Kitabı oxu: «Die verschwundene Melodie»
Arno Alexander
Die verschwundene Melodie
Roman
Saga
Die verschwundene Melodie
© 1931 Arno Alexander
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711625989
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
Fast unmittelbar hintereinander betraten zwei Männer den im Mittelpunkt New Yorks gelegenen Laden des Waffenhändlers Raldstone. Der erste, ein Mann von kleiner, gedrungener Gestalt, mit schwarzen, stechenden Augen und einem ebenfalls schwarzen Knebelbart, steuerte sogleich auf den Ladentisch zu, während der andere, der noch kleiner war und sich neben dem ersten schmächtig und unscheinbar ausnahm, bescheiden an der Tür stehen blieb.
„Geben Sie mir einen Revolver!“ sagte der Schwarzbärtige mit voller, lauter Stimme. Seine Aussprache verriet den Südländer, und die gewählte Kleidung zeugte von Wohlstand. In merkwürdigem Gegensatz dazu aber waren seine Fingernägel ungepflegt und schwarzumrandet.
Der Waffenhändler hob den Glasdeckel eines Tisches hoch und holte mehrere Revolver zur Auswahl heraus.
„Hier, bitte, dieser Browning! Er ist zwar klein, aber ...“
„Ich nehme den dort!“ unterbrach ihn der Kunde kurz entschlossen und deutete auf eine schwere Waffe mit starkem, klobigem Griff.
„Dieser Revolver ist sehr veraltet“, widersprach Raldstone. „Kein Mensch kauft mehr solche Waffen.“
„Gestatten Sie mir, Ihnen einen ganz unverbindlichen Rat zu geben“, mischte sich plötzlich der kleine Mann an der Tür ins Gespräch. Er sprach mit einer feinen, dünnen Stimme, die durchaus zu seinem unansehnlichen Äußeren paßte. „Ich kenne mich ein wenig in Schußwaffen aus. Wozu brauchen Sie eigentlich den Revolver?“
Der Schwarzbärtige drehte sich unwillig um.
„Das geht Sie gar nichts an!“ rief er unwirsch. „Nehmen Sie meinetwegen an, daß ich mit diesem Revolver einen Menschen niederknallen will!“ Er lachte über seinen rohen Scherz und wandte sich wieder dem Ladeninhaber zu: „Also, was kostet das Pistölchen?“
„Ich kann Ihnen das Ding billig ablassen. Ich sagte ja schon — heutzutage kauft niemand mehr einen solch veralteten Revolver ...“
Der Kunde knurrte wütend.
„Hummm ... Zum Deibel! Nennen Sie Ihren Preis und basta! Habe keine Zeit, Ihren Senf da anzuhören!“
Mr. Raldstone seufzte.
„Achtzehn Dollars fünfzig Cents“, sagte er nach kurzem Zögern.
Der Käufer warf einen Zwanzigdollarschein auf den Tisch.
„Soll ich die Waffe ein wenig einpacken?“ erkundigte sich Raldstone.
Der andere lachte kurz auf.
„Was soll ich mit einem eingewickelten Revolver?“ Er griff danach. „Nein, so ist er rascher zur Hand. Auf Wiedersehen!“ Mit einer achtlosen Handbewegung wies er die kleinen Münzen zurück, die Raldstone auf einen Teller zählte; dann stürmte er zur Tür hinaus.
Der Waffenhändler steckte das Kleingeld in die Westentasche und wandte sich seinem zweiten Kunden zu.
„Was darf es sein, Sir?“
Der schmächtige Mann an der Tür fuhr sich mit der Hand über sein glattrasiertes Kinn und starrte sinnend durch die Glasscheiben des Fensters.
Raldstone betrachtete mit prüfenden, abschätzenden Blicken das ein wenig schäbige, wenn auch keineswegs unordentliche Äußere seines Kunden und wiederholte etwas ungeduldig seine Frage.
Der Mann blickte auf.
„Ja, so ... Jede Waffe, die Sie verkaufen, hat doch eine bestimmte Nummer? Nicht wahr?“
„Selbstverständlich, aber warum ...“
„Nun“, fuhr der andere mit seiner dünnen, unsicheren Stimme fort. „Ich möchte gern wissen, welche Nummer der Revolver hatte, den Sie soeben verkauften?“
„Mit welchem Recht ...“ begann der Händler ungehalten.
„Ich bin Kapitän Hearn vom Kriminalamt“, sagte der kleine Mann bescheiden und legte ein Ausweispapier auf den Tisch.
Sofort änderte sich das Benehmen Raldstones.
„Oh! Verzeihung! Das wußte ich natürlich nicht. Die Nummer?“ Er sah nach einem Verzeichnis und kritzelte einige Zahlen auf einen Streifen Papier. „Hier, bitte!“ Dann beugte er sich vor: „Ist der Mann ein Verbrecher?“
Der Polizeibeamte zuckte die Achseln.
„Soviel ich weiß, nein!“ erwiderte er leise. „Aber wie schnell wird bei diesen schlechten Zeiten ein unbescholtener Mensch zum Verbrecher! Haben Sie eine Ahnung! Besonders, wenn er einen nicht eingewickelten Revolver lose in der Tasche herumträgt. — Ich möchte übrigens dieses Los kaufen!“ Mit diesen Worten nahm er eines der auf dem Tisch liegenden bunten Papierchen an sich.
„Nehmen Sie lieber das grüne dort! Mit dem roten können Sie höchstens eine Katze oder einen Papagei gewinnen. Mit dem grünen dagegen ...“
„Lassen Sie nur!“ wehrte Hearn ab und legte eine dünne, silberne Haarsträhne, die ihm beim Bücken ins Gesicht gefallen war, hinter sein rechtes Ohr. „Ich habe nichts gegen Katzen und Papageien. Ich besitze selbst ein kleines Seidenäffchen. Es heißt Sambi. Ich finde, es wäre sehr nett, wenn ich noch solch ein Tierchen hätte, das mir liebevoll in einsamen Stunden die Zeit verkürzen würde. Außerdem“, fuhr er etwas lebhafter fort, „ist auf diesem roten Los ein Fingerabdruck, den ich auf dem grünen Papierchen nicht finden könnte.“
„Ein Fingerabdruck?“ rief Raldstone erstaunt.
„Nun ja! Der Käufer von vorhin tippte mit dem Zeigefinger auf dieses Blatt, als er Sie auf den unter dem Glase liegenden Revolver aufmerksam machte.“
„Aber wozu, um Himmelswillen, brauchen Sie denn Fingerabdrücke eines unbescholtenen Bürgers?“
Hearn legte ein Fünfzigcentstück auf den Tischrand und lächelte sanft.
„Es kann zuweilen von großem Nutzen sein, wenn man bei irgendeinem neuen Verbrechen gleich die Revolvernummer und Fingerabdrücke des Täters kennt. Und der Schritt vom unbescholtenen Bürger zum Verbrecher ist, wie gesagt, sehr kurz. Zuweilen genügt ... Ha! Was war das?“
Raldstone war bleich geworden. Auch er hatte deutlich einen Schuß gehört.
Im nächsten Augenblick stürmten beide Männer zur Tür hinaus. Sie sahen Menschen wie aufgestörte Ameisen durcheinander laufen. Mehrere Polizisten bahnten sich mit Mühe den Weg zu einem am Bordrand haltenden Kraftwagen, dessen Scheiben zertrümmert waren.
Hearn trat näher und winkte einen der Ordnungswächter heran. „Was ist los?“
„Ein schwarzbärtiger Mann hat nach dem Wagen geschossen, und zwar in dem Augenblick, als der Besitzer einstieg. Getroffen hat er nicht. Leider konnten wir ihn aber auch nicht erwischen: Im Nu war er im Menschengewirr verschwunden. Nun wollen wir aus dem Wagenbesitzer herausbringen ...“
Eine knarrende, alte Männerstimme, die aus dem Wageninnern kam, übertönte die Worte des Polizisten. Ein runzliches Gesicht, dessen Stirn ohne Übergang zu einer spiegelglatten Glatze verlief, erschien am zerbrochenen Seitenfenster.
„Eine Unverschämtheit!“ schrie der Wagenbesitzer, und sein Gesicht wurde röter und röter vor Zorn. „Erst schießen Banditen, und die Polizei tut nichts dagegen! Dann lassen sie die Kerle laufen und wollen mich festhalten! Ich werde beim Innenminister Beschwerde einlegen ...“
„Kennen Sie den Herrn?“ fragte Hearn rasch.
Der Polizist nickte. „Ja ...“
„Dann lassen Sie ihn weiterfahren!“ fiel ihm der Kapitän schnell ins Wort.
Der andere gab seinen Kollegen einen Wink. Sofort traten die Polizisten beiseite. Das zornfunkelnde Antlitz am Fenster verschwand, und der Wagen setzte sich mit einem sanften Ruck in Bewegung.
Hearn blickte dem Wagen in Gedanken versunken nach.
„Wer war denn dieser Mann?“ erkundigte er sich nach einer Weile.
„Das war Mr. Frederick Manhattan, der Multimillionär“, antwortete der Beamte mit Ehrfurcht in der Stimme.
Der Kapitän pfiff leise durch die Zähne.
„Das ist wirklich sehr beachtenswert“, murmelte er und kraute sich nachdenklich am Hinterkopf.
2
Der Auftritt auf der 59th Avenue war nicht unbeachtet geblieben. Ladenbesitzer, weißgekleidete Handlungsgehilfen und Verkäuferinnen standen in den halbgeöffneten Türen; eine Menge schaulustiger Neugieriger hemmte den Straßenverkehr und leistete den Aufforderungen der Polizisten weiterzugehen nur ungern Folge.
Auch Mr. Tschuppik, der steinreiche Besitzer der „Steel Trust Company“ und Generaldirektor verschiedener anderer Trusts, war durch den Knall des Schusses aufmerksam geworden. Er war ein Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren, sah aber für sein Alter noch sehr rüstig aus. Mittelgroß, von kräftiger, gedrungener Gestalt und kerzengerader Haltung, machte er den Eindruck eines frühzeitig in den Ruhestand versetzten Hauptmanns. Kein Augenglas beeinträchtigte den scharfen Schnitt seiner männlichen Züge, und die kurzgeschnittenen, harten Stoppeln auf der Oberlippe vermochten ebenfalls nicht, seinem Gesicht etwas Weiches zu verleihen. Wäre nicht eine gewisse Leibesfülle gewesen, hätte man sagen können, er sei ein Muster des rücksichtslosen, geschäftstüchtigen Amerikaners.
Im Augenblick allerdings tat er etwas, was einem waschechten „Yankee“ nie eingefallen wäre. Er blieb am Fenster seines im zweiten Stock gelegenen Privatbüros stehen, fuhr sich mit der Bleistiftspitze nachdenklich durch sein lichtes graues Haar und starrte minutenlang schweigend durch die Scheiben.
Doris Elmhurst, seine kaum zwanzigjährige, junge Sekretärin, sah erstaunt auf. Es kam nicht oft vor, daß Mr. Tschuppik sich durch irgend etwas mitten im Diktat eines wichtigen Briefes stören ließ. Die schlanken Finger über den Tasten der Maschine bereit haltend, blickte sie erwartungsvoll zu ihrem Vorgesetzten hinüber. Wenn sie aber meinte, nun käme endlich die Fortsetzung des Briefes, so sollte sie sich getäuscht haben.
„Unsichere Zustände das!“ brummte Mr. Tschuppik und schüttelte bekümmert den Kopf. „Am hellichten Tage schießen die Burschen auf einen Wagen. Man wird sich bald nicht mehr auf die Straße hinaustrauen dürfen!“ In plötzlichem Entschluß trat er an den Fernsprecher und verlangte den ersten Prokuristen zu sprechen.
„Heilmann, stellen Sie doch mal fest, was da unten los ist; insbesondere, auf wen geschossen wurde.“
Doris war sprachlos.
Mr. Tschuppik, der ihr Erstaunen bemerkt und richtig gedeutet zu haben schien, ließ sich zu einer Erklärung herab:
„Es war nämlich einer der teuersten Wagen. Wie leicht kann mir mal dasselbe widerfahren. Verstehen Sie?“
Das Mädchen nickte. Also das war es: Mr. Tschuppik hatte Angst, ganz einfach Angst.
„Ich finde Ihre Besorgnis sehr begreiflich“, sagte sie leise und widerstrebend, denn sie sprach nicht gern die Unwahrheit.
„Nicht wahr?“ Mr. Tschuppik wurde lebhaft. „Man könnte meine Bedenken feige finden, Miß ... Miß ...“
„Elmhurst“, fiel sie ihm ins Wort.
