Kitabı oxu: «Die Viper»
Arno Alexander
Die Viper
Kriminal-Roman
Die Viper
© 1932 Arno Alexander
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711626047
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
Der Geschäftsführer Hübner zupfte sorgfältig die Ärmel seines altmodischen, speckig glänzenden Gehrocks zurecht, rückte den dicken Knoten der immer schief sitzenden Krawatte gerade und betrat mit einem leisen Räuspern das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.
„Herr Direktor, Herr Direktorl“ raunte er leise.
Da die Vorhänge zugezogen waren und im Zimmer kein Licht brannte, vermochte er nicht gleich zu erkennen, ob sein Vorgesetzter anwesend war oder nicht.
„Herr Direktor!“ rief er wieder, diesmal etwas lauter.
Ein verschlafenes Grunzen, begleitet von unwilligem Schnaufen, war zunächst die einzige Antwort.
„Was ist los, Hübner?“ fragte nach einer Weile eine Stimme aus dem Dunkeln.
„Der Kommerzienrat ist da!“ wisperte Hübner.
„Ah!“ kam es erfreut zurück. „Ja, dann machen Sie doch endlich Licht …“
„Ja, ja, natürlich …“
Die Deckenbeleuchtung flammte auf.
Direktor Hirschfeld, Leiter und Inhaber der bekannten Berliner Privatdetektei „Jenns & Hirschfeld“, hob seinen schweren Kopf von der Schreibtischplatte. Die kleinen, in Fett verquollenen Äuglein blinzelten, seine gepflegte Hand fuhr hastig über die heiße Stirn und Glatze.
„Also, lassen Sie den Kommerzienrat herein“, sagte er, noch immer etwas benommen, mit schleppender Stimme.
„Um Gottes willen, Herr Direktor!“ ereiferte sich Hübner. „Unsere Vorbereitungen … Sie haben alles wieder vergessen! Und dann … Oh! …“
Geschäftig flog der kleine, dürre Mann aus einer Ecke des Zimmers in die andere. Es war staunenswert, wie er es fertig brachte, beinahe gleichzeitig dem Direktor Kragen und Krawatte anzulegen, die „Asbach-Uralt“-Flasche und die Gläser vom Schreibtisch unters Sofa zu befördern und die billigen Zigarren auf dem Rauchtisch mit dem Kistchen „für besondere Zwecke“ zu vertauschen.
„Schon gut, schon gut, Hübner“, wehrte Hirschfeld ab, als der Geschäftsführer sich daran machte, ihm den Rock und die Weste abzubürsten.
„Geht nicht anders! Nur einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Direktor! Sie müssen unser Geschäft doch sozusagen standesgemäß vertreten. Rock und Weste müssen sauber sein. Die Beinkleider können ja dreckig bleiben. Die sieht der Kommerzienrat nicht, da Sie ja doch hinter Ihrem Schreibtisch nicht hervorkommen. So! Jetzt noch den Hans — dann ist alles in Ordnung.“
Er stob zur Tür hinaus und kehrte gleich darauf mit einem Mann im Mantel zurück, der verlegen Zylinder und Lederhandschuhe in den Händen drehte.
„Hier!“ Hübner suchte alle seine Westentaschen ab. „Aha! Hier haben Sie fünfzig Pfennig. Trinken Sie irgendwo ein Gläschen Bier. Aber erst die Sache richtig machen!“
„Ja, ja“, meinte der andere und schritt nach der Tür, aber Hübner sprang ihm nach und hielt ihn am Mantel fest.
„Wo ist der Scherben? He? Wo ist Ihr Einglas?“
„Das Ding verlier ich ja doch immer wieder …“
„Los, los! Macht rasch!“ drängte Hirschfeld.
Hübner seufzte.
„Na, schon recht; also ohne Einglas. Aber vergessen Sie nicht die Geschichte mit dem Vorschuß!“
Der Mann nickte und stieß die Tür auf.
Mit einem Schlage veränderte sich das Bild. Der Direktor war aufgestanden und verneigte sich höflich vor dem Mann mit dem Zylinder; Hübner aber katzbuckelte hinter ihm her durch die Tür.
„Habe die Ehre, Herr Baron“, murmelte er ehrfürchtig. „Wird alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigt werden.“
Hans, der „Baron“, winkte gnädig mit der Hand.
„Schon recht, mein … Guter“, sagte er etwas unsicher. Plötzlich wandte er sich noch einmal um. „Ja, da fällt mir gerade ein, Herr Direktor“, rief er laut. „Brauchen Sie nicht noch einen kleinen Vorschuß?“
Der Direktor hob beschwörend beide Hände empor.
„Aber nein, Herr Baron! Die fünftausend Mark, die Sie letzthin zahlten, genügen vollkommen.“
Der „Baron“ nickte freundlich und schritt, begleitet von Hübner, durchs Wartezimmer zum Treppenflur.
„In einer Stunde sind Sie wieder da“, flüsterte Hübner dem „Baron“ hastig zu. „Heute müssen unbedingt noch die Fenster geputzt werden.“
Der „Baron“ trollte davon, Hübner aber betrat wieder das Wartezimmer.
„Der nächste, bitte!“ rief er laut; und dann, als bemerke er den hageren, grauen Mann im Polsterstuhl erst jetzt, fuhr er fort: „Ah, der Herr Kommerzienrat 1 Habe die Ehre, die große Ehre … Bitte näherzutreten! Der berühmte Detektiv Hirschfeld, Max Hirschfeld, empfängt Sie natürlich sofort!“
Fünf Minuten später saß der Kommerzienrat dem Direktor gegenüber, und zwischen ihnen lag ein Häufchen Banknoten.
„Ich bin wirklich erstaunt, wie schnell Sie den Fall abgeschlossen haben, Herr Hirschfeld“, sagte der grauhaarige Kommerzienrat mit einem gewinnenden Lächeln. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir jetzt den genauen Betrag meiner Restschuld nennen wollten.“
„Sofort, Herr Kommerzienrat“, erwiderte Hirschfeld zuvorkommend und drückte auf einen Klingelknopf. Seit gestern war die Klingelanlage nicht in Ordnung, und Hirschfeld wußte das ganz genau; er hatte aber gute Gründe zu hoffen, daß das Klingelzeichen doch den gewünschten Erfolg haben werde: Hübner konnte es zwar nicht hören, dafür aber sehen — durchs Schlüsselloch.
Der Geschäftsführer erschien nicht gleich. Erst nahm er sich die Zeit, auf einem Bogen Papier geschickt einige Zahlen zu ändern — entsprechend der günstigen Stimmung des Kommerzienrats. Nun erst rannte er geschäftig ins Direktorzimmer — herein, heraus — wartete, bis die Tinte der neuen Zahlen ausgetrocknet war, und legte dann mit ehrerbietiger Miene den Bogen Hirschfeld vor.
„Unsere Restforderung, Herr Kommerzienrat“, erklärte der Direktor mit einem mitleidigen Lächeln, „ist entsprechend dem recht einfachen Falle auch recht gering.“ Er schneuzte sich umständlich die Nase. „Vierhundertneunundneunzig Mark und siebzig Pfennig. Hier ist die Abrechnung.“
Kommerzienrat Sommerfield hob wortlos zehn Fünfzigmarkscheine von dem Päckchen ab, das vor ihm lag; mit einer lässigen Handbewegung schob er die Banknoten Hirschfeld zu und ließ merkwürdigerweise den Rest des Geldes auf dem Tisch liegen.
„Sagen Sie, bitte“, fragte er kühl, „haben Sie den Fall eigentlich selbst bearbeitet oder ihn durch Angestellte …“ Er zögerte.
„Fast alle Fälle nehme ich mir selbst vor“, wich ihm Hirschfeld geschickt aus. „Wie sollte ich auch sonst das in mich gesetzte Vertrauen meiner Auftraggeber rechtfertigen? Meine Angestellten — übrigens nur allererste Kräfte — haben mich bei meiner Arbeit natürlich zu unterstützen. Sehen Sie, wenn …“
„Ihre Versicherung genügt ja vollkommen“, unterbrach ihn der Kommerzienrat etwas kurz und blickte nachdenklich auf den großen Siegelring, der seinen rechten Mittelfinger schmückte.
Direktor Hirschfeld lächelte; aber es war nicht das überlegene Lächeln, das er seinen Angestellten — den allerersten Kräften — gegenüber stets mit Erfolg anwandte. Er fühlte sich augenblicklich nicht recht wohl in seiner Haut: Was wollte denn der Kommerzienrat noch von ihm? Die Aufgabe war gelöst, die Rechnung beglichen — der Fall also vollkommen erledigt. Was bezweckte der Besucher mit seiner sonderbaren Frage?
„Ich muß Ihnen ein Geständnis machen“, sagte der graue Mann ihm gegenüber langsam, und in seine kalten Augen trat ein Schimmer von Teilnahme. „Der ganze Fall, den Sie lösten, war — konstruiert.“
Er betrachtete sein Gegenüber mit Blicken, die forschend und spöttisch zugleich waren; und das Gesicht Hirschfelds war tatsächlich des Betrachtens wert.
„Ko … ko … konstruiert?“ stammelte er ratlos, und seine Glatze wurde zusehends röter. „Wie … was wollen … Sie damit sagen?“
„Nichts Kränkendes für Sie“, versicherte der Kommerzienrat. „Ich habe einfach einen Kriminalfall — mit Indizien, Alibis und allem, was sonst dazu gehört — aufgebaut, und dann — habe ich fünf Privatdetekteien den Auftrag gegeben, diesen Fall zu entschleiern. Verstehen Sie nun?“
„Nein!“ Diese Antwort war insofern bedeutsam, als Hirschfeld diesmal ausnahmsweise wirklich genau das sagte, was er dachte.
Der Kommerzienrat hob ein wenig gelangweilt die Augenbrauen.
„Ich wollte mir einen Geschicklichkeitsnachweis verschaffen, denn der Auftrag, den ich in Wirklichkeit zu vergeben habe, ist so schwierig und für mich so wichtig …“
Auch Hirschfeld hatte Augenblicke, wo der Geist über ihn kam.
„Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten, Herr Kommerzienrat? Es plaudert sich dabei gemütlicher“, meinte er mit seinem verbindlichsten Lächeln, denn er hatte endlich begriffen, daß die fünfhundert Mark durchaus nicht gefährdet waren, und daß es eine Möglichkeit gab, noch viel mehr herauszuholen.
„Danke“, lehnte der Kommerzienrat ab. „Ich bin Nichtraucher. Aber bitte — rauchen Sie doch!“
Hirschfeld brannte sich etwas erregt eine Zigarre an.
„Sagten Sie nicht, Herr Kommerzienrat, daß Sie den Prüfungsfall — reizender Gedanke übrigens! — noch vier anderen Detektiven übergeben hätten? Mit welchem Erfolg, wenn ich fragen darf?“
„Sie sind der erste, der die Aufgabe löste. Ein Detektiv kam rascher, dafür aber zu einem falschen Schluß. Zwei haben noch nichts von sich hören lassen, und einer — Sie werden ihn wohl dem Namen nach kennen: Egon Friede — weigerte sich überhaupt, den Fall zu übernehmen.“
Hirschfeld lächelte geringschätzig.
„Friede — hm — ja, ein Anfänger … Kann natürlich etwas — hm — aber — nur leichte Sachen, wissen Sie …“
„Mir wurde gesagt, er hätte ein paar recht verzwickte Fälle gelöst …“
„Glück, weiter nichts.“
„Jeder Mensch, der vorwärtskommen will, muß Glück haben. Ein Detektiv ohne Glück taugt aber schon gar nichts …“
Hirschfeld rückte etwas gereizt auf seinem Sessel hin und her.
„Natürlich, natürlich! … Ihre Anschauungen sind sehr beachtenswert, und Sie haben damit vollkommen recht … Ich meine aber, daß ein Detektiv noch besser ist, wenn er — wie ich — Glück hat und außerdem hier was …“ Er tippte bedeutsam gegen die Stirn.
Nichts in den Mienen des Besuchers ließ erkennen, ob ihn die Worte Hirschfelds überzeugt hatten oder nicht. Nur der Ton seiner Stimme verriet etwas wie leises Unbehagen, als er jetzt sagte: „Wir wollen zur Sache kommen.“ Dann hob er den Kopf und fragte mit leicht gefurchter Stirn: „Sie haben doch sicherlich von der Verurteilung meines Sohnes gehört?“
„Aber gewiß, Herr. Kommerzienrat“, bestätigte Hirschfeld eifrig. „Der Fall hat ja in allen Kreisen sehr viel Staub aufgewirbelt …“
„Wie meinen Sie das?“ rief der Kommerzienrat plötzlich heftig. „Ich habe es mir ein kleines Vermögen kosten lassen, damit dieser Fall so wenig wie möglich besprochen würde …“
„Ich meinte natürlich nur die Fachkreise!“ rief Hirschfeld vorwurfsvoll.
„Also gut“, sagte der Kommerzienrat wieder ganz ruhig. „Diesen Fall — den Fall ‚Peter Sommerfield‘ sollen Sie lösen. Ich lasse Ihnen alle diesbezüglichen Akten da, und wenn Sie mir bis morgen eine auch nur halbwegs vernünftige Schilderung des möglichen Sachverhaltes geben, erhalten Sie von mir endgültig den Auftrag. Geld spielt dabei keinerlei Rolle.“
2
Eine halbe Stunde später begleitete Hübner den Kommerzienrat hinaus und betrat gleich darauf das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.
„Sie haben natürlich alles gehört?“ fragte Hirschfeld gutgelaunt.
Hübner lächelte unterwürfig.
„Ganz zufällig, Herr Direktor. Wirklich ganz zufällig. Die Türen bei uns — hm — schließen so schlecht …“
„Schon recht“, wehrte Hirschfeld ab. „Sagen Sie mir lieber, wer von unseren Leuten den ‚konstruierten Fall‘ behandelte.“
„Es war der Kranich, Herr Direktor. Georg Kranich, siebenundzwanzig Jahre alt, evangelisch-lutherisch, unverheiratet, kinderlos …“
Mit einer Handbewegung gebot der Direktor dem Redestrom Hübners Einhalt.
„Und wem, denken Sie, können wir den Fall ‚Sommerfield‘ anvertrauen?“
Hübner zuckte ein paarmal ratlos mit den Schultern.
„Ich kann mir nicht helfen, Herr Direktor! Diesen Fall können wir niemand anderem als eben diesem Kranich übergeben. Die anderen … nein, die bringen hier bestimmt nichts zuwege …“
„Und Kranich? Er schafft’s?“
Wieder hob Hübner die Schultern.
„Bin ich ein Prophet, Herr Direktor? Kann ich weissagen? Nein, das kann ich nicht. Aber ich möchte meine schönste Krawattennadel wetten: der schafft’s!“
Hirschfeld runzelte ärgerlich die Stirn.
„Sie wissen, ich kann den Menschen nicht ausstehen …“
„Herr Direktor, wir haben keine Wahl! Der Fall ‚SommerfieId‘ ist eine ganz böse Geschichte. Wenn Sie ihn nicht dem Kranich geben wollen, dann lehnen Sie ihn lieber gleich ganz ab.“
„Also, dann schicken Sie ihn mal her“, rief Hirschfeld unwirsch, „und — halt! Wo rennen Sie denn hin? — Machen Sie seine Abrechnung fertig. Aber es darf kein großer Überschuß zu seinen Gunsten verbleiben. Verstanden?“
„Soll ich lieber einen kleinen Überschuß zu unseren Gunsten machen, Herr Direktor?“
„Nein! Machen Sie es genau so, wie ich eben sagte.“
„Selbstverständlich, Herr Direktor!“ Mit diesen Worten huschte Hübner zur Tür hinaus.
Einige Minuten später klopfte es.
„Herein!“ rief Hirschfeld kühl.
Der junge Mann, der freudig lächelnd die Schwelle überschritt, fand einen ganz anderen Hirschfeld vor, als ihn Kommerzienrat Sommerfield vor einer Viertelstunde verlassen hatte. Jede Spur von Freundlichkeit war aus dem Gesicht des Direktors getilgt; kalt und streng blickten die Augen, und um die Mundwinkel zogen sich scharfe Falten.
„Guten Abend, Herr Hirschfeld“, begann Kranich, ohne sich um die ihm bereits wohlbekannten schlimmen Anzeichen zu kümmern. Seine Hand fuhr hastig über den blonden, etwas zerzausten Scheitel, dann strich er ein paarmal über die Rockaufschläge seines sauberen, aber recht mitgenommenen Anzuges. „Hübner sagte mir, daß der Kommerzienrat Sommerfield da war …“
„Gestatten Sie vielleicht, daß ich zuerst rede?“ erkundigte sich Hirschfeld spöttisch.
Der junge Mann hielt erstaunt in seiner Rede inne. Nach kurzem Zögern erwiderte er etwas gekränkt:
„Wenn Sie meinen, daß dies für unsere Unterhaltung von Vorteil sei, dann … dann gestatte ich es gern.“
Hirschfeld ließ ein wütendes Grunzen hören.
„Er gestattet! Hat man so etwas schon gehört?!“
Kranich schwieg. Da aber der Direktor jetzt ebenfalls schwieg, nahm er gleich darauf doch wieder das Wort:
„Ich dachte, Sie wollten mir etwas sagen! Falls nicht, so kann ich ja inzwischen meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß der Kommerzienrat gezahlt hat. Gleichzeitig möchte ich diesen Freudenausdruck mit einer Bitte verknüpfen …“
„Ich rede jetzt!“ polterte Hirschfeld los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Kranich seufzte tief auf.
„Sie reden? Gut. Ich habe zwar nichts davon gemerkt, aber wir wollen uns nicht streiten. Sie haben recht, denn — der Schwächere gibt nach.“
„Wenn Sie jetzt nicht still sind“, zischte der Direktor. „Sie — — — ich weiß nicht, was ich dann tue!“
„Ich auch nicht“, sagte Kranich und lächelte sanft.
Das Klopfen Hübners enthob Hirschfeld der Antwort.
„Herein!“ brüllte er. „Ah! Die Abrechnung? So? Da! Sehen Sie das mal an, junger Mann!“ Damit warf er Kranich das Papier über den Tisch zu.
In dem Gesicht des jungen Detektivs vollzog sich ein jäher Wechsel. Alles Freudige war daraus wie weggewischt. In seinen hellblauen Augen standen Tränen, und die fast mädchenhaft geschwungenen Lippen bewegten sich in vorwurfsvollem Selbstgespräch.
Plötzlich blickte er flehend auf.
„Ist es wahr, Hübner“, jammerte er. „Der Sommerfield hat nur hundert Mark bezahlt?“
Hübner nickte eifrig.
„So wahr Gott lebt, er hat — ich meine: der Kommerzienrat hat nicht mehr bezahlt!“
„Dann verbleiben mir nach Abzug aller Vorschüsse — sogar bei Berücksichtigung meiner Spesenrechnung — nur drei Mark?“
„Drei Mark dreißig Pfennig“, verbesserte Hübner.
„Aber das ist doch ganz unmöglich!“ rief Kranich verzweifelt aus.
„Bei uns ist nichts unmöglich“, erklärte Hübner, ohne sich des gefährlichen Doppelsinnes seiner Worte bewußt zu werden.
„Herr Direktor“, flehte der junge Mann. „Ich brauche unbedingt Geld …“
„Beruhigen Sie sich doch“, beschwichtigte ihn Hirschfeld. „Wir zahlen stets pünktlich. Sie können noch heute Ihre drei Mark dreißig Pfennig an der Kasse abheben. Nicht wahr, Hübner?“
„Selbstverständlich, Herr Direktor“, bestätigte der Geschäftsführer und verschwand nach einigen tiefen Bücklingen durch die Tür.
Kranich senkte traurig den Kopf. Er war nicht der Mensch, lange über ein Mißgeschick nachzubrüten, aber in Augenblicken wie jetzt kam ihm der ganze Jammer seines Lebens zum Bewußtsein. Die Zimmervermieterin hatte heute zum dritten Male gemahnt, die Milchrechnung war auch noch nicht bezahlt, und die neubesohlten Schuhe lagen seit acht Tagen beim Schuster bereit — aber ohne Geld würde er sie wohl kaum herausgeben. Kranich hatte felsenfest auf diesen Kommerzienrat Sommerfield gebaut. Dessen von ihm mit Glück und Geschick ausgeführter Auftrag versprach endlich einmal einen größeren Geldbetrag einzubringen. So überzeugt war Kranich davon gewesen, daß er gestern sogar für achtzehn Mark einen neuen feinen Hut mit bequemen Teilzahlungen erworben hatte.
„Sehen Sie mal an, Herr Kranich“, erklärte Hirschfeld in dem satten Ton eines Menschen, der am warmen Kaminfeuer Geschichten über Nordpolfahrer erzählt. „Sie verdienen bei mir wöchentlich dreißig Mark. Das ist eine Menge Geld. Außerdem erstatte ich Ihnen auch alle Ihre Unkosten — in vernünftigen Grenzen natürlich — und dann erhalten Sie noch für jeden Erfolg eine besondere Vergütung. Als ich in Ihrem Alter war —“ er seufzte tief auf — „da ging es mir bedeutend schlechter. Ich war froh und dankte Gott, wenn ich genug Brot und wöchentlich ein Päckchen ‚Schwan im Blauband‘ dazu hatte …“
„Die Marke ‚Schwan im Blauband‘ kam erst neunzehnhundertsechsundzwanzig auf den Markt“, warf Kranich bescheiden ein.
„So …“, meinte Hirschfeld ein wenig verblüfft, doch hatte er sich gleich wieder gefaßt. „Na, dann war es eben eine andere Marke. Jedenfalls darbte ich sehr.“
„Dasselbe erzählte mir mein letzter Vorgesetzter“, bemerkte der junge Mann sinnend. „Er ernährte sich ausschließlich von Pellkartoffeln …“
„Sehen Sie! Sehen Sie!“ fiel ihm Hirschfeld hastig ins Wort. Nun hielt er es aber doch für ratsam, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: „Sie haben den letzten Auftrag so weit ganz gut gelöst. Sie entdeckten zwar nicht, daß es nur ein konstruierter Fall war; aber das will ich Ihnen nicht weiter verübeln …“
„Wieso ‚konstruierter Fall‘?“ rief Kranich erstaunt.
Hirschfeld erklärte ihm mit knappen Worten, welche Bewandtnis es mit diesem Scheinauftrag hatte.
„Ich selbst hatte das natürlich gleich erkannt. Aber warum sollte ich nicht das gute Geld — es ist nicht viel, gar nicht viel — des Kommerzienrats nehmen? Gleichzeitig wollte ich dadurch Ihre Fähigkeiten prüfen. So, und nun ist hier ein Aktenstück, das Sie bis morgen noch genau durchsehen wollen. Wenn Sie morgen imstande sind, mir Ihre Mutmaßungen über diesen Fall zu entwickeln, und wenn Ihre Vermutungen dem wahren Sachverhalt — den ich so ziemlich durchschaue — entsprechen, dann soll Ihnen dieser Fall übertragen werden.“
„Und? … Und wegen Vorschuß …“
„Sie können dann auch Vorschuß bekommen“, sagte Hirschfeld gnädig. „Wie immer zwanzig vom Hundert des uns bezahlten Betrages. Und der Kommerzienrat versprach — ehem — zweihundertfünfzig Mark zu bezahlen. — Nehmen Sie also jetzt die Schriftstücke, gehen Sie nach Hause und machen Sie sich gleich an die Arbeit.“
Zwanzig Minuten später verließ Kranich das Geschäft. In der Tasche hatte er nur drei Mark dreißig Pfennig, im Herzen aber tausend große Pläne und Hoffnungen. Er strahlte übers ganze Gesicht und rannte so schnell, daß er an der nächsten Ecke heftig gegen einen alten Bettler anprallte, und beide zu Boden stürzten.
„Entschuldigen Sie, lieber Mann“, sagte Kranich höflich. „Es geschah wirklich nicht mit Absicht.“
Der Bettler brummte mürrisch etwas Unverständliches und half Kranich, die aus dessen Aktenmappe gefallenen Papiere zusammenzusuchen.
„Ich hab’ heute meinen guten Tag“, erklärte Kranich, nachdem er seinen Anzug sorgfältig abgestäubt hatte. „Hier haben Sie zwei Groschen Schmerzensgeld.“ Mit einem freundlichen Nicken schritt er davon.
Der Bettler betrachtete eine Weile verblüfft die zwei Münzen in seiner Hand. Dann lachte er kurz auf und begab sich zu einer Fernsprechzelle. Mit Kranichs Geld bezahlte er zwei Ferngespräche, wobei er jedesmal nur kurz meldete, daß sich die bewußten Papiere jetzt in Kranichs Aktentasche befänden.
3
Der berühmte Detektiv Egon Friede lag leise gähnend auf der Ottomane in seinem geschmackvoll eingerichteten Wohn- und Arbeitszimmer und blätterte ohne sonderliche Teilnahme in einer Bilderzeitschrift. Ab und zu tat er einen tiefen Zug aus seiner kurzen Pfeife und blies den Rauch in einer dichten grauen Wolke weit von sich.
Ihm schräg gegenüber saß an einem Schreibmaschinentisch Agnes Wieland, seine Stenotypistin. Sie war so hübsch, wie es die Stenotypistin eines Mannes von Geschmack unbedingt sein muß; ihre graublauen Augen strahlten stets so, als wenn deren Inhaberin gerade Gehaltserhöhung erhalten hätte; und ihre zierlichen Füßchen wippten so unternehmungslustig hin und her, wie man es bei anderen Stenotypistinnen nur abends und auch dann erst nach dem dritten Glas Wein beobachten kann.
„Wir brauchen Geld, Herr Friede“, sagte sie plötzlich und rückte die Papiere beiseite, an denen sie nun schon volle zwei Stunden gearbeitet hatte.
Friede hob kaum merklich die Augenlider. Die Blicke, mit denen er ihre geschmeidige Gestalt streifte, waren nachdenklich.
„Wer braucht Geld?“ fragte er langsam. „Sie oder ich?“
„Sie und ich!“ gab sie schlagfertig zurück und warf einen vorwurfsvollen Blick in die Gegend, wo sie hinter dem dicken Qualm sein Gesicht vermutete.
Friede gähnte laut.
„Bitte, verallgemeinern Sie nicht immer, Fräulein Agnes“, sagte er ruhig. „Also etwas genauer: Sie brauchen Geld. Wozu, geht mich nichts an. Wieviel?“
„Siebenhundertfünfzig Mark.“
„So viel auf einmal?“
Das Mädchen warf so geschickt ein Bein über das andere, daß ein guter Teil der seidenen Unterwäsche nunmehr deutlich zu sehen war.
„Es ist mein Gehalt für die letzten drei Monate“, sagte sie einfach. Alles weitere sollten die Beine sagen.
„Schreiben Sie einen Scheck über diesen Betrag aus“, erklärte Friede kühl.
„Schecks werden kaum etwas nützen“, erwiderte sie trocken. „Wenigstens keine mit Ihrer Unterschrift, da Ihr Konto seit gestern gesperrt ist.“
Friede nickte.
„Stimmt, Sie sagten es mir schon gestern. Verstehe ich übrigens nicht. Ich habe doch erst kürzlich fünfzigtausend Mark verdient …“
„Es stimmt ganz genau“, unterbrach sie ihn sehr bestimmt. „Hier ist die Aufstellung: Dreihundertfünfzig Mark polizeiliche Strafen für zu schnelles Autofahren. Tausendachthundert Mark Schadenersatz für den umgefahrenen Schutzmann, — der zweite war billiger: den zahlte die Versicherungsgesellschaft aus. Ferner ein Damenpelzmantel für viertausend Mark. Der Kaufpreis für das Landhaus derselben Dame betrug achtzehntausendzweihundert Mark. Einen wildfremden schwindsüchtigen Arbeiter schickten Sie nach Davos — Kostenpunkt: neunhundert Mark. Ihre eigene Reise nach Monte Carlo kam auf rund zehntausend Mark. Weiterhin …“
„Genug!“ wehrte Friede ab. „Ich sehe, es hat schon seine Richtigkeit. Da muß etwas getan werden …“
„Sie hätten eben, wie ich Ihnen schon sagte, den Fall des Kommerzienrats Sommerfield nicht ablehnen dürfen“, bemerkte Agnes.
„Davon verstehen Sie nichts“, gab Friede mit leisem Unmut zurück. „Bevor ich den Fall ablehnte, habe ich ihn überprüft. Der ganze Fall war gestellt, verstehen Sie? Der Kommerzienrat wollte meine Fähigkeiten prüfen. Ich habe ihm Bescheid gesagt und natürlich abgelehnt.“
„Das ändert die Sache allerdings …“
„Nein, mit solchen Fällen ist uns nicht geholfen. Ich muß etwas anderes versuchen … Nehmen Sie, bitte, jetzt das linke Bein vom rechten. Ich habe genug gesehen. Wollen Sie meine Geliebte werden?“
„Nein, aber …“
„Dann besorgen Sie jetzt die Briefe und trinken Sie irgendwo eine Tasse Kaffee. Ich habe eine wichtige Besprechung. Sie müssen heute aber auf alle Fälle noch einmal vorbeikommen. Auf Wiedersehen!“
Agnes stand noch im Vorzimmer und knöpfte ihre Handschuhe zu, als es plötzlich klingelte. Sie öffnete vorsichtig einen Türspalt und spähte hinaus. Schnell wollte sie die Tür wieder zuziehen, aber der zerlumpte Strolch, der draußen stand, hatte schon seinen Fuß dazwischengeschoben.
„Hier wird nicht gebettelt!“ rief Agnes ärgerlich. Angst hatte sie nicht. Wenn Friede in der Nähe war, fürchtete sie sich nie.
„Nu’ mach keine Zicken, Kleine“, rief der ungewöhnliche Besucher gemütlich. „Ich muß den Detektiv sprechen. Aber dalli!“
Durch das laute Gespräch herbeigelockt, steckte Friede den Kopf durch die Tür.
„Was ist denn hier los? Wie? Sie wollen mich sprechen?“ Er machte eine einladende Handbewegung. „Kommen Sie herein, guter Mann. Ihr Schießeisen legen Sie hier auf den Tisch; Sie können es später wieder mitnehmen. Fräulein Agnes, lassen Sie sich nicht aufhalten.“
Er verabschiedete das Mädchen mit einer Kopfbewegung und schloß hinter ihr die Tür.
Der Strolch steckte wortlos die Waffe, die er eben erst gehorsam auf den Tisch gelegt, wieder in die Tasche und betrat rasch Friedes Arbeitszimmer. Am Fenster blieb er stehen und starrte eine geraume Weile durch den Spitzenbesatz des Vorhangs auf die Straße.
„Bist du ihrer sicher?“ fragte er plötzlich in dialektfreiem Deutsch, warf sich in einen Sessel und streckte die mit völlig zerrissenen Schuhen bekleideten Füße weit von sich.
„Vollkommen“, erwiderte Friede kurz.
Der andere nickte.
„Stimmt. Sie hat das Haus sofort verlassen, hat keinen Versuch gemacht, mich zu photographieren, und ging, ohne sich umzuwenden, die Straße hinunter. Immerhin … Man kann nicht vorsichtig genug sein.“
Friede zuckte die Achseln.
„Sie arbeitet seit einem Jahr bei mir. Ich habe sie sozusagen auf Herz und Nieren geprüft. Während dieser Zeit hatte sie drei Liebschaften. Der erste Freund war ein Banklehrling und plünderte wie üblich die Portokasse, um ihr Geschenke zu machen. Sie ersetzte die unterschlagenen Gelder und schob ihn ab. Der zweite war Student. Er studierte ein halbes Jahr lang auf ihre Kosten, bis sie dahinter kam, daß er seine ‚Studien‘ in Berliner Nachtlokalen betrieb. Aus. Der dritte, gegenwärtige, ist Schnürsenkelfabrikant und ‚Kavalier‘. Er zahlt alles.“
„Deswegen kann sie dennoch …“
„Nein, denn ich habe noch mehr Beweise. Ein sehr netter junger Mann hat ihr in meinem Auftrag den Vorschlag gemacht, ihm bestimmte Abschriften aus meinem Briefwechsel zu verschaffen. Für schönes Geld, versteht sich’s. Sie weigerte sich.“
„Sie wird den Schwindel durchschaut haben. Natürlich hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als dir von der bestandenen Prüfung zu berichten.“
„Sie tat es nicht, mein lieber Metzner. Die Sache kam ihr bestimmt viel zu selbstverständlich vor.“
Der Besucher seufzte.
„Hoffentlich hast du recht. Vermutlich hängt mein Leben davon ab.“
„Ist es so schlimm? Aber erzähle endlich: was hast du in den zwei Monaten deiner Abwesenheit ausgerichtet?“
„Deine Vermutung stimmt: die Bande, deren Vorhandensein die Polizei abstreitet, besteht tatsächlich. Seit drei Wochen bin ich ihr Mitglied.“
Die Züge Friedes wurden bei diesen Worten gespannt. Mit keinem Wort unterbrach er den Bericht seines Helfershelfers.
„Man ist in jenen Kreisen sehr mißtrauisch“, fuhr Metzner mit gleichförmiger, etwas müder Stimme fort. „Mich verwendeten sie bis jetzt nur als Photographen. Erst als ich erwähnte, daß ich mit deinen Gewohnheiten und der Örtlichkeit hier vertraut sei, gaben sie mir einen gefährlicheren Auftrag: dir mit List oder Gewalt das Schriftstück ‚R. Brand‘ zu entwenden.“
„Fauler Zauber“, sagte Friede bedauernd. „In diesem Schriftstück ist keine Zeile, für die es sich lohnen würde, sie geheim zu halten.“
„Ich ahnte es! Also haben die Kerle schon Verdacht geschöpft. Natürlich kehre ich jetzt nicht mehr zu ihnen zurück.“
Friede holte aus einem Fach seines Schreibtisches eine Weinbrandflasche, goß zwei Gläschen voll und trank Metzner zu.
„Hm …“ murmelte er sinnend. „Ich kann es dir nicht verdenken, wenn du deine Haut nicht länger zu Markte tragen willst. Dein plötzliches Ausbleiben würde die Leutchen aber erst recht stutzig machen, und dann …“
„Habe ich alles überlegt. Sobald wir das Nötige besprochen haben, rufst du die Polizei an und läßt mich festnehmen. Das weitere laß meine Sorge sein. Zweifellos wird die Verhaftung von unseren Feinden beobachtet werden, und niemand wird mehr glauben, daß ich dein Kundschafter sei.“
„Der Gedanke ist nicht übel“, stimmte Friede zu. „Nun berichte aber, was du weißt. Wenn’s auch wenig ist, — das Geringste kann hier wichtig sein.“
„Höre zu: die Bande befaßt sich eigentlich nur mit Giftmorden. Wenn je zu anderen Mitteln gegriffen wird, dann handelt es sich immer um ein unvorbereitetes, plötzlich notwendig gewordenes Verbrechen. Das Oberhaupt der Bande — man nennt es ‚die Viper‘ — muß ein ganz gerissener Kerl sein; wie mir gesagt wurde, kennt ihn niemand. Die Arbeit ist genau verteilt: Einige haben nichts anderes zu tun, als Gifte zu beschaffen oder herzustellen; andere werden nur als Kundschafter verwendet; wieder andere — das sind die angesehensten — haben sich an die Leute heranzumachen, die von den Kundschaftern als ‚geeignet‘ befunden wurden: an Leute, die auf den Tod eines Erbonkels, eines reichen Gatten oder Mündels warten und hoffen. In der Regel erklären sich diese Leute sehr bald bereit, für den Fall des plötzlichen Ablebens ihres Verwandten einen bestimmten Betrag zu bezahlen. Bei diesen Abmachungen wird nie das Wort ‚Mord‘ gebraucht, obwohl die Beteiligten genau wissen, worum es sich handelt. Die Beträge, die sie zu entrichten haben, sind …“
„… sehr hoch, — kann ich mir denken!“
„Falsch geraten! Die Beträge sind sehr niedrig gehalten. Erst nach Antritt der Erbschaft werden die Leute richtig zur Ader gelassen — man erpreßt ihnen etwa die Hälfte des geerbten Vermögens, dann aber haben sie für immer Ruhe.“
„Ein seltener Fall“, murmelte Friede. „Meist hat solch eine Erpresserschraube kein Ende.“
„Ein Beweis mehr für die Klugheit des Leiters dieser Bande. Er weiß genau, daß ein Mensch, dem man alles nimmt, sich leicht zu einer Anzeige entschließt.“
„Eine Frage“, unterbrach ihn Friede. „Kannst du es erklären, wie es kommt, daß die Polizei von diesem Treiben noch nichts gemerkt hat; ja, daß sie auf mein Vorhalten das Vorhandensein einer solchen Bande mit allem Nachdruck abstritt? Sollten Polizeibeamte mitverwickelt sein?“
Der Besucher schüttelte den Kopf.
„Nein, das glaube ich nicht. Ich vermute, daß man ein bestimmtes Gift anwendet, das von den Ärzten nicht nachgewiesen werden kann …“
„Haben die Leute ein derartiges Gift?“ rief der Detektiv überrascht.
„Es wird jedenfalls nur selten angewandt. Wahrscheinlich ist seine Beschaffung oder Herstellung mit Gefahren verbunden. In den weitaus meisten Fällen arbeitet die Bande mit Rauschgiften. Die Polizei kann dann nur feststellen, daß der Betreffende sich selbst vergiftet habe, da er ja an demselben Gift stirbt, das er sich immer wieder beibrachte. Dann aber gibt es noch ein drittes, geradezu teuflisches Mittel …“
Friede hob die Hand und lauschte. Man vernahm das Aufschließen der Treppentür und leichte Schritte im Vorzimmer. Der Detektiv stand auf, nahm Flasche und Gläser in die Hand und winkte dem Besucher, ihm zu folgen.
„Meine Sekretärin ist wieder da“, erklärte er leise, und die beiden Männer begaben sich in einen Nebenraum. Nachdem Friede die Tür hinter sich zugezogen hatte, forderte er Metzner mit gedämpfter Stimme auf, in seinem Bericht fortzufahren.
„Wenn die Anwendung der erwähnten Mittel nicht möglich ist —“, nahm jener seine Erklärungen wieder auf, „— angenommen, das ausersehene Opfer ist standhaft, und alle Versuche, es an ein Rauschgift zu gewöhnen, mißlingen, — dann wählen die Kerle ein leicht nachweisbares Gift, bearbeiten den Fall aber so sorgfältig, daß die Polizei unbedingt einen Unschuldigen festnimmt. Beweggründe sind vorhanden, die Indizien lückenlos — der Unschuldige wird verurteilt, und wieder hat die Polizei keine Ursache, an das Bestehen einer Giftmischerbande zu glauben.“
Friede schwieg wie in Gedanken versunken. Zwischen seinen Brauen grub sich eine finstere Falte.
„Kannst du mir ein Beispiel nennen?“ fragte er endlich.
„Nein“, sagte Metzner sofort. „Alles, was ich dir erzähle, sind ja mehr oder weniger Mutmaßungen. Ich kann dir keinen Fall nennen, von dem ich weiß, daß er dem eben geschilderten entspricht; allerdings kenne ich einen aus neuerer Zeit, von dem ich das vermute.“
„Welcher Fall ist das?“ rief Friede gespannt.
„Der Fall des Brudermörders Peter Sommerfield“, erwiderte Metzner ruhig.
„Verdammt noch mal!“ entfuhr es Friede, und er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich war im Gerichtssaal, als er verurteilt wurde. Ich hatte tatsächlich nicht den Eindruck, einen Mörder zu sehen. Aber Eindrücke sind unzuverlässig, und darum ging ich der Sache auch nicht nach. Hm … Soviel ich mich entsinne, war die Verdachtsbegründung allerdings lückenlos …“ Der Detektiv war aufgestanden und schritt langsam aus einer Ecke des Zimmers in die andere. „Neulich war der Kommerzienrat, der Vater des Verurteilten, bei mir, — er wollte mir einen Scheinauftrag geben … ich lehnte ab … hm … Fast bereue ich es jetzt …“
„Das ist sehr schade“, stimmte der andere zu. „Ich glaube, daß der Fall ‚Sommerfield‘ am ehesten eine Handhabe zum Überführen der Giftmischer geben könnte. Der Fall ist noch neu, die Spuren frisch …“
„Was mach’ ich nur“, grübelte Friede. „Ich habe den Kommerzienrat so kurz behandelt, daß ich mich ihm nun unmöglich nähern kann …“
In diesem Augenblick klopfte es.
„Herein!“ rief Friede.
Agnes steckte den Kopf durch den Türspalt.
„Der Kommerzienrat Sommerfield ist wieder da, Herr Friede“, sagte sie leise. „Soll ich ihn abweisen?“
„Nein!“ riefen Friede und Metzner wie aus einem Munde.
4
Kranich hatte es eilig. Eigentlich hatte er es immer eilig — das lag einfach in seinem Wesen. Noch nie hatte ihn ein Mensch langsam gehen, nie mit Ruhe sein Mittagessen verzehren oder schläfrig und stumpfsinnig in dem überfüllten Wagen der Untergrundbahn sitzen sehen. Auf der Straße lief er, sein Mittagessen verschlang er, und in der Untergrundbahn las er Schriftstücke — sogar solche, die er beinahe auswendig kannte.
Auch heute machte er es nicht anders. Kaum hatte er in dem überfüllten Wagen einen Sitzplatz erobert, vertiefte er sich in das Lesen der Akten. Es kümmerte ihn wenig, daß neben ihm zwei junge Damen standen, die ihm vorwurfsvolle Blicke zuwarfen; auch der dicke Herr, der ihm bei jeder Wendung des Zuges auf die Füße trat, störte ihn nicht. Er hielt seine Papiere so nahe ans Gesicht, als wäre er plötzlich kurzsichtig geworden, und las und las. Das nannte er innerlich: „Auch unter den widrigsten Verhältnissen die Zeit zu nutzen.“
Heute waren die Schriftstücke ausnahmsweise weder trocken noch langweilig. Die Folge davon war, daß Kranich nicht wie sonst eine, sondern vier Haltestellen zu spät ans Aussteigen dachte. Traurig betrachtete er die Namensbezeichnung der Haltestelle, als wolle er diesen schwarzen Buchstaben einen Vorwurf machen; dann zuckte er die Achseln und wartete geduldig, bis er mit dem entgegenkommenden Zug zurückfahren konnte.
„Haben Sie endlich Geld?“ empfing ihn die Wirtin, als er schnell durch den dunklen Vorraum in sein Zimmer schlüpfen wollte.
„Gute Frau …“ begann Kranich.
„Also nicht“, erwiderte die „gute Frau“, die über genügend Menschenkenntnis verfügte und ganz genau wußte, daß ein Mieter sie nur dann „gute Frau“ nannte, wenn er kein Geld mitbrachte.
„Also nicht“, bestätigte Kranich und blickte ihr treuherzig in die Augen.
Die Zimmervermieterin sah ihn an, und ein trauriges Lächeln huschte über ihr runzliges Gesicht. Sie war eine Vermieterin von der harmloseren Art; von der Art, die ihr Herz noch in der Brust und das Mietzinsbuch in der Kommode aufbewahren, und nicht umgekehrt.
„Aber morgen bestimmt, Herr Kranich“, warnte sie und drohte ihm mit dem Finger.
„Morgen bestimmt, gute Frau“, rief der junge Mann erleichtert. „Jetzt entschuldigen Sie mich aber bitte: Ich muß mich zum Abendessen umziehen.“
Kranich schloß die Tür seines Zimmers hinter sich, schaltete das Licht ein und unterhielt sich eine Zeitlang mit seinem Kanarienvogel. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der störrische Vogel noch immer nicht Pfötchen geben wollte, seufzte er leise und machte sich ans Umziehen. Er zog den Rock aus, nahm Kragen und Selbstbinder ab und plätscherte eine Weile mit Wasser. Dann legte er denselben Kragen an und band den einzigen anderen Selbstbinder um, den er besaß; schlüpfte wieder in den Rock und blies geschickt zwei Fädchen vom Ärmel.
Darauf besah er sich mit sichtlichem Wohlgefallen im Spiegel und fühlte sich dabei genau so zufrieden wie ein Fürst oder Millionär, der vor dem Festessen Frack oder Smoking angelegt hat. Nun zog er seinen zweireihigen Mantel an, knöpfte ihn statt von links nach rechts, von rechts nach links zu, so daß er einen weniger abgetragenen Eindruck machte; sprengte aus einer Flasche, die einmal Kölnisches Wasser enthalten hatte, einige Tropfen Leitungswasser auf sein Taschentuch, schnupperte daran, seufzte beim Gedanken an die schlechte Beschaffenheit der deutschen Erzeugnisse, klemmte die Aktenmappe unter den Arm und machte sich auf den Weg.
Das Speisehaus, das er zwanzig Minuten später betrat, zeichnete sich dadurch aus, daß es seinen Gästen für wenig Geld reichliches und schlechtes Essen verabreichte. Kranich war hier sehr bekannt, obwohl er es nur besuchte, wenn er wenig Geld hatte — sechsmal in der Woche. Der Ober wies ihm sofort einen Platz an einem freien Ecktisch an, aber Kranich winkte mit großartiger Miene ab und nahm neben einer alleinsitzenden hübschen und jungen Dame Platz. Sie dankte etwas erstaunt für seinen ehrerbietigen Gruß, widmete sich aber sofort wieder ihrem Essen.
„Was darf es sein?“ erkundigte sich der Ober nach den Wünschen des Gastes.
„Haben Sie Gans?“ fragte Kranich von oben herab.
„Jawohl, mein Herr“, erwiderte der Ober höflich, und diese Antwort brachte Kranich in vorübergehende Verlegenheit.
„Gans haben Sie …“ murmelte er sichtlich verwundert. „Ein gutes Haus … Führt Gans … Aber ich habe heute mittag schon Gans gegessen. Bringen Sie Gräupchen.“
„Mit Fleisch?“
„Ohne Fleisch. Immer wieder Fleisch ist auf die Dauer nicht gesund. Und dann: ein kleines Helles!“
„Spezial, Hofbräu oder …“
„Das billigste“, sagte Kranich ruhig.
Die Dame neben ihm sah auf. Sekundenlang blitzte es belustigt in ihren Augen. Dann senkte sie ihren Kopf, so daß ihr Gesicht unter dem breiten Rand des schwarzen Hutes verschwand.
„Sie wundern sich, gnädiges Fräulein?“ fragte Kranich gelassen.
„Ich wundere mich nicht“, sagte sie sehr schnell und sehr bestimmt.
Kranich legte den Kopf verblüfft auf die Seite. Sein Verfahren, mit Damen anzuknüpfen, war sonderbar — er wußte das und war sowohl auf kühl-verächtliche Blicke gefaßt, als auch auf eine scharfe Zurechtweisung. Es widerfuhr ihm heute zum erstenmal, daß eine unbekannte Dame auf eine seiner plötzlichen und meist völlig unbegründeten Fragen, ohne mit der Wimper zu zucken, ganz sachlich antwortete.
„Dann … wundern Sie sich eben nicht“, sagte Kranich endlich. Doch sofort nahm er einen neuen Anlauf: „Vielleicht werden Sie sich aber doch wundern, wenn ich Ihnen verrate, daß mir mein Arzt empfohlen hat, nur ganz billige Biere zu trinken, da sie viel weniger schädlich sein sollen.“
„Auch darüber wundere ich mich nicht“, sagte das Mädchen ernst. „Ich habe nämlich heute auch kein Geld.“
Kranich riß den Mund auf, und es verging eine Weile, ehe er daran dachte, ihn wieder zu schließen.
„Oh, oh“, stammelte er. „Eine verd … kühne Schlußfolgerung! Sie meinen, ich hätte kein Geld?! Ich, der berühmte Detektiv Kranich von der Firma ‚Jenns & Hirschfeld‘ hätte kein Geld? Unglaublich!“ Er lachte laut auf. Dann fügte er ruhig hinzu: „Im übrigen haben Sie vollkommen recht.“
Dieses Zugeständnis kam so unerwartet, daß die junge Dame in einem plötzlichen Anfall von Lachen beinahe an einem Bissen ihrer Nachspeise erstickte. Kranich beobachtete mitleidig, wie sie hustete und hustete, und ihr Gesicht dabei immer röter wurde.
„Es wird Ihnen was in die Ventilationsröhre hineingekommen sein“, meinte er teilnahmsvoll. „Trösten Sie sich: das kommt öfter vor. Mein Großvater zum Beispiel ist daran gestorben.“
Das Mädchen, das sich schon halb beruhigt hatte, begann von neuem zu husten und zu lachen.
„Sie haben eine wunderbare Art, einen Menschen zu trösten“, sagte sie endlich. „Sie hätten Krankenpfleger werden sollen.“
Kranich zuckte die Achseln.
„Auch das habe ich versucht. Man warf mich nach fünf Tagen raus, weil ich zu aufmerksam gegen die Kranken war. Ich hatte unter anderem den Patienten, die sich in der Nacht langweilten, Alkohol verschafft. Diese Neuerung fand unter den Kranken allgemeine Anerkennung — trotzdem wurde ich rausgeworfen. Als ob ich etwas dafür konnte, daß zwei dieser unvernünftigen Geschöpfe auf den Gedanken kamen, mitten in der Nacht im Park spazieren zu gehen. Das hätte jedoch noch nichts ausgemacht, wenn sie nicht so töricht gewesen wären, sich am Treppengeländer hinunterzulassen — vielleicht wäre aber auch das noch nicht entscheidend gewesen, wenn sie nicht ausgerechnet auf dem Rücken der durch den Lärm herbeigelockten Oberin gelandet wären. Natürlich war hinterher ich an allem schuld, obwohl ich bei dem Auftritt gar nicht mitgewirkt und nicht einmal besonders laut gelacht hatte.“
„Sie sind großartig“, erklärte das Mädchen heiter. „Aber was ist denn los?“
Kranich war plötzlich aufgesprungen.
„Verdammt noch mal!“ rief er wütend. „Jetzt hat dieses dösende Kamel vom Nebentisch doch richtig meine Mappe mitgenommen.“
Mit ein paar Sätzen jagte er hinter dem „dösenden Kamel“ her, das es jetzt übrigens recht eilig zu haben schien. Es war ein dicker, schwarzhaariger Mann, der in sichtlicher Hast dem Ausgang zustrebte. Als er merkte, daß Kranich ihn einholen würde, blieb er sofort stehen.
„He! Sie da! Verehrtester!“ rief Kranich. „Das ist meine Mappe! Wo haben Sie denn Ihre Augen?“
Der Mann sah wirklich erschrocken aus.
„Wie kann man nur so vergeßlich sein!“ rief er bestürzt. „Ich besitze genau solch eine Mappe, und daher …“
Kranich winkte gnädig mit der Hand.
„Schon gut! Meine Großtante war auch vergeßlich. Sie kam einmal mit drei Schirmen nach Hause, und von diesen dreien gehörte ihr keiner. Auf Wiedersehen!“
Er überzeugte sich, daß alle Schriftstücke nach wie vor in der Mappe waren, und trat wieder an seinen Tisch.
„Sagen Sie mal“, empfing ihn seine Nachbarin, die den Auftritt gespannt verfolgt hatte. „Sind Sie nicht Detektiv?“
„Ja, Warum …“
„Kommt Ihnen da gar nicht der Gedanke, daß jener Mann Ihre Mappe absichtlich mitgenommen haben könnte, um sich deren Inhalt anzueignen?“
Kranich blickte nachdenklich auf seine Gräupchen, die der Ober inzwischen gebracht hatte.
„Es ist möglich“, sagte er nach kurzem Schweigen ruhig. „Aber Sie verzeihen: Ich muß jetzt speisen.“
Er aß mit jenem ausgezeichneten Appetit, der allen jungen Leuten eigen ist, die aus geldlichen Rücksichten regelmäßig auf das Mittagessen verzichten. Er unterbrach seine Mahlzeit nur zweimal, und auch das lediglich, um vom Nebentisch neue Brötchen heranzuholen. Endlich war er fertig, lehnte sich mit Behagen in seinem Stuhl zurück und brannte sich eine Zigarette an.
„Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?“ erkundigte er sich höflich.
„Ich heiße Agnes Wieland“, erwiderte seine Nachbarin freundlich, „und arbeite — Sie werden staunen — bei dem Privatdetektiv Egon Friede.“
„Donner … Donnerwetter!“ brummte Kranich. „Hm … Da sind Sie wohl gar Detekteuse?“
„Nein“, gab sie lachend zurück. „Ich bin nur Tippfräulein.“
„Nun geht mir ein Licht auf!“ rief Kranich. „Wenn Sie bei einer Detektei arbeiten, wundert es mich nicht mehr, daß auch Sie kein Geld haben. In diesem Fach sind die Gelder verd … selten!“
„Oh, bitte sehr!“ widersprach Agnes. „Ich habe nur daher kein Geld, weil mein Vorgesetzter sich verausgabt hat, und die heute erwartete Zahlung erst nach Schluß der Banken durch einen Scheck geleistet wurde.“
„Wird schon ein hoher Scheck sein“, meinte Kranich wegwerfend. Wenn er gegessen hatte, war er stets von einer großen Verachtung für alle Privatdetekteien beseelt.
„Achthundert Mark“, sagte sie. „Und dabei ist das nur der Vorschuß für den Fall Sommerfield‘, den Herr Friede heute übernommen hat. Der eigentliche Verdienst …“
„Halt! Halt!“ schrie Kranich aufgeregt dazwischen. „Langsam, Fräulein Agnes! Nur immer langsam! Welchen Auftrag, sagten Sie, hat Herr Friede heute übernommen? Aber bitte: Ganz langsam und deutlich!“
„Som-mer-field“, antwortete sie, jede Silbe betonend.
„Ich leide also doch nicht an Gehörstörungen. Aber weiter: Wie hoch war der Scheck, den Ihr Vorgesetzter als Vorschuß erhielt?“
„Achthundert Mark.“
„Ha, ha, ha! Prächtig! Herrlich! Herr Ober!“ Kranich war ganz aus dem Häuschen. „Herrr … Ober! Bringen Sie zwei Glas Weinbrand! Den Spaß müssen wir begießen, Fräulein Agnes! Köstlich! Herrlich …“
„Ich trinke keinen Weinbrand“, sagte Agnes und schüttelte verblüfft über Kranichs Gebaren den Kopf. „Einen Mokka vielleicht …“
Kranich zog seine Geldbörse und machte rasch Kassensturz.
„Nein!“ sagte er fest. „Zum Mokka langt’s nicht. Herrr … Ober! Nur einen Weinbrand!“
5
Agnes war für einen Augenblick sprachlos: solch ein Kavalier war ihr im Leben noch nicht vorgekommen! Aber dann tat sie das Klügste, was sie tun konnte: sie lächelte nachsichtig.
„Und nun sagen Sie mir bitte, Herr Kranich, warum Sie das alles so außer Rand und Band bringt.“
„Später, später“, beschwichtigte sie der junge Detektiv. „Erst müssen Sie mir genau erzählen, wie die Geschichte war. Vor allem: Wann erhielten Sie den Auftrag und von wem?“
„Ich dürfte Ihnen das eigentlich nicht erzählen“, besann sich Agnes endlich auf ihr Berufsgeheimnis. Dann überlegte sie aber, daß Kranich doch der denkbar harmloseste junge Mann sei … und außerdem war sie neugierig, nachher zu erfahren, was für eine Bewandtnis es mit diesem Auftrag habe.
„Es war gegen sechs Uhr, als ich nach Erledigung einer Besorgung noch einmal ins Büro kam“, berichtete sie. „Bald darauf erschien der Kommerzienrat Sommerfield. Ich dachte erst, Herr Friede würde ihn abweisen, da er gar nicht gut auf ihn zu sprechen war; aber nein: er ließ ihn vor und unterhielt sich etwa eine Stunde lang mit ihm. Als der Kommerzienrat sich verabschiedete, fragte er, ob der Scheck von achthundert Mark genüge. Herr Friede erklärte, für die erste Zeit reiche dieser Betrag vollkommen …“
„Dieser Schuft!“ murmelte Kranich dumpf.
„Erlauben Sie!“ begehrte Agnes auf. „Ich kann es nicht dulden, daß Sie in meiner Gegenwart in dieser Tonart von Herrn Friede sprechen! Es ist geschmacklos und …“
„Ta ta tü — ta ta ta — und so weiter!“ unterbrach Kranich sie und schnitt eine Grimasse. „Ich meine doch gar nicht Ihren Herrn Friede, sondern diesen Schuft und Gauner Hirschfeld!“
„Ach so“, meinte Agnes erstaunt. „Nun gut! Immerhin könnten Sie sich wirklich in Gegenwart einer Dame etwas mehr Zwang anlegen und deutlicher sprechen.“
„Könnte ich auch“, nickte Kranich. „Was glauben Sie, was für einen Zwang ich mir anlegen würde, wenn Sie zum Beispiel eine reiche Erbin wären! Aber Sie sind genau so ein ausgebeutetes armes Hascherl wie ich. Wir sind sozusagen unter uns Proletariern … Aber zur Sache! Wissen Sie, was sich hier in meiner Mappe befindet?“
„Nein!“
„Die Akten des Falles ‚Peter Sommerfield‘!“
„Ah! …“
„Sehen Sie! Jetzt sind Sie verblüfft! — Jawohl! Der Kommerzienrat hat unserer Detektei denselben Auftrag wie Herrn Friede erteilt. Und unsere Detektei hat mich mit den Untersuchungen betraut. Aber, was das Schönste ist: der Kommerzienrat wird uns angeblich morgen für den Fall zweihundertfünfzig Mark Vorschuß bezahlen, und davon soll ich fünfzig Mark bekommen. Was sagen Sie nun?“
„Das ist schäbig“, erklärte Agnes, die jetzt diesen Teil der Angelegenheit begriffen hatte.
„Und ob das schäbig ist!“ rief Kranich entrüstet. Aber er beruhigte sich gleich wieder. „Na, gut! Ich weiß ja nun Bescheid. Morgen soll der Hirschfeld was erleben!“
„Was können Sie tun? Wenn Sie aufmucken, wird er Sie rauswerfen und den Auftrag einem anderen Detektiv übergeben …“
„Ja, wenn er das könnte! Ich bin nicht ganz so dumm! Nee, Fräuleinchen … Ich habe die Sommerfieldschen Schriftstücke heute schon ein bißchen angesehen. Es ist ein ganz schwerer Fall. Dem ist von allen unseren Detektiven außer mir keiner gewachsen. Und wenn Hirschfeld das nicht weiß, so weiß es immerhin sein Kindermädchen Hübner.“
„Der Fall ist schwierig“, stimmte Agnes zu. „Auch wenn Herr Friede noch so nötig Geld braucht, übernimmt er schon seit langem keinen einfachen Fall mehr.“
„Er kann sich’s leisten“, murmelte Kranich mit einem Blick auf die Uhr. „Wenn ich so bekannt wäre wie er … Aber es wird Zeit zum Gehen. Ich muß bis morgen über den Fall ‚Sommerfield‘ genau unterrichtet sein … Ober, zahlen!“
Beide beglichen ihre Zeche und traten auf die Straße hinaus.
„Also, Fräulein Agnes, leben Sie wohl“, sagte Kranich in sichtlicher Unruhe. „Ich muß wirklich eilen.“
„Wohin gehen Sie jetzt?“ erkundigte sie sich.
„Nach Hause, natürlich. Ich wohne am Barbarossaplatz.“
„Dann können Sie mich noch ein Stückchen begleiten. Es ist für Sie kaum ein Umweg. Ich muß noch schnell ins Büro, ein paar Briefe schreiben.“
Kranich sah wieder nach der Uhr.
„Na, gut“, sagte er widerstrebend zu. Aber er war den ganzen Weg über so nachdenklich und schweigsam, daß sein Umweg sich eigentlich kaum lohnte. Immerhin hatten die beiden jungen Leute für morgen abend einen Treffpunkt vereinbart, als Agnes vor einer Tür stehen blieb und die Schlüssel aus der Handtasche nahm.
„Hier also ist das Büro des berühmten Detektivs“, meinte Kranich, und es klang fast wie Neid aus seiner Stimme. „Möchte wissen, ob ich je ein eigenes Büro haben werde.“
In diesem Augenblick wurde die Haustür von innen ungestüm aufgerissen, und ein Mann stürzte barhäuptig, mit offenem Rock, auf die Straße.
„Herr Friede?!“ rief Agnes verwundert.
„Sie hier!“ sagte Friede und blieb stehen. Der Schein einer Laterne fiel voll auf seine scharfgeschnittenen Züge. Da sah Agnes, daß sein Gesicht von einer geisterhaften Blässe bedeckt war und seine Augen wie im Fieber glänzten.
„Was ist …“, begann sie erschrocken.
„Kommen Sie mit hinauf“, sagte Friede beherrscht, aber seine Lippen zuckten, „bei mir ist eingebrochen worden.“
„Und? Und?“
„Die Akten ‚Sommerfield‘ sind verschwunden“, sagte der große Detektiv, und man sah es, daß er sich Gewalt antun mußte, um halbwegs gefaßt zu erscheinen.
Agnes flog neben ihm her die Treppe hinauf. Weder sie noch Friede achteten auf ihren Begleiter, der gemächlich hinter ihnen hertrabte.
„Es ist doch zum …“ knirschte Friede, als sie das Büro betreten hatten und die von den Einbrechern angerichtete Verwüstung betrachteten. „Wenn ich die Akten wenigstens schon gelesen hätte! Aber so … Ich muß es dem Kommerzienrat mitteilen. Es wird natürlich bekannt … Ich bin bloßgestellt …“
Plötzlich bemerkte er Kranich.
Dieser junge Mann hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, drehte seinen abgenutzten, formlosen Hut zwischen den Fingern und sah teilnahmsvoll und treuherzig zu Friede hinüber.
„Was wollen Sie? Wie kommen Sie hierher?“ brüllte ihn Friede an.
„Gestatten — Kranich“, sagte der junge Mann und machte im Sitzen eine knappe Verbeugung. „Ich konnte es mir nicht versagen, einmal meinen berühmten Kollegen bei der Arbeit zu beobachten. Die Gelegenheit war zu günstig …“
An Friedes Stirn schwoll eine Zornesader.
„Mein Herr!“ sagte er mit unheimlicher Ruhe. „Die Gelegenheit, von hier zu verschwinden, ist augenblicklich auch noch günstig. Los! Scheren Sie sich zum Teufel!“ Er machte drohend einen Schritt auf den lästigen Besucher zu.
„Ta ta tü, ta ta ta“, rief Kranich, erhob sich und streckte abwehrend die Hand aus. „Nicht so stürmisch! Eile mit Weile — pflegte mein Stiefonkel zu sagen, wenn Einbrecher im Hause waren — und dann wählte er mit Bedacht eine geeignete Krawatte …“
„Jetzt ist’s aber des Guten zuviel!“ rief Friede, zog den Rock aus und krempelte die Ärmel hoch.
„Sie werden sich erkälten“, warnte Kranich. „Aber bevor Sie mich ’rauswerfen — das bin ich übrigens schon gewöhnt —, lassen Sie lieber von Fräulein Agnes die Akten Sommerfield abschreiben, die ich Ihnen hier mitgebracht habe …“
„W—a—a—s haben Sie mitgebracht?“ fragte Friede verblüfft.
„Die Akten Sommerfield“, wiederholte Kranich. „Was denn sonst?“
Agnes lachte laut auf. Nun erst kam ihr der Gedanke, sich ins Mittel zu legen. Sie tat es anscheinend mit bestem Erfolg, denn schon eine halbe Stunde später arbeiteten alle drei eifrig und einmütig. Friede oder Kranich diktierten, Agnes nahm das Stenogramm auf; wenn sie nicht mehr konnte, schrieb einer von den beiden Männern ein halbes Stündchen auf der Maschine.
Auf dem Tisch standen Weinbrandflaschen, Zigaretten und kalter Aufschnitt. Wer Kranich essen und trinken sah, wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß ihm sein Arzt nur billige Biere empfohlen hätte, oder daß dieser junge Mann der Überzeugung wäre, Fleisch sei auf die Dauer ungesund. Er räumte so gründlich auf, daß Friede sogar seinen für unvorhergesehene Fälle angelegten eisernen Bestand an Büchsenfleisch anreißen mußte.
Als sämtliche Schriftstücke diktiert waren, und Agnes sich daran machte, sie mit der Maschine abzuschreiben, sah Friede endlich nach der Uhr.
„Sechs Uhr morgens“, meinte er verwundert. „Es lohnt sich nicht mehr, schlafen zu gehen.“ Er begab sich in den Nebenraum und bereitete einen vorzüglichen Mokka.
Und dann saßen Kranich und Friede beisammen am Tisch und besprachen von allen Seiten den sonderbaren Fall „Sommerfield“. Ausnahmsweise redete Kranich diesmal etwas weniger als sonst, und gerade dieser Umstand war für sein ferneres Wohlergehen von entscheidender Bedeutung, denn Friede haßte Schwatzhaftigkeit und ließ sie nur als Mittel zum Zweck gelten — zum Irreführen eines Gegners.
Um acht Uhr war schon ein guter Teil der Akten mit der Maschine abgeschrieben, und alle drei jungen Leute begaben sich zur Bank. Friede löste seinen Scheck ein und gab jedem der Gehilfen hundert Mark.
Dies alles aber war die Ursache, daß Kranichs Wirtin beinahe in Ohnmacht fiel, als der vielversprechende junge Mann gegen halb neun Uhr bedenklich schwankend ihre gute Stube betrat, nachlässig einen Geldschein auf den Tisch warf und mit etwas unsicherer Zunge fragte:
„Können Sie hundert Mark wechseln?“
6
Das Frisörgeschäft „François Bourgmiller“ erfreute sich regen Zuspruchs und immer wachsender Beliebtheit. Der Inhaber, François Bourgmiller, konnte zufrieden sein. Eigentlich hieß er Franz Burgmüller, aber schon damals, als er noch bei der Albion-Filmgesellschaft Theaterfrisör war, hatte er erkannt, daß seine Kunden — insbesondere die Damen — einem Haarkünstler um so mehr Vertrauen entgegenbrachten, je mehr sie sich beim Aussprechen seines Namens die Zunge verdrehen mußten.
François — so nannten ihn seine alten Kunden, und so wollen auch wir ihn nennen — stand in seinem blaueingefaßten, weißen Mantel neben der Kasse und zwirbelte seine linke Schnurrbarthälfte; das tat er immer, wenn er Zeit hatte. Er war klein von Wuchs, äußerst behend und flink, hatte eine runde, spiegelblanke Glatze und auffallend große Ohren, die sich an seinem kahlen Schädel wie zwei Fragezeichen ausnahmen.
Damit hätte man alles Wichtige über sein Äußeres gesagt, wenn nicht noch seine kleinen, gutmütigen Mäuseaugen gewesen wären. Ein Blick in diese Augen genügte, und man kannte den ganzen François; diese Augen, die jetzt mit liebkosenden, zärtlichen Blicken über den Kassenstreifen glitten, konnten vielleicht auch mal traurig dreinschauen, auch ängstlich — nie aber wären sie imstande gewesen, zornig oder haßerfüllt zu funkeln. Darum kann man diese Augen gar nicht treffender kennzeichnen als mit dem Ausdruck Mäuseaugen.
„Monsieur François“, wandte sich sein Lehrling an ihn. Er mußte einer der jüngsten Lehrlinge sein, denn er sprach das „Monsieur“ so aus, als verschlucke er dabei einen Knödel. „Hier ist die Karte eines Herrn, der nur von Ihnen selbst bedient sein will.“
François warf einen beinahe furchtsamen Blick auf das weiße Kärtchen. Als er neben dem Namen „Stephan Gerron“ den kleinen Buchstaben „v“ bemerkte, verschwand plötzlich das glückliche Lächeln aus seinem Gesicht, und seine Augen glichen mehr denn je furchtsamen, kleinen Mäuseaugen.
„Chambre séparée“, sagte er leise, fast geistesabwesend.
„Schaum — Paré“, murmelte der Lehrling und trollte sich eilig davon, da er von der Richtigkeit seiner Aussprache nicht ganz überzeugt war.
François seufzte bekümmert und schritt langsam, mit gesenktem Kopf, die Stufen einer Treppe hinauf. Hier, in einem langen Gang, lagen die Einzelkabinen. Von außen sahen sie kaum anders aus als die anderer Frisöre auch. Dennoch unterschieden sie sich in einem Punkte wesentlich von allen ähnlichen Einzelkabinen. Das Sonderbarste daran aber war, daß der sonst so geschäftstüchtige François in keinem seiner zahlreichen Werbeblätter und Rundschreiben die Kundschaft auf diesen Umstand aufmerksam machte: die Einzelkabinen François’ waren nämlich vollkommen schalldicht gebaut.
François öffnete eine Glastür und dann die eigentliche, mit dickem Stoff verkleidete Innentür und befand sich nun in einer hellerleuchteten Frisörzelle. Mit dem Rücken zu ihm saß vor dem großen Spiegel ein Mann in mittleren Jahren mit vollem, gutgepflegtem Backenbart und einer etwas altmodischen, goldumfaßten Brille, durch die zwei dunkle Augen dem Spiegelbild François’ entgegenblitzten.
„Machst schon wieder ein Leichenbittergesicht“, sagte eine tiefe, nicht unangenehme Stimme spöttisch.
François zuckte zusammen.
„Nichts für ungut, Herr … Gerron“, murmelte er und trat näher. „Was darf es sein?“
Der Mann vor dem Spiegel zog seine Hand aus der Tasche. Ein schwarzer, enganliegender Handschuh wurde sichtbar, aber das schien François durchaus nicht zu wundern.
„Hier!“ sagte der Kunde und tippte mit dem schwarzen Finger auf ein Lichtbild, das ihn selbst darstellte. Und dann sprach er die etwas ungewöhnlichen Worte: „Genau so muß ich in einer halben Stunde aussehen. Verstanden? Wehe dir, wenn du nicht eine Musterarbeit lieferst.“
François brachte das Bild ganz nahe an eine Lampe und betrachtete es lange mit prüfenden Blicken. Dann besah er sich ebenso aufmerksam das Gesicht seines Gastes.
„Stümperarbeit, Stümperarbeit“, brummte er leise und machte sich am Waschtisch zu schaffen. „Am besten wäre es, das alles erst einmal runterzunehmen und dann …“
Weiter kam er nicht. Ein lautes Auflachen des Fremden unterbrach ihn.
„Das täte dir so passen! Nee, nee, mein Lieber! Auch du wirst mein wirkliches Gesicht nie zu sehen bekommen. Das heißt: du kannst es sehen, wenn du willst … aber dann …“
„Nicht, nicht“, wehrte François entsetzt ab. „Ich bin nicht neugierig; nein, ganz und gar nicht …“
„Das wird auch dein Glück sein“, knurrte der Mann vor dem Spiegel, sichtlich zufrieden mit der Wirkung seiner Worte. „Und jetzt los, an die Arbeit!“
François begann mit den Haaren des Fremden. Vorsichtig, als hänge sein Leben davon ab, löste er eine Perücke vom Kopf Gerrons. Er wußte, daß er das durfte, da sein unheimlicher Kunde darunter stets eine zweite glatte Perücke trug. Dann begann François verschiedene andere Perücken zu probieren, bis er eine gefunden hatte, die ihm zusagte. Er befestigte sie am Kopf des Kunden und machte sich nun daran, an Hand des vor ihm liegenden Bildes die Haare der Perücke zu verschneiden.
„Habe heute wieder was Feines vor“, sagte der Fremde, dessen Augen im Spiegel jeder Bewegung der flinken Finger François’ folgten. „Was ganz besonders Feines!“ Augenscheinlich bereitete es Gerron Vergnügen, François in Schrecken zu versetzen.
„Bitte, sprechen Sie nicht davon“, bat der kleine Mann mit halberstickter Stimme. „Ich komme mir sonst vor wie ein Spießgeselle von Ihnen …“
„Du gefällst mir! Bist du vielleicht nicht mein Spießgeselle?“
„Nein, nein!“ stöhnte François. „Ich tue meine Pflicht, sonst nichts. Weshalb Sie sich so verkleiden, geht mich nichts an …“
„Ha, ha, ha!“ lachte Gerron. „Eine hübsche Moral! Dabei weißt du ganz genau, daß du mir jedesmal dazu verhilfst, einen Menschen …“
„Still! Schweigen Sie!“ zischte der Frisör, bleich wie Kalk. „Ich will nichts wissen! Ich will nicht!“
„Und doch hast du mit wollüstiger Neugier die Gerichtsverhandlung gegen Sommerfield, den Brudermörder, in den Zeitungen verfolgt …“
„Nein, nein!“
„Du hast recht: nein! Er ist kein Brudermörder. Ich weiß es, und du weißt es, und sonst niemand! Die Geschworenen, die Sommerfield zum Tode verurteilten, wußten es jedenfalls nicht — und das ist die Hauptsache.“
François legte die Schere aus der Hand, die jetzt merklich zitterte.
„Warum? Warum taten Sie es?“ fragte er tonlos.
„Du Narr! Weil die beiden Brüder jemand im Wege waren, der meinen Preis zahlen konnte.“
François seufzte wieder und machte sich mit Kitt an der Nase des Kunden zu schaffen.
„Sie wagen viel“, meinte er. „Einer Ihrer Spießgesellen wird Sie einmal verraten …“
„Du bist der einzige, der es vielleicht könnte“, gab der andere rasch zurück. „Und du wirst es niemals tun.“
„Und warum nicht?“ fragte François, all seinen Mut zusammennehmend. „Ich habe einmal etwas von straffreien Kronzeugen gehört …“
Plötzlich öffnete sich die Tür, und durch einen Spalt blickte ein blonder Mädchenkopf.
„Pa! Es ist schon halb acht. Ich gehe jetzt nach Hause.“
„Geh nur, geh nur, mein Kind“, sagte François zerstreut.
Das Mädchen trat aber ein.
„Hier ist die Abendzeitung“, sagte sie. „Vielleicht möchte der Herr einen Blick hineinwerfen.“
Sie stand einen Augenblick unschlüssig da — eine hoch- und schlankgewachsene Mädchengestalt mit hübschen, weichen Gesichtszügen —, dann wünschte sie freundlich „Guten Abend“ und schloß die Tür hinter sich.
„Darum!“ sagte der Fremde trocken.
„Was? Wie? Was meinen Sie?“ fragte François verwirrt.
Gerron betrachtete das Gesicht des Frisörs im Spiegel.
„Darum“, wiederholte er mit Nachdruck. „Darum wirst du mich nie verraten. Verstehst du?“
François schüttelte nur stumm den Kopf.
„Du bist ein Angsthase“, erklärte Gerron bedächtig. „Schon das allein schützt mich vor deinem Verrat. Du wirst nie vergessen, wie man den Slawinsky aus dem Wasser zog, und in welchem Zustand die Leiche Fischers war, als man sie auf den Schienen der Eisenbahn fand. Diese beiden versuchten es, mich zu verraten, und ich strafte sie … Ja, schon deine Angst vor einem ähnlichen Ende sollte genügen. Aber ich verlasse mich nie allein auf so etwas … denn man kann nie wissen … Sag mal, wie stellst du dir aber dein Familienleben vor, wenn es bekannt wird, daß du der Spießgeselle, der Hauptgehilfe des berühmtesten Giftmischers aller Zeiten warst? Glaubst du, deine Tochter — das Mädel vorhin ist doch deine Tochter? — würde dir noch je einen so zärtlichen Blick zuwerfen? Glaubst du …“
„Genug, genug“, stammelte François. „Ich kann nicht … ich kann nicht …“
„Na also!“ Gerron lachte gutmütig auf und griff nach der Zeitung.
„Übrigens“, meinte er nach kurzem Schweigen, „was ist’s mit deinem Mädel? Sie sieht gut aus und scheint nicht dumm zu sein. Ich könnte gerade jetzt eine Gehilfin in ihrem Alter gut brauchen …“
Das Rasiermesser, das François abzog, entglitt seinen Händen.
„Niemals! Nie!“ kreischte er plötzlich auf. „Sie … Sie … Sagen Sie das nicht noch einmal … Sonst … bei Gott …“
Der Fremde merkte sofort, daß er hier wirklich Unmögliches verlangte.
„Schon gut“, begütigte er. „Es war ja nur so ein Gedanke von mir … Also nicht. Es gibt genug Mädels, die froh wären … Na ja … Bist und bleibst ein Schafskopf …“
Er runzelte die Stirn und blätterte in der Zeitung. Plötzlich beugte er sich jäh vor. Seine Augen starrten auf einige gedruckte Zeilen, und seiner Kehle entrang sich ein ächzender Laut.
„Was? … Was? …“ rief François erschrocken und spähte über die Schulter Gerrons auf die Stelle, unter der sich dessen schwarzer Finger eingegraben hatte.
Inmitten der „letzten Nachrichten“ stand da ganz klein und eng gedruckt:
„Das Gnadengesuch Peter Sommerfields, der wegen Brudermordes zum Tode verurteilt wurde, ist bewilligt worden. Die Todesstrafe wurde in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Wie wir in letzter Stunde erfahren, ist der amtliche Eilbote erst knapp zehn Minuten vor Vollstreckung des Todesurteils eingetroffen, da er einen Motorradunfall erlitt und erst, nachdem er stundenlang bewußtlos im Straßengraben gelegen, wieder zu sich kam und sich zu Fuß bis zum nächsten Kraftwagen schleppte.“
„Verdammt!“ stieß Gerron hervor und schlug mit der Faust auf den Waschtisch. „Schnell! Schnell! Ich habe größte Eile!“
7
Als der Wärter Hans Schreiner schlüsselklappernd die Zelle Achtzehn des N. N. Gefängnisses betrat, hob der Gefangene Peter Sommerfield kaum den Kopf. Er saß auf dem einzigen vorhandenen harten Stuhl, hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und starrte in trüben Gedanken vor sich hin.
„Nun?“ sagte der Wärter ermunternd. „Nun? Immer noch so trübselig? Sie sind doch begnadigt worden …“
Der Gefangene hob jetzt mit einer jähen Bewegung den Kopf.
„Begnadigt?!“ rief er bitter. „Zu lebenslänglichem Zuchthaus — ja! Eine schöne Gnade! Ich weiß nicht, ob es nicht besser wäre, gleich umgebracht zu werden.“
„Aber … aber …“ murmelte Schreiner vorwurfsvoll. „Das ist doch … ja, das ist doch …“
Es gehörte nicht zu den Gewohnheiten Schreiners, sich mit den Gefangenen in eine Unterhaltung einzulassen, und die Worte wollten ihm daher nur schwer von den Lippen. Einen Augenblick stand er unschlüssig da und überlegte, ob er nicht lieber wieder gehen solle, aber dann siegte doch seine Gewissenhaftigkeit. Er war bis jetzt stets gewissenhaft gewesen, und nur wegen des erhöhten Schulgeldes für seinen ältesten Sohn hatte er sich bestechen lassen, diesem Gefangenen eine harmlose Freude zu bereiten. Die fünfzig Mark hatte er dafür schon erhalten, und kein Mensch hätte erfahren, ob er den übernommenen Auftrag ausgeführt oder nicht; aber er war eben gewissenhaft — sogar dann, wenn er seinen Vorgesetzten gegenüber mal ungewissenhaft handelte.
„Ein Freund von Ihnen“, begann er etwas unsicher, „schickt Ihnen das da!“ Mit diesen Worten holte er aus seiner weiten Manteltasche eine Weinbrandflasche und einen Aluminiumbecher hervor.
„Wer schickt das?“ fragte Sommerfield gespannt, und etwas wie eine leise Hoffnung belebte sein bleiches Gesicht.
„Er sagte, Sie würden es schon wissen“, meinte der Wärter gutmütig, entkorkte die Flasche und goß den Becher voll. „Er ließ Ihnen sagen — warten Sie mal — ja, so war es: Guck mal her, Timotheus, die Störche des … dann kam noch so ein komischer Name … Verstehen Sie das? Ich nicht.“
„Die Kraniche des Ibykus“, sagte Sommerfield nachdenklich.
„Richtig, so hieß der Herr!“ rief Schreiner erfreut.
„Man will mir Hoffnung machen“, meinte der Gefangene traurig, aber seine Augen blickten jetzt freundlicher. „Haben Sie Dank, guter Mann, für Ihre Botschaft. Trinken Sie ein Glas auf mein Wohl …“
„Nein, nein“, widersprach Schreiner. „Ich trinke nie … wenigstens im Dienst nicht …“
Sommerfield hatte den Kopf wieder in die Hände gestützt und beachtete den Wärter kaum noch.
Schreiner blickte auf die verführerische goldklare Flüssigkeit im Becher, räusperte sich, wartete eine Weile und räusperte sich dann wieder.
„Na, also gut …“ sagte er endlich widerstrebend. „Weil Sie mir so sehr zureden …“ Er stürzte den Inhalt des Bechers hinab und ächzte vor Vergnügen. „Das war einmal ein Tropfen! Trinken Sie mal auch, — das wird Ihnen gut tun!“ Wieder füllte er den Becher und hielt ihn Sommerfield hin.
„Wie sah denn der Freund aus?“ fragte jener gedankenvoll und griff nach dem Becher.
„Na, wie soll ich gleich sagen …“ begann Schreiner. „So ein … Mann … hm … mit so ’nem Haar, wissen Sie … Und dazu eine Nase — Teufel noch mal — eine Nase … Genau so eine Nase, wie sie der Wirt der Kantine in Lichterfelde hat … Wissen Sie, die Kantine gleich gegenüber dem Bahnhof …“
Sommerfield lächelte müde.
„Ich weiß jetzt genau, wie mein Freund aussah“, sagte er mit einem Anflug seiner früheren Spottlust, ‚Aber …“ Er sprang plötzlich auf. „Mann, was haben Sie denn? …“
Der Wärter taumelte wie ein Betrunkener hin und her, griff mit den Händen in die Luft, dann aber stürzte er mit einem unterdrückten Schrei zu Boden.
Sommerfield kniete neben ihm nieder, riß ihm den Rock auf, lockerte den Kragen. Dann hielt er jäh, wie erstarrt, inne.
Der Mann vor ihm war tot.
Und Sommerfield begriff: So tot wie jener da sollte jetzt er, Peter Sommerfield, sein! Das und nichts anderes hatte der „Freund“ bezweckt.
Langsam richtete sich der Gefangene auf und trat an die Tür, um Lärm zu schlagen. Er hatte keine Angst vor dem Alleinsein mit dem so jäh Verstorbenen, und seine Absicht, Leute herbeizurufen, entsprang eigentlich nicht einem bewußten Gedanken, sondern dem unbewußten Gefühl, daß man in solchen Fällen immer um Hilfe zu schreien habe — auch wenn keinerlei Hilfe mehr möglich war.
Erst als Sommerfield schon die Hand auf der Türklinke hatte, und sein Blick zufällig auf die am Boden liegenden Schlüssel des Wärters fiel, kam ihm jener abenteuerliche Gedanke, der für verschiedene achtbare Bürger verhängnisvolle Folgen haben sollte. Der Gefängnisdirektor von N. N. büßte dadurch seinen schönen Posten ein, da bei der folgenden Untersuchung eine Reihe grober Verfehlungen zutage kam. Der Bürgermeister des Ortes mußte abdanken, da auch er in einige peinliche Geschichten mitverwickelt war; am schlimmsten aber wirkte sich das für die Frau Bürgermeisterin aus, da sie den echten Fehpelz, auf den sie schon längst ihr Auge geworfen, nicht bekam und vor Neid und Ärger beinahe krank wurde, als sie eines Tages die Frau des Staatsanwalts Müller in ihrem, der Bürgermeisterin, Pelz Spazierengehen sah.
Doch an alle diese Auswirkungen seiner Tat dachte Peter nicht, als er eine Viertelstunde später in der Kleidung des Wärters Schreiner wie ein gehetztes Wild durch den Wald jagte. Im Augenblick hatte Peter nicht einmal Zeit, an viel näherliegende Fragen zu denken, denn die Schüsse und die Hornsignale hinter ihm besagten nur zu deutlich, daß seine Flucht sofort entdeckt worden war.
Es regnete in Strömen, und das war ein besonderer Glücksumstand für Peter. Sonst wäre er verloren gewesen, sobald seine Häscher ihm Hunde auf die Spur setzten. Aber auch ohne Hunde war die Hoffnung auf ein Entkommen äußerst gering. Wohin konnte er sich in seiner Wärterkleidung wagen? Nach einer halben Stunde schon würde es in der ganzen Umgebung bekannt sein, welche Kleidung der entsprungene Gefangene trug. Wie aber konnte er sich andere Kleider verschaffen?
Irgendwo ganz nahe blinkten Lichter. Peter wollte sich schon umwenden, um aus ihrem Bereich zu fliehen, als er sah, daß es die schwachen Laternen einer einsamen Landstraße waren. Nur ein Mensch war zu sehen — ein junges Mädchen im Regenmantel, das eilig des Weges kam. Und nun blitzte in Peter der zweite abenteuerliche Gedanke auf. Seinen ganzen Mut zusammennehmend, stürzte er vor, stellte sich vor das Mädchen und rief mit einer Stimme, die vor Aufregung ganz unnatürlich klang:
„Halt! Oder ich schieße!“
Das Mädchen blieb wie angewurzelt stehen. Der trübe Schein einer Laterne fiel auf ihr entsetztes, bleiches Gesicht.
„Was? … Was? …“ stammelte sie.
Aber mit dem Mut Peter Sommerfields war es plötzlich vorbei. Er war kein geübter Wegelagerer, und seine Nerven versagten.
„Wenn Sie sich rühren …“ murmelte er, aber der Ton seiner Worte war so flehend, wie man ihn sonst nie bei einem Straßenräuber zu hören bekommt.
„Hier, nehmen Sie …“ stotterte das Mädchen und reichte ihm ihre Handtasche. „Es … es ist nicht viel, aber bitte, bitte … tun Sie mir nichts …“
Peter sah in ihren Augen Tränen schimmern; er sah, wie ihre Lippen zuckten …
„Ich … ich kann nicht …“ würgte er hervor. Dann machte er kehrt und lief längs der Landstraße davon.
Ganz in der Nähe vor ihm knallte ein Schuß. Peter warf sich sofort herum und lief wieder zurück, an dem Mädchen vorbei.
„Halt!“ sagte das Mädchen plötzlich mit fester Stimme, denn sie hatte Mut — nur keinem bewaffneten Wegelagerer gegenüber. „Halt!“ wiederholte sie. „Sie sind kein Räuber.“
Peter blieb stehen.
„Nein!“ sagte er. „Ich wollte es versuchen … aber ich konnte nicht …“
„Wer sind Sie? Was wollten Sie?“ fragte sie hartnäckig weiter.
„Ich bin … entflohen … aus dem Gefängnis … Man sucht mich, und … und … ich muß einen anderen Mantel haben …“
Einen Augenblick nur überlegte das Mädchen, dann sagte sie so ruhig, als wäre es etwas ganz Alltägliches:
„Wir müssen von der Landstraße weg. Schnell! Dorthin — hinter die Bäume!“
„Ich … ich …“
„Lassen Sie mir ein wenig Zeit zum Überlegen“, unterbrach sie ihn. Sie standen jetzt etwas geschützt in dem dichten Gestrüpp, das sich am Rande der Straße hinzog. „Wenn ich Ihnen meinen Mantel gebe, nützt Ihnen das nichts. Sie müssen auch eine Mütze haben …“
„Ich kann sehr gut auch ohne Mütze …“
„Das fällt doch sofort auf. Bedenken Sie — bei dem Wetter! Nein … Es geht nur so … Sie müssen sich hier verbergen, bis ich in Lichterfelde für Sie einen Mantel und Hut besorge. Verstehen Sie? In einer Stunde bin ich wieder da …“
„Gut! Danke“, sagte Peter leise. Und dann fügte er traurig hinzu: „Wenn Sie mich verraten wollen, Fräulein — sagen Sie’s nur. Ich gehe dann lieber mit … Es ist schon gleich …“
„Sehe ich so aus, als ob …?“ fragte sie vorwurfsvoll.
„Nein, nein! Ich warte“, flüsterte Peter beschämt.
Schweigend schritten sie nebeneinander durch den Wald. Nach etwa zehn Minuten blieb das Mädchen stehen und deutete auf einige Sträucher.
„Hier!“ sagte sie. „Hier sind Sie einigermaßen geschützt.“ Sie warf noch einen prüfenden Blick um sich, dann nickte sie Peter ermutigend zu und schritt eilig davon.
Peter setzte sich auf einen nassen Baumstumpf und wartete. Er hatte zu diesem Mädchen Vertrauen gefaßt. Es war nur ein augenblicklicher Verdacht gewesen … Nein, nein! Sie würde ihn nicht verraten.
Wieder knallten Schüsse. Bald weit entfernt, bald irgendwo in bedrohlicher Nähe.
Bange Viertelstunden vergingen.
Peter wartete. Seiner Berechnung nach mußte schon längst eine Stunde vergangen sein, und das Mädchen war immer noch nicht da. War ihr etwas zugestoßen, oder … sollte sie es sich nachher doch noch anders überlegt haben? Überließ sie ihn hier seinem Schicksal?
Eine halbe Stunde nach der anderen verrann. Die Schüsse wurden seltener und hörten endlich ganz auf. Man rechnete also damit, daß es ihm gelungen sei, aus der nächsten Umgebung des Gefängnisses zu entkommen. Jetzt würden sie ihn in den Städten suchen, in Berlin … Vielleicht würden sie ihn finden, vielleicht auch nicht …
Pulsuz fraqment bitdi.