Kitabı oxu: «Hässliche Modetranse»
Arielle Rippegather
Hässliche Modetranse
Impressum
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Das Buch ist meiner verstorbenen Oma
Edeltraud Kalberg gewidmet.
Inhaltsverzeichnis:
VORWORT
VORWORT (Brief von Micaela Schäfer)
Hässliche Modetranse?
Schule – oder die tägliche Dosis Horror
Berlin, Berlin, ich fahre nach Berlin!
Mein Schlüsselmoment
ZWEITER TEIL
(M)EIN RATGEBER:
1. Psychotherapeut
Haare entfernen lassen
2. Hausarzt
3. Der Endokrinologe
4. Sprachtraining
5. Die Brust-OP
6. Die Namensänderung
7. Operationen ohne bestimmte Reihenfolge
Glaub an dich und tue dir selbst gut mit deinen Taten!
Wie stelle ich mir mein Leben in 10 Jahren vor?
NACHWORT UND DANKSAGUNG
VORWORT
Meine Lieben,
endlich könnt ihr es in euren Händen halten. Ich bin unglaublich glücklich darüber, dass mein eigenes Buch auf dem Markt ist! Doch seid euch bewusst, dass es kein einfaches Buch ist.
Ich habe so viel Liebe und Kraft in jede einzelne Zeile investiert! Und auf diesen ganzen Seiten gibt es nicht irgendeine „erfundene Geschichte“ zu lesen! Sondern mein LEBEN! Und was gibt es Kostbareres als eine wahrhafte Lebensgeschichte.
Das Buch spiegelt meine wahren WERTE und alles für was ich stehe wider!
KRAFT, LIEBE und auch DANKBARKEIT.
Denn das sind die wichtigsten Fundamente im Leben.
Das Buch beinhaltet zwei Teile. Der erste Teil ist meine persönliche Biografie und glaubt mir, wenn ihr das gelesen habt … kennt ihr wahrhaftig jede Zelle von mir.
Manchmal ist es mir schwer gefallen so ehrlich zu sein – nicht nur zu euch, sondern auch zu mir selbst. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Ghostwriterin Christiane telefoniert habe, die mein Chaos auf die Seiten gebracht hat. Denn ihr wisst, ich bin eine Blondine mit viel Plastik, aber einem wahren Herzen.
Aber eben keine Schriftstellerin. Ich war mindestens einen Tag komplett fertig, weil alles Unangenehme wieder hochkam! Es wäre gelogen zu sagen, dass der Arbeitsprozess immer einfach für mich war … dennoch bin froh und umso stolzer, dass ihr jetzt meine Geschichte in den Händen haltet. Aber keine Sorge, das Vorwort und auch die Danksagungen sind alleine von mir verfasst.
Der zweite Teil ist für meine Transgender Community! Es ist eine Art Anleitung oder auch Ratgeber.
In welcher Reihenfolge und besonders wie ich an die Thematik herangehe, den falschen Körper loszuwerden.
Es sind wirklich alle Punkte dabei … sogar ein paar Adressen.
Vom psychologischen Gutachten, bis zu Ärzten oder Kosmetikstudios für Bart-, bzw. Haarentfernung.
Da ja noch die größte Operation vor mir liegt, schreibe ich auch über meine Ängste, aber es ist ein Buch der Hoffnung! Denn, auch wenn ich oft von euch als Vorbild gesehen werde, habe ich auch oft ÄNGSTE.
Und ja, auch das gehört dazu!!!!
Ich hätte mir damals genau so einen Leitfaden gewünscht! Und hoffe, euch damit etwas zurück zu geben. Aber bitte beherzigt, dass mein Ratgeber keinen Arztbesuch ersetzt. Bitte macht nichts auf eigene Faust: Tabletten nehmen oder Ähnliches, sondern lasst euch auf eurem Weg immer ärztlich begleiten.
Und jetzt ganz viel Freude beim Lesen.
