Kitabı oxu: «Geschwistergeschichten»

Şrift:


Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Basel im Sommersemester 2006 auf Antrag von Frau Prof. Dr. Regina Wecker und Frau Prof. Dr. Andrea Maihofer als Dissertation angenommen.

Mit Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:

Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

Freiwillige Akamdemische Gesellschaft

Max Geldner-Stiftung

Lotteriefonds Kulturamt des Kantons Thurgau

Josef und Olga Tomcsik-Stiftung

Christine Bonjour-Stiftung

Dieses Buch ist nach den neuen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckige Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit [...] gekennzeichnet.

Gestaltung und Satz: Sara Glauser, hier + jetzt, nach einem Konzept

von Bernet & Schönenberger

Bildverarbeitung: Humm dtp, Matzingen

© 2008 hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, GmbH, Baden

www.hierundjetzt.ch

ISBN 978-3-03919-076-8

eBook-ISBN 978-3-03919-737-8

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

FÜR MARIA, LUKAS UND EMANUEL

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

EINLEITUNG

GESCHICHTE UND GESCHICHTEN

Unverheiratete Frauen ...

... verheiratete Männer

Die Historikerin als Teil der Geschichte

Aufbau

Quellenlage

METHODE

Geschlechtergeschichte: ledige Frauen – verheiratete Männer

Alltagsgeschichten und Fallstudien von Familien

Forschungsgeschichten und der Blick der Historikerin

Geschichte als Kunst der Textinterpretation

ZEITLICHE UND ÖRTLICHE HINTERGRÜNDE

DIE NATIONALE BÜHNE – HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER SCHWEIZ 1910–1950

GEOGRAFISCHE SCHAUPLÄTZE UND NETZWERKE

TABELLARISCHE DARSTELLUNG DER WOHNORTE UND LEBENSDATEN DER GESCHWISTER SCHNYDER

KURZBIOGRAFIEN

Ernst Schnyder

Lilly Schnyder

Hedwig Schnyder

Hans Schnyder

Hanna Schnyder

Sophie Hablützel-Schnyder

Rosa Schnyder

Martha Schnyder

Karl Schnyder

Gertrud Schnyder

Paula Schnyder

Walter Schnyder

FAMILIENTAFEL

BAUERNSOHN UND HÖHERE TÖCHTER: WURZELN UND WERTE DER BILDUNGSBÜRGERLICHEN PFARRFAMILIE

RELIGION, ERZIEHUNG, BILDUNG UND DIE POSITION DES VATERS

Vom Heimarbeitersohn zum Pfarrer

Der Aufstieg ins Bildungsbürgertum und die Heirat mit höheren Töchtern

Die «positive» Theologie und der Zofinger Abendmahlshandel

Pfarrer und Vater: Seelsorge und Unterricht auf Schritt und Tritt

Innere und äussere Mission – Pietismus im Pfarrhaus des 19. Jahrhunderts

RELIGION, ERZIEHUNG, BILDUNG UND DIE POSITION DER ERSTEN MUTTER MUTTER

Die Pfarrerstochter wird Pfarrfrau

Die Kinder sind eine von Gott zugewiesene Aufgabe

RELIGION, ERZIEHUNG, BILDUNG UND DIE POSITION DER ZWEITEN MUTTER

Die Rentierstochter wird Lehrerin

Die neue Frau Pfarrer als begabte Pädagogin

GEBURT UND TOD ALS MASSGEBENDE ERLEBNISSE

Geburten

Tod

MUSIK UND LITERATUR: DIE BÜRGERLICHE KUNST, SICH SELBST ZU ERKENNEN

Gesang und Musik als Ausdruck des Herzens

Gemeinsames Musizieren und die Sonderstellung des Klaviers

Lesen, Vorlesen, Zuhören und der Drang nach Austausch und Bestätigung

BEDEUTUNG DER FAMILIÄREN GEMEINSCHAFT

Tradition, Religion und bürgerliche Normen: Memoiren des ältesten Bruders

Ausschluss bei Normüberschreitungen: Gedichte der Schwester Sophie

BERUF, BERUFUNG, SCHICKSAL UND ÖKONOMIE

BERUFSWAHL UND DIE THEORIE DER GESCHLECHTSCHARAKTERE

Der so genannte Frauenüberschuss

Männliche und weibliche Geschlechtscharaktere und die Ergänzungstheorie

DIE GESCHWISTERFOLGE UND DIE BESTIMMUNG VON BERUFEN

Die Ausbildung der Brüder

Der Beruf der Schwestern

Geistige Mütterlichkeit

Ungleich nicht nur im Geschlecht, sondern auch in der Geschwisterreihe

DIE SCHWESTER ALS HAUSMÜTTERCHEN: ÖKONOMISCHE UND BERUFLICHE ENTSCHEIDUNGEN DES ÄLTESTEN BRUDERS UND SEINER KLEINEN SCHWESTER

Gottes Weg, Bruders Wille und die Entscheidung der Schwester

Schluss

«MEIN LIEBER BUB!» – WISSENSAUSTAUSCH UND RAT DER ÄLTEREN SCHWESTER UND IHRES KLEINEN BRUDERS

Klavierstunden und Literaturkritik: die Schwester als Lehrerin

Schluss

DIE ÄLTERE SCHWESTER ALS VORGÄNGERIN DER JÜNGEREN – 50 JAHRE PRIMARSCHULE EINER SCHWEIZER LANDSTADT

Wo bleiben Stimmrecht und gleicher Lohn? – eine der ersten Lehrerinnen im Thurgau

«Die Erziehung der Kinder wird einem wichtiger als das Wissen» – Unterrichtspraxis um 1900

Wohltätigkeit und öffentliche Ämter

«Überzeugtes Einspannertum» – die neue Generation der Lehrerinnen

Schluss

SCHWESTERN ALS ERGÄNZENDE LEBENSPARTNERINNEN – 30 JAHRE EVANGELISCHES TÖCHTERINSTITUT HORGEN

Vielfältiges Institutsleben, kaum Privates

Wandel der Jugendkultur und die strenge Vorsteherin

Ergänzende Partnerinnen bis ins hohe Alter

Schluss

DIE SCHWESTER ALS DIAKONISSE – AUSGESANDT AUF STATION – HEIM INS MUTTERHAUS

Evangelische Schwesterngemeinschaft und Mutterhaus

Ausgesandt und «versucht»

Aufgehoben im doppelten Sinn

Schluss

DIE SCHWESTER ALS GOUVERNANTE – FLORENZ UND MAILAND 1906–1943

Die Schwester in der Ferne

Die Bedeutung der Schweizer Gouvernanten

«Ich bin halt stets verliebt in Florenz» – unsichere Bindungen, die das Leben bedeuten

Rückkehr

SCHLUSSFOLGERUNG

ALLTAGSLEBEN UND ALLTAGSERLEBEN

WOHNRÄUME ZWISCHEN ÖFFENTLICHKEIT UND INTIMITÄT

«Daheim» bei Mama – lebenslänglich

Die eigene Wohnung

Vom Stübchen zur Schwesternwohngemeinschaft

Schluss

GESCHWISTER ALS DIE BESTE GESELLSCHAFT – ODER: WIE VIEL PLATZ BLEIBT BEI ZWÖLF GESCHWISTERN FÜR DIE PFLEGE VON AUSSERFAMILIÄREN BEZIEHUNGEN?

Unterdrückte Sexualität der Schwestern, institutionalisierte Sexualität der Brüder

Verbotene Schokolade

Verbotene Liebe

Der verheiratete Bruder und der Kinderwunsch

Schluss

BESUCHSRITUALE UND FESTE

Der Vier-Uhr-Tee und andere Besuchsrituale

Besondere Anlässe und Feste

Familienfeste, Geburtstage und Weihnachten

Schluss

WANDERN DURCH GOTTES SCHÖNE WELT – PATRIOTISMUS UND RELIGIOSITÄT IM INTENSIVEN NATURERLEBNIS

Wandern als Freizeitbeschäftigung

Wandern mit den Geschwistern oder allein

Schluss

POLITISCHE POSITIONEN IN DER FAMILIE – HELVETISCHE DISKUSSIONEN ÜBER ZWEI WELTKRIEGE

Militärische Positionen und politische Standpunkte der Brüder 1914–1918

Einmachen, Sparen, Stellung halten – die Schwestern 1914–1918

Das Geschwisternetzwerk in der Zwischenkriegszeit

Zweiter Weltkrieg: politische Einigkeit der Brüder und das Schweigen der ledigen Schwestern

Schluss

TRADIERTE FAMILIENGESCHICHTEN UND DER BLICK DER FORSCHERIN

MÜNDLICHE FAMILIENGESCHICHTEN UND DAS FRAGMENTARISCHE

Mündliche Erzählungen und schriftliche Quellen

Mündliche Erzählungen und fehlende schriftliche Quellen

Verstummte Familienerzählungen und das Schweigen der Quellen

Der Ausflug auf den Stockberg – aktiv gelebte Familienerinnerung

SELBSTÄNDIGWERDEN DER HISTORISCHEN AKTEURE IM NARRATIVEN PROZESS DES SCHREIBENS

GESCHICHTE ALS SPURENSUCHE, DIE DEM JETZT BEDEUTUNG GIBT

ANHANG

Abkürzungen

Archive

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Gespräche

Ungedruckte Quellen

Nekrologe

Gedruckte Quellen

Sekundärliteratur

Bildnachweis

Die Welt braucht auch Schwestern, nicht Mütter nur.

Martha Schnyder, 1920.

VORWORT

Die konzentrierte und rasche Verwirklichung dieser Dissertation wurde durch Stipendien des Schweizerischen Nationalfonds, der Max Geldner Stiftung und der Akademischen Gesellschaft Basel ermöglicht. Meine Doktormutter Prof. Regina Wecker hat mich während der ganzen Zeit ermutigt und bestärkt, den eingeschlagenen Weg zu beschreiten. Dr. Heidi Witzig danke ich herzlich für ihre Bereitschaft, meine Arbeit zu begleiten, für die vielen Anregungen, Ergänzungen und für die klärenden Gespräche. Prof. Rosi Braidotti und Prof. Bertekke Waldijk am Center for Women Studies an der Universität Utrecht erweiterten meinen Blick auf Geschlechtergeschichte und bewegten meine Position innerhalb der Arbeit nachhaltig.

Einen ganz besonderen Dank möchte ich an meine Eltern Christoph und Züsi Schnyder-Scheuermeier und an meine Tante Brigitte Schnyder richten. Sie standen mir mit reger Anteilnahme und grossem Interesse zur Seite, öffneten Tore zu Materialien, lasen Texte, gaben Feedbacks und eilten mit Rat und Tat in allen Belangen zu Hilfe. Ich danke auch Ernst Gysel, Hans Schnyder, Hans Walter Schnyder, Rudolf Schnyder und Beth Werner-Schnyder für Informationen, den Zugang zu grundlegenden Quellen und die Bereitschaft zu Gesprächen.

Sibylle Meyrat und Claudia Settelen winde ich für ihr kritisches Gegenlesen ein Kränzchen, Dietrich Seybold für die vielen Tipps und kritischen Gedanken während der ganzen Arbeit.

Michael Gärtner danke ich für die treue Begleitung, seine Unterstützung und sein geduldiges Verständnis. Die Betreuerinnen des «Schnäggehüsli» liessen mich bis zum Ende mit einem guten Gefühl meiner Arbeit nachgehen, und Helena und Joachim sorgten in den vielen lustigen Stunden, die mich von der Arbeit abhielten, dafür, dass ich mich der Welt nicht entfremdete.

Basel, im Januar 2008

Arlette Schnyder

EINLEITUNG


1 Familie Johannes und Caroline Schnyder-Wyttenbach, Bischofszell 1898 (v. l. n. r. stehend: Söphy, Hans, Hedwig, Vater Johannes, Lilly, Ernst, Marthy; v. l. n. r. sitzend: Karl, Trudi [stehend], Hanna, Mutter Caroline mit Walter, Paula, Tante Julie von Wyttenbach, Rösy).

GESCHICHTE UND GESCHICHTEN

Ernst, Marie, Hedwig, Hans, Hanna, Sophie, Rosa, Martha, Karl, Gertrud, Paula, Walter. Zwölf Geschwister, geboren in der Schweiz, zwischen 1873 und 1897. Acht Schwestern, sieben blieben unverheiratet, nur eine – Sophie – heiratete und liess sich zehn Jahre später wieder scheiden. Keine hatte Kinder. Vier Brüder, alle waren verheiratet und hatten Kinder. Sie standen in wichtigen offiziellen Ämtern: Pfarrer, Posthalter, Arzt und Gymnasiallehrer. Auch alle Schwestern lernten einen Beruf. Alle hatten eine Ausbildung als Lehrerin, Kindergärtnerin oder Erzieherin. Einige entschieden sich später für andere Wege: Eine wurde Diakonisse, eine andere Sekretärin und eine gar Institutsleiterin.

Die erste Frage, die sich bei dieser Fallstudie aufdrängt, ist die, weshalb alle diese Frauen ledig blieben. Diese schwierige Frage soll zunächst zurückstehen und der Frage, wie sie alle ledig blieben, weichen.1 Dieses Wie zeigt sich in unzähligen Geschichten. Ich erzähle also Geschichten. Denn Geschichte ist immer Geschichten erzählen. Geschichte ist eine Auswahl von Geschichten im Geschehen eines bestimmten Zeitraumes, einer bestimmten Personenkonstellation. Geschichte ist eine Perspektive. Von einem späteren Zeitpunkt auf einen früheren Zeitpunkt.2 Bereits 1978 verwies Hayden White mit seinem Artikel «The Historical Text as Literary Artifact» auf die narrative Arbeit der Historiker. Er wollte der Arbeit mit historischen Quellen neue Perspektiven öffnen. White sieht Geschichte als ein Instrument, welches uns hilft, öffentliche und persönliche Vergangenheit zu erklären.3 Das Bewusstsein, dass diese Erklärungen einem narrativen Stil verpflichtet sind, ist wichtig bei der Produktion einer historischen Arbeit.

Mein Ziel ist es, die Erzählungen der Geschwister über ihren Beruf und ihren Alltag, über ihre Familie und ihre Umwelt in verschiedenen Quellen zu verfolgen. Es ist eine Suche auf der Schwelle zwischen Geschichte als erzählter Handlung und Leben als gelebter Erfahrung, wie dies Paul Ricœur in «Narrative and Interpretation» beschreibt.4 Eines meiner Hauptinteressen gilt dabei dem Akt des Erzählens als einer Konstruktion gelebter Realitäten, die in den Quellen erscheinen. Wenn individuelle Erfahrung ernst genommen werden soll als Erkenntnisquelle für historische Forschung, so ist es wichtig, unterschiedlichen Erzählungen und Erzählstrategien einzelner Personen zu folgen, die den individuellen Geschichten Raum geben. Zum Teil bestehen diese aus purem Zufall, zum Teil sind sie strukturiert, aber sie zeigen die Spuren der Wahrnehmungen und Bedeutungsmuster einer bestimmten Person.5 Diese einzelnen Spuren übereinandergelegt ergeben ein Netz von Geschichten, das kaleidoskopartige Einblicke in die Handlungsspielräume und Vorstellungswelten eines Geschwisterkollektivs gibt.

Die vorliegende Geschwisterkonstellation ergibt eine eigenartige Kombination von Kategorien: Frau–Schwester–ledig. Mann–Bruder–verheiratet. Die Kategorien scheinen die dualistischen Schemen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft Europas im 19. Jahrhundert festgemacht wurden, gleichzeitig zu stören und zu parodieren. Die Arbeit erzählt Geschichten entlang der unterschiedlichen Linien dieser Kategorien und fragt nach den Weisen, wie diese Familiengeschichten, Frauengeschichten, Männergeschichten erzählt, tradiert und verhüllt werden.

Familie ist als System definiert durch verschiedenste Diskurse. Was Familie sei und wie sie zu verstehen sei, wandelt sich je nach Zeit und Kontext.6 «Familie» als ein soziales System kann als Einlassstelle in vergangene Gesellschaften verstanden werden: «Jede historische Gesellschaft, jede gesellschaftliche Schicht wird die für sie typischen Familienformen hervorbringen.»7

Der Blick auf Geschwister und deren besondere Beziehungsstruktur innerhalb der bürgerlichen Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fokussiert ein bestimmtes Familienmodell. Prägend für die bürgerlichen Vorstellungen der idealen Familie sind die literarischen Bilder von Schutz und Geborgenheit, von Stabilität und Harmonie, die sich in Romantik und Biedermeier boomartig verbreiteten.8 Dabei ist es interessant, welche Rolle Geschwister innerhalb dieser Vorstellungen spielen, und zwar nicht nur während ihrer geteilten Kindheitszeit, sondern auch und vor allem durch die Jahre ihres Erwachsenenlebens.9 Das nähere Eingehen auf die Tatsache, dass die meisten Menschen in Geschwisterkonstellationen gelebt haben und leben, bringt wichtige Motivationen innerhalb von Handlungsspielräumen historischer Akteure zutage und ergänzt oder relativiert bisher stärker beachtete Kategorien, wie zum Beispiel Heiratsstrategien oder Eltern-Kinder-Beziehungen.10 Frauen als Schwestern innerhalb von Geschwisterbeziehungen treten in der vorliegenden Studie in einer ungewöhnlichen Weise hervor. Sie sprechen als Beraterinnen ihrer jüngeren Brüder, als Vorbilder ihrer kleinen Schwestern, als Anwältinnen ihrer Mutter oder ganz einfach als Berufsfrauen. Gleichzeitig werden ihre verheirateten Brüder nicht in erster Linie als Familienoberhaupt, Ernährer oder Amtsperson sichtbar, sondern in ihrer Herkunftsfamilie, das heisst in den geschwisterlichen Rollen des renitenten Aussenseiters, des überwachenden Ältesten oder des harmonisierenden Jüngsten. Diese ungewöhnlichen Stimmen erhalten durch die Kategorie der Geschwister Raum. Die Frage nach der Funktion von Geschwistern ist bislang historisch wenig untersucht. Das stellte Bärbel Kuhn in ihrer Studie zu unverheirateten Frauen und Männern im ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland fest. «Zwar ist die ledige ‹Tante› ein vertrauter Typus als die Verwandte, die flexibel, weil ungebunden, dort einspringen konnte, wo sie gebraucht wurde: als Ersatzmutter, Erzieherin, Krankenpflegerin, Reisebegleiterin u. v. m. Die dieser Beziehung unter Geschwistern inhärente Bedeutung von Verwandtschaft für ledige Menschen ist selten thematisiert worden. Unverheiratete Geschwister lebten oft zusammen. Ihre Beweggründe, ihr gemeinsames Auftreten nach aussen, Dominanzen und Konflikte verweisen sowohl auf eine Form der Bewältigung des Ledigseins als auch auf die Relevanz verwandtschaftlicher Beziehungen.»11

UNVERHEIRATETE FRAUEN ...

Die spezielle Position lediger Frauen machte sich im 19. Jahrhundert vor allem durch den bürgerlichen Diskurs ihrer Zeit bemerkbar, der die Kernfamilie als Heiligtum ernannte.

«Kein anderer Zivilstand, [...], hat seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen ähnlichen Deutungswandel erfahren, wie der lediger Frauen.»12 Während noch in Goethes «Faust» Gretchen den Titel Fräulein nicht für sich beanspruchen wollte, da dieser Titel für Adlige vorbehalten war, mussten später ledige Frauen ausdrücklich den Titel Fräulein tragen. Heute sollte niemand mehr so heissen. «Die mit der Industrialisierung einhergehende Veränderung von Moralvorstellungen, sozialen Praxen und persönlichen Lebensentwürfen ist dabei mit grossem diskursivem und emotionalem Aufwand betrieben, beständig neu ausgehandelt und rechtlich umgeschrieben worden. Fräuleingeschichte, so zeigt sich, ist Gesellschaftsgeschichte im klassischen Sinn.»13

Die acht alleinstehenden, kinderlosen Frauen öffnen einen Blick auf bisher wenig beachtete Frauenräume.14 Wer waren die selbstlosen «Fräuleins»,15 wo wohnten sie, welche Beziehungen lebten sie? Sichtbar werden hier nicht engagierte Frauenrechtlerinnen und Ehefrauen, die innerhalb der Bürgertumsforschung einen wichtigen Platz einnahmen seit der «Entdeckung» der «femme couverte»,16 auch nicht Arbeiterinnen oder Frauen, die durch Armut im Gesetz oder in Wohlfahrtsorganisationen auftauchten, sondern die in der blinden Mitte liegenden Frauen des Bürgertums, die den Makel an sich hatten, keine Heirat einzugehen. Sie wahrten Prinzipien des Bürgertums und tradierten diese in ihren Rollen als Erzieherinnen. Gleichzeitig lebten sie ihren Schülerinnen und ihrer Umwelt alternative Lebensmodelle jenseits der Rolle der Hausfrau und Mutter vor. Ziel des Projektes «Geschwistergeschichten» ist es, mit einem neuen Blick auf horizontale Familienverknüpfungen17 die Rolle der ledig gebliebenen Schwestern innerhalb der Familie und im öffentlichen Raum festzumachen.

Die so genannte Ledigenfrage beschäftigte das Bürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch wenn statistisch nicht belegt werden konnte, dass immer mehr Frauen und Männer unverheiratet blieben, so wurden Ledige doch vermehrt in ihrem Verhalten genau beobachtet.18 «Schon kurz nachdem sich das bürgerliche Familienideal mit seiner Trennung von Privat- und Erwerbsleben, der Zuschreibung von männlichen und weiblichen Geschlechtscharakteren und den entsprechenden Funktionen in Familie und Gesellschaft zu einer wichtigen gesellschafts- und staatsstabilisierenden Ideologie entwickelt hatte»,19 sah das aufstrebende Bürgertum die Familie als Kern schon wieder bedroht.20 Alleinstehende und berufstätige Frauen bildeten eine der beunruhigenden Komponenten. Die Kranken- und Altersversicherung, Freizeitgestaltung für alleinstehende Frauen, Wohnungsbau für Einzelpersonen oder Vereinsamung von alten Menschen sind Themen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr zu sozialpolitischen Problemen wurden. Wie reagierte ein Geschwisternetzwerk auf diese moderne Welt? Kann die Aussage, wie sie von Jürgen Schlumbohm und von David Sabean für ländliche Gegenden in Deutschland gemacht wird, auch auf die Schweiz übertragen werden: dass nicht eine lineare Entwicklung von grossen Hausgemeinschaften zu kleinen Kernfamilien ausgemacht werden kann, sondern vielmehr verwandtschaftliche Beziehungen im Verlauf des 19. Jahrhunderts stärker aktiviert wurden, um die Probleme der Modernisierung zu bewältigen?21

Die vorliegende Fallstudie der zwölf Geschwister gibt Einblick in ein eng geknüpftes, bürgerliches Familiennetzwerk in der Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn bisher vom Bürgertum die Rede war, so muss betont werden, dass dieses keine einheitliche Gruppe bildet. Je nach historischer Konstellation gehören wechselnde Teile der Bevölkerung zum Bürgertum.22 Auch erhält der Begriff unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem, ob er rechtlich, normativ oder aufklärerisch verwendet wird. So kommt selbst die radikale Errungenschaft der Gleichheit aller Bürger, wie sie in der schweizerischen Verfassung von 1848 durchgesetzt wurde, einer Fiktion gleich: Sie bedeutete gleichzeitig den Ausschluss von Frauen und Niedergelassenen und kam so einer Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Unterschieden gleich. Aber selbst innerhalb der Schicht der Männer, die Bürger waren, gab es Unterschiede in der Zugehörigkeit. Namen, Habitus oder Feste sind symbolische Strukturen, die Hierarchien etablieren. «Natürlich wussten die Bürger/innen, was zu tun sei, um auch auf dem Feld des Symbolischen die Unterschiede zwischen ihnen und den Anderen zu markieren. Dabei aber folgten sie Regeln, die sie zu Handlungen und Gesten zwangen – und zwar unabhängig davon, ob ihnen der Sinn dieser Gesten bewusst war, ob sie die Regeln durchschauten oder gar, ob sie sich diese Regeln selbst auferlegen würden, wenn sie die Wahl gehabt hätten.»23

... VERHEIRATETE MÄNNER

Der Fokus der Arbeit liegt bei den Quellen der acht Schwestern. Die Fülle des Materials zwingt zu einer Einschränkung. Die Dokumente der Brüder werden jedoch immer vergleichend beigezogen und geben Einblicke in Handlungsspielräume verheirateter Männer als Brüder. Studien, die Männer in einer vielschichtigen und sorgfältigen Weise in ihren privaten Räumen sichtbar machen, helfen ein differenziertes Verständnis von historischen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu erhalten und den Mythos der Trennung des Öffentlichen und des Privaten aufzudecken.24

DIE HISTORIKERIN ALS TEIL DER GESCHICHTE

Wenn ich zu Beginn betonte, dass Geschichte immer Geschichten erzählen bedeute, so wollte ich damit einen erkenntnistheoretischen Ansatz in den Vordergrund rücken, der die Perspektive der Historikerin zu einem wissenschaftlichen Projekt werden lässt. Die Beziehung von mir als Forscherin zu meinen Quellen ist immer eine spezielle, persönliche Beziehung, die sich im Lauf der Zeit intensiviert und verändert, Brüche erleidet und Hochzeiten feiert. Aus dieser persönlichen Beziehung entsteht Geschichte. Mein Verhältnis zu den hier untersuchten Quellen der zwölf Geschwister ist tatsächlich persönlich, da ich selbst eine Position innerhalb dieser Familie habe: Der jüngste der vier verheirateten Brüder war mein Grossvater, die acht ledigen Schwestern meine Grosstanten. Persönlich kannte ich nur meinen Grossvater und eine der Grosstanten.

Als Kind hatte ich meine besondere Freude an den Anekdoten über meine Grosstanten (während mich die Geschichten über meine Grossonkel entweder weniger interessierten, oder – wie ich mich zu erinnern glaube – vor allem auch, weil sie weniger erzählt wurden). Ich hörte, wie Paula Fahrrad fahren lernte oder Rosa Bibeln nach Spanien schmuggelte und aus fahrenden Zügen sprang und wie Martha schön singen konnte. Diese «Mythen» über die acht ledigen Schwestern meines Grossvaters haben mich später misstrauisch gemacht und meine Neugierde geweckt: Wer mögen diese Frauen gewesen sein, wenn sie nicht gerade von Zügen sprangen, von Fahrrädern fielen oder sangen? Welche Geschichten erzählt man sich nicht? Welche wurden vergessen?

Um in meiner Arbeit meiner eigenen Befangenheit als Forscherin methodisch Raum zu geben, machte ich mich auf die Suche nach einer Epistemologie, die den Prozess des Forschens sichtbar macht: die Bewegung zwischen mir als Leserin und Autorin und den Texten, auf welche ich mich beziehe.

Die überzeugendsten Vertreterinnen eines solchen Ansatzes fand ich in der feministischen Wissenschaftstheorie. Prominente Vertreterin ist Sandra Harding, die Ende der 1980er-Jahre die Frage einer Methodik der feministischen Wissenschaft ausführlich diskutierte. Sie betonte die Wichtigkeit der sichtbaren forschenden Person im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Objektivität. Erst wenn das subjektive Element jeder Forschung – nämlich die forschende Person selbst – sichtbar gemacht wird, kann eine gewisse Objektivität in einer Studie behauptet werden.25 Verschiedene Historikerinnen wie Luisa Passerini oder Leora Auslander haben sich ähnlichen Ansätzen verschrieben.26 Es ist dieser Anspruch von Objektivität, dem ich mich verpflichte, wenn ich meine Position als Forscherin und Familienmitglied in meiner Spurensuche der Erzählungen eines Geschwisternetzwerks reflektierend mit einbeziehe.

AUFBAU

In einem der Untersuchung vorangestellten Methodenteil stelle ich den wissenschaftlichen Ansatz der Arbeit dar. Das Kapitel «Zeitliche und örtliche Hintergründe und die Familie im Überblick» informiert über die regionalen, historischen und politischen Hintergründe, in welchen die Geschichten der zwölf Geschwister ausgebreitet werden, und positioniert die historischen Materialien. Die biografische Kurzbeschreibung der Geschwister sowie eine Familientafel helfen als Einstieg in das komplexe Familiennetzwerk.27 In den drei darauf folgenden Teilen beleuchte ich die Handlungsspielräume der Geschwister aus unterschiedlichen Perspektiven und entlang verschiedener Erzählstränge.

Der erste Teil «Bauernsohn und höhere Töchter: Wurzeln und Werte der bildungsbürgerlichen pietistischen Pfarrfamilie» fragt nach dem Einfluss der elterlichen Generation auf Erziehung, Ausbildung und Kulturverständnis der Geschwister. Dabei wird sichtbar, wie vielfältig die Beziehungen zwischen Religion, Klasse und Geschlecht innerhalb einer Familie sein können. Ein Exkurs stellt Geburt und Tod als massgebende Kindheitserlebnisse dar, die die Biografien der Geschwister prägten. Ein zweiter Exkurs über Musik und Literatur als bürgerliche Kunst, sich selbst zu erkennen und anerkannt zu werden, widmet sich der Frage nach der Bedeutung von Bildung und Kultur. Den Abschluss dieses ersten Teils bilden zwei kurze Kapitel zur Bedeutung der familiären Gemeinschaft. Aus den Memoiren und Briefen des ältesten Bruders wird die Stimme des Normbewahrenden und Normschaffenden hörbar. Die Gedichte und Briefe der Schwester Sophie zeigen die Zwänge und die Strafen, die bei Normüberschreitungen drohen, und was es bedeutete, nicht mehr zur Gemeinschaft zu gehören.

Der zweite Teil folgt der Frage nach «Beruf, Berufung, Schicksal und Ökonomie». Die Rolle von Schwestern und Brüdern in Beruf und Lebensaufgabe unterscheidet sich je nach Position in der Geschwisterfolge und nach Geschlecht. Die Ausbildung der Brüder darf kosten, der Beruf wird als Standessicherung angesehen, da bleibt für den Beruf der Schwestern nur wenig übrig. Wichtig ist, dass sie sich selbst versorgen können, falls «Plan B» eintritt, das heisst, sie nicht heiraten können. Sieben Fallbeispiele zeigen, wie sich die Schwestern und Brüder innerhalb ihrer beruflichen Aufgabe ergänzten, beeinflussten und unterschieden.

Die Vielzahl der möglichen Lebensformen soll in einem dritten Teil durch Erzählungen von «Alltagsleben und Alltagserleben» ergänzt und vertieft werden.28 Das Zuhause, die Räume, Hausarbeiten, Mahlzeiten und Musik sind ebenso Thema wie Freunde und Freundinnen, Sexualität, Geselligkeit und Feste. Die Liebe zur Heimat im Reisen und Wandern zeigt eine alltagsstrukturierende Beschäftigung als neue Errungenschaft der arbeitenden Menschen. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit Politik im Alltag während der beiden Weltkriege. Rationierung, Mobilmachung und Flüchtlingsfragen zeigen sich anhand familiärer Diskussionen um Krieg und helvetische Positionen.

Mit den Überlegungen in «Tradierte Familiengeschichten und der Blick der Forscherin» schliesst Geschwistergeschichten ab. Hier wird die mündliche Überlieferung der Familiengeschichte in ein Verhältnis zu den geschriebenen Quellen gestellt. Anhand von Interviews mit Nachkommen der hier untersuchten Geschwister versuche ich, den narrativen Mustern auf die Spur zu kommen, die mein Bild der Vorfahren prägten. Dabei wird von Bedeutung sein, wie sich Geschichten wiederholen, welche Geschichten abweichen und wer sie erzählte. Auch meine eigenen Techniken bei der Produktion dieser historischen Narration werden zum Schluss reflektiert und durchleuchtet. Erzähltradition und Erinnerungsmuster der Nachkommen der Geschwister öffnen eine zusätzliche Perspektive auf die Quellen und machen meinen eigenen Blick sichtbar.

QUELLENLAGE

Ausschlaggebend für das Projekt war die einzigartige Quellenlage: In über 300 Briefen, mehreren Tagebüchern und rund 300 Gedichten werden die Stimmen der acht Schwestern laut. Rund 500 Exemplare eines institutionalisierten Familienbriefes, in dem regelmässig eines der Geschwister an die anderen elf schrieb, von dem aber nur die Briefe der Brüder übrig geblieben sind,29 macht die Brüder im (schriftlichen) Gespräch mit ihren Geschwistern sichtbar. Hinzu kommen Tagebücher von zwei Schwestern, Erinnerungsblätter von allen Geschwistern und Memoiren von einem Bruder. Briefe der Mutter, von Tanten und Schwägerinnen, von Freunden und Freundinnen ergänzen die Quellen. Publizierte Artikel und Schriften der Brüder, des Vaters und eines Onkels helfen beim Verständnis religiöser und politischer Debatten. Da die Frauen zum Teil in öffentlichen Anstellungsverhältnissen arbeiteten, finden sich auch Spuren in öffentlichen Quellen wie Schulinspektionsberichten, Schul- und Kirchenratsprotokollen sowie Anstellungsberichten.

Die Quellenlage erlaubt es mir ausserdem, sichtbar zu machen, wer welche Dokumente aufbewahrte und welche Stimmen heute fehlen. Ein grosser Teil der Briefe findet sich im Stadtarchiv von Schaffhausen. Sie wurden im Sommer 2001 von der jüngsten Tochter des ältesten Bruders unter Verschluss abgegeben. Seit ihrer Pensionierung hatte sie sich ausschliesslich dem Sammeln und Ordnen des schriftlichen Erbes ihres Vaters gewidmet. Die Quellen wurden unter dem Namen des ältesten Bruders im Archiv abgelegt. Weitere Briefe, Tagebücher und Gedichte kommen mir von einer ledig gebliebenen Nichte der zwölf Geschwister zu. Sie hat die kostbaren Ego-Dokumente ihrer Tanten aufbewahrt und mir zur Verfügung gestellt.30

METHODE

Ich möchte im Folgenden die methodischen Grundlagen vorstellen, denen ich mich in meiner Arbeit verschrieben habe. Ich stelle mich dabei in vier verschiedene wissenschaftstheoretische Kontexte, die ich grob mit 1. Geschlechtergeschichte, 2. Alltagsgeschichte, 3. Politics of Location und 4. Geschichte als Kunst der Textinterpretation überschrieben habe. Mein eigenes Verständnis dieser vier Bereiche, das ich im Folgenden erläutern werde, ergibt die Methode, die mich durch diese Arbeit leitet.

GESCHLECHTERGESCHICHTE: LEDIGE FRAUEN – VERHEIRATETE MÄNNER

Geschlechtergeschichte zeichnet sich nicht durch eine einzelne Methode aus, sondern durch eine bestimmte Perspektive: dass das Geschlecht einer Person, ebenso wie die Klasse oder die Ethnie, zu der sie zählt, Lebensbedingungen und Handlungsspielräume prägt, politische und wirtschaftliche Wirkungsmacht entfaltet. Geschlecht stellt somit in jedem untersuchten Gegenstand der Sozialwissenschaften eine massgebende Kategorie dar.

«Versteht man Geschlecht als soziale und komplexe Beziehung, so heisst das, dass die Suche nach Frauen in der Geschichte nicht einfach die Suche nach einem bisher vernachlässigten Gegenstand ist, sondern die Frage nach bisher vernachlässigten Beziehungen zwischen Menschen bzw. Menschengruppen.»31 Gisela Bock fasste zusammen, was die feministische Geschichtswissenschaft in den 1980er-Jahren bewegte. Es ging nicht mehr um eine Anhäufung berühmter Frauen, auch nicht mehr um die Betrachtung der «Frau im Bürgertum» oder der «Frau der Arbeiterklasse». Das Ziel war es nun, Geschlecht als eine komplexe Kategorie darzustellen, die soziale und politische Diskurse hervorbringt und durch diese selbst wieder beeinflusst wird. Joan Wallace Scotts Aufsatz «Gender: A Useful Category of Historical Analysis» hat das Verständnis von Geschlechtergeschichte auch im europäischen Raum durch den Begriff «gender» nachhaltig geprägt.32 Geschlecht als eine ebenso konstruierte wie allgemein prägende Kategorie wie Klasse und Rasse zu verstehen, bedeutete, dass die unterschiedlichen Kategorien nicht mehr als jeweils unterschiedliche ideologische Richtungen des Feminismus verstanden werden konnten (Marxismus, Black-Feminist-Movement), sondern in komplexer Wechselwirkung entlang der verschiedenen Achsen der Macht betrachtet werden mussten. In der aktuellen Geschlechterforschung, insbesondere den «postcolonial studies», hat sich das Konzept der «Intersectionality», diesen mehrfach verschränkten, komplexen Beziehungen zwischen sozialen Determinanten wie Geschlecht, Klasse, Rasse, Religion oder Ethnie zugewandt.33

Judith Butler betont, dass universelle Aussagen nicht mehr objektiv wahr sein können, wenn Klasse, Rasse, Ethnie und Geschlecht mit in Betracht gezogen werden.34 Geschlechtergeschichte vertritt ein Wissenschaftsverständnis, das universalistischen Ansätzen kritisch gegenübersteht.

Sowohl Butler als auch Scott sind amerikanische Wissenschaftlerinnen, die in ihrer eigenen Forschungstradition stehen. Ob wir in der Debatte um feministische Theorie und Genderstudies vor allem amerikanische Gender-Konzepte verwenden, ob wir französische Theorien anwenden oder uns in eine deutsche Forschungstradition stellen, ist von Bedeutung. Die Philosophin Rosi Braidotti schlägt vor, so viele unterschiedliche Ansätze wie möglich zu reflektieren: «This is no mere cultural pluralism but rather the awareness of the equal relevance of theoretical traditions that may appear very far from each other. To remain within Western Europe, for instance: whereas ‹sexual difference› theories are mostly French-oriented, ‹gender› theories are closer to English-speaking feminism.»35 Kulturelle Differenzen innerhalb der feministischen Theorie können und müssen fruchtbar gemacht werden.

In meiner Arbeit versuche ich den Begriff «gender» wo möglich zu vermeiden. Dies liegt nicht nur an seiner zurzeit bis zur Unkenntlichkeit strapazierten Verwendung, sondern auch an der Schwierigkeit einer Übersetzung des Begriffs in die deutsche Sprache.36 Der englische Begriff «gender», der das grammatische Geschlecht bezeichnet und damit innerhalb des Englischen immer schon die Konstruiertheit von Geschlecht durch Sprache bedeutet, ist im Deutschen (wie auch in den romanischen Sprachen) nicht adäquat vorhanden. Deshalb wird der englische Terminus oft bevorzugt.37

Ich habe mich für den Gebrauch des Begriffs «Geschlecht» entschieden, da ich der sprachlichen Unschärfe des kaum übersetzbaren «gender» in unserem Sprachraum misstraue.38

Geschlechtergeschichte fordert dazu auf, das Geschlecht von Frauen und Männern in ihrem jeweiligen Umfeld mitzudenken. «Als ‹Geschlechterfrage› oder überhaupt als ‹Frage› hat man meist nur das weibliche Geschlecht, bzw. die ‹Frauenfrage› bestimmt. Männer schienen ausserhalb des Geschlechterverhältnisses zu stehen im gleichen Mass, wie sie es dominierten. Es erscheint als selbstverständliches Erfordernis, Frauengeschichte immer (auch) auf die Geschichte von Männern zu beziehen, aber bisher noch kaum, Männergeschichte auf die Geschichte von Frauen zu beziehen.»39

In den letzten Jahren hat die Geschlechtergeschichte gerade in der Diskussion um Methoden die Rolle von Metanarrationen und die epistemologischen Grundlagen einer neuen Historiografie eine zentrale Rolle gespielt.40 Geschlechtergeschichte mit ihrem pluralistischen Verständnis von Geschichte stellt eine historiografische Herausforderung dar, die neue Ansätze nicht nur ergänzend zur allgemeinen Geschichte versteht, sondern die Einbindung der Pluralität der Ansätze als Programm fordert.41 Karin Hausen verlangte in diesem Zusammenhang, «endlich die Nicht-Einheit als Programm genauer zu reflektieren, offensiv zu bearbeiten».42

ALLTAGSGESCHICHTEN UND FALLSTUDIEN VON FAMILIEN

Sowohl Alltagsgeschichte als auch Fallstudien sind Formen der Mikrogeschichte. Den oft mit der Alltagsgeschichte in Verbindung gebrachten Begriff der Mikrogeschichte hat Jacques Revel erhellend beschrieben. Die Mikrogeschichte lässt, durch einen mit dem optischen Trick der Vergrösserung zu vergleichenden Perspektivenwechsel, durch die Technik des Zooms, etwas ganz Kleines, eine Person, eine Situation, einen Moment, ganz gross erscheinen und macht dadurch neue Einsichten möglich.43 Ich werde im Folgenden zeigen, wie ich methodische Ansätze, die von Fallstudien ausgehen, und Überlegungen der Alltagsgeschichte für meine Studie fruchtbar mache.

