen, und die Lüge – die Seele!«
Oder wenn er laut auf seine eigenen Gedanken antwortete:
»Alles ist möglich! Alles ist möglich!«
Wenn ich von der Arbeit heimging, riefen mir alle die Ladengehilfen, Lehrjungen und ihre Herren, die vor den Türen saßen, allerlei spöttische und boshafte Bemerkungen nach; in der ersten Zeit regte mich das auf und erschien mir ungeheuerlich.
»Kleiner Nutzen!« klang es von allen Seiten. »Pinsel! Ocker!«
Niemand behandelte mich aber so grausam wie gerade diejenigen, die erst vor kurzem einfache Arbeiter gewesen waren und sich ihr Brot durch schwere Arbeit verdient hatten. Als ich einmal auf dem Markte an einer Eisenhandlung vorbeiging, schüttete man auf mich wie zufällig einen Kübel Wasser aus; ein anderes Mal warf man nach mir mit einem Stock. Und einmal versperrte mir ein alter Fischhändler den Weg und sagte mit böser Stimme:
»Nicht du tust mir leid, Dummkopf: dein Vater tut mir leid!«
Meine Bekannten konnten aber bei der Begegnung mit mir ihre Verlegenheit kaum bemeistern. Die einen sahen mich als einen Sonderling und Hanswurst an, die anderen bemitleideten mich, die dritten aber wußten nicht, wie sie sich zu mir stellen sollten, und ich konnte sie nicht recht verstehen. Eines Tages begegnete ich in einer der Quergassen, in der Nähe unserer Großen Adelsstraße, Anjuta Blagowo. Ich ging zur Arbeit und trug zwei lange Pinsel und einen Eimer mit Farbe. Als Anjuta mich erkannte, bekam sie einen roten Kopf.
»Ich bitte Sie, mich auf der Straße nicht zu grüßen …« sagte sie nervös, unfreundlich, mit bebender Stimme, ohne mir die Hand zu reichen, und in ihren Augen blinkten plötzlich Tränen. »Wenn Sie das alles für notwendig halten, so bleiben Sie meinetwegen dabei … aber ich bitte Sie, begegnen Sie mir nicht!«
Ich wohnte nicht mehr in der Großen Adelsstraße, sondern in der Vorstadt Makaricha, bei meiner ehemaligen Kinderfrau Karpowna, einer gutmütigen, doch melancholischen Alten, die überall Unheil witterte, alle Träume fürchtete und selbst in den Bienen und Wespen, die manchmal in ihr Zimmer hineinflogen, üble Vorbedeutungen sah. Auch das, daß ich Arbeiter geworden war, verhieß ihrer Ansicht nach nichts Gutes.
»Verloren ist dein Kopf!« pflegte sie mit traurigem Kopfschütteln zu sagen: »Verloren ist er!«
Bei ihr wohnte ihr Pflegesohn, der Fleischer Prokofij, ein riesengroßer, plumper, rothaariger Geselle mit struppigem Schnurrbart. Wenn er mir im Hausflur begegnete, machte er mir stumm und ehrerbietig Platz; wenn er aber betrunken war, so salutierte er mir mit allen fünf Fingern. Wenn er beim Abendbrot saß, hörte ich durch den Bretterverschlag, wie er nach jedem Glase Schnaps seufzte und sich räusperte.
»Mama!« rief er mit dumpfer Stimme.
»Was ist denn?« antwortete Karpowna, die in ihren Pflegesohn verliebt war. »Was ist denn, Söhnchen?«
»Ich will Ihnen eine Gefälligkeit erweisen, Mama. In diesem irdischen Jammertal werde ich Sie bis ins hohe Alter ernähren, und wenn Sie sterben, werde ich Sie auf meine Kosten beerdigen«. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«
Ich stand jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf und ging immer früh zu Bett. Wir Maler aßen sehr viel, schliefen gut, hatten aber nachts immer Herzklopfen. Mit meinen Kollegen zankte ich mich niemals. Flüche und Verwünschungen wie z. B. »Die Augen sollen dir zerspringen!« oder: »Daß dich die Cholera!« verstummten zwar für keinen Augenblick, aber wir lebten doch in gutem Einvernehmen. Die anderen Gesellen hielten mich für einen Sektierer und machten ihre gutmütigen Witze darüber; sie sagten, daß selbst mein leiblicher Vater sich von mir losgesagt hätte, gestanden aber gleich darauf, daß sie selbst fast niemals in die Kirche gingen und daß viele von ihnen seit zehn Jahren nicht mehr in der Beichte gewesen waren; dieses Verhalten rechtfertigten sie damit, daß der Maler unter den Menschen dasselbe sei, was eine Dohle unter den Vögeln.
Die Gesellen achteten mich und behandelten mich mit Ehrfurcht; anscheinend gefiel es ihnen, daß ich weder trank noch rauchte und ein stilles, ordentliches Leben führte. Es berührte sie nur unangenehm, daß ich mich nicht am Stehlen von Firnis beteiligte und auch nicht am Trinkgelderpressen von den Kunden. Das Stehlen von Firnis und Farbe war bei den Malern ein alter Brauch, und selbst ein so anständiger Mensch wie Rettich brachte von der Arbeit immer etwas Firnis und Bleiweiß mit. Um Trinkgeld bettelten aber sogar ehrwürdige alte Männer, die in der Vorstadt Makaricha eigene Häuser besaßen. Es war beschämend zu sehen, wie die Arbeiter irgendeiner Null zum Beginn oder zum Abschluß der Arbeit gratulierten und wie devot sie sich für ein Trinkgeld von zehn Kopeken bedankten.
Den Kunden gegenüber benahmen sie sich wie listige Höflinge, und ich mußte jeden Tag an den Shakespeareschen Polonius denken.
»Es wird wohl regnen,« sagte der Kunde, auf den Himmel blickend.
»Es wird ganz gewiß regnen!« bestätigten die Maler.
»Es sind übrigens keine Regenwolken. Vielleicht wird es auch nicht regnen.«
»Es wird nicht regnen, Euer Wohlgeboren. Ganz gewiß nicht.«
Hinter dem Rücken behandelten sie die Kunden im allgemeinen ironisch, und wenn sie z. B. einen Herrn mit einer Zeitung auf dem Balkon sitzen sahen, spotteten sie:
»Eine Zeitung liest er, aber zu fressen hat er nichts!«
Zu den Meinen ging ich nicht. Wenn ich von der Arbeit heimkam, fand ich bei mir oft kurze, besorgte Zettel von meiner Schwester vor, in denen sie mir vom Vater berichtete: daß er beim Mittagessen auffallend nachdenklich gewesen sei und nichts gegessen habe, oder daß er im Gehen eigentümlich gestolpert wäre, oder daß er sich für lange Zeit in seinem Zimmer eingeschlossen hätte. Solche Berichte regten mich auf und raubten mir den Schlaf; manchmal ging ich sogar nachts in die Große Adelsstraße vor unser Haus, starrte in die dunklen Fenster und suchte zu erraten, wie es im Hause wohl stehen möge. Meine Schwester besuchte mich heimlich jeden Sonntag, tat aber so, als käme sie nicht zu mir, sondern zu der Kinderfrau. Wenn sie zu mir ins Zimmer trat, war sie sehr blaß, hatte rote Augen und fing gleich zu weinen an:
»Unser Vater wird es nicht überleben!« sagte sie immer: »Wenn ihm, Gott behüte, etwas zustößt, so wird dich dein Leben lang dein Gewissen quälen. Es ist entsetzlich, Missail! Im Namen unserer Mutter flehe ich dich an: bessere dich!«
»Teure Schwester,« erwiderte ich, »wie soll ich mich bessern, wenn ich überzeugt bin, daß ich nach meinem Gewissen handle? Begreife es doch!«
»Ich weiß, daß du nach deinem Gewissen handelst, vielleicht ginge es aber doch irgendwie anders, so daß du niemand Kummer machst.«
»Lieber Gott!« stöhnte die Alte hinter der Tür: »Verloren ist dein Kopf! Schlecht wird es enden!«
VI
An einem Sonntag kam zu mir ganz unerwartet Doktor Blagowo. Er trug unter seiner Sommerlitewka ein blauseidenes Hemd und hatte Lackstiefel an.
»Ich komme zu Ihnen!« begann er, und drückte mir kräftig die Hand. »Jeden Tag höre ich von Ihnen und habe immer die Absicht, mich mit Ihnen auszusprechen. In der Stadt herrscht furchtbare Langweile, es ist keine lebendige Seele da, mit der man ein Wort reden könnte. Heiß ist es, heilige Mutter Gottes!« fuhr er fort, die Litewka ausziehend. »Liebster, lassen Sie mich mit Ihnen sprechen!«
Ich langweilte mich auch selbst und sehnte mich schon längst nach der Gesellschaft von Nichtmalern. Ich freute mich aufrichtig über seinen Besuch.
»Zuallererst will ich Ihnen sagen,« fing er an, sich auf mein Bett setzend, »daß ich mit ganzer Seele mit Ihnen fühle und Ihre ganze Lebensweise achte. Hier in der Stadt versteht man Sie nicht, es ist auch niemand da, der Sie verstehen könnte; Sie wissen wohl selbst, daß es hier mit wenigen Ausnahmen nur Gogolsche Schweineschnauzen gibt. Aber ich habe Sie schon damals beim Picknick gleich durchschaut. Sie sind eine edle Seele, ein ehrlicher Idealist. Ich achte Sie und halte es für eine große Ehre, Ihre Hand drücken zu können!« fuhr er begeistert fort. »Um das Leben so radikal zu verändern, wie Sie es getan, haben Sie einen komplizierten seelischen Prozeß durchmachen müssen, und um dieses Leben fortzuführen und immer auf der Höhe Ihrer Ueberzeugungen zu bleiben, arbeiten Sie wohl tagaus, tagein angestrengt mit Kopf und Herz. Sagen Sie mir nun gleich zu Beginn unserer Unterredung: finden Sie nicht, daß, wenn Sie diese ganze Willenskraft, diese ganze Anspannung und Potenz auf irgend etwas anderes verwendet hätten, z. B. um mit der Zeit ein großer Gelehrter oder Künstler zu werden, Ihr Leben auch viel tiefer und in allen Beziehungen produktiver geworden wäre?«
So begann unser Gespräch, und als die Rede auf die körperliche Arbeit kam, äußerte ich folgenden Gedanken: es sei in erster Linie notwendig, daß die Starken die Schwachen nicht knechten, daß die Minderheit für die Mehrheit nicht zu einem Parasiten werde, oder zu einer Pumpe, die aus ihr chronisch die besten Säfte aussauge; mit anderen Worten, es sei notwendig, daß alle ohne Ausnahme, die Starken wie die Schwachen, die Reichen wie die Armen gleichmäßig, ein jeder für sich, am Kampfe ums Dasein teilnehmen; in dieser Beziehung gäbe es kein besseres nivellierendes Mittel als die zu einer allgemeinen, für alle obligatorischen Pflicht erhobene körperliche Arbeit.
»Nach Ihrer Ansicht müssen sich also alle mit körperlicher Arbeit befassen?« fragte der Doktor.
»Ja.«
»Glauben Sie denn nicht, daß, wenn sich alle, auch die hervorragendsten Menschen, die größten Denker und Gelehrten, am Kampfe ums Dasein beteiligen und ihre Zeit zum Steineklopfen oder Dächeranstreichen verwenden, dem Fortschritte eine große Gefahr entstehen würde?«
»Worin soll denn diese Gefahr liegen?« fragte ich. »Der Fortschritt besteht ja in den Taten der Liebe, in der Erfüllung der sittlichen Pflicht. Wenn Sie niemand unterdrücken, wenn Sie niemand zur Last fallen, so ist das doch wahrlich ein großer Fortschritt!«
»Aber erlauben Sie einmal!« fuhr Blagowo plötzlich auf: »Erlauben Sie! Wenn die Schnecke sich in ihrem Schneckenhaus mit persönlicher Selbstvervollkommnung befaßt und im sittlichen Gesetz herumstochert, so nennen Sie das Fortschritt?«
»Warum sagen Sie herumstochert?« entgegnete ich beleidigt. »Wenn Sie Ihren Nächsten nicht zwingen, Sie zu ernähren, zu bekleiden, zu fahren, vor Ihren Feinden zu beschützen, so bedeutet denn das im Leben, das ganz auf Knechtschaft aufgebaut ist, keinen Fortschritt? Meines Erachtens ist das der echteste und wohl der für den Menschen einzig mögliche und notwendige Fortschritt.«
»Die Grenzen des allmenschlichen, weltumfassenden Fortschritts liegen in der Unendlichkeit, und von einem ›möglichen‹ von unseren Nöten und zeitlichen Anschauungen beschränkten Fortschritt zu sprechen, finde ich, entschuldigen Sie mich, sonderbar.«
»Wenn die Grenzen des Fortschritts, wie Sie sagen, in der Unendlichkeit liegen, so sind seine Ziele unbestimmt,« entgegnete ich ihm. »Wie kann man leben, ohne zu wissen, wozu man lebt!«
»Gut! Aber dieses Nichtwissen ist weniger langweilig als Ihr Wissen. Ich steige eine Leiter hinauf, die man Fortschritt, Zivilisation, Kultur nennt, ich steige immer höher, ich weiß zwar nicht bestimmt, wohin sie mich führt, aber diese herrliche Leiter macht mir schon allem das Leben lebenswert; Sie aber wissen, wozu Sie leben: damit die einen die anderen nicht unterdrücken, damit der Künstler und derjenige, der ihm die Farben reibt, das gleiche Mittagbrot essen. Das ist aber die spießbürgerliche, prosaische, graue Seite des Lebens, und für sie zu leben, ist einfach ekelhaft. Wenn die einen Insekten die anderen unterjochen, so hol sie der Teufel! Sollen sie einander fressen! Nicht an diese Geschöpfe müssen wir denken – sie werden ja sowieso, und wenn Sie sie auch von der Sklaverei retten, sterben und verfaulen; sondern, an das große X, das die Menschheit in der Zukunft erwartet.«
Blagowo widersprach mir mit großem Eifer, ich konnte ihm aber anseben, daß ihn irgendein ganz anderer Gedanke beschäftigte.
»Ihre Schwester wird wohl nicht kommen,« sagte er nach einem Blick auf die Uhr. »Gestern war sie bei uns und sagte, daß sie heute zu Ihnen kommt. Sie sprechen immer von Sklaverei …« fuhr er fort. »Das ist aber nur eine Teilfrage, und alle solche Fragen werden von der Menschheit allmählich, ganz von selbst gelöst.«
Nun kamen wir auf die allmähliche Entwicklung zu sprechen. Ich sagte, daß die Frage, ob gut oder böse zu handeln sei, jeder Mensch für sich lösen müsse, ohne erst abzuwarten, daß die Menschheit zur Lösung dieser Frage auf dem Wege der allgemeinen Entwicklung gelange. Außerdem sei diese allmähliche Entwicklung ein zweischneidiges Schwert. Neben dem Prozesse der Entwicklung der humanen Ideen könne man auch die allmähliche Entwicklung von Ideen ganz anderer Art beobachten. Die Leibeigenschaft sei abgeschafft, dafür aber wachse der Kapitalismus immer an. Und selbst in der Zeit, wo die freiheitlichen Ideen in höchster Blüte stehen, müsse die Mehrheit ebenso wie in den Tagen des Tatarenjochs die Minderheit ernähren, kleiden und verteidigen und bleibe dabei selbst hungrig, nackt und schutzlos. Eine solche Ordnung könne sich mit beliebigen ideellen Strömungen sehr gut vertragen, denn auch die Kunst der Knechtung werde allmählich kultivierter. Wir züchtigen nicht mehr unsere Lakaien mit Ruten, aber wir verleihen der Sklaverei raffinierte Formen; jedenfalls verstehen wir es, sie in jedem Einzelfalle zu rechtfertigen. Wir halten alle die Ideen in großen Ehren, aber wenn wir jetzt im Ausgange des neunzehnten Iahrhunderts die Möglichkeit hätten, auf die Arbeiter auch unsere unangenehmsten physiologischen Verrichtungen abzuwälzen, so täten wir es und sagten dann zu unserer Rechtfertigung, daß, wenn die besten Menschen, die größten Denker und Gelehrten ihre goldene Zeit auf diese Verrichtungen verlieren würden, dem Fortschritte eine große Gefahr drohte.
Da kam aber schon meine Schwester. Als sie bei mir den Doktor erblickte, wurde sie gleich sehr unruhig und erklärte, sie müsse heim zum Vater.
»Kleopatra Alexejewna,« sagte ihr Blagowo sehr eindringlich, beide Hände ans Herz drückend: »was kann Ihrem Herrn Vater passieren, wenn Sie mit Ihrem Bruder und mir eine halbe Stunde verbringen?«
Er gab sich recht natürlich und verstand seine Lebhaftigkeit auch den andern mitzuteilen. Meine Schwester dachte eine Weile nach, wurde dann auf einmal wie damals beim Picknick lustig und fing zu lachen an. Wir gingen ins Freie, legten uns ins Gras, setzten unser Gespräch fort und blickten auf die Stadt, wo alle nach dem Westen gerichteten Fenster, in denen sich die untergehende Sonne spiegelte, wie golden aussahen.
So oft von nun an meine Schwester mich besuchte, kam sofort auch Doktor Blagowo, und sie stellten sich bei der Begrüßung so, als sei ihre Begegnung bei mir eine ganz zufällige. Meine Schwester hörte unseren Debatten mit einem andächtigen, entzückten und forschenden Gesichtsausdruck zu, und mir schien es, als ginge ihr allmählich eine ganz neue Welt auf, die sie bisher nicht mal im Traume gesehen hatte und die sie jetzt zu ergründen suchte. Kam der Doktor einmal nicht, so war sie still und traurig, und wenn es vorkam, daß sie, auf meinem Bette sitzend, weinte, so weinte sie aus persönlichen Gründen, von denen sie mir nichts erzählte.
Im August sagte uns Rettich, wir sollten uns auf die »Strancke« begeben. Zwei Tage, bevor wir aufbrachen, kam plötzlich mein Vater zu mir. Er setzte sich ohne Eile, wischte sich, ohne mich anzusehen, sein rotes Gesicht ab, holte dann aus der Tasche unseren »Stadtboten« und las mir langsam, jedes Wort betonend, die Nachricht vor, daß mein Altersgenosse, der Sohn des Reichsbankdirektors zum Abteilungschef am Rentamte ernannt worden sei.
»Und nun sieh dich an,« sagte er, die Zeitung wieder zusammenlegend: »du bist ein Bettler, ein Lump und ein Taugenichts! Selbst Leute aus dem Bauern- und Kleinbürgerstande streben nach Bildung, um irgend etwas zu werden, aber du, ein Polosnjew, du strebst nach dem Schmutz! Ich bin aber nicht hergekommen, um mich mit dir zu unterhalten. Dich habe ich schon aufgegeben,« fuhr er mit erstickter Stimme fort und stand auf. »Ich bin gekommen, um dich zu fragen, wo deine Schwester ist, du Taugenichts! Sie ist gleich nach dem Mittagessen vom Hause weggegangen, und nun ist es bald acht, und sie ist noch immer nicht da. Sie geht jetzt oft aus dem Hause, ohne mir davon auch nur ein Wort zu sagen, und ist viel weniger ehrerbietig als früher. Ich sehe darin deinen schlechten, gemeinen Einfluß. Wo ist sie?«
Er hielt den mir wohlbekannten Regenschirm in der Hand, und ich stand schon stramm wie ein Schuljunge, in der Erwartung, daß er mich wieder schlagen würde. Er bemerkte aber meinen Blick auf den Regenschirm, und das hielt ihn wahrscheinlich ab.
»Lebe wie du willst!« sagte er. »Ich nehme meinen Segen von dir.«
»Gott im Himmel!« murmelte die Kinderfrau hinter der Tür: »Dein armer, unglücklicher Kopf! Mein Herz ahnt Unheil!«
Ich arbeitete auf der Strecke. Den ganzen August regnete es und war es kalt und feucht. Das Getreide blieb auf den Feldern liegen, und auf den großen Gütern, wo man mit Maschinen mähte, lag der Weizen nicht in Schobern, sondern in Haufen, und ich erinnere mich noch, wie diese traurigen Haufen von Tag zu Tag dunkler wurden und der Weizen verdarb. Das Arbeiten fiel uns sehr schwer, weil die Regengüsse alles verdarben, was wir fertig machten. In den Stationsgebäuden zu wohnen und zu schlafen war uns verboten, und wir hausten in den schmutzigen, feuchten Erdhütten, in denen im Sommer die bewußten »Eisenbahner« gewohnt hatten. Nachts konnte ich vor Kälte nicht schlafen, und auch weil mir über Gesicht und Hände die Asseln liefen. Wenn wir aber an den Brücken arbeiteten, kamen die »Eisenbahner« Abend für Abend in ganzen Scharen, um die Maler zu verhauen: das war für sie eine Art Sport. Sie schlugen uns, stahlen uns die Pinsel und verdarben, um uns zum Streite zu provozieren, unsere Arbeit, indem sie z. B. die Wärterhäuschen mit grüner Farbe anstrichen. Um den Kelch unserer Leiden voll zu machen, fing Rettich an, uns sehr unpünktlich zu entlohnen. Alle Malerarbeiten in diesem Revier waren an einen Unternehmer vergeben worden; dieser hatte sie von sich aus einem andern übergeben, und dieser andere gab sie Rettich, wobei er sich zwanzig Prozent ausbedang. Die Arbeit war schon an sich wenig lohnend, und da kamen auch noch die Regengüsse hinzu; die Zeit verging unnütz, wir taten nichts, Rettich war aber verpflichtet, seine Arbeiter für den Tag zu bezahlen. Die hungrigen Maler drohten ihn zu verprügeln, nannten ihn einen Gauner, einen Blutsauger, einen Judas, er aber seufzte nur, hob die Hände verzweifelt zum Himmel und ging alle paar Tage zur Frau Tscheprakowa, um sich Geld zu leihen.
VII
Es kam der regnerische, schmutzige, trübe Herbst. Mit ihm kam auch die arbeitslose Zeit, und ich saß oft drei Tage hintereinander ohne Arbeit zu Hause, oder übernahm andere Arbeiten, die mit dem Malerhandwerk nichts zu tun haben; ich karrte z. B. Erde und bekam dafür ganze zwanzig Kopeken für den Tag. Doktor Blagowo war nach Petersburg verreist. Meine Schwester besuchte mich nicht mehr. Rettich lag bei sich zu Hause krank und wartete auf den Tod.
Auch meine Stimmung war recht herbstlich. Vielleicht, weil ich als Arbeiter unser Stadtleben nur von der Kehrseite sah, machte ich fast jeden Tag Entdeckungen, die mich zur Verzweiflung brachten. Diejenigen unter meinen Mitbürgern, über die ich bisher gar keine Meinung gehabt hatte oder die mir äußerlich recht anständig erschienen, stellten sich auf einmal als gemeine, grausame, jeder Niedertracht fähige Menschen heraus. Uns einfache Arbeiter belog und beschwindelte man; man ließ uns stundenlang im kalten Hausflur oder in der Küche warten, man beleidigte uns und behandelte uns roh und gemein. Im Herbst tapezierte ich in unserem Klub das Lesezimmer und noch zwei andere Zimmer; man zahlte mir sieben Kopeken für die Rolle, doch mußte ich den Empfang von zwölf Kopeken für die Rolle quittieren. Als ich mich weigerte, dies zu unterschreiben, sagte mir ein sehr anständig aussehender Herr mit goldener Brille, offenbar eines der Vorstandsmitglieder:
»Wenn du noch lange Geschichten machst, du Schurke, bekommst du die Fresse voll!«
Und als ihm ein Diener zuflüsterte, daß ich der Sohn des Architekten Polosnjew sei, wurde er verlegen, errötete, besann sich aber gleich wieder und sagte:
»Ach, hol ihn der Teufel!«
In den Läden verkaufte man uns Arbeitern verdorbenes Fleisch, faules Mehl und gefälschten Tee; in der Kirche stießen uns die Schutzleute herum, in den Krankenhäusern beuteten uns die Feldschere und die Pflegerinnen aus, und wenn wir ihnen infolge unserer Armut nichts gaben, brachten sie uns unser Essen in schmutzigem Geschirr; auf der Post hielt sich auch der kleinste Beamte für berechtigt, uns wie das Vieh zu behandeln und roh und frech anzufahren: »Was drängst du dich vor? Kannst du nicht warten?« Selbst die Hofhunde verhielten sich feindselig gegen uns und bellten uns besonders gehässig an. Was mich aber in meiner neuen Lage am meisten in Erstaunen versetzte, war der völlige Mangel an Gerechtigkeit, das, was das gemeine Volk mit »Die Leute haben Gott vergessen!« bezeichnet. Fast kein einziger Tag verging ohne Gaunerei. Uns beschwindelten die Kaufleute beim Verkauf von Firnis, die Unternehmer, die Gesellen und sogar die Kunden. Selbstverständlich waren wir ganz rechtlos und mußten um unser sauer verdientes Geld wie um Almosen betteln, ohne Mütze an der Hintertreppe stehend.
Ich tapezierte im Klub einen der neben dem Lesezimmer gelegenen Räume; eines Abends, als ich schon weggehen wollte, kam in dieses Zimmer die Tochter des Ingenieurs Dolschikow mit einem Paket Bücher in der Hand. Ich verbeugte mich vor ihr.
»Ach, guten Tag!« sagte sie, mich sofort erkennend und mir die Hand gebend. »Ich freue mich, Sie wiederzusehen.«
Sie lächelte und betrachtete etwas neugierig und verdutzt meine Arbeitsbluse, den Eimer mit dem Kleister und die auf dem Fußboden ausgebreiteten Tapeten; ich wurde verlegen, und auch sie fühlte sich wohl geniert.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie so anschaue,« sagte sie. »Man hat mir von Ihnen viel erzählt. Ganz besondere der Doktor Blagowo, – er ist einfach verliebt in Sie! Ich habe auch schon Ihre Schwester kennen gelernt; sie ist ein liebes, sympathisches Mädchen, aber ich konnte sie unmöglich davon überzeugen, daß in Ihrer Wandlung nichts Schreckliches ist. Im Gegenteil, Sie sind jetzt der interessanteste Mensch in dieser Stadt.«
Sie warf wieder einen Blick auf den Eimer mit dem Kleister und auf die Tapeten und fuhr fort:
»Ich habe Doktor Blagowo gebeten, mich mit Ihnen näher bekannt zu machen, er hat es aber offenbar vergessen, oder keine Zeit dazu gehabt. Wie dem auch sei, wir sind ja schon bekannt, und wenn Sie einmal ganz ungezwungen zu mir kommen wollten, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Ich möchte so gerne mit Ihnen sprechen! Ich bin ein einfacher Mensch,« sagte sie und gab mir die Hand, »und ich hoffe, Sie werden sich bei mir recht unbefangen fühlen. Mein Vater ist nicht hier, er ist in Petersburg.«
Sie ging, mit dem Kleide rauschend, ins Lesezimmer, ich aber konnte zu Hause lange nicht einschlafen.
Im gleichen traurigen Herbst schickte mir irgendeine gute Seele, die mir anscheinend das Leben erleichtern wollte, bald etwas Tee und Zitronen, bald Gebäck und bald gebratene Rebhühner. Karpowna sagte, daß die Sachen ein Soldat bringe, aber von wem, das wisse sie nicht; der Soldat erkundigte sich aber jedesmal, ob ich gesund sei, ob ich jeden Tag zu Mittag esse und ob ich warme Kleidung habe. Als die Fröste begannen, brachte mir der gleiche Soldat einmal in meiner Abwesenheit ein gestricktes, weiches Halstuch, dem ein zarter Duft entströmte, und ich erriet sofort, wer die gute Fee war. Das Halstuch roch nach Maiglöckchen, dem Lieblingsparfüm Anjuta Blagowos.
Im Winter gab es wieder mehr zu tun, und meine Stimmung wurde lustiger. Rettich war wieder vom Tode auferstanden, und wir arbeiteten zusammen in der Friedhofskirche, wo wir die Heiligenwand vor dem Vergolden zu grundieren hatten. Das war eine ruhige, saubere und angenehme Arbeit. An einem Tage konnte man viel fertigbringen, und die Zeit verging unmerklich schnell. Dabei wurde weder geflucht, noch gelacht, noch laut gesprochen. Der Ort selbst verpflichtete zu einem wohlanständigen Benehmen und zu stillen und ernsten Gedanken. In unsere Arbeit versunken, standen und saßen wir unbeweglich wie die Statuen; es herrschte eine Totenstille, wie sie einer Friedhofskirche entspricht, und wenn irgendein Werkzeug hinfiel, oder die Flamme in einem der Lämpchen knisterte, hallten diese Töne ungemein laut, und wir sahen uns alle um. Manchmal erklang in der Stille ein Summen, wie wenn Bienen schwärmten: Priester segneten vor dem Altare eine Kinderleiche ein, oder der Maler, der in der Kuppel eine von Sternen umgebene Taube malte, fing leise zu pfeifen an und hörte erschrocken sofort wieder auf; oder Rettich antwortete mit einem Seufzer auf seine eigenen Gedanken: »Alles ist möglich! Alles ist möglich!«; oder über unseren Köpfen ertönte ein abgemessenes, dumpfes Glockengeläute, und die Maler machten gleich die Bemerkung, daß es wohl eine reiche Leiche sei, die man zu Grabe trage ....
Die Tage verbrachte ich in dieser Stille, im Dämmer der Kirche, an den langen Abenden aber spielte ich Billard oder ging ins Theater auf die Galerie in meinem neuen Trikotanzug, den ich mir für das verdiente Geld gekauft hatte. Bei den Aschogins hatten schon die Liebhaberaufführungen und Konzerte begonnen; die Dekorationen malte jetzt Rettich allein. Er erzählte mir den Inhalt der Stücke und der lebenden Bilder, die er zu sehen bekam, und ich hörte ihm ganz neidisch zu. Es zog mich sehr zu den Proben, doch ich konnte mich nicht entschließen, zu den Aschogins zu gehen.
Eine Woche vor Weihnachten kam Doktor Blagowo zurück. Wir debattierten wieder viel miteinander und spielten an den Abenden Billard. Beim Spielen zog er sich immer den Rock aus, knöpfte das Hemd auf der Brust auf und gab sich überhaupt jede Mühe, wie ein fürchterlicher Bummler auszusehen. Er trank wenig, machte aber großen Lärm und brachte es fertig, selbst in so gemeinen Lokalen wie in der »Wolga« zwanzig Rubel an einem Abend auszugeben.
Nun kam meine Schwester wieder zu mir; so oft sie sich bei mir trafen, taten sie sehr erstaunt, aber ihrem freudestrahlenden, schuldbewußten Gesicht konnte ich ansehen, daß diese Begegnungen keine zufälligen waren. Eines Abends beim Billardspiel sagte der Doktor zu mir:
»Hören Sie mal, warum besuchen Sie nie die Dolschikow? Sie kennen Maria Viktorowna nicht, sie ist aber klug und sehr nett, eine einfache, gute Seele.«
Ich erzählte ihm, wie der Ingenieur mich im Frühjahr empfangen hatte.
»Unsinn!« lachte er. »Der Ingenieur ist Ingenieur, und sie ist ganz für sich. Nein, wirklich, mein Bester, Sie dürfen sie nicht kränken, besuchen Sie sie doch einmal. Wollen wir z.B. morgen abend zusammen zu ihr gehen. Gut?«
Er überredete mich. Am andern Abend zog ich meinen neuen Trikotanzug an und begab mich in großer Erregung zu der Dolschikow. Der Diener erschien mir jetzt weniger hochmütig und schrecklich, und die Ausstattung weniger prunkvoll als an jenem Morgen, wo ich hier als Bittsteller erschienen war. Maria Viktorowna erwartete mich und begrüßte mich wie einen alten Bekannten mit kräftigem Händedruck. Sie trug ein graues Tuchkleid mit weiten Aermeln und eine Frisur, die man bei uns, als sie ein Jahr später in Mode kam, »Hundeohren« nannte. Die Haare waren von den Schläfen über die Ohren gekämmt; das machte Maria Viktorownas Gesicht etwas breiter, und sie erschien mir diesmal ihrem Vater ähnlich, dessen breites Gesicht mit den roten Backen etwas von einem Spielzeugkutscher hatte. Sie war hübsch und graziös, sah aber nicht sehr jugendlich, etwa dreißigjährig aus, während sie in Wirklichkeit noch keine fünfundzwanzig war.
»Der liebe Doktor, wie bin ich ihm dankbar!« sagte sie, mir einen Stuhl anbietend. »Ohne ihn wären Sie doch nicht gekommen. Ich langweile mich zu Tode! Mein Vater ist fort, hat mich hier allein gelassen, und ich weiß gar nicht, was ich in dieser Stadt anfangen soll.«
Dann fragte sie mich, wo ich jetzt arbeite, wieviel ich verdiene und wo ich wohne.
»Sie leben doch nur davon, was Sie selbst verdienen?« fragte sie mich.
»Ja.«
»Sie glücklicher Mensch!« seufzte sie. »Alles Uebel kommt, glaube ich, vom Müßiggang, von Langweile, von seelischer Leere, und das alles ist unvermeidlich, wenn man gewohnt ist, auf fremde Kosten zu leben. Glauben Sie nur nicht, daß ich mich interessant machen will, ich sage ee Ihnen ganz aufrichtig: es ist furchtbar langweilig und unangenehm, reich zu sein. Schließlich ist auch jeder Reichtum unrecht erworben.«
Sie streifte mit einem kalten, ernsten Blick die Möbel, als wollte sie sie zählen und fuhr fort:
»Im Komfort und den sonstigen Bequemlichkeiten steckt irgendein Zauber: sie ziehen selbst einen willensstarken Menschen allmählich herein. Vater und ich lebten einst ärmlich und einfach, und nun sehen Sie, wie wir jetzt leben. Es ist doch wirklich unerhört,« sie zuckte die Achseln, »wir verleben an die zwanzigtausend Rubel im Jahre! Und das in der Provinz!«
»Den Komfort und die Bequemlichkeiten muß man als ein unvermeidliches Privileg des Kapitals und der Bildung ansehen,« sagte ich, »und ich glaube, daß man diese Bequemlichkeiten mit jeder beliebigen, selbst der schwersten und schmutzigsten Arbeit wohl vereinbaren kann. Ihr Vater ist reich, und doch hat er einst als Maschinist und als einfacher Wagenschmierer gearbeitet.«
Sie lächelte und schüttelte zweifelnd den Kopf.
»Papa ißt zuweilen auch Schwarzbrotbrei mit Kwaß,« sagte sie. »Das ist ja nur eine Laune, eine Spielerei!«
In diesem Augenblick ertönte die Klingel, und sie erhob sich.
»Die Gebildeten und die Reichen müssen ebenso arbeiten wie alle,« fuhr sie fort, »und wenn es schon einen Komfort gibt, so soll er für alle gleich sein. Es darf keine Privilegien geben! Aber lassen wir das Philosophieren. Erzählen Sie mir lieber etwas Lustiges, erzählen Sie von den Malern. Was sind das für Menschen? Sind sie sehr komisch?«
Nun kam der Doktor. Ich begann von den Malern zu erzählen. Mir fehlte aber die Uebung und Unbefangenheit, und ich erzählte ernst und trocken wie ein Ethnograph. Auch der Doktor gab einige Anekdoten aus dem Handwerkerleben zum besten. Er mimte einen Betrunkenen, schwankte, weinte, stellte sich auf die Knie und legte sich sogar auf den Boden. Es war echtes Theaterspiel, und Maria Viktorowna lachte, daß ihr die Tränen kamen. Dann spielte er Klavier und sang mit seiner angenehmen hohen Tenorstimme, und Maria Viktorowna stand neben ihm, wählte ihm die Noten aus und korrigierte, wenn er Fehler machte.
»Ich hörte, Sie singen auch?« fragte ich.
»Auch!« rief der Doktor entsetzt. »Sie ist eine ganz wunderbare Sängerin, eine Künstlerin, und Sie sagen: ›auch‹, was fällt Ihnen ein …«
»Ich gab mich damit einmal ernsthaft ab,« antwortete sie auf meine Frage, »jetzt hab ich's aber vernachlässigt.«
Auf einem niedrigen Schemel hockend, erzählte sie uns von ihrem Leben in Petersburg, imitierte verschiedene berühmte Sänger und zeigte, wie sie singen; sie zeichnete in einem Album den Doktor und dann mich, sie zeichnete schlecht, aber die Bilder wurden ähnlich. Sie lachte, tollte, machte Grimassen, und das stand ihr viel besser zu Gesicht als alle die Gespräche vom unrecht erworbenen Reichtum, und ich hatte nun den Eindruck, daß sie, als sie mit mir vorhin vom Reichtum und Komfort gesprochen, es gar nicht ernst gemeint, sondern ebenfalls jemanden imitiert habe. Sie war eine ganz hervorragende Schauspielerin für komische Rollen. Ich verglich sie in Gedanken mit allen unsern jungen Mädchen, und selbst die hübsche, solide Anjuta Blagowo hielt den Vergleich mit ihr nicht aus; der Unterschied war ebenso groß wie zwischen einer schönen kultivierten Rose und einer Heckenrose.
Wir aßen zu dritt zu Abend. Der Doktor und Maria Viktorowna tranken Rotwein, Champagner und Kaffee mit Kognak; sie stießen an auf die Freundschaft, den Verstand, den Fortschritt und die Freiheit und wurden nicht berauscht. Sie waren nur rot geworden und lachten oft ohne jeden Grund, so daß ihnen die Tränen die Wangen herunterliefen. Um nicht als langweiliger Mensch zu erscheinen, trank ich auch Rotwein.
»Talentierte, reich begabte Naturen«, sagte die Dolschikowa, »wissen, wie sie zu leben haben, und gehen ihren Weg; mittelmäßige Menschen aber, wie z.B. ich, wissen nichts und können nichts; ihnen bleibt nichts anderes übrig, als irgendeine tiefe allgemeine Bewegung zu finden und mit dem Strome mitzuschwimmen.«
»Kann man denn etwas finden, was es nicht gibt?« fragte der Doktor.
»Es gibt wobl Bewegungen, wir sehen sie nur nicht.«
»Glauben Sie? Alle diese Bewegungen hat die neue Literatur erfunden. In Wirklichkeit gibt es sie bei uns nicht.«
Es entspann sich ein Streit.
»Es gibt bei uns gar keine tiefen allgemeinen Bewegungen,« sagte der Doktor, »und hat auch niemals welche gegeben. Was die neue Literatur nicht alles erfunden hat! Sie hat ja auch den intellektuellen Pionier auf dem Lande erfunden; Sie können aber alle Dörfer absuchen und werden keinen einzigen finden; höchstens einen rohen Kerl in städtischer Kleidung, der kaum des Schreibens mächtig ist. Das Kulturleben hat bei uns noch nicht angefangen. Dieselbe Wildheit, derselbe Sklavensinn wie vor fünfhundert Jahren. Bewegungen, Strömungen, – ja die gibt es wohl, aber sie sind seicht und kläglich und stets mit irgendwelchen Pfenniginteressen verbunden, – kann man denn darin etwas Ernstes sehen? Wenn Sie eine so tiefe Bewegung in der Gesellschaft gefunden zu haben glauben, der Sie folgen werden, um Ihr Leben irgendwelchen Aufgaben im modernen Geschmack, wie der Befreiung der Insekten von Sklaverei oder der Abstinenz vonn Fleischgenuß zu widmen, so gratuliere ich Ihnen, meine Gnädigste! Wir müssen lernen, lernen und lernen, mit den tiefen allgemeinen Bewegungen wollen wir aber noch warten: dazu sind wir noch nicht reif und verstehen auch, aufrichtig gesagt, gar nichts davon.«
»Sie verstehen es nicht, aber ich!« sagte Maria Viktorowna. »Sie sind heute, weiß Gott, wie langweilig!«
»Unsere Sache ist es, zu lernen und möglichst viel Wissen zu sammeln, denn die ernsthaften Strömungen sind nur dort, wo Wissen ist, und im Wissen liegt das Glück der künftigen Menschheit. Ich trinke auf die Wissenschaft!«
»Eines steht fest: man muß das Leben irgendwie anders einrichten,« sagte Maria Viktorowna nach einigem Nachdenken. »Das bisherige Leben ist nichts wert. Wir wollen davon lieber gar nicht reden.«
Als wir von ihr fortgingen, schlug es vom Domturm zwei Uhr.
»Hat sie Ihnen gefallen?« fragte der Doktor. »Sie ist doch sehr nett, nicht wahr?«
Am ersten Weihnachtsfeiertage aßen wir bei Maria Viklorowna zu Mittag und besuchten sie während der Ferien jeden Tag. Außer uns verkehrte niemand bei ihr, und sie hatte recht, wenn sie sagte, daß sie außer mir und dem Doklor keine Bekannten in der Stadt hätte. Wir vertrieben uns die Zeit meistens mit Gesprächen; der Doktor brachte manchmal ein Buch oder eine Zeitschrift mit und las uns etwas vor. Eigentlich war er der erste gebildete Mensch, der mir im Leben begegnete. Ich kann nicht beurteilen, ob er viel wußte, aber er zeigte bei jeder Gelegenheit seine Kenntnisse, die er auch den anderen mitteilen wollte. Wenn er von der Medizin sprach, glich er keinem unserer städtischen Aerzte, sondern machte einen ganz neuen, eigenen Eindruck, und ich glaubte, daß er, wenn er wollte, ein echter Gelehrter werden könnte. Er war wohl der einzige Mensch, der um jene Zeit einen ernsten Einfluß auf mich ausübte. Nach den Gesprächen mit ihm und nach der Lektüre der Bücher, die er mir, zu lesen gab, begann ich allmählich ein Bedürfnis nach einem Wissen zu spüren, welches meinem eintönigen Arbeitsleben einen geistigen Inhalt geben könnte. Mir kam es schon sonderbar vor, daß ich bisher nicht gewußt hatte, daß die ganze Welt aus sechzig einfachen Körpern besteht, daß ich keine Ahnung gehabt hatte, was Firnis ist, was die Farben sind, und ich wunderte mich selbst, wie ich mich ohne diese Kenntnisse habe behelfen können. Der Verkehr mit dem Doktor hob mich auch moralisch. Ich debattierte oft mit ihm, und obwohl ich meistens bei meiner eigenen Meinung blieb, sah ich doch allmählich ein, daß mir nicht alles klar war, und ich bemühte mich, möglichst bestimmte Überzeugungen zu gewinnen, damit auch die Stimme meines Gewissens bestimmt und eindeutig sei. Trotz alledem war aber dieser gebildetste und beste Mensch unserer Stadt von der Vollkommenheit recht weit entfernt. In seinen Manieren, in seiner Angewohnheit, aus jedem Gespräch einen Streit zu machen, in seiner angenehmen Tenorstimme und selbst in seiner Freundlichkeit steckte etwas Ungehobeltes, Grobes, und wenn er seinen Rock auszog und im Seidenhemde blieb, oder wenn er dem Kellner im Gasthause ein Trinkgeld hinwarf, hatte ich jedesmal den Eindruck, daß in ihm trotz aller Kultur noch viel Tatarisches stecke.
Am Dreikönigstag reiste er wieder nach Petersburg. Er war morgens abgefahren, und am Nachmittag kam meine Schwester zu mir. Ohne Pelz und Hut abzulegen, saß sie schweigend und sehr blaß da und starrte auf einen Punkt. Sie fröstelte und tat sich sichtlich einen Zwang an.
»Du hast dich wahrscheinlich erkältet,« sagte ich.
Ihre Augen füllten sich mit Tranen, sie stand auf und ging zu der Karpowna, ohne mir auch nur eie Wort zu sagen, als hätte ich sie beleidigt. Etwas später hörte ich sie mit dem Tone eines bitteren Vorwurfs sagen:
»Kinderfrau, wozu habe ich bis jetzt gelebt? Wozu? Sage mir, habe ich nicht selbst meine Juqend verdorben? In den schönsten Jahren meines Lebens habe ich nichts anderes getan, als Ausgaben aufgeschrieben, Tee eingeschenkt, die Kopeken gezählt, Gäste unterhalten, und das alles hielt ich für das Höchste in der Welt! Kinderfrau, begreife doch, auch ich habe menschliche Bedürfnisse, auch ich möchte Leben, sie haben aber eine Schlüsselbewahrerin aus mir gemacht. Es ist entsetzlich, entsetzlich!«
Und sie schleuderte ihre Schlüssel gegen die Tür, daß sie klirrend in mein Zimmer flogen. Es waren die Schlüssel vom Büfett, vom Küchenschrank, vom Keller und vom Teekasten, die gleichen Schlüssel, die einst meine Mutter stets bei sich getragen hatte.
»Ach du lieber Gott!« entsetzte sich die Alte. »Heilige Märtyrer!«
Vor dem Weggehen kam meine Schwester zu mir ins Zimmer, um die Schlüssel aufzulesen, und sagte mir:
»Entschuldige mich, bitte. Mit mir geht in der letzten Zeit etwas Seltsames vor.«
VIII
Als ich einmal spät abends von Maria Viktorowna heimkehrte, traf ich in meinem Zimmer einen jungen Polizeibeamten in nagelneuer Uniform; er saß an meinem Tisch und blätterte in einem Buch.
»Endlich!« sage er, aufstehend und sich reckend. »Ich komme schon zum drittenmal her. Der Gouverneur hat befohlen, daß Sie morgen um neun Uhr früh zu ihm kommen sollen, ganz unbedingt!«
Er ließ mich durch Unterschrift bestätigen, daß ich dem Befehl Seiner Exzellenz nachkommen werde, und ging. Dieser Abendbesuch des Polizeibeamten und die unerwartete Einladung zum Gouverneur wirkten auf mich niederschmetternd. Von frühester Kindheit an habe ich stets Angst vor allen Gendarmen, Polizisten und Gerichtsbeamten gehabt und jetzt war ich so aufgeregt, als hätte ich mir tatsächlich etwas zuschulden kommen lassen. Ich konnte gar nicht einschlafen. Auch die Kinderfrau und Prokofij waren aufgeregt und schliefen nicht. Die Alte hatte zudem Ohrenschmerzen; sie stöhnte und fing sogar einigemal zu weinen an. Als Prokofij hörte, daß ich nicht schlief, kam er leise, mit dem Lämpchen in der Hand zu mir herein und setzte sich an den Tisch.
»Sie sollten etwas Pfefferschnaps trinken,« sage er nach einiger Ueberlegung. »In diesem Jammertal muß man immer etwas trinken, und dann wird das Leben erträglich. Wenn man auch Mama etwas Pfefferschnaps ins Ohr gießen würde, wäre die Wirkung sicher gut«.
Gegen drei Uhr begab er sich nach dem Schlachthause, um Fleisch zu holen. Ich wußte, daß ich bis zum Morgen nicht mehr einschlafen würde, und schloß mich ihm an, um mir die Zeit bis neun Uhr zu vertreiben. Wir beide gingen mit der Laterne voraus, und sein Lehrjunge Nikolka, ein dreizehnjähriger Bengel, der blaue Frostbeulen im Gesicht hatte und wie ein richtiger Räuber aussah, fuhr im Schlitten nach und trieb mit heiserer Stimme die Pferde an.
»Ihnen steht beim Gouverneur wohl eine Bestrafung bevor,« sagte mir Prokofij unterwegs. »Es gibt eine Gouverneurswissenschaft, es gibt eine Archimandritenwissenschaft, es gibt eine Offizierswissenschaft und es gibt eine Doktorwissenschaft; jeder Stand hat seine Wissenschaft. Sie halten sich aber an Ihre Wissenschaft nicht, und das darf man Ihnen nicht erlauben.«
Das Schlachthaus befand sich hinter dem Friedhofe, ich hatte es bisher immer nur aus der Entfernung gesehen. Es waren drei von einem grauen Bretterzaun umgebene düstere Schuppen. Wenn im Sommer an heißen Tagen der Wind von dieser Seite kam, brachte er einen erstickenden Geruch mit sich. Als ich jetzt in der Dunkelheit in den Hof trat, konnte ich die Schuppen nicht sehen; ich stieß nur auf Pferde und Schlitten, die teils leer, teils schon mit Fleisch beladen waren; Männer mit Laternen gingen hin und her und fluchten abscheulich. Auch Prokofij und Nikolka fluchten, und die Luft war von Flüchen, Husten und Pferdegewieher erfüllt.
Es roch nach Kadavern und Mist. Der Schnee taute und vermischte sich mit dem Schmutz, und mir schien es im Dunkeln, daß ich in lauter Blutpfützen trete.
Nachdem wir den Schlitten mit Fleisch vollgeladen hatten, fuhren wir zum Fleischladen auf dem Markte. Der Morgen dämmerte eben. Eine nach der anderen kamen nun die Köchinnen mit ihren Einkaufskörben und auch ältere Damen in Mänteln. Prokofij stand mit dem Beil in der Hand, in weißer, blutbespritzter Schürze, fluchte, schwor, bekreuzigte sich mit einem Blick auf die Kirche und schrie so laut, daß man es auf dem ganzen Markte hören konnte, er verkaufe das Fleisch zu Selbstkosten und sogar mit Verlust. Er betrog beim Wiegen und beim Rechnen, die Köchinnen sahen es, waren aber von seinem Geschrei so betäubt, daß sie gar nicht protestierten und ihn nur einen Henker nannten. Er fuchtelte mit seinem schrecklichen Beil, nahm dabei malerische Posen an und schrie so wild, daß ich fürchtete, er würde tatsächlich jemandem den Kopf oder die Hand abhauen.
Ich verbrachte den ganzen Morgen im Fleischerladen, und als ich endlich zum Gouverneur ging, roch mein Pelzmantel nach Fleisch und Blut. Mein Gemütszustand war so, als ob ich den Befehl hätte, mit einem Spieß auf einen Bären loszugehen. Ich erinnere mich an eine hohe Treppe mit gestreiftem Teppich und an einen jungen Beamten im Frack mit glänzenden Knöpfen, der mir schweigend mit den beiden Händen auf die Tür zeigte und gleich davonlief, um mich anzumelden. Ich trat in einen Saal, dessen Ausstattung prunkvoll, aber kalt und geschmacklos war. Besonders unangenehm fielen mir die hohen schmalen Pfeilerspiegel und die grellgelben Vorhänge auf. Man sah, daß die Gouverneure wechselten, während die Ausstattung immer die gleiche blieb. Der junge Beamte zeigte wieder mit beiden Händen auf die Tür, und ich trat an einen großen grünen Tisch, an dem ein General mit dem Wladimirorden am Halse stand.
»Herr Polosnjew, ich habe Sie kommen lassen,« begann er, einen Brief in der Hand haltend und den Mund so weit und rund öffnend, daß er wie der Buchstabe O aussah. »Ich habe Sie kommen lassen, um Ihnen folgendes zu eröffnen. Ihr geehrter Herr Vater hat sich schriftlich und mündlich an den Adelsmarschall des Gouvernements gewandt und ihn gebeten, Sie vorzuladen und Ihnen vorzustellen, wie unvereinbar Ihr Benehmen mit dem Stande eines Edelmanns ist, dem anzugehören Sie die Ehre haben. Seine Exzellenz, Alexander Pawlowitsch, der mit Recht der Ansicht ist, daß Ihr Benehmen als ein schlechtes Beispiel wirken könnte und daß seine Vorstellung allein nicht genügen würde, daß vielmehr eine administrative Einmischung notwendig sei, hat mir in diesem Briefe seine Erwägungen auseinandergesetzt, die ich vollkommen teile.«
Er sprach leise, höflich, in aufrechter Haltung, als ob ich sein Vorgesetzter wäre, und blickte mich gar nicht streng an. Sein Gesicht war abgelebt, welk und von vielen Runzeln durchfurcht, unter den Augen hingen Säckchen, er färbte sich das Haar, und nach seinem Aeußeren konnte man unmöglich bestimmen, ob er vierzig oder sechzig Jahre alt war.
»Ich hoffe,« sagte er fortfahrend, »Sie werden den Takt des verehrten Alexander Pawlowitsch zu schätzen wissen, der sich an mich nicht offiziell, sondern mit einem privaten Briefe gewandt hat. Auch ich habe Sie nicht offiziell vorgeladen und spreche mit Ihnen nicht als Gouverneur, sondern als aufrichtiger Verehrer Ihres Herrn Vaters. Ich bitte Sie also, entweder Ihr Benehmen zu ändern und sich den Pflichten Ihres Standes zuzuwenden, oder, zur Vermeidung von Aergernis an einen anderen Ort zu ziehen, wo man Sie nicht kennt und wo Sie sich beschäftigen können, womit Sie wollen. Im anderen Falle müßte ich die äußersten Maßregeln ergreifen.«
Eine halbe Minute blieb er noch mit offenem Munde stehen und sah mich an.
»Sind Sie Vegetarier?« fragte er.
»Nein, Exzellenz, ich esse Fleisch.«
Er setzte sich und zog irgendein Papier zu sich heran; ich verbeugte mich und ging.
Vor dem Essen lohnte es nicht mehr, zur Arbeit zu gehen. Ich begab mich nach Hause, um auszuschlafen, konnte aber keinen Schlaf finden, da mich der Aufenthalt auf dem Schlachthofe und die Unterredung mit dem Gouverneur in eine unangenehme, krankhafte Stimmung versetzt hatten. Ich wartete bis zum Abend und ging vestimmt und in düsterer Stimmung zu Maria Viktorowna. Ich erzählte ihr von meinem Besuch beim Gouverneur. Sie sah mich erstaunt, beinahe ungläubig an und lachte plötzlich so lustig und lau; auf, wie es nur gutmütige, zum Lachen aufgelegte Menschen können.
»Wenn man das in Petersburg erzählen würde!« sagte sie, sich vor Lachen schüttelnd. »Wenn man das in Petersburg erzählen würde!«
IX
Jetzt sahen wir uns sehr oft, manchmal zweimal am Tage, Sie kam fast jeden Nachmittag auf den Friedhof gefahren und vertrieb sich die Zeit, bis ich mit meiner Arbeit fertig war, mit dem Lesen der Inschriften auf den Kreuzen und Grabsteinen. Manchmal kam sie auch in die Kirche, stand neben mir und sah meiner Arbeit zu. Die Stille, die naive Arbeit der Maler und Vergolder, die tiefsinnige Bemerkungen Rettichs, auch daß ich mich äußerlich von den anderen Handwerkern durch nichts unterschied und ebenso wie sie in Hemdsärmeln und Pantoffeln arbeitete, und daß sie mich alle duzten, – das kam ihr alles neu und rührend vor. Einmal rief mir in ihrer Gegenwart der Maler, der in der Kuppel die Taube malte, zu:
»Missail, bring mir mal Bleiweiß herauf!«
Ich brachte ihm das Bleiweiß, und als ich nachher das schwankende Gerüst herunterstieg, sah sie mich zu Tränen gerührt und lächelnd an.
»Wie nett Sie doch sind!« sagte sie mir.
Ich hatte von meiner Kindheit her in Erinnerung, wie bei einem unserer reichen Bürger ein grüner Papagei aus seinem Käfig hinausgeflogen war und wie der schöne Vogel einen ganzen Monat einsam und obdachlos durch die ganze Stadt von Garten zu Garten flatterte. Maria Viktorowna erinnerte mich an diesen Vogel.
»Der Friedhof ist jetzt der einzige Ort, wo ich noch hin gehen kann,« sagte sie mir lachend. »Die Stadt widert mich an. Bei den Aschogins wird deklamiert, gesungen und gelispelt, und ich kann sie gar nicht mehr verdauen; Ihre Schwester ist furchtbar menschenscheu, Fräulein Blagowo haßt mich aus irgendeinem Grunde, und das Theater liebe ich nicht. Was soll ich also anfangen?«
Wenn ich zu ihr kam, roch ich nach Farbe und Terpentin, meine Hände waren dunkel, – und das gefiel ihr; sie wollte, daß ich zu ihr nicht anders als in meinem gewöhnlichen Arbeitskleide käme; aber in ihrem Salon fühlte ich mich in dieser Kleidung doch unbehaglich und verlegen, wie wenn ich eine Uniform anhätte, und darum zog ich jedesmal, bevor ich zu ihr ging, meinen neuen Trikotanzug an. Und das mißfiel ihr.
»Gestehen Sie es nur, Sie haben sich in Ihre neue Rolle noch nicht ganz hineingefunden,« sagte sie mir einmal. »Der Arbeitsanzug geniert Sie, Sie fühlen sich unbehaglich darin. Sagen Sie, kommt es vielleicht daher, daß Sie sich noch nicht ganz sicher und befriedigt fühlen? Kann Ihnen überhaupt diese Arbeit, die Sie sich gewählt haben, diese Malaria Befriedigung geben?« fragte sie lachend. »Ich weiß, daß der Anstrich die Gegenstände schöner und dauerhafter macht, aber alle diese Gegenstände gehören doch schließlich den reichen Städtern und sind Luxusgegenstände. Außerdem haben Sie selbst mehr als einmal gesagt, daß jeder Mensch sich das Brot mit eigenen Händen verdienen soll. Sie verdienen aber Geld und nicht Brot. Warum halten Sie sich nicht an den buchstäblichen Sinn Ihrer Worte? Man soll sich sein Brot verdienen, d. h. man soll pflügen, säen, mähen, dreschen oder auch etwas anderes tun, was in unmittelbarer Beziehung zur Landwirtschaft steht, z. B. Kühe hüten, Erde graben, Häuser zimmern …«
Sie öffnete ein hübsches Schränkchen, das neben ihrem Schreibtische stand, und sagte:
»Das alles sage ich Ihnen, weil ich Sie in mein Geheimnis einnweihen möchte. Voilà! Das ist meine landwirtschaftliche Bibliothek. Hier ist Feld, Gemüse- und Obstgarten, Viehhof und Imkerei. Ich lese mit Heißhunger und habe schon alle die Theorien erfaßt. Mein sehnlichster Wunsch ist, sowie es März wird, nach Dubetschnja zu gehen. Dort ist es herrlich, wunderbar! Nicht wahr? Im ersten Jahr werde ich nur zuschauen und mich gewöhnen, im nächsten Jahr aber tüchtig arbeiten, ohne mich zu schonen. Papa hat mir Dubetschnja zum Geschenke versprochen, und ich werde dort alles machen, was ich will.«
Ganz rot und erregt, lachend und beinahe weinend, phantasierte sie laut, wie sie in Dubetschnja leben wollte und was das für ein interessantes Leben werden würde. Ich aber beneidete sie. Der März stand schon vor der Tür, die Tage wurden immer länger, an heiteren, sonnigen Nachmittagen tropfte es von den Dächern, und es roch nach Frühling; auch ich hatte Lust, aufs Land zu gehen.
Als sie mir sagte, daß sie nach Dubetschnja ziehen wollte, stellte ich mir lebhaft vor, wie ich nun in der Stadt allein bleiben würde, und ich wurde auf den Bücherschrank und auf die Landwirtschaft eifersüchtig. Ich kannte und liebte die Landwirtschaft nicht und wollte ihr schon sagen, daß die Landwirtschaft eine Beschäftigung für Sklaven sei, aber da fiel mir ein, daß auch mein Vater schon einen ähnlichen Gedanken geäußert hatte, und sagte darum nichts.
Die großen Fasten brachen an. Aus Petersburg kam der Ingenieur Viktor Iwanowitsch gefahren, dessen Existenz ich ganz vergessen hatte. Er kam unerwartet und hatte nicht einmal telegraphiert. Als ich wie gewöhnlich am Abend hinkam, ging er frisch gewaschen und frisiert, um mindestens zehn Jahre verjüngt, im Salon auf und ab und erzählte etwas; seine Tochter kniete vor seinen Koffern, packte Schachteln, Flakons und Bücher aus und reichte sie dem Diener Pawel. Als ich den Ingenieur erblickte, trat ich unwillkürlich einen Schritt zurück, er aber streckte mir beide Hände entgegen, lächelte, wobei er seine weißen, kräftigen Kutscherzähne zeigte, und sagte:
»Da ist er ja, da ist er ja! Ich freue mich sehr, Sie zu sehen! Mascha hat mir alles erzählt, sie hat eine wahre Lobhymne auf Sie gesungen. Ich verstehe Sie vollkommen und billige alles!« fuhr er fort, mich beim Arm nehmend. »Es ist viel klüger und ehrlicher, ein anständiger Arbeiter zu sein, als ärarisches Papier zu beschmieren und eine Beamtenmütze zu tragen. Ich selbst habe mit diesen Händen in Belgien gearbeitet und bin dann zwei Jahre Maschinist gewesen …«
Er hatte einen kurzen Hausrock und Hausschuhe an und ging etwas wacklig, wie wenn er das Podagra hätte. Er rieb sich die Hände, summte ein Liedchen und strahlte vor Vergnügen, daß er endlich nach Hause zurückgekehrt war und seine geliebte Dusche genommen hatte.
»Es ist wahr«, sagte er mir beim Abendessen, »es ist wahr, daß ihr alle angenehme und sympathische Menschen seid; aber sobald ihr die körperliche Arbeit ergreift oder mit der Rettung des Bauernstandes beginnt, wird bei euch alles zu einer Sektiererei. Sind Sie denn kein Sektierer? Sie trinken ja keinen Schnaps. Ist das vielleicht keine Sektiererei?«
Um ihm das Vergnügen zu machen, trank ich Schnaps. Ich trank auch Wein. Wir probierten Käse, Wurst, Pasteten und alle möglichen Delikatessen, die der Ingenieur mitgebracht hatte, und die Weine, die in seiner Abwesenheit aus dem Auslande gekommen waren. Die Weine waren vorzüglich. Der Ingenieur brauchte aus irgendeinem Grunde für die ausländischen Weine und Zigarren keinen Zoll zu zahlen; den Kaviar schickte ihm jemand umsonst zu, und auch seine Wohnung kostete ihm nichts, da der Hausbesitzer das Petroleum für die Eisenbahn lieferte: er und seine Tochter machten auf mich überhaupt den Eindruck, als stünde alles Gute, was es in der Welt gibt, zu ihrer Verfügung und zwar kostenlos.
Ich setzte meinen Verkehr bei ihnen fort, doch mit geringerer Lust. Der Ingenieur genierte mich, und in seiner Gegenwart fühlte ich mich wie gefesselt. Ich konnte den Blick seiner heiteren, unschuldigen Augen nicht ertragen, seine Betrachtungen widerten mich an; ebenso qualvoll war mir auch die Erinnerung, daß ich erst vor kurzem von diesem satten, rotbackigen Menschen abhängig war und daß er mich so furchtbar grob behandelt hatte. Jetzt nahm er mich zwar oft um die Taille, klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter, lobte meine Lebensweise, aber ich fühlte, daß er mich nach wie vor verachtete und nur seiner Tochter zuliebe bei sich duldete; ich konnte nicht mehr lachen und auch nicht mehr sprechen, was ich wollte; ich war scheu und schüchtern und wartete immer, daß er mich ebenso wie seinen Diener Pawel mit »Pantelej« anreden würde. Wie empörte sich mein provinzieller, bürgerlicher Stolz! Ich, ein Proletarier und Malergeselle besuchte jeden Tag diese reichen, mir fremden Leute, die von der ganzen Stadt als vornehme Ausländer angesehen wurden, und trank bei ihnen jeden Tag teure Weine und aß ungewöhnliche Speisen, – damit wollte sich mein Gewissen nicht abfinden! Wenn ich zu ihnen ging, vermied ich es, die Menschen, denen ich begegnete, anzusehen, und blickte mürrisch drein, als wäre ich wirklich ein Sektierer; und wenn ich vom Ingenieur nach Hause ging, schämte ich mich meiner Sattheit.
Vor allen Dingen fürchtete ich, in den Bann Maria Viktorownas zu geraten. Ob ich auf der Straße ging, ob ich arbeitete oder ob ich mit den anderen Arbeitern sprach, dachte ich immer nur an den bevorstehenden Besuch bei ihr und stellte mir ihre Stimme, ihr Lachen und ihren Gang vor. Bevor ich zu ihr aufbrach, stand ich jedesmal lange vor dem elenden Spiegel der Kinderfrau und band meine Krawatte; mein Trikotanzug schien mir häßlich, ich litt darunter und verachtete mich zugleich wegen dieser Kleinlichkeit. Manchmal rief sie mir aus einem der Nebenzimmer zu, daß sie noch nicht fertig sei und daß ich warten möchte; ich hörte, wie sie sich ankleidete, das regte mich auf, und mir war es, als senke sich der Boden unter meinen Füßen. Und wenn ich auf der Straße, selbst in der Ferne eine weibliche Gestalt sah, stellte ich unbedingt Vergleiche an; mir schien es, daß alle unsere Frauen und Mädchen vulgär und geschmacklos gekleidet seien und sich nicht zu benehmen verstünden; und diese Vergleiche machten mich stolz: Maria Viktorowna ist doch schöner als alle! Nachts aber sah ich sie und mich im Traume.
Eines Abends verzehrten wir zu dritt einen ganzen Hummer. Auf dem Heimwege fiel mir ein, daß der Ingenieur mich beim Abendessen zweimal »mein Bester« angeredet hatte, und ich sagte mir, daß man mich in diesem Hause nur wie einen großen, unglücklichen Hund behandle, der seinen Herrn verloren habe, daß man sich über mich amüsiere und mich wegjagen würde, wenn man meiner überdrüssig geworden wäre. Ich schämte mich und fühlte solchen Schmerz, daß ich beinahe weinen mußte; mir war es so zumute, als hätte man mich schwer beleidigt, und ich schwor, mit einem Blick auf den Himmel, allem ein Ende zu machen.
Am anderen Tage ging ich nicht mehr zu den Dolschikows. Am späten Abend, als es sehr dunkel war und in Strömen regnete, ging ich durch die Große Adelsstraße und sah zu den Fenstern hinauf. Bei den Aschogins schlief man schon, und nur eines der äußersten Fenster war noch erleuchtet; die alte Frau Aschogina stickte wohl noch beim Scheine dreier Kerzen und bildete sich ein, mit den Vorurteilen zu kämpfen. Im Hause meines Vaters war alles dunkel, und bei den Dolschikows gegenüber brannte Licht, aber die Blumen und die Vorhänge an den Fenstern ließen nicht hineinsehen. Ich ging im kalten Märzregen immer auf und ab. Ich sah meinen Vater aus dem Klub heimkommen; er klopfte ans Tor, und nach einer Weile erschien in einem der Fenster Licht, und ich sah meine Schwester, die mit der Lampe öffnen ging und im Gehen mit der einen Hand ihr reiches Haar in Ordnung brachte. Mein Vater ging dann im Wohnzimmer auf und ab, erzählte etwas und rieb sich die Hände, meine Schwester saß aber unbeweglich in einem Sessel und schien an etwas zu denken, ohne ihm zuzuhören.