VORWORT (Brief von Micaela Schäfer)
Liebe Arielle,
vor 7 Jahren etwa haben wir uns das erste Mal unterhalten. Wo das war? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass es eine ganze Weile dauerte, bis wir beide das erste Mal bei einem Kaffee zusammensaßen. Damals warst du noch Marco. Deine Ehrlichkeit und Offenheit fand ich total sympathisch, weil es in dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, nicht selbstverständlich ist. Also tranken wir weiterhin gemeinsam Kaffee und hin und wieder auch andere Getränke.
Wenn ich rückblickend überlege, wie ich dich als Marco wahrgenommen habe, dann muss ich gestehen, dass ich dich jetzt als Arielle genauso empfinde. Du bist für mich irgendwie kein anderer Mensch geworden. Du hast jetzt nur dieses Strahlen in den Augen, wirkst befreiter. Und letztlich war es das ja auch, ein Befreiungsschlag gegen dein eigenes Gefängnis.
Wie ernst es stellenweise um dich stand, war mir gar nicht so bewusst. Du hattest Depressionen, so richtig heftige. Das hat mich erschreckt, weil ich dir nichts, aber auch gar nichts angemerkt habe. Das war ein Schock für mich und irgendwie fand ich es traurig, weil du dich niemandem anvertraut hast. Wie allein du gewesen sein musst. Ich hoffe, dass du nie wieder in ein solches Tief fällst. Klar ist nicht jeder immer gut drauf, aber das damals muss eine sehr, sehr schlimme Zeit für dich gewesen sein.
Wenn ich dich heute so ansehe, dann ist es kaum vorstellbar, dass du in einem anderen Körper gesteckt hast. Erinnerst du dich noch daran, als du sagtest: „Mica, du bist meine Nacktschnecke“ und ich nicht locker ließ, bis du mein Nacktboy warst? Deine Outfits wurden gewagter und man konnte irgendwann alles sehen.
Diese Zeiten sind jetzt vorbei, aber ich freue mich umso mehr, wenn du meine Nacktfreundin werden willst. Das habe ich mir immer gewünscht. Gemeinsam Berlin unsicher machen. Zusammen macht es einfach mehr Spaß.
Was möchte ich dir noch sagen? Das Wichtigste für die Zukunft: Ich wünsche dir von Herzen, dass du deine finale OP gut überstehst. Die anderen Eingriffe hast du super weggesteckt und du siehst einfach fantastisch aus. Mehr und mehr fällt alles von früher von dir ab und macht einer strahlenden Arielle Platz. Das macht mich sehr glücklich.
Lass dich nicht unterkriegen, sei du selbst, lass dich nicht von deinem Weg abbringen und achte auf dich.
Deine „Mica“ Micaela

Ich mit meiner Freundin Micaela Schäfer –
da schenkte sie mir meinen ersten BH
Hässliche Modetranse?
An dieser Stelle möchte ich euch den Titel des Buches erklären. Ihr denkt euch bestimmt: Warum beleidigt sie mit diesem Buchtitel genau unsere Community oder sich selber?
Ich weiß, dass wir Tag für Tag mit Vorurteilen und Beleidigungen zu tun haben.
Und das muss aufhören – aber wie soll es aufhören, wenn wir schweigen oder wir uns immer werbefreundlich ausdrücken? Drücken die Hater uns ihre Meinung nett und freundlich auf? Wenn wir ehrlich sind, hatten wir doch schon alle mal einen dieser „netten“ Kommentare oder eine „nette“ Nachricht im Postfach!
Aber fangen wir von vorne an! Jedes Wort hat eine besondere Bedeutung und zusammen ergibt es das Mosaik.
Hässliche? Ja, Hässliche habe ich ausgewählt, weil ich weiß wie man von der Außenwelt begutachtet wird. Jeder sucht gerade „den Fehler“ oder das Männliche an dir! Keine biologische Frau wird jemals im Aussehen JEDEN TAG so begutachtet wie wir! Selbst dann, wenn sie es dann über acht Ecken erfahren haben, dass man früher mal ein Mann war.