FALLSTUDIEN

Die zwölf Geschwister stammen aus einer reformierten Pfarrfamilie, ihre Erziehung ist geprägt durch die Wertesysteme eines reformierten, gläubigen bildungsbürgerlichen Haushalts. Die biografische Studie der zwölf Lebensläufe, die für sich selbst genommen ohne jede historische Relevanz sind, kann gerade wegen ihres Durchschnittscharakters die Charakteristika einer ganzen sozialen Schicht einer bestimmten historischen Periode wie in einem Mikrokosmos darstellen.44 Die vorliegende Fallstudie betrachtet die Lebenswege eines Geschwisterkollektivs. Eine interessante Methode für Fallstudien wurde von Catherine Delcroix und Daniel Bertaux anhand von Familiensystemen entwickelt. Die mit oral history arbeitenden Soziologen begannen jeweils ein Setting von Lebensgeschichten aufzunehmen: Immer drei Generationen einer Familie wurden nach ihren Lebensgeschichten befragt. Damit erweiterte sich das Informationsmaterial von Lebensgeschichten nicht nur in der zeitlichen Dimension, sondern auch durch deren Relativität. Die unterschiedlichen Erzähler von verschiedenen Generationen massen den jeweiligen Zeiterscheinungen und Begebenheiten unterschiedliche Bedeutung zu.45 Der Reichtum einer solchen Studie liegt genau in dieser Bezogenheit der einzelnen Familienmitglieder aufeinander und auf das gesamte System. Die Aussagen erhalten kontextuelle Tiefe, und die Handlungsspielräume erscheinen in Verknüpfung mit denen der anderen Familienmitglieder.

Ein ähnliches Setting zeigt sich innerhalb der Quellen der zwölf Geschwister, die zwei Generationen abdecken. Der Einbezug von Briefen der Mutter, von Onkeln und Tanten macht Traditionen und Brüche sichtbar und lässt vieles innerhalb dieses einen Systems verständlicher werden. Die im Schlusskapitel dargestellten Familienerzählungen, die mir, der Grossnichte und Enkelin, von meinem Vater, von Onkeln und Tanten erzählt wurden, lassen zwei weitere Generationen zur Sprache kommen. Dieses Patchwork unterschiedlicher Stimmen einer Familie kann als Spiegel von grösseren kulturellen und sozialen Entwicklungen und Mustern innerhalb der Dynamik historischer Prozesse gesehen werden.46

Auch wenn meiner Arbeit keine soziologische Fragestellung zugrunde liegt, scheint mir besonders ein Aspekt des Ansatzes von Delcroix und Bertaux interessant: Familie wird von ihnen als «Produktionseinheit» definiert.47 Dies nicht in einem traditionellen Sinn, sondern als Gruppe, die nebst gemeinsamen materiellen Werten auch Schicksal, Ideale und Glaube produziert. Innerhalb dieser familiären Produktionseinheit ist eines der zentralen Elemente die Funktion von Geschenken. Jede Art von Geschenken hat eine wichtige Funktion. Als Erstes jedoch das Geschenk des Lebens. Dieses Geschenk von den Eltern an das Kind kann per definitionem nicht an die Gebenden zurückerstattet werden. Das «Geschenk des Lebens» kann nur durch die Geburt einem nächsten Kind gegeben werden: Eine Tochter oder ein Sohn kann durch das neue Leben, das die Familie weiterführt, Leben im übertragenen Sinn an die Grosseltern zurückgeben. Enkel fungieren nach den französischen Soziologen als Vermittler.48 Was mich an diesem Ansatz zu interessieren begann, und durch die Arbeit hindurch begleitete, war die Frage: Was geschieht, wenn alle weiblichen Geschwister einer Generation dieses «Geschenk» nicht an die Eltern zurückgeben? Welche Auswirkungen hat dies auf die Netzwerke, wie sie in den Erzählungen repräsentiert werden?

ALLTAGSGESCHICHTE

In den 1970er-Jahren übten Vertreter der Mikro-Historie, der Alltagsgeschichte49 und der historischen Anthropologie50 Kritik an einer Geschichte der grossen Strukturen aus. Alltagsgeschichte versteht sich als eine problemorientierte Detailanalyse des Ganzen; ihr dezidiert mikroskopischer Blick untersucht konkrete Lebensbedingungen und Lebensweisen und fragt nach Aneignungsprozessen.51 Die «Materialität» der Menschen, einer uns fremden Zeit und Kultur, soll mitgedacht werden: Sie rochen, fühlten, hörten anders als wir. Alltagsgeschichte fragt danach, wie sich Individuen Welt aneignen. Gleichzeitig macht sie sichtbar, dass diese Aneignungsstrategien die Umgebung prägten. Alltagsgeschichte versteht Menschen als handelnde Subjekte – nicht als Objekte übergeordneter Strukturprozesse: «Im Zentrum steht, wie Menschen in ihrer sozialen und kulturellen Praxis gleichermassen Objekt und Subjekt von Welt und Geschichte sind, oder: wie sie ihre Wirklichkeit erfahren und immer auch produzieren.»52 Diese handelnden Subjekte werden innerhalb der Alltagsgeschichte auch historische Akteure genannt.53 Der Begriff des historischen Akteurs ist der Versuch, dem Dilemma der Subjekt-Objekt-Dichotomie zu entfliehen. Die Akteure sind nicht Marionetten politischer Geschehnisse und nicht staatsregelnde Individuen, die Welt schaffen. «Sie erkunden und nutzen Handlungschancen und Spielräume, schaffen sie aber auch selbst.»54 Die persönliche Aneignung und Interpretation von sinngebenden Institutionen, Werten und Normen lässt neue Nuancen in den Realitäten der Lebenswelten entstehen. Das Sprechen und Handeln jedes Einzelnen ist von anderen Personen beeinflusst, gleichzeitig bewegt und verändert dieses die Handlungsmöglichkeiten der anderen. Es ist eine komplexe Bewegung, die in keiner Weise dualistisch begriffen werden kann.55 Der Begriff des historischen Akteurs, der an die Welt des Theaters erinnert, spiegelt zudem die Konstruktion einer Bühne, auf der sich Figuren bewegen, die wir aus der Distanz betrachten.

Der Sozialhistoriker David Sabean, der über 20 Jahre im süddeutschen Neckarhausen geforscht hat, betont, wenn unsere Arbeit sich darauf konzentriert, wie Bewusstsein in sozialem Austausch geprägt wird, dann sind wir auf einzelne, konkrete Kontexte angewiesen.56 Wie Sabean heben auch Leonore Davidoff und Catherine Hall die Wichtigkeit von lokal gebundenen, spezifischen Studien hervor: «The focus of study then becomes activities, structures, processes and logics that simply are not visible outside the local context.»57 Ihre 1987 erschienene und 2002 sorgfältig überarbeitete Studie «Family Fortunes. Men and Women of the English Middle Class 1780–1850» zeigt, wie ein alltagsgeschichtlicher Ansatz neue Einblicke in strukturelle historische Daten geben kann.58

FORSCHUNGSGESCHICHTEN UND DER BLICK DER HISTORIKERIN

Eine historische Analyse steht auf einem wankenden Gelände: Der Blickpunkt der Analyse sind Menschen in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten Situation. Diese eignen sich Zeichen und Codes, materielle Möglichkeiten und soziale Beziehungen an. Sie interpretieren die Welt je unterschiedlich und verändern sie durch ihr eigenes Verständnis. Sobald wir rückblickend über diese Menschen etwas sagen, geraten wir als interpretierende Historikerinnen und Historiker in ihr System von Zeichen und Interpretationen, wir werden von der Umlaufbahn ihres Weltverständnisses angezogen. Wir können uns nicht ausserhalb dieser Diskurse und Zeichensysteme bewegen, sondern befinden uns immer schon im Kontext.59 Zudem schiebt sich die Sprache, unser Erkenntnisinstrument, zwischen uns und die Wirklichkeit, die wir im Gegenstand unserer Forschung zu erkennen hoffen. «Damit verwehrt die Sprache selbst den Zugang zur ‹Wirklichkeit›, sie reguliert diese und lässt sich aus dieser Position nicht mehr verdrängen.»60

Eine Möglichkeit, mich diesem Dilemma zu stellen, ist, dass ich mich innerhalb meiner Arbeit als einen Teil der historischen Analyse positioniere. Wie ich bereits in der Einleitung geschrieben habe, erzählt die vorliegende Forschungsarbeit einen Teil meiner eigenen Familiengeschichte. Mein Grossvater war das jüngste der zwölf Pfarrerskinder, deren Quellen hier betrachtet werden sollen. Meine so offensichtliche Verwandtschaft mit den hier untersuchten Menschen hat mich gezwungen, die Beziehung zwischen mir als Forscherin und meiner Arbeit zu reflektieren. Die Chance eines solchen Projekts liegt darin, dass sich die eigene Geschichte und daher das eigene Selbst gleichzeitig mit dem eigenen Wissen über die Vergangenheit ändern.61 Das vorliegende Forschungsprojekt gibt nicht nur den Blick auf die Quellen der Geschwister frei, sondern macht gleichzeitig meinen Blick sichtbar. Dies mit dem Ziel, die dialogische Situation zwischen Text und Fragestellung, Lesen und Schreiben in der Produktion der Arbeit sichtbar zu machen.

Innerhalb der feministischen Wissenschaftstheorie im Allgemeinen und in den Geschichtswissenschaften im Besonderen wurde im Lauf der 1980er- und 1990er-Jahre eine intensive Debatte um Erfahrung und Reflexion geführt.62 Leora Auslander schrieb über Erfahrungen und Erleben und deren Auswirkung auf die akademische Produktion von Geschichte im Zusammenhang mit ihrer eigenen Biografie und Familiengeschichte.63 In «Autobiography of a Generation», einem der wohl gelungensten Beispiele seiner Art, folgt Luisa Passerini den Erinnerungen von AktivistInnen der italienischen Studentenbewegung und schliesst die eigene Geschichte mit ein. Passerini ergänzt ihr Quellenmaterial, Interviews und Lebensgeschichten, mit ihrem Tagebuch aus den 1968er-Jahren. Die abwechselnden Kapitel – mal die Erinnerungen und Geschichten der interviewten Personen und Memoirenschreiber, mal die Texte der Forscherin selbst, geben einen einzigartigen Einblick in die Auswirkung und Dynamik, die zwischen unserer eigenen Lebensgeschichte und dem Forschungsgegenstand stattfindet.

POLITICS OF LOCATION

Das Anliegen feministischer Wissenschaftstheorie, wissenschaftliche Objektivität in ihrer universalistischen Form zu hinterfragen, muss im Zusammenhang mit Widerstandsbewegungen der 1970er-Jahre verstanden werden. Die Kritik an der Hegemonie der Wissenschaften und der konservativen Politik der Institution der Universitäten, deren wohl berühmtester Vertreter Michel Foucault war, bot für die zweite feministische Welle Möglichkeiten, neue Perspektiven innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses einzubringen und dabei auch gehört zu werden.64

«Politics of Location» ist einer der prägenden Begriffe, der aus dieser Debatte hervorging. Adrienne Rich betonte in «Notes Toward a Politics of Location», wenn der Feminismus des späten 20. Jahrhunderts irgendeine neue Erkenntnis brachte, so war es die, dass Begriffe wie «immer» oder «alle» dasjenige unsichtbar machen, was von Bedeutung ist: Wann, wo und unter welchen Umständen ist eine Aussage wahr?65 Die schmerzhafte Erkenntnis der feministischen Bewegung der 1970er-Jahre, dass «Frauen» nicht gleich «Frauen» sind, war für diese Debatte bedeutend. Die Vorstellung der weissen Mittelklasse-Studentin, was Emanzipation bedeute, war weit von den Wünschen und Bedürfnissen der emigrierten Putzfrau entfernt. Rosi Braidotti hebt in «Nomadic Subjects» besonders zwei Punkte der «Politics of Location» hervor: «1. Um nicht Gefahr zu laufen, die Differenzen unter Frauen zu übersehen, muss transparent gemacht werden: Wer ist das schreibende Ich? Wo ist dieses angesiedelt? Wer ist gemeint, wenn der Terminus ‹wir› verwendet wird? 2. Damit klar ist, dass ich nicht als ‹Mensch› spreche, sondern als Person, die zu einer bestimmten Gruppe gehört, muss ich mein Sprechen als ein historisches und gruppengebundenes Sprechen sichtbar machen.»66 Auch Sandra Harding, die Ende der 1980er-Jahre die Frage einer feministischen Methode ausführlich diskutiert hat, betont die Wichtigkeit der sichtbaren forschenden Person im Zusammenhang mit der Forderung wissenschaftlicher Objektivität: «Thus the researcher appears us not as an invisible, anonymous voice of authority, but as a real historical individual with concrete, specific desires and interests. [...] Introducing this ‹subjective› element into the analysis in fact increases the objectivity of the research and decreases the ‹objectivism› which hides this kind of evidence from the public.»67 In den 1990er-Jahren entwickelt die feministische Theoretikerin Donna Haraway den Ansatz der «Politics of Location» weiter. In ihrer Kritik einer Wissenschaft, die sich objektiven Ansprüchen verpflichtet, ohne die eigene beschränkte Sicht mit in Betracht zu nehmen, verweist sie auf unser jeweiliges In-einer-Situation-Sein als Forschende und schreibt: «Feminist objectivity is about limited location and situated knowledge.»68 Mit diesem Begriff plädiert Haraway für Wissenschaft jenseits von binären Systemen, im Sinn einer exakten und genauen Positionierung der eigenen Wahrnehmung und Umgebung in Bezug zu derjenigen der erforschten Themenkreise. «I am arguing for politics and epistemologies of location, positioning, and situating, where partiality and not universality is the condition of being heard to make rational knowledge claims. These are claims on people’s lives; the view from a body, always a complex, contradictory, structuring and structured body, versus the view from above, from nowhere, from simplicity.»69

Den Ort, von dem aus ich als Forscherin spreche, werde ich während der Arbeit nicht dauernd reflektieren. So interessant das Projekt wäre, es führte zu einer zu komplexen Textflut, bei welcher die Geschichten der zwölf Geschwister stark in den Hintergrund rückten. Meine Methode ist es, meinen Standpunkt im Voraus sichtbar zu machen. So können sich die Leserinnen und Leser bei der Lektüre eine Person vorstellen, die aus einer bestimmten Perspektive und Motivation schreibt: die Enkelin eines Mannes, der der Jüngste in einer grossen Geschwisterreihe war. Ein Nachkomme einer Familie, in welcher die Tradierung von Familiengeschichte eine bedeutende Rolle spielte. Mit diesem Wissen mag das Gelesene immer wieder in ein Verhältnis gesetzt werden. Zum Schluss der Arbeit komme ich auf die dialogische Situation der historischen Arbeit zurück. Die Beschreibung der dynamischen Prozesse zwischen Fragestellung und Text, Lesen und Schreiben, mündlichem Anekdoten-Erzählen und schriftlichen Quellen, meiner eigenen Erfahrung und den Erinnerungsstrukturen meiner Sippe bildet die Auswertung der vorliegenden Studie. Die Veränderungen und Varianten der Erzählungen kontextualisieren die schriftlichen Quellen, die Interviews und meine narrative Arbeit als forschende Person.70

GESCHICHTE ALS KUNST DER TEXTINTERPRETATION

Die wissenschaftliche Arbeit von Historikerinnen und Historikern ist die Interpretation von Quellen und deren schriftliche Darstellung. Bei der Interpretation der Quelle gilt es sorgfältig zu überprüfen, wer zu wem spricht und in welcher Absicht gesprochen wird. Auch ist wichtig, welche Sprache verwendet wird, ob sie dem jeweiligen Medium entspricht, ob Brüche entstehen und was diese bedeuten. Auch die Umstände der Produktion liefern wichtige Informationsfaktoren auf der Suche nach den Stimmen von Frauen und Männern innerhalb ihrer möglichen Handlungsfelder und innerhalb bestimmter Mentalitäten.71 Zu welchem Zweck wurde der Brief, das Tagebuch, das Gedicht geschrieben?72 Es ist von Belang, ob ein Schreiben an mehrere oder an nur eine Person gerichtet ist oder gar an sich selbst.

Die Quellen sind gleichzeitig Konglomerate verschiedener Diskurse. Bücher und Zeitungen, Zeitschriften und Verse, Bibeltexte und Lieder, die die schreibende Person gelesen hat, prägen Stil und Inhalte. Sie bilden den Rahmen, in welchem das Sagbare stattfindet. Der Text zeigt mir aber nicht nur die Diskurse, die der schreibenden Person dieser Zeit zur Verfügung standen, sondern auch, worüber diese Person zu ihrer Zeit nicht schreiben konnte oder wollte. Was schrieb die junge Lehrerin und Pfarrerstochter um 1914, was schrieb sie nicht? Verwendete ihr Bruder, Pfarrer einer Gemeinde, dieselbe Sprache? Brauchten die Geschwister jeweils unterschiedliche sprachliche Register, je nach dem, an wen sie schrieben? Innerhalb dieses Systems von Bedeutungen und Texten ist es wichtig, meine eigene zeitliche Distanz zu den Texten zu reflektieren und zu überlegen, welche Bedeutungen und Inhalte die Texte durch mein eigenes Lesen erhalten.73

DIE MATERIALITÄT DES TEXTES

Nicht zu vernachlässigende Informationen enthält die Materialität einer Quelle. Eine Postkarte hat einen anderen Informationsradius als ein Brief, der auf ein liniertes Papier geschrieben wurde. Was bedeuten die unterschiedlichen Quellen in ihrer Erscheinungsform – auch im Bezug auf die Wichtigkeit, die ihnen von den historischen Akteuren zugeschrieben wurden? Tagebücher enthalten Bilder oder liebevoll eingeklebte Blumen und Gräser. Gedichtsammlungen wurden in herzförmige Büchlein übertragen, deren Einbände man in hübsche Stoffe schlug.

Die gleichen Gedichte finden sich aber auch in Schreibmaschinenabschriften wieder. Sowohl die Materialien, mit welchen die Gedichte veredelt wurden (schöner Stoffeinband mit besonderer Form), als auch deren wiederholte Erscheinung in verschiedenen Abschriften – vor allem in späteren Jahren in Schreibmaschine – betonen, wie wichtig diese Texte für die historischen Akteure selbst waren. Dagegen sind Briefe oft auf einfachem, liniertem Papier geschrieben. Sie sind momentanes Kontakt- und Kommunikationsmittel. Zu Geburtstagen wird durch die Menge des Geschriebenen die Besonderheit des Anlasses betont. Erste schreibmaschinengeschriebene Briefe in den 1920er-Jahren ernten Lob und Bewunderung. In den 1940er-Jahren entschuldigen sich die Männer bereits, wenn sie sich nicht mit der Maschine an ihre Geschwister wenden. Die Briefe wurden oft in einem Doppel aufbewahrt, damit man noch wusste, worauf sich die Antwort im Rückbrief beziehe. Diese «Materialität des Textes» möchte ich als historisch bedeutende Komponente mit in die Analyse der Quellen einbeziehen.74 Die historischen Akteure waren sich der Materialität ihrer Briefe durchaus bewusst, wie das folgende Zitat der Chefsekretärin Sophie sichtbar macht: «Während dem Üben kam mir in den Sinn, dass ich Dir den ersten Teil dieses Briefes jetzt schreiben wollte aus verschiedenen Gründen: 1. Geht es eben entschieden schneller mit der Maschine als von Hand, wobei ich immer das Gefühl habe, als ob mir die Hand zitterte in letzter Zeit, weil ich so selten und eigentlich nicht mehr gern Schreibschrift von Hand schreibe, Steno oder Debatten sehr gern; 2. Habe ich dann ein besseres Duplikat, als ich jedenfalls dann vom Tintenbleistift bekommen werde, denn mit Tinte kann ich keinen Durchschlag machen und es ist für Dich wenigstens dieser Teil des Briefes leichter leserlich.»75


2 Auszug aus Sophie Schnyders Tagebuch, 1926.

Sophie reflektierte sowohl die veränderten Produktionsbedingungen beim Schreiben als auch die Bedeutung, die dem Geschriebenen beigemessen wird, und setzte ihr Schreiben und das gewählte Material gezielt ein. Diese Tatsache soll – sofern immer möglich – in ...der Interpretation der Quellen berücksichtigt werden.

Ich werde im Folgenden vier Textformen vorstellen, welche mir hauptsächlich als Quellen der Geschwister dienen: Brief, Tagebuch, Memoiren und Gedicht. Während sowohl von den Schwestern als auch von den Brüdern Briefe überliefert sind, liegen von den Männern nur Memoiren, von den Frauen dagegen Gedichte und Tagebücher vor

DER BRIEF – BEZIEHUNGSNETZE UND FEHLENDE STIMMEN

Der weitaus grösste Teil der vorliegenden Quellen besteht aus Briefen. Diese wurden zu unterschiedlichen Zwecken geschrieben: Zur Kontaktpflege und Überwindung von Distanzen, zum Zeichen des Andenkens und der Zugehörigkeit, zum Zweck der Information. 1934, nach dem Tod der Mutter Caroline Schnyder-Wyttenbach, schlugen der jüngste Bruder und eine seiner Schwestern ihren acht noch lebenden Geschwistern einen Rundbrief vor. In monatlichem Turnus sollten von nun an alle Geschwister an je eines schreiben. Die Organisation und Durchführung dieses Rundbriefes wurde vom Jüngsten übernommen und überwacht. Zufrieden blickte er nach den ersten zehn Monaten auf die neue, familienverbindende Institution zurück:

«Trotz der ungewöhnlichen Umstände haben sich die lieben Briefe fast alle zeitig eingestellt, die 2 fehlenden werden wohl morgen kommen. Ich bin wirklich erfreut, dass das von Rösy und mir auf der Vogesenwanderung im April ausgeheckte Rundbriefsystem sich nach aller Meinung so gut bewährt hat. Wir sind nun einmal rundum [...]. Wir wollen auch der Klarheit halber die Altersreihenfolge beibehalten, ausser wenn Geburtstage in die Quere kommen. Denn Geburtstagbriefe sind doch oft persönlicher u. sollen durch solchen Nachrichtendienst nicht beeinträchtigt werden. Da Ernst im Februar Geburtstag hat, nehmen wir also auf 1. Februar nicht ihn, sondern Hedy, auf 1. März Hans, auf 1. April Ernst, auf 1. Mai Hanny u. dann wieder normal. Ich will das schon immer wieder auf den 1. anordnen. Also auf 1. Februar schreiben wir alle an Hedy, merkt es Euch, bitte.»76

Die beim Adressaten angekommenen und gesammelten Briefe wurden nach einem bestimmten Modus weitergeschickt, damit die Informationen jedes einzelnen Schreibers auch alle Geschwister erreichten. Briefe waren im Allgemeinen eine öffentliche Familienangelegenheit und hatten nicht den vertraulichen Charakter, der ihnen heute zukommt.77

Die unterschiedlichen Personen und Orte, wohin die Briefe geschickt wurden, machen sichtbar, dass die Briefe an manchen Orten von mehreren Personen gelesen wurden:

«Dieser Brief zirkuliert also: 1. Juni, Hans, Trudy 3. Ernst 5. Hedy 7. Hanny 8. Horgen 11. Karl Paula 14. Walter. Die Daten bezeichnen den Empfangstag. Auf 1. Juli schreiben wir alle an Hedy, bitte merkt es Euch.»78

Die Einhaltung des zeitlichen Turnus («merkt es Euch») war bei einer solch grossen Briefrunde wichtig. Auch wenn Walter die Briefe als «Nachrichtendienst» bezeichnete, hatten diese, wie die aufwändige Organisation ahnen lässt, eine weit grössere Bedeutung. Die Schreibenden konnten sich in den Briefen schriftlich selbst darstellen, ob sie fern voneinander wohnten oder nicht, und so an einer gemeinsamen geschwisterlichen Identität bauen.79 Die Briefe dienten den Schreibenden und Empfangenden sowohl zum Zweck der Familienpflege als auch als Informations- und Kommunikationsmittel. Bei der Interpretation ist also nicht nur der Kontext wichtig, in welchem ein Brief geschrieben wurde, sondern auch die Tatsache, dass der Brief ein Mittel war, sich selbst in einem bestimmten Umfeld zu definieren. Mit der dichten Korrespondenz wurde die Familienidentität stabilisiert, partnerschaftliche Identitäten aufgebaut oder auch eigene, literarische Formen eines brieflichen Ichs geschöpft.80

Als historische Quellen, gesammelt und aufbewahrt, sei es als Korrespondenz oder als eine Sammlung eines Briefschreibers, entfalten die Briefe ein Eigenleben. Liest man sie hintereinander, erhalten sie einen anderen Rhythmus als zu der Zeit, da die Empfänger sie sehnlich erwarteten. Dadurch verselbständigen sich die Briefe unabhängig von ihren Autoren und Autorinnen, werden zu Texten, die selbst Geschichte machen und eine Geschichte haben.81 Die schillernde Grenze zwischen Authentizität und Fiktionalität in Briefen wie auch die Eigenart von Briefsammlungen, eine von ihrer historischen Zeit unabhängige Eigendynamik zu entwickeln, müssen mitgedacht und reflektiert werden.82

EGO-DOKUMENTE: WEIBLICHE TAGEBÜCHER – MÄNNLICHE MEMOIREN?

Nebst der Fülle von Briefen liegen Quellen vor, die allgemein als Ego-Dokumente bezeichnet werden können. Unter Ego-Dokumenten versteht die neuere, vorwiegend westeuropäische Forschung «solche Quellen, die Auskunft über die Selbstsicht eines Menschen geben».83 Texte also, in denen sich ein Ich absichtlich oder unabsichtlich enthüllt oder verbirgt, in denen sichtbar wird, was die schreibende Person beschäftigte, erregte oder betroffen machte.84 Briefe können ebenso zu Ego-Dokumenten gezählt werden wie Autobiografien. Ich vereine hier die beiden Gattungen Memoiren und Tagebuch unter diesem Begriff, da sie beide eine absichtliche Darstellung des Ichs in unterschiedlichen Formen zum Ziel haben. Während ich die Memoiren zu den Texten zähle, in denen sich die Autoren mit einer bestimmten Absicht für ein bestimmtes Publikum in einer einheitlichen Erzählung darstellten, rechne ich die Tagebücher zu den Texten, in welchen sich das Ich in fragmentarischen Momentaufnahmen an sich selbst wendete. Memoiren haben, im Hinblick auf ein zukünftiges Publikum und als rückblickende Erzählform, die Tendenz, eine Lebensgeschichte in einem Strang zu erzählen. Tagebücher hingegen werden in stillen Momenten geschrieben, in welchen sich das schreibende Ich über sein Tagewerk, bestimmte Erlebnisse und Gedanken beugt und seine Beziehung zur Welt, und im pietistischen Tagebuch im Speziellen zu Gott, reflektiert. Tagebücher wurden zwar als ganz persönliche Dokumente geschrieben, deren Einsicht, wenn überhaupt, nur intimen und vertrauten Personen erlaubt wurde. So sind Tagebücher zunächst intime Partner, in welchen offen gesprochen werden soll, wo das Selbst kritisch befragt und «ins Gebet genommen» wird. Es handelt sich also um eine Art Beichte. Diese unterliegt allerdings einer Zensur – dem Wissen um die Möglichkeit eines plötzlichen Gelesenwerdens. Diese Möglichkeit der Aufdeckung der innersten Gedanken und der privatesten Handlungen macht vieles selbst im Tagebuch kaum benennbar.

Tagebücher

Die Tagebücher, die mir zur Verfügung stehen, stammen von drei der acht Schwestern. Sie unterscheiden sich in ihrer Art, da ihre Verfasserinnen sie in gänzlich verschiedenen Lebensphasen schrieben. So gleicht das Tagebuch der jungen Haushaltlehrerin Martha, das sie als Gouvernante in London und während ihrer ersten Stelle als Kochlehrerin und Hausvorsteherin eines Kurhauses schrieb, einer Aufzählung von Tätigkeiten. Es spiegelt eine junge Frau, die sich über ihr Schreiben in ihrer Welt zurechtzufinden versucht. Das daran anschliessende Tagebuch hatte Martha im Nachhinein überarbeitet. Der Text, eine eigentliche Liebesgeschichte, erzählt von der Freundschaft zwischen einem deutschen internierten Offizier und Martha 1919. Im Schreiben versuchte Martha, die Bedeutung ihrer Begegnung mit dem Mann, den sie liebte, aber nicht heiraten konnte, zu ergründen und die schmerzhafte Erfahrung zu verarbeiten.

Das Tagebuch der krebskranken Primarschullehrerin Paula, das diese in den 1930er- und frühen 1940er-Jahren während Klinikaufenthalten schrieb, lässt die kranke Person sichtbar werden, die von ihrer Arbeit und ihrem sozialen Umfeld getrennt wird. Sie spricht ganz andere Themen an. Auch hat sich die Zeit geändert, was sich in ihrer Schrift, in der Sprache und in den gewählten Themen niederschlägt.

Fragmente des Tagebuches der Lehrerin und späteren Sekretärin Sophie zeigen eine besondere Form der Selbstreflexion: Durchsetzt mit Gedichten, sind die Tage zusammengefasst als kurze Berichterstattungen von kulturellen Programmbewältigungen, Auflistungen von Büchern, die gelesen, Gedichten, die auswendig gelernt, oder Konzerten, die besucht wurden. Diese protokollähnlichen Dokumente lassen die Freizeitgestaltung und die Disziplinierung durch Kultur sichtbar werden und machen diese besondere Form eines Tagebuchs zum Beweisstück erbrachter Leistungen.

Leider stehen mir nur von den Schwestern Tagebücher zur Verfügung. Soweit dies bekannt ist, schrieben die Brüder kein Tagebuch. Wie stark Vorstellungen einer weiblichen introvertierten Stimme für das Schreiben der Schwestern prägend waren, kann hier nur in Erwägung gezogen werden. Es ist möglich, dass die Tradition des Tagebuchschreibens als ein expliziter weiblicher Handlungsspielraum, in dem die innersten Gedanken einem stummen und geduldigen leeren Buch anvertraut werden dürfen, der Vorstellung des Schreibens von Männern widersprach.85 Selbsterfahrung, Selbstfindung, Sinnstiftung und Erbauung in geschriebener Reflexion stellten im 19. Jahrhundert und bei den in dieser Tradition stehenden schreibenden Schichten im beginnenden 20. Jahrhundert spezifische Orte weiblicher Handlungsspielräume dar.86 Im reflektierten Schreibstil, der das Ich in seinen Gefühlen befragt und in ein Verhältnis zu seiner Umwelt setzt, werden Brüche zwischen dem allgemeingültigen Konzept einer natürlichen Weiblichkeit und dem realen Leben benennbar.87

Memoiren

Die vorliegenden Memoiren stammen aus der Feder der Brüder. So die vielfältigen Lebensdarstellungen des Ältesten, Ernst Schnyder,88 und die Erinnerungen des jungen Assistenzarztes Karl Schnyder an seine Studienzeit.89 Diese autobiografischen Dokumente rekonstruieren aus der Rückschau die eigene Vergangenheit. Die Autoren beugen sich – wie die Tagebuchschreiberinnen über eine kleine Sequenz ihres Lebens – über einen grossen Lebensabschnitt und zeichnen einen fortschreitenden, abgeschlossenen Prozess ihrer Identitätsbildung. Wieweit das Bedürfnis nach einer einheitlichen Historisierung der persönlichen Lebensgeschichte vor allem den männlichen Familienmitgliedern eigen war, kann hier nicht beantwortet werden. Jedoch ist die literarische Form, für die sich die historischen Akteure entschieden, wenn sie über sich schrieben, ebenso aussagekräftig wie der Inhalt des Geschriebenen. Die unterschiedlichen Formen der Ego-Dokumente geben Einblick in das Bedeutungssystem, das den beschriebenen Erlebnissen und Handlungen zugemessen wurde. «Die Bedeutung autobiographischen Erzählens liegt nicht in der Abbildung der Wirklichkeit, in der Rekonstruktion vergangenen Lebens, sondern in der Konstitution von Sinn.»90

Es geht mir dabei nicht darum, besondere literarische Gattungen dem «Weiblichen» beziehungsweise dem «Männlichen» zuzuweisen, sondern die Spielarten der schriftlichen Inszenierung auch in Bezug auf die Kategorie Geschlecht genau zu beobachten.

DAS LAIENGEDICHT ALS HISTORISCHE QUELLE

Laiengedichte wurden oft in intimen Momenten geschrieben, konnten später aber an andere verschenkt werden. Frauen und Männer dichteten für Familienfeste, zur Unterhaltung oder als Geschenke zu Geburtstagen, Hochzeiten oder Weihnachten in der Familiengemeinschaft.91 Im Gegensatz zum Tagebuch fand beim Gedicht bereits in der Anlage eine Verschiebung des intimen Moments hin zum öffentlichen statt. Gedichte wurden in unterschiedlichen Formen weitergegeben. So kann ein und dasselbe Gedicht in handschriftlichen Geschenksammlungen, Schreibmaschinenfassungen und korrigierten Originalversionen gefunden werden. Die Personen, die die Gedichtbändchen und Sammlungen erhielten, bewahrten diese sorgfältig auf. Dichterische Begabungen wurden hoch geschätzt. Der «Dichter» und die beschenkte Person wurden durch ein solches Geschenk besonders ausgezeichnet. Der Austausch von Gedichten kann als Treuezeichen, als Symbol der seelischen Verbindung, verstanden werden.92 Das Papier, auf welches die Gedichte geschrieben, der Anlass, an welchem ein Gedicht vorgetragen wurde, und der Akt des Schenkens der Gedichte sind wichtige Komponenten in der Analyse von Laiengedichten als historischen Quellen.

Auch die lyrische Versform des Gedichts birgt historisch relevante Informationen. So verwandte die Haushaltslehrerin Martha klassische Metren wie beispielsweise das Distichon.93 Die Verwendung dieser Versform, deren Tradition über die grossen Dichter der Klassik zurück in die Kunst der römischen Metrik verweist, kommt einem Statement gleich. Martha sagte damit, dass sie erstens überhaupt dichten kann, zweitens, dass sie eine gewisse Technik kennt. Das Wissen dieser Technik bewies, dass sie zu einer gewissen Schicht, zu einer gewissen Gruppe innerhalb dieser Schicht gehörte. Wer hatte das Wissen um römische Metrik? Vor allem Männer. Martha zeigte, dass sie sich in den erwarteten Formen auskannte, also nicht nur gemütvoll ihr Inneres zusammenreimte, sondern sich selbstbewusst in eine Tradition stellte.

Die überlieferten Gedichte stammen von zwei Schwestern, Sophie und Martha. Auch die Brüder dichteten. Vor allem bei Familienanlässen dürften ihre dichterischen Beiträge kaum gefehlt haben. Die beiden Schwestern aber schufen sich auf diesem Feld einen ebenso wichtigen Platz,94 ja, sie verteidigten ihn strategisch so geschickt, dass ihre Dichtung bis heute erhalten blieb.

Nebst Laudatio oder Festgedichten schien sich die poetische Form vor allem dafür zu eignen, schwierige Themen zur Sprache zu bringen, die in Briefen oder Tagebüchern kaum berührt wurden. Die kleine sprachliche Einheit des Gedichts, das Kondensieren und Verhüllen von Sinn in wenigen kunstreichen Worten, die Verwendung von mehrdeutigen Metaphern erlaubt inhaltliche Freiheiten wie sonst kaum eine schriftliche Form.

In der Analyse des Inhalts der Gedichte interessiert mich vor allem die Begegnung der «realen» schreibenden Person mit dem lyrischen Ich, das im Gedicht dargestellt wird. Die zwei Subjekte repräsentieren verschiedene Welten – eine reale und eine virtuelle. Wir haben nur Zugang zum lyrischen Ich, zur virtuellen Welt der schreibenden Person.

Die Autorinnen verstehe ich besonders in den Gedichten als durch Schreiben handelnde Frauen, die persönliche Aporien sichtbar machen und mit der Gestaltung eines lyrischen Ichs ihr eigenes Bild der Welt, die eigene Interpretation ihres Erlebens übernahmen. So dienten mir die Gedichte oft als Wegweiser in verschwiegenen Gebieten, als Tiefengrabungen einzelner Stimmen.

ZEITLICHE UND ÖRTLICHE HINTERGRÜNDE


3 1.-August-Feier der Familie Walter Schnyder-Stäheli, 1941.

