Kitabı oxu: «Jugend in Wien»

Şrift:

Jugend in Wien, Arthur Schnitzler

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849635572

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Arthur Schnitzler – Biografie und Bibliografie

Schriftsteller, geb. 15. Mai 1862 in Wien, gest. 21. Oktober 1931 ebenda, studierte Medizin, wurde zum Doktor promoviert, widmete sich aber bald ausschließlich der Literatur. Er lebt in Wien. Schon sein Erstlingswerk» Anatol«(Berl. 1893, 8. Aufl. 1905), das aus einer Reihe von dramatischen Dialogen besteht, verriet in der Verbindung von leichtfertiger Erotik, scharfer Beobachtung und überaus graziöser Darstellung die Eigenart von Schnitzlers starkem Talent. In ähnlichem Geiste gehalten sind die geistvollen Einakter» Der grüne Kakadu«,»Paracelsus «und» Die Gefährtin«(Berl. 1899, 3. Aufl. 1900),»Lebendige Stunden«(darin der ausgezeichnete Einakter» Literatur«, das. 1902, 5. Aufl. 1903) und» Marionetten«(ebenfalls drei Einakter, das. 1906), und dieselbe, auf die Länge etwas ermüdende Schilderung des Liebeslebens gewisser Wiener Kreise findet sich in den Schauspielen» Liebelei«(das. 1895, 4. Aufl. 1901),»Das Vermächtnis«(das. 1901),»Freiwild«(das. 1895, 2. umgearbeitete Aufl. 1902),»Das Märchen«(das. 1902) und auch, trotz zum Teil veränderten Milieus, in den neuern Werken größeren Stils:»Der Schleier der Beatrice«(das. 1901),»Der Ruf des Lebens«(das. 1905, 2. Aufl. 1906),»Der einsame Weg«(das. 1904, 4. Aufl. 1906) und der Komödie» Zwischenspiel«(das. 1906). Auch aus Schnitzlers erzählenden Werken» Sterben«(Berl. 1895, 4. Aufl. 1904),»Frau Berta Garlan«(das. 1901, 4. Aufl. 1904),»Leutnant Gustl«(das. 1901, 12. Aufl. 1906),»Die Frau des Weisen«(das. 1898, 6. Aufl. 1906) und» Die griechische Tänzerin«(Wien 1905) weht uns derselbe Geist entgegen, der sich schließlich in den (zuerst nur durch einen Privatdruck verbreiteten) sehr gewagten zehn Dialogen» Reigen«(das. 1903) in gar zu unbekümmerter Freiheit offenbart. Zuletzt erschien:»Dämmerseelen«, Novellen (1.–7. Aufl., Berl. 1907). Vgl. Salkind, Arthur S. (Leipz. 1907).

Jugend in Wien

Erstes Buch – Mai 1862 bis Mai 1875

Zu Wien in der Praterstraße, damals Jägerzeile geheißen, im dritten Stockwerk des an das Hotel Europe grenzenden Hauses, kam ich am 15. Mai 1862 zur Welt; und wenige Stunden später, mein Vater hat es mir oft erzählt, lag ich für eine Weile auf seinem Schreibtisch. Ob mir diesen für einen Säugling immerhin ungewöhnlichen Aufenthalt die Hebamme oder mein Vater selbst zugewiesen hatte, weiß ich nicht mehr; – jedenfalls gab die Tatsache ihm immer wieder Anlaß zu einer naheliegenden scherzhaften Prophezeiung meiner schriftstellerischen Laufbahn, – eine Prophezeiung übrigens, deren Erfüllung er nur in bescheidenem Ausmaße und keineswegs in ungeteilter Freude erleben sollte.

Die Familie meines Vaters war in Groß-Kanizsa, einer ungarischen Mittelstadt, zu Hause, soll ursprünglich Zimmermann geheißen und erst zu Lebzeiten meines Großvaters den Namen Schnitzler angenommen oder ihn von einer hohen Behörde zugewiesen erhalten haben. Meine Großmutter, Rosalie, war die Tochter eines gewissen David Klein aus Puszta Kovacsi im Zalaer Komitat und seiner Gattin Marie, geborener Rechnitz. Weiter vermag ich meine Abstammung väterlicherseits nicht zu verfolgen.

Mein Großvater, Tischler wie angeblich auch seine nächsten Vorfahren, befand sich mit den Seinen zeitlebens in beschränkten, ja dürftigen Verhältnissen, und am Schluß eines Briefes, den mein Vater wenige Tage nach meiner Geburt an ihn gerichtet hatte, war der Wunsch zu lesen, daß»der Enkel dem Großvater das Glück bringen möge, das ihm bisher so unbarmherzig den Rücken gekehrt habe«. Er soll des Lesens und des Schreibens unkundig, in seinem Handwerk aber beinahe ein Künstler gewesen sein; ob er es war oder mein Vater, der als Knabe für durchziehende Komödianten Theaterzettel in den Häusern austrug, ist mir nicht erinnerlich; was mir jedoch mein Vater in kindlicher Pietät verschwieg und ich erst lange nach seinem Tod aus dem Mund eines entfernten Verwandten erfuhr, ist der Umstand, daß mein Großvater Quartaltrinker war, welche, bei Juden im allgemeinen so selten vorkommende Anlage an den stets zerrütteten Vermögensverhältnissen der Familie wahrscheinlich die Hauptschuld trug. Im rüstigen Mannesalter, 1864, raffte ihn eine Lungenentzündung dahin, wenige Stunden nachdem er klagend ausgerufen:»So soll ich wirklich sterben, ohne meinen Enkel ein einziges Mal gesehen zu haben?«

Meine Großmutter hielt sich, zur Witwe geworden, manchmal für ein paar Tage oder Wochen bei uns im Hause auf; ich erinnere mich ihrer als einer hageren, häßlichen, in grauen Lüster gekleideten Frau, über deren krankhaften Geiz man sich nach ihrer Abreise ehrfurchtslose Bemerkungen erlaubte und von der ich einmal eine silberne (selbstverständlich von meinem Vater bezahlte) Taschenuhr zum Geschenk erhielt. Am Morgen, da, wenige Jahre nach dem Tode des Gatten, die Nachricht von ihrem Hinscheiden bei uns eingetroffen war, sah ich meinen Vater, den Kopf in die Hände gestützt, in Tränen am Schreibtisch sitzen, was auf mich, der ich ihn vorher niemals hatte weinen sehen, sonderbar, aber eigentlich nicht erschütternd wirkte.

Von den zwei Schwestern meines Vaters starb die ältere, Charlotte, ziemlich jung, gleich ihrem Manne Bodorfy, an einem Lungenleiden. Ihre vier Töchter, alle verheiratet, und nicht gleichmäßig vom Schicksal begünstigt, leben in Budapest, ebenso meines Vaters jüngere Schwester, Johanna, die Witwe eines vom Glück wenig begünstigten Kaufmannes, den man wohl etliche Male vor den Gerichten, aber am Ende doch nicht vor dem Bankerott zu bewahren vermochte. Ist ihr heute ein behagliches Alter beschieden, so hat sie das nicht nur ihrem egoistisch-heiteren Wesen, sondern ganz besonders der Zärtlichkeit ihres geschäfts- und lebenstüchtigen Sohnes zu danken.

Ich selbst bin ein einziges Mal, als fünf- oder sechsjähriger Knabe, für wenige Tage in die Heimatstadt meines Vaters gekommen; – ein Hof mit Hühnern, ein Bretterzaun, in dessen nächster Nähe die Eisenbahn vorbeilief, der in der Ferne verhallende Pfiff einer Lokomotive, das ist alles, was mir von jenem kurzen Aufenthalt im Gedächtnis verblieben ist. Seit wann meine Voreltern in Groß-Kanizsa, seit wann sie sich in Ungarn ansässig gemacht haben, in welchen Gegenden sie vorher umhergewandert und wo sie überall für kürzere oder längere Dauer heimisch gewesen sind, nachdem sie, wie wohl anzunehmen ist, vor zweitausend Jahren ihre Urheimat Palästina verlassen hatten, das alles ist mir vollkommen unbekannt. Sicher ist nur, daß mich weder Sehnsucht noch Heimweh jemals wieder nach Groß-Kanizsa gelockt haben; und wäre ich je zu längerem oder gar dauerndem Aufenthalt nach der Stadt verschlagen worden, in der meine Großeltern gelebt haben und in der mein Vater zur Welt kam, ich hätte mich dort gewiß wie ein Fremder, wenn nicht gar wie ein Verbannter fühlen müssen. So läge die Versuchung nahe, sich schon hier mit der fragwürdigen Auffassung auseinanderzusetzen, nach der jemand, der in einem bestimmten Land geboren, dort aufgewachsen, dort dauernd tätig ist, ein anderes Land – nicht etwa eines, in dem vor Jahrzehnten seine Eltern und Großeltern, sondern eines, wo seine Ururahnen vor Jahrtausenden zu Hause waren – nicht allein aus politischen, sozialen, ökonomischen Gründen (worüber sich immerhin diskutieren ließe), sondern auch gefühlsmäßig als seine eigentliche Heimat zu betrachten habe; – doch es erschiene verfrüht, wollte ich schon hier bei einem Problem verweilen, das in der damaligen liberalen oder liberalisierenden Epoche zwar in einigen Köpfen gewiß vorhanden war, aber größere praktische Bedeutung noch nicht gewonnen hatte.

Reichere und lebendigere Beziehungen als zur väterlichen Familie entwickelten sich naturgemäß zu den in Wien seßhaften Anverwandten meiner Mutter. Ihr Vater, Philipp Markbreiter, Sohn oder Enkel eines Wiener Hofjuweliers, Doktor der Medizin und Philosophie, war in früheren Jahren ein sehr gesuchter praktischer Arzt gewesen, überdies in seinen Mußestunden vortrefflicher Pianist, und er hätte es nach Bildung und Begabung in jeder Hinsicht weiter bringen oder sich zum mindesten auf gebührender Höhe halten können, wäre er nicht der Leidenschaft des Spiels von Jahr zu Jahr rettungsloser anheimgefallen. Von einer gewissen, jedenfalls ziemlich frühen Epoche seines Lebens an vergeudete er alles, was er besaß und erwarb, in der kleinen Lotterie oder in Börsenspekulationen. Stets in Geldverlegenheiten, oder wenigstens auf der Suche nach neuen Spieleinsätzen, scheute er auch nicht davor zurück, sich die eben nötigen Summen auf minder gewöhnlichem Wege zu verschaffen; so entlieh er zum Beispiel von dem Gatten seiner ältesten Tochter sofort nach der Hochzeit die eben erst bezahlte Mitgift zur Begleichung einer dringenden Schuld und fand niemals wieder Gelegenheit, die verhältnismäßig geringe Summe – es handelte sich um sechstausend Gulden – zurückzuerstatten. Schon hoch in den Siebzig und von schwankender Gesundheit pflegte er allwinterlich nach Monte Carlo zu fahren; und regelmäßig war man genötigt, ihm das Geld zur Rückreise – und zwar meistens öfter als einmal – nachzusenden, da er seine gesamte Barschaft immer wieder am Roulettetisch verloren hatte. Daheim spielte er mit Gattin, Töchtern und anderen Verwandten verschiedene Hazardspiele zu niedrigen Sätzen, am liebsten» Angehen«, später auch Poker, und versuchte dabei in ganz kindischer Weise, durch Zurückbehalten und Verstecken von Karten unter der Tischplatte, auf den Knien, im Rockärmel, sein Glück zu verbessern, was man dem alten Mann um so nachsichtiger hingehen ließ, als eine Erkrankung des Handgelenkes ihm besonders geschickte Heimlichkeiten gar nicht erlaubte und er, wenn der lächerliche Betrug nicht geglückt war, zornig aufzustehen und nach wenigen Minuten, als wäre nichts geschehen, sich wieder an den Spieltisch zu setzen pflegte. Im ganzen habe ich seine Erscheinung als die eines meist unruhig verdrossenen, aber keineswegs unbedeutenden oder gar unvornehmen alten Mannes im Gedächtnis bewahrt. In guten Stunden stand ihm nicht nur bis in die allerletzte Lebenszeit eine gewisse weltmännische Liebenswürdigkeit, sondern auch eine überraschende Schärfe und Beweglichkeit des Geistes zu Gebote, wie er auch noch in seinen spätesten Jahren römische und griechische Klassiker auswendig zu rezitieren pflegte. Was mir an ihm ernstlich mißfiel, war eigentlich nur das mürrische Wesen, das er seiner einzigen lebenden Schwester gegenüber an den Tag legte, einem mittellosen, schwerhörigen und halb blinden alten Fräulein, dessen unverschuldete, mit Würde und Geduld getragene Gebrechen und kümmerliches Altjungfernlos er das bedauernswerte Wesen in einer mir unbegreiflichen Weise, wie ein an ihm verübtes Unrecht, durch üble Laune gewissermaßen entgelten ließ. Von ihren Neffen und Nichten aber, denen sie früher Unterricht im Klavierspiel und in fremden Sprachen erteilt hatte, wurde die» Tante Marie «mit herzlicher Dankbarkeit verehrt, auch die nachwachsende Generation hing mit Liebe an dem gütigen, stillen Geschöpf, und so geschah es oft, daß wir Kinder sie mit der Mama auch im Sommer auf dem Lande besuchten, meist in Mödling, wohin sie sich später gänzlich zurückzog und wo wir jederzeit gewiß sein konnten, sie in einer beschränkten, aber nett gehaltenen Häuslichkeit, in Gesellschaft eines Kanarienvogels, mit ihrer Starbrille über einen Leihbibliotheksband gebeugt, am Fenster anzutreffen. Bei ihr begegneten wir zuweilen auch zwei anderen zur Familie gehörigen alten Jungfern, die, sehr lang und hager die eine, die andere klein und verwachsen, schlechtweg» die Cousinen «genannt wurden, und die ich mir, da die eine nie ohne die andere auftrat, als voneinander getrennte Einzelgestalten überhaupt niemals vorzustellen versuchte.