„Richtig! Miß Elmhurst. Sie sagten es mir heute schon einmal. — Aber es ist nicht feige, bestimmt nicht. Ich kann alles im Leben mehrere Male verlieren, nur das Leben selbst nicht. Merken Sie sich diese einfache Tatsache, Miß ... Miß ... na, ist ja gleich! — Die meisten Menschen tun so, als hätten sie ein paar Leben zu verlieren, und das nennt man dann Mut. Torheit ist es, nichts weiter! Sehen Sie das ein, Miß ...?
„Hm ...!“ machte Doris. Es klang nicht sonderlich überzeugt.
Der Fernsprecher surrte.
„Ja?“ Mr. Tschuppik war ganz Ohr. „So, so ... sehr bezeichnend! Also Mr. Manhattan, dem Schieber und Spekulanten, galt der Anschlag. Danke, Schluß! — Halt! Sorgen Sie dafür, daß die Sache richtig in die Zeitungen kommt! Sie verstehen mich doch? Etwa so: Verzweifelte Tat eines durch den Blutsauger zugrunde Gerichteten! Im Volk Erregung über die tausenden durch ihn vernichteten Existenzen! Etwas feiner natürlich, nicht so roh; Sie können das besser als ich ... Vielleicht gehen seine Aktien daraufhin ein bißchen ’runter ... Ja, dann kaufen Sie. Das ist alles. Schluß!“
Händereibend, mit kurzen, hastigen Schritten lief Mr. Tschuppik im Zimmer auf und ab. Seine Augen glänzten, und um seine Lippen spielte ein heiteres Lächeln.
„Geschäft ist Geschäft!“ erklärte er selbstzufrieden. „Ich bin nicht herzlos, aber wie gesagt — Geschäft — — — und dann: Dieser Manhattan ist ein Gauner, ein Spitzbube, ein ganz abgefeimter Schurke, der es nicht anders verdient — — —“
Doris war dunkelrot geworden.
„Mr. Manhattan ist mein Onkel“, sagte sie leise.
„Ihr — was?!“ Mr. Tschuppik schien das Wort in der Kehle stecken zu bleiben. „Ich Unmensch!“ rief er plötzlich aus und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Jetzt erinnere ich mich: Sie sagten es mir, als Sie vor drei Wochen antraten. Ich habe ein so schlechtes Gedächtnis für die Kleinigkeiten des Alltags ... Peinlich, wirklich peinlich ... Aber dieser Manhattan, — Verzeihung: Ihr Onkel, — warum läßt er Sie arbeiten? Sie könnten doch statt dessen Golf oder Hockey spielen ...?“
Doris lächelte.
„Wenn mein Onkel etwas für mich tun wollte, so würde ich mein Leben bestimmt nicht mit Golf- oder Hockeyspielen zubringen“, entgegnete sie schlagfertig. „Nicht alle Mädchen sehen darin die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche“.
„Nicht alle? Verblüffend! Ich dachte ... aber das kommt daher, weil ich keine Kinder habe. Also — hm — so geizig ist Ihr Onkel, daß er Sie lieber sich die Finger wund schreiben läßt, ehe er die vollgespickte Brieftasche zückt ... hm ...“
„Mein Onkel ist nicht geizig“, widersprach Doris. „Er ist ein armer Sonderling. Er glaubt nämlich, die Welt und alle Menschen seien schlecht.“
„Und das nennen Sie ‚armer Sonderling‘?! Wie arm muß ich dann sein? He? Aber lassen wir das. Wieviel Gehalt bekommen Sie bei mir?“
„Fünfzig Dollars die Woche.“
„Ab heute bekommen Sie fünfundsiebzig Dollars. Und nun an die Arbeit!“
„Verzeihen Sie!“ unterbrach ihn das Mädchen hastig.
„Was denn noch?“ Der Ton klang gereizt. Bei der Arbeit durfte den Allgewaltigen niemand stören. Doris wußte es und wagte es diesmal dennoch.
„Ich möchte Sie bitten, mir auch weiterhin fünfzig Dollars die Woche zu zahlen“, sagte sie stockend.
Mr. Tschuppik runzelte die Stirn.
„Warum?“ fragte er scharf.
„Weil ...“ Doris suchte krampfhaft nach Worten. „Weil ... nun, jeden Monatsersten legt Ihnen Mr. Heilmann eine Liste der Angestellten vor, die seiner Meinung nach zu viel verdienen und durch billigere Kräfte ersetzt werden könnten. Am nächsten Ersten wäre bei fünfundsiebzig Dollars Wochenlohn auch mein Name auf dieser Liste. Sie haben bis jetzt stets sämtliche Entlassungen gutgeheißen, ohne sich darum zu kümmern, ob die zu hoch bezahlten Angestellten nicht lieber billiger arbeiten wollten, ehe sie brotlos würden.“
Mr. Tschuppik sah eine Weile finster vor sich hin. Doris bereute bereits ihre mutigen Worte; doch hatte sie so sprechen müssen, da ihre Entlassung am Ersten sonst ganz fraglos gewesen wäre. Plötzlich riß ihr Vorgesetzter wieder den Hörer vom Fernsprecher.
„Rufen Sie Heilmann!“ sagte er kurz. Als jener sich meldete, fuhr er fort: „Hören Sie mal zu, Heilmann! Die Liste der zu teueren Arbeitskräfte versehen Sie in Zukunft mit entsprechenden Vermerken über die Höhe der Gehälter, die wir zu zahlen imstande sind. Ja, und dann geben Sie die Liste meiner Sekretärin, Miß ... wie? ... ja, Miß Elmhurst.“ Er warf den Hörer auf die Gabel. „Sie, Miß Elmhurst, werden dann an Hand der Liste — nicht öffentlich natürlich — die betreffenden Leute fragen, ob sie bleiben wollen. So, jetzt schreiben Sie ... Wo waren wir doch stehengeblieben?“
Doris las den letzten Satz laut vor. Ihr Chef begann mit dem Diktat. Er saß an seinem großen Schreibtisch und öffnete nebenbei Briefe. Trotz seines schlechten Gedächtnisses für die Kleinigkeiten des Lebens, besaß er die bemerkenswerte Fähigkeit, gleichzeitig einen verwickelten Brief angeben und dabei andere lesen und mit Randbemerkungen versehen zu können.
„Augenblick mal“, unterbrach er sich und griff erneut nach dem Hörer des Fernsprechers. Er verlangte die Rufnummer der „National City Bank“ und ließ sich mit einem der Direktoren verbinden. „Hier Tschuppik selbst!“ rief er, und seine Stimme klang ärgerlich. „Bei der Durchsicht Ihrer Post fällt mir auf, daß die Empfangsbestätigung meines gedrahteten Verkaufsauftrags der Baltimore and Ohio shares fehlt. Ja, bitte sehr! ...“
Einige Minuten vergingen.
„Wie“, rief Mr. Tschuppik plötzlich, und in seinen Zügen malte sich Überraschung. „Wie? Sie haben meine Drahtnachricht erst heute vor einer knappen halben Stunde erhalten? Das ist doch ... Danke, Schluß! ... Nein, den Auftrag nicht mehr ausführen!“
Eine geraume Weile saß Mr. Tschuppik, in angestrengtes Nachdenken versunken, grübelnd da. Die Finger seiner rechten Hand hielten einen Bleistift umklammert. Flüchtig warf er eine Reihe von Zahlen aufs Papier. Plötzlich sprang er auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Ein Verlust von 257360 Dollars. Zum Verrücktwerden!“ Er begann, im Zimmer auf und ab zu rennen.
Doris beobachtete ihn mit ehrfurchtsvollem Schweigen. Plötzlich blieb er wieder dicht vor ihr stehen. Auf seiner Stirn zeichnete sich eine bläuliche Zornesader ab.
„Wie war das doch gleich, Miß ...? Vorgestern abend waren Sie mit mir in Chikago zur Verhandlung mit den Vertretern der Kanadischen Eisenwerke. Nach dem Abendessen im Hotel las ich die Zeitung ... Richtig! Ich finde eine sonderbare Nachricht, verlange Tinte und Papier ... natürlich, so war es ... sicherheitshalber lasse ich das Telegramm nicht durch Hotelbedienstete besorgen, sondern ... ehern ... sondem ...“
„Durch mich, Mr. Tschuppik“, sagte Doris und blickte voll zu ihm auf. „Sie können davon überzeugt sein, daß ich Ihren Auftrag sofort gewissenhaft erledigte.“
Mr. Tschuppik schien ratlos.
„Ja, aber dann ... zum Kuckuck! Was ist denn da los? Herrrein!!“ Es hatte geklopft. Auf Mr. Tschuppiks Aufforderung öffnete sich die Tür; ein junger Angestellter trat ein und verneigte sich ehrerbietig.
„Herr Postdirektor Hähnel und ein Detektiv wünschen Sie in dringender Angelegenheit zu sprechen“, erklärte er.
Die Augen des Stahlmagnaten funkelten.
„Ich lasse bitten!“ sagte er finster.
3
Zwei Herren betraten den Raum. Der erste war ein älterer Mann mit schlaffen, müden Gesichtszügen; der zweite dagegen schien noch jung, kaum über dreißig; seine Gestalt war von mittlerer Größe, das Gesicht männlich und zielbewußt, von rein angelsächsischem Gepräge.
„Gestatten, Postdirektor Hähnel“, stellte sich der ältere vor. „Dies hier ist Mr. Huntington, Leiter der Privatdetektei Clayvills & Huntington.“
Mr. Tschuppik hatte sich erhoben. Er nannte ebenfalls seinen Namen.
„Ich weiß“, fuhr er fort und machte eine einladende Handbewegung, auf einige Sessel deutend. „Ich arbeite selbst mit diesem Haus. Es ist ein sehr gutes und sehr teures Unternehmen. Was verschafft mir übrigens die Ehre?“
Der Postdirektor zögerte. Er hatte in einem mit kostbarem Leder bespannten Sessel Platz genommen, und seine Blicke schweiften ängstlich zu Doris hinüber. Als das Mädchen dies bemerkte, raffte sie sogleich einige Briefe zusammen und machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen; aber eine deutliche Kopfbewegung ihres Vorgesetzten hielt sie zurück.
„Ich glaube die Angelegenheit zu kennen, in der Sie mich zu sprechen wünschen“, sagte er stirnrunzelnd. „Miß ... hm ... dingsda, weiß Bescheid. Sie können also ohne weiteres zur Sache kommen.“
„Nun ja“, meinte Hähnel unbestimmt, „wie Sie wünschen. Es handelt sich also um eine Drahtnachricht ...“
„... die gestern früh ankommen sollte und erst vierundzwanzig Stunden später eintraf, nicht wahr?“ unterbrach ihn Tschuppik. Er sprach kühl und gelassen, und nichts in seinem Benehmen erinnerte mehr an seine zornige Aufwallung vor fünf Minuten. „Was haben Sie darüber zu berichten?“
„Eine sehr unangenehme Geschichte ... wirklich sehr unangenehm ...“ Hähnel fuhr sich ein paarmal über die feuchte Stirn und rückte unruhig auf seinem Sessel hin und her. „Der Eilbote ist nämlich mit Ihrem Telegramm durchgebrannt.“
„Wa—as?“ Der Millionär war verblüfft. „Mit meinem Telegramm ... wie sagten Sie doch gleich ... durchgebrannt?“
Der andere nickte.
„Ich finde tatsächlich keinen treffenderen Ausdruck. Die Sache kam so“, erklärte er. „Der Eilbote kehrte, nachdem er drei Telegramme zur Bestellung erhalten hatte, nicht mehr zurück. Zwei der Depeschen hat er noch richtig bestellt, nur Ihre nicht. Sein Ausbleiben fiel zunächst nicht weiter auf; man nahm an, er wäre plötzlich erkrankt. Erst als er heute wieder nicht erschien, begann die Suche. Sie können sich unser Erstaunen vorstellen, als uns Mr. Huntington schon nach zwei Stunden mitteilte, daß der Mann noch gestern nacht über die Grenze nach Canada entwichen sei. Ich ließ für jeden Fall Ihr Telegramm gleich nachbestellen und dann sprach ich mit der Frau des Flüchtigen. Er hat hier nämlich Frau und fünf Kinder zurückgelassen. Und ... und ... nun, sie bat mich flehentlich, doch von einer Anzeige abzusehen. Ich habe mir natürlich die Sache lange überlegt. Schließlich bin ich aber zu der Überzeugung gelangt, daß ich tatsächlich von der strafrechtlichen Verfolgung absehen kann. Es handelt sich ja nicht um einen flüchtigen Dieb oder Betrüger: er hat keinen Cent veruntreut. Wir sind somit nicht geschädigt ...“
„Aber ich!“ warf Mr. Tschuppik dazwischen. „Ich habe einen Schaden von rund 260000 Dollars!“
Nun war es an Hähnel, verblüfft zu sein.
