Kitabı oxu: «Achtung! Totes Gleis»
Arno Alexander
Achtung! Totes Gleis
Saga
Achtung! Totes Gleis
© 1933 Arno Alexander
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711626030
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
„Also merken Sie es sich genau: Der Professor Kisewetter ist sozusagen unsere einzige Fährte. Er ist dringend verdächtig, dringend, ganz dringend! Vergessen Sie das keinen Augenblick: Dringend verdächtig, einzige Fährte.“
Stimson, Chefinspektor bei der New Yorker Kriminalpolizei, seufzte nach diesen Worten auf wie nach schwerer Arbeit. Langsam erhob er sich von seinem bequemen Sessel und stampfte auf das Fenster zu. Hier blieb er stehen, tat einen tiefen Zug aus seiner Zigarre und sah seinen Untergebenen prüfend und erwartungsvoll an.
Kapitän Wessley stand in ehrerbietiger und dabei doch freimütiger Haltung neben dem Riesenschreibtisch seines Vorgesetzten. Wessley war jung, jünger als alle Beamten, die je das Arbeitszimmer des Chefinspektors hatten betreten dürfen. Trotz dieser Jugend aber und trotz seinem geringen Dienstgrade hielt Stimson große Stücke auf ihn und betraute ihn oft mit recht knifflichen Aufgaben. Nie aber bekam Wessley ein freundliches Wort oder ein Lob von Stimson zu hören, denn nach der unerschütterlichen Überzeugung dieses hohen Vorgesetzten war bei den ihm unterstellten Beamten nur Strenge, Strenge und nochmals Strenge am Platz, — und bei Wessley ganz besonders! Dieser junge Kapitän sollte und mußte vergessen, daß er als Sohn des verstorbenen Jugendfreundes Stimsons hier eine Art bevorzugte Stellung einnahm. Leider aber dachte Wessley nicht im entferntesten daran, diesen für ihn günstigen Umstand außer acht zu lassen.
„Haben Sie die Stichwörter behalten?“ fragte Stimson ärgerlich, da der Kapitän, ohne zu antworten, über Stimsons Kopf hinweg durchs Fenster sah, wo hoch in den Lüften die halsbrecherischen Leistungen eines Flugzeugführers seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
Wessley verneigte sich.
„Ich habe sie mir gemerkt“, sagte er mit seiner jugendlich-frischen Stimme und wandte den Blick wieder seinem Vorgesetzten zu. „Dringend verdächtig, einzige Fährte.“
„Ausgezeichnet!“ knurrte Stimson und strich die Falten des Rockes über seinem Bäuchlein glatt. „Sie wissen, daß das Einprägen von Stichwörtern schon den halben Erfolg bedeutet. Man kann sich diese Kennworte gar nicht oft genug vorsagen. Also, ich wiederhole: Sie gehen noch heute zu dem Musikprofessor Kisewetter, stellen sich ihm als Baron Steinitz aus Lichtenstein vor und erklären, Sie hätten so viel Gutes über seinen Musikunterricht gehört, daß Sie unbedingt bei ihm lernen wollten. Sie geben an, schwerreich zu sein, und der Kostenpunkt beim Musikunterricht spielt bei Ihnen gar keine Rolle. Das bezahlt die Kriminalabteilung.“
„Das darf ich dem Professor aber nicht sagen“, mutmaßte der junge Beamte.
Stimson warf dem Kapitän einen vernichtenden Blick zu, der aber gleichzeitig forschend war. Es gelang dem Chefinspektor jedoch nicht, im Gesicht seines Untergebenen auch nur die Spur eines Lächelns zu entdecken.
„Sie haben mich wieder falsch verstanden“, sagte Stimson vorwurfsvoll. „Einem Kinde müßte es einleuchten, daß Sie dem Professor nicht weismachen, Sie seien schwerreich, um nachher zu erklären, Ihren Unterricht bezahle die Kriminalabteilung. Nun, sagen Sie mal, haben Sie auch einen anständigen Anzug?“
Prüfend blickte Wessley an seinem dunkelblauen Anzug hinab.
„Dieser Anzug ist erst zweimal chemisch gereinigt und nur einmal gewendet“, erwiderte er ernst. „Die paar Flecken, die im letzten Jahr daraufgekommen sind, sieht man nur bei Tageslicht.“
„Sie sind einfältiger, als es die Polizei erlaubt“, tadelte Stimson kopfschüttelnd. „Merken Sie es sich: Ein Baron Steinitz, der schwerreich ist, trägt keine gewendeten und chemisch gereinigten Anzüge. Ich werde Ihnen also einen Scheck ausschreiben, und Sie besorgen sich sofort einen guten Anzug. Eigentlich müßte er nach Maß gearbeitet sein, aber ... Na, das läßt sich nicht ändern. Wie steht es übrigens mit Ihrem Mantel, mit Hut, mit Schuhwerk? Hm?“
„Das ist alles auf den gereinigten und gewendeten Anzug abgestimmt“, antwortete Wessley gleichmütig, und sein Vorgesetzter merkte nicht, daß diese Antwort auch ein wenig hoffnungsvoll klang: Ein armer Kriminalbeamter hatte nicht oft Gelegenheit, sich auf einmal vollständig neu einzukleiden.
Seufzend füllte Stimson den Scheck aus.
„So, das genügt für alles“, sagte er. „Aber daß Sie mir nun auch einen Baron darstellen, wie er im Buche steht. Würde, Würde, mehr Würde, junger Mann! Merken Sie sich das Stichwort — es wird Ihnen nützen. Und Ihre Berichte erwarte ich nur durch den Fernsprecher oder schriftlich. Keinesfalls dürfen Sie mehr hierher kommen, solange die Angelegenheit nicht geklärt ist. Und noch eines: Vergessen Sie nicht, mit dem Professor deutsch zu sprechen. Er ist Deutscher und wird das zu schätzen wissen. Nur weil auch Sie aus Deuschland stammen, haben wir Sie für diese Aufgabe ausersehen. Bilden Sie sich ja nicht ein, Sie verdankten es Ihrer Tüchtigkeit, von der ich leider nie viel gemerkt habe. Auf Wiedersehen!“
*
Drei Stunden später hastete Kapitän Wessley mit Riesenschritten die Treppenstufen zu Professor Kisewetters Wohnung hinauf. Der junge Kriminalbeamte war wirklich wie ein sehr reicher Baron gekleidet, aber seine ungestüme Eile paßte wenig zu dem Bild, das sich Stimson von einem Baron machte. Es war jedoch schon so spät geworden, daß Wessley fürchtete, die Zeit zu versäumen, zu der ein lernbegieriger Baron einen Musikprofessor aufsuchen durfte. Daher hielt er seine Eile für unbedingt angebracht. „Hauptsache — die Stichwörter“, murmelte er heftig atmend. „Einzige Fährte, dringend verdächtig, schwerreicher Baron und — Würde, Würde, Würde!“ Als Kapitän Wessley zum drittenmal „Würde“ sagte, geschah ein Unglück. Mit einer Geschwindigkeit, die durchaus nichts Würdevolles an sich hatte, war er bis zur nächsten Treppenbiegung gekommen und sah zu spät, daß ihm entgegen mit noch viel größerer Schnelligkeit eine junge Dame die Treppe hinunterlief. Mit dem geübten Blick des Autofahrers erkannte Wessley sofort, daß ein Zusammenstoß unvermeidlich war.
Die beiden jungen Leute prallten mit einer Wucht zusammen, die es als Wunder erscheinen ließ, daß keiner von ihnen zu Boden stürzte. Mit hochroten Gesichtern standen sie sich jetzt gegenüber und betrachteten den angerichteten Schaden. Wessleys nagelneues Stöckchen, ohne das er sich einen Baron gar nicht denken konnte, war mitten durchgebrochen: Der Karton, den die junge Dame in der Hand gehalten hatte, war arg eingedrückt und lag am Boden. Wessley bückte sich, hob den Karton auf und reichte ihn der jungen Dame.
„Ein bißchen beschädigt ...“ murmelte er verstört, denn so zornig die Augen dieses Mädchens auch blitzten, er hatte doch erkannt, daß die Besitzerin des Kartons sehr hübsch war.
„Sie sind mir ja der Richtige!“ rief sie erzürnt aus. „Kommen wie ein Schuljunge die Treppen heraufgerannt, zerbrechen das Geburtsgeschenk für meine Freundin und halten es nicht einmal für angebracht, sich zu entschuldigen. Schämen Sie sich!“
„So, so ...“ knurrte Wessley verblüfft. „Und dieser zerbrochene Stock ... hm ... zählt wohl gar nicht? Und hatten Sie nicht ebenfalls mindestens ein Achtzig-Kilometer-Tempo, mein Fräulein?“
„Ich bin ganz langsam gegangen, mein Herr!“ erklärte sie entschieden. „Übrigens finde ich es einfach weibisch, wenn Sie jetzt die Schuld auf mich schieben wollen. Sie sind sehr ungezogen, mein Herr!“ Wessley atmete auf.
„Ich will Ihnen jetzt etwas Niederschmetterndes sagen“, versetzte er ernst. „Ich wollte Sie schonen, aber Sie haben es nicht anders verdient. Hören Sie: Vor Ihnen steht niemand anderes als Baron Steinitz aus Lichtenstein.“
„Wären Sie nur in Lichtenstein geblieben“, sagte sie, warf den Kopf stolz in den Nacken und ließ den jungen Mann einfach stehen.
Wessley gestand sich ein, daß er sich von der Ehrerbietung, die Baronen in Amerika entgegengebracht wurde, ein übertriebenes Bild gemacht hatte. Verstimmt hielt er die zerbrochenen Stücke seines neuen Stöckchens aneinander, aber er erkannte zu seinem Leidwesen, daß der Schaden durch Leimen nicht wieder gutzumachen sei. Er zuckte die Achseln, legte das Stöckchen am Treppenabsatz hin und stieg jetzt bedeutend würdevoller als vorhin noch zwei Treppen hinauf. Hier endlich erblickte er das Messingschild des Musikprofessors.
2
Professor Kisewetter war ein Mann in den fünfziger Jahren, groß und hager, mit durchdringenden und doch etwas schwermütigen Augen. Er empfing Wessley im Abendanzug, der so vortrefflich saß, daß der junge Kriminalbeamte einsah, wie sehr sein gewendeter Anzug hier aufgefallen wäre.
„Sie wünschen?“ fragte der Professor kurz und wies mit einer einladenden Handbewegung auf einen Sessel.
Wessley setzte sich, schlug die Beine geschickt übereinander und ordnete die nagelneuen Bügelfalten. Dann maß er den hageren Mann vor sich mit einem nachdenklichen, überlegenen und — seiner Meinung nach — außerordentlich würdevollen Blick.