Meine Großmutter, in dem deutsch-ungarischen Städtchen Güns, nahe der niederösterreichischen Grenze, geboren, entstammte der ansehnlichen Familie Schey, die sich bis auf einen Ahnen namens Israel zurückverfolgen läßt, dessen Sohn Lipmann im Jahre 1776 starb. Dieses Lipmann Urenkel, Markus, verehelicht mit Sossel Strauß, war mein Urgroßvater, und seiner vermag ich mich noch heute als eines gelähmten, im Krankenstuhl sitzenden, auch der Sprache nicht mehr mächtigen Greises deutlich zu entsinnen. Er starb 1869, sein Bruder Josef war ihm 1849 vorangegangen, der jüngere, Philipp, als der erste baronisierte Schey, lebte bis zum Jahre 1880. Ihn sehe ich noch vor mir als einen hochgewachsenen, aufrecht behäbigen, spöttisch lächelnden, glattrasierten, mit altmodischer Vornehmheit gekleideten Mann in einem geräumigen, fast prächtigen Zimmer seiner Praterstraßenwohnung, deren bis zum Fußboden reichende Fenster durch vergoldete Gitterstäbe gegen die balkonartigen Vorsprünge gesichert waren; und es wird mir schwer, im inneren Bild seine imposante und etwas einschüchternde Erscheinung und die des alten geheimrätlichen Goethe auseinanderzuhalten.

Die Wohlhabenheit der Familie Schey reicht weit zurück; im Beginn des vorigen (19.) Jahrhunderts wächst sie durch Tätigkeit und höchst geschickte Geldgebarung im Verkehr mit verschuldeten ungarischen Adeligen zu Reichtum an; eine teilweise Übersiedelung in die Großstadt erfolgt, das Geschlecht verzweigt sich weiter, verschwägert sich vielfach in oft vorteilhafter Weise; Bankiers, Offiziere, Gelehrte, Landwirte gehen aus ihm hervor; auch an Originalen fehlt es nicht, in denen der Typus des jüdischen Patriarchen und des Aristokraten, des Agenten und des Kavaliers sich eigenartig vermischen; manche der jüngeren und jüngsten Sprosse unterscheiden sich von den Abkömmlingen altadeliger Geschlechter höchstens durch ein Mehr an Witz und die rasseneigentümliche Neigung zur Selbstironie; auch unter den Frauen und Mädchen – neben solchen, die in Aussehen und Gehaben ihren Ursprung nicht verleugnen wollen oder können – erscheint das Sportfräulein und die Modedame; und es versteht sich von selbst, daß in den Regionen, an denen ich hier, den Jahrzehnten vorauseilend, flüchtig vorüberstreife, der Snobismus, die Weltkrankheit unserer Epoche, ausnehmend günstige Entwicklungsbedingungen vorfinden mußte.

Meine Großmutter Amalia Markbreiter kam noch aus einer anderen, stilleren und einfältigeren Zeit. Sie war eine durchaus bürgerlich erzogene, einfach kluge und tüchtige Hausfrau, ihrem etwas problematischen Ehegemahl die ergebenste und geduldigste Gattin, ihren zahlreichen Kindern eine liebevolle und geliebte Mutter. Aus meinen Kinderjahren erinnere ich mich kaum eines Tages, an dem sich nicht meine Mutter, gleichwie auch die anderen, später verehelichten Töchter, öfters auch Söhne, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter in den Abendstunden zu kürzerem oder längerem Verweilen bei ihr eingefunden hätten. Während die Erwachsenen kamen, gingen, plauderten, sich an einem harmlosen Hazard vergnügten, unterhielten sich die Kinder in ihrer Weise mit Lektüre und Spielen aller Art. Diese Abende im großmütterlichen Heim fließen für mich alle gewissermaßen ineinander; nur einige heben sich heller und festlicher heraus. So vor allem der eine im Jahr, an dem der Versöhnungstag zur Neige ging und man sehnsüchtig nach dem Abendstern ausblickte, dessen Erschimmern am Horizont den Beschluß des Buß- und Fasttages verkündete. Da stand in der Mitte des Zimmers der gedeckte Tisch mit köstlichem, rituell zubereitetem Backwerk reich beladen,»Boles «und Pfefferbretzeln, Mohn-und Nußkindeln, – woran sich auch diejenigen erlaben durften, die nicht seit vierundzwanzig Stunden gefastet hatten, also die Kinder und die freigeistigeren männlichen Familienmitglieder; und – mußte man nicht schon bei dieser Gelegenheit an der göttlichen Gerechtigkeit irre werden – gerade die durften nach Herzenslust prassen, ohne die lästige Vorsicht, die den frommen Fastern dringend angeraten war. Übrigens glaube ich, daß die Frömmste, ja vielleicht die einzig wirklich Fromme in der Gesellschaft, die gute Großmama war, die wohl auch den größten Teil des Tags im Tempel betend verbracht hatte; ihre Kinder und Kindeskinder, wenn und solange sie es überhaupt taten, feierten den Bußtag hauptsächlich ihr zuliebe und nach ihrem Tode nur aus Pietät weiter. Doch war auch für meine Großmutter das Fasten am Versöhnungstag neben dem österlichen Essen ungesäuerter Brote (die übrigens in den Kaffee gebrockt vorzüglich mundeten) die einzige rituelle Übung, an der sie mit Strenge, aber nur mit Strenge gegen sich selbst, festhielt. Schon die Feier des Laubhüttenfestes oder gar eine Heiligung des Sabbats fand im großelterlichen Hause nicht statt; und in den folgenden Generationen trat – bei allem, oft trotzigen Betonen der Stammeszugehörigkeit – gegenüber dem Geist jüdischer Religion eher Gleichgültigkeit, ihren äußeren Formen gegenüber Widerstand, wenn nicht gar spöttisches Verhalten zutage.

In den sechziger Jahren wohnten meine Großeltern im Carltheatergebäude, so daß meine theatralischen Erlebnisse schon aus diesem äußeren Grunde zu einer besonders frühen Epoche anheben. Das erste, das ich zu berichten habe, wäre allerdings sehr bedingt als ein eigentlich theatralisches zu bezeichnen. Es bestand nämlich darin, daß ich als zwei- oder dreijähriges Kind aus einem Fenster der großelterlichen Wohnung einen Operngucker auf die Straße hinunterwarf. Doch wurde es mir später im engeren Familienkreise so oft als ein symbolisches oder zum mindesten vorbedeutendes wiedererzählt, daß ich selbst nahe daran war, es recht unlogischerweise als ein solches aufzufassen. Meine erste persönliche Erinnerung auf theatralischem Gebiete aber ist die an einen Schauspieler in Altwiener Tracht, den ich unter dem Glasdach, auf das ich von dem Hoffenster der großelterlichen Wohnung hinunterblickte, von den Garderoberäumen aus, mit einer Tragbutte auf dem Rücken, zur Bühne hinwandeln sah. Diese Figur wieder fließt für mich zusammen mit einer andern, die in ähnlichem Kostüm auf den Vorhang des Theaters an der Wien gemalt ist und den berühmten Komiker Scholz vorstellen soll, dessen Urbild also, wenn er damals überhaupt noch am Leben war, durch jenen Garderobengang an meinem Kinderaug geisterhaft vorübergeschwebt sein mag. Es war wohl auch das Carltheater, in dem ich zuerst einer Vorstellung beiwohnen durfte; und eine der ersten, wenn nicht die allererste, ist die Offenbach'sche Operette» Orpheus in der Unterwelt «gewesen. An diese fröhliche, doch so gut wie erloschene Erinnerung knüpft sich eine andere, etwas peinlichere, wahrscheinlich darum um soviel deutlichere an, die Erinnerung an meinen ersten ausgesprochenen Mißerfolg. Der berühmte Komiker Knaack hatte in jener Vorstellung den Styx gespielt, und ich, einer früh erwachten Neigung folgend, versuchte öfters, ihn in Sprache und Gebärde zu kopieren, womit ich in meiner allernächsten Verwandt- und Bekanntschaft großen Beifall zu erzielen pflegte. Dadurch ermutigt, unternahm ich es einmal, mit dem undisziplinierten Ehrgeiz meiner sechs oder sieben Jahre, das Couplet» Als ich noch Prinz war von Arkadien «ganz in Knaack'scher Manier, mit einem Kehrbesen manövrierend, im Beisein einer mir völlig unbekannten Dame vorzutragen, die eben bei meiner Mama zu Besuch anwesend war. Noch heute ist mir der ungerührte, kalte, geradezu vernichtende Blick gegenwärtig, mit dem mich die Dame nach geendeter Produktion von oben herab maß; und von allen verdienten und unverdienten Abfällen, die ich seitdem erlebt habe, ist mir dieser erste vielleicht am unauslöschlichsten eingeprägt geblieben.

Die Leopoldstadt war zu jener Zeit noch ein vornehmes und angesehenes Viertel, und insbesondere ihre Hauptstraße, in der auch das Carltheater stand, wußte etwas von ihrem Glanz auch über die spärlichen Stunden hinaus zu bewahren, da in Equipagen und Fiakern die große, die elegante, die leichtlebige Welt von den Pferderennen oder von Blumenfesten aus der» Hauptallee «zurückgesaust kam. Gar oft genoß ich in meinen Kinderjahren dieses prächtigen Anblicks von der Wohnung der Großeltern aus; auch später noch, als sie bald aus dem Carltheatergebäude in ein Haus der Circusgasse übersiedelt waren, von dessen vorderen Fenstern man gleichfalls auf die Praterstraße herabsah. Die meisten anderen Verwandten wohnten ganz in der Nähe, im gleichen Bezirk; nur meine Eltern hatten die Wohnung in der Praterstraße bald verlassen und eine neue auf der Schottenbastei bezogen, die übrigens schon damals keine Bastei war, sondern eine Straße wie andere auch.

Aus dieser Zeit, also etwa aus meinem vierten oder fünften Lebensjahr, erinnere ich mich als meines ersten Spielgenossen eines kleinen Grafen Kalman, dessen Vater ein Patient des meinen war. Ich wüßte gewiß nicht mehr, mit welchen Spielen wir zwei kleine Buben uns damals unterhalten haben, wenn mir nicht eine wunderliche Frage, die ich einmal an mein Kinderfräulein stellte, offenbar um ihrer bald erkannten besonderen Unsinnigkeit willen, im Gedächtnis verblieben wäre. Wir hatten unsere hölzernen Soldaten auf dem weißen Kindertischchen in Schlachtordnung aufgestellt, als mir plötzlich einfiel, mich bei dem Fräulein zu erkundigen, welches denn eigentlich die Feinde seien, – die mit den grünen oder die mit den roten Aufschlägen? Das Fräulein gab die Frage mit gleicher Ernsthaftigkeit an die Kalman'sche Bonne weiter, die mit größter Bestimmtheit die Roten als die Feinde bezeichnete, worauf ich beruhigt mich entschloß, ob als Freund oder Feind weiß ich nicht mehr, den Kampf aufzunehmen.

Die der Schottenbastei zunächst gelegene grüne Anlage war das sogenannte Paradeis- oder Paradiesgartel, das mir in meiner Erinnerung kaum wie ein wirklicher Garten, sondern eher wie ein bläßliches Aquarell erscheint. Vor mir sehe ich einen grünen Rasen mit Blumenbeeten, zierliche Tische und Stühle vor einem länglichen, weißen Gebäude mit hohen Fenstern; zu Füßen eines weiblichen Wesens, das rechterseits auf einer Bank sitzt, spielt ein Kind in hellem Kleidchen; und irgendwo leuchtet ein roter Sonnenschirm. – Bin ich selbst dieses Kind? Ist das weibliche Wesen meine Bonne? Meine Mutter? Fließt, wie es so oft geschieht, Erinnerung an Erlebtes, an Mitgeteiltes, an ein irgendwo gesehenes Aquarell in ein Bild zusammen? Ich weiß es nicht. Das wirkliche Paradeisgartel verschwand jedenfalls schon in den letzten sechziger Jahren aus der Welt, ebenso wie die Löwelbastei, auf der es so manches Jahr geblüht hatte. An der gleichen Stelle ungefähr steht heute das Burgtheater.