Der soziale Raum, in dessen Rahmen eine alltagsgeschichtliche Fallstudie stattfindet, muss innerhalb bestimmter nationaler, politischer und regionaler Bühnen verankert werden, damit die Handlungsspielräume und die Aneignungsprozesse der Akteure in ihrer Bedeutung in einem Kontext bestimmt werden können.1

Die grossen strukturellen Geschehnisse, die die Schweiz zwischen 1910 und 1950 bewegten, sind kaum in einem kurzen Abriss zu fassen. Wenn ich trotzdem mit einer Auswahl von Schlaglichtern die historische Bühne zu beleuchten versuche, so hat dies zwei Gründe: Zum einen bedeutet die Benennung bestimmter Ereignisse immer eine Auswahl aus dem Geschehen der Vergangenheit und gibt damit einer Perspektive besonderes Gewicht. Zum anderen ist mir beim Lesen der Quellen bewusst geworden, in welchem Mass die Briefe, Tagebücher und Gedichte in ihrem Ton in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg verhaftet sind. Die Sprache der Geschwister trug mich immerzu in eine unversehrte bürgerliche Welt, die sich an den grossen Idealen des 19. Jahrhunderts orientierte. Dieses Phänomen einer gebrochenen Zeit wurde in den 1930er-Jahren von Ernst Bloch mit dem Konzept der «Ungleichzeitigkeit» umschrieben.2 Bloch prägte damit ein Geschichtsverständnis, welches Ungleichmässigkeiten der Entwicklung in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Sphären berücksichtigt und auf die «regionale Verteilung der Geschichtsmaterie, der Zeitdichte und -beschleunigung des historischen Prozesses an verschiedenen Orten»3 eingeht. Die Ungleichmässigkeiten historischer Entwicklungen, das Nebeneinander unterschiedlicher Epochen zur gleichen Zeit werden in den Geschichten der einzelnen Menschen sichtbar. «Ungleichzeitigkeit würde dann nicht mehr Verspätung und Überbleibsel bedeuten, sondern hinweisen auf die Pluralität und Heterogenität von Mikrohistorien in der Makrohistorie.»4

DIE NATIONALE BÜHNE – HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER SCHWEIZ 1910–1950

Das Ende des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der Schweiz als eine Zeit konstanten Fortschritts und Aufschwungs erlebt. «Als Parameter des Fortschritts galten der Grad der industriellen Durchdringung, der Verkehrserschliessung, des Ausbaus von Bildungsangeboten, das Zurückdrängen des Einflusses der Kirche und der Trend zur Stärkung der Zentren zu Lasten der Peripherie.»5 Als eine Periode grosser Transformationen umfasst die Zeit zwischen 1885 und 1914 beinahe alle Bereiche des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens. Der Aufschwung neuer Industrien und eine generelle Tendenz zur Massenproduktion als Zeichen der wirtschaftlichen Prosperität vollzogen sich im Gleichschritt mit einem beschleunigten sozialen Wandel. «Eine vermehrte räumliche Mobilität der Menschen führte zu einem bisher nicht gekannten Urbanisierungsschub. Industriell geprägte Städte und Hauptorte verzeichneten ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum.»6 Nicht nur räumlich, sondern auch sozial geriet die bürgerliche Gesellschaft in Bewegung: «Ein Prozess des sozialen Auf- und Abstieges setzt ein. Berufsqualifikationen wie Erwerbs- und Mobilitätschancen werden geschlechtsspezifisch neu verteilt. Neben einer immer noch vorwiegend männlich-ländlich geprägten Industriearbeiterschaft entsteht eine neue städtische Unterschicht mit prekären Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnissen. [...] Auf politischer Ebene versuchen die bürgerlichen Eliten, aus der Schweiz einen zwar kleinen, aber vollwertigen und damit kriegsfähigen Nationalstaat zu machen.»7

Die vielfältigen Veränderungen führten in ihrer rasanten Entwicklung zu einer gewissen Überforderung und Orientierungslosigkeit, die sich an literarischen Werken dieser Zeit nachvollziehen lassen.8 Die Unübersichtlichkeit der Zeit mag einer der Gründe dafür sein, dass der Beginn des Ersten Weltkriegs die Bevölkerung nicht nur beängstigte, sondern zugleich eine unglaubliche und aufregende Veränderung bedeutete. Er wurde auch in der neutralen Schweiz von vielen begeistert als Beginn einer neuen Zeit und Erlösung aus dem Unbedeutenden empfunden.9 Am 3. August 1914 erteilte die ausserordentliche Bundesversammlung dem Bundesrat weit reichende Vollmachten, dies ebenfalls in einer Haltung von peinlich euphorischem Heroismus.10 Das tödliche Gesicht des Kriegs zeigte sich erst im Verlauf des ersten Kriegswinters und in den folgenden Jahren, welche zu einem Europa in Trümmern führten.

Die Kluft, die sich zwischen Deutschen und Franzosen während des Kriegs verstärkte, wirkte sich auch in der mehrsprachigen Schweiz spürbar aus. Die in der deutschsprachigen Schweiz vorherrschenden Sympathien für das Kaiserreich und die Sorgen der französischen Schweiz um die Stellung Frankreichs bedeuteten für den noch relativ jungen Bundesstaat eine Zerreissprobe. Die Wahl des geistig ganz auf der Seite Deutschlands stehenden Generals Ulrich Wille verschärfte diese Situation.11

Mit der Massenmobilisierung der Männer zu Beginn des Ersten Weltkriegs stieg auch in der Schweiz die wirtschaftliche Bedeutung der Frauen. «Sie wussten sich in ihrer angestammten Domäne durch gezieltes Sparen und Einteilen an die veränderte Marktlage anzupassen, die gezeichnet war durch Mangel an grundlegenden Importwaren, angefangen von Lebensmitteln über Textilien bis hin zur Kohle, sowie durch extreme Verteuerung auch der inländischen Agrarerzeugnisse.»12 Die wirtschaftlich prekäre Situation wirkte sich durch den Lohnausfall der Militärdienst leistenden Männer vor allem für städtische Arbeiterfamilien katastrophal aus. Die Soldaten der schweizerischen Milizarmee leisteten 1914 bis 1918 durchschnittlich 500 Diensttage. Es gab aber weder Verdienstausfallentschädigungen noch verbindliche Hilfen für allein gelassene Familien.13 Da der Bund keine Vorkehrungen getroffen hatte, um die sozialen Folgen des Kriegs aufzufangen, übernahmen Frauen der verschiedensten Vereinigungen die fehlenden Infrastrukturaufgaben.14 Das allgemeine Lob für diesen Einsatz bestärkte die Frauen in ihrer öffentlichen Arbeit und ermutigte sie in ihrer Forderung, den Schweizer Männern auch in ihren politischen Rechten gleichgestellt zu werden.

Durch den anhaltenden Krieg und die gestoppte Einfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln erfolgte eine starke Teuerung sowie eine Lebensmittelknappheit, die im Winter 1917/18 zu dramatischen Zuständen führte und vor allem in den Städten die Arbeiterschaft radikalisierte.15 Der vom Oltener Komitee und von den Gewerkschaften ausgerufene Generalstreik im November 1918 wurde mit massivem Militäreinsatz niedergeschlagen.16 Die meisten Todesopfer forderte in der vom Krieg nur wirtschaftlich betroffenen Schweiz die so genannte Spanische Grippe, die vom Sommer 1918 bis im Winter 1918/19 etwa 20 000 Menschen, die meisten zwischen 20- und 40-jährig, dahingerafft hatte.17

Nach dem niedergeschlagenen Generalstreik wurden die Forderungen für eine sofortige Neuwahl des Nationalrats auf der Grundlage des Proporzes, für die Einführung des Frauenstimmrechts, einer Alters- und Hinterlassenenfürsorge sowie der 48-Stunden-Woche auf Eis gelegt. 1919 konnte – dank einer Revision des Arbeitsgesetzes – lediglich die Herabsetzung der maximalen Arbeitszeit in Industriebetrieben auf 48 Stunden pro Woche durchgesetzt werden.18

Der Zusammenbruch des europäischen Machtgefüges und die erschütternden. Erfahrungen des Ersten Weltkriegs hatten eine grundlegende Desillusionierung zur Folge, von der auch die Schweiz nicht verschont blieb. Damit einher gingen «Nationalismus und Angst vor Fremden, tief greifende soziale Gegensätze, Furcht und Hass des Bürgertums angesichts einer sich radikalisierenden Arbeiterbewegung, dazu ein aggressiver werdender Antisemitismus, der die Juden für sämtliche Übel der Gesellschaft verantwortlich machte».19

Während die Frauen in Deutschland und Österreich nach dem Ersten Weltkrieg das Stimmrecht erhielten, wurden sie in der Schweiz nach ihrem Einsatz in der Öffentlichkeit zurück an den Herd geschickt.20 Die verschiedenen Vorstösse zum politischen Stimm- und Wahlrecht der Frauen wurden während über 50 Jahren regelmässig abgelehnt.21 Zwar anerkannte man die Berufstätigkeit unverheirateter Frauen, Ausdruck dafür war die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) 1928.22 Gleichzeitig fand aber ein Rückzug der Frauen der Oberschicht in die private Häuslichkeit statt. Ihr Verhältnis zur Frauenöffentlichkeit blieb in der Regel eher distanziert.23

Die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre wirkte sich – wenn auch weniger als im Ausland – so doch spürbar aus. Am stärksten machte sich der Verlust von Arbeit und Einkommen der breiten Bevölkerungsschichten bemerkbar: Hohe Arbeitslosigkeit und Lohneinbussen von bis zu 10 Prozent kennzeichneten den Arbeitsmarkt der 1930er-Jahre in der Schweiz.24 Dabei waren bei den Lohnabbau-Plänen vor allem Ledige und Frauen betroffen.25

Die Frontstellung zwischen Bürgerblock und Sozialdemokratie, die das politische Klima der Schweiz in der Nachkriegszeit prägte, baute sich erst unter dem Eindruck der faschistischen Bedrohung etwas ab. Die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen faschistischen Bewegungen, auch Frontistenbewegung genannt, die einen Anschluss an den deutschen Nationalsozialismus forderten, erfassten Anfang der 1930er-Jahre – dank der Weltwirtschaftskrise – selbst traditionelle Parteien und die Elite des politischen Systems.26 Dies bedeutete für Bürgerliche und Linke der verschiedensten Richtungen eine Bedrohung. Als Abwehr der faschistischen Strömungen und oft in Übereinstimmung mit einem konservativen Kultur- und Gesellschaftsverständnis entstand um 1932 die «Kultur der Geistigen Landesverteidigung».27 Die 1938 entworfene Kulturbotschaft des katholisch-konservativen Bundesrats Philipp Etter vermochte praktisch alle politischen Lager unter der Idee der «Geistigen Landesverteidigung» zu vereinen.28 So unklar der Begriff auch definiert war, so einig war man sich, dass dank dieser Bewegung die Schweiz in ihrer Eigenart erhalten und beschützt werden sollte.29 Ausdruck dieser Bewegung ist die Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Landessprache. Die Schweizerische Landesausstellung, die ganz im Sinn der «Geistigen Landesverteidigung» stand, fiel mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 zusammen.

Lange nicht alle der hier erwähnten strukturellen Bewegungen werden in den Quellen direkt genannt. Jedoch waren sie den Geschwistern bekannt, oft wirkten sie sich bis in ihren Alltag aus.

GEOGRAFISCHE SCHAUPLÄTZE UND NETZWERKE

Die Geschwister lebten in den unterschiedlichsten Gegenden: in der Ostschweiz, in Zürich oder Basel, in Norditalien und England. In der Betrachtung der Lebenswege sind in erster Linie ihre grosse Mobilität und ihre relative örtliche Ungebundenheit auffällig. Die persönlichen Kontakte pflegten bereits die Eltern Herr und Frau Pfarrer Schnyder mit anderen Pfarrfamilien, mit oft entfernt wohnenden Verwandten oder mit im weitesten Sinn in der inneren oder äusseren Mission Tätigen. So schrieb die älteste Tochter Lilly über die Ausflüge, die sie mit ihrem Vater unternahm:

«Gerne wanderte er auch mit uns in die freundlichen Pfarrhäuser Rotrist, Safenwyl, Uerkheim, und einmal durfte ich ihn nach Reitnau begleiten.»30

Dies beeinflusste auch das soziale Netzwerk der Geschwister: Sie knüpften weniger Freundschaften innerhalb der Dorfgemeinschaft, sondern vor allem zu anderen Pfarrfamilien.31 Bei einer Neuanstellung des Pfarrers wurde für die ganze Familie ein neues Pfarrhaus zur Heimat. In der tabellarischen Darstellung der Lebenswege wird dies im Umzug der ganzen Familie von Zofingen nach Bischofszell deutlich sichtbar. Grundsteine sozialer Beziehungen waren weltanschauliche Einstellungen, die sich selten innerhalb einer Dorfgemeinschaft fanden. Die Geschwister orientierten sich nicht an einer bestimmten Region, sondern eher ideell. Besonders geschätzt wurden andere, im pietistischen, «positiven» Kreise sich bewegende Familienbande. Tendenziell wird eine städtische Orientierung sichtbar, die für Pfarrfamilien bereits im 19. Jahrhundert typisch war.32 Städte oder Städtchen waren vor allem für die Schwestern attraktive Wohnorte. Alleinstehende Frauen mit höherer Bildung fanden dort eher eine Anstellung.33 Zudem garantierte das städtische Umfeld Mobilität für den wichtigen sozialen Austausch mit Gleichgesinnten, die entfernt wohnen.

Die unterschiedlichen Wohnorte und die jeweilige Wohndauer zeigen auf der folgenden tabellarischen Übersicht ein geografisches Geschwisternetz, das sich durch die Jahre verschiebt und bewegt. Fehraltorf, wo die junge Familie ihre ersten Jahre bis 1880 erlebte, lasse ich aus, weil der Ort später in den Biografien nicht mehr vorkommt und daher aus dem zeitlichen Rahmen fällt.

TABELLARISCHE DARSTELLUNG DER WOHNORTE UND LEBENSDATEN DER GESCHWISTER SCHNYDER



Alle Wege führen über Zofingen und Bischofszell, dichtere Vernetzungen finden sich auch in Basel, Bern und Zürich. In allen Lebensläufen taucht ein Aufenthalt in der französischen Schweiz auf, bei einigen gibt es auch Auslandaufenthalte. Während einige Biografien fast parallele Lebenswege aufzeigen (Martha und Rosa sowie erste Stationen im Leben von Karl und Walter), finden sich vor allem in den Lebenswegen von Hedwig, Sophie und Karl Stationen, die sich mit keinem der Geschwister kreuzen.

Die oben stehende Karte visualisiert Knotenpunkte und wichtige Verbindungsstrecken und kennzeichnet die Orte, die abgelegen von den familiären «Ballungszentren» liegen.

Die Hauptverbindungen zwischen den Geschwistern entsprechen den Hauptlinien des schweizerischen Eisenbahnnetzes. Bern, Basel, Zürich und Zofingen liegen dabei im Zentrum. Die Städte des Mittellandes wiesen eine hohe Erreichbarkeit aus, umliegende Gemeinden wie Horgen waren, gerade im Raum Zürich, komfortabel erschlossen.34 Auch Bischofszell war durchaus erreichbar, wurde doch die Lokalbahn Sulgen–Bischofszell–Gossau bereits 1876 eröffnet. Allerdings wurden erst 1910 bessere Anschlüsse an grössere Streckennetze durch den Bau der Bodensee-Toggenburg-Bahn (BTB) von Romanshorn über St. Gallen nach Wattwil und die Mittelthurgau-Bahn (MTB, 1910) von Wil über Weinfelden nach Konstanz eröffnet.35 Nebenlinien wie die Toggenburg-Bahn büssten neben den hoch frequentierten Hauptlinien an Bedeutung ein.

Abgelegen für die Geschwister war der im Graubünden liegende Ort Küblis, an welchem ausser Karl keines je wohnte. Trotz dem stark ausgebauten Eisenbahnnetz kann noch 1880 keineswegs von einer Massenmobilität gesprochen werden. Man zählte in diesem Jahr gerade mal 25 Millionen Bahnfahrgäste, das entsprach neun Fahrten pro Einwohner.36 «Bis 1910 schnellte die Zahl der Reisenden auf 240 Millionen oder 65 Fahrten pro Kopf hoch.»37

Interessant ist, dass mit der verstärkten Mobilität auch der schriftliche Informationsaustausch dichter wurde. So beförderte die Schweizer Post 1850 noch 16 Millionen Briefe oder im Mittel sieben Schreiben pro Einwohner, während es 1910 schon 290 Millionen Sendungen waren oder 78 Briefe pro Kopf.38 Der Brief wurde zu einem Kommunikationsmittel, das dank Taxverbilligungen und pünktlichen Versandzeiten dem Mitteilungsbedürfnis einer grösseren Bevölkerungsschicht entgegenkam.39 Allerdings beschränkte sich dieses Kommunikationsbedürfnis vor allem auf den urbanen Raum. «Allein in der Stadt Zürich gingen 1910 mit über 52 Millionen Briefen mehr Sendungen ab als in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Schaffhausen zusammen. Nach wie vor war der Brief ein vorab urbanes Massenkommunikationsmittel, das in den breiten und insbesondere ländlichen Bevölkerungsschichten selten Verwendung fand.»40 Sowohl die bessere Erreichbarkeit durch ein dichtes Eisenbahnnetz als auch das starke Wachstum des Briefverkehrs sind Voraussetzungen für das Funktionieren des Geschwisternetzwerks. Moderne Transportmittel beeinflussten die Beziehungen der Geschwister nachhaltig. Abgelegene Orte konnten mit Briefen erreicht werden, wodurch sich die Distanz verringerte.

KURZBIOGRAFIEN

ERNST SCHNYDER

Ernst Schnyder kam 1873 als erstes Kind von Johannes Schnyder und Luise Schnyder-Peyer im Pfarrhaus in Fehraltorf im Zürcher Oberland zur Welt. Im Alter von sieben Jahren zog er mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern 1880 nach Zofingen, wo noch im gleichen Jahr seine Mutter starb. Ein Jahr später heiratete der Vater Caroline von Wyttenbach, eine 27-jährige Lehrerin, die an der Neuen Mädchenschule in Bern unterrichtete. Zu den fünf Kindern der verstorbenen Mutter kamen acht Kinder der Stiefmutter hinzu, von welchen sieben überlebten. Ernst wuchs in dieser «long family» auf, einer für das Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich typischen Familienform.41 Die sinkende Kindersterblichkeit und unveränderte Familienplanung führten im 19. Jahrhundert oft zu grossen Kinderzahlen. Besonderes Merkmal einer solchen Familie mit langer Geschwisterfolge ist, dass die älteren Kinder eine eigene Generation zwischen den Eltern und den jüngsten Kindern bilden. Ernst war 24 Jahre älter als sein jüngster Bruder Walter. Die «Zwischengeneration» übernahm oft Eltern- oder Patenfunktionen.

Nach seiner Konfirmation in Zofingen 1888 kam Ernst nach Basel, wo er das Gymnasium besuchte. Darauf folgte das Theologiestudium, 1891 zunächst in Neuenburg, dann in Basel und Berlin. Die Vikariatszeit verbrachte er zum grössten Teil in der Gemeinde seines Vaters in Bischofszell, wohin die Grossfamilie inzwischen gezogen war. 1898 trat er seine erste Pfarrstelle in Nesslau an. Er heiratete 1906 die Pfarrerstochter Luise Brenner und folgte 1910 einem Ruf an die Kirchgemeinde St. Johann in Schaffhausen. Zwischen 1908 und 1921 kamen fünf Töchter zur Welt. 1929 starb Luise Schnyder-Brenner an einem Herzschlag. Die Tochter Margrit «wurde mein liebes Hausmütterchen und vertrat für die kleine Martha Ruth Mutterstelle».42

In Schaffhausen bekleidete Ernst Schnyder während über 20 Jahren das Amt des Kirchenratspräsidenten, gründete und leitete den Blaukreuz Verein Schaffhausen, stand der Evangelischen Gesellschaft vor und amtete sowohl als Präsident des Missionsvereins Schaffhausen als auch als Präsident der Heimatgemeindevertretung der Basler Mission.43 Er blieb bis weit über seine Pensionierung in der Kirchgemeinde Schaffhausen tätig und starb 1961 im Alter von 88 Jahren. Er überlebte seine früh verstorbene Frau um 32 Jahre.


4 Ernst Schnyder mit seinen fünf Töchtern, Schaffhausen 1932.

LILLY SCHNYDER

1874 kam Maria Schnyder zur Welt. Lilly, wie sie genannt wurde, zog mit ihren Geschwistern mit sechs Jahren von Fehraltorf nach Zofingen, wo sie 1889 konfirmiert wurde. Sie blieb bis 1891 zu Hause und half der Stiefmutter mit ihren zu diesem Zeitpunkt sechs Kindern unter zehn Jahren und drei Jugendlichen im grossen Pfarrhaus. 1891 kam sie in Colombier im Welschland in Pension. Daraufhin absolvierte sie während drei Jahren an der Neuen Mädchenschule in Bern das Lehrerinnenseminar und wurde 1894 als Lehrerin nach Bischofszell gewählt. Während ihrer Amtszeit als Lehrerin lebte sie gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrer Tante und den zu Hause weilenden Geschwistern. 1924 trat sie aus gesundheitlichen Gründen von ihrem Amt zurück und übergab ihre Stelle der jüngsten Halbschwester Paula. Die letzte Zeit ihrer Krankheit verbrachte sie in einem Heim. 1932 starb sie 58-jährig an den Folgen ihrer nicht näher beschriebenen Krankheit.


5 Lilly Schnyder, um 1900.

HEDWIG SCHNYDER

1875 brachte Sophie Schnyder-Peyer ihr drittes Kind, Hedwig, zur Welt. Wie ihre zwei älteren Geschwister durchlief sie in Zofingen Primar- und Bezirksschule. Nach der Konfirmation 1891 wurde sie in ein Welschlandjahr in einer Pension im Val de Travers geschickt. Ein zusätzliches Jahr in einer Fortbildungsklasse in der Neuen Mädchenschule in Bern schloss Hedwigs Bildungsweg ab. Dann zog sie hinaus in die Welt und war zunächst vier Jahre Hauslehrerin in Orthez in den Pyrenäen, einige weitere Jahre in Augsburg. Nach dem Tod des Vaters 1901 kehrte Hedwig zurück und half über vier Jahre lang daheim aus. Dann übernahm sie eine Stelle in einer reichen Florentiner Familie als Erzieherin zweier Kinder, deren Mutter gestorben war. Nach 17 Jahren Dienst in dieser Familie musste die Gouvernante sich von ihrer Stelle trennen. Sie nahm nun die noch umfassendere Aufgabe als Hausdame der Casa Crespi in Mailand an. Hier galt es, eine Schar von zwölf Bediensteten zu beaufsichtigen und zu betreuen. «Ausserdem widmete sie sich der Erziehung des jüngsten Sohnes, der bei ihr suchte und fand, was ihm bisher in dem grossen, reichen Haus gefehlt hatte: gütiges Verstehen und Liebe. Auch dieser Zögling blieb ihr anhänglich bis zu seinem frühen Fliegertod.»44 Erst 1943 kehrte die 68-Jährige in die Schweiz zurück. Sie wohnte mit ihrer jüngeren Schwester Hanna bis zu deren Tod in Zofingen, dann in Zürich mit ihren zwei jüngeren Halbschwestern Rosa und Martha. Dort starb sie 1954 im Alter von 79 Jahren an den Folgen von Diabetes.


6 Hedwig Schnyder, um 1920.

HANS SCHNYDER

Hans Schnyder kam 1877 in Fehraltorf zur Welt, ging in Zofingen zur Schule und zog, frisch konfirmiert, mit der Familie nach Bischofszell. Sechzehnjährig wurde er ins Welschland geschickt, wo er, nach einer Vorbereitungszeit, eine Lehre als Postbeamter antrat. Er schloss drei Jahre später in Lausanne ab, machte seine Aspirantenzeit im sankt-gallischen Buchs und wurde dann Postkommis in Rorschach. Nach dem Tod des Vaters 1901 liess sich Hans als Postbeamter nach Bischofszell wählen. Er heiratete 1903 Hedwig Häberli, die Tochter des früheren Postverwalters von Bischofszell, welche das Amt der Telegrafin auf der Poststelle Bischofszell bekleidete. Zwischen 1903 und 1916 kamen drei Töchter und ein Sohn zur Welt. Letzterer wurde nur drei Monate alt. 1923 wurde Hans Schnyder die Leitung des Postamtes übertragen. Nebst seinem Beruf hatte er eine Fülle von Aufgaben im Städtchen Bischofszell. Er war Mitglied der evangelischen Kirchenvorsteherschaft, wirkte 42 Jahre lang als Armenpfleger, sass im Synodal -und im Kirchenrat des Kantons Thurgau, war Mitglied und Aktuar der Primarschulvorsteherschaft und war – nebst unzähligen Mitgliedschaften – in den Vorständen der Bürgerheim-Kommission, der Schweizerischen Reformationsstiftung, im Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz und im Sonntagsheiligungs-Verein. Hans Schnyder überlebte seine Frau um 10 Jahre und starb im Alter von 81 Jahren.


7 Hans und Hedwig Schnyder-Häberli mit ihren drei Töchtern, Bischofszell um 1932.

HANNA SCHNYDER

1878 brachte Luise Schnyder ihr fünftes Kind zur Welt. Hanna war zweijährig, als sie mit der schwangeren Mutter, dem Vater und ihren vier älteren Geschwistern nach Zofingen umzog, wo die Mutter wenige Monate später an der Geburt des sechsten Kindes starb. Hier wuchs Hanna mit ihren älteren Geschwistern, der «neuen Mutter»45 und den bald folgenden sechs kleineren Geschwistern auf. Mit 14 erlebte sie den Umzug der Familie nach Bischofszell, wo sie die Sekundarschule besuchte und konfirmiert wurde. Hanna wurde nach Morges in ein als Ecole Supérieure benanntes Mädcheninstitut geschickt. An der Neuen Mädchenschule in Bern absolvierte sie den Kurs für Kindergärtnerinnen. Dazwischen wohnte sie in Bischofszell, sorgte für die jüngeren Geschwister und half im Haushalt. 1898 begleitete sie ihren ältesten Bruder, den jungen Pfarrer, als Haushälterin während sieben Jahren in seiner ersten Gemeinde im St. Galler Oberland in Nesslau. In dieser Aufgabe musste sie nicht nur Sonntagsschule unterrichten, sondern auch andere Aufgaben einer Pfarrfrau übernehmen. 1906 trat sie auf eigenen Wunsch in das Diakonissenhaus Neumünster in Zürich ein, wurde aber noch im selben Jahr von ihrer Familie an das Sterbebett ihrer alten Tante nach Basel gerufen. Sie blieb nach deren Tod während 15 Jahren als Pflegerin bei ihrem hörbehinderten Onkel Gustav Peyer, bis dieser 1921 starb. Zwei Jahre arbeitete sie als Haushälterin ihres Vetters Hans Burckhardt-Burckhardt in Basel. Nach dessen Tod zog sie 1923 nach Zofingen, wo sie ihre Tante, Pauline Peyer, ebenfalls bis zu ihrem Tod als Gesellschafterin und Pflegerin begleitete. Sie blieb in Zofingen und wohnte dort mit ihrer Schwester Hedwig, bis sie 1949 an den Folgen von Diabetes 71-jährig starb.


8 Hanna Schnyder, um 1930.

SOPHIE HABLÜTZEL-SCHNYDER

Als erstes Kind der Caroline Schnyder-Wyttenbach und des Johannes Schnyder kam Sophie in Zofingen zur Welt, wo sie die Primarschule besuchte. Nach dem Umzug nach Bischofszell und dem Wegzug aller grösseren Geschwister schien Sophie am neuen Ort Probleme zu haben. Die Eltern schickten die begabte Schülerin 1895, mit 13 Jahren, in ein christliches Internat im deutschen Willhelmsdorf. Die Ferien verbrachte sie in Augsburg bei der Schwester der Mutter. Zur Konfirmation kehrte Sophie 1899 nach Bischofszell zurück. Bis 1902 besuchte sie das Lehrerinnenseminar an der Neuen Mädchenschule in Bern, dazwischen wohnte sie bei einer Pfarrersfamilie in Avenches. Nach dem Seminar unterrichtete Sophie während drei Jahren an der «Schule für schwachbegabte Kinder» in Mauren im Kanton Thurgau. 1905–1907 hielt sie sich in New Jersey, USA, als Erzieherin bei einer Familie, auf. Sie kehrte zurück und wurde 1909 als Lehrerin ins Frauenfelder Langdorf-Schulhaus gewählt. 1916 kündigte Sophie ihre Stelle und reiste mit Walter Hablützel nach Aachen, wo sie den um zehn Jahre jüngeren Mechaniker ohne das Wissen ihrer Familie heiratete. Sie kehrte 1920 nach Basel zurück, ihr Mann war seit längerem wieder in der Schweiz, die Ehe zerrüttet. In Basel arbeitete Sophie bei einer jüdischen Familie als Erzieherin, besuchte dank finanzieller Unterstützung eines Onkels 1923/24 eine Handelsschule und trat danach die Stelle einer Sekretärin in der Basler Mission an. Sie arbeitete bis 1932 für den Direktor und den Präsidenten der Basler Mission und war vor allem für Übersetzungen sowie Korrespondenzen zuständig. 1932 nahm sie sich das Leben.


9 Sophie Schnyder, Zürich 1910.

ROSA SCHNYDER

Rosa Schnyder, 1885, war das dritte Kind Caroline Schnyders. Ihr ein Jahr älterer Bruder Paul starb mit zwei Jahren an einer Lungenentzündung. Rosa besuchte die Primarund Sekundarschule in Bischofszell, kam, wie ihre Schwester Hanna, in Pension nach Morges, verbrachte ein Haushaltlehrjahr zu Hause bei der Mutter und wurde dann nach Augsburg zur Schwester der Mutter geschickt, wo sie das Sprachlehrdiplom an der Höheren Mädchenschule absolvierte. 1905–1911 lehrte Rosa am Töchterinstitut Lindau Englisch und Französisch. Nach der Auflösung einer Verlobung reiste sie nach England, wo sie Lehrerin und Erzieherin einer Kapitänstochter war. Sie kehrte knapp vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs an ihre alte Stelle in Lindau, auf der deutschen Seite des Bodensees, zurück. Dort unterrichtete sie, bis sie 1917 die Stelle einer Sprachlehrerin am Evangelischen Töchterinstitut in Horgen antreten konnte. Im Winter 1919/20 bildete sich Rosa in Florenz als Sprachlehrerin für Italienisch weiter. Von 1920 bis 1950 wirkte sie als Lehrerin in Horgen und wohnte mit ihrer Schwester Martha im Töchterinstitut. Nach der Pensionierung verbrachte sie einen Winter im Piemont und betreute alte Waldenser,46 dann zog sie nach Zürich, wo ihre jüngere Schwester Martha ihr gemeinsames Heim eingerichtet hatte. Die Lehrerin verdiente weiterhin ihren Lebensunterhalt mit Privatstunden, da die Altersvorsorge der Schwestern nicht ausreichte. Sie starb 1972, 87-jährig, unerwartet an den Folgen eines Katarrhs in ihrer Wohnung bei ihrer Schwester.


10 Rosa Schnyder, um 1930.

MARTHA SCHNYDER

1987 gebar Caroline ihre dritte Tochter, Martha. Mit ihrer eineinhalb Jahre älteren Schwester Rosa verband Martha nicht nur eine enge Freundschaft seit ihrer Kindheit. Auch ihre Biografie ist ähnlich. Beide Schwestern wurden – trotz Altersunterschied – gemeinsam konfirmiert, sie galten als «Zwillinge». Nur gerade ein Jahr nach Rosa kam Martha nach Morges, dann folgte das obligate Haushaltlehrjahr bei der Mutter in Bischofszell. Wie Rosa besuchte Martha in Augsburg die Höhere Töchterschule, wo sie sich entschied, die Haushaltlehrerinnenschule in Zürich zu absolvieren. 1908 schloss sie ihre Ausbildung ab. 1909 fuhr sie, gerade 21-jährig, nach England, wo sie – wie ihre Schwester zuvor – als Erzieherin arbeitete und ein Englischlehrdiplom erwarb. Nach einem Jahr kehrte sie in die Schweiz zurück und übernahm 1911 die Stelle einer Kochlehrerin im Kurhaus Heinrichsbad im sankt-gallischen Herisau. Dort arbeitete sie bis 1919, zuletzt als Hausvorsteherin. 1919 trat sie ihre Lebensstelle an der Seite ihrer Schwester am Evangelischen Töchterinstitut an. Sie unterrichtete zunächst als Kochlehrerin, dann stand sie der Schule bis 1950 als Leiterin vor. Sie zog nach der gleichzeitigen Pensionierung mit ihrer Schwester nach Zürich und richtete in der Nähe des jüngsten Bruders für Rosa, für die zwölf Jahre ältere Hedwig und für sich eine Wohnung ein. Als Letzte der zwölf Geschwister starb Martha 1985 mit 98 Jahren in einem Altersheim in Zürich.


11 Martha Schnyder, um 1930.

KARL SCHNYDER

Karl kam 1888 in Zofingen als dritter Knabe von Johannes Schnyder und erster überlebender Knabe von Caroline Schnyder-Wyttenbach zur Welt. Nach der Primar- und Sekundarschule in Bischofszell trat der 13-Jährige im Todesjahr des Vaters in das Gymnasium an der Evangelischen Lehranstalt in Schiers ein. Nach der Matura studierte er in Lausanne, Basel und Leipzig Medizin und schloss 1913 mit dem Staatsexamen ab. Als Assistenzarzt arbeitete er in Innsbruck, Basel, in Riehen und im Thurgau und trat 1919 die ärztliche Praxis in Küblis an, deren Einzugsgebiet das ganze Mittelprättigau im Kanton Graubünden umfasste. Karl heiratete Gertrud Glaser, eine Ärztetochter und Krankenschwester. In den Jahren 1919–1923 kamen zwei Knaben und zwei Mädchen zur Welt. Der viel beschäftigte Arzt war während Jahren Präsident des Schulrats. Karl Schnyder starb 71-jährig, nach einem Spitalaufenthalt, zu Hause.


12 Karl und Gertrud Schnyder-Glaser mit ihren zwei Söhnen und zwei Töchtern, Küblis um 1930.

GERTRUD SCHNYDER

Ein Jahr später, 1889, brachte Caroline Schnyder Gertrud zur Welt. Nach Primar- und Sekundarschule besuchte auch sie die Ecole Supérieure im Pensionat in Morges, danach Koch- und Fortbildungskurse in Bischofszell, wo sie der Mutter auch im Haushalt half. 1907 besuchte Gertrud in Bern an der Neuen Mädchenschule den Kindergartenkurs. Bis 1913 arbeitete sie als Kindergärtnerin in Bischofszell. 1913 trat sie ins Diakonissenhaus Riehen ein, 1919 wurde sie als Schwester eingesegnet. Sie arbeitete in Basel, Bern, Schaffhausen, Aarau und Zürich in verschiedenen Spitälern. 1932–1934 pflegte sie die Mutter in Bischofszell bis zu ihrem Tod. 1937–1940 unterstützte sie ihre Schwester Hanna bei der Pflege der Tante Peyer in Zofingen. Ab 1955 hielt sich Gertrud im Diakonissenhaus in Riehen auf, wo sie 1980, 91 Jahre alt, starb.


13 Gertrud Schnyder, um 1910.

PAULA SCHNYDER

Als fünfte Tochter Caroline Schnyders kam Paula 1891 in Zofingen zur Welt, wo ihre Familie bereits den Umzug nach Bischofszell vorbereitete. Dort besuchte sie bei ihrer ältesten Halbschwester Lilly die Primarschule. Nach abgeschlossener Sekundarschule, Konfirmation und obligatem Welschlandjahr, das auch sie in Morges verbrachte, durfte Paula am Lehrerinnenseminar in Basel die dreijährige Ausbildung machen. Dank Kriegsvikariaten fand sie von 1914 bis 1918 in Müllheim und Münchwilen Anstellungen. Nach dem Krieg allerdings findet man die diplomierte Lehrerin als Schülerin im Kochkurs ihrer Schwester Martha im Herisauer Heinrichsbad, als Vertreterin ihrer in Italien weilenden Schwester Rosa in Horgen, als Lehrerin am ärztlichen Landerziehungsheim in Ermatingen, als Sprachlehrerin an einem Internat in Edinburgh. 1924, zehn Jahre nach ihrer Patentierung, wurde sie als Nachfolgerin ihrer Schwester Lilly an die Primarschule Bischofszell gewählt, wo sie bis zu ihrer Krankheit 1945 unterrichtete. Sie starb 1946, 55-jährig, im Spital Wädenswil an Krebs.


14 Paula Schnyder, um 1930.

WALTER SCHNYDER

1897 brachte Caroline Schnyder ihren zweiten überlebenden Sohn, Walter, in Bischofszell zur Welt. Sechs Jahre jünger als Paula, war er ein Nachzügler. Seine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt, sein Vater 52. Mit vier Jahren verlor er seinen Vater. Dank der Unterstützung der älteren Geschwister konnte Walter nach der Sekundarschule das Gymnasium in Schiers besuchen. Wie Karl begann er sein Studium in Lausanne und immatrikulierte sich dann in Basel in den Fächern deutsche und französische Sprache sowie Geschichte. Nach dem 1922 bestandenen Doktorexamen schloss er seine Studienzeit mit Auslandsemestern in dem unter der Inflation der Nachkriegsjahre leidenden Berlin und in Paris ab. Danach folgte ein zweijähriger Aufenthalt als Hauslehrer in Mailand. Eine Anstellung als Mittelschullehrer in Zürich ermöglichte ihm die Rückkehr. 1928 heiratete er Martha Stähelin aus Basel. Zwischen 1929 und 1936 kamen vier Kinder zur Welt, ein Mädchen und drei Knaben. Der junge Vater unterrichtete zunächst an der Privatschule Minerva in Zürich, dann arbeitete er als Hilfslehrer an der Töchterschule auf der Hohen Promenade. 1936 wurde er als Hauptlehrer für Deutsch und Geschichte an die Töchter-Handelsschule gewählt, wo er bis zu seiner Pensionierung 1963 unterrichtete. Walter Schnyder war als Gemeinderat der Evangelischen Volkspartei anzutreffen, amtete in der Kirchenpflege, sass im Vorstand von Erziehungsheimen und versah das Amt des Präsidenten der Freien Evangelischen Schule. Er starb 1977, 80-jährig, zu Hause.