Nun gingen sie schlafen, und das Licht erlosch … Ich blickte mich nach dem Hause des Ingenieurs um, – auch hier war schon alles dunkel. Im Finstern, vom Regen durchnäßt, fühlte ich mich auf einmal hoffnungslos einsam und verlassen, fühlte, wie nichtig und kleinlich alle meine Sorgen, Wünsche, Gedanken und Worte im Vergleich zu dieser Einsamkeit waren, im Vergleich zu diesem echten Schmerz und den Qualen, die mir noch bevorstanden. Alles, was die lebenden Wesen tun und denken, ist leider lange nicht so bedeutend wie das, was sie leiden. Ohne mir über mein Tun Rechenschaft abzulegen, zog ich aus aller Kraft an der Hausklingel des Ingenieurs, riß den Draht ab und rannte wie ein Schuljunge davon, von der Angst getrieben, daß jemand herauskommen und mich erkennen würde. Als ich am Ende der Straße stehenblieb, um mich zu verschnaufen, hörte ich nur den Regen rauschen, und irgendwo in der Ferne den Nachtwächter auf sein Eisenbrett hämmern.
Eine ganze Woche ging ich nicht zu den Dolschikows. Mein Trikotanzug war schon verkauft. Malerarbeit gab's nicht mehr, ich hungerte wieder und verdiente mir zehn bis zwanzig Kopeken am Tage durch schwere unangenehme Gelegenheitsarbeit. Bis zu den Knien im kalten Schmutz watend, alle meine Kräfte anspannend, wollte ich die Erinnerung niederringen und rächte mich gleichsam für alle die Käse und Konserven, die ich beim Ingenieur genossen hatte; aber sobald ich mich ins Bett legte, fing meine sündige Phantasie an, nur herrliche, verführerische Bilder zu malen, und ich gestand mir mit Erstaunen, daß ich liebte, leidenschaftlich liebte. Ich versank dann in einen festen und gesunden Schlaf, und es war mir, als ob die schwere Arbeit meinen Körper kräftiger und jünger machte.
Eines Abends fing es unnötigerweise zu schneien an, und vom Norden her blies es, als ob der Winter wiederkommen wollte. Als ich ab diesem Abend von meiner Arbeit heimkehrte, traf ich in meinem Zimmer Maria Viktorowna. Sie saß im Pelzmantel, beide Hände im Muff.
»Warum kommen Sie nicht mehr zu mir?« fragte sie und richtete ihre klugen, hellen Augen auf mich. Ich aber war ganz wirr vor Freude und stand vor ihr stramm wie vor meinem Vater, wenn er mich schlagen wollte; sie sah mir ins Gesicht, und ich konnte in ihren Augen lesen, daß ihr der Grund meiner Verwirrung klar war.
»Warum kommen Sie nicht mehr zu mir?« fragte sie wieder. »Da Sie nicht kommen wollen, so bin ich selbst gekommen.«
Sie stand auf und trat ganz dicht an mich heran.
»Verlassen Sie mich nicht,« sagte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich bin einsam, ganz einsam.«
Sie fing zu weinen an und sagte, das Gesicht im Muff verbergend:
»Ganz einsam! Mein Leben ist schwer, furchtbar schwer, und ich habe auf der ganzen Welt niemand außer Ihnen. Verlassen Sie mich nicht!«
Sie suchte ihr Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, und lächelte; eine Weile schwiegen wir; dann umarmte und küßte ich sie, wobei ich mir die Wange an der Nadel blutig ritzte, mit der ihre Pelzmütze befestigt war.
Und wir sprachen dann so miteinander, als ob wir uns schon lange nahe stünden.
X
Nach zwei Tagen schickte sie mich nach Dubetschnja, und ich war unsagbar froh darüber. Als ich zum Bahnhof ging und dann in der Eisenbahn saß, lachte ich ohne jeden Grund, und die Leute schauten mich an wie eine Betrunkenen. Es schneite noch und es gab auch noch Morgenfröste, aber die Straßen waren schon dunkel und über ihnen flogen krächzend die Krähen.
Anfangs wollte ich für uns eine Wohnung im Seitenflügel einrichten, dem Flügel der Frau Tscheprakowa gegenüber; es zeigte sich aber, daß darin seit langer Zeit Tauben und Enten nisteten, so daß es unmöglich war, ihn zu säubern, ohne eine Menge Nester zu zerstören. Ob wir wollten oder nicht, wir mußten uns in den ungemütlichen Zimmern des Hauptgebäudes mit den Jalousien einrichten. Die Bauern nannten dieses Haus ein Palais; es waren über zwanzig Zimmer darin, an Möbeln gab es aber nur das Klavier und einen Kinderstuhl, der auf dem Dachboden lag; wenn Mascha sogar alle ihre Möbel aus der Stadt hergebracht hätte, wäre es uns doch nicht gelungen, diesen kalten und unfreundlichen Eindruck zu beseitigen. Ich wählte drei kleinere Zimmer mit den Fenstern auf den Garten und arbeitete vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein an ihrer Herrichtung: ich setzte neue Scheiben ein, tapezierte die Wände und flickte die Ritzen und Löcher im Fußboden. Es war eine leichte und angenehme Arbeit. Jeden Augenblick lief ich an den Fluß, um zu sehen, ob der Eisgang noch nicht angefangen hätte, und es kam mir immer vor, als wenn die Stare schon da wären. Nachts dachte ich aber mit einem unsagbar süßen Gefühl, mit einer Freude, die mir den Atem benahm, an Mascha und lauschte dem Getue der Ratten und dem Heulen des Windes; es klang so, als ob auf dem Dachboden der alte Hausgeist hustete.
Der Schnee lag tief; Ende März war noch sehr viel Schnee gefallen, aber er taute unheimlich schnell wie auf den Wink eines Zauberers. Die Frühjahrsgewässer rauschten wild vorüber, und Ende April lärmten schon die Stare und flatterten gelbe Schmetterlinge. Das Wetter war herrlich. Jeden Tag ging ich Mascha entgegen, und es war mir ein Hochgenuß, barfuß auf den trocknenden, noch weichen Boden zu treten. Auf halbem Wege setzte ich mich und sah zur Stadt hinüber; ich konnte mich nie entschließen, ganz nahe heranzukommen. Ihr Anblick machte mich verlegen. Ich fragte mich immer: was werden meine Bekannten zu meiner Liebe sagen? Was wird mein Vater sagen? Besonders verlegen machte mich der Gedanke, daß mein Leben nun kompliziert wurde, daß ich die Fähigkeit, es selbst zu leiten, verlor, und daß es mich wie ein Luftballon Gott weiß wohin entführte. Ich dachte nicht mehr daran, wie ich mir meinen Unterhalt verdienen könnte, wie ich leben sollte; woran ich dachte, das weiß ich nicht mehr.
Mascha kam im Wagen gefahren; ich setzte mich zu ihr, und wir fuhren zusammen froh und frei nach Dubetschnja. Manchmal wartete ich auch bis zum Sonnenuntergang und kehrte unzufrieden, mißgestimmt zurück, weil Mascha nicht gekommen war; vor dem Tore des Gutes oder im Garten erwartete mich aber ein liebes Gesicht – es war Mascha! Und es stellte sich heraus, daß sie diesmal mit der Bahn gekommen und von der Station zu Fuß gegangen war. Diese Freude! In einem ganz einfachen Wollkleide, im Kopftuch, mit einem ganz bescheidenen Sonnenschirm, doch geschnürt, elegant, in teuren ausländischen Stiefelchen, erschien sie mir als eine begabte Schauspielerin, die eine bescheidene Kleinbürgerin spielte. Wir besahen uns unsere Wirtschaft und bestimmten, wie wir die Zimmer einteilen, wo nur Alleen, den Gemüsegarten und die Imkerei anlegen werden. Wir hatten schon eigene Hühner, Enten und Gänse, die wir liebten, weil sie uns gehörten. Wir hatten auch Hafer, Klee, Wiesengras, Buchweizen und Gemüsesamen für die Saat bereit und berechneten ausführlich, wie groß der Ertrag sein konnte, und alles, was Mascha mir sagte, erschien mir ungemein klug und schön. Es war die glücklichste, Zeit meines Lebens.
Bald nach Ostern ließen wir uns in der Dorfkirche von Kurilowka, drei Werst von Duberschnja trauen. Mascha wollte alles möglichst einfach haben; auf ihren Wunsch hatten wir als Brautführer Bauernburschen genommen, bei der Trauung sang nur der Küster, und aus der Kirche fuhren wir in einem kleinen holprigen Landwagen, den sie selbst kutschierte. Aus der Stadt war nur meine Schwester Kleopatra gekommen, der Mascha drei Tage vor der Hochzeit eine Einladung geschickt hatte. Meine Schwester hatte ein weißes Kleid und Handschuhe an. Während der Trauung weinte sie leise vor Rührung und Freude, und ihr Gesichtsausdruck war mütterlich und unendlich gütig. Sie berauschte sich an unserem Glück und lächelte, wie wenn sie ein süßes Gift atmete. Als ich sie während der Trauung ansah, begriff ich, daß es für sie auf der Welt nichts Höheres gab als die Liebe, die irdische Liebe, und daß sie heimlich, scheu, doch unaufhörlich und leidenschaftlich von ihr träumte. Sie umarmte und küßte Mascha, sie wußte gar nicht, wie ihrem Entzücken Ausdruck zu geben, und sagte immer wieder von mir:
»Er ist gut! Er ist so gut!«
Vor ihrer Abfahrt zog sie sich um und führte mich in den Garten, um mit mir unter vier Augen zu sprechen.
»Der Vater ist sehr betrübt, daß du ihm nichts geschrieben hast,« sagte sie. »Du hättest ihn um seinen Segen bitten sollen. Aber im Grunde genommen, ist er sehr zufrieden. Er sagt, daß diese Heirat dich in den Augen der ganzen Gesellschaft heben wird und daß du unter dem Einflusse Maria Viktorownas lernen wirft, das Leben ernsthafter zu betrachten. Abends sprechen wir jetzt oft von dir, und gestern sagte er sogar: ›Unser Missail ‹. Das freute mich sehr. Anscheinend hat er irgend etwas vor, und ich glaube, daß er dir ein Beispiel von Großmut geben und den ersten Schritt zur Versöhnung machen will. Es ist sehr möglich, daß er dieser Tage zu euch herauskommt.«
Sie bekreuzigte mich einige Male und sagte:
»Nun, Gott mit dir, sei glücklich. Anjuta Blagowo ist ein kluges Mädchen, und sie meinte anläßlich deiner Heirat, daß Gott dir eine neue Prüfung geschickt hat. Gewiß. Im Eheleben gibt es natürlich nicht nur Freuden, es gibt auch Leiden. Ohne Leiden geht es eben nicht.«
Mascha und ich begleiteten sie drei Werst zu Fuß; dann gingen wir langsam und schweigend, gleichsam ausruhend zurück. Mascha hielt mich bei der Hand, mir war es so leicht ums Herz, und ich hatte nicht mehr das Bedürfnis, von der Liebe zu sprechen; nach der Trauung fühlten wir uns noch enger aneinander gebunden und glaubten, daß nichts in der Welt uns trennen könnte.
»Deine Schwester ist ein sympathisches Mädchen,« sagte Mascha, »aber sie macht den Eindruck, als hätte man sie lange gequält. Dein Vater ist wohl ein schrecklicher Mensch.«
Ich begann ihr zu erzählen, wie man mich und meine Schwester erzogen hatte und wie qualvoll unsere Kindheit gewesen war. Als sie hörte, daß mein Vater mich vor nicht langer Zeit zu schlagen pflegte, fuhr sie zusammen und schmiegte sich an mich.
»Sprich nicht mehr davon,« sagte sie. »Es ist so entsetzlich.«
Jetzt verließ sie mich nicht mehr. Wir bewohnten im großen Hause drei Zimmer und sperrten jeden Abend die Türe, die zu dem leeren Teile des Hauses führte, fest ab, als ob dort jemand wohnte, den wir nicht kannten aber fürchteten. Ich stand jeden Morgen mit der Sonne auf und machte mich sofort an irgendeine Arbeit. Ich reparierte die Wagen, legte im Garten Wege und Beete an und strich das Dach auf dem Hause. Als die Zeit der Hafersaat kam, versuchte ich zu ackern, zu eggen, zu säen und machte alles gewissenhaft, ohne hinter dem Knecht zurückzubleiben; ich überanstrengte mich, vom Regen und vom schneidenden kalten Wind schmerzten mir Gesicht und Füße, und in der Nacht träumte ich vom geackerten Feld. Die Feldarbeit aber reizte mich wenig. Ich verstand nichts von der Landwirtschaft und liebte sie nicht; vielleicht aus dem Grunde, weil meine Ahnen keine Ackerbauer gewesen waren und in meinen Adern reines Städterblut floß. Für die Natur hatte ich eine zärtliche Liebe, ich liebte die Felder, die Wiesen und die Gärten, aber der Bauer, der mit dem Pfluge die Erde umwendet, sein unglückliches Pferd antreibt, der zerlumpte, schweißtriefende Bauer mit dem gereckten Hals war für mich immer der Ausdruck einer rohen, wilden, häßlichen Kraft, und wenn ich seinen plumpen Bewegungen zusah, mußte ich jedesmal an die längst vergangenen, legendären Zeiten denken, als die Menschen noch nicht den Gebrauch des Feuers kannten. Der mürrische Stier, der mit der Herde mitging, die Pferde, die, mit den Hufen schlagend, durch das Dorf rannten, machten mir Angst, und alles, was irgendwie groß, stark und böse war, der Schafbock mit seinen Hörnern, der Gänserich oder der Kettenhund erschienen mir als der Ausdruck der gleichen rohen, wilden Kraft. Dieses Vorurteil war in mir bei schlechtem Wetter ganz besonders stark, wenn über dem schwarzen Acker schwere Wolken hingen. Wenn ich aber pflügte oder säte, und zwei oder drei Menschen dabeistanden und zusahen, wie ich es machte, hatte ich nicht die Ueberzeugung, daß diese Arbeit unvermeidlich und obligatorisch sei, und sie erschien mir als ein Spiel. Darum zog ich es vor, irgend etwas im Hofe zu machen, und nichts gefiel mir so sehr, als das Dach anzustreichen.
Durch den Garten und den Heuschlag ging ich nach unserer Mühle. Ein Bauer aus Kurilowka, namens Stepan, hatte sie in Pacht. Es war ein hübscher sonnenverbrannter Kerl von athletischem Aussehen mit dichtem schwarzem Bart. Die Müllerarbeit liebte er nicht und hielt sie für langweilig und wenig einträglich; auf der Mühle wohnte er aber, nur um nicht zu Hause zu wohnen. Er war Sattler und roch stets angenehm nach Pech und Leder. Er unterhielt sich nicht gern, war träge und unbeweglich und sang immerzu, am Ufer oder an der Schwelle sitzend. Manchmal kamen seine Frau und seine Schwiegermutter aus Kurilowka zu ihm herüber; beide hatten weiße Gesichter und waren sanft und zärtlich; sie verbeugten sich vor ihm und titulierten ihn mit »Sie« und »Stepan Petrowitsch«. Er aber erwiderte ihre Verbeugung weder mit einem Wort noch mit einer Bewegung, sondern setzte sich abseits ans Ufer und sang weiter. Eine ganze Stunde, oder auch zwei Stunden vergingen im Schweigen. Die Schwiegermutter und die Frau tuschelten erst leise miteinander, standen auf, blickten ihn einige Zeit an, und warteten, ob er sich nicht umsehen würde; dann verneigten sie sich tief und sagten mit süßen singenden Stimmen:
»Leben Sie wohl, Stepan Petrowitsch!«
Und sie gingen heim. Wenn sie fort waren, hob Stepan das Bündel mit den Brezeln über dem Hemd, das sie zurückgelassen hatten, auf und sagte, mit den Augen in die Richtung weisend, in der sie gegangen waren:
»Ja, die Frauenzimmer!«
Die Mühle hatte zwei Gänge und arbeitete Tag und Nacht. Ich half Stepan bei seiner Arbeit, die mir gut gefiel, und wenn er mal fort ginq, blieb ich gerne an seiner Statt auf der Mühle.
XI
Nach dem warmen, heiteren Wetter kam eine trübe, naßkalte Zeit, und die Wege wurden unpassierbar; den ganzen Mai hindurch war es kalt und regnete. Das Klappern der Mühle und das Rauschen des Regens stimmten zum Nichtstun und Schlafen. Der Fußboden zitterte, es roch nach Mehl und auch das schläferte ein. Meine Frau kam in einem kurzen Schafspelz, in hohen Männergaloschen zweimal am Tage auf die Mühle und sagte immer dasselbe:
»Und das nennt sich Sommer! Das ist ja schlimmer als im Oktober!«
Wir tranken zusammen Tee, kochten Brei, oder saßen stundenlang schweigend da und warteten, ob der Regen nicht aufhören würde. Einmal, als Stepan auf einen Jahrmarkt gegangen war, blieb Mascha die Nacht über auf der Mühle. Als wir aufstanden, konnten wir unmöglich feststellen, wie spät es war, denn die Regenwolken verdunkelten den ganzen Himmel; wir hörten nur die schläfrigen Hähne in Dubetschnja krähen und die Wachteln auf der Wiese schnarren; es war noch sehr früh … Wir gingen zum Teich und zogen das Netz heraus, das Stepan am Abend in unserem Beisein aufgestellt hatte. Darin zappelten ein großer Barsch und ein Krebs.
»Laß sie heraus,« sagte Mascha. »Sollen sie auch glücklich sein.«
Weil wir sehr früh aufgestanden waren und nachher nichts getan hatten, kam mir dieser Tag sehr lang vor, wohl als der längste meines Lebens. Gegen Abend kehrte Stepan zurück, und ich ging nach Hause.
»Heute war dein Vater hier,« sagte mir Mascha.
»Wo ist er denn?« fragte ich.
»Er ist wieder fort, ich habe ihn nicht empfangen.«
Da sie sah, daß ich schweigend stehenblieb und daß mir mein Vater leid tat, sagte sie:
»Man muß konsequent sein. Ich habe ihn nicht empfangen und ihm sagen lassen, daß er sich nicht mehr herbemühen möchte.«
Nach einer Minute war ich schon draußen auf dem Wege zur Stadt, um mich mit meinem Vater auszusprechen. Es war schmutzig, naß und kalt. Zum erstenmal nach meiner Hochzeit war mir traurig zumute, und durch mein Gehirn, das von diesem langen, grauen Tage ermüdet war, ging der Gedanke, daß ich vielleicht nicht so lebe, wie ich sollte. Ich wurde müde, allmählich bemächtigten sich meiner Kleinmütigkeit und Faulheit, und ich wollte mich nicht mehr bewegen, wollte nicht denken. Ich gab meine Absicht auf und kehrte um.
Mitten auf dem Hofe stand der Ingenieur in einem Ledermantel mit Kapuze und sprach sehr laut:
»Wo sind die Möbel? Es waren wunderbare Möbel im Empirestil, es waren Bilder, Vasen, und jetzt ist alles leer! Ich habe doch das Gut mit den Möbeln gekauft, daß sie der Teufel!«
Neben ihm stand, die Mütze in der Hand, Moïssej, der Arbeiter der Generalin, ein etwa fünfundzwanzigjähriger Bursche, mager und pockennarbig, mit kleinen frechen Augen. Eine seiner Wangen war kleiner als die andere, als ob er sie sich im Schlafe eingedrückt hätte.
»Euer Hochwohlgeboren haben das Gut ohne die Möbel zu kaufen geruht,« sagte er kleinlaut. »Ich erinnere mich.«
»Halt's Maul!« schrie ihn der Ingenieur an. Er wurde blaurot und zitterte, und das Echo im Garten wiederholte sein Geschrei.
XII
Wenn ich im Garten oder im Hofe etwas machte, stand dieser Moïssej immer, die Hände im Rücken, dabei und starrte mich mit seinen frechen, kleinen Augen an. Das ärgerte mich dermaßen, daß ich dann die Arbeit aufgab und fortging.
Von Stepan hatten wir erfahren, daß Moïssej der Geliebte der Generalin war. Ich merkte, daß die Leute, die zu ihr in Geldsachen kamen, sich immer zuerst an Moïssej wandten, und einmal sah ich, wie ein schwarzer Bauer, wohl ein Köhler, sich vor ihm bis zur Erde verneigte; zuweilen tuschelte er mit den Leuten und gab das Geld aus eigener Tasche, ohne es erst der Gnädigen zu melden, woraus ich schloß, daß er bei Gelegenheit auch auf eigene Rechnung operierte.
Er schoß in unserm Garten mit dem Gewehr, stahl aus unserm Keller Lebensmittel und benutzte oft, ohne uns zu fragen, unsere Pferde. Wir empörten uns darüber und glaubten nicht mehr, daß Dubetschnja wirklich unser Eigentum sei. Mascha wurde oft ganz blaß und sagte:
»Werden wir denn mit diesen Ungeheuern noch ganze anderthalb Jahre leben müssen?«
Der Sohn der Generalin, Iwan Tscheprakow, war als Schaffner an unserer Eisenbahn angestellt. Während des Winters war er sehr mager und schwach geworden, so daß er schon von einem einzigen Glas Schnaps betrunken wurde und es ihn im Schatten fror. Die Schaffneruniform trug er mit Widerwillen und schämte sich ihrer, aber seine Stellung hielt er für recht einträglich, da er die Möglichkeit hatte, Kerzen zu stehlen und zu verkaufen. Meine neue Lage erregte in ihm ein gemischtes Gefühl von Erstaunen, Neid und einer vagen Hoffnung, daß es auch ihm ähnlich gehen könnte. Er blickte Mascha mit entzückten Augen nach, und erkundigte sich bei mir, was ich jetzt zu Mittag esse; sein mageres, unschönes Gesicht nahm dabei einen traurigen und süßlichen Ausdruck an, und er bewegte die Finger, als betastete er mein Glück.
»Hör' einmal, kleiner Nutzen,« sagte er mir unruhig, seine Zigarette jeden Augenblick von neuem anzündend; wo er stand, war der Boden immer mit abgebrannten Zündhölzern besät, von denen er für jede Zigarette Dutzende verbrauchte. »Hör' einmal, ich lebe jetzt ein gemeines Leben. Jeder Fähnrich kann mich anschreien: ›Du, Schaffner!‹ Ich habe auf der Fahrt alle möglichen Dinge gehört und weiß es jetzt: das Leben ist gemein! Meine Mutter hat mich zugrunde gerichtet. Ein Arzt hat mir einmal unterwegs gesagt: wenn die Eltern ausschweifend sind, so werden die Kinder Säufer oder Verbrecher. Ja, so ist es!«
Einmal kam er schwankend auf den Hof. Seine Augen blickten blöde, sein Atem ging schwer; er lachte, weinte und sprach wie im Fieber, und von seiner wirren Rede verstand ich nur die Worte: »Meine Mutter! Wo ist meine Mutter?« Er weinte dabei wie ein kleines Kind, das im Gedränge seine Mutter verloren hat. Ich führte ihn in unseren Garten, ließ ihn sich dort unter einem Baum niederlegen, und Mascha und ich saßen dann den ganzen Tag und die ganze Nacht abwechselnd bei ihm. Es war ihm sehr unwohl, und Mascha blickte ihm angeekelt ins blasse, feuchte Gesicht und sagte:
»Werden denn diese Ungeheuer auf unserem Hofe noch ganze anderthalb Jahre wohnen? Das ist ja entsetzlich, entsetzlich!«
Wieviel Kummer bereiteten uns aber die Bauern! Wieviel schwere Enttäuschungen erlebten wir schon in den ersten Frühlingsmonaten, wo wir so glücklich sein wollten! Meine Frau baute eine Schule. Ich entwarf den Plan zu einer Schule für sechzig Knaben, und das Landamt bestätigte ihn, empfahl aber, die Schule im Kirchdorf Kurilowka zu bauen, das nur drei Werst von uns entfernt lag; die dortige Schule, in der die Kinder aus vier Dörfern, darunter auch aus unserem Dubetschnja, unterrichtet wurden, war zudem alt und eng, und der durchfaulte Fußboden war einfach lebensgefährlich. Ende März wurde Mascha auf ihren Wunsch zur Protektorin der Schule von Kurilowka ernannt, und Anfang April versammelten wir die Bauern dreimal zu einer Beratung und suchten sie zu überzeugen, daß die alte Schule eng und alt sei und daß man eine neue bauen müsse. Auch ein Vertreter des Landamtes und der Kreisschulinspektor kamen gefahren und wollten sie auch davon überzeugen. Die Bauern umringten uns nach jeder Versammlung und bettelten um einen Eimer Schnaps. Es war uns heiß im Gedränge, wir ermüdeten schnell und kehrten unzufrieden und verwirrt nach Hause zurück. Endlich gaben die Bauern den Platz für die Schule her und verpflichteten sich, das Baumaterial aus der Stadt mit ihren Pferden herbeizuschaffen. Sobald sie mit der Sommersaat fertig waren, gingen am ersten Sonntag aus Kurilowka und Dubetschnja Fuhren in die Stadt, um Ziegelsteine für das Fundament zu bringen. Sie fuhren beim ersten Morgengrauen fort und kamen spät abends zurück; die Bauern waren alle betrunken und sagten, sie hätten sich müde gehetzt.
Wie zum Trotz hielten die Regengüsse und die Kälte den ganzen Mai an. Die Wege wurden unfahrbar. Die aus der Stadt zurückkommenden Fuhren kehrten meistens auf unserem Hofe ein, und das war entsetzlich! Im Tore zeigt sich ein dickbäuchiges Pferd mit gespreizten Vorderbeinen; bevor es in den Hof einfährt, verbeugt es sich; dann kommt ein nasser, glitschiger Balken von zwölf Ellen Länge herein; neben ihm schreitet, ohne auf die Pfützen zu achten, ein Bauer, den Mantelschoß in den Gürtel gesteckt. Dann zeigt sich eine zweite Fuhre mit Brettern, dann eine dritte wieder mit Balken, eine vierte … und der Platz vor unserem Hause füllt sich allmählich mit Pferden, Balken und Brettern. Die Bauern und ihre Weiber mit umwickelten Köpfen und aufgesteckten Röcken schauen mit Haß auf unsere Fenster, lärmen, schreien und verlangen, daß die Gnädige zu ihnen herauskomme; auch grobe Schimpfworte fallen ab und zu. Abseits steht aber Moïssej und scheint sich an unserer Schande zu ergötzen.
»Wir werden nicht mehr fahren!« schreien die Bauern: »Wir haben uns zu Tode gequält! Sie soll doch einmal selbst fahren!«
Mascha ist ganz blaß und bestürzt, und da sie glaubt, sie würden jeden Augenblick das Haus überfallen, schickt sie ihnen Geld für einen halben Eimer hinaus; es wird still, und die langen Balken verschwinden einer nach dem anderen wieder.
Als ich zum Bau wollte, wurde meine Frau unruhig und sagte: »Die Bauern sind erbost. Daß sie dir nur nichts tun. Nein, wart, ich komme mit.«
Wir fuhren zusammen nach Kurilowka, und die Zimmerleute bettelten um Trinkgeld. Das Balkengehäuse war schon fertig, es war Zeit, das Fundament zu legen, aber die Maurer kamen nicht, die Arbeit stockte, und die Zimmerleute schimpften. Und als endlich die Maurer kamen, zeigte es sich, daß kein Sand da war: man hatte ganz vergessen, daß zum Bau auch Sand gehört. Die Bauern machten sich die schwierige Lage zunutze und verlangten dreißig Kopeken für die Fuhre, obwohl vom Bau bis zum Fluß, von wo sie Sand holten, kein viertel Werst war und mehr als fünfhundert Fuhren gebraucht wurden. Alle die Mißverständnisse, Streitigkeiten und Betteleien wollten kein Ende nehmen, meine Frau empört sich, und der Maurermeister Tit Petrow, ein siebzigjähriger Greis, nahm sie bei der Hand und sagte:
»Schau nur her! Schau nur her! Bring du mir nur Sand, dann stelle ich gleich zehn Arbeiter hin, und in zwei Tagen ist alles fertig! Schau nur her!«
Endlich brachte man den Sand, es vergingen zwei, und vier, und acht Tage, aber an Stelle des Fundaments gähnte noch immer ein Loch.
»So kann man wirklich verrückt werden!« regte sich meine Frau auf. »Was ist das für ein Volk! Was ist das für ein Volk!«
Während aller dieser Mißhelligkeiten kam zu uns manchmal der Ingenieur Viktor Iwanowitsch heraus. Er brachte immer Körbe mit Weinen und Delikatessen mit, aß lange und ausführlich, legte sich dann auf der Terrasse schlafen und schnarchte so, daß die Arbeiter den Kopf schüttelten und sagten:
»Der kann's!«
Mascha war über seine Besuche wenig erfreut, sie traute ihm nicht, beriet sich aber doch mit ihm; und wenn er nach seinem Mittagsschläfchen in schlechter Stimmung aufwachte und sich abfällig über unsere Wirtschaft äußerte oder bedauerte, Dubetschnja, das ihm schon so viel Geld gekostet hatte, gekauft zu haben, verlor Mascha jeden Mut, und ihr Gesicht drückte Verzweiflung aus; sie klagte ihm, er aber gähnte und sagte, daß man die Bauern prügeln müsse.
Unsere Heirat und unser Leben nannte er eine Komödie und sagte, daß das Ganze nur eine Laune, eine Spielerei sei.
»Sie hat schon einmal etwas Aehnliches gehabt,« erzählte er mir von Mascha. »Einmal bildete sie sich ein, Opernsängerin zu sein und brannte mir durch; zwei Monate habe ich sie suchen müssen, die Telegramme allein haben mich tausend Rubel gekostet.«
Jetzt nannte er mich weder Sektierer, noch Herr Maler und lobte auch nicht mehr mein Arbeitsleben, sondern sagte:
»Sie sind ein merkwürdiger Mensch! Sie sind sicher nicht normal! Ich will kein Prophet sein, aber Sie werden schlecht enden!«
Mascha aber schlief nachts schlecht und saß immer in Gedanken versunken am Fenster unseres Schlafzimmers. Beim Abendessen gab es weder die lieben Grimassen mehr, noch das Lachen. Ich litt entsetzlich, und wenn es regnete, drang mir jeder Tropfen wie Schrot ins Herz, und ich war bereit, vor Mascha in die Knie zu fallen und mich wegen des Wetters zu entschuldigen. Auch wenn im Hofe die Bauern lärmten, fühlte ich mich schuldig. Stundenlang saß ich am gleichen Fleck und dachte nur daran, was für ein herrliches Geschöpf Mascha sei. Ich liebte sie leidenschaftlich, und mich entzückte alles, was sie tat und sagte. Sie liebte es, im Zimmer zu hocken, viel zu lesen und zu studieren; sie, die die Wirtschaft nur aus den Büchern kannte, setzte uns durch ihre Kenntnisse in Erstaunen, und alle Ratschläge, die sie gab, kamen zustatten, und keiner von ihnen war vergebens. Bei alledem hatte sie auch viel Edelsinn, Geschmack und Gutmütigkeit, jene Gutmütigkeit, die nur sehr gut erzogenen Menschen eigen ist.
Für diese Frau mit einem so gesunden und positiven Verstand war die ganze unordentliche Umgebung mit den kleinlichen Sorgen und Zänkereien, in denen wir lebten, eine Qual; ich sah es und konnte auch selbst nachts nicht schlafen. Mein Kopf arbeitete unausgesetzt, und Tränen würgten mich. Ich war ganz ratlos, und wußte nicht, was zu tun.
Ich ritt zur Stadt und brachte Mascha Bücher, Zeitungen, Süßigkeiten und Blumen mit; oder ich fing mit Stepan zusammen Fische und stand oft stundenlang im Regen bis zum Halse im kalten Wasser, nur um einen Aal zu fangen und so Abwechslung in unser Menü zu bringen; ich flehte die Bauern demütig an, keinen Lärm zu machen, gab ihnen Schnaps, gab ihnen Geld und versprach ihnen alles mögliche. Und wieviel Dummheiten machte ich noch!
Die Regengüsse hörten endlich auf, uwd die Erde trocknete; wenn wir so gegen vier Uhr morgens aufstanden und in den Garten gingen, glänzte in den Blumen der Tau, die Vögel zwitscherten, die Insekten summten, und der Himmel war wolkenlos; der Garten, die Wiese, der Fluß, alles war herrlich, aber die Gedanken an die Bauern, die Fuhren, den Ingenieur vergällten uns alles! Manchmal fuhren wir beide in einem kleinen Rennwagen ins Feld, um uns den Hafer anzusehen. Sie kutschierte, und ich saß hinter ihr. Sie hob die Schultern, und der Wind spielte mit ihren Haaren.
»Rechts halten!« schrie sie den uns Begegnenden zu.
»Du siehst wirklich wie ein Kutscher aus,« sagte ich ihr einmal.
»Es ist wohl möglich! Mein Großvater, der Vater des Ingenieurs, war ja Kutscher. Hast du es noch nicht gewußt?« fragte sie, sich nach mir umwendend, und ahmte gleich darauf nach, wie die Kutscher zu schreien und zu singen pflegen.
– Gott sei Dank! – sagte ich mir, als ich es hörte; – Gott sei Dank! –
Und dann kam wieder die Erinnerung an die Bauern, an die Fuhren, an den Ingenieur…
XIII
Einmal kam Doktor Blagowo mit dem Rade herausgefahren. Auch meine Schwester besuchte uns jetzt oft. Wieder kamen die Gespräche von der körperlichen Arbeit, vom Fortschritt und vom geheimnisvollen X, das die Menschheit in der entfernten Zukunft erwartet. Der Doktor liebte unsere Wirtschaft nicht, weil sie uns von den Debatten ablenkte, und sagte, daß das Pflügen, Mähen und Kälberhüten eines freien Menschen unwürdig sei, daß die Menschen dereinst alle die groben Formen des Kampfes ums Dasein den Tieren und den Maschinen aufbürden werden, um sich selbst ausschließlich der wissenschaftlichen Forschung zu widmen. Meine Schwester aber bat jedesmal, sie früher nach Hause zurückkehren zu lassen, und wenn sie bis zum späten Abend oder zur Nacht blieb, hörte die Aufregung gar nicht auf.
»Mein Gott, was sind Sie noch für ein Kind!« sagte ihr Mascha vorwurfsvoll. »Es ist ja einfach lächerlich.«
»Ja, es ist lächerlich,« gab meine Schwester zu. »Ich weiß, daß es lächerlich ist; aber was soll ich tun, wenn ich nicht die Kraft habe, gegen mich selbst anzukämpfen? Es scheint mir immer, daß ich Unrecht tue.«
Zur Zeit der Heuernte tat mir, da ich diese Arbeit nicht gewöhnt war, der ganze Körper weh; wenn ich dann abends auf der Terrasse mit den Meinigen saß, schlief ich oft mitten in der Unterhaltung ein, und alle lachten mich laut aus. Man weckte mich, und ich mußte mich an den Tisch zum Abendessen zu setzen; ich schlief halb, ich sah wie in einer Ohnmacht die Lichter, Gesichter und Teller, ich hörte die Stimmen, und verstand sie nicht. Und wenn ich am nächsten Morgen erwachte, griff ich gleich nach der Sense oder ging auf den Bau und arbeitete den ganzen Tag.
Wenn ich an den Feiertagen zu Hause blieb, merkte ich, daß meine Frau und meine Schwester vor mir etwas verheimlichten und meine Gesellschaft mieden. Meine Frau war zwar noch immer zärtlich zu mir, aber sie hatte ihre eigenen Gedanken, die sie mir nicht mitteilte. Es war mir klar, daß ihre Erregung gegen die Bauern wuchs und daß dieses Leben ihr immer schwerer wurde, aber sie klagte nicht mehr. Mit dem Doktor unterhielt sie sich jetzt lieber als mit mir, und ich konnte es mir gar nicht erklären.
In unserem Gouvernement ist es Sitte, daß in der Zeit der Heuernte und des Einbringens des Getreides die Arbeiter jeden Abend in den Herrenhof kommen, wo man sie mit Schnaps bewirtet; selbst die jungen Mädchen trinken mit. Wir beobachteten diese Sitte nicht; die Arbeiter und ihre Weiber standen bei uns im Hofe bis zum späten Abend und warteten auf den Schnaps; dann gingen sie schimpfend weg. Mascha machte eine finstere Miene und schwieg, oder sie sagte zum Doktor leise und gereizt:
»Diese Wilden! Diese Petschenjegen!«
Auf dem Lande pflegt man die Neulinge unfreundlich, beinahe feindselig zu behandeln, wie in der Schule. So behandelte man auch uns. In der ersten Zeit sah man uns als dumme Menschen an, die das Gut nur deshalb gekauft haben, weil sie nicht wissen, was mit ihrem Gelde anzufangen. Alle lachten uns aus. In unserem Walde, sogar in unserem Garten ließen die Bauern ihr Vieh weiden; sie trieben unsere Kühe und Pferde zu sich ins Dorf und verlangten nachher Bezahlung für die Flurschäden. Sie kamen in großen Haufen zu uns auf den Hof und behaupteten mit viel Geschrei, daß wir beim Mähen ein fremdes Stück mitgenommen hätten; da wir die Grenzen unseres Besitzes nicht genau kannten, glaubten wir ihnen alles und zahlten; später stellte es sich natürlich heraus, daß wir richtig gemäht hatten. In unserem Walde schälte man von den jungen Linden die Rinde zu Bast ab. Ein reicher Bauer von Dubetschnja, der auch Schnaps ohne Konzession verkaufte, bestach unsere Arbeiter und begaunerte uns mit ihrer Hilfe auf die niederträchtigste Weise: er vertauschte die neuen Räder an unserem Wagen mit alten, stahl uns unsere Ackerkummete und verkaufte sie dann uns wieder. Am meisten kränkte uns aber das, was in Kurilowka am Bau vorging; die Weiber stahlen dort nachts Bretter, Ziegelsteine, Kacheln und Eisen; der Gemeindevorsteher machte bei ihnen Haussuchungen, die Bauernversammlung diktierte jeder Diebin eine Strafe von zwei Rubeln zu, und dieses Geld wurde von der ganzen Gemeinde vertrunken.
Wenn Mascha so etwas hörte, sagte sie empört zum Doktor oder zu meiner Schwester:
»Dieses Vieh! Es ist entsetzlich!«
Und ich hörte sie mehr als einmal bedauern, daß sie den ganzen Schulbau unternommen hatte.
»Begreifen Sie doch,« suchte sie der Doktor zu überzeugen, »begreifen Sie doch, daß, wenn Sie diese Schule bauen oder überhaupt Gutes tun, Sie es nicht für die Bauern, sondern im Namen der Kultur, im Namen der Zukunft tun. Und je schlechter diese Bauern sind, desto mehr Grund haben Sie, die Schule zu bauen. Begreifen Sie es doch!«
Seine Stimme klang aber nicht sehr überzeugt, und es schien, daß er die Bauern ebenso haßte wie Mascha.
Mascha ging oft zur Mühle und nahm meine Schwester mit; sie erklärten beide lachend, daß sie den Stepan sehen wollten, der ein so hübscher Kerl sei. Stepan war, wie es sich zeigte, nur in Männergesellschaft so träge und wortkarg; in weiblicher Gesellschaft hielt er sich aber ungezwungen und redete ununterbrochen. Als ich einmal am Flusse baden ging, belauschte ich zufällig ein Gespräch. Mascha und Kleopatra saßen in weißen Kleidern am Ufer im Schatten einer Weide, und Stepan stand, die Hände im Rücken, daneben und redete:
»Sind die Bauern denn Menschen? Sie sind keine Menschen, sondern, mit Verlaub, Tiere und Scharlatans. Wie lebt so ein Bauer? Er versteht nur zu essen und zu trinken, und das möglichst billig, und im Wirtshause zu schreien; man bekommt von ihm weder gute Reden zu hören, noch ein anständiges Benehmen zu sehen. Ein ungehobelter Flegel ist er! Er selbst lebt in Schmutz, auch seine Frau und die Kinder leben in Schmutz; worin er geht, darin schläft er; die Kartoffeln holt er aus der Kohlsuppe mit den Fingern heraus, trinkt seinen Kwaß mit den Küchenschaben und bläst sie nicht einmal weg!«
»Die Leute sind aber so arm!« trat meine Schwester für die Bauern ein.
»Ach wo, arm! Not leiden sie allerdings, aber es gibt Not und Not, meine Gnädige. Wenn ein Mensch im Zuchthause sitzt, oder blind ist, oder keine Beine hat, so kann er einem wirklich leid tun; wenn er aber frei ist und seinen Verstand, seine Augen und Hände, seine Kraft und auch seinen Gott hat, was fehlt ihm dann noch? Es ist Verdorbenheit, meine Gnädige, Roheit, aber keine Armut. Wenn zum Beispiel Sie, gute und gebildete Herrschaften ihm aus purer Herzensgüte helfen wollen, so wird er in seiner Gemeinheit Ihr Geld vertrinken, oder, noch schlimmer als das, er wird mit Ihrem Gelde eine Branntweinschänke auftun und das Volk ausbeuten. Sie sprechen von Armut. Lebt aber der reiche Bauer besser? Auch er lebt, mit Verlaub, wie ein Schwein. Er ist ein Grobian, ein Flegel, ist aber so dick wie lang, hat eine gedunsene, rote Fratze, und wenn ich so einen sehe, möchte ich ihm gleich eine herunterhauen. Nehmen wir z. B. den Larion von Dubetschnja: der ist auch ein reicher Bauer, und doch stiehlt er in Ihrem Walde die Lindenrinden genau so wie der Aermste; er selbst flucht unflätig, auch seine Kinder fluchen, und wenn er zu viel getrunken hat, fällt er mit der Nase in die Pfütze und schläft. Alle die Leute sind nichts wert, meine Gnädige. Das Leben im Dorfe ist eine Hölle. Das Dorf wächst mir, Gott sei Dank, zum Halse hinaus. Ich bin satt und versorgt, habe als Dragoner meine Zeit abgedient, war drei Jahre lang Dorfvorsteher gewesen und bin jetzt ein freier Mensch: wo ich will, dort wohne ich. Im Dorfe will ich nicht leben, und niemand kann mich dazu zwingen. Man sagt mir, ich sei verpflichtet, mit meiner Frau zusammenzuleben. Warum denn? Habe ich mich ihr denn verdungen?«
»Sagen Sie, Stepan, haben Sie aus Liebe geheiratet?« fragte Mascha.
»Was gibt's denn bei uns im Dorfe für eine Liebe?« antwortete Stepan lächelnd. »Eigentlich bin ich schon zum zweitenmal verheiratet, wenn Sie es wissen wollen, meine Gnädige. Ich selbst bin nicht aus Kurilowka, sondern aus Salegoschtsch, habe bloß nach Kurilowka geheiratet. Unser Vater wollte nicht seinen Besitz unter uns fünf Brüdern aufteilen; ich verabschiedete mich von ihm und heiratete in ein fremdes Dorf. Meine erste Frau starb aber in jungen Jahren.«
»Woran?«
»An der Dummheit. Sie weinte immer ohne Grund, kränkelte und starb. Sie trank allerlei Kräuter, um schöner zu werden, und hat sich dabei wohl die Eingeweide verdorben. Und meine zweite Frau, die aus Kurilowka, was ist an ihr? Ein Dorfweib, eine Bäuerin und sonst nichts. Als ich um sie warb, gefiel mir die Sache nicht schlecht; ich dachte mir: sie ist jung, hat ein weißes Gesicht, und die Leute leben sauber. Ihre Mutter sieht wie eine Sektiererin aus und trinkt Kaffee, aber die Hauptsache ist, daß die Leute sauber leben. Also heiratete ich sie. Wie wir uns am anderen Tag nach der Hochzeit zu Tisch setzen, sage ich der Schwiegermutter, sie solle einen Löffel geben. Sie bringt den Löffel, und ich sehe, wie sie ihn mit dem Finger abwischt. Das ist eine schöne Reinlichkeit, denke ich mir. Ein Jahr blieb ich bei ihnen wohnen, dann ging ich fort. – Vielleicht hätte ich eine Städtische heiraten sollen,« sagte er nach einer Pause. »Man sagt, die Frau sei für den Mann eine Gehilfin. Was brauche ich eine Gehilfin, ich kann mir auch selbst helfen, ich verlange von der Frau nur, daß sie mit mir spricht, aber nicht irgendwie, sondern vernünftig und mit Gefühl. Ohne gute Reden ist das Leben gar kein Leben!«
Stepan verstummte plötzlich, und gleich darauf hörte ich sein eintöniges Singen. Das bedeutete, daß er mich gesehen hatte.
Mascha kam oft auf die Mühle und fand in den Gesprächen mit Stepan ihr Vergnügen; Stepan schimpfte so aufrichtig und überzeugt auf die Bauern, und darum zog es sie wohl zu ihm hin. Wenn sie von der Mühle heimkehrte, rief ihr der blöde Bauer, der den Garten hütete, nach:
»Mädel Palaschka! Guten Tag, Mädel Palaschka!« Und er bellte sie wie ein Hund an: »Wau! Wau!«
Sie aber blieb stehen und sah ihn aufmerksam an, als hörte sie im Gebell dieses Blöden Antworten auf ihre Gedanken; er zog sie wohl ebenso an, wie Stepan mit seinem Schimpfen. Zu Hause erwartete sie aber schon irgendeine Neuigkeit: zum Beispiel daß die Dorfgänse das Kraut in unserem Garten zerstampft hatten, oder daß Larion die Pferdeleine gestohlen hatte, und sie sagte lächelnd, die Achseln zuckend:
»Was kann man auch von diesen Leuten verlangen?«
Sie empörte sich, in ihrem Innern kochte es; ich aber gewöhnte mich an die Bauern und fühlte mich immer mehr zu ihnen hingezogen. In der Mehrzahl waren es nervöse, überreizte, gekränkte, ungebildete Menschen mit dürftigem, trübem Horizont, mit den ewig gleichen Gedanken an die graue Erde, an die grauen Tage, an das Schwarzbrot; Menschen, die wohl schwindelten, aber so einfältig wie die Vögel, wenn sie den Kopf hinter einem Baumstamm verstecken, und die nicht zu rechnen verstanden. Sie weigerten sich, für zwanzig Rubel bei unserer Heuernte mitzuhelfen, taten es aber für einen halben Eimer Schnaps, obwohl sie für zwanzig Rubel vier Eimer hätten kaufen können. Es gab bei ihnen allerdings viel Schmutz, Trunksucht, Dummheit und Betrug, und doch fühlte man, daß das Bauernleben im allgemeinen ein gesundes, kräftiges Rückgrat hat. Wenn der Bauer hinter seinem Pfluge auch als ein plumpes Tier erscheint, und wenn er sich auch immer betrinkt, kann man in ihm doch bei näherem Zusehen etwas finden, was zum Beispiel Mascha und dem Doktor abging: nämlich den Glauben, daß das Wichtigste auf Erden die Wahrheit sei und daß seine Rettung und die Rettung des ganzen Volkes nur in der Wahrheit liege; darum schätzt er auch die Gerechtigkeit über alles in der Welt. Ich sagte meiner Frau, sie sähe nur die Flecke auf dem Glase, sähe aber das Glas selbst nicht; sie entgegnete nichts oder fing an wie Stepan eine traurige Weise zu summen. Wenn diese gute und kluge Frau vor Empörung bleich wurde und mit bebender Stimme dem Doktor von der Trunksucht und den Betrügereien der Bauern erzählte, mußte ich über ihre Vergeßlichkeit staunen. Wie konnte sie es vergessen, daß auch ihr Vater, der Ingenieur viel trank und daß das Geld, mit dem er Dubetschnja gekauft hatte, durch eine Reihe frecher und gewissenloser Betrügereien erworben worden war? Wie konnte sie das vergessen?
XIV
Auch meine Schwester lebte ihr eigenes Leben, das sie sorgfältig vor mir verheimlichte. Oft tuschelte sie mit Mascha. Wenn ich auf sie zuging, schrumpfte sie gleichsam ein und blickte mich wie schuldbewußt und flehend an; offenbar ging in ihrer Seele etwas vor, das sie fürchtete oder dessen sie sich schämte. Um mir nicht im Garten zu begegnen oder sonstwie mit mir unter vier Augen zu bleiben, hielt sie sich immer in Maschas Nähe auf, und ich hatte nur selten, höchstens beim Mittagessen Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.
Eines Abends kehrte ich vom Bau durch den Garten beim. Es dunkelte. Ohne mich zu bemerken und ohne meine Schritte zu hören, bewegte sich meine Schwester geräuschlos wie ein Gespenst vor einem alten, weitverzweigten Apfelbaume. Sie war ganz schwarz gekleidet und ging sehr schnell, zu Boden blickend, immer in der gleichen Linie auf und ab. Ein Apfel fiel vom Baum, sie fuhr zusammen, blieb stehen und drückte die Hände an die Schläfen. In diesem Augenblick ging ich auf sie zu.
In einer Anwandlung zärtlicher Liebe, die plötzlich mein Herz überströmte, nahm ich sie bei den Schultern und küßte sie mit Tränen in den Augen; ich mußte dabei an unsere Mutter und unsere Kindheit denken.
»Was hast du?« fragte ich sie. »Du leidest, ich sehe es längst. Sag', was ist mit dir?«
»Ich fürchte so …« sagte, sie zitternd.
»Was ist denn mit dir?« drang ich in sie ein. »Um Gottes willen, sei doch aufrichtig!«
»Ja, ich will, ich werde aufrichtig sein, ich werde dir die ganze Wahrheit sagen. Es ist mir so schwer, sie vor dir zu verheimlichen! Missail, ich liebe …« fuhr sie flüsternd fort. »Ich liebe, ich liebe … Ich bin glücklich, und doch fürchte ich mich so!«
Schritte wurden laut, und zwischen den Bäumen zeigte sich Doktor Blagowo in seidenem Hemd und hohen Stiefeln. Hier unter diesem Apfelbaum hatten sie offenbar ein Stelldichein. Als sie ihn erblickte, stürzte sie ihm entgegen und schrie gequält, als wollte ihn ihr jemand wegnehmen:
»Wladimir! Wladimir!«
Sie schmiegte sich an ihn und sah ihm lechzend ins Gesicht, und ich merkte erst jetzt, wie mager und bleich sie in der letzten Zeit geworden war. Besonders deutlich war das an ihrem Spitzenkragen zu sehen, den ich seit vielen Jahren kannte und der jetzt freier als je an ihrem feinen und langen Hals lag. Der Doktor wurde verlegen, besann sich aber bald und sagte, ihr die Haare streichelnd:
»Na, genug, genug … Warum so nervös? Du siehst ja, ich bin hergekommen.«
Wir schwiegen und sahen einander etwas geniert an. Dann gingen wir zu dritt weiter, und der Doktor sagte mir:
»Das Kulturleben hat bei uns noch nicht begonnen. Die Alten trösten sich damit, daß es jetzt zwar nichts gäbe, aber in den vierziger und sechziger Jahren etwas gegeben habe; das sind die Alten; unsere Gehirne sind aber noch nicht vom marasmus senilis berührt, und wir können uns mit solchen Illusionen nicht trösten. Der Anfang des Russischen Reiches fällt auf das Jahr 862, aber die russische Kultur hat überhaupt noch nicht angefangen.«
Ich hörte ihm kaum zu. Es kam mir so seltsam, beinahe unglaublich vor, daß meine Schwester verliebt war, daß sie diesen fremden Mann bei der Hand hielt und so zärtlich ansah. Meine Schwester, dieses nervöse, eingeschüchterte, verängstigte, unfreie Geschöpf liebt einen Mann, der verheiratet ist und auch Kinder hat! Etwas tat mir weh, ich weiß aber nicht, was. Die Anwesenheit des Doktors war mir nun unangenehm, und ich konnte unmöglich begreifen, was aus dieser Liebe werden sollte.
XV
Mascha und ich fuhren zur Einweihung der Schule nach Kurilowka.
»Herbst, Herbst, Herbst …« sagte Mascha leise, um sich blickend. »Der Sommer ist vorüber. Die Vögel sind fort, und nur noch die Weiden allein sind grün.«
Ja, der Sommer ist vorüber. Die Tage sind noch heiter und warm, aber des Morgens ist es recht frisch, die Hirten gehen in Schafpelzen auf die Weide, und auf den Astern in unserem Garten trocknet der Tau im Laufe des ganzen Tages nicht aus. Es sind immer so traurige Töne zu hören, und man kann nicht recht erkennen, ob es das Knarren eines Fensterladens m den rostigen Angeln ist, oder das Geschrei der Kranichzüge … Dabei ist es aber einem so wohl ums Herz, und man spürt solche Luft zu leben!
»Der Sommer ist vorüber …« sagte Mascha. »Nun können wir das Fazit ziehen. Wir haben viel gearbeitet, haben viel gedacht, wir sind besser geworden, wir haben in der persönlichen Vervollkommnung Erfolge gemacht, – das muß alles anerkannt werden. Haben aber unsere Erfolge auch irgendeinen Einfluß auf das uns umgebende Leben gehabt, haben sie jemandem genützt? Nein! Die Roheit und die Unbildung, der Schmutz, die Trunksucht, die entsetzlich hohe Kindersterblichkeit – alles ist beim alten geblieben, und davon, daß du geackert und gesät hast und ich Geld ausgegeben und Bücher gelesen habe, wurde niemand besser. Offenbar haben wir nur für uns selbst gearbeitet und nur für uns selbst gedacht.«
Diese Betrachtungen machten mich wirr, und ich wußte nicht, was ich denken sollte.
»Wir waren vom Anfang bis zum Ende aufrichtig,« sagte ich, »und wer aufrichtig ist, der hat auch recht.«
»Wer bestreitet es? Wir waren wohl im Recht, wir haben aber das, worin wir recht hatten, falsch verwirklicht. Vor allen Dingen, waren denn nicht schon unsere äußeren Methoden durch und durch fehlerhaft? Du willst den Menschen nützlich sein, wenn du aber ein Gut kaufst, schneidest du dir von vornherein jede Möglichkeit ab, ihnen irgendwie zu nützen. Ferner: wenn du wie ein Bauer arbeitest, dich kleidest und ißt, so legitimierst du durch deine Autorität diese schwere, plumpe Kleidung, diese schrecklichen Häuser, diese dummen Bärte … Nehmen wir sogar an, daß du lange, sehr lange, dein ganzes Leben lang arbeitest und schließlich auch einige praktische Resultate erzielst; was bedeuten aber deine Resultate gegen solche Elementarkräfte, wie Roheit, Hunger, Kälte und Entartung? Einen Tropfen im Meere! Hier sind andere, kühnere, raschwirkende, kräftige Kampfmittel vonnöten! Wenn du tatsächlich Nutzen bringen willst, so mußt du den engen Kreis der normalen Tätigkeit aufgeben und dich bemühen, auf die ganze Masse einzuwirken! Vor allen Dingen ist eine laute, energische Predigt notwendig. Warum ist die Kunst, z. B. die Musik so lebenskräftig, so populär und so mächtig? Weil der Musiker oder Sänger gleich auf Tausende von Menschen einwirkt. Die liebe, liebe Kunst!« fuhr sie mit einem träumerischen Blick gen Himmel fort. »Die Kunst gibt uns Flügel und entführt uns weit, weit von hier! Wer des Schmutzes und der kleinlichen Pfenniginteressen überdrüssig geworden ist, wer empört und beleidigt ist, der kann nur im Schönen Ruhe und Befriedigung finden.«
Als wir uns Kurilowka näherten, war das Wetter heiter und freundlich. In einigen Höfen wurde gedroschen, und es roch nach Roggenstroh. Hinter den Zäunen leuchteten hellrote Ebereschen, und alle Bäume, so weit der Blick reichte, waren golden oder rot. Vom Turme tönten die Glocken, man trug die Heiligenbilder in die Schule, und der Chor sang »Heilige Fürbitterin«.« Die Luft war durchsichtig, und die Tauben flogen so hoch!
Der Gottesdienst wurde im Klassenzimmer abgehalten. Dann überreichten die Bauern von Kurilowka Mascha ein Heiligenbild, und die von Dubetschnja – eine große Brezel und ein vergoldetes Salzfaß. Und Mascha weinte.
»Und wenn wir vielleicht ein Wort zu viel gesagt haben, oder es sonst irgendwelche Unannehmlichkeit gab, so verzeihen Sie uns!« sagte ein Greis und verneigte sich vor ihr und vor mir.
Als wir nach Hause fuhren, sah sich Mascha nach der Schule um; das grüne Dach, das ich gestrichen hatte, glänzte in der Sonne und blieb lange sichtbar. Und ich fühlte, daß die Blicke, die Mascha um sich warf, Abschiedsblicke waren.
XVI
Abends fuhr sie in die Stadt.
In der letzten Zeit pflegte sie oft in die Stadt zu fahren und dort zu übernachten. Wenn sie fort war, konnte ich nicht arbeiten; meine Hände wurden auf einmal schwach, unser großer Hof erschien mir als eine langweilige Wüste, der Garten rauschte unfreundlich, und ohne sie waren das Haus, die Bäume und die Pferde für mich nicht mehr »unser«.
Ich ging nicht aus dem Hause, sondern saß immer an ihrem Tisch, neben ihrem Schrank mit den landwirtschaftlichen Büchern, ihren gewesenen Lieblingen, die sie jetzt nicht mehr brauchte und die mich daher so verlegen ansahen. Stundenlang, bis es sieben, acht, neun schlug, bis die schwarze Herbstnacht zum Fenster hereinblickte, besah ich mir irgendeinen alten Handschuh von ihr, oder den Federhalter, mit dem sie immer schrieb, oder ihre kleine Schere; ich tat nichts und war mir dessen vollkommen bewußt, daß ich früher nur darum geackert, gemäht und Holz gehackt hatte, weil sie es so wollte. Und wenn sie mich schickte, einen tiefen Brunnen zu reinigen, wo ich bis an den Gürtel im Wasser stehen mußte, so stiege ich gewiß in den Brunnen hinab, ohne mir zu überlegen, ob das nötig wäre oder nicht. Aber jetzt, wo sie nicht mehr in meiner Nähe war, erschien mir Dubetschnia mit der ganzen Unordnung, mit den ewig klappernden Fensterläden, mit den Tag- und Nachtdieben als ein Chaos, in dem jede Arbeit zwecklos wäre. Was soll ich hier auch arbeiten, was soll ich für die Zukunft sorgen, wenn ich fühle, daß mir der Boden entgleitet, daß meine Rolle hier in Dubetschnja zu Ende ist, mit einem Worte, daß mich das gleiche Schicksal erwartet, das die landwirtschaftlichen Werke ereilt hat? Wie furchtbar waren diese einsamen Stunden in der Nacht, als ich jeden Augenblick erschrocken horchte, ob mir nicht jemand zuriefe, daß ich schon gehen solle. Es tat mir um Dubetschnja leid, nur meine Liebe tat mir leid, für die offenbar auch schon der Herbst gekommen war. Was für ein großes Glück ist es, zu lieben und geliebt zu werden, und wie schrecklich ist es, zu fühlen, daß man von diesem hohen Turm herabstürzt!
Mascha kehrte aus der Stadt am anderen Abend zurück. Sie war über etwas unzufrieden, verheimlichte es aber und fragte nur, warum ich alle Winterfenster eingesetzt hätte; so könne man ja ersticken! Ich nahm zwei Fenster wieder heraus. Wir hatten gar keinen Hunger, setzten uns aber doch hin und aßen Abendbrot.
»Geh, wasch dir die Hände,« sagte meine Frau zu mir. »Du riechst nach Kitt.«
Sie hatte neue illustrierte Zeitschriften aus der Stadt mitgebracht, und nach dem Abendessen sahen wir sie uns zusammen an. Es waren auch Beilagen mit Modebildern und Kleiderschnitten dabei. Mascha sah sie sich nur flüchtig an, legte sie aber beiseite, um sie nachher genauer anzusehen; aber ein Kleid mit einem weiten, glatten Glockenrock und Bauschärmeln interessierte sie, und sie betrachtete es eine Minute ernst und aufmerksam.
»Das ist nicht übel,« sagte sie.
»Ja, das Kleid wird dir gut stehen,« sagte ich: »sogar sehr gut!«
Ich sah gerührt auf dieses Kleid, ich bewunderte das Bild nur, weil es ihr gefiel, und fuhr zärtlich fort:
»Ein herrliches, wunderbares Kleid! Meine herrliche, wunderbare Mascha! Meine teure Mascha!«
Tränen fielen auf das Bild.
»Meine herrliche Mascha …« stammelte ich: »Meine liebe, teure Mascha …«
Sie ging schlafen, ich aber saß noch eine Stunde da und besah die Illustrationen.
»Es ist schade, daß du die Fenster wieder herausgenommen hast,« sagte sie aus dem Schlafzimmer. »Ich fürchte, daß es doch kalt werden wird. Wie der Wind heult!«
Ich las unter »Vermischtes« von der Herstellung billiger Tinte und vom größten Diamanten der Welt. Dann kam mir wieder das Modebild mit dem Kleide in die Hand, das ihr so gut gefallen hatte, und ich stellte sie mir auf einem Ball vor, mit einem Fächer in der Hand, mit entblößten Schultern, strahlend schön, mit großem Verständnis für Musik, Kunst und Literatur, und meine eigene Rolle kam mir so kläglich und kurz vor!
Unsere Begegnung und unsere Ehe waren nur eine Episode, wie sie diese lebhafte, reich begabte Frau noch viele in ihrem Leben haben wird. Alles Beste in der Welt stand zu ihrer Verfügung und fiel ihr ganz umsonst zu, selbst die Ideen und die moderne geistige Bewegung bedeuteten ihr nur einen Genuß, eine Abwechslung in ihrem Leben; ich aber war nur der Kutscher, der sie von einem Erlebnis zum anderen gefahren hatte. Jetzt braucht sie mich nicht mehr, sie fliegt aus, und ich bleibe allein.
Wie als Antwort auf meine Gedanken erklang im Hofe der verzweifelte Schrei:
»Zu Hilfe!«
Es war eine dünne Weiberstimme, und der Wind pfiff ebenso dunn im Kamin, als wollte er sie nachahmen. Nach einer halben Minute erklang es wieder durch das Heulen des Windes, aber scheinbar vom anderen Ende des Hofes:
»Zu Hilfe!«
»Missail, hörst du es?« fragte leise meine Frau. »Hörst du es?«
Sie kam aus dem Schlafzimmer im bloßen Hemd mit offenen Haaren und lauschte, auf das dunkle Fenster blickend.
»Da wird jemand erwürgt!« sage sie. »Das fehlte noch gerade.«
Ich nahm mein Gewehr und ging hinaus. Draußen war es stockfinster, und der Wind wehte so stark, daß ich kaum stehen konnte. Ich ging einmal zum Tor und horchte: die Bäume rauschten, der Wind pfiff, und im Garten heulte träge der Hund des blöden Wächters. Hinter dem Tore war eine höllische Finsternis, und am Bahndamm brannte kein einziges Licht. Plötzlich ertönte neben dem Flügel, in dem im vorigen Jahre die Baukanzlei gewesen war, ein halberstickter Schrei:
»Zu Hilfe!«
»Wer ist da?« fragte ich.
Zwei Männer rangen miteinander. Der eine wollte den anderen hinausdrängen, der andere wehrte sich, und beide atmeten schwer.
»Laß los!« sagte der eine, und ich erkannte die Stimme Tscheprakows; er war es, der mit der dünnen Weiberstimme geschrien hatte. »Laß los, Verfluchter, sonst beiße ich dir die Hände blutig!«
Im anderen erkannte ich Moïssej. Ich brachte sie auseinander und schlug dabei Moïssej zweimal ins Gesicht. Er fiel hin, stand wieder auf, und ich schlug ihn noch einmal.
»Er wollte mich umbringen,« stammelte er. »Er hatte sich an die Kommode der Frau Mama herangemacht … Ich möchte ihn im Flügel einsperren, der Vorsicht halber.«
Tscheprakow war aber betrunken, er erkannte mich nicht und holte immer tief Atem, als wollte er möglichst viel Luft einatmen, um von neuem um Hilfe zu schreien.
Ich ließ sie stehen und kehrte ins Haus zurück. Meine Frau lag schon angekleidet auf dem Bett. Ich erzählte ihr, was sich auf dem Hofe abgespielt, und gestand auch, daß ich Moïssej geschlagen hatte.
»Es ist so schrecklich, auf dem Lande zu wohnen,« sagte sie. »Und so furchtbar lang ist diese Nacht …«
»Zu Hilfe!« ertönte es nach einer Weile wieder.
»Ich gehe hin und schaffe Ruhe,« sagte ich.
»Nein, sollen sie nur einander die Kehlen durchbeißen,« sagte sie mit Ekel.
Sie blickte auf die Decke und horchte hinaus, und ich saß an ihrer Seite, wagte nicht mit ihr zu sprechen und hatte das Gefühl, als ob es meine Schuld wäre, daß man draußen um Hilfe schrie und daß die Nacht so lang war.
Wir schwiegen, und ich wartete mit Ungeduld auf das erste Morgenlicht. Mascha blickte aber die ganze Zeit so, wie wenn sie aus einer Ohnmacht erwacht wäre und nun staunte, wie sie, das kluge, wohlerzogene, reinliche Wesen in diese elende Provinzeinöde, in diese Gesellschaft unbedeutender, kleinlicher Menschen geraten sei und wie sie sich dermaßen habe vergessen können, um einen dieser Menschen zu lieben und länger als ein halbes Jahr seine Frau zu sein. Mir schien schien es, daß sie keine Unterschiede mehr zwischen mir, Moïssej und Tscheprakow machte; alles vermischte sich für sie in diesem trunkenen, wilden Hilfeschrei – ich, und unsere Ehe, und unsere Wirtschaft, und der Herbstschmutz; und wenn sie seufzte oder sich im Bette wälzte, las ich in ihrem Gesicht: »Ach, wenn doch der Morgen endlich käme!«
Am Morgen fuhr sie ab.
Ich blieb in Dubetschnja noch drei Tage und wartete, ob sie nicht doch noch zurückkommen würde. Dann legte ich alle unsere Sachen in einem der Zimmer zusammen, sperrte es ab und ging in die Stadt. Als ich am Hause des Ingenieurs klingelte, war schon Abend, und in unserer Großen Adelsstraße brannten die Laternen. Pawel sagte mir, daß niemand zu Hause sei: Viktor Iwanowitsch sei nach Petersburg verreist und Maria Viktorowna auf einer Probe bei den Aschogins. Ich erinnere mich noch, mit welcher Aufregung ich zu den Aschogins ging, wie mein Herzschlag stockte, als ich die Treppe hinaufging und lange oben auf dem Treppenabsatz stand, ehe ich es wagte, in diesen Musentempel einzutreten! Im Saale brannten auf dem Tische, auf dem Klavier und auf der Bühne je drei Kerzen, überall drei; die erste Vorstellung war für den Dreizehnten angesetzt, und die erste Probe fand an einem Montag, einem gefürchteten Unglückstag statt. Das war der Kampf gegen die Vorurteile! Alle Liebhaber der Bühnenkunst waren schon versammelt. Die Aelteste, die Mittlere und die Jüngste gingen auf der Bühne auf und ab und lasen ihre Rollen. Abseits von allen stand Rettich, mit der Schläfe gegen die Wand gelehnt, und blickte, in Erwartung der Probe, andächtig auf die Bühne. Alles war genau so wie einst!