„Mein Name ist Steinitz“, stellte er sich in deutscher Sprache vor. „Baron Steinitz aus Lichtenstein. Ich habe Sie aufgesucht, Herr Professor, weil ...“
„Entschuldigen Sie, bitte“, unterbrach ihn der Professor höflich, „aber vielleicht sprechen sie auch englisch?“
Wessley starrte den Hausherrn ganz entgeistert an. Er mußte sich erst besinnen, so sehr hatte ihn die Bemerkung des Professors aus dem Fahrwasser gebracht.
„Selbstverständlich, selbstverständlich“, stammelte er. „Aber ich dachte ... ich glaubte ...“
„Ich bin zwar in Deutschland geboren“, erklärte Kisewetter kühl, „aber ich lebe schon seit vierzig Jahren in den Staaten, und ich muß gestehen, ich spreche heute geläufiger englisch als deutsch.“
Eines der Stichwörter Stimsons hatte versagt! Nun, Wessley verlor nicht den Mut: er hatte ja noch mehr Stichwörter in Bereitschaft.
„Ich habe gehört“, begann er aufs neue und diesmal in englischer Sprache, daß Sie, Mr. Kisewetter, in geradezu bewundernswerter Weise Musikunterricht erteilen ...“
Kisewetter setzte sich Wessley gegenüber an seinen Schreibtisch und sah den jungen Mann forschend und fragend an.
„Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir verraten wollten, wer Ihnen das erzählt hat“, bemerkte er obenhin. „Hat mich Ihnen jemand empfohlen? Ich möchte das gern wissen.“
„Empfohlen? ... Nun, empfohlen ist vielleicht etwas zuviel gesagt“, wich Wessley aus. „Ich habe Ihren Namen des öfteren nennen hören ... im Kaffeehaus, bei Bekannten ... Ja, und zuletzt erzählte mir mein Onkel von Ihrem hervorragenden Unterricht. Richtig, mein Onkel war es.“
„Freut mich“, sagte Kisewetter ernst. „Grüßen Sie Ihren Onkel und sagen Sie ihm, ich danke sehr für die Empfehlung. Es ist mir in Anbetracht dieser Empfehlung fast peinlich, es einzugestehen, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch keine einzige Unterrichtsstunde gegeben.“
Wessley atmete tief auf. Er fühlte einen ohnmächtigen Zorn gegen Chefinspektor Stimson in sich aufsteigen. Diese unseligen Stichwörter — eines so falsch wie das andere!
„Das ... ist aber sonderbar ...“ preßte Wessley hervor. Irgend etwas mußte er doch sagen, und wenn es das Dümmste war.
„Sehr sonderbar“, bestätigte der Professor ruhig. Er stand wieder auf, machte einen, zwei lautlose Schritte auf dem weichen Teppich, blieb vor dem geöffneten Flügel stehen und schlug in Gedanken ein paar Tasten an. Dann klappte er den Deckel hörbar zu, trat rasch wieder zu Wessley und sah ihn prüfend von oben bis unten an.
„Und jetzt, Mr. Steinitz“, erklärte er sachlich, „bitte ich Sie, mir zu sagen, was Sie eigentlich bei mir wollen.“
Wessley begriff, daß seine Aufgabe bei diesem Mann viel schwieriger war, als er sie sich gedacht hatte. Diesen Fall hätte man ganz anders anpacken müssen, viel vorsichtiger, viel durchtriebener. Der Kapitän kam sich vor wie ein Elefant im Porzellanladen: alles, was er bis jetzt hier versucht hatte, war fehlgeschlagen; er war an eine Aufgabe, die äußerst fein und durchdacht behandelt werden mußte, tolpatschig und schwerfällig herangegangen und hatte seiner Sache sehr geschadet. Schuld daran waren nur Stimsons Stichwörter!
„Ich will bei Ihnen Musikunterricht nehmen, Mr. Kisewetter“, erklärte er endlich hartnäckig. „Ob Sie nun Unterricht erteilt haben oder nicht, ist mir gleichgültig. Ihr Ruf als Größe in Ihrem Fach ist mir sichere Gewähr für einen Erfolg.“
Dem Professor war anzusehen, daß er seinem Besucher kein Wort glaubte.
„Wenn das alles ist, was Sie von mir wünschen“, erwiderte er trocken, „so wird unsere Unterredung sofort beendet sein. Ich bedauere, aber meine Zeit ist zu kostbar, um sie für Unterricht zu verwenden. Ich arbeite augenblicklich an einem umfassenden Werk über Musikgeschichte und brauche dazu jede freie Minute.“
„Ich verstehe das sehr gut“, versetzte Wessley. „Aber wir leben in Amerika, und hier hat jede Stunde bei jedem Arbeiter ihren Preis. Was verdienen Sie täglich mit Ihrem Geschichtswerk?“
Kisewetter runzelte ärgerlich die Stirn.
„Sie sprechen vom Arbeiten an einem wissenschaftlichen Werk wie vom Würstemachen. Um das zwecklose Gespräch aber zu beenden, will ich Ihnen sagen, daß ich täglich mindestens hundert Dollar verdiene.“
„Und wieviel Stunden täglich arbeiten Sie?“
„Mr. Steinitz, Sie sind wirklich ...“
„Ich zahle Ihnen zehn Dollar für die Stunde ... für die halbe Stunde, wenn Sie wollen“, sagte Wessley ruhig und dachte mit einer Art Schadenfreude an Stimsons Augen, wenn er ihm die Rechnung vorlegen würde.
Der Professor schüttelte verwundert den Kopf.
„Und Sie wollen sechsmal in der Woche je eine Unterrichtsstunde nehmen?“ fragte er unschlüssig.
„Siebenmal“, verbesserte Wessley. „Ich habe Sonntags immer meinen besten Tag.“
„Also gut“, sagte Kisewetter kühl. „Wann wollen wir beginnen?“
„Wenn es Ihnen recht ist — sofort.“
Zum erstenmal seit dieser Unterredung lächelte Kisewetter.
„Mr. Steinitz, Sie fangen an, mir zu gefallen“, meinte er anerkennend. Er sah nach der Wanduhr und nickte. „Ich habe gerade noch etwas über eine Stunde Zeit. Wir können also gleich beginnen. Was wünschen Sie nun eigentlich zu lernen, und besitzen Sie irgendwelche Vorkenntnisse?“
Nun wünschte Wessley schon seit Jahren brennend, Tanzschlager spielen zu lernen. Nie aber hatte er Zeit und Geld gehabt, diesen Wunsch zu verwirklichen. Und jetzt, wo er für sich selbst kostenlosen Unterricht bei einem berühmten Professor haben sollte, durfte er diesen Wunsch nicht äußern.
„Den tiefsten Eindruck hat auf mich die Musik Wagners, Tschaikowskys und Schuberts gemacht“, antwortete er sinnend. „Vorkenntnisse? Nein. Das heißt, ich habe im Chor zweite Stimme gesungen — ganz gut, bis auf die tiefen Töne. Die liegen mir nicht. Jedenfalls möchte ich Klavier spielen lernen, aber nur ernste, getragene Weisen.“
Kisewetter unterdrückte ein Lächeln und trat an den Flügel.
„Bitte!“ forderte er Wessley zum Nähertreten auf. Wessley erhob sich. Neben dem Flügel befand sich ein kleines Tischchen mit einem Blumenglas und einem Bild in vergoldetem Rahmen darauf. Unwillkürlich blieb Wessley stehen, als sein Blick auf das Bild fiel. Das war ja sie, seine Unbekannte, mit der er vorhin auf der Treppe so unliebsam zusammengestoßen war.
„Nun?“ fragte Kisewetter etwas ungeduldig, da Wessley noch immer vor dem Bild stand.
„Oh!“ sagte Wessley überrascht. „Ihr Fräulein Tochter, nicht wahr? Habe die Dame vorhin ganz zufällig kennengelernt ...“
Der Professor lächelte wieder, aber diesmal ein wenig spöttisch.
„Was Sie sagen, Mr. Steinitz? Aber wir wollen jetzt beginnen. Da die Stunde zehn Dollar kostet, können Sie sich ja unschwer ausrechnen, wieviel Sie für die Minute zu bezahlen haben.“
3
Jeremias Perkins, der Leiter und eigentliche Besitzer des großen Warenhauses „J. Perkins & Co.“ warf noch einen Blick auf die vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreiteten Papiere, dann schob er sie alle zusammen in eine Mappe und drückte auf einen der zahlreichen Klingelknöpfe.
„Schicken Sie sofort Mr. Allan hierher!“ schrie er so unwillig auf den herbeieilenden Sekretär ein, daß dieser die feste Überzeugung gewann, Mr. Allan würde für irgendein Vergehen sofort entlassen werden.
Mr. Allan nahm die ihm etwas boshaft mitgeteilte Nachricht von dem Wunsch seines Vorgesetzten mit gleichmütiger Ruhe entgegen. Er rückte seine altmodische Brille auf die Stirn, schneuzte sich in sein buntes Taschentuch, legte die Feder hinters Ohr und rutschte von seinem hohen Schemel herab.
„Ihnen droht ein Donnerwetter“, warnte der junge Sekretär beinahe freudig. „Beeilen Sie sich ein wenig.“
Mr. Allan war ein alter Mann, und nichts konnte ihn so sehr ärgern wie ein anmaßendes Benehmen junger Leute ihm gegenüber. Er blieb stehen, warf dem Sekretär einen giftigen Blick zu und duckte sich. Dadurch wurde sein Rücken so krumm, daß er Ähnlichkeit mit einem Buckel gewann.
„Sie Grünschnabel!“ sagte Allan zornig, und seine faltigen Hände zitterten vor Aufregung. „Donnerwetter? Nichts wird es geben! Der alte Allan macht keine Fehler. Der alte Allan versteht seine Sache noch immer besser als ihr ... junges Gemüse!“
Obwohl Mr. Allan etwas schwerhörig war, hörte er doch durch die sorgfältig hinter sich verschlossene Tür das Gelächter einiger Angestellten. Er wußte genau, welche es waren; er hätte ihre Namen aufzählen können, obwohl sie immer nur hinter seinem Rücken gelacht hatten. Mr. Allan war — und das vermutete keiner dieser „Grünschnäbel“ — ein sehr guter Menschenkenner, und es fiel ihm daher gar nicht schwer zu erraten, welche von den Angestellten einem dummen jungen Vorgesetzten zuliebe über einen alten Mann lachen würden.
Es schien fast, als hätte sich Allan heute ungeachtet seiner unzweifelhaften Menschenkenntnis doch etwas verrechnet: Jeremias Perkins empfing ihn tatsächlich mit einem Donnerwetter.
„Machen Sie die Tür zu!“ schrie er auf, sobald Allan sein Arbeitszimmer betreten hatte. „Ganz zu, zum Teufel! Ich habe mit Ihnen ein ernstes Wörtchen zu reden.“
Mr. Allan schloß die Tür. Er machte sie wunschgemäß „ganz zu“, und das bedeutete bei der schweren Polsterung dieser Tür, daß kein Wort einer noch so laut geführten Unterredung draußen verständlich sein würde.