15 Walter und Martha Schnyder-Stähelin mit ihrer Tochter und zwei Knaben, Zürich um 1933.

FAMILIENTAFEL


BAUERNSOHN UND HÖHERE TÖCHTER

WURZELN UND WERTE DER BILDUNGSBÜRGERLICHEN PFARRFAMILIE


16 Musizieren im Internat in Schiers.

Die Fallstudie einer Pfarrfamilie um 1900 ist zugleich diejenige eines bürgerlichen Vorbildes, eines exemplarischen Einzelfalls, der möglicherweise schon von den historischen Akteuren selbst als eine Inszenierung erlebt wurde: «Seinen Bewohnern erscheint das Pfarrhaus denn auch als eine Bühne, ihr familiäres Leben als Theater. Als spielten sie ihr privates Leben anderen vor, als führten sie ihre Ehe für andere, erzögen ihre Kinder für andere, als inszenierten sie die intimen Szenen des Familienlebens für andere; kurz: als führten andere Regie im Glashaus, so stellt sich der Pfarrfamilie ihre eigene Welt dar, jene bürgerliche Lebenswelt, die das klassische bürgerliche Theater als Spiegel ihrer selbst schuf und die Puppenstube als Miniatur ihres Lebenskreises.»1 Was Wolfgang Steck über die reformierte, deutsche Pfarrfamilie des 19. Jahrhunderts schrieb, konnte David Gugerli für die schweizerische Pfarrfamilie im 18. Jahrhundert festhalten: «Ein besonders christlicher Mann, der ein Pfarrer von Amtes wegen zu sein hat, muss auch eine besonders christliche Familie haben. Die doppelte Autorität von Pfarrer und Hausvater begründet in einer herrschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft für die Pfarrfamilie eine Sonderstellung im Beziehungsfeld von Gemeinde, Kirche und Staat.»2

Die Modellfunktion des protestantischen Pfarrhauses basiert auf einem biblischchristlichen Familienbild, wie es von Reformatoren wie Heinrich Bullinger verschiedentlich dargestellt wurde.3 Aushängeschilder des protestantisch-pfarrherrlichen Milieus waren in der Schweiz des 19. Jahrhunderts namhafte Personen wie Johann Caspar Lavater, Heinrich Pestalozzi, Johann Jacob Bodmer, Georg Gessner, Meta Heusser oder Jeremias Gotthelf. Das Pfarrhaus schien von einer Aura umgeben, die Genialität und Vorbildhaftigkeit ausstrahlte. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich verselbständigende Narration der bedeutenden Rolle des reformierten Pfarrhauses4 mag mit dem durch die Säkularisierung fast zeitgleich einhergehenden Machtverlust der pfarrherrlichen Obrigkeiten zusammenhängen. Die Aufgaben des Pfarrers, sein Einfluss und seine Position veränderten sich im 19. Jahrhundert mit der Trennung von Staat und Kirche, mit der Abschaffung von Pfrundregelungen und Leichenreden. Die Funktion der Vorbildhaftigkeit des Pfarrers und seiner Familie jedoch bleibt bis ins 20. Jahrhundert bestehen.5

RELIGION, ERZIEHUNG, BILDUNG UND DIE POSITION DES VATERS

VOM HEIMARBEITERSOHN ZUM PFARRER

Johannes Schnyder kam als Johannes Schneider 1845 etwa eine Wegstunde vom Dorf Schwellbrunn entfernt im Toggenburg im Kanton St. Gallen zur Welt. Er profitierte von den Bestrebungen der demokratischen Bewegung Mitte der 60er-Jahre und konnte dank der Unterstützung von Johann Ulrich Zellweger, einem philanthropischen einflussreichen Kaufmann und Banquier,6 den weiten Weg vom Heimarbeitersohn zum Pfarrer machen.7 Die in den 1870er-Jahren vorgenommene Umbenennung seines Familiennamens vom bäurischen Schneider zu dem als edler empfundenen Schnyder8 verweist darauf, dass Johannes selbst seine Geschichte als die eines Aufsteigers empfunden haben mag. Seine Eltern Hans Georg Schneider und Katharina Ramsauer bewohnten ein kleines Gut. Katharina war bereits die zweite Frau von Hans Georg, das erste Kind, ein kleines Mädchen, starb nur einjährig, 1845 brachte Katharina Johannes zur Welt und starb im Wochenbett. Der verwitwete Vater heiratete wieder, zu Johannes gesellten sich 1849 und 1852 noch zwei Halbgeschwister. Das kleine Bauerngut warf nicht genügend Geld ab, Vater und Sohn verdienten mit der bis ins 20. Jahrhundert im Tal weit verbreiteten Heimarbeit am Webstuhl zusätzlich Geld.9 Ernst, der älteste Sohn von Johannes, schilderte die Kindheit seines Vaters in einem Lebensbild, das er für seine Stiefmutter 1916 verfasste: «Daheim zählte der Vater auf des Jungen Hilfe, wenn er aus der Schule heim kam. Im Winter musste er im Webkeller helfen u. das Spulen besorgen, oft bis spät in die Nacht. Im Sommer gab’s Arbeit draussen im Feld und das Hüten der Kühe Frühling und Herbst fiel besonders unserem Johannes zu, das war für den Jungen eine herrliche Zeit. Johannes fiel in der Schule als besonders begabt auf. Der Pfarrer des Ortes wurde auf ihn aufmerksam und fragte ihn, was er einmal werden möchte: ‹Pfarrer›, lautete die rasche Entgegnung.»10

Die Kindheitsbeschreibungen Johannes Schnyders sind in der Familienerzählung bis heute von dieser Mischung aus Naturzustand, genialer Anlage und plötzlicher Eingebung durchmischt. Wie der kleine Johannes so schnell zu seiner Antwort gekommen sei, so schrieb Ernst weiter, habe er selbst nicht gewusst. Der Dorfpfarrer überzeugte den Vater, seinen Knaben in die Kantonsschule zu schicken. Bald darauf starb der Vater. Dennoch konnte der Junge sein Studium fortsetzen. Die Erzählung, wie dies möglich wurde, hielt sich in unterschiedlichen Varianten auch in der mündlichen Überlieferung aufrecht. An der Abdankung von Johannes Schnyder 1901 wurde die Wende, die den einfachen und mittellosen Buben zum Mittelstand aufsteigen liess, folgendermassen beschrieben: «Die Fortsetzung seines Studiums war in Frage gestellt. Da führte ihn der treue Gott einmal in das Haus des bekannten Wohlthäters Banquier Johann Ulrich Zellweger. Dieser erkundigte sich über seine Verhältnisse und übernahm dann die Sorge für den strebsamen Jüngling. Er wollte ihn auf dem Pädagogium in Basel ausbilden lassen und schickte ihn zunächst in ein zürcherisches Landpfarrhaus, damit er dort mit einigen anderen jungen Leuten sich rasch die nöthigen Vorkenntnisse, besonders der alten Sprachen, erwerbe.»11

Die Erzählung, wie der Bub den Weg vom Heimetli bis in die grosse Universität in der Stadt fand, stellt eine Art Schlüsselgeschichte des Aufstiegs dar. Die starke Hand Gottes, der Fleiss des Knaben und die Güte des Donators Zellweger ebneten dem jungen Mann aus dem Bauern- und Heimarbeiterleben den Weg in das Bildungsbürgertum.12 In der Erzählung des Aufstiegs von Johannes Schnyder wird gleichzeitig betont, dass gerade die einfachen Verhältnisse den Jungen sich auf das Wesentliche konzentrieren liessen: Der jugendliche Johannes las beim Viehhüten die Bibel, in Ermangelung anderer Bücher im väterlichen Haushalt. «Mit 15 Jahren hatte er die Bibel viermal ganz durchgelesen.»13 Die Idylle des bibellesenden Buben beim Hüten der Tiere mutet selbst schon biblisch an und erinnert an die neuen Erweckungsbewegungen, bei welchen vor allem das Lesen der Bibel und die Nähe zur Natur sowie eine persönliche Beziehung zu Gott wichtig sind. So wird in der Geschichte des jungen Johannes bereits der Grundstein für seine spätere Position als Pfarrer gesetzt.

Das im obigen Zitat genannte Landpfarrhaus im Kanton Zürich, in welches Zellweger seine Zöglinge schickte, bereitete die Jungen ohne Vorbildung nicht nur auf die Universität vor. Dort lernten sie auch den bürgerlichen Lebensalltag kennen. Über diese Gewöhnungszeit ist ausser einer längeren Krankheit aus Überanstrengung und dem Lehrer, der während des Unterrichts rauchte, was die Knaben störte, kaum etwas überliefert. So wissen wir nicht, ob es den jungen Mann befremdete, ein eigenes Bett in einem grossen Haus zu haben, ob er mit den anderen jungen Männern eine Kammer teilte und wie die bürgerliche Küche ihm schmeckte. Auch können wir nicht sagen, ob er Heimweh hatte und die Arbeit im Freien vermisste oder ob er es genoss, nun nicht mehr bis spät in der Nacht am Webstuhl helfen zu müssen, sondern nach seinem eigenen Geschmack lesen und studieren zu dürfen.

Während seines Studiums in Basel wohnte Johannes Schnyder im theologischen Alumneum an der Hebelstrasse 17, das für unbemittelte zukünftige Theologiestudenten eine familiäre und kontrollierte Studiensituation ermöglichte: «Ihr Zweck ist zunächst, unbemittelte Jünglinge aus dem reformierten Theile unseres Vaterlandes, [...], welche sich dem Studium der Theologie gewidmet haben in einem christlichen Familienleben zu vereinen und ihnen die materiellen und geistigen Mittel zu ihrer Bildung darzureichen. [...] Der Inspektor und dessen Gattin werden sich als die Eltern der Alumnen betrachten und wünschen daher, dass dieselben ihnen kindliche Liebe und Vertrauen schenken, damit sich so ein wahres freundliches Familienleben gestalte.»14


17 Johannes Schnyder, um 1870.

Auch der Aufenthalt im Alumneum, so wird klar, diente der Sozialisierung der «unbemittelten Jünglinge», die wohl oft aus ländlichen Gegenden in die Stadt kamen. In einem «christlichen Familienleben» lernten sie die Werte und das Verhalten kennen, die von ihnen als zukünftigen Pfarrern nicht nur als Seelsorger ihrer Gemeinde, sondern auch als Vorsteher ihrer eigenen Familie verlangt wurden.

DER AUFSTIEG INS BILDUNGSBÜRGERTUM UND DIE HEIRAT MIT HÖHEREN TÖCHTERN

Nach seinem erfolgreichen Studium lernte Johannes während seiner Vikariatszeit bei Pfarrer Peyer in Behringen seine zukünftige Frau Sophie kennen. Sophies Familie gehörte zu den alten Schaffhauser Geschlechtern. Zudem war Sophie gebildet, wurde sie doch in die Höhere Töchterschule in Schaffhausen geschickt. Johannes Schnyder machte also eine gute Partie.

In der Eidgenossenschaft kommen Mitte des 19. Jahrhunderts Bauern und Handwerker durch die Demokratisierungsbewegung und das für alle zugängliche Schulwesen vermehrt in den Genuss einer höheren Ausbildung. Als Ärzte, Anwälte oder Pfarrer stiegen ihre Chancen, wichtige Positionen im öffentlichen Leben bekleiden zu können. Hilfreich auf diesem Weg «nach oben» war die Heirat mit einer Tochter aus dem gehobenen Bürgertum.15 Dem Begriff des Bürgers kommt in der Schweiz des 19. Jahrhunderts nicht die normativ-emanzipatorische Bedeutung zu wie in Deutschland: «Dabei sind zwei Dinge grundlegend und markieren einen gewichtigen Unterschied zwischen der Geschichte des Bürgertums in Deutschland und in der Schweiz: Ein Adel, von dem man sich hätte abgrenzen und so bürgerliches Profil gewinnen können, existierte nicht, und die formale staatsbürgerliche Gleichheit war seit 1848 politisch durchgesetzt.»16 Jedoch verwendete die neue Elite, die aus Aufsteigern, Kleinbürgern und Zugezogenen bestand, die Rhetorik von Volk und Herren, um die Privilegien der alten Familien zu kritisieren. Tatsächlich begann sich eine klare Unterscheidung durchzusetzen: die zwischen Bürgern und Arbeitern. Die Bürger, hier als Besitzende, als Bourgeois verstanden, versuchten jedoch, diese Unterscheidung so wenig als möglich in Umlauf zu bringen.17 Das Bürgertum, zu dem nun Johannes Schnyder neu gehörte, ist ein schwer zu definierender, beweglicher Körper, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neu formierte.

Um sich deutlich von seinem früheren Status als Heimarbeiter- und Bauernsohn abzugrenzen, veränderte Johannes Schnyder seinen Namen: Er führte während der 1870er-Jahre in den bäuerlichen Namen Schneider das als edel geltende ‹y› ein. Der Name begegnete ihm bei einer luzernischen Familie Schnyder von Wartensee, bei der er als junger Hauslehrer unterrichtete.18 «Erst Johannes Schnyder hat begonnen, seinen Namen mit y zu schreiben, was aber, um offizielle Richtigkeit zu beanspruchen, den zustimmenden Beschluss des Regierungsrats des Kantons St. Gallen vom 1. Dez. 1881 nötig machte.»19 Mit dieser aufwändigen Amtshandlung wertete Johannes seinen Familiennamen auf und passte ihn seiner neuen Position an, ja, der Name verwies gar über die jetzige Position hinaus auf eine herrschaftliche Vergangenheit.

Ebenfalls zum Aufstieg von Johannes Schnyder gehörte die örtliche Verschiebung, weg vom abgelegenen ärmlichen Tal in die vom freisinnigen Bürgertum dominierten Schweizer Städte. In der kleinen Gemeinde Fehraltorf im Zürcher Oberland gründete er seine Familie, mit fünf kleinen Kindern und seiner schwangeren Frau wurde er 1880 nach Zofingen berufen, einer prosperierenden, zentral gelegenen Kleinstadt. Im Jahr der Berufung nach Zofingen starb die erste Frau, Sophie, an der Geburt ihres sechsten Kindes. Mutter und Kind wurden gemeinsam in einem Sarg auf dem Zofinger Friedhof beigesetzt, wo der Vater jeden Sonntag mit seinen Kindern das Grab der Verstorbenen aufsuchte.

Der viel beschäftigte Pfarrer konnte sich unmöglich um seine Kinder kümmern; eine Schwester der Verstorbenen, Meta Peyer, übernahm den Haushalt. Wie dies sowohl Ernst als auch Lilly in ihren Erinnerungen an ihren Vater schreiben, hatte diese Tante wenig Geschick bei der Führung der Kinder, auch musste sie gleichzeitig ihren kranken Vater pflegen. Die übliche und nahe liegende Variante, eine Schwester der Verstorbenen zu heiraten, schien Johannes Schnyder nicht in Betracht gezogen zu haben, obwohl die beiden Schwestern Meta und Pauline Peyer noch ledig gewesen wären.20 Vielmehr begann der Verwitwete in Freundeskreisen nach einer geeigneten Frau und Mutter für die fünf Kinder zu suchen. Der aus der Ostschweiz stammende Melchior Schuppli, Rektor der Neuen Mädchenschule in Bern, konnte Johannes eine gute Partie anbieten:21 Caroline Wyttenbach, Lehrerin an seiner Schule, 27 Jahre alt. Sie stammte aus dem Berner Patriziat, allerdings einem verarmten Zweig mit wenig Einfluss, weshalb sie auch als Lehrerin ihren Unterhalt verdienen musste. Sie entschloss sich zur Ehe mit Johannes und übernahm den Pfarrhaushalt und die Erziehung der Kinder. In rascher Folge kamen in Zofingen weitere sieben Kinder zur Welt, von welchen eines im Alter von zweieinhalb Jahren starb. Die Pfarrersfrau wird als eine «verständnisvolle Lebensgefährtin»22 beschrieben. Verständnis war wohl notwendig, denn der Gatte hatte immer noch den Schmerz um seine verlorene Frau zu verwinden, eine grosse Gemeinde zu betreuen, war in kirchenpolitische Auseinandersetzungen verwickelt, ein begehrter Redner und daher viel abwesend.

DIE «POSITIVE» THEOLOGIE UND DER ZOFINGER ABENDMAHLSHANDEL

Johannes Schnyder fand während seines Studiums in Basel, Tübingen und Zürich in der Strömung der positiven Theologie sein Glaubensverständnis bestätigt.23 Die positive Richtung, auch als religiöser Konservativismus oder als die orthodoxe Vertretung der Kirche bezeichnet, erhielt in der Schweiz nach dem Sturz Napoleons vor allem durch das Bündnis der kirchlichen Erweckungsbewegung und der politischen Reaktion grosses Gewicht.24 Johannes war ein «Positiver». Konservative, dem freisinnigen Fortschrittsdenken kritisch gegenüberstehende reformierte Kreise zählten sich zu dieser Bewegung. Gegen diese konservative Haltung bildete sich der religiöse Liberalismus heraus, auch als Reformbewegung oder freisinnige Vertretung der Kirche bekannt. Religiöser und politischer Liberalismus waren in der Schweiz eng miteinander verbunden. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Pfarrer in der Schweiz immer auch Staatsangestellter war und daher durchaus eine politische Rolle zu spielen hatte.25 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich die traditionelle Behördenautorität der Pfarrer – durch den Einfluss liberaler Strömungen – deutlich verkleinert: «Die revidierte Bundesverfassung 1874 garantierte Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Zivilehe wurde obligatorisch, die Ehescheidung war schon 1854 definitiv in die Hände der weltlichen Gerichte gelegt worden.»26 Der religiöse Liberalismus beurteilte die kirchlichen Dogmen kritisch, begann die Texte der Bibel als interpretierbare «Literatur» zu verstehen und verlangte die Bekenntnisfreiheit.27 Gerade die Bekenntnisfreiheit führte zu heftigen Debatten, die weit über kantonale Grenzen hinaus diskutiert wurde. Wie zum Beispiel der Zofinger Abendmahlshandel, in welchen Johannes Schnyder verwickelt war.

Als Johannes Schnyder 1879 nach Zofingen berufen wurde, war Zofingen eine reformierte Zunftstadt, deren Handel und Gewerbe blühte und die bald zur Hochburg der immer einflussreicheren freisinnigen Partei wurde. Johann Gottfried Matter, ein Liberaler und Fortschrittlicher, der von 1869 bis 1890 Stadtammann war, setzte sich vehement für Nationalbahn und Schulhausbau ein und förderte den Bau der Gas- und Wasserversorgung.28 Die reformierte Kirchgemeinde Zofingen setzte sich aus den zwei oben geschilderten religiösen Gruppierungen zusammen. Die Liberalen hatten ihre geistige Heimat im Verein für freies Christentum, während die Positiven sich im Evangelischen Verein versammelten.29 Die zwei Pfarrer der grossen Kirchgemeinde gehörten je einer Richtung an, die Kirchenpflege setzte sich aus Vertretern der Positiven und der Liberalen zusammen. Johannes Schnyder war ein klarer Vertreter der Positiven: «Es war eine gewaltig grosse Arbeit, die er in Zofingen that: (Bei 13 Konfirmationen hat er über 1600 Söhne und Töchter eingesegnet). Er that dies mit Freuden und viel Liebe und Anerkennung lohnte es ihm. Er wurde der geistige Führer der Positiven im Kanton, die mehr und mehr für wahren Fortschritt und wirkliche Freiheit einstanden und kämpften auf religiösem und kirchlichem Gebiet. Am schärfsten spitzten sich die Gegensätze in Zofingen selbst zu, und wenn auch Schnyder allezeit schlagfertig für Wahrheit und Wahrhaftigkeit in die Schranken trat, so litt er doch mehr unter diesen Verhältnissen, als Fernerstehende ahnten, und wurde recht kampfesmüde.»30

Die Zeit, in welcher Johannes Schnyder als Pfarrer in Zofingen amtete, war geprägt von heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Kirchgemeinde. Es entbrannte ein erbitterter Streit zwischen dem positiven Schnyder und dem freisinnigen Pfarrer Johann Rudolf Egg des Ortes, der eine nicht unbedeutende Zahl von Anhängern hinter sich scharte.31 Einer der strittigen Punkte zwischen Liberalen und Positiven war die Frage um das apostolische Glaubensbekenntnis. «Die Reformer kämpften gegen die Verpflichtung, in Gottesdiensten, bei den Taufen und beim Abendmahl das Apostolicum als christliches Bekenntnis zu verlesen. Es gab zahlreiche Pfarrer, die einzelne Sätze dieses Bekenntnisses nicht als ihren Glauben bezeugen konnten oder die wesentliche Aussagen der Evangelien im Bekenntnis vermissten. Sie empfanden den Bekenntniszwang mehr und mehr als eine Knechtung ihres Gewissens. [...] So kam es denn in den sechziger und siebziger Jahren zu erheblichen Auseinandersetzungen in den einzelnen Kantonalkirchen und ihren Synoden um die Frage des Bekenntnisses. Das Ergebnis war, dass fast überall der Zwang zum Apostolicum [...] aufgehoben wurde. Die evangelischen Kirchen der Schweiz waren die ersten Kirchen auf dem Kontinent, die den Bekenntniszwang abschafften und damit ihren Gliedern – und ihren Pfarrern – Bekenntnisfreiheit schenkten.»32 Diese Bekenntnisfreiheit nun war es, die in Zofingen zum Streit führte. Die Wahl des «als scharfer Liberaler»33 bekannten Pfarrers Johann Rudolf Egg 1887 veranlasste Johannes Schnyder dazu, die bisher gemeinsame Abendmahlsfeier in Frage zu stellen. Er ahnte wohl, dass die Verlesung des apostolischen Glaubensbekenntnisses, an welchem ihm selbst viel lag, an der Seite des Reformers Egg kaum mehr geduldet würde. Möglicherweise beabsichtigte Pfarrer Schnyder eine Trennung der Kirchgemeinde, da er bei der Liturgie zum Abendmahl des Dank-, Buss- und Bettages 1888 die gegenseitige Toleranzgrenze überschritt, indem er das Apostolicum verlas, was für seinen liberalen Kollegen, der gemeinsam mit ihm das Abendmahl verteilte, als Provokation verstanden werden musste.34 Daraufhin kam es zu heftigen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Anfeindungen, worauf die Feier des Abendmahls ab 1889 tatsächlich getrennt durchgeführt wurde.


18 Johannes Schnyder, um 1890.

Die beiden Pfarrherren wurden von der Kirchenpflege um die Darlegung der gegenseitigen Beschuldigungen gefragt: Schnyder reichte eine 54-seitige Beschwerde ein, Egg eine 30 Seiten starke. Zur Behandlung der Beschwerden kam es jedoch nie – Pfarrer Egg bot Schnyder an der zur Aussprache bestimmten Sitzung im Januar 1890 eine überraschende Versöhnung an, von der angenommen wird, sie sei im Vornherein von den Behörden und Egg abgefasst und vorbereitet worden.35 Die Feier des Abendmahls sollte wieder gemeinsam begangen, die Streitigkeiten begraben werden. Schnyder willigte, wenn auch zögernd, ein, folgte aber zwei Jahre darauf einer Berufung an die paritätische Gemeinde Bischofszell im Kanton Thurgau, wo er als guter Redner und treuer Seelsorger bis zu seinem frühen Tod 1901 geschätzt wurde. Doch auch noch von Bischofszell aus hielt er feurige Reden und verfasste Schriften, in denen er die Christen daran erinnerte, dass das Abbröckeln der Bekenntnisse und das Relativieren der Bibeltexte von der Kraft des Christentums wegführe. Eine von Pfarrer Schnyder am Buss- und Bettag gehaltene Rede, die 1895 in einem Bibelbericht abgedruckt wurde, verdeutlicht dies: «Es gibt in der ganzen Welt nichts, das so sehr die Kraft des Beharrens und die Kraft wahren Fortschrittes zugleich in sich trägt, das die Vergangenheit so gewaltig erfüllt und doch einer reichen Zukunft froh und voll ist, das so umgestaltend, so hinreissend ist, als wirkliches Christentum. Kaum aber haben wir also fröhlich unsern Glauben ausgesprochen, so hören wir Stimmen, die im Tone des Bedauerns oder gar der Verachtung uns entgegnen: ‹Ihr verkennt die Gegenwart. Jede auch weltgeschichtliche Erscheinung hat nur ihre bestimmte, gemessene Zeit. So auch euer Glaube. Alte Mauern und Thürme sind es noch, von Epheu umrankt, mehr nicht. Noch klammern sich daran die Schwachen, das lebendige Geschlecht der Wissenden und Starken wendet sich ab von ihm. Seht ihr denn nicht, wie Stein um Stein von eurer ehrwürdigen Ruine abbröckelt, geschüttelt vom Erdbeben einer neuen Zeit? Es wankt der Glaube, es sinken zusammen die Bekenntnisse, es weicht auch der letzte Pfeiler, die Schrift, und ihre erklärten Feinde wie ihre berufenen Hüter, sie schaufeln gemeinsam ihr Totengrab.› Christengemeinde! Es mögen nicht viele unter uns sein, die nicht schon so oder ähnlich haben reden hören und dadurch betrübt, beunruhigt, erschreckt worden sind. Haben wir da noch ein Recht, christliche Feste [...] zu feiern?»36

Die Frage des Pfarrers, ob christliche Feste noch gefeiert werden können, ist innerhalb der Debatte um Freizeit und Sonntagsgesetze zu verstehen, die in den 1890er-Jahren die Gemüter bewegte.37 Johannes Schnyder wehrte sich für die Einhaltung der Sonntagsruhe und setzte sich gegen die Historisierung der Bibel und des Christentums ein. Er wollte dieses als eine ewige Kraft verstanden wissen, die gleichzeitig den Fortschritt und das Beharren in sich vereint. Kritische Stimmen hörte Schnyder wohl auch in Bischofszell, die Positiven hatten jedoch im Thurgau relativ viel Einfluss.38

In den Biografien der Kinder Johannes Schnyders zeigte sich eine der liberalen Bewegung kritisch gegenüberstehende «positive» Haltung wirkungsmächtig: So zählte sich Ernst Schnyder als Pfarrer in Schaffhausen noch zu den Positiven, Hans sass im Vorstand des Sonntagsheiligungs-Vereins Thurgau, Paula folgte der Oxford-Gruppe, die als eine moderne Form der Positiven verstanden werden kann,39 Martha setzte sich dafür ein, dass das Töchterinstitut nicht zum reformierten Töchterinstitut umgewandelt wurde, sondern «seinen evangelischen Grundsätzen» treu blieb,40 und Sophie schrieb am 15. Mai 1930 an ihren Bruder Walter über die Richtungskämpfe innerhalb der Basler Mission: «Frau Degen lässt sich in die freisinnige Fortschrittspartei der Leonhardskirche wählen! Nächstens werde ich noch wegen meiner eher negativen Positivität im Haus hinausgeschmissen. Wir haben nämlich jetzt gerade einen ziemlichen Strauss in der Missionsgemeinde mit den Freisinnigen, weil hauptsächlich die Basler Mission nicht haben wollte, dass die Ost-Asien Mission in den Deutsch Evang. Missions-Ausschuss, der auf dem positiven §2 (Christus Gottes Sohn) fusst, aufgenommen würden, weil sie eben diesem § nicht zustimmen können.»41

Sophie war entsetzt, dass die Freisinnigen innerhalb der Missionsgemeinde immer grösseren Einfluss hatten, gleichzeitig stand sie der Religion im Allgemeinen kritisch gegenüber. Die Prägung durch das Elternhaus wirkte sich hier bis zu einem eigenartigen Widerspruch aus, den Sophie selbst als «negative Positivität» bezeichnete.

PFARRER UND VATER: SEELSORGE UND UNTERRICHT AUF SCHRITT UND TRITT

Mit der auf elf Kinder angewachsenen Grossfamilie, seiner Gattin und deren Schwester, der Köchin und einem Dienstmädchen zog Johannes Schnyder nach Bischofszell. Den Umzug überliess der Vater den Frauen und seinem damals 19-jährigen ältesten Sohn: «Er konfirmierte seine Konfirmanden in Zofingen an Weihnachten und hielt am Sylvester seine Abschiedspredigt. Dann fuhr er zu Vetter Mägis in Solothurn für einige Tage und überliess mir die Zügelei. Ich half beim Packen in Zofingen, fuhr mit dem letzten Zug bis Winterthur und andern morgens mit dem ersten nach Bischofszell [...]. Dann ging das Einräumen los. Ich hatte einen Plan und konnte die Träger nur dirigieren. Aber nachher kam das Plazieren der Möbel und hunderterlei Besorgungen. [...] Als wir fertig waren, kam der Einzug der Familie Schnyder abends 6 Uhr. Eltern, Tante, Meieli, und ein junges Dienstmädchen und 11 Kinder. Die Bischofszeller verglichen den Einzug mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Man zog mit Musik und Fackelbeleuchtung vor das Pfarrhaus, wo der neue Pfarrer in der bittern Kälte ein Begrüssungswort sprechen musste.»42

Die aus den Memoiren von Ernst zitierte Stelle macht deutlich, wie stolz der Älteste gewesen sein mochte, dass der Vater ihm «die Zügelei» überliess – wahrscheinlich eine leichte Übertreibung, da im Haushalt ja immerhin mehrere erwachsene Frauen mit anpackten, schliesslich waren seine beiden Schwestern Marie (Lilly) und Hedwig nur wenig jünger als er. Tatsächlich aber übernahm der Sohn wohl die Aufgaben, die dem Familienvater sonst zugestanden wären. Der etwas gewagte biblische Vergleich des Einzugs in Bischofszell mit dem «Auszug der Israeliten aus Ägypten», der von den Bischofszellern angestellt worden sei, blieb in den Familienerzählungen erhalten. Die Gleichsetzung des Einzugs der Pfarrfamilie mit dem Auszug eines Volkes scheint eigentümlich. Gemeint war möglicherweise der Auszug aus Zofingen ins gelobte Bischofszell? Die Beschreibung der Rede, die der Pfarrer für seine Gemeinde noch am Altjahrsabend halten musste, schliesst die insgesamt biblisch wirkende Szene ab: Der alttestamentarische Führer schart seine Leute um sich und begrüsst sie in der bitterkalten Nacht im Schein der Fackeln.

Der neu berufene Pfarrer betreute das grosse Gebiet zweier Gemeinden: die paritätische Kirchgemeinde Bischofszell und die reformierte Kirchgemeinde Hauptwil. Das grosse, ehrwürdige «Daller’sche» Kontorhaus wurde 1875 von der evangelischen Kirchgemeinde als Pfarrhaus hergerichtet.43 Die Kirchgemeinde Bischofszell zählte zwei Jahre vor dem Antritt des Pfarrers 2853 reformierte Seelen, davon waren 592 stimmberechtigt.44 Am Ende der Amtszeit Pfarrer Schnyders um 1900 war die Zahl der Kirchgemeindemitglieder auf 3115 angewachsen, darunter befanden sich 650 Stimmberechtigte und 640 Haushaltungen.45 Die Kirchgemeinde Hauptwil war kleiner, die Haushaltungen weiter verstreut.

Johannes Schnyder hatte in beiden Orten die Predigt zu halten, Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen vorzubereiten und durchzuführen, den Konfirmandenunterricht abzuhalten sowie Latein und Griechisch zu unterrichten. Die Jahresberichte der Kirchgemeinde zählen als Unterweisungslehrmittel die Lutherbibel und die Familienbibel auf, in der Kinderlehre wurde «Das Leben Jesu II» im Kinderlehrebuch durchgenommen sowie vor allem der Auftrag der inneren und äusseren Mission vermittelt. Der Bischofszeller Kirchenchor, in welchem der Pfarrer massgebend mitwirkte, zählte um 1900 60 Mitglieder, die Zahl sank jedoch nach dem Tod Johannes Schnyders bis 1910 auf 40.46 Als Schulvorsteher hatte Schnyder auch im Schulwesen ein bedeutendes Gewicht. Zudem hatte die Bürgergemeinde seit 1870 sämtliche Dokumente des Armenwesens der Kirchgemeinde zur Verwaltung übergeben.47

Das pädagogische Gewicht, das der Vater in der Gemeinde hatte, erstreckte sich in besonderem Mass auf seine Kinder. Eine vorbildliche Erziehungsarbeit des Vaters an seinen eigenen Kindern entsprach dem in der Praxis umgesetzten Wort Gottes. So hatte jedes Kind des Pfarrers als Glied seiner Gemeinde ein besonderes Gewicht und musste mit viel Liebe dem Christentum zugeführt werden. «In wenigen anderen Familien bekamen die kleinen Kinder zu allen Zeiten so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung gerade auch von den Vätern wie im Pfarrhaus.»48 So erzählte Johannes Schnyder an freien Nachmittagen Martha und Paula in Zofingen Geschichten von Johannes Huss, Zwingli und Luther, zu diesem Zeitpunkt waren die Mädchen etwa sechsjährig.49

Der Unterricht beim Vater fand nicht nur an freien Nachmittagen statt, sondern vor allem für die grösseren Kinder auch in der Schule: So war der Vater für sieben seiner eigenen Kinder Religionslehrer, gab seinen Söhnen Ernst und Karl Latein- und Griechischunterricht und seiner Tochter Sophie Privatstunden in Latein, immer von sieben bis acht Uhr morgens. Er taufte alle seine Kinder und gab sieben von ihnen den Segen zur Konfirmation. Er übernahm einen durchaus gewichtigen Teil hausväterlicher Aufgaben im Bereich der Erziehung der grösseren Kinder:50 «Und wenn ich hinter den Lateinbüchern sitzen werde, so werde ich auch immer an den Verstorbenen denken müssen. Wie oft erzählte er uns Studenten Geschichten wenn wir an eine gewisse Stelle kamen, um uns das Lernen leichter zu machen.»51

Der Unterricht der Söhne wurde vom Vater persönlich betreut und ergänzt, aber auch der Unterricht der Töchter war ihm wichtig. So erhielten Martha und Rosa Englischstunden beim Direktor der Sekundarschule: «Sehr viel Ehre machte ich ihm [dem Vater, Anm. A. S.] in diesem Fach nicht, aber obschon Herr Direktor einige Male bei ihm klagte, schalt er uns doch nicht; denn er wusste, dass unsere Zeit durch Schularbeiten sehr ausgefüllt war. Gleich nach der Stunde gingen wir in sein Studierzimmer, wo er über seiner Sonntagspredigt sass. Wir erzählten ihm, wie es uns ergangen, ob Herr Direktor zufrieden mit uns gewesen sei oder nicht.»52


19 Pelagius-Kirche Bischofszell, um 1900. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Kirche von der reformierten und der katholischen Kirchgemeinde paritätisch benutzt.

Der Vater bezahlte die Stunden nicht nur, sondern kontrollierte nach dem Unterricht die Leistungen, indem die Mädchen bei ihm Bericht erstatteten. Im Lebensbild, das die Kinder kurz nach dem Tod des Vaters zeichneten, wirkte er als milder, aber strenger Förderer. Das Interesse des Vaters an den schulischen Leistungen der Töchter mochte zusätzlich auch ein Interesse am Schulbetrieb im Allgemeinen gewesen sein: «Welche Aufmerksamkeit schenkte er immer unseren Schulerlebnissen, besonders seit wir in die Sekundarschule gingen, an welcher er Präsident war. Da interessierte er sich für die kleinste Tatsache.»53

Der Vater, Präsident der Schulkommission, konnte mit der Berichterstattung der Kinder nicht nur deren Betragen und Leistungen kontrollieren, sondern hatte zugleich guten Einblick in die Unterrichtstätigkeiten des Lehrpersonals. Den Pfarrerskindern kam dadurch wohl eine oft schwierige Rolle zu – sie standen zwischen dem Pfarrer und den Schulkameradinnen und Schulkameraden. Vorbild für die einen und Informanten für den anderen zu sein, muss auch anstrengend gewesen sein. Darüber wird aber nicht geschrieben.

Die Erziehung und Bildung der Pfarrerskinder war exemplarisch. Denn wenn der Pfarrer seine eigene Familie zum vorbildlichen christlichen Leben führen konnte, so vertraute ihm die Gemeinde und glaubte seinem Wort.54 Pfarrerskinder gelangten so, ob sie wollten oder nicht, auf den Präsentierteller. «Um sein eigenes Leben mit seiner Verkündigung in Einklang zu bringen, blieb dem Pfarrer kaum ein anderes Feld als das der Kindererziehung. Hier konnte man die innere Stimmigkeit seiner Lehre, die Fruchtbarkeit seines Glaubens messen.»55 Die besondere Nähe des Pfarrers als Vater mochte für die Kinder zum Teil bedrückend gewesen sein. Beschrieben wird aber – gerade in den Texten der Kinder kurz nach dem Tod – die besondere Nähe zu einem Vater, dessen geistliche Aufgabe ihnen Schutz bedeutete. Dies wird in der Geste des väterlichen Segens besonders deutlich: «Jedes Mal bevor wir wieder nach den Ferien zur Schule gingen nahm er jedes bei Seite u. segnete es u. sagte zu uns: ‹Der Liebe Gott segne dich u. gebe dir Kraft deine Arbeiten u. Pflichten zu erfüllen. Sei fleissig u. aufmerksam und mache uns (den Eltern) u. Lehrern viel Freude.› Er sprach dann gewöhnlich noch Aarons Segen über uns u. wir waren dann neu gestärkt u. fröhlich gingen wir wieder in die Schule.»56

Der zu diesem Zeitpunkt 13-jährige Karl beschrieb diesen Segen als eine Stärkung. Gertrud erwähnte dasselbe Ritual und ergänzte es durch die Information, der Vater habe ihr den Segen ins Ohr geflüstert. Die explizite Zuwendung, die jedes einzelne Kind erfuhr, muss die Jugendlichen beeindruckt haben. Der Vater, der als Pfarrer den direkten Zugang zu Gottes Segen hatte, konnte ihnen damit einen mächtigen Schutz mitgeben. Auch wenn er seine Kinder zu Hausbesuchen mitnahm, wird er als grosse, schützende Figur beschrieben. Dies kommt in den beinahe zu einer Legende verdichteten «Lebensbild eines lieben Entschlafenen» von Ernst Schnyder zum Ausdruck: «Abends stand oft schon der Mond überm Walde und beleuchtete den Heimweg, da tönte es denn auf der einsamen Strasse aus frischen Kinderkehlen von Vaters tieferer Stimme begleitet: Der Mond ist aufgegangen etc. Die Kleinsten durften Ihre Hände in Vaters grosse Taschen stecken und er führte sie durch Nacht und Nebel heim, wo Mutter ihrer schon wartete um die kleine müde Garde möglichst bald unter die warme Decke zu versorgen.»57

Zu Kranken- und Hausbesuchen in der weit verzweigten Gemeinde nahm Johannes Schnyder immer wieder seine Kinder mit. Wieweit dies auch zur Entlastung der Gattin geschah, die wohl mit den Kleinsten zu Hause blieb, geht aus den Quellen nicht hervor. Glaubt man dem Zitat, so war der Pfarrer auch mit den jüngeren Kindern unterwegs, die dann ihre Hand in seine Tasche stecken durften. Dies wird auch von Rosa betont, wenn sie schreibt, er habe oft seine ganze Kinderschar nach Hauptwil, Gottshaus und auf den Tannenberg zu Hausbesuchen mitgenommen. Rührend mutet die Stimmung an, die Ernst in seiner Beschreibung heraufbeschwört, wie der grosse Vater seine Schar «durch Nacht und Nebel» heimbringt. Während der Vater als grosser Beschützer in den Erinnerungsbildern auftaucht, sind die Kinder gleichzeitig seine Helfer. Auf den Touren zu Haus- und Krankenbesuchen gab es immer wieder Gaben der Besuchten, die der Pfarrer, seiner Zuckerkrankheit wegen, nicht annehmen konnte: «Immer gab es Leute, welche die allezeit hungrigen Schnäbel mit Freuden fütterten. Ihm selbst war es oft unangenehm, wenn er das freundliche Anerbieten der Leute abschlagen musste seines Leidens wegen. Desto lieber sah er uns dann zu, wenn es allen so gut schmeckte.»58 Die Kinder übernahmen so die Aufgabe des Pfarrers, sich bewirten zu lassen.

Die Beteiligung der Kinder an den Aufgaben des Vaters war immer auch Erziehung. Verstärkt wurde dies durch die unscharfe Trennung zwischen pfarrherrlicher Arbeit und dem Familienleben im Pfarrhaus. Der Pfarrer studierte zu Hause, er schrieb seine Predigt zu Hause, die seelsorgerischen Fälle kamen zu Hause vorbei. Dies bewirkte, dass die Kinder – wie die Pfarrfrau ohnehin – Aufgaben für den Vater oder für die Mutter zu übernehmen hatten. So liess Johannes Schnyder seine Töchter Klavierstunden nehmen, da sie baldmöglichst die Mutter, die oft im Wochenbett war, am Harmonium bei der Morgenandacht ersetzen mussten. Auch nahm er Lilly, Rosa und Sophie als Organistinnen zu verschiedenen Anlässen mit. In der Sonntagsschule wirkten die Töchter massgebend mit. Die kleineren Kinder hatten Botengänge für den Vater zu machen und beteiligten sich beim Sammeln der Kollekte. Die grosse Kinderschar war für den Pfarrer eine Stütze in der Gemeinde.

Das Arbeitspensum, das sich der Pfarrer auferlegte, war, nach den Worten seines Sohnes, der die Bestattungspredigt hielt, mit der Losung zusammenzufassen: «Ich muss wirken die Werke dess, der mich gesandt hat, so lange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.»59 Zu diesem Werk gehörte es, die Kinder auf den rechten Weg zu führen, sowohl die eigenen wie auch die Gemeindemitglieder, die als Gotteskinder verstanden wurden. Die Worte, die an Johannes Schnyders Beerdigung von ‹einem Freund› gesprochen wurden, zeigen die Nähe der Rollen des Vaters und des Pfarrers noch einmal:

«Vater und Pfarrer, das geht in einem:

Ihr Kinder, weint an des geliebten Vaters Grab.

Ihr Ehepaare, dankbar denket noch an ihn,

Ihr Herzen all’ verdankt was er im Herrn Euch gab,

Da tröstend er Euch wies zum Heiland hin.

Doch ob Ihr weint um diesen Vater der Gemeinde,

Der alle liebte, Freunde, wie die Feinde,

So gönnt ihm doch das Glück beim Herrn daheim

Ja er ging heim!»60

INNERE UND ÄUSSERE MISSION – PIETISMUS IM PFARRHAUS DES 19. JAHRHUNDERTS

Was Pfarrer Schnyders Schaffen in allen Bereichen prägte, war seine grosse Begeisterung für die Werke der inneren und äusseren Mission. Diese missionstheologische Überzeugung soll im Folgenden in Verbindung mit dem Begriff des Pietismus betrachtet werden, der die geistige und religiöse Haltung der Pfarrfamilie Schnyder zusätzlich charakterisierte.