Ich ging auf die Dame des Hauses zu, – ich mußte sie doch begrüßen, – aber alle begannen plötzlich zu zischen und mit den Füßen zu stampfen, daß ich leiser auftrete. Es wurde still. Man hob den Deckel des Klaviers, eine Dame setzte sich vor das Instrument und richtete ihre kurzsichtigen Augen auf die Noten, und nun erschien meine Mascha. Sie war schön und elegant, aber von einer eigenen, ganz neuen Schönheit und glich gar nicht jener Mascha, die mich im Frühjahr auf der Mühle besuchte. Sie sang das Lied:
»Warum lieb ich dich so, du strahlende Nacht?«
Seitdem ich sie kannte, hörte ich sie heute zum erstenmal singen. Sie hatte eine schöne, kräftige, volle Stimme, und solange sie sang, hatte ich das Gefühl, als ob ich eine reife, süße, duftende Melone verzehrte. Nun war sie zu Ende, man applaudierte ihr und sie lächelte sehr zufrieden, blätterte in den Noten und nestelte an ihrem Kleid wie ein Vogel, der sich endlich aus der Gefangenschaft befreit hat und in Freiheit sein Gefieder in Ordnung bringt. Ihre Haare waren hinter die Ohren gekämmt, und ihr Gesicht hatte einen unangenehmen Ausdruck, wie wenn sie alle herausforderte oder uns wie die Pferde anschreien wollte: »He, ihr lieben!«
In diesem Augenblick sah sie wohl ihrem Großvater, dem Kutscher sehr ähnlich.
»Auch du bist hier?« fragte sie, mir die Hand reichend. »Hast du gehört, wie ich sang? Wie findest du es?« Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Es ist sehr gut, daß du hergekommen bist. Heute nacht reise ich für kurze Zeit nach Petersburg. Willst du es mir erlauben?«
Um Mitternacht begleitete ich sie zum Bahnhof. Sie umarmte mich zärtlich, wohl aus Dank dafür, weil ich keine überflüssigen Fragen stellte, und versprach mir zu schreiben. Ich aber drückte und küßte lange ihre Hände, sagte kein Wort und hielt mit Mühe meine Tränen zurück.
Und als sie fort war, blickte ich lange den Lichtern des Zuges nach, liebkoste sie in Gedanken und wiederholte leise vor mich hin:
»Meine liebe Mascha, meine herrliche Mascha …«
Ich übernachtete in der Vorstadt Makaricha bei der Karpowna, und überzog schon am nächsten Morgen mit Rettich die Möbel bei einem reichen Kaufmann, der seine Tochter mit einem Doktor verheiratete.
XVII
Am Sonntag Nachmittag kam meine Schwester zu mir und trank mit mir Tee.
»Jetzt lese ich sehr viel,« sagte sie, auf die Bücher zeigend, die sie sich auf dem Wege zu mir aus der Stadibibliothek geholt hatte. »Ich bin deiner Frau und Wladimir dankbar, sie haben in mir die Selbsterkenntnis geweckt. Sie haben mich gerettet und es erreicht, daß ich mich als Mensch fühle. Früher konnte ich nachts keinen Schlaf finden, weil mein Kopf voller Sorgen war: ›Ach, wir haben in dieser Woche so viel Zucker verbraucht! Ach, daß die Gurken nur nicht zu salzig werden!‹ Auch jetzt schlafe ich schlecht, aber es sind schon ganz andere Gedanken. Ich ärgere mich, daß ich die Hälfte meines Lebens so dumm, so kleinmütig vertrödelt habe. Ich verachte meine Vergangenheit, ich schäme mich ihrer, den Vater sehe ich aber als meinen Feind an. Oh, wie dankbar bin ich doch deiner Frau! Und Wladimir, was ist das für ein prächtiger Mensch! Sie haben mir die Augen geöffnet.«
»Es ist nicht gut, daß du nachts nicht schläfst,« sagte ich.
»Du glaubst wohl, ich bin krank? Keine Spur! Wladimir hat mich untersucht und gefunden, daß ich vollkommen gesund hin. Es handelt sich aber nicht um die Gesundheit, die ist nicht so wichtig … Sage mir nur: bin ich im Recht?«
Sie, brauchte moralische Unterstützung, – das war mir klar. Mascha war verreist, Doktor Blagowo befand sich in Petersburg, und sie hatte in der ganzen Stadt niemand außer mir, der ihr sagen könnte, daß sie im Recht sei. Sie blickte mir gespannt ins Gesicht, als wollte sie meine geheimen Gedanken lesen, und wenn ich in ihrer Gegenwart nachdenklich war und schwieg, bezog sie es auf sich und wurde traurig. Ich mußte immer auf der Hut sein, und wenn sie mich fragte, ob sie recht hätte, beeilte ich mich, ihr zu sagen, daß sie im Rechte sei und daß ich sie aufrichtig achte.
»Weißt du, man hat mir bei den Aschogins eine Rolle gegeben,« fuhr sie fort. »Ich will auf der Bühne spielen. Ich will leben, mit einem Wort, ich will auch einmal aus vollem Kelche trinken. Ich habe gar kein Talent, und die Rolle besteht nur aus zehn Worten, und doch ist es unermeßlich erhabener und edler, als fünfmal am Tage Tee einzuschenken und aufzupassen, ob die Köchin nicht ein Stück zu viel gegessen hat. Vor allen Dingen soll aber der Vater endlich sehen, daß auch ich zu einem Protest fähig bin.«
Nach dem Tee legte sie sich auf mein Bett und lag eine Zeitlang mit geschlossenen Augen. Sie war sehr blaß.
»Diese Schwäche!« sagte sie, als sie nach einer Weile wieder aufstand. »Wladimir behauptet, daß alle Frauen und Mädchen in der Stadt vor lauter Müßiggang blutarm sind. Wie klug ist doch Wladimir! Er hat recht, er hat tausendmal recht. Man muß arbeiten!«
Nach zwei Tagen kam sie mit ihrer Rolle zu den Aschogins zur Probe. Sie trug ein schwarzes Kleid, eine Korallenkette um den Hals, eine Brosche, die aus der Ferne wie ein Blätterteigkuchen aussah, und große Ohrringe mit je einem Brillanten. Als ich sie ansah, mußte ich mich genieren, ihre Geschmacklosigkeit machte mich bestürzt. Die Brillantohrringe waren so unpassend; auch die anderen bemerkten, wie sonderbar sie gekleidet war; ich sah die Leute lächeln und hörte sogar jemand sagen:
»Die ägyptische Kleopatra!«
Sie bemühte sich, ungezwungen, ruhig und mondän zu erscheinen und erschien darum manieriert und sehr sonderbar. Ihre frühere Einfachheit und Anmut hatten sie verlassen.
»Als ich eben dem Vater erklärte, daß ich zur Probe gehe,« sagte sie, auf mich zugehend, »schrie er mich an und erklärte, daß er mir seinen Segen entziehe; beinahe hätte er mich geschlagen. Denke dir nur, ich kann meine Rolle nicht,« sagte sie, in ihr Heft blickend. »Ich werde mich ganz bestimmt blamieren. Die Würfel sind gefallen,« fuhr sie in höchster Erregung fort. »Die Würfel sind gefallen....«
Sie glaubte, daß alle auf sie sehen und über den bedeutungsvollen Schritt, zu dem sie sich entschlossen hatte, staunen; sie glaubte, daß alle von ihr etwas Ungewöhnliches erwarteten, und es war mir ganz unmöglich, sie davon zu überzeugen, daß niemand sich um solche kleine und uninteressante Menschen, wie wir beide, kümmerte.
Bis zum dritten Akt hatte sie nichts zu tun, und ihre Rolle einer Provinztante bestand nur darin, daß sie vor der Tür horchen und dann einen kurzen Monolog zu sprechen hatte. Bis die Reihe an sie kam, also mindestens anderthalb Stunden, während die andern Darsteller auf der Bühne herumgingen, lasen, Tee tranken und stritten, wich sie nicht von meiner Seite, murmelte in einem fort ihre Rolle und zerknüllte nervös ihr Heft. In der Meinung, daß alle sie ansähen und auf ihr Auftreten warteten, nestelte sie mit zitternder Hand an ihren Haaren und sagte zu mir:
»Ich werde mich ganz bestimmt blamieren … Wenn du nur wüßtest, wie schwer es mir ums Herz ist. Ich habe solche Angst, als ob man mich gleich zum Schafott führen würde.«
Endlich kam sie an die Reihe.
»Kleopatra Alexejewna, jetzt!« sagte der Regisseur.
Unschön und linkisch trat sie auf die Mitte der Bühne mit dem Ausdruck von Entsetzen im Gesicht und stand eine halbe Minute unbeweglich wie im Starrkrampfe da; nur die beiden großen Ohrringe bewegten sich.
»Das erstemal können Sie die Rolle auch ablesen.« sagte jemand.
Es war mir klar, daß sie vor Angst weder sprechen, noch das Heft aufmachen konnte; ich sah, daß sie am wenigsten an ihre Rolle dachte. Ich wollte schon auf sie zugehen und ihr etwas sagen, als sie plötzlich mitten auf der Bühne niederkniete und laut schluchzte.
Alles kam in Bewegung, alle lärmten, nur ich allein stand an die Kulisse gelehnt, von dem Vorgefallenen erdrückt, und wußte nicht, was anzufangen. Ich sah, wie man ihr aufstehen half und sie fortführte. Ich sah, wie Anjuta Blagowo auf mich zuging; ich hatte sie vorher im Saale nicht gesehen, und sie schien wie aus der Erde gewachsen. Sie hatte ihren Hut auf und den Schleier vor dem Gesicht und sah wie immer so aus, als ob sie nur auf dem Sprunge hier wäre.
»Ich hab' ihr doch gesagt, daß sie nicht spielen darf,« sagte sie rot vor Empörung, jedes Wort kurz hervorstoßend. »Das ist Wahnsinn! Sie hätten sie davon abhalten müssen!«
Nun näherte sich mir die magere und flache Frau Aschogin-Mutter in ihre kurzen Bluse mit kurzen Aermeln und Zigarettenasche auf der Brust.
»Mein Freund, es ist ja entsetzlich,« sagte sie, die Hände ringend und nur wie immer scharf ins Gesicht blickend. »Das ist ja entsetzlich! Ihre Schwester ist in Umständen … sie ist schwanger! Führen Sie sie doch fort, ich bitte Sie darum …«
Sie war furchtbar erregt und atmete schwer. Etwas abseits standen ihre drei Töchter, ebenso mager und flach wie sie, und drängten sich ängstlich aneinander. Sie waren so erschrocken und bestürzt, als ob man in ihrem Hause einen, Zuchthäusler erwischt hätte. Wie schrecklich, diese Schande! Und doch hatte diese ehrenwerte Familie ihr Leben lang gegen die Vorurteile gekämpft; offenbar hatten sie geglaubt, das alle Vorurteile und Verirrungen der Menschheit nur in der Furcht vor den drei Kerzen, vor der Zahl Dreizehn und vor dem Montag bestünden.
»Ich bitte Sie darum …« wiederholte Frau Aschogin mit gespitztem Mund. »Ich bitte Sie, bringen Sie sie doch nach Hause.«
XVIII
Bald darauf waren wir auf der Straße. Ich hüllte meine Schwester in meinen Mantel; wir gingen schnell, wählten Gäßchen, in denen keine Laternen brannten, und wichen jeder Begegnung aus, wie wenn wir auf der Flucht wären. Sie weinte nicht mehr und blickte mich mit trockenen Augen an. Bis zur Vorstadt Makaricha, wohin ich sie führte, waren kaum zwanzig Minuten, und doch genügte uns diese kurze Zeit, um uns unseres ganzen Lebens zu erinnern, alles zu besprechen, unsere Lage zu überblicken und Pläne zu fassen ....
Wir waren uns einig, daß wir in dieser Stadt nicht länger bleiben durften und, sobald ich etwas Geld verdient haben würde, an irgendeinen anderen Ort ziehen mußten. In den einen Häusern schlief man schon, in den anderen spielte man noch Karten; wir haßten diese Häuser, wir fürchteten sie und sprachen vom Fanatismus, der Herzensroheit und der Nichtswürdigkeit dieser geachteten Familien, dieser Liebhaber der Theaterkunst, denen wir solche Angst gemacht hatten, und ich fragte mich, worin diese dummen, grausamen, faulen, ehrlosen Menschen besser seien als die betrunkenen und abergläubischen Bauern von Kurilowka, oder als die Tiere, die ja auch unruhig werden, wenn irgendein Zufall die Eintönigkeit ihres von den Instinkten beschränkten Lebens stört. Was wäre jetzt wohl mit meiner Schwester, wenn sie zu Hause bliebe? Was für furchtbare moralische Leiden hätte sie zu erdulden, wenn sie mit dem Vater sprechen und jeden Tag mit Bekannten zusammenkommen müßte! Während ich mir dies alles überlegte, kamen mir verschiedene Menschen in Erinnerung, die von ihren nächsten Verwandten langsam hingemordet worden waren, alle die zu Tode gequälten, verrückt gewordenen Hunde, die bei lebendigem Leibe von den Jungen gerupften und ins Wasser geworfenen Spatzen, – und die ganze unendliche Reihe stummer, langsamer Leiden, die ich in dieser Stadt ununterbrochen, seit meiner frühesten Kindheit beobachtet hatte; und ich konnte wieder nicht begreifen, wovon diese sechzigtausend Menschen lebten, wozu sie beteten, wozu sie die Evangelien und wozu sie Bücher und Zeitschriften lasen. Was hat ihnen das alles genützt, was bisher geschrieben und gesprochen worden ist, wenn in ihren Seelen noch immer dieselbe Finsternis herrscht und derselbe Haß gegen jede Freiheit wie vor hundert und vor dreihundert Jahren? Der Bauunternehmer baut sein Leben lang Häuser in der Stadt und sagt dabei bis zu seinem Tode statt »Galerie« – »Galderie«; ebenso lesen und hören diese sechzigtausend Menschen seit Generationen so viel von Wahrheit, Barmherzigkeit und Freiheit und doch lügen sie bis zu ihrem Tode vom Morgen bis zum Abend und quälen einander; die Freiheit aber fürchten und hassen sie wie ihren Feind.
»Mein Schicksal ist also entschieden,« sagte meine Schwester, als wir am Ziel waren. »Nach dem, was geschehen, kann ich nicht mehr nach Hause zurückkehren. Mein Gott, wie gut das ist! Wie leicht ist es mir ums Herz!«
Sie legte sich sofort ins Bett. An ihren Wimpern glänzten Tränen, aber ihr Gesicht strahlte vor Glück; sie schlief fest und süß und sah tatsächlich so aus, als wäre es ihr leicht ums Herz und als ruhe sie aus. Lange, lange hatte sie nicht mehr so geschlafen!
Nun lebten wir zusammen. Sie sang immer und sagte, daß sie sich sehr wohl fühle. Die Bücher, die wir aus der Bibliothek entliehen, trug ich ungelesen zurück, da sie nicht mehr lesen konnte; sie wollte nur noch von der Zukunft träumen und sprechen. Wenn sie meine Wäsche flickte oder der Karpowna beim Kochen half, trällerte sie vor sich hin oder sprach von ihrem Wladimir, von seiner Klugheit, von seinen wunderbaren Manieren, seiner Güte und seiner ungewöhnlichen Bildung, und ich stimmte ihr zu, obwohl ich den Doktor nicht mehr liebte. Sie wollte arbeiten, selbständig, für eigene Rechnung leben und nahm sich vor, Lehrerin oder Krankenpflegerin zu werden, sobald es ihre Gesundheit erlaubte; sie wollte auch selbst die Fußböden scheuern und Wäsche waschen. Sie liebte ihr Kind leidenschaftlich; es war noch nicht auf der Welt, aber sie wußte schon, was für Augen, was für Hände es haben und wie es lachen würde. Sie sprach gerne von Erziehung, und da sie ihren Wladimir für den besten Menschen auf der ganzen Welt hielt, so liefen alle ihre Betrachtungen darauf hinaus, daß das Kind ebenso bezaubernd werden sollte wie sein Vater. Alle diese Gespräche wollten kein Ende nehmen, und alles, was sie sagte, weckte in ihr selbst lebhafte Freude. Manchmal freute ich mich auch, ohne recht zu wissen, worüber.
Sie hatte mich wohl mit ihren träumerischen Stimmungen angesteckt; an Abenden ging ich trotz der Müdigkeit, die Hände in den Taschen, in meinem Zimmer auf und ab und sprach von Mascha.
»Wie denkst du wohl,« fragte ich meine Schwester, »wann kehrt sie zurück? Ich glaube, sie wird zu Weihnachten zurückkehren, wohl kaum später. Was hat sie auch in Petersburg zu tun?«
»Wenn sie dir nicht schreibt, so wird sie offenbar bald kommen.«
»Das ist wahr,« stimmte ich ihr bei, obwohl ich sehr gut wußte, daß Mascha gar keine Ursache hatte, in unsere Stadt zurückzukehren.
Ich sehnte mich sehr nach ihr; und da ich mich selbst nicht mehr betrügen konnte, wollte ich von den anderen betrogen werden. Meine Schwester wartete auf ihren Doktor, und ich auf Mascha, wir sprachen unaufhörlich, wir lachten und merkten gar nicht, daß wir die Karpowna nicht einschlafen ließen, die auf ihrem Ofen lag und immer murmelte:
»Der Samowar hat heut früh gebrummt! Das bedeutet nichts Gutes, meine Lieben, nichts Gutes!«
Zu uns kam niemand außer dem Briefträger, der der Schwester Briefe von ihrem Doktor brachte, und Prokofij, der manchmal abends zu uns hereinkam, meine Schwester stumm ansah und nachher in der Küche sagte:
»Jeder Stand soll seine Wissenschaft kennen, wer sie aber aus Hochmut nicht kennen will, dem ist das Leben ein Jammertal.«
Er liebte das Wort »Jammertal«. Als ich einmal – es war schon kurz vor Weihnachten, – durch den Markt ging, rief er mich in seinen Fleischladen herein und erklärte, ohne mir die Hand zu geben, daß er mit mir über eine wichtige Angelegenheit sprechen müsse. Er war ganz rot vom Frost und vom Schnaps; neben ihm stand am Ladentisch Nikolka mit dem Räubergesicht und hielt ein blutiges Messer in der Hand.
»Ich muß Ihnen folgendes sagen,« begann Prokofij: »Dies kann unmöglich so weitergehen, und Sie müssen selbst einsehen, daß diese Sache weder Ihnen, noch uns Ehre einbringen wird. Meine Mama kann Ihnen natürlich aus Mitleid nicht sagen, daß Ihre Schwester infolge ihrer Umstände in eine andere Wohnung ziehen soll. Mir paßt es aber nicht, weil ich das Benehmen Ihrer Schwester nicht billigen kann.«
Ich verstand ihn gut und verließ den Laden. Am gleichen Tage zog ich mit meiner Schwester zu Rettich. Wir hatten kein Geld für eine Droschke und gingen zu Fuß; ich schleppte unsere Habseligkeiten auf dem Rücken; meine Schwester hatte zwar nichts in den Händen, aber sie atmete schwer, hustete und fragte immer wieder, ob wir noch nicht bald da wären.
XIX
Endlich kam ein Brief von Mascha.
»Mein lieber, guter M.A.,« schrieb sie mir, »mein guter, sanfter Engel, wie Sie der alte Maler nannte, leben Sie wohl, ich reise mit Papa nach Amerika zur Ausstellung. In wenigen Tagen werde ich den Ozean sehen – wie fern ist jetzt von mir unser Dubetschnja, es ist unheimlich, daran zu denken! Es ist so fern und unfaßbar wie der Himmel, und ich strebe nach der Freiheit, ich triumphiere, ich bin ganz verrückt, Sie sehen ja, wie unsinnig dieser Brief ist. Mein Lieber, mein Guter, geben Sie mir die Freiheit, zerreißen Sie schneller den Faden, der uns noch aneinander bindet. Daß ich Ihnen begegnet bin und Sie kennen gelernt habe, war ein himmlischer Strahl, der mein ganzes Sein erleuchtete; aber daß ich Ihre Frau wurde, das war ein Fehler, begreifen Sie das! Die Erkenntnis dieses Fehlers bedrückt mich schwer, und ich flehe Sie kniefällig an, mein großmütiger Freund, mir sehr bald, noch vor meiner Ozeanreise zu telegraphieren, daß Sie bereit sind, unseren gemeinsamen Fehler gutzumachen und diese einzige Last von meinen Flügeln zu nehmen. Mein Vater, der alle Scherereien auf sich nehmen will, hat mir versprochen, Sie nicht zu sehr mit den Formalitäten zu belästigen. Ich bin also ganz frei? Ja?
Seien Sie glücklich, Gott segne Sie, verzeihen Sie mir, Sünderin.
Ich lebe und bin gesund. Ich gebe viel Geld aus, mache viel Dummheiten und danke jeden Augenblick Gott, daß eine so schlechte Frau, wie ich, keine Kinder hat. Ich singe und habe Erfolg, aber das ist keine Laune, nein, das ist mein sicherer Hafen, meine Zelle, in der ich jetzt Ruhe finde. König David hat einen Ring gehabt mit der Inschrift: ›Alles vergeht‹. Wenn man traurig ist, machen einen diese Worte lustig, und wenn man lustig ist, stimmen sie traurig. Auch ich habe mir solch einen Ring mit hebräischer Inschrift angeschafft, und dieser Talisman wird mich vor Verirrungen schützen. Alles vergeht, auch das Leben wird vergehen, folglich braucht der Mensch nichts. Oder der Mensch braucht nur das Bewußtsein der Freiheit, denn wenn er frei ist, so braucht er nichts, gar nichts. Zerreißen Sie also den Faden. Ich umarme Sie und Ihre Schwester. Verzeihen Sie mir und vergessen Sie Ihre M.«
Meine Schwester lag in dem einen Zimmer, und Rettich, der wieder von seiner Krankheit genas, im anderen. Als ich diesen Brief bekam, ging meine Schwester leise zum Maler, setzte sich neben ihn und begann ihm vorzulesen. Sie las ihm täglich etwas von Ostrowskij oder Gogol vor, und er hörte ihr zu, auf einen Punkt starrend, ohne zu lachen, immerfort den Kopf schüttelnd und ab und zu vor sich hinmurmelnd:
»Alles ist möglich! Alles ist möglich!«
Wenn im Stück etwas Unschönes vorkam, so sagte er schadenfroh, mit dem Finger aufs Buch zeigend:
»Da ist die Lüge! Da sieht man, wozu die Lüge führt!«
Die Stücke fesselten ihn wie durch ihren Inhalt so auch durch die Moral und den kunstvollen Aufbau. Er bewunderte die Dichter, ohne sie je beim Namen zu nennen:
»Wie geschickt hat er das hingesetzt!«
Meine Schwester las diesmal nur eine Seite vor; mehr konnte sie nicht, denn ihre Stimme versagte. Rettich nahm sie bei der Hand, bewegte seine ausgetrockneten Lippen und sagte kaum hörbar mit heiserer Stimme:
»Die Seele des Gerechten ist weiß und glatt wie Kreide, und die Seele des Sünders ist wie Bimsstein. Die Seele des Gerechten ist wie heller Firnis, und die Seele des Sünders wie Gaspech. Man muß arbeiten, man muß leiden, man muß trauern,« fuhr er fort, »denn ein Mensch, der nicht arbeitet und nicht leidet, kommt nicht ins Himmelreich. Wehe, wehe den Satten, wehe den Mächtigen, wehe den Reichen, wehe den Wucherern! Sie werden das Himmelreich nicht schauen. Die Läuse fressen das Gras, der Rost – das Eisen …«
»Und die Lüge – die Seele,« ergänzte meine Schwester lachend.
Ich las den Brief noch einmal. In diesem Augenblick kam in die Küche ein Soldat, der uns zweimal in der Woche Tee, Semmeln und Rebhühner, die nach Parfüm rochen; brachte; wir wußten nicht, von wem. Ich hatte keine Arbeit und saß tagelang zu Hause; derjenige, der uns das alles schickte, wußte offenbar, daß wir Not litten.
Ich hörte, wie meine Schwester lustig lachend mit dem Soldaten sprach. Später aß sie im Liegen eine Semmel und sagte zu mir:
»Als du nicht länger in Stellung bleiben wolltest und Maler wurdest, wußten wir, Anjuta Blagowo und ich, schon gleich am Anfang, daß du recht hattest, aber wir scheuten uns, es laut auszusprechen. Sag' einmal, was ist es, was den Menschen abhält, seine Gedanken auszusprechen? Nimm zum Beispiel diese Anjuta Blagowo. Sie liebt dich, sie verehrt dich, sie weiß, daß du im Rechte bist; sie liebt auch mich wie eine Schwester und weiß, daß ich im Rechte bin; im innersten Herzen beneidet sie mich sogar, aber etwas hält sie davon ab, zu uns zu kommen; sie meidet uns, sie fürchtet uns.«
Meine Schwester faltete ihre Hände auf der Brust und sagte begeistert:
»Wenn du nur wüßtest, wie sehr sie dich liebt! Diese Liebe hat sie nur mir allein gestanden, und auch das nur im Dunkeln, ganz leise. Manchmal führte sie mich in eine dunkle Allee und flüsterte mir zu, wie teuer du ihr seist. Du wirst es sehen, sie wird niemals heiraten, weil sie dich liebt. Tut sie dir nicht leid?«
»Ja.«
»Sie hat uns auch diese Semmeln geschickt. Es ist wirklich lächerlich, warum verheimlicht sie es? Auch ich war lächerlich und dumm gewesen, nun bin ich von dort weggegangen und habe vor niemand mehr Angst. Ich denke und sage, was ich will und bin glücklich. Als ich noch zu Hause wohnte, hatte ich keine Ahnung von Glück, jetzt würde ich aber auch nicht mit einer Königin tauschen.«
Nun kam Doktor Blagowo. Er hatte sein Doktordiplom bekommen und ruhte jetzt in unserer Stadt bei seinem Vater aus. Er sagte, daß er bald wieder nach Petersburg gehen wolle, um sich mit den Schutzimpfungen gegen Typhus und, ich glaube, auch gegen die Cholera zu befassen; er wollte auch noch ins Ausland gehen, um sich zu vervollkommnen und später einen Lehrstuhl zu bekommen. Den Militärdienst hatte er aufgegeben und trug nun ein bequemes Cheviotjackett, weite Hosen und prachtvolle Krawatten. Meine Schwester war von seinen Krawattennadeln, Manschettenknöpfen und vom roten Seidentuch, das er aus Koketterie in der vorderen Rocktasche trug, entzückt. Einmal zählten wir aus Langweile alle seine Anzüge auf, die wir kannten, und es waren ihrer mindestens zehn. Es war klar, daß er meine Schwester immer noch liebte, aber er hatte kein einziges Mal, nicht einmal im Scherz gesagt, daß er sie nach Petersburg oder ins Ausland mitnehmen wolle, und ich konnte mir gar nicht vorstellen, was aus ihr, wenn sie am Leben bliebe, und was aus ihrem Kinde werden würde. Sie aber träumte ohne Ende und dachte nie ernsthaft an die Zukunft; sie sagte, er könne verreisen, wohin er wolle, er dürfe sie sogar verlassen, wenn er nur selbst glücklich sei; ihr aber genüge schon das, was gewesen.
Wenn er zu uns kam, untersuchte er sie sehr eingehend und verlangte, daß sie in seiner Gegenwart Milch mit irgendwelchen Tropfen trinke. Auch heute tat er es. Er untersuchte sie und zwang sie ein Glas Milch zu trinken, und dann roch es in unserem Zimmer nach Kreosol.
»Das ist vernünftig,« sagte er, ihr das Glas aus der Hand nehmend. »Du sollst nicht viel sprechen, du aber plauderst in der letzten Zeit wie eine Elster. Sei, bitte, still.«
Sie lachte. Dann ging er in das Zimmer Rettichs, bei dem ich saß, und klopfte mir freundlich auf die Schulter.
»Nun, wie geht's, Alter?« fragte er, sich über den Kranken beugend.
»Euer Hochwohlgeboren …« sagte Rettig, leise die Lippen bewegend: »Euer Hochwohlgeboren, ich erlaube mir zu bemerken … wir alle stehen in Gottes Hand, wir alle müssen sterben … Erlauben Sie, daß ich die Wahrheit sage … Euer Hochwohlgeboren, Sie werden nicht ins Himmelreich kommen!«
»Nun, was soll man machen,« scherzte der Doktor, »jemand muß doch auch in die Hölle kommen.«
Plötzlich trübte sich mein Bewußtsein. Es war mir, als sähe ich es im Traume: ich stehe in einer Winternacht auf dem Schlachthofe, und neben mir steht Prokofij, der entsetzlich nach Pfefferschnaps riecht. Ich nahm alle meine Kräfte zusammen und rieb mir die Augen, und sofort schien es mir wieder, als ginge ich zum Gouverneur, um mich mit ihm auseinanderzusetzen. Aehnliche Zustände habe ich weder früher noch später gehabt, und diese seltsamen, traumartigen Erinnerungen kamen wohl vor von der Ueberanstrengung meines Nervensystems. Ich durchlebte den frühen Morgen auf dem Schlachthofe und die Auseinandersetzung mit dem Gouverneur und hatte dabei das dunkle Gefühl, daß es nicht die Wirklichkeit war.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich, daß ich nicht mehr zu Hause war, sondern mit dem Doktor auf der Straße unter einer Laterne stand.
»Es ist traurig, traurig,« sagte er, während ihm die Tränen die Wangen herunterliefen. »Sie ist lustig und lacht und hofft, und doch ist ihre Lage hoffnungslos, mein Bester. Ihr Rettich haßt mich und will mir immer zu verstehen geben, daß ich schlecht gegen sie gehandelt habe. Er hat von seinem Standpunkt aus recht, aber ich habe auch meinen eigenen Standpunkt und bedauere in keiner Weise das, was geschehen ist. Wir alle müssen lieben, nicht wahr? Ohne Liebe gibt es kein Leben. Wer die Liebe fürchtet und flieht, der ist nicht frei.«
Allmählich kam er auf andere Themen zu sprechen und redete von der Wissenschaft und von seiner Dissertation, die in Petersburg gut gefallen habe; er sprach mit Begeisterung und dachte gar nicht mehr an meine Schwester, an seinen Kummer und an mich. Das Leben riß ihn mit. Sie hat ihr Amerika und den Ring mit der Inschrift, dachte ich mir, und er – seinen Doktortitel und die wissenschaftliche Karriere; nur ich und meine Schwester sind beim alten geblieben.
Nachdem ich mich von ihm verabschiedet, ging ich an die Laterne und las den Brief noch einmal durch. Es fiel mir so lebhaft ein, wie sie im Frühjahr eines Morgens zu mir auf die Mühle gekommen war und sich mit einem Schafpelz zugedeckt hatte – sie wollte einer einfachen Bäuerin gleichen. Ein anderes Mal, auch das war am frühen Morgen, als wir die Netze aus dem Wasser zogen, fielen auf uns von den Uferweiden große Regentropfen, und wir lachten so herzlich ....
In unserem Hause auf der Großen Adelsstraße war es dunkel. Ich kletterte über den Zaun, wie ich es in früheren Zeiten zu tun pflegte, und ging in die Küche, um mir mein Lämpchen zu holen. In der Küche war niemand; am Ofen summte der Samowar, der auf meinen Vater wartete. Wer mag ihm wohl jetzt den Tee einschenken? fragte ich mich. Ich nahm das Lämpchen, ging in die Hütte, machte mir aus den alten Zeitungen ein Lager zurecht und legte mich hin. Die Haken an den Wänden blickten ernst drein, und ihre Schatten bewegten sich. Es war kalt. Mir war es, als ob gleich meine Schwester kommen und mir das Abendbrot bringen würde, aber ich erinnerte mich, daß sie krank im Hause Rettichs lag, und es kam mir plötzlich sonderbar vor, daß ich über den Zaun geklettert war und hier in der ungeheizten Hütte lag. Mein Bewußtsein war getrübt, und allerlei Unsinn schwebte mir vor den Augen.
Nun klingelt es. Die Geräusche sind mir von Kindheit bekannt: zuerst raschelt der Draht an der Wand, dann ertönt in der Küche ein kurzes, klagendes Lauten. Der Vater ist aus dem Klub heimgekehrt. Ich stand auf und ging in die Küche. Als die Köchin Aksinja mich erblickte, schlug sie die Hände zusammen und fing zu weinen an.
»Liebes Kind!« sagte sie leise. »Mein Teurer! Ach Gott!«
In ihrer Aufregung begann sie an ihrer Schürze zu zerren. Auf der Fensterbank standen große Flaschen mit Beeren und Branntwein. Ich schenkte mir eine Teetasse voll ein und trank sie gierig aus, weil ich sehr durstig war. Aksinja hatte erst eben den Tisch und die Bänke gescheuert, und in der Küche roch es so, wie es in hellen, gemütlichen Küchen bei reinlichen Köchinnen zu riechen pflegt. Dieser Geruch und das Zirpen des Heimchens lockten uns in unseren Kindertagen nach der Küche und weckten in uns den Wunsch, Märchen zu hören und harmlose Kartenspiele zu spielen …
»Und wo ist Kleopatra?« fragte Aksinja leise, in großer Hast, den Atem zurückhaltend. »Und wo ist deine Mütze, Väterchen? Und deine Frau ist, wie man sagt, nach Petersburg verreist?«
Sie war schon bei meiner Mutter im Dienst gewesen und pflegte einst uns, mich und Kleopatra in einem Holztrog zu baden; auch jetzt noch betrachtete sie uns als Kinder, die sie zu erziehen hatte. In einer Viertelstunde hatte sie mir alle Erwägungen ausgekramt, die sie, seit wir uns nicht gesehen, in der Stille der Küche mit der Umsicht einer alten Magd aufgespeichert hatte. Sie sagte, daß man den Doktor zwingen könne, Kleopatra zu heiraten, – man müsse ihm nur ordentlich Angst machen und eine Bittschrift an den Bischof aufsetzen, damit er seine erste Ehe auflöse; dann wäre es gut, Dubetschnja hinter dem Rücken meiner Frau zu verkaufen und das Geld auf meinen Namen in die Bank zu tun; und wenn meine Schwester und ich unseren Vater kniefällig bitten wollten, so würde er uns vielleicht verzeihen; wir sollten auch eine Messe der Himmelskönigin lesen lassen ....
»Nun, geh doch, Väterchen, sprich mit ihm,« sagte sie, als man meinen Vater husten hörte. »Geh hin, sprich mit ihm und verbeuge dich vor ihm, der Kopf wird dir davon nicht abfallen.«
Ich ging. Der Vater saß schon am Tisch und zeichnete den Plan zu einer Villa mit gotischen Fenstern und einem dicken Turm, der wie ein Feuerwehrturm aussah, – es war furchtbar talentlos und trocken. Als ich in sein Zimmer trat, blieb ich so stehen, daß ich den Plan sehen konnte. Ich wußte nicht, weshalb ich zum Vater gekommen war, aber ich erinnere mich, daß ich beim Anblick seines mageren Gesichts, seines roten Halses und seines Schattens an der Wand ihm um den Hals fallen und mich vor ihm, wie mir Aksinja geraten, bis zum Boden verneigen wollte. Aber der Plan mit den gotischen Fenstern und dem dicken Turm hielt mich davon ab.
»Guten Abend,« sagte ich.
Er blickte mich an und senkte die Augen sofort wieder auf die Zeichnung.
»Was willst du?« fragte er nach einer Weile.
»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß meine Schwester schwer krank ist. Sie wird bald sterben,« fügte ich mit dumpfer Stimme hinzu.
»Was soll ich dazu sagen?« seufzte ter Vater. Dann nahm er die Brille ab und legte sie auf den Tisch. »Was man sät, das erntet man. Was man sät,« wiederholte er, vom Tische aufstehend, »das erntet man. Ich bitte dich, erinnere dich nur, wie du vor zwei Jahren zu mir kamst und wie ich dich hier auf dieser selben Stelle gebeten habe, deine Verirrungen zu bereuen, und zu dir von deiner Schuldigkeit, von der Ehre und von den Pflichten gegen deine Ahnen gesprochen habe, deren Traditionen wir heilig halten müssen. Hast du auf mich gehört? Du hast meine Ratschläge verachtet und hast an deinen falschen Anschauungen hartnäckig festgehalten; und noch mehr als das: du hast auch deine Schwester in deine Verirrungen hineingezogen und sie gezwungen, Moral und Scham aufzugeben. Nun geht es euch beiden schlecht. Was soll ich dazu sagen? Was man sät, das erntet man!«
Als er das sagte, ging er in seinem Zimmer auf und ab. Wahrscheinlich glaubte er, ich sei zu ihm gekommen, um meine Schuld zu bekennen; wahrscheinlich erwartete er, ich würde für mich und für meine Schwester bitten. Mich fröstelte, ich zitterte wie im Fieber, und ich sagte heiser mit großer Mühe:
»Auch ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, daß ich Sie an dieser selben Stelle angefleht habe, mich zu verstehen, sich in mich einzufühlen und zusammen mit mir die Frage zu untersuchen, wie und wofür wir leben sollen; als Antwort brachten Sie aber die Rede auf die Ahnen und auf den Großvater, der Verse geschrieben hat. Jetzt erzählt ich Ihnen, daß Ihre einzige Tochter sterben muß, und Sie reden wieder von Ahnen und Traditionen. Wie leichtsinnig ist das doch in Ihrem Alter, wo der Tod nicht mehr fern ist, wo Sie nur noch fünf, höchstens zehn Jahre zu leben haben!«
»Wozu bist du hergekommen?« fragte mein Vater streng. Er fühlte sich offenbar dadurch verletzt, daß ich ihm Leichtsinn vorgeworfen hatte.
»Ich weiß es nicht. Ich liebe Sie, es tut mir unaussprechlich leid, daß wir uns so fremd sind, – darum bin ich gekommen. Ich liebe Sie noch, aber meine Schwester hat sich von Ihnen endgültig losgerissen. Sie verzeiht nicht und wird es Ihnen nie verzeihen. Schon Ihr Namen allein weckt in ihr einen Ekel vor der Vergangenheit, vor dem Leben.«
»Und wer ist schuld?« schrie der Vater. »Du bist selbst schuld, du Taugenichts!«
»Gut, nehmen wir an, daß ich schuld bin,« sagte ich. »Ich bekenne es, ich bin an vielem schuld; warum ist aber Ihr Leben, das Sie auch uns aufdrängen wollen, so furchtbar langweilig, so geschmacklos, warum gibt es in allen den Häusern, die Sie in den dreißig Jahren erbaut haben, keinen Menschen, von dem ich lernen könnte, wie man leben soll, ohne Schuld auf sich zu laden? In der ganzen Stadt gibt es keinen einzigen ehrlichen Menschen! Alle Ihre Häuser sind verfluchte Nester, in denen die Mutter und die Töchter langsam hingemordet und die Kinder gequält werden … Meine arme Mutter!« fuhr ich verzweifelt fort. »Meine arme Schwester! Man muß sich ja mit Schnaps, Kartenspiel und Klatschereien betäuben, man muß heucheln und lügen oder jahrzehntelang Pläne zeichnen, um das Grauen nicht zu sehen, das in diesen Häusern wohnt. Unsere Stadt existiert schon seit Jahrhunderten und hat bisher dem Vaterlande noch keinen nützlichen Menschen geliefert, – keinen einzigen! Sie haben alles Lebensfähige, alles Originelle im Keime erstickt! Es ist eine Stadt der Krämer, der Schenker, der Kanzlisten, der Heuchler, eine unnütze, zwecklose Stadt, die keine Seele bedauern würde, wenn sie plötzlich in die Erde versänke.«
»Ich will dir nicht weiter zuhören, du Taugenichts!« sagte mein Vater und nahm ein Lineal vom Tisch. »Du bist betrunken. Unterstehe dich nicht, in solchem Zustande vor deinen Vater zu treten! Ich sage es dir zum letztenmal, und das sollst du auch deiner sittenlosen Schwester mitteilen, daß ihr von mir nichts bekommen werdet. Die widerspenstigen Kinde habe ich mir aus dem Herzen gerissen, und wenn sie unter ihrer Widerspenstigkeit leiden, so tun sie mir nicht leid. Du kannst gehen, woher du gekommen bist. Gott wollte mich durch euch strafen, und ich trage diese Prüfung in Demut und finde gleich Hiob Trost in meinen Leiden und in der Arbeit. Du darfst nicht über meine Schwelle treten, ehe du dich gebessert hast. Ich bin gerecht, alles, was ich sage, ist nützlich, und wenn du dir selbst Gutes willst, so mußt du dein Leben lang daran denken, was ich dir gesagt habe und jetzt sage.«
Ich winkte mit der Hand und ging hinaus. Was ich in der Nacht und am anderen Tage getrieben habe, weiß ich nicht mehr.
Man sagt, ich sei ohne Mütze, taumelnd und laut singend, durch die Straßen gelaufen, von Jungen verfolgt, die mir nachgeschrien hätten:
»Kleiner Nutzen! Kleiner Nutzen!«
XX
Wenn ich Lust hätte, mir einen Ring zu bestellen, so würde ich mir die Inschrift wählen: »Nichts vergeht«. Ich glaube, daß nichts spurlos vergeht und daß jeder kleinste Schritt eine Bedeutung für das gegenwärtige und für das zukünftige Leben hat.
Alles, was ich erlebt hatte, ging an mir nicht umsonst vorüber. Meine großen Leiden und meine Geduld haben die Herzen der Bürger gerührt und heute nennt mich niemand mehr »Kleiner Nutzen«, niemand lacht über mich, und, wenn ich durch den Markt gehe, begießt man mich nicht mehr mit Wasser. Alle haben sich schon daran gewöhnt, daß ich Arbeiter geworden bin und sehen nichts Merkwürdiges darin, daß ich, ein geborener Edelmann, Eimer mit Farbe herumschleppe und Scheiben einsetze; im Gegenteil, man gibt mir gerne Aufträge und hält mich für einen guten Meister und für den besten Unternehmer neben Rettich, der zwar gesund geworden ist und nach wie vor die Kirchenkuppeln ohne Gerüst anstreicht, aber nicht mehr die Kraft hat, mit seinen Gehilfen fertig zu werden; an seiner Stelle laufe ich jetzt auf der Suche nach Aufträgen herum, nehme Gesellen auf und entlasse sie wieder und leihe mir Geld gegen hohe Zinsen. Jetzt, wo ich selbst Unternehmer bin, kann ich es sehr gut begreifen, wie man wegen eines kleinen Auftrages drei Tage lang in der Stadt herumläuft, um Dachdecker zu suchen. Man behandelt mich höflich, sagt »Sie« zu mir und traktiert mich in den Häusern, wo ich arbeite, mit Tee oder läßt mich fragen, ob ich nicht zu Mittag mitessen möchte. Die Kinder und die jungen Mädchen kommen oft zu mir herein und schauen neugierig zu, wie ich arbeite.
Einmal arbeitete ich im Garten des Gouverneurs: ich mußte eine Laube anstreichen und marmorieren. Der Gouverneur kam auf seinem Spaziergange in die Laube und sprach mich aus Langweile an. Ich erinnerte ihn daran, wie er mich einst vorgeladen hatte. Er starrte mich eine Weile an, machte dann einen runden Mund und sagte:
»Ich erinnere mich nicht mehr!«
Ich bin alt geworden, bin schweigsam, ernst, streng, lache selten, und man sagt, daß ich Rettich ähnlich sähe und ebenso wie er meine Arbeiter mit nutzlosen Belehrungen langweile.
Maria Viktorowna, meine gewesene Frau, lebt im Auslande, und ihr Vater, der Ingenieur, baut irgendwo im Osten eine Eisenbahn und kauft dort Güter. Doktor Blagowo ist auch im Auslande. Dubetschnja gehört jetzt der Frau Tscheprakowa, die es vom Ingenieur mit zwanzig Prozent Nachlaß gekauft hat. Moïssej trägt bereits einen steifen Hut; er kommt oft in die Stadt in einem Rennwagen gefahren und hat irgendwelche Geschäfte auf der Bank. Man sagt, er hätte sich schon ein eigenes Gut gekauft und ziehe auf der Bank Erkundigungen wegen Dubetschnja ein, das er sich gleichfalls kaufen möchte. Der arme Iwan Tscheprakow trieb sich lange arbeitslos und versoffen in der Stadt herum. Ich versuchte, aus ihm einen Handwerker zu machen; eine Zeitlang strich er mit uns Dächer an, setzte Scheiben ein und stahl wie ein richtiger Maler Firnis, bettelte um Trinkgeld und soff. Die Arbeit machte ihm aber bald keinen Spaß mehr, und er kehrte nach Dubetschnja zurück; meine Arbeiter gestanden mir später, er hätte sie zu überreden versucht, nachts mit ihm zusammen den Moissej umzubringen unb die Generalin zu berauben.
Mein Vater ist sehr alt geworden. Er geht gebückt und spaziert abends in der Nähe seines Hauses. Ich besuchte ihn nicht.
Prokofy hat in der Cholerazeit die Kaufleute mit Pfefferschnaps und Teer behandelt und sich dafür bezahlen lassen. Ich erfuhr aus der Zeitung, daß er mit Rutenhieben bestraft wurde, weil er sich in seinem Fleischladen abfällig über die Aerzte geäußert hatte. Sein Nikolka ist an der Cholera gestorben. Karpowna ist noch am Leben und liebt und fürchtet ihren Prokofy nach wie vor. Sooft sie mich sieht, schüttelt sie traurig den Kopf und seufzt:
»Verloren ist dein Kopf!«
An Wochentagen bin ich vom Morgen bis zum Abend beschäftigt. An Feiertagen nehme ich aber bei schönem Wetter meine kleine Nichte (meine Schwester hatte einen Jungen erwartet, aber ein Mädchen bekommen) auf den Arm und gehe auf den Friedhof. Dort stehe oder sitze ich und blicke lange auf das mir teure Grab und sage der Kleinen, daß hier ihre Mama liegt.
Am Grabe treffe ich manchmal Anjuta Blagowo. Wir begrüßen uns und stehen stumm da, oder sprechen von Kleopatra, von ihrem Mädchen, und wie traurig dieses Leben sei. Wenn wir dann den Friedhof verlassen, verlangsamt sie absichtlich die Schritte, um möglichst lange mit mir zusammengehen zu können. Die Kleine ist vergnügt und glücklich, sie kneift die Aeuglein vor dem grellen Sonnenlichte zusammen und streckt lachend ihre Händchen nach ihr aus, und wir bleiben stehen und liebkosen das liebe Kind.
Wenn wir aber in die Stadt kommen, wird Anjuta aufgeregt und rot; sie verabschiedet sich von mir und setzt solid und streng ihren Weg allein fort … Und keiner von den Vorübergehenden wird ihr ansehen, daß sie soeben neben mir gegangen ist und sogar das Kind liebkost hat.
Das Ende des Komödianten
Übersetzt von Korfiz Holm
Der Heldenvater und Bonvivant Tschipzow, ein hochgewachsener, vierschrötiger Mann, der nicht nur wegen seines Bühnentalents, sondern auch seiner ungewöhnlichen physischen Kraft wegen berühmt war, hatte sich während der Vorstellung mit dem Direktor gezankt und mitten in der hitzigsten Schimpferei auf einmal gespürt, wie ihm in der Brust etwas zerrissen war. Gewöhnlich fing der Direktor am Schlusse jeder solchen erregten Auseinandersetzung hysterisch zu lachen an und fiel dann in Ohnmacht, heute aber hatte Tschipzow dieses Ende der Diskussion nicht abgewartet, sondern hatte gemacht, daß er heimkam. Der Zank und das Gefühl dieses Risses in der Brust hatten ihn so aufgeregt, daß er vergessen hatte, sich vor dem Verlassen des Theaters abzuschminken. Nur den Bart hatte er sich abgerissen.
In seinem Hotelzimmer ging Tschipzow lange auf und ab, aus einer Ecke in die andere, dann setzte er sich auf das Bett, stützte den Kopf in die Fäuste und verfiel in Gedanken. So saß er, ohne sich zu rühren oder einen Laut auszustoßen, bis zum folgenden Tag um zwei Uhr, wo der Komiker Sigajew zu ihm hereinkam.
»Du, Hanswurst Iwanowitsch, warum warst du nicht auf der Probe?« stürzte der Komiker auf ihn los, er atmete asthmatisch und verbreitete einen scharfen Branntweindunst im Zimmer. »Wo hast du gesteckt?«
Tschipzow antwortete nicht, sondern starrte den Komiker nur mit trüben, umschminkten Augen an.
»Wenn er sich nur die Fresse gewaschen hätte!« fuhr Sigajew fort: »Schäm dich! Vollgesoffen hat er sich, oder … bist du krank, was? Ja, warum sagst du denn nichts? Ich frag dich, ob du krank bist?«
Tschipzow schwieg. So verschmiert sein Gesicht auch war, als der Komiker näher zusah, konnte er nicht umhin, seine erschreckende Blässe, den kalten Schweiß und das Zittern seiner Lippen zu bemerken. Seine Arme und Beine zitterten ebenfalls, und der ganze kolossale Körper des riesigen Bonvivants schien gewissermaßen verknüllt, flach gedrückt. Der Komiker sah sich schnell im Zimmer um, aber er erblickte weder Gläser noch Flaschen, noch sonst welche verdächtigen Gefäße.
»Also, Mischutka, du bist krank!« sagte er aufgeregt. »Straf mich Gott, du bist krank! Du hast ja gar kein richtiges Gesicht!«
Tschipzow schwieg und sah niedergeschlagen zu Boden.
»Du mußt dich erkältet haben!« fuhr Sigajew fort und faßte seine Hand, »was für heiße Hände du hast! Was tut dir denn weh?«
»I–ich will nach Hau–Hause,« murmelte Tschipzow.
»Ja, bist du denn vielleicht nicht zu Hause?«
»Nein … Nach Wjasma …«
»O je, was du dir ausdenkst! Nach Wjasma kommst du in drei Jahren nicht … Was, zu Papa und Mama will er? Du lieber Gott, die sind dir längst verfault, nicht mal ihre Gräber wirst du finden können …«
»Es ist meine Hei–Heimat …«
»Na, na, werd' nur nicht so melancholisch. Das sind so psychopathische Gefühle, alter Freund, laß das … Werd' gesund, morgen mußt du im ›Knjas Serebjannyj‹ den Mitjka spielen. Es ist ja kein anderer da. Trink was Heißes und nimm Rizinusöl. Hast du Geld zu Rizinusöl? Oder wart' mal, ich laufe und hol' dir welches.«
Der Komiker suchte in seinen Taschen, fand fünfzehn Kopeken und lief in die Apotheke. Nach einer Viertelstunde kam er wieder.
»Na, trink!« sagte er und hielt dem Heldenvater das Fläschchen an den Mund: »Gleich aus der Buddel … Mit einem Ruck! So … Und jetzt iß mal eine Gewürznelke, damit dir von dem Dreck nicht übel wird.«
Der Komiker saß noch eine Zeitlang beim Kranken, dann küßte er ihn zärtlich und ging. Gegen Abend sprach der erste Liebhaber, Brahma-Glinskij, bei Tschipzow vor. Dieser talentvolle Künstler hatte Halbschuhe mit Tucheinsätzen an den Füßen, auf der linken Hand trug er einen Handschuh, er rauchte eine Zigarette und hatte sogar einen Heliotropduft an sich, sah aber nichtsdestoweniger sehr einem Reisenden ähnlich, der in ein Land verschlagen ist, wo es weder Badeanstalten, noch Waschfrauen, noch Schneider gibt …
»Du bist krank, hör' ich,« so wandte er sich an Tschipzow und drehte sich auf dem Absatz herum. »Was ist dir? Ja, zum Kuckuck, was ist dir?«
Tschipzow schwieg und rührte sich nicht.
»Warum sagst du nichts? Ist dir schwindlig im Kopf? Was? Na, schweig' meinetwegen, ich sage gar nichts … Schweig …«
Brahma-Glinskij (so heißt er auf dem Theater, in seinem Paß figuriert der Name Gußjkow) ging zum Fenster, steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute auf die Straße hinaus. Vor seinen Augen breitete sich ein großer freier Platz, von einem grauen Zaun umgeben, an dem sich ein ganzer Wald von vorjährigen Klettenstauden entlang zog. Hinter dem freien Platz sah man eine dunkle, verfallene Fabrik mit dicht vernagelten Fenstern. Um den Schornstein zog eine verspätete Dohle ihre Kreise. Ueber dies ganze langweilige, unbelebte Bild legte sich schon langsam die Abenddämmerung.
»Nach Hause will ich!« hörte der jugendliche Liebhaber.
»Wohin? Nach Hause?«
»Nach Wjasma … in meine Heimat… .«
»Bis Wjasma sind's fünfzehnhundert Werst… .« seufzte Brahma-Glinskij und trommelte auf den Scheiben. »Was willst du denn in Wjasma?«
»Dort möchte ich sterben… .«
»Aha, das fehlte grade! Was du dir ausdenkst! Zum erstenmal im Leben ist er krank, und gleich bildet er sich ein, jetzt ist der Tod da… . Nein, Freundchen, so einen Büffel wie dich kriegt keine Cholera klein. Hundert Jahre wirst du mindestens… . Was tut dir denn weh?«
»Weh tut mir nichts, aber ich fühl' es… .«
»Nichts fühlst du. Das ist alles nur überschüssige Gesundheit. Die Kräfte rumoren in dir. Du solltest dich tüchtig bekneipen, so saufen, weißt du, daß deine ganze Natur sich umdreht. Der Suff ist was wunderbar Erfrischendes… . Weißt du noch, wie du dich in Rostow am Don vollgenommen hattest? Herr, du mein Gott, ich denke mit Schrecken zurück! Das Fäßchen mit dem Branntwein konnten Sascha und ich zu zweit mit Mühe hereinschleppen, und du trankst es allein aus, und dann ließt du noch Rum holen… . Du warst so voll, daß du mit einem Sack Teufel fingst und eine Gaslaterne mit der Wurzel ausrissest. Weißt du noch? Und dann gingst du noch, Griechen verprügeln… .«
Unter dem Einfluß so angenehmer Erinnerungen hellte sich Tschipzows Gesicht ein wenig auf, und seine Augen fingen zu blitzen an.
»Aber weißt du noch, wie ich den Direktor Sawoitin durchgehauen habe?« murmelte er und hob den Kopf. »Aber das ist ja nicht der Rede wert! Dreiunddreißig Theaterdirektoren hab' ich in meinem Leben verhauen, und was so Leute zweiter Güte angeht, da weiß ich selbst nicht mehr, wieviel. Und was für Direktoren hab' ich gehauen! Kerle, wo der Wind Angst hatte, sie anzublasen! Zwei berühmte Schriftsteller hab' ich durchgehauen, und einen Kunstmaler!«
»Warum weinst du denn?«
»In Chersson hab' ich einen Gaul mit der bloßen Faust erschlagen. Und in Taganrog überfielen mich mal in der Nacht Strolche, fünfzehn Stück. Ich nahm ihnen einfach die Mützen weg, und sie liefen hinter mir her und baten: ›Gnädiger Herr, gib uns unsere Mützen wieder.‹ Ja, das haben wir alles mitgemacht.«
»Was weinst du denn, Schaf?«
»Aber jetzt: matsch … Ich fühl's. Nach Wjasma möcht ich!«
Es trat eine Pause ein. Nach einem kurzen Schweigen sprang Tschipzow plötzlich auf und griff nach seiner Mütze. Er sah verwirrt aus.
»Adieu! Ich fahr' nach Wjasma!« sagte er und taumelte.
»Und das Reisegeld?«
»Hm! … Ich geh' zu Fuß!«
»Du bist ja duselig …«
Sie sahen einander an, wahrscheinlich, weil in ihren Köpfen auf einmal derselbe Gedanke auftauchte … Der Gedanke an unübersehbare Felder, unendliche Wälder, Sümpfe.
»Du bist ja übergeschnappt, scheint's!« entschied der jugendliche Liebhaber. »Weißt du was, Freundchen … Jetzt leg dich vor allen Dingen hin, und dann trink Kognak mit Tee, das treibt den Schweiß heraus. Na, und dann Rizinusöl, selbstverständlich. Wart' mal, wo kriegen wir nur Kognak her?«
Brahma-Glinslij überlegte und beschloß, in den Laden der Frau Zitrinnikow zu gehen und bei ihr wegen des Kredits auf den Busch zu klopfen: vielleicht würde das Frauenzimmer Mitleid haben und ihn auf Borg hergeben! Der jugendliche Liebhaber ging und kehrte nach einer halben Stunde mit einer Flasche Kognak und Rizinusöl zurück. Tschipzow saß nach wie vor unbeweglich auf dem Bett, schwieg und starrte auf den Boden. Das Rizinusöl, das sein Kollege ihm anbot, trank er wie ein Automat, ohne daß es ihm zum Bewußtsein gekommen wäre. Wie ein Automat saß er hernach am Tisch und trank Tee mit Kognak. Mechanisch trank er die ganze Flasche leer und ließ sich von seinem Kollegen zu Bett bringen. Der jugendliche Liebhaber deckte ihn mit der Decke und seinem Mantel zu, empfahl ihm, tüchtig zu schwitzen, und ging.
Die Nacht kam. Tschipzow hatte eine ganze Menge Kognak getrunken, schlafen konnte er aber nicht. Er lag unbeweglich unter seinen Hüllen und schaute zur dunklen Decke hinauf. Dann erblickte er den Mond, der ins Fenster schien, und wandte die Augen von der Decke auf den Trabanten der Erde und lag so mit offenen Augen bis zum Morgen. Am Morgen, um neun, stürmte der Direktor Schukow herein.
»Wie, mein Engel, Sie sind nicht wohl?« gackerte er los und machte eine krause Nase. »Oh, oh! Kann man mit so einer Natur überhaupt unwohl sein? Ob, oh, schämen Sie sich! Und ich hab' mich erschreckt, müssen Sie wissen! Am Ende, hab' ich mir gedacht, hat unser Zwist ihn so mitgenommen? Teuerster, ich hoffe, daß ich es nicht war, der Sie krank gemacht hat! Sehen Sie, und Sie haben mir ja auch, gewissermaßen … Und außerdem geht's ohne das unter Kollegen mal überhaupt nicht ab. Sie haben mich ja auch geschimpft und … und sind mit den Fäusten auf mich los, aber ich, ich hab' Sie gern! Bei Gott, ich hab' Sie gern! Ich schätze Sie sehr und hab' Sie gern! Na, sagen Sie doch selbst, warum ich Sie so gern habe? Sie sind mit mir weder verwandt, noch verschwägert oder verheiratet, aber wie ich hörte, Sie wären unwohl, ist es mir durch und durch gegangen, wie ein Messer.«
Schukow erklärte ausführlich seine Zuneigung, dann küßte er ihn, und schließlich ging sein Gefühl ganz mit ihm durch, so daß er hysterisch zu lachen anfing und sogar beabsichtigte, in Ohnmacht zu fallen. Aber es fiel ihm wohl ein, daß er weder bei sich zu Hause noch im Theater war, und so verschob er die Ohnmacht auf eine passendere Gelegenheit und fuhr ab.
Bald nach ihm erschien der erste Held, Adabaschew, ein finsterer, halbblinder Mensch, der durch die Nase sprach … Er schaute Tschipzow lange an, dachte lange nach und machte dann plötzlich folgende Entdeckung:
»Weißt du was, Misa,« er sagte Misa statt Mischa und gab seinem Gesicht einen geheimnisvollen Ausdruck. »Weißt du was?! Du mußt Rizinusöl einnehmen!!«
Tschipzow schwieg. Er schwieg auch, als ihm der erste Held bald darauf das widerliche Oel in den Mund goß. Zwei Stunden nach Adabaschew trat der Theaterfriseur Jewlampij ins Zimmer, oder, wie ihn die Schauspieler, Gott weiß, weshalb, nannten: Rigoletto. Wie der erste Held schaute er Tschipzow lange an, dann seufzte er wie eine Lokomotive, und begann langsam und bedächtig das Bündel aufzuknoten, das er mitgebracht hatte. In dem Bündel befanden sich etwa zwei Dutzend Schröpfköpfe und einige Fläschchen.
»Hätten Sie mich doch rufen lassen, dann hätte ich Sie längst geschröpft!« sagte er zärtlich und entblößte Tschipzows Brust. »Man darf die Krankheit nicht einreißen lassen!«
Hierauf strich Rigoletto mit der flachen Hand über die breite Brust des Heldenvaters und besäte sie von oben bis unten mit blutsaugenden Schröpfköpfen.
»Ja,« sagte er, während er nach dieser Operation seine von Tschipzows Blute befleckten Instrumente wieder in das Bündel packte. »Hätten Sie nur nach mir geschickt, ich wäre schon gekommen … Wegen der Bezahlung brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen … Ich tu's aus Menschlichkeit … Wo sollen Sie's hernehmen, wenn dieses Ungeheuer keine Gagen zahlen will? Jetzt seien Sie so gut und nehmen Sie diese Tropfen. Sie schmecken sehr gut! Und jetzt trinken Sie, bitte, ein bißchen Oel. Das allerreinste Rizinusöl. So! Prost! Und jetzt, leben Sie wohl …«
Rigoletto nahm sein Bündel und entfernte sich, zufrieden mit dem Werk seiner Nächstenliebe.
Am Morgen des nächsten Tages kam der Komiker Sigajew zu Tschipzow und traf ihn im schrecklichsten Zustande. Er lag, mit seinem Paletot zugedeckt, atmete schwer und ließ seine irren Augen über die Decke schweifen. In den Händen knutschte er krampfhaft die zusammengeknüllte Bettdecke.
»Nach Wjasma!« flüsterte er, als er den Komiker erblickte: »Nach Wjasma!«
»Freundchen, ich muß wirklich sagen, das gefällt mir nicht,« sagte der Komiker, lebhaft mit den Händen gestikulierend, »sieh mal … sieh mal … sieh mal, Freundchen, das ist nicht gut! Entschuldige, aber … wahrhaftig, das ist sogar dumm …«
»Nach Wjasma will ich! Bei Gott, nach Wjasma!«
»Ich … Das hätte ich nicht von dir erwartet!« knurrte der Komiker ganz fassungslos. »Weiß der Teufel! Was hat dich so kaputt gemacht! Aeh … äh … äh … das ist nicht gut! Ein Riese, lang wie ein Leuchtturm, und heult. Kann ein Komödienspieler überhaupt weinen?«
»Keine Frau, keine Kinder,« murmelte Tschipzow, »wär' ich doch nie zum Theater gegangen, wär' ich in Wjasma geblieben! Das Leben ist hin, Ssemjon! Ach, ich möchte nach Wjasma!«
»Aeh … äh … äh … das ist nicht gut! Das ist sogar dumm … ja, es ist ekelhaft!«
Sigajew beruhigte sich dann, brachte Ordnung in seine Gefühle und begann Tschipzow zu trösten. Er log ihm vor, die Kollegen wollten ihn auf gemeinsame Kosten in die Krim schicken, und so weiter. Aber der andere hörte nicht zu und murmelte immer wieder was von Wjasma … Endlich machte der Komiker eine wegwerfende Handbewegung und fing selbst an, von Wjasma zu sprechen, um den Kranken zu beruhigen.
»Eine schöne Stadt!« begütigte er: »Eine herrliche Stadt, alter Freund! Berühmt durch ihre Pfefferkuchen. Die Pfefferkuchen sind klassisch, aber mit Respekt zu sagen – ich habe gewissermaßen – – – zu viel davon gegessen. Nachher war mir eine ganze Woche so gewissermaßen … Aber was da gut war, das war der Kaufmann. Das ist der Kaufmann aller Kaufleute. Wenn der einen freihält, hält er einen auch frei!«
Der Komiker sprach, und Tschipzow schwieg, lauschte ihm und nickte zustimmend mit dem Kopf.
Gegen Abend starb er.
Im Alter
Übersetzt von Wladimir Czumikow
Der Architekt Staatsrat Uselkow war in seine Vaterstadt gekommen, wohin man ihn zur Restaurierung der Friedhofskirche berufen hatte. In dieser Stadt war er geboren, hatte dort die Schule besucht und endlich sich verheiratet, aber als er aus dem Waggon gestiegen war, erkannte er die Stadt kaum. Alles hatte sich verändert… Vor achtzehn Jahren, als er nach Petersburg übersiedelte, da fingen z.B. auf dem Platz, wo jetzt der Bahnhof steht, die Knaben Hamster; jetzt erhebt sich an der Einfahrt zur Hauptstraße das »Grand-Hotel Vienne«, und früher stand an dieser Stelle ein häßlicher, grauer Zaun. Aber nichts, weder der Zaun noch die Häuser, hatte sich so verändert, als die Menschen. Eine Ausfrage des Hotelkellners belehrte ihn, daß die Hälfte der Menschen, die er gekannt hatte, gestorben, verarmt und vergessen war.
»Erinnerst du dich Uselkows?« fragte er den alten Kellner nach sich selbst. »Uselkows, des Architekten, der sich von seiner Frau scheiden ließ … Er hatte noch ein Haus in der Swirejebewstraße … Du erinnerst dich doch …«
»Nein …«
»Ach, wieso denn! Es war doch eine Geschichte, von der alle Droschkenkutscher sprachen. Denk' mal nach! Den Prozeß führte der Anwalt Schapkin, ein Spitzbube … ein bekannter Falschspieler, derselbe, der einmal im Klub durchgeprügelt wurde…«
»Iwan Nikolajewitsch?«
»Nun natürlich … Lebt er noch? Ist er tot?«
»Der Herr lebt gottlob noch … Ist jetzt Notar, hat ein Bureau … Führt ein schönes Leben … Zwei Häuser in der Kirpitschnajastraße … Hat kürzlich seine Tochter verheiratet …«
Uselkow ging einigemal im Zimmer auf und ab, überlegte sich's und beschloß aus Langweile, Schapkin aufzusuchen. Es war gegen Mittag, als er das Gasthaus verließ und seine Schritte in die Kirpitschnaja lenkte. Schapkin traf er am Bureau und erkannte ihn kaum. Aus einem schlanken, gewandten Anwalt, mit einer beweglichen, frechen, ewig betrunkenen Physiognomie, hatte Schapkin sich in einen bescheidenen, sllberhaarigen, gebrechlichen Greis verwandelt.
»Sie erkennen mich wohl nicht …« begann Uselkow. »Ich bin Ihr ehemaliger Klient, Uselkow …«
»Uselkow? Was für ein Uselkow? Ah!«
Schapkin erkannte ihn und war vor Freude ganz hin. Ausrufe, Fragen, Erinnerungen wechselten miteinander.