Als sich Allan umwandte, war mit dem zornigen Chef eine sonderbare — allerdings nicht für Allan — Verwandlung vorgegangen. Er stand händereibend auf und eilte Allan mit einem liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen entgegen.
„Bitte, Mr. Allan“, sagte er einladend und wies auf den bequemen Schreibtischsessel. „Es ist alles zur Durchsicht bereit.“
„Etwas Neues?“ erkundigte sich Allan zerstreut und ließ sich mit einer so ruhigen Selbstverständlichkeit am Schreibtisch nieder, daß ein Beobachter unschwer erraten hätte, er tue dies nicht zum ersten und auch nicht zum zwanzigstenmal. So nahm man nur Besitz von einem Platz, der ein angestammtes Recht darstellte.
„In gewissem Sinne — ja“, erwiderte Perkins zuvorkommend und öffnete vor seinem Buchhalter die Mappe mit den vorhin durchgesehenen Papieren. „Man hat einem neuen Kriminalbeamten Witterung gegeben.“
„Alle Unterlagen schon beigebracht?“
„Hier, bitte.“
Aufmerksam betrachtete Allan durch die wieder auf der Nasenspitze sitzende Brille drei Lichtbilder, die alle denselben jungen Mann darstellten. Zwei der Bilder zeigten ihn etwas dürftig gekleidet, auf der dritten Aufnahme dagegen sah er aus, als hätte er sich eben erst im Kaufhaus „J. Perkins & Co.“ vollständig neu eingekleidet.
„Name?“ fragte Allan. Er wußte, daß sich der Name sowohl auf der Rückseite der Bilder als auch auf sehr vielen der ihm vorgelegten Papiere finden ließe; aber Mr. Allan studierte eben die Gesichtszüge des abgebildeten Mannes und hatte daher keine Zeit, den Namen zu suchen.
„George Wessley“, antwortete Perkins. „Nennt sich jetzt Baron Steinitz aus Lichtenstein. Ging sofort spornstreichs zu Professor Kisewetter.“
„Wie heißt dieser Professor?“
„Kisewetter. Er ist Musikprofessor. Gewissermaßen eine Größe auf seinem Gebiet.“
Allan lächelte merkwürdig.
„Da wird George Wessley wohl Musikunterricht nehmen müssen“, brummte er hüstelnd. Dann griff er nach einem Bogen, auf dem er bereits alles Nähere über George Wessley vermerkt fand. Er ersah daraus, daß Wessley achtundzwanzig Jahre alt war und sich seit sieben Jahren im Dienste der Kriminalpolizei befand. Er hatte sich nie besonders ausgezeichnet, aber bei seinem geringen Dienstgrade war das auch kaum zu erwarten. Er war Vollwaise und anscheinend überzeugter Junggeselle. Liebesgeschichten von längerer Dauer waren jedenfalls nicht erwähnt. Zum Schluß des Berichtes stand der bedeutsame Vermerk: „Lebt vom Gehalt, hat nie Geld.“
„Ich halte den Mann nicht für gefährlich“, sagte Perkins nach einer Weile, da Allan immer noch in den Bericht starrte, den er doch längst zu Ende gelesen haben mußte.
„Ihr Urteil ist etwas verfrüht und natürlich ganz unbegründet“, tadelte Allan. „Haben Sie sich die Lichtbilder näher angesehen? Nicht dieses, auch nicht das hier ...“ Dabei warf Allan zwei Bilder achtlos beiseite. „Das dritte Bild — sehen Sie? — verrät mir einiges. Wie kommt es, daß ein Mensch auf zwei Bildern ganz bedeutungslose Gesichtszüge hat, auf dem dritten aber ... Oder nennen Sie das auch bedeutungslos?“
Perkins betrachtete das Bild aufmerksam.
„Ich habe gerade diesem Bild wenig Bedeutung beigemessen, da der Photograph selbst angab, es sei ganz unähnlich geworden.“
„Oh, diese Grünschnäbel!“ rief Allan vorwurfsvoll aus. „Dabei haben wir hier bestimmt Wessleys wahres Gesicht vor uns, vielleicht ein Gesicht, das noch keiner von seinen Vorgesetzten zu sehen bekam.“
„Also gut“, erklärte Perkins verdrossen. „Wenn Sie den Mann für so bedeutend halten, werde ich ihn beseitigen lassen.“
„Das werden Sie hübsch bleiben lassen. Thorntons Bande hat fünf Detektive hintereinander beseitigt, und dadurch fand der sechste dann ganz leicht die richtigen Spuren. Nein, so arbeitet der alte Allan nicht: Wessley darf kein Härchen gekrümmt werden. Er soll beobachtet werden — aus achtungsvoller Entfernung beobachtet werden. Niemand darf ihm so nahe kommen, daß Wessley ihn bemerkt. Die Beobachter sind täglich abzuwechseln.“ Perkins lachte gereizt auf.
„Ich glaube, wenn wir eine Versicherungsgesellschaft wären, und dieser Wessley hätte bei uns sein Leben hoch versichert, wir könnten ihn nicht sorgsamer betreuen. Ich möchte wissen, wie Sie seine Arbeit unschädlich zu machen gedenken, Mr. Allan?“
„Da gibt es noch andere Mittelchen“, versetzte Allan verschmitzt lächelnd. „Ein Weib muß uns helfen. Wessley ist in dem gefährlichsten Alter und hat noch keine ernsthaften Liebesgeschichten erlebt. Also? Sehr einfach. Sagen Sie mal, diese Smith, die an der Kasse siebzehn sitzt, gehört doch auch zu Ihren Auserwählten?“
„Sie weiß Bescheid“, erwiderte Perkins kurz. „Sie hat schon wiederholt sehr gute Arbeit geliefert.“
„Das paßt ja glänzend!“ rief Allan begeistert. „Sagen Sie mal ... Sehen Sie, ich verstehe da nichts mehr davon ... Aber hat ihre Nackenlinie nicht etwas Aufregendes für einen jungen Mann? Oder das schöne, blonde, gewellte Haar?“
Perkins lächelte verächtlich.
„Das Haar hat ihr Friseur sowohl schön als auch blond und gewellt gemacht. Und die Nackenlinie? Bedaure, aber ich habe noch nichts daran gefunden. Aber sie hat — wie man sagt — rassige Beine und einen seelenvollen Blick. Ob sie Seele hat, entzieht sich meiner Kenntnis.“
„Ist auch gar nicht nötig“, widersprach Allan. „Der Blick genügt uns doch vollkommen. Also geben Sie der jungen Dame noch heute den Auftrag. Wie sie Wessley kennenlernt, ist ihre Sache. Aber es muß schnell geschehen, sehr schnell.“
„Auf Ihre Veranwortung, Mr. Allan.“
„Nebenbei bemerkt — haben Sie etwas über XYZ erfahren?“
„Nichts, Mr. Allan.“
„Ein bißchen wenig, Mr. Perkins“, bemerkte Allan höhnisch. „XYZ raubt einen ganzen Eisenbahnzug aus, es vergehen zwei volle Wochen, und wir haben erfahren — nichts! Großartige Arbeitsleistung.“
„Aber die Polizei hat bis heute ebenfalls nichts erfahren.“
„Die Polizei?“ Allan lachte auf. „Die Polizei wüßte heute bestimmt mehr als wir, wenn sie sich nicht in die hübsche, aber irrige Ansicht verbohren würde, wir hätten diesen Eisenbahnzug ausgeraubt. Ausgerechnet wir! Und dabei hatten wir doch nur die Absicht, und XYZ tat es! Er muß entdeckt werden, verstanden? Der Mann muß seine Tat büßen. Wir lassen uns nicht ins Handwerk pfuschen, das sage ich Ihnen ein für allemal ...!“
Mr. Allan hatte sich richtig in Wut gesprochen. Perkins kannte das; seit zwei Wochen war es immer dasselbe, und doch konnte er nichts daran ändern. Es gab irgendwo in den Staaten einen Mann, den man hier XYZ getauft hatte, der ihnen ein Geschäft nach dem anderen verdarb; aber wo dieser Mann war und wie er in Wahrheit hieß, das hatte man bis jetzt vergeblich zu ergründen versucht.
Die Klingel des Fernsprechers gab ein schwaches Zeichen, und Perkins kam diese Ablenkung sehr gelegen.
„Hier Perkins“, rief er in die Sprechmuschel, und dann horchte er aufmerksam, wobei er sich auf einem Blatt Papier Vermerke machte.
„Die neueste Meldung über unseren Freund Wessley“, sagte er, nachdem er den Hörer wieder eingehängt hatte.
„Nun?“
„Er hat sich gestern abend, nachdem er die Wohnung des Professors verließ, einen Hund gekauft.“
Allan starrte den Sprecher ratlos an.
„Einen Hund —?“
„Einen Schäferhund“, ergänzte Perkins ruhig. „Er bezahlte dafür vierzig Dollar und blieb noch dreißig schuldig.“
„Einen Hund —?“ wiederholte Allan nachdenklich.
„Ja, es ist ein ehemaliger Polizeihund, der gewissermaßen aus dem Dienst entlassen wurde, weil er drei Schutzleute hintereinander gebissen hatte.“
„Und den hat Wessley gekauft?“ murmelte Allan verwundert. „Na, wohl bekomm’s.“
4
Der Bankbeamte John Flatter hatte im Gespräch seinem Freunde, dem Hotelkellner Friedrichsen, erzählt, daß am dreißigsten September mit dem Abend-Postzug für hunderttausend Dollar teils Bargeld, teils Wertpapiere nach Kansas geschickt würden. John Flatter hatte für diese Nachricht keinen Cent bezahlt bekommen, wohl aber dafür seinen Posten eingebüßt. Der Hotelkellner Friedrichsen gab die Nachricht seinem Bekannten, dem ehemaligen Taxilenker Merkulow weiter, erhielt dafür zehn Dollar und verlor demzufolge wenige Tage später ebenfalls seinen Posten. Merkulow, ein der Polizei durch mannigfaltige Vorstrafen bereits wohlbekannter Mann, verkaufte sein Wissen über die große Geldsendung für hundertzwanzig Dollar an den gewesenen Anwalt Sherbourgh, der nachher vor Gericht äußerte, Merkulow habe die Nachricht eigentlich „verschleudert“, und man müsse ihm, Sherbourgh, daher mildernde Umstände zubilligen, denn er hätte der Versuchung nicht widerstehen können.
Es war bekannt, daß Sherbourgh Beziehungen zu allem lichtscheuen Gesindel New Yorks unterhielt. Er vermittelte alles — angefangen mit Wohnungen in allen Vierteln New Yorks und Stellungen mit und ohne Sicherheitsleistung bis einschließlich Gelegenheiten zu Einbrüchen, Raubmorden und — Eisenbahnüberfällen. Diese letzte Art Vermittlung kam ihm trotz dem Geschick seines Anwalts am teuersten zu stehen — er wurde später dafür zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Gericht nahm mit Recht an, daß er im Gegensatz zu Flatter, Friedrichsen und Merkulow genau gewußt habe, zu welchem Zwecke er die Nachricht erst bezahlte und dann weiterverkaufte.