Der Pietismus war eine religiöse Erneuerungsbewegung des Protestantismus des späten 17. und 18. Jahrhunderts und gilt neben dem englischen Puritanismus als die bedeutendste religiöse Bewegung seit der Reformation.61 Der Beginn des Pietismus wird auf das Erscheinen von Philip Jakob Speners «Pia Desidera» 1675 datiert.62 Er war eine Reaktion auf die als totes Gewohnheitschristentum angesehene altprotestantische Orthodoxie. Die Begründer des Pietismus setzten dagegen auf Individualisierung und Verinnerlichung des religiösen Lebens und entwickelten neue Formen persönlicher Frömmigkeit und gemeinschaftlichen Lebens.63 Den Pietisten ging es um einen lebendigen, «gelebten» Glauben, es genügte nicht, die Kirche zu besuchen und eine Predigt anzuhören. «Wichtig war die persönliche Heiligung, zur Vollkommenheit zu gelangen. Diese neue Wendung ins Persönliche wird auch als ‹religiöser Individualismus› bezeichnet.»64 Nebst Spener gilt der im 18. Jahrhundert in Halle tätige August Hermann Francke als Vater des Pietismus. Dieser gründete so genannte Reformanstalten, die nach damals fortschrittlichsten pädagogischen Erkenntnissen geführt wurden. Innerhalb des Pietismus erhielten Frauen eine relativ starke Position, ihre Ausbildung wurde als unabdingbar angesehen. So waren von rund 2000 Schülern an Franckes Schule fast die Hälfte Mädchen.65 Die Kinder Gottes sollten alle ihre persönliche Beziehung zu Gott aufbauen können. «Die Schüler seiner Einrichtungen waren Träger pietistischer Ideale. Indem sie in ihren jeweiligen Ämtern diese Ideale nach aussen trugen, bildeten sie ein Netzwerk pietistischer Stützpunkte innerhalb und ausserhalb Europas. Francke war treibende Kraft für viele christliche Werke, so die ‹Innere Mission› als Kranken- und Armenfürsorge und die ‹Äussere Mission› in Südindien.»66 Diese Aufteilung setzte sich im Sprachgebrauch pietistischer Kreise durch, sodass auch Johannes Schnyder sich selbst als Verfechter der inneren und äusseren Mission bezeichnete.

Wenn ich von Johannes Schnyder als Pietisten spreche, so bedeutet dies nicht, dass er sich selbst als solchen bezeichnete. Dies spiegelt die Schwierigkeiten bei der Verwendung des Begriffes im Allgemeinen wieder. Als eine Art Sammelbegriff der geistigen Haltung protestantischer Erneuerungsbewegungen wird er relativ unscharf verwendet.67 So betonte Johannes Schnyder in seiner Schrift, dass die Mission nicht von «engen Pietisten» vertreten würde, sondern von frei- und weitdenkenden Menschen.68 Die Basler Mission, für welche sich Johannes Schnyder besonders einsetzte, war eine der deutschsprachigen Missionsgesellschaften, die durch den so genannten württembergischen Pietismus stark geprägt war. Das Selbstverständnis dieser einflussreichen Missionsgesellschaft war bis ins 20. Jahrhundert von diesem Geist geprägt.69 Wenn sich Johannes Schnyder für die Werke der inneren und äusseren Mission einsetzte, sich aber gegen die Etikettierung «pietistisch» abgrenzte, spiegelt dies diskursive Feinheiten im ausgehenden 19. Jahrhundert wider.70 Eine exakte Positionierung war gerade innerhalb der religiösen Richtungen wichtig. So zählte sich Johannes Schnyder zu den «Positiven», womit er seinem Handeln ein politisches Profil gab. In den Augen der Positiven war Francke der «positive Praktiker», während Rousseau der «negative Theoretiker» war. Wenn ich in dieser Arbeit vom Pietismus der Familie Schnyder spreche, so meine ich damit ihre durch diese religiöse Erneuerungsbewegung spezifische soziale und kulturelle Prägung und die damit zusammenhängende alltagsstrukturierende Denkweise und Weltsicht.

Johannes Schnyders Überzeugung war es, die Mission sei «das grossartigste Werk der Gegenwart»,71 und er setzte sich dementsprechend dafür ein. So muss man sich vorstellen, dass der «Basler Evangelische Heidenbote» und das «Evangelische Missions-Magazin» sowie der «Christliche Volksfreund» von den Eltern gelesen und besprochen wurden; auch die heranwachsenden Kinder lasen die Blätter und setzten sich mit den Themen auseinander. Wie bereits oben erwähnt, unterhielt Johannes Schnyder gute Beziehungen zur Basler Mission, der wohl einflussreichsten protestantischen Vertreterin der «äusseren Mission» in der Schweiz und in Süddeutschland. Zudem lag ihm das seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Schweiz aufkommende Diakonissenwesen, das im Dienste der «inneren Mission» stand, am Herzen. Seine erste Frau, Sophie Peyer, wäre Diakonisse geworden, hätte sie nicht den jungen Vikar kennengelernt, ihre Schwester war Diakonisse in St-Loup, deren Vater, Pfarrer Peyer, war ein engagierter Mann im Diakonissenwesen. Auch eine Schwester von Caroline, der zweiten Frau Johannes’, wurde Diakonisse.

Wie stark diese Netzwerke weiterwirkten, zeigen die Lebensläufe der Nachkommen von Johannes Schnyder. So wählten zwei seiner Töchter den Beruf der Diakonisse, wobei eine entgegen ihrem Wunsch ihre Schwesterntracht wieder ablegen musste. Ernst, der älteste Sohn, wurde nicht nur Pfarrer, sondern auch Präsident des Missionsvereins Thurgau sowie Präsident der so genannten Heimatgemeindevertretung der Basler Mission, der eigentlichen Synode des ganzen Missionswerks im In- und Ausland. Ernsts Frau Luise war die Tochter des Hausgeistlichen und Vorstehers des Diakonissenhauses Neumünster in Zürich. Sophie arbeitete als Sekretärin bei der Basler Mission, die übrigen Geschwister waren an Bazaren tätig, sammelten und spendeten selbstredend sowohl für die innere wie für die äussere Mission. Zwei von Johannes Schnyders Enkeln fuhren mit der Basler Mission für Jahre nach Übersee.

Ein Überblick über die veröffentlichten Schriften von Johannes Schnyder spiegelt seine Überzeugungen: ein Lebensbild des Zürcher Antistes Breitinger,72 eine volkstümliche Biografie des Johann Hinrich Wichern, des Vaters der inneren Mission,73 eine Abhandlung über Recht, Pflicht und Erfolg der Mission74 und eine abgedruckte Rede zum Buss- und Bettag im Jahresbericht des Thurgauer Missionsvereins.75

Was den Pfarrer am Missionsgedanken faszinierte, kann anhand seiner 1882 veröffentlichten Schrift «Der Evangelischen Heidenmission Recht, Pflicht und Erfolg» erläutert werden: Schnyder teilte mit dem Sprachforscher Max Müller die Religionen in missionierende und nicht missionierende ein. Die nicht missionierenden Religionen, so Schnyder weiter, erstarrten zu Mumien, während die missionierenden Religionen lebendig seien. Müllers wie Schnyders Überzeugung war es, dass das Christentum im höchsten Mass missionierend sein müsse, da es die Offenbarungsreligion des lebendigen Gottes sei.76 Der Auftrag, die Botschaft Gottes an alle weiterzugeben, wurde dementsprechend nicht nur als ein Werk der Barmherzigkeit gegenüber der Heidenwelt angesehen,77 sondern auch als «eine Pflicht der Selbsterhaltung für die alte Christenheit».78 Die Mission – so die Erklärung – erneuere den eigenen Glauben, indem sie ihn ausbreite und verkünde. Dass es bei dieser Ausbreitung nicht nur um Glauben ging, sondern auch um territoriale Ansprüche der expandierenden Wirtschaftsmächte Europas, wird aus dem durchaus pragmatischen Fortschrittsdenken des Missionsfreundes schnell deutlich: Die Mission helfe nämlich dem rasenden Fortschritt, neue Gebiete erschlössen sich dem Weltverkehr und dem Handel, denn die Mission erziehe die Heiden zur Arbeit und zum Pflichtgefühl.79 Diese Argumentation macht sichtbar, dass 1882 der wirtschaftliche Faktor der Mission durchaus in Betracht gezogen wurde und als Argument gegen das den «engen Pietisten» anhaftende altertümelnde Bild verwendet wurde.

Die Erfolge der Mission dienten nach der Ansicht ihrer Förderer nicht nur und vor allem der Expansion der Kolonialmächte, sondern führten vor allem zu einer Erneuerung und Erfrischung des eigenen Glaubens: «Wie es Freiheit wirkt statt der Sklaverei, friedliches Beisammenwohnen statt des endlosen Kriegens und Mordens; Freude und Hoffnung statt der trotzigen Furcht und Angst, die sonst ihr Leben beherrschte; wie Gerechtigkeit waltet, wo sonst der Stärkere rücksichtslos seiner Laune folgte – da muss auch über die alte Christenheit ein neuer Geist freudiger Zuversicht kommen in die sieghafte Kraft des jungen Evangeliums; ja manche heidnische Gemeinde wird uns ein Spiegel zu heilsamer Beschämung.»80

Die Verknüpfung von innerer und äusserer Mission wird hier sichtbar. So argumentierte der Missionsfreund, dass die äussere Mission den Blick für das Elend in den eigenen Ländern schärfe. Schnyder erinnerte daran, dass die in Afrika oder Indien tätigen Missionswerke eng verbunden seien mit den Werken der inneren Mission im eigenen Land. In Basel seien die gleichen Männer, die sich für die äussere Mission in aller Welt einsetzten, auch die, welche Rettungsanstalten für verwahrloste Kinder gründen oder einsame Fabrikarbeiterinnen schützen und Handwerksburschen- und Mädchenherbergen errichten würden: «Württemberg, das dicht durchzogen ist von einem Netz von Anstalten der rettenden und bewahrenden Liebe für die Unglücklichen, für Kinder, die sonst ordentlicher Erziehung ermangeln müssten – für Blinde, Taubstumme, Epileptische, hilflose Alte, von Diakonissenhäusern zu Gunsten der Kranken – es ist zugleich das Land der Mission.»81

Sein Engagement für die Werke der Mission war dem Pfarrer auch als Familienvater ein wichtiges Anliegen. Ernst schreibt in seinem Lebensbild des Vaters, dass dieser, angesprochen auf seine acht Töchter, schlagfertig zu antworten wusste: « ‹Für jedes Diakonissenhaus eine Schwester› pflegte er seinen Freunden lächelnd zu sagen, auf seinen Segen hindeutend.»82

Tatsächlich handelte der Vater bei seinem zehnten Kind Gertrud in diesem Sinn, wenn er verkündete, es sei eine kleine Diakonisse geboren worden. Dass dieser Wunsch des Vaters nicht einfach so weggesteckt werden konnte, wird aus den Aufzeichnungen der durch diesen Spruch geprägten Tochter klar: Bei ihrem Eintritt in das Diakonissenhaus Riehen und bei jedem Jubiläumsbericht stellte sie des Vaters Bestimmung als unausweichlichen Weg dar: «Es begann mit meinem ersten Lebenstag, als mein lieber Vater, Pfarrer in Zofingen, sein 10. Kind im Besonderen seinem Herrn weihte, indem er allen Verwandten u. Freunden per Karte mitteilte, dass eben eine kleine, muntere Diakonissin zur Welt gekommen sei. So legte er seinen brennenden Wunsch durch die Hingabe der kleinen Gertrud Klara an die Diakonie seinem Kinde in die Wiege. Mein Vater war ein eifriger Förderer der äussern und innern Mission u. hätte gerne alle seine Kinder im Dienste am Reiche Gottes gewusst. Als er dann mit 56 Jahren in Bischofszell rasch heimgerufen wurde, war es mir ein heiliges Vermächtnis dem Wunsch meines Vaters zu folgen. Ich war ja erst ein Kind von 11 Jahren, aber der Gedanke an sein Vermächtnis begleitete mich beständig.»83

Der brennende Wunsch des Vaters und die über den Tod hinaus wirkende Autorität seines schicksalsbestimmenden Spruches zeigt, wie ernst ihm die Sache mit der Mission war. Die Töchter, so könnte man meinen, waren alle Bräute Gottes, die sich in der Verbreitung des lebendigen Glaubens, wie er von den Pietisten verstanden wurde, für eine bessere Welt einsetzten. Dass christlicher Glaube weitergepflanzt werden sollte, war für die Kinder tägliches Brot. Ihre zukünftigen Lebensaufgaben als Erzieherinnen, als Pfarrer, Arzt oder Diakonisse wurden nicht zuletzt in diesem Sinn verstanden.

RELIGION, ERZIEHUNG, BILDUNG UND DIE POSITION DER ERSTEN MUTTER

DIE PFARRERSTOCHTER WIRD PFARRFRAU

Sophie Peyer kam 1844 als erstes Kind eines jungen Pfarrers und dessen Frau in einer der vielen Pfarrwohnungen Schaffhausens zur Welt, die für Pfarrer benachbarter Gemeinden zur Verfügung standen. Ihr Vater, Eduard Peyer, Junker Peyer genannt, stammte von einer alten Schaffhauser Familie, ihre Mutter, Margaretha Oser, kam aus dem Basler Grossbürgertum.

Pfarrer Peyer wurde nach Beringen berufen, wo er mit seiner Frau das Pfarrhaus bezog, dort wuchs Sophie auf und ging zur Schule. Später besuchte sie die Höhere Töchterschule gegenüber dem Obertor in Schaffhausen und musste täglich über die Enge hin- und zurückwandern. Das Mittagessen bekam sie bei ihrem Onkel, dem Steigpfarrer Burckhardt-Peyer, der im «Katzenloch», dem Haus neben der Münsterkapelle, wohnte.84

Eine gute Bildung für Töchter wurde im 19. Jahrhundert für den oberen Mittelstand immer wichtiger. Nicht nur ging es darum, den Töchtern eine Berufsausbildung zu ermöglichen, sondern vor allem auch, sie in ihrer Allgemeinbildung auf ein passendes Niveau für einen allfälligen Gatten zu heben. So galten denn Höhere Töchterschulen als eine «Bildungsstätte der höheren Töchter auf ihrem Weg zur kulturbeflissenen Gattin».85 Gerade für Pfarrerstöchter, die keine grosse Aussteuer in Aussicht hatten, erhöhte eine gute Ausbildung die Heiratschancen und bildete zugleich eine Absicherung, wenn sich kein Bräutigam finden liess. Eine interessante Partie für eine Pfarrerstochter mag ein dem Pfarrer nahestehender Vikar gewesen sein. Der Schwiegersohn trug dann sozusagen das geistige Gut des Pfarrherrn weiter.

Nach der abgeschlossenen Töchterschule arbeitete Sophie im Berner Diakonissenhaus, dem Dändliker-Spital, als Hilfsschwester. Gemäss dem Bericht ihres Sohnes Ernst ging die 26-Jährige kurz vor einem geplanten Eintritt als Probeschwester in eben diesem Spital der Mutter im Pfarrhaushalt zur Hand. Ob diese letzte Zeit vor dem Eintritt von den Eltern, von der Tochter oder von beiden Seiten gezielt genutzt wurde, einen Mann für Sophie zu finden, wird aus den Quellen nicht sichtbar. Sicher ist, dass das Auftauchen des jungen Vikars Schnyder im Winter 1870/71 im Pfarrhaus in Beringen die Pläne der Tochter veränderte.

Vikare verbrachten ihre Lehrzeit im Pfarrhaus und prägten das Familienleben mit.86 Schnyder kam in ein Pfarrhaus mit teilweise erwachsenen Töchtern, die er wohl bei Tisch näher kennenlernen durfte. «Noch stehen vor meiner Seele photographisch treu jene Tage im Pfarrhause Beringen, im Winter 1870/71, da sich unsere Herzen kaum bewusst allmählig gegen einander aufschlossen.»87

Sophie gefiel dem jungen 25-jährigen Johannes in ihrer «reinen Jungfräulichkeit», wie der Sohn der beiden später schrieb, und da er das Vertrauen der Pfarrersleute gewonnen hatte, gaben sie ihm das Jawort für die Heirat ihrer Tochter:88 «Alles freute sich mit dem glücklichen Brautpaare; nur Diakonissenvater Dändliker in Bern grollte dem jungen Vikar, der ihm eine künftige Schwester so kurz vor dem Eintritt schnöde weggeschnappt.»89

Der gerade noch zur rechten Zeit gekommene Mann lässt ahnen, dass in der Interpretation des Autors dieser Zeilen die Ehe besser war als das Los, Diakonisse zu sein.90 Obwohl Ernst das Diakonissenwesen sehr unterstützte, sah er das wahre Glück einer Frau, die ihm nahestand, im Hafen der Ehe und nicht in einer Schwesternkongregation. Dies entspricht der bürgerlichen Vorstellung, in welcher die Heirat den Höhepunkt des Lebens einer Frau darstellte. Dabei war es, gerade im protestantischen Pfarrmilieu, die Liebesheirat, die propagiert und im Falle der Hochzeit von Johannes und Sophie in den Familienerinnerungen wiedergegeben wurde. «Die Vorstellung einer liebes-bezogenen Ehe und das Idealbild der auf die Schaffung einer häuslichen Intimsphäre verpflichteten Ehefrau und Mutter waren im protestantischen Pfarrmilieu allgemein verbreitet.»91

Sophie heiratete 1872, mit 28 Jahren, den um ein Jahr jüngeren Pfarrer und zog in das Pfarrhaus in Fehraltorf im Zürcher Oberland ein. Sophie zog von einem Pfarrhaus in das nächste und war bestens auf ihre Aufgabe vorbereitet. Auch brachte sie von ihrer Arbeit im Berner Diakonissenhaus einige praktische Erfahrungen mit. Eine perfekte Partie für einen jungen Pfarrer. So schrieb Johannes Schnyder in seinen Erinnerungen, die er während einer starken Gesichtsrose, deren Ausgang tödlich hätte sein können, niederschrieb: «Wie waltete sie still, fröhlich und allezeit geschäftig in ihrem neuen Wirkungskreise, liess mich lange Vereinsamten den vollen Segen einer trauten Häuslichkeit erfahren und war bemüht, auch Kranken und Gesunden in der Gemeinde wirklich etwas zu sein in freundlicher Teilnahme, herzlichem Helfen und Trösten, in mildem Zurechtleiten.»92

Johannes Schnyder wollte mit seiner Niederschrift seinen Kindern ein beeindruckendes Bild der früh verstorbenen Mutter zeichnen. Als er sich von seiner Krankheit erholt hatte, versammelte er seine Kinder um sich und las ihnen den Text vor. Das Bild, das sich bei den Kindern von ihrer Mutter festgesetzt hatte, war stark durch diese Schrift geprägt, die regelmässig am Todestag der Mutter verlesen und später an alle Kinder aus erster Ehe verschickt wurde.93 Das Bild Sophie Schnyders mag daher etwas verklärt sein. Sicher ist aber, dass der Pfarrer sich glücklich schätzte, dass sie wusste, wie sie ihren Mann «den vollen Segen trauter Häuslichkeit» erfahren lassen konnte. Die neue Pfarrfrau kannte ihre Aufgaben und wusste, welche Pflichten sie zu erfüllen hatte: Sie war die unermüdliche Helferin in der Gemeinde und im Pfarrhaus, an der Seite ihres Mannes. Wie dies Joris und Witzig zeigten, kann die Pfarrfrau als Mittelpunkt des Pfarrhauses gesehen werden: «In einem Pfarrhaus ohne Pfarrfrau fehlt nichts als die Hauptsache, und will es einen oft fast bedünken, es sehe so ein armes Haus aus wie ein Gesicht ohne Augen.»94

Die Allround-Aufgabe als Organisatorin, Pflegerin, Mutter, Haushaltsvorsteherin und Gehilfin im Schatten des Mannes wurde selbstverständlich vorausgesetzt und erwartet.95 Gleichzeitig schien es aber klar, dass, wer die Aufgabe bewältigte, eine ausserordentliche Leistung erbrachte. Das Lob Johannes Schnyders war insofern eine echte Bewunderung, wie die junge Frau ihre vielen Aufgaben «still und fröhlich» zu erledigen verstand.

«Im Pfarrhaushalt war Innen- und Aussenwelt nicht scharf getrennt; das Pfarrhaus war Wohn- und Amtshaus zugleich, öffentliche und private Sphäre flossen ineinander. Es behielt viele der Merkmale eines ‹Ganzen Hauses›, da alle Mitwohnenden in die dem Pfarrer zugeordneten Funktionen einbezogen waren. Vikare lebten in der Regel im Pfarrhaus und es gehörte zum Pflichtenbereich der Pfarrfrau, ihren Mann in seinen Aufgaben zu unterstützen.»96 Die für die bürgerliche Gesellschaft vorbildliche christliche Pfarrersfamilie lebte im Grunde genommen ein aussterbendes Modell: Der Mann und die Frau arbeiteten in einer Gemeinschaft unter einem Dach. Seine Stellung verlangte zugleich ihre Mitarbeit, ein dem bürgerlichen Ehemodell fremdes Muster. «Trotz der Unterschiede zwischen dem älteren Typus der bürgerlichen Familie, wie ihn der Pfarrhaushalt repräsentierte, und dem neueren Typus der Familie des sich konstituierenden ländlichen Bürgertums gab es schichtbedingte Ähnlichkeiten und gesellschaftliche Beziehungen zwischen diesen Familien. Wir finden Gemeinsamkeiten im Bezug auf die Ausbildung der Töchter, die akademische Berufsperspektive der Söhne, die Formen der Eheeinleitung, die Betreuung von Schwangerschaft und Geburt durch Ärzte statt Hebammen, die Tätigkeit der Frauen in der Öffentlichkeit, die Verantwortung der wirtschaftlich bedeutenden Männer und des Pfarrers in den lokalen Behörden.»97

Die Rolle, die die Pfarrersfrau und deren Töchter im Pfarrhaus spielten, war nicht ganz einfach. Denn sie mussten einem Ideal entsprechen, das den privaten Raum zum weiblichen Raum bestimmte, gleichzeitig waren sie aber immer auch öffentlich tätig. Als Vorbilder für eine bürgerliche Lebensführung waren sie im gläsernen Haus in ihrem privaten Leben ausgestellt. Sie lebten öffentlich und waren öffentliche Personen im eigentlich heiligen, privaten, häuslichen Umfeld. Ihre Aufgabe war es, den weiblichen Auftritt perfekt zu inszenieren.

So wird denn aus der oben zitierten Charakteristik von Sophie ihr Handeln mit lauter weiblichen Tugenden verbunden: sie war ernst und fröhlich, mild, herzlich und freundlich. Das Bild, das Johannes Schnyder von Sophie malte, entsprach ganz den Vorstellungen von Weiblichkeit, insbesondere derjenigen der Pfarrfrau. «Die Verknüpfung von Wohltätigkeit, Caritas im christlichen Sinn, Mütterlichkeit und Pflichten im Haushalt führen letztlich zu einem Konzept, das im Falle der Pfarrfrau mit ihren Pflichten in der Gemeinde besonderen Belastungen ausgesetzt ist.»98 Die mit diesen sanften Mitteln Wirkende hatte, fast dauernd schwanger, nebst ihren Kindern auch die ihm Haus weilenden Besuche zu versorgen, und nebst der Pflege von Kranken in der Gemeinde musste sie die Mägde anweisen. Eine oft schwierige Aufgabe, die von ihrem Mann als «Kreuz» dargestellt wurde, vor allem da Sophie Schnyder auch die «unedlen» Mägde «zurechtbringen» wollte. Das «Zurechtbringen» von «unedlen Mägden» habe sie als Probe verstanden, die ihr «von Gott zugewiesen» wurde.99 Dass sie nicht nur Sanftmut, sondern auch eine grosse Portion an Strenge und Autorität aufbringen konnte, wenn sie Dienstpersonal auf den rechten Weg bringen wollte (anstatt es zu entlassen), kann nur geahnt werden. Falls dem so wäre, liesse die Sprache Johannes Schnyders die starke und autoritäre Pfarrfrau an seiner Seite nicht zu.

DIE KINDER SIND EINE VON GOTT ZUGEWIESENE AUFGABE

Ein Jahr nach der Heirat kam das erste Kind zur Welt, dann in kurzer Folge vier weitere. «Ihre Kinder waren ihr von Anfang an nicht niedliches Spielzeug, sondern eine grosse, von Gott angewiesene Aufgabe.»100 Die Aufgabe bestand darin, die Kinder nach christlichem Vorbild und gemäss den seit Beginn des 19. Jahrhunderts propagierten Erziehungsmaximen zu formen. Wie schon weiter oben beschrieben, waren die Pfarrerskinder in besonderem Mass den Normvorschriften der bürgerlichen und der reformierten Gesellschaft verpflichtet. «Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung und Kontrolle der eigenen Sinnlichkeit galten als Voraussetzung zum Erlernen des bürgerlichen Tugendkanons. [...] Sie waren im bürgerlichen Milieu traditionell verankert. Strenge Pflichterfüllung und Sparsamkeit galten [...] in Anlehnung an die reformatorischen Arbeitsgebote und Luxusverbote als konstitutiv. [...] Dieses Erziehungsideal setzte Eltern voraus, welche aus innerer Überzeugung und nicht nur aufgrund materieller Notwendigkeit die Charakterstruktur ihrer Kinder formten. Nicht äussere Gewalt sollte die Kinder zum gewünschten Verhalten zwingen, sondern der verinnerlichte Normenkanon respektive das eigene gute oder schlechte Gewissen.»101 So waren die Selbstspiegelung und die Selbstbefragung im Gebet für die Kinder wichtig. Diese Erziehungsmaximen waren der jungen Mutter bekannt und vertraut. Wichtigste Voraussetzung war das leuchtende Vorbild der Mutter.102 Die Mutter musste also nicht nur die Kinder versorgen und sie vor allem Schädlichen bewahren, sondern auch ihre geistigen und geistlichen Fähigkeiten fördern.103 Ihr eigenes vorbildliches Leben allein aber genügte nicht. Erzählungen, Sprüche, Gebete und Lieder waren als Hilfsmittel, nebst Strafen, von unschätzbarem Wert. Die Kinder konnten nicht früh genug in die Glaubenswelt, die zugleich Vorbild und Gebot war, eingeführt werden. Gerade Geschichten waren dazu besonders geeignet. Sophie wusste vortrefflich zu erzählen, sodass ihre Kinder, wie Johannes Schnyder betonte, in der Welt der Bibel heimisch waren, die Gestalten des Joseph, Moses, Samuel vor ihren Augen lebten und ihnen Vorbilder waren: «Mit unwahrscheinlicher Kindlichkeit redete sie besonders vom ‹Heiland› so natürlich, so herzlich und vertrauend, so fern von aller gemachten Süsslichkeit. Aber auch andere Geschichten wusste sie in reichem Vorrat und sammelte sie neu zum Besten der geschichtenhungrigen Kinder. Manchmal sass ich dabei und hörte mit Verwunderung und Erbauung der Erzählerin zu; denn mit zarter Detailmalerei und fast ohne moralische Nutzanwendung verstand sie zu schildern, dass ich sehr wohl begriff, warum dies die Kinder so fesselte und wie gerade an diesem Erzählen eine erziehende Kraft lag.»104


20 Sophie Schnyder-Peyer, um 1875.

Wichtig waren die mütterliche Natürlichkeit und eine kindliche Art kombiniert mit der Fähigkeit, kunstvoll zu erzählen.105 Die vorbildliche Mutter schöpfte in den Erzählungen weiterer Vorbilder die Wirkungsmacht der religiösen Geschichten erzieherisch aus. Diese Fähigkeit war durchaus mit Vorwissen und Vorbereitung verbunden, denn die Mutter «sammelte» einen Vorrat an Geschichten. Die Überzeugung, dass etwas für Kopf und Herz sein müsse, damit es dem Kind einleuchte, war mit den Schriften Pestalozzis in bürgerlichen Häusern längst eingegangen. Johannes Schnyder, der selbst keine solche Jugend erlebt hatte und sich die Geschichten beim Lesen der Bibel selbst aneignen musste, schätzte die Fähigkeit seiner Gattin besonders. Es ist durchaus möglich, dass ihre Erziehungsformen auch für sein eigenes Schaffen Vorbildcharakter hatten.

Die Bildung von Sophie Schnyder-Peyer und ihre Herkunft waren wichtige Faktoren bei der Erziehung der Kinder. Ihr früher Tod lässt ihr Bild sehr ungenau, ihr ältester Sohn war sieben Jahre alt, als sie starb. Dadurch bleiben die fortwährenden Geburten die strukturierenden Ereignisse der Ehe von Sophie und Johannes. Die Darstellungen der Ehe von Sophie Peyer und Johannes Schnyder sind durchgehend ideal, fast modellhaft. Zu diesem engen partnerschaftlichen Verhältnis mag zusätzlich die soziokulturelle Stellung der Pfarrleute innerhalb der Gemeinde beigetragen haben. Ohne Verwurzelung in der Dorfgemeinschaft, waren die Pfarrleute oft aufeinander angewiesen. Die Beziehung im Pfarrhaus war, obwohl in einem fast öffentlichen Raum, gleichzeitig geprägt von Häuslichkeit und gefühlsbetonten Beziehungen. Dies wurde durch das Berufsmodell des evangelischen Pfarrhauses besonders gefördert: Partnerschaftliche Gespräche prägten das Verhältnis zwischen Pfarrfrau und Pfarrherrn. Sie war ihm nicht nur Gattin und Mutter seiner Kinder, sondern musste ihn in seiner beruflichen Aufgabe in der Gemeinde unterstützen und ergänzen.106

RELIGION, ERZIEHUNG, BILDUNG UND DIE POSITION DER ZWEITEN MUTTER

DIE RENTIERSTOCHTER WIRD LEHRERIN

Caroline Wyttenbach kam 1854 als fünftes Kind der Marie Thormann und des Rudolf Wyttenbach von Bern zur Welt. Marie Thormann, deren Vater aus dem Berner Patriziat stammte, jedoch wegen einer Mesalliance die Schweiz verlassen hatte, wuchs in der elterlichen Erziehungsanstalt in Bonn auf.107 Rudolf Wyttenbach stammte ebenfalls aus dem Berner Patriziat, bekleidete verschiedene Ämter in der Stadtregierung und war Rentier auf dem Landgut «im Hölzigen Ofen» im Weissenbühl.108 Zu den zwei ältesten Brüdern und den zwei älteren Schwestern von Caroline gesellte sich nach einem Jahr noch ein Mädchen, Rosa. Diese Schwester sollte Caroline ein Leben lang in besonderer Weise verbunden bleiben.109

Den ersten Unterricht erhielten die beiden jüngsten Mädchen zu Hause. Ein Zitat aus Rosa Walter-Wyttenbachs Lebenslauf macht sichtbar, dass insbesondere der Vater viel Zeit für den Unterricht der Kinder hatte: «Da er neben der Verwaltung des Landgutes nur wenige Geschäfte hatte, die seine Zeit in Anspruch nahmen, so widmete er sich beinah ausschliesslich uns Kindern. Er schaukelte uns oft auf den Knien, indem er die spassigsten Liedchen dazu sang; er erzählte uns auf Spaziergängen oder an langen Winterabenden Geschichten, er gab uns die ersten Unterrichtsstunden und wie und wo er uns eine Freude machen konnte, die uns in keiner Hinsicht schädlich war, so freute er sich am meisten darüber.»110

Trotz dem in Bern 1835 durch das Primarschulgesetz eingeführten Schulzwang waren die Wyttenbach’schen Kinder vom Primarschulunterricht entbunden. Ihre Eltern hatten sowohl Zeit als auch die nötigen Qualifikationen, zu unterrichten. Dies war ein Privileg, war der Unterricht in den Primarschulklassen wegen fehlender Klassenbegrenzung und fehlender Minimalbesoldung des Lehrpersonals doch oft mangelhaft.111

Die Sekundarschule besuchten Caroline und ihre Schwestern in der Stadt. Der Schulweg war ein abenteuerlicher Freiraum: «So erzählte uns unsere Mutter z. B. oft und gern vom Kriegsjahr 70, als ein Teil der Bourbaki-Armee, in die Schweiz abgedrängt, in entsetzlich verwahrlostem Zustand in Bern lag, und wie sie sich gefürchtet hätten vor den elenden Hunger- und Krankheitsgestalten, an denen sie vorbeizugehen genötigt gewesen waren.»112

Der Zugang zur öffentlichen Schule bedeutete für sie nicht nur Ausbildung, sondern öffnete auch unbeaufsichtigte Freiräume, in welchen sie andere Welten entdecken konnten. «Den meisten bürgerlichen Mädchen boten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allein der Schulweg und der Weg in die Klavierstunde eine kleine Möglichkeit, die Stadt zu erkunden. Hier zeigt sich die Institutionalisierung der Mädchenbildung in einer neuen Bedeutung.»113

Die Wohnsituation auf dem grossen Landgut am Stadtrand und die Musse der Eltern verschafften den Kindern im Hause Wyttenbach relativ viele Freiheiten. So beschrieb die jüngste Schwester, Rosa, in ihrem Lebensbild der Jugendzeit ihrer älteren Schwester Julie, wie die Strafe bei einem Streich der etwas auffälligen Tochter «gelinde» ausfiel, auch wenn die Eltern dabei ihr ganzes Programm ändern mussten: «In der Schule fürchtete es [Julie, Anm. A. S.] sich ein wenig vor den gewandteren Mitschülerinnen und warb um ihre Liebe. So kam es, dass es einmal einige von ihnen einlud ins Wyssenbühl. Als die anderen davon hörten, bettelten sie auch mitkommen zu dürfen und so lud es schliesslich aus Gutmütigkeit die ganze Klasse ein, vergass aber der Mamma etwas davon zu sagen. Sie war daher nicht wenig erstaunt, als am nächsten schulfreien Nachmittag eine Menge festlich gekleideter Mädchen erschienen. Mit einem Festmahl konnte man ihnen nicht aufwarten, aber auf unserem schönen Gut gab es für Stadtkinder der Freuden genug und so zogen alle hochbefriedigt wieder heim und die Strafe für die kleine Julie, welche so viele beglückt hatte durch ihren Streich, fiel gelinde aus.»114

Die Wyttenbach’schen Töchter hatten in der Schule eine Sonderposition: Eine Einladung auf das Gut war so attraktiv, dass die Mädchen auf eine Einladung Julies, die ein Sonderling und etwas zurückgeblieben war, sofort eingingen. Das fehlende Festmahl wurde nicht beanstandet, da das Gut an und für sich eine Attraktion für die «Stadtkinder» war. Die Mutter versuchte die Mädchen nach modernen Erziehungsvorstellungen, wie Rosa es beschrieb, «mehr mit Liebe als mit Strenge zum Gehorsam zu bringen. Sie liess uns viel Freiheit, und noch jetzt, da sie längst gestorben, hab ich’s von Verwandten bedauern und rügen hören, dass wir zu zügellos aufgewachsen seien.»115 So übten sich die Mädchen im Garten an Reck und Barren und spielten wilde Pferde.116 Diese Freiheiten nahmen mit dem Tod des Vaters Rudolf Wyttenbach ein schnelles Ende. Das Landgut musste verkauft werden, und die Witwe zog mit ihren Kindern in die Stadt, wo ein «würdiger aber strenger Vormund» die Familienangelegenheiten leitete.117 Von nun an war Sparsamkeit angesagt. So wurde den beiden jüngsten Töchtern Caroline und Rosa nach deren Konfirmation 1870 nahegelegt, «dass sie, um einst ihr Brot selbständig verdienen zu können, am besten den Lehrerinnenberuf ergreifen und in die Neue Mädchenschule, dem derzeitigen Seminar, unter Direktor Schuppli stehend, eintreten sollten. Der Schritt fiel den etwas verwöhnten Mädchen nicht gar leicht.»118

Für die Töchter aus dem alten Berner Geschlecht, die eine privilegierte Kindheit erlebt hatten, war es gewöhnungsbedürftig, einen Beruf erlernen zu müssen. Hier hatte wohl der oben erwähnte strenge Vormund dafür gesorgt, dass das Familienerbe von den vier unverheirateten Töchtern nicht zu sehr strapaziert wurde. Während bei Töchtern des gehobenen Mittelstandes der Beruf der Lehrerin als eine gute Ausbildungs- und Berufsmöglichkeit galt, wurde eine Berufsausbildung für eine junge Dame der Oberschicht im ausgehenden 19. Jahrhundert als unschicklich angesehen.119 Dass der Eintritt ins Seminar den Mädchen nicht leicht fiel, wie im Lebenslauf betont wurde, mag damit zusammenhängen, dass sie sich mit diesem Schritt weg von den Privilegien der Oberschicht hin zum Mittelstand bewegten.