„Das ... das ändert die Sache allerdings“, stammelte er verwirrt. „Welch unglücklicher Zufall!“
Der Millionär hob die Schultern.
„Es muß nicht unbedingt ein Zufall sein“, erklärte er bedächtig.
„Wieso? Wie meinen Sie das?“
„Vermutlich ist es ein Verbrechen“, sagte Tschuppik trocken. „Was halten Sie davon, Mr. Huntington?“
Der junge Detektiv wiegte den Kopf sinnend hin und her. Es dauerte eine Weile, bis er mit der Sprache herausrückte.
„Ich würde in diesem Falle nicht gleich an ein Verbrechen denken“, äußerte er sich schließlich. „Ein Zufall erscheint wahrscheinlicher. Nehmen wir an, unser Mann, der Eilbote, hatte Gründe — ich denke dabei an außeramtliche Gründe — plötzlich zu verschwinden. Ob er nun vorher ein Telegramm mehr oder eins weniger bestellte, muß ihm jedenfalls recht unwesentlich erschienen sein. Daher ...“
„Der langen Rede kurzer Sinn: Sie glauben also auch an einen Zufall!“ unterbrach ihn Mr. Tschuppik ungeduldig.
„Nein!“ antwortete der Detektiv sehr bestimmt. „Ich bin sogar überzeugt davon, daß es kein Zufall ist.“
„Ah!?“ Beide Herren waren erstaunt.
„Es ist nämlich nicht der erste derartige Fall, der mir unter die Finger kommt“, erklärte Huntington. „Vor zwei Wochen erstattete einer der reichsten Männer Chikagos Anzeige wegen eines ganz ähnlichen Falles. Er hatte aus London nach Philadelphia die Bestätigung seines Kaufauftrages auf ein Gelände in Illinois gedrahtet. Das Telegramm kam nicht an. Der Bote war spurlos verschwunden, und der Kauf des Geländes kam nicht zustande. Der Mann aus Chikago hätte nämlich nur auf Grund eines Vorkaufsrechtes das Gelände zu einem verhältnismäßig billigen Preis erwerben können. Als er erfuhr, daß sein Vertreter das Kabel nicht erhalten hatte, war es bereits zu spät.“
„Das ist ja unerhört!“ rief der Postdirektor empört aus.
Mr. Tschuppik sprach kein Wort. Er hatte den Kopf gesenkt und starrte wie geistesabwesend auf eine Fliege, die an seinem Marmortintenfaß herumkletterte. Plötzlich blickte er auf.
„Was geschah mit dem Gelände?“ fragte er kurz. „Wer kaufte es?“
Huntington zuckte die Achseln.
„Bis jetzt niemand. Der Preis, den der Eigentümer verlangt, dürfte wohl zu hoch sein.“
Im gleichen Tonfall und ohne erkennbare Erregung fuhr Mr. Tschuppik zu fragen fort:
„Wieviel verlangt der Eigentümer?“
„350000 Dollars“, antwortete der Detektiv, sichtlich neugierig, worauf Tschuppik hinauswollte.
„Und wieviel war der Mann aus Chikago bereit zu bezahlen?“
„275 000 Dollars.“
Mr. Tschuppik erhob sich.
„Hören Sie zu, Mr. Huntington“, sagte er mit Nachdruck. „Sie fahren jetzt sofort mit mir nach Illinois. Ich kaufe das Gelände. Ihr Verdienst bei Zustandekommen des Geschäftes beträgt zwei vom Hundert, also siebentausend Dollars.“
Huntington sprang erregt auf.
„Sie wollen das Gelände kaufen? Ohne es je gesehen zu haben? Ohne auch nur annähernd seinen tatsächlichen Wert zu kennen? Wirklich?“
„Ich habe gesagt, daß ich es kaufe. Es genügt, wenn ich es einmal sage, Mr. Huntington“, entgegnete Tschuppik frostig. Dann wandte er sich an den gänzlich verstörten Postdirektor: „Sie entschuldigen schon, aber wie Sie sehen, bin ich jetzt beschäftigt. Daher — Sie verstehen — muß ich Sie jetzt bitten ...“ Seine Miene vollendete den Satz.
„Gewiß, gewiß“, stotterte Hähnel betroffen, „aber die Geschichte mit dem Telegramm ... Es ist doch eine höchst wichtige Angelegenheit! Das müßte doch zunächst in aller Ruhe besprochen werden ...“
„Von zwei wichtigen Sachen wähle ich stets die wichtigere“, war Tschuppiks kühle Antwort. „Das ist im Augenblick der Geländekauf. Das andere ordnen wir bei Gelegenheit.“
Mr. Tschuppik konnte blitzschnell handeln, wenn er es für nötig hielt. Fünf Minuten darauf stand der Postdirektor Hähnel auf der Straße und blickte dem davonfahrenden Wagen des Millionärs nach. Er dachte darüber nach, wie würdelos doch Mr. Tschuppiks Benehmen gewesen sei. Wie ein Lehrling war er treppauf und treppab gelaufen; wie ein kleiner Krämer hatte er mit den Armen gefuchtelt und wie ein Kutscher geflucht. Und das nannten diese Emporkömmlinge „arbeiten“?
Hähnel schüttelte mißbilligend den Kopf und machte sich auf den Weg ins Büro. Im Laufe dieses Tages bemerkten seine Untergebenen, daß er langsamer und würdevoller denn je arbeitete.
4
Mr. Frederick Manhattan frühstückte. Er hatte gerade das dritte weichgekochte Ei mit seinem kleinen, silbernen Teelöffel eingeschlagen, als sich die Tür lautlos öffnete, und sein Kammerdiener mit der Morgenpost den Raum betrat. Mit eherner Miene näherte er sich seinem Herrn und überreichte ihm auf einer goldenen Schale drei Briefe und zwei Postkarten.
„Ist das alles, Lux?“ fragte der Hausherr.
„Jawohl, Mr. Manhattan“, antwortete „Lux“, der in Wirklichkeit Jack Hunter hieß.
„Es ist wenig, Lux.“
„Sehr wenig, Mr. Manhattan“, pflichtete der getreue Diener bei.
Diese Unterhaltung bot nichts Außergewöhnliches, denn sie wiederholte sich in denselben Worten und demselben Tonfall jeden Morgen. Lux erwartete nun die nächste Frage, die sich auf das Wetter bezog, worauf er dann gewöhnlich wieder gehen durfte.
Jack Hunter hatte allen Grund sich zu wundern, denn die Frage nach dem Wetter blieb heute aus. Mr. Manhattan hatte sich vorgebeugt und starrte mit derart entsetzten Blicken nach der Schale mit den Briefen, wie sich Lux erinnerte, seinen Herrn nur einmal gesehen zu haben — als sich auf dem Butterbrot eine kleine Spinne vorfand.
„Ist da nicht wieder ein Brief ohne Marke?“ erkundigte sich Manhattan unvermittelt.
„So ist es, Mr. Manhattan“, antwortete Lux, und seine Mienen drückten Erstaunen aus. „Dieser Brief wurde vor fünf Minuten durch einen Boten abgegeben.“ Da sein Herr noch immer kein Wort sprach, fuhr er fort: „Im übrigen scheint heute die Sonne, und der Himmel ist fast unbewölkt ...“
„Scher dich zum Teufel!“ knurrte Mr. Manhattan in plötzlich erwachtem Zorn.
„Wie Sie wünschen, Mr. Manhattan“, entgegnete Lux gemessen.
Er hatte die Tür noch nicht erreicht, als Manhattan ihn schon wieder zurückrief. Seine Hand, die einen geöffneten Brief hielt, zitterte leicht.
„Rufen Sie sofort den Detektiv Huntington her!“ kreischte er. „Sofort!“
„Mr. Huntington wird sogleich hier sein. Er wartet unten.“
„Er wartet? Warum meldeten Sie ihn denn nicht an, Sie Kamel?!“
Lux zog kaum merklich die Brauen in die Höhe.
„Mr. Huntington wünschte nicht zu stören. Seit etwa acht Tagen wartet er jeden Morgen über eine Stunde hier, will aber nur dann vorgelassen werden, wenn Sie selbst nach ihm verlangen.“
„Verrückt! Das hätten Sie mir melden müssen! Ich erwarte von Ihnen, daß Sie mich über alles unterrichten, was in meinem Hause vorgeht. Verstanden?!“
Der Diener nickte ernst.
„Sehr wohl, Mr. Manhattan. Es ist mir auch lieber, wenn ich vor Ihnen keine Geheimnisse zu haben brauche. Es tat mir weh, Ihnen bis jetzt verschweigen zu müssen, daß Mr. Huntington acht Tage lang hier frühstückte und dabei jedesmal vier Eier verzehrte. Ich habe ihm gesagt, daß Sie zum Beispiel nur drei zu essen pflegen, aber er antwortete, mit weniger als vier könne er nicht gut gedeihen. Wir haben somit einen Verlust von zweiunddreißig Eiern. Sie werden verstehen ...“
„Ich verstehe, daß Sie ein Esel sind! Rufen Sie sofort Huntington. Schnell!“
Lux sollte heute aus dem Staunen nicht herauskommen. Zwei Minuten später meldete er nämlich kühl und gelassen wie immer, doch mit merklich schwankender Stimme:
„Mr. Huntington ist nicht mehr da. Es ist das erstemal, daß er gegangen ist, nachdem er erst drei Eier verzehrt ...“
Manhattan warf mit einer zornigen Gebärde den Kopf zurück.
„Ah! Zum Donnerwetter!“ knurrte er wütend. „Lassen Sie mich mit dem Kram ungeschoren!“ Nach einer Weile beruhigte er sich und fügte in verändertem Ton hinzu: „Nun, Huntington wird schon wiederkommen. Das hat auch schließlich keine Eile. Aber jetzt muß ich vor allem einen Notar haben. Ich will nämlich mein Testament machen. Wie finden Sie diesen Gedanken, Lux?“
Der Diener wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.
„Sehr beachtenswert, Mr. Manhattan. Ich sagte dies schon, als Sie vor zwei Monaten Ihr letztes Testament machten. Jeder Mensch sollte ab und zu ein Testament machen.“
„Reden Sie kein Blech! Nur ein Mensch mit Geld kann und soll ein Testament machen. Ich habe Geld, und ich will es unter meinen Verwandten gerecht verteilen. Keinen Cent sollen sie bekommen. Ich weiß ganz genau, daß sie alle nur auf meinen Tod und mein Geld lauern ...“
„Nicht alle, Mr. Manhattan“, warf Lux dazwischen.
„Ach, Sie meinen die kleine Evelyn, die mich pflegte, als ich krank war? Sie täuschen sich: auch sie ist nicht besser als die anderen. Sie pflegte mich nur, damit ich ihr etwas vermache. Ich habe ihr jeden Morgen klargemacht, daß sie in meinem Testament mit keinem Cent bedacht ist. Sonst hätte ich den Abend nicht mehr erlebt; sie hätte mich sofort vergiftet — verlassen Sie sich darauf!“
„Nicht alle Menschen sind so schlecht“, widersprach Lux abermals traurig.
„Alle!“ schnitt Manhattan ab. „Wieviel hatte ich übrigens Ihnen vermacht, Lux?“
„Nichts“, antwortete der Diener gelassen.
„Hm ... etwas wenig ... nicht wahr ... hm ...“ meinte Manhattan unsicher.
„Oh, nicht doch!“ entgegnete Lux höflich. „Bei einiger Sparsamkeit läßt sich schon eine Zeitlang ganz nett davon leben.“
„Ich werde Sie diesmal mit achttausend Dollars bedenken!“ erklärte Manhattan gnädig.
„Ich danke Ihnen, Mr. Manhattan! Ich werde mich als reicher Mann fühlen, bis Sie Ihr übernächstes Testament machen.“
„Sie sind ein Schaf! Das Testament, das ich jetzt mache, ist mein allerletztes. Unwiderruflich! Punktum!“
Lux schickte sich an, seines Weges zu gehen.
„Ich weiß“, nickte er, „ganz so wie immer, Mr. Manhattan.“
5
Mit halber Geschwindigkeit fuhr der Expreßzug um die gefährliche Kurve bei Norwalk. Der Lokomotivführer Tom Dryer war ein gewissenhafter und vorsichtiger Mann; obwohl die Vorschrift lautete, die Kurve mit vierzig Stundenkilometer zu durchfahren, zeigte sein Tachometer hier nie mehr als dreißig.
„Das reinste Schneckentempo“, knurrte der Heizer und warf einen ungeduldigen Blick auf die Uhr. „Es wird wieder Mitternacht, bis wir nach New York kommen.“ Er saß auf einer rußbedeckten Kiste, hatte die in dicken, plumpen Stiefeln steckenden Füße weit von sich gestreckt und hielt in der einen Hand eine Kohlenschaufel, in der andern eine halbleere Whiskyflasche. Wenn es nach New York ging, konnte man es ihm nie schnell genug machen, denn in der Stammkneipe warteten seiner verbotene Genüsse. „Verrückt! Soll das ein Expreßzug sein?“ murrte er und tat einen tiefen Schluck aus seiner Flasche.