Sehr zum Leidwesen der Polizeigewaltigen gelang es nicht, den Weg, den die Nachricht über die Geldsendung genommen hatte, weiter zu verfolgen.
Sherbourgh hatte angegeben, sie „gesprächsweise“ einem Fremden gegenüber erwähnt zu haben. Der Fremde habe ihm dafür ein Päckchen Dollarscheine eingehändigt, das Sherbourgh vergessen habe nachzuzählen. Er beschrieb den Fremden sehr genau, aber — wie der Untersuchungsrichter bemerkte — paßte diese Beschreibung auf die halbe männliche Bevölkerung New Yorks.
„Der Mann mit dem schwarzen Hut“ — so nannte Sherbourgh den Fremden, und alles sprach dafür, daß Sherbourgh ihn wirklich nicht kannte, denn er hätte sonst kaum den verschiedenen Vorschlägen widerstanden, die ihm in verblümter Weise von der Polizei gemacht wurden und alle auf eine wesentlich verkürzte Zeitdauer seines Aufenthalts im Zuchthaus hinausliefen. Diesen „Mann mit dem schwarzen Hut“ gelang es der Polizei nicht zu finden, obwohl sie von ihm Abdrücke sämtlicher Finger und eine genaue Lebensbeschreibung besaß, und obwohl er sich keinesfalls vor der Polizei versteckte. Die Erklärung für diesen etwas eigentümlich anmutenden Umstand war sehr einfach: Die Polizei besaß zu viel Fingerabdrücke und Lebensbeschreibungen von Männern, die außerhalb des Zuchthauses gewöhnlich einen schwarzen Hut trugen.
Jim Crocks, der Mann mit dem schwarzen Hut, lehnte heute genau wie gestern und vor zwei Wochen gegen neun Uhr abends nachlässig am Schanktisch in der Bar. „Die schiefe Ecke“, hatte immer noch den schwarzen Hut auf und trank wie stets aus Ermangelung eines Besseren Himbeerlimonade. Eine dicke Zigarre zwischen den Lippen, stierte er vor sich hin auf die flinken Hände des Barfräuleins, das vor seinen Augen mit großer Geschwindigkeit die verschiedensten Getränke für eilige und müßige Gäste bereitete.
„Fräulein, der Mann hat um fünfzig Cent zu wenig bezahlt“, sagte Jim Crocks gemächlich. Dabei hatte er den Mann auch schon am Kragen festbekommen und ließ ihn erst los, nachdem ein blankes Fünfzigcentstück auf den Tisch fiel. Im übrigen waren Jim Crocks sowohl dieser Mann als das hübsche Fräulein furchtbar gleichgültig. Wenn er sich um diese Kleinigkeit kümmerte, geschah es nur aus Langeweile und einem angeborenen Gerechtigkeitsempfinden. Dieses Empfinden erstreckte sich aber keinesfalls auch auf Raubüberfälle bei Eisenbahnzügen und ähnliche „große Sachen“.
Nein, Jim Crocks kümmerte sich nicht um das hübsche Barfräulein, denn Jim Crocks hatte seit drei Monaten ein festes Verhältnis. Er war überzeugt, daß er sein Mädchen lieb hatte, und sie liebte ihn ganz bestimmt ebenso tief. Es war eine ruhige, anständige Liebe — nicht eine von der Art, die einem das Essen verleidete und den Geschäftsgang beeinträchtigte.
Ein Mann, klein und schmächtig, mit spärlichem, schwarzem Bärtchen, drängte sich an die Bar heran. Er begrüßte niemanden, und auch ihn grüßte niemand, obwohl ihn fast alle kannten, die hier verkehrten. Dieses Männchen lebte vom Zutragen nicht ganz ungefährlicher Nachrichten. Man nannte ihn Spitzel, da es ihm nicht darauf ankam, mal auch eine Nachricht der Polizei zuzutragen. Man verachtete ihn, aber hin und wieder brauchte man ihn auch. Hatte er einmal aufs neue der Polizei Nachrichten zugetragen, so wurde er in irgendeiner stillen Seitenstraße ruhig und ohne Aufhebens von mehreren Männern so lange geprügelt, bis ihm nach Ansicht der Strafvollzieher für absehbare Zeit die Lust verging, seine Beziehungen zur Polizei weiter auszubauen.
„Nun?“ fragte Crocks rauh, ohne von seinem Glas aufzublicken.
„Er wird kommen“, raunte das Männchen heiser.
Crocks fischte einen schmierigen Dollarschein aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch.
„Aber Sie sagten doch, ich bekäme zehn ... zehn schöne Dollar“, wandte der schmächtige Mann schüchtern ein.
„Er ist noch nicht gekommen“, schnitt Crocks ab. „Wir reden später darüber.“ Plötzlich drehte er sich heftig dem Mann zu. „Was willst du noch? Scher dich zum Teufel!“
Das kleine Männchen zog sich erschrocken zurück und setzte sich in die äußerste Ecke an ein freies Tischchen. Von hier aus konnte man, ohne aufzufallen und ohne jemanden zu belästigen, alles beobachten, was an der Bar vorging.
Crocks rückte ein wenig beiseite, so daß er den Blick von nun an auf die Eingangstür gerichtet hielt. Es verging aber noch eine lange Zeit, bis er endlich den Mann erblickte, dessen Kommen ihm angekündigt worden war.
Es war George Wessley. Crocks wußte es sofort, als er ihn erblickte, obwohl er ihn noch nie im Leben gesehen hatte. Aber Wessley sah nicht nur genau so aus wie auf den Lichtbildern, die Crocks in der Tasche hatte, sondern er trug sogar denselben feinen Mantel und Hut wie auf einem der Bilder. Auch das Stöckchen fehlte nicht, denn Wessley hatte sich inzwischen ein neues gekauft.
Er war durch die hohe Drehtür getreten und sah sich suchend um. Bestimmt bemerkte er das kleine Männchen in der Ecke, das er ja kennen mußte, aber er beachtete es nicht, sondern schritt ruhig auf einen freien Tisch in der Nähe der Bar zu. Er legte den nagelneuen Hut neben sich auf einen Stuhl, zog die gelben Handschuhe aus, bestellte sich etwas zu essen und zu trinken und vertiefte sich ins Lesen einer mitgebrachten Zeitung.
Die vornehme Erscheinung Wessleys fiel in dieser Umgebung nicht auf, denn es verkehrten hier viele Männer, deren durch die Steuerbehörde nicht nachweisbares Einkommen eine ebenso feine Kleidung erforderlich machte. Aufgefallen wäre nur, wenn Wessley sich hier viel umgesehen und andere Leute beobachtet hätte; aber davor hütete sich der junge Kapitän, denn er wußte genau, in welcher Art Bar er sich befand.
Der Tip, den ihm der kleine schwarzbärtige Mann gegeben hatte, war gut. Es fragte sich nur, ob der Mann auch die Wahrheit gesprochen hatte. In dieser Bar sollte nach seinen Angaben Sherbourgh vor der Verhaftung viel verkehrt haben, und wenn das stimmte, war es nicht unwahrscheinlich, daß Sherbourgh hier auch den „Mann mit dem schwarzen Hut“ kennengelernt hatte. War es da nicht möglich, diesen Mann auch jetzt noch hier zu treffen oder etwas über ihn zu erfahren?
Wessley las seine Zeitung, und er las sie wirklich: Er wußte, daß die meisten Besucher dieser Bar es unschwer erkennen würden, falls er nur so tat, als lese er. Und Wessley war so sehr ins Lesen vertieft, daß er gar nicht bemerkte, wie und woher die Dame gekommen war, die jetzt mit einer schüchternen Entschuldigung an seinem Tisch Platz nahm.
„Oh, bitte, Sie stören mich gar nicht“, sagte der Kapitän freundlich und rückte ein wenig zur Seite. Mit dem geübten Auge des Kriminalbeamten betrachtete er unauffällig und doch aufmerksam das bleiche, etwas müde Gesicht des vielleicht zweiundzwanzigjährigen jungen Mädchens an seinem Tisch. Innerlich stellte er etwas befremdet fest, daß dieses Mädchen in keiner Weise hierher paßte. Weder konnte sie die Freundin eines der hiesigen Geschäftemacher sein, noch war es denkbar, daß sie zu jener Art Frauen gehörte, die sich um diese Zeit mit Vorliebe an den Tisch eines einsamen Herrn setzen.
Sie sah ängstlich aus, und ihre großen blauen Augen blickten mit einer stummen, erschreckten Frage bald den einen, bald den anderen der lebhaften und etwas auffallenden Gäste an. Sie trug ein graugestreiftes Jackettkostüm, das sie wohl vorzüglich kleidete, aber doch einen etwas abgetragenen Eindruck machte. Das fiel um so mehr ins Auge, als die meisten der anwesenden Damen in großer Abendkleidung waren.
„Was darf es sein?“ erkundigte sich der Ober bei der Fremden in einem so herablassenden Ton, daß Wessley an sich halten mußte, um eine scharfe Rüge zu unterdrücken.
„Kaffee“, sagte sie leise, kaum hörbar.
Fünf Minuten darauf brachte der Ober den verlangten Kaffee. Er stellte das Geschirr mit betonter Absichtlichkeit geräuschvoll und nachlässig auf den Tisch, wie es ein Ober nur dann tut, wenn er von vornherein die Hoffnung auf ein anständiges Trinkgeld aufgibt.
„Darf ich gleich um Kasse bitten?“ erkundigte er sich darauf gleichmütig und sah starr nach der Tür.
In das blasse Gesicht der Fremden stieg jähe Röte. Hastig nestelte sie an ihrer Handtasche und suchte ein Geldstück hervor.
Wessley räusperte sich drohend. Er war empört, aber er wollte in dieser Bar einen Auftritt nach Möglichkeit vermeiden. Schließlich befand er sich ja hier in dienstlicher Eigenschaft und durfte sich nicht die Aussichten auf den Erfolg seiner Nachforschungen mutwillig verderben.
Achtlos strich der Ober das Geldstück ein und sah Wessley abschätzend von der Seite an.
„Wünscht der Herr vielleicht einen anderen Tisch?“ erkundigte er sich zuvorkommend und bewies mit dieser Frage, daß er Wessley ganz und gar falsch verstanden hatte.
„Ich wünsche keinen anderen Tisch“, sagte der Kapitän beherrscht, aber streng. „Ich wünsche einen anderen Ober, der seine Gäste nicht so niederträchtig behandelt.“
„Mein Herr! ...“
„Verschwinden Sie!“ warnte Wessley. „Sie kennen mich wohl noch nicht ...“
„Mein Herr! ... Diese Dame ...“
Mit einem Ruck stand Wessley auf.