»Das hätt' ich nie erwartet! Nie geglaubt!« gackerte Schapkin. »Was soll ich Ihnen denn vorsetzen? Wünschen Sie Sekt? Austern vielleicht? Mein Bester, ich habe Ihnen seinerzeit viel Geld abgenommen, daß ich gar nicht weiß, womit ich Sie bewirten soll …«
»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,« sagte Uselkow »Ich habe Eile … Ich muß gleich auf den Friedhof fahren, um die Kirche in Augenschein zu nehmen … Ich habe einen Auftrag erhalten …«
»Vorzüglich. Wir frühstücken, trinken ein Schnäpschen und fahren dann zusammen! Ich habe vortreffliche Pferde! Ich werde Sie hinbringen und mit dem Vorsteher bekannt machen … Ich werde Ihnen schon alles einrichten … Aber was haben Sie denn, mein Lieber, es ist, als ob Sie mir aus dem Wege gingen, mich fürchteten? Setzen Sie sich doch näher! Jetzt braucht man nicht mehr zu fürchten … Hehe … Früher, da war ich wirklich ein fixer Junge, ein Teufelskerl … niemand durfte mir zu nahe treten … Jetzt aber … jetzt bin ich ein stiller Mann; bin alt geworden, hab' Familie, Kinder … Zum Sterben ist's auch bald Zeit!«
Nachdem die Freunde gefrühstückt hatten, fuhren sie im zweispännigen Schlitten hinaus auf den Friedhof.
»Ja, das war damals eine Zeit!« frischte Schapkin, sich zurecht setzend, seine Erinnerungen auf. »Man glaubt's kaum, wenn man drandenkt. Erinnern Sie sich noch, wie Sie sich von Ihrer Frau Gemahlin scheiden ließen? Es sind jetzt schon fast zwanzig Jahre her, und Sie haben wohl alles vergessen, ich weiß aber noch das Kleinste so genau, als hätte ich Sie gestern geschieden … Herr, du mein Gott, was hab' ich mir damals das Blut verdorben! Ein gewandter Kerl war ich, ein Kasuist, wie ein Haken, ein verzweifeltes Subjekt… Ich guckte mir die Augen aus nach irgend so einem verzwickten Prozeß, besonders wo es ein gutes Honorar gab, wie z.B. in Ihrer Sache … Was zahlten Sie mir doch damals? Fünf- bis sechstausend! Wie soll man sich da schonen? Sie fuhren damals nach Petersburg und überließen mir die ganze Sache: mach' wie du's weißt. Ihre selige Frau Gemahlin aber, Ssofja Michailowna, war, wenn auch aus einer Kaufmannsfamilie, doch stolz und voll Selbstbewußtsein. Sie zu bestechen, daß sie die Schuld auf sich nahm, war schwer … furchtbar schwer! Manchmal, wenn ich zu ihr zur Besprechung hinging, schrie sie, wenn sie mich erblickte, zur Kammerjunker:›Mascha, ich habe dir doch befohlen, diesen Schuft nicht zu empfangen!‹ Ich versuchte es so und so, auf jede Weise … schrieb ihr Briefe, suchte sie wie zufällig zu treffen – alles vergeblich! Es war nicht anders möglich, als durch eine dritte Person zu unterhandeln … Lange habe ich mich mit ihr herumgeplagt, und nur als Sie sich bereit erklärten, ihr zehntausend Rubel zu geben, ergab sie sich … Zehntausend – da konnte sie nicht widerstehen . .. Sie brach in Tränen aus, spuckte mir ins Gesicht, aber ging doch darauf ein und nahm die Schuld auf sich!«
»Sie bekam, glaub' ich, von mir nicht zehn, sondern fünfzehntausend!« murmelte Uselkow.
»Ja, ja … fünfzehn, ich hab' mich versprochen!« antwortete Schapkin verwirrt. »Uebrigens ist es ja vorjähriger Schnee, was soll man da die Sünde hehlen. Ihr gab ich zehntausend und die übrigen fünf grapste ich mir … Sie beide hab' ich betrogen … 's ist ja verjährt, was braucht man sich da zu schämen … Und von wem sollte ich schließlich denn auch nehmen, Boris Petrowitsch, wenn nicht von Ihnen, urteilen Sie selbst! … Sie waren ein reicher, satter Mensch … Vor Sättigkeit heirateten Sie, vor Sättigkeit ließen Sie sich scheiden … Ihre Einnahmen waren ja kolossal … Ich erinnere mich, bei einem Unternehmen steckten Sie zwanzigtausend ein … Von wem sollte man es also nehmen, wenn nicht von Ihnen? Aufrichtig gesagt, quälte einen auch der Neid … Kriegten Sie mal einen fetten Bissen, so gab's hernach Ehren und Hochachtung, mich aber prügelte man für ein paar Rubel und gab mir im Klub Ohrfeigen … Was soll man es übrigens auffrischen! Es wird Zeit, das zu vergessen …«
»Sagen Sie, bitte, wie lebte denn Ssofja Michailowna hernach?«
»Mit den zehntausend? Schwachissime … Gott weiß, ob sie toll wurde, oder ob sie der Stolz und das Gewissen zu quälen begannen, daß sie sich für das Geld verkauft hatte, oder ob sie Sie geliebt hat – aber sie fing an zu trinken … Kaum hatte sie das Geld erhalten, als sie auf Troikas mit Offizieren herumzufahren begann … Trinkgelage, Orgien, Liederlichkeit … Und wenn sie so mit den Offizieren im Restaurant saß, trank sie nicht etwa was Leichtes, wie Portwein oder so, sondern Kognak, daß es gleich brannte und berauschte.«
»Ja, sie war sehr exzentrisch … Ich habe daran genug zu leiden gehabt … Wenn sie sich mal gekränkt fühlte und mit ihren Nerven anfing … Und was wurde denn dann?«
»Es verging eine Woche, die andere … Ich saß zu Hause und schrieb gerade etwas … Plötzlich öffnete sich die Tür und herein kommt sie … betrunken … ›Nehmen Sie‹, sagt sie, ›Ihr verruchtes Geld zurück!‹ und wirft mir damit das Päckchen ins Gesicht. Konnte es also nicht aushalten! Ich nahm das Geld auf, zählte es … Fünfhundert fehlten … Mehr als das hatte sie noch nicht durchbringen können …«
»Was taten Sie denn mit dem Gelde?«
»Na, 's ist ja verjährt … was braucht man's zu verheimlichen … Natürlich behielt ich's! Was sehen Sie mich so an? Warten Sie was weiter kommt … Ein ganzer Roman, Psychiatrie! So ungefähr zwei Monate später komm' ich mal nachts nach Hause, betrunken, scheußlich … Ich zünde das Licht an und sehe, bei mir auf dem Sofa sitzt Ssofja Michailowna, auch betrunken, zerzaust, wild, wie aus dem Irrenhaus entsprungen … ›Geben Sie‹, sagt sie, ›mir mein Geld zurück, ich hab' mich bedacht. Soll man schon sinken, dann wenigstens mit Wucht, wenn schon, denn schon! Rühren Sie sich, Sie Schuft, das Geld her!‹ Schrecklich!«
»Und Sie … gaben es?« »Ja, zehn Rubel glaub' ich …«
»Ah, wie kann man nur?« rief voll Entsetzen und Ekel Uselkow. – »Wenn Sie selbst nicht konnten oder wollten, hätten Sie doch wenigstens mir geschrieben … Und ich hab' es nicht gewußt? Ah, nicht gewußt!«
»Ja, mein Lieber, zu was sollte ich Ihnen denn schreiben, wenn sie Ihnen selbst schrieb, später, als sie im Hospital lag?«
»Uebrigens war ich damals so sehr mit meiner neuen Ehe beschäftigt, so berauscht, hatte was anderes als Briefe im Kopf … Aber Sie, ein fremder Mensch, konnten Ssofja gegenüber keine Antipathie empfinden … warum reichten Sie ihr nicht die Hand?«
»Mit der jetzigen Elle dürfen wir nicht messen, Boris Petrowitsch … Jetzt denken wir so, und damals dachten wir ganz anders … Jetzt hätte ich ihr vielleicht tausend Rubel gegeben, damals gab ich aber auch die zehn … nicht umsonst … Eine häßliche Geschichte … Man muß sie vergessen … Da sind wir ja schon …«
Der Schlitten hielt am Friedhofstor. Uselkow und Schapkin stiegen aus, gingen durchs Tor hinein und schritten eine lange breite Allee entlang … Die nackten Akazien und Kirschenbäume, die grauen Kreuze und Grabsteine glänzten in silbernen Reifgewand. Aus jeder Schneeflocke strahlte ihnen der sonnige Tag entgegen … Es duftete wie auf allen russischen Kirchhöfen: nach Weihrauch und frischgegrabener Erde…
»Einen netten Friedhof haben wir!« sagte Ufelkow. »Wie ein Garten!«
»Ja, nur schade, daß die Diebe die Grabdenkmäler wegstehlen … Sehen Sie dort unter jenem Eisenkranz, rechts ist Ssofja Michailowna beerdigt! Wollen Sie hingehen?«
Die Freunde bogen rechts ein und schritten durch den tiefen Schnee auf das Grabmal zu.
»Hier …« sagte Schapkin, einen kleinen Leichenstein aus weißem Marmor bezeichnend … »Irgendein Fähnrich hat ihn auf ihr Grab gesetzt …«
Uselkow nahm langsam seine Mütze ab und zeigte der Sonne seine Glatze. Ihm nach nahm auch Schapkin die Mütze ab, und eine zweite Glatze erglänzte in der Sonne. Ringsum eine Grabesstille, als wäre auch die Luft tot … Die Freunde starrten das Denkmal an und schwiegen, in Gedanken versunken.
»Ja,« unterbrach Schapkin das Schweigen, »so schläft sie nun, – und was kümmert's Sie jetzt, daß sie die Schuld auf sich genommen hat und Kognak getrunken hat. Gestehen Sie, Boris Petrowitsch!«
»Was denn?« fragte finster Uselkow.
»Das … wie schlimm auch die Vergangenheit ist, ist sie immer besser, als dieses hier …«
Und Schapkin wies auf sein Greisenhaar.
»Früher, wer dachte da an die Todesstunde? Vor nichts hatte man Angst – vor dem Tode am wenigsten … Und jetzt … na, lassen wir's!«
Uselkow wurde traurig. Er wollte weinen, so leidenschaftlich, wie er einst lieben wollte … Und er fühlte, daß für ihn das Weinen gut und erfrischend gewesen wäre … Die Augen waren ihm feucht, und im Halse zog es sich schon zusammen, aber … nebenan stand Schapkin, und Uselkow schämte sich, einen Zeugen seiner Kleinmütigkeit zu haben. Er kehrte sich hastig um und schritt auf die Kirche zu.
Erst zwei Stunden später, nachdem er mit dem Vorsteher sich auseinandergesetzt hatte, benutzte er die Gelegenheit, daß Schapkin sich in ein Gesprach mit dem Geistlichen vertiefte, und lief hin, um zu weinen… . Er stahl sich heimlich wie ein Dieb, immerfort umsehend, an das Grabmal heran. Melancholisch und trübe blickte auf ihn der kleine, weiße Leichenstein, und so unschuldsvoll, als wenn unter ihm ein kleines Mädchen und nicht eine liederliche, geschiedene Frau begraben wäre… .
– Nur weinen, weinen! dachte Uselkow.
Aber der Moment dazu war verschwunden. Wie auch der Alte mit den Augen zwinkerte, wie sehr er sich auch auf Moll zu stimmen suchte, aber die Tränen wollten nicht rinnen, und die Kehle schnürte sich nicht mehr zusammen… . Nachdem Uselkow ungefähr zehn Minuten so dagestanden hatte, raffte er sich auf und ging, um Schapkin aufzusuchen.
Der Typhus
Übersetzt von Alexander Eliasberg
Im Raucherabteil des Personenzuges, der aus Petersburg nach Moskau ging, saß der junge Oberleutnant Klimow. Sein Gegenüber war ein älterer Herr mit glattrasiertem Seemannsgesicht, wohl ein vermögender Finne oder Schwede, der während der ganzen Fahrt an seiner Pfeife sog und immer über das gleiche Thema sprach:
»Ha, Sie sind Offizier! Auch mein Bruder ist Offizier, aber bei der Marine… . Er ist Seeoffizier und dient in Kronstadt. Wozu reisen Sie nach Moskau?«
»Ich diene in Moskau.«
»Ha! Haben Sie Familie?«
»Nein, ich wohne mit meiner Schwester und meiner Tante.«
»Auch mein Bruder ist Offizier, Seeoffizier, aber er ist verheiratet, er hat eine Frau und drei Kinder. Ha!«
Der Finne staunte über etwas, grinste idiotisch, so oft er sein »Ha!« ausstieß, und blies jeden Augenblick seine übelriechende Pfeife aus. Klimow, der sich unwohl fühlte und dem es schwer fiel, alle die Fragen zu beantworten, haßte ihn mit ganzer Seele. Er dachte sich, wie gut es wäre, wenn man ihm die Pfeife aus der Hand reißen und unter die Bank werfen, und ihn selbst in ein anderes Abteil verjagen könnte.
– Ein ekelhaftes Volk sind diese Finnen und … auch die Griechen, dachte er sich. – Ein ganz überflüssiges, ekelbaftes Volk, das kein Mensch braucht. Sie nehmen nur umsonst Platz auf dem Erdballe ein. Wozu sind sie überhaupt da? –
Dcr Gedanke an die Finnen und Griechen erregte in seinem ganzen Körper eine Art Uebelkeit. Vergleichshalber wollte er nun an die Franzosen und Italiener denken, aber der Gedanke an diese Völker weckte in ihm nur die Vorstellung von Leierkastenmännern, nackten Weibern und den ausländischen Oeldrucken, wie sie seine Tante über der Kommode hängen hatte.
Der Offizier fühlte sich überhaupt nicht ganz normal. Seine Arme und Beine konnten auf dem Sofa nicht richtig Platz finden, obwohl es ihm ganz zur Verfügung stand; er hatte ein trockenes und klebriges Gefühl im Munde, und der Kopf war ihm mit einem schweren Nebel gefüllt; seine Gedanken regten sich, wie es ihm schien, nicht nur im Schädel, sondern auch außerhalb des Schädels, zwischen den Sofas und den in nächtliches Dunkel gehüllten Menschen. Durch den Nebel hindurch hörte er wie im Traum das Murmeln der Stimmen, das Klopfen der Räder und das Zuschlagen der Türen. Die Glockenzeichen, die Pfiffe der Schaffner, das Herumrennen des Publikums auf den Bahnsteigen waren viel öfter zu hören als gewöhnlich. Die Zeit flog schnell und unmerklich dahin, und darum schien es ihm, daß der Zug jede Minute an einer Station hielt, und jeden Augenblick hörte er die metallischen Stimmen:
»Ist die Post fertig?«
»Fertig!«
Es kam ihm vor, als ob der Heizer viel zu oft in den Wagen käme und auf das Thermometer schaue, als ob das Brausen der entgegenkommenden Züge und das Dröhnen der Räder auf den Brücken ununterbrochen zu hören wären. Der Lärm, die Pfiffe, der Finne, der Tabakrauch – alles vermischte sich mit den Drohungen und dem Winken nebliger Gestalten, auf deren Form und Charakter ein gesunder Mensch sich nicht besinnen kann, und lastete auf Klimow wie ein unerträglicher Alp. Von entsetzlichem Unlustgefühl bedrückt, hob er zuweilen den schweren Kopf, sah nach einer Laterne, in deren Lichte Schatten und Nebelflecke tanzten, und wollte um Wasser bitten, aber seine ausgetrocknete Zunge bewegte sich kaum, und er hatte fast nicht die Kraft, die Fragen des Finnen zu beantworten. Er versuchte, sich bequem auszustrecken und einzuschlafen, aber das gelang ihm nicht; der Finne schlief ein, erwachte, setzte seine Pfeife in Brand, wandte sich an ihn mit seinem »Ha!« und schlief wieder ein, und das wiederholte sich einigemal, aber die Beine des Oberleutnants konnten noch immer nicht Platz auf dem Sofa finden, und die drohenden Gestalten standen immer vor seinen Augen.
In Spirowo ging er ins Stationsgebäude, um Wasser zu trinken. Er sah hier Leute am Tische sitzen und mit großer Eile essen.
– Wie können sie nur essen! dachte er sich und gab sich Mühe, die Luft, die nach gebratenem Fleische roch, nicht einzuatmen und die kauenden Münder nicht zu sehen: beides erschien ihm ekelerregend.
Eine hübsche Dame unterhielt sich laut mit einem Offizier in roter Mütze und zeigte beim Lächeln herrliche weiße Zähne; das Lächeln, die Zähne und die Dame selbst erregten in Klimow den gleichen Ekel wie der Schinken und die Kotelette. Er konnte nicht begreifen, wie der Offizier in roter Mütze den Mut hatte, an ihrer Seite zu sitzen und ihr blühendes, lächelndes Gesicht anzuschauen.
Er trank etwas Wasser, und als er in sein Abteil zurückkehrte, war der Finne wieder wach und rauchte. Seine Pfeife gab heisere, schluchzende Töne von sich wie ein durchlöcherter Gummischuh bei nassem Wetter.
»Ha!« rief er erstaunt. »Was ist das für eine Station?«
»Ich weiß nicht,« antwortete Kliwow. Er legte sich hin und schloß den Mund, um den beißenden Tabakrauch nicht atmen zu müssen.
»Und wann kommen wir nach Twer?«
»Ich weiß nicht. Entschuldigen Sie, ich … ich kann Ihnen keine Antwort geben. Ich bin krank, ich habe mich erkältet.«
Der Finne klopfte seine Pfeife am Fensterrahmen aus und begann von seinem Bruder, dem Seeoffizier zu erzählen. Klimow hörte ihm nicht mehr zu und dachte mit Sehnsucht an sein weiches, bequemes Bett, an die Karaffe mit kaltem Wasser und an seine Schwester Katja, die es so gut versteht, ihn zu Bett zu bringen, zu beruhigen und ihm Wasser zu reichen. Er lächelte sogar, als er in Gedanken seinen Burschen Pawel sah, wie er ihm die schweren, drückenden Stiefel auszog und ein Glas Wasser auf das Nachttischchen stellte. Er glaubte, daß, wenn er sich bloß in sein Bett legen und etwas Wasser trinken könnte, der Alp einem tiefen, gesunden Schlafe Platz machen würde.
»Ist die Post fertig?« fragte draußen eine dumpfe Stimme.
»Fertig!« antwortete eine Baßstimme dicht vor dem Fenster.
Das war schon die zweite oder dritte Station nach Spirowo.
Die Zeit flog schnell, ruckweise dahin, und es war ihm, als ob die Glockenzeichen, Pfiffe und Haltestellen niemals aufhören würden. Klimow drückte das Gesicht voller Verzweiflung in eine Sofaecke, umfaßte den Kopf mit beiden Händen und begann wieder an seine Schwester Katja und den Burschen Pawel zu denken; aber die Schwester und der Bursche vermischten sich mit den Nebelbildern und verschwanden. Sein heißer Atem wurde von der Sofalehne zurückgeworfen und versengte ihm das Gesicht, seine Beine lagen unbequem, aus dem Fenster zog es ihm in den Rücken, aber wie qualvoll seine Lage auch war, wollte er sie doch nicht mehr wechseln… . Eine schwere, unheimliche Faulheit bemächtigte sich seiner und fesselte seine Glieder.
Als er sich entschloß, den Kopf zu heben, war es im Wagen schon ganz hell. Die Passagiere zogen ihre Pelzmäntel an und bewegten sich hin und her. Der Zug hielt. Träger mit weißen Schürzen und Blechnummern an der Brust machten sich überall zu schaffen und griffen nach dem Gepäck. Klimow zog seinen Mantel an und ging mechanisch mit den anderen aus dem Wagen. Es schien ihm, als ob es gar nicht er sei, der da ging, sondern jemand anderer, Fremder, und er fühlte, daß zugleich mit ihm auch sein Fieber, sein Durst und die drohenden Gestalten, die ihn die ganze Nacht nicht hatten einschlafen lassen, aus dem Wagen gestiegen waren. Er holte mechanisch sein Gepäck und nahm sich eine Droschke. Der Droschkenkutscher verlangte von ihm in der Powarskajastraße einen Rubel fünfundzwanzig, er aber feilschte nicht und setzte sich gehorsam in den Schlitten. Den Unterschied zwischen den Zahlen verstand er noch, aber das Geld hatte für ihn gar keinen Wert mehr.
Zu Hause empfingen ihn die Tante und seine Schwester Katja, ein achtzehnjähriges junges Mädchen. Katja hielt bei der Begrüßung ein Heft und einen Bleistift in der Hand, und er erinnerte sich, daß sie sich zum Lehrerinnenexamen vorbereitete. Ohne die Fragen und Begrüßungen zu beantworten, ging er planlos durch alle Zimmer, dann zu seinem Bett und fiel mit dem Kopf in die Kissen. Der Finne, die rote Mütze, die Dame mit den weißen Zähnen, der Bratengeruch und die verschwimmenden Flecken füllten auf einmal sein ganzes Bewußtsein, und er wußte nicht mehr, wo er war, und hörte nicht die besorgten Stimmen.
Als er zu sich kam, sah er sich entkleidet in seinem Bette liegen, sah die Wasserkaraffe auf seinem Nachttisch und den Burschen Pawel, aber davon wurde es ihm weder kühler, noch weicher, noch bequemer. Beine und Arme wollten noch immer nicht richtig liegen, die Zunge klebte am Gaumen, und er hörte das Schmatzen der Pfeife… . Am Bette machte sich, den Burschen Pawel mit seinem breiten Rücken stoßend, der dicke, schwarzbärtige Hausarzt zu schaffen.
»Keine Sorge, junger Mann!« murmelte er. »Sehr schön, sehr schön… . So, so… .«
Der Arzt nannte Klimow einen jungen Mann, und sagte immer: so, so, und: ja, ja… .
»Ja, ja, ja,« schüttelte er nur so hin. »So, so… . Sehr schön, junger Mann… . Nur nicht den Mut verlieren!«
Das schnelle, unhöfliche Gerede des Doktors, sein sattes Gesicht und die herablassende Anrede »junger Mann« brachten Klimow außer sich.
»Warum nennen Sie mich junger Mann?« stöhnte er. »Was für eine plumpe Vertraulichkeit? Zum Teufel!«
Und er erschrak vor seiner eigenen Stimme. So trocken, schwach und singend war diese Stimme, daß er sie gar nicht wiedererkannte.
»Sehr gut, herrlich,« murmelte der Arzt, der sich gar nicht verletzt zu fühlen schien. »Nur keine Aufregung… . Ja, ja… .«
Auch zu Hause flog die Zeit ebenso schnell dahin wie in der Eisenbahn… . Das Tageslicht wechselte in seinem Schlafzimmer jeden Augenblick mit der Abenddämmerung ab. Der Arzt schien von seinem Bette gar nicht wegzugehen, und er hörte jeden Augenblick sein »Ja, ja«. Ein langer Reigen verschiedener Menschen zog an seinem Bette vorbei. Er erkannte den Burschen Pawel, den Finnen, den Feldwebel Marimenko, den Offizier mit der roten Mütze, die Dame mit den weißen Zähnen und den Arzt. Sie alle sprachen, fuchtelten mit den Händen, rauchten und aßen. Einmal erblickte er sogar bei Tageslicht seinen Regimentsgeistlichen P. Alexander, der in vollem Ornat mit dem Brevier in der Hand vor seinem Bette stand, etwas murmelte und dabei ein so ernstes Gesicht machte, wie es Klimow bei ihm noch niemals gesehen hatte. Dem Oberleutnant fiel es ein, daß P. Alexander alle Offiziere katholischer Konfession in freundschaftlichem Verkehr »Pollaken« zu nenen pflegte; um ihn zum Lachen zu bringen, sagte er ihm jetzt:
»Hochwürden, der Pollake Jaroschewitsch ist zu den Aufständischen entlaufen!«
Aber P. Alexander, der sonst lustig und zum Lachen aufgelegt war, lachte jetzt nicht, sondern wurde noch ernster und bekreuzigte Klimow. Während der Nacht erschienen jeden Augenblick zwei Schatten vor seinem Bette. Es waren die Tante und die Schwester. Der Schatten der Schwester kniete nieder und betete: sie verneigte sich vor dem Heiligenbilde, und auch ihr grauer Schatten an der Wand verneigte sich, so daß zwei Schatten zu Gott beteten. Es roch die ganze Zeit nach Braten und nach der Pfeife des Finnen, aber einmal spürte Klimow auch den ausgesprochenen Geruch von Weihrauch. Es wurde ihm davon übel, und er schrie:
»Weihrauch! Fort mit dem Weihrauch!«
Er bekam keine Antwort. Er hörte nur leisen Priestergesang und wie jemand die Treppe auf und ab lief.
Als Klimow wieder zu sich kam, war im Schlafzimmer keine Seele. Die Morgensonne leuchtete durch den Vorhang herein, und ein wie eine Klinge feiner und graziöser zitternder Strahl spielte auf der Karaffe. Draußen dröhnten Wagenräder, also gab es keinen Schnee mehr. Der Oberleutnant betrachtete den Sonnenstrahl, die ihm wohlbekannten Möbel, die Türe und lachte plötzlich auf. Seine Brust und sein ganzer Leib zitterten vor süßem, seligem, kitzelndem Lachen. Seines ganzen Wesens vom Kopf bis zu den Füßen bemächtigte sich das Gefühl eines grenzenlosen Glückes und einer Lebensfreude, wie sie wohl der erste Mensch empfand, als er eben erschaffen war und zum ersten Mal die Welt sah. Klimow verlangte es leidenschaftlich nach Bewegung, nach Menschen, nach Stimmen. Sein Körper lag wie eine unbewegliche Masse da, nur seine Hände allein bewegten sich, aber er merkte es kaum und lenkte seine ganze Aufmerksamkeit auf allerlei Kleinigkeiten. Er freute sich über seinen Atem, über sein Lachen, er freute sich, daß es die Karaffe, die Zimmerdecke, den, Sonnenstrahl und das Band am Fenstervorhang gab. Die Welt Gottes erschien ihm selbst in einem so engen Raume wie sein Schlafzimmer herrlich, reich und groß. Als der Doktor kam, dachte sich der Oberleutnant, was für ein herrliches Ding die Medizin sei, wie lieb und sympathisch der Arzt, und wie gut und interessant alle Menschen wären.
»Ja, ja, ja,« sagte der Doktor. »Herrlich, herrlich. Nun sind wir gesund… . So, so!«
Der Oberleutnant hörte ihm zu und lachte vor Freude. Er erinnerte sich an den Finnen, an den Schinken und an die Dame mit den weißen Zähnen, und spürte plötzlich Lust zu essen und zu rauchen.
»Herr Doktor,« sagte er, »lassen Sie mir doch ein Stück Schwarzbrot mit Salz geben und … und Sardinen.«
Der Arzt verweigerte es ihm, Pawel hörte nicht auf den Befehl seines Herrn und brachte kein Brot. Der Oberleutnant konnte das nicht ertragen und fing wie ein verzogenes Kind zu weinen an.
»Kleinchen!« rief der Arzt lachend. »Mama! Eia popeia!«
Auch Klimow lachte und schlief, als der Arzt gegangen war, sofort ein. Er erwachte mit dem gleichen Gefühl von Freude und Seligkeit. An seinem Bette saß die Tante.
»Ach so, die Tante!« rief er erfreut. »Was hab ich gehabt?«
»Flecktyphus.«
»So, so. Jetzt ist mir aber so wohl, so wohl! Wo ist Katja?«
»Sie ist nicht zu Hause. Ist wohl nach dem Examen irgendwo hingegangen.«
Als die Alte das sagte, beugte sie sich über ihren Strickstrumpf; ihre Lippen zitterten, sie wandte sich weg und fing plötzlich zu schluchzen an. In ihrer Verzweiflung dachte sie nicht mehr an das Verbot des Arztes und sagte:
»Ach, Katja, Katja! Unser Engel ist nicht mehr! …«
Sie ließ den Strumpf fallen, und als sie sich nach ihm beugte, rutschte ihr die Haube vom Kopf. Klimow blickte verständnislos ihren grauen Kopf an und fragte erschrocken:
»Wo ist sie denn? Tante!«
Die Alte, die nicht mehr an Klimow, sondern nur noch an ihren Schmerz dachte, sagte:
»Sie hat sich bei dir den Typhus geholt und … und ist gestorben. Vorgestern hat man sie beerdigt.«
Diese schreckliche, unerwartete Neuigkeit bemächtigte sich im Nu des Bewußtseins Klimows, aber wie entsetzlich und stark sie auch war, konnte sie die animalische Freude doch nicht niederringen, die den genesenden Oberleutnant erfüllte. Er weinte und lachte und begann sehr bald zu schimpfen, daß man ihm nichts zu essen gäbe.
Erst nach einer Woche, als er in seinem Schlafrock, von Pawel gestützt, ans Fenster trat, den bewölkten Frühlingshimmel sah und das unangenehme Dröhnen der alten Eisenbahnschienen, die man gerade vorbeiführte, hörte, krampfte sich sein Herz vor Weh zusammen, und er drückte die Stirne an das Fensterglas und weinte.
»Wie unglücklich bin ich!« stammelte er. »Mein Gott, wie unglücklich!«
Und seine Freude machte Platz der gewohnten Langweile und dem Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes.
Wolodja
Übersetzt von Alexander Eliasberg
Wolodja, ein siebzehnjähriger, unschöner, kränklicher und schüchterner Junge saß an einem Sonntag, gegen fünf Uhr nachmittags in einer Gartenlaube an der Schumichinschen Landwohnung und langweilte sich. Seine wenig lustigen Gedanken bewegten sich in drei Richtungen. Erstens, hatte er morgen, Montag ein Examen in der Mathematik; er wußte, daß ihm, wenn er die schriftliche Aufgabe nicht machen würde, die Relegation bevorstand, da er in der sechsten Klasse schon einmal sitzengeblieben war und dreieinviertel als Jahresnote in der Algebra hatte. Zweitens, bereitete der Aufenthalt bei den Schumichins, der reichen Familie mit Prätentionen auf Aristokratismus, unaufhörliche Schmerzen seinem Ehrgeize. Ihm schien es, daß Frau Schumichin und ihre Nichten ihn und seine Mutter als arme Verwandte und Schmarotzer ansahen, daß sie seine Mama wenig achteten und über sie lachten. Einmal hatte er zufällig gehört, wie Frau Schumichin ihrer Kusine Anna Fjodorowna auf der Veranda sagte, daß seine Mama sich noch immer um jeden Preis jugendlich und schön machen wolle, daß sie ihre Kartenverluste niemals bezahle und eine Vorliebe für fremdes Schuhwerk und fremde Zigaretten habe. Wolodja flehte seine Mutter tagtäglich an, die Schumichins nicht mehr zu besuchen; er schilderte ihr die traurige Rolle, die sie bei diesen Herrschaften spielte, suchte sie zu überreden, wurde zuweilen auch grob, aber die leichtsinnige, verhätschelte Mama, die in ihrem Leben schon zwei Vermögen – ihr eigenes und das ihres Mannes – durchgebracht hatte und stets zu den vornehmsten Kreisen tendierte, wollte ihn nicht verstehen, und Wolodja mußte sie zweimal in der Woche auf die ihm verhaßte Landwohnung begleiten.
Drittens, konnte sich der junge Mann für keinen Augenblick von einem sonderbaren unangenehmen Gefühl befreien, das ihm vollkommen neu war … Ihm kam es vor, daß er in die Kusine der Schumichins, Anna Fjodorowna, die bei ihnen als Gast weilte, verliebt sei. Es war eine lebhafte, immer zum Lachen aufgelegte, etwas laute Dame von etwa dreißig Jahren, gesund, kräftig, rosig, mit rundlichen Schultern, rundem, vollem Kinn und ständigem Lächeln auf den feinen Lippen. Sie war weder hübsch, noch jung, – Wolodja wußte das ganz genau, aber er hatte nicht die Kraft, an sie nicht zu denken und sie nicht anzugaffen, wenn sie beim Krocketspiel ihre rundlichen Schultern zuckte, und den glatten Rücken bewegte, oder wenn sie nach dem langen Lachen und Herumrennen sich in einen Sessel fallen ließ, die Augen schloß, schwer atmete und so tat, als ob ihr etwas den Busen beengte und den Atem nähme. Sie war verheiratet. Ihr Mann, ein solider Architekt, kam einmal in der Woche aufs Land, schlief ausgezeichnet aus und kehrte am nächsten Morgen wieder in die Stadt zurück. Das seltsame Gefühl hatte bei Wolodja damit begonnen, daß er plötzlich einen grundlosen Haß gegen diesen Architekten spürte und sich jedesmal freute, wenn er abreiste.
Und auch jetzt, als er in einer Laube saß und an das bevorstehende Examen und an seine Mama, über die sich alle lustig machten, dachte, fühlte er ein mächtiges Verlangen, Njuta (so nannten die Schumichins Anna Fjodorowna) zu sehen, ibr Lachen und das Rascheln ihres Kleides zu hören … Dieses Verlangen hatte gar nichts von jener reinen, poetischen Liebe, die er aus Romanen kannte und die er sich jeden Abend beim Schlafengehen ersehnte; das Gefühl war so seltsam und unverständlich, er schämte sich seiner und fürchtete es als etwas Häßliches und Unreines, das er sich selbst nicht gerne eingestehen wollte ....
»Das ist keine Liebe,« sagte er sich. »In eine dreißigjährige und verheiratete Frau verliebt man sich nicht … Es ist einfach eine kleine Liebelei … Ja, eine Liebelei …«
Beim Gedanken an die Liebelei fielen ihm seine unüberwindliche Schüchternheit, der Mangel eines Schnurrbartes und seine Sommersprossen und Schlitzaugen ein; wenn er sich selbst an Njutas Seite dachte, erschien ihm dieses Paar ganz unmöglich; und er beeilte sich, sich als hübsch, kühn, geistreich und nach der letzten Mode gekleidet vorzustellen ....
Inmitten dieser Träume, als er zusammengekauert und auf den Boden blickend in der dunkelsten Ecke der Laube saß, ertönten plötzlich leise Schritte. Jemand ging durch die Allee. Die Schritte verstummten, und vor dem Eingange schimmerte etwas Weißes.
»Ist hier jemand?« fragte eine weibliche Stimme.
Wolodja erkannte die Stimme und hob erschrocken den Kopf.
»Wer ist hier?« fragte Njuta, in die Laube tretend. »Ach, Sie sind es, Wolodja! Was machen Sie hier? Grübeln? Wie kann man nur immer grübeln … so kann man ja auch verrückt werden!«
Wolodja stand auf und blickte Njuta verlegen an. Sie kam soeben vom Baden. Sie hatte ein Badelaken und ein Frottierhandtuch um die Schultern hängen, und unter dem weißseidenen Kopftuche lugten nasse Haare hervor, die an der Stirne klebten. Ihr entströmte ein feuchter, kühler Geruch von Bad und Mandelseife. Nach dem schnellen Gehen atmete sie schwer. Der oberste Knopf ihrer Bluse war aufgegangen, und der Jüngling konnte ihren Hals und Brustansatz sehen.
»Was schweigen Sie denn?« fragte Njuta, Wolodja musternd. »Es ist unhöflich zu schweigen, wenn eine Dame mit Ihnen spricht. Was sind Sie für ein Tolpatsch, Wolodja! Sie sitzen immer da und schweigen und grübeln wie ein Philosoph. In Ihnen ist gar kein Leben, kein Feuer! Sie sind wirklich ekelhaft … In Ihrem Alter muß man leben, springen, plaudern, Damen den Hof machen, sich verlieben.«
Wolodja blickte das Badelaken an, das sie mit ihrer weißen, vollen Hand hielt, und dachte, dachte ....
»Er schweigt!« wunderte sich Njuta. »Das ist sogar merkwürdig … Hören Sie einmal, seien Sie doch ein Mann! Lächeln Sie doch wenigstens! Pfui, ekelhafter Philosoph!« rief sie lachend. »Wissen Sie, Wolodja, warum Sie so ein Tolpatsch sind? Weil Sie niemand den Hof machen. Warum machen Sie niemand den Hof? Es gibt hier freilich keine jungen Mädchen, aber was hindert Sie, Damen den Hof zu machen? Warum machen Sie, zum Beispiel, mir nicht den Hof?«
Wolodja hörte ihr zu und rieb sich, in schwere, gespannte Gedanken versunken, die Schläfe.
»Nur sehr stolze Menschen schweigen und lieben die Einsamkeit,« fuhr Njuta fort, seine Hand von der Schläfe wegziehend. »Sie sind zu stolz, Wolodja … Warum blicken Sie so mürrisch drein? Wollen, Sie mir doch gerade in die Augen schauen! Nun, Sie, Tolpatsch!«
Wolodja entschloß sich, etwas zu sagen. Er wollte lächeln, zuckte mit der Unterlippe, zwinkerte mit den Augen und führte wieder die Hand an die Schläfe.
»Ich … ich liebe Sie!« sagte er.
Njuta hob erstaunt die Brauen und fing zu lachen an.
»Was höre ich?!« sang sie, wie ein Opernsänger zu singen pflegt, wenn ihm etwas Schreckliches berichtet wird. »Wie? Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie es, wiederholen Sie es …«
»Ich … ich liebe Sie!« sagte Wolodja noch einmal.
Ohne Beteiligung seines Willens und ohne Ueberlegnng machte er einen halben Schritt auf Njuta zu und faßte sie am Handgelenk. Er sah fast nichts, Tränen traten ihm in die Augen, und die ganze Welt hatte sich in ein großes Frottierhandtuch verwandelt, das nach Bad roch.
»Bravo, bravo!« hörte er sie lustig lachen. »Was schweigen Sie denn? Ich möchte, daß Sie sprechen! Nun?«
Als Wolodja merkte, daß sie ihre Hand nicht zurückzog, blickte er ihr ins lachende Gesicht und nahm sie ungeschickt mit beiden Händen um die Taille, so daß die Finger beider Hände sich auf ihrem Rücken trafen. So hielt er sie um die Taille, sie aber verschränkte beide Hände im Nacken, so daß er die Grübchen an ihren Ellenbogen sehen konnte, nestelte unter dem Kopftuch an ihren Haaren und sprach mit ruhiger Stimme:
»Man muß gewandt, liebenswürdig und galant sein, Wolodja, und das kann nur unter dem Einflusse weiblicher Gesellschaft werden. Was haben Sie aber für ein unangenehmes … böses Gesicht. Man muß sprechen, man muß lachen … Ja, Wolodja, seien Sie doch kein Wauwau, Sie sind noch jung und haben genug Zeit zum Philosophieren. Nun, lassen Sie mich, ich muß gehen. Lassen Sie mich doch!«
Sie befreite sich mühelos aus seinen Armen und ging trällernd aus der Laube. Wolodja blieb allein. Er strich sich das Haar zurecht, lächelte und ging dreimal von der einen Ecke in die andere; dann setzte er sich auf die Bank und lächelte noch einmal. Er schämte sich so furchtbar und staunte sogar, daß das menschliche Schamgefühl eine solche Kraft und Schärfe erreichen kann. Vor Scham lächelte er, flüsterte irgendwelche unzusammenhängende Worte und gestikulierte.
Er schämte sich, daß man ihn eben wie einen grünen Jungen behandelt hatte; er schämte sich seiner Schüchternheit; vor allen Dingen schämte er sich aber dessen, daß er sich erkühnt hatte, eine anständige verheiratete Dame um die Taille zu fassen, wozu ihm, wie er glaubte, weder sein Alter, noch seine äußeren Vorzüge, noch seine Stellung in der Gesellschaft auch das geringste Recht gaben.
Er sprang auf, trat aus der Laube und ging, ohne sich umzublicken, in die Tiefe des Gartens, möglichst weit vom Hause weg.
– Ach, wenn ich doch bald von hier fort könnte! – dachte er, sich an den Kopf fassend. – Mein Gott, so schnell als möglich! –
Der Zug, mit dem Wolodja und seine Mama abreisen sollten, ging um acht Uhr vierzig abends. Es blieben also noch an die drei Stunden; aber wie gerne wäre er schon jetzt, ohne auf Mama zu warten, zur Bahnstation gegangen ....
Gegen halb acht ging er auf das Haus zu. Seine ganze Figur drückte Entschlossenheit aus: komme, was kommen mag! Er hatte sich entschlossen, mutig aufzutreten, gerade vor sich zu blicken und laut zu sprechen, was ihn auch erwarten sollte.
Er ging durch die Veranda und den großen Saal und blieb im Gastzimmer stehen, um sich zu verschnaufen. Hier konnte er hören, daß man im anstoßenden Eßzimmer beim Tee saß. Frau Schumichina, seine Mama und Njuta unterhielten sich über etwas und lachten.
Wolodja horchte.
»Ich versichere Sie!« sagte Njuta: »Ich traute meinen Augen nicht! Als er mir seine Liebe gestand und mich sogar, denken Sie sich nur, um die Taille nahm, konnte ich ihn kaum wiedererkennen. Wissen Sie, er hat schon so eine gewisse Manier! Als er mir sagte, daß er in mich verliebt sei, blickte er so wild wie ein Tscherkesse.«
»Ist's möglich!« stöhnte die Mama auf und brach in Lachen aus. »Ist's möglich! Wie erinnert er mich doch an seinen Vater!«
Wolodja lief zurück und stürzte ins Freie.
– Wie können sie darüber laut sprechen! – dachte er sich voller Gram, die Hände zusammenschlagend und entsetzt auf den Himmel blickend. – Sie sprechen davon ganz ruhig und laut … Und Mama lacht … meine Mama! Mein Gott, warum hast du mir eine solche Mutter gegeben? Warum? –
Aber er mußte doch unbedingt zu den Damen. Er ging dreimal durch die Allee, beruhigte sich ein wenig und trat wieder ins Haus.
»Warum kommen Sie so unpünktlich zum Tee?« fragte Frau Schumichina streng.
»Entschuldigen Sie … ich muß schon fahren,« stammelte er, ohne die Augen zu heben, »Mama, es ist schon acht!«
»Fahre allein, liebes Kind,« sagte die Mama ganz matt. »Ich bleibe bei der Lilli über Nacht. Leb wohl, mein Freund … Komm her, ich will dich bekreuzigen …«
Sie bekreuzigte ihn und sagte französisch, sich an Njuta wendend:
»Er sieht doch ein wenig Lermontow ähnlich … Nicht wahr?«
Wolodja nahm Abschied, ohne jemand anzublicken, und ging aus dem Eßzimmer. Nach zehn Minuten war er schon auf dem Wege zur Station und freute sich darüber. Jetzt spürte er weder Angst noch Scham und atmete leicht und frei.
Eine halbe Werst vor der Station setzte er sich auf einen Stein am Straßenrande und begann auf die Sonne zu blicken, die schon mehr als zur Hälfte hinter dem Bahndamm untergegangen war. Auf der Station brannten schon Lichter, ein trübes grünes Flämmchen leuchtete auf, aber vom Zuge war noch nichts zu sehen. Wolodja war es angenehm, unbeweglich dazusitzen und zu beobachten, wie der Abend anbrach. Das Halbdunkel in der Laube, die Schritte, der Geruch des Lakens, das Lachen und die Taille – alles stand auf einmal mit erstaunlicher Deutlichkeit vor ihm und erschien ihm nicht mehr so schrecklich und bedeutsam wie früher ....
– Unsinn … Sie zog die Hand nicht fort und lachte, als ich sie um die Taille hielt, – dachte er sich: – also war es ihr angenehm. Wenn es ihr unangenehm wäre, so wäre sie böse geworden … –
Jetzt ärgerte sich Wolodja darüber, daß er vorhin, in der Laube, nicht kühn genug gewesen war. Es tat ihm leid, daß er jetzt abreisen mußte, und er war überzeugt, daß, wenn sich ihm wieder die Gelegenheit böte, er viel kühner und einfacher handeln würde.
Die Gelegenheit kann sich aber sehr leicht bieten. Bei den Schumichins pflegt man nach dem Abendessen noch lange herumzuspazieren. Wenn Wolodja mit Njuta durch den dunklen Garten geht, so ist auch schon die Gelegenheit da!
– Ich kehre um, – dachte er sich, – und fahre morgen mit dem Frühzug … Ich werde ihnen sagen, daß ich den Zug versäumt habe. –
Und er kehrt um … Frau Schumichina, seine Mutter, Njuta und eine der Nichten saßen auf der Veranda und spielen Whist. Wolodja log ihnen vor, daß er den Zug versäumt hätte; sie äußerten die Befürchtung, daß er morgen das Examen verpassen könnte, und rieten ihm, recht früh aufzustehen. Solange sie Karten spielten, saß er abseits, betrachtete Njuta mit gierigen Augen und wartete … Er hatte schon einen Plan fertig: er wird im Dunkeln auf Njuta zugehen, sie bei der Hand fassen und dann umarmen … er braucht dabei nichts zu sagen, denn alles wird ihnen beiden auch ohne Worte klar sein.
Nach dem Abendessen gingen die Damen gar nicht in den Garten, sondern setzten das Kartenspiel fort. Sie spielten bis ein Uhr nachts und gingen dann schlafen.
– Wie dumm! – ärgerte sich Wolodja, als er zu Bette ging. – Macht aber nichts, ich warte bis morgen … Morgen wieder in der Laube. Macht nichts … –
Er bemühte sich, nicht einzuschlafen, saß im Bett, hielt die Knie mit beiden Händen umschlungen und dachte. Der Gedanke an das Examen war ihm widerlich. Er hatte sich schon damit abgefunden, daß man ihn relegieren würde und daß dies gar nicht so entsetzlich sei. Morgen wird er ganz frei sein, morgen kann er Zivil tragen, öffentlich rauchen, öfters herkommen und Njuta nach Herzenslust den Hof machen; er wird kein Gymnasiast mehr sein, sondern ein »junger Mann«. Das Uebrige aber, was man Karriere und Zukunft nennt, ist ja klar: Wolodja kann Einjähriger werden, oder Telegraphenbeamter, oder Apothekerlehrling und es mit der Zeit zum Provisor bringen … gibt es denn wenig Berufe? So verging eine Stunde, noch eine Stunde, und er saß immer im Bett und dachte ....
Gegen drei Uhr, als schon der Morgen dämmerte, knarrte leise die Türe, und die Mama kam ins Zimmer.
»Schläfst du nicht?« fragte sie gähnend. »Schlaf, schlaf, ich bin nur für einen Augenblick hergekommen … Ich will die Tropfen holen …«
»Was brauchen Sie sie?«
»Die arme Lilli hat wieder ihre Kolik. Schlaf, mein Kind, du mußt ja morgen ins Examen …«
Sie holte aus dem Schränkchen ein Fläschchen, trat damit ans Fenster, las das Etikett und ging hinaus.
»Marja Leontjewna, es sind nicht die richtigen Tropfen!« hörte Wolodja nach einer Weile. »Das sind Maiglöckchentropfen, und Lilli bittet um Morphin. Schläft Ihr Sohn schon? Bitten Sie ihn, daß er die richtigen heraussucht …«
Es war Njutas Stimme. Wolodja überlief es kalt. Er zog schnell die Hose an, warf sich den Mantel über und ging zur Tür.
»Verstehen Sie? Morphin!« erklärte Njuta leise. »Es muß lateinisch auf dem Fläschchen stehen. Wecken Sie Wolodja, er wird es schon finden …«
Die Mama öffnete die Türe, und Wolodja erblickte Njuta. Sie hatte die gleiche Bluse an, in der sie gestern aus dem Bade kam. Ihr Haar war offen und fiel auf die Schultern herab, das Gesicht war verschlafen und schien im Dämmerlichte seltsam dunkel.
»Wolodja schläft ja nicht …« sagte sie. »Wolodja, suchen Sie doch bitte das Morphin heraus! Es ist eine Plage mit dieser Lilli … Immer hat sie etwas.«
Die Mama sagte etwas, gähnte und ging.
»Suchen Sie doch,« sagte Njuta. »Was stehen Sie so da?«
Wolodja ging zum Schränkchen, hockte sich hin und begann unter den Fläschchen und Schächtelchen herumzukramen. Seine Hände zitterten, und in der Brust und im Magen, hatte er ein Gefühl, als ob durch alle seine Eingeweide kalte Wellen liefen. Der Geruch von Aether, Karbolsäure und allerlei Kräutern, nach denen er mit seinen zitternden Händen griff und die er dabei verschüttete, benahm ihm den Atem.
– Ich glaube, die Mama ist weg – dachte er sich. – Das ist gut … gut … –
»Wird's bald?« fragte Njuta gedehnt.
»Sofort … Hier ist, glaub ich, das Morphin …« sagte Wolodja, der eben auf einem Etikett die Silbe »Morph.« las. »Hier, bitte!«
Njuta stand in der Türe so, daß einer ihrer Füße sich im Korridor und der andere in Wolodjas Zimmer befand. Sie richtete an ihrem Haar, doch ohne jeden Erfolg – so lang und dicht war es! – und blickte zerstreut Wolodja an. In ihrer weiten Bluse, verschlafen, mit aufgelöstem Haar, erschien sie Wolodja im trüben Lichte, das ins Zimmer von dem schon weißen, aber noch nicht von der Sonne beleuchteten Himmel fiel, bezaubernd und herrlich … Entzückt, am ganzen Leibe zitternd, mit unsagbarer Wonne daran denkend, wie er diesen herrlichen Körper in der Laube umarmt hatte, reichte er ihr die Tropfen und sagte:
»Wie sind Sie doch …«
»Was?«
Sie trat ins Zimmer.
»Was?« fragte sie, lächelnd.
Er schwieg und sah sie an und ergriff wie damals in der Laube ihre Hand … Sie aber betrachtete ihn lächelnd und wartete, was wohl noch kommen würde.
»Ich liebe Sie …« flüsterte er.
Sie hörte zu lächeln auf, dachte eine Weile nach und sagte:
»Warten Sie, ich glaube, jemand kommt her … Ach, diese Gymnasiasten!« sagte sie halblaut, zur Türe gehend und in den Korridor hinausblickend. »Nein, es ist niemand …«
Und sie kehrte zurück ....
Wolodja war es, als ob das Zimmer, Njuta, das Morgengrauen und er selbst, als ob alles im Gefühl eines brennenden, ungewöhnlichen, noch nicht dagewesenen Glückes zusammenflösse, für das man sein Leben opfern und ewige Qualen erdulden könnte; aber nach einer halben Minute war schon alles vorbei. Wolodja sah nur das volle, unschöne, vor Ekel verzerrte Gesicht und fühlte auch selbst Ekel vor dem, was eben geschehen war.
»Ich muß aber gehen,« sagte Njuta, indem sie Wolodja angewidert musterte. »So häßlich, so jämmerlich … Pfui, garstiges Entenküken!«
So abstoßend kamen jetzt Wolodja ihre langen Haare, ihre weite Bluse, ihre Schritte und ihre Stimme vor! …
– Garstiges Entenküken … – sagte er sich, als sie schon fort war. – Ich bin in der Tat garstig … Alles ist häßlich. –
Draußen ging die Sonne auf, und die Vögel zwitscherten laut. Man hörte den Gärtner durch den Garten gehen und den Sand unter seinem Karren knirschen … Und etwas später erklang das Gebrüll der Kühe und das Spiel der Hirtenflöte. Das Sonnenlicht und alle diese Töne erzählten, daß es irgendwo in der Welt ein reines, schönes, poetisches Leben gibt. Wo ist es aber? Weder Mama, noch die andern Menschen, die ihn umgaben, hatten ihm etwas davon erzählt.
Als der Diener ihn zum Frühzuge weckte, stellte er sich schlafend.
– Zum Teufel damit! – dachte er sich.
Er stand erst nach zehn auf. Als er sich vor dem Spiegel kämmte und sein unschönes, nach der schlaflosen Nacht blasses Gesicht betrachtete, sagte er sich:
– Ganz richtig … Ein garstiges Entenküken. –
Als die Mama ihn sah, entsetzte sie sich, daß er nicht im Examen war, Wolodja aber erklärte:
»Ich habe verschlafen, Mama … Machen Sie sich aber keine Sorge, ich werde ein ärztliches Attest beibringen.«
Frau Schumichina und Njuta erwachten erst nach zwölf. Wolodja hörte, wie Frau Schumichina ihre Fenster mit Geklirr aufschlug, wie Njuta auf ihre rauhe Stimme mit schallendem Gelächter antwortete. Er sah, wie die Türe aufging und der lange Zug der Nichten und schmarotzenden Tischgäste (unter den letzteren befand sich auch seine Mama) zum Frühstück ging; er sah auch das frischgewaschene, lachende Gesicht Njutas und daneben die schwarzen Brauen und den Vollbart des Architekten, der eben angekommen war.
Njuta hatte ein kleinrussisches Kostüm an, das ihr gar nicht stand und sie plump erscheinen ließ; der Architekt machte dumme und abgeschmackte Witze; in dem Klops, den man zum Frühstück reichte, war, wie es Wolodja schien, viel zu viel Zwiebel. Es schien ihm auch, daß Njuta absichtlich laut lachte und immer zu ihm hinübersah, um ihm zu zeigen, daß die Erinnerung an die Nacht ihr nicht die geringsten Schmerzen mache und daß sie die Anwesenheit des häßlichen Entenkükens am Frühstückstische gar nicht bemerkte.
Gegen vier Uhr fuhr Wolodja mit der Mama zur Station. Die unsauberen Erinnerungen, die schlaflose Nacht, die bevorstehende Relegation, die Gewissensbisse – alles erregte in ihm einen schweren, düsteren Haß. Er betrachtete das magere Profil der Mama, ihr kleines Näschen, den Regenmantel, den ihr Njuta geschenkt hatte, und brummte:
»Warum pudern Sie sich? Das paßt sich doch nicht in Ihrem Alter! Sie schminken sich, bezahlen Ihre Kartenschulden nicht und rauchen fremde Zigaretten … das ist ekelhaft! Ich liebe Sie nicht … ich liebe Sie nicht!«
Er beschimpfte sie, sie aber bewegte erschrocken die Aeuglein, schlug die Händchen zusammen und flüsterte entsetzt:
»Was hast du, liebes Kind? Mein Gott, der Kutscher hört es ja! Schweig, der Kutscher hört es! Er hört jedes Wort!«
»Ich liebe Sie nicht… ich liebe Sie nicht!« fuhr er keuchend fort. »Sie haben keine Moral im Leibe, Sie sind herzlos … Unterstehen Sie sich nicht, diesen Regenmantel zu tragen! Hören Sie? Sonst reiße ich ihn in Fetzen …«
»Mein Kind, beruhige dich!« jammerte die Mama. »Der Kutscher hört es!«
»Und wo ist das Vermögen meines Vaters? Wo ist Ihr Geld? Sie haben alles durchgebracht! Ich schäme mich nicht meiner Armut, aber ich schäme mich, daß ich so eine Mutter habe! Wenn meine Freunde nach Ihnen fragen, muß ich jedesmal erröten.«
Mit dem Zuge hatten sie bis zur Stadt nur zwei Stationen zu fahren. Während der ganzen Fahrt stand Wolodja auf der Plattform und zitterte. Er wollte nicht in den Wagen gehen, da dort seine Mutter saß, die er haßte. Er haßte auch sich selbst, die Schaffner, den Rauch der Lokomotive und die Kälte, der er sein Zittern zuschrieb … Und je schwerer es ihm ums Herz war, um so stärker fühlte er, daß es irgendwo in dieser Welt Menschen gibt, die ein reines, edles, warmes und schönes Leben voller Liebe, Zärtlichkeit, Freude und Freiheit leben … Er fühlte es und grämte sich so sehr, daß einer der Fahrgäste ihn aufmerksam ansah und fragte:
»Sie haben wohl Zahnweh?«
In der Stadt lebten Mama und Wolodja bei Marja Petrowna, einer adligen Dame, die eine große Wohnung hatte und Zimmer vermietete. Die Mama hatte zwei Zimmer: in dem einen, dem mit den Fenstern, wo ihr Bett stand und an der Wand zwei Bilder in Goldrahmen hingen, hauste sie selbst, und im anschließenden kleinen und fensterlosen wohnte Wolodja. Hier stand das Sofa, auf dem er schlief, und andere Möbel gab es hier nicht: das ganze Zimmer war voller Kinderkörbe, Hutschachteln und allerlei Gerümpel, das die Mama aus irgendeinem Grunde aufhob. Seine Aufgaben pflegte Wolodja im Zimmer der Mutter, oder im »Gesellschaftszimmer« zu machen; so hieß ein großes Zimmer, in dem sich alle Mieter zum Mittagessen und in den Abendstunden versammelten.
Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich aufs Sofa und deckte sich mit dem Mantel zu, um sein Zittern zu bewältigen. Die Hutschachteln, Körbe und das Gerumpel erinnerten ihn daran, daß er kein eigenes Zimmer, keine Zuflucht hatte, wo er sich vor der Mama, vor ihren Gästen und vor den Stimmen, die jetzt aus dem Gesellschaftszimmer drangen, verstecken könnte, und der Ranzen und die Bücher, die in den Ecken herumlagen, – an das Examen, das er versäumt hatte … Ohne jeden ersichtlichen Grund kam ihm plötzlich Mentone in den Sinn, wo er einmal als siebenjähriger Junge mit seinem verstorbenen Vater gewesen war; auch an Biarritz und die zwei kleinen Engländerinnen, mit denen er im Sande herumlief, mußte er denken … Er wollte sich die Farbe des Himmels und des Ozeans, die Größe der Wellen und seine damalige Stimmung in Erinnerung rufen, aber das gelang ihm nicht; die beiden kleinen Engländerinnen huschten wie lebendig durch seine Erinnerung, alles andere aber vermischte sich und verschwand ....
– Nein, hier ist es zu kalt, – sagte sich Wolodja. Er stand auf, zog den Mantel an und ging ins Gesellschaftszimmer.
Im Gesellschaftszimmer trank man Tee. Am Samowar saßen dreie: seine Mutter, die alte Musiklehrerin mit dem Zwicker in Schildpattfassung, und Augustin Michailowitsch, ein älterer dicker Franzose, der an einer Parfümeriefabrik angestellt war.
»Ich habe heute nicht zu Mittag gegessen,« sagte Mama. »Ich würde gern das Mädchen nach Brot schicken.«
»Dunjascha!« rief der Franzose.
Es stellte sich heraus, daß die Hausfrau das Mädchen irgendwohin fortgeschickt hatte.
»Oh, das hat nichts zu sagen,« sagte der Franzose mit einem breiten Lächeln. »Ich gehe gleich selbst hin und hole Brot. Oh, das macht nichts!«
Er legte seine starke, stinkende Zigarre an eine sichtbare Stelle, setzte den Hut auf und ging. Als er draußen war, begann die Mama der Musiklehrerin zu erzählen, wie sie bei den Schumichins zu Besuch gewesen war und wie schön man sie dort aufgenommen hatte.
»Lilli Schumichina ist ja meine Verwandte …« sagte sie.
»Ihr verstorbener Mann, General Schumichin war ein Cousin meines Mannes. Und sie selbst ist eine geborene Baronin Kolb …«
»Mama, es ist ja nicht wahr!« sagte Wolodja gereizt: »Wozu die Lüge?«
Er wußte sehr gut, daß seine Mama die Wahrheit sprach; in ihren Worten über den General Schumichin und die geborene Baronin Kolb war nichts erlogen, und doch hatte er das Gefühl, daß alles Lüge sei. Er fühlte die Lüge in ihrer Manier zu sprechen, in ihrem Gesichtsausdruk, im Blick, in allem.
»Sie lügen!« wiederholte Wolodja und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß das ganze Geschirr klirrte und die Mama ihren Tee verschüttete. »Warum erzählen Sie von den Generälen und Baroninnen? Alles ist Lüge!«
Die Musiklehrerin wurde verlegen und begann ins Taschentuch zu husten, als ob ihr etwas in die unrechte Kehle gekommen wäre, und die Mama brach in Tränen aus.
– Wohin soll ich nun gehen? – fragte sich Wolodja.
Auf der Straße war er schon gewesen; seine Freunde aufzusuchen, schämte er sich. Wieder kamen ihm unberufen die beiden kleinen Engländerinnen in den Sinn … Er schlenderte einmal von Ecke zu Ecke und ging dann ins Zimmer Augustin Michailowitschs. Hier roch es stark nach ätherischen Oelen und Glyzerinseife. Auf dem Tisch, auf den Fensterbänken und sogar auf den Stühlen standen eine Menge Fläschchen, Gläschen und Schälchen mit allerlei farbigen Flüssigkeiten. Wolodja nahm vom Tisch eine Zeitung, entfaltete sie und las den Titel: »Figaro« … Der Zeitung entströmte irgendein starker und angenehmer Duft. Dann fand er auf dem Tische einen Revolver ....
»Beruhigen Sie sich, machen Sie sich nichts draus!« tröstete im Nebenzimmer die Musiklehrerin seine Mama. »Er ist ja noch so jung! In seinem Alter erlauben sich die jungen Leute oft zu viel. Da muß man schon ein Auge zudrücken.«
»Nein, Jewgenia Andrejewna, er ist allzu verdorben!« sagte die Mama in singendem Tone. »Er hat niemand über sich, und ich bin schwach und kann nichts ausrichten. Nein, ich bin wirklich unglücklich!«
Wolodja steckte sich den Lauf des Revolvers in den Mund, tastete mit dem Finger nach dem Hahn oder Abzug und drückte … Dann fand er noch einen anderen Vorsprung und drückte noch einmal. Er nahm den Lauf aus dem Munde, trocknete ihn mit dem Schoße des Mantels ab und besah sich den Mechanismus … er hatte noch nie im Leben eine Schußwaffe in der Hand gehabt ....
– Ich glaube, man muß erst das da heben … – überlegte er sich. – Ja, wahrscheinlich so … –
Ins Gesellschaftszimmer kam eben Augustin Michailowitsch zurück und begann, laut lachend, etwas zu erzählen. Wolodja steckte sich den Revolverlauf wieder in den Mund, preßte ihn mit den Zähnen zusammen und drückte wieder mit dem Finger … Der Schuß krachte … Etwas schlug Wolodja mit furchtbarer Kraft in den Nacken, und er fiel auf den Tisch, mit dem Gesicht auf die Fläschchen und Gläschen. Dann sah er, wie sein verstorbener Vater im Zylinderhut mit breitem Flor, den er damals in Mentone, als er irgendeine Dame beweinte, trug, ihn plötzlich mit beiden Armen ergriff … Und sie flogen beide in irgendeinen finsteren, tiefen Abgrund.
Und dann vermischte sich alles und verschwand ....
Jonytsch
Übersetzt von Alexander Eliasberg
I
Wenn sich die Fremden in der Gouvernementsstadt S. über die Langweile und Eintönigkeit des Lebens beklagten, so rechtfertigten sich die Ortsbewohner, daß es in S. im Gegenteil sogar sehr schön sei, daß man hier eine Bibliothek, ein Theater und einen Klub hätte, daß manchmal Bälle veranstaltet werden und daß es schließlich auch intelligente, interessante, angenehme Familien gäbe, mit denen man verkehren könne. Und sie wiesen gewöhnlich auf die Familie Turkin hin, als auf die intelligenteste und talentierteste.
Diese Familie bewohnte ein eigenes Haus in der Hauptstraße neben dem Hause des Gouverneurs. Iwan Petrowitsch Turkin selbst, ein korpulenter, hübscher Herr mit schwarzem Backenbart, organisierte Liebhabervorstellungen mit wohltätigem Zweck, in denen er selbst die Rollen alter Generäle spielte und dabei sehr komisch hustete. Er kannte zahllose Witze, Wortspiele, Scherzfragen, komische Redensarten, liebte zu witzeln und geistreich zu tun und hatte immer einen solchen Gesichtsausdruck, daß man unmöglich erraten konnte, ob er Scherz oder Ernst mache. Seine Frau, Wjera Iossifowna, eine schmächtige Dame von angenehmem Aeußeren, mit einem Zwicker auf der Nase, schrieb Romane und Novellen und las sie gerne ihren Gästen vor. Die Tochter, Jekaterina Iwanowna, ein achtzehnjähriges junges Mädchen, spielte Klavier. Mit einem Worte, jedes Mitglied dieser Familie hatte irgendein Talent. Die Turkins übten große Gastfreundschaft und zeigten ihren Gästen ihre Talente mit Vergnügen und Herzenseinfalt. In ihrem großen, aus Stein erbauten Hause war es geräumig und im Sommer angenehm kühl, und die Hälfte der Fenster ging nach dem alten schattigen Garten hinaus, wo im Frühjahr die Nachtigallen sangen; wenn im Hause Besuch war, so klopften in der Küche die Messer, im Hofe roch es nach gerösteten Zwiebeln, und das verhieß jedesmal ein reichliches und schmackhaftes Abendessen.
Auch dem Doktor Dmitrij Ionytsch Starzew, der soeben den Posten eines Landarztes bekommen und sich in Djalisch, neun Werst von S. niedergelassen hatte, erklärte man, daß er als gebildeter Mann unbedingt die Familie Turkin kennen lernen müsse. Einmal im Winter machte ihn jemand auf der Straße mit Iwan Petrowitsch bekannt; sie wechselten einige Worte über das Wetter, über das Theater, über die Cholera, und gleich darauf kam auch die Einladung. An einem Feiertage im Frühjahr – es war Himmelfahrt – begab sich Starzew nach der Sprechstunde in die Stadt, um sich etwas zu zerstreuen und auch einige Einkäufe zu machen. Er ging zu Fuß (eigene Pferde hatte er damals noch nicht), und sang vor sich hin:
»Als ich noch keine Tränen trank aus dieses Daseins Kelch …«
In der Stadt aß er zu Mittag, ging dann im Stadtgarten spazieren; plötzlich kam ihm die Einladung Iwan Petrowitschs in den Sinn, und er beschloß, die Turkins zu besuchen, um zu sehen, was das für Menschen seien.