Tom Dryer ließ sich nicht beirren. Er stand breitbeinig, die kalte Pfeife zwischen den Zähnen, vor seinen Hebeln und beobachtete scharf das durch den grellen Scheinwerfer hell beleuchtete Gleis.
„Mein Vater verunglückte an dieser Stelle, obwohl er bestimmt nicht mehr als vierzig Kilometer fuhr“, sagte er gelassen. „Man hat damals versucht nachzuweisen, daß er in jener Nacht schneller gefahren ist. Sachverständige haben ein Gutachten abgegeben, wonach er mindestens eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern gehabt haben mußte. Ich weiß es besser — oft genug erklärte mir mein Vater, daß es heißt, mit Menschenleben spielen, wenn man auch nur einen einzigen Kilometer mehr hat, als die Vorschrift lautet. — Und darum fahre ich hier nie über dreißig Kilometer.“
Der andere brummte etwas Unverständliches.
Tom warf einen Blick auf die Strecke, dann rückte er einen Hebel weiter. Die Riesenlokomotive zog sofort an: der Geschwindigkeitsmesser stieg langsam wieder auf sechzig.
„Jetzt fahren wir gleich in den Tunnel ein“, bemerkte Tom ruhig, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und versuchte seiner ausgegangenen Pfeife neues Leben einzuflößen. „Hier zum Beispiel kann ich mit gutem Gewissen sechzig Kilometer wagen. Das Durchfahren des Tunnels dauert drei Minuten, und die Strecke ist kerzengerade.“
Nun schien der Heizer mit der Geschwindigkeit zufrieden. Er stand langsam auf und bot Tom seine Flasche.
„Siehst du“, meinte Tom gutmütig, „sogar einen Schluck Whisky darf ich mir hier gönnen. Dieser Tunnel ist die sicherste Strecke, die es gibt. An seinen beiden Enden sind Wachen aufgestellt, damit ja kein Mensch oder Tier da hineinläuft. Daher also ...“ Er nahm sich nicht die Mühe, den Satz zu vollenden, denn das Schreien strengte ihn zu sehr an. Mit einem zufriedenen Lächeln führte er die Flasche an den Mund. Dann beugte er sich gewohnheitsmäßig vor und warf einen Blick auf die Strecke.
Im selben Augenblick lief ein Zittern durch seine stämmige Gestalt. Die Flasche fiel klirrend zu Boden. Jählings packten die klobigen Hände Toms zu und gaben Gegendampf. Ein Kreischen, ein Ruck! Der Heizer flog gegen die Kesseltür; Tom hielt sich krampfhaft an der Seitenwand fest und starrte hinaus. Ein Rütteln durchzitterte den Zug von der Lokomotive bis zum letzten Wagen. Gleich darauf heulte die Dampfpfeife schaurig durch den Tunnel. Der Zug stand still.
Sekundenlang herrschte beängstigende Stille. Erst leise, dann immer lauter hallten Schreie durch die Nacht, die vom Echo verstärkt zurückgegeben wurden. Schaffner mit bestürzten Gesichtern und erschrockenen Augen kletterten auf die Lokomotive, stellten Fragen — wirr und zusammenhanglos.
Tom lehnte jetzt mit kraftlos herabhängenden Armen in einer Ecke. Sein Gesicht war entstellt vor Entsetzen. Endlich hob er langsam die Hand und deutete mit abgewandtem Kopf auf die hell erleuchteten Schienen.
„Da ... da ...“ stammelte er und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Seine Angst, das unbekannte Grauenhafte sehen zu müssen, teilte sich auch den Umstehenden mit. Nur zögernd beugten sie sich vor und starrten hinaus. Da sahen es alle: Vor der Lokomotive, nur knapp zehn Meter entfernt, lag mitten auf dem Gleis eine menschliche Gestalt.
Einige Reisende hatten sie inzwischen auch bemerkt. Eine von Minute zu Minute wachsende Gruppe von Menschen sammelte sich um den leblosen Körper. Es war ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren. Ihr dünnes, schwarzes Kleid war von langen, klaffenden Rissen durchzogen, und die seidenen Strümpfe wiesen große Löcher auf. Blondes, lockiges Haar bedeckte wirr das an mehreren Stellen zerschundene Gesicht, und die halbentblößten Arme waren schmutzig und blutig.
„Tot?“ fragte jemand bedrückt, als sich ein Arzt über sie neigte.
„Nein, das Herz schlägt noch“, antwortete er und tastete sorgfältig ihre Glieder ab. Als er den linken Arm berührte, lief plötzlich ein schmerzliches Zucken über das Gesicht des Mädchens, und ein leises Stöhnen wurde hörbar. Dann lag sie wieder still, wie leblos, mit geschlossenen Lidern da.
„Komplizierter Unterarmbruch und Gehirnerschütterung“, erklärte der Arzt endlich. Er ordnete die Unterbringung der Verunglückten in einem leeren Abteil an und machte sich sogleich daran, einen Notverband anzulegen.
Die Reisenden standen in kleinen Gruppen überall umher und besprachen eifrig den sonderbaren Fall.
„Sie kann nur aus dem Personenzug gestürzt sein, der vor etwa einer Stunde den Tunnel durchfuhr“, äußerte sich schließlich ein Bahnbeamter dazu.
„Was veranlaßte Sie denn, plötzlich zu halten?“ wandte sich der Zugführer an Tom. „Gesehen können Sie das Mädchen doch nicht haben.“
„Im letzten Augenblick leuchtete vor der Einfahrt in den Tunnel rotes Licht auf“, gab Tom zögernd zurück, denn er war nicht ganz davon überzeugt, daß er die Wahrheit sprach. Zwar hatte er vordem genau das grüne Licht gesehen, aber das rote konnte unter Umständen auch um einige kostbare Sekunden früher aufgeflammt sein.
Schweratmend kam plötzlich ein Bahnwärter herbeigerannt.
„Ich sah schon den Zug“, erklärte er auf die Frage des Zugführers, „als von New York die telephonische Weisung kam, die Durchfahrt zu sperren.“
Diese Erklärung schien den Zugführer zu beruhigen.
„Wir fahren weiter“, sagte er zu Tom, der blaß und stumm an seiner Maschine lehnte. „Durch Ihre Aufmerksamkeit haben Sie ein Menschenleben gerettet. Ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie eine Belohnung bekommen.“
Der Lokomotivführer gab keine Antwort. Schweigend kletterte er auf seine Maschine und ließ den Dampf in die Zylinder strömen. Mit dumpfem Getöse setzte sich der Zug gleich darauf wieder in Bewegung.
Seit jenem Tage war Tom unter seinen Kollegen nicht mehr beliebt. Man legte ihm sogar den Spitznamen „der Streber“ bei, und kein Heizer fuhr gern mit ihm; denn mochte die Fahrt auch noch so lang sein, nie sprach Tom mehr ein überflüssiges Wort, trank nichts, rauchte nicht, und sobald er in den Händen seines Heizers eine Packung Tabak oder eine Whiskyflasche erblickte, nahm er sie ihm ohne jede Erklärung aus der Hand und beförderte sie mit einem kräftigen Schwung hinaus.
*
Auf dem Bahnhof in New York wartete eine große Menschenmenge auf den Personenzug aus Boston. Unter den Wartenden befand sich auch Doris Elmhurst, die ihre Schwester Evelyn empfangen wollte. Die beiden Schwestern hatten sich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen, da Evelyn in Boston Medizin studierte und Doris nur zweimal im Jahr während der Ferien besuchen konnte.
„Der Zug hat acht Minuten Verspätung!“ verkündete ein Bahnbeamter mit lauter Stimme.
Doris blickte nach der Uhr. „Also noch zehn Minuten warten“, dachte sie und hielt plötzlich in ihrem Auf- und Abgehen erstaunt inne. Auch die andern Leute folgten ihrem Beispiel.
Es war in der Tat ein seltenes Schauspiel, daß sich ihren Blicken bot. Etwa dreißig Polizisten traten in Gruppen von drei und vier Mann auf den Bahnsteig und blieben unweit der Wartenden stehen. Auf den andern Bahnsteigen sah man jetzt ebenfalls Polizeibeamte; nur waren es dort weniger: höchstens fünf oder sechs auf jedem.
Ein höherer Beamter in Uniform trat an die Wartenden heran.
„Ladies and gentlemen!“ sagte er höflich, aber bestimmt. „Ich bitte Sie, etwas beiseitezutreten und meinen Leuten Platz zu machen.“ Dann gab er den Polizisten mit leiser Stimme Anweisungen, worauf diese den ganzen Bahnsteig entlang eine Kette bildeten. Kaum waren sie damit fertig geworden, als auch schon zischend und fauchend der Zug in die Halle einfuhr.
„Niemand darf aussteigen!“ befahl der Polizeibeamte laut. „Papiere bereithalten!“
Erstaunte Gesichter fuhren von den Fenstern zurück. Unter den Wartenden erhob sich ein unzufriedenes Murmeln.
Doris wurde unruhig. Viele fremde Gesichter hatte sie an den Fenstern gesehen, aber das ihrer Schwester nicht. Sie drängte sich vor und versuchte einige Worte der leise geführten Unterhaltung zweier Polizisten aufzuschnappen.
„... wurde der Kontrolleur mit zerschmettertem Schädel neben dem Telegraphenmast 97 gefunden“, sagte der eine. „Wahrscheinlich Mord“, fügte er nachdenklich hinzu.
„Er kann auch so ’rausgefallen sein“, meinte der andere.
„Kaum. Der Bahnwärter, der uns telegraphierte, gibt an, etwas Ähnliches wie einen Kampf beobachtet zu haben.“
„Nun, dann werden wir den Mörder natürlich ...“
Die Unterhaltung stockte. Die Polizisten schienen die Lauscherin entdeckt zu haben, und als sie nach einer Weile in ihrer Unterredung fortfuhren, sprachen sie so leise, daß es für Doris unmöglich wurde, etwas zu verstehen.
Inzwischen waren die Personalien der Reisenden festgestellt worden, und die meisten konnten den Bahnhof verlassen. Doris’ Unruhe steigerte sich, denn noch immer war Evelyn nicht zu sehen. Eine kleine Gruppe von Polizisten, in deren Mitte sich ein blondbärtiger Hüne wie ein Wahnsinniger gebärdete, lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich.
„Das ist unerhört!“ brüllte er. „Mich des Mordes zu verdächtigen! Mich?!“
Der Polizeioffizier suchte ihn zu beschwichtigen.
„Niemand hat einen derartigen Verdacht geäußert. Wir mußten aber Ihre Papiere einsehen. Ich bedaure außerordentlich, aber meine Pflicht ...“
In diesem Augenblick trat ein fein gekleideter junger Mann hastig auf den Beamten zu und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr.
Doris schob sich näher heran. Eine dunkle Ahnung sagte ihr, daß zwischen dem Mord am Kontrolleur und dem Ausbleiben Evelyns ein Zusammenhang bestehen müsse. Sie stand jetzt so nahe, daß sie einzelne Worte der halblaut geführten Unterhaltung hören konnte. Erst sprach der junge Mann:
„... ein hoher Würdenträger ... verhängnisvolle Folgen ...“
„Ich verstehe“, lautete die höfliche Antwort des Beamten. „Wir wollen natürlich jedes unnötige Aufsehen vermeiden. Die Papiere dieses Herrn sind ja auch in Ordnung. Wie ist Ihr Name, und wer sind Sie?“
Der andere beugte sich vor. Ein mit vielen Stempeln versehenes Papier auseinanderfaltend, flüsterte er: „Daniel Clayvills, Chef der Privatdetektei Clayvills & Huntington.“
Der Beamte schrieb sich etwas in ein Büchlein, dann verneigte er sich höflich. „Sie können gehen“, erklärte er kurz.
Doris’ Interesse an der Angelegenheit war schon fast geschwunden, als eine kleine Beobachtung von neuem ihre Aufmerksamkeit darauf lenkte. Der Blondbärtige machte Miene, noch etwas zu sagen, als plötzlich ein sanfter Rippenstoß Clayvills ihn verstummen ließ. Dieser Stoß war so berechnet, daß der Polizeibeamte ihn nicht bemerken konnte; Doris aber hatte ihn deutlich gesehen, und es nahm sie Wunder, daß ein Privatdetektiv einen hohen Würdenträger so zu behandeln wagte.