„Guter Mann“, begann er langsam. „Lassen Sie es sich gesagt sein, daß es mir gar nicht darauf ankommt, meine Himbeerlimonade auf Ihre weiße Hemdbrust zu schütten.“
Mit gekränkter Würde ging der Ober von dannen. Wessley setzte sich und glättete die Zeitung, die er im Zorn zerknüllt hatte. Als er zu seiner Nachbarin aufblickte, gewahrte er mit jähem Schrecken, daß sie den Blick starr auf ihre Handtasche gesenkt hielt, und daß auf diese alte, abgenutzte Handtasche ein paar große Tränen fielen.
Wessley war ratlos.
„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie irgendwie verletzt habe“, brachte er stockend hervor. „Aber dieser Lümmel von einem Ober ...“
Sie antwortete nicht, sondern schüttelte nur stumm den Kopf.
„Fehlt Ihnen etwas?“ forschte er. „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“
Einen Augenblick schien sie zu überlegen, aber dann schüttelte sie wieder abwehrend den Kopf.
In diesem Augenblick schlenderte Crocks an dem Tisch der beiden vorüber. Weder das Mädchen, noch Wessley beachteten ihn, obwohl er sie beinahe streifte. Dann aber sah Wessley mit Staunen, daß der Fremde einen vielfach zusammengefalteten Zettel neben die Tasse des Mädchens legte.
Prüfend musterte Wessley den sich langsam, mit leicht wiegendem Schritt entfernenden Fremden. Es gab keinen Zweifel: das war einer von der Stammkundschaft dieses Hauses. Und dieser Mann kannte das sonderbare Mädchen an Wessleys Tisch?
Mit einem furchtsamen Blick sah sie Crocks nach.
Was aber der Kapitän gar nicht begriff, war der Umstand, daß sie den Zettel unbeachtet neben ihrer Tasse liegen ließ.
„Kennen Sie den Menschen?“ fragte Wessley herrisch und überlegte gar nicht, daß er kein Recht zu dieser Frage und zu diesem Ton hatte.
„Nein, nein, bestimmt nicht“, antwortete sie, und es klang genau wie eine Rechtfertigung einem Menschen gegenüber, dem sie eine Erklärung schuldig war.
„Würden Sie dann vielleicht gestatten, daß ich den Zettel lese?“ fragte er rasch.
Sie nickte, aber sie rührte den Zettel nicht an. Er mußte selbst hinüberlangen und ihn sich holen.
Verblüfft las er:
„Kleine, verdufte sofort, sonst setzt’s was!“
Sekundenlang dachte Wessley nach.
„Und Sie kennen den Mann wirklich nicht?“ fragte er dann noch einmal.
„Nein, ich habe ihn noch nie gesehen.“
„Na, jetzt wird’s heiter!“ rief Wessley erbost. „Wissen Sie, was der Kerl Ihnen schreibt?“
„Nein, nein, und ich will es auch gar nicht wissen“, antwortete sie hastig, und Wessley begriff, daß sie auf diesem Zettel eine ganz andere Botschaft vermutete.
„Er schreibt, Sie sollen sofort von hier verschwinden“, erklärte er finster.
Erschrocken sah sie auf.
„Dann ... dann ist es wohl besser, ich gehe ...“
„Nein“, versetzte Wessley fest. „Sie bleiben. Ich betrachte Sie jetzt als meinen Gast, als meine Schutzbefohlene — nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich möchte jedenfalls den Mann kennenlernen, der ungestraft die Schutzbefohlene des Kapitän ... hm .. des Baron Steinitz belästigen darf!“
In ihren Augen leuchtete es flüchtig auf, aber sogleich wurde der Blick wieder furchtsam und erschrocken: Neben ihr stand die große stämmige Gestalt Crocks’.
Mit dem Fuß rückte er sich den Stuhl zurecht und setzte sich ungefragt an den Tisch. Die dicke, halbaufgerauchte Zigarre glimmte zwischen seinen Lippen, der schwarze Hut saß ihm schief und verwegen auf dem Kopf, und sein Gesicht hatte einen dreisten und drohenden Ausdruck.
Zunächst sprach keiner von den dreien ein Wort. Wessley wartete ab. Als er aber merkte, daß das Mädchen Anstalten machte davonzulaufen, griff er ein.
„Verlassen Sie augenblicklich diesen Platz!“ wandte er sich scharf an Crocks.
„Nur immer mit der Ruhe, junger Mann“, erwiderte Crocks grollend. „Will Sie ja nur warnen. Die Kleine hier ist nämlich ein ganz gerissenes Frauenzimmer. Sie wären nicht der erste, dem sie die Moneten aus der Tasche zieht. Hab’s selber erlebt ...“
„Schämen Sie sich!“ sagte das Mädchen heftig und beinahe weinend. „Sie kennen mich ja gar nicht. Wie können Sie so lügen, so gemein lügen ...“
„Sachte, sachte“, wehrte er ab. „Und ob ich dich kenne, Kleine ...“
„Sie lügen!“ erklärte Wessley wütend. „Und wenn Sie jetzt nicht sofort ...“
„Was regen Sie sich denn auf, junger Mann?“ fragte Crocks erstaunt. „Fragen Sie doch die Kleine, ob sie auch Fred Maising nicht kennt. Ich meine den Maising, den sich heute die Polizei zur näheren Besichtigung abholte! Fragen Sie sie doch!“
Das Mädchen sah den Fremden so entsetzt und so — schuldbewußt an, daß Wessley sich die Frage ersparen konnte. Er fing noch einen flehenden Blick aus ihren großen blauen Augen auf, dann war sie aufgesprungen und lief davon, an der Bar vorbei und durch die Drehtür hinaus.
5
Wessley fühlte sich wie erschlagen. Hatte seine Menschenkenntnis ihn diesmal denn ganz im Stich gelassen? Dieses Mädchen ... Er hätte schwören mögen, daß sie nicht eine von den vielen war ... und nun doch?“
„Na, also!“ sagte Crocks mit einem erleichterten Aufatmen. „Das hätten wir ja geschafft. Auf’n Dank rechne ich nicht, obwohl ich Sie vor ganz großen Verlusten bewahrt habe.“
Mit seinem wiegenden Gang, die Hände in den Taschen vergraben, stelzte er davon, zur Bar zurück. Und gleich darauf hockte er wieder auf dem hohen Schemel und nippte an seiner Himbeerlimonade, als sei nichts geschehen.
Wessley nannte sich innerlich einen Ochsen, ein Kamel und einen Idioten, weil er beinahe einem durchtriebenen Frauenzimmer ins Garn gegangen wäre. Er, Kapitän der Kriminalpolizei! Wie hätten ihn seine Freunde dafür später ausgelacht, wenn es ihnen irgendwie zu Ohren gekommen wäre. Nein, er hatte wirklich Grund, diesem Kerl da, so unangenehm er auch sonst war, dankbar zu sein.
Wessley war mit seinen Überlegungen gerade soweit gekommen, daß er schwankte ob er seine Dankbarkeit durch eine gute Zigarre oder einen Dollarschein beweisen sollte, als ihm plötzlich wieder der letzte flehende Blick des Mädchens einfiel.
Und wenn sie nun doch nicht das war, wofür er sie jetzt hielt? Was dann? Hatte er dann nicht sein Versprechen, sie zu schützen, schmählich gebrochen ...?
Mit einem Satz war Wessley auf den Beinen. Schon im Laufen zog er ein Geldstück aus der Tasche, winkte dem Ober und warf es unterwegs auf einen leeren Tisch. An dem verblüfften Crocks hastete er vorbei, dem Ausgang zu.
Die Straße war hell erleuchtet und schwarz von Menschen. Es war um die Zeit, da die Theater schlossen, und diese Gegend war dann immer sehr belebt. Weder rechts noch links war die Schutzbefohlene Wessleys zu sehen. Er lief erst ein Stück nach der rechten Seite, als er aber merkte, daß die Straße hier nach und nach dunkler wurde, hielt er es für wahrscheinlicher, daß das Mädchen nach der anderen Seite gegangen sei. Entschlossen machte er kehrt und jagte in der entgegengesetzten Richtung davon. An der zweiten Straßenkreuzung entdeckte er sie. Mit gesenktem Kopf stand sie da und wartete, bis die endlose Kette von Wagen gestopt würde, um dann gleichzeitig mit den übrigen Fußgängern die Straße zu überqueren.
Wessley heftete sich an ihre Fersen und folgte ihr unbemerkt vier große Häuserblocks entlang. Sie ging langsam, ziellos und hielt den Kopf immer noch tief gesenkt.
„Warum sind Sie davon gelaufen?“ fragte er streng und ging jetzt neben ihr her.
Sie sah scheu auf, sagte kein Wort und beschleunigte den Schritt.
„Ich will ... ich muß wissen, warum Sie ...“ begann er zornig aufs neue.
Sie blieb plötzlich stehen.
„Bitte, lassen Sie mich“, bat sie flehend, und dann schritt sie hastig, förmlich vor ihm flüchtend, in derselben Richtung zurück, aus der sie eben gekommen war.
Wessley schüttelte den Kopf, nannte sich einen Narren, daß er einem wildfremden Mädchen nachlief, aber trabte doch, als wenn es so sein müßte, neben ihr her.
„Wer ist Maising?“ fragte er nach einer Weile barsch.
Sie antwortete nicht.
„Hat ihn wirklich die Polizei geholt?“ forschte er, obwohl er kaum noch auf eine Antwort hoffte.
Sie schritt noch schneller.
„Ja, sie haben ihn geholt“, beantwortete sie aber dann zu seiner Verwunderung doch seine Frage.
„Was hat er denn verbrochen?“
Wieder schwieg sie.
„Es muß schon was Nettes sein, wenn Sie es mir nicht sagen können. Ich glaube ...“
„Ich würde es Ihnen vielleicht sagen, aber ich weiß es nicht ...“ unterbrach sie ihn leise.
Er seufzte auf.
„Können Sie mir aber dann wenigstens sagen, warum wir jetzt wie zwei Jagdhunde rennen? Wir könnten uns doch auch unterhalten, wenn wir langsam gingen!“
Sie blieb stehen, und zum erstenmal gewahrte Wessley in ihrem Gesicht die Andeutung eines Lächelns.
„Na, also!“ stellte er befriedigt fest. „Jetzt lachen wir endlich mal! Wird schon alles noch gut werden, mein Kind! Wozu die Aufregung? Nun passen Sie gut auf: Ich rufe jetzt einen Wagen und bringe Sie nach Hause. Sie schlafen sich erst mal gründlich aus, und morgen früh besuche ich Sie, und wir besprechen das alles — die Geschichte mit Maising und warum Sie sonst traurig sein mögen ... Kurz: alles, alles ... Und bis dahin — Kopf hoch! Ja? Einverstanden?“
„Ja“, sagte sie und sah dankbar und vertrauend zu ihm auf. „Nur ...“
„Nun, nur?“
„Ich möchte allein nach Hause gehen und will lieber morgen früh zu Ihnen kommen ...“
„Aber das ist doch Unsinn. Mit einem Wagen sind Sie rasch und sicher daheim ...“
„Nein, nein, bitte nicht.“
Er zuckte die Achseln.