Und die natürlich vorher keinen Schimmer hatten. Wenn sie es dann wissen, kommt hundertprozentig der Spruch: Stimmt daran oder daran hätte es mir auffallen können. Kein Wunder, dass viele, mich nicht ausgeschlossen, eine Neurose bekommen.
Und glaubt mir, ich weiß, wie das einen kaputt machen und man sich jeden Tag hässlich fühlen kann, an sich zweifelt und dadurch nur noch deprimiert ist.
Deshalb seid euch bewusst, jeder ist schön so wie er ist!
Mode: Das Wort Mode habe ich reingebracht, weil ich diesen Satz hasse (gerade beim Outing). Das machst du doch, weil es Mode ist. Nein, sowas macht man nicht aus einer Mode heraus! Und es ist auch nicht „cool“ oder „modern“, man macht es, weil man so ist, wie man ist!
Weil wir so sind – wir sind so geboren – geboren im falschen Körper.
Ich wünschte, diese Leute würden mal einen Monat Hormone nehmen – spätestens dann wüssten sie bei dieser Quälerei, dass es bestimmt keine MODE ist.
Es ist auch keine Entscheidung Trans zu sein – die einzige Entscheidung, die wir treffen, ist, zu uns zu stehen oder wir gehen kaputt! Nicht umsonst ist unsere Selbstmordrate sehr hoch. Also eigentlich entscheiden wir uns doch nur zu leben!
Und liebe Leute, ja, man hört jetzt mehr über Trans, doch Transgender gab es schon immer genau so wie heute! Nur heute reden die Leute offener darüber!
Deshalb wird es öfter thematisiert.
Transe: Transe habe ich gewählt, weil es auch so oft als Beleidigung genommen wird für uns. Dieses Wort erzeugt Gänsehaut bei mir. Es ist wie ein Messerstich, den ich unerwartet bekomme. Alleine der Klang dieses Wortes ist schlichtweg unangenehm. Außerdem, nennt man einen dunkelhäutigen Menschen heute noch Neger? NEIN, weil es etwas mit Empathie und Anstand zu tun hat. Wir geben alles für unseren Weg. Warum kann man uns nicht einfach als „Frauen“ bezeichnen? Genau das sind wir nämlich. Nicht mehr und nicht weniger.
So kam der Titel zustande: Hässliche Modetranse
Ich bin eine Frau, die schon immer gerne Sachen so gesagt hat, wie sie sind. In aller Härte. Und ja, manchmal bin ich auch provokativ. Zu mir passt eben kein Titel wie „Mein Weg zur Frau“ oder „Leben zwischen den Geschlechtern“. Das bin ich einfach nicht! Und seien wir mal ehrlich, wo wären wir heute, ohne die Leute die MUT hatten, Grenzen zu sprengen und Sachen zu sagen, die sonst keiner sagt?
Unsere Welt wäre ein ziemlich trauriger Ort!
Schule – oder die tägliche Dosis Horror
Ich musste mein Leben lang immer kämpfen, habe immer Gegenwind bekommen. Das ist das zentrale Thema meines Lebens.
Ich wurde in einer sehr toleranten Familie groß, in der es keine typischen Rollenbilder, à la „typisch Mann, typisch Frau“ gab oder auch den Klassiker „Das tut man nicht, das gehört sich nicht, das will die Gesellschaft nicht“. Meine Eltern waren liberal in jeder Hinsicht. So tauchte auch das erste Mal erst im Kindergarten das diffuse Gefühl auf, dass ich irgendwie anders als die anderen war. Ich spielte viel in der Puppenecke, mehr als mit Autos. Ich handelte instinktiv. Und es war einfach mehr die Puppenecke, mit Schminken und allem Drum und Dran. Das wurde jetzt nicht offen thematisiert, aber ich spürte die Blicke der Erzieherinnen, die befremdet wirkten, das Getuschel. Als Kind macht man sich noch keine Gedanken darüber, denn ich hatte meinen elterlichen Hafen und wurde auch im Kindergarten nicht reglementiert. Aber dann begann die Schulzeit und gleichzeitig eine lange Zeit der Anfeindungen, Vorurteile, Diskriminierung und Polarisation.