Etwa um 1868 übersiedelten wir in die Giselastraße elf, in dasselbe Haus, sogar, irre ich nicht, in die gleichen Zimmer, von denen ich einige im Beginn der neunziger Jahre als junger Arzt wieder bewohnen sollte. In dieser Wohnung war es, wo ich des Morgens für mich und meinen um drei Jahre jüngeren Bruder zwei Fußschemel zum Wettrutschen bereitzustellen pflegte, dort, wo ich in einer Nacht vom Fenster aus die Flammen aus dem nahegelegenen Musikvereinsgebäude herausschlagen sah; dort auch, wo ich, wohlgekämmt und hübsch angezogen, mich im Wartezimmer bisweilen mit den Patienten meines Vaters unterhalten durfte. Als gleichaltriger Gespielen aus dieser Zeit erinnere ich mich der beiden Söhne des vertriebenen rumänischen Fürsten Couza, der zu den Patienten meines Vaters gehörte, und mir ist, als wäre ich dort auch mit dem um ein wenig älteren Milan Obrenovic, dem späteren König von Serbien, zusammengetroffen, der damals mit seiner Mutter in der Döblinger Hauptstraße ein Landhaus, dem des Fürsten Couza gegenüber, bewohnte. Einmal, an einem späten Nachmittag, als ich lesend am Fenster saß, wie ich das zugleich zum Mißvergnügen und zum Stolz meiner Eltern oft bis tief in die Abendstunden zu tun pflegte, kam ein Wagen voll der prächtigsten Spielsachen für mich und meinen jüngeren Bruder angefahren; ein Fürstlich Couza'sches Geschenk und als um so fürstlicher zu begrüßen, da weder Weihnacht noch Ostern noch irgendein Geburtsfest Anlaß dazu bot. Das Hübscheste war ein liliputanischer Garten mit braunen Holzstämmchen, grünen Papierblättern, bunten Beeten und Rasenflächen, doch weder damit noch mit dem Inhalt der übrigen Schachteln beschäftigte ich mich lebhafter, sobald nur die erste Neugier gestillt war, wie mir überhaupt Kinderspielzeug, auch in diesen frühen Jahren, im allgemeinen kein sonderliches Interesse abzugewinnen pflegte. Zwar fehlte auch das Puppentheater in unserer Kinderstube nicht, doch glaube ich nicht, trotz gelegentlicher Versuche, als Dichter, Sprecher, Figurenschieber, durch Erfindungsgabe oder andere puppenspielerische Talente mich irgendwie ausgezeichnet zu haben. Weit größeres Vergnügen gewährte mir das eigentliche, das lebendige Theaterspielen, das bald im Familienkreis mit Vettern und Basen, bald auswärts mit anderen kleinen Freunden und Freundinnen, vor allem mit den Kindern des berühmten Schauspielers Sonnenthal und denen eines Galanteriewarenhändlers von Rosenberg, eifrigst und immer aus dem Stegreif betrieben wurde. Ich war es meistens, der beiläufig den Gang der Handlung entwarf, worauf Rede und Gegenrede dahinflossen, wie der Genius des Augenblicks sie den einzelnen eingab. Ernsthafte oder gar ausdauernde Zuschauer wohnten diesen Aufführungen kaum jemals bei, und gerne ließen wir uns an der Freude des Spiels und am gegenseitigen Beifall genügen. Für die kleinen Verliebtheiten und Eifersüchteleien, wie sie in solcher Atmosphäre leicht gedeihen, waren wir noch nicht erwachsen genug; nur eines Abends erinnere ich mich, an dem eine kleine Kollegin, nachdem ich mich von den männlichen Schauspielerkameraden mit kindlich-freundschaftlichen Umarmungen verabschiedet, mir an die Wohnungstüre nacheilte und sich mit den zögernden Worten an mich wandte:»Gib mir auch einen Kuß«, welchem Wunsch ich mit von der Erregung des Spiels noch geröteten Wangen, nicht ganz ohne Selbstgefühl, Folge leistete. Was wir in jenen Stegreifspielereien zu agieren pflegten, war mehr zauberisch-märchenhafter und abenteuerlich-indianischer als klassischer oder romantischer Natur, obzwar gerade zu jener Zeit nicht nur meine persönlichen dichterischen Bestrebungen, sondern auch ein allgemeiner literarischer Bildungstrieb sich deutlich anzukündigen begannen. Entschiedene Anregungen verdankte ich hier einer neuen Erzieherin, die um das Jahr 70 in unser Haus eingetreten war, wo nunmehr drei Kinder, ich, mein Bruder Julius, 1865, meine Schwester Gisela, 1867 geboren, ihrer Obhut anvertraut waren. Ein Knabe, Emil, ein Jahr nach mir zur Welt gekommen, hatte sie schon nach wenigen Monaten wieder verlassen. Diese Erzieherin, eine junge Norddeutsche, Bertha Lehmann mit Namen, blaß, schlank, blond, gutmütig und ohne besonderen Liebreiz, war es, die mich dazu veranlaßte, den größten Teil meines Taschengeldes für die kleinen gelbroten Büchelchen der eben erst neugegründeten Reclam'schen Universalbibliothek zu verwenden. Mein Vater war von der Entdeckung, daß der neunjährige Bub» Die Räuber «und» Fiesko «las, zwar wenig erbaut, doch war seine Mißbilligung durch kaum verhehlten Stolz erheblich gemildert. Nun weiß ich heute freilich nicht mehr, ob jene klassischen Meisterwerke, denen bald die» Jungfrau von Orleans«,»Braut von Messina«,»Emilia Galotti «und viele andere, auch Shakespeare'sche Dramen, sich zugesellten, schon damals wirklich den tiefen Eindruck auf mich ausübten, den zu erleben ich mir einbildete, oder ob mein kindliches Entzücken sich nicht vielmehr an dem meiner Erzieherin entzündete. Mag ihre Begeisterung vielleicht auch nicht ganz ursprünglich gewesen sein, sicher ist, daß meine Anteilnahme an Poesie und Theater nicht nur durch den persönlichen Einfluß des Fräulein Bertha Lehmann, sondern auch durch mein Bekanntwerden mit ihrer Familie lebhaft gefördert wurde, wo mir solche Kunstinteressen und Bestrebungen ins Praktische gewandt zum erstenmal deutlich vor Augen traten. Die Eltern Lehmann, vor Jahren aus Berlin eingewandert, einfache Leute, ich weiß nicht, welchen Gewerbes, wohnten mit drei erwachsenen Kindern ziemlich ärmlich im Freihaus auf der Wieden. Vom alten Lehmann ist mir noch seine norddeutsche Aussprache, seine Ähnlichkeit mit Heinrich Laube und das spöttische Lächeln in Erinnerung, das um seinen Mund spielte, als ich auf die Frage, wer der größte Arzt nach Oppolzer sei, die mir daheim halb im Scherz beigebrachte Antwort erteilte: der Papa. Die jüngere Tochter war am Burgtheater zweite Liebhaberin, der ältere Bruder ebendort als Statist in Stellung; merkwürdiger war mir der jüngere, in dem ich einen Dichter zum erstenmal nicht nur ganz in der Nähe kennenlernte, sondern auch bei seiner Arbeit zu beobachten Gelegenheit hatte, indem ich Zeuge sein durfte, wie er in der Küche mit der zierlichsten Schrift auf große Bogen Kanzleipapier mit einem Nudelbrett als Unterlage ein Drama niederschrieb und die Namen der sprechenden Personen, worunter eine Gräfin, mit Hilfe eines Lineals aufs sorgfältigste unterstrich. Ob es für mich einer solchen Anregung überhaupt noch bedurfte, ja, ob ich meinen eigenen ersten dramatischen Versuch nicht schon vorher gewagt hatte, ist mir nicht mehr erinnerlich; sicher weiß ich nur, daß er, obwohl auf fünf Akte und ein Vorspiel angelegt, über dieses Vorspiel und das Personenverzeichnis nie hinausgelangt ist. Mein Stück sollte den Titel führen:»Aristokrat und Demokrat«, und als Personen traten auf:»der Fürst«,»die Fürstin«,»der Graf«,»die Gräfin«,»der Baron«,»die Baronin «sowie ein bürgerlicher» Jüngling«, der sich schlechthin Robert nannte und den Prolog mit einem fulminant revolutionären Satz wirkungsvoll zu beschließen hatte, während dem gesamten Adel durchaus im Sinne der Lehmannschen Familienanschauungen, die noch lange Zeit in mir nachwirkten, höchst mesquine Rollen zugedacht waren. Niedergeschrieben hatte ich mein Vorspiel in ein kleines, in rotes Leder gebundenes Notizbuch, ohne daß übrigens die Farbe mit der Tendenz etwas zu tun gehabt hätte; vielmehr liebte ich es, mir derartige kleine Büchlein vielfach und in den verschiedensten Farben anzuschaffen. Stets aber betrat ich die Papierhandlung mit einem knappen Vorbericht über meine augenblickliche Finanzlage, also etwa:»Ich habe zwanzig Kreuzer bei mir«, und nicht im Traum kam mir der Gedanke, daß man das Geschäft auch mit einem Rest an Barvermögen verlassen durfte. Vielleicht stand der Vollendung meines ersten Theaterstücks nur die Beschränktheit meiner Mittel entgegen, denn erst viel später kam ich auf den Einfall, mir statt der kostspieligen Notizbücher wohlfeileres Schreibpapier anzuschaffen.

Aber nicht nur mein Interesse für klassische Dichtung und für soziale Fragen, sondern auch, freilich nur zufällig, für das weit geheimnisvollere Gebiet menschlicher Herzensangelegenheiten wurde durch Fräulein Bertha Lehmann angeregt und gefördert. So gedenke ich vor allem eines blondbärtigen, im gleichen Hause mit uns wohnhaften oder angestellten jungen Mannes, mit dem auf der Stiege kürzere und längere Unterhaltungen stattfanden, wie sie der Wiener Dialekt als» Standerln «zu bezeichnen pflegt; – und eines von diesem Herrn stammenden Briefes, den Fräulein Lehmann im Kinderzimmer, während sie mich schlafend wähnte, unserer Hausnäherin stolz und ergriffen vorlas. Insbesondere die wohlgesetzte Phrase:»Sie werden meine Worte nicht auf die Waagschale legen«, verfehlte nicht ihren Eindruck auf mein erwachendes Stilgefühl, was mich jedoch nicht abhielt, am nächsten Morgen meine Erzieherin durch eine plötzliche hämische Zitierung jenes Satzes in Verlegenheit zu bringen.

Eine ernstere und folgenschwerere Beziehung entwickelte sich zwischen Fräulein Lehmann und einem Infanterieleutnant; ich sehe ihn noch vor mir – schlank und jung, die Bluse halb geöffnet, ohne Halsbinde, wie er uns an seiner Wohnungstüre empfängt, während hinter ihm, in einem von sommerlich herabgelassenen Vorhängen etwas verdunkelten Zimmer, eine schlichte alte Frau, seine Mutter, an einer Kommode lehnend, die Geliebte des Sohnes und ihren kleinen Zögling mit freundlichem Lächeln begrüßt. Hier, in einem bescheidenen Zinshaus der Hernalser Hauptstraße, war es, wo Wiener Vorstadtluft, ja gewissermaßen Wiener Volksstücksatmosphäre, mich zum erstenmal berührte und, ohne daß ich mir dessen bewußt wurde, sofort gefangennahm. Leider sollte der zarte Liebesroman, über dessen Anfangszeilen mein Knabenblick flüchtig hinstreifte, sich recht unpoetisch-bürgerlich weiterspinnen und höchst realistisch-kläglich enden. Fräulein Bertha heiratete ihren Leutnant, der bald darauf seine Charge niederlegte, aber in Zivil sein Fortkommen nicht zu finden wußte. – Armut, Zank, Trunk, Elend, früher Witwenstand; – und wieder Elend, Alkohol und mühselige Arbeit, das war der triviale Inhalt der weiteren Romankapitel, von dem ich nur beiläufige und verspätete Kenntnis erhielt. Viele Jahre hindurch schwand die arme Frau, die in allem ihren Unglück so glücklich war, sich bis ins hohe Alter einen unverwüstlichen Optimismus zu erhalten, beinahe gänzlich aus meinem Gesichtskreis, tauchte dann als ziemlich herabgekommene, manchmal auch ein wenig nach Wein duftende Handarbeiterin oder als bescheidene Almosenwerberin wieder auf, fand später in dem Hause ihrer frühverstorbenen Schwester bei ihrem Neffen, der gleichfalls ein kleiner Burgschauspieler wurde, Häuslichkeit und Unterstützung, und hält heute (1916) noch als Greisin durch gelegentliche Besuche, Übersendung selbstverfertigter Stickereien und durch Briefe, deren gebildeter, häufig überschwänglicher Ton und Stil die klassisch angehauchte Vergangenheit und das rührend dankbare Herz der Verfasserin nie verleugnet, die Verbindung mit mir und wohl auch mit anderen Überlebenden aus jener besseren Zeit aufrecht.

Gleichfalls als eine Art Stegreifkomödie, wie jene früher erwähnten häuslichen Theaterspielereien, wenn auch als eine halb unbewußte, wäre wohl die mehr kindische als kindliche Unterhaltung zu bezeichnen, die an einem köstlichen Sommertag im Thalhof zu Reichenau zwischen mir und Felix Sonnenthal stattfand, – dem ältesten Sohn des berühmten Schauspielers, der ein Freund und Patient meines Vaters war. Während die Erwachsenen im Speisesaal schwarzen Kaffee tranken, saßen wir zwei Buben, damals sieben oder acht Jahre alt, im Garten und ließen die Schönheit der freien Landschaft auf uns wirken. Allmälig schauten und redeten wir uns in ein solches Entzücken hinein, daß wir endlich den Entschluß faßten, gemeinsam die Welt – diese ganze schöne Welt im wörtlichen Sinn – zu erobern und mit Reichenau als dem zweifellos herrlichsten Erdenfleck den Anfang zu machen. Zur Durchprüfung unseres immerhin weitausgreifenden Planes sollten, nach meinem einleuchtenden Vorschlag, Teufelsmasken genügen; kämen wir zwei, Felix und ich, in solcher schauerlichen Verkleidung angerückt, dann würde unverzüglich, so erklärte ich kategorisch,»der alte Aberglaube in der Menschheit erwachen«, und unser Sieg in kürzester Zeit vollendet sein. Über die sonstigen Einzelheiten des Unternehmens und darüber, was wir am Ende mit der eroberten Welt beginnen sollten, zerbrach ich mir um so weniger den Kopf, als ich mir schon im Aussprechen jener großartigen Worte sowohl über ihre Phrasenhaftigkeit als auch über die ganze Lächerlichkeit unserer Welteroberungspläne gewiß keiner Täuschung hingab. Jedenfalls aber war es hier in Reichenau, zu Füßen des Schneebergs und der Rax, wo zum erstenmal eine erhabenere Bergnatur sich vor mir öffnete, als ich sie im nahen Umkreis von Wien zu sehen gewohnt war, und wo das Geheimnis der Höhen und Fernen zum erstenmal an meine Seele griff; und dies allein reichte gewiß aus, sie in einen gelinden Rausch zu versetzen, auch ohne daß man ihr noch überdies die ahnungsvolle Voraussicht zuschreiben müßte, daß eben diese Gegend, ja gerade der Thalhof und seine nächste Umgebung, Jahrzehnte später dem herangereiften Jüngling als wundersamer Rahmen für ein geliebtes Frauenbild unendlich viel bedeuten sollte.

Am stärksten wurde meine Neigung zur Theaterspielerei jeder Art, bewußter und unbewußter, durch ziemlich häufigen Theaterbesuch, und dieser wieder durch die vielfachen ärztlichen und freundschaftlichen Beziehungen meines Vaters zur Theaterwelt gefördert. Einer meiner ersten, seltsamsten und nachhaltigsten Eindrücke knüpft sich an eine Vorstellung der Gounodschen» Margarethe «im alten Kärntnertortheater, in der Gustav Walter den Faust und Dr. Schmid den Mephisto sang. Wie hätte ich mich auch nicht wundern sollen, wenn in der Gartenszene des dritten Aktes Faust und Mephisto während einer Gesangspause sich hinter einen Busch zurückzogen und von dort aus zu unserer Loge einen deutlichen Gruß mit Händewinken und Verneigen heraufsandten, um sich dann wieder, mitten auf die Szene tretend, mit Gesang und Spiel Margarethen und Marthen zu gesellen? Doch bei aller Verwunderung hatte ich keineswegs das Gefühl, auf schmerzliche Weise aus einer Illusion gerissen worden zu sein; ja, ich zweifle nicht, daß mir schon damals – wenn auch nicht so klar bewußt wie heute – die Welt der Bühne durchaus nicht eine der Täuschung und des Trugs bedeutete, deren Störung durch ein unvermutetes Eingreifen aus der Sphäre der Realität ich wie eine Beleidigung oder wie das Aufgescheuchtwerden aus einem holden Traum zu empfinden hätte; – sondern daß sich mir eine Welt der Anregungen, der Verkleidungen, der lustigen und traurigen Späße aufgetan hatte, eine Welt des Spiels mit einem Wort, über deren Unwirklichkeit, auch der höchsten Kunstleistung gegenüber, und im Zustand der tiefsten Ergriffenheit bei vernunftbegabten Wesen keinen Augenblick ein Irrtum walten konnte. Ja, dieses kleine Erlebnis mag in all seiner Geringfügigkeit das Seine zu der Entwicklung jenes Grundmotivs vom Ineinanderfließen von Ernst und Spiel, Leben und Komödie, Wahrheit und Lüge beigetragen haben, das mich immer wieder, auch jenseits alles Theaters und aller Theaterei, ja über alle Kunst hinaus, bewegt und beschäftigt hat.