„Nun, wie Sie wünschen. Ich will Sie nicht belästigen. Aber für alle Fälle müssen Sie mir Ihre Adresse nennen, damit ich weiß, wo Sie zu finden sind, falls Sie wider Erwarten morgen nicht zu mir kommen.“
„Ach, nein“, wehrte sie ab. „Das ist nicht nötig. Ich werde bestimmt kommen, ganz bestimmt.“
„Aber trotzdem können Sie mir Ihre Adresse nennen“, beharrte er.
„Ich möchte es lieber nicht tun“, sagte sie leise und senkte den Kopf.
Jetzt war Wessley ernstlich erzürnt.
„Ich sehe, Sie haben nicht ein bißchen Vertrauen zu mir, und dabei bin ich Ihnen nachgejagt wie so ein entsprungener Irrer. Schön, ich kann Sie nicht zwingen ...“
Er stockte, denn jetzt merkte er, daß sie weinte.
„Was ist denn los?“ rief er bestürzt. „Was ist denn jetzt wieder geschehen?“
„Aber ...“ sagte sie und schluchzte auf. „Ich möchte Ihnen doch so gern meine Adresse nennen ... aber ... aber ... ich habe doch gar keine Adresse mehr.“
„So ist’s richtig!“ platzte Wessley heraus und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
Eine Stunde später saßen Wessley und seine unverhoffte Schutzbefohlene in einem Wagen und fuhren zur Wohnung des Kapitäns. Durch genauere Fragen hatte Wessley herausgebracht, daß seine Begleiterin schon den ganzen Tag in der Stadt herumgeirrt war und seit dem Morgen nichts gegessen hatte. Wessley hatte darauf bestanden, daß sie erst in einer kleinen Wirtschaft etwas zu sich nahm, und dann erst hatte er den Wagen bestellen lassen.
„Wohin bringen Sie mich?“ fragte sie, nachdem beide eine Zeitlang schweigend nebeneinander gesessen hatten.
„Ich würde Sie gern in einem Hotel unterbringen“, sagte er nachdenklich, „aber leider sind meine Barmittel etwas erschöpft. Ich muß Sie also notgedrungen zu mir nehmen ... Regen Sie sich nicht auf: Ich habe zwei Zimmer.“
„Ich rege mich nicht auf“, erwiderte sie langsam. „Ich würde mich auch nicht aufregen, wenn Sie nur ein Zimmer hätten ...“
Das gefiel Wessley gar nicht. Er hatte sehr altmodische Anschauungen über Moral.
„Nun“, knurrte er. „Das finde ich denn doch etwas merkwürdig ... wirklich merkwürdig. Zwei Zimmer sind hier meiner Ansicht nach unbedingt angebracht.“
„Wenn ich zu Ihnen nicht Vertrauen hätte, würde ich nicht mit Ihnen gehen, auch wenn Sie fünf Zimmer hätten“, sagte sie, und es klang ein wenig vorwurfsvoll.
Wessley war etwas beschämt, aber er wollte es sich nicht anmerken lassen.
„Nun sagen Sie mir aber, bitte, wo hätten Sie übernachtet, wenn meine Frage nach Ihrer Adresse weniger dringend gewesen wäre?“ erkundigte er sich. Sie zögerte mit der Antwort.
„Man kann doch auch die Nacht über aufbleiben“, meinte sie endlich.
„So, so ... Na, das ist Geschmackssache. Wie heißen Sie eigentlich?“
„Alice.“
„Alice ... und weiter?“
Sie antwortete nicht.
„Ach so!“ sagte er gedehnt. „Ihr Vertrauen ist wirklich bewundernswürdig. Nun, ich kann ja warten, bis Sie mich für würdig halten, Ihren genauen Namen zu erfahren. Jedenfalls aber halte ich es für angebracht, mich Ihnen vorzustellen: Baron Steinitz aus Lichtenstein.“
Wessley fühlte sich nicht recht wohl bei dieser Lüge, aber da er dieses Mädchen noch so gut wie gar nicht kannte, mußte er den angenommenen Namen angeben. Stimson hatte ihm besonders eingeschärft, sich allen Fremden gegenüber von nun an als Baron Steinitz zu bezeichnen.
Der Wagen war vor dem Hause vorgefahren, in dem Wessley wohnte. Langsam stieg der Kapitän mit seiner Begleiterin die drei Treppen empor und öffnete dann möglichst geräuschlos erst die Wohnungstür und dann eine Zimmertür. Er drehte das Licht an und schritt rasch durchs Zimmer zu einer anderen Tür, hinter der das wütende Gekläff eines Hundes hörbar war.
Kaum hatte Wessley die nächste Tür geöffnet, sprang ein riesiger Schäferhund heraus und auf das Mädchen zu. Alice schrie laut auf vor Schrecken.
„Keine Sorge“, beruhigte Wessley sie vorwurfsvoll. „Das ist ein dressierter Hund. Er beißt nur Schutzleute.“
6
Professor Kisewetter war spät abends nach einem Konzertbesuch nach Hause gekommen. Obwohl er müde und abgespannt aussah, setzte er sich doch an den Schreibtisch, um noch etwas zu arbeiten. Aus einer Mappe, die zuunterst eines ganzen Stoßes von engbeschriebenem Papier lag, holte er ein paar Blätter hervor, die mit feiner stenographischer Kritzelschrift beschrieben waren. Er setzte eine Brille mit scharfen Gläsern auf und begann, die stenographischen Aufzeichnungen mit seiner steilen, kantigen Schrift in ein dickes schwarzes Buch zu übertragen.
Der Fernsprecher klingelte, und Kisewetter mußte seine Arbeit unterbrechen. Er tat es ungern, mit ärgerlich zusammengezogenen Brauen.
„Kisewetter. Wer dort?“ sprach er in die Muschel hinein.
„Sie werden mich nicht kennen, Mr. Kisewetter ...“ lautete die Antwort. Der Professor hatte dabei sofort den Eindruck, der Sprecher befinde sich in großer Aufregung.
„Was wünschen Sie?“ erkundigte er sich ruhig.
„Wissen Sie, daß Maising heute früh verhaftet wurde?“ klang es zurück.
Die schmale, feingegliederte Hand des Professors umkrallte den Hörer etwas fester. Das war aber das einzige Zeichen dafür, daß ihn diese Nachricht irgendwie berührte.
„Warum melden Sie mir das? Wer sind Sie?“ fragte er gleichgültig.
„Ich bin ein Freund Maisings“, antwortete der Fremde. Ich dachte, Sie würden Maising helfen wollen. Schließlich kann es Ihnen doch nicht gleichgültig sein, ob Maising ...“
„Es ist mir gleichgültig“, unterbrach Kisewetter den Sprecher.
Eine geraume Weile war es am anderen Ende der Leitung ganz still. Aber dann sprach wieder die aufgeregte Stimme:
„Nachdem Maising Ihnen aber gewisse Dienste erwiesen hat, dürfte es wohl angebracht sein ...“
„Maising ist für seine Dienste bezahlt worden“, sagte Kisewetter.
„Entschuldigen Sie, Mr. Kisewetter, wollen Sie mich nicht verstehen, oder verstehen Sie mich wirklich nicht? Es ist unbedingt nötig, Maising zu helfen, und ich brauche dazu noch heute nacht dreitausend Dollar. Da Sie Ihrem langjährigen Freunde nicht freiwillig helfen wollen, muß ich Sie wohl dazu zwingen. Wünschen Sie vielleicht, daß Ihre Beziehungen zu Maising in den Zeitungen besprochen werden?“
„Von was für Beziehungen sprechen Sie eigentlich?“ fragte Kisewetter spöttisch. „Was wissen Sie darüber?“
Die Antwort war kurz und bündig:
„Alles!“
Der Professor schwieg, und nach einer Weile fuhr der Unbekannte eindringlich und aufgeregt fort:
„Vor einigen Tagen erzählte mir Maising im Vertrauen von der Sache. Er ist so dumm, daß er bis heute nicht begreift, wie sehr er Sie in der Hand hat. Ist das deutlich, Mr. Kisewetter? Nun, ich bin nicht so dumm wie Maising, und Sie werden noch heute zahlen oder ...“
„Mein Herr“, sagte Kisewetter gelassen. „Das einfachste wird wohl sein, Sie kommen gleich zu mir, und ich benachrichtige inzwischen die Kriminalpolizei.“
Kisewetter hatte sich wunderbar in der Gewalt. Nach dem Stimmklang zu urteilen, hätte sein Gegner nie vermuten können, daß der Professor sich bei den letzten Worten mit einem seidenen Tüchlein über die kalkweiße und vom Schweiße feuchte Stirn fuhr.
„Ich komme sofort!“ war die wütende Antwort.
„Wollen doch mal sehen, ob Sie es wagen werden ...“
Kisewetter sank merklich in sich zusammen.
„Wir wollen nicht unnütz Zeit verlieren“, sagte er etwas leiser als bisher, aber immer noch mit auffallender Ruhe. „Ich will selbstverständlich meinem alten Freunde Maising beistehen ... Natürlich, es muß sofort etwas unternommen werden ...“
„Also ich komme gleich zu Ihnen ...“
„Nein, das geht nicht ...“ Kisewetter stand auf und trat, den Hörer am Ohr, an eine große farbige Wandkarte New Yorks. „Wir wollen uns irgendwo draußen treffen. Schlagen Sie etwas vor!“
Bei diesen Worten des Professors ruhte die Spitze seines Bleistiftes schon auf der Karte und bezeichnete genau die Stelle, wo er sich mit dem Erpresser zu treffen gedachte. Es war ein ziemlich abgelegener Vorort am Hudson River. Und wirklich hatte Kisewetter schon in wenigen Minuten nach einigem Hin und Her die Abmachung gerade für diese Stelle getroffen.
„Sie werden bestimmt kommen?“ fragte der Fremde noch einmal.
„Ganz bestimmt“, versprach Kisewetter scheinbar gleichmütig.
Der Professor beeilte sich nicht. Er war etwas schwerfällig aufgestanden und ging langsam, mit gesenktem Kopf, im Zimmer auf und ab. Es war etwas Ruhiges,
Bedächtiges in seinem Gang, in seiner Haltung, und nur die auf dem Rücken ineinander verkrampften Hände — ein weißer, schimmernder Fleck auf dem feierlichen Schwarz seines Rockes — verrieten seine Gemütsbewegung.
Und dann stand Kisewetter im Hut und Mantel lange vor dem Spiegel im Vorzimmer und betrachtete sein mageres bleiches Gesicht mit den etwas eingefallenen Wangen und den großen sonderbar funkelnden Augen. Noch nie hatte er sein Spiegelbild so aufmerksam angesehen, nie war es ihm so schwer gefallen, seinen Blick davon loszureißen.
„So sieht man also aus, wenn man Angst hat“, murmelte er endlich verächtlich und wandte sich ab.