Wenige können sich an ihre erste Klasse erinnern. Ich kann es, denn ich hatte eine äußerst ehrgeizige, junge Lehrerin, die eine perfekt gedrillte Klasse vorzeigen wollte. Das Dumme war nur, dass ich eine Konzentrationsschwäche hatte. Eine Vorstufe von ADHS. Ich war wild. Und ich konnte bis zur zweiten oder dritten Klasse nicht lesen. Das drückte den Schnitt und die Laune der Lehrerin gewaltig. Sie ließ mich extra vorlesen und machte dabei eine abwertende Handbewegung, nach dem Motto: „Das kann der ja eh nicht.“ Das machte mich so fertig, dass ich das auch in meiner Therapie, die ich mit 24 Jahren begann, aufarbeitete. Es hing mir einfach nach. Es verursachte eine Angst in mir, eine Urangst, dass ich es nicht schaffen würde, mein Leben nicht schaffen würde. Unglaublich, dass sich so jemand Pädagoge nennen darf und auf Kinder losgelassen wird. Was das mit den armen Seelen macht. Ich musste nach der ersten Klasse nicht weiter leiden, denn ich durfte die Schule wechseln und konnte endlich aufatmen. Dieses Mal hatte ich eine mitfühlende, empathische Lehrerin und eine Lehrkraft, die für mich da war und meine Bedürfnisse abfragte. Nach zwei Jahren war die Lese- und Rechtschreibschwäche bewältigt und fortan kein Thema mehr. Zum Glück. Ich will nicht wissen, wie das mit der anderen Lehrerin ausgegangen wäre.
Aber ich stellte leider schon früh fest, dass ich mehr kämpfen musste als die anderen Kinder, denen zum Teil alles zuflog. Für mich war es anstrengend, ich musste viel Kraft aufwenden. Ich konnte meine Kindheit nicht so genießen wie ein Kind mit einem normalen Lernpensum. Bei mir gab es immer noch eine Schippe drauf. Niemand zwang mich dazu. Es war gewissermaßen mein Wille, der mir diese Schippe spendierte. Mein Wille, der sagte: „Du schaffst das. Du lernst lesen. Du kannst sehr wohl mit den anderen Kindern mithalten.“ Der schlimmste Moment damals war, als zur Debatte stand, dass ich auf eine Sonderschule gehen sollte. Der Name ist ja schon Programm: Sonder-Schule. Ich wollte nichts Besonderes sein, wollte einfach sein wie die anderen auch. Meine Eltern verstanden meine Not. Sie unterstützten mich und gemeinsam bekamen wir es ja auch letztendlich hin.
Das zum Thema Lernen. Kaum hatte ich dieses Problem bewältigt, ging es an einer anderen Stelle los.