Diese kleine Beobachtung hatte zur Folge, daß Doris eine Zeitlang scheinbar völlig teilnahmslos vor den beiden herging, als diese gemeinsam durch die Bahnhofshalle schritten. Sie vernahm dabei, wie der Detektiv die Handlungsweise des hohen Würdenträgers beurteilte, wobei er sie mit Ausdrücken wie „bodenlose Dummheit“ und „einfältiges Gebahren“ belegte.
Doris war ein seltsames Mädchen. Obwohl sie in der Woche nur fünfzig Dollars verdiente, wovon sie noch ihre Schwester unterstützte, und daher sehr sparen mußte, gab sie an diesem Morgen doch fünf Dollars und fünfzig Cents für eine Autospazierfahrt aus.
Das Ergebnis war, daß sie um acht Uhr morgens, bevor sie den ersten Bogen in die Schreibmaschine spannte, in ihr Merkbuch kritzelte:: „Der hohe Würdenträger wohnt: Old Cross Road 81.“
6
Die Abendblätter brachten eine kurze Mitteilung über den mutmaßlichen Unfall des Fahrkartenkontrolleurs Al Fuller. Zwei Blätter sprachen die Vermutung aus, es liege ein Mord vor, die meisten begnügten sich damit, ohne Erläuterung die Angaben der Polizei abzudrucken. Nur das New York Daily Journal, eine wenig verbreitete und noch weniger gelesene Zeitung, hatte gewagt, das Wort „Mord“ fett gedruckt als Überschrift einiger knapper Zeilen zu setzen, durch die den Lesern für die nächste Morgenausgabe sensationelle Enthüllungen versprochen wurden. Dieses Blatt war auch das einzige, das von dem im Tunnel bei Norwalk gefundenen und beinah überfahrenen Mädchen berichtete und dieses Ereignis mit dem Mord an dem Kontrolleur in Zusammenhang brachte.
Niemand hätte es geglaubt, daß am nächsten Tage das Polizeipräsidium fünfundzwanzigtausend Exemplare der Morgenausgabe aufkaufen und von weiteren Käufen nur deshalb absehen würde, weil keine einzige Nummer mehr verkäuflich war.
Außer der Schriftleitung und den Mitarbeitern des New York Daily Journal gab es bis neun Uhr früh in ganz New York keinen Menschen, der sich für die Morgenausgabe mit den versprochenen sensationellen Mitteilungen interessiert hätte. Um neun Uhr begannen die Zeitungsjungen wie verrückt ihre Nummern auszuschreien, und nur durch die vielversprechenden Schlagworte herangelockt, fing das Publikum an, langsam zu kaufen. Um halb zehn Uhr aber lag eine Nummer der Ausgabe vor dem Polizeipräsidenten, und der tüchtige Konstabler, der sie ihm gebracht hatte und durch diese einfache Tat seine Beförderung sicherstellte, starrte erhitzt und schwer atmend auf die röter und röter werdende, kugelförmige Glatze seines Gebieters.
„Beschlagnahmen!“ brüllte der Allgewaltige auf und trommelte wie besessen mit beiden Fäusten auf den Tisch.
„Ich habe mich erkundigt“, antwortete der übereifrige Beamte. „Keine Nummer befindet sich mehr im Redaktionsgebäude. Alles ist bereits unter die fliegenden Händler verteilt.“
„Beschlagnahmen!“ kreischte der Herrscher über ein Heer von Polizisten, und das Rot seiner Glatze nahm einen bläulichen Schimmer an. „Beschlagnahmen! Beschlagnahmen! ...“
Er schrie es noch, als der dienstbeflissene Konstabler längst aus dem Zimmer war, und sämtliche Fernsprechleitungen des Riesengebäudes mit dem Übermitteln dieses kategorischen Befehls beschäftigt waren.
Zehn Minuten später überflutete ein Massenaufgebot von Polizisten die Straßen New Yorks. Eine wilde Jagd nach den Zeitungsverkäufern setzte ein. Das Publikum, aufmerksam geworden, begann sich für die Zeitung zu interessieren. Die Nummern wurden denjungen, die gleich Wieseln hin und her rannten und überall durchschlüpften, vor den Augen der Polizei aus der Hand gerissen. Die Preise gingen ruckweise in die Höhe. Um zehn Uhr zahlte man einen halben Dollar für das fünf Cents kostende Blatt, und um halb elf war keines mehr unter einem Dollar zu haben.
Das Ergebnis der Beschlagnahme war geradezu vernichtend: um elf Uhr hatte man erst viertausend Exemplare beisammen. Es war, als wenn die Zeitungsjungen sich verabredet hätten: Keiner hatte mehr als zwanzig Nummern auf einmal in der Hand. Hatte er diese verkauft oder waren sie ihm von Polizisten entrissen worden, so holte er stets mit einem pfiffigen Schmunzeln aus einem schier unversiegbar scheinenden Vorrat neue und immer neue Nummern. Man schritt zu Verhaftungen. Es nützte nichts. Brüder, Schwestern und Freunde der Festgenommenen setzten den schwungvollen Handel unverdrossen in neuer Frische fort.
Es war halb zwölf, als der Polizeipräsident düster und erschöpft das eine Wort: „Kaufen!“ sprach. Es war ein Stöhnen, kein Befehl mehr.
„Die Kerle verlangen jetzt zwei Dollars pro Nummer“, antwortete man ihm, „und die Auflage der heutigen Zeitung ist laut Aufdruck zweihunderttausend Stück.“
„Kaufen!“ ächzte der Polizeipräsident heiser.
Man kaufte. Bis halb ein Uhr hatte man insgesamt fünfundzwanzigtausend Nummern beisammen.
„Kaufen!“ knirschte der Allgewaltige bleich vor Wut, da der Strom der eingelieferten Nummern zusehends spärlicher wurde.
Um ein Uhr gab es nichts mehr zu kaufen. Es war undenkbar, daß in der kurzen Zeit vor Augen der verfolgenden Polizei 171000 Exemplare verkauft worden waren. Es gab nur eine Erklärung: ein anderer hatte auch gekauft. Der Polizeipräsident wußte, wer es war: sein ärgster Feind, der gefährlichste Verbrecher in der Union war ihm diesmal zum Verbündeten geworden.
Um zwei Uhr war im Polizeipräsidium Ruhe eingetreten. Das Laufen, Jagen und Hetzen hatte aufgehört. Auf leisen Sohlen schlich man am Zimmer des Präsidenten vorbei. Er aber saß still an seinem Schreibtisch und starrte dumpf brütend in die unselige Zeitung. Immer wieder, zum hundertsten Male las er den Artikel, obwohl er ihn schon fast auswendig konnte.
Der Artikel war unterschrieben: E. C. Poor. Dieser Name wirkte auf den Polizeipräsidenten wie ein rotes Tuch auf den Stier. Der Reporter Poor war der einzige Mitarbeiter des Revolverblatts, der wirklich ernst zu nehmen war, da er längere Zeit bei großen, namhaften Blättern gearbeitet hatte, und sein Name dem Publikum nicht unbekannt geblieben war. Ein derartiger Artikel, von ihm unterschrieben, mußte natürlich viel Staub aufwirbeln.
Der Aufsatz trug als Überschrift die Worte „Ungeklärte Verbrechen“, und in seinem ersten Teil begnügte sich der Reporter mit einer knappen Schilderung des mutmaßlichen Mordes am Kontrolleur und der Auffindung des Mädchens im Tunnel, das noch immer bewußtlos im Krankenhaus von Stamford lag und bis jetzt nicht identifiziert werden konnte. Der zweite Teil dagegen enthielt Betrachtungen, die geeignet erschienen, größtes Aufsehen zu erregen.
„Ein nicht aufgeklärtes Verbrechen! Eines von vielen, vielleicht tausenden, zehntausenden ...“ schrieb Poor. „Ein Tropfen im Meer, — wer regt sich darüber auf? Stillschweigend geht die Polizei zur Tagesordnung über: es hat schon immer unaufgeklärte Verbrechen gegeben ... Gewiß, ein ungesühntes Verbrechen mehr oder eins weniger, wäre kein Grund, um darüber viele Worte zu verlieren. Wir richten aber an den verantwortlichen Leiter der Polizei die Frage, warum dabei ein gewisser Umstand so streng geheim gehalten wird; ein Umstand, den zu kennen das Recht jedes Bürgers, und den bekanntzugeben die unabweisbare Pflicht der Behörden ist? Warum verheimlicht die Kriminalpolizei, daß fast die Hälfte aller unaufgeklärten Verbrechen der letzten Monate auf das Konto eines einzigen, mächtigen Mannes zu setzen ist? (Das Wort ‚mächtigen‘ dürfte in Anbetracht der fruchtlosen Bemühungen der Polizei, seiner habhaft zu werden, durchaus berechtigt sein.) Warum wird das Aktenmaterial über diesen Mann in einem geheimen Raum aufbewahrt, und warum steht in den Akten anstatt seines vollen Namens stets der Buchstabe ‚W‘, obwohl den leitenden Beamten nur zu gut bekannt ist, daß der Name Wilkins lautet?
Wir wissen schon jetzt, daß die Akten ‚Al Fuller‘ in ein bis zwei Wochen unter dem Zeichen ‚W. 104‘ oder vielleicht auch ‚W. 105‘ in jenen Geheimraum wandern und ihrer Nachfolger harren werden, genau wie die 103 Aktenbündel, die dort bereits begraben liegen. Von diesen 103 Fällen betreffen: 59 ein- oder mehrfachen Mord, 27 schweren Einbruch, 14 Freiheitsberaubung und Mißhandlung und endlich 3 geglückte Anschläge auf öffentliche Verkehrsmittel, — mit einem Verlust von 32 Menschenleben.
Insgesamt sind dem raffinierten Verbrecher gemäß diesem Geheimarchiv 112 Menschenleben zum Opfer gefallen, darunter sieben Polizeibeamte. Zu berücksichtigen ist hierbei jedoch, daß in jenem Geheimarchiv nur die Akten über solche Fälle verwahrt sind, in denen die Spuren ganz einwandfrei auf den geheimnisvollen Wilkins hinweisen; wo es nur irgend anging, wurden die Akten der ungeklärten Verbrechen unter anderen, weniger anstößigen Rubriken eingeordnet. Demnach ließe sich die Liste der beklagenswerten Opfer dieses Mannes vielleicht verdoppeln, ja verdreifachen.
Was ist das? Korruption oder völlige Unfähigkeit der Polizei im Kampfe gegen einen Verbrecher, der über dem Durchschnitt steht? Wir behaupten: Beides. Die Polizei ist nur darauf eingestellt, Verbrecher zu bekämpfen, deren Intelligenz die der schwerbestiefelten und hohlköpfigen Geheimpolizisten nicht überragt, und jeder Verbrecher, dessen Methoden sich auch nur unwesentlich vom Althergebrachten unterscheiden, muß Sieger bleiben. —
Wilkins! Zum ersten Male wird dieser Name der Öffentlichkeit genannt. Untenstehend bringen wir drei Lichtbilder des Verbrechers in drei verschiedenen Verkleidungen. Daß diese Bilder aus dem Archiv des Erkennungsdienstes der Polizei stammen, ist ein weiterer Beweis dafür, wie unfähig diese Leute sind, ihre Geheimnisse zu wahren, und mit welch verurteilenswerter Konsequenz sie es zu vermeiden suchen, die Öffentlichkeit von ihren Schlappen in Kenntnis zu setzen; selbst auf die Gefahr hin, daß die letzte Möglichkeit nicht ausgenutzt wird: den Mann mit Hilfe und Unterstützung des Publikums zu fangen.
Wir fordern alle unsere Leser auf, an der Festnahme Wilkins’ mitzuwirken! Wer den Mann in einer der untenstehenden Masken je gesehen hat, wird gebeten, sich sofort mit uns in Verbindung zu setzen. Wir geben bekannt, daß wir ein Material über Wilkins gesammelt haben, das hinter dem der Polizei nicht zurücksteht, da es außer unserem eigenen auch die Abschriften der Polizeiakten enthält. Wir sind davon überzeugt, daß wir in kurzem den genialen Verbrecher zur Strecke bringen werden, allerdings mit etwas zeitgemäßeren Mitteln, als sie das Kriminalamt anwendet.
Unsere Mittagsausgabe bringt weitere Enthüllungen.“
*
Dieser Artikel hatte ganz eigentümliche Folgen.
Mit Spannung sah man dem Erscheinen der Mittagsausgabe entgegen. Scharenweis sammelten sich die Menschen vor dem Redaktionsgebäude, doch ihre Hoffnung auf neue Sensationen wurde vorläufig enttäuscht. Das große Eisentor des grauen Gebäudes war geschlossen, die Fenster dicht verhangen, und nichts ließ darauf schließen, daß in der Redaktion gearbeitet wurde. Man wartete bis drei, man wartete bis vier Uhr. Um halb fünf trat ein Lehrling aus dem Tor und brachte an der Wand einen Zettel an. Man las und verstand nichts.