Zwei Minuten später schritt seine hohe Gestalt mit kräftigem, sicherem Schritt über den Kies des kleinen Gartens. Bald darauf saß Kisewetter in der Ecke eines Straßenbahnwagens und las aufmerksam die Zeitung.
Eine Stunde war vergangen, als er an der verabredeten Stelle eintraf. Er kannte den Mann nicht, mit dem er sprechen sollte, und er wußte nicht einmal, wie dieser Mann aussah. Aber es war anzunehmen, daß der Erpresser ihn, Kisewetter, kannte. Nun, er würde sich schon selbst melden.
Kisewetter ging ein paarmal am Ufer des Stromes auf und ab und zeigte dabei nicht die Spur von Ungeduld. Er war überzeugt, daß der Kerl irgendwo lauerte und ihn beobachtete. Erst würde der Mann sich doch davon überzeugen wollen, ob Kisewetter allein sei, und dann — — —
„Haben Sie das Geld?“ fragte plötzlich hinter dem Rücken Kisewetters dieselbe Stimme, die er nun vom Fernsprecher her kannte.
Kisewetter war zusammengefahren, obwohl er auf diese Frage vorbereitet war.
„Hier“, sagte er mit etwas heiserer Stimme und reichte dem Fremden ein Päckchen.
Der Fremde riß das Papier herunter und zählte beim Scheine einer kleinen Taschenlampe die Banknoten.
„Sie gedenken wohl von nun an so ein bißchen auf meine Kosten zu leben?“ fragte Kisewetter nachdenklich.
Der Unbekannte, im Dunkeln kaum zu sehen, obwohl er dicht neben Kisewetter stand, hörte auf zu zählen.
„Wird schon stimmen“, knurrte er und schob das Päckchen in die innere Rocktasche. „Was sagten Sie da? Ach so! Nun, ich werde mich schon melden, wenn Maising wieder Geld braucht.“
Der Mann sprach auch jetzt aufgeregt, und seine derben Hände, die immer noch die brennende Taschenlampe hielten, zitterten merklich.
„Löschen Sie doch endlich die Lampe aus“, sagte Kisewetter tadelnd. „Wollen Sie denn unbedingt, daß noch irgendein dummer Polizist auf das Licht aufmerksam wird?“
„Nein“, sagte der Fremde und lachte gezwungen auf. „Das wünsche ich genau so wenig wie Sie. Übrigens, dieser Maising ...“
Der Finger des Professors berührte den Drücker seines Revolvers genau so sicher, als schlage er damit eine Klaviertaste an. Und wie beim Berühren der Taste der Hammer unweigerlich die ihm bestimmte Bewegung macht, so brach der Fremde zusammen — genau, wie es Kisewetter gewollt hatte. Der Schuß war gar nicht laut gewesen. Wenn ihn jemand gehört hatte, war es auch nicht zu gefährlich, denn in dieser Gegend wurde jetzt nachts öfters gesprengt. Kisewetter wußte das. Nicht umsonst hatte er sich gerade diesen Platz ausgesucht.
Vorsichtig bückte er sich und zog behutsam das Päckchen mit den Banknoten aus der Brusttasche des Mannes. Er streifte dabei die rauhe, noch warme Hand des Erpressers und erschauerte. Als sei er in diesem Augenblick gleichzeitig Täter und unbeteiligter Zuschauer, stellte Kisewetter mit einer Art grausiger Neugier fest, daß seine Kinnlade heftig bebte. Einige Sekunden lang stand er untätig da, und vergeblich kämpfte sein Wille um die Wiederbeherrschung der Nerven und Muskeln.
Vielleicht lebte der Mann noch? Das war der Gedanke, den Kisewetter in sich nicht aufkommen lassen wollte. Es war gleichgültig, ob der Mann noch lebte oder nicht, ganz gleichgültig. Er mußte verschwinden, er mußte ausgetilgt, zertreten werden wie ein lästiges, gefährliches Insekt.
Endlich hatte sich Kisewetter wieder ganz in der Gewalt. Ein kräftiger Fußtritt vollendete sein Werk. Der schwere Körper dieses Mannes, von dessen Dasein Kisewetter vor zwei Stunden noch keine Ahnung gehabt hatte, rollte an der steilen Böschung des Ufers hinab und schlug mit einem klatschenden Laut auf dem Wasser auf.
Zwei Stunden später war Kisewetter wieder zu Hause. Mindestens eine Viertelstunde lang wusch er sich die Hände und blickte dabei immer wieder neugierig das Spiegelbild seines Gesichtes an. Eine Veränderung konnte er aber darin nicht feststellen.
7
Die zwei Zimmer, die Wessley bewohnte, waren zwar nicht kostbar, doch gemütlich eingerichtet. Das erste, gleichzeitig Wohn- und Arbeitszimmer, wurde von einer großen Ständerlampe mit grünseidenem Schirm matt erleuchtet; den Fußboden bedeckte ein Teppich, der einmal nicht ganz billig gewesen sein mochte, jetzt aber verschiedentlich schadhafte Stellen aufwies. Ein breiter Schreibtisch und mehrere altmodische Sessel verliehen dem Raum etwas Behagliches, wozu auch die schweren, dichten Vorhänge beitrugen, die den Raum völlig lichtdicht abschließen mußten, falls man sie auch am Tage vorzog.
Diese Vorhänge waren das erste, was Alice hier im Zimmer auffiel.
„Darf ich das Fenster öffnen?“ fragte sie. „Beim Anblick solcher Vorhänge habe ich das Gefühl, als müßte ich ersticken.“ Und schon war sie am Fenster und zog an den Schnüren.
Mit einem Satz befand sich Wessley an ihrer Seite.
„Lassen Sie das!“ rief er barsch. „Meine Fenster gehen auf den Hudson River hinaus, und ich habe absichtlich so dichte Vorhänge anbringen lassen. Die Vorhänge werden abends und nachts nie geöffnet. Merken Sie sich das!“
Sie sah ihn erstaunt an, sagte aber kein Wort und zog die Vorhänge wieder zu.
Auf dem Teppich lag Treff, der Hund, und beobachtete mit klugen Augen das Tun dieser beiden Menschen. Er hatte sich auf Wessleys Zuruf bald beruhigt und sich mit dem Besuch des fremden Mädchens abgefunden. Nur, als Alice versuchte, ihn zu streicheln, hatte er ein warnendes Knurren hören lassen. Jetzt schlug er plötzlich wieder an, und gleich darauf klopfte es.
„Still, Treff!“ befahl Wessley. Dann rief er laut: „Herein! Sind Sie es, Mrs. Ellis?“
Es war wirklich Mrs. Ellis, Wessleys Wirtin. Sie trat ein, rundlich und klein, und blieb beim Anblick des Mädchens wie erstarrt an der Türschwelle stehen. „Sie ... Sie haben Damenbesuch?“ stotterte sie verwirrt. „Das ist ... ist ja eine Dame ...“
„Sie irren sich“, versetzte Wessley kalt. „Das ist ein Weihnachtsbaum. Und jetzt würde ich gern erfahren, was Sie zu so später Stunde hierher führt, Mrs. Ellis?“
Sie setzte ein paarmal vergeblich zum Sprechen an.
„Ich wollte fragen, ob Sie noch einen Tee wünschen“, murmelte sie endlich, und man sah ihr unschwer an, daß sie eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen.
„Ja, bitte“, erwiderte Wessley, schon freundlicher.
„Und, bitte, zwei Tassen. Und dann ... ja, auch etwas Gebäck.“
Wortlos entfernte sich Mrs. Ellis. Sie sah Wessley traurig an, und er wußte, daß sie ihn ehrlich bemitleidete, weil er den Tugendpfad verlassen hatte.
Alice lehnte an der Ecke des Schreibtisches, und in ihren Augen funkelte es belustigt. Wessley sah es mit Genugtuung, denn er wußte nichts mit Menschen anzufangen, die nicht zu lachen verstanden.
„Ist das nun Ihre Wohnungswirtin oder Ihre Angestellte?“ erkundigte sich Alice nach einer Weile lächelnd.
„Es ist die Hauswirtin“, sagte er wahrheitsgemäß.
„Ich habe von ihr aber diese zwei Räume abgemietet, und es geht sie gar nichts an, was hier geschieht.“
„Sind Sie der einzige Mieter in dieser Wohnung, Mr. Steinitz?“ fragte sie, nahm den Hut ab und ordnete vor ihrem Taschenspiegel das Haar.
Wessley hatte inzwischen aus einem Schreibtisch ein weißes Tischtuch hervorgeholt und deckte es über das kleine niedrige Tischchen in der Ecke unter der Stehlampe.
„Ich bin der einzige“, bestätigte er und betrachtete sein Werk mit prüfenden Blicken. „Ich bin nämlich sehr anspruchsvoll und würde mit einem zweiten Mieter wohl andauernd Streit haben.“
„Und wie vertragen Sie sich eigentlich mit Kapitän George Wessley?“ fragte sie beiläufig und blickte angelegentlich in ihren Taschenspiegel.
Wessley fuhr herum. Mit zwei, drei Riesenschritten war er an ihrer Seite und packte sie fest beim Arm. „Also doch eine Falle!“ sagte er böse und drohend.
„Ich dachte es mir schon, als Sie den Vorhang beiseite hoben, um vermutlich Ihren Freunden auf dem Hudson River ein Zeichen zu geben! Aber Sie sollen sich getäuscht haben. Ich rufe auf der Stelle die Kriminalpolizei an ...“
„Mr. Steinitz!“ rief sie flehend. „Was habe ich Ihnen denn getan? Warum sind Sie jetzt plötzlich so böse mit mir?“
„Sie spielen ausgezeichnet Komödie“, erklärte er finster. „So! Und jetzt weinen Sie schon wieder mal? Aber das wird mich diesmal nicht rühren. Sie wissen also, daß ich nicht Baron Steinitz, sondern Kapitän der Kriminalpolizei George Wessley bin ...“
„Kapitän der Kriminalpolizei!“ wiederholte sie erschrocken, und dieses Erschrecken war so echt, daß Wessley stutzte.
„Verstellen Sie sich nicht“, sagte er streng, doch etwas unsicher. „Das haben Sie ganz genau gewußt. Und jetzt werden Sie mir sofort sagen, was Ihre Zeichen bedeuteten! Los! Los! Beeilen Sie sich!“
Sie sah ihn lange und vorwurfsvoll an, dann griff sie nach ihrem Hut, setzte ihn schweigend auf und ging zur Tür.
„Hiergeblieben!“ befahl er böse. „Antworten Sie: Haben Sie gewußt, wer ich bin, oder nicht?“
„Nein“, sagte sie fest. „Und jetzt lassen Sie mich gehen, bitte. Wenn Sie bedauern, sich meiner angenommen zu haben, hätten Sie es mir nur zu sagen brauchen — ich wäre gleich gegangen. Wozu erst lange nach Gründen suchen ...“
„Ach! Das wird ja immer netter!“ platzte er heraus. „Jetzt werde ich — ich! — beschuldigt! Sagen Sie mir lieber, woher Sie auf den Namen Kapitän George Wessleys kamen, wenn Sie nicht vorher gewußt haben, daß ich es bin?“
„Dieser Name ist draußen an der Wohnungstür angebracht“, sagte sie leise.