Ich zog mich schon immer gerne bunt und auffällig an. In der dritten, vierten Klasse bekam ich dann schon blöde Sprüche ab. Mindestens zweimal am Tag wurde ich angepöbelt. In NRW ticken die Uhren noch anders. Ich stamme aus Mönchengladbach, einer tranigen Kleinstadt. Transsexuelle wurden da überhaupt nicht thematisiert. Heute hat sich das Blatt gewendet, dank der besseren Vernetzung outen sich einfach mehr, beziehungsweise man bekommt es jetzt mit. Es ist nicht so, dass es urplötzlich nur noch Transsexuelle gibt. Die gab es schon immer. Es ist ein gutes Zeichen, dass sich mehr Leute trauen, darüber zu sprechen. Aber zurück zum Horror der damaligen Zeit. Das Martyrium fing für mich erst richtig in der fünften Klasse an. Ich wechselte auf eine Gesamtschule, vermied aus den schon benannten Gründen des persönlichen Ehrgeizes, auf eine Hauptschule zu gehen. Die Klasse an sich war echt cool. Es gab vier 5. Klassen. Ich glaube rückblickend, die beste erwischt zu haben. Sie war bunt, voller Künstler und die Lehrer waren echt toll. Den krassen Gegensatz dazu bildete die Parallelklasse. Sie war bevölkert von bulligen, primitiven Kerlen mit genau einem Weltbild und Scheuklappen für andere Wege. Der Krieg begann und sollte die nächsten sechs Jahre andauern. Das tägliche Programm bestand daraus, dass sie vor mir auf den Boden spuckten und „Schwuchtel“ skandierten. Ich bekam im Laufe der Zeit Todesangst. Ich fürchtete körperliche Angriffe, mied sogar das Jungenklo aus Angst dort von ihnen angegriffen zu werden.

Meine wilden Mädchen – uns konnte keiner was!
Zum Glück gab es meine Freundinnen. Ich kam bei Mädchen schon immer gut an. In der Clique, mit der ich meistens unterwegs war, waren auch einige kampferprobte Amazonen, die durchaus in der Lage waren die Primitivos der Parallelklasse auf den Topf zu setzen.
Allerdings gab es ein Stück meines täglichen Weges, den ich alleine bewältigen musste. Und zwar fuhr ich mit einer anderen Buslinie als die Mädchen, versuchte so oft wie möglich das Fahrrad zu nehmen, um dieser Falle zu entkommen. Trotzdem zeigte mir das Schicksal eine lange Nase. Ich saß vorne im Bus, also nicht bei den Coolen auf der Rückbank. Einer von besagten Coolen holte mich eines Tages nach hinten in die „Business Class“ und haute mir was auf die Glocke. Da ging etwas in mir kaputt. Es war nicht der körperliche Schmerz, es war meine Seele, die zutiefst erschüttert war. Verprügelt zu werden wegen nichts, das ist nicht nachvollziehbar. Ich heulte zwei Wochen durch. Ich suchte mir fortan noch akribischer Wege, den Brutalos auszuweichen. Warum ich die Lehrer und meine Eltern nicht einweihte? Vielleicht, weil ich es alleine schaffen wollte. Ich wollte sie nicht belasten und irgendwie wollte ich auch kein Opfer sein. Ich rappelte mich also hoch und dann knallte ich völlig durch.


Mein Look wurde zur Rebellion an die Hater und zeigte:
Ich bin hier nicht das Opfer!
Sie nannten mich Schwuchtel, gut, dann sollten sie auch Schwuchtel bekommen. Ich machte mich zurecht und sah aus wie Bill von Tokio Hotel. Schwarze Haare, bis zur Decke toupiert, schwarze Augen und geschminkt. Und nein, ich konnte damals noch nicht schminken, war mir aber egal. Ich wollte in keine Norm passen, wollte einfach rausstechen. Die Hassattacken wurden größer, aber ich konnte nicht anders. Ich gebe mich nicht auf, verbiege mich nicht für andere. Ich bin ich. Wenn ich heute diese Fotos von damals betrachte, dann denke ich: Oh mein Gott! Schrecklich! Ein bisschen stolz bin ich aber auch, denn ich habe mich gewehrt.