„Heute um zwei Uhr mittags hat das New York Daily Journal seinen Besitzer gewechselt. Das Erscheinen der Zeitung ist eingestellt. In etwa zwei Wochen — hier Eröffnung eines Marmeladengeschäftes, en gros, en detail.“
Ein Murren ging durch die erregte Volksmenge. Jeder fragte, keiner wußte Antwort.
Plötzlich ein lauter Schrei: „Wilkins hat die Zeitung gekauft!“
Dieser Ausruf schlug wie eine Bombe ein. Man stürmte das Tor. Man hetzte die Treppen hinauf. Leere Räume, hier und dort ein umgeworfener Tisch oder Stuhl, in den Ecken Pakete von alten Zeitungen.
Es roch nach verbranntem Papier. Jemand öffnete eine Ofentür: Papierasche! Und dann wußten es alle: Sämtliche Öfen im Redaktionsgebäude waren glühend heiß und vollgepfropft mit verkohlten Papierresten.
Nur mit Mühe gelang es einem größeren Polizeiaufgebot, die erregte Menge zu beruhigen und das Haus zu räumen.
Von fünf bis acht Uhr abends herrschte in den Gängen des Polizeipräsidiums drückende Stille. Jeder wußte es: in einem kleinen Saal wurde eine Geheimsitzung abgehalten. Punkt acht Uhr abends war die Beratung beendet, und Kapitän Hearn schritt mit wichtiger Miene zwischen dem Polizeipräsidenten und dem Minister zu dessen elegantem Mercedes-Kompressor. Es nahm sich eigentümlich aus, den schmächtigen kleinen Kriminalbeamten in seinem abgetragenen und stellenweise speckig glänzenden Übergangsmantel neben der massigen Gestalt des in kostbare Pelze gehüllten Ministers tief in den Polstern lehnen zu sehen.
In der Tasche Hearns ruhte wohlverwahrt ein sonderbares Papier. Es verlieh ihm außerordentliche, beinahe diktatorische Vollmachten und dispensierte ihn von jeder andern Tätigkeit, — seine einzige Aufgabe lautete: Wilkins tot oder lebendig zur Strecke zu bringen.
Zwei Stunden später stand der Kapitän in einem kleinen, spärlich möblierten Zimmer neben Emanuel Poor und betrachtete interessiert die verzerrten Gesichtszüge des Reporters.
Er war tot. Die Limonade, die in der halbgeleerten Flasche vor ihm auf dem Tisch stand, wies soviel Strychnin auf, daß es genügt hätte, um zehn Menschen unter die Erde zu bringen. Neben der Flasche lag eine weiße, unbedruckte Karte, in die mit einer Nadel säuberlich sieben Buchstaben eingestochen waren:
Wilkins
Der Fall „E. C. Poor“ erhielt im Polizeiarchiv das Zeichen „W. 104“.
7
Im Stamforder Krankenhaus lag in einem kleinen Zimmer seit beinahe achtundvierzig Stunden bewußtlos das im Tunnel bei Norwalk verunglückte junge Mädchen. Es hatte sich gezeigt, daß ihre Verletzungen doch sehr ernster Natur waren, und alle Versuche der Ärzte, sie zum Bewußtsein zu bringen, waren bis jetzt fruchtlos geblieben. Stumm und bleich, mit eingefallenen Wangen und dunklen Ringen unter den Augen lag sie da und rührte sich nicht. Nur die unregelmäßigen Atemzüge ließen erkennen, daß noch Leben in ihr war.
Stets hielt eine Krankenschwester an ihrem Lager Wache. Seit einigen Stunden war auf dem Schildchen am Kopfende des Bettes die mit Kreide angebrachte Nummer „43“ gelöscht, und statt dessen ihr voller Name darauf geschrieben worden. „Evelyn Elmhurst“ stand jetzt in zierlichen und etwas verschnörkelten Buchstaben an der kleinen Tafel.
Ihre Schwester Doris hatte in der Zeitung von dem Unfall im Tunnel gelesen, war sofort nach Stamford geeilt und hatte Evelyn identifiziert. Die Anwesenheit Doris’ im Krankenhaus war aber nur von kurzer Dauer gewesen; ein längeres Bleiben hatte der Arzt untersagt.
Doris war nicht die einzige, die sich für das Schicksal Evelyns interessierte. Seit achtzehn Stunden saß Wand an Wand mit ihrem Zimmer in einem kleinen Nebenraum ein schweigsamer Mann; vor ihm lag ein Buch, in dem er eifrig las; diese Beschäftigung unterbrach er nur, um von Zeit zu Zeit einen kleinen Teelöffel mit einem möglichst großen Stück Plumpudding zu beladen. Mit der Geschicklichkeit eines geübten Jongleurs beförderte er diesen Riesenbissen sicher über das Buch hinweg in seinen Mund, vertiefte sich wieder ins Lesen, und zwei Minuten darauf begann das Spiel aufs Neue.
Jedesmal wenn er ein Kapitel zu Ende gelesen hatte, trat er auf den Gang hinaus und pendelte dort so lange hin und her, bis es ihm glückte, eine der Pflegerinnen zu erwischen und mit ihr einige Worte zu wechseln. Seine Frage war stets dieselbe: ob in Evelyns Befinden eine Besserung eingetreten sei. Manche der jüngeren Schwestern hätte sich gern etwas länger mit dem netten und noch keineswegs alten Mann unterhalten, aber alle ihre Bemühungen blieben erfolglos; abgesehen von der Beantwortung seiner Frage schien ihn in diesem Augenblick nichts mehr zu interessieren als sein Plumpudding.
Dieser stille Mann, Gay Mallet, zählte zu Kapitän Hearns besten Leuten, und seine Aufgabe war diesmal, wie ihm dünkte, recht einfach: er hatte den Kapitän unverzüglich von jeder Veränderung im Zustand des Mädchens in Kenntnis zu setzen und außerdem über ihre Sicherheit zu wachen. Er war überzeugt, seine Pflicht wie immer gewissenhaft zu erfüllen, und sein einziger Kummer war, daß er sich zur Schlaflosigkeit verurteilt sah, und sein Puddingvorrat sich bedenklich dem Ende näherte. Bestimmt aber würde er weder ans Schlafen, noch an Plumpudding gedacht haben, wenn er geahnt hätte, daß jede halbe Stunde zwischen dem Krankenhaus und New York ein Ferngespräch geführt wurde, das nur von dem jeweiligen Zustand seiner Schutzbefohlenen handelte, und daß der, welcher dafür so lebhaftes Interesse an den Tag legte, nicht Hearn, sondern Wilkins hieß.
Kapitän Hearn selbst war wirklich ein Mann von hervorragenden Fähigkeiten, und es war kein Zufall, daß man im Polizeipräsidium gerade ihn zum Leiter des Kampfes gegen Wilkins ausersehen hatte. Er verfügte über eine große Erfahrung, und seine Beschlagenheit auf allen Gebieten der Wissenschaft war erstaunlich, — in einem Punkte jedoch erwies sich Wilkins als der weit Überlegenere: Hearn besaß keinerlei Organisation, er hatte keinen Menschen, auf dessen Intelligenz und selbständige Entschlußkraft er sich verlassen durfte. Ihm stand zwar ein Heer wohlbewaffneter und kampfesmutiger Männer zur Verfügung, aber was er an Geist und Witz den Leuten Wilkins’ entgegensetzen konnte, war nur sein eigener, scharfer Verstand. Und Wilkins’ Helfershelfer — davon sprachen jetzt hundertvier dicke Aktenbündel eine beredte Sprache — waren fast ausnahmslos Menschen von seltener Begabung und außergewöhnlichen Kenntnissen.
Es war sieben Uhr abends, als unmittelbar hintereinander zwei gleichlautende Meldungen nach New York gingen: Evelyn Elmhurst ist zu sich gekommen.
Mit weitgeöffneten Augen lag das Mädchen in ihrem blendendweiß überzogenen Bett und sah ausdruckslos ins Leere. Zwei Ärzte und zwei Pflegerinnen waren um sie bemüht, doch schien sie dessen kaum gewahr zu werden.
„Wo ist Doris?“ war ihre erste Frage.
Man deutete ihr an, daß sie heute noch nicht sprechen dürfe, und daß ihre Schwester morgen bestimmt kommen würde.
Evelyn schwieg gehorsam und starrte auf die weißgetünchte Wand, an der ein kleiner, schwarzer Fleck ihre Aufmerksamkeit erregte. Langsam und unklar begannen ihre Gedanken wieder zu arbeiten. Wie kam der schwarze Fleck auf diese weiße Fläche? Sonderbar ... jetzt war er nicht mehr schwarz, sondern strahlend hell. Plötzlich wußte sie: das war der Scheinwerfer einer Lokomotive ...
Mit einem Schlage kam Evelyn die Erinnerung wieder. Richtig, sie war in Boston in den Zug gestiegen. Still saß sie in der Ecke eines Abteils, hatte erst längere Zeit gelesen und war dann eingeschlafen. Als sie die Augen öffnete, fand sie den ihr gegenüberliegenden Platz besetzt. Der etwa vierzigjährige Herr mit dem blonden Vollbart lächelte beruhigend.
„Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben, Mylady“, sagte er gutmütig. „Ich bin in Newhaven eingestiegen, und Sie schliefen so fest, daß Sie es nicht hörten. Hoffentlich hat Sie der Schlummer etwas erquickt.“
„Oh ja, danke“, antwortete Evelyn kurz, aber nicht unfreundlich. Es war ihr fast lieber, in Gesellschaft eines älteren Herrn zu reisen, denn sie fürchtete sich ein wenig vor dem Alleinsein in dem leeren Abteil.
„Mein Name ist Gurrwitz“, fuhr ihr Reisebegleiter fort, als sie schwieg. „Ich bin Schulmeister in Meriden. Jetzt fahre ich nach Trenton, um dort die Ferien bei meinem Mütterchen zu verbringen.“
Evelyn nickte. In ihrer zurückhaltenden Weise stand sie ihm Rede und Antwort. Er erzählte lebendig und anschaulich von seinen Erlebnissen im einsamen Meriden und schilderte nicht ohne Humor die Zustände in der dortigen kleinen Schule.
Der Personenzug fuhr langsam in Bridgeport ein. Niemand stieg aus. Ein einziger Reisender, einen kleinen Koffer in der Hand, stand auf dem Bahnsteig und spähte nach einem unbesetzten Fensterplatz. Nach einem kurzen Zögern öffnete er mit einem Ruck die Tür zu Evelyns Abteil und setzte sich ohne Gruß in eine Ecke.
Der blondbärtige Schulmeister schaute vorwurfsvoll zu dem schlechterzogenen jungen Mann hinüber, sagte aber nichts. Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, wandte er sich von neuem an Evelyn.
„In einer Viertelstunde kommt ein langer Tunnel. Ich schlage vor, wir stärken uns erst ein wenig.“ Ohne Evelyns Antwort abzuwarten, holte er ein Köfferchen aus dem Netz, hatte im Nu ein Tuch über den Klapptisch am Fenster gebreitet, auf dem er ebenso rasch zwei Teller mit Früchten und Gebäck, sowie zwei kleine Likörgläser stellte.
Evelyn wehrte ab.
„Danke, ich bin selbst genügend versehen.“
„Nein, nein!“ lachte er. „Sie würden mich kränken, wenn Sie bei Ihrer Weigerung beharren wollten. Bitte, Mylady, langen Sie doch zu!“
Evelyn mußte über seinen Eifer lächeln. Zögernd griff sie nach einer Frucht, und ihr Begleiter füllte inzwischen die Gläser aus einer kleinen Korbflasche.
„Auf gute Reise!“ prostete er ihr zu und erklärte mit einem vergnügten Schmunzeln: „Der Arzt hat mir meiner schlechten Verdauung wegen ein wenig Alkohol verordnet.“
Evelyn nahm das Gläschen in die Hand.
„Es ist eigentlich unvorsichtig, von einem fremden Menschen etwas anzunehmen.“
„Wieso?“ fragte Gurrwitz verblüfft.
„Ich habe gelesen, daß alleinreisenden Damen auf diese Weise ein Betäubungsmittel gegeben wird und dann ...“
„Ho ho ho!“ lachte Gurrwitz dröhnend. „Hoho ... sehe ich aus wie ... ho ho ...“
„Nein, ich meine ja nicht Sie.“ Evelyn setzte das Glas an die Lippen. Da sie selten Likör trank, nahm sie nur einen ganz kleinen Schluck. Er schmeckte bitter und widerlich.
Erschrocken sah sie auf. Da bemerkte sie, wie ihr Gegenüber sie lauernd von der Seite beobachtete. In seinen Blicken war soviel Tücke und Bosheit, daß es sie kalt überlief.