»Ich grütze Sie!« empfing ihn Iwan Petrowitsch im Vorzimmer. »Ich bin glücklich, einen so angenehmen Gast bei uns zu sehen. Kommen Sie mit, ich will Sie meinem Ehegespenst vorstellen. Ich sage ihm Wjerotschka,« fuhr er fort, nachdem er den Doktor seiner Frau vorgestellt hatte: »ich sage ihm, daß er nicht das geringste römische Recht hat, immer in seinem Spital zu hocken, und seine freie Zeit der Gesellschaft widmen muß. Nicht wahr, Herzchen?«
»Setzen Sie sich, bitte,« sagte Wjera Iossifowna, ihm einen Platz an ihrer Seite zeigend. »Sie dürfen mir den Hof machen. Mein Mann ist zwar eifersüchtig wie ein Othello, aber wir wollen uns so benehmen, daß er nichts merkt.«
»Ach, du Küken …« sagte Iwan Petrowitsch zärtlich und küßte sie auf die Stirn. »Sie kommen gerade recht,« wandte er sich wieder an den Gast: »mein Ehegespenst hat einen mordsgroßen Roman vollendet und wird ihn heute vorlesen.«
»Jeanchen,« wandte sich Wjera Iossifowna an ihren Mann, »dites que l'on nous donne du thé.«
Starzew lernte auch die Tochter Jekaterina Iwanowna kennen, die der Mutter sehr ähnlich sah und ebenso schmächtig wie diese war. Der Ausdruck ihres hübschen Gesichts war noch kindlich, und ihre Figur schlank und graziös; auch der jungfräuliche, schon erblühte, schöne Busen atmete Frühling, echten Frühling. Sie tranken Tee mit Marmelade, Honig, Konfekt und außerordentlich schmackhaftem Gebäck, das im Munde schmolz. Als der Abend anbrach, versammelten sich auch die anderen Gäste, und Iwan Petrowitsch sah einen jeden von ihnen mit seinen lachenden Augen an und sagte:
»Ich grütze Sie!«
Später saßen alle mit sehr ernsten Gesichtern im Salon, während Wjera Iossifowna ihren Roman vorlas. Er begann mit den Worten: »Der Frost nahm zu …« Die Fenster standen weit offen, man hörte die Messer in der Küche klopfen und roch die gerösteten Zwiebeln … In den weichen, tiefen Sesseln saß es sich so bequem, das Lampenlicht flackerte so freundlich im Dämmer des Salons; und wie man so an diesem Sommerabend saß, die Stimmen und das Lachen von der Straße her hörte und den Fliederduft, der vom Garten kam, einatmete, konnte man sich schwer vorstellen, wie der Frost zunahm und die untergehende Sonne mit ihren kalten Strahlen die schneeverwehte Steppe und den einsamen Wanderer beleuchtete; Wjera Iossifowna las von einer jungen hübschen Gräfin, wie sie in ihrem Dorfe Schulen, Krankenhäuser und Bibliotheken errichtete und wie sie sich in einen wandernten Künstler verliebte; sie las von Dingen, die im Leben niemals vorkommen, und doch war es so angenehm und gemütlich, ihr zuzuhören: allerlei schöne, beruhigende Gedanken kamen einem in den Sinn, und man hatte gar nicht Lust, aufzustehen.
»Nicht übelhaft …« sagte leise Iwan Petrowitsch.
Und einer von den Gästen, der mit seinen Gedanken irgendwo sehr weit weg war, sagte kaum hörbar:
»Ja … in der Tat …«
So vergingen an die zwei Stunden. Im nahen Stadtgarten spielte ein Orchester und sang ein Bauernchor. Als Wjera Iossifowna ihr Manuskript zuklappte, herrschte an die fünf Minuten lang Schweigen, und alle lauschten dem Volksliede, das der Chor sang und das von Dingen erzählte, die es im Roman nicht gab, die aber im Leben wohl vorkommen.
»Lassen Sie Ihre Werke in den Zeitschriften erscheinen?« fragte Starzew Wjera Iossifowna.
»Nein,« antwortete sie, »ich lasse sie nirgends erscheinen. Wenn ich etwas fertig habe, so tue ich es in meinen Schrank. Wozu soll ich es auch drucken? Wir haben ja Mittel.«
Alle seufzten aus irgendeinem Grunde leise auf.
»Und jetzt spiel du etwas vor, Kätzchen,« wandte sich Iwan Petrowitsch an die Tochter.
Man hob den Deckel des Klaviers und schlug das Notenheft auf, das schon bereit lag. Jekaterina Iwanowna setzte sich hin und schlug mit beiden Händen in die Tasten; gleich darauf schlug sie noch einmal mit aller Kraft hin, und dann noch einmal, und noch einmal; ihre Schultern und Brust bebten, sie schlug hartnäckig immer auf die gleiche Stelle los, und man hatte den Eindruck, daß sie nicht eher aufhören wollte, als bis sie die Tasten tief ins Klavier hineingejagt haben würde. Der Salon füllte sich mit Donner; alles dröhnte: der Fußboden, die Decke, die Möbel … Jekaterina Iwanowna spielte ein schwieriges Stück, das sehr lang und eintönig, aber gerade durch seine Schwierigkeiten interessant war. Starzew hörte zu und stellte sich vor, daß von einem hohen Berge Steine herabrollen, unaufhörlich herabrollen, und er hatte den Wunsch, daß sie nicht mehr herabrollen; aber Jekaterina Iwanowna, die vor Anspannung ganz rosig war, und so stark und energisch, dreinschlug, während ihr eine Locke auf die Stirne gefallen war, gefiel ihm sehr gut. Es war ihm so angenehm, so neu, nach dem Winter, den er in Djalisch unter den Bauern und Kranken verbracht hatte, hier im Salon zu sitzen, dieses junge, hübsche und wahrscheinlich keusche Wesen anzublicken und diesen lauten, ennuyanten, aber immerhin von Kultur zeugenden Tönen zu lauschen ....
»Kätzchen, du hast heute so gespielt, wie noch nie,« sagte Iwan Petrowitsch mit Tränen in den Augen, als die Tochter fertig war und sich von ihrem Platze erhob. »Nun kannst du ruhig sterben: besser spielst du deinen Lebtag nicht.«
Alle drängten sich um sie, beglückwünschten und bewunderten sie und behaupteten, daß sie schon lange keine solche Musik gehört hätten, sie aber hörte schweigend, leise lächelnd zu, und ihr ganzes Wesen drückte Triumph aus.
»Wunderbar! Herrlich!«
»Wunderschön!« sagte auch Starzew, sich von der allgemeinen Begeisterung hinreißen lassend. »Wo haben Sie Musik studiert?« fragte er Jekaterina Iwanowna: »Am Konservatorium?«
»Nein, aufs Konservatorium will ich erst kommen, vorläufig habe ich hier Stunden genommen, bei der Madame Zawlowska.«
»Haben Sie auch das hiesige Mädchengymnasium besucht?«
»Oh nein!« antwortete Wjera Iossifowna für ihre Tochter. »Wir haben stets Privatlehrer im Haus, Sie werden doch zugeben, daß im Gymnasium oder einem Institut schädliche Einflüsse möglich sind; ein junges Mädchen soll aber nur unter dem Einflusse ihrer Mutter stehen.«
»Und doch gehe ich aufs Konservatorium!« erklärte Jekaterina Iwanowna.
»Nein, Kätzchen liebt die Mama. Kätzchen wird Papa und Mama keinen Kummer machen wollen.«
»Nein, ich gehe doch hin! Ganz bestimmt!« sagte Jekaterina Iwanowna halb im Scherz und stampfte trotzig mit dem Füßchen.
Während des Abendessens zeigte auch Iwan Petrowitsch seine Künste. Nur mit den Augen allein lachend, erzählte er Witze, stellte Scherzfragen, die er sofort selbst beantwortete, und sprach die ganze Zeit seine eigentümliche Sprache, die er sich offenbar durch langjährige Uebungen im Witzemachen angeeignet hatte und die ihm wohl zur Gewohnheit geworden war: nicht übelhaft; leben Sie sowohl, als auch; ich grütze Sie; ich danke vergebens und dergleichen.
Das war aber noch nicht alles. Als die Gäste, satt und zufrieden, sich im Vorzimmer drängten und ihre Mäntel und Stöcke suchten, half ihnen dabei der Lakai Pawluscha, oder Pawa, wie man ihn nannte, ein vierzehnjähriger Junge mit kurzgeschorenem Kopf und Pausbacken.
»Nun, Pawa, produziere dich!« sagte ihm Iwan Petrowitsch.
Pawa stellte sich in Positur, hob einen Arm in die Höhe und sprach in tragischem Ton:
»Stirb, Unselige!«
Und alle lachten.
– Nicht uninteressant, – sagte sich Starzew, als er draußen war.
Er ging noch in ein Restaurant, trank ein Glas Bier und begab sich dann zu Fuß nach Djalisch. Im Gehen sang er ununterbrochen das Rubinsteinsche Lied:
»Die Stimme dein, so zärtlich und so freundlich…«
Als er die neun Werst gegangen war und sich später zu Bett legte, spürte er nicht die geringste Müdigkeit; im Gegenteil, er hatte den Eindruck, daß er mit dem größten Vergnügen noch weitere zwanzig Werst gehen könnte.
– Nicht übelhaft … – fiel es ihm im Einschlafen ein, und er mußte lachen.
II
Starzew wollte die Turkins bald wieder besuchen, aber im Krankenhause gab es so viel zu tun, daß er unmöglich eine freie Stunde finden konnte. So verbrachte er mehr als ein Jahr in seiner Arbeit, in voller Weltabgeschiedenbeit; plötzlich kam aber aus der Stadt ein Brief in einem blauen Kuvert.
Wjera Iossifowna litt schon seit längerer Zeit an Migräne, in der letzten Zeit aber, als das Kätzchen sie jeden Tag mit der Drohung erschreckte, aufs Konservatorium zu gehen, wiederholten sich ihre Anfälle immer öfter. Sie hatte schon sämtliche Aerzte der Stadt konsultiert, und nun kam die Reihe an den Landarzt. Wjera Iossifowna schrieb ihm einen rührenden Brief, in dem sie ihn bat, zu ihr zu kommen, um ihre Qualen zu lindern. Starzew fuhr hin und besuchte von nun an die Turkins fast jeden Tag … Er hatte Wjera Iossifowna tatsächlich ein wenig geholfen, und sie erzählte allen ihren Gästen, daß er ein ganz ungewöhnlicher, wunderbarer Arzt sei. Er besuchte die Turkins aber nicht mehr ihrer Migräne wegen ....
Ein Feiertag. Jekaterina Iwanowna war mit ihren ermüdenden Fingerübungen fertig. Dann saßen alle lange im Eßzimmer und tranken Tee, und Iwan Petrowitsch erzählte etwas Komisches. Da läutete es an der Türe; der Hausherr mußte ins Vorzimmer, um einen Gast zu begrüßen, und Starzew benutzte den Augenblick und flüsterte Jekaterina Iwanowna in höchster Aufregung zu:
»Um Gottes willen, ich flehe Sie an, quälen Sie mich nicht, kommen Sie mit in den Garten!«
Sie zuckte die Achseln, als verstünde sie nicht, was er von ihr wolle, stand aber auf und ging.
»Sie spielen drei und vier Stunden Klavier,« sagte er, ihr folgend, »dann sitzen Sie mit Ihrer Mama, und ich habe gar keine Möglichkeit, mit Ihnen zu sprechen. Schenken Sie mir doch wenigstens eine Viertelstunde, ich flehe Sie an …«
Der Herbst war nicht mehr fern, im alten Garten war es still, und in den Alleen lag braunes Laub. Es dämmerte früh.
»Ich habe Sie schon eine ganze Woche nicht gesehen,« fuhr Starzew fort, »wenn Sie wüßten, wie ich darunter leide! … Setzen wir uns hin. Hören Sie mich an.«
Sie hatten einen Lieblingsplatz im Garten: eine Bank unter einem alten schattigen Ahorn. Und sie setzten sich auf diese Bank.
»Was wünschen Sie von mir?« fragte Jekaterina Iwanowna trocken und geschäftsmäßig.
»Ich habe Sie eine ganze Woche nicht gesehen und so lange Ihre Stimme nicht gehört. Ich lechze nach Ihrer Stimme. Sagen Sie doch etwas.«
Sie entzückte ihn durch ihre Frische, durch den naiven Ausdruck der Augen und der Wangen. Selbst darin, wie ihr Kleid saß, sah er etwas ungewöhnlich Liebes und in seiner Einfachheit und naiven Grazie Rührendes. Zugleich erschien sie ihm trotz dieser Naivität sehr klug und viel intelligenter, als es die jungen Mädchen in ihrem Alter sonst sind. Mit ihr konnte er über Literatur, Kunst und alles Mögliche sprechen, obwohl es auch vorkam, daß sie mitten in einem ernsten Gespräch zu lachen anfing, oder aufsprang und davonlief. Sie hatte wie fast alle jungen Mädchen von S. viel gelesen (im allgemeinen las man in S. sehr wenig, und die Angestellten der Stadtbibliothek sagten, daß, wenn es nicht die jungen Mädchen und die jungen Juden gäbe, man die Bibliothek ruhig schließen könnte); dies gefiel Starzew außerordentlich, und er fragte sie jedesmal, aufs tiefste erregt, was sie in den letzten Tagen gelesen habe, und hörte ihr immer begeistert zu.
»Was haben Sie in dieser Woche gelesen, seit wir uns zuletzt gesehen haben?« fragte er auch jetzt. »Sagen Sie es, ich bitte Sie.«
»Ich habe Pissemskij gelesen.«
»Was denn?«
»›Tausend Seelen‹,« antwortete das Kätzchen. »Was für einen komischen Namen hatte dieser Pissemskij: Alerej Feofilaktowitsch!«
»Wo wollen Sie denn hin?« rief Starzew entsetzt, als sie plötzlich aufsprang und fortlief. »Ich habe mit Ihnen zu reden, ich muß mich aussprechen … Bleiben Sie wenigstens fünf Minuten mit mir! Ich beschwöre Sie!«
Sie blieb stehen, als wollte sie ihm etwas sagen, drückte ihm ungeschickt einen Zettel in die Hand, lief ins Haus und setzte sich sofort ans Klavier.
»Kommen Sie heute um elf Uhr abends,« las Starzew, »auf den Friedhof zum Grabmal Demetti.«
– Das ist aber gar nicht klug, – sagte er sich, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. – Warum auf den Friedhof? –
Es war ja klar: das Kätzchen verulkte ihn einfach. Wer wird einen zu einem Stelldichein in der Nacht, weit draußen vor der Stadt, auf dem Friedhofe laden, wenn man es so leicht auf der Straße oder im Stadtgarten machen kann? Und paßt es überhaupt für ihn, den Landarzt, den klugen und soliden Mann, so ein Mädel anzuschmachten, solche Zettelchen zu bekommen, sich auf Friedhöfen herumzutreiben und Dummheiten zu machen, über die heutzutage selbst die Gymnasiasten lachen? Wohin soll dieser Roman führen? Was werden die Kollegen sagen, wenn sie es erfahren? Das alles dachte sich Starzew, als er im Klub zwischen den Kartentischen herumirrte; um halb elf faßte er aber plötzlich den Entschluß und fuhr zum Friedhof.
Jetzt hatte er schon ein eigenes Paar Pferde und den Kutscher Pantelejmon, der eine Samtweste trug. Der Mond schien hell. Alles war still, die Luft war warm, doch von einer eigentümlichen herbstlichen Wärme. In der Vorstadt, in der Nähe des Schlachthauses heulten die Hunde. Starzew ließ seinen Wagen in einer der Gassen an der Stadtgrenze stehen und ging zu Fuß zum Friedhof. – Jeder Mensch hat seine Eigenheiten, – sagte er sich. – Auch das Kätzchen ist so sonderbar, wer weiß, vielleicht ist es ihr Ernst, und sie wird kommen. – Er gab sich dieser schwachen, eitlen Hoffnung hin, und sie berauschte ihn.
Als er eine halbe Werst durch das Feld gegangen war, sah er den Friedhof in der Ferne wie einen dunklen Streifen, wie einen Wald oder einen groben Garten liegen. Bald unterschied er auch schon die weiße Mauer und das Tor … Beim Mondscheine konnte man die Inschrift über dem Eingang lesen: »Es kommt die Stunde, und …« Starzew trat durch die Nebenpforte ein, und das erste, was er sah, waren die weißen Kreuze und Grabsteine zu beiden Seiten einer breiten Allee und die schwarzen Schatten, die sie und die Pappeln warfen; so weit das Auge reichte, war nur Weißes und Schwarzes zu sehen, und die schlafenden Bäume ließen ihre Zweige über das Weiße herabhängen. Hier schien es heller als draußen im Felde. Die Ahornblätter, die an Tatzen erinnerten, hoben sich scharf vom gelben Sande und den Grabplatten ab, und die Inschriften auf den Grabmälern waren deutlich zu lesen. Im ersten Augenblick war Starzew ganz bestürzt vom Anblick, der sich ihm jetzt zum erstenmal bot und den er wohl nie wieder erleben würde: eine Welt, die keiner anderen glich, eine Welt, wo das Mondlicht so schön und mild war, als ob hier seine Wiege stünde, eine Welt, wo es kein Leben gab, wo aber in jeder dunklen Pappel, in jedem Grabstein ein Geheimnis wohnte, das ein stilles, schönes, ewiges Leben verhieß. Die Grabsteine und die welken Blumen atmeten zugleich mit dem Geruch des Herbstlaubes eine Stimmung von Allverzeihung, Trauer und Ruhe.
Stille ringsum; in tiefer Demut blickten die Sterne vom Himmel herab, und die Schritte Starzews hallten unpassend laut. Und erst als die Kirchenuhr zu schlagen anfing und er sich vorstellte, wie er hier tot, für alle Ewigkeit eingescharrt liegt, kam es ihm vor, als ob ihn jemand anstarrte, und er dachte eine Weile, daß es nicht die Ruhe und nicht die Stille sei, sondern die dumpfe Trauer des Nichtseins, eine unterdrückte Verzweiflung ....
Das Grabmal Demetti war eine von einem Engel gekrönte Kapelle; in S. hatte sich einmal auf der Durchreise eine italienische Operntruppe aufgehalten; eine der Sängerinnen war hier gestorben und ruhte unter dieser Kapelle. In der ganzen Stadt erinnerte sich ihrer kaum ein Mensch, aber das Lämpchen über dem Eingang glitzerte im Mondlichte und schien zu brennen.
Niemand war da. Wer wird auch zur Mitternachtsstunde herkommen? Aber Starzew wartete. Das Mondlicht erhitzte gleichsam seine Leidenschaft, und er wartete mit Sehnsucht und träumte von Umarmungen und Küssen. So saß er etwa eine halbe Stunde am Grabmal, ging dann, den Hut in der Hand, einmal durch die Seitenalleen und dachte an die vielen Frauen und Mädchen, die hier in diesen Gräbern ruhen, die schön und bezaubernd waren, die liebten und in Liebesnächten vor Leidenschaften verbrannten. Wie grausam macht sich doch Mutter Natur über den Menschen lustig, und wie kränkend ist es, dies zu fühlen! So dachte sich Starzew und zugleich wollte er aufschreien, daß er es nicht wolle, daß er die Liebe um jeden Preis erwarte; was vor ihm schimmerte, war kein Marmor mehr, es waren schöne Körper, er sah die Formen, die sich verschämt im Schatten der Bäume versteckten, er fühlte ihre Wärme, und dieses Gefühl wurde zu einer unerträglichen Qual ....
Plötzlich fiel der Vorhang: der Mond verschwand hinter den Wolken, und alles war auf einmal dunkel. Starzew fand mit Mühe den Ausgang, – es war schon so dunkel wie in einer richtigen Herbstnacht, – und suchte dann eine halbe Stunde die Gasse, wo er seinen Wagen stehen gelassen hatte.
»Ich bin so müde, daß ich mich kaum auf den Füßen halte,« sagte er zu Pantelejmon.
Und als er sich mit einem Wohlgefühl in den Wagen setzte, dachte er sich:
– Ach, es ist wirklich nicht gut, wenn ich noch mehr zunehme! –
III
Am nächsten Abend fuhr er zu den Turkins, um einen offiziellen Antrag zu machen. Er kam aber ungelegen: Jekaterina Iwanowna war mit dem Friseur in ihrem Zimmer, sie wollte in den Klub zu einem Tanzabend.
Er mußte lange im Eßzimmer sitzen und Tee trinken. Als Iwan Petrowitsch merkte, daß der Gast nachdenklich war und sich langweilte, holte er aus der Westentasche einen Zettel und las einen sehr drolligen Bericht eines deutschen, der russischen Sprache nicht mächtigen, Gutsverwalters vor.
– Sie werden wohl eine recht anständige Mitgift geben, – dachte sich Starzew, kaum zuhörend.
Nach der schlaflosen Nacht fühlte er sich so, als ob er etwas Süßes und Einschläferndes getrunken hätte. Alle seine Empfindungen waren unklar und verworren, aber es war ihm doch freudig und warm ums Herz, obwohl ein kaltes, schweres Stückchen seines Gehirns ihm zuredete:
– Halt ein, solange es nicht zu spät ist! Ist sie denn die richtige Frau für dich? Sie ist launisch, verzogen, ist gewohnt, bis zwei Uhr zu schlafen, du aber bist der Sohn eines Küsters und ein Landarzt ....
– Was macht denn das? – entgegnete er darauf. – Von mir aus! –
– Außerdem, wenn du sie heiratest, – fuhr das Stückchen Gehirn fort, – werden ihre Eltern dich zwingen, deine Stellung auf dem Lande aufzugeben und in die Stadt zu ziehen. –
– Was macht das? – sagte er sich. – Warum soll ich auch nicht in der Stadt wohnen? Sie werden mir eine Mitgift geben, und wir werden uns schön einrichten … –
Endlich erschien Jekaterina Iwanowna in einem ausgeschnittenen Ballkleid mit einem Dekolleté, hübsch, frisch, blühend, und Starzew geriet in solches Entzücken, daß er kein Wort hervorbringen konnte und sie nur anstarrte und lachte.
Sie begann sich zu verabschieden. Da er hier sonst nichts zu suchen hatte, erhob er sich auch und erklärte, daß er heim müsse: seine Patienten erwarteten ihn.
»Nichts zu machen,« sagte darauf Iwan Petrowitsch, »fahren Sie nur heim; Katja kann übrigens mit Ihnen bis zum Klub mitfahren.«
Draußen ging ein feiner Sprühregen nieder, und es war so finster, daß man nur am heiseren Husten Pantelejmons erkennen konnte, wo der Wagen stand. Man hob das Verdeck.
»Essigsaure Tonerde, ißt du saure Tonerde,« deklamierte Iwan Petrowitsch, seiner Tochter in den Wagen helfend, »ißt er saure Tonerde … Los! Leben Sie sowohl, als auch!«
Sie fuhren ab.
»Ich war gestern auf dem Friedhofe,« begann Starzew. »Wie wenig großmütig war es von Ihnen und wie grausam!«
»Sie waren auf dem Friedhofe?«
»Ja, ich war da und habe auf Sie fast bis zwei Uhr gewartet. Habe so furchtbar gelitten …«
»Leiden Sie nur, wenn Sie keinen Spaß verstehen.«
Jekaterina Iwanowna war höchst zufrieden, daß sie den Verliebten so schön angeführt hatte und daß er sie so leidenschaftlich liebte; sie fing zu lachen an und schrie plötzlich erschrocken auf, da der Wagen in diesem Augenblick in den Hof des Klubs einfuhr und sich stark auf die Seite neigte. Starzew faßte sie um die Taille; sie schmiegte sich erschrocken an ihn, er konnte sich nicht mehr beherrschen und küßte sie leidenschaftlich auf den Mund und auf das Kinn und umarmte sie noch fester.
»Genug!« sagte sie trocken.
Nach einem Augenblick war sie nicht mehr im Wagen, und der Schutzmann vor der hellerleuchteten Klubeinfahrt schrie den Kutscher Pantelejmon mit widerlicher Stimme an:
»Was stehst du da, du Maulaffe? Weiterfahren!«
Starzew fuhr nach Hause, kam aber bald wieder zurück. In einem fremden Frack, mit einer steifen weißen Binde, die immer nach oben rutschen wollte, saß er um Mitternacht im Gesellschaftszimmer des Klubs und sprach begeistert zu Jekaterina Iwanowna:
»Wie wenig wissen die, die niemals geliebt haben! Mir scheint, daß noch kein Dichter die Liebe richtig beschrieben hat, daß man dieses zarte, freudige und qualvolle Gefühl kaum beschreiben kann, und daß ein Mensch, der es auch nur einmal erfahren, es niemals mit Worten wiedergeben wird. Wozu alle die Vorworte und Schilderungen? Wozu die unnötigen Phrasen? Meine Liebe ist grenzenlos … Ich bitte, ich flehe Sie an,« entfuhr es ihm plötzlich, »werden Sie die Meine!«
»Dmitrij Ionytsch,« sagte Iekaterina Iwanowna nach kurzer Ueberlegung mit sehr ernstem Gesichtsausdruck, Dmitrij Ionytsch, ich danke Ihnen für die Ehre, ich achte Sie sehr, aber …« Sie erhob sich und fuhr stehend fort: »Aber entschuldigen Sie, ich kann nicht die Ihre werden. Wollen wir uns ernst aussprechen. Dmitrij Ionytsch, Sie wissen, daß ich mehr als alles im Leben die Kunst liebe, daß ich die Musik vergöttere und ihr mein ganzes Leben geweiht habe. Ich will Künstlerin werden, ich dürste nach Ruhm, nach Erfolgen, nach Freiheit, Sie aber wollen, daß ich auch weiterhin in dieser Stadt lebe und dieses leere, unnütze Leben, das mir unerträglich ist, fortführe. Ich soll heiraten? Oh, nein, entschuldigen Sie! Der Mensch muß nach höheren, glänzenderen Zielen streben, das Familienleben würde mich aber für immer fesseln. Dmitrij Ionytsch (sie lächelte leise, da sein Name sie plötzlich an ›Alexej Feofilaktowitsch‹ erinnerte), Dmitrij Ionytsch, Sie sind ein guter, edler, kluger Mensch, Sie sind besser als alle …« Tränen traten ihr in die Augen. »Ich fühle mit ganzem Herzen mit Ihnen, aber … aber Sie müssen mich verstehen …«
Um nicht in Tränen auszubrechen, wandte sie sich ab und verließ das Zimmer.
Starzews unruhiges Herzklopfen hörte auf einmal auf. Als er wieder auf der Straße war, riß er sich vor allen Dingen die steife Binde herunter und holte tief Atem. Er schämte sich ein wenig, sein Ehrgeiz war verletzt, – er hatte den Korb nicht erwartet, – und er konnte noch nicht glauben, daß alle seine Träume, Gedanken und Hoffnungen ein so dummes Ende genommen haben wie irgendeine alberne Posse in einer Liebhaberaufführung. Sein Gefühl, seine Liebe taten ihm so sehr leid, daß er imstande gewesen wäre, zu weinen oder den Kutscher Pantelejmon aus aller Kraft mit dem Regenschirm auf den breiten Rücken zu hauen.
An die drei Tage konnte er weder arbeiten, noch essen und schlafen; als er aber hörte, daß Jekaterina Iwanowna nach Moskau verreist war, um ins Konservatorium einzutreten, beruhigte er sich und lebte wieder so wie vorher.
Als er sich später manchmal daran erinnerte, wie er auf dem Friedhofe herumgeirrt oder wie er in der ganzen Stadt auf der Suche nach einem Frack herumgelaufen war, reckte er träge seine Glieder und sagte:
»So viele Scherereien …«
IV
Vier Jahre waren vergangen. Starzew hatte schon in der Stadt eine große Praxis. Jeden Morgen empfing er in großer Hast seine Djalischer Patienten und begab sich dann in die Stadt, von wo er erst spät in der Nacht zurückkehrte. Jetzt fuhr er nicht mehr mit einem Paar Pferde, sondern mit einer Troika mit Schellengeläute. Er war dick und behäbig geworden und ging ungern zu Fuß, da er an Atemnot litt. Auch Pantelejmon war dick geworden, und je mehr er in die Breite ging, um so trauriger seufzte und beklagte er sich über sein bitteres Los: das viele Fahren bringe ihn um! Starzew kam in verschiedene Häuser und lernte viele Menschen kennen, wurde aber mit niemand intim. Alle Stadtbewohner ärgerten ihn mit ihren Gesprächen, Lebensanschauungen und selbst mit ihrem Aussehen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß so ein Bürger, solange man mit ihm Karten spielt oder trinkt, ein friedlicher, gutmütiger und sogar gar nicht dummer Mensch ist; kaum versucht man aber mit ihm über etwas, was sich nicht auf das Essen bezieht, über Politik oder Wissenschaft zu sprechen, so ist er auf einmal ganz blöd, oder äußert so stumpfsinnige und gehässige Ansichten, daß nichts anderes übrigbleibt, als ihn stehen zu lassen und wegzugehen. Wenn Starzew mit irgendeinem, sogar liberalen Bürger z. B. darüber zu sprechen versuchte, daß die Menschheit, Gott sei Dank, vorwärts schreite und sich mit der Zeit auch ohne Pässe und Todesstrafe behelfen werde, so schielte ihn der Bürger mißtrauisch an und fragte: »Dann darf also jedermann jeden Menschen auf offener Straße abschlachten?« Und wenn Starzew in Gesellschaft bei einem Abendessen oder Tee sagte, daß alle Menschen arbeiten müssen und daß man ohne Arbeit nicht leben dürfe, so faßte es ein jeder als einen Vorwurf auf und begann zu widersprechen oder wurde böse. Dabei lebten die Bürger absolut müßig und interessierten sich für nichts, so daß man sich unmöglich ausdenken konnte, worüber mit ihnen zu sprechen. Und Starzew mied auch alle Gespräche und beschränkte seinen Verkehr darauf, daß er mit den Leuten trank oder Whist spielte; wenn er irgendwo zu einer Familienfeier geladen war, so aß er schweigend und blickte von seinem Teller nicht auf; alles, was um ihn her gesprochen wurde, war uninteressant, ungerecht und dumm, er spürte Aerger, regte sich auf, aber schwieg. Und weil er immer schwieg und in den Teller blickte, nannten ihn die Leute »aufgeblasener Pollake«, obwohl er mit Polen gar nichts zu tun hatte.
Theater und Konzerte besuchte er nicht, spielte aber dafür jeden Abend mit Hochgenuß drei Stunden Whist. Er hatte noch eine Zerstreuung, die ihm ganz allmählich zu einer Leidenschaft geworden war: allabendlich die durch die Praxis verdienten Banknoten aus den Taschen zusammenzukramen; es kam vor, daß die gelben Einrubelscheine und die grünen Dreirubelscheine, die nach Parfüm, Essig, Weihrauch und Tran rochen, zusammen ganze siebzig Rubel ausmachten. Und wenn er einige Hunderte beisammen hatte, brachte er sie auf die Gesellschaft für gegenseitigen Kredite und ließ sie sich auf sein Konto gutschreiben.
In den vier Jahren seit der Abreise Jekaterina Iwanownas hatte er die Turkins nur zweimal besucht, beide Male auf Einladung Wjera Iossifownas, die noch immer an Migräne litt. Jekaterina Iwanowna kam jeden Sommer zu ihren Eltern auf Besuch, aber es traf sich immer so, daß er sie nicht sah.
Nun waren die vier Jahre um. An einem stillen, warmen Morgen brachte man ihm ins Krankenhaus einen Brief. Wjera Iossifowna schrieb, daß sie sich nach Dmitrij Ionytsch sehne und bat ihn unbedingt zu kommen, um ihre Qualen zu lindern; übrigens habe sie heute Geburtstag. Unten stand die Nachschrift: »Auch ich schließe mich der Bitte Mamas an. K.«
Starzew überlegte sich die Sache und fuhr am Abend zu den Turkins.
»Ich grütze Sie!« empfing ihn Iwan Petrowitsch mit den Augen allein lächelnd. »Bon jour!«
Wjera Iossifowna, die stark gealtert war und graues Haar hatte, drückte Starzew die Hand, seufzte manieriert und sagte:
»Sie wollen mir wohl nicht mehr den Hof machen, denn Sie kommen nicht mehr zu uns. Ich bin wohl zu alt für Sie. Nun ist aber die Junge gekommen, vielleicht wird sie mehr Glück haben.«
Und das Kätzchen? Sie war magerer, bleicher, hübscher und schlanker geworden; aber sie war Jekaterina Iwanowna und kein Kätzchen mehr; die frühere Frische und der kindlich naive Ausdruck waren verschwunden. In den Blicken und den Manieren lag etwas Neues, Aengstliches und Schuldbewußtes, als fühlte sie sich hier bei den Turkins nicht mehr zu Hause.
»Gott, wie lange haben wir uns nicht gesehen!« sagte sie, Starzew die Hand reichend, und er konnte sehen, wie erregt ihr Herz klopfte; sie blickte ihm gespannt und neugierig ins Gesicht und fuhr fort: »Wie voll Sie geworden sind! Sie sind braun und etwas älter geworden, haben sich aber sonst wenig verändert.«
Auch jetzt gefiel sie ihm, gefiel ihm gut, doch etwas fehlte an ihr, oder etwas war an ihr zu viel, – er wußte selbst nicht zu sagen, was es war; aber etwas ließ in ihm nicht mehr die früheren Gefühle aufkommen. Ihm mißfiel ihre Blässe, ihr neuer Ausdruck, das matte Lächeln, die Stimme, und etwas später mißfiel ihm auch schon ihr Kleid, der Sessel, in dem sie saß; auch in der Vergangenheit, als er sie beinahe geheiratet hätte, mißfiel ihm etwas. Er gedachte seiner Liebe, seiner Träume und Hoffnungen, die ihn vor vier Jahren erfüllt hatten, und wurde auf einmal verlegen.
Man trank Tee mit Kuchen. Dann las Wjera Iossifowna einen Roman vor, las von Dingen, die im Leben niemals vorkommen, und Starzew hörte zu, sah ihren grauen schönen Kopf an und wartete, daß sie aufhöre.
– Talentlos – dachte er sich – ist nicht der, der keine Novellen zu schreiben versteht, sondern der, der sie schreibt und es nicht verheimlichen kann.
»Nicht übelhaft,« sagte Iwan Petrowitsch.
Nach der Vorlesung spielte Jekaterina Iwanowna sehr lange und sehr laut Klavier, und als sie fertig war, dankte man ihr und war entzückt über ihr Spiel.
– Es ist doch gut, daß ich sie nicht geheiratet habe, – dachte sich Starzew.
Sie sah ihn an und erwartete offenbar, daß er ihr vorschlagen werde, in den Garten zu gehen, er aber schwieg.
»Nun, wollen wir ein wenig sprechen,« sagte sie, auf ihn zugehend. »Wie leben Sie? Wie geht es Ihnen? Ich habe alle diese Tage an Sie gedacht,« fuhr sie nervös fort, »ich wollte Ihnen schreiben, wollte selbst zu Ihnen nach Djalisch kommen, und wäre auch gekommen, wenn ich es mir nicht überlegt hätte: Gott allein weiß, was Sie von mir jetzt halten. Mit solcher Aufregung habe ich Sie heute erwartet. Um Gottes willen, gehen wir doch in den Garten.«
Sie gingen in den Garten und setzten sich auf die gleiche Bank unter dem alten Ahorn wie vor vier Jahren. Es war finster.
»Nun, wie geht es Ihnen?« fragte Jekaterina Iwanowna.
»Danke, es geht,« antwortete Starzew.
Und er wußte nichts mehr zu sagen. Beide schwiegen.
»Ich bin so aufgeregt,« sagte Jekaterina Iwanowna nach einer Weile und bedeckte das Gesicht mit den Händen: »aber achten Sie darauf nicht. Ich fühle mich so wohl zu Hause, ich bin so froh, alle wiederzusehen und kann mich gar nicht gewöhnen. So viele Erinnerungen! Ich glaubte, daß wir bis morgen früh sprechen würden.«
Jetzt sah er ihr Gesicht und ihre glänzenden Augen in der Nähe, und sie erschien ihm hier im Dunkeln jünger als im Zimmer, und selbst ihr kindlicher Ausdruck von einst war zurückgekehrt. Sie blickte ihn tatsächlich mit naiver Neugier an, als wollte sie sich den Menschen, der sie einst so heiß, so zärtlich und so unglücklich geliebt hatte, näher ansehen und begreifen. Und er erinnerte sich des Vergangenen mit allen Einzelheiten, wie er auf dem Friedhofe herumgeirrt war und wie er dann beim Morgengrauen todmüde nach Hause zurückkehrte, und es wurde ihm plötzlich traurig zumute, und das Vergangene tat ihm leid. In seiner Seele glimmte wieder ein Feuer.
»Erinnern Sie sich noch, wie ich Sie zum Tanzabend im Klub begleitete?« sagte er. »Es regnete und war stockfinster.«
Das Flämmchen lohte immer stärker, und er hatte Lust, zu sprechen und sich über das Leben zu beklagen ....
»Ach ja!« sagte er mit einem Seufzer. »Sie fragten soeben, wie es mir geht. Wie geht es uns hier allen? Wir werden alt, fett und sinken immer tiefer. Ein Tag ist wie der andere, das Leben vergeht farblos, ohne Eindrücke, ohne Gedanken … Bei Tage verdiene ich Geld, und abends sitze ich im Klub in Gesellschaft von Spielern und Alkoholikern, die ich nicht leiden kann. Es ist gar nicht schön.«
»Aber Sie haben Ihre Arbeit, ein edles Lebensziel. Sie sprachen einst mit solcher Liebe von Ihrem Krankenhaus. Ich war damals so eigen, bildete mir ein, eine hervorragende Pianistin zu sein. Alle jungen Mädchen spielen heute Klavier, und ich spielte ebenso wie die anderen, durchaus nicht hervorragend; ich bin als Pianistin dasselbe, was meine Mama als Dichterin ist. Natürlich hatte ich Sie damals nicht verstanden, aber später, in Moskau dachte ich oft an Sie. Ich dachte überhaupt nur an Sie. Was für ein Glück ist es, Landarzt zu sein und dem leidenden Volke zu dienen! Was für ein Glück!« wiederholte Jekaterina Iwanowna mit Begeisterung. »Als ich an Sie in Moskau dachte, erschienen Sie mir als ein idealer, erhabener Mensch …«
Starzew mußte an die Banknoten denken, die er jeden Abend mit solchem Genuß aus seinen Taschen zusammenkramte, und das Flämmchen in seiner Seele erlosch.
Er stand auf, um ins Haus zu gehen. Sie nahm seinen Arm.
»Sie sind der Beste von allen Menschen, die mir im Leben begegnet sind,« fuhr sie fort. »Wir werden uns jetzt öfter sehen und sprechen, nicht wahr? Versprechen Sie es mir. Ich bin keine Pianistin, ich bilde mir nichts mehr ein, und werde in Ihrer Anwesenheit weder spielen noch von Musik sprechen.«
Als sie ins Haus kamen und Starzew bei Abendbeleuchtung ihr Gesicht und ihre traurigem, dankbaren, fragenden Augen, die sie auf ihn gerichtet hielt, sah, empfand er eine gewisse Unruhe und sagte sich wieder:
– Es ist doch gut, daß ich sie damals nicht geheiratet habe. –
Er begann Abschied zu nehmen.
»Sie haben gar kein römisches Recht, vor dem Abendessen wegzugehen,« sagte Iwan Petrowitsch, ihn hinausbegleitend. »Das ist von Ihrer Seite höchst unpopulär. Nun, produziere dich!« wandte er sich im Vorzimmer an Pawa.
Pawa, der kein Junge mehr, sondern ein junger Mann mit einem Schnurrbart war, stellte sich in Positur, hob eine Hand und sprach mit tragischer Stimme:
»Stirb, Unselige!«
All das ärgerte Starzew. Als er sich in den Wagen setzte und auf das dunkle Haus und den Garten zurückblickte, die ihm einst so lieb gewesen, kam ihm wieder alles in den Sinn: die Romane Wjera Iossifownas, das laute Klavierspiel des Kätzchens, die Witze Iwan Petrowitschs, die tragische Positur Pawas, und er sagte sich, was das doch für eine traurige Stadt sein müsse, wo die talentiertesten Menschen so furchtbar talentlos seien.
Nach drei Tagen brachte ihm Pawa einen Brief von Jekaterina Iwanowna.
»Sie kommen nicht mehr zu uns. Warum?« schrieb sie ihm: »Ich fürchte, daß Ihr Verhältnis zu uns sich geändert hat, ich fürchte es, und vor diesem Gedanken ist es mir ganz bange zumute. Beruhigen Sie mich, kommen Sie zu uns und sagen Sie mir, daß alles gut ist.
Ich muß Sie sprechen.
Ihre J. T.«
Er las den Brief, überlegte sich eine Weile und sagte zu Pawa:
»Sag ihr, mein Bester, daß ich heute beschäftigt bin und nicht kommen kann. Sag, daß ich so in drei Tagen kommen werde.«
Es vergingen aber drei Tage, und acht Tage, und er ließ sich nicht blicken. Als er einmal am Hause der Turkins vorbeifuhr, fiel ihm ein, daß er doch eigentlich für ein paar Minuten hineinschauen sollte, – das dachte er sich und ging doch nicht hin.
Und er kam nie wieder zu den Turkins.
Es sind noch einige Jahre vergangen. Starzew ist noch dicker und fetter geworden, atmet schwer und wirft im Gehen den Kopf in den Nacken zurück. Wenn er, aufgedunsen und rot in seiner Troika mit dem Schellengeläute fährt und Pantelejmon, der ebenso dick und rot geworden ist und einen fleischigen Nacken hat, auf dem Bocke sitzt, die Arme so gerade, wie wenn sie aus Holz wären, vor sich ausgestreckt, und die Leute auf der Straße anschreit: »Rechts!«, – so ist das Bild so imposant, als ob kein Mensch, sondern ein Götze im Wagen säße. Er hat in der Stadt eine riesengroße Praxis, die ihm keinen Augenblick freie Zeit läßt, besitzt ein Gut und zwei Häuser in der Stadt und ist eben im Begriff, ein drittes Haus möglichst vorteilhaft zu kaufen. Wenn er in der »Gesellschaft für gegenseitigen Kredit« von einem Hause hört, das zum Verkaufe steht, so begibt er sich in dieses Haus, geht ungeniert durch alle Zimmer, ohne auf die nicht angekleideten Frauen und Kinder, die ihn mit Erstaunen und Angst angaffen, zu achten, tippt mit dem Spazierstock an alle Türen und fragt:
»Ist hier das Kabinett? Hier das Schlafzimmer? Und was ist hier?«
Dabei atmet er schwer und wischt sich den Schweiß aus der Stirn.
Er hat furchtbar viel zu tun, und doch gibt er die Landarztstelle nicht auf; so gierig ist er und will ja keinen Pfennig verlieren. In Djalisch und in der Stadt nennt man ihn jetzt ganz kurz »Ionytsch«. – »Wo fährt der Ionytsch hin?« oder: »Soll man nicht den Ionytsch zum Konsilium rufen?«
Seine Stimme hat sich verändert und ist hoch und schneidend geworden, wohl weil seine Kehle verfettet ist. Auch sein Charakter hat sich verändert: er ist unverträglich und reizbar. Wenn er seine Kranken empfängt, klopft er ungeduldig mit dem Stock gegen den Boden und schreit mit böser widerlicher Stimme:
»Wollen Sie nur meine Fragen beantworten! Keine überflüssigen Gespräche!«
Er ist einsam. Sein Leben ist langweilig, und er hat für nichts Interesse.
Wahrend der ganzen Zeit, seit er in Djalisch wohnt, war seine Liebe zum Kätzchen seine einzige und wohl auch seine letzte Freude gewesen. Abends spielt er im Klub Whist und ißt dann allein am großen Tisch zu Abend. Ihn bedient der älteste und geachtetste Kellner Iwan; er trinkt den Lafitte Nr. 17; die Vorsteher des Klubs, der Koch und der Kellner, alle wissen genau, was er liebt, und was er nicht liebt, und bemühen sich, ihn nach Möglichkeit zufriedenzustellen, damit er nicht auffährt und mit dem Stock gegen den Boden klopft.
Beim Abendessen wendet er sich manchmal um und mischt sich in ein fremdes Gespräch ein:
»Von wem sprachen Sie eben? Wie?«
Und wenn mal an einem der Nebentische die Rede auf die Turkins kommt, so fragt er:
»Was für Turkins meinen Sie? Die, wo die Tochter Klavier spielt?«
Das ist alles, was man über ihn berichten kann.
Und die Turkins? Iwan Petrowitsch ist gar nicht gealtert, hat sich nicht verändert und macht noch immer seine Witze; Wjera Iossifowna liest den Gästen nach wie vor in aller Herzenseinfalt ihre Romane vor. Und das Kätzchen spielt täglich an die vier Stunden Klavier. Sie ist sichtlich älter geworden, kränkelt und geht jeden Herbst mit der Mutter nach der Krim. Iwan Petrowitsch gibt ihnen das Geleite, und wenn der Zug sich in Bewegung setzt, wischt er sich die Tränen aus den Augen und ruft:
»Leben Sie sowohl, als auch!«
Und winkt mit dem Taschentuch.
In der Osternacht
Ich stand am Ufer der Goltwa und wartete auf die Fähre. Zur gewöhnlichen Zeit stellt diese Goltwa ein mittelgroßes, schweigsames und versonnenes Flüßchen dar, das mild durch das dichte Schilf leuchtet; jetzt breitete sich aber vor mir ein ganzer See aus. Die unbändigen Frühlingsgewässer hatten die beiden Ufer überschritten und die Gemüsegärten, Wiesen und Sümpfe überschwemmt, so daß aus der Wasseroberfläche hie und da einsame Pappeln und Sträucher ragten, die im Finstern düsteren Felsen glichen.
Das Wetter erschien mir herrlich. Es war dunkel, aber ich unterschied dennoch die Bäume, das Wasser und die Menschen … Die Welt wurde von den Sternen erleuchtet, von denen der Himmel dicht übersät war. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Sterne gesehen zu haben. Es war buchstäblich kein Fleck, wo man mit dem Finger hintippen könnte. Die einen waren so groß wie Gänseeier, die anderen winzig wie Hanfsamen… Der Feiertagsparade wegen waren sie alle von klein bis groß auf den Himmel getreten, gewaschen, erneut, freudig, und alle bewegten still ihre Strahlen. Der Himmel spiegelte sich im Wasser; die Sterne badeten in der dunklen Tiefe und zitterten mit dem leisen Gekräusel der Wasseroberfläche. Die Luft war warm und still … Weit am anderen Ufer brannten in der schwarzen Finsternis vereinzelte grellrote Feuer…
Zwei Schritt vor mir ragte die dunkle Silhouette eines Bauern in hohem Hut, mit einem dicken Knotenstock in der Hand.
»So lange kommt die Fähre nicht!« sagte ich.
»Es wäre längst Zeit für sie,« antwortete die Silhouette.
»Wartest du auch auf die Fähre?«
»Nein, ich stehe nur so da,« antwortete der Bauer gähnend. »Ich warte auf die Illumination. Ich würde schon hinüberfahren, aber mir fehlen die fünf Kopeken für die Fähre.«
»Ich will dir die fünf Kopeken geben.«
»Nein, ich danke ergebenst… Für diese fünf Kopeken kannst du für mich dort im Kloster eine Kerze spenden… So wird es besser sein, ich will hier bleiben. Wo nur die Fähre bleibt! Es ist von ihr nichts zu sehen!«
Der Bauer trat dicht ans Wasser, ergriff mit der Hand das Seil und schrie:
»Jeronim! Jeron–i–im!«
Als Antwort auf seinen Ruf ertönte vom anderen Ufer der gedehnte Schlag einer großen Glocke. Der Ton war tief wie der der dicksten Saite einer Baßgeige: es klang, als ob er von der Dunkelheit selbst erzeugt wäre. Gleich darauf ertönte ein Kanonenschuß. Er rollte durch die Dunkelheit und erstarb irgendwo weit hinter meinem Rücken. Der Bauer zog den Hut und bekreuzigte sich.
»Christ ist erstanden!« sagte er.
Die Schwingungen des ersten Glockenschlages waren noch nicht erstorben, als schon ein zweiter, dann ein dritter ertönte und die Dunkelheit sich mit einem ununterbrochenen zitternden Dröhnen füllte. Neben den roten Feuern leuchteten andere Feuer auf, und alle gerieten in eine unruhige Bewegung.
»Jeron–i–im!« ertönte ein dumpfer, gedehnter Schrei.
»Da schreit wer vom anderen Ufer,« sagte der Bauer. »Also ist die Fähre auch nicht drüben. Unser Jeronim ist eingeschlafen.«
Die Feuer und das samtweiche Glockengeläute lockten hinüber. Ich fing schon an, die Geduld zu verlieren und unruhig zu werden, als in der dunklen Ferne etwas wie die Silhouette eines Galgens auftauchte. Es war die längst ersehnte Fähre. Sie bewegte sich so langsam, daß, wenn ihre Umrisse nicht immer deutlicher hervorträten, man annehmen könnte, sie stehe auf einem Feld oder fahre ans andre Ufer.
»Schneller! Jeronim!« schrie mein Bauer. »Der Herr wartet!«
Die Fähre kam langsam ans Ufer, schwankte und blieb knarrend stehen. Auf ihr stand, sich am Seil festhaltend, ein großgewachsener Mensch in einer Mönchskutte, mit einem konischen Käppchen auf dem Kopfe.
»Warum so lange?« fragte ich, auf die Fähre springend.
»Verzeihen Sie, um Christi willen,« antwortete Jeronim leise. »Ist sonst niemand da?«
»Nein, niemand…«
Jeronim ergriff mit beiden Händen das Seil, krümmte sich zu einem Fragezeichen und hüstelte. Die Fähre knarrte und schwankte. Die Silhouette des Bauern im hohen Hut fing an, sich von mir langsam zu entfernen – die Fähre war also in Bewegung, Jeronim richtete sich bald auf und fing an, mit nur einer Hand zu arbeiten. Wir schwiegen und sahen aufs Ufer, zu dem wir fuhren. Dort begann schon die Illumination, auf die der Bauer wartete. Dicht am Wasser loderten Pechfässer. Ihre Spiegelungen, trübrot, wie der aufgehende Mond, glitten als lange breite Streifen uns entgegen. Die brennenden Fässer beleuchteten ihren eigenen Rauch und die langen Menschenschatten, die sich um das Feuer bewegten; aber seitwärts und hinter ihnen, von wo das samtweiche Läuten tönte, war noch immer die gleiche schwarze Finsternis. Plötzlich flog, die Finsternis durchschneidend, als goldenes Band eine Rakete empor; sie beschrieb einen Bogen, zerschellte gleichsam am Himmel und zerstob knatternd zu Funken. Vom Ufer her tönte ein dumpfer Lärm, der wie ein fernes Hurrageschrei klang.
»Wie schön!« sagte ich.
»Es läßt sich gar nicht sagen, wie schön es ist!« sagte Jeronim und seufzte. »Diese Nacht, Herr! Zu einer anderen Zeit achtet man gar nicht auf so eine Rakete, heute freut man sich aber über jede Dummheit. Woher sind Sie, Herr?«
Ich sagte es ihm.
»So, so… ein freudiger Tag ist heute…« fuhr Jeronim mit schwacher, seufzender Tenorstimme fort, mit der genesende Kranke zu sprechen pflegen. »Himmel und Erde und die Unterwelt freuen sich. Die ganze Kreatur jubelt. Sagen Sie mir nur, lieber Herr: warum kann der Mensch auch bei großer Freude seinen Schmerz nicht vergessen?«
Ich glaubte, daß er mich mit dieser unerwarteten Frage zu einem der unendlichen, frommen Gespräche herausforderte, die die müßigen und sich langweilenden Mönche so lieben. Ich war nicht in der Stimmung, um viel zu sprechen, und fragte bloß:
»Was haben Sie denn für Schmerzen, Bruder?«
»Gewöhnliche Schmerzen, wie alle Menschen, Euer Wohlgeboren, lieber Herr, aber heute haben wir im Kloster einen besonderen Schmerz gehabt: während der Messe mitten in der Bibelvorlesung ist der Hierodiakon Nikolai gestorben…«
»Nun, es ist Gottes Wille!« sagte ich, indem ich mich bemühte, mich dem mönchischen Ton anzupassen. »Alle müssen sterben. Ich meine, Sie müßten sich sogar freuen … Man sagt doch, daß einer, der vor Ostern oder am Ostertage gestorben ist, ganz sicher ins Himmelreich kommt.«
»Das stimmt.«
Wir verstummten. Die Silhouette des Bauern im hohen Hut hatte sich in den Umrissen des Ufers aufgelöst. Die Pechfässer loderten immer stärker.
»Auch die Schrift und die Überlegung weisen auf die Nichtigkeit der Trauer hin,« unterbrach Jeronim das Schweigen. »Warum trauert aber die Seele und will auf die Vernunft nicht hören? Warum möchte man bitter weinen?«
Jeronim zuckte die Achseln, wandte sich zu mir um und sagte schnell:
»Wenn ich, oder wer anderes stirbt, so wird man es vielleicht gar nicht merken; aber es ist Nikolai! Niemand anderes als Nikolai! Es ist sogar schwer zu glauben, daß er nicht mehr auf der Welt ist! Ich stehe hier auf der Fähre, und es ist mir immer, als würde ich gleich seine Stimme vom anderen Ufer hören. Damit ich mich allein auf der Fähre nicht fürchte, pflegte er immer ans Ufer zu kommen und mich zu rufen. Dazu stand er eigens vom Bette auf. Die gute Seele! Mein Gott, was für eine gute und barmherzige Seele! Manche Mutter ist nicht so, wie dieser Nikolai zu mir war! Herr, rette seine Seele!«
Jeronim ergriff das Seil, wandte sich aber gleich wieder zu mir um.
»Euer Wohlgeboren, und was für ein heller Geist!« sagte er mit singender Stimme. »Was für eine wohltönende und süße Sprache! So süß, wie man jetzt gleich bei der Ostermesse singen wird: ›Oh, deine freundliche und süße Stimme!‹ Außer allen anderen menschlichen Eigenschaften hatte er auch noch eine ungewöhnliche Gabe!« »Was für eine Gabe?« fragte ich.
Der Mönch sah mich an, als wollte er sich überzeugen, ob man mir ein Geheimnis anvertrauen dürfe, und lachte lustig auf.
»Er hatte die Gabe, Akathiste Siehe Anmerkung Seite 130. zu schreiben … « sagte er. »Ein wahres Wunder, lieber Herr! Sie werden staunen, wenn ich es Ihnen erkläre! Unser Archimandrit stammt aus Moskau, der Vikar hat die Kasaner Geistliche Akademie absolviert, wir haben manchen klugen Hieromonachen und Starez, doch es ist keiner darunter, der zu schreiben verstünde. Aber Nikolai, der einfache Mönch und Hierodiakon, der nirgends studiert hat und dem man es gar nicht ansah, verstand zu schreiben! Ein Wunder! Ein wahres Wunder!«
Jeronim schlug die Hände zusammen und fuhr begeistert fort, ohne sich mehr um das Seil zu kümmern:
»Der Vikar hat große Schwierigkeiten, wenn er eine Predigt verfassen soll; als er die Geschichte des Klosters schrieb, hat er die ganze Bruderschaft müde gehetzt und ist selbst an die zehnmal in die Stadt gefahren. Nikolai schrieb aber Akathiste! Akathiste! Das ist doch etwas ganz anderes als eine Predigt oder eine Geschichte!«
»Ist es denn schwer, Akathiste zu schreiben?« fragte ich.
»Sehr schwer …« antwortete Jeronim und schüttelte den Kopf. »Hier kann man mit Heiligkeit und Weisheit nichts ausrichten, wenn Gott einem die Gabe versagt hat. Mönche, die es nicht verstehen, meinen, man brauche dabei nur gut das Leben des Heiligen zu kennen, dem der Akathistos gewidmet ist, und sich nach den anderen Akathisten zu richten. Aber das ist falsch, Herr. Wer einen Akathistos schreibt, muß allerdings das Leben des Heiligen sehr genau mit allen Einzelheiten kennen. Er muß sich auch nach den anderen Akathisten richten: wie sie anfangen und wie sie geschrieben sind. Beispielsweise beginnt der erste Abschnitt immer mit dem Worte ›Erwählt‹ oder ›Auserwählt‹ … Der erste Lobgesang beginnt immer mit einem ›Engel‹. Der Akathistos an den süßesten Jesus beginnt, wenn es Sie interessiert, so: ›Der Engel Schöpfer und der Heerscharen Herr‹; der Akathistos an die Allerheiligste Muttergottes: ›Der Engel ward vom Himmel gesandt‹; an Nikolai den Wundertäter: ›Engel an Gestalt und irdisch als Geschöpf‹ usw. Immer fängt es mit dem Engel an. Natürlich muß man sich danach richten, das Wichtigste ist aber nicht die Lebensgeschichte des Heiligen und nicht die Übereinstimmung mit den anderen, sondern die Schönheit und Süße. Alles muß glatt, kurz und ausführlich sein. In jeder Zeile muß eine Zartheit, Freundlichkeit und Milde liegen, es darf kein einziges hartes, rohes oder unpassendes Wort vorkommen. Man muß es so schreiben, daß der Betende in seinem Herzen frohlocke und meine, daß sein Geist erbebe und erschauere. Im Akathistos an die Muttergottes kommen die Worte vor: ›Freue dich, du von menschlichen Gedanken unerreichbare Höhe! Freue dich, du auch für Engelsaugen unsichtbare Tiefe!‹ An einer anderen Stelle des gleichen Akathistos heißt es: ›Freue dich, du hellfrüchtiger Baum, von dem sich die Gläubigen nähren, freue dich, du schönlaubschattender Baum, unter dem viele Schutz finden!‹«
Jeronim bedeckte wie beschämt oder erschrocken das Gesicht mit den Händen und schüttelte den Kopf.
»Hellfrüchtiger Baum … schönlaubschattender Baum …« murmelte er. »Wie findet man nur solche Worte! Gibt doch Gott einem diese Gabe! Der Kürze wegen verdichtet er viele Worte und Gedanken zu einem einzigen Wort, und wie schön und ausführlich es ihm gerät! ›Lichtspendende Leuchte‹ heißt es im Akathistos an den süßesten Jesus. Lichtspendend! Dieses Wort gibt es weder im Gespräch, noch in den Büchern, er hat es aber erdacht und in seinem Geiste gefunden! Außer daß es glatt und reich klingt, muß jede Zeile auch noch auf jede mögliche Weise ausgeschmückt sein, es müssen Blumen darin sein, der Blitz, der Wind, die Sonne und alle Gegenstände der sichtbaren Welt. Jede Anrufung muß so abgefaßt sein, daß sie glatt und für das Ohr wohltuend sei. ›Freue dich, du Lilie paradiesischen Wachstums!‹ heißt es im Akathistos an Nikolai den Wundertäter. Es heißt nicht einfach: ›Paradiesische Lilie‹, sondern ›Lilie paradiesischen Wachstums!‹ So ist es glatter und für das Ohr süßer, so schrieb eben Nikolai. Genau so! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie er schrieb!«
»Ja, in diesem Falle ist es wirklich schade, daß er gestorben ist,« sagte ich. »Wollen wir aber fahren, Bruder, sonst kommen wir zu spät …«
Jeronim kam zu Besinnung und lief zum Seil. Am Ufer läuteten schon alle Glocken. Um das Kloster herum ging wohl schon die Prozession, denn der ganze dunkle Raum hinter den Fässern war voller Lichter, die sich bewegten.
»Hat Nikolai seine Akathiste gedruckt?« fragte ich Jeronim.
»Wer dachte ans Drucken?« sagte er seufzend. »Es wäre auch sonderbar, sie zu drucken. Wozu auch? Bei uns im Kloster interessiert sich niemand dafür. Man liebt es nicht. Man wußte wohl, daß Nikolai Akathiste schrieb, schenkte aber dem keine Beachtung. Heute schätzt niemand die neueren Dichtungen dieser Art!«
»Man hat Vorurteile gegen sie?«
»Gewiß. Wäre Nikolai ein Starez, so hätten sich die Brüder vielleicht doch interessiert, er war aber noch nicht vierzig Jahre alt. Manche lachten sogar darüber und hielten sein Schreiben für eine Sünde.«
»Wozu schrieb er dann?«
»So, eigentlich nur zu seinem eigenen Trost. Von allen Brüdern las nur ich allein seine Akathiste. Ich pflegte zu ihm heimlich zu kommen, damit es die anderen nicht sehen, er aber freute sich, daß ich mich dafür interessierte. Er umarmte mich, streichelte mir den Kopf und sprach zu mir freundliche Worte wie zu einem kleinen Kind. Er schloß die Türe zu, setzte mich neben sich und fing zu lesen an …«
Jeronim ließ das Seil und ging wieder auf mich zu.
»Wir waren wie Freunde,« flüsterte er, mich mit strahlenden Augen ansehend. »Wir waren immer zusammen. Wenn ich nicht bei ihm war, grämte er sich. Er liebte mich auch mehr als alle, weil ich über seine Akathiste weinte. Wenn ich daran denke, bin ich ganz gerührt. Jetzt bin ich wie eine Waise oder Witwe. Wissen Sie, wir haben im Kloster lauter brave, gute, fromme Menschen, aber … in keinem ist Weichheit oder Zartgefühl, sie sind wie aus einfachem Stande. Sie sprechen alle laut; wenn sie gehen, stampfen sie mit den Füßen, sie lärmen und husten; Nikolai sprach aber immer leise und sanft, und wenn er sah, daß jemand schlief oder betete, so ging er so leise vorbei wie eine Fliege oder eine Mücke. Auch sein Gesicht war so zart und mitleidsvoll…«
Jeronim seufzte tief auf und ergriff das Seil. Wir näherten uns schon dem Ufer. Aus der Dunkelheit und der Stille des Flusses kamen wir allmählich in ein Zauberreich voll erstickendem Rauch, zitterndem Licht und Lärm. Neben den Pechfässern konnte man schon deutlich die sich bewegenden Menschen unterscheiden. Das flackernde Licht verlieh den roten Gesichtern und Gestalten einen seltsamen, beinahe phantastischen Ausdruck. Zwischen den Köpfen und Gesichtern waren hie und da Pferdeköpfe zu sehen, unbeweglich, wie aus rotem Kupfer gegossen.
»Gleich wird man den Osterkanon singen…« sagte Jeronim. »Nikolai ist aber tot, und es ist niemand da, der mit Andacht zuhören könnte … Für ihn gab es nichts Süßeres als diesen Kanon. Er pflegte in jedes Wort einzudringen! Sie werden ja dort sein, Herr, lauschen sie andächtig dem Gesange: es stockt einem dabei der Atem!«
»Werden Sie denn nicht in der Kirche sein?«
»Ich darf nicht… Ich muß auf der Fähre bleiben…«
»Werden Sie denn nicht abgelöst?«
»Ich weiß nicht … Man hätte mich schon um neun Uhr ablösen sollen, hat mich aber, wie sie sehen, nicht abgelöst! Die Wahrheit zu sagen, möchte ich zu gern in die Kirche…«
»Sind Sie Mönch?«
»Ja… d. h. Laienbruder.«
Die Fähre stieß ans Land und hielt. Ich drückte Jeronim fünf Kopeken für die Überfahrt in die Hand und sprang aufs Ufer. Im gleichen Augenblick fuhr ein knarrender Bauernwagen mit einem Jungen und einer schlafenden Frau auf die Fähre. Jeronim ergriff, von den Feuern rötlich beleuchtet, das Seil, krümmte sich und brachte die Fähre in Bewegung....
Ich machte einige Schritte durch den Schmutz, kam aber dann auf einen weichen, neu eingetretenen Fußpfad. Dieser Pfad führte mich durch die Rauchwolken, durch die unordentliche Menge von Menschen, ausgespannten Pferden und Wagen zum Klostertore, das wie ein dunkles Loch aussah. Alles knarrte, schnaubte und lachte, auf allem lag ein blutroter Lichtschein und huschten Schatten der Rauchwolken… Ein wahres Chaos! In diesem Gedränge fand man noch Platz, um eine kleine Kanone zu laden und Pfefferkuchen feilzubieten!
Innerhalb der Klostermauer ging es nicht weniger lebhaft zu, aber hier herrschte doch mehr Ordnung. Hier roch es nach Wacholder und Weihrauch. Man sprach ebenso laut, lachte aber nicht. Zwischen den Grabsteinen und Kreuzen drängten sich Menschen mit Bündeln und Osterkuchen. Viele von ihnen waren offenbar von weit hergekommen, um sich die Osterkuchen weihen zu lassen, und waren ermüdet. Über die gußeisernen Platten, die einen Steg vom Tore bis zur Kirchentüre bildeten, liefen geschäftig, mit den Absätzen klopfend, die jungen Laienbrüder. Auch auf dem Glockenturme ging es geräuschvoll zu.
– Was für eine unruhige Nacht! – dachte ich mir. – Wie schön! –
Ich sah die Unruhe und Schlaflosigkeit in der ganzen Natur, von der nächtlichen Finsternis angefangen bis zu den Eisenplatten, Grabkreuzen und Bäumen, unter denen sich die Menschen bewegten. Die Aufregung und Unruhe äußerten sich aber nirgends so stark wie in der Kirche selbst. Im Portal ging ein ununterbrochener Kampf zwischen Flut und Ebbe vor sich. Die einen kommen, die anderen gehen und kehren bald wieder zurück, um eine Weile ruhig zu stehen und dann wieder hinauszugehen. Die Menschen schlendern von Ort zu Ort, als suchten sie etwas. Vom Eingang her kommen Wellen, die durch die ganze Kirche laufen und sogar die vordersten Reihen berühren, wo die soliden und schwerfälligen Menschen stehen. Von andächtigem Beten kann hier nicht die Rede sein. Es ist auch kein Beten, sondern eine einzige, kindliche unbewußte Freude, die nach einem Vorwand sucht, um sich auszuleben und in irgendeiner Bewegung zu äußern, und sei es auch in dem sinnlosen Herumschlendern und Herumstoßen.
Dieselbe ungewöhnliche Beweglichkeit fällt auch am Ostergottesdienst selbst auf. Die Altarpforten aller Kapellen stehen offen, um den Deckenleuchter herum schweben dichte Weihrauchwolken, wo man auch hinblickt, überall ist ein Leuchten, Glänzen, das Knistern von Kerzen… Bei diesem Gottesdienste wird nichts vorgelesen; das unruhige, freudige Singen dauert ununterbrochen bis zum Schluß; nach jedem einzelnen Gesang wechseln die Geistlichen die Gewänder und schwingen aufs neue die Weihrauchfässer, und das wiederholt sich alle zehn Minuten.
Kaum hatte ich mich hingestellt, als von vorn eine Welle kam und mich zurückwarf. Vor mir ging ein großer, stämmiger Diakon mit einer langen roten Kerze in der Hand vorbei; ihm folgte mit dem Weihrauchfaß in der Hand der grauhaarige Archimandrit mit einer goldenen Mithra auf dem Kopfe. Als sie den Blicken entschwunden waren, schob mich die Menge auf meinen früheren Platz zurück. Es vergingen aber keine zehn Minuten, als eine neue Welle kam und wieder der Diakon erschien. Diesmal folgte ihm der Vikar, derselbe, der nach Jeronims Worten die Geschichte des Klosters schrieb.
Ich war mit der ganzen Menge eins geworden und von der allgemeinen freudigen Erregung angesteckt, fühlte aber zugleich schmerzvolles Mitleid mit Jeronim. Warum wird er nicht abgelöst? Warum schickt man nicht auf die Fähre einen anderen, weniger gefühlvollen und empfänglichen Menschen?
»Hebe deine Augen, Zion, und schau…« sang der Chor: »denn deine Kinder sind zu dir wie göttliche Gestirne gekommen, vom Abend und von Mitternacht, vom Meere und vom Morgen.«
Ich sah mir die Gesichter an. Alle drückten einen Jubel aus; aber kein Mensch suchte in die Worte dessen, was gesungen wurde, einzudringen, keinem »stockte der Atem«. Warum löste man Jeronim nicht ab? Ich stellte ihn mir vor, wie er bescheiden und gebückt an einer Mauer steht und die Schönheit der heiligen Worte gierig auffängt. Alles, was an den Ohren der um mich stehenden Menschen vorbeiglitt, hätte er gierig mit seiner empfänglichen Seele getrunken; er hätte sich daran berauscht, so daß ihm der Atem stockte, und es gäbe in der ganzen Kirche keinen glücklicheren Menschen als ihn. Er aber fuhr auf dem dunklen Flusse hin uns her und beweinte seinen verstorbenen Bruder und Freund.