Wenige Jahre darauf trug sich ein verwandter Vorfall im Wiedner Theater zu, als im Zwischenakt einer Strauß'schen Operette der Tenor Szika, in die prächtige Phantasieuniform seiner Rolle gekleidet, uns in unserer Loge einen Besuch abstattete. Auch er wußte sich dieser Begegnung noch zu erinnern, als er mir ein Vierteljahrhundert später auf der Bühne des Frankfurter Schauspielhauses als Musikus Weiring in der» Liebelei«, außerhalb Wiens der erste Darsteller dieser Rolle, entgegentrat.

Daß der Patientenkreis meines Vaters sich zum größten Teil aus Bühnenkünstlern zusammensetzte, war in der Natur des von ihm erwählten Spezialfaches, der Laryngologie, begründet. Das Gymnasialstudium – um gleich hier über seinen Lebens- und Studiengang das Wichtigste einzufügen – hatte er in seiner Heimatstadt begonnen und in Budapest vollendet, wo er auch seine ersten Universitätsjahre absolvierte. Nicht nur der Wunsch, eine andere bedeutendere und deutschsprachige Hochschule zu besuchen, sondern auch eine Herzensgeschichte war die Ursache, daß er Budapest vor Vollendung seiner medizinischen Studien verließ. Er war Hauslehrer bei den Söhnen eines sehr bekannten Buchhändlers, der außer diesen Söhnen zwei schöne, aber leichtsinnige Töchter hatte. Mein Vater verliebte sich in die jüngere, sie ließ sich die Schwärmerei des mittellosen Studiosus gefallen, ohne sie ernst zu nehmen; er warb um sie in aller Form, sie zog ihn hin, ohne ihn aber gänzlich zu entmutigen. Zu dieser Zeit geschah es, daß sie auf einer Tanzunterhaltung, wie sie solche manchmal auch insgeheim zu besuchen pflegte, einen Hauptmann kennenlernte und bald dessen Geliebte wurde. Dem Buchhändler blieb diese Verbindung kein Geheimnis, er wies die Tochter zwar nicht, wie er anfangs willens gewesen war, aus dem Hause, vermied es aber von Stund ab, das Wort an sie zu richten. Mein Vater, sobald er klar zu sehen begonnen, betrat die Schwelle des Hauses nicht mehr, auch der weitere Aufenthalt in der Stadt war ihm verleidet, und in viertägiger Reise fuhr er, wie er mir später oft erzählte (ohne des Anlasses zu erwähnen), auf einem Leiterwagen nach Wien. Seine treulose Angebetete wurde von ihrem Hauptmann bald verlassen, tröstete sich mit anderen Männern und, nach einem wechselvollen Jugendleben, vermählte sie sich mit einem Uhrmacher, also, wie ihr bedünkte, unter ihrem Stande, jedenfalls unter ihren Ansprüchen und Hoffnungen. Die Hochzeitsreise führte das junge Paar nach Wien. Auf einem Spaziergang durch die Straßen der inneren Stadt war die junge Frau genötigt, in einen Hausflur zu treten, um das gelockerte Schuhband fester zu schnüren. Wie sie den Kopf wieder erhebt, erblickt sie unter der Einfahrt eine Tafel, auf der zu lesen steht:»Dr. Johann Schnitzler, Docent für Krankheiten des Kehlkopfes und der Nase, ordiniert von 2–4.«

Daß die Geschichte nun eine weitere Fortsetzung gehabt hätte, auch wenn der Uhrmachergemahl vor dem Haustor nicht auf und ab gewandelt wäre, ist unwahrscheinlich, da mein Vater damals auch schon glücklicher Ehemann war, vermutlich ein glücklicherer als der Uhrmacher. Mir gegenüber hat mein Vater über diesen Jugendtraum und – irrtum, wie über das meiste Menschlich-Allzumenschliche, das sich wohl auch in seinem Leben zugetragen haben dürfte, stets Schweigen bewahrt. Die ganze Geschichte wurde mir erst viele Jahre nach seinem Tod auf einem Spaziergang im Dornbacher Park von einem Freund erzählt, dessen Mutter als junges Mädchen im Hause jenes Buchhändlers verkehrt, zuweilen im Zimmer der Töchter übernachtet hatte und sich noch zu erinnern wußte, wie die beiden, wenn alles im Hause schlafen gegangen war, sich in Balltracht geworfen und verschwunden waren, um erst im Morgengrauen wieder zurückzukehren.

Mein Vater setzte also in Wien seine Studien fort; die Mittel dazu, wie zur Fortführung seiner Existenz überhaupt und überdies die zur Unterstützung seiner Angehörigen, verschaffte er sich, wie er es schon in Groß-Kanizsa und in Budapest getan, durch Erteilung von Lektionen in wohlhabenden Häusern. Bald nach Erlangung des Doktorats wurde er Assistent an der Oppolzer'schen Klinik und gelangte binnen weniger Jahre zu einer ziemlich ansehnlichen Privatpraxis, wobei ihm außer seinen Kenntnissen seine angeborene Liebenswürdigkeit und Weltklugheit, der es am Ende nur an tieferer Menschenkenntnis gebrach, vor allem zustatten kam. Der Laryngologie, die damals einen ziemlich neuen Wissenszweig bedeutete, wandte sich mein Vater mit besonderem Eifer zu und galt bald neben Schrötter und Stoerck als einer der hervorragendsten Schüler Türcks. – Während seiner Gymnasialzeit hatte er Dramen sowohl in deutscher als in ungarischer Sprache verfaßt, nach deren Kenntnisnahme, wie er mir später oftmals erzählte, einer seiner Professoren in Groß-Kanizsa» dem kleinen Judenbuben «prophezeit hatte, er würde einmal der ungarische Shakespeare werden. Auch habe ich einmal ein Manuskript von ihm in Händen gehabt, ja glaube sogar, mit seiner Zustimmung es eine Zeitlang verwahrt zu haben, das den ersten Akt eines in deutscher Sprache geschriebenen Dramas» Bar Kochba «enthielt und das später in Verlust geraten ist. Nach der Lektüre der Hyrtlschen Anatomie, zu der er in den Maturitätsferien angeregt wurde, hatte er allen dichterischen Zukunftsplänen entsagt und sich mit Begeisterung für die medizinische Laufbahn entschieden; aber noch bis in seine letzten Jahre erklärte er mit Überzeugung, nicht nur mir gegenüber, daß er seinen Anlagen nach mindestens zu den gleichen poetischen Aspirationen berechtigt gewesen wäre als ich. In wie weit er mit dem Glauben an seine dichterische Berufung im Recht war, läßt sich nicht nachprüfen; unbestreitbar aber war seine schriftstellerische und journalistische Begabung, und früh genug hatte er Gelegenheit, sie sowohl auf medizinisch-wissenschaftlichem als auf sozial-medizinischem Gebiete zu betätigen. Schon als Student beteiligte er sich an der Redaktion der von meinem Großvater gegründeten» Medizinal-Halle«, die später den Titel» Medizinische Presse «erhielt. Kurz nach seiner Verheiratung übernahm er selbständig deren Leitung, und nach mehr als zwei Jahrzehnten, durch Verlegerrancune aus dieser Stellung verdrängt, entschloß er sich sofort zur Gründung eines neuen Blattes, das er bis zu seinem Tode führte. Er bedurfte jederzeit, da er stets mitten im ärztlichen Parteigetriebe stand, eines publizistischen Organs, was insbesondere bei dem Kampf des Professorenkollegiums und der praktischen Ärzte gegen die von ihm und einigen anderen jüngeren Dozenten ins Leben gerufene Poliklinik für ihn und seine Freunde von Wichtigkeit und Vorteil war. Das Artikelschreiben, das Korrekturlesen, der Aufenthalt in Redaktion und Druckerei waren seiner Natur eingeborenes Bedürfnis, nicht weniger als die ärztliche Tätigkeit und das öffentliche Sprechen in medizinischen Gesellschaften, auf Naturforscherversammlungen, bei medizinischen Kongressen, ja wie überhaupt der lebendige Verkehr mit Kollegen, Freunden und solchen, die er dafür hielt. Das künstlerische Element seiner Natur aber sprach sich mehr in seinem Interesse für Menschen, die zur Kunst, insbesondere zur Bühne, in Beziehung standen, in seiner etwas naiven Sympathie für die äußerlich heitere und scheinbar leichtere Lebensführung innerhalb dieser Kreise, in seinem Respekt vor anerkannten oder gar gefeierten Namen (der sich nicht nur auf solche aus der Theaterwelt erstreckte); – also mehr in einer dem Schein und der Oberfläche zugewandten Weise aus als in einem tieferen Verhältnis zu dem Wesentlichen der Kunst, – zu dem, was in ihr Arbeit, Berufung und Schicksal bedeutet. Andererseits gebrach es ihm durchaus nicht an Urteil oder an Geschmack, der freilich wieder durch persönliche Sympathien und Antipathien und fremdes Urteil leicht zu beeinflussen war. Als Arzt der Concordia zählte mein Vater natürlich zahlreiche angesehene Mitglieder dieses Schriftsteller-und Journalistenvereines zu seinen Patienten und näheren Bekannten; von Dichtern jener Epoche erinnere ich mich, in unserem Hause nur Mosenthal gesehen zu haben als einen beleibten, rotbärtigen, freundlichen Herrn, dem ich zugleich als das erste mit eigenhändiger Autorenwidmung versehene Buch meiner Bibliothek das Schauspiel» Deborah «in hübschem grauem Einband verdanke, während desselben Autors Revolutionsdrama» Lambertine«, rot und in Goldschnitt gebunden, zu allgemeiner Besichtigung, aber von keiner Seite besonders geschätzt, auf dem Salontisch auflag.

Zur Lektüre belletristischer Werke fand mein Vater bei seiner ausgebreiteten Tätigkeit nicht viel Zeit, und seine Urteile deckten sich im ganzen mit denen der kompakten Majorität, als deren Organ auch damals schon die» Neue Freie Presse «gelten konnte, und die durchaus nicht immer die falschesten waren. Ins Theater ging er oft und gern, schon seinen Patienten zuliebe, die er gelegentlich auch während der Vorstellung in der Garderobe zu besuchen und ärztlich zu behandeln pflegte. Konzerten wohnte er nicht allzu häufig bei, doch liebte er die Musik, ohne eigentlich musikalisch gebildet oder lebhafter interessiert zu sein. Auch hier war es eher der gesellschaftliche Dunstkreis, in dem er sich behagte. Die eigentliche Musikalität, das musikalische Verständnis und irgend etwas, das man beinahe schon musikalische Begabung nennen könnte, ist von mütterlicher Seite in unsere Familie gekommen. Zur bildenden Kunst aber hatte mein Vater, und damit lange Zeit unser ganzes Haus, überhaupt kein Verhältnis. Über die Reisenden, die in fremden Städten gewissenhaft mit dem Baedeker in der Hand Museen und Galerien durcheilten, spottete er gern, und wir mit ihm, als wären sie wirklich ausnahmslos alle lächerliche Subjekte, die nur einer eingeredeten Verpflichtung, nicht aber, was ja immerhin auch zuweilen vorkommen mochte, wirklichem Kunstgefühl oder ernsthaftem Bildungsdrang gehorchten. Da nun auf diesem Gebiete mir sowie meinen Geschwistern jede Spur von Talent mangelte, genügte diese ablehnende Haltung meines Vaters, um lange Zeit hindurch die Idee, daß hier ein weites Reich künstlerischen Genusses bereitliegen könnte, in uns gar nicht aufkommen zu lassen; erst in späteren Jünglingsjahren hat sich in mir allmälig das Interesse und später wohl auch ein gewisses Verständnis zuerst für Werke der Plastik und dann, stetig wachsend, für solche zeichnerischen und malerischen Charakters herangebildet, bis ich endlich – im Angesichte Rembrandts vor allem – jenes andächtige Glücksgefühl genoß, das mir gegenüber Goethe und Beethoven schon viel früher zuteil geworden war. Dort freilich, wo ein angeborenes Verhältnis zu irgendeinem Wissens-, Kunst- oder sonst einem Lebensgebiet besteht, kommen Einflüsse der Erziehung und Umgebung erst in zweiter Linie in Betracht; und ein ausgesprochenes Talent weiß sich bekanntlich gerade gegen feindselige Einflüsse mit Vorliebe durchzusetzen. Doch Aufnahmsfähigkeit für Dinge und Freude an Dingen, die außerhalb der individuellen Begabung und des individuellen Interesses liegen, werden durch Eindrücke der Kindheit in hohem Maße mitbestimmt. Hingegen ist es wieder keine seltene Beobachtung, daß angeborene Neigungen, die man zu Hause ungeschickt oder gar durch unerwünschten Zwang zu fördern sucht, dadurch verstört, ja gerade in ihr Gegenteil verkehrt werden oder wenigstens so lange verkümmern, bis das jugendliche Gemüt zu Selbstbesinnung und Selbstbestimmung herangereift ist.