„Ich trinke nicht!“ rief sie entschlossen und warf das Glas klirrend auf den Boden.
Der Blondbärtige schien zu schwanken, ob er seine Rolle als gutmütiger Schulmeister weiterspielen solle oder nicht.
„Ich habe Sie durchschaut, Sir!“ fuhr Evelyn, bleich wie Kalk, aber mit fester Stimme fort; dann stand sie auf und streckte die Hand nach der Notbremse.
„Wenn Sie die Notleine berühren, schieße ich!“ sagte plötzlich der andere Mann in der Ecke ruhig.
Evelyn warf sich herum. Da sah sie in der Hand des jungen Mannes einen kleinen Browning, dessen Mündung drohend auf sie gerichtet war.
„Setzen Sie sich hin!“ befahl er.
Gehorsam folgte sie der Weisung.
„Was ... was haben Sie mit mir vor?“ kam es stockend von ihren Lippen.
Der Blondbärtige lachte höhnisch auf.
„Hätten Sie den Trank vorhin nicht verschmäht, so wäre alles viel einfacher gewesen“, erklärte er böse. „Sie steigen mit uns in Stamford aus, wo uns ein geschlossener Wagen an der Bahn erwartet. Sie werden hübsch vernünftig sein, denn jeder Versuch, Lärm zu schlagen, würde ihr sofortiges Ende herbeiführen.“
„Aber wozu ... ich verstehe nicht ...“
„Schweigen Sie!“ schnitt er ihr das Wort ab.
„Beeile dich ein wenig“, sagte der junge Mann gelassen. „Jeden Augenblick kann der Fahrkartenkontrolleur kommen.“
Der andere riß Evelyns kleinen Koffer aus dem Netz. Er nahm sich nicht erst die Mühe, den Schlüssel zu verlangen, sondern erbrach das Schloß mit einem starken Taschenmesser. In fieberhafter Hast warf er ihre Sachen durcheinander. Ein Päckchen Papiere war schließlich alles, was er herausnahm. Er blätterte flüchtig darin herum.
„Es stimmt, sie ist die Richtige!“ rief er seinem Komplizen zu und reichte ihm die Briefe.
In dem Augenblick, als sich jener über die Papiere beugte und dabei unwillkürlich den Revolver sinken ließ, riß Evelyn die Abteiltür auf. Sie rechnete damit, daß sich längs des Wagens ein Trittbrett hinziehen und es ihr gelingen würde, in ein anderes Abteil hinüberzuklettern. Die Nacht war so finster, daß sie nichts sehen konnte, und es blieb ihr auch keine Zeit, sich durch Tasten von der Richtigkeit ihrer Vermutung zu überzeugen, da der Blondbärtige schon auf sie zusprang.
Durch eine rasche Bewegung entzog sie sich seinem Griff und trat — ins Leere ...
Als sie die Augen öffnete, sah sie erst weit, dann immer näher ein helles Strahlenbündel: den Scheinwerfer einer sich mit rasender Geschwindigkeit nähernden Lokomotive ...
*
Evelyn schloß entsetzt die Augen.
„Wieder bewußtlos“, sagte der Arzt und fühlte den Puls der Kranken. „Lassen wir ihr Ruhe, die Krise ist überstanden, und die Ohnmacht dürfte bald in ruhigen Schlaf übergehen.“
8
In den Räumen des Krankenhauses herrschte bald darauf tiefe Stille. Alles schlief, und nur die Krankenschwestern versahen geräuschlos ihren anstrengenden Dienst. Sogar Mallet, der stille Mann im Nebenzimmer, lag in Kleidern auf einer Ottomane und schnarchte laut. Er hatte einer der jungen Pflegerinnen doch den Gefallen getan und mit ihr etwa zehn Minuten lang geplaudert, — allerdings nur, um sie zu dem Versprechen zu bewegen, ihn bei einer etwaigen Änderung im Befinden seiner Schutzbefohlenen unverzüglich zu wecken.
Die Uhr schlug gerade zehn, als ein Mann mit Autobrille und Staubmantel den Portier herausklingelte, sich als Hauptmann Murner vom New Yorker Kriminalamt auswies und den Leiter des Krankenhauses in äußerst wichtiger dienstlicher Angelegenheit sofort zu sprechen verlangte.
„Hier ist ein von Kapitän Hearn gezeichneter Befehl“, erklärte er dem verwunderten Arzt, „wonach eine Ihrer Patientinnen ...“ — er suchte nach dem Namen — „... Evelyn Elmhurst sofort nach New York zu schaffen ist. Mein Wagen ...“
„Ich bedaure sehr“, unterbrach ihn der Arzt sogleich entschieden, „aber von einer Überführung dieser Kranken kann gar nicht die Rede sein.“
Der Kriminalbeamte schien eine ähnliche Antwort erwartet zu haben.
„Es muß sein!“ sagte er bestimmt. „Wie mir Mr. Hearn andeutete, geht es um die Festnahme eines der gefährlichsten Verbrecher der Staaten, und daher ...“
Wieder fiel ihm der Arzt ins Wort: „Selbst wenn Sie sämtliche gefährliche Verbrecher Amerikas festnehmen wollten, wird mich das doch nicht veranlassen, eine mir anvertraute Kranke dem sicheren Tode preiszugeben.“
Der andere zuckte die Achseln.
„Ich habe keine Zeit, viele Worte zu verlieren. Sie weigern sich also?“
„Ganz entschieden!“
„Gut. So werden wir Sie zwingen.“ Der Kriminalbeamte nahm einen Revolver aus der Tasche und legte ihn mit nicht mißzuverstehender Miene vor sich auf den Tisch.
Der Arzt wurde bleich.
„Sir!“ rief er erschrocken. „Sie wollen ...“
Ein Klopfen unterbrach ihn. Der Portier trat ein.
„Soeben wurde eine dringende Depesche für Mr. Murner abgegeben“, erklärte er.
Der Abgesandte des Kriminalamtes griff hastig nach dem Telegramm, riß es auf und überflog den Inhalt.
„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er dann leise und verwahrte den Revolver wieder sorgsam in der Tasche. „Eben wurde der mir erteilte Befehl widerrufen.“
Ehe der verdutzte Arzt etwas darauf erwidern konnte, war der Kriminalbeamte zur Tür hinaus, und schon eine Minute später jagte sein staubbedecktes Auto über die Landstraße.
Der Arzt schüttelte verwundert den Kopf, machte sich im übrigen aber nicht viel Gedanken über den Vorfall. Erst als er am nächsten Morgen dem in aller Frühe eingetroffenen Kapitän Hearn darüber berichtete, und es sich herausstellte, daß jener weder einen Auftrag gegeben, die Kranke nach New York zu überführen, noch einen Hauptmann Murner überhaupt kannte, gewann die Angelegenheit in seinen Augen an Bedeutung.
Stirnrunzelnd folgte er dem kleinen Mann in Evelyns Zimmer, um der ersten Vernehmung der bereits erwachten Kranken beizuwohnen. An ihrem Bett saß mit strahlenden Augen ein junges Mädchen, das Hearn sogleich dem Anstaltsleiter vorstellte.
„Das ist Doris, die Schwester Ihrer Patientin. Wir haben uns vorhin im Bummelzug kennengelernt und sehr nett unterhalten.“
Die Kranke sah noch sehr leidend aus, beantwortete aber alle Fragen Hearns bestimmt und sicher, wenn auch nur mit matter Stimme. Am Fußende des Bettes stand Mallet, der vorzüglich geschlafen zu haben schien; er sah frisch und munter aus, hielt einen Stenogrammblock in der Hand und notierte emsig alles, was gesprochen wurde.
Als Evelyn mit ihrer Erzählung zu Ende war, herrschte eine Zeitlang Schweigen.
„Unbegreiflich!“ platzte der Arzt heraus. „Unbegreiflich! Was wollen die Kerle von einem armen Mädchen, das in Boston studiert und nach New York fährt, um ihre ebenfalls unbemittelte Schwester zu besuchen!“
„Ganz richtig“, nickte Hearn. „Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen: das war gerade der Punkt, bei dem meine Nachforschungen einsetzen mußten.“
Doris horchte auf.
„Haben Sie etwas entdeckt? Sollte es wirklich Wilkins sein, der meine Schwester verfolgt? Und warum wurde dann eigentlich der Fahrkartenkontrolleur ermordet?“ fragte sie eifrig. Man merkte, daß sie fleißig die Zeitungen gelesen hatte.
„Ganz zweifellos ist Wilkins der Mann, der Ihre Schwester verfolgt“, bestätigte der Kriminalbeamte. „Und warum der Kontrolleur ermordet wurde? Das ist nicht schwer zu erklären: Er wird sich beim Betreten des Abteils erinnert haben, daß er darin eine Dame gesehen hatte, wird die beiden Verbrecher befragt und seine Neugier und sein gutes Gedächtnis mit dem Leben bezahlt haben. Übrigens“, fuhr er lebhaft fort, „ist es mir gestern abend gelungen, den Grund festzustellen, warum Wilkins Ihre Schwester in seine Gewalt bekommen wollte.“
„Was ist der Grund?“ Doris sah gespannt zu ihm hinüber.
„Sie haben doch einen Onkel, Frederick Manhattan?“ antwortete Hearn mit einer Gegenfrage. Als Doris stumm nickte, fügte er langsam, jedes Wort betonend, hinzu: „Dieser Frederick Manhattan hatte nämlich zur Universalerbin seines sich auf Millionen beziffernden Vermögens Ihre Schwester Evelyn eingesetzt.“
Überraschung malte sich in den Zügen beider Mädchen.
„Evelyn seine Erbin? Ich soll ihn beerben?“ riefen sie wie aus einem Mund.
„Augenblick, Augenblick ...“ mischte sich der Arzt ins Gespräch. „Ihre Worte, Mr. Hearn, erklären ja vieles, unter anderem auch den gestrigen Versuch, meine Patientin von hier zu entführen. Aber warum dann das plötzliche Aufgeben dieses Planes? Hm ... Ich kann mir das nicht anders erklären, als daß das Telegramm ganz unverfänglichen Inhalts war, und der Kerl seinen Plan nur aufgab, weil er merkte, daß er mit mir nicht fertig werden konnte ...“
Hearn machte eine abwehrende Handbewegung.
„Der Beauftragte Wilkins’ wäre mit Ihnen ganz bestimmt fertig geworden“, sagte er entschieden. „Nein, das erklärt sich viel einfacher: Mr. Manhattan hat nämlich sein Testament inzwischen geändert. Das hat Wilkins zweifellos gleich mir feststellen können und demzufolge jedes Interesse an Ihrer Patientin verloren.“
„Und wer ... wer ist der neu eingesetzte Erbe?“ erkundigte sich Doris fiebernd.
Hearn hob die Schultern.
„Das festzustellen, ist mir leider nicht möglich, denn die Notare haben bekanntlich ihr Berufsgeheimnis. Auch von dem jetzt ungültigen Testament konnte ich nur Kenntnis erlangen, weil es zu den allgemeinen, erledigten Akten gelegt wurde, an die ein bestochener Schreiber leicht herankommen kann.“
„Ich möchte nicht dieser Erbe sein“, sagte der Arzt nach kurzem Schweigen. „Soviel ich beurteilen kann, hat jener Wilkins dennoch eine Möglichkeit, das Testament einzusehen, und dem Erben drohen jedenfalls große Gefahren.“
Der Kapitän lächelte.
„Es ist gar nicht so sicher, daß es Wilkins auch diesmal gelingen wird, den Inhalt des Testaments zu erfahren. Hm ... Natürlich droht dem Erben Gefahr ...“ Nachdenklich kaute er an seiner Oberlippe, dann fügte er ernst hinzu: „Die größte Gefahr aber droht Mr. Manhattan selbst.“
9
Mrs. Isatschik saß steif und ernst im Mietauto und blickte durch ein Lorgnon zum Fenster hinaus. Ihre Hautfarbe war gelblich, die Augen stechend und die Züge scharf und eckig. Neben ihr hockte bescheiden ein etwa fünfundzwanzigjähriger junger Mann. Seine Mienen waren ergeben, und die Blicke, mit denen er zur Mutter aufsah, demutsvoll.
„Wilbur“, sagte Mrs. Isatschik mit einer Stimme, die wie eine zersprungene Saite klang. „Wilbur, hast du die Einladungskarte des Onkel Frederick gut verwahrt?“
„Yes, dear mother“, lautete die Antwort.
„Wilbur, hast du auch den Gashahn in der Küche abgedreht?“
„Yes, dear mother. Als ich die angebrannte Mehlsuppe vom Feuer nahm, drehte ich ihn ab.“
„Das war klug von dir, Wilbur; ich bin stolz auf dich“, erklärte die Mutter würdevoll. Nach einer Weile fuhr sie gemessen fort: „Du darfst in Gegenwart von fremden Leuten nie so ungeniert über Mehlsuppen sprechen. Wenn der Chauffeur dich hört, könnte er daraus schließen, daß wir arm sind. Wir essen immer Braten zu Hause, merke dir das!“
Wilbur senkte den Kopf.