Die Seminarzeit an der Neuen Mädchenschule wurde für Caroline zu einem Schlüsselerlebnis. Hier erlangte sie die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten für den Beruf der Lehrerin – wie es im Primarschulgesetz von 1835 verlangt wurde, «vorzüglich aber die für das weibliche Geschlecht unentbehrliche besondere Bildung des Gemütes und sittliche Richtung».120 Die «besondere Bildung des Gemütes» und die «sittliche Richtung» der jungen Frauen lagen dem langjährigen Vorsteher der Neuen Mädchenschule, Melchior Schuppli, besonders in Kombination mit einer soliden pädagogischen Ausbildung am Herzen. Die Frauen wurden im Seminar nicht zu schöngeistigen jungen Damen geformt, sondern sie lernten durch hartes Studium und einen durch Andachten und Gebete streng geregelten Tagesablauf diszipliniertes Auftreten als vorbildliche Lehrerinnen ihrer späteren Zöglinge. Das Motto Schupplis, das er auch über dem Neubau der Neuen Mädchenschule anbringen liess, lautete «ora et labora».121 Schuppli prägte das 1852 gegründete Seminar von 1869 bis 1894 nachhaltig. Wie Johannes Schnyder, aus einfachen Verhältnissen im Kanton Thurgau stammend, konnte er dank Unterstützungen das Lehrerseminar in Kreuzlingen besuchen: «Da lernte man Gottesfurcht, bescheidene, anspruchslose Arbeit, da atmete man den Geist Pestalozzis und lernte verstehen, dass die dienstwillige, aufopferungsfähige Gesinnung vor allem den guten Lehrer macht.»122 Schuppli wurde zunächst an die Sekundarschule Bischofszell berufen, danach an die Realschule in St. Gallen. Nach einem Abstecher als Direktor der Stickfabrik Rittmeyer in Bruggen, wo er gehofft hatte, «ein Stück sozialer Frage zu lösen»,123 wurde er an die Neue Mädchenschule in Bern berufen, wo er von nun an waltete. Unter Schuppli wurde der Neubau der Mädchenschule durchgeführt, das Seminar wuchs, es wurde eine Übungsschule im gleichen Schulhaus angelegt, wo die Lehrerinnen ihr Wissen in die Praxis umsetzen konnten. Er zeichnete sich aus als ein Pädagoge, der an das Gute im Kind glaubte: «Deshalb wollte er auch mehr Lob als Tadel angewendet wissen, und Strafen, besonders solche, die irgendwie das Ehrgefühl des Kindes herabsetzen konnten, waren ihm zuwider. Nie konnte er so eifrig, ja sarkastisch werden, als wenn er solches Vorgehen zu rügen hatte. In seiner Weise wusste er dann seinen Grundsatz ‹suche den Fehler immer zuerst bei dir selbst› ins Gemüt zu legen.»124 Gleichzeitig waren Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiss seine Losungsworte, Ungehorsam konnte er «niederschmetternd» in Worten und Liebesentzug bestrafen.125 Dies war umso effektvoller, als es zum Selbstverständnis Schupplis gehörte, «seinen Lehrerinnen auch in Privatangelegenheiten, so weit sie ihn ins Vertrauen zogen, ein väterlicher Freund und Berater zu sein».126

Erst nachdem Caroline das Lehrerinnenpatent erworben hatte, wurde sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester in ein Pensionat in Aubonne geschickt. Danach war sie, wie auch ihre Schwester, als Erzieherin in Familien in Deutschland tätig. Es geht aus den Quellen nicht hervor, weshalb die beiden Töchter nicht als Primarschullehrerinnen arbeiteten, sondern als Privatlehrerinnen in Familien. Beide kehrten in die Schweiz zurück, als ihre Mutter im Sterben lag. Nun begannen sie an der Übungsschule bei Schuppli zu unterrichten. Caroline wohnte nach dem Tod der Mutter während vier Jahren mit ihren zwei Brüdern und ihren drei Schwestern als erwerbstätige Lehrerin in der Familienwohnung in Bern. Das Zusammenleben der erwachsenen Geschwister gestaltete sich nicht einfach, wie sich Schwester Rosa erinnerte: «Wir hatten jetzt nur noch ein Geschwisterheim; der Zusammenhalt und Rückhalt fehlte und die Brüder waren in einem Alter, wo sie sich von der älteren Schwester Marie, die nun an der Spitze des Haushaltes stand, nichts mehr sagen liessen und es stand bei ihnen nicht alles wie es sein sollte. Nach einigen Jahren des Zusammenlebens der Geschwister mussten wir uns trennen; unsere Wege führten auseinander.»127

Die Tatsache, dass die sechs Geschwister zu diesem Zeitpunkt alle noch nicht verheiratet waren und dass sie alle gemeinsam unter der Leitung der ältesten Schwester lebten, wird nirgends als eigenartig beschrieben.128 Die Beziehungen zu den Schwestern Rosa und Julie blieben im Leben Carolines bis zuletzt wichtigste Stützen. In die von Rosa beschriebene schwierige Zeit des Geschwisterhaushaltes fiel Direktor Schupplis Heiratsvermittlung für Johannes Schnyder. Ob die Lehrerin den Vorsteher über ihre Wohnverhältnisse ins Vertrauen gezogen und ihn um Rat gefragt hatte oder ob Schuppli Caroline aus eigener Initiative den Vorschlag machte, den um zehn Jahre älteren Pfarrer zu heiraten und dessen fünf Kindern eine neue Mutter zu werden, wird nirgends überliefert. Schuppli ging aber als eine wichtige Figur in Carolines Leben ein: «Sie hatte eine solch tiefe Ehrfurcht vor Direktor Schuppli, dass wir Kinder das Bild des Schulmannes, das in unserer Stube hing, stets mit Respekt betrachteten. Mutter sagte, sie verdanke ihm unendlich viel und sie sei mit den schwersten Fragen ihres Lebens zu ihm gegangen und hätte immer die richtige Weisung empfangen.»129

Das Auseinanderfallen des Geschwisterhaushaltes wird in der Darstellung Rosas zum ausschlaggebenden Punkt, sich zu verheiraten – alle mussten einen eigenen Weg gehen. Die Anfrage Johannes Schnyders kam in dieser Darstellung für Caroline zum richtigen Zeitpunkt. Zugespitzt formuliert könnte man sagen, Caroline und Rosa gaben ihren Beruf für die Ehe auf, weil sie kein Zuhause mehr hatten, das ihnen die Rolle der «Tochter» oder «Schwester» erlaubte.130 Eine Heirat war in jedem Falle zu begrüssen, sah doch der bürgerliche Normenkodex die wahre Bestimmung der Frau in ihrer Rolle als Gattin und Mutter. Die Möglichkeit, einen Pfarrer zu heiraten, war für berufstätige Lehrerinnen attraktiv, da diese Aufgabe nicht nur prestigeträchtig war, sondern auch einen grossen Teil an öffentlicher Arbeit beinhaltete.131 So heirateten beide jüngeren Schwestern Wyttenbach einen Pfarrer, während die älteste, Marie, in das Diakonissenhaus in Bern eintrat. Julie zog nach einer Zeit bei Verwandten in den Haushalt ihrer Schwester Caroline. Die Heiratsvermittlung Caroline Wyttenbachs war Anlass für verschiedene Familienerzählungen. Die oben zitierte Darstellung Rosas fehlte in den mündlichen Überlieferungen gänzlich.

DIE NEUE FRAU PFARRER ALS BEGABTE PÄDAGOGIN

«An einem August-Sonntag des Jahres 1881 sagte uns der Vater, am Abend werde er uns eine Geschichte erzählen. Wir fragten: ‹Ist sie noch schöner als die Geschichte ,Rosa von Tannenburg’?› ‹Ja!›. Die Geschichte bestand in der Mitteilung, dass wir bald eine neue Mutter bekämen [...]. Grosser Jubel!»132

In den Erinnerungen der Geschwister Schnyder wird die Wiederverheiratung des Vaters immer wieder als Glücksfall beschrieben. Die Kinder waren froh, dass sie «eine neue Mutter» erhielten und damit das so genannte Interregnum, wie sie es später nannten, vorbei war.133 Die Hochzeit von Johannes und Caroline Schnyder-Wyttenbach wurde in Olten gefeiert, das Paar machte daraufhin eine Hochzeitsreise, wohl, um sich ohne Kinder etwas näher kennenlernen zu können. In Zofingen schien die junge Pfarrfrau mit ihren fünf Kindern Aufsehen erregt zu haben, so beschrieb Lilly, wie man die Köpfe nach ihnen umdrehte, wenn sie mit «der neuen Mama» durch das Städtchen gingen, was dem kleinen Mädchen gefiel.134 Während die Quellen vielfach bekunden, dass Caroline bald Zugang zu den Herzen der fünf Kinder fand,135 sind die wenigen Beschreibungen der Beziehung der Eltern etwas kühl. Betont wird, dass der Pfarrer Caroline sehr dankbar war, da sie nicht nur seinen Haushalt wieder zu einem Ganzen zusammenfügte und für die Kinder an die Stelle der verstorbenen Mutter trat, sondern auch seine Familie weiter wachsen liess.136

Für Caroline Wyttenbach musste der Schritt in die Ehe eine grosse Umstellung bedeutet haben: «Diesen wichtigen Schritt in eine ganz neue Lebenssphäre tat sie im Vertrauen auf Gottes Beistand und Hülfe im Jahr 1881 im Oktober. Sie gewann bald die Herzen der zwei Knaben und der drei Mägdlein, die ihr anbefohlen waren und gab sich redlich Mühe, sich in dem grossen Haushalt, der viele Anforderungen an ihre nur geringen Hausfrauenkenntnisse stellte, zurechtzufinden. Darin unterstützte sie eine aus dem elterlichen Haushalt in Bern übernommene goldtreue Magd.»137

«Gottes Beistand und Hülfe» waren von grosser Wichtigkeit bei ihrer Aufgabe, musste sie doch die erst vor einem Jahr verstorbene Frau Johannes Schnyders ersetzen, die mit ihrer Aufgabe im Pfarrhaus vertraut gewesen war. Zudem hatte die Organisation des Haushaltes im Leben Carolines bisher keine Wichtigkeit gehabt. Trotzdem wurde in mündlichen Familienerzählungen immer betont, Caroline sei glücklich gewesen, einen ‹Grossbetrieb› mit fünf Kindern übernehmen und weiter als Pädagogin wirken zu können. Ihre Kinder (gemeint sind die Schulkinder) hätten ihr sonst gefehlt.»138 Die Aufgabe, die Caroline als Mutter und Erzieherin bekleidete, ist diejenige, die in den Quellen immer wieder beschrieben wurde. Möglich ist, dass sie sich selbst vor allem in dieser Aufgabe verstand, als sie die fünf Kinder des Pfarrers Schnyder übernahm. Das weiter oben zitierte Bild des Seminardirektors Melchior Schuppli, das in der Wohnstube hing und den Kindern Respekt einflösste, erweckt den Eindruck, Caroline habe in seinem Sinn und unter seinem Schutz im Pfarrhaus weitergewirkt. Schuppli, der grosse Vertraute, schaute der jungen Pfarrfrau täglich aus dem Bilderrahmen zu.


21 Caroline Schnyder-Wyttenbach, um 1882.

Die Position Carolines an der Seite Johannes Schnyders war keine einfache. Während von Sophie Schnyder-Peyer bekannt ist, wie sie ihren Mann in seiner Arbeit unterstützte, wird dieser grosse Aufgabenbereich bei Caroline seltsam ausgespart. Eine der wenigen Quellen, die den Pfarrer und seine zweite Frau als Paar sichtbar machen, findet sich in Sophies Erinnerungen an den Vater: «Im Sommer sassen Papa und Mama oft im Garten unter dem grossen Kastanienbaum und wenn wir nah kamen, trieb er uns mit seiner Cigarre, deren Rauch er uns ins Gesicht blies, in die Flucht, die unter viel Gelächter geschah.»139

Dieses Bild, welches ganz dem Pfarrhausidyll der Romantik entspricht, wo sich Pfarrer und Pfarrfrau ebenbürtige Partner sind, die im Gespräch regen Austausch haben,140 fehlt in fast allen Quellen der Kinder. Ernst verfasste zum Geburtstag Carolines 1916 das «Lebensbild eines lieben Entschlafenen». Als ältester Sohn und Vertrauter des Vaters betonte er, die Beziehung des Vaters zu seiner ersten Frau und deren Ehejahre in Fehraltorf seien die wohl glücklichsten Tage seines Lebens gewesen. Dagegen nimmt sich die Darstellung, wie es zur zweiten Ehe kam, eigenartig spärlich aus: «Wie der Herr Pfarrer zu seiner Frau kam, wissen wir nicht mehr so genau, item, es war eine liebe, verständige Mutter, die im Oktober im Pfarrhaus Zofingen Einzug hielt und die 5 Waislein warm ins Herz schloss.»141


22 Die Kinder Hans und Lilly (stehend) und Hedwig, Hanna, Söphy, Ernst mit dem Brüderchen Paul (sitzend), Zofingen um 1885.

Ernst, der später in seinen Memoiren die Botschaft des Vaters, es komme eine neue Mutter, als Freudenbotschaft beschrieb und die Vermittlung Schupplis ausführlich darstellte, wusste 1916 noch nicht, wie sein Vater seine zweite Frau kennengelernt hatte. Die Vermittlung Schupplis wurde erst im Nachhinein, wohl von Caroline, erzählt. So wird auch im Nekrolog des Vaters nur erwähnt, dass Johannes Schnyder in Caroline eine treue Lebensgefährtin und gute Mutter für die Kinder gefunden habe.142 Auch in Lillys Lebensbild des Vaters, das kurz nach dessen Tod entstand, kam die zweite Frau des Vaters nicht über die Position der verständigen Mutter hinaus. Zusätzlich betonte Lilly, der Vater habe das Bild von Sophie Schnyder-Peyer nach dem Einzug Carolines bei den «Grossen» über die Betten gehängt und sie dazu angehalten, ein warmes Andenken an ihre verstorbene Mutter aufrechtzuerhalten.143 Die älteren Kinder verband etwas mit dem Vater, das er nicht mit seiner neuen Frau teilen konnte oder wollte. Diese Symbiose drückt sich auch im von den Kindern immer wieder zitierten Gang an der Hand des Vaters aufs Grab der verstorbenen Frau aus: Bevor Johannes Schnyder zur Hochzeit nach Olten fuhr, sei er mit seinen Kindern auf das Grab der Mutter gegangen und habe mit ihnen dort gesungen. Seit da, so schreiben Ernst, Lilly und Sophie, habe man sich jedes Jahr gemeinsam beim Grab der Verstorbenen versammelt. Der Vater schien selbst sehr intime Bereiche innerhalb des Hauses weniger mit seiner Frau gepflegt zu haben, als man dies erwarten könnte: So schlief der oft unter Kopfweh Leidende nach Lillys Aussage in den letzten Jahren in Zofingen bei seinen älteren Kindern im unteren Stock, da es auf der Etage des Elternschlafzimmers, wo sich auch die Kleinen befanden, unruhig war.144 Ähnlich berichtete Sophie, dass der Vater das Zimmer mit seinen Söhnen teilte und oft abends noch bei den nebenan schlafenden grossen Mädchen, zu denen sie als Älteste auch zählte, gute Nacht sagte, sie tröstete oder ihnen Wasser brachte.145 Zudem schrieb Sophie ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter ihrem Namen zu, welcher den Vater an seine verstorbene Frau erinnerte.146 Eine Enkelin Johannes Schnyders meinte: «Was ich meinem Grossvater fast nicht verzeihen kann, ist, dass er an seiner Abschiedspredigt in Zofingen verkündete: ‹Hier ruht das Weib meines Herzens›, während Caroline mit ihren Kindern in der ersten Reihe, unter der Kanzel sass.»147 Das Fehlen von Beschreibungen eines partnerschaftlichen Verhältnisses von Caroline und Johannes, das zur notwendigen Lebensbewältigung in grossen Pfarrhäusern gehörte, verweist darauf, wie schwierige Situationen durch das Nicht-Beschreiben ausgespart und verwischt wurden.148

Caroline Schnyder trat nicht nur eine anspruchsvolle Aufgabe an, sondern heiratete auch in eine emotional schwierige Situation hinein. Sei es, dass der Pfarrer sich der neuen Frau gegenüber distanziert verhielt, sei es, dass die Kinder sich vor allem an den Vater schlossen, oder beides; für die junge Frau, die in ihren ersten Ehejahren fast ununterbrochen schwanger war, musste das neue Leben im Pfarrhaus in Zofingen hart gewesen sein.

Damit Caroline die Aufgabe der Haushaltführung und der Kinderbetreuung bewältigen konnte, zog sie die Hilfe einer Haushälterin und – nachdem sie in kurzer Folge zum zweiten Mal schwanger wurde – die Hilfe ihrer Schwester Julie bei. Damit konnte sie einen Teil ihrer eigenen Familie in den fremden Haushalt mitnehmen und sich emotional etwas Sicherheit verschaffen. Der Wegzug vom Herkunftsort, wo ihr Name und ihre Verbindungen ihnen eine gewisse Position verschafften, war gerade für Frauen, die aus einer höheren gesellschaftlichen Schicht kamen, oft schwer zu verkraften.149

Julie und Meieli, die beiden ledigen Frauen im Haushalt, waren «ganz zur Familie gehörig» und «zwei nicht zu verachtende erzieherische Faktoren im Familienleben».150 Die Haushälterin Meieli fing das fehlende haushälterische Wissen Carolines auf. Die treue Bedienstete arbeitete seit ihrem 15. Lebensjahr für die Familie Wyttenbach. Ihr Umzug ins Pfarrhaus in Zofingen schien nach der Auflösung der Geschwisterwohnung in Bern selbstverständlich. Ohne die erfahrene Haushälterin wäre die Arbeit für Caroline wohl kaum zu bewältigen gewesen. Während Sophie Schnyder-Peyer die Dienstmädchen in ihren Aufgaben betreute und sie gar noch zu erziehen suchte, wurden die Angestellten nun der Haushälterin Meieli zur Seite gestellt: «Meieli hielt die jungen Mädchen, die ihr zur Hilfe beigegeben waren, in strammer Zucht.»151

Julie, die Schwester, die nach der Auflösung des Geschwisterhaushaltes «etwas unglücklich» bei einer Cousine wohnte, wurde zur Haustante, die im oberen Stübli im grossen Pfarrhaus wohnte und Zeit für die Kinder hatte:152 «Sie wurde so recht der Chummerghülf für das kleine Volk. Mit allen Bobo und Wehwehs kam man zu ihr; sie hatte in ihrem Zimmer die reinste Puppenklinik u. ihrer Kunst wurde von der kleinen gläubigen Gemeinde die unglaublichsten Dinge zugetraut. Tante Julie konnte alles wieder heilen und ganz machen, das war ein grosser Trost.»153

Für Julie bedeutete dies, sich in einem neuen Haushalt einzuleben. Die Aufgabe, die sie übernahm, kam der eines Kindermädchens gleich: Sie machte Spaziergänge mit den Kindern, betreute sie beim Spiel und war daneben für das Stricken von Strümpfen und Socken zuständig.154 Inwiefern Julies Abhängigkeit als quasi Angestellte im Pfarrhaushalt ausgenützt wurde, kann nicht beurteilt werden. Julie sorgte nicht nur für die Kinder ihrer Schwester, sie bezahlte auch für ihr Stübchen regelmässig Logiskosten: «Eine ältere Schwester unserer Mutter stellte als Familientante ihre Kräfte und ihre pekuniäre Hilfe zur Verfügung; denn bei dem relativ kleinen Pfarrgehalt und einer so vielköpfigen Familie hiess es sparen.»155

Aus verschiedenen Quellen wird klar, dass das Geld Julies ein wichtiger Faktor in der Haushaltrechnung der Pfarrfamilie war. Weshalb Julie über Geld verfügte, wird nirgends erwähnt. Eventuell war sie, da sie als etwas behindert galt und keinen Beruf erlernt hatte, von den Eltern mit einem grösseren Erbe ausgestattet worden.

Mit dem Einzug der neuen Mutter hatte sich für die Geschwisterschar der Kreis der direkt zur Familie Gehörenden gewaltig geweitet. Julie und Meieli lebten zusätzlich im grossen Haushalt. Die Schwester Rosa, die in Augsburg mit einem Pfarrer verheiratet war, jedoch kinderlos blieb, kam bei allen Schwierigkeiten, bei Geburten und während der Ferienzeit zu Caroline. Gleichzeitig blieben die Kontakte zur Familie von Sophie Schnyder-Peyer bestehen und bildeten einen wichtigen Bestandteil des Verwandtenkreises, vor allem im Beziehungsnetzwerk der Kinder aus erster Ehe.

Die besondere Begabung und Aufgabe Carolines war die Erziehung der Kinder. Sie pflegte die Kleinen, sie förderte die Grösseren, und sie war, gemeinsam mit ihrem Mann, zuständig für die Schulbildung und für die Karriereplanung der Kinder. Der Einfluss der Mutter war – dank ihrer Berufsbildung und ihrer Erfahrungen in der französischen Schweiz und in Deutschland – schon zu Lebzeiten ihres Mannes wirkungsmächtig: Ihre Stieftochter Lilly besuchte noch unter Schuppli die Neue Mädchenschule und Hanny ebenda das Kindergärtnerinnenjahr. Caroline war auch Beraterin ihrer Stiefsöhne in Lerntechniken: So gab sie ihrem Ältesten im ersten Studienjahr in Neuchâtel regelmässig Tipps, wie er sich das Französische am schnellsten aneignen könne, und korrigierte die französischen Briefe ihrer im Welschland weilenden Söhne und Töchter. Nach dem Tod Johannes Schnyders blieb Caroline Schnyder bei Fragen der Berufsbildung und der Karriereplanung erste Ansprechpartnerin für die Kinder.


23 Familie Pfarrer Schnyder-Wyttenbach, Zofingen um 1891. Stehend: Hanna, Lilly, Rosa Walter-Wyttenbach, Julie Wyttenbach, Hedwig und Hans. Sitzend: eine Magd mit Gertrud auf dem Schoss, Caroline Schnyder-Wyttenbach, Johannes Schnyder, Sophie. Vorne: Martha, Karl, Rosa.

Während die Aufgaben Carolines als Mutter und Erzieherin in allen Quellen beschrieben werden, ist nur ganz wenig über ihre Tätigkeiten als Pfarrfrau, die ihrer Stellung nach vielfältig sein mussten, bekannt. Sicher rechnete Johannes Schnyder mit der Hilfe seiner Frau Caroline in der Gestaltung des Kirchengesangs. So übte sie die Lieder für die Morgen- und Abendandacht erfolgreich mit ihren Kindern ein und begleitete während der Andacht die Familie.156 Diese Aufgabe hatte innerhalb der Gemeinde durchaus ihre Wichtigkeit, bildete doch die Pfarrfamilie eine Art festen Bestandteil des Kirchengesangs während der Predigt.157 Ob sie Sonntagsschule unterrichtete, Orgeldienste übernahm oder im Missionsverein tätig war, ist nirgends belegt.

Im Bürgerarchiv Bischofszell ist festgehalten, dass Frau Pfarrer Schnyder von 1894 bis 1906 das Amt der Präsidentin des Frauen-Arbeitsvereins bekleidete. Der «zum Zweck der Wohlfahrt und Erziehung von Arbeiterfrauen» gegründete Verein entsprach den im ausgehenden 19. Jahrhundert vermehrt aufkommenden Bestrebungen bürgerlicher Wohlfahrtseinrichtungen, Arbeiterinnen durch Nähkurse, Haushaltskunde und Hygiene Anweisungen für eine gute Haushaltsführung zu geben.158 Wie sie in ihrem Amt von den Frauen in Bischofszell verstanden wurde, beschrieb die Dichterin des 1898 verfassten Jubiläumspoems an die Präsidentin:

«Beim festlichen Anlasse, der uns zusammenführt,

Wohl hohe Anerkennung der Präsidentin heut gebührt.

Wie hat sie mit Gewissenhaftigkeit

Zur Zeit den Jahresbericht bereit,

Er athmet soviel Lieb und Herzlichkeit

drum sei ihr inniger Dank geweiht

Sie kennt wohl am Besten die Not der Armen

Sie suchen ja im Pfarrhaus Erbarmen

Drum ist ihr Herz so gerne dabei

Dass doch die Not gelindert sei.

Möge Gott ihr treues Wirken

Vor jedem Missgeschick behüten

u. stets auf ihrem edlen Thun

Der reichste Gottessegen ruhn.»159

Die erste Aufgabe der Präsidentin war es, den Jahresbericht pünktlich abzugeben. Auf diesen bezieht sich auch die Liebe und Herzlichkeit der Pfarrfrau. Dagegen wird etwas vage davon ausgegangen, dass die Pfarrfrau die «Not der Armen», die im Pfarrhaus um Hilfe suchten, «wohl» am besten kennen müsse. Ihre Aufgabe verstand man darin, Not zu lindern. In den Familienquellen wird nicht klar, wie Caroline in der Gemeinde Bischofszell waltete. Aufgaben wie die des Amtes der Präsidentin des Frauen-Arbeitsvereins gehörten zum Berufsprofil der Pfarrfrau. Die zu diesem Zeitpunkt mit einem Baby, drei Kindern unter zehn Jahren und mehreren Jugendlichen beschäftigte Mutter, die im Pfarrhaus nicht nur den Haushalt zu organisieren, sondern auch seelsorgerische Auffangstation des Städtchens zu sein hatte, musste verschiedene solche Ämter bekleidet haben. Im Nekrolog Carolines findet sich kein einziger Hinweis auf ihre wohltätigen Ämter. Das mutet eigenartig an, vor allem, da sie über den Tod ihres Mannes hinaus das Amt der Präsidentin des nicht unbedeutenden Frauenvereins bekleidete.


24 Caroline Schnyder-Wyttenbach, um 1930.

So bleibt das Bild der begnadeten Pädagogin und liebenden Mutter in allen Familiendarstellungen eigenartig rein von pfarrfraulichen Beschäftigungen, ihr Arbeitsumfeld wurde erst nach genauem und mehrmaligem Lesen der Quellen und unter Einbezug familienexterner Quellen sichtbar. Ob dies daran lag, dass Caroline Schnyder-Wyttenbachs Aufgabe als Pfarrfrau mit dem frühen Tod des Gatten endete? Zehn Jahre ihres Lebens war sie Lehrerin, 20 Jahre wirkte sie als Pfarrfrau und Mutter, 30 Jahre lang war sie Mutter und blieb die verwitwete Frau Pfarrer im Städtchen.

Der Tod Johannes Schnyders 1901 rief für die Familie, im Besonderen aber für Caroline eine existenzielle Krise hervor. Die Amtswohnung musste aufgegeben werden, das Einkommen wurde schmal, der Status als öffentliche Figur in einem öffentlichen Amt – dem der Pfarrfrau – endete offiziell durch den Tod des Gatten. Da das Pfarrhaus direkt mit dem Amt des Pfarrers zusammenhing, musste es mit dem Tod des Pfarrers für den nächsten Beamten frei gemacht werden. Dies bedeutete für die Familie einen aufwändigen Umzug: Zum Haushalt gehörten die Kinder Walter, 4-jährig, Paula, 10-jährig, Gertrud, 12-jährig, Karl, 13-jährig, Martha, 14-jährig, Rosa, 16-jährig, und Lilly, die 27-jährige Lehrerin. Zusätzlich im Haus wohnten Tante Julie, Meieli, die Köchin sowie ein Zimmermädchen. Das waren elf Personen, sechs Kinder, drei erwachsene Frauen und zwei Hausangestellte. Dieser grosse Haushalt zog nun in eine Mietwohnung. Als «männliche Stütze» übernahm Hans in Bischofszell das Amt des Posthalters.160 Das Hauswesen Carolines, zeitweise unterstützt durch ihre Schwester Rosa, war ein von Frauen bestimmter Raum. Die erwachsenen Töchter, von welchen regelmässig zwei bis drei zu Hause weilten, unterstützen das Bild eines fast ausschliesslich durch Frauen geprägten Haushaltes.

Caroline Schnyder blieb in engem Kontakt mit der neuen Pfarrfamilie und wurde weiterhin von vielen Bischofszellern als «Frau Pfarrer Schnyder» für Rat und seelsorgerische Hilfeleistungen gefragt. In ihrer Wohnung führten die Töchter Turnstunden für Arbeiterinnen durch,161 hier auch wurden Weiterbildungskurse angeboten. Obwohl der Tod ihres Mannes den Verlust des prestigeträchtigen Hauses bedeutete, blieb Caroline Schnyder selbst eine Respektsperson.

GEBURT UND TOD ALS MASSGEBENDE ERLEBNISSE

Die beiden Frauen von Johannes Schnyder brachten sechs respektive acht Kinder zur Welt. Geburten waren für sie prägende und einschneidende Erlebnisse. Die Geburt war freudiges Ereignis und bedrohliche Situation zugleich. Geburt und Tod lagen als Erfahrungen eng beieinander, wie es die Folge der Wochenbetten von Sophie Schnyder in der Beschreibung ihres Mannes sichtbar macht: «Segenszeiten ganz besonderer Art waren für uns beide ihre zwei langen Krankheiten vom April bis im Juli 1875 nach der Geburt Hedwigs und wieder von Hans. Beide Male war sie am Rand des Grabes, von den Ärzten aufgegeben, beide Male empfing ich sie von den Toten wieder aus der Hand Gottes, der da hilft und auch vom Tode errettet. Wir hättens nicht für möglich gehalten, dass wir uns lieber gewinnen könnten und doch kam in dieser Trübsal noch ein innigeres Zusammenleben als je zuvor zu Stande und verlebten wir in der Züchtigung selige Stunden, an die wir uns später nie anders als mit Freude und Dank erinnerten. [...] Entgegen der bestimmten Aussage der Ärzte wurde sie wieder völlig gesund und war überglücklich, als ihr ein zweiter, so recht gesunder Knabe, Hans, geschenkt wurde, am 29. August 1877, dessen liebliches Aufblühen und dessen herzliche Fröhlichkeit waren ihr unendlich viel Freude.»162

Betrachten wir die Zeitspanne von Sophies und Johannes’ Ehe, um die schnelle Folge der Geburten sichtbar zu machen: Nach der Hochzeit 1872 wurde die junge Pfarrfrau bald schwanger und brachte 1873 Ernst zur Welt, nur ein Jahr später die Tochter Lilly und noch einmal ein Jahr später, 1875, Hedwig. Von dieser Geburt erholte sich Sophie nur schwer. Nach drei Jahren fast dauernder Schwangerschaft wurde ihr nun eine Pause von einem Jahr gegönnt, bevor sie wieder schwanger wurde und 1877 Hans gebar, nach dessen Geburt die nun 33-jährige Frau wieder knapp dem Tod entrann. Interessant ist, dass die Beziehung der Mutter zu ihrem Sohn Hans im Zusammenhang mit ihrer schweren Krankheit besonders betont wurde. Die Berichterstattung des Gatten hebt generell vor allem die Geburten der Söhne hervor. Die lange Reihe von Geburten wurde nur durch die schwere und lange Krankheit Sophies unterbrochen. Mit der von Johannes Schnyder als «Züchtigung» beschriebenen Prüfung, die im pietistischen Sprachverständnis die Prüfung Gottes meinte, die dem jungen Paar auferlegt wurde und durch welche sie sich noch näher kamen, mag auch ganz direkt die Züchtigung der körperlichen Lüste gemeint gewesen sein. Ehe und Fortpflanzung bildeten im bürgerlichen Kontext gottgegebene Gesetze, die untrennbar verbunden waren. Eine Pause von einem Jahr, die Sophie auch nach dem langen und problematischen Wochenbett von Hans nötig gehabt hätte, wäre einem Entgegenkommen des Mannes gleichgekommen, der seine Triebe in dieser Zeit hätte zügeln müssen.163 Von Sophies Bindung zu diesem fünften Kind, dem dritten Mädchen, das nur ein Jahr nach Hans zur Welt kam und dessen Geburt offensichtlich unproblematisch verlief, wird in den Quellen des Vaters gar nichts erwähnt. Die Quellen, auf die ich mich hier wie auch im Folgenden hauptsächlich stütze, sind die Aufzeichnungen Johannes Schnyders sowie die des Sohnes Ernst Schnyder, da sich keine schriftlichen Quellen der Frauen zu diesem Thema finden. Aus den Quellen werden das Leben, die Geburten und der Tod der Frau und Mutter sichtbar, wie sie der Gatte und der Sohn darstellten.

GEBURTEN

«Doch war sie oft recht in Sorgen wegen des bevorstehenden Wochenbetts und durchzuckten auffällige Todesahnungen ihre Seele: ‹Mama, wenn gohsch du ins Chilegräbeli?› frug der kleine Hans in letzter Zeit wiederholt, ohne erklärliche, äussere Veranlassung.»164

Johannes Schnyder beschrieb die Ängste der zum sechsten Mal vor einer Geburt stehenden Hochschwangeren durch die Worte ihres kleinen Knaben. Das vor einer Geburt aufkommende Todesahnen, das manche Frau befallen konnte, ist verständlich. Betrachten wir die Statistik, so starben im Kanton Aargau 1880 28 Frauen am Kindbettfieber.165 Ebenda starben im gleichen Jahr 370 Kinder vor vollendetem erstem Lebensmonat.166 Die Fälle, in welchen entweder das Kind oder die Mutter oder beide bei der Geburt umkamen, waren zahlreich. Für Sophie, die schon zweimal nach einer Geburt fast gestorben war, war die nahe Geburt eine grosse Sorge.

Bei der um 14 Tage verzögerten Geburt des sechsten Kindes war es der Frau des Pfarrers möglich, bei ihm Nähe zu suchen. So beschreibt Johannes, dass seine Frau noch am Vortag der Geburt bei ihm in der Studierstube ruhte, um in seiner Nähe zu sein. Als die Wehen einsetzten, wurde der Arzt gerufen.167 Der Verlauf dieser Geburt wurde von Johannes im Erinnerungsbild an seine Frau genau beschrieben. Dies wohl auch, um den Schock über den Verlust der Frau und des Kindes zu überwinden:168 Die Beschreibung der Ereignisse gibt einen guten Einblick in den Umgang mit dem Ereignis Geburt.

Vom ersten Juni an wartete die Familie auf die Niederkunft. Noch am 13. Juni hiess es, Sophie sammle Kräfte: Sie ging zur Kirche, liess sich Bibelverse vorlesen, machte einen grossen Sonntagsspaziergang mit ihren fünf Kindern und dem Mann. Am Tag darauf begann die Geburt. Wie der Gatte beschrieb, halfen Gebete, die Schmerzen zu ertragen.

Während der Geburt wurde die Frau von ihren Schwestern und Freundinnen begleitet. Der Mann war nicht anwesend.169 Wie sehr die Geburt als bedrohliches Ereignis durch Bibelsprüche und direkte Anrufung Gottes unterstützt wurde, beschrieb Johannes Schnyder eindrücklich: «Montag Morgen blieb sie liegen; mit besonderer Zärtlichkeit empfing sie mich, den zur Berufspflicht Weggehenden: ‹Hast du keine Angst?› fragte sie. Als Antwort las ich ihr Psalm 91, sowie auch die Losung: ‹Ich will über sie wachen, zu bauen und zu pflanzen, spricht der Herr› (Jer. 31, 28) und: Dein Volk ergibt sich deinen treuen Händen/sieh, es liebt dich; wollst dich zu ihm wenden/wache – unter unserm Dache!› Das stärkte sie. Nachher bat sie die Freundin, ihr noch Luk. 15 zu lesen und einige Gedichte aus den Maiblumen, die sie sehr liebte. [...] Bald stellten sich Schmerzen und ein befremdendes Frösteln ein. Erstere wurden gegen Mittag so heftig, dass der Arzt gerufen wurde, der gleich bedenklich wurde, die Schmerzen für die beginnende Geburt erklärte. ‹O Herr hilf, o Herr, hab Erbarmen› waren die Seufzer in den bangen Stunden. Um 3 Uhr wurde nach unendlich schwerem Ringen ein grosser Junge geboren, der die Namen Paul Georg tragen sollte. Mit welcher Freude begrüssten wir den Kleinen, den wir schon gefürchtet hatten, nicht lebend zu sehen. Die Schmerzen waren sehr, sehr gross.»170

Die freudige Begrüssung des schon tot geglaubten Kindchens und die grosse Leidensfähigkeit der Frau waren Auszeichnungen der Güte Gottes und des tiefen Glaubens an Gott, der durch Gebete und Sprüche aufrechterhalten und gestärkt wurde.171 Obschon das Kind bei der Geburt gross und stark schien, nahm es schnell ab und starb schon am ersten Tag nach seiner Geburt: «Das sonst so kräftige Knäblein hatte über der Geburt zu arg leiden müssen und es sollte eine himmlische Mission erfüllen und seiner Mama den Weg durchs dunkle Todestal erleichtern, indem es voranging. Um 8½ Uhr fanden wir es entschlafen, um droben aufzuwachen zu einem schönern Leben. Die liebe Kranke bewegte es tief; lange hielt sie das kleine Wesen im Arm und sprach sich selbst Trost zu mit dem Liede: ‹Wenn kleine Himmelserben etc.› »172

TOD

Der Tod des Neugeborenen bewegte die Mutter tief, wie Johannes Schnyder beschrieb. Sie hielt das tote Kind im Arm und tröstete sich selbst mit geistlichen Liedern. «Auch wenn es sozusagen an der Tagesordnung war, ein Kind zu verlieren, scheint die kollektive Erfahrung den individuellen Schmerz keineswegs gemildert zu haben.»173 Der Vater erklärte sich den frühen Tod damit, dass das Kind eine Mission zu erfüllen hatte: Es war eine Art Zeichen Gottes, und es bereitete der Mutter den Weg in den Tod vor. Entsprechend wurde die Leiche des toten Paul während des Kindbettfiebers von Sophie im Haus behalten. Am Donnerstag, zwei Tage nach dem Tod des Kindes, verlangte die Mutter die Leiche noch einmal zu sehen: «Dann wünschte sie noch einmal die kleine Leiche zu sehen. Sie streichelte das kleine, liebe Gesichtchen und sagte: ‹Wie gerne möchte ich Abschied nehmen von dir, aber ich bin so matt; lebe wohl. Auf Wiedersehen im Himmel!› »174 Die Sterbende tröstete sich an der Anwesenheit ihres toten Kindes. Wenigstens mit diesem würde sie nun bald im Himmel vereint sein.

Der Tod seiner Frau wurde von Johannes Schnyder als «das schwerste Opfer» angesehen, das Gott von ihm gefordert hatte und das ihm nicht erlassen wurde. Er betrachtete dies als eine Strafe, die er verdient hatte.175 Gott, der seinen Diener strafte und zurechtwies, indem er ihm das Liebste wegnahm, wurde dadurch zum gerechten Richter. Der Tod von Sophie erhielt einen tieferen Sinn. Er wurde zur Glaubensprüfung des Pfarrers. Johannes Schnyder schrieb seine Erinnerungen an den Tod seiner Frau, als er selbst todkrank war und nicht wusste, ob er wieder gesund würde. Der Text ist durchtränkt von Bibelzitaten, Kirchenliedern und Sprüchen. Die Kraft der Worte sollte dem Tod und dem Glauben Sinn verleihen und dadurch über die Trauer hinweghelfen. Die zitierten Stellen mussten nur angedeutet werden, da die Verse bekannt waren: « ‹Warum leidet man auch so ungern?› Fragte sie nach einer schlaflosen, peinvollen Nacht ihre Schwester Meta und lohnte die Antwort: ‹Unter Leiden prägt der Meister etc.› »176

Der Trost wurde durch den Vergleich mit dem Martyrium von Christus zur köstlichen religiösen Erfahrung erhoben. Dies entsprach dem philosophisch-psychologischen Diskurs des 19. Jahrhunderts, «in welchem beispielsweise die Gebärfähigkeit von Frauen mit einer natürlichen Prädestination für grössere Leidensfähigkeit gleichgesetzt wurde. Dieser biologistischen Argumentation wurden oftmals religiös konnotierte Bilder der Frauen als demutsvolle Dienerinnen Gottes [...] beigesellt.»177 Dass diese Rolle bis hin zum Tod ertragen und als Weisung Gottes betrachtet werden musste, war eine Prüfung auf dem Weg zum erlösten Christ. «Dieses fatalistische Annehmen von Schicksalsschlägen – wie wir es heute vielleicht formulieren würden – beinhaltet die Unterwerfung unter Gottes Wille und Führung. Kein Aufbegehren gegen dieses Leid, im Gegenteil: ein Durchkosten.»178 So suchte auch zum Schluss der verzweifelte Johannes nicht nur Trost über ihren Tod bei Gott zu finden, sondern auch seine eigene Furcht vor dem Tod in Gottes Hand zu legen: «Den 23. Psalm wiederholte sie noch mit uns und betonte mit besonderem Nachdruck: ‹Und ich werde bleiben im Hause des Herrn ewiglich.› Auf den über ihr gesprochenen apostolischen Segen sprach sie als letztes noch das Amen und dann eilte sie hinweg im Feuerwagen Elia (während eines furchtbaren Gewitters!), um bei ihrem Herrn zu sein allezeit. Wir schauen aber hinweg über Grab und Verwesung zu dem, der abwischen wird alle Tränen von unseren Augen und bitten Ihn: Mein Gott, ich bitt durch Christi Blut/Machs nur mit meinem Ende gut!»179

Die Bedeutung der Lieder, Sprüche und Bibelverse war existenziell. Das Ritual des wiederholten Zitierens in unbegreiflichen Situationen war Stütze und Trost, es scheint, als bannten die Worte den unbenennbaren Schmerz und Schrecken. Die Zitate aus diesem Text, der etwa ab 1885 regelmässig am Todestag von Sophie gelesen und später als Abschrift an alle Kinder verschickt wurde, tauchen in sämtlichen Quellen der Geschwister Schnyder wieder auf. Sie dienten in Tagebüchern und Briefen als Stütze und Trost und wiesen den Weg in unerklärlichen, ungerecht erscheinenden Situationen, aber auch im unerwarteten oder als unverdient angesehenen Glück. Das Schreiben eines Nachrufes, in dem akribisch das vorbildliche Sterben einer gläubigen Christin, eines gläubigen Christen beschrieben wird, hat Tradition im Pietismus. Mit einem Gebet auf den Lippen zu sterben, mit dem Tod eins sein waren feste Bestandteile dieser Schilderungen. Auch diese Stilisierungen bedeuteten eine Möglichkeit, den Tod einer nahen Person zu verarbeiten.180 Beim Tod eines Neugeborenen vermittelte der protestantische Glaube nicht nur die Botschaft von der Ergebung in den Willen Gottes und die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung im Jenseits, sondern hielt durchaus Formeln und Riten bereit, um mit diesem schweren Ereignis umgehen zu können.181


25 «In cruce spes.» Grab von Frau Pfarrer Schnyder-Peyer und ihrem Sohn Paul in Zofingen.