Von hinten kam eine Welle. Ein wohlbeleibter, lächelnder Mönch drängte sich, mit dem Rosenkranz spielend und immer zurückblickend, an mir vorbei und bahnte den Weg einer Dame in Hut und Samtmantel. Der Dame folgte, über unseren Köpfen einen Stuhl tragend, ein Klosterdiener.
Ich verließ die Kirche. Ich wollte den toten Nikolai, den unbekannten Dichter der Akathiste sehen. Ich ging längs der Mauer mit den Zellen, blickte in mehrere Fenster hinein, sah aber nichts und kehrte zurück. Jetzt bedaure ich nicht, daß ich Nikolai nicht gesehen habe; Gott weiß, vielleicht wäre, wenn ich ihn gesehen hätte, das Bild erloschen, das mir meine Phantasie malt. Diesen sympathischen, poetischen Menschen, der nachts aufzustehen pflegte, um zu Jeronim hinüberzurufen, und der in seine Akathiste Blumen, Sterne und Sonnenstrahlen streute, den unverstandenen und einsamen Menschen stelle ich mir blaß und schüchtern, mit weichen, sanften und traurigen Gesichtszügen vor. In seinen Augen muß neben Klugheit auch noch die Liebe leuchten, jene kaum zurückgehaltene, kindliche Verzückung, die ich in der Stimme Jeronims hörte, als er mir die Bruchstücke aus den Akathisten zitierte.
Als wir nach der Messe die Kirche verließen, war die Nacht schon zu Ende. Der Morgen brach an. Die Sterne waren erloschen, und der Himmel war graublau und trüb. Die Eisenplatten, Grabdenkmäler und die Knospen an den Bäumen waren von Tau bedeckt. Die Morgenluft war scharf und frisch. Hinter der Klostermauer herrschte nicht mehr das Leben, das ich nachts gesehen hatte. Die Pferde und die Menschen schienen müde und schläfrig und bewegten sich kaum; von den Pechfässern waren aber nur Häufchen schwarzer Asche übriggeblieben. Wenn der Mensch müde ist und schlafen will, so scheint es ihm, daß auch die Natur das gleiche empfinde. Mir kam es vor, als ob die Bäume und das junge Gras schliefen. Als läuteten die Glocken nicht mehr so laut und freudig wie in der Nacht. Die Unruhe hatte sich gelegt, und von der Erregung war nur eine angenehme Mattigkeit, die Sehnsucht nach dem Schlafe und der Wärme zurückgeblieben.
Jetzt konnte ich schon den Fluß mit den beiden Ufern unterscheiden. Über ihn zog hie und da leichter Nebel. Das Wasser atmete Kälte und Strenge. Als ich auf die Fähre kam, standen auf ihr schon ein Wagen und an die zwanzig Männer und Weiber. Das feuchte, und wie mir schien, schläfrige Seil spannte sich weit über den breiten Fluß und verschwand stellenweise im weißen Nebel.
»Christ ist erstanden! Ist sonst niemand da?« fragte eine leise Stimme.
Ich erkannte die Stimme Jeronims. Das nächtliche Dunkel hinderte mich nicht mehr, das Gesicht des Mönches zu sehen. Er war ein großgewachsener Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit schmalen Schultern, rundlichen Gesichtszügen, halbgeschlossenen, träge um sich blickenden Augen und einem ungekämmten keilförmigen Bärtchen. Er sah ungewöhnlich traurig und müde aus.
»Hat man Sie noch nicht abgelöst?« fragte ich erstaunt.
»Mich?« sagte er, sein erfrorenes, taubedecktes Gesicht zu mir umwendend und lächelnd. »Jetzt wird mich bis zum Morgen niemand mehr ablösen. Alle gehen zum P. Archimandriten zu Tisch.«
Er und ein Bäuerlein in einer roten Fellmütze, die an das Gefäß aus Lindenrinde erinnerte, in dem man Honig verkauft, stemmten sich gegen das Seil, räusperten sich, und die Fähre geriet in Bewegung.
Wir fuhren, unterwegs den träge aufsteigenden Nebel verscheuchend. Alle schwiegen. Jeronim arbeitete mechanisch mit nur einer Hand. Er betrachtete uns lange mit seinen sanften, trüben Augen und heftete dann den Blick auf das rosige, schwarzbrauige Gesicht einer jungen Kaufmannsfrau, die auf der Fähre schweigend neben mir stand und vor dem sie umfangenden Nebel zitterte. Während der ganzen Fahrt riß er von ihr den Blick nicht mehr los.
In diesem unverwandten Blick lag wenig Männliches. Mir scheint, daß Jeronim im Gesicht dieser Frau die weichen und zarten Züge eines verstorbenen Freundes suchte.
Tsss! . . .
Iwan Jegorowitsch Krasnuchin, ein Journalist mittleren Ranges, kehrt spät in der Nacht heim, ernst und ungewöhnlich konzentriert. Er sieht aus, als erwarte er eine Haussuchung oder als gehe er mit Selbstmordgedanken um. Nachdem er in seinem Zimmer eine Zeitlang auf und abgegangen, bleibt er stehen, wühlt sein Haar auf und spricht im Tone des Laertes, der seine Schwester rächen will:
»Zerschlagen, müde an Leib und Seele, auf dem Herzen drückender Trübsinn, und mußt Dich dennoch hinsetzen und schreiben! Und das nennt man Leben?! Warum hat noch niemand den qualvollen Zwiespalt beschrieben, der einen Schriftsteller martert, wenn er traurig ist und dennoch die Menge amüsieren muß, oder wenn er lustig ist und auf Bestellung Thränen vergießen muß? Ich muß pikant, gleichgiltig-kühl, geistreich sein, aber stellen Sie sich vor, daß mich der Kummer drückt, oder daß ich, wollen wir sagen, krank bin, daß mein Kind mir stirbt, meine Frau niederkommt!«
Er spricht das alles, indem er die Fäuste ballt und die Augen rollen läßt . . . dann geht er ins Schlafzimmer und weckt seine Frau.
»Nadja«, sagt er, »ich setze mich jetzt an die Arbeit . . . Bitte, daß mich niemand stört. Man kann nicht schreiben, wenn die Kinder heulen und die Köchin schnarcht . . . Sorge auch, bitte, dafür, daß Thee und . . . sagen wir, Beefsteak da ist . . . Du weißt, ich kann ohne Thee nicht schreiben . . . Thee ist das einzige, was mich während der Arbeit aufrecht erhält.«
In sein Zimmer zurückgekehrt, nimmt er Rock, Weste und Stiefel ab. Diese Prozedur wird sehr langsam bewerkstelligt. Darauf verleiht er seinem Gesicht den Ausdruck gekränkter Unschuld und setzt sich an den Schreibtisch.
Auf dem Tisch giebt es nichts Zufälliges, Alltägliches, und jede kleinste Kleinigkeit trägt den Stempel einer reiflichen Überlegung und eines strengen Programms. Kleine Büsten und Photographien berühmter Schriftsteller, ein Haufen Manuskripte, der aufgeschlagene Band eines Musterkritikers, eine Hirnschale, die als Aschenbecher dient, ein Zeitungsblatt, nachlässig zusammengefaltet, aber so, daß man eine mit blauer Bleifeder umrandete Stelle sieht, neben welcher in großen Zügen die Randbemerkung »gemein« prangt. Daneben liegen ein Dutzend frischgespitzter Bleistifte und Federhalter mit neuen Federn, die offenbar der Möglichkeit vorbeugen sollen, daß irgend ein äußerer Einfluß oder Zufall, wie z. B. eine verdorbene Feder, auch nur auf eine Sekunde den freien schöpferischen Flug unterbreche . . .
Krasnuchin wirft sich auf die Lehne des Stuhls zurück und vertieft sich mit geschlossenen Augen in sein Thema. Er kann hören, wie seine Frau mit den Pantoffeln schlurft und die Späne für den Samowar schlägt. Sie ist noch nicht ganz wach, was man daraus schließen kann, daß der Samowardeckel und das Hackmesser ihr immerwährend aus den Händen fallen. Bald läßt sich das Summen des Samowars und das Knistern der Butter beim braten vernehmen. Die Frau hört mit dem Späneschlagen nicht auf und klappert immerfort mit der Ofenthür.
Plötzlich fährt Krasnuchin zusammen, öffnet erschrocken die Augen, und beginnt mit der Nase in der Luft umherzuschnuppern.
»Mein Gott, Ofendunst!« stöhnt er auf, die Stirne leidenvoll runzelnd. »Dunst! Dieses unerträgliche Weib hat sich die Aufgabe gestellt, mich zu vergiften. Nun sagt mir doch einer, wie ich unter solchen Umständen schreiben kann?!«
Er läuft in die Küche und läßt dort einen tragischen Monolog vom Stapel.
Als die Frau ihm nach einiger Zeit, vorsichtig auf den Fußspitzen gehend, ein Glas Thee bringt, sitzt er wie vordem zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, in sein Thema versunken. Er rührt sich nicht, trommelt leise mit zwei Fingern auf der Stirn und thut, als fühle er die Anwesenheit der Frau nicht . . . Sein Gesicht trägt wie vordem den Ausdruck gekränkter Unschuld.
Wie ein junges Mädchen, dem man einen teuren Fächer geschenkt hat, ziert er sich und kokettiert lange mit sich selbst, ehe er sich entschließt, den Titel niederzuschreiben . . . Er drückt sich die Schläfen, krümmt sich und zieht die Beine unterm Stuhl ein, als habe er Schmerzen, oder nimmt eine süß hingegossene Pose an, wie ein Kater auf dem Sofa . . . Endlich streckt er, nicht ohne Schwanken, die Hand nach dem Tintenfaß aus und macht mit einem Gesichtsausdruck, als unterzeichnete er ein Todesurteil, die Überschrift . . .
»Mama, gieb mir Wasser!« hört er die Stimme seines Sohnes.
»Tsss!« macht die Mutter. »Papa schreibt! Tsss . . .«
Papa schreibt schnell, in fliegender Hast, ohne Korrekturen und Pausen, so daß er kaum die Seiten wenden kann. Die Büsten und Portraits der berühmten Schriftsteller sehen auf seine schnell über das Papier laufende Feder herab und scheinen zu denken: ›Hast Du Bruder Dich aber gut eingefuchst!‹
»Tsss!« macht die Feder.
»Tsss!« machen die Schriftsteller, wenn Krasnuchins Knie an den Tisch stößt und sie mit dem Tisch zusammen erzittern.
Plötzlich richtet Krasnuchin sich auf, legt die Feder hin und horcht . . . Er vernimmt ein gleichmäßiges monotones Flüstern . . . Hinter der Wand, in dem Zimmer nebenan, betet sein Mieter Foma Nikolajewitsch.
»Hören Sie!« schreit Krasnuchin. »Können Sie nicht gefälligst etwas leiser beten? Sie stören mich beim Schreiben!«
»Entschuldigen Sie . . .« antwortet schüchtern Foma Nikolajewitsch.
»Tsss!«
Nachdem er fünf Seiten geschrieben, reckt Krasnuchin sich und sieht nach der Uhr.
»Mein Gott, schon drei Uhr!« stöhnt er auf. »Die Menschen schlafen, und ich . . . ich allein muß arbeiten!«
Müde, zerschlagen, das Haupt auf der Seite, geht er in das Schlafzimmer, weckt seine Frau und sagt mit schwacher Stimme:
»Nadja, gieb mir noch Thee! Ich bin . . . erschöpft!«
Er schreibt bis vier Uhr und er würde gerne noch bis sechs schreiben, wenn das Thema nicht versiegt wäre. Das Kokettieren und die Ziererei vor sich selbst und vor den unbelebten Gegenständen, sicher vor jedem indiskreten beobachtenden Auge, der Despotismus und die Tyrannei in einem kleinen Ameisenhaufen, den das Schicksal unter seine Gewalt gestellt hat, bilden das Salz und den Honig seiner Existenz.
Und wie wenig ähnelt dieser Despot hier zu Hause jenem kleinen, demütigen, wortlosen und unbegabten Menschlein, das wir gewohnt sind, in den Redaktionen zu sehen!
»Ich bin so überanstrengt, daß ich kaum einschlafen werde . . .« sagt er, als er sich schlafen legt. »Unsere Arbeit, diese verfluchte, undankbare Zwangsarbeit ermüdet nicht so sehr den Körper, als die Seele . . . Ich müßte Bromkali einnehmen . . . Ja, Gott sieht es, wenn nicht die Familie wäre, würde ich diese Arbeit aufgeben . . . Auf Bestellung schreiben! Das ist fürchterlich!«
Er schläft bis zwölf oder bis ein Uhr mittags, und er schläft fest und gesund . . . O, wie würde er noch ganz anders schlafen, was würde er für Träume sehen, wenn er ein bekannter Schriftsteller, Redakteur oder auch nur Verleger werden könnte!
»Er hat die ganze Nacht durch geschrieben!« flüstert die Frau und macht ein erschrockenes Gesicht, »Tsss!«
Niemand darf weder sprechen, noch gehen, noch irgend ein Geräusch machen. Sein Schlaf ist ein Heiligtum, für dessen Entweihung der Schuldige grausam bestraft würde!
›Tsss!‹ schwirrt es durch die Wohnung.
›Tsss!‹
Ohne Auslagen
Bei dem Zugführer Stitschkin saß an einem seiner dienstfreien Tage Ljubowj Grigorjewna, eine solide, etwas schwammige Dame von etwa vierzig Jahren, die sich mit Heiratsvermittelung und vielen anderen Geschäften befaßte, von denen man nur im Flüstertone zu sprechen pflegt. Stitschkin, etwas verlegen, aber ernst, gemessen und streng wie immer, ging im Zimmer auf und ab, rauchte eine Zigarre und sprach:
»Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ssemjon Iwanowitsch hatte Sie mir empfohlen, da Sie mir in einer sehr peinlichen und wichtigen Sache, die das Glück meines Lebens betrifft, helfen könnten. Ljubowj Grigorjewna, ich bin jetzt zwei und fünfzig Jahre alt, also in einer Epoche, in welcher sehr viele schon erwachsene Kinder haben. Meine Stellung ist eine solide. Mein Vermögen ist zwar nicht groß, aber ich könnte doch ein geliebtes Wesen und ein paar Kinder gut ernähren. Ich kann Ihnen unter uns sagen, daß ich außer dem Gehalt auch Geld auf der Bank liegen habe, welches ich dank meiner Lebensweise mir ersparen konnte. Ich bin ein solider und nüchterner Mensch, führe einen gesetzten und praktischen Lebenswandel, so daß ich manchem als Beispiel dienen könnte. Nur eins fehlt mir – ein eigener häuslicher Herd und eine Gefährtin. Ich lebe jetzt wie so ein wandernder Zigeuner, schweife von Ort zu Ort, ohne alle Freude, kann mich mit niemandem beraten, und wenn ich krank bin, ist niemand da, der mir Wasser u. s. w. reichen könnte. Außerdem wiegt ein Verheirateter in der Gesellschaft immer mehr, als ein Unverheirateter . . . Ich gehöre zu den gebildeten Klassen, habe Vermögen, aber wenn man mich von dem Standpunkt aus betrachtet, was bin ich? Ein Junggesell, wie so ein katholischer Pfarrer. Und daher möchte ich mich sehr gerne in Hymens Bande begeben, d. h. in den heiligen Stand der Ehe mit irgend einer würdigen Person . . .«
»Das ist recht!« seufzte die Heiratsvermittlerin.
»Ich bin ein einsamer Mensch und kenne in der hiesigen Stadt niemand. Wohin soll ich gehen und an wen mich wenden, wenn für mich hier alle incognito sind? Eben daher riet mir Ssemjon Iwanowitsch, mich an eine Person zu wenden, die in diesem Fach eine Spezialistin ist und das Glück der Menschen als Profession betreibt. Und darum ersuche ich Sie höflichst, Ljubowj Grigorjewna, mein Schicksal unter Ihrer gefälligen Mitwirkung betreiben zu wollen. Sie kennen alle Bräute in der Stadt und können mich leicht anbringen.«
»Ja, das kann man . . .«
»Ich bitte, trinken Sie . . .«
Die Heiratsvermittlerin führte das Glas mit gewohnter Geste an den Mund und leerte es, ohne sich zu räuspern.
»Das kann man«, wiederholte sie. »Und was für eine Braut wünschen Sie sich, Nikolaj Nikolaitsch?«
»Ich? Was das Schicksal mir schickt.«
»Natürlich, das ist ja Schicksalssache, aber es hat doch jeder seinen Geschmack. Der eine liebt blonde, der andere brünette . . .«
»Sehen Sie mal, Ljubowj Grigorjewna . . .« unterbrach sie Stitschkin mit einem soliden Seufzer. »Ich bin ein gesetzter Mann und charaktervoll. Für mich spielt die Schönheit und überhaupt die Äußerlichkeit nur eine zweite Rolle, denn, wie Sie selbst wissen, Schönheit vergeht, und mit einer hübschen Frau kann man viel Kummer haben. Ich hab' es mir so überlegt, daß an einer Frau die Hauptsache nicht das ist, was äußerlich, sondern das, was drinnen ist, d. h. daß sie Seele und überhaupt alle Eigenschaften hat. Trinken Sie, bitte . . . Es ist natürlich angenehm, wenn die Frau eine volle Figur hat, aber notwendig ist es für die beiderseitige Fortuna nicht; die Hauptsache bleibt der Verstand. Eigentlich braucht ja die Frau auch keinen Verstand zu haben, denn durch den Verstand bekommt sie leicht einen hohen Begriff von sich und denkt dann an alle möglichen Ideale. Ohne Bildung geht es freilich heutzutage nicht, aber es giebt doch verschiedene Bildung. Es ist sehr nett, wenn sie Französisch und Deutsch und alles mögliche kann, natürlich sehr angenehm; aber was hat man davon, wenn sie dabei nicht versteht, einem einen Knopf anzunähen? Ich gehöre selbst zu den gebildeten Klassen, spreche mit dem Fürsten Kanitelin z. B., ich darf es wohl sagen, so wie jetzt mit Ihnen, aber ich habe einen schlichten Charakter. Ich brauche ein einfaches Mädchen. Die Hauptsache ist, daß sie mich achtet und fühlt, daß ich sie beglückt habe.«
»Natürlich.«
»Nun, jetzt in Bezug auf das Materielle . . . Eine Reiche brauche ich nicht. Zu einer Gemeinheit, wie eine Geldheirat, bin ich nicht fähig. Ich will nicht das Brot meiner Frau essen, sondern sie soll das meinige essen und wissen, daß sie das meinige ißt. Aber eine Arme will ich auch nicht haben. Ich bin zwar nicht ohne Mittel und heirate nicht aus materiellen Interessen, sondern aus Liebe, aber eine Arme kann ich doch nicht nehmen, denn Sie wissen ja, wie jetzt alles teuer geworden ist, und wenn dann die Kinder kommen . . .«
»Mau kann ja auch eine mit Mitgift finden«, sagte die Heiratsvermittlerin.
»Trinken Sie, bitte . . .«
Sie schwiegen etwa fünf Minuten. Die Heiratsvermittlerin seufzte auf, sah den Zugführer von der Seite an und fragte:
»Nun, wie wäre es denn . . . brauchten Sie nicht vielleicht etwas für die linke Seite? Da hätte ich jetzt gerade gute Ware. Eine Französin, eine andere – eine Griechin. Sehr preiswert.«
Der Zugführer überlegte sich's und sagte:
»Nein, ich danke. Da ich von Ihrer Seite ein solches Wohlwollen sehe, so gestatten Sie mir jetzt die Frage: wieviel würden Sie für Ihre Mühen bezüglich der Braut nehmen?«
»Ich bekomme nicht viel. Wenn Sie mir fünf und zwanzig Rubel geben und etwa Stoff zu einem Kleide, wie es nun einmal üblich ist, so wäre ich zufrieden . . . Für die Mitgift oder Aussteuer natürlich apart, das macht eine besondere Rechnung.«
Stitschkin legte die Hände auf dem Magen zusammen und überlegte schweigend. Nach einigem Nachdenken seufzte er auf und sagte:
»Das ist teuer . . .«
»Aber garnicht teuer, Nikolaj Nikolaitsch! Früher, als es noch viel Hochzeiten gab, that man es ja auch billiger, aber in den jetzigen Zeiten – was haben wir denn für einen Verdienst? Wenn man in einem guten Monat zwei Fünfundzwanzigrubelscheine verdient, kann man noch Gott danken. Und auch so verdient man das meiste nicht an den Ehen, sondern . . .«
Stitschkin sah die Heiratsvermittlerin verblüfft an und zuckte die Achseln.
»Hm! . . Ist denn das wenig, fünfzig Rubel?« fragte er.
»Natürlich wenig! In früheren Zeiten kam es vor, daß man mehr als hundert einnahm.«
»Hm! . . Das hätte ich nicht geglaubt, daß man mit einem solchen Geschäft derartige Summen verdienen kann. Fünfzig Rubel! Nicht jeder Mann erhält soviel! Trinken Sie, bitte . . .«
Die Heiratsvermittlerin trank aus, ohne das Gesicht zu verziehen.
Stitschkin betrachtete sie schweigend vom Kopf bis zu den Füßen und sagte:
»Fünfzig Rubel . . . Das sind also sechshundert Rubel jährlich . . . Wissen Sie, Ljubowj Grigorjewna, mit solchen Dividenden wäre es für Sie nicht schwer, eine gute Partie zu machen . . .«
»Ich?« lachte die Heiratsvermittlerin. »Ich bin doch schon alt . . .«
»Bitte, durchaus nicht . . . Und Ihre Körperformen sind auch so . . . Das Gesicht voll und weiß . . . und auch alles übrige . . .«
Die Heiratsvermittlerin wurde verlegen.
Auch Stitschkin machte ein verlegenes Gesicht und setzte sich neben sie hin.
»Sie könnten noch sehr viel Beifall haben«, sagte er. »Wenn Sie einen soliden, gesetzten und sparsamen Mann bekämen, so könnten Sie ihm bei seinem Gehalt und Ihrem Einkommen sogar sehr gefallen und es könnte geradezu eine ideale Ehe werden . . .«
»Ach, wie können Sie nur so etwas sagen, Nikolaj Nikolaitsch . . .«
»Wieso? Ich . . .«
Es trat Schweigen ein. Stitschkin begann sich laut zu schnauben, während die Heiratsvermittlerin errötete und ihn dann mit einem verschämten Blick fragte:
»Und wieviel bekommen Sie denn, Nikolaj Nikolaitsch?«
»Ich? Fünfundsiebzig Rubel, außer den Gratifikationen . . . Außerdem haben wir auch von den Stearinkerzen und von den Hasen einige Einnahmen.«
»Sie beschäftigen sich also auch mit Jagd?«
»Nein, Hasen heißen bei uns die Passagiere, die keine Fahrkarten haben, blinde Passagiere.«
Es verging eine Minute, während welcher beide schwiegen. Stitschkin stand auf und begann erregt im Zimmer auf und ab zugehen.
»Ich brauche keine junge Gattin«, sagte er. »Ich bin selbst nicht mehr jung, und ich brauche so eine, die . . . in der Art wie Sie . . . gesetzt und solid und so von Ihren Körperformen u. s. w. . . .«
»Sie reden Gott weiß was . . .« kicherte die Heiratsvermittlerin, ihr knallrotes Gesicht in einem Tuch verbergend.
»Was soll man denn da lange fabeln? Sie sind mir nach dem Sinn und Ihren Eigenschaften nach für mich geeignet. Ich bin ein solider, nüchterner Mann, und wenn ich Ihnen gefalle, so . . . worauf sollen wir denn warten? Gestatten Sie also, daß ich Ihnen hiermit einen Heiratsantrag mache!«
Die Heiratsvermittlerin war zu Thränen gerührt. Sie lachte und stieß zum Zeichen ihrer Zustimmung mit Stitschkin an.
»Nun«, sagte der glückliche Zugführer, »jetzt gestatten Sie mir also, daß ich Ihnen erkläre, welche Ideale und Lebensziele ich von Ihnen erwarte . . . Ich bin ein strenger, solider, gesetzter Mann, habe über alles gebildete Anschauungen und wünsche, daß auch meine Frau solid sei und wohl verstehe, daß ich Ihr Wohlthäter und der erste Mensch für sie bin . . .«
Er setzte sich, seufzte tief auf und begann seiner Braut seine Ansichten über die Ehe und über die Pflichten des Weibes auseinanderzusetzen.
Das schwedische Zündholz
Am Morgen des 6. Oktober 1885 erschien in der Kanzlei des Amtshauptmanns des zweiten Distrikts des S–schen Kreises ein anständig gekleideter junger Mann und meldete, daß sein Prinzipal, der dim. Garde-Kornett Mark Iwanowitsch Kljausow ermordet sei. Der junge Mann war blaß und sehr aufgeregt. Seine Hände zitterten, und aus seinen Augen starrte der Schrecken.
»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« fragte ihn der Amtshauptmann.
»Psekow, der Gutsinspektor Kljausows. Agronom und Mechaniker.«
Der Amtshauptmann und die zur Hilfsleistung requirierten Leute fanden, als sie mit Psekow am Orte der That anlangten, folgendes vor. Um das Nebengebäude, in welchem Kljausow lebte, drängte sich eine Menge Volk. Die Nachricht von dem Ereignis hatte schnell wie ein Blitz die ganze Umgegend durchflogen, und da der Tag ein Feiertag war, strömte das Volk aus allen umliegenden Dörfern zu dem Hause herbei. Lärm und lautes Gerede erfüllten die Luft. Hier und da sah man ein verweintes Gesicht. Die Thür zu Kljausows Schlafzimmer war verschlossen. Der Schlüssel steckte von innen.
»Offenbar waren die Übelthäter zu ihm durchs Fenster eingedrungen«, bemerkte während der Besichtigung der Thür der zitternde Psekow.
Man begab sich in den Garten, nach welchem hinaus das Fenster des Schlafzimmers lag. Das Fenster sah finster und unheilverkündend aus. Es war geschlossen und mit einer grünen verblichenen Gardine verhängt. Die eine Ecke der Gardine war ein wenig zurückgeschlagen, sodaß man in das Schlafzimmer hineinsehen konnte.
»Hat jemand von Euch schon zum Fenster hineingesehen?« fragte der Amtshauptmann.
»Nein, Ew. Wohlgeboren«, antwortete der Gärtner Jefrem, ein kleiner weißhaariger Alter mit einem Unteroffiziersgesicht. »Wie kann man denn hineinsehen, wenn einem die Kniee vor Schreck schlottern!«
»Ach, Mark Iwanitsch, Mark Iwanitsch!« seufzte der Amtshauptmann, auf das Fenster blickend. »Habe ich Dir nicht gesagt, daß Du schlecht enden wirst! Wolltest auf mich nicht hören . . . Liederlichkeit hat noch nie zum Guten geführt!«
»Ohne Jefrem hätten wir es überhaupt nicht gemerkt,« sagte Psekow. »Er war der erste, der darauf verfiel, daß hier etwas nicht richtig sei. Kommt heute Morgen zu mir und sagt: ›Wie kommt es denn, daß unser gnädiger Herr so lange nicht aufwacht? Die ganze Woche schon ist er aus dem Schlafzimmer nicht hinausgekommen!‹ Wie er mir das sagte, traf's mich gleich wie ein Donnerkeil . . . Gleich ging mir ein Gedanke durch den Kopf . . . Er hat sich seit dem vorigen Sonnabend nicht gezeigt, und heute haben wir Sonntag! Sieben Tage, das ist kein Spaß!«
»Ja, der Arme . . .« seufzte nochmals der Amtshauptmann. »So ein kluger, gebildeter, gutmütiger Kerl. Unter Brüdern, kann man wohl sagen, der erste Mann. Aber liederlich, Gott habe ihn selig! – Stepan«, wandte sich der Amtshauptmann an einen der requirierten Leute, »fahr sofort zu mir hin und schicke Andrjuschka zum Kreishauptmann, daß er es ihm melde! Sage: Mark Iwanitsch ist ermordet! Und siehe auch nach dem Wachtmeister, wo er denn steckt. Er soll gleich herfahren! Und selbst fahre dann möglichst schnell zum Untersuchungsrichter Nikolai Jermolaitsch und sage ihm, daß er herkommen soll! Warte, ich will ihm einen Brief schreiben.«
Der Amtshauptmann stellte um das Haus Wächter auf, schrieb an den Untersuchungsrichter einen Brief und ging zu dem Gutsinspektor Thee trinken. Zehn Minuten später saß er auf einem Taburett, biß vorsichtig kleine Stückchen Zucker ab und schluckte den siedendheißen Thee . . .
»Ja . . .« sprach er zu Psekow. »Ja . . . Ein Edelmann, ein reicher Mensch . . . ein Liebling der Götter, kann man wohl mit Puschkin sagen, – und was ist aus ihm geworden? Nichts! Trank, führte ein lasterhaftes Leben und . . . und ist nun ermordet.«
Nach zwei Stunden kam der Untersuchungsrichter angefahren. Nikolai Jermolaitsch Tschubikow, der Untersuchungsrichter, war ein hoher, stämmiger alter Herr von etwa sechzig Jahren, der seine Thätigkeit schon seit einem Vierteljahrhundert ausübte und im ganzen Kreise als ein ehrlicher, kluger, energischer und seinem Dienst ergebener Beamter bekannt war. Mit ihm war auch sein ständiger Begleiter gekommen, sein Gehilfe und Schriftführer Djukowski, ein schlanker junger Mann von sechsundzwanzig Jahren.
»Ist es möglich, meine Herren?« begann Tschubikow, in Psekows Zimmer tretend und den Anwesenden flüchtig die Hände drückend. »Ist es möglich? Mark Iwanowitsch? Ermordet? Nein, das kann nicht sein! Un–mög–lich!«
»Ja, was wollen Sie . . .« seufzte der Amtshauptmann.
»Herrgott! Ich habe ihn doch am vorigen Freitag auf dem Jahrmarkt in Tarabanjkow gesehen! Ich trank mit ihm dort, mit Verlaub zu sagen, einen Schnaps!«
»Ja, was soll man machen . . .« seufzte nochmals der Amtshauptmann.
Mau seufzte und klagte, trank ein Glas Thee und begab sich nach dem Hause des Ermordeten.
»Aus dem Wege!« schrie der Polizeiwachtmeister das Volk an.
Im Hause angelangt, nahm der Untersuchungsrichter vor allem eine Besichtigung der Thür zu dem Schlafzimmer vor. Es ergab sich, daß die Thür aus Fichtenholz, gelb gestrichen und unbeschädigt war. Irgend welche besondere Merkmale, die irgend einen Hinweis geben könnten, wurden nicht gefunden. Man ging an das Erbrechen der Thür.
»Ich bitte, meine Herren, daß sich die Überflüssigen entfernen!« sagte der Untersuchungsrichter, als die Thür nach langem Klopfen und Krachen dem Beil und dem Stemmeisen wich. »Ich bitte dieses im Interesse der Untersuchung . . . Wachtmeister, niemand einlassen!«
Tschubikow, sein Gehilfe und der Amtshauptmann öffneten die Thür und betraten unschlüssig einer nach dem andern das Schlafzimmer. Ihren Augen zeigte sich folgendes Bild.
An dem einzigen Fenster stand ein großes hölzernes Bett mit einem riesigen Federpfühl. Auf dem zerdrückten Pfühl lag eine verknüllte Decke. Das ebenfalls stark zerknüllte Kopfkissen lag auf der Diele. Auf dem Betttischchen befanden sich eine silberne Uhr, ein silbernes Zwanzigkopekenstück und Schwefelhölzchen. Außer dem Bett, dem Tischchen und einem einzigen Stuhl waren im Zimmer weiter keine Möbel.
Als der Amtshauptmann einen Blick unter das Bett warf, sah er dort etwa zwei Dutzend leerer Flaschen, einen Strohhut und eine große Pulle Schnaps. Unter dem Tischchen fand man einen mit Staub bedeckten Stiefel.
Nachdem der Untersuchungsrichter nochmals einen forschenden Blick über des Zimmer geworfen hatte, wurde er dunkelrot und zog die Augenbrauen zusammen.
»Die Kanaillen!« murmelte er, die Fäuste ballend.
»Und wo ist denn Mark Iwanitsch?« fragte leise Djukowski.
»Ich verbitte mir, daß Sie sich einmischen!« sagte ihm Tschubikow scharf. »Untersuchen Sie gefälligst die Diele! – Das ist der zweite Fall in meiner Praxis, Jewgraf Kusjmitsch,« wandte er sich mit gesenkter Stimme an den Amtsrichter. »Im Jahre 1870 hatte ich einen ebensolchen Fall. Sie entsinnen sich übrigens wohl . . . Die Ermordung des Kaufmanns Portretow. Dort war es auch so. Die Kanaillen hatten ihn ermordet und die Leiche zum Fenster hinausgeschleppt . . .«
Tschubikow trat ans Fenster, zog den Vorhang vorweg und stieß vorsichtig gegen das Fenster. Das Fenster öffnete sich.
»Es öffnet sich, also war es nicht geschlossen . . . Hm . . . Auf dem Fensterbrett sind Spuren. Können Sie sehen? Hier sind die Spuren vom Knie . . . Hier ist also jemand eingestiegen . . . Man wird das Fenster ordentlich untersuchen müssen.«
»Auf der Diele ist nichts besonderes zu entdecken,« sagte Djukowski. »Weder Flecke noch Schrammen. Nur ein abgebranntes schwedisches Zündhölzchen habe ich gefunden. Hier ist es! Soviel ich weiß, hat Mark Iwanitsch nicht geraucht, sonst aber pflegte er immer Schwefelhölzer zu gebrauchen und niemals schwedische Zündhölzchen. Dieses Zündholz wird unter Umständen als Beweis dienen können . . .«
»Ach . . . schweigen Sie doch, bitte!« sagte der Untersuchungsrichter mit einer Handbewegung. »Kommt da mit seinem Zündholz! Ich leide keine Hitzköpfe! Anstatt Zündhölzchen zu suchen, untersuchen Sie lieber das Bett!«
Nach der Besichtigung des Bettes meldete Djukowski:
»Weder Blut, noch sonst irgend welche Flecke . . . Auch keine neuen Risse. An dem Kissen sieht man Spuren von Zähnen. Die Decke ist mit einer Flüssigkeit begossen, die den Geruch von Bier und den nämlichen Geschmack hat . . . Das Gesamtaussehen des Bettes läßt die Annahme zu, daß sich ein Kampf auf demselben abgespielt hat.«
»Ein Kampf, das weiß ich auch ohne Sie! Ich frage Sie nicht nach dem Kampfe. Anstatt nach dem Kampf zu suchen, sollten Sie lieber . . .«
»Der eine Stiefel ist hier, während der andere fehlt.«
»Nun, und was ist denn dabei?«
»Das, daß man ihn erwürgt hat, während er sich die Stiefel auszog. Er hatte nicht Zeit, den anderen Stiefel auszuziehen, als . . .«
»Na, jetzt legt er los . . . Und woher wissen Sie denn, daß er erwürgt worden ist?«
»Die Spuren der Zähne auf dem Kissen. Das Kissen selbst ist stark verknüllt und liegt 2½ Arschin weit vom Bett . . .«
»Geschwätz! Gehen wir lieber in den Garten. Anstatt hier zu stöbern, sollten Sie lieber im Garten nachsehen . . . Hier werde ich auch ohne Sie fertig.«
Im Garten wandte sich die Untersuchung vorerst dem Grase zu. Das Gras unter dem Fenster war zerdrückt. Auch ein Distelstrauch unterm Fenster, ganz nah an der Wand, war zerdrückt. Djukowski gelang es, an demselben einige gebrochene Zweige und ein Stückchen Watte zu entdecken. Auf den oberen Köpfen fand man einige dünne Härchen dunkelblauer Wolle.
»Von welcher Farbe war sein letzter Anzug?« fragte Djukowski Psekow.
»Von gelber Leinwand.«
»Sehr gut. Also hatten sie einen blauen Anzug.«
Einige Distelköpfe wurden abgeschnitten und sorgfältig in Papier gehüllt.
In diesem Augenblick kamen der Kreishauptmann Arzibaschew-Swistakowski und der Arzt Tjutjujew an. Der Kreishauptmann begrüßte die Anwesenden und begann sofort, seine Neugierde zu befriedigen. Der Doktor dagegen, ein langer und außerordentlich hagerer Mann mit eingefallenen Augen, einer langen Nase und spitzem Kinn, begrüßte sich mit niemand und fragte nach nichts, sondern setzte sich auf einen Baumstumpf und sprach mit einem Seufzer:
»Und die Serben sind wieder in Aufruhr! Was sie wollen, verstehe ich nicht! Österreich, Österreich, das werden wohl deine Stückchen sein!«
Die Besichtigung des Fensters von außen ergab absolut nichts; die Besichtigung des Grases und der nächsten Gebüsche dagegen gab der Untersuchung viele wertvolle Winke. Djukowski gelang es zum Beispiel, im Grase einen langen dunklen Streifen zu entdecken, der aus Flecken bestand und sich vom Fenster einige Faden weit in den Garten zog. Der Streifen endete unter einem Fliederbusch mit einem großen dunkelbraunen Fleck. Unter dem nämlichen Busch wurde ein Stiefel gefunden, der mit dem im Schlafzimmer befindlichen ein Paar ergab.
»Das ist altes Blut!« sagte Djukowski, die Flecken betrachtend.
Bei dem Worte ›Blut‹ erhob sich der Doktor und warf faul und oberflächlich einen Blick auf die Flecken.
»Ja, Blut,« murmelte er.
»Also nicht erwürgt, wenn das hier Blut ist!« sagte Tschubikow mit einem ironischen Blick auf Djukowski.
»Im Schlafzimmer wurde er erwürgt, und hier hat man ihm aus Furcht, daß er wieder auflebe, mit irgend etwas Scharfem einen Schlag versetzt. Der Fleck unter dem Strauch zeigt, daß er hier verhältnismäßig lange gelegen hat, während sie nach Mitteln suchten, ihn aus dem Garten hinauszuschleppen.«
»Nun, und der Stiefel?«
»Dieser Stiefel bestätigt nur meine Ansicht, daß sie ihn ermordet haben, während er sich vor dem Schlafengehen die Stiefel auszog. Den einen Stiefel hatte er ausgezogen, und den andern, diesen hier, hatte er noch zur Hälfte an. Der halbausgezogene Stiefel fiel während des Schüttelns und des Falls von selbst vom Fuß ab . . .«
»Kolossal gescheit!« lächelte Tschubikow. »Nur immer drauf los! Wann werden Sie es sich eigentlich abgewöhnen, sich mit ihren Raisonnements aufzudrängen? Anstatt zu raisonnieren, nehmen Sie lieber etwas von dem befleckten Gras!«
Nach der Besichtigung der Gegend und Aufnahme eines Planes derselben begab sich die Gesellschaft zu dem Gutsinspektor, um das Protokoll aufzusetzen und ein Frühstück einzunehmen. Während des Frühstücks wurde ein lebhaftes Gespräch geführt.
»Die Uhr, das Geld u. s. w. . . . alles ist da,« begann Tschubikow. »Es ist so sicher, wie zweimal zwei vier ist, daß hier kein Raubmord vorliegt.«
»Und daß der Mord von einer intelligenten Person vollführt worden ist,« schob Djukowski ein.
»Woraus schließen Sie das?«
»Ich habe zu meiner Unterstützung ein schwedisches Zündholz, wie solche unter den Bauern der hiesigen Gegend völlig unbekannt sind. Derartige Zündhölzchen verwenden hier nur die Gutsbesitzer, und auch die nicht mal alle. Ausgeführt wurde der Mord übrigens nicht von einer, sondern von mindestens drei Personen: zwei hielten ihn, und der dritte würgte. Kljausow war stark, und die Mörder mußten das wissen.«
»Was konnte ihm seine Kraft nützen, wenn er, sagen wir, schlief?«
»Die Mörder überfielen ihn beim Stiefelausziehen. Wenn er sich die Stiefel auszog, konnte er also nicht schlafen.«
»Na, reden Sie keinen Unsinn! Essen Sie lieber!«
»Und nach meinem Verstande, Ew. Wohlgeboren,« sagte der Gärtner Jefrem, den Samowar auf den Tisch setzend, »hat diese Schweinerei niemand anderes als Nikolaschka gemacht.«
»Sehr möglich,« sagte Psekow.
»Wer ist denn dieser Nikolaschka?«
»Der Kammerdiener des gnädigen Herrn, Ew. Wohlgeboren,« antwortete Jefrem. »Wer anders, als er? Ein Räuber ist er, Ew. Wohlgeboren, ein Säufer und Liederjahn, daß Gott bewahre! Er brachte dem gnädigen Herrn immer den Schnaps hin, er legte ihn zu Bett . . . Wer soll es denn sein, wenn nicht er? Und einmal, wenn ich es wagen darf, Ew. Wohlgeboren zu melden, hat er im Kruge renommiert, daß er den gnädigen Herrn totschlagen wird. Wegen Akuljka war das, wegen eines Frauenzimmers . . . Er hatte so ein Soldatenweib . . . Dem gnädigen Herrn hatte sie gefallen, und er hatte sie zu seiner Person emporgehoben; nun und dieser . . . natürlich, war wütend . . . Eben liegt er betrunken in der Küche . . . Weint und lügt, daß der gnädige Herr ihm leid thäte . . .«
»Das stimmt, wegen der Akuljka kann man schon wütend werden,« sagte Psekow. »Sie ist zwar ein Soldatenweib, eine Bäuerin, aber . . . Nicht umsonst hatte Mark Iwanitsch ihr den Namen Nana gegeben. Sie hat so etwas, was an die Nana erinnert . . . so etwas Anziehendes . . .«
»Ich habe sie gesehen . . . Ich weiß . . .« sagte der Untersuchungsrichter, sich in sein rotes Taschentuch schnaubend.
Djukowski wurde rot und senkte den Blick.
Der Amtshauptmann begann mit dem Finger auf der Untertasse zu trommeln.
Der Kreishauptmann hustete und suchte etwas in seinem Portefeuille.
Nur auf den Doktor allein schien die Erwähnung Akuljkas und Nanas durchaus keinen Eindruck gemacht zu haben.
Der Untersuchungsrichter befahl, Nikolaschka zu holen.
Nikolaschka, ein junger, langer Bursche mit pockennarbiger Nase und eingefallener Brust, in einem abgelegten Rock seines Herrn, trat in das Zimmer und verbeugte sich vor dem Untersuchungsrichter bis zur Erde. Sein Gesicht war verschlafen und verweint. Er selbst war betrunken und stand kaum auf den Beinen.
»Wo ist der gnädige Herr?« fragte ihn Tschubikow.
»Ermordet, Ew. Wohlgeboren.«
Nachdem er dieses gesagt, begann er mit den Augen zu zwinkern und fing an zu weinen.
»Daß er ermordet, wissen wir. Wo ist er aber jetzt? Wo ist seine Leiche?«
»Man sagt, daß er zum Fenster herausgeschleppt und im Garten vergraben worden sei.«
»Hm . . . Die Resultate der Untersuchung sind schon auf der Küche bekannt . . . Schlimm. – Wo warst Du denn, mein Lieber, in der Nacht, als der gnädige Herr ermordet wurde? Am Sonnabend also?«
Nikolaschka hob den Kopf, streckte den Hals aus und begann zu denken.
»Das kann ich nicht sagen, Ew. Wohlgeboren,« antwortete er. »Ich war betrunken und erinnere mich dessen nicht mehr.«
»Alibi!« flüsterte Djukowski lächelnd und sich die Hände reibend.
»So . . . Nun, und woher kommt denn das Blut unter dem Fenster des gnädigen Herrn?«
Nikolaschka hob wieder den Kopf und verfiel wieder in Gedanken.
»Denke schneller!« sagte der Kreishauptmann.
»Gleich. Das Blut ist von einem Strunt, Ew. Wohlgeboren! Ich schlachtete ein Huhn. Ich schlachtete es ganz einfach, wie gewöhnlich, das Huhn aber riß sich los und lief davon . . . Daher kommt auch das Blut . . .«
Jefrem bezeugte, daß Nikolaschka in der That jeden Abend Hühner schlachtet und zwar an verschiedenen Stellen. Daß ein halbgeschlachtetes Huhn im Garten umhergelaufen sei, habe niemand gesehen, die Möglichkeit könne aber allerdings nicht bestritten werden.
»Alibi!« lächelte Djukowski. »Und was für ein blödsinniges Alibi!«
»Hast Du mit Akuljka was zu thun gehabt?«
»Wer ist ohne Sünde . . .«
»Und der gnädige Herr hat sie Dir abspenstig gemacht?«
»Nein. Akuljka hat mir der Herr hier, Herr Psekow, Iwan Michajlitsch, abspenstig gemacht, und der gnädige Herr hat sie dann Iwan Michajlitsch abgenommen. So war die Sache . . .«
Psekow wurde verlegen und begann sich das linke Auge zu reiben.
Djukowski sog sich mit den Augen an ihm fest, bemerkte seine Verlegenheit und zuckte zusammen. Er sah, daß der Inspektor blaue Hosen anhatte, die er früher übersehen hatte. Die Hosen erinnerten ihn an die blauen Fädchen, die er am Distelstrauch gefunden.
Auch Tschubikow warf einen verdächtigen Blick auf Psekow.
»Kannst gehen!« sagte er zu Nikolaschka. »Und jetzt gestatten Sie mir eine Frage, Herr Psekow. Sie waren natürlich den Abend von Sonnabend auf Sonntag hier?«
»Ja, um zehn Uhr aß ich mit Mark Iwanitsch zu Abend.«
»Und nachher?«
Psekow wurde verlegen und stand auf.
»Nachher . . . nachher . . . Ich weiß wirklich nicht,« stammelte er. »Ich hatte damals viel getrunken . . . Ich erinnere mich nicht mehr, wo und wann ich eingeschlafen bin . . . Was stieren Sie mich denn alle so an? Als wenn ich ihn ermordet hätte!«
»Wo erwachten Sie denn?«
»Ich wachte auf . . . in der Gesindeküche auf der Ofenpritsche . . . Alle können das bezeugen . . . Wie ich auf den Ofen gekommen bin, weiß ich nicht . . .«
»Regen Sie sich nicht auf . . . Kannten Sie Akuljka?«
»Dabei ist nichts besonderes . . .«
»War sie von Ihnen an Kljausow übergegangen?«
»Ja . . . Jefrem, bringe noch Pilze! Wünschen Sie Thee, Jewgraf Kusjmitsch?«
Es trat ein drückendes, peinliches Schweigen ein, das ungefähr fünf Minuten währte. Djukowski schwieg und wandte nicht den stechenden Blick von dem bleichen Gesicht Psekows. Das Schweigen unterbrach der Untersuchungsrichter.
»Man wird wohl in das große Haus hinübergehen müssen, um dort mit der Schwester des Verstorbenen, Marja Iwanowna, zu sprechen. Vielleicht kann sie uns irgend einen Hinweis geben . . .«
Tschubikow und sein Gehilfe bedankten sich für das Frühstück und begaben sich nach dem herrschaftlichen Hause. Die Schwester Kljausows, Marja Iwanowna, eine fünfundvierzigjährige Jungfrau, trafen sie vor einem altertümlichen Heiligenschrein betend an. Als sie in den Händen der Gäste die Portefeuilles und Mützen mit Kokarden bemerkte, erbleichte sie.
»Ich muß vor allem um Verzeihung bitten, daß wir Sie sozusagen in Ihrer Andacht stören,« begann mit einem Kratzfuß der galante Tschubikow. »Wir kommen zu Ihnen mit einer Bitte . . . Sie haben natürlich schon gehört . . . Es existiert der Verdacht, daß Ihr Herr Bruder gewissermaßen ermordet.. Das ist nun mal Gottes Wille . . . Dem Tode entgeht niemand, weder König noch Bauer. Können Sie uns nicht mit irgend einem Hinweis, einer Aufklärung zu Hilfe kommen? . . .«
»Ach . . . fragen Sie mich nicht!« sagte Marja Iwanowna, noch bleicher werdend und das Gesicht mit den Händen verdeckend. »Ich kann Ihnen nichts sagen! Nichts! Ich bitte Sie! Nichts . . . Was kann ich . . . Ach, nein, nein . . . nicht ein Wort über meinen Bruder! Wenn ich auch sterbe, sage ich nichts!«
Marja Iwanowna begann zu weinen und ging ins andere Zimmer hinaus. Der Untersuchungsrichter und sein Gehilfe sahen sich an, zuckten die Achseln und retirierten sich.
»'n Teufelsfrauenzimmer!« fluchte Djukowski, als er aus dem großen Hause trat. »Augenscheinlich weiß sie etwas und verheimlicht es . . . Und auch das Stubenmädchen machte so ein Gesicht . . . Wartet, ihr Teufel! Werden schon alles herauskriegen.«
Am Abend fuhren Tschubikow und sein Gehilfe, von dem bleichgesichtigen Monde beleuchtet, nach Hause. Sie saßen im Charabancs und zogen in Gedanken die Summe ihrer heutigen Beobachtungen. Sie waren beide ermüdet und schwiegen. Tschubikow liebte überhaupt nicht, unterwegs zu sprechen, der Schwätzer Djukowski aber schwieg dem Alten zu Gefallen. Am Ende des Weges hielt jedoch der Gehilfe das Schweigen nicht mehr aus und begann:
»Daß Nikolaschka an dieser Sache beteiligt ist – non dubitandum est. Man sieht es ihm an der Fratze an, was er für ein Kerl . . . Das Alibi verrät ihn ganz und gar. Es ist auch kein Zweifel, daß er nicht der Initiator der Sache ist. Er war nur ein dummes, gedungenes Werkzeug. Nicht wahr? Auch der bescheidene Psekow spielt dabei nicht die letzte Rolle. Die blauen Hosen, seine Verlegenheit, das sich vor Furcht auf den Ofen verkriechen nach dem Morde, das Alibi und Akuljka . . .
»Na, wieder die Schleusen geöffnet! Ihrer Ansicht nach ist also jeder, der Akuljka gekannt hat, der Mörder? So ein Hitzkopf! An der Saugflasche sollten Sie lutschen und nicht Untersuchungen führen! Sie haben ja auch der Akuljka den Hof gemacht, also sind auch Sie in die Sache verwickelt?«
»Auch bei Ihnen hat Akuljka einen Monat lang als Köchin gelebt, aber . . . ich sage nichts. In der Nacht auf Sonntag spielte ich mit Ihnen Karten, habe Sie also gesehen . . . Sonst hätte ich mich auch an Sie gemacht . . . Es handelt sich auch garnicht um das Frauenzimmer. Es handelt sich um ein niedriges, gemeines Gefühlchen . . . Dem bescheidenen jungen Manne gefiel es nicht, verstehen Sie, daß nicht er die Oberhand behielt. Eigenliebe, verstehen Sie . . . Wollte sich rächen . . . Und dann . . . Seine dicken Lippen zeugen von großer Sinnlichkeit. Erinnern Sie sich, wie er mit den Lippen schmatzte, als er die Akuljka mit Nana verglich. Daß der Kerl vor Leidenschaft vergeht – ist klar! Also: verletzte Eigenliebe und unbefriedigte Leidenschaft. Das genügt, um einen Mord zu begehen. Zweie wären also in unseren Händen; wer aber ist der dritte? Nikolaschka und Psekow hielten. Wer erdrosselte ihn? Psekow ist schüchtern, leicht verlegen, überhaupt ein Feigling. Leute aber, wie Nikolaschka, verstehen nicht, mit Kissen als Mordwerkzeug zu hantieren; sie arbeiten mit Beilen, Knüppeln . . . Das Erdrosseln hat also ein anderer besorgt, aber – wer?«
Djukowski rückte den Hut in die Stirn und verfiel in Gedanken. Er schwieg solange, bis der Charabancs vor dem Hause des Untersuchungsrichters hielt.
»Heureka!« rief er, das Haus betretend und seinen Überzieher ablegend. »Heureka, Nikolai Jermolaitsch! Ich begreife nicht, wie mir das früher nicht einfiel. Wissen Sie, wer der dritte gewesen?«
»Lassen Sie mich in Ruh! Der Tisch ist gedeckt, kommen Sie zum Abendessen!«
Der Untersuchungsrichter und Djukowski setzten sich an den Tisch. Djukowski goß sich ein Gläschen Schnaps ein, stand auf, warf sich in die Brust und sagte augenfunkelnd:
»Also hören Sie: Der dritte, der gemeinsam mit dem Schurken Psekow am Mord beteiligt ist und der Kljausow mit dem Kissen erstickt hat, – war ein Weib! Jawohl! Ich meine die Schwester des Ermordeten, Marja Iwanowna!«
Tschubikow verschluckte sich am Schnaps und stierte Djukowski verständnislos an.
»Sie . . . sind wohl . . . Sie . . . Ihr Kopf . . . schmerzt Ihnen wohl?«
»Ich bin gesund. Gut, mag ich verrückt sein, aber wie wollen Sie sich Ihre Verlegenheit bei unserem Besuch erklären? Wie wollen Sie sich Ihre Weigerung erklären, irgend eine Aussage zu machen? Nehmen wir an, daß das alles keine Bedeutung hat – gut! schön! – denken Sie aber dann an ihre gegenseitigen Beziehungen! Sie haßte ihren Bruder! Sie gehört zur Sekte der Altgläubigen, er war ein Wüstling, ein Atheist . . . Das also die Quelle des Hasses! Man erzählt sich, daß es ihm gelungen war, ihr einzureden, daß er ein Engel Satans sei! In ihrer Gegenwart pflegte er spiritistische Experimente zu machen . . .«
»Nun, und?«
»Sie begreifen noch nicht? Sie, eine Altgläubige, hat ihn aus Fanatismus ermordet. Und daß sie ihn, das Unkraut, den Wüstling getötet und so die Welt von dem Antichrist befreit hat, hält sie für ein Verdienst, für eine religiöse Heldenthat! O, Sie kennen diese altgläubigen alten Jungfern nicht! Lesen Sie mal Dostojewski! Und was schreiben Leskow, Petscherski! . . . Sie und sie war es, ich wette mein Leben darauf! Sie hat ihn erstickt! O, das geriebene Frauenzimmer! Stand sie nicht deswegen vor den Heiligenbildern, als wir eintraten, um uns zu täuschen? Werd' mich mal hinstellen und beten, dann werden sie glauben, daß ich ruhig bin und sie nicht erwartet habe! Das ist die Methode aller Verbrecherneulinge. Nikolai Jermolaitsch! Mein Lieber, mein Teurer! Übergeben Sie diese Sache mir! Lassen Sie mich dieselbe persönlich zu Ende führen! Mein Lieber! Ich habe sie begonnen, ich will sie auch zu Ende führen!«
Tschubikow machte mit dem Kopf eine abweisende Bewegung und zog die Augenbrauen zusammen.
»Wir verstehen auch selbst, schwierige Sachen zu entwirren«, sagte er. »Und Ihre Sache ist, die Nase nicht in Dinge zu stecken, die Sie nichts angehen. Schreiben Sie nach Diktat, wenn man Ihnen diktiert – das ist Ihre Sache!«
Djukowski flammte auf, ging hinaus und schlug die Thür hinter sich zu.
»Ein kluger Kopf, so 'ne Kanaille!« murmelte Tschubikow, ihm nachblickend. »Ein sehr gescheiter Kerl! Nur zur Unzeit hitzig . . . Ich werde ihm auf dem Jahrmarkt ein Cigarrenetui als Dedikation kaufen müssen . . .«
Am anderen Morgen wurde dem Untersuchungsrichter aus dem Gute Kljausowka ein junger Bursche mit großem Kopf und einer Hasenscharte vorgeführt, der sich der Hirt Danilka nannte und eine sehr interessante Aussage machte.
»Ich war etwas angetrunken . . .« sagte er. »Bis um Mitternacht war ich bei der Gevatterin gewesen. Auf dem Heimwege stieg ich in betrunkenem Zustande in den Fluß, um zu baden. Ich bade also . . . plötzlich gehen über den Damm zwei Menschen und tragen etwas schwarzes. »Tju!« schreie ich sie an. Die kriegten einen Schreck und rannten was sie konnten auf die Makarjewschen Gemüsegärten zu. Gott straf mich, wenn da nicht der gnädige Herr geschleppt worden war!«
Abends am selben Tage wurden Psekow und Nikolaschka arretiert und unter Eskorte in die Bezirksstadt transportiert. In der Stadt wurden sie ins Gefängnis gesperrt.
*
Zwölf Tage waren vergangen.
Es war am Morgen. Der Untersuchungsrichter Nikolai Jermolaitsch saß bei sich zu Hause am grünen Tisch und blätterte in den Kljausowschen Akten. Djukowski schritt unruhig, wie ein Wolf im Käfig, aus einer Ecke in die andere.
»Sie sind von der Schuld Nikolaschkas und Psekows überzeugt«, sprach er, nervös an seinem jungen Bärtchen zupfend. »Warum wollen Sie sich denn nicht von der Schuld Marja Iwanownas überzeugen? Haben Sie denn noch nicht genügend Beweise?«
»Ich sage nicht, daß ich nicht überzeugt bin. Ich bin überzeugt, aber . . . ich mag nicht recht daran glauben . . . Es sind keine rechten Beweise da, sondern nur Philosophieen . . . Fanatismus u. s. w. . . .«
»Sie müssen natürlich ein Beil, blutige Betttücher haben! . . . Juristen! Ich werde es Ihnen also beweisen! Sie werden dann schon aufhören, die psychische Seite der Sache so oberflächlich zu behandeln! Ihre Marja Iwanowna kommt nach Sibirien! Ich werde es beweisen! Wenn die Philosophie bei Ihnen nicht anschlägt, so habe ich auch etwas konkreteres . . . Das wird Ihnen zeigen, wie recht ich mit meiner Philosophie hatte! Lassen Sie mich nur etwas herumfahren . . .«
»Was meinen Sie denn damit?«
»Das schwedische Zündholz . . . Das haben Sie wohl vergessen? Ich nicht! Ich werde es herausbekommen, wer das Zündholz im Zimmer des Ermordeten angezündet hat! Es ist nicht Nikolaschka, nicht Psekow gewesen, bei denen bei der Untersuchung solche Zündhölzer nicht vorgefunden wurden, sondern ein dritter, d. h. Marja Iwanowna. Und ich werde das beweisen! . . . Lassen Sie mich nur im Bezirk herumfahren, nachforschen . . .«
»Na, ist gut, setzen Sie sich . . . Wollen wir mit dem Verhör beginnen.«
Djukowski setzte sich an den Tisch und steckte seine Nase in die Akten.
»Nikolai Tetjochow soll vorgeführt werden!« rief der Untersuchungsrichter.
Nikolaschka wurde vorgeführt. Nikolaschka war bleich und dürr wie ein Holzspan. Er zitterte.
»Tetjochow!« begann Tschubikow. »Im Jahre 1879 wurden Sie von dem Richter des 1. Bezirks wegen Diebstahl zu Gefängnishaft verurteilt. Im Jahre 1882 kamen Sie zum zweiten Mal wegen Diebstahl ins Gefängnis . . . Wir wissen alles . . .«
Das Gesicht Nikolaschkas drückte Verwunderung aus. Die Allwissenheit des Untersuchungsrichters machte ihn staunen. Aber bald ging der Ausdruck des Erstaunens in äußerste Betrübtheit über. Er begann zu schluchzen und bat um Erlaubnis, sich waschen und beruhigen zu dürfen. Er wurde abgeführt.
»Psekow soll vorgeführt werden!« befahl der Untersuchungsrichter.
Psekow trat ein. Der junge Mann hatte sich in den letzten Tagen im Gesicht stark verändert. Er war mager und bleich geworden und die Wangen waren eingefallen. Aus seinen Augen sprach Apathie.
»Setzen Sie sich, Psekow«, sagte Tschubikow. »Ich hoffe, daß Sie heute vernünftig sein und nicht lügen werden, wie die letzten Male. An allen jenen Tagen leugneten Sie Ihre Beteiligung an der Ermordung Kljausows, trotz der Menge von Beweisen, die gegen Sie sprachen. Das ist unvernünftig. Das Geständnis mindert die Schuld. Heute rede ich mit Ihnen zum letzten Mal. Wenn Sie heute nicht gestehen, so wird es morgen schon zu spät sein. Nun, erzählen Sie uns . . .«
»Ich weiß nichts . . . Und kenne auch Ihre Beweise nicht«, flüsterte Psekow.
»Schade! Nun, dann gestatten Sie, daß ich es Ihnen erzähle, wie die Sache war. Am Sonnabend Abend saßen Sie im Schlafzimmer Kljausows und tranken mit ihm Schnaps und Bier.« Djukowski durchbohrte Psekow mit seinem Blick, den er von ihm im Verlaufe des ganzen Monologs nicht wandte. »Nikolai bediente Sie. Bald nach zwölf Uhr äußerte Mark Iwanowitsch den Wunsch, zu Bette zu gehen. Um diese Zeit pflegte er immer schlafen zu gehen. Während er sich die Stiefel auszog und Ihnen dabei Instruktionen bezüglich der Wirtschaft erteilte, ergriffen Sie und Nikolai auf ein gegebenes Zeichen Ihren halbbetrunkenen Herrn und warfen ihn auf das Bett. Einer von Ihnen setzte sich ihm auf die Füße, der andere auf den Kopf. In diesem Augenblick trat von dem Flur aus eine Ihnen bekannte Frau im schwarzen Kleide ein, die sich mit Ihnen vorher bezüglich ihrer Teilnahme an dieser verbrecherischen That verabredet hatte. Sie ergriff ein Kissen und begann ihn damit zu drosseln. Während des Kampfes verlöschte das Licht. Die Frau nahm aus der Tasche eine Schachtel schwedischer Zündhölzer und zündete das Licht wieder an. Nicht wahr? Ich sehe es Ihnen am Gesicht an, daß ich die Wahrheit erzähle. Aber weiter . . . Als er erstickt war, und Sie sich überzeugt hatten, daß er nicht mehr atme, schleppten Sie und Nikolai ihn zum Fenster hinaus und legten ihn bei dem Distelstrauch nieder. In der Furcht, daß er nicht etwa wieder auflebe, versetzten Sie ihm einen Schlag mit irgend einem scharfen Gegenstand. Dann trugen Sie ihn weiter und legten ihn für eine Zeit unter den Fliederbusch. Nachdem Sie sich ausgeruht und überlegt hatten, nahmen Sie ihn wieder auf . . . Sie schleppten ihn über den Zaun hinüber . . . Dann gingen Sie den Weg entlang . . . Darauf kam der Damm. Bei dem Damm erschreckte sie ein Bauer. Aber was ist mit Ihnen?«
Psekow, bleich wie die Leinwand, stand auf und schwankte.
»Mir ist so schwül!« sagte er. »Gut . . . meinetwegen . . . Aber ich will hinaus . . . bitte.«
Psekow wurde hinausgeführt.
»Endlich hat er gestanden!« sagte Tschubikow, sich süß streckend. »Hat sich verraten! Habe ich's nicht geschickt angefangen? Einfach konfus gemacht . . .«
»Und auch die Frau in Schwarz leugnet er nicht«, lachte Djukowski. »Aber . . . mich quält übrigens furchtbar das schwedische Zündholz! Ich kann es nicht länger aushalten. Adieu! Ich fahre.«
Djukowski setzte sich die Mütze auf und fuhr weg.
Tschubikow begann die Akuljka zu vernehmen.
Akuljka erklärte, daß sie überhaupt von nichts wisse . . .
»Ich habe nur mit Ihnen gelebt und sonst mit niemand!« sagte sie, mit ihren buttrigen Augen schelmisch lachend.
Gegen sechs Uhr abends kehrte Djukowski zurück. Er war aufgeregt, wie noch nie. Seine Hände zitterten so stark, daß er nicht im stande war, seinen Paletot aufzuknöpfen. Seine Wangen glühten. Man sah, daß er nicht ohne eine Neuigkeit zurückgekehrt war.
» Veni, vidi, vici!« sagte er, in Tschubikows Zimmer stürzend und ließ sich in einen Sessel fallen. »Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß ich anfange, an meine Genialität zu glauben! Hören Sie zu, daß Sie der Teufel hole! Hören Sie zu und staunen Sie, alter Herr! Komisch und traurig! In Ihren Händen befinden sich schon drei . . . nicht wahr? Ich habe den vierten gefunden oder richtiger die vierte, denn es ist eine Frau! Und was für eine Frau! Zehn Jahre meines Lebens würde ich hingeben, um nur ihre Schultern berühren zu können! Aber . . . Hören Sie! Ich fuhr nach Kljausowka und begann um das Gut eine Spirale zu beschreiben! Unterwegs besuchte ich alle Kramläden und Dorfschänken und fragte überall noch schwedischen Zündhölzchen. Nirgends gab es welche. Ich fuhr und fuhr. Zwanzigmal verlor ich die Hoffnung und ebenso oft gewann ich sie wieder. Den ganzen Tag trieb ich mich herum und erst vor einer Stunde fand ich das Gesuchte. Drei Werst von hier. Man reicht mir ein Päckchen von zehn Schachteln. Die zehnte Schachtel aber fehlt und ist nicht zu finden . . . Ich frage gleich: ›Wer hat diese Schachtel gekauft?‹ Die und die . . . ›Sie gefielen ihr . . . das Zischen‹. Mein Herzchen! Nikolai Jermolaitsch! Was zuweilen ein Mensch, der aus dem Seminar gejagt worden ist und sich mit Kriminallitteratur vollgesogen hat, machen kann, ist kaum zu fassen! Von heute an beginne ich mich zu achten! . . . Ufff . . . Nun, fahren wir!«
»Wohin denn das?«
»Zu ihr, zu der vierten . . . Wir müssen eilen, sonst . . . sonst vergehe ich vor Ungeduld! Wissen Sie, wer es ist? Die junge Frau unseres Amtshauptmanns, des alten Jewgraf Kusjmitsch, Olga Petrowna ist es! Sie hat die Schachtel gekauft!«
»Sie . . . Du . . . Sie . . . verrückt?«
»Sehr einfach! Erstens raucht sie. Zweitens ist sie bis über die Ohren in Kljausow verliebt. Er hat ihre Liebe wegen irgend einer Akuljka zurückgewiesen. Rache! Jetzt erinnere ich mich, wie ich sie einmal beide in der Küche hinter der Scheidewand angetroffen habe. Sie überschüttete ihn mit Schwüren, während er rauchte und ihr den Rauch ins Gesicht paffte. Aber . . . fahren wir schnell, sonst wird es dunkel . . . Fahren wir!«
»Ich bin noch nicht so verrückt, um irgend einem grünen Jungen zu Liebe in der Nacht eine anständige Dame aus der Gesellschaft zu beunruhigen!«
»Anständig, Dame . . . Ein Lappen sind Sie also und kein Untersuchungsrichter! Noch nie habe ich mich unterstanden, Sie zu beleidigen, aber jetzt zwingen Sie mich dazu! Lappen, Schlafmütze! Nun, mein Herzchen! Nikolai Jermolaitsch! Ich bitte Sie!«
Der Untersuchungsrichter machte mit der Hand eine Geste und spuckte aus.