„Yes, dear mother. Der Gänsebraten heute schmeckte ausgezeichnet.“
„Du bist ein kluger Kopf, Wilbur! Übrigens, was glaubst du wohl, warum der alte Krakeeler Manhattan uns zu sich einladet? Bedenke, es geschieht seit langen Jahren zum erstenmal!“
„Er wird sich langweilen, dear mother“, mutmaßte der Jüngling und gähnte verstohlen.
„Du hast beinahe das Richtige getroffen, Wilbur“, sagte die Mutter eifrig. „Er will dich zu seinem Universalerben einsetzen! Verstehst du?“
„Yes, dear mother. Das wäre nett von ihm.“
„Nett?“ rief Mrs. Isatschik empört aus. „Seine Pflicht und Schuldigkeit ist das! Er hat keine Kinder; ich bin seine einzige Stiefschwester ...“
„Du sagtest doch neulich, er hätte viele Verwandte?“ wagte Wilbur einzuwerfen.
„Unterbrich mich nicht“, tadelte sie. „Natürlich hat er viele Verwandte: Brüder, Schwägerinnen, Neffen und Nichten. Ich aber bin seine einzige Stiefschwester. Und ich, deine Mutter, sage dir: du und kein anderer wirst Universalerbe! Was wirst du dann tun, Wilbur? He?“
„Ich werde mich satt essen“, erklärte der junge Mann mit Sehnsucht in der Stimme.
Mrs. Isatschik runzelte die Stirn.
„Natürlich, das auch. Aber dein erster Gedanke wird doch deine Mutter sein? Nicht wahr, Wilbur?“
„Yes, dear mother“, antwortete er demütig. „Du darfst dich auch satt essen.“
Mrs. Isatschik wollte auffahren, doch bezwang sie sich.
„Es gibt wichtigere Dinge als Essen“, belehrte sie ihn. „Du weißt, daß ich mein Asthma nur in einem europäischen Luftkurort ausheilen kann. Das würdest du doch deiner alten Mutter gönnen?“
Wilbur blieb die Antwort schuldig.
Er dachte an die Zeiten zurück, da sein Vater noch lebte, und der Erfüllung eines solchen Wunsches nichts im Wege gestanden hätte. Damals war alles anders gewesen: das Haus der Isatschiks war der Treffpunkt der vornehmsten Gesellschaft, es gab Pferde und eine zahlreiche Dienerschaft; alljährlich wurden kostspielige Reisen gemacht, und oft kreuzte man wochenlang mit eigener Yacht auf dem Ozean herum. Das alles hörte an dem Tage auf, als man seinen Vater mit durchschossener Schläfe im Turmzimmer auffand. Wilbur war damals erst dreizehn Jahre alt, aber er erinnerte sich noch heute des Anblicks. Nichts Fürchterliches war im Gesicht des Toten. Es schien fast, als läge auf den feingeschnittenen Lippen der Anflug des allen so gut bekannten sorglosen Lächelns.
Wilbur dachte an die vielen fremden Leute, die dann immer wieder kamen und immer wieder Geld wollten. Ralph Isatschik hatte über seine Verhältnisse gelebt, hieß es. Er hatte alles in Grund und Boden gewirtschaftet und — was das Schlimmste war — sogar eine Ehrenschuld unbeglichen gelassen. Die unbegrenzte Achtung, die Wilbur heute vor seiner Mutter hatte, stammte aus jener Zeit. Erst jetzt konnte er sich ein ungefähres Bild machen, was es hieß, unter solchen Umständen nicht den Kopf zu verlieren. Mrs. Isatschik, die bis dahin ohne viel Aufhebens und ohne im fröhlichen Trubel überhaupt beachtet zu werden, im Stillen geschaltet und gewaltet, hatte bewiesen, daß sie mehr konnte, als nur einer verlotterten Wirtschaft vorzustehen. Sie hatte selbst die Verhandlungen mit den Gläubigern geführt, und dieselben Leute, die ihrem Mann keinen Aufschub von acht Tagen mehr gewährt, erklärten sich schließlich zu langfristigen Zahlungsstundungen bereit; einzig und allein aus dem Grunde, weil sie sahen, daß Mrs. Isatschik mit eisernem Willen an die Regelung der Verpflichtungen ging.
Seitdem war es im Hause der Isatschiks still und einsam geworden. Kein lautes Lachen, kein fröhliches Scherzwort erklang mehr in den vornehmen, mit altertümlichen Möbeln ausgestatteten Räumen. Sogar der alte Dick, der einzige von der Dienerschaft, der ungeachtet des Spottlohnes all die Jahre hindurch geblieben war, schlich leise umher und wagte kein Wort zu äußern, wenn Mrs. Isatschik jeden dritten Tag feierlich erklärte, heute gäbe es zur Abwechslung nur Pellkartoffeln mit Zwiebeltunke.
Man konnte nicht behaupten, daß die letzten, im Kampfe mit Gläubigern verbrachten zwölf Jahre auf den Charakter dieser Frau vorteilhaft gewirkt hätten. Aus der anfangs so notwendigen Sparsamkeit war Geiz und Habsucht, aus der Tatkraft kleinliche Herrschsucht geworden, und die steten Zwistigkeiten mit allerlei Leuten, die Geld forderten, hatten sie die gesamte Menschheit — mit Ausnahme ihres Sohnes — hassen gelehrt.
Wilbur seufzte leise.
„Nun“, fragte Mrs. Isatschik, der sein Schweigen viel zu lange dauerte, „nun, würdest du mir die Reise nach Europa gönnen?“
„Yes, dear mother“, antwortete Wilbur sanft. „Fahr, wohin du willst; aber ich glaube kaum, daß es in Europa besseres Essen gibt.“
In diesem Augenblick blieb das Auto stehen, und der Wagenlenker öffnete den Schlag. Nach einem prüfenden Blick auf die Taxameteruhr bezahlte Mrs. Isatschik den genauen Betrag. Der Wagenlenker blieb mit leicht vorgestreckter Hand auf seinem Platz stehen.
„Wilbur, dieser Mensch erwartet ein Trinkgeld!“ rief sie schnarrend. „Hast du Kleingeld bei dir?“
„No, dear mother“, erwiderte der Sohn wahrheitsgemäß.
„Wilbur hat kein Kleingeld“, sagte die Mutter bedauernd zum Wagenlenker. „Nächstes Mal gebe ich Ihnen etwas“. Sie wandte sich hastig um und schritt, gefolgt von Wilbur, durch den Garten zur Eingangstür der kleinen Villa „Manhattanhouse“.
Lux empfing die beiden mit einer ehrerbietigen Verbeugung.
„Bitte, treten Sie näher“, sagte er, nachdem er ihnen die Mäntel abgenommen hatte, und stieß eine Tür auf. Mrs. Isatschik kniff die Augen zusammen und blickte prüfend durch ihr Lorgnon. Mit hoheitsvoller Miene überschritt sie die Schwelle, blieb hier aber wie angewurzelt stehen. Der Saal war voll von Leuten, und die Blicke aller waren mit unverkennbarer Schadenfreude auf die Eintretenden gerichtet.
Aus einem Ledersessel erhob sich der Hausherr und kam schmunzelnd seinen neuen Gästen entgegen.
„Guten Tag, liebe Schwester!“ rief er heiter und gutgelaunt. „Es freut mich, daß auch du meiner bescheidenen Einladung Folge geleistet hast. Es ist wirklich nett von dir, daß du beschlossen hast, Vergangenes ruhen zu lassen. Wie sagtest du doch damals, vor fünfzehn Jahren, als der hohe Familienrat mich mit Schimpf und Schande aus dem Schoß der Seinen ausstieß ...“
„Das ist längst vergessen, lieber Frederick“, unterbrach ihn Mrs. Isatschik hastig.
„Um so besser!“ meinte Mr. Manhattan erfreut. „Bitte, nimm Platz! Ah, der junge Mann hier an deiner Seite ist wohl der kleine Wilbur?“
„Es ist mein Sohn“, bestätigte die Mutter eifrig.
„Schau, schau! Ganz hübsch groß, genau wie der Vater. Überhaupt — verblüffende Ähnlichkeit mit dem Isatschik! Auch sonst nach ihm geraten? Gibt wohl ’n bißchen viel Geld aus, was?“
‚Mein Sohn ist sehr sparsam“, erklärte die Mutter. „Nicht wahr, Wilbur, das bist du doch?“
„Ich bin sehr sparsam, Onkel Frederick“, wiederholte Wilbur vorschriftsmäßig und dachte darüber nach, wie man wohl sparen könne, wenn man noch nie einen Dollar in bar sein eigen genannt habe.
„Verblüffend! Wirklich verblüffend!“ rief Manhattan erstaunt. „So wenig nach seinem Vater geschlagen? War ja ein ganz toller Knabe, der Isatschik! Was der so in einer Nacht am grünen Tisch verspielte, hätte vollkommen genügt, mir mein Auskommen zu sichern. Aber wenn ich ihn darum bat, hatte er immer kein Geld ...“
„Er war etwas herzlos“, warf Mrs. Isatschik dazwischen.
„Möglich“, sagte Manhattan zerstreut. „Und dann erzählte er einmal, daß seine Frau ihm strengstens untersagt habe, mir, dem Habenichts und Tunichtgut, auch nur einen Cent zu geben.“
„Das muß ein Irrtum sein!“ rief Mrs. Isatschik bestürzt. „Nicht wahr, Wilbur, das ist ein Irrtum?“
„Ganz bestimmt ist das ein Irrtum“, bestätigte der Sohn ernst.
„Ich glaube es euch“, erwiderte der Hausherr mit Trauer in der Stimme. „Es ist seltsam, daß sich solche Irrtümer erst nach langen Jahren aufklären und auch dann nur unter gewissen Voraussetzungen. Aber was rede ich da?“ unterbrach er sich erschrocken. „Ihr müßt doch auch meine übrigen Gäste begrüßen. Vorstellen wird nicht nötig sein: wir sind ja ganz unter uns — alles nahe Verwandte. Höchstens die Jüngsten, die damals vor fünfzehn Jahren bei unserm letzten Beisammensein noch Küken waren ... Hier, die kleine Doris Elmhurst, meine reizende Nichte; dort, Frank Leroy, von Beruf Schauspieler, aber sonst ein ganz anständiger Mensch. Übrigens — mein größter Neffe, — er ist so groß wie ein Telegraphenmast! Steh mal auf, Frank, laß dich bewundern!“
Ein junger Mann erhob sich und verneigte sich ehrerbietig vor Mrs. Isatschik. Er war wirklich ungewöhnlich groß, sein Gesicht zeugte von Tatkraft und Entschlossenheit, wobei es aber einer gewissen Anmut nicht entbehrte. Seine Kleidung war einwandfrei, doch nicht auffallend, hatte aber jenes gewisse Etwas, das unfehlbar die Blicke aller auf sich lenkt, auch wenn niemand erklären kann, woran es eigentlich liegt.
Mrs. Isatschik begrüßte ihre Verwandten mit einem süßsauren Lächeln im runzlichen Gesicht. Sie hatte Mühe, an sich zu halten, — so empört war sie darüber, daß Manhattan nicht nur sie und Wilbur, sondern auch alle übrigen Verwandten eingeladen, und daß er es wagte, sie in taktlosester Weise vor aller Ohren an unangenehme Dinge zu erinnern. Aber sie mußte gute Miene zum bösen Spiel machen: Manhattan war reich und alt, Wilbur dagegen arm und jung. Er brauchte noch viel Geld, und es gab, wie sie nur zu gut wußte, keinerlei andere Möglichkeit, dieses zu erlangen, als den alten Manhattan zu beerben.
„Es ist angerichtet“, eröffnete jetzt Lux mit feierlicher Miene.
„Bitte, meine Damen und Herren, zu Tisch!“ rief Manhattan.
Eine große Doppeltür wurde aufgeschoben, und gemeinsam betraten alle das Eßzimmer. An einer langen, reich mit Blumen geschmückten Tafel nahm man Platz; die Sitzordnung war im Voraus durch kleine geschriebene Kärtchen bestimmt.
Doris kam neben Frank Leroy zu sitzen. Es waren außer ihr und Mrs. Isatschik nur wenig Damen anwesend, und sie fühlte sich in der ungewohnten, prunkvollen Umgebung etwas beengt, aber ihr Tischherr, der ihre Verlegenheit sogleich bemerkt hatte, widmete sich ihr in so liebenswürdiger Weise, daß sie bald alle Hemmungen verlor und sich so natürlich wie immer gab.
Pulsuz fraqment bitdi.