Mit einem dumpfen Laut ließ sich Wessley in einen der Sessel fallen.
„Und daran habe ich nicht gedacht!“ rief er wütend. Dann aber brach er in ein schallendes Gelächter aus. „Sagen Sie, Miß Alice, haben Sie es für möglich gehalten, daß es unter den Kriminalbeamten solche Idioten gibt, wie Sie einen vor sich sehen? Bitte, verzeihen Sie alles, was ich gesagt habe! Nehmen Sie den Hut wieder ab! Machen Sie Ihr Haar wieder so schön wie vordem! Und ich verspreche Ihnen, Sie von nun an nicht mehr wie eine Verbrecherin zu behandeln, obwohl ... Na, das wird sich auch noch klären. Herein!“
Es hatte geklopft, und auf Wessleys Aufforderung trat Mrs. Ellis mit einer Platte ein. Sie ordnete Tassen und Teller auf dem Tischchen und tat das alles schweigend, wobei sie es sogar vermied, die Besucherin ihres Mieters anzusehen.
„Mrs Ellis“, sagte Wessley freundlich. „Haben Sie doch, bitte, die Güte, mein Namensschild gleich morgen früh von der Wohnungstür entfernen zu lassen.“
„Sie wollen ausziehen?“ fragte sie überrascht.
„Ich denke nicht daran. Aber ich habe meine Gründe, für eine Zeitlang Baron Steinitz aus Lichtenstein zu sein. Merken Sie sich diesen Namen recht gut, Mrs. Ellis: Baron Steinitz aus Lichtenstein.“
Sie schüttelte tadelnd den Kopf, sagte aber kein Wort zu dieser Neuigkeit. Leise seufzend ging sie hinaus und ließ die beiden wieder allein.
„Jetzt wollen wir Tee trinken, Miß Alice“, forderte Wessley seinen Gast auf. „Und vielleicht erzählen Sie mir dabei ein wenig von Ihrem Kummer, von Maising und davon, wie es kam, daß Sie heute plötzlich mutterseelenallein in der Riesenstadt New York herumirrten.“
Alice setzte sich gehorsam in einen der altmodischen Sessel, schenkte Wessley und sich Tee ein und rührte nachdenklich in ihrer Tasse herum. Da sie immer noch nichts sagte, begann Wessley aufs neue:
„Ich will es Ihnen leichter machen und lieber Fragen stellen“, sagte er ermunternd. „Sie lebten mit Maising zusammen, nicht wahr?“
„Ja, natürlich. Ich habe sonst niemanden auf der Welt“, erwiderte sie ruhig und sah ihn erstaunt an.
„Und heute früh wurde Maising verhaftet“, fuhr er fort. „Weshalb, wissen Sie nicht?“
„Nein.“
„Sie haben auch keinen Verdacht?“
„Nein.“
Wessley seufzte.
„Aber Sie müssen doch inzwischen über die Sache nachgedacht haben. Ist Ihnen da im Leben Maisings nichts nachträglich eigentümlich erschienen? Nun?“
Sie schien zu überlegen, aber Wessley war überzeugt, sie dachte nicht darüber nach, was sie ihm verraten, sondern, was sie ihm verheimlichen sollte. „Er ... er hatte in letzter Zeit mehr Geld als sonst ...“, sagte sie nach einer Weile unschlüssig.
„Na, sehen Sie, das ist schon etwas!“ rief Wessley scheinbar sehr befriedigt, obwohl er den erwähnten Umstand gerade deswegen für bedeutungslos hielt, weil sie ihn selbst verraten hatte. „Mit der Zeit werden wir das Rätsel schon noch lösen“, plauderte er unbefangen weiter. „Schmeckt Ihnen der Tee? Ja? Mir gar nicht. Die Alte versteht nicht, Tee zu kochen. Was denken Sie, was für einen Tee ich in China zu trinken bekam! Ein Gedicht, sage ich Ihnen ... Wodurch bestritt denn Maising seinen Lebensunterhalt? So ein bißchen Gelegenheitsgeschäfte, nicht wahr?“
„O nein“, widersprach sie hastig. „Er hatte eine gute Anstellung.“
„So? Aber wo und bei wem wissen Sie natürlich nicht?“ forschte Wessley weiter. Er hatte sich von diesem Maising ein ganz bestimmtes Bild gemacht, und in dieses Bild paßte eine feste Anstellung nicht gut hinein, außer — wenn sie nur vorgetäuscht war. „Nicht wahr, die Geschichte mußte irgendwie geheimgehalten werden? Niemand durfte erfahren, wo und bei wem er arbeitete? Nun? War es so?“
Starr und erschrocken sah sie ihn an.
„Woher wissen Sie das?" fragte sie furchtsam. „Oh, Sie haben schon nachgeforscht ...“
„Unsinn! Ich möchte wissen, wann ich Zeit zum Nachforschen gehabt hätte. Es ist nur eine Vermutung von mir. Also weiter! Sie wissen somit nicht, bei wem Maising angestellt war. Das ist sehr schade, denn ich vermute stark ...“
„Doch, ich weiß, bei wem er arbeitete“, sagte sie rasch. „Nur die anderen durften es nicht erfahren, aber vor mir machte er kein Geheimnis daraus.“
„Das wundert mich“, versetzte Wessley kopfschüttelnd. „Da konnten Sie doch die Sache sehr leicht nachprüfen und feststellen, daß alles nur Schwindel war.“
„Wieso denn Schwindel?" fragte sie ein wenig aufgeregt.
„Wir wollen uns nicht streiten", beschwichtigte er sie. „Also, bei wem arbeitete Maising?"
„Beim Musikprofessor Kisewetter", antwortete sie ganz ruhig.
Wessley setzte die Teetasse, die er in der Hand hielt, so hart auf die Schale, daß die Tasse zerbrach. „Bei Kisewetter? Na, jetzt wird’s spannend!" rief er verblüfft aus, sprang auf und rannte erregt im Zimmer auf und ab.
„Was ist denn mit Ihnen? Was haben Sie denn?" erkundigte sie sich ratlos.
„Oh, nichts von Bedeutung.“ Plötzlich blieb er neben ihr stehen. „Nun denken Sie einmal nach, Miß Alice“, bat er. „Hat Maising in der letzten Zeit mal mit Ihnen oder in Ihrer Gegenwart von einem Eisenbahnüberfall gesprochen?“
„Ja, vom letzten Eisenbahnüberfall bei St. Louis“, erwiderte sie sogleich. „War das nicht vor etwa zwei Wochen?“
„Jawohl“, knurrte Wessley. „Es war vor zwei Wochen. Hm ... Sie erinnern sich wohl nicht, was Maising damals darüber sagte?“
„Oh, sehr gut sogar. Er war sehr in Sorge, es könnte vielleicht auch das Kistchen geraubt sein, das Professor Kisewetter mit demselben Postzug nach Kansas geschickt hatte.“
„Aha! Nun, und wie war es? Erwies sich das Kistchen auch als geraubt?“
„Ja, aber das machte nicht viel aus, denn Professor Kisewetter hatte es hoch versichert. Es befanden sich darin wertvolle Noten.“
Wessley nahm seine hastige Wanderung durchs Zimmer wieder auf.
„Ich fange an zu begreifen“, murmelte er. „Natürlich, nur so kann es sein.“ Wieder blieb er vor Alice stehen. Er nahm ihre Hand in die seine und sah ihr forschend in die Augen.
„Nun seien Sie mal ganz offen, Miß Alice!“ redete er ihr zu. „Die Geschichte mit der Versicherung hatten Sie doch mit Maising schon vorher ganz genau besprochen? Verstellen Sie sich nicht — ich durchschaue jetzt die ganze Sache.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Ich verstehe Sie nicht“, sagte sie traurig und vorwurfsvoll.
„Wissen Sie, was Sie sind?“ fragte er ärgerlich und ließ ihre Hand los. „Sie sind entweder unglaublich einfältig oder die durchtriebenste Frauensperson, die mir vorgekommen ist.“
„Dann bin ich eben unglaublich einfältig“, meinte sie bekümmert. „Ich verstehe Sie wirklich nicht.“
„Na, wir werden ja sehen!“ Wessley warf einen Blick auf die Taschenuhr. Dann trat er rasch an den Lichtschalter und löschte das Licht aus. Gleich darauf hörte Alice, wie die Vorhänge beiseite rauschten.
„Kommen Sie, schauen Sie sich den Hudson an“, sprach Wessleys Stimme aus dem Dunkel.
Sie schritt vorsichtig tappend aufs Fenster zu. Das nächtliche Bild des breiten Flusses war etwas überwältigend Schönes. Der sich im Wasser spiegelnde Mond, die vielen blinkenden Lichter der Dampfer, Leuchttürme und der am Ufer liegenden Häuser erweckten gradezu den Eindruck, als hätte irgendein großer Meister dieses Bild kunstvoll und mit Liebe so geschaffen.
„Treten Sie, bitte, hierher“, sagte Wessley und schob Alice genau zwischen die beiden Fenster. Dann nahm er aus dem Schränkchen des Schreibtisches eine Stehlampe, die nebeneinander zwei Birnen hatte — eine rote und eine grüne. Gleich darauf hatte er am Steckkontakt den elektrischen Strom eingeschaltet, und dann erlebte Alice etwas Sonderbares.
In rascher Folge wechselten sich das rote und grüne Licht ab. Auch mehrmals hintereinander flammte grün auf, dann wieder rot. Das ganze dauerte nicht länger als eine Minute, dann zog Wessley den Stecker aus der Dose, und es war wieder ganz dunkel.
„Was war das?“ fragte sie erstaunt.
„Eine Art Morse“, erwiderte er kurz. „Das heißt, es ist eigentlich sogar Morse, nur so abgeändert, daß diese Nachricht nur der lesen kann, für den sie bestimmt ist.“
„Und welche Nachricht ...“ begann sie zögernd.
„Ich sandte eben folgende Anfrage hinaus“, erklärte er ihr: „Feststellen, wer Maising. Warum heute verhaftet. Antwort morgen Frühpost.“
„Und Sie glauben ...?“
Mit einer Handbewegung zerschnitt Wessley ihre Rede.
„Morgen früh werde ich es wissen. Verlassen Sie sich darauf.“
Sie schüttelte ungläubig den Kopf.
„Und können Sie auf diese Weise auch durch Lichtzeichen Nachrichten erhalten?“
„O ja“, sagte er ruhig. „Ich habe sogar eben eine solche Nachricht abgelesen.“
„Und sie lautet ...“
Sekundenlang schien es, als wolle er ihre Frage zurückweisen. Aber dann antwortete er ruhig:
„Gefahr!“
Pulsuz fraqment bitdi.