»Ich bitte Sie! Ich bitte Sie nicht um meinetwegen, sondern im Interesse der Rechtsprechung! Ich flehe Sie an! Erweisen Sie mir doch einmal im Leben einen Gefallen!«
Djukowski sank auf die Knie.
»Nikolai Jermolaitsch! Nun, seien Sie so gut! Nennen Sie mich einen Schuft, einen gemeinen Kerl, wenn ich mich in Bezug auf diese Frau irre! Denken Sie doch, was das für eine Sache ist! Was für eine Sache! Der reine Roman! Durch ganz Rußland wird Ihr Ruhm gehen! Man wird Sie zum Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten ernennen! Verstehen Sie es doch, Sie unvernünftiger Alter!«
Der Untersuchungsrichter machte ein finsteres Gesicht und streckte unschlüssig die Hand nach dem Hut aus.
»Na, daß Dich der Teufel!« sagte er. »Fahren wir.«
Es war schon spät, als der Charabancs des Untersuchungsrichters vor der Thür des Amtshauptmanns hielt.
»Was sind wir doch für Schweine!« sagte Tschubikow, die Glocke ziehend. »Beunruhigen nur die Leute!«
»Schad't nichts! schad't nichts . . . Haben Sie nur keine Angst . . . Wir können ja sagen, daß uns eine Sprungfeder am Wagen gebrochen ist.«
Tschubikow und Djukowski wurden auf der Schwelle von einer großen, stattlichen Frau von etwa dreiundzwanzig Jahren, mit pechschwarzen Augenbrauen und fetten roten Lippen empfangen. Es war Olga Petrowna selbst.
»Ah . . . sehr angenehm!« sagte sie über das ganze Gesicht lächelnd. »Sie kommen gerade zum Abendessen. Mein Jewgraf Kusjmitsch ist nicht zu Hause . . . Ist wohl bei dem Popen sitzen geblieben . . . Wir kommen aber auch ohne ihn aus . . . Setzen Sie sich! Sie kommen wohl von einer Dienstreise? . . .«
»Ja . . . Bei uns, wissen Sie, ist eine Feder gesprungen«, begann Tschubikow, in den Salon tretend und sich in einen Lehnstuhl setzend.
»Sie müssen . . . gleich überrumpeln!« flüsterte ihm Djukowski zu. »Überrumpeln Sie sie!«
»Wagenfeder . . . Mm . . . Ja . . . Da fuhren wir denn hier an.«
»Überrumpeln Sie sie, sage ich Ihnen. Wenn Sie viel Sprünge machen, schöpft sie Verdacht.«
»Na, also machen Sie, was Sie wollen, befreien Sie nur mich davon,« flüsterte Tschubikow aufstehend und an das Fenster tretend. »Ich kann es nicht! Sie haben die Suppe eingebrockt, löffeln Sie sie auch aus!«
»Ja, eine Wagenfeder . . .« begann Djukowski, an die Frau Amtshauptmann herantretend und seine lange Nase runzelnd. »Wir sind eigentlich nicht dazu gekommen, um . . . aeh – aeh . . . zu Abend zu essen und auch nicht zu Jewgraf Kusjmitsch. Wir sind gekommen, um Sie, gnädige Frau, zu fragen: wo befindet sich Mark Iwanowitsch, den Sie ermordet haben?«
»Was? Was für ein Mark Iwanowitsch?« stammelte die Frau Amtshauptmann, und ihr Gesicht überzog sich plötzlich mit dunklem Rot. »Ich . . . ich verstehe nicht.«
»Ich frage Sie im Namen des Gesetzes! Wo ist Kljausow? Wir wissen alles!«
»Durch wen?« fragt leise die Frau Amtshauptmann, die Djukowskis Blick nicht länger ertragen konnte.
»Belieben Sie, uns zu sagen, wo er ist!«
»Aber woher wissen Sie es? Wer hat es Ihnen erzählt?«
»Wir wissen alles! Ich verlange es im Namen des Gesetzes!«
Der Untersuchungsrichter, durch die Verlegenheit der Frau Amtshauptmann ermuntert, trat an sie heran und sagte:
»Zeigen Sie ihn uns, und wir werden gehen. Sonst aber . . .«
»Wozu brauchen Sie ihn denn?«
»Wozu diese Fragen, meine Gnädige? Wir bitten Sie, ihn uns zu zeigen! Sie zittern, sind verwirrt . . . Ja, er ist ermordet und, wenn Sie es wollen, von Ihnen ermordet! Ihre Genossen haben Sie verraten!«
Die Frau Amtshauptmann erbleichte.
»Gehen wir«, sagte sie leise, die Hände ringend. »Er ist bei mir im Dampfbad versteckt. Aber, um Gottes Willen, sagen Sie es nicht meinem Mann! Ich flehe Sie an! Er würde es nicht überstehen!«
Die Frau Amtshauptmann nahm von der Wand einen großen Schlüssel und führte ihre Gäste durch die Küche und den Flur auf den Hof. Auf dem Hof war es dunkel. Ein feiner Regen sprühte. Die Frau Amtshauptmann ging voraus. Tschubikow und Djukowski schritten hinter ihr durch das hohe Gras einher und atmeten den Geruch wilden Hanfs und des Spülwassers ein, das unter ihren Füßen aufspritzte . . . Der Hof war sehr groß. Bald hörte das Spülwasser auf und die Füße fühlten aufgeackerte Erde. In der Dunkelheit zeigten sich die Silhouetten von Bäumen und zwischen den Bäumen hindurch ein kleines Häuschen mit schiefem Schornstein.
»Das ist das Badehaus«, sagte die Frau Amtshauptmann. »Aber ich flehe Sie an, sagen Sie niemand was davon!«
Als Tschubikow und Djukowski an das Badehaus herangetreten waren, sahen sie an der Thür ein riesiges Vorhängeschloß.
»Nehmen Sie das Lichtende und Zündhölzchen heraus!« flüsterte der Untersuchungsrichter seinem Gehilfen zu.
Die Frau Amtshauptmann öffnete das Badehaus und ließ ihre Gäste ein.
Djukowski zog ein Zündholz auf und erleuchtete den Vorraum. Mitten in dem Raum stand ein Tisch. Auf dem Tisch, neben einem kleinen, dickbäuchigen Ssamowar stand eine Suppenterrine mit kalt gewordener Kohlsuppe und eine Schüssel mit den Resten einer Sauce.
»Weiter!«
Man trat in das nächste Zimmer, in das Dampfbad ein. Dort stand ebenfalls ein Tisch. Auf dem Tisch befanden sich eine große Schüssel mit einem Schinken, eine Flasche Schnaps, Teller, Messer, Gabeln.
»Aber wo ist denn . . . er? Wo ist der Ermordete?« fragte der Untersuchungsrichter.
»Er ist auf der oberen Schwitzpritsche!« flüsterte die Frau Amtshauptmann, immer noch bleich und zitternd.
Djukowski nahm das Lichtende und kletterte zu der oberen Pritsche hinauf. Dort erblickte er einen langen menschlichen Körper, der regungslos auf einem großen Daunenpfühl lag. Der Körper schnarchte leise . . .
»Man hält uns zum besten, hol's der Teufel!« schrie Djukowski. »Das ist ja garnicht er! Hier liegt irgend ein lebendiger Laban. – He, wer sind Sie, daß Sie der Teufel hole?«
Der Körper zog pfeifend die Luft in sich herein und begann sich zu regen.
Djukowski stieß ihn mit dem Ellbogen.
Der Körper streckte die Hände in die Höhe, reckte sich und hob den Kopf.
»Wer kriecht da herum?« fragte ein heiserer, schwerer Baß. »Was willst Du?!«
Djukowski hielt das Lichtende an das Gesicht des Unbekannten und schrie auf. An der dunkelroten Nase, an dem zerwühlten ungekämmten Haar, an dem pechschwarzen Schnurrbart, von dem die eine Seite schneidig aufgedreht war und frech zur Decke emporstarrte, erkannte er den Kornett Kljausow.
»Sie? Mark . . . Iwanowitsch?! Unmöglich!«
Der Untersuchungsrichter sah zur Pritsche auf und erstarrte . . .
»Ja, das bin ich . . . Und das sind Sie, Djukowski! Was für einen Satan suchen Sie denn hier? Und was ist denn da unten noch für eine Fratze? Nanu, der Untersuchungsrichter! Wo kommt Ihr denn her?«
Kljausow stieg schnell herab und umarmte Tschubikow.
Olga Petrowna glitt zur Thür hinaus.
»Wo kommt Ihr denn her? Trinken wir eins drauf, hol's der Teufel! Tra-ta-ti-to-tom . . . Trinken wir eins! Wer hat Euch übrigens hergebracht? Woher wußtet Ihr, daß ich hier sei? Übrigens – egal! Trinken wir!«
Kljausow zündete die Lampe an und goß drei Gläser Schnaps ein.
»Das heißt, ich verstehe Dich nicht«, sagte der Untersuchungsrichter mit einer ratlosen Gebärde. »Bist Du es, oder bist Du es nicht?«
»Ist gut, ist gut . . . Willst mir wohl eine Moralpredigt halten? Gieb Dir nicht die Mühe! Jüngling, Djukowski, trink Dein Glas! Gaudeamus igitur . . . Was gafft Ihr? Trinkt!«
»Immerhin kann ich es nicht begreifen«, sagte der Untersuchungsrichter, sein Glas mechanisch austrinkend. »Warum bist Du hier?«
»Warum soll ich denn nicht hier sein, wenn es hier gut ist?«
Kljausow trank aus und nahm ein Stück Schinken als Sakuska.
»Ich lebe bei der Frau Amtshauptmann, wie Du siehst. In der Wildnis und Einöde, wie so ein Geist. Trink! Sie that mir leid, mein Bester! Kriegte Mitleid mit ihr und lebe jetzt hier in dem verlassenen Badehause wie so ein Einsiedler . . . Ernähre mich. In der nächsten Woche will ich mich nach Hause packen . . . Es wird schon langweilig . . .«
»Unbegreiflich!« sagte Djukowski.
»Was ist denn dabei Unbegreifliches?«
»Unbegreiflich! Um Gottes Willen, wie ist denn Ihr Stiefel in den Garten gekommen?«
»Was für ein Stiefel?«
»Wir fanden den einen Stiefel im Schlafzimmer und den andern im Garten.«
»Wozu braucht Ihr denn das zu wissen? Geht Euch nichts an . . . Aber trinkt doch, daß Euch der Teufel hole! Habt Ihr mich aufgeweckt, dann trinkt wenigstens! Eine nette Geschichte, mein Bester, war dies mit diesem Stiefel. Ich wollte nicht zu Olja gehen . . . War nicht aufgelegt, weißt Du, etwas angeduselt . . . Sie kommt zu mir unters Fenster und beginnt zu schimpfen . . . Weißt Du, wie die Weiber . . . überhaupt . . . Ich, knall wie ich war, nehme einen Stiefel und schmeiß ihn nach ihr . . . Haha . . . Schimpf nicht, mein Schätzchen! Sie kletterte zum Fenster herein, zündete die Lampe an und begann mich vollen Kerl zu kneten. Prügelte mich durch, schleppte mich hierher und schloß mich ein. Jetzt ernähre ich mich hier . . . Liebe, Schnaps und Sakuska! Aber wohin wollt Ihr? Tschubikow, wohin?«
Der Untersuchungsrichter spuckte aus und ging zum Badehaus hinaus. Ihm folgte mit gesenktem Haupte Djukowski. Beide bestiegen sie schweigend den Charabancs und fuhren ab. Noch niemals war ihnen der Weg so weit und langweilig erschienen, wie diesmal. Beide schwiegen. Tschubikow zitterte den ganzen Weg vor Wut, Djukowski verbarg sein Gesicht im Kragen, als fürchtete er, daß die Dunkelheit und der Sprühregen auf seinem Gesicht die Beschämung lesen könnten.
Zu Hause angelangt, fand der Untersuchungsrichter bei sich den Doktor Tjutjujew vor. Der Arzt saß am Tisch und blätterte seufzend in der ›Niwa‹.
»Was nicht wieder alles los ist!« sagte er, den Untersuchungsrichter mit einem trüben Lächeln begrüßend. »Wieder Österreich! . . . Und auch Gladstone gewissermaßen . . .«
Tschubikow warf seinen Hut unter den Tisch und erbebte.
»Teufelsskelett! Laß mich in Ruh! Tausendmal habe ich Dir gesagt, daß Du mir nicht mit Deiner Politik kommen sollst! Hab' was anderes im Kopf! – Und Dir«, wandte sich Tschubikow an Djukowski, die Fäuste ballend, »Dir . . . verzeihe ich das nie im Leben!«
»Aber . . . das schwedische Zündholz! Wie konnt ich denn wissen!«
»Daß Du an Deinem Zündholz erstickst! Gehe und ärgere mich nicht, sonst mache ich aus Dir weiß der Teufel was! Daß ich Deinen Fuß hier nicht sehe.«
Djukowski fuhr zusammen, nahm seinen Hut und ging.
»Ich geh und sauf mich voll!« beschloß er, als er zum Thor hinaus war und schlenderte betrübt dem Wirtshaus zu.
Als die Frau Amtshauptmann aus dem Badehause zurückkehrte, fand sie im Salon ihren Mann.
»Wozu war der Untersuchungsrichter hier?« fragte der Mann.
»Er war gekommen, um zu sagen, daß Kljausow gefunden sei. Er war garnicht ermordet. Im Gegenteil, er lebt und ist gesund . . . Stelle Dir vor, man hat ihn bei einer fremden Frau gefunden! . . .«
»Ach, Mark Iwanitsch, Mark Iwanitsch!« seufzte der Amtshauptmann, die Augen zur Decke erhebend. »Habe ich Dir nicht gesagt, daß Liederlichkeit zu nichts Gutem führt! Nein, wolltest auf mich nicht hören!«
Der Löwen- und Sonnenorden
In einer der diesseits des Urals gelegenen Städte hatte sich das Gerücht verbreitet, daß ein persischer Würdenträger namens Rachat-Chelam angekommen sei und im Hôtel »Japan« Wohnung genommen hätte. Dieses Gerücht machte auf die Einwohner keinen besonderen Eindruck, man begnügte sich damit, zu wissen, daß ein Perser da sei. Nur das Stadthaupt, Stepan Iwanowitsch Kuzin, wurde nachdenklich, als er vom Syndikus des Stadtamts von der Ankunft des Orientalen erfuhr, und fragte:
»Wohin reist er denn?«
»Ich glaube nach Paris oder London.«
»Hm! . . . Also ein hohes Tier?«
»Weiß der Kuckuck.«
Als das Stadthaupt aus dem Bureau nach Hause gekommen war und zu Mittag gegessen hatte, verfiel er wieder in Gedanken, und diesmal grübelte und dachte er bis zum Abend. Die Ankunft des persischen Würdenträgers beschäftigte ihn stark. Es schien ihm, daß das Schicksal selbst ihm diesen Rachat-Chelam geschickt hätte, und daß jetzt der richtige Augenblick gekommen sei, seinen sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Wunsch zu verwirklichen. Kuzin besaß nämlich zwei Medaillen, den Stanislausorden 3. Klasse, das Abzeichen des Roten Kreuzes und das Abzeichen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Außerdem hatte er sich noch eine Berlocke anfertigen lassen – eine goldne Flinte gekreuzt mit einer Guitarre –, die er an der Uhrkette zum Knopfloch der Uniform heraushängen ließ; von weitem sah die Berlocke etwas außergewöhnlich aus und konnte recht gut für ein Ehrenzeichen gehalten werden.
Nun ist es ja bekannt, je mehr einer Orden hat, umsomehr möchte er noch welche haben, und so wünschte sich denn das Stadthaupt schon lange, den persischen Löwen- und Sonnenorden zu erhalten. Sein Wunsch war brennend und unbezwingbar. Er wußte, daß man, um diesen Orden zu bekommen, weder zu kämpfen noch eine Wohlthätigkeitsanstalt zu dotieren, noch sich im Gemeindedienste hervorzuthun brauchte, sondern daß dazu nur eine günstige Gelegenheit nötig war. Und jetzt schien es ihm, daß diese Gelegenheit gekommen sei.
Am andern Tage gegen Mittag legte er sich alle seine Ehrenzeichen an, hing sich die Amtskette um den Hals und fuhr nach dem Hôtel »Japan«. Das Schicksal begünstigte ihn. Als er das Zimmer des persischen Würdenträgers betrat, war dieser allein und nicht beschäftigt. Rachat-Chelam, ein riesiger Asiate mit einer langen Bekassinennase und hervorstehenden Augen, saß im Fez auf der Diele und kramte in seinem Koffer.
»Ich bitte zu entschuldigen, wenn ich es gewagt habe, Sie zu inkommodieren«, begann Kuzin lächelnd. »Ich habe die Ehre, mich vorzustellen: erblicher Ehrenbürger und Ritter hoher Orden, Stepan Iwanowitsch Kuzin, das hiesige Stadthaupt. Ich hielt es für meine Pflicht, in Ihrer werten Person sozusagen dem Vertreter einer befreundeten und nachbarlichen Monarchie meine Ehrerbietung zu bezeugen . . .«
Der Perser wandte sich um und stammelte etwas in sehr schlechtem Französisch, das wie das Klappern auf einem Holzbrette klang.
»Die Grenzen Persiens«, fuhr Kuzin in seiner vorher einstudierten Begrüßungsrede fort, »befinden sich in enger Berührung mit denjenigen unseres weiten Vaterlandes, und daher veranlassen mich die gemeinsamen Sympathien, Ihnen sozusagen unsere Solidarität auszudrücken.«
Der persische Würdenträger erhob sich und stammelte wieder etwas in seiner hölzernen Sprache.
Kuzin, der überhaupt keine fremden Sprachen kannte, schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er nicht verstehe.
»Wie soll ich nur mit ihm sprechen?« dachte er. »Man müßte eigentlich gleich nach einem Dolmetsch schicken, aber die Sache ist etwas peinlich und läßt sich in Zeugengegenwart nicht gut abmachen. Der Dolmetsch würde es dann in der ganzen Stadt herumtragen.«
Und Kuzin suchte sich einige Fremdwörter ins Gedächtnis zu rufen, die er aus den Zeitungen kannte.
»Ich bin das Stadthaupt . . .« stammelte er, »das heißt Lord-Mayor . . . Municipale . . . Oui? Comprenez?«
Er wollte durch Worte oder mimisch seine soziale Stellung bezeichnen, wußte aber nicht, wie er es machen sollte. Ein an der Wand hängender Stich mit der deutlichen Unterschrift »Die Stadt Venedig« half ihm aus seiner Verlegenheit. Er wies mit dem Finger auf die Stadt und dann auf seinen Kopf, woraus sich seiner Meinung nach die Phrase, ergab: »Ich bin das Stadthaupt.«
Der Perser begriff nichts, lächelte aber und sagte: »Gutt, musje . . . Gutt . . .«
Eine halbe Stunde später klopfte das Stadthaupt den Perser bald auf das Knie, bald auf die Schulter und sprach:
» Comprenez? Oui . . .? Als Lord-mayor und Municipale . . . biete ich Ihnen eine kleine Promenade an . . . Comprenez? Promenade . . .«
Kuzin wies mit einem Finger auf Venedig und stellte mit zwei Fingern einherschreitende Beine dar.
Rachat-Chelam, der von den Medaillen des Stadthaupts nicht die Augen wandte und offenbar bereits vermutete, daß er die wichtigste Person der Stadt vor sich hatte, verstand das Wort » Promenade« und entblößte liebenswürdig seine Zähne.
Darauf zogen beide ihre Paletots an und verließen das Zimmer. Unten an der Thür, die zu dem Restaurant »Japan« führte, fiel es Kuzin ein, daß es nicht übel wäre, dem Perser etwas vorzusetzen. Er blieb stehen und sagte, auf die Tische weisend:
»Nach russischer Sitte könnte man jetzt mal . . . Purée . . . Entrecôte . . . Champagne und so weiter . . . Comprenez?«
Der Würdenträger begriff, und nach einer Weile saßen beide in einem der vornehmsten Chambre separées des Restaurants, tranken Champagner und aßen.
»Trinken wir auf das Wohl Persiens!« sprach Kuzin. »Wir Russen lieben die Perser. Wenn wir auch einen verschiedenen Glauben haben, aber die gemeinsamen Interessen, die gegenseitigen Sympathien . . . der Fortschritt . . . die Asiatischen Märkte . . . die friedliche Eroberung, sozusagen . . .
Der persische Würdenträger aß und trank mit großem Appetit. Er stach mit der Gabel nach dem geräucherten Stör und sagte, den Kopf schüttelnd, mit Begeisterung:
»Gutt! Bien!«
»Schmeckt's Ihnen?« fragte erfreut das Stadthaupt. » Bien? Na, das ist schon.« Und an den Kellner gewandt, sagte er: »Luka, sorge mal, mein Bester, dafür, daß zu Seiner Excellenz zwei Störe aufs Zimmer gebracht werden, aber von den besseren!«
Darauf fuhren das Stadthaupt und der Perser in eine Menagerie.
Die Einwohner sahen, wie ihr Stepan Iwanowitsch, vom Champagner gerötet, heiter und sehr zufrieden, den Perser in den Hauptstraßen und auf dem Marktplatz herumführte und ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte. Auch auf den Turm des Feuerwehrhauses führte er ihn hinauf.
Unter anderem sahen die Einwohner auch, wie das Stadthaupt vor dem steinernen Thor mit den Löwen stehen blieb und zuerst auf einen der Löwen, dann nach oben auf die Sonne und dann auf seine eigene Brust wies, dann nochmals auf die Sonne und den Löwen, während der Perser wie zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte und lächelnd seine weißen Zähne zeigte.
Am Abend saßen sie im »Hôtel London« und lauschten den Harfenistinnen; wo sie aber in der Nacht waren, blieb unbekannt.
Des morgens am andern Tage war das Stadthaupt im Stadtamt. Die Beamten hatten offenbar schon einiges erfahren und Verdacht geschöpft. Wenigstens trat der Syndikus an ihn heran und sagte mit einem spöttischen Lächeln:
»Bei den Persern giebt es so eine Sitte, wenn zu ihnen ein vornehmer Gast kommt, so müssen sie für ihn eigenhändig einen Hammel schlachten . . . hm, hm!«
Etwas später wurde dem Stadthaupt ein mit der Post gekommenes Paket überreicht. Er öffnete dasselbe und fand eine Karikatur darin. Vor Rachat-Chelam kniete das Stadthaupt in eigener Person und sprach mit erhobenen Händen folgende Worte zu dem Perser:
Um Rußlands Freundschaft mit dem Schach
Zu ehren und zu achten,
Würd' ich am liebsten selbst mich schlachten
Als Hammel . . . Aber ach:
Ich bin ja nur ein Eseltier,
Was kann ich armer Mann dafür!
Das Stadthaupt empfand ein unangenehmes Gefühl, als saugte ihm etwas unter der Herzgrube, aber das dauerte nicht lange. Um Mittag war er schon wieder bei dem persischen Würdenträger und traktierte ihn. Dann zeigte er ihm wieder die Sehenswürdigkeiten der Stadt und führte ihn abermals vor das steinerne Thor, wo er wieder, bald auf den Löwen, bald auf die Sonne, bald auf seine Brust wies. Zu Mittag speisten sie in »Japan«, nach dem Essen bestiegen sie wieder, beide rot und glücklich, mit Zigarren im Munde, den Feuerwehrturm. Hier wollte offenbar das Stadthaupt dem Gast ein seltenes Schauspiel darbieten und schrie von oben hinab zu dem Posten, der unten auf und ab ging:
»Läute Alarm!«
Aber aus dem Alarm wurde nichts, da die Feuerwehrleute gerade im Bade waren.
Zu Abend speisten sie in »London«, nach dem Abendessen aber reiste der Perser ab.
Stepan Iwanowitsch küßte ihn, als er ihm das Geleit gab, nach russischer Sitte drei Mal und war sogar bis zu Thränen gerührt. Als der Zug sich in Bewegung setzte, rief er:
»Grüßen Sie Persien von uns. Sagen Sie Ihrem Vaterland, daß wir es lieben!«
*
Ein Jahr und vier Monate waren vergangen. Draußen war es bitterkalt, gegen 35° und dabei ein durchdringender Wind.
Stepan Iwanowitsch ging auf den Straßen umher in einem auf der Brust zurückgeschlagenen Pelz und ärgerte sich, daß niemand ihm begegnete und den Löwen- und Sonnenorden auf seiner Brust blitzen sah. So ging er bis zum Abend im offenen Pelz umher und fror fürchterlich.
In der Nacht aber warf er sich von der einen Seite auf die andere und konnte nicht einschlafen. Sein Herz war schwer und pochte unruhig, während ihn ein inneres Feuer verzehrte: er wollte jetzt den serbischen Takowa-Orden haben. Sein Wunsch war brennend und unbezwingbar . . .
Grischa
Grischa, ein kleiner dicker, zwei Jahre und acht Monate alter Junge, spaziert mit seiner Wärterin auf der Promenade. Er hat einen langen wattierten Mantel und warme Galoschen an, um seinen Hals ist ein großes Cachenez gebunden und auf dem Kopf sitzt eine große Mütze mit einer zottigen Troddel. Ihm ist so wie so schon heiß, und nun scheint ihm noch die freundliche Aprilsonne gerade in die Augen und kitzelt ihm die Lider.
Seine ganze, unsicher und schüchtern einherschreitende, plumpe Figur drückt äußerste Ratlosigkeit aus.
Bis jetzt hat Grischa nur eine einzige, viereckige Welt gekannt, in deren einer Ecke sein Bett, in der anderen die Lade der Wärterin, in der dritten ein Stuhl steht und in der vierten das Lämpchen vor dem Heiligenbilde glüht. Wirft man einen Blick unter das Bett, so findet man dort eine Puppe mit abgebrochenem Arm und eine Trommel, während hinter der Lade der Wärterin eine ganze Menge verschiedenartiger Dinge liegen: Zwirnrollen. Papierschnitzel, eine Schachtel ohne Deckel und ein invalider Hampelmann. In dieser Welt kann man, außer der Wärterin und Grischa, auch sehr häufig Mama und die Katze sehen. Mama sieht wie eine Puppe aus, und die Katze wie Papas Pelz, nur daß der Pelz keine Augen und keinen Schwanz hat. Aus der Welt, die die Kinderstube genannt wird, führt eine Thür in einen Raum, wo zu Mittag gegessen und Thee getrunken wird. Dort steht der hochbeinige Stuhl Grischas und hängt eine Uhr, die nur dazu da ist, um mit dem Pendel zu schlenkern und zu klingeln. Aus dem Speisezimmer kann man in ein anderes Zimmer treten, in welchem rote Sessel stehen. Dort auf dem Teppich sieht man einen dunklen Fleck, der noch immer die Veranlassung dazu giebt, daß man Grischa mit dem Finger droht. Hinter diesem Zimmer liegt noch ein anderes, in welches Grischa nicht hineingelassen wird und wo ab und zu Papa sich zu schaffen macht. Dieser Papa ist eine außerordentlich rätselhafte Persönlichkeit! Die Wärterin und Mama sind verständlich: sie kleiden Grischa an, füttern ihn und legen ihn zu Bett, aber wozu Papa existiert – das ist unklar. Es giebt noch eine andere rätselhafte Persönlichkeit – die Tante, die Grischa die Trommel geschenkt hat. Bald taucht sie auf, bald verschwindet sie wieder. Wohin verschwindet sie? Grischa hat mehr als einmal unter sein Bett geguckt, hinter die Lade und unter den Diwan, aber dort war sie nicht . . .
In dieser neuen Welt dagegen, wo die Sonne in die Augen sticht, giebt es so viel Papas, Mamas und Tanten, daß man gar nicht weiß, zu wem man heranlaufen soll. Das Komischste aber und Albernste, das sind – die Pferde. Grischa sieht zu, wie sie ihre Beine bewegen, und kann nichts begreifen. Er sieht die Wärterin an, damit diese ihm das Rätsel löse, aber die Wärterin schweigt.
Plötzlich hört er ein furchtbares Getrampel . . . Auf der Promenade bewegt sich gerade auf ihn zu in gleichmäßigem Schritt eine Truppe aus dem Schwitzbade zurückkehrender Soldaten mit roten Gesichtern und Birkenquasten unterm Arm. Grischa läuft es vor Schreck kalt über den Rücken und er sieht die Wärterin fragend an: ist das schrecklich? Aber die Wärterin läuft nicht weg und weint nicht, es ist also nicht schrecklich. Grischa begleitet die Soldaten mit den Augen und beginnt selbst im Takt zu schreiten.
Über die Promenade laufen zwei große Katzen mit langen Schnauzen, ausgestreckten Zungen und aufrecht stehenden Schwänzen. Grischa glaubt, daß auch er laufen müsse und läuft den Katzen nach.
»Halt!« schreit ihm die Wärterin zu, ihn rüde an der Schulter fassend. »Wohin? Wirst Du wohl artig sein!«
Dort sitzt eine Wärterin und hält einen kleinen Trog mit Apfelsinen. Grischa geht an ihr vorbei und nimmt sich, ohne ein Wort zu sagen, eine Apfelsine.
»Was machst Du denn da?« schreit seine Begleiterin, ihm einen Klaps auf die Hand gebend und die Apfelsine wieder entreißend. »Dummer Jung!«
Jetzt würde Grischa mit Vergnügen ein Glasstückchen aufheben, das ihm unter den Füßen liegt und in der Sonne wie das Lämpchen vor dem Heiligenbilde strahlt. Aber er fürchtet, daß man ihm wieder eins auf die Hand giebt.
»Ich habe die Ehre!« vernimmt Grischa plötzlich über seinem Ohr eine laute, tiefe Stimme und erblickt einen großen Mann mit glänzenden Knöpfen.
Zu seinem größten Vergnügen reicht dieser Mann der Wärterin die Hand, bleibt mit ihr stehen und beginnt ein Gespräch. Das Leuchten der Sonne, der Lärm der Wagen, die Pferde, die glänzenden Knöpfe, alles das ist so außerordentlich neu und so gar nicht schrecklich, daß Grischas Herz sich mit Wonne erfüllt und er zu lachen beginnt.
»Wollme gehn! Wollme gehn!« ruft er dem Mann mit den glänzenden Knöpfen zu und zupft ihn am Rock.
»Wohin denn?« fragt der Mann.
»Wollme gehn!« beharrt Grischa.
Er möchte sagen, daß es nicht schlecht wäre. auch Papa, Mama und die Katze mitzunehmen, aber seine Zunge sagt etwas ganz anderes, als was sie soll.
Nach einiger Zeit biegt die Wärterin von der Promenade ab und führt Grischa in einen großen Hof, wo noch Schnee liegt. Auch der Mann mit den glänzenden Knöpfen folgt ihnen. Sie gehen den Schneehaufen und Pfützen vorsichtig aus dem Wege, steigen dann eine schmutzige, dunkle Treppe hinauf und treten in ein Zimmer. Dort giebt es viel Rauch, es riecht nach Braten und eine Frau steht am Herd und bratet Koteletts. Die Köchin und die Wärterin küssen sich, setzen sich zusammen mit dem Mann auf die Bank und beginnen leise zu sprechen.
Grischa, der warm eingepackt ist, wird es unerträglich heiß und schwül.
»Woher kommt das?« denkt er, sich umsehend.
Er sieht eine dunkle Lage, Küchengerät und den Ofen, der wie eine große schwarze Höhle starrt . . .
»Ma–ma!« beginnt Grischa zu greinen.
»Nu, nu, nu!« schreit die Wärterin. »Kannst schon warten!«
Die Köchin stellt eine Flasche auf den Tisch, drei Gläser und einen Kuchen.
Die beiden Frauen und der Mann mit den glänzenden Knöpfen stoßen an, trinken mehrere mal, und der Mann umarmt bald die Köchin, bald die Wärterin. Dann beginnen sie alle drei leise zu singen.
Grischa streckt die Hände nach dem Kuchen und man giebt ihm ein Stückchen. Er ißt und sieht zu, wie die Wärterin trinkt . . . Er möchte auch trinken.
»Gieb! Gieb!« bittet er die Wärterin.
Die Köchin giebt ihm aus ihrem Glase zu nippen. Die Augen treten ihm heraus, er verzieht das Gesicht, hustet und wehrt sich noch lange mit den Armen, während die Köchin ihn betrachtet und lacht.
Nach Hause zurück gekehrt, beginnt Grischa der Mutter, den Wänden und dem Bett zu erzählen, wo er gewesen sei und was er gesehen habe. Er erzählt nicht so sehr mit der Zunge, als mit dem Gesicht und den Händen. Er zeigt, wie die Sonne leuchtet, wie die Pferde laufen, wie der schreckliche Ofen aussieht und wie die Köchin trinkt . . .
Am Abend kann er nicht einschlafen. Die Soldaten mit den Birkenquasten, die großen Katzen, die Pferde, das Glasstückchen, der Trog mit den Apselsinen, die glänzenden Knöpfe – alles das drängt sich zusammen und lastet ihm auf dem Gehirn. Er wälzt sich von einer Seite auf die andere, schwatzt und kann seiner Erregung nicht Herr werden, bis er endlich zu weinen anfängt.
»Du fieberst ja!« sagt die Mama, ihm die flache Hand auf die Stirn legend. »Woher kann denn das kommen?«
»Der Ofen!« weint Grischa. »Geh weg von hier. Ofen!«
»Er hat wohl zu viel gegessen . . .« meint die Mama.
Und Grischa, bewältigt von den Eindrücken des neuen Lebens, das er eben kennen gelernt, erhält von der Mama einen Löffel Ricinusöl.
Die Apothekerin
Das Städtchen B., das nur aus zwei bis drei krummen Straßen besteht, liegt in tiefen Schlummer versunken. In der regungslosen Luft vernimmt man kaum einen Laut. Nur irgendwo in der Ferne, wahrscheinlich außerhalb der Stadt, bellt mit einem dünnen, heiseren Tenor ein Hund. Bis zur Morgenröte dauert es nicht mehr lange.
Alles ruht. Nur die junge Frau des Provisors Tschornomordik, des Inhabers der B–schen Apotheke, schläft nicht. Sie hat sich schon dreimal zu Bette gelegt, aber der Schlaf flieht sie eigensinnig – Gott weiß warum. Sie sitzt am offenen Fenster im bloßen Hemde und sieht auf die Straße hinaus. Es ist ihr schwül, langweilig und ärgerlich zu Mute . . . so ärgerlich, daß sie sogar weinen möchte. Warum? Sie weiß es selbst nicht! Es liegt ihr wie ein hartes Stück auf der Brust, das immerfort zur Kehle aufsteigt . . .
Hinten, nur einige Schritte von der Apothekerin, schnarcht süß Tschornomordik selbst. Ein gieriger Floh hat sich bei ihm auf der Stirn zwischen den Augen festgesogen, aber er merkt es nicht und lächelt sogar, da er träumt, daß alle in der Stadt Husten haben und bei ihm immerfort seine Hustentropfen kaufen. Man kann ihn jetzt weder durch Stiche, noch mit Kanonen, noch mit Zärtlichkeiten wecken.
Die Apotheke liegt beinahe an der Grenze der Stadt, so daß die Apothekerin weit hinaus ins Feld blicken kann . . . Sie sieht, wie der östliche Rand des Himmels ganz allmählich erbleicht und wie er dann rot wird, wie von einer großen Feuersbrunst. Ganz unerwartet steigt hinter einem in der Ferne liegenden Gebüsch der große, breitgesichtige Mond langsam auf. Er ist rot, wie denn der Mond überhaupt, wenn er hinter einem Gebüsch hervorsteigt, aus irgend einem Grunde immer furchtbar verlegen ist.
Plötzlich ertönen in der nächtlichen Stille Schritte und Sporengeklirr. Man hört Stimmen.
›Das sind die Offiziere, die vom Polizeiinspektor nach Hause ins Biwak gehen‹, denkt die Apothekerin.
Etwas später zeigen sich zwei Gestalten in weißen Offizier-Sommerröcken; die eine groß und dick, die andere kleiner und dünner . . . Sie schreiten faul eine hinter der anderen längs des Zaunes einher und sprechen laut über irgend etwas. Als sie sich der Apotheke genähert haben, beginnen beide Gestalten immer langsamer zu gehen und sehen nach den Fenstern.
»Es riecht nach einer Apotheke . . .« sagt der Dünne. »Richtig, da ist sie ja auch! Aha, ich erinnere mich . . . In der vorigen Woche war ich hier und kaufte mir Rizinusöl. Hier wohnt ja der Apotheker mit dem sauren Gesicht und der Eselskinnlade. Das ist mal eine Kinnlade! Gerade mit so einer muß Simson die Philister verhauen haben.«
»M–ja . . .« spricht der Dicke im Baß. »Es schläft die Pharmacie! Und auch die Apothekerin schläft. Hier giebt es nämlich, Obtjossow, eine hübsche Apothekerin.«
»Ich habe sie gesehen. Sie gefiel mir sehr . . . Sagen Sie, Doktor, ist sie wirklich im stande, diese Eselskinnlade zu lieben? Unmöglich?«
»Nein, wahrscheinlich liebt sie ihn nicht«, seufzt der Doktor auf, mit einem Ausdruck, als thäte ihm der Apotheker leid. »Sie schläft jetzt hinterm Fenster, das Puppchen! Obtjossow, he? Liegt vor Hitze so hingegossen . . . das Mündchen ist halb geöffnet . . . das Füßchen hängt zum Bett heraus. Der Schafskopf von Apotheker wird von diesen Sachen kaum viel verstehen . . . Weib und Karbolflasche sind für ihn wohl ziemlich dasselbe!«
»Wissen Sie was, Doktor?« sagt der Offizier, indem er stehen bleibt. »Gehen wir mal in die Apotheke hinein und kaufen uns etwas. Vielleicht sehen wir die Apothekerin.«
»Nanu, in der Nacht!«
»Was ist denn dabei? Sie müssen ja auch in der Nacht öffnen. Mein Lieber, gehen wir!«
»Meinetwegen . . .«
Die Apothekerin, die sich hinterm Vorhang versteckt hat, hört die heisere Glocke. Sie sieht sich nach dem Manne um, der ruhig weiter schnarcht und süß lächelt, wirft sich in ein Kleid, zieht sich an die bloßen Füße Pantoffel und läuft in die Apotheke.
Durch die Glasthür hindurch sieht man zwei Schatten . . . Die Apothekerin schraubt die Lampe auf und eilt zur Thür, um zu öffnen. Sie fühlt jetzt keine Langeweile und keinen Ärger mehr und will nicht mehr weinen; nur ihr Herz pocht heftig. Der dicke Doktor und der dünne Obtjossow treten ein. Jetzt kann man sie schon besser sehen. Der dickbäuchige Arzt ist schwarz, bärtig und unbeholfen. Bei der geringsten Bewegung kracht sein Rock und Schweißtropfen treten ihm auf die Stirn. Der Offizier ist rosig, ohne Schnurrbart, etwas weiblich und biegsam wie eine englische Reitgerte.
»Was wünschen Sie?« fragt die Apothekerin, das Kleid über der Brust zusammenhaltend.
»Geben Sie . . . äh . . . äh . . . für fünfzehn Kopeken Pfefferminzplätzchen!«
Die Apothekerin holt ohne Eile vom Regal eine Büchse und beginnt zu wiegen. Die Käufer blicken ihr unverwandt auf den Rücken; der Arzt schließt halb die Augen, wie ein satter Kater, während der Leutnant sehr ernst ist.
»Zum ersten Mal sehe ich in einer Apotheke eine Dame«, sagt der Doktor.
»Dabei ist nichts besonderes . . .« antwortet die Apothekerin, nach dem rosigen Gesicht Obtjossows hinüberschielend. »Mein Mann hat keine Gehilfen, und ich helfe ihm immer.«
»So . . . Sie haben eine ganz nette Apotheke! Wieviel verschiedene . . . Büchsen es hier giebt! Und Sie fürchten sich nicht, so inmitten der Gifte zu leben? Brrrr!«
Die Apothekerin klebt das Packet zu und reicht es dem Doktor. Obtjossow giebt ihr ein Fünfzehnkopekenstück. Es vergeht eine halbe Minute schweigend . . . Die Käufer sehen sich an, machen einen Schritt zur Thür, sehen sich dann wieder an.
»Geben Sie mir, bitte, für zehn Kopeken Soda!« sagt der Doktor.
Die Apothekerin streckt die Hand wieder faul und lässig nach dem Regal aus.
»Hätten Sie nicht hier in der Apotheke so was . . .« murmelt Obtjossow, die Finger bewegend, »so etwas, wissen Sie, allegorisches, irgend ein erquickendes Naß . . . Selterwasser vielleicht? Haben Sie Selterwasser?«
»Jawohl«, antwortet die Apothekerin.
»Bravo! Sie sind kein Weib, sondern eine Fee. Schleifen Sie uns also etwa drei Flaschen heran!«
Die Apothekerin verpackt eilig die Soda und verschwindet im Dunkel der Thür.
»Ein Bissen!« sagt der Doktor augenblinzelnd. »So eine Ananas, Obtjossow, finden Sie selbst auf der Insel Madeira nicht. He? Was meinen Sie? Übrigens . . . hören Sie das Geschnarch? Das ist der Herr Apotheker in höchsteigener Person, der da schlummert.«
Nach einer Minute kehrt die Apothekerin zurück und stellt auf den Ladentisch fünf Flaschen. Sie war eben im Keller und ist daher rot und ein wenig erregt.
»Tss . . . leiser!« sagt Obtjossow, als sie beim Aufkorken der Flaschen den Korkenzieher fallen läßt. »Lärmen Sie nicht so, sonst wecken Sie Ihren Mann.«
»Nun, und was ist denn dabei, wenn ich ihn wecke?«
»Er schläft so süß . . . träumt von Ihnen . . . Auf Ihr Wohl!«
»Und außerdem«, meint mit seiner Baßstimme der Doktor, nach dem Selterwasser aufstoßend, »außerdem sind die Ehemänner ein so langweiliges Kapitel, daß sie gut thäten, immer zu schlafen. Na, zu diesem Wasserchen etwas Rotspon, das wäre was!«
»Was nicht noch!« lacht die Apothekerin.
»Das wäre prächtig! Schade, daß in den Apotheken keine Spirituosen verkauft werden! Übrigens . . . Sie müssen ja Wein als Medizin verkaufen. Haben Sie gallicum rubrum?«
»Jawohl.«
»Na, also! Geben Sie ihn mal her! Hol's der Teufel, nur her damit!«
»Wieviel wollen Sie?«
» Quantum satis! . . . Zuerst geben Sie uns ins Wasser je eine Unze, und dann wollen wir schon sehen . . . Obtjossow, he? Zuerst mit Wasser und dann nachher per se . . .«
Der Doktor und Obtjossow setzen sich an den Ladentisch, nehmen die Mützen ab und fangen an, Rotwein zu trinken.
»Der Wein ist aber, alles was recht ist, ein miserables Zeugs! Vinum schwachissimum, das muß man sagen! Übrigens, in der Gesellschaft . . . äh . . . schmeckt er wie Nektar. Sie sind entzückend, meine Gnädige! Ich küsse Ihnen in Gedanken die Hand.«
»Ich würde viel dafür geben, um das nicht nur in Gedanken thun zu können!« sagt Obtjossow. »Auf Ehre! Ich würde mein Leben dafür geben!«
»Das lassen Sie nur bleiben . . .« sagt Frau Tschornomordik errötend und macht ein ernstes Gesicht.
»Wie Sie übrigens kokett sind!« lacht leise der Doktor, sie schelmisch von unten herauf ansehend. »Die Äuglein schießen nur so! Piff! paff! Ich gratuliere: Sie haben gesiegt! Wir sind gefangen!«
Die Apothekerin blickt auf ihre frischen Gesichter, lauscht auf ihr munteres Geplauder und wird allmählich selbst lebhafter. O, ihr ist es jetzt schon so heiter zu Mut! Sie beteiligt sich am Gespräch, lacht, kokettiert und trinkt sogar, nach langem Bitten der Käufer, etwa zwei Unzen Rotwein.
»Die Herren Offiziere müßten doch häufiger aus dem Biwak in die Stadt kommen«, sagt sie, »sonst ist's hier so furchtbar langweilig. Ich sterbe fast . . .«
»Natürlich!« meint der Doktor empört. »So eine Ananas . . . ein Wunder der Natur, und in dieser Öde! Übrigens ist's für uns schon Zeit. Sehr angenehm gewesen, Ihre Bekanntschaft zu machen . . . sehr! Was haben wir zu zahlen?«
Die Apothekerin hebt die Augen zur Decke und bewegt lange die Lippen.
»Zwölf Rubel achtundvierzig Kopeken!« sagt sie.
Obtjossow holt seine dicke Brieftasche hervor, sucht lange in einem Päckchen Papiergeld und zahlt.
»Ihr Mann schläft süß und träumt . . .« murmelt er, der Apothekerin zum Abschied die Hand drückend.
»Ich liebe keine Dummheiten . . .«
»Wieso denn Dummheiten? Im Gegenteil . . . es sind gar keine Dummheiten . . . Sogar Shakespeare sagt: ›selig, wer jung in der Jugend!‹«
»Lassen Sie meine Hand los!«
Endlich, nach langen Gesprächen, küssen die Käufer der Apothekerin die Hand und verlassen unschlüssig, als überlegten sie, ob sie nicht irgend was vergessen hätten, die Apotheke.
Die junge Frau läuft schnell in das Schlafzimmer und setzt sich wieder ans Fenster. Sie sieht, wie der Doktor und der Leutnant etwa zwanzig Schritte vor der Apotheke stehen bleiben und über etwas zu flüstern anfangen. Worüber? Ihr Herz klopft, auch in den Schläfen klopft es. warum – weiß sie selbst nicht. Das Herz klopft so stark, als entschieden die Beiden, die dort flüstern, über ihr Schicksal.
Ungefähr nach fünf Minuten verläßt der Doktor Obtjossow und geht weiter, während Obtjossow zurückkommt. Er geht an der Apotheke vorbei, einmal. zweimal . . . Bald bleibt er an der Thür stehen, bald geht er wieder weiter . . . Endlich wird die Glocke behutsam gezogen.
»Was? Wer ist da?« hört die Apothekerin plötzlich die Stimme ihres Mannes. »Dort wird geklingelt, und Du hörst es nicht!« sagt streng der Apotheker. »Was ist das für eine Unordnung!«
Er steht auf, zieht sich den Schlafrock an und geht, mit den Pantoffeln schlurfend und im Halbschlaf schwankend in die Apotheke.
»Was . . . wünschen Sie?« fragt er Obtjossow.
»Geben Sie . . . geben Sie mir für fünfzehn Kopeken Pfefferminzplätzchen.«
Mit endlosem Schnaufen und Gähnen, unterwegs einschlafend und mit den Knieen an den Ladentisch stoßend, klettert der Apotheker zu dem Regal hinauf und holt die Büchse . . .
Zwei Minuten später sieht die Apothekerin, wie Obtjossow aus der Apotheke herauskommt und nachdem er einige Schritte gegangen, die Pfefferminzplätzchen auf die staubige Straße wirft. Hinter der Ecke hervor kommt ihm der Doktor entgegen . . . Sie treffen zusammen und verschwinden dann, mit den Händen gestikulierend, im Morgennebel.
»Wie unglücklich bin ich!« spricht die Apothekerin, ihren Mann, der sich schnell auskleidet, um wieder zu schlafen, voll Wut betrachtend. »O, wie unglücklich ich bin!« wiederholt sie, plötzlich in Thränen ausbrechend. »Und niemand, niemand weiß . . .«
»Ich habe auf dem Ladentisch fünfzehn Kopeken vergessen«, brummt der Apotheker, sich die Decke über den Kopf ziehend. »Thu sie, bitte, in die Kasse . . .«
Und sofort schläft er wieder ein.
Der Orden
Der Lehrer am Militär-Progymnasium, Kollegienregistrator Lew Pustakow, wohnte Thür an Thür neben seinem Freunde, dem Leutnant Ledenzow. Zu ihm lenkte er am Neujahrsmorgen seine Schritt.
»Höre mal, Grischa«, sagte er ihm nach der üblichen Gratulation, »ich würde Dich nicht inkommodieren, wenn es nicht dringend nötig wäre. Leih mir, bitte, für heute Deinen Stanislaus. Ich bin nämlich beim Kaufmann Spitschkin zum Mittag eingeladen, – und Du kennst den Kerl ja, furchtbar erpicht auf Orden . . . hält, glaub' ich, jeden für einen Schuft, der nicht was am Halse oder auf der Brust baumeln hat. Nun, und er hat doch zwei Töchter . . . Du weißt, Nastja und Sina . . . Aber ich wende mich an Dich, als Freund . . . Du verstehst mich doch, mein Lieber . . . thu mir, bitte, den Gefallen.«
Bei dieser Rede errötete Pustakow und blickte ängstlich auf die Thür. Der Lieutenant schimpfte zuerst, gab dann aber nach.
Um zwei Uhr Nachmittags fuhr Pustakow in einer Droschke zu Spitschkins. Er hatte seinen Pelz vorn offen gelassen und auf seiner Brust blitzte in Gold und Emaille der fremde Stanislaus.
»Ist mir doch zu Mute, als wäre ich ein ganz anderer Mensch!« dachte er und räusperte sich mit einem gewissen Selbstbewußtsein. »Ein kleines Ding, kostet vielleicht nicht mehr als fünf Rubel, – und welcher Effekt!«
Vor dem Hause des Herrn Spitschkin schlug er den Pelz zurück und begann langsam den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher seine Achselstücke, Knöpfe und den Stanislaus erblickte, war er, so schien es wenigstens Pustakow, wie versteinert. Pustakow räusperte sich selbstbewußt und trat in das Haus ein. Den Pelz legte er im Vorzimmer ab und warf einen Blick in den Saal, wo gegen fünfzehn Personen an einem langen gedeckten Tisch saßen und schon zu essen begonnen hatten. Man hörte nur Stimmengewirr und Tellergeklapper.
»Wer hat da geklingelt?« fragte der Hausherr und erhob sich. »Ah, Lew Nikolajewitsch! Bitte schön! Etwas spät, aber das macht nichts . . . Wir haben uns eben erst gesetzt.«
Pustakow streckte seine Brust vor, warf stolz den Kopf zurück und trat, sich die Hände reibend, in den Saal. Aber da sah er etwas Fürchterliches. Am Tisch, neben Fräulein Sina, saß sein Kollege, der Lehrer der französischen Sprache, Tremblant. Wenn der Franzose den Orden sehen würde, würde er unangenehme Fragen stellen und ihn wahrscheinlich für ewig blamieren . . . Sollte er den Orden abreißen oder wieder weglaufen? . . . Aber der Unglücksorden saß fest am Rock und ein Rückzug war nicht mehr möglich. Er preßte schnell die rechte Hand auf den Orden und machte der Gesellschaft eine tiefe Verbeugung. Darauf setzte er sich schwerfällig, ohne jemand die Hand zu reichen, auf den einzigen Stuhl, der frei war, gerade dem französischen Kollegen gegenüber.
»Wahrscheinlich etwas angeduselt!« dachte Spitschkin, der sich Pustakows sonderbares Benehmen nicht anders erklären konnte.
Es wurde ihm ein Teller Suppe gereicht. Er nahm den Löffel mit der linken Hand auf. Da fiel ihm ein, daß man unter wohlerzogenen Leuten doch nicht mit der linken Hand essen könne. Gar nicht essen? Ja! . . . Schließlich sagte er, daß er bereits gegessen habe. »Ich machte einen Besuch bei meinem Onkel, dem Probst Elejew . . . er bat mich . . . aß da zu Mittag . . .«
Pustakows Seele war von Ingrimm erfüllt und er litt Tantalusqualen: die Suppe war gar zu appetitlich . . . Und was für ein verführerischer Duft ging von dem gedämpften Stör aus. Er dachte daran, seine rechte Hand frei zu machen und den Orden mit seiner Linken zu verdecken, aber er wagte es nicht.
»Man wird es bemerken . . . Und auch, wenn man es nicht merkt: wie lange soll ich denn den Arm über die ganze Brust gestreckt halten, als wenn ich singen wollte? Mein Gott, wird denn dieses Mittagessen ewig dauern? Ich werde nachher schnell in ein Restaurant gehen!«
Nach dem dritten Gange warf er mit dem einen Auge einen verstohlenen Blick auf den Franzosen. Es kam ihm vor, als ob Tremblant aus irgend einem Grunde sehr verlegen war, ihn ängstlich ansah und auch nichts aß. Als sie einander eine Weile angesehen hatten, wurden beide noch verlegener und sahen in ihre leeren Teller. »Er hat es bemerkt, der Kerl!« dachte Pustakow. »Ich sehe es ihm an der Fratze an, daß er es bemerkt hat! Dieser Schuft, diese Klatschbase! Morgen wird der Direktor alles wissen!«
Die Gäste kamen zum vierten Gang und dann auch glücklich zum fünften . . .
Ein langer Herr mit einer gebogenen Nase, großen, haarigen Nüstern und verkniffenen Äuglein stand auf, strich sich mit der flachen Hand über den Kopf und sprach:
»Äh . . . äh . . . äh . . . ich erlaube mir, äh, ein Hoch auf das Wohl der anwesenden Damen. äh, auszubringen!«
Geräuschvoll erhoben sich alle und ergriffen die Gläser. Ein lautes Hurrah dröhnte durch das Zimmer. Die Damen lächelten und bogen sich verbindlich hinüber, um anzustoßen. Pustakow erhob sich nun auch; er hielt sein Glas in der linken Hand. »Lew Nikolajewitsch, haben Sie bitte; die Güte, dieses Glas Nastasja Timofejewna hinüber zu reichen. Sie muß es austrinken!« Mit diesen Worten wandte sich ein Herr an ihn und reichte ihm ein volles Glas.
Pustakow mußte zu seiner Verzweiflung die rechte Hand in Aktion setzen. Der Stanislaus mit dem zerdrückten, roten Band wurde sichtbar und erstrahlte im Glanz der Lichter. Der Lehrer wurde totenbleich, ließ den Kopf auf die Brust fallen und blickte scheu nach seinem Gegenüber. Der Franzose sah ihn erstaunt und fragend an, dann verzog sich sein Mund zu einem schalkhaften Lächeln und alle Verlegenheit wich aus seinem Gesicht . . .
»Julius Awgustowitsch!« rief da der Hausherr dem Franzosen zu, »reichen Sie doch, bitte, die Flasche hinüber!«
Tremblant streckte unschlüssig seine rechte Hand nach der Flasche aus, – und, o Wonne: Pustakow erblickte auch auf seinem Rockaufschlag einen Orden. Und das war kein Stanislaus, sondern sogar eine Anna! Also auch er hatte gemogelt! Pustakow lachte innerlich vor Vergnügen und fiel gemütlich auf seinen Stuhl . . . Jetzt brauchte er den Stanislaus nicht mehr zu verstecken! Sie wandelten beide auf demselben verbotenen Wege und keiner brauchte zu befürchten, daß der andere ihn denunzieren oder klatschen würde.
»Ah . . . ah . . . ah . . . so, so . . .«, meinte Spitschkin, als er die Orden auf der Brust beider Lehrer erblickte.
»Ja!« sagte Pustakow, »wie merkwürdig, Julius Awgustowitsch! Wie wenige wurden doch vor den Feiertagen vorgeschlagen! So viele Kollegen, – und wir allein haben etwas bekommen! Wirklich merkwürdig!«
Tremblant nickte vergnügt mit dem Kopfe und strich über den linken Rockaufschlag, auf dem die Anna dritter Klasse saß.
Nach dem Essen ging Pustakow in allen Zimmern umher und erläuterte den Damen die Bedeutung seines Ordens. Sein Herz war leicht und heiter, obgleich er großen Hunger verspürte.
»Hätte ich das gewußt«, dachte er mit einem neidischen Blick auf Tremblant, der sich mit dem Hausherrn – natürlich auch über Ordensangelegenheiten – unterhielt, »dann hätte ich mir ruhig einen Wladimir angehängt. Wirklich ärgerlich!«
Das allein quälte ihn. Im Übrigen war er vollkommen glücklich.
Eine problematische Natur
Koupee erster Klasse.
Auf dem mit rotem Sammet bezogenen Diwan sitzt in halbliegender Stellung eine hübsche junge Dame. Der teure Spitzenfächer knistert in ihrer krampfhaft zusammengepreßten Hand, das Pincenez fällt immerfort von ihrem hübschen Näschen, die Brosche auf ihrer Brust hebt sich und senkt sich wie ein Nachen auf den Wellen. Sie ist erregt . . .
Ihr gegenüber auf dem Diwan sitzt ein Gouverneursattaché, ein junger Schriftsteller, der in der Gouvernementszeitung kleine Erzählungen oder, wie er sie selbst nennt, › short stories‹ aus der vornehmen Welt veröffentlicht . . . Er sieht ihr ins Gesicht und betrachtet sie mit der Miene eines Kenners. Er beobachtet, studiert, erforscht diese exzentrische, problematische Natur, sucht sie zu erfassen, zu verstehen . . . Ihre Seele, ihre ganze Psychologie liegen vor ihm wie auf dem Präsentierteller.
»O, ich verstehe Sie!« sagt der Gouverneursattaché, ihre Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Ihre weiche, zarte Seele sucht einen Ausgang aus dem Labyrinth . . . Ja! Ein furchtbarer, grausiger Kampf, aber . . . verzweifeln Sie nicht! Sie werden Siegerin bleiben! Ja!«
»Beschreiben Sie mich, Woldemar!« sagt die Dame mit einem trüben Lächeln. »Mein Leben ist so reich, so mannigfaltig, so bunt . . . Aber die Hauptsache – ich bin unglücklich! Ich bin eine Märtyrerin im Geschmack Dostojewskis . . . Zeigen Sie der Welt meine Seele, Woldemar, zeigen Sie ihr diese arme Seele! Sie sind ein Psycholog. Es ist noch keine Stunde vergangen, seit wir im Koupee sitzen und uns unterhalten, und schon haben Sie mich ganz, ganz erfaßt!«
»Sprechen Sie! Ich flehe Sie an, sprechen Sie!«
»Hören Sie. Ich wurde in einer armen Beamtenfamilie geboren. Mein Vater war gut und klug, aber . . . der Geist der Zeit, das Milieu . . . vous comprenez, ich verurteile meinen armen Vater nicht. Er trank, spielte Karten . . . ließ sich bestechen . . . Die Mutter . . . Aber was soll ich davon sprechen! Sorgen, der Kampf um das tägliche Brot, das Bewußtsein der Miserabilität . . . Ach, zwingen Sie mich nicht, daran zu denken! Ich mußte mir selbst die Bahn brechen . . . Die verkrüppelte Erziehung im vornehmen Pensionat, die Lektüre blöder Romane, die Fauxpas der Jugend, die erste schüchterne Liebe . . . Und der Kampf mit dem Milieu? Schrecklich! Und die Zweifel? Und die Qualen der aufkeimenden Verzweiflung an sich selbst, am Leben? . . . Ach, Sie sind ein Schriftsteller und kennen uns Frauen. Sie werden mich verstehen . . . Unglücklicherweise bin ich eine groß angelegte Natur . . . Ich erwartete das Glück, und noch was für eines! Mich dürstete, ein Mensch zu sein! Ja! Mensch sein – darin sah ich mein ganzes Glück!
»Schöne!« stammelt der Schriftsteller, ihre Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Wunderbare! Ich küsse nicht Sie, sondern die Leiden der Menschheit! Erinnern Sie sich Raskoljnikows? So küßte auch er.«
»Woldemar! Ich brauchte Ruhm . . . Lärm, Glanz, wie jeder, der mehr – wozu soll ich mich zieren? – der mehr als eine Dutzendnatur ist. Mich dürstete nach irgend etwas Außergewöhnlichem . . . Nichtweiblichem! Und da . . . da . . . versperrte mir ein reicher alter General den Weg . . . Verstehen Sie mich, Woldemar! Das war eine Selbstaufopferung, ein Resignieren . . . verstehen Sie mich? Ich konnte nicht anders handeln. Ich machte dadurch meine Familie wohlhabend, begann Gutes zu thun, zu reisen . . . O, wie habe ich gelitten, wie unerträglich, niedrig und gemein erschienen mir die Liebkosungen dieses Generals, obgleich er ja seinerzeit tapfer gekämpft haben soll. Es gab Augenblicke . . . schreckliche Augenblicke! Mich hielt nur der Gedanke aufrecht, daß der Alte heute oder morgen sterben wird und daß ich dann leben kann, wie ich will, mich einem geliebten Manne hingeben, glücklich sein . . . Und ich kenne einen solchen Mann, Woldemar! Bei Gott, ich kenne einen solchen . . .«
Die Dame fächelt sich hastig zu. Ihr Gesicht nimmt einen weinerlichen Ausdruck an.
»Endlich starb der Alte . . . Er hinterließ mir einiges, ich wurde frei wie ein Vogel. Jetzt hätte ich glücklich werden sollen . . . Nicht wahr, Woldemar? Das Glück klopft bei mir ans Fenster. Ich brauche es nur einzulassen, aber . . . nein! Woldemar, ich beschwöre Sie, hören Sie mich an! Jetzt wäre der Augenblick gekommen, sich einem geliebten Manne hinzugeben, seine Gefährtin, Gehilfin, die Trägerin seiner Ideale zu werden, glücklich zu sein . . . auszuruhen . . . Aber wie niedrig, gemein und dumm ist alles in dieser Welt! Wie ist doch alles so niedrig, Woldemar! Ich bin unglücklich, unglücklich, unglücklich! Mein Weg ist wieder versperrt! Wieder fühle ich, daß mein Glück fern und weit ist! O, wieviel Qualen, wenn Sie wüßten! Wieviel Qualen!«
»Aber was ist es denn? Was versperrt Ihnen den Weg zum Glück? Ich flehe Sie an, sagen Sie es mir! Was ist es?«
»Ein anderer reicher Alter . . .«
Der zerknitterte Fächer verdeckt das schöne Gesichtchen.
Der Schriftsteller stützt sein gedankenschweres Haupt auf die Faust, seufzt auf und verfällt mit der Miene eines Kenners, eines erfahrenen Psychologen in Reflexionen.
Die Lokomotive pfeift und zischt, die Vorhänge an den Fenstern färben sich rot von der untergehenden Sonne . . .
Der teure Hund
Der Leutnant Dubow, ein nicht mehr junger Offizier von der Linie, und der Einjährige Knaps saßen und tranken.
»Ein prachtvoller Hund!« sagte Dubow, dem Einjährigen seinen Hund Milka zeigend. »Ein wunderbarer Hund! Sehen Sie blos die Schnauze! Was ist die allein schon wert! Ein Kenner würde für die Schnauze allein zweihundert Rubel geben! Sie zweifeln daran? Na, dann verstehen Sie eben nichts davon . . .«
»Ich verstehe schon, aber . . .«
»Es ist doch ein Setter, ein englischer Vollblutsetter! Sein Anstand ist großartig, und die Witterung . . . die Schnauze! Mein Gott, was für eine Witterung! Wissen Sie, wieviel ich für Milka zahlte, als sie noch ein Welf war? Hundert Rubel! Ein wunderbarer Hund! Milka! Kanaille! Du–ummchen, Milka! Komm her, komm her, mein Hundchen, mein liebes . . .«
Dubow zog Milka an sich und küßte den Hund zwischen die Ohren. In seine Augen traten Thränen.
»An niemandem gebe ich Dich weg . . . Du mein schönes Tier, Du Kerl. Du liebst mich doch, Milka? Liebst Du mich? . . Na, pack Dich!« rief der Leutnant plötzlich. »Kriechst mit den schmutzigen Pfoten gerade auf die Uniform! Ja, Knaps, hundertundfünfzig Rubel habe ich für den Welf gezahlt! Muß also was an ihm gewesen sein! Eines thut mir nur leid: ich habe keine Zeit zum Jagen! Der Hund verkommt ohne Arbeit, vergräbt sein Talent . . . Darum will ich ihn auch verkaufen. Kaufen Sie ihn, Knaps! Ihr ganzes Leben lang werden Sie mir dankbar sein! Nun, wenn Sie nicht viel Geld haben, gut, ich lasse ihn Ihnen für die Hälfte . . . Nehmen Sie ihn für fünfzig! Nutzen Sie mich aus!«
»Nein, mein Bester . . .« seufzte Knaps. »Wenn Ihre Milka ein Männchen wäre, so hätte ich sie vielleicht noch gekauft, aber so . . .«
»Milka soll kein Männchen sein?« staunte der Leutnant. »Knaps, was fehlt Ihnen? Milka – kein Männchen! Haha! Was ist er denn Ihrer Ansicht nach? Eine Hündin? Haha . . . 'n netter Knabe, kann nicht einmal einen männlichen Hund von einer Hündin unterscheiden!«
»Sie sprechen mit mir, als wäre ich blind oder ein Kind . . .« sagte Knaps beleidigt. »Natürlich ist es eine Hündin!«
»Na hören Sie, da werden Sie vielleicht noch sagen, daß ich eine Dame sei! Ach, Knaps, Knaps! Und sind noch von der Technischen Hochschule! Nein, mein Lieber, das ist ein richtiges Vollblutmännchen, so ein Männchen, wie es kein zweites giebt! Und Sie kommen mir da mit einer Hündin! Haha . . .«
»Verzeihen Sie, Michail Iwanowitsch, aber Sie . . . Sie halten mich wohl für einen Narren . . . Das ist sogar beleidigend . . .«
»Nun gut, ist nicht nötig, hol Sie der Teufel . . . Kaufen Sie nicht . . . Ihnen kann man es nicht klar machen! Sie werden bald sagen, daß dies hier keine Rute, sondern ein Bein ist . . . Ist nicht nötig. Ich wollte Ihnen nur eine Gefälligkeit erweisen. – Wachramejew, Kognak!«
Der Bursche brachte noch Kognak. Die Freunde gossen sich ein Gläschen ein und verfielen in Gedanken. Eine halbe Stunde verging schweigend.
»Und wenn es auch ein Weibchen wäre . . .« brach der Leutnant das Schweigen, die Flasche finster anstarrend. »Komisch! Um so besser für Sie. Würde Ihnen Welfe bringen, und jedes Junge bedeutet so viel wie fünfundzwanzig Rubel . . . Ein jeder würde Ihnen die Welfe gerne abkaufen. Ich weiß nicht, warum Ihnen die Männchen so gefallen. Die Hündinnen sind tausendmal besser. Das weibliche Geschlecht ist auch treuer und anhänglicher . . . Nun, da Sie sich einmal vor dem weiblichen Geschlecht so fürchten, gut, so nehmen Sie den Hund für fünfundzwanzig.«
»Nein, Verehrtester . . . Nicht einen Kopeken gebe ich. Erstens brauche ich den Hund nicht und zweitens habe ich kein Geld.«
Der Bursche brachte eine Pfanne Rührei. Die Freunde machten sich daran und verzehrten schweigend das Gericht.