Wie bereits oben erwähnt, blieb das tote Kind bis zum Tod der Mutter im Haus. Die Leichen wurden in einen gemeinsamen Sarg gelegt. In seinen Memoiren schrieb Ernst über die Beerdigung der Mutter: «Ich erinnere mich noch gut, wie ich an der Hand meines tief gebeugten Vaters zum Friedhof hinauswanderte. Und oftmals in den folgenden Jahren nahm uns der Vater mit an das Grab unserer Mutter und wir sangen dort das Lied: ‹Der Pilger aus der Ferne, zieht seiner Heimat zu.› »182

Der Gang zum Grab und das Singen des immer gleichen Liedes wurden zu einem wichtigen Ritual für die ganze Familie. Nicht nur gaben sie dem Einzelnen Trost, sondern sie schufen auch ein Gefühl der Verbundenheit mit den Geschwistern und mit der Verstorbenen. So schrieb Hedy mit 15 Jahren aus Môtiers, wo sie in Pension war, an ihren älteren Bruder Ernst, der in Neuenburg sein Theologiestudium begonnen hatte: «Am 17. Juni ist der Todestag von Mama, weisst Du’s noch, ich schicke wenn ich kann einen Kranz oder Blumen heim für aufs Grab. Das ist das erste Mal, dass ich an dem Tage nicht zu hause bin und nicht auf das Grab gehen kann. Das macht mich traurig, ein ganzes Jahr das Grab nicht zu sehen. Wie oft bin ich letztes Jahr wenn ich traurig war oder wenn Lilly mir fehlte auf das Grab gegangen und habe mich ausgeweint und wenn ich zurück kam fühlte ich mich wieder gestärkt. Hier wollte ich manchmal, ich hätte ein Grab um mich zu trösten. Wie gern wollte ich unsere liebe l. Mama lebte noch; aber es ist vielleicht besser so und wir haben wieder eine so liebe Mama die uns so treulich liebt und für uns sorgt, dass es unrecht wäre, sich zu beklagen, es kommen mir nur manchmal solche Gedanken, die sich dann verfolgend ausbreiten, besonders Abends im Bett.»183

Hedwig war beim Tod ihrer Mutter fünfjährig. Für sie waren die älteren Geschwister und das vertraute Umfeld, in welchem sie sich zumindest noch am Grabe mit der Mutter austauschen konnte, wichtiger Identifikationspunkt und Überlebensstrategie in der immer grösser werdenden Schar der Stiefgeschwister. Mit der Platzierung im Welschland war sie weit entfernt vom Grab der Mutter, für welches sie nur noch «einen Kranz oder Blumen» senden konnte. Die Sehnsucht nach den fehlenden Geschwistern konnte sie nur mit Briefen stillen.

Wie stark der Tod der ersten Frau Johannes Schnyders sich auch auf die Kinder aus zweiter Ehe auswirkte, kann nur erahnt werden. Es ist sicher, dass Caroline Schnyder-Wyttenbach eine sehr gute und nahe Beziehung zu ihren Stiefkindern pflegte. Gleichzeitig scheint die Beziehung des Vaters zur neuen Frau im Schatten der ersten Liebe gestanden zu haben. Dies wurde bereits in der Darstellung der Rolle Carolines als Mutter gezeigt. Sophie, die erste Tochter aus zweiter Ehe, gewichtete die Tatsache schwer, dass sie den Namen der ersten Frau trug: «Ich bin am 19. Dez. 1882 in Zofingen als das erste Kind aus zweiter Ehe meines Vaters Johannes Schnyder mit Caroline Wyttenbach, Lehrerin von Bern geboren. 5 kleine Kinder aus erster Ehe nötigten ihn fast, sich bald wieder zu verheiraten und so glaube ich, dass meine Mutter zu Anfang wohl öfters empfand, dass mein Vater noch viel an seine erste Frau dachte, deren Namen ich erhielt. Diesem Umstand schreibe ich es in der Hauptsache zu, dass ich von klein auf nie recht das Gefühl hatte, als ob meine Mutter mich liebte und ich habe mit meinem heissen liebehungrigen Herzen viel darunter gelitten.»184

Sowohl die zweite Gattin als auch deren erste Tochter litten unter einem Liebesentzug, der mit dem Tod der ersten Frau zusammenhing. Während Caroline sich wohl gewünscht hätte, ihr Mann würde sich ihr mehr zuwenden, und das kleine Mädchen, das nun mit dem Namen der Verstorbenen eine Art Wiedergeburt darstellte, vielleicht beneidete, litt Sophie unter dieser Missgunst ihrer leiblichen Mutter, während sie das grosse Vertrauen ihres Vaters genoss.

Starb eine Frau nicht bei der Geburt und das Kind überlebte die ersten heiklen Wochen, so war die Chance immer noch gross, es an einer Krankheit zu verlieren. Das zweite Kind Carolines, das wie sein verstorbenes Brüderlein auf den Namen Paul getauft wurde, starb mit nur zwei Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Das Kind wurde auf dem Friedhof in Zofingen beigesetzt, und wieder fand die Familie Trost im Gesang am Grab: «Furchtbar schwer trug unsere Mutter und mit ihr das ganze Haus am Krankenlager und Tod des zweiten Bübleins, Paul, das 1884 geboren, schon 1886, im Herbst wieder heimgerufen wurde. Mutter hat jahrelang dem besonders herzigen und liebenswürdigen Knaben nachgetrauert und ihn nie vergessen ob dem wachsenden Kindersegen. Die Eltern haben uns oft um des Kleinen Grab versammelt und wir sangen im Chor des befreiten Seelchens Lieblingslied: ‹Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?›, das der Kleine, ohne den Sinn der Worte zu verstehen, in gesunden Tagen mitgesungen hatte.»185

Die Seele des Kleinen wurde als «befreit» betrachtet, da sie schon im Himmel war und nicht mehr durch das irdische Jammertal gehen musste. Die Mutter litt aber sehr unter diesem Verlust und konnte wenig Trost in dieser Gewissheit finden. Der Umzug der Pfarrfamilie nach Bischofszell wurde für Caroline vor allem der Distanz zum Grab ihres verstorbenen Jungen wegen als besonders schwierig bezeichnet. Erst die Geburt des kleinen Walter in Bischofszell habe sie über das verwaiste kleine Grab in Zofingen etwas getröstet.186

In den Memoiren von Ernst wie auch in den Erinnerungen an den Vater von Lilly und von Sophie wird der Tod des kleinen zweijährigen Bruders auch als schwerer Schlag für den Vater beschrieben. Der Tod des kleinen Bruders war auch für die überlebenden Geschwister ein einschneidendes Ereignis. Sophie, die gemeinsam mit dem Verstorbenen an Lungenentzündung erkrankte, jedoch davon wieder gesund wurde, beschrieb das plötzliche Verschwinden des Spielgefährten als traumatisches Erlebnis: «Ich bekam bald ein Brüderchen, an dem meine Mutter furchtbar hing. Wir wurden beide zusammen krank an Lungenentzündung und er starb, als er etwa 3 und ich 4 Jahre alt war und ich suchte nachher meinen kleinen Spielkameraden im ganzen Haus und meine Mutter wollte sich nicht trösten lassen.»187

Interessant ist die Tatsache, dass die Namengebungen der Kinder Bindungen und Erwartungen mit sich brachten. Diese Tatsache trat beim Weitergeben des Namens eines verstorbenen Menschen besonders stark hervor. So empfand Sophie ihren Namen als Hindernis, von ihrer eigenen Mutter geliebt zu werden. Mit ihrem Namen war sie Trägerin der vergangenen Liebe des Vaters geworden, die für die neue Frau unzugänglich war. Der kleine Junge Paul, der den Namen des verstorbenen Säuglings der ersten Frau erhielt, war die grosse Hoffnung Carolines. Der neue Paul hätte den Gatten über den verstorbenen Paul der ersten Frau wegtrösten können.188 Sein Tod scheint für Caroline zu einer nicht wieder gutzumachenden Tragödie geworden zu sein: Sie wollte sich nicht trösten lassen. Diese Haltung war innerhalb des pietistischen Gedankenguts wenig gläubig, da sie damit nicht den Willen Gottes akzeptierte, sondern ihren Schmerz um den Verlust des Kindes in den Vordergrund stellte. Der untröstliche Schmerz um den Verlust des Kindes mag auch Spiegel der sinkenden Kindersterblichkeitsrate des ausgehenden 19. Jahrhunderts sein. Besonders deutlich zeigt sich dies am Tod des ersten Kindes von Luise und Ernst, dem Ältesten. Es starb 1906, nur wenige Wochen alt, an einer Lungenentzündung. Das kleine Mädchen war eine Frühgeburt, die Überlebenschancen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch gering, vor allem in den kalten Wintermonaten: «Sie war zu früh gekommen, musste sehr sorgfältig warm gehalten werden. An einem Sonntag, wo der elektrische Strom, ohne dass wir es wussten, abgestellt wurde, erkältete sich das Kind, wurde krank und starb in der Nacht vom 25./26. Dezember. Luise bekam hohe Fieber, der Arzt musste täglich kommen. Das war unsere erste, gemeinsame Weihnacht.»189

Das Kind wurde auf dem Friedhof beigesetzt, nur der Bruder der Gattin Luise und dessen Ehefrau nahmen an der Beerdigung teil: «Willy hatte dasselbe erlebt mit seinem ersten Kind.»190 Das junge Paar stärkte sich mit schon erfahrenen Eltern, die wussten, in welcher Verfassung sich Luise und Ernst befanden. «Die Fortschritte der Kindermedizin, die Aufklärung über die Funktion von Ernährung und Hygiene und nicht zuletzt die sanitarischen Untersuchungen der Schulkinder trugen wesentlich zur sinkenden Kindersterblichkeit des späten 19. Jahrhunderts bei. Im protestantisch-industrialisierten Milieu galten kranke oder sterbende Kinder zunehmend als Hinweis auf ein Versagen der Eltern.»191 Dementsprechend wurde es in Ernsts Beschreibung wichtiger, zu erklären, weshalb sich das Kind erkältet hatte, als Gottes Wille zu betonen. Die Erklärung allerdings mutet eigenartig an: Der elektrische Strom hatte ausgesetzt. Das Versagen des vollkommen neuen technischen Hilfsmittels, das offenbar bereits zur Erwärmung des Frühgeborenen helfen konnte, hatte tödliche Folgen. Inwiefern der Einsatz der modernen Technik zur Erwärmung des Frühgeborenen zu einem besonderen Schuldgefühl führte, kann hier nicht beurteilt werden.192 Auch Hans und Hedwig Schnyder-Häberli auf der Post in Bischofszell hatten den frühen Tod eines kleinen Sohnes zu beklagen. Die jüngste Tochter, Beth Werner-Schnyder, erinnerte sich noch im hohen Alter daran, dass ihre Eltern den Verlust des Sohnes nie verwunden hätten. «Kein Geburtstag und kein Todestag wurden je vergessen.»193

Während der Verlust der Frau oder eines Kindes schmerzhaft war, riss der Tod des Pfarrers eine Lücke, die nicht durch einen angeheirateten Ersatz geschlossen werden konnte, sondern eher durch ältere Geschwister und Verwandte abgefedert werden musste. Der frühe Tod eines Landpfarrers löste allgemein das ganze Familienleben auf. Das Pfarrhaus musste verlassen werden, und die Zukunft war, da kaum Absicherungen für Alte und Hinterlassene existierten, höchst problematisch.194

MUSIK UND LITERATUR: DIE BÜRGERLICHE KUNST, SICH SELBST ZU ERKENNEN

Das Pfarrhaus war vor allem in ländlichen Gegenden die Stadt im Dorf, wo ein exemplarischer Ausschnitt städtischer, bürgerlicher Lebenswelt sichtbar wurde.195 Bildung, Sprache und gepflegte Umgangsformen zeichneten das Pfarrhaus aus und unterschieden es von den anderen Häusern. «Bilder und Bücher, Kunst und Dichtung, Musik und Gespräch füllen das aparte Haus aus, sie sind die Accessoires der zugleich religiösen wie bürgerlichen, der in zweifacher Weise exemplarischen Familie.»196

Liedtexte waren, wie auch Bibelsprüche und berühmte Stellen aus literarischen Werken, dauernde Begleiter der Geschwister. In Briefen, in Tagebüchern und in Gedichten, in Lebenserinnerungen und in Nachrufen wurden sie zur Illustration von Situationen, als Trostspender oder als stärkende Hilfeleistungen zitiert. Zum Repertoire gehörten in erster Linie Bibelzitate und die Lieder des Gesangbuches. Dies erstaunt nicht weiter, wenn Lilly erklärt, jedes Kind habe gemeinsam mit Caroline einen Bibelvers pro Woche auswendig gelernt, um dem Vater eine Freude zu machen.197 Das Kirchengesangbuch war das erste Liederbuch der Kinder. Neue Auflagen von Gesangbüchern wurden in Briefen kritisch diskutiert, gestrichene Lieder schmerzlich vermisst. Dazu kamen umfassende Kenntnisse der grossen klassischen und romantischen Komponisten, Dichter und Schriftsteller. Die mit der Rezeption dieser kulturellen Werte verbundenen und vom Zeitgeist geprägten Idealvorstellungen verweisen darüber hinaus auch auf den persönlichen und individuellen Wunsch nach Eintracht, Einklang und Harmonie.198 Die Musik und die Literatur waren den Geschwistern heilig; wenn der Vater, später der jüngste Sohn, den Geschwistern aus Büchern vorlas, wenn die Mutter erzählte, wenn gemeinsam musiziert wurde. Dabei hörten Schwestern, Mutter oder Gattin mit einer Handarbeit in den Händen zu. Eine Schülerin von Walter Schnyder beschrieb das Glück dieser bildenden Harmonie: «Ich han au törfe zus Dr. Schnyders hei. Lang hani vo do a jede Dunschtig törfe zuenene amene Abig. Dänn hätt er vorgläse und sini Frau hätt glismet oder gflickt. Ich weiss nüme, wie all die Büecher gheisse händ, woni so ha törfe känne lehre, es isch für mich alls wunderbar gsy. Und denäbe hätt er mer au d’Wält ufta zur Musig, zu de Schubertlieder, zur Italienische Sinfonie vom Mendelssohn, won er mit eme Nachbarspurscht zäme vierhändig gspillt hätt i einer Begeischterig.»199

Die tief beeindruckte Schülerin, die selbst aus ärmeren Verhältnissen stammte, empfand dieses Familienidyll als totale Harmonie. Der gebildete und tätige Mann war auch nach Feierabend für das Geistige zuständig, indem er seiner Familie vorlas. Derweil legte seine Zuhörerin, die Gattin, ihre Hände nicht müssig in den Schoss, sondern beschäftigte sich mit Handarbeiten. Ein bestimmtes Repertoire an Musik und Literatur bildeten die Attribute des gebildeten Bürgers, hier in besonders vorbildlicher Weise durch den Lehrer und Pfarrerssohn verkörpert.

Musik und Literatur wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als bildende und erbauende Kräfte verstanden. So schrieb Hanna an ihren Bruder Ernst im Sommer 1944: «Kürzlich war der Generalsekretär des CVJM, ein Herr Schmid, hier, um uns zu erzählen, was er gesehen u. erlebt beim Besuch von Gefangenenlagern in Deutschland und uns Lichtbilder zu zeigen. Er zeigte uns auch Arbeiten Kriegsgefangener. Wie gut, dass man sich dieser Ärmsten annimmt u. ihnen Lektüre, Musikinstrumente u. dgl. verschafft.»200

GESANG UND MUSIK ALS AUSDRUCK DES HERZENS

«Hauptsächlich sangen wir gern zusammen und alle langweiligen Arbeiten verkürzten wir uns womöglich auf diese Weise. Es war überhaupt ein sangesfrohes Pfarrhaus, wo die Kinder fast singen konnten, ehe sie reden lernten. Jeden Morgen war es das erste, dass wir uns ums Klavier versammelten und ein Gesangbuchlied sangen. So ist z. B. ‹Die goldne Sonne› von klein auf eins meiner liebsten Lieder gewesen, sie verbreitete schon im Kinderherzen ein strahlendes Licht.»201

Das Singen war innerhalb des evangelischen Pfarrhauses wohl der wichtigste musikalische Bestandteil. Durch die in der Familie regelmässig abgehaltenen Morgen- und Abendandachten verfügten die Geschwister Schnyder über ein grosses Repertoire an Liedern und Liedtexten. Das gesungene Wort, welches formelhaft das Leben regulierte und Sinn stiftete, spielte in der bürgerlichen Kultur im Allgemeinen und in pietistischen Kreisen im Besonderen eine zentrale Rolle.

In der bürgerlichen Familie nahm Musik bis ins 20. Jahrhundert eine wichtige Stellung ein. Der gemeinsame Gesang oder das Musizieren am Klavier bedeutete nicht nur Harmonie, sondern liess zugleich Bildung und Vermögen sichtbar werden. Man hatte Geld, Musikstunden zu nehmen, man konnte sich ein Klavier leisten, man kannte mehrstimmige Werke und konnte diese interpretieren. Was vorher in den Salons der Adligen stattfand, nahm Einzug in den Stuben des Mittelstandes.202 So war es Johannes Schnyder ein Anliegen, sich das Klavierspiel anzueignen: «Papa hatte selbst grosse Freude an der Musik u. noch nicht so lange ist es her, da hat er es durch fleissiges Üben zu seiner Freude dahin gebracht, seine Lieder ganz ordentlich ohne Absätze, wie früher zu spielen, denn da hatte es oft minutenlange Pausen von einem Ton zum andern gegeben, bis er die Noten gelesen hatte.»203

Auch veranstaltete die Familie kleine Hauskonzerte, «bei denen alle etwas leisten mussten. Papa sass dann sehr vergnügt auf dem Sopha.»204 Diese bürgerliche Familienidylle entsprach aber nicht dem musikalischen Alltag im Pfarrhaus, der vielmehr durch das Singen und Begleiten der Kirchenlieder während der Hausandachten geprägt wurde.

Um die Bedeutung der Musik und des reichen Liedgutes in der Kultur des evangelischen Pfarrhauses besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Bestrebungen der Reformatoren. So war für Luther, dessen Leben von Pfarrer Schnyder seinen Kindern immer wieder geschildert wurde und der im religiösen Verständnis des Hausherrn eine wichtige Rolle spielte, der Kirchengesang Zeichen der hörbaren Einheit der im Glauben verbundenen Gemeinde.205 Die spezielle Förderung des Gesangs und der Musik in der Tradition der Reformatoren hatte auf die gesamte deutsche Musikgeschichte grossen Einfluss. Nicht nur die Werke Johann Sebastian Bachs, den man den fünften Evangelisten nannte, auch katholische Komponisten wie Beethoven und Bruckner verweisen darauf, dass die Musik hier über das Weltliche hinauswies. Sie sollte dazu verhelfen, Rätsel zu lösen oder Aufgaben zu bewältigen, die vom Menschen allein nicht zu begreifen sind.206 Komponisten wie Bach, Beethoven, Mendelssohn oder Schubert gehörten im musikalischen bürgerlichen Haus zum Kanon.

Das Wort der Bibel und die Auslegung der Bibel standen im Mittelpunkt der reformierten Kultur. Eine interessante Beobachtung der Auswirkungen dieser Tradition im Gegensatz zur katholischen Tradition finden wir in der schwedischen Theologie: «Während der katholische Gottesdienst vorwiegend ‹visualisch› sei, das heisst das Auge des Besuchers anspreche, sei der evangelische Gottesdienst vorwiegend auditiv, das heisst, er wende sich vor allem an das Ohr der Gemeinde.»207 In der katholischen Messe entfalteten sich bis zum zweiten Vatikanischen Konzil 1964 vor allem die Künste, die sich an das Auge wenden: Malerei, Bildende Kunst, Architektur und das Schauspiel. Im Mittelpunkt des evangelischen Gottesdienstes steht die Predigt, das verkündigte Wort Gottes.208 Dazu kommt, dass mit der Aufgabe der Gemeinde, während des Gottesdienstes aktiv mitzusingen und sich so am «gesungenen Evangelium» zu beteiligen, eine allgemeine Musikerziehung stattfand.209 Es ist also nicht vor allem das geschriebene, sondern das gesprochene, das gesungene Wort, das Rezitieren und Vorlesen, alle Künste des Ohres, die hier zur Entfaltung kamen. Weltliche Vergnügungen wie Tanzen oder Kartenspielen waren in orthodoxen reformierten Kreisen verpönt. «Einzig religiöse Lieder wurden zur Ehre Gottes gesungen, der Pietismus hat so ein überaus reichhaltiges Liedgut hervorgebracht.»210 Eine grosse Anzahl der Lieder kompensiert das Verbot von Tanz und Vergnügen in sehr zu Herzen gehenden Melodien, die, im Dreivierteltakt komponiert, einen tänzerischen Charakter aufwiesen und oft aus dem Englischen übersetzt worden waren.211

Da nun die reformierte Gemeinde beim Verkünden des Evangeliums singend mitmachen musste, war eine Begabung im musikalischen Bereich für den Pfarrer sozusagen Berufspflicht. Die Familie, die den Gottesdienst auch zu besuchen hatte, war dabei eine Verstärkung des Gemeindegesanges, der die Einheit und Stimmigkeit des Glaubens bezeugte und die Kraft der Predigt unterstützte. So galt die Pfarrfamilie bis vor kurzem «als Kern der singenden und musizierenden Gemeinde. Mit ihren Instrumenten und Stimmen halfen Ehefrau und Kinder im Gottesdienst, bei Konzerten, zu Weihnachten und all den Festtagen, die durch Kirchenmusik ihren Glanz bekommen. Wie weit die Kinder sich später vom Elternhaus geistig und geistlich entfernen mochten, über die Musik waren sie immer noch am dauerhaftesten mit den Quellen ihrer Kindheit verbunden.»212

GEMEINSAMES MUSIZIEREN UND DIE SONDERSTELLUNG DES KLAVIERS

Gemeinsames Musizieren bildete einen besonderen Akt der Geschwisterbindung. Ähnliche musikalische Vorbildung, ähnliche Vorlieben und vor allem gemeinsame Erinnerungen konnten über den musikalischen Weg ausgetauscht werden. Das Zentrum des gemeinsamen Musizierens war das Klavier. Es gehörte zum Alltagsleben und durfte in einer besseren Wohnung nicht fehlen.213 Das Klavier bedeutete Harmonie und Zusammengehörigkeit, wie dies im Zitat der um das Klavier versammelten Pfarrersfamilie sichtbar wurde. Zugleich demonstrierte es einen Standard an Vermögen und Bildung.214 Im Pfarrhaus von Johannes Schnyder standen ein Harmonium und ein Klavier. Während der Pfarrer das Spiel auf dem Harmonium recht gut beherrschte, war er des Klavierspiels lange nicht mächtig.215 Das Harmonium war das Instrument in pietistischen Kreisen, für Schwestern und Brüder der Basler Mission bildete die Anschaffung eines Harmoniums zur Hochzeit ein deutliches Zeichen der zukünftigen harmonischen Beziehung des Ehepaars.216 Nach dem Tod des Vaters wird das Harmonium nicht mehr erwähnt. Ein Klavier, das teurere und künstlerisch ergiebigere Instrument, stand in der Mietwohnung von Caroline Schnyder, bei Onkel Gustav in Basel, später verfügten fast alle Geschwister über ein Klavier, selbst die allein wohnenden Geschwister Paula und Sophie hatten ihr eigenes Klavier. Das Verstummen eines Klaviers war Zeichen fehlender Personen, es markierte eine Beziehungslücke. So schrieb Lilly, nachdem ihre 29-jährige Schwester nach den Ferien wieder als Lehrerin in «ihre» Schule zurückkehrte: «Es ist jetzt sehr still bei uns; damit will ich nicht gesagt haben, Paula habe Lärm gemacht, aber ihre lebhafte Art und ihre Musik fehlen uns immer, wenn sie fort ist.»217

Ähnlich klingt es in einem Brief von Hanny an ihren ältesten Bruder Ernst nach der Abreise ihrer Nichten: «Es war gestern gar still bei uns, besonders am Abend. Da tönten keine hellen Kinderstimmen zum Klavier! Tante Pauline hielt Jungfrauenverein, Tante Meta war ganz vertieft ins ‹Theresli› u. Onkel u. ich spielten Sulta.»218

Hanna blieb mit ihren alten Tanten und dem Onkel allein. Während sich die beiden alleinstehenden Frauen selbst beschäftigten, musste deren Bruder durch ein Spiel unterhalten werden. Das Verstummen des Klaviers zeigt zugleich das Fehlen von Kindern, von Leben an.

Zur grossen Mode wurde das Klavier ab 1815. Es wurde zum bürgerlichen Instrument, das nicht nur als Statussymbol galt, sondern auch Bildung und gute Erziehung bedeutete und vor allem für Frauen zu einer Art ästhetischen Mitgift wurde.219 Zu einer guten Erziehung gehörte das Klavierspiel wie die Predigt zum Sonntag. So ist der Seufzer von Renée Mauperin kurz vor der Jahrhundertwende verständlich: «Mit den Frauen kann man nur über die letzte Predigt sprechen, die sie gehört haben, über das letzte Klavierstück, das sie geübt haben oder über das letzte Kleid, das sie getragen haben: das Gespräch mit meinen Zeitgenossinnen ist beschränkt.»220 Das Klavier wurde zum weiblichen Attribut, das Klavierspiel unterstrich die weiblichen Wesensmerkmale. Mit einer aufrechten Haltung, bedeckten Beinen und geneigtem Kopf gab sich die Frau der Musik hin, beim Zusammenspiel war sie Begleitung, ihr Talent erforderte Einfühlungsvermögen für den – selbstverständlich männlichen – Solisten.221 «Danièle Pistone hat in der französischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts zweitausend Szenen entdeckt, in denen das Klavier vorkommt. In der Hälfte dieser Szenen spielt ein junges Mädchen eine Rolle, in einem weiteren Viertel eine verheiratete Frau.»222 Dass in zwei Dritteln der Fälle eine Frau vorkommt und in der Hälfte der Fälle ein unverheiratetes Mädchen, ist nicht bloss auf ein romantisches Klischee der französischen Literatur zurückzuführen, sondern hat mit der Ausbildung bürgerlicher Mädchen zu tun. Waren die Männer «militärpflichtig», so waren die Frauen, wie Kritiker meinten, «klavierpflichtig».223 Als bürgerliches Hausinstrument war das Klavier ein weibliches Accessoire. So wollten es die gesellschaftlichen Regeln, über die sich nur adlige Frauen oder Frauen aus der Unterschicht ungestraft hinwegsetzen konnten.224 Alle Schnyder’schen Töchter hatten Klavierstunden gehabt, dabei wurden sie je nach Talent mehr oder weniger gefördert. Die Stunden wurden ihnen zu Beginn zu Hause von der Mutter erteilt. Später erhielten sie Unterricht bei einer Klavierlehrerin. Diese genoss dafür unentgeltlichen Lateinunterricht bei Pfarrer Schnyder.225 Während des Welschlandjahres gehörte das Klavierspiel zu den Pflichtfächern,226 und es durfte im Stundenplan des Lehrerinnenseminars an der Neuen Mädchenschule nicht fehlen. Dass das Klavierspiel die Heiratschancen erhöhte, mag sein. Jedoch war dabei jede Form von Virtuosität für Frauen nicht vorgesehen. Das Klavier kam im Falle grösserer Begabung eher der Selbständigkeit der Frau entgegen und erhöhte ihre Chancen, selbständig Geld verdienen zu können.227 Sophie gab während der vier Jahre, in welchen sie in Aachen wohnte, Klavier- und Sprachunterricht und verdiente so einen Grossteil des Unterhalts des jungen Paars. Sie hatte Mühe, den Ansprüchen ihres Gatten in puncto Haushalt zu genügen, sorgte aber durch ihre Begabung für Einkommen: «Ich darf aber wohl sagen, dass ich mir alle Mühe gab meine Pflicht zu erfüllen. [Die Pflicht, den Haushalt zu führen, Anm. A. S.] Dazu suchte ich mir Schüler und hatte schliesslich eine ganze Schar, so dass ich des Tags oft 13 Stunden zu geben hatte. Das tat ich auf eigenen, aber ebenso sehr auf meines Mannes Wunsch, der nach kurzer Zeit gefunden hatte, ich wäre wohl ‹zu hochmütig und zu faul›, sonst würde ich als Klavierspielerin in ein Kino gehen. [...] Ich stand immer um 5 auf, da ich eine ganze Haushaltung zu machen hatte, bevor die Schüler kamen und brachte dem jungen Herrn sein Frühstück ins Bett, weil ich doch bis 8 Uhr fertig sein musste. [...] Ich erteilte Klavier-, Französisch- und Englischstunden und so bald ich konnte, bezahlte ich die Miete.»228

Sophie sah es als selbstverständlich an, ihr Geld selbst zu verdienen. Ihr Mann assoziierte ihre Fähigkeit, Klavier zu spielen, mit der Möglichkeit, durch öffentliche Auftritte Geld zu verdienen, was für Sophie ausser Diskussion stand, schliesslich war sie Lehrerin, und mit Unterricht verdiente sie auch hier ihr Leben.

Auch innerhalb des erlernten Berufes der anderen Schnyder-Schwestern bedeuteten ihre Kenntnisse im Klavierspiel eine Aufwertung ihrer beruflichen Fähigkeiten. Als Schwester Gertrud, Diakonisse von Riehen, wegen Spannungen mit dem Ärzteteam vom Spital Teufen, wo sie in einer leitenden Position war, in das Frauenheim Pilgerbrunnen versetzt wurde, schrieb ihre Mitarbeiterin, die Versetzung komme überraschend: «Wir werden sie in manchen Teilen vermissen, hat sie es im Grunde ja gut gemeint, und dann fehlt halt auch die Haus-Organistin!»229 Die etwas eigenwillige und widerspenstige Schwester wurde wohl in manchen Dingen vermisst, was aber auch heisst, dass sie in vielem nicht vermisst wurde. Ihre Fähigkeit als Hausorganistin wurde aber speziell vermerkt und schien, im Gegensatz zu allem anderen, eine besondere Auszeichnung gewesen zu sein. Rosa, die in Horgen als Sprachlehrerin tätig war, wurde als Chorleiterin angestellt, als der Musiklehrer aus Kostengründen weggespart werden musste. Ob sie für diese zusätzlichen Stunden entlöhnt wurde, ist nirgends festgehalten.

Das Klavier bot eine erstklassige Möglichkeit, gleichzeitig zu unterhalten, weiterzubilden und Beziehungen zu pflegen. Verschiedentlich wird in Briefen das gemeinsame Musizieren oder das Vorspiel der einen oder des anderen erwähnt. Die meistgenannten Komponisten sind Beethoven, Mendelssohn, Schubert, Händel und Bach. Dem Lied kam dabei eine Sonderposition zu. Wie wichtig die Kombination von Musik und Wort war, wird aus dem folgenden Zitat sichtbar. Sophie schrieb an ihren jüngsten Bruder Walter: «Seit langer Zeit wieder einmal habe ich wirklich von Herzen Klavier gespielt, auch gänzlich Unvorgeschriebenes. Mendelssohn war es und 3 Schubertlieder, die Tante Rosa auch öfter zu spielen und Rösy zu singen pflegte; die ‹Stadt›, von Heine und dann das einzige Lied, was ich mit meiner Stimme eigentlich noch richtig singen kann und was mir doch immer aus tiefstem Herz gesprochen war, nämlich ‹Musik›. Ich weiss nicht, ob Du Dich erinnerst. Du musst es in 8 Tagen spielen während ich koche, ich hab es doch so gern. Und zum Schluss das Herbstlied von Lenau ‹Holder Lenz du bist dahin› das ich mir einmal angeeignet, weil es so für mich passt und ich für Worte und Melodie eine Vorliebe habe. – Ich spielte übrigens schon heut früh eine Stunde vierhändig mit Frl. Weckerle, die plötzlich gestern abend an meine Türe polterte, so dass ich schleunig allen Grümpel vom Tisch in die Schublade wischte. [...] Wir spielten das erste Händelkonzert und ich muss sagen, immer reisst mich Händel einfach hin. Das ist etwas was ich lebhaft bedaure im Grab nicht mehr hören und spielen zu können und Händel versteht auch Frl. W. eher als anderes und geht mit.»230

Sophie schrieb jede zweite Woche einen solchen Sonntagsbrief an ihren Bruder Walter. Die Briefe gleichen Protokollen der Tätigkeiten, mit denen die alleinstehende und oft einsame Frau den einzigen freien Tag ihrer Woche verbrachte. Der Bruder konnte am Musik- und Literaturprogramm der Schwester teilnehmen und sich auf den kommenden Sonntag – zu diesem Zeitpunkt besuchte er seine Schwester vierzehntäglich – vorbereiten. Schliesslich wollten die Geschwister gemeinsam musizieren und über Lektüre debattieren. Im Zitat wird das Klavier zum Ort des Gemeinsamen und Vertrauten schlechthin. Es weckte Erinnerungen an Rosa, die Tante, die mit der Schwester Rösy musizierte, es war der Ort, an dem der Bruder spielte, während die Schwester zuhörte und kochte. Das vierhändige Klavierspiel war Ausdruck davon, dass Sophie an diesem Sonntag nicht allein war. Auch wenn Fräulein Weckerle den Ansprüchen von Sophie nicht genügen konnte, gab die Freundin ihr doch die Möglichkeit, in der gemeinsamen Musik über sich hinauszuwachsen. Noch bedeutender wurde dies allerdings, wenn die Schwester mit ihrem Bruder gemeinsam spielte, zum Beispiel Mendelssohns «Italienische Symphonie», die der Bruder, so Sophie im selben Brief, auf den kommenden Sonntag hin zu üben hatte.231

Wie berückend und berührend das gemeinsame Musizieren der Geschwister sein konnte, beschrieb die bereits oben zitierte Schülerin von Walter: «Später hätt er sogar eini vo sine Schwöschtere, s Marthy, won e schöni Stimm gha hätt, i d Schuel mitbracht, und sie hätt eus das Lied – und anderi – mit der Melodie vom Schumann gsunge, vo ihm am Flügel begleitet. Ich bi gsy wie verzauberet, ich ha tänkt, öppis Schöners chönns überhaupt nüme gäh.»232

Die Musik war für Frauen um die Jahrhundertwende einer der wenigen Orte, ihre Gefühle auszudrücken.233 Besonders berühmte Vorbilder finden sich unter den literarischen Beispielen Klavier spielender Frauen. So in Goethes «Wahlverwandtschaften», wo Ottilie durch ihre einfühlsame und virtuose Klavierbegleitung das Herz des solospielenden Eduards gewinnt. Die Harmonie, die zwischen den beiden während des Spiels entsteht, dient als Spiegel ihrer Charaktere, die einander zugeneigt sind. Während die Begleitung der Gattin von Eduard nur vom Willen, ihn zu begleiten, getrieben ist, führt die von Ottilie zur perfekten Harmonie.234 In der Musik kam zum Ausdruck, was niemals ausgesprochen werden durfte, sie wurde zum Ort vollkommenen Glücks und vollkommener Verzweiflung. Auch Meinrad Inglin bediente in seinem Roman «Schweizer Spiegel» dieses Klischee: Die noch kaum geahnte Liebe, die sich zwischen dem armen Dichter Albin und der Frau von Oberst Hartmann regt, wird im gemeinsamen Spiel sichtbar. Sie begleitet ihn auf dem Klavier. In der Musik offenbart sich die Liebe und Harmonie, die sich hier verbotenerweise im verdunkelten nächtlichen Zimmer ausbreitet.235

Das Klavier wurde durch diese Intimität zum Verbündeten, es kannte die innersten Regungen und Wünsche der spielenden Person. So war denn in den Gedichten Sophies das Klavier der Ort, an den sie sich in ihrer Sehnsucht zurückzog:

«Dämmrung

An dem Klavier in meinem kleinen Zimmer

So sitze ich im trauten Dämmerschein

Und spiele bei dem letzten trüben Schimmer

Die alten Lieder die wir sangen immer

Als Kinder schon und gestern noch zu zwein.

Die Finger gleiten auf den weissen Tasten

Das Lied vom Herbst und von der Jugendzeit

Vom Trommelklang und Kriegsgeschrei und Hasten

Und wie der Pilger sucht ein Haus zum Rasten

Vom Heimatglück und Erdenlieb und Leid.

Die alten trauten Weisen leis verklingen

Und nimmer werde ich des Spieles müd

Vor meine Seele alte Bilder dringen

Dass nicht ein einzig Lied ich mehr mag singen

Weil alles Weh durch meine Seele zieht.

Weil ich gedenke alter Schuld und Fehle

Auch am Klavier im letzten Dämmerschein

Mich Tag und Nacht mit wilder Reue quäle

Und einen Ausweg suchet meine Seele

Und einen Gott, denn ach, ich bin allein.»236

In «Dämmrung» wird das Klavier zum Anbindungspunkt an die verlorene Heimat, die durch die alten Lieder, die zu zweit gesungen wurden, heraufbeschworen werden sollte. Die zitierten Volkslieder lassen noch einmal das Liedgut aufscheinen. Nun kommen keine Lieder mehr über die Lippen, nur noch die Finger gleiten über die Tasten und bringen die Erinnerungen zurück. Die verstummten Lieder blieben in Worten als Verse, Zitate, als Literatur zurück. Während das Musizieren immer an Gemeinschaft und Harmonie erinnerte, konnte Literatur der Ort werden, an dem die Einsamen im Zwiegespräch Gehör und Verständnis fanden.