Ich war vierzehn und hatte meine erste Depression. Meine Eltern erkannten das nicht. Sechs Wochen schloss ich mich nur in meinem Zimmer ein. Ich fühlte mich unwohl, weinte fast nur. Eigentlich wäre es damals schon Zeit für einen Psychologen gewesen. Ich versteckte meinen Zustand vor meinen Eltern. Ich schauspielerte schon damals ganz gut. Sie stellten keine Fragen mehr. Es war schlicht und ergreifend auch nicht verbreitet, dieses Krankheitsbild. Depression war etwas, weswegen man „sich nicht anstellen sollte“. Das Glück im Unglück war, dass ich viele soziale Kontakte hatte. Meine Clique in Oberhausen, die aus bunten Menschen bestand, die geschminkt waren, künstlerisch veranlagt. Ich verbrachte die Wochenenden in Oberhausen bei ihnen, war also nie auf mich selbst zurückgeworfen. Und doch ließ ich mich immer mal für eine Woche krankschreiben. Ich hatte Bauchschmerzen, in Wirklichkeit Depressionen und absolut keine Kraft, in die Schule zu gehen. Meine Energie wurde davon aufgezehrt, täglich etwas darzustellen, ein Bild zu vermitteln und dafür Gegenwind und Ablehnung zu bekommen. Das erschöpfte mich zusehends. Jugendliche drücken sich ja auch meist noch nicht so konkret aus, belassen die Beschreibung ihres seelischen Zustandes bei ein paar oberflächlichen Äußerungen. Klar, ich hätte mich bei meinen Mädels in der Schule ausheulen können, aber ich tat es nicht.
Stattdessen wurde ich immer lauter. Ich übertönte meinen Zustand. Ich wurde gewissermaßen unerträglich in meiner Extrovertiertheit. Ich war lustig und unterhielt die Leute. Bist du laut und stark, überlebst du. So lautete die schlichte Gleichung. Ja, ich überlebte. Aber ich machte so viel Lärm, dass ich meine innere Stimme überhörte. Viele Leute wundern sich, dass ich als Kind noch nicht merkte, transgender zu sein. Ja, das ist richtig und wohl meiner extrovertierten Art geschuldet. Ich war zum Beispiel in der Theater AG. An eine Begebenheit erinnere ich mich nur zu gut und noch heute macht sie mich unglaublich stolz. Wir hatten eine Aufführung und normalerweise benahmen sich auch alle, wenn jemand auf der Bühne stand. Bei mir war das natürlich nicht der Fall. Ich stand auf der Bühne und hörte jemanden aus der hinteren Reihe in der Mensa „Schwuchtel“ schreien. Das machte mich sauer. Also griff ich kurzerhand nach meiner Wasserflasche, ging während der Aufführung von der Bühne und schüttete dem Typ das Wasser über den Kopf. Meine Lehrerin kam hinterher zu mir und sagte mir, dass sie es super gefunden habe, dass ich den Kerl in seine Schranken gewiesen hatte. Eine Teilschuld gebe ich mir auch. Ich holte mir keine Hilfe, wuppte das alles alleine.
Einen Trost im lebensfeindlichen Alltag gab es für mich dann doch noch. Und zwar prägten mich zwei Frauen ganz besonders, Sarah Connor und Jeanette Biedermann. Ich wollte schon immer so sein wie sie. Zum einen ist das eine tolle Frau. Ein Mal traf ich sie persönlich. Außerdem kommentierte sie mein Outing-Foto mit „du bist wunderschön“. Das bedeutet mir viel, weil ich mich im Alltag öfter super hässlich finde. Ich wollte schon damals unbewusst immer so aussehen wie die beiden. Dies begriff ich aber erst Jahre später. Sie gaben mir Kraft und ich konnte mich, wenn ich ihre Musik hörte oder Interviews schaute, aus meiner schlimmen Welt wegträumen. Es hört sich krass an, aber hätte ich diese Personen und ihre Musik nicht gehabt, hätte ich meinen schlimmen Alltag nicht überstanden. Deshalb bedeuten sie mir heute noch viel. Irgendwie sehe ich nach meinen Operationen auch mittlerweile wie eine Mischung der beiden aus – woran das wohl liegen mag. Zum anderen ist das Jeanette Biedermann, zu der ich mehr Kontakt hatte als zu Sarah Connor.

Ich mit meiner unbewussten Inspiration und größtem Vorbild Sarah Connor.
Pulsuz fraqment bitdi.