»Sie sind ein guter, braver Junge, Knaps . . .« sagte der Leutnant, sich den Mund wischend. »Ich möchte Sie so nicht fortlassen, hol's der Teufel! Wissen Sie was? Nehmen Sie den Hund umsonst.«
»Aber, mein Bester, wohin soll ich ihn denn thun?« sagte Knaps mit einem Seufzer. »Und wer wird ihn denn bei mir pflegen?«
»Gut, ist nicht nötig, nicht nötig . . . Hol Sie der Teufel! Wenn Sie es nicht wollen, dann lassen Sie es . . . Wohin wollen Sie denn? Bleiben Sie doch sitzen!«
Knaps reckte sich, stand auf und griff nach der Mütze.
»Es ist schon Zeit. Adieu . . .« sagte er gähnend.
»Warten Sie dann, ich will Sie begleiten.«
Dubow und Knaps zogen sich an und gingen hinaus. Die ersten hundert Schritte gingen sie ohne zu sprechen.
»Kennen Sie nicht jemand, an den ich den Hund weggeben könnte? Haben Sie nicht irgend so einen Bekannten? Der Hund ist, Sie sahen es ja, ein guter Racehund, aber . . . ich kann ihn durchaus nicht brauchen!«
»Ich weiß nicht, mein Bester . . . Was habe ich denn hier für Bekannte?«
Bis zu Knaps Wohnung sprachen die Freunde kein Wort mehr. Erst nachdem Knaps dem Leutnant die Hand gedrückt und seine Thür geöffnet hatte, räusperte Dubow sich und fragte mit einem sonderbaren Zögern:
»Wissen Sie nicht, nehmen die hiesigen Abdecker auch Hunde an, oder nicht?«
»Wahrscheinlich wohl . . . Genau kann ich es Ihnen nicht sagen.«
»Werd' ihn morgen mit Wachramejew hinschicken . . . Hol' ihn der Teufel, mögen sie ihm das Fell über die Ohren ziehen . . . Ein abscheulicher Hund! Ein widerwärtiges Tier! Nicht nur, daß er die Zimmer verunreinigt, nein, gestern hat er noch in der Küche das ganze Fleisch aufgefressen, so'n Luder . . . Und wenn es noch eine gute Race wäre, aber so – weiß der Teufel was, eine Kreuzung von Straßenköter und Sau. Gute Nacht!«
»Adieu!« sagte Knaps.
Die Thür schlug zu und der Leutnant blieb allein.
Plappertasche
Natalja Michajlowna, eine junge Frau, die am Morgen aus Jalta heimgekehrt war, aß zu Mittag und erzählte ihrem Mann, ohne ihr Zünglein auch nur eine Sekunde stillstehen zu lassen, von den Herrlichkeiten der Krim. Der Mann blickte ihr begeistertes Gesicht voll Entzücken und Freude an und stellte nur ab und zu ein paar Fragen . . .
»Aber man sagt, das Leben soll dort furchtbar teuer sein?«
»Ja, wie soll ich Dir sagen, Papachen? Meiner Ansicht nach wird darin stark übertrieben. Der Teufel ist nicht so schlimm, wie man ihn an die Wand malt. Ich, zum Beispiel, hatte mit Julija Petrowna ein sehr bequemes und anständiges Logis für zwanzig Rubel täglich. Alles, mein Schatz, hängt von der Kunst ab, sein Leben einzurichten. Natürlich, wenn man Ausflüge in die Berge macht . . . zum Beispiel aus den Aj-Petri . . . sich ein Pferd, einen Führer nimmt – ja, dann natürlich wird es teuer. Schrecklich teuer! Aber Wassitschka, was sind dort für Be–erge! Stell Dir vor, so hohe, hohe Berge, tausendmal höher als die Kirche . . . Oben ist nur Nebel, Nebel und Nebel . . . Unten riesige Felsen, Felsen und Felsen . . . Und die Pinien . . . Ach, ich mag nicht daran denken!«
»Aber was ich sagen wollte . . . Unter anderem las ich hier in einer Zeitschrift von den dortigen Führern, den Tataren . . . So eine Schweinerei! Ist an ihnen denn wirklich was Besonderes d'ran?«
Natalja Michajlowna rümpfte verächtlich das Näschen und schüttelte mit dem Kopf.
»Gewöhnliche Tataren, nichts Besonderes . . .« sagte sie. »Übrigens habe ich sie nur flüchtig, von weitem gesehen . . . Man zeigte sie mir, aber ich gab nicht acht darauf. Ich habe, Papachen, immer ein Vorurteil gegen alle diese Tscherkessen, Griechen . . . Mauren gehabt! . . .«
»Man sagt, daß sie furchtbare Don Juans sein sollen.«
»Vielleicht! Es giebt ja Frauenzimmer, die . . .«
Natalja Michajlowna sprang plötzlich auf, als wäre ihr etwas Schreckliches eingefallen, blickte eine halbe Minute lang den Mann mit erschrockenen Augen an und sagte, indem sie jedes Wort dehnte.
»Wassitschka, ich will Dir nur sagen, was es für un–mo–ra–lische Frauen giebt! Ach, was für unmoralische! Und nicht etwa, weißt Du, aus den unteren oder mittleren Ständen, nein, Aristokratinnen, diese anfgeblasenen bonton-Damen! Geradezu fürchterlich, ich traute meinen Augen nicht! So lang ich lebe, vergesse ich es nicht! Wie ist es nur möglich, sich so zu vergessen, daß . . . Ach, Wassitschka, ich will davon gar nicht sprechen. Nehmen wir zum Beispiel meine Reisegefährtin, Julija Petrowna . . . So einen guten Mann hat sie, zwei Kinder . . . gehört zur guten Gesellschaft, spielt sich immer als Heilige auf, und plötzlich, kannst Du Dir denken . . .? Aber, Papachen, das bleibt natürlich entre nous. – Giebst Du Dein Ehrenwort, daß Du es niemandem erzählen wirst?«
»Na, so etwas! Natürlich erzähle ich das niemandem.«
»Ehrenwort? Hörst Du! Ich glaube Dir . . .«
Die junge Frau legte die Gabel hin, machte ein geheimnisvolles Gesicht und begann im Flüsterton.
»Stell Dir so etwas vor . . . Einmal reitet diese Julija Petrowna in die Berge . . . Es war ein wundervolles Wetter! Sie ritt mit ihrem Führer voraus, etwas weiter zurück folgte ich. Wir waren vielleicht so drei, vier Werst geritten, als plötzlich, verstehst Du, Wassitschka, Julija aufschreit und sich nach der Brust faßt. Ihr Tatare greift sie um die Taille, sonst wäre sie aus dem Sattel gefallen . . . Ich reite mit meinem Führer zu ihr heran . . . Was ist? Was ist passiert? ›Ach‹, schreit sie, ›ich sterbe! Es wird mir schlecht! Ich kann nicht weiter!‹ Stell Dir meinen Schreck vor! – Dann reiten wir zurück, sage ich. ›Nein‹, sagt sie, ›Natalie, ich kann nicht zurückreiten! Wenn ich noch einen Schritt mache, so sterbe ich vor Schmerzen! Ich habe Krämpfe!‹ Und sie bittet und fleht mich und meinen Sulejman um Gotteswillen an, daß wir in die Stadt zurückreiten und ihr Hoffmann-Tropfen holen, die ihr helfen.«
»Wart 'mal . . . Ich verstehe Dich nicht ganz . . .« murmelte der Mann, sich die Stirn reibend. »Du sagtest doch zuerst, daß Du diese Tataren nur von weitem gesehen hättest, und jetzt erzählst Du mir von irgend einem Sulejman?«
»Du fängst wieder mit Deinen Wortklaubereien an!« sagte die Frau mit einer Grimasse, ohne auch nur im geringsten verlegen zu werden. »Ich kann so ein mißtrauisches Wesen nicht vertragen! Nein, das kann ich nicht leiden.«
»Ich sage ja nichts, aber . . . wozu die Unwahrheit reden? Bist Du mit dem Tataren geritten, so bist Du geritten, und damit basta. Aber . . . wozu solche Ausflüchte?«
»Hm! . . . So komisch zu sein!« empörte sich die junge Frau. »Auf Sulejman eifersüchtig! Ich möchte doch wissen, wie Du ohne Führer in die Berge geritten wärst! Ich kann es mir vorstellen! Wenn Du die dortigen Verhältnisse nicht kennst und das nicht begreifst, so schweig lieber. Sei still und schweig! Ohne Führer kann man dort nicht einen Schritt machen.«
»Natürlich!«
»Bitte dieses dumme Lächeln zu unterlassen. Ich bin nicht etwa irgend eine Julija . . . Ich verteidige sie auch nicht, aber ich . . . hm! Wenn ich mich auch nicht als Heilige aufspiele, so habe ich mich doch noch nicht so weit vergessen. Mein Sulejman durfte die Grenze nicht überschreiten . . . Ne–ein! Julijas Mametkul pflegte bei ihr die ganze Zeit zu sitzen, bei mir aber hieß es, wenn des Abends die Uhr elf schlug, sofort: ›Sulejman, marsch! Gehen Sie!‹ Und mein dummes Tatarchen geht auch. Ich hielt ihn streng, Papachen . . . Sobald er 'mal wegen des Geldes oder wegen sonst irgend was zu knurren begann, kam ich ihm gleich: ›Wie? Wa–as? Wa–a–as?‹ Gleich fiel ihm das Herz in die Hosen . . . Ha–ha–ha . . . Augen hatte er, schwarz, pechschwarz, wie eine Kohle, verstehst Du, Wassitschka, ein tatarisches Fratzchen, so dumm und komisch . . . Ich hielt ihn stramm! So!«
»Ich kann es mir vorstellen . . .« brummte der Gatte, während er Brodkügelchen rollte.
»Dumm, Wassitschka! Ich weiß ja, was Du für Gedanken hast! Ich weiß, was Du denkst . . . Aber ich versichere Dich, daß er bei mir sogar während der Ausflüge die Grenzen nicht überschreiten durfte. Wir reiten zum Beispiel in die Berge oder zum Wasserfall U-tschau-Su, und ich sage ihm stets: ›Sulejman, hinten reiten! Na!‹ Und immer ritt er hinten nach, der Ärmste . . . Sogar während . . . sogar an den allerpathetischsten Stellen pflegte ich ihm zu sagen: ›Und trotzdem darfst Du nicht vergessen, daß Du nur ein Tatar bist, während ich die Frau eines Staatsrats bin!‹ Ha–ha . . .«
Die junge Frau begann zu lachen, sah sich dann schnell um, machte ein erschrockenes Gesicht und fuhr fort zu flüstern:
»Aber Julija! Ach diese Julija! Ich verstehe, Wassitschka, warum soll man nicht etwas Spaß machen, warum soll man sich nicht eine Erholung nach der Leere des gesellschaftlichen Lebens gönnen? Das geht ja alles . . . spaße und erhole Dich, soviel Du willst, niemand wird es verurteilen. Aber so etwas ernst zu nehmen, Scenen zu machen . . . nein, sag' was Du willst, das verstehe ich nicht! Stell Dir vor, sie war eifersüchtig! Na, ist so etwas nicht dumm? Einmal kommt zu ihr der Mametkul, ihre Passion . . . Sie war nicht zu Hause . . . Nun, ich rief ihn zu mir herein . . . wir kamen ins Gespräch, dies und jenes . . . sie sind ja, weißt Du, zu komisch! So verging ganz unvermerkt der Abend . . . Plötzlich stürzt Julija herein . . . überfällt mich und Mametkul . . . macht uns eine Scene . . . Pfui! So etwas verstehe ich nicht, Wassitschka!«
Wassitschka räusperte sich, runzelte die Stirn und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ein lustiges Leben führtet Ihr dort, das muß man sagen!« brummte er mit einem verächtlichen Lächeln.
»Na, wie das du–umm ist!« sagte Natalja Michajlowna gekränkt. »Ich weiß, woran Du denkst! Du hast immer solche schmutzige Gedanken! Nun, dann werde ich Dir eben nichts erzählen. Nein!«
Die junge Frau warf schmollend die Lippen auf und verstummte.
Die Sirene
Nach einer Sitzung des N–schen Friedensrichterplenums hatten sich die Richter in dem Beratungszimmer versammelt, um ihre Uniformröcke abzulegen, einen Augenblick auszuruhen und dann nach Hause zum Mittag zu fahren.
Der Präsident des Plenums, ein stattlicher Herr mit pompösem Backenbart, der bei einem der soeben verhandelten Prozesse ›bei besonderer Meinung‹ geblieben war, saß jetzt am Tisch und beeilte sich, diese seine Meinung schriftlich niederzulegen.
Der Bezirksfriedensrichter Milkin, ein junger Mann mit einem melancholischen, sehnsuchtskranken Gesicht, der für einen mit dem Milieu unzufriedenen und nach einem Lebenszweck suchenden Philosophen galt, stand am Fenster und blickte trübselig auf den Hof hinaus. Der andere Bezirksfriedensrichter und einer der beiden Ehrenfriedensrichter waren schon gegangen.
Der andere Ehrenfriedensrichter, ein schwammiger, schwer atmender dicker Herr, und der Prokureursadjunkt, ein junger Deutscher mit einem katarrhalen Gesicht, saßen auf dem kleinen Divan und warteten, bis der Präsident mit dem Schreiben fertig würde, um dann zusammen zum Essen zu fahren.
Vor ihnen stand der Sekretär des Plenums, Shilin, ein kleines Männchen mit Bartansätzen bei den Ohren und süßem Gesichtsausdruck. Mit halber Stimme und einem honigsüßen Lächeln sprach er, zum Dicken gewandt:
»Wir möchten jetzt freilich alle essen, denn wir sind müde und die Uhr geht schon auf vier, aber das, mein Herzchen, Grigori Ssawwitsch, ist doch nicht der richtige Appetit. Den richtigen Appetit, wahren Wolfshunger, wo man, glaube ich, seinen eigenen Vater auffressen könnte, hat man nur nach physischer Bewegung, zum Beispiel nach einer Parforcejagd, oder wenn man so hundert Werst ohne Unterbrechung mit Postpferden gefahren ist. Auch die Einbildungskraft macht viel aus. Wenn Sie zum Beispiel von der Jagd nach Hause fahren, so dürfen Sie niemals an etwas Kluges denken; das Kluge und Gelehrte verdirbt einem immer den Appetit. Sie wissen ja selbst: die Philosophen und Gelehrten sind, was das Essen anlangt, die allerletzten Leute und schlechter als sie essen – Sie verzeihen – fressen nicht mal die Schweine . . . Wenn man nach Hause fährt, muß man nur an die Karaffe und an die Sakuska denken. Einmal schloß ich unterwegs die Augen und stellte mir in der Phantasie ein Spanferkel mit Meerrettig vor – ich bekam vor lauter Appetit beinahe einen hysterischen Anfall. Ja, und wenn Sie zu sich in den Hof einfahren, muß es gerade nach etwas . . . nach etwas . . . so etwas riechen, wissen Sie . . .«
»Gebratene Gänse haben das Duften los«, sagte der Landfriedensrichter schwer atmend.
»Ach nein, mein verehrtester Grigori Ssawwitsch, eine Ente oder eine Bekassine ist der Gans darin bei weitem voraus. Dem Bouquet der Gans fehlt es an Zartheit und Delikatesse. Am kräftigsten riechen junge Zwiebeln, wenn sie, wissen Sie, etwas anbrennen und durch das ganze Haus zischen, die Kanaillen . . . Nun also, wenn Sie eintreten, muß der Tisch schon gedeckt sein. Sie setzen sich, stecken gleich die Serviette hinter die Binde und langen ohne Eile nach der Schnapskaraffe. Und das Schnäpschen gießen Sie sich nicht in ein Spitzglas ein, sondern in irgend so einen vorsintflutlichen silbernen Familienbecher, oder in so ein dickwanstiges Gläschen mit der Aufschrift: ›Auch ein Mönch, ein krasser, trinkt nicht immer Wasser!‹ Und Sie trinken nicht gleich, sondern seufzen zuerst aus, reiben sich die Hände, werfen einen gleichgiltigen Blick an die Decke, führen dann das Schnäpschen ohne Eile an die Lippen – und sofort fühlen Sie, wie Ihren ganzen Körper vom Magen aus belebende Funken durchzucken . . .«
Der Sekretär verlieh seinem süßen Gesicht den Ausdruck von Glückseligkeit.
»Funken . . .« wiederholte er, die Augen zukneifend. »Sobald Sie getrunken haben, müssen Sie sich gleich an die Sakuska machen.«
»Hören Sie mal«, sagt der Präsident, seine Augen zu dem Sekretär erhebend, »sprechen Sie etwas leiser! Ich verderbe Ihretwegen schon den zweiten Bogen.«
»Ach, entschuldigen Sie, Pjotr Nikolaitsch! Ich werde leiser . . .« sagte der Sekretär und fuhr im Flüsterton fort: »Nun, und die Sakuska, mein verehrtester Grigori Ssawwitsch, muß man sich auch mit Verständnis auswählen. Man muß wissen, was sich dazu eignet. Die beste Sakuska ist, wenn Sie es wissen wollen, der Hering. Haben Sie davon ein Stückchen mit Zwiebeln und Senfsauce gegessen, mein Bester, so nehmen Sie gleich, solange Sie noch die Funken im Magen spüren, etwas Kaviar – allein für sich oder, wenn Sie wollen, mit Citrone – dann gewöhnlichen Rettig mit Salz, dann wieder Hering. Am besten aber, mein Liebster, sind diese rötlichen Pilze, die Brätlinge, gesalzen, ganz fein wie Kaviar geschnitten und mit Zwiebeln und Provenceröl angemacht . . . da kann man sich krank dran essen! Und nun gar Aalquappenleber – das ist schon das reine Epos!«
»Hm, ja . . .« stimmte der Ehrenfriedensrichter, die Augen zukneifend, bei. »Als Sakuska sind auch . . . hm . . . gedünstete Steinpilze gut.«
»Ja, ja, ja – mit Zwiebeln, wissen Sie, mit Lorbeer und verschiedenem Gewürz. Man öffnet die Kasserolle und aus ihr steigt so ein Dampf, so ein Pilzaroma, daß einem zuweilen sogar Thränen in die Augen kommen! Nun also, sobald aus der Küche die Pastete kommt, gleich, ohne Zeit zu verlieren, den zweiten hinter die Binde.«
»Iwan Jurjitsch!« sagte mit weinerlicher Stimme der Präsident. »Ihretwegen verderbe ich jetzt den dritten Bogen!«
»Hol's der Teufel, er denkt nur ans Essen!« brummte der Philosoph Milkin mit einer verächtlichen Grimasse. »Giebt es im Leben denn wirklich keine anderen Interessen als Pilze und Pasteten?«
»Nun, also vor der Pastete muß man eins trinken«, fuhr der Sekretär mit halber Stimme fort. Er war schon so in den Zug gekommen, daß er, wie eine schlagende Nachtigall, nichts mehr außer seiner eigenen Stimme hörte. »Die Pastete muß appetitlich und schamlos in ihrer rosigen Nacktheit sein, damit sie verführerisch wirkt. Man blinzelt ihr zu, schneidet sich ein Stück ab und macht nur so mit den Fingern vor Überfluß an Gefühl. Wenn man sie ißt, träufelt die Butter wie Thränen herunter . . . Die fette, saftige Füllung mit Ei, Gekröse, Zwiebeln . . .«
Dem Sekretär gingen die Augen über und er verzog den Mund bis an das eine Ohr.
Der Ehrenfriedensrichter räusperte sich und machte eine Geste, aus der man ersehen konnte, wie lebhaft er sich die Pastete vorstellte.
»Das ist ja weiß der Teufel was . . .« brummte der Bezirksfriedensrichter, zu dem anderen Fenster hinübergehend.
»Zwei Stück ißt man und das dritte hebt man sich zu der Kohlsuppe auf«, fuhr der Sekretär begeistert fort. »Sobald Sie mit der Pastete fertig sind, lassen Sie gleich, ohne den Appetit einschlafen zu lassen, die Kohlsuppe auftragen . . . Kohlsuppe muß brennend heiß sein . . . Am besten aber, mein Verehrtester, ist ein Borstschok aus Beeten auf kleinrussische Art mit etwas Schinken und Wiener Würsteln. Dazu wird saure Sahne und frische Petersilie mit etwas Dill genommen. Vorzüglich ist auch eine Rassoljnik-Suppe mit Gekröse und jungen Nieren; lieben Sie dagegen Bouillonsuppen, so ist die beste die Julien-Suppe aus Gemüse und Kräutern: Karotten, Blumenkohl und ähnliche Jurisprudenz.«
»Ja, die schmeckt vorzüglich . . .« seufzte der Präsident, den Blick vom Papier losreißend. Aber er kam sogleich wieder zur Besinnung und stöhnte: »Daß Sie sich nicht schämen! Auf diese Weise werde ich mit meiner ›besonderen Meinung‹ vor dem Abend nicht fertig! Den vierten Bogen muß ich wegwerfen!«
»Gut, gut, ich werde nicht mehr . . . Verzeihen Sie!« entschuldigte sich der Sekretär und fuhr fort zu flüstern:
»Sobald Sie den Borstschok oder die Suppe gegessen haben, mein Verehrtester, lassen Sie sofort den Fisch auftragen. Von den Fischen ist der beste – in Sahne gebratene Karausche; nur muß man sie, damit sie fein wird und nicht nach dem Sumpf schmeckt, vorher vierundzwanzig Stunden lebend in Milch halten.«
»Auch ein kleiner Sterlett ist nicht übel«, sagte der Ehrenfriedensrichter, die Augen schließend.
Aber sofort und ganz unerwartet sprang er auf, machte ein wütendes Gesicht und brüllte, nach dem Präsidenten gewandt:
»Pjotr Nikolaitsch, sind Sie bald soweit? Ich kann nicht länger warten! Ich kann nicht!«
»Lassen Sie mich nur zu Ende schreiben!«
»Na, dann fahr ich allein! Hol' Sie der . . .«
Der Dicke machte eine ungeduldige Geste, griff nach dem Hut und lief, ohne sich zu verabschieden, zum Zimmer hinaus.
Der Sekretär seufzte auf, und fuhr, zum Ohr des Prokureursadjunkts gebeugt, mit halber Stimme fort:
»Auch Sandart oder Karpfen mit einer Tunke von Tomaten und Pilzchen ist gut. Aber Fisch macht einen nicht satt, Stepan Franzitsch; das ist kein reelles Essen, und die Hauptsache beim Mittag sind nicht der Fisch, nicht die Saucen, sondern der Braten. Welches Geflügel schätzen Sie am meisten?«
Der Prokureursadjunkt machte ein saures Gesicht und sagte mit einem Seufzer:
»Ich kann Ihre Gefühle leider nicht teilen: ich leide an einem Magenkatarrh.«
»Ach was! Magenkatarrhe haben die Ärzte erfunden! Diese Krankheit kommt mehr vom Freisinn und vom Stolz. Beachten Sie sie garnicht. Sie möchten, wollen wir sagen, nicht essen, oder es ist Ihnen widerwärtig; achten Sie aber nicht darauf und essen Sie ruhig. Wenn zum Beispiel als Braten ein Pärchen Doppelschnepfen aufgetragen wird und dazu ein Rebhühnchen oder ein Pärchen fetter Wachteln, – da vergessen Sie jeden Katarrh, Ehrenwort! Und ein gebratener Truthahn? Weiß, fett, saftig, wissen Sie, wie so 'ne Nymphe . . .«
»Ja, das muß wohl gut schmecken«, sagte mit einem trüben Lächeln der Prokureursadjunkt. »Truthahn würde ich vielleicht auch essen.«
»Mein Gott, und Ente? Wenn Sie eine junge Ente nehmen, so um die ersten Herbstfröste, wenn die Ente vielleicht zum ersten Mal übers Eis gelaufen ist, und sie auf der Pfanne mit Kartoffeln braten und zwar so, daß die Kartoffeln fein zerschnitten sind und schön braun werden und vom Entenfett ordentlich durchzogen sind und . . .«
Der Philosoph Milkin machte ein bestialisches Gesicht und wollte offenbar etwas sagen. Aber plötzlich schmatzte er mit den Lippen, sich wahrscheinlich die gebratene Ente vorstellend, nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut und lief davon, von einer unbekannten Kraft getrieben.
»Ja, vielleicht würde ich auch Ente essen . . .« seufzte der Prokureursadjunkt.
Der Präsident stand auf, ging einmal durch das Zimmer und setzte sich wieder.
»Nach dem Braten beginnt der Mensch ein Gefühl von Sattigkeit zu empfinden und verfällt in einen süßen Dusel«, fuhr der Sekretär fort. »Der Körper fühlt sich dann wohl und das Gemüt schwelgt in Seligkeit. Da werden Sie etwa drei Gläschen im Ofen selbst abgezogenen Likörs nicht ohne innere Befriedigung zu sich nehmen können.«
Der Präsident räusperte sich und durchstrich einen Bogen.
»Ich verderbe den sechsten Bogen«, sagte er ärgerlich. »Das ist doch . . .«
»Schreiben Sie, schreiben Sie nur, Verehrtester«. flüsterte der Sekretär. »Ich werde nicht mehr . . . Ich mach's leise. – Ich muß Ihnen aufrichtig sagen, Stepan Franzitsch«, fuhr er in kaum hörbarem Flüsterton fort, »ein selbst abgezogenes Likörchen ist besser als jeder Champagner. Gleich nach dem ersten Gläschen geht Ihre Seele in Verzückung auf . . . so 'ne Fata Morgana . . . und es kommt Ihnen vor, als säßen Sie nicht bei sich zu Hause im Lehnstuhl, sondern irgendwo in Australien auf einem weichen, sich sanft wiegenden Straußenrücken . . .«
»Ach, fahren wir doch, Pjotr Nikolaitsch!« sagte der Prokureursadjunkt, ungeduldig mit dem Bein zuckend.
»Jawohl«, fuhr der Sekretär fort. »Während des Likörs ist es gut, eine Zigarre zu rauchen und Ringe in die Luft zu blasen. Da kommen einem so phantastische Gedanken in den Kopf . . . als wären Sie Generalfeldmarschall, oder als hätten Sie die erste Schönheit der Welt zur Frau . . . Und diese schöne Frau schwimmt den ganzen Tag über vor Ihren Fenstern in so einem Bassin mit Goldfischen herum. Sie schwimmt so umher, und Sie sagen zu ihr nur: ›Komm, Schätzchen, küß mich! ‹«
»Pjotr Nikolaitsch!« stöhnte der Prokureursadjunkt auf.
»Ja . . .« fuhr der Sekretär fort. »Wenn Sie ausgeraucht haben, nehmen Sie die Schöße Ihres Schlafrockes auf und – ›nur auf ein Viertelstündchen‹! Sie legen sich so auf den Rücken, mit dem Bauch nach oben und nehmen eine Zeitung in die Hand. Wenn die Augen einem zukleben und der ganze Körper sich schläfrig dehnt, ist es ganz angenehm, über Politik zu lesen: hier hat Österreich irgend etwas schlecht gemacht, dort ärgert sich jemand über Frankreich, oder der Pabst kommt jemandem in die Quere – man liest das alles und es wird einem ordentlich wohl dabei . . .«
Der Präsident sprang auf, warf die Feder beiseite und griff mit beiden Händen nach dem Hut.
Der Prokureursgehilfe, der seinen Katarrh vergessen hatte und vor Ungeduld verging, sprang ebenfalls auf.
»Fahren wir!« rief er.
»Pjotr Nikolaitsch! Und Ihre ›besondere Meinung‹ rief der Sekretär erschrocken. »Wann werden Sie die denn aufsetzen? Sie müssen doch um sechs Uhr zur Stadt!«
Der Präsident machte eine abwehrende Geste, und stürzte nach der Thür.
Der Prokureursadjunkt machte ebenfalls eine abwehrende Geste, nahm sein Portefeuille und verschwand mit dem Präsidenten.
Der Sekretär seufzte auf, blickte ihnen vorwurfsvoll nach und begann die Akten zusammenzulegen.
Der Dicke und der Dünne
Auf dem Bahnhof der Nikolaibahn trafen sich zwei Freunde, ein dicker und ein dünner.
Der Dicke hatte soeben auf dem Bahnhofe zu Mittag gespeist und seine fettigen Lippen glänzten wie reife Kirschen. Er roch nach Cherry und Fleur d'orange.
Der Dünne dagegen war eben erst aus dem Waggon gestiegen und mit Koffern, Bündeln und Schachteln beladen. Er roch nach Schinken und Kaffee. Hinter seinem Rücken sah man eine hagere Frau mit langem Kinn – seine Gattin, und einen langen Gymnasiasten mit einem zugekniffenen Auge – seinen Sohn.
»Porfiri!« rief der Dicke, als er den Dünnen erblickte. »Bist Du es, mein Bester? Wie viele Jahre ist's her!«
»Mischa!« staunte der Dünne. »Freund meiner Jugend! Wo kommst Du her?«
Die Freunde küßten sich dreimal nach russischer Sitte und blickten sich mit thränenerfüllten Augen an. Beide waren angenehm überrascht.
»Mein Lieber!« begann der Dünne nach der Begrüßung. »Das hätte ich nicht geglaubt! Ist das eine Überraschung! Na, sieh mich mal ordentlich an! Ebensolch ein schwer Kerl, wie er war! Ebensolch ein Herzensbrecher und Stutzer! Ach, mein Gott! Nun, wie geht es Dir denn? Reich? Verheiratet? Ich bin schon verheiratet, wie Du siehst . . . Das hier ist meine Frau Luise, geborene Wanzenbach . . . Protestantin . . . Und das ist mein Sohn Nafanail, Tertianer. – Das ist der Freund meiner Jugend, Nafanja! Waren zusammen im Gymnasium!«
Nafanail dachte ein wenig nach und zog die Mütze.
»Waren zusammen im Gymnasium!« fuhr der Dünne fort. »Erinnerst Du Dich noch, wie Dein Spitzname war? Du hießt Herostrat, weil Du in ein Zensurbuch mit der Zigarette ein Loch gebrannt hattest, und ich hieß Ephialtes, weil ich zu klatschen liebte. Ho–ho . . . Wir waren Kinder! Fürchte Dich nicht, Nafanja! Komm zu ihm näher heran . . . Das ist meine Frau, geborene Wanzenbach . . . protestantisch.«
Nafanail dachte ein wenig nach und versteckte sich hinter dem Rücken des Vaters.
»Nun, was machst denn Du, Freund?« fragte der Dicke, den Freund voll Entzücken anblickend. »Bist Du im Staatsdienst? Hast's weit gebracht?«
»Jawohl, ich diene, mein Lieber! Bin schon das zweite Jahr Kollegienassessor und habe den Stanislaus. Das Gehalt ist zwar schlecht . . . aber was ist da zu machen! Meine Frau giebt Musikunterricht und ich fertige privatim Cigarrenetuis aus Holz an. Vorzügliche Etuis! Zum Rubel das Stück verkaufe ich sie. Wenn jemand zehn Stück und mehr nimmt, bekommt er natürlich Rabatt. Man schlägt sich also irgendwie durch. Zuerst war ich im Departement selbst angestellt und jetzt bin ich hierher in dasselbe Ressort als Tischvorsteher versetzt . . . Werde jetzt also hier bleiben. Nun, und Du? Bist wohl schon Staatsrat? He?«
»Nein, mein Lieber, kannst noch was zugeben«, sagte der Dicke. »Ich bin schon beim Geheimrat angelangt . . . Habe zwei Orden erster Klasse.«
Der Dünne wurde plötzlich ganz blaß und wie versteinert. Aber bald verzog sich sein ganzes Gesicht zu einem breiten Lächeln; es schien, als sprühten sein Gesicht und seine Augen Funken. Er selbst zog sich ein, knickte zusammen, machte sich klein . . . Seine Koffer, Bündel und Schachteln wurden klein und schrumpften zusammen . . . Das lange Kinn seiner Frau wurde noch länger . . . Nafanail stand stramm und knöpfte alle Knöpfe seiner Uniform zu . . .
»Ich, Ew. Excellenz . . . Sehr angenehm! Ich darf wohl sagen, ein Freund meiner Jugend gewesen und jetzt solch ein Würdenträger geworden! Hi–hi.«
»Na, laß doch!« sagte der Dicke mit einer Grimasse. »Wozu dieser Ton? Wir sind Jugendfreunde – wozu also dieses Untergebenen-Markieren!«
»Ich bitte Sie . . . Gestatten Sie . . .« lächelte der Dünne, noch kleiner werdend. »Die hohe Gunst Ew. Excellenz . . . ist wie der Tau, der . . . Das hier, Ew. Excellenz, ist mein Sohn Nafanail . . . meine Frau Luise, Protestantin gewissermaßen . . .«
Der Dicke wollte irgend etwas entgegnen, aber auf dem Gesicht des Dünnen malte sich soviel Ehrfurcht, Süßigkeit und ehrerbietiges Entzücken, daß es dem Geheimrat übel wurde. Er kehrte sich von dem Dünnen ab und reichte ihm zum Abschied die Hand.
Der Dünne drückte ihm drei Finger, verbeugte sich mit dem ganzen Körper und lachte wie ein Chinese: »Hi–hi–hi.«
Seine Frau lächelte.
Nafanail machte einen Kratzfuß und ließ dabei die Mütze fallen.
Alle drei waren angenehm überrascht.
Der böse Knabe
Iwan Iwanitsch Lapkin, ein junger Mann von angenehmem Äußeren und Anna Ssemjonowna Samblizkaja, ein junges Mädchen mit einem Stumpfnäschen, gingen das steile Ufer hinab und ließen sich auf einer Bank nieder. Die Bank stand hart am Wasser zwischen dichtem Weidengebüsch. Ein prächtiges Plätzchen! Man sitzt hier verborgen vor aller Welt, und nur die Fische und die Wasserspinnen, die wie Blitze hin und her schießen, sehen einen. Die jungen Leute waren mit Angelruten, einem Handnetz, Behältern für Würmer und allen möglichen anderen Angelgerätschaften ausgestattet. Kaum hatten sie sich gesetzt, als sie sich auch gleich an die Arbeit machten.
»Ich bin froh, daß wir endlich allein sind«, begann Lapkin, nachdem er sich umgeschaut hatte. »Ich habe Ihnen sehr vieles zu sagen, Anna Ssemjonowna . . . Sehr vieles . . . Als ich Sie das erste Mal gesehen . . . Bei Ihnen beißt einer an!.. Da begriff ich erst, wozu ich lebe, da sah ich erst, wer die Göttin ist, der ich mein ehrliches Arbeitsleben weihen muß . . . Es scheint ein großer anzubeißen! . . Als ich Sie sah, lernte ich zum ersten Mal lieben, leidenschaftlich lieben! Ziehen Sie noch nicht . . . lassen Sie ihn ordentlich anbeißen . . . Sagen Sie mir, mein Alles, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir – nicht ob ich auf Gegenseitigkeit, nein! dessen bin ich nicht wert und darf daran nicht einmal denken – sagen Sie mir, ob ich darauf rechnen kann, daß . . . Ziehen Sie!«
Anna Ssemjonowna zog die Hand mit der Angelrute mit einem Ruck in die Höhe und schrie auf. Ein silbergrüner Barsch zappelte und flimmerte in der Luft.
»Ach Gott, ein Barsch! Ai, ach . . . Schnell! Er macht sich los!«
Der Barsch riß sich vom Haken los, begann auf dem Grase umher zu springen und fiel endlich mit einem Platsch in sein heimatliches Element zurück.
Während der Jagd nach dem Fische hatte Lapkin ganz in Versehen, statt des Fisches, Anna Ssemjonownas Hand ergriffen und sie unversehens an die Lippen geführt . . . Das junge Mädchen zog die Hand zwar zurück, aber es war schon zu spät: die Lippen hatten sich in Versehen zu einem Kusse vereinigt. Alles war so ganz unversehens gekommen. Auf den ersten Kuß folgte ein zweiter, dann kamen Schwüre, Beteuerungen . . . Glückliche Augenblicke!
Übrigens ein absolutes Glück giebt es hier auf der Erde nicht. Jedes Glück trägt entweder den Giftkeim in sich selbst, oder wird durch irgend etwas von außen Kommendes vergiftet. So war es auch hier. Während die jungen Leute sich noch küßten, erscholl plötzlich ein Gelächter. Sie sahen nach dem Fluß und erstarrten: dort stand bis zu den Hüften im Wasser ein nackter Knabe. Es war der Gymnasiast Kostja, Anna Ssemjonownas Bruder. Er stand im Wasser, blickte die jungen Leute an und lächelte diabolisch.
»A–a–a . . . Ihr küßt Euch?« sagte er. »Gut! Ich werde es Mama sagen.«
»Ich hoffe, daß Sie als anständiger Mensch . . .« begann Lapkin zu stammeln. »Das Spionieren ist gemein und das Klatschen ist niedrig, niederträchtig . . . Ich hoffe, daß Sie als ein anständiger Mensch, als ein Mann von Ehre . . .«
»Geben Sie mir einen Rubel, dann werde ich es nicht sagen!« antwortete der Mann von Ehre. »Sonst sag' ich's!«
Lapkin holte aus der Tasche einen Rubel und reichte ihn Kolja. Dieser knillte den Rubel in der nassen Faust zusammen, pfiff und schwamm weg. Und dieses Mal küßten die jungen Leute sich nicht mehr.
Am nächsten Tage brachte Lapkin Kolja aus der Stadt einen Malkasten und einen Ball mit, die Schwester aber schenkte ihm alle ihre hübschen Medizinschachteln. Hernach mußte sie ihm auch die Manschettenknöpfe mit den Hundeköpfen schenken.
Dem bösen Knaben gefiel alles das offenbar sehr, und um noch mehr zu erhalten, begann er zu beobachten. Wo Lapkin und Anna Ssemjonowna waren, war auch er. Nicht einen Augenblick ließ er sie aus den Augen.
»Ein Schuft!« knirschte Lapkin mit den Zähnen. »Noch so klein und schon ein so bedeutender Schuft! Was wird aus ihm erst später werden?!«
Den ganzen Juni über ließ Kolja den armen Verliebten keine Ruhe. Er drohte mit Verrat, beobachtete sie und erpreßte von ihnen Geschenke; seine Ansprüche wurden immer unbescheidener und schließlich begann er schon von einer Taschenuhr zu reden. Und was geschah? Die Taschenuhr mußte ihm bewilligt werden.
Einmal während des Mittagessens, als die Waffeln eben serviert waren, fing er plötzlich an zu lachen, blinzelte Lapkin mit dem einen Auge zu und sagte:
»Soll ich's sagen? Ja?«
Lapkin wurde furchtbar rot und begann anstatt der Waffel die Serviette zu kauen. Anna Ssemjonowna sprang vom Tisch auf und lief ins Nebenzimmer.
In dieser Lage befanden sich die jungen Leute bis Ende August, bis zu dem Tage, wo Lapkin endlich Anna Ssemjonowna einen Heiratsantrag machte. O, was war das für ein glücklicher Tag! Nachdem Lapkin mit den Eltern der Braut gesprochen und ihre Einwilligung erhalten hatte, lief er sofort in den Garten und begann Kolja zu suchen. Als er ihn gefunden, schluchzte er vor Entzücken beinahe auf und packte den bösen Knaben am Ohr. Anna Ssemjonowna, die sich ebenfalls auf der Suche nach Kolja befunden hatte, kam herbei und faßte ihn am andern Ohr. Und man hätte es sehen müssen, welches Entzücken sich auf den Gesichtern der Verliebten malte, als Kolja weinte und flehte:
»Liebe! Teurer! Ich werd' nie mehr . . . Ai, ai, ai, verzeiht!«
Und hernach gestanden sie beide, daß während der ganzen Zeit ihres Verliebtseins sie niemals ein solches Glück, eine solche überströmende Seligkeit empfunden hatten, als in den Augenblicken, während sie den bösen Knaben an den Ohren rissen.
Ein bekannter Herr
Die reizende Wanda oder wie sie nach dem Paß hieß, die Bürgerin Nastaßja Kanawkina befand sich bei ihrer Entlassung aus dem Krankenhause in einer Lage, wie sie sich in einer solchen früher noch nie befunden hatte: ohne Unterkunft und ohne einen Kopeken Geld. Was war da zu machen?
Ihr erster Gang war ins Leihhaus, wo sie ihren Türkisring, die einzige »Wertsache«, die sie besaß, versetzte. Für den Ring erhielt sie einen Rubel, aber . . . was kann man sich für einen Rubel kaufen? Für diese Summe bekommt man weder ein modernes kurzes Jackett, noch einen hohen Hut, noch Goldkäferschuhe; ohne diese Sachen aber fühlte sie sich so gut wie nackt. Es schien ihr, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die Pferde und Hunde sie ansahen und sich über die Einfachheit ihres Kostüms lustig machten. Sie dachte nur an ihre Toilette, während die Frage, wie sie essen und wo sie schlafen würde, sie nicht im geringsten beunruhigte.
»Wenn ich doch irgend einen bekannten Herrn treffen würde . . .« dachte sie. »Ich würde dann von ihm etwas Geld erbitten . . . Mir wird es keiner abschlagen, denn . . .«
Aber die bekannten Herren begegneten ihr nicht. Es wäre nicht schwer gewesen, sie am Abend in der »Renaissance« zu treffen, aber in die »Renaissance« würde man sie in diesem einfachen Kleide und ohne Hut nicht hineinlassen. Was sollte sie thun?
Nach langem Zaudern, als sie des Gehens, Sitzens und Nachdenkens schon müde geworden war, entschloß sich Wanda, das letzte Mittel zu ergreifen: irgend einen bekannten Herrn direkt in seiner Wohnung aufzusuchen und ihn um Geld zu bitten.
»Zu wem soll' ich nur gehen?« überlegte sie. »Zu Mischa geht es nicht – verheiratet . . . Der rothaarige Alte ist jetzt im Dienst . . .«
Ihr fiel der Zahnarzt Finkel ein, ein getaufter Jude, der ihr vor drei Monaten ein Armband geschenkt, und dem sie einmal bei einem Souper im »Deutschen Club« ein Glas Wein auf den Kopf gegossen hatte. Als ihr der Gedanke an diesen Finkel gekommen war, freute sich Wanda furchtbar.
»Er wird mir bestimmt geben, wenn ich ihn nur zu Hause treffe . . .« dachte sie auf dem Wege zu dem Zahnarzt. »Giebt er aber nichts, so zerkeile ich ihm alle Lampen . . .«
Als sie sich der Thür des Zahnarztes näherte, war ihr Plan schon fertig: sie wird lachend die Treppe hinauslaufen, in das Kabinett des Arztes stürzen und fünf und zwanzig Rubel verlangen . . . Als sie aber nach der Klingel griff, verflüchtigte sich dieser Plan wie von selbst. Wanda bekam plötzlich Furcht und wurde aufgeregt, was ihr früher niemals passiert war. Dreist und frech war sie nur in bezechter Gesellschaft, jetzt aber, in gewöhnlicher Kleidung, in die Rolle einer gewöhnlichen Bittstellerin versetzt, die einfach nicht empfangen werden konnte, fühlte sie sich schüchtern und gedemütigt. Schande und Furcht befielen sie.
»Vielleicht hat er mich schon vergessen . . .« dachte sie, während sie nicht wagte, an der Klingel zu ziehen. »Und wie soll ich zu ihm in einem solchen Kleide? Wie eine Bettlerin oder irgend eine Kleinbürgerin . . .«
Und zögernd klingelte sie.
Hinter der Thür vernahm man Schritte; es war der Portier.
»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie.
Jetzt wäre es ihr angenehmer gewesen, wenn der Portier ›nein‹ gesagt hätte. Aber anstatt einer Antwort ließ er sie einfach ins Vorhaus treten und nahm ihr den Mantel ab.
Die Treppe erschien ihr luxuriös und großartig, aber von all dem Luxus fiel ihr zuerst ein großer Spiegel auf, in welchem sie ein deklassiertes Ding ohne modernes Jackett, ohne hohen Hut und ohne Goldkäferschuhe erblickte. Und Wanda kam es seltsam vor, daß sie jetzt, wo sie arm gekleidet war und wie eine Nähterin oder Wäscherin aussah, wieder Schande empfand, weder Dreistigkeit noch Frechheit mehr besaß und sich selbst in Gedanken schon nicht mehr Wanda, sondern, wie früher, Nastja Kanawkina nannte . . .
»Bitte«, sagte das Zimmermädchen, sie in das Kabinett geleitend. »Der Herr Doktor kommt gleich . . . Nehmen Sie Platz.«
Wanda sank in einen weichen Lehnstuhl.
»Werd' ihm ganz einfach sagen: leihen Sie mir!« dachte sie. »Das ist ganz anständig, denn er ist ja mit mir bekannt. Wenn nur das Zimmermädchen wegginge. In Gegenwart des Zimmermädchens wäre es peinlich . . . Und wozu steht sie überhaupt hier?«
Nach fünf Minuten etwa öffnete sich die Thür, und Finkel, ein großer, schwarzer Jude mit fetten Wangen und Glotzaugen trat ein. Die Wangen, der Bauch, die dicken Hüften – alles war bei ihm so satt und abstoßend. In der »Renaissance« und im »Deutschen Club« war er gewöhnlich angeheitert, gab dort viel für Frauen aus und ertrug geduldig ihre Späße – als ihm Wanda zum Beispiel ein Glas Wein über den Kopf gegossen, hatte er nur gelächelt und ihr mit dem Finger gedroht. Jetzt aber sah er finster und schläfrig aus, schaute wichtig und kalt wie ein Vorgesetzter drein und kaute irgend etwas.
»Was befehlen Sie?« fragte er, ohne Wanda anzusehen.
Wanda warf einen Blick auf das ernste Gesicht des Zimmermädchens, dann auf die satte Figur Finkels, der sie offenbar nicht zu erkennen schien, und – errötete . . .
»Was befehlen Sie?« wiederholte der Zahnarzt schon etwas gereizt.
»Die . . . die Zähne thun mir weh . . .« stammelte Wanda.
»Aha . . . Welche Zähne? Wo?«
Wanda entsann sich, daß sie einen hohlen Zahn hatte.
»Unten rechts . . .« sagte sie.
»Hm! Öffnen Sie den Mund.«
Finkel runzelte die Stirn, hielt den Atem an und begann den kranken Zahn zu untersuchen.
»Schmerzt es?« fragte er, in dem Zahn mit einem spitzen Eisen herumstochernd.
»Ja . . .« log Vanda. »Wenn ich ihn daran erinnern könnte. so würde er mich bestimmt erkennen . . . Aber . . . das Zimmermädchen! Wozu steht es hier?«
Finkel begann plötzlich wie eine Dampfmaschine ihr direkt in den Mund zu keuchen und sagte:
»Ich rate Ihnen nicht, ihn plombieren zu lassen . . . Dieser Zahn würde Ihnen sowieso nichts nützen.«
Nachdem er in dem Zahn noch etwas herumgestochert und Wandas Lippen und Zahnfleisch mit seinen Tabakfingern beschmiert hatte, hielt er wieder den Atem an und langte ihr mit irgend etwas Kaltem in den Mund . . .
Wanda fühlte plötzlich einen furchtbaren Schmerz, schrie auf und packte Finkel am Arm.
»Thut nichts, thut nichts . . .« murmelte er. »Seien Sie nicht so schreckhaft. Von diesem Zahn hätten Sie sowieso nicht viel gehabt. Man muß tapfer sein.«
Und seine mit Blut besudelten Tabakfinger hielten ihr den ausgezogenen Zahn vor die Augen hin, während das Zimmermädchen herantrat und ihr eine Schale reichte.
»Zu Hause spülen Sie den Mund mit kaltem Wasser . . .« sagte Finkel, »dann wird das Bluten schon nachlassen.«
Er stand vor ihr in der Pose eines Menschen, der wartet, bis man endlich geht und ihn in Ruhe läßt.
»Adieu . . .« sagte sie, sich zur Thüre wendend.
»Hm! . . . Und wer wird mir meine Arbeit bezahlen?« fragte Finkel mit heiterer Stimme.
»Ach, ja . . .« erinnerte sich Wanda. Sie errötete und reichte dem Juden den Rubel, den sie für ihren Türkisring erhalten.
Auf die Straße hinausgetreten, empfand sie noch größere Scham als vordem, aber jetzt schämte sie sich nicht mehr ihrer Armut. Sie bemerkte nicht mehr, daß sie keinen hohen Hut und kein modernes Jackett hatte. Sie geht auf der Straße, spuckt Blut, und jeder rote Blutfleck spricht ihr von ihrem Leben, von ihrem schlechten und schweren Leben, und von den Kränkungen, die sie erfahren hat und noch morgen, nach einer Woche, nach einem Jahr – ihr ganzes Leben hindurch bis zum Tode erfahren wird.
»O, wie das schrecklich ist!« flüsterte sie. »Mein Gott, wie schrecklich!«
Übrigens war sie schon am anderen Tage in der »Renaissance« und tanzte dort. Sie war in einem riesigen roten Hut, hatte ein modernes Jackett und Goldkäferschuhe an. Und sie soupierte mit einem jungen, aus Kasanj zugereisten Kaufmann.
Der Repetitor
Der Sekundaner Jegor Siberow reicht Petja Udodow gnädig die Hand. Petja, ein zwölfjähriger Junge in einem grauen Anzug, dick und rotwangig, mit einer niedrigen Stirn und kurzgeschorenem Haar, macht einen Kratzfuß und holt aus dem Schrank die Hefte. Die Stunde beginnt.
Nach der mit dem Vater Udodow getroffenen Vereinbarung ist Siberow verpflichtet, Petja zwei Stunden täglich zu geben, wofür er monatlich sechs Rubel zu erhalten hat. Er bereitet ihn für die Septima des Gymnasiums vor. Im vorigen Jahr bereitete er ihn für die Oktava vor, aber Petja fiel beim Examen durch.
»Nun«, beginnt Siberow, sich eine Cigarette anzündend. »Sie haben die vierte Deklination auf. Deklinieren Sie fructus!«
Petja beginnt zu deklinieren.
»Wieder haben Sie nicht gelernt!« sagt Siberow aufstehend. »Zum sechsten Mal gebe ich Ihnen die vierte Deklination auf, und Sie wissen nicht die Bohne! Wann werden Sie denn eigentlich anfangen, sich zu den Stunden zu präparieren?«
»Wieder nicht gelernt?« ertönt hinter der Thür eine hustende Stimme, und ins Zimmer tritt Petjas Papa, der pensionierte Gouvernements-Sekretär Udodow. »Schon wieder? Warum hast Du denn nicht gelernt? Ach, Du Kerl! Was glauben Sie, Jegor Alexejitsch? Erst gestern hat er seine Tracht gekriegt!«
Und mit einem schweren Seufzer setzt sich Udodow neben seinen Sohn hin und blickt in den zerfetzten Kühner Lateinische Schulgrammatik hinein.
Siberow beginnt, Petja vor dem Vater zu examinieren. Mag der dumme Vater es sehen, wie dumm sein Sohn ist! Der Sekundaner wird allmählich von der Examinatorenwut befallen, haßt und verachtet den kleinen rotwangigen Dummkopf und möchte ihn am liebsten durchprügeln. Er ärgert sich sogar, wenn der Junge es einmal richtig trifft, so widerwärtig ist ihm dieser Petja.
»Sie können ja nicht mal die zweite Deklination! Auch die erste können Sie nicht! So also lernen Sie! Nun, sagen Sie mir, wie der Vokativ von meus filius lautet?«
»Von meus filius? Meus filius hat . . . hat . . .«
Petja blickt lange zur Decke empor, bewegt lange die Lippen, bleibt aber die Antwort schuldig.
»Und wie ist der Dativ pluralis von dea?«
» Deabus . . . filiabus! – schießt Petja wie aus der Kanone heraus.
Der alte Udodow nickt beifällig mit dem Kopf. Der Sekundaner, der eine richtige Antwort nicht erwartet hatte, macht ein verdrossenes Gesicht.
»Und welches Substantiv hat noch im Dativ abus fragt er.
Es erweist sich, daß noch › anima – die Seele‹ im Dativ abus hat, was im Kühner übrigens nicht steht.
»Eine klangvolle Sprache, das Lateinische!« bemerkt Udodow. Alon . . . tron . . . bonus . . . anthropos . . . Ja, was es nicht alles giebt! Und alles das muß man wissen!« sagt er mit einem Seufzer.
›So ein Kameel, stört mich nur . . .‹ denkt Siberow. ›Sitzt hier wie so ein Aufseher. Ich leide keine Kontrolle!‹
»Nun«, wendet er sich an Petja, »zum nächsten Mal nehmen Sie im Lateinischen dasselbe. Jetzt – Arithmetik . . . Nehmen Sie die Tafel. Welches ist die folgende Aufgabe?«
Petja spuckt auf die Tafel und wischt sie mit dem Aermel ab. Der Lehrer nimmt das Buch und diktiert:
»Ein Kaufmann kaufte für fünfhundert und vierzig Rubel hundert und achtunddreißig Arschin schwarzen und blauen Tuches. Es wird gefragt, wieviel Arschin er von diesem und jenem gekauft hat, wenn das blaue Tuch fünf Rubel der Arschin und das schwarze drei Rubel kostete?«
»Wiederholen Sie die Aufgabe.«
Petja wiederholt die Aufgabe und beginnt sofort, ohne ein Wort zu sagen, 540 durch 138 zu dividieren.
»Wozu machen Sie denn das? Warten Sie! Übrigens gut . . . fahren Sie fort. Es bleibt ein Rest? Hier kann kein Rest bleiben. Geben Sie her!«
Siberow beginnt selbst zu dividieren, erhält 3 als Rest und löscht die Division schleunigst aus.
›Komisch . . .‹ denkt er, sich verlegen durch das Haar fahrend. ›Wie wird sie denn gelöst? Hm! . . Das ist ja eine unbestimmte Gleichung und gar keine arithmetische Aufgabe . . .‹
Der Lehrer sieht nach den Lösungen und findet dort 75 und 63.
›Hm! . . sonderbar . . . 5 und 3 addieren, und dann 540 durch 8 dividieren? So vielleicht? Nein.‹
»Nun, rechnen Sie doch!« sagt er zu Petja.
»Na, was denkst Du denn? Die Aufgabe ist doch ein Strunt!‹ sagt Udodow seinem Sohne. »Was Du für ein Schafskopf bist, mein Lieber! Lösen Sie sie ihm schon selbst, Jegor Alexejitsch.«
Jegor Alexejitsch nimmt den Griffel und beginnt zu rechnen. Er stottert und wird bald rot, bald blaß.
»Diese Aufgabe ist eigentlich eine algebraische,« sagt er. »Man kann sie mit dem x und dem y lösen. Übrigens kann man sie auch so lösen. Ich habe also dividiert . . . verstehen Sie? Jetzt muß man also subtrahieren . . . ist es Ihnen klar? Oder, wissen Sie was . . . Machen Sie mir die Aufgabe selbst zu morgen . . . Denken Sie nach . . .«
Petja lächelt diabolisch. Udodow lächelt ebenfalls. Beide verstehen sie die Verlegenheit des Lehrers. Der Sekundaner wird noch verlegener, erhebt sich und beginnt auf und ab zu gehen.
»Das kann man auch ohne Algebra lösen,« sagt Udodow mit einem Seufzer, die Hand nach dem russischen Rechenbrett ausstreckend. »Hier, bitte . . .«
Er läßt die Steinchen hin und her gleiten und erhält 75 und 63, wie es verlangt wurde.
»Hier . . . nach unserer unwissenschaftlichen Art.«
Dem Lehrer wird es unerträglich zu Mute. Mit stockendem Herzen blickt er nach der Uhr und sieht, daß bis zum Schluß noch eine und eine viertel Stunde übrig ist – eine ganze Ewigkeit.
»Jetzt – Diktat.«
Nach dem Diktat kommt Geographie, nach der Geographie Religion, dann Russisch – es giebt Wissenschaften genug in dieser Welt! Aber endlich sind die zwei Stunden um. Siberow nimmt seine Mütze, reicht Petja gnädig die Hand und verabschiedet sich von Udodow.
»Können Sie mir nicht heute etwas Geld geben?« fragt er schüchtern. »Morgen muß ich im Gymnasium bezahlen . . . Sie schulden mir für sechs Monate.«
»Ich? Ach, ja, ja . . .« stammelt Udodow, ohne Siberow anzublicken. »Mit Vergnügen! Aber eben habe ich gerade nichts, ich werde Ihnen nach einer Woche . . . oder nach zwei . . .«
Siberow ist einverstanden, zieht sich seine schweren, schmutzigen Galoschen an und geht zur nächsten Stunde.
Einmal im Jahr
Das kleine, drei Fenster breite Hôtel der Fürstin hat heute ein feierliches Aussehen, als wenn es sich verjüngt hätte. Ringsherum ist alles sauber gefegt, das Thor ist geöffnet und die gitterartigen Jalousien sind von den Fenstern herabgenommen. Die hell gescheuerten Scheiben kokettieren schüchtern mit der Frühlingssonne . . . Im Eingang steht der alte und hinfällige Portier Mark in seiner von Motten zerfressenen Livree. Er ist heute nicht umsonst aus seiner Kammer hervorgekrochen. Heute ist der Namenstag der Fürstin und er muß den Gratulanten die Thüre öffnen und ihre Namen ausrufen. Im Vorzimmer riecht es heute nicht wie gewöhnlich nach Kaffee und Kohlsuppe, sondern nach Parfüm. Die Zimmer sind sorgfältig aufgeräumt. Von den Bildern sind die Gazehüllen herabgenommen und die ausgetretenen Dielen sind frisch gewichst.
Die Fürstin selbst, eine gebeugte und runzelige Greisin, sitzt in einem großen Lehnstuhl und streicht immerfort die Falten ihres weißen Tüllkleides zurecht. Nur die an ihre dürre Brust geheftete Rose erinnert daran, daß es in dieser Welt auch eine Jugend giebt! Die Fürstin erwartet ihre Gratulanten. Es müssen heute kommen: Baron Tramb nebst Sohn, Fürst Halahadze. Kammerherr Burlastow, ihr Kousin General Bittkow und noch viele andere . . an zwanzig Menschen! Sie werden kommen und ihren Salon mit Geplauder erfüllen. Der Fürst Halahadze wird etwas vorsingen und der General Bittkow wird sie zwei Stunden lang um ihre Rose bitten . . . Sie aber weiß recht wohl, wie sie sich in Gegenwart dieser Herrschaften zu halten hat! Vornehmheit, Würde und Erziehung werden aus allen ihren Bewegungen sprechen.
Es werden unter anderem auch die Kaufleute Htulkin und Pereulkow kommen: für diese Herren liegen im Vorzimmer Papier und Feder auf. »Jedes Heimchen soll bei seinem Herde bleiben.« Sie können ihre Namen einzeichnen und dann gehen . . .
Es ist zwölf Uhr. Die Fürstin rückt ihr Kleid und die Rose zurecht. Sie horcht, ob nicht jemand läutet? Ein Wagen kommt lärmend angefahren und hält. Es vergehen fünf Minuten.
»Nicht zu uns!« denkt die Fürstin.
Ja, meine Fürstin, nicht zu Ihnen! Es wiederholt sich die Geschichte der vorigen Jahre. Eine erbarmungslose Geschichte! Um 2 Uhr geht die Fürstin, wie im vorigen Jahre, in ihr Schlafzimmer, greift nach dem Riechfläschchen und fängt an zu weinen.
»Es ist niemand gekommen! O, diese Barbaren!«
Um die Fürstin macht sich der alte Mark zu schaffen. Er ist nicht weniger gekränkt: die Leute sind schlimm geworden. Früher summten sie im Salon wie Fliegen umher, und jetzt . . .
»Niemand ist gekommen!« weint die Fürstin. »Weder der Baron, noch Fürst Halahadze, noch George Buwizkij . . . Sie haben mich alle verlassen. Und doch, wenn ich nicht wäre, was wäre aus ihnen geworden? Mir verdanken sie ihr Glück, ihre Carrière – nur mir! Ohne mich hätten sie es zu nichts gebracht.«
»Zu gar nichts!« bestätigte Mark.
»Ich bitte ja nicht um Dankbarkeit . . . Die brauche ich nicht! Nur Gefühl will ich haben! Mein Gott, wie das kränkend ist! Sogar mein Neffe Jean ist nicht gekommen. Und warum nicht, was habe ich ihm denn Schlechtes gethan? Ich habe alle seine Wechsel bezahlt, habe für seine Schwester Tanja eine gute Partie gefunden. Teuer kommt mir dieser Jean zu stehen! Ich habe das Wort, welches ich meinem Bruder und seinem Vater gegeben, gehalten . . . Ich habe für ihn verausgabt . . . Du weißt es ja selbst . . .«
»Und seinen Eltern waren Ew. Durchlaucht, man kann wirklich sagen, wie eine Mutter.«
»Siehst Du . . . und jetzt die Dankbarkeit! O, diese Menschen!«
Um drei Uhr bekommt die Fürstin, wie auch im vorigen Jahr, einen hysterischen Anfall. Der betrübte Mark setzt seinen Tressenhut auf, feilscht lange mit dem Droschkenkutscher und fährt zum Neffen Jean. Zum Glück sind die Chambres garnies, in denen Fürst Jean haust, nicht zu weit entfernt . . . Mark findet den Fürsten im Bette liegend. Er ist eben erst vom gestrigen Trinkgelage heimgekehrt. Sein verlebtes, feistes Gesicht ist knallrot und die Stirn mit Schweiß bedeckt. In seinem Kopf hämmert es und im Magen tobt eine Revolution. Er möchte gern einschlafen und kann es vor Übelkeit nicht. Seine trüben Augen stieren die Waschschüssel an, die bis oben mit Seifenwasser gefüllt ist.
Mark tritt, nicht ohne Widerwillen, in die verwahrloste Stube ein und nähert sich dem Bette.
»Das ist nicht hübsch, Iwan Michailowitsch!« sagt er vorwurfsvoll.
»Was ist nicht hübsch?«
»Warum haben Sie Ihrem Fräulein Tante heute nicht gratuliert? Ist denn das nett?«
»Pack' Dich zum Teufel!« ruft Jean, ohne den Blick vom Seifenwasser zu wenden.
»Als wenn das die Tante nicht kränken müßte? Wie? Ach, Iwan Michailowitsch, Ew. Durchlaucht! Haben Sie denn gar kein Gefühl? Sagen Sie, wozu wollen Sie sie denn beleidigen?«
»Ich mache keine Visiten . . . Sag' ihr das einfach . . . Diese Sitte ist schon lange veraltet . . . Ich hab' auch keine Zeit. herumzufahren. Fahrt, wenn Ihr nichts zu thun habt, selbst umher und laßt mich in Ruhe . . . Nun mach, daß Du fortkommst! Ich will schlafen . . .«
»Schlafen . . . Und in die Augen können Sie mir nicht vor Schande sehen . . .«
»Na . . . Kusch . . . So ein frecher Kerl! Ein Luder!«
Mark zwinkert heftig mit den Augen. Eine längere Pause.
»Nun, Ew. Durchlaucht, sei'n Sie schon so gut, fahren Sie hin und gratulieren Sie. Die Fürstin weinen und liegen zu Bett . . . Sei'n Sie doch so gut und erweisen Sie ihr die Ehre . . . Fahren Sie nur hin, Ew. Durchlaucht!«
»Nein, fällt mir nicht ein. Es hat keinen Zweck und ich hab' auch zu thun . . . Und was soll ich denn auch bei der alten Jungfer machen? . . .«
»Fahren Sie doch, Ew. Durchlaucht, erweisen Sie uns die Gnade! Ich kann gar nicht sagen, wie Durchlaucht durch Ihre Undankbarkeit, mit Verlaub, und Gefühllosigkeit betrübt sind!«
Mark fährt mit dem Ärmel über die Augen.
»Sei'n Sie doch so gut!«
»Hm . . . Giebt's denn bei Euch Cognak?« fragt Jean.
»Jawohl, Ew. Durchlaucht, jawohl!«
»So, hm, hm . . .«
Der Fürst zwinkert mit dem linken Auge.
»So, so, und auch hundert Rubel?«
»Nein, das ist unmöglich . . . Sie wissen's selbst, daß wir unsere früheren Kapitalien nicht mehr haben . . . daß uns unsere Verwandten zu Grunde gerichtet . . . Wie wir Geld hatten, kamen alle zu uns, und jetzt . . . Es ist wohl Gottes Wille . . .«
»Im vorigen Jahr hab' ich von Euch für die Visite wieviel . . . 200 Rubel genommen, nicht? Und jetzt habt Ihr nicht 'mal hundert? Jawohl, alter Fuchs, Dich kennen wir! Such 'mal bei der Alten nach, 's wird sich schon finden . . . Übrigens kannst Du Dich auch packen, ich möchte nämlich schlafen.«
»Sei'n Sie doch so großmütig, Ew. Durchlaucht! Die Fürstin sind doch alt und schwach . . . haben Sie doch Mitleid mit ihr, Ew. Durchlaucht!«
Jean ist unerbittlich. Mark beginnt mit ihm zu feilschen. Gegen fünf Uhr ergiebt sich Jean, zieht seinen Frack an und fährt zur Fürstin . . .
»Ma tante«, sagt er, seine Lippen auf ihre Hand pressend, und die Augen gehen ihm über . . .
Und sich in den Lehnstuhl werfend, beginnt er dasselbe Gespräch, wie im vorigen Jahr.
»Marie Kriskin, ma tante, hat aus Nizza einen Brief . . . Ihr Mann – wie gefällt Ihnen das? – beschreibt ganz harmlos ein Duell, welches er wegen irgend einer Sängerin mit einem Engländer gehabt hat . . . wegen der Dingsda, den Namen hab' ich vergessen . . .«
»Ach, wirklich!«
Die Fürstin himmelt mit den Augen. schlägt die Hände zusammen und wiederholt mit Staunen und nicht ohne erschrocken zu thun:
»Ach, wirklich?«
»Jawohl . . . Duelliert sich und läuft Sängerinnen nach, während hier seine Frau hinsiecht und zu Grunde geht . . . Ich begreife solche Leute nicht, ma tante!«
Die überglückliche Fürstin setzt sich näher an Jean heran und das Gespräch zieht sich in die Länge . . . Es wird Thee mit Kognak gereicht.
Und während die glückliche Fürstin, ihrem Neffen lauschend, lacht und staunt und erschrickt, sucht der alte Mark in allen seinen Geheimfächern herum und liest die Papierscheine zusammen.
Fürst Jean hat sich unglaublich nachgiebig gezeigt. Man braucht ihm nur fünfzig Rubel zu zahlen. Aber um diese fünfzig Rubel zusammenzubringen, muß der alte Mark mehr als ein Fach durchstöbern!
Pulsuz fraqment bitdi.