LESEN, VORLESEN, ZUHÖREN UND DER DRANG NACH AUSTAUSCH UND BESTÄTIGUNG

Im bäuerlichen Elternhaus von Johannes Schnyder waren Bücher eine Rarität. Bauernkalender und die Bibel waren der Lesestoff, der im Haus zu finden war.237 Das Fehlen anderer Bücher und die gleichzeitige Lesewut des Jungen führten zur weiter oben zitierten Anekdote, er habe bis zu seinem 15. Lebensjahr die Bibel vier Mal durchgelesen.238 Anders mochte das Verhältnis zu Büchern bei den beiden Frauen von Johannes Schnyder gewesen sein. Im Pfarrhaus in Beringen bei Pfarrer Peyer standen gewiss einige literarische Werke. Onkel Gustav Peyer, der Bruder Sophies, hatte eine grosse Bibliothek. «Der Bücherschrank im Pfarrhaus versammelte das Bildungsgut der Zeit, allerdings meist ohne die fortschrittliche oder gar avantgardistische Literatur.»239 Auch auf dem Wyttenbach’schen Gut im Wyssenbühl waren Bücher vorhanden. So erinnert sich der Vater Caroline Schnyder-Wyttenbachs in seinen Memoiren, dass zum täglichen Programm seines Vaters Lektüre gehörte.240 Bücher gehörten zum Ausweis von Wissen, Bildung und Geld. Allerdings spielten auch öffentliche Bibliotheken eine wichtige Rolle.241 So liess sich Ernst Schnyder, der als junger Pfarrer in Nesslau keinen Zugang zu einer grossen Bibliothek hatte, von seinem Onkel Gustav Peyer in Basel Bücher aus der Lesegesellschaft schicken. Die Schwester hatte dann jeweils den Auftrag, diese zu holen und zu verschicken. Um die Bücher in der Lesegesellschaft ausleihen zu können, musste der Onkel Mitglied sein.242

Lesen war zugleich Bildung und Luxus. Lesen war keine produktive Arbeit.243 So wurde es nicht geschätzt, wenn Mädchen zu viel lasen. Lektüre wurde oft am Sonntag oder auch am Abend genossen, wobei die oben zitierte Arbeitsteilung, einer liest, die anderen erledigen Handarbeiten, bevorzugt wurde. Im Pfarrhaus Schnyder gehörte eine regelmässige Abendlektüre zum Tagesprogramm: «Am Abend lasen wir gewöhnlich gemeinsam ein Buch vor, und Papa war dabei, um uns Freude zu machen, zu erklären und zu korrigieren. So lasen wir verschiedene Spyribücher und auch endlich einmal die ganze Odyssee, was mir in der Schule sehr zu statten kam.»244

Das gemeinsame Lesen wurde vom Vater erklärt und kontrolliert. Die Pfarrerskinder konnten sich im Vorlesen üben und zugleich ihr Wissen vergrössern. Dies war in der Schule ein Vorteil, wie Lilly selbst betonte. Bücher spielten in der Etablierung bürgerlicher Vorstellungen vom häuslichen Leben eine wichtige Rolle. Besonders aktiv und prägend bei der Produktion dieser Literatur der Mittelschichten waren Pfarrer, Prediger oder pietistisch geprägte Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Inspiriert wurden sie unter anderem durch die englische Erweckungsbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts,245 die auch auf die Schweiz grossen Einfluss ausübte. Bei Schnyders las man Reuter, Frommel, Voss, Hebbel, C.F. Meyer, Lavater, Gotthelf sowie die Schriftstellerinnen Emma Waiblinger, Maria Waser, Dora Schlatter, Johanna Spyri und Elisabeth Müller. Natürlich wurden auch theologische Abhandlungen und evangelikale Traktätchen hin- und hergeschickt. So lasen die Geschwister reihum einen Text darüber, wie der Pietismus in Zofingen Fuss gefasst hatte, später sandte man sich Texte von Karl Barth zu und diskutierte diese kontrovers. Die vielfältigen Spuren, die diese Lektüre in Briefen, Tagebüchern und Memoiren hinterliessen, sind Zeichen des hohen Stellenwerts, der dem Lesen, Vorlesen und Zuhören zukam.246

Bücher waren kostbare Geschenke, sie wurden ausgetauscht und zurückverlangt, sie wurden beschriftet und gehortet und immer wieder gelesen. Bücher waren Träger von geistigem Gut, sie waren Gesprächspartner und Tröster, sie öffneten die Welt und machten Verborgenes oder gar Verbotenes zugänglich. Interessant ist, dass in den Quellen nie von unpassender oder gar «verbotener» Lektüre die Rede ist, obwohl gerade für Mädchen viele Bücher als unpassend oder gar verderblich angesehen wurden.247 Es ist anzunehmen, dass diese Diskussion durchaus stattfand, da fast alle Geschwister in irgendeiner Form einen Bildungsauftrag hatten und somit mit der Auswahl passender Bücher konfrontiert waren.

Sich über Literatur auszutauschen, bedeutete für die erwachsenen Geschwister, Lebenswelten zu teilen. Kaum ein Brief, in dem nicht ein kurzer Überblick über die derzeitige Lektüre vorkam. Dies konnte von religiösen Traktätchen über politische Schriften bis hin zu Goethes «Faust» und Baudelaire alles sein.

Eine Ausnahme und zugleich ein Beispiel für die zentrale Rolle, die Literatur spielen konnte, bilden die Quellen Sophies. So zum Beispiel im Brief vom 8. November 1925, in welchem die Schwester ihrem jüngsten Bruder zunächst eine literaturkritische Abhandlung zu Strindbergs Dramaturgie lieferte, um dann den modernen Dramatiker in seinem Urteil über Shakespeare zu widerlegen. Dann verglich sie Strindberg mit Hebbel, Ibsen, Hauptmann, Mörike und Dumas, um sich zum Schluss bei Wilhelm Busch zu erholen. Weiter ging die Aufzählung zu den während der Woche geübten Fremdsprachen: Maupassant auf Französisch, eine leichte Liebesgeschichte zur Erholung auf Englisch und «Garben und Kränze», eine historische Abhandlung über Gregor den VII., der die Priesterehe abschaffte. Der Brief schloss folgendermassen: «Auswendig lerne ich Schillers ‹Weltweise› und wiederhole alles Gelernte immer zweimal im Tag und jeden Abend im Bett einen Buchstaben Gesangbuchlieder. Frl. W. sagte, ich wäre verrückt! Was sagst Du? Herzl. Gruss und Kuss in Dank und Liebe. Dein altes S.»248

Solche Aufzählungen bilden in diesem Briefnachlass durchaus nicht die Ausnahme, der unglaubliche Wissensdrang und das rastlose Lernen und Weiterbilden sind Ausdruck des Stellenwerts, den Literatur und Musik für die Geschwister hatten. Im schwankenden Gemütszustand Sophies halfen diese kulturellen Stützen des Bildungsbürgertums, die Depression zurückzuhalten. Dass die Werke nur angedeutet werden mussten, zeigt, dass der Bruder mit dem Kanon bestens vertraut war. Diese Kenntnisse gehörten allerdings zum Beruf des Deutschlehrers, während für Sophie Literatur wie auch Musik überlebenswichtige Mittel waren, ihre Freitage ohne Familie zu überstehen.


26 Die Kinder von Walter Schnyder sagen, als Bergblumen verkleidet, Verse auf, um 1940.

Die Abhandlungen in den Briefen gleichen Gesprächen mit einem imaginierten Gegenüber, sodass in der kleinen Wohnung der alleinstehenden Frau eine familiäre Nähe im brieflich-literarischen Austausch entstand.

Grundstein aller Bücher und allen Lesens bildete die Bibel. Sie wurde zum Vergleich herangezogen, in ihr war alle Welt versammelt. Die Bibelfestigkeit der Geschwister lieferte Hilfe in guten und in schweren Situationen. So repetierte Paula während ihrer Krankheit Sprüche und Lieder, um ihre Schlaflosigkeit zu bekämpfen. Ihr Tagebuch ist von Gedichten und Sprüchen durchdrungen, die sie sich selbst als Trost oder als mahnende Rufe hinschrieb. Wenn die Sprüche versagten, war die Kranke sehr verzweifelt: «Alles Aufsagen lieber Liedverse nützt nichts – die Verbindung mit Gott ist abgeschnitten, gottlob nur in solch dunklen Stunden!»249

Die vertrauten und stärkenden Worte schienen eine Art heilende Kraft zu haben. Wenn diese nichts nützten, war die «Verbindung zu Gott» unterbrochen. Wörtlichkeit war wichtig und wurde ernst genommen. Früh gab man den Kindern Sprüche mit auf den Weg, die als Lebensmotto dienten; so zum Beispiel den Konfirmationsspruch, der oft bei der Abdankung als wegweisend für dieses Leben zitiert wurde.

Selbst im spielerischen Zeitvertreib standen das Wissen und das Wort im Zentrum, so spielte man an Sonntagabenden das biblische Namenspiel.250 Sophie exerzierte ihr Wissen als Jugendliche, wenn sie sich mit ihrem Bruder Karl im Zitieren von lateinischen Klassikern duellierte.251

In der nächsten Generation führte die engagierte Lehrerin Paula in moderner Form das Aufsagen und Zitieren weiter. Sie legte auch auf das Schauspiel wert und orientierte sich an den Lebenswelten der Kinder. Die Nichten und Neffen der Tanten durften in ihren Ferien Theaterstücke aufführen, in welchen sie als Berge oder als Pflanzen kleine Gedichte aufsagten.252 Auf der Fotografie sind die Nichten und Neffen Paulas, die unter der Regie ihrer Tante zum Geburtstag ihres Vaters Walter als Bergblumen auftraten und Verse vortrugen: «Jedes als Geburtstagsgruss. Da war beispielsweise Ruedi ein Enzian und wir haben aus Creppappier Blumen gebastelt. Hanswalter war ein Pilzli.»253

BEDEUTUNG DER FAMILIÄREN GEMEINSCHAFT

Nach der Darstellung des Umfeldes, das die Lebenswelten der Geschwister Schnyder geprägt hat, möchte ich anhand von zwei Quellen die Frage nach den unterschiedlichen «Ergebnissen» einer Jugend als Pfarrerskind stellen. In den zwei Fallstudien werden Tradition, Norm und Erwartung des Herkunftshauses einmal als fördernde, das andere Mal als belastende Hypothek beleuchtet. Die Kluft zwischen den beiden unterschiedlichen Lebensdarstellungen macht die Spannweite der vorgegebenen Strukturen der gemeinsamen Herkunft sichtbar.

TRADITION, RELIGION UND BÜRGERLICHE NORMEN: MEMOIREN DES ÄLTESTEN BRUDERS

1986 hatte Martha Ruth Schnyder, die jüngste Tochter Ernsts, eine ganze Sammlung unterschiedlicher autobiografischer Dokumente ihres Vaters zusammengestellt und fotokopiert. Der Titel und das Inhaltsverzeichnis deuten darauf hin, dass diese Arbeit der Tochter nicht nur der Darstellung des Lebens des Vaters, sondern auch einer Bewusstseinsbildung innerhalb der Grossfamilie diente.254 Martha Ruth stellte die Daten für ihren Neffen zusammen und betonte so als ledige Tante ihre direkte Verknüpfung und Nähe mit den Nachkommen ihrer verheirateten Schwestern.

Keine der Selbstdarstellungen der Geschwister nimmt so vollständige Formen einer kohärenten Erzählung an wie die Dokumente des Ältesten. Damit hatte er für seine Nachkommen ein Bild gezeichnet, welches ihn überdauern konnte und ihn, so wie er sich selbst verstand und sah, repräsentierte. Ernst schrieb sich selbst eine Schlüsselrolle innerhalb der Familie zu und bildete mit seiner Erzählung die direkte Weiterführung der Lebensgeschichte des Vaters. Besonders unterstützt wurde diese Erzählung durch die Tatsache, dass der Erstgeborene am Geburtstag des Vaters zur Welt gekommen war: «Sein Ältester erschien am 28. Geburtstag des Vaters, so dass sein Mund von Lob und Dank überfloss und er den 103. Psalm betete aus übervollem Herzen.»255

Die Quellen von Ernst verhelfen dazu, Normvorstellungen aufzuspüren, die, einem Über-Ich gleich, für alle Geschwister prägend waren. Auch wenn niemand den strengen Werten entsprechen konnte, galten diese doch als Massstab. So schrieb Hedwig, bereits Gouvernante bei Herrschaften in Mailand, an ihren jüngsten Bruder Walter, der sich ebendort in der Welt der Aristokratie als junger Hauslehrer zurechtfinden musste, er müsse sich daran gewöhnen, dass nicht alles mit der Bischofszeller Messlatte gemessen werden könne: «Du kannst Studien aller Art machen und wenn auch Deine Leutlein nicht grade nach dem Bischofszeller-Model gemacht sind, so will das noch nicht heissen, dass sie ganz zu verurteilen sind. Der liebe Gott hat eben die mannigfachsten Kostgänger und es wäre entschieden langweilig in der Welt, wenn sich alle Leute gleichen würden, der Bischofszeller Massstab ist leider sehr klein und erlaubt daher ganz wenig Spielraum. [...] Wenn Mama und Lilly ganz genau wüssten, wie es hier manchmal zugeht und aussieht, das Höllenfeuer wäre noch zu mild für sie. Immer in relativ ruhigen behaglichen, geordneten Verhältnissen sein Leben zubringen, heisst eben auch leicht einen engen Horizont bekommen.»256

Nicht Ernst oder die Schnyders waren für diese Werte- und Normenskala zuständig, sondern das provinzielle Bischofszell. Die Vertreterinnen dieser engen Werte waren die Mutter und die älteste Schwester, die von Hedwig als kontrollierende Instanzen wahrgenommen wurden. Die Geschwister mussten Strategien entwickeln, sich zwischen ihrer Lebenswelt, ihren Bedürfnissen und dem verinnerlichten Wertemassstab zu bewegen. So empfahl die Schwester dem Bruder im selben Brief, nur das zu schreiben, was die in Bischofszell Gebliebenen aus ihrer beschränkten Warte verstehen konnten.257 Die von Hedwig angesprochene Zensur betraf Verstösse gegen die christliche Praxis, die für eine Pfarrfamilie verbindlich war: «Keine Flüche, keine ‹hässlichen Worte›, kein Sich-gehen-Lassen, pünktliche Beherrschung bürgerlicher Formen, gehorchen ‹aufs Wort›. Die Pfarrfamilie repräsentierte christlich-bürgerliches Leben und setzte Massstäbe dafür.»258

Diese Massstäbe werden in den Dokumenten Ernsts vielfach gespiegelt. Dazu gehörte auch Selbstkritik als Bestandteil eines ehrlichen Geständnisses vor Gott. Das Leben des folgsamen Pfarrerssohns wurde in der Selbstdarstellung nicht narzisstisch gefeiert. An einigen Stellen besann sich der alte Memoiren-Schreiber, dass er wohl ungnädig oder zu wenig aufmerksam war gegen seine Schwester oder Launen an seiner Frau oder seinen Schülern ausgelassen hatte. Jedoch wird durch die Beschreibung seines enormen Arbeitspensums klar,259 dass der nimmermüde Diener Gottes sich nicht durch Herrschsucht oder als Patriarch so verhielt, sondern aus Unwissenheit und Diensteifer.

Die Entscheidung, was erwähnt und was ausgelassen wurde, ist von grosser Bedeutung. Der Schreibende kannte sich in den Formen des Erzählens aus und wusste, welche Geschichten in den Vordergrund gerückt werden sollten. Er wog bei heiklen Themen sorgfältig ab, was er ansprach und was er nur andeutete. Schliesslich war er mehr als 35 Jahre ein einflussreicher Pfarrer in Schaffhausen, es war ihm sicher ein Anliegen, sein Leben in würdevoller Weise darzustellen.

Die Selbstzeugnisse von Ernst Schnyder präsentieren sich im Inhaltsverzeichnis der sauber gebundenen Familiensaga folgendermassen: «Mein Dank. Von Vater am 28. März 1959 geschrieben. 2 Seiten.», «Die Daten meines Lebens. Von Vater Ende der 50er Jahre aufgestellt. 2 Seiten.», «Mein Leben. Autobiographischer Bericht, im Oktober 1958 beendet. 68 Seiten.», «25 Jahre Pfarrer in Schaffhausen. Von Vater vermutlich 1935 verfasst.» Darauf folgen Nachrufe, die anlässlich der Abdankung 1961 erschienen.260 Die vier autobiografischen Quellen wurden von Ernst Schnyder mit Schreibmaschine geschrieben. Es handelt sich um rückblickende Texte, die durch eine zusammenfassende Erzählung aus den einzelnen Episoden des Lebens eine in sich geschlossene Geschichte machen und dem Leben so einen Sinn und eine Richtung geben.261

Das erste Dokument «Mein Dank!» beinhaltet eine zwei Seiten lange Aufreihung von Personen, denen sich der 83-Jährige verpflichtet fühlte. An erster Stelle kommt der Dank an Gott, «meinen Schöpfer», danach an die Eltern, an die Geschwister, im Besonderen an die Schwester Hanni, die ihm den Haushalt während sieben Jahren machte, dann an die Frau und an seine fünf Töchter, von welchen ihn zwei bis in seinen Ruhestand begleiteten und ihn betreuten. Danach folgen Verwandte, dann Lehrer und Kollegen. Anhand der Reihenfolge der Danksagung wird sichtbar, welchen Stellenwert die Personen in der Geschichtsschreibung und in der Werteordnung des Autors hatten. Bedeutend ist, dass die Herkunftsfamilie mit weit mehr Text und vor der eigenen Familie erwähnt wird. Wichtig ist auch, dass alle Lehrkräfte erwähnt werden, die Sonntagsschullehrerinnen, die dem Pfarrer die biblischen Geschichten erzählten, inbegriffen. Sie gehörten zum System, das dieses Leben gestaltete. Wenn sie auch namenlos blieben, so mussten sie doch im Dank eingeschlossen werden.

Im Gegensatz zu diesem Dokument, welches das aufwändige Personal bei der Mitgestaltung dieses erfolgreichen Lebens aufzählt, stellen die drei folgenden autobiografischen Texte den Werdegang des Pfarrerssohns zum Pfarrer dar. Eine explizite Begründung, für wen oder weshalb die Autobiografie geschrieben wurde, findet sich nicht.

DER SOHN ALS REINKARNATION DES VATERS

Entscheidend in den Memoiren Ernsts ist die Figur des Vaters, der als Führer und später als Freund dargestellt wird. Durch seine Position als Ältester von zwölf Geschwistern kommt ihm eine besondere Stellung zu, die sich durch den frühen Tod des Vaters verstärkt. Die familiären Verhältnisse präsentiert der Memoiren-Schreiber als harmonisch, obwohl der Tod der Mutter als einschneidendes Erlebnis geschildert wird. Unmut und Kritik an den Eltern können nur erahnt werden, so zum Beispiel die jährlich hinzukommenden kleinen Geschwister, die dem kleinen Ernst nicht immer Freude bereiten mochten: «Meine ‹Ferien› fielen gewöhnlich zusammen mit der Ankunft eines neuen Geschwisters in Fehraltorf».262 Der kritische Unterton – wenn überhaupt – kann höchstens an den Anführungsstrichen erkannt werden. Die Beschreibung des Durchbruchs des Gotthardtunnels während des festlichen Akts der Installation des Vaters in Zofingen, der Besuch der 500-Jahr-Feier der Schlacht bei Sempach sowie Wanderungen mit dem Vater zeigen auf den ersten Seiten einen vaterlandsbegeisterten strebsamen Pfarrerssohn, der auf den Spuren des Vaters bereits mit 14 Jahren ins «Rebhaus» in Basel zog, «das christliche Herren für ein Internat für Gymnasiasten, die einmal Pfarrer zu werden hofften, gekauft und eingerichtet hatten».263 Der Vater begleitete den Sohn auf diesem Weg und schien grundsätzlich für dessen Wohl und Bildung zuständig gewesen zu sein: «Als ich mein Prope bestanden hatte, überraschte mich Vater mit dem Vorschlag, ich dürfe nach Berlin gehen für 2 Semester. Die meisten Theologen gingen damals nach Marburg zu Ritschl oder Halle zu Kähler. Aber kurz vorher war unser St. Galler Landsmann Prof. Adolf Schlatter von Greifswald nach Berlin berufen worden von Kaiser Wilhelm II. Die grösste Berühmtheit unter den Theologen war Harnack, aber auch Kaftan und Pfleiderer und der Philosoph Paulsen und der Historiker Treitsch waren grosse Anziehungspunkte.»264

Adolf Schlatter galt als einer der selbständigsten Neutestamentler und Systematiker und war Schüler von Tobias Beck. Er bestand auf der Einbeziehung historischer Arbeit in die Bibelauslegung und verschaffte so den pietistischen Theologen den Anschluss an den wissenschaftlichen Diskurs.265

Was die Memoiren Ernsts in aussergewöhnlicher Weise ergänzt, ist sein Bericht über das Leben seines Vaters, den er 1916 zum Geburtstag seiner Mutter verfasste.266 Dieses in einem unpersönlichen Erzählstil verfasste Lebensbild, in welchem der allwissende Autor sich nur im Titel als Sohn zu erkennen gibt, weist bestechende Parallelen zur Autobiografie Ernsts auf, die etwa 30 Jahre später verfasst wurde. So wählte der Sohn für die Beschreibung und für die Schlüsselmomente in seinem Leben exakt die gleichen Worte wie in der Lebensbeschreibung seines Vaters. Es scheint, er schrieb schon 1916 an seiner eigenen Geschichte, indem er eine Biografie seines Vaters verfasste. Nicht nur das übereinstimmende Geburtsdatum, wie es weiter oben zitiert wird, lädt zu parallelen Lebensdarstellungen geradezu ein. Auch der gleiche Beruf, der vom Moment des Gymnasiums an in allen Ausbildungsstationen mit dem des Vaters übereinstimmt, lässt den Lebensweg des Sohnes als Kopie und Fortführung erscheinen: «Der älteste Sohn hatte zur grossen Freude des Vaters das Studium der Theologie ergriffen. Vater und Sohn traten immer mehr in ein rechtes Freundschaftsverhältnis.»267

Das Freundschaftsverhältnis hatte auch pragmatische Gründe, denn die Pfarrstelle des Vaters war gleichzeitig die zukünftige Vikariatsstelle des Sohnes. Dies bedeutete für den Vater eine grosse Entlastung in seinem alltäglichen Pensum. Das Nachziehen von Pfarrerssöhnen bildete eine Art Hinterbliebenenversicherung im Falle eines frühen Todes des Pfarrers. Dies wird aus Ernsts Beschreibung des Todes des Vaters, als er bereits als Pfarrer in Nesslau arbeitete, deutlich: «Am 13. Februar, seinem und meinem Geburtstag, sahen wir uns zum letzten Mal, machten noch einen kleinen Spaziergang. Im Studierzimmer versammelte er uns anwesende Geschwister und legte uns seine bescheidene Vermögenslage dar. Das war mir unheimlich, er dachte offenbar an sein baldiges Sterben. Am 26. März kam am morgen ein Telephon, wir, Hanny und ich, sollten sofort heimkommen, Vater sei krank. Wir machten uns rasch bereit. Ich musste noch meine Konfirmanden entlassen, die auf den Unterricht warteten. Mit einer Kutsche fuhren wir nach Ebnat und von dort nach Bischofszell. Wir trafen leider den Vater schon im Koma diabeticum, konnten nicht mehr mit ihm reden, immerhin öffnete er noch die Augen, wenn ich ihn rief und ihm Bibelsprüche und den 23. Psalm vorsagte. Ich wachte die ganze Nacht bei ihm, am Vormittag des 27. März 1901 gab er den Geist auf. Es war Mittwoch vor Palmsonntag! Ich eilte zu Notar Müller, dem Präsidenten des Kirchenstandes, und wir wurden einig, dass die Beerdigung am Freitag stattfinden sollte. Ich schrieb die Personalien, so schön ich konnte, aber der Dekan las sie doch sehr mangelhaft. Auch die Predigt des alten Reformers befriedigte nicht. Ich musste so schnell als möglich wieder zu meiner Gemeinde. Auf dem Bahnhof Bischofszell sagte mir ein Kirchenvorsteher: jetzt müssen sie zu uns kommen, um Ihrer Familie willen. [...] Mit schweren Gedanken reiste ich heim nach Nesslau. Die Gemeinde war mir sehr an’s Herz gewachsen, es wäre mich sehr hart angekommen, sie zu verlassen und doch musste ich immer wieder denken, ob ich der Familie schuldig sei nach Bischofszell zu kommen. Es wäre ja so einfach gewesen, wenn die grosse Familie im Pfarrhaus hätte bleiben können.»268

Der Tod des Vaters wurde von Ernst Schnyder detailliert dargestellt. Ausser Hanny wird niemand von der Familie erwähnt. Ernst stand ganz im Zentrum des Interesses: Nun war er als ältester Sohn Vaterersatz für die noch unerwachsenen Kinder. Das Aufrechterhalten sowohl des gemeinsamen Wohnsitzes als auch des sozialen Prestiges hing von der Entscheidung des Sohnes ab, die Gemeinde zu übernehmen. Interessant ist, dass sich der junge Pfarrer nicht für die Übernahme der väterlichen Stelle entschied. Dieser Entscheid wurde auch von der Mutter und den Geschwistern unterstützt, die andernfalls die Heiratschancen Ernsts schwinden sahen: «Zu meinem Trost waren auch meine Mutter und die Geschwister nicht dafür, dass ich nach Bischofszell komme, weil sie wussten, wie glücklich ich in Nesslau war und wie glücklich die jüngern Geschwister waren, einen so idealen Ferienort zu haben. Andererseits dachte meine Mutter wohl auch, wenn wir im Pfarrhaus Bischofszell zusammenwohnen würden, könnte ich nicht heiraten.»269

Während man die Verunmöglichung einer Heirat des Bruders als ein unangemessenes Opfer zu Gunsten der Herkunftsfamilie verstanden hätte, entsprach die Rolle der Schwester, die für die Herkunftsfamilie ledig blieb, einer gängigen Norm.270

In der Autobiografie Ernsts wird kein Konflikt mit dem Vater erwähnt, wie überhaupt Konflikte nur sehr knapp zur Darstellung kommen: «Die Ablösung vom Vater war für Pfarrerskinder, die Theologie studierten, besonders schwer. Von klein auf waren sie so von seinem Glauben, seiner Amtsauffassung, seiner theologischen Denkweise geprägt, dass ein Emanzipationsprozess fast notwendigerweise krisenhaft verlaufen musste.»271 Aus der Selbstdarstellung Ernst Schnyders wird kein krisenhafter Emanzipationsprozess sichtbar. Es zeigt sich vielmehr der gerade Weg vom Pfarrerssohn zum Pfarrer, auf welchem die Tradition übernommen und die Werte verinnerlicht wurden. «Sei getrost und sei ein Mann und warte der Hut des Herrn, deines Gottes, dass du wandelst in seinen Wegen.»272 So lautete der Konfirmationsspruch, den der Sohn vom Vater auf den Weg erhielt und der ihn ein Leben lang begleitete und bis in die mächtigsten Positionen führte, die ein Pfarrer im Kanton Schaffhausen bekleiden konnte.

Es ist schwer zu sagen, wie weit eine bewusste Absicht bestand, die Nähe zum Vater in der Selbstdarstellung herzustellen. Es ist jedoch offensichtlich, wie erfolgreich dieses Rezept in der Praxis war. So schien Ernst mit wenigen Hindernissen gekämpft zu haben, bis er in der Position des Gemeindepfarrers stand. Erst als Pfarrer in Schaffhausen sah er sich in der Auseinandersetzung mit seinen Kollegen Kritik und Angriffen ausgesetzt, während er in der kleinen Berggemeinde in Nesslau der beliebte junge Dorfpfarrer war, wohl einer der wenigen Akademiker in der Gegend und eine Respektsperson.

Der kurz nach der Autobiografie verfasste Text «Mein Dank!» von Ernst Schnyder endet mit den Bibelworten: «Ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die er an seinem unwürdigen Knecht getan hat. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.»273 Der aufrichtige Glaube an diese Gnade stand im Weltverständnis von Ernst Schnyder in direktem Zusammenhang mit der Gnade, die schon seinen Eltern zuteil wurde. So legte er seinem Vater und seiner Mutter dieselben Worte bereits in der Biografie des Vaters 1916 in den Mund: «Beim Abschied von Zofingen erfuhren die Pfarrersleute noch viel Zuwendung und beim Rückblick auf alles Gute, das ihnen der Herr trotz allem Schweren auch hier erwiesen, drängten sich ihnen die Worte Jakobs auf die Lippen: Herr ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knechte getan hast.»274

Wie viel gestaltende erzählerische Arbeit hinter einer solch geschlossenen Darstellung liegt, wird aus den Auslassungen sichtbar, die im Weiteren betrachtet werden sollen.

BEREDTES SCHWEIGEN

Die emotionale und detaillierte Schilderung des Todes des Vaters hebt sich deutlich von der Beschreibung des Todes der Gattin ab, die früh an einem Herzinfarkt starb. Diese Ähnlichkeit im Leben von Sohn und Vater, die beide ihre erste Frau früh verloren, wurde nicht als Parallele dargestellt.

Die ausführliche Beschreibung des Todes des Vaters und das emotionale Engagement des Sohnes mögen Hinweise auf ein eigentliches Abweichen des Sohnes vom vorgegebenen Weg sein. Ich möchte dies im Zusammenhang mit Ernsts Entscheidung betrachten, nicht des Vaters Stelle zu übernehmen und also nicht Stellvertreter des Vaters zu werden. Im autobiografischen Dokument «Mein Leben», scheint es, dass der Autor seine Entscheidung, in Nesslau zu bleiben, gut begründen musste. Durch die emotionale Erzählung und die Schilderung der persönlichen Situation Ernsts können die Nachkommen verstehen, weshalb Ernst sich hier für sich selbst und nicht für die Mutter und die Geschwister entschieden hat. Insbesondere die Erwähnung, dass die Familie diesen Entscheid unterstützte, hinterlässt das Bild eines harmonischen Entscheides. Die Schilderung der Bemühungen von Ernst, die Verhältnisse in der vaterlosen Grossfamilie zu klären, zieht sich über eine ganze weitere Seite des Lebensberichts weiter und weist den Ältesten als besorgt um seine Familie aus.

Dagegen nimmt sich die Beschreibung des plötzlichen Todes der eigenen Gattin Luise seltsam nüchtern und fragmentarisch aus. Zwar erhält sie im Zusammenhang mit ihrem Tod – erstmals! – in rührender Weise ein Profil als höchst tätige und hilfreiche Pfarrersfrau.275 Diese Beschreibung dient sozusagen als narrative Einleitung zum detaillierten Bericht des Tages, an welchem sie starb. Der Tod selbst und die Trauer darüber werden kaum berührt. «Der Sonntag, 3. März 1929 war für sie ein strenger Tag und sie erklärte schon am morgen, sie sei sehr müde. Aber sie ging am Vorm. zur Kirche, am Nachm. machten wir einen kleinen Spaziergang nach Feuerthalen und einen Besuch bei den jungen Pfarrersleuten daselbst, um 5 Uhr hielt Pfr. Hoch von Riehen einen Vortrag mit Lichtbildern in der Münsterkapelle, den sie doch auch miterleben wollte. Am Abend hatten wir die Konfirmandinnen, die Klasse, zu der unser Vroni gehörte, eingeladen, es wurde ein sehr lebhafter, lustiger Abend mit vielen Spielen, wir kamen spät zur Ruhe. Am Montag war ich den ganzen Vormittag in der Gemeinde zu Kranken- und Konfirmandenbesuchen. Als ich um 12 Uhr heimkehrte, teilte sie mir mit, dass eine Frau auf dem Emmersberg gestorben sei und mahnte mich, es doch ja nicht zu vergessen. Beim Mittagstisch am vollbesetzten Tisch sank sie plötzlich um ‹Jetzt wird’s mir schlecht!› waren ihre letzten Worte. Wir legten sie auf die Chaiselongue im Schlafzimmer, aber der Arzt, der augenblicklich kam, sah schon unter der Türe, dass nichts mehr zu helfen war, sie war an einem Herzschlag gestorben. Wie ein gewaltiger Donnerschlag traf uns alle dieser plötzliche Hinschied. Es war das einschneidendste Ereignis in meinem Leben, aber wohl auch im Leben meiner Kinder.»276

Keine Beschreibung der Abdankungsfeier, kein Bibelspruch und kein Lied wurden an dieser wichtigen Lebensstelle angefügt. Nicht einmal der sonst viel zitierte Gang zum Grab und der Gesang am Grab wurden erwähnt. Die Erschütterung des Gatten durch den plötzlichen Tod der Frau musste im Lebenslauf nicht weiter begründet werden. Daher folgten im Weiteren organisatorische Details, wie die Kinder versorgt wurden, wie der Vater «unter Tränen» die sechzehnjährige Vroni in Montmirail abgab, wie Marthy, eine der Schwestern von Ernst, die älteste Tochter Margrit in die Haushaltsführung einarbeitete und diese ihre ursprüngliche Bestimmung als Lehrerin aufgab. Für den zu diesem Ereignis parallel stehenden Tod der Mutter von Ernst, Sophie Schnyder, verwendete der Autor 30 Jahre vorher im Lebensbild des Vaters eine ganz andere Sprache: «Da kam das Leid und pochte mit hartem Finger an die Türe. Er kam und riss aus dem lieblichen Familienkreis die treue Mutter. Das 6. Kindlein hatte ihr das Leben gekostet. Mutter und Kind wurden unter Blumen miteinander in den Sarg gebettet. So ernst redete der Herr mit seinem Knechte; aber er beugte sich unter die Hand seines Gottes und versuchte mit Hiob zu sagen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet.»277

Ist es die Veränderung der Sprache, die 1958 eine ähnliche Beschreibung nicht mehr möglich machte? Weshalb dann wurden andere Stellen fast wörtlich zitiert? Sicher war für Ernst die Form der Erzählung «Lebensbild eines lieben Entschlafenen», die in schwärmerischem Ton geschrieben ist, entschieden anders als die Form seiner Memoiren, wo eher ein abgeklärter Stil vorherrscht. Und natürlich ist die Stimme des zu diesem Zeitpunkt fast 80-Jährigen eine andere als die des Pfarrers in den besten Jahren. Vor allem aber scheint bei der Beschreibung des Verlustes der Gattin die Entscheidung des Autors im Vordergrund gestanden zu haben, das ganz Private für sich zu behalten. So bleibt die Tatsache, dass das «einschneidendste Ereignis» zugleich in Schweigen gehüllt wurde, gewichtiges Zeichen der Strategie des Erzählers. Auch dass die Floskeln des pietistischen Umgangs mit dem Tod hier fehlen, mag Zeichen der direkten Betroffenheit sein.

Auffallend ist, dass Ernst Schnyder in seiner Autobiografie kaum über die Beziehung zu seiner Ehefrau und ihr gemeinsames Pfarrleben schreibt. Während die Brautbesuche, die Hochzeit und die Hochzeitsreise in fröhlichen und schillernden Tönen beschrieben werden, schien Ernst im Alltag im Pfarrhaus wenig mit seiner Frau zu tun gehabt zu haben. Immer wieder erscheint in Briefen und in den Autobiografien der Selbsttadel, dass er sich kaum Zeit genommen habe für seine Gattin.278 Der Tod des ersten Kindes und Luises Krankheit während des Wochenbetts und eine darauf folgende Kropfoperation lassen in der Erzählung eine gewisse Intimität aufkommen. Über Luise, die junge Pfarrfrau, wird nach diesen ersten vier Seiten über 18 Seiten nichts mehr berichtet. Dann, in kurzer Folge, die Geburten der Töchter, ein Dank an die Mutter, die vor allem für die Kinder gut gesorgt habe, und ein halbseitiges Bild der überaus tätigen Pfarrfrau, bevor ihr letzter Tag beschrieben wird.

Die Randexistenz der Ehefrau in dieser männlichen Autobiografie entsprach wahrscheinlich der Wahrnehmung des Pfarrers. So musste Ernst wohl zu Beginn der Ehe mit Luise erstmals Energie für diese neue Lebenssituation aufbringen. Ebenso, als sich sein Leben wiederum veränderte und die Gattin starb. Das alltägliche Zusammenleben war nicht wichtig oder beschreibenswert, ausser es wurde in Frage gestellt. Welche Teile des Lebens also besonders lang und ausführlich beschrieben wurden, hängt nicht von deren Häufigkeit oder deren existenzieller Bedeutung ab, sondern von der Farbe, die sie dem gesamten Selbstportrait verliehen. So sind es eher die repräsentativen, öffentlichen Auftritte, oftmals nur einmalige Momente, die ausführlich berichtet werden. Das Schweigen braucht nicht Strategie zu sein, sondern ist der Gattung der Autobiografie selbst immanent. So ist es auch weiter nicht erstaunlich, dass die Beziehung Ernsts zu seiner Stiefmutter Caroline Schnyder kaum und ihr Einfluss gerade während der Studienzeit mit keinem Wort erwähnt wird. Aus den Briefen der Mutter wird sichtbar, dass sie mit konkreten Ratschlägen für Lernstrategien am Leben ihres Sohnes interessiert war und für seine eigenen Wertvorstellungen und Ideen wohl ebenso wichtig war wie der Vater. Dies wurde von ihr als guter Mutter auch erwartet: «Für die Kindererziehung bedeutete die ‹neue Häuslichkeit› vermehrte Nestwärme und verstärkte Mutterbindungen. Ein äusserliches Zeichen für diese veränderten Bindungen scheint zu sein, dass die Pfarrmütter (und nicht nur sie) immer mehr zu den Briefpartnern ihrer (im Internat und Pensionen) auswärtigen Söhne werden. Die Mutter hielt die Familie zusammen.»279 Dass sie in Ernsts Darstellung in dieser Hinsicht nicht speziell erwähnt wurde, hat mit einem weiteren Muster beim Schreiben einer Autobiografie zu tun. So erscheint Johannes Schnyder als einzige Instanz, die Ernst ganz direkt beeinflusst und geprägt hat. Zur Zeichnung einer kohärenten Geschichte gehört hier die ungebrochene Linie vom Vater zum Sohn. Die Beziehung der Mutter hätte die Geschichte unnötig komplizierter gemacht und die Position des Vaters relativiert.

So wurden bedeutende Frauen in Ernst Schnyders Autobiografie durch die Erzählung an den Rand gedrängt, während der Vater in die Mitte der Geschichte rückte. Vor allem Ernsts Gattin nimmt sozusagen keinen Raum ein. Hanny, die den Pfarrer in seiner ersten Stelle begleitete, wird liebevoll beschrieben und dafür bewundert, dass sie ganz selbstverständlich die Aufgabe der Pfarrfrau an der Seite des Bruders erfüllte, ohne von ihm Aufmerksamkeit zu verlangen. Durch den frühen Tod der Pfarrfrau rückten die Töchter wiederum stärker in den Vordergrund als die Gattin. Der Vater war für das Wohlergehen der Mädchen zuständig, von denen das jüngste zu diesem Zeitpunkt erst achtjährig war. Auffallend ist, dass die Schwiegersöhne relativ viel Platz einnehmen: Sie bekleideten öffentliche Positionen, gingen in die Mission oder waren Pfarrer, also wichtige Männer und gute Partien für die Töchter. Die zweitälteste und die jüngste Tochter blieben ledig. Durch den Tod der Mutter rückte die Zweitgeborene direkt an die Stelle der Mutter und wurde Ersatzmutter der Jüngsten und Organisatorin im Pfarrhaus. Diese enorm wichtige Position wird aus der Autobiografie nicht ersichtlich. Ernst Schnyder musste ein ambivalentes Verhältnis zu seinen unterschiedlichen «Haus-Frauen» haben. Die Linie führte von der Schwester zur Gattin zur Tochter. Sie füllten Stellen aus, die in der Autobiografie eines bedeutenden öffentlichen Mannes wenig narrativen Wert aufweisen, jedoch Voraussetzung waren, damit die Position gewahrt werden konnte.

Zu einem totalen Schweigen hat sich der Erzähler hinsichtlich des Sterbens seiner Geschwister (mit Ausnahme der Beschreibung des Todes des zweijährigen Pauls) entschieden. So beklagt er den Tod verschiedener naher Kollegen oder Onkel, jedoch keinen Tod seiner Geschwister, obwohl er sieben von ihnen überlebte. Ob dies mit dem Selbstmord der Schwester Sophie zusammenhängt, der in den schriftlichen Dokumenten der ganzen Familie weitgehend verschwiegen wurde? Der einzige Hinweis, der auf dieses Unglück deutet, findet sich ganz zu Beginn der Lebensgeschichte: «Überhaupt hatte ich alle diese Geschwister aus 2. Ehe sehr lieb und war fast verliebt in sie, die kräftige, eigenwillige, hochbegabte Sophie, die später eine so treffliche, aber unglückliche Lehrerin wurde und in Schwermut endete.»280

Ernst Schnyders Memoiren, ehrlich und spannend geschrieben, weisen im Gegensatz zu den Nachrufen, in welchen fast ausschliesslich seine beruflichen Verdienste beschrieben werden, erstaunlich viele Details zur Familie auf. Ernst schrieb seine Lebensgeschichte, um seinen Nachkommen ein Bild von sich und seinem Umfeld zu hinterlassen. Das Geschwisternetzwerk, die Ehebeziehung oder die Beziehung zu den Kindern wird in dieser Darstellung dennoch wenig sichtbar. Diese den Pfarrer täglich umgebenden Menschen scheinen vielmehr der Hintergrund zu sein, vor dem das Leben Ernsts stattfinden konnte. Die Prägung durch den Vater und durch die Herkunftsfamilie der Mutter nimmt dagegen mehr Platz ein. Das weit grösste Gewicht liegt in der Beschreibung des eigenen Werdegangs im Studium und im Berufsleben unter Ausschluss des privaten Lebens.

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