So erging es mir in einem gewissen Grade mit meiner Beziehung zur Natur, der ich, in all meiner Bereitschaft, ihre Reize aufzunehmen und mich an ihnen zu freuen, immer wieder entfremdet wurde, indem man mir Landschafts- und Freiluftgenüsse oft aus äußeren Motiven aufdrängte und mich allzu programmatisch auf Nützlichkeiten und Schönheiten hinwies, die sich mir unter günstigeren Umständen zweifelloser und unbedingter von selbst erschlossen hätten. An schönen Frühjahrs- und Sommerabenden nahm der Vater die Seinen auf Fahrten in die nähere Umgebung Wiens zu seinen Patienten mit. Und oft warteten wir stundenlang, meist lesend, in Schönbrunn, Hietzing, Dornbach, Kaltenleutgeben oder wo es sonst war – im Wagen vor einer Villa, in Parkanlagen auf einer Bank – bis er wiederkehrte, meist in weit angeregterer Stimmung als die war, in der wir, gelangweilt und ungeduldig geworden, ihn endlich begrüßen konnten. In Hietzing waren es besonders der Graf O'Sullivan und dessen Gattin, die berühmte Tragödin Charlotte Wolter, die ihn gerne festhielten und von denen er sich gerne festhalten ließ; in Dornbach besuchte er eine Familie Strache, in deren Garten ich zum erstenmal ein Dreirad, einen unförmlichen Ahnen des Bicycle, zu Gesicht bekam; in Pötzleinsdorf war es der Zahnarzt Rabatz, bei dem der Vater und manchmal wir mit ihm einzusprechen pflegten; in Kaltenleutgeben die Wasserheilanstalt des Doktor Winternitz, wo nach erledigter Konsultation an irgendeinem Krankenbett oder Krankensessel der befreundete Chefarzt selbst uns alle mit Kaffee, Grahambrot und Honig bewirtete. Im rumpelnden Fiaker fuhr man nach der Stadt zurück, und wir Kinder waren meist schon eingenickt, wenn an der Linie vom Finanzwächter das Mautgeld im Betrage von acht Kreuzern eingefordert wurde. Dann, wenn man nicht schon auf dem Land genachtmahlt hatte, wurde in einem vorstädtischen Wirtsgarten, etwa beim» Goldenen Kreuz «in Mariahilf oder im Hotel Viktoria auf der Wieden, der Abend beschlossen. In einer späteren Epoche verdrossen mich diese Fahrten aufs Land hinaus, die übrigens auch manchmal ganz fröhlich verliefen, um so mehr, als ich um ihretwillen und nicht immer ohne väterliche Absicht gezwungen war, auf die harmlosen, aber dennoch köstlichen Spaziergänge an der Seite einer angebeteten Blondine im Rathaus- oder Volksgarten zu verzichten.

Außer diesen Lust- und Spazierfahrten, sowie den selteneren, aber willkommeneren Feiertagsausflügen, die uns weiter hinaus, nach dem» Roten Stadl «oder in die» Brühl«, führten, gab es Gelegenheit zu ländlicher Erholung auf kurzen Gebirgsreisen und in Sommerfrischen. Der erste Ort, an dem wir uns während einiger Ferienwochen und auch später noch öfters aufhielten, war Vöslau, in dessen lauen Quellenbädern ich schwimmen lernte.

Im Jahre 70 oder 71 atmete ich zum ersten Male Salzkammergutluft. Und damals war es, daß ich eines Abends in Alt-Aussee, von der Terrasse des Seewirts aus ins dunkle Wasser blickend, das scheinbar ohne Grenze mit der umgebenden Nacht in eins zusammenfloß, zum erstenmal etwas empfand, das ich Naturgrauen nennen möchte, und das, an den Ort gebunden, wo ich es kennenlernte, länger in mir nachwirkte als jenes erste Naturentzücken, das mir im Thalhofgarten zu Reichenau zuteil geworden war. Im allgemeinen nahm ich Landschaftsbilder lange Zeit hindurch gewissermaßen nur in großen Umrissen in mir auf, ohne daß Einzelheiten, wenn sie in ihrer Eigenheit sich nicht unwiderstehlich einprägten, besonders auf mich gewirkt hätten. Manche nur flüchtig empfangenen Eindrücke aus der kleineren Tier- und Pflanzenwelt hingegen hafteten unauslöschlich in mir. Nie vergesse ich die ersten Leberblümchen, die ich im Frühjahr im Wienerwald pflückte, die Haselnußsträuche, die roten Pfaffenkappeln und Tollkirschenbüsche in Vöslau, die schwirrenden Hirschkäfer in unseren Sommergärten und ganz besonders einen goldglänzenden Laufkäfer, der einmal zwischen Hütteldorf und Neuwaldegg quer über die Straße vor meine Füße lief; – solcherart waren die Eindrücke, in denen mir fast mehr als Symbol denn als Erinnerung wieder ersteht, was mir in den Kinderjahren Natur bedeutete. Mein Vater hatte eine ganz besondere Vorliebe für den Geruch von Nußblättern, die er gerne zwischen den Fingern zerrieb; im übrigen hielt er uns im Freien zum tiefen Atemholen an und ging uns darin, den Spazierstock waagrecht zwischen beiden ausgestreckten Armen an den Rücken gepreßt, mit gutem Beispiel voran.

Im Jahre 1872 unternahmen die Eltern mit uns Buben, das Schwesterchen war doch noch zu klein dazu, eine Reise in die Schweiz. In weniger als zwei Wochen ging es über München, Zürich, Luzern an den Genfer See und wieder zurück. Dieses Tempo, in dem Beweglichkeit und Ungeduld, Neugier und Oberflächlichkeit einander bedingten und begünstigten, war den Eltern ebensowohl Bedürfnis als Manier; und an einem Ehepaar, das unter dem Namen Makarius und Genoveva Rastlos episodisch durch eine Komödie jagt (sie hieß»Vor der Welt«), habe ich frivol genug als Sechzehnjähriger dieser elterlichen Eigenart eine karikaturistische Wirkung abzugewinnen versucht. Schon damals ahnte ich wohl, daß diese Unrast, die sich später bei meiner Mutter fast ins Pathologische steigerte, vielleicht noch mehr durch das Beispiel als durch das Gesetz der Vererbung auch auf mich übergehen sollte. So lebhaft manche Eindrücke von dieser ersten Schweizer Reise mich berührten, – vor allem andern der Sonnenaufgang auf dem Rigi Kulm und der Anblick der in der Morgenluft fröstelnden Frühaufsteher mit den aufgestellten Kragen und malerisch um die Schultern geworfenen Plaids, die Fahrt um den Genfer See, die Bären im Graben zu Bern und nicht zum wenigsten die köstlichen Frühstücke in den Schweizer Hotels mit Tee, Butter und Honig, die sich von unsern häuslichen schon durch eine gewisse Festlichkeit unterschieden, – am deutlichsten ist mir doch eine Aufführung der Moser'schen Posse» Das Stiftungsfest «am Münchner Residenztheater im Gedächtnis geblieben, offenbar darum, weil das Niederplumpsen einer Gießkanne, die der schläfrig-komische Vater des Stückes festzuhalten verurteilt war, nicht nur, wie im Stücke vorgeschrieben, ihn, sondern auch mich immer wieder aus dem Schlummer weckte, der mich nach der ersten nächtlichen Eisenbahnfahrt meines Lebens unwiderstehlich überkam.

Schon vor dieser ersten größeren Reise hatte sich eine wichtige Veränderung in meinem jungen Leben vollzogen. Im Herbst 71, kurz nachdem wir auf den Burgring Numero eins übersiedelt waren, in eine schöne Wohnung gegenüber dem sogenannten Kaisergarten, in der wir unter allmäliger Ausbreitung über das ganze Stockwerk bis zum Tode des Vaters 1893 verblieben, war ich als Schüler der ersten Lateinklasse ins Akademische Gymnasium eingetreten. Und hier erst gedenke ich jenes viel weiter zurückliegenden Tages, an dem die Mama mich aus dem Kinderbettchen mit dem grüngestrickten Gitter emporhob, in ein weißes Kleid steckte und auf einen Stuhl an das Tischchen setzte, an dem mein erster Lehrer, ein Herr Frankl, mich zur ersten Lektion erwartete, mit dem Finger auf die aufgeschlagene Fibel wies und in gütigem Tone begann:»Siehst du, das ist ein A. «Damals dürfte ich fünf Jahre alt gewesen sein, und irgendeiner weiteren Lektion bis zum Eintritt ins Gymnasium weiß ich mich so wenig zu entsinnen, als wenn jene erste überhaupt die einzige geblieben wäre. Dem Lehrer Frankl aber folgte recht bald ein anderer, Herr Maximilian Lang, der damals Medizin studierte und es niemals bis zum Doktor brachte; ein grundguter, tüchtiger, stets etwas salbungsvoller Mann, des Schönredens und noch mehr des Schönschreibens bis zur Pedanterie beflissen, wovon die Briefe Zeugnis ablegen, die der über Siebzigjährige aus dem ungarischen Nest, wo er in Armut und Zurückgezogenheit der Lektüre der Klassiker und der Bibel lebt, bei feierlichen und anderen ihm geeignet scheinenden Gelegenheiten an mich und die Meinen zu richten pflegt.

Dieser Herr Lang war es auch, der sich eines Tags mit mir ins Akademische Gymnasium begab, um sich dort nach dem Beginn des Schuljahrs und den Einschreibeformalitäten zu erkundigen. Im Konferenzzimmer erteilte der alte Professor Windisch die nötigen Auskünfte; ich stand wohlgesittet vor ihm, den Strohhut in der Hand, der mittelst eines Bändchens an einem Knopf meiner Jacke befestigt war, in leicht geneigter Haltung, und war mir eines lauen Gefühls von Ergebenheit und Devotion bewußt, dessen ich mich zugleich ein wenig schämte; und dieser Moment war es, in dessen lebendigem Nachgefühl ich acht Jahre später in einem romantischen Trauerspiel einem Mönch die Worte in den Mund legte:

«Denn manchmal findet sich im Menschenherzen

Der Keim zu einem solchen Dienenwollen.«

Nachdem ich so zum erstenmal im Ibsen'schen Sinne Gerichtstag über mich selbst gehalten, habe ich mich auf Empfindungen ähnlichen Charakters nie wieder ertappt; ja, eine gewisse frondierende Grundstimmung meines Wesens, die sich aus kindlichen Anfängen immer entschiedener herausbildete, mag ihre Entstehung unter anderem auch dieser ersten inneren Auflehnung gegenüber einer mir selbst sofort verächtlich erscheinenden Gemütsregung verdankt haben.

Immerhin verhielt ich mich besonders in den unteren Klassen des Gymnasiums brav und mit einiger Nachhilfe fleißig genug und durfte mich zu den besseren, meist sogar zu den Vorzugsschülern zählen. Auch galt ich nicht ganz mit Unrecht für eine Art von Muttersöhnchen, ein Ruf, der mir schon von einem der allerersten Schultage anhaftete. In der ersten Gesangsstunde, die gegen Abend abgehalten wurde, hielt uns der Lehrer, Professor Machanek, über die Zeit zurück, weil er durch irgendein Mißverständnis das vorige Mal vergeblich unserer gewartet hatte und die versäumte Stunde nachholen wollte. Da erschien plötzlich mein Lehrer Max Lang in der Klasse und bat dringend, mich sofort mit nach Hause nehmen zu dürfen, da meine Mutter sich wegen meines Ausbleibens in größter Aufregung befinde. Ich wurde entlassen, und tatsächlich traf ich die Mama händeringend und in Tränen an und wurde von ihr in die Arme geschlossen, als wäre ich einer großen Gefahr entronnen. Und noch etliche Jahre hindurch wurde ich ganz regelmäßig auch am hellichten Tage von der Schule abgeholt, obwohl wir kaum zehn Minuten weit vom Gymnasium wohnten.

Der Aufstieg von der ersten in die zweite Klasse bedeutete mir – zum mindesten im Vorgefühl – mehr als irgendein früherer oder späterer Fortschritt meiner Existenz. Noch entsinne ich mich des ehrfürchtigen Schauers, der mich durchrieselte, da ich einmal als Primaner im Sommer an der offenstehenden Tür der Sekunda vorüberging und eben ein Schüler auf der Kathederstufe stand, der vom Professor geprüft wurde. Unfaßbar schien es mir beinahe, daß ich auch einmal so weit gelangen könnte. Nun, ein Jahr darauf, war ich nicht nur so weit, sondern war sogar der Kollege des Knaben geworden, zu dem ich bewundernd aufgeschaut hatte und der in der Klasse sitzengeblieben war. Wie ein Riese war er mir damals auf den Stufen des Katheders erschienen, und gerade er entwickelte sich – zwar zu einem der ärgsten Rangen des Gymnasiums, der mir sogar einmal zu meinem großen Ärger aus reiner Büberei einen pedantisch geführten Katalog zerriß, in den ich die Prüfungsnoten meiner Mitschüler nach eigenem Ermessen einzutragen pflegte, blieb aber bald im Wachstum so sehr zurück, daß er, je älter er wurde, immer zwerghafter und später auf dem Konzertpodium als Violinspieler geradezu wie ein böser Gnom wirkte.

Trotz all meiner zwar nicht geheuchelten, aber doch etwas äußerlichen Bravheit fühlte ich mich von früh an ganz besonders zu manchen der schlechten Schüler hingezogen, und in der zweiten Lateinklasse zählte zu meinen intimsten Freunden der Allerletzte, ein gewisser Thomas, der sich, ganz im Gegensatz zu mir, ausschließlich im Zeichnen bewährte. Von den eigentlichen bösen Buben, an denen es natürlich nicht mangelte, hielt ich mich instinktiv fern, und auch sie ihrerseits ließen mich in Frieden. Und so blieb ich ziemlich lange unverdorben, ja in einem ganz lächerlichen Maße unwissend, so daß mir die unausbleiblichen Aufklärungen erst in meinem elften oder zwölften Lebensjahr zuteil wurden. Und zwar geschah das eines Abends im Vöslauer Kurpark auf einer Bank vor der Villa Rademacher, in der wir damals zum Sommeraufenthalt wohnten, durch einen Schulkameraden und Vetter zweiten Grades, Ludwig Mandl, also sonderbarerweise gerade durch denjenigen, der später als Frauenarzt in manchen Perioden meiner Existenz zu einer nicht unwichtigen Rolle berufen sein sollte.

Im selben Sommer etwa mag es gewesen sein, daß mir ein erster zufälliger Einblick in das Schauspielerleben des kleinen Badeortes gegönnt sein sollte. Eines Morgens im Kurpark sah ich ein junges Paar der nahen Arena zuspazieren und konnte hören, wie die beiden, die meines Wissens nicht verheiratet waren, in vertraulichem Du miteinander sich unterhielten. Gerade am Abend vorher hatte ich die beiden in dem Kaiser'schen Volksstück» Mönch und Soldat «das Liebespaar spielen sehen und zweifelte nun nicht mehr daran, daß auch in der Wirklichkeit ein zärtliches Verhältnis zwischen ihnen bestände. Neugierig und bewegt sah ich ihnen nach, bis sie im Bühneneingang verschwunden waren. Die Umstände fügten es, daß ich den Lebensgang gerade dieser beiden von jenem Sommer an, in dem vielleicht ihre Künstlerlaufbahn eben begonnen, lange hindurch weiterverfolgen konnte. Das hübsche Mädchen von damals ist unvermählt geblieben und spielt schon seit manchem Jahr an einer ersten Wiener Bühne das Fach der komischen oder auch würdigen Alten; ihren Partner von einst fand ich im Winter 90/91 in Salzburg wieder, dessen Theaterverhältnisse damals aus einem ganz persönlichen Grunde mein Interesse in hohem Grade in Anspruch nahmen. Der verbürgte Umstand, daß seine Frau daheim ihre Liebhaber empfing, während er auf der Bühne, ein versoffener Schmierenkomödiant, seine Partien zweiten und dritten Ranges heruntersang und spielte, fügte sich in seiner grotesken Trivialität dem Gesamtbild des Provinztheatertreibens, wie es allmälig vor mir erstanden war, würdig ein.

Die Aufklärungen psychologischer und physiologischer Natur, die dem Knaben zuteil geworden waren, hatten vorläufig keinerlei, weder äußerliche noch innerliche Folgen. Sogar von den kindischen Verliebtheiten, die in diesen Jahren so häufig sind, blieb ich ziemlich frei. Nur einer Regung von Eifersucht erinnere ich mich aus meinem elften oder zwölften Lebensjahr, die sich darin äußerte, daß ich meinen Bruder, als ich ihn von einer unserer kleinen Cousinen mir gegenüber auffallend bevorzugt sah, heftig durchprügelte. Doch tat ich es ohne innere Notwendigkeit, vielmehr aus einer Art von Pflichtgefühl, wie um mich von dem Bestehen einer Leidenschaft zu überzeugen, an die ich doch selbst nicht glaubte. Es scheint mir überhaupt, als wäre die Neigung, nicht so sehr vor andern als vor mir selbst eine Rolle zu spielen, ob ich mir nun in ihr gefiel oder nicht, in jenen Kinderjahren viel stärker in mir ausgesprochen gewesen, als je in späterer Zeit. So hatte ich mich einmal beim Spazierengehen im Vöslauer Wald verirrt, und als ich mich endlich zurechtgefunden, begann ich mein unbeträchtliches Abenteuer ins Interessante zu stilisieren und, unter dem Schatten der Bäume mit umgehängtem Überzieher heimwärtseilend, mir selbst als Monolog vorzutragen, den ich bei der Rückkehr vor versammeltem Publikum zu wiederholen gedachte; und studierte meinen Part so lange ein, bis ich von einer Bank her, an der ich eben vorüberging, den spöttisch-erstaunten Blick eines alten Herrn auf mich gerichtet sah, worauf ich beschämt verstummte. – Auch erinnere ich mich, wie mich einmal beim Spiel im Garten eine kleine Verwandte durch ein gewisses hochmütiges Zucken der Mund- und Nasenwinkel in Ärger versetzte und ich dieses Zucken, vor allem in der Absicht, mir nichts bieten zu lassen, nachzuäffen begann und eine Zeitlang gewohnheitsmäßig beibehielt. Und so habe ich allen Grund, mich zu fragen, ob an meinen frühesten poetischen Versuchen das Bedürfnis, einen Dichter vorzustellen, kindlicher Nachahmungstrieb und endlich der ermutigende Beifall, auf den ich damals begreiflicherweise immer rechnen konnte, nicht mindestens ebensolchen Anteil hatten als ein eingeborener, dichterischer Drang, an dessen Vorhandensein ich freilich nicht zweifeln darf, wenn auch in jenen ersten Schreibereien selbst der nachsichtigste Beurteiler bestenfalls Anzeichen einer gewissen Frühreife, aber kaum solche einer wirklichen Begabung entdecken könnte.

Zum ersten Gedicht begeisterte mich ein Erlebnis, dessen Inhalt aus meinen Versen ohneweiters zu entnehmen ist, so daß ich diese, zumal es meine ersten sind, als Chronist, keineswegs, wie man gleich merken wird, aus Eitelkeit hierhersetzen will. Sie lauten:»Figaros Hochzeit ist vorbei – Doch immer noch hört man Arthurs Geschrei – Er hat verloren seinen Hut – Mama ist außer sich vor Wut. – Doch endlich findet er ihn – Und bald liegt er ruhig im Bette drin. «Es erscheint begreiflich, daß der Erfolg dieses Poems, als ich es neben einem andern, ernsthafteren,»Sardanapal «betitelt, meinen israelitischen Kollegen vortrug, während die Katholiken Religionsstunde hatten, vieles zu wünschen übrigließ; und ich sollte die ersten Regungen von Schriftstellerneid kennenlernen, als gleich nach mir ein Kamerad mit selbstverfaßten heiteren Gedichten erheblich größeren Anklang fand. Bald gelang es mir, meinen Mißerfolg vor dem gleichen Publikum durch Verlesung von Spottversen auf einzelne meiner Mitschüler wettzumachen. Ein umfangreicheres Spottgedicht war auf den schon früher genannten Professor Windisch, den Ordinarius unserer Klasse, gemünzt; ob ich es gleichfalls meinen Kollegen vortrug, weiß ich nicht mehr; sicher ist aber, daß mein Vater es eines Abends unter meinen Schulheften entdeckte, als ich schon zu Bett lag; und zugleich damit ein ägyptisches Traumbüchel, sowie ein sogenanntes Punktierbuch, welche beiden sonderbaren Werke ich mir auf Rat meines Freundes Thomas zu unbekanntem Zwecke angeschafft hatte. Das Gedicht mußte ich nun meinem Vater persönlich vorlesen, der sich zwar das Lachen verbiß, wie ich deutlich merkte, sich aber doch am nächsten Tag in die Schule begab, und mir, nicht wegen des Gedichtes, dessen er dort wohl keine Erwähnung tat, jedoch wegen der Traum- und Punktierbüchel und insbesondere wegen meines unbegreiflichen Umgangs mit dem Letzten der Klasse die ernstlichsten Ermahnungen des Herrn Ordinarius mit nach Hause brachte.

Professor Windisch, ein Weltpriester, der uns in den ersten Klassen in Latein und Deutsch unterrichtete, war ein tüchtiger Pädagoge und zugleich ein gutmütiger Mensch, was in dieser Vereinigung nur wenigen seiner Amtskollegen, soweit ich sie in ihrem Beruf kennenlernte, nachgerühmt werden durfte. Ein schwacher Lehrer und dabei ein durchaus unleidliches Subjekt war insbesondere unser Mathematikprofessor Woldrich, dem es sichtlich Vergnügen machte, seine jugendlichen Schutzbefohlenen zu peinigen und in Angst zu versetzen. Eine seiner harmloseren Marotten war es, die Schüler, oft völlig ohne Grund, nur nach Laune, ihre Plätze wechseln oder eine ganze Stunde lang in einer Zimmerecke, im sogenannten» Winkel«, stehen zu lassen. In widerwärtiger Erinnerung blieb mir ferner der Schönschreib- und Zeichenlehrer Fallenböck, ein geckenhafter Herr mit rötlichem Knebelbart; und nie vergesse ich den hämischvernichtenden Blick, mit dem er sich nach mir umwandte, als ich einmal, wie ich es von meinem Hauslehrer gewohnt war, in Zerstreutheit meinen Kinderarm um seinen Nacken geschlungen hatte, während er auf dem Katheder mein Heft korrigierte. Aus diesem Blick starrte mir zum erstenmal jene eigentlich unfaßbare, nur aus einem angeborenen Haß von Mensch zu Mensch verständliche Feindseligkeit entgegen, wie man ihr später draußen in der Welt so oft, freilich mit den Jahren immer besser gewappnet, zu begegnen pflegt. Doch liegt es mir fern, etwa meine schlechte Schrift mit der unerfreulichen Nachwirkung jenes lächerlichen Fallenböck entschuldigen oder gar tiefsinnig begründen zu wollen; um so weniger, als die Kalligraphie nur in der ersten Klasse gelehrt wurde; und was nun gar das Zeichnen anbelangt, so war es nicht obligat, und bei meiner völligen Talentlosigkeit auf diesem Gebiet schied ich schon nach dem ersten Jahre freiwillig aus. Als Lehrer nicht ohne Verdienst, doch streng und verdrossen, trat unser erster Professor für Griechisch, Ambrosius Lissner, auf. Sein vorurteilsvoller Groll gegen die Schüler aus wohlhabenderen Häusern war unverkennbar, und dieser seiner Grundstimmung habe ich es auch zuzuschreiben, wenn er einmal, an meinem Eckplatz vorübergehend, meinen aufgestützten Arm ergriff und ihn ohne weitere Bemerkung, ja ohne seinen Gang nur zu unterbrechen, auf die Tischkante hinstieß. Er endete, wie nicht anders möglich, als Gymnasialdirektor und Schulinspektor. Von anderen Professoren, die uns in die höheren Klassen begleiteten oder uns erst dort übernahmen, berichte ich später; hier erwähne ich noch kurz des Supplenten Herrn Rutte, eines süßlich-stutzerhaften Dümmlings, der, unentwegt seinen Schnurrbart zwirbelnd, uns in der dritten Lateinklasse in der deutschen Sprache unterwies und einige Zeit hindurch auch in meinem Vaterhaus als Lehrer aus und ein ging, wie uns denn, sowohl meinem Bruder als mir, der dessen eher bedurfte, während des ganzen Gymnasiums solche Nachhilfe in geringerem oder höherem Maße mit mehr oder minderem Nutzen zuteil wurde. Unserem vortrefflichen Maximilian Lang war als Hauslehrer sein Vetter gefolgt, gleichfalls ein Mediziner, übrigens ein unbeholfener und unbegabter Mensch, über den wir uns gern lustig machten und der sich nicht lange als Lehrer bei uns halten konnte, aber in gelegentlichem Verkehre mit uns verblieb. Um sich die Mittel zur Beendigung seiner Studien und zur Ablegung seiner Rigorosen zu verschaffen, heiratete er zum allgemeinen mitleidslosen Ergötzen eine abgetakelte, ungarische Provinzschauspielerin, die er uns wohl gelegentlich vorgestellt haben mag, von der ich aber nicht weiß, ob ich sie jemals wirklich gesehen oder ob ich nur nach Schilderungen ihr Bild als das einer nicht mehr jungen, lächerlich geschminkten, auffallend angezogenen Dame im Gedächtnis bewahrt habe.

In höheren Respekt zu setzen als die Herren Neuhaus und Rutte wußten sich die Herren Strassmann und Holzinger, die ich übrigens in ihrer Physiognomie kaum zu unterscheiden und in der Zeitfolge nicht recht unterzubringen vermag; einer von ihnen war es, der sich als Artillerieoffizier in der Reserve rühmen durfte, bei keiner Lohengrinvorstellung im Stehparterre der Hofoper zu fehlen. All den hier Genannten war keine lange Frist in unserem Haus beschieden; erst ein armer, häßlicher, kleiner Judenjunge, der als Schüler der sechsten Klasse des Akademischen Gymnasiums, mir damals um zwei oder drei Jahrgänge voraus, den Unterricht bei uns aufnahm, hielt sich zur größten Zufriedenheit aller Beteiligten dauernd, das heißt bis über meine Matura hinaus, in seiner Stellung. Ernst, mit Neigung zur Ironie, klug, gewissenhaft und von nie rastendem Fleiß, war er nicht allein ein vorzüglicher Lehrer, sondern setzte seine eigenen Studien auf der Universität, die der Rechtswissenschaften, unbeirrt und mit stets wachsendem Erfolge fort. Bald trat er in Staatsdienste, gilt heute als erste Autorität im Staats- und Völkerrecht und amtiert im Verwaltungsgericht als Hofrat Tezner, was ihm unter seinem einstigen Namen, Tänzerles, bei gleichen Verdiensten kaum geglückt wäre. Daß ich, im Gegensatz zu meinem Bruder, auch unter seiner vortrefflichen Leitung ein etwas bequemer, ehrgeizloser und recht eigentlich oberflächlicher Schüler gewesen bin, hat er mir erst vor wenigen Jahren anläßlich einer unserer nicht häufigen, aber mir jederzeit willkommenen Begegnungen mit Humor ins Gedächtnis zurückgerufen.

Mit ebenso mäßigem Eifer wie die Schulgegenstände betrieb ich das Klavierspiel, zu dem ich schon in frühen Jahren angehalten worden war. Die Anfangsgründe brachte mir ein außerordentlich kleiner Herr namens Basch bei, der schon im Haus meiner Großeltern Musikunterricht erteilt hatte und sich in seinem Neben- oder Hauptberuf als Heiratsvermittler bewährte. In dieser seiner doppelten Eigenschaft tritt er in einem meiner zahlreichen unvollendeten Dramen» Albine «unter dem Namen Tüpfel episodisch auf. Sein Nachfolger – als Klavierlehrer versteht sich – war ein gewisser Peschke, der dem dritten Napoleon auffallend ähnlich sah und bald durch einen blonden, liebenswürdigen, aber jähzornigen jungen Mann, den Korrepetitor der Wiener Hofoper, Hermann Riedel, abgelöst wurde, denselben, der damals als Komponist der Scheffel'schen Trompeterlieder eines lauten, aber bald verstummenden Ruhmes genoß. Seine Oper» Der Ritterschlag«, an der Wiener Hofbühne aufgeführt, blieb ohne Erfolg. In jungen Jahren, eben in den Ehestand geraten, wurde er als Hofkapellmeister nach Braunschweig berufen, wo er nach jahrzehntelanger, vielgelobter Dirigententätigkeit, ohne je wieder mit einem eigenen Werk hervorzutreten, im Jahre 1914 verstorben ist. Blaß und flüchtig, wie es einer Episodenfigur geziemt, schwebt seine Erscheinung durch meinen Roman» Der Weg ins Freie«. Das Üben machte mir nicht viel Spaß, so blieb ich in der Technik zurück, brachte es aber dank meinem durch Oper-und Konzertbesuch geförderten Musikinteresse zu einer gewissen Fertigkeit, insbesondere im Vierhändigspielen, bei welchem meine Partnerin meistens die Mama war, mit der übrigens auch Hermann Riedel zum Abschluß der Lektion zu musizieren pflegte. Mein Bruder ging vom Klavier zur Violine über und lief mir auch in der Musik, wie in sämtlichen Schulgegenständen und später in der Medizin durch Beharrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, vielfach auch durch Auffassung und Begabung, den Rang ab. Er war, nach dem wenig besagenden Ausdruck, im Gegensatz zu mir, ein schlimmes Kind gewesen. Aber schon in frühen Knabenjahren änderte sich auch hier das Verhältnis zu meinen Ungunsten. Wir vertrugen uns übrigens sehr gut miteinander und beide auch mit der kleinen Schwester, wenn wir uns auch manchmal brüderlich verbanden, sie zu sekkieren. Im ganzen war der Charakter unserer Beziehungen damals und noch viele Jahre hindurch eher als herzlich, denn als innig zu bezeichnen, was überhaupt auf die in unserer Häuslichkeit herrschende seelische Grundstimmung zutreffen dürfte. Bei aller Zärtlichkeit, deren wir uns von den Eltern zu erfreuen hatten, bei aller Sorgfalt, die auf unseren Unterricht – mehr auf diesen als auf unsere Erziehung im weiteren Sinn – verwendet wurde, war mein Vater nach Anlage, Beruf und Streben, welch letzteres bei all seiner unermüdlichen ärztlichen, wissenschaftlichen und journalistischen Betätigung sehr stark auf sichtbaren Erfolg und äußere Ehren, keineswegs auf Gelderwerb gerichtet war, doch so sehr von sich selbst erfüllt, ja auf sich angewiesen, und die Mutter in all ihrer hausfraulichen Tüchtigkeit und Übergeschäftigkeit hatte sich seiner Art und seinen Interessen so völlig und bis zur Selbstentäußerung angepaßt, daß sie beide an der inneren Entwicklung ihrer Kinder viel weniger Anteil zu nehmen vermochten und dieser Entwicklung vor allem viel weniger echtes und befruchtendes Verständnis entgegenbrachten, als sie sich jemals einzugestehen auch nur fähig gewesen wären. Und so wie ihnen selbst kam auch mir in den frühen Knabenjahren dieser Mangel kaum zum Bewußtsein; – was uns an elterlicher Liebe geboten wurde, war insbesondere in seinen äußeren Zeichen so warm und reich, daß meine kindliche Dankbarkeit auch damals schon hinter meinen Verpflichtungen erheblich zurückblieb.

Immerhin konnte die Atmosphäre eines Hauses, innerhalb dessen bei aller auch um ihrer selbst willen geübten und ersprießlichen Tätigkeit die Anerkennung für wichtiger galt als die Leistung und die Meinung der Welt höher gewertet wurde als die Selbsterkenntnis, auf meine eigene Entwicklung, insbesondere auf die meiner Grundbegabung (deren größeres oder geringeres Ausmaß für diese Erwägungen nicht in Betracht kommt), nicht ohne Einfluß bleiben; und betrachte ich das Heft, in das ich mit unbeholfener Kinderschrift meine ersten Gedichte eingetragen und um Nachsicht werbend als» Erstlinge «bezeichnet hatte, so erkenne ich nicht an den Titeln allein, daß nicht immer ein angeborener dichterischer Trieb in mir wirksam war, sondern daß ich oft genug ohne inneren Drang irgendeinen sich bietenden Anlaß ergriff, um mich vor den Eltern und anderweitigem Publikum oder auch vor mir selbst aufs neue als Dichter auszuweisen.»Rom in Brand «war das erste Gedicht betitelt, das ich der Aufnahme in diese Sammlung für würdig hielt; verfaßt zu Vöslau, Ende Juni 1873, und von meiner guten Großmama mit dem Ausruf begrüßt:»Ein zweiter Schiller!«Es folgten» Der glückliche Hirt«,»Ulysses und Achilles«,»Hektors Tod«,»Achilles' letzte Worte«,»Andromaches Trauer«,»Heimweh eines deutschen Flüchtlings«,»Memnon«,»Penthesilea«, womit ich die erste Sammlung abschloß, um bis Ende 1875 zwei weitere folgen zu lassen von ähnlich gemischtem Charakter, in denen aber doch die historischen und mythologischen Stoffe allmälig zurücktreten und sich gelegentlich neben der Gefühls- eine Art von Gedankenlyrik hervorwagt, wie zum Beispiel in einem Gedicht, darin die vier Temperamente sich der Reihe nach zum Problem des Ruhms vernehmen lassen. Im engeren Familienkreise wurden alle diese durchaus unbeträchtlichen Versuche als Talentproben eingeschätzt, und öfter als mir lieb war, richtete zu einer Zeit, da ich meine lyrische Periode schon als abgeschlossen betrachten durfte, mein Vater die mahnende Frage an mich:»Hast du schon lange kein Gedicht gemacht?«Auch um die Weiterbildung meiner Prosa war er damals insoweit besorgt, als er mich veranlaßte, Beschreibungen unserer Sommerreisen 1874 und 75 zu verfassen, wofür ich pro Kapitel oder Reisetag je nach Gelingen zehn oder zwanzig Kreuzer Belohnung empfing. Bei Gelegenheit solcher Reisen fehlte es natürlich nicht an Episoden, die zu humoristischer Behandlung geeignet schienen; und so wandte ich unter anderm viel Fleiß und Laune an die Schilderung der Begegnung mit einem braven Landarzt in der Nähe von Heiligenblut, der sich im Wirtshaus gesprächsweise zufällig als ein Abonnent der von meinem Vater geleiteten medizinischen Zeitung zu erkennen gegeben und dem sich dieser erst im Weiterfahren vom Wagen aus in einer Art von Kaiser-Josef-Laune als der hochverehrte Redakteur und Professor aus Wien entdeckt hatte.

Entschiedener und mit einer Ursprünglichkeit, die im Vergleich zu meinen, etwas gezwungenen lyrischen Bestrebungen besonders klar zutage tritt, kündigte sich meine theatralische Sendung an, wobei ich wieder die Frage der Begabung ganz außer acht lassen darf; – denn mit dem, was ich hier schreibe, maße ich mir keineswegs an, die Entwicklung eines dichterischen Genius zu schildern, sondern die einer menschlichen Seele, in der künstlerische, dilettantische und mancherlei andere Elemente einander bedingten, störten und förderten. Im Gegensatz zu meinen Gedichten blieben meine dramatischen Versuche lange Zeit fast durchaus meine Privatangelegenheit. Insbesondere hatte ich keine sonderliche Neigung, sie meinen Eltern mitzuteilen. Ich verfertigte sie insgeheim und ließ die Schulhefte, in die ich sie einzutragen pflegte, wenn mein Vater oder sonstwer ins Zimmer trat, unter den Aufgaben verschwinden. So entstanden bis zum Jahre 1875, also noch im Untergymnasium, folgende Werke, deren Titel ich der Kuriosität halber hieher setzen will:»Die Loreley«, eine Tragödie in fünf Akten und einem Vorspiel; —»Der chinesische Prinz «in vier Bildern; —»Die Loreley«(nochmals) in zwei Abteilungen; —»Gold und Ehrlichkeit«, ein Märchen in vier Aufzügen (in reimlosen Jamben); —»Königin Himmelblau«, Märchen in vier Akten; —»Cornelius Ombra«, dramatisches Märchen; —»Die verbrannte Katze«, eine Szene; —»Der große Krach «in fünf Akten; —»Die Wundergeige«; —»Die Schutzgeister«, Märchen in drei Akten; —»Theegesellschaft«, Lustspiel in einem Akt; —»Prinz Ernst und Werner von Kyburg«, historische Tragödie in einem Vorspiel und sechs Akten; —»Der Schatzgräber«, Märchen in fünf Akten; —»Der Alpenjäger«, Trauerspiel in zwei Akten; —»Kraut und Rüben«, Lustspiel in zwei Akten; – endlich der dritte Teil einer Trilogie» Tarquinius Superbus«, deren ersten Teil ich erst einige Jahre später in Angriff nahm. Von all den hier genannten Stücken ist nur» Gold und Ehrlichkeit«, sowie der» Tarquinius Superbus «erhalten geblieben. Von den andern wüßte ich mich der wenigsten zu erinnern, wenn ich nicht das Verzeichnis aufbewahrt hätte. Doch weiß ich noch, daß»Die verbrannte Katze «sich auf einen nicht ganz aufgeklärten Vorfall bezog, der sich in der Schule zugetragen, und daß ich zum» Alpenjäger«, dessen Handlung mir entfallen ist, durch den Anblick einer Gasthofterrasse am abendlichen Wolfgangsee und der auf den gedeckten Tischen brennenden Windlichter angeregt worden war.

Unvollendet blieb innerhalb derselben Epoche eine Tragödie» Die Brüder«; eine Art Volksstück» Die Türken vor Wien«; ein Märchen» Aschenbrödel«;»Die Schauspieler «und (dieses noch vorhanden) ein satyrisches Lustspiel» Teutschlingen«, in dem ich mit wenig Witz und nicht übermäßig viel Behagen unsere Professoren, insbesondere den deutschtümelnden Zitkovszky zu persiflieren suchte; – diesen vielleicht nur darum, weil mir daran lag, an dem ersten Menschen, der sich zu mir in eine bewußte literarische Opposition gesetzt hatte, mein Mütchen zu kühlen. Als er nämlich in der Vierten unsere Klasse übernahm, hatte er an den Primus die Frage gerichtet, wer die besten deutschen Aufsätze zu liefern pflege, worauf mein Name genannt wurde. Als meine ersten Arbeiten nicht zu Zitkovszkys Zufriedenheit ausfielen, bemerkte er wegwerfend, daß er an ihnen nichts Besonderes finden könne, ein Urteil, in dem ich ihm übrigens, soweit ich es an aufbewahrten Schulheften noch zu überprüfen vermag, nicht nur heute beipflichten muß, sondern dem ich mich schon damals im stillen anschloß. Denn, obzwar ich in der Schule spöttisch Poeta laureatus genannt und über mich sowie über meine gleichfalls literarisch beflissenen Freunde, Wechsel und Obendorf, das Gerücht in Umlauf gesetzt wurde, wir hätten einen Verein zur Verbesserung der Klassiker gegründet, – ich war auf meine Aufsätze und sonstigen schriftstellerischen Erzeugnisse keineswegs stolz, hatte kaum das Bedürfnis, sie in weiteren oder engeren Kreisen bekanntzumachen, sondern fand mein Genügen im rast-, aber auch planlosen Niederschreiben meiner Szenen und Stücke, über die ich mich kaum mit jemand zu unterhalten und die ich nur ausnahmsweise meinen nächsten Freunden bekanntzugeben pflegte; außer Wechsel und Obendorf einem gewissen Otto Singer, dem ich den» Tarquinius Superbus «einmal im Salon vorlas, nicht ohne das Manuskript, wenn mein Vater eintrat, unter den Diwan verschwinden zu lassen. Flüchtig tauchte einmal im Gespräche zwischen mir und einem gewissen Konrad Willner der Plan einer poetischen Schulzeitung auf, die abwechselnd unter seinem und meinem Vornamen erscheinen sollte, doch kam der Plan schon aus dem Grunde nicht zur Ausführung, weil mein Mitherausgeber das Gymnasium bald verließ.

Zusammenfassend wäre nur zu sagen, daß alles, was ich innerhalb dieser frühen Epoche schrieb, kaum an irgendeiner Stelle das Vorhandensein eines wirklichen dichterischen Talents ahnen ließe, wenn man nicht schon die unbezwingliche Schreibelust, zum mindesten auf dramatischem Gebiete, als Anzeichen eines solchen Talents will gelten lassen; und selbst das früher beiläufig gebrauchte Wort Frühreife glaube ich treffender durch» Frühbildung «ersetzen zu müssen, ja mir ist, als hatte ich mir gerade durch jene unermüdliche, irgendwie mechanische Art des Produzierens eine gewisse Unbewußtheit, Kindlichkeit und Unreife des Wesens länger erhalten, als es sonst der Fall zu sein pflegt; denn das bißchen Leben, das in meinen Gesichtskreis fiel, wurde sofort, ohne daß ich mich als Individuum damit abzufinden suchte, von dem produktiven Element meiner Natur aufgenommen, verarbeitet und abgetan.

Über Haus und Schule, über Theater und Lektüre und das, was ich Dichten nannte, gingen meine Interessen kaum hinaus; was sich in Stadt und Land oder in der weiten Welt draußen begab, fand in meiner Seele noch wenig Widerhall. Aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges, die in mein neuntes Lebensjahr fiel, ist mir außer den großgedruckten Überschriften der Zeitungsblätter nur in Erinnerung geblieben, daß meine Sympathien, wie die von ganz Österreich, zu Beginn des Feldzugs auf französischer Seite waren. Näher berührte mich zwei Jahre später die ökonomische Katastrophe, die unter dem Namen» Der große Krach «berüchtigt geblieben ist, in der mit manch anderen unschuldigen Opfern auch mein Vater alles verlor, was er bis dahin erspart hatte, und die mich, wie jenes früher erwähnte Dramenregister verrät, sogar zu fünf, wahrscheinlich humoristisch gedachten Szenen begeisterte. Wenige Tage vor dem schwarzen Freitag, der als solcher in der Wiener Lokalgeschichte weiterlebt, am 1. Mai 1873, war die Wiener Weltausstellung eröffnet worden, und ich sehe mich noch meinen Eltern gegenüber in einem geschlossenen Wagen sitzen, der sich langsam dem Tor der Rotunde nähert und an dessen Scheiben die Regentropfen klatschen. Allem sonstigen politischen und sozialen Geschehen, auch in seinen entferntesten Ausstrahlungen, war ich bis dahin entrückt geblieben, wie die meisten Knaben aus meinen Kreisen, blieb es auch äußerlich wie innerlich noch geraume Zeit; wie denn damals auch die Weltgeschichte kaum unmittelbar auf mich gewirkt, sondern vor allem als Fundort von poetischen, insbesondere dramatischen Stoffen mein Interesse angeregt haben dürfte.

Mit all meiner Poeterei war ich keineswegs ein verträumter oder eigenbrötlerischer Knabe, vielmehr, trotz gelegentlicher Zerstreutheit, recht aufgeweckt und von geselligen Neigungen. Schulkameraden kamen in unser Haus, und ich besuchte sie wieder, mit einem oder dem andern sprach ich mich wohl auch gründlicher oder vertrauter aus, ohne daß intimere oder gar schwärmerische Freundschaften entstanden wären, wie sie in diesen Jahren sonst nicht selten sind. Womit man sich gemeinsam die Zeit vertrieb, wäre mir nahezu gänzlich entfallen, wenn mir nicht ein Abend im Gedächtnis geblieben wäre, an dem ich im Hause eines Schulkameraden ihm und seinen Schwestern eine Novelle von Zschokke oder Hackländer vorlas und, unversehens in eine etwas erotische Stelle geratend, tief errötete. Von jenem Kollegen, Leo Arnstein, besitze ich aus viel späterer Zeit eine Karte, durch die er mich, übrigens ohne Erfolg, zu einer gemeinsamen Ferialreise aufforderte, mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß Bergfexereien ausgeschlossen seien. Das Schicksal wollte es, daß er selbst schon im Sommer nach jener Einladung beim Blumenpflücken von einer Felswand abstürzte und auf der Stelle tot blieb.

Hier will ich noch einiger anderer Schulkameraden gedenken, mit denen ich ein oder mehrere Semester lang flüchtigen Verkehr pflegte oder die mir aus sonst einem Grund lebendiger im Gedächtnis verblieben sind als die andern. Da war vor allem Ernst Radnitzky, Sohn des rühmlich bekannten Kupferstechers, in den ersten Gymnasialjahren der Primus unserer Klasse, ein begabter Knabe von etwas sonderlingshaftem Gebaren, der während des Respiriums allein mit umgehängtem Überzieher in den gotischen Gängen unseres Gymnasiums umherzuwandeln liebte. In den oberen Klassen, als er seinen Rang als Erster verlor, wurde er etwas umgänglicher und mit einigen Kollegen, darunter mit mir, so intim, daß sich sowohl in den Schulstunden von Bank zu Bank, als in den Ferien zwischen Wien und einer Wasserheilanstalt bei Graz, wo er sich zur Erholung aufhielt, eine Korrespondenz zwischen uns anknüpfte. Auch poetisch scheint er sich mehrfach versucht zu haben, wie ich aus einem Sonett entnehme, in dem er mich auffordert,»gleich mir ein hoffnungsloser Ringer «das Dichten aufzugeben. Ich nahm ihm das, wie manche andere hämische Bemerkung, gewiß nicht übel; aber über die Matura hinaus wollte unsere Freundschaft doch nicht halten, und wenn ich ihm auch später als Universitätshörer und als Ministerialbeamten auf der Straße, stets mit umgehängtem Überzieher, manchmal wiederbegegnete, zu längeren Unterhaltungen bestand von beiden Seiten keinerlei Neigung, und im Laufe der Zeit wurde auch der gegenseitige Gruß wie auf Verabredung eingestellt.

Der Primus der A-Klasse war unentwegt von der Ersten an ein gewisser Katzer gewesen, der diesen Rang auch beibehielt, als unsere B-Abteilung mit der andern zwei Jahre vor der Matura vereinigt wurde. Das war ein fleißiger, freundlicher, bescheidener, aber beschränkter Junge, der wahrscheinlich aus Familienrücksichten zu frühem Erwerb genötigt, eine kleine Beamtenstelle bei der Post annahm, aber es selbst in diesem, nicht übermäßige Anforderungen erheischenden Amt meines Wissens nicht sonderlich weit brachte.

Ihm der Nächste in der Klasse war ein gewisser Lubowienski, ein recht aufgewecktes, nicht unbegabtes Bürschchen, das später in Salzburg als Advokat und deutschnationaler Parteimann eine politische Rolle zu spielen suchte, seinen Namen, der ihm in dieser Carriere hinderlich sein konnte, ablegte und ihn mit einem deutscher klingenden vertauschte. Einmal hatte sich die ganze Klasse zu irgendeinem mir nicht mehr erinnerlichen Zweck photographieren lassen, Herr Kilcher-Lubowienski, der eines der Bilder aufbewahrt hatte, ließ es in Salzburg unter seinen Freunden zirkulieren, nicht ohne es mit der düsteren Bemerkung zu begleiten:»Schaut euch das einmal an! Mit so viel Juden zusammen hab' ich in die Schul' gehn müssen!«Er wurde, wie ich nicht zweifle, ob dieses traurigen Loses von seinen Gesinnungsgenossen nach Gebühr bedauert.

In den unteren Klassen gehörte ein gewisser Marcel Barasch zu meinen vertrauteren Freunden. Er machte sich bald bei mir durch seine Affektation unbeliebt, und ich war endgültig fertig mit ihm, als er nach dem Tod irgendeines Verwandten, ein Fünfzehnjähriger, seufzend ausrief:»Wär' man erst auch so weit!«

Von natürlicherem Wesen, nicht sonderlich anregend, aber sympathisch und klug, erwies sich Alfred Rie, der einzige von all den Genannten, in dessen Hause ich verkehrte. Im Sommer wohnte er mit den Seinen in Hütteldorf, und mir ist noch eine Jause im Garten erinnerlich, in deren Verlauf Alfreds Mutter, nachdem wir reichlich Obst verzehrt, die Frage an mich richtete, ob ich Kaffee oder Bier haben wolle. Ich antwortete ganz logisch:»Zu Ribisel paßt besser Kaffee«, eine Erwiderung, die bei groß und klein unverhältnismäßige Heiterkeit erweckte und jahrzehntelang im Kollegenkreis Zitat blieb.

Unvergessen ist mir auch der philologisch begabte, für die Antike begeisterte Samuel Spitzer, dem ich in späteren Jahren als Bisenzer Gymnasialprofessor für alte Sprachen wiederbegegnete, – ebenso begeistert und ebenso bescheiden, wie ich ihn schon als Knaben gekannt hatte. So gab es kaum einen unter meinen Schulkameraden, soweit ich sie im Auge behalten konnte, der sich nach einer anderen Richtung entwickelte, als sie schon in der jugendlichen Seele mehr oder minder bestimmt angedeutet war. Und man fühlt es erst ganz, welch schweres, in gewissem Sinn unlösbares Problem die Erziehung bedeutet, wenn man erkannt und erfahren hat, einem wie vorgebildeten, ja, bei aller Unreife fertigen Material sich die Eltern und Lehrer gegenüberbefinden.

Ein häufigeres Zusammensein mit Vettern und Basen, unter denen ich der Älteste war, ergab sich von selbst durch die Lebhaftigkeit des allgemeinen Familienverkehrs, dessen Mittelpunkt das großelterliche Heim geblieben war. In gemessenen Abständen und der Reihe nach hatten sämtliche Schwestern meiner Mutter geheiratet. Emma, die Nächstälteste, einen ungarischen Gutsbesitzer, Leo Fried, dem sie auf ein Gut in der Nähe von Debreczin gefolgt war, um schon nach wenigen Jahren mit zwei Kindern, Gustav und Gisela, als trostlose Witwe in die Heimat zurückzukehren. Ihr klarer, etwas scharfer Verstand bewahrte sie nicht davor, ihren Schwestern und andern ganz unbeteiligten Wesen, die es glücklicher getroffen, diese Schicksalsgunst übelzunehmen. Die Schärfe ihres Verstandes griff allmälig auf ihre ganze Natur über, und so gewährte der Umgang mit ihr von Jahr zu Jahr ein geringeres Vergnügen.

Irene, harmloser und gutmütiger von Natur, wurde die Frau eines Getreidehändlers namens Ludwig Mandl, der, auch im Börsengeschäft wohlerfahren, bald als der reichste Mann in der Familie dastand, ohne es eigentlich merken zu lassen. Er trug sich salopp, ja schäbig, fuhr auf der Eisenbahn in der dritten Klasse und freute sich, wenn er die Bahnverwaltung gelegentlich um eine Abonnementskarte beschummeln konnte, wobei es ihm keineswegs auf den geringen Betrag ankam, den er beim Kartenspiel oder wohl auch auf Almosen leichten Sinns hundert- und tausendfach hinzuwerfen imstande war, sondern nur auf das Bewußtsein, der Schlauere gewesen zu sein. Übrigens beschränkten sich seine Reisen fast nur auf Fahrten zwischen Wien und Vöslau, wo er später Besitzer der Villa Rademacher wurde, in der gelegentlich wir zur Miete wohnten. Vier Kinder aus Irenens Ehe starben früh, zwei innerhalb weniger Tage an Diphtherie, nach welchem Ereignis die Mutter in eine schwere Melancholie verfiel, wie sie sogar nach solch einem erschütternden Erlebnis doch nur in einem schon belasteten Gemüt zur Entwicklung kommen kann, das unter anderen Umständen von dem Drohen eines solchen Verhängnisses vielleicht nie etwas verspürt oder auch nur geahnt hätte. Die später geborenen Kinder Olga, Alfred und Grethe blieben ihr erhalten.

Pauline, meine jüngste Tante, klug, heiter und» g'schnappig«, wirkte im Gegensatz zu ihren Schwestern in Aussehen, Gehaben und Redeweise völlig unjüdisch, ja eigentlich wie ein Wiener Vorstadtmädel. Ganz jung, kaum siebzehn, verliebte sie sich in den Sohn des Operettenkomponisten Suppé, einen unbemittelten Sparkassabeamten, der als Sänger dilettierte und aussah wie ein Photograph am Sonntag. Die Großmama, hauptsächlich aus konfessionellen Gründen, war gegen die Verbindung. Meine Mutter, in schwesterlicher Zärtlichkeit, förderte den Liebeshandel, und endlich kam eine Ehe zustande, der zahlreiche Kinder, aber sonst nicht viel Heil entsprang. Onkel Peter, der sich anfangs mit seiner blonden Frische bei den Verwandten in eine gewisse Beliebtheit zu setzen wußte und zuweilen mit Botanisierbüchse und Schmetterlingsfänger uns Jüngere auf Landpartien mitnahm, löste sich im Laufe der Jahre, zweifellos aus Rassenantipathie, immer entschiedener von der Familie seiner Gattin, allmälig aber auch von ihr selbst los und hatte bald außer für sie und seine ehelichen Kinder, auch für das ehemalige Stubenmädchen des Hauses zu sorgen, mit der er bis zu seinem frühen Tode eine Art Gewissensehe führte, aus der gleichfalls Kinder hervorgegangen waren. Von den ehelichen Töchtern starben zwei noch vor dem Vater. Im Wesen und in den Schicksalen der anderen drei nahm und nimmt der Niedergang der Familie mit gesetzmäßiger Tragik seinen Fortgang. Ein Sohn, der einzige, anscheinend unbelastet, Freude und Hoffnung seiner Mutter, schied an der Schwelle des Jünglingsalters unerwartet dahin. Die Mutter selbst war schon früh im Gefolge der schweren seelischen Aufregungen manchen Nervenstörungen, insbesondere der Platzangst, unterworfen, und fast wunderbar erscheint es, daß sie in all ihrem Unglück, dem sich materielle Sorgen, wenn auch durch schwesterliche Hilfeleistung gemildert, zugesellten, den Humor ihrer Jugendjahre niemals völlig eingebüßt hat.

Meiner Mutter ältester Bruder, Edmund, heiratete ein häßliches, nicht sehr gescheites, wohlhabendes Mädchen aus Lemberg, und unter den Spielereien, die sie für Neffen und Nichten von der Hochzeitsreise mitbrachte, erinnere ich mich noch einer kleinen Kegelbahn, die mir zufiel. Von Onkel Edmund, seinem Aufstieg, seinem Ruhm, seinen Verfehlungen und seinem Untergang, ebenso von seinen Kindern Otto, Else und Raoul, die gleichfalls jedes in seiner Art als lebendige Beispiele unaufhaltsam weiterwirkender erblicher Belastung in unserer Familie dastehen, werde ich, da ich ihnen äußerlich und innerlich in mancher Periode meiner Existenz näher kam als den übrigen Verwandten, bei anderen Gelegenheiten zu erzählen haben.

Von gewöhnlicherer Art, rauh im Wesen, Geschäfts- und Börsenmann vor allem, erschien Carl, Irenens Zwillingsbruder. In seiner Jugend galt er als Lebemann. Ich selbst, als Fünfzehnjähriger, bin ihm einmal in einem zweideutigen Praterlokal begegnet, wo wilde Damen von unzweideutigem Ruf auf ziemlich zahmen Pferden in einer dämmerigen Manège umhersprengten. Von dieser Begegnung an, die uns beiden nicht angenehm war, behielt er bei mir und meinem Freunde Richard Horn, einem meiner Begleiter auf dergleichen Ausflügen, den Namen Hippodromonkel. Seine zwei Knaben aus der Ehe mit Rebekka Lakenbacher stehen unter den Markbreiterischen Enkelkindern, wenn man versuchte, sie der Begabung nach in einer Reihe zu ordnen, am äußersten Ende.

Felix, der jüngste Bruder meiner Mutter und ihr Liebling, war nur um sieben Jahre älter als ich und vermittelte gewissermaßen in der Familie zwischen der älteren und jüngeren Generation, was ihm sowohl hier als dort eine Art Ausnahmsstellung verlieh. Einmal, als er sich auf einem Spaziergang mit mir bei einer Trinkhalle nicht nur an einem Glas Himbeer mit Soda delektierte, sondern sich auch mit dem Sodamädchen in eine galante Unterhaltung einließ, die nicht die erste gewesen sein mochte, schmeichelte er meiner Eitelkeit durch das vertrauensvolle Ersuchen, von einem so bedenklichen Abenteuer dem Großpapa nichts zu erzählen. Er war leidlich klug, recht gebildet, geschäftlich sehr begabt, korrekt bis zur Peinlichkeit, von einer nervösen, aber mehr äußerlichen als inneren Unruhe, erhielt bald eine Stellung in einem großen Pariser Bankhause, wo er rasch vorrückte und auf die ihm angebotene Hand der reichen und schönen Tochter seines Chefs verzichtete, um sich aus Wien eine fast mittellose, aber brave und kluge Verwandte als Frau zu holen. Mit ihr übersiedelte er nach London, wo er zuerst Leiter der Filiale des Pariser Bankhauses, aber bald völlig selbständig wurde. Ihm und den Seinen werden wir im Laufe der Jahre noch öfters begegnen. Doch schon hier sei seiner musikalischen Bestrebungen gedacht, die in jener frühesten Zeit auch auf mein eigenes Verhältnis zur Musik nicht ohne Einfluß blieben. Insbesondere teilte ich bald seine Schwärmerei für Wagner, vor allem für die Meistersinger, eine Oper, die damals noch nicht so allgemein bewundert und geliebt wurde, wie es später der Fall war; und gern hörte ich ihm zu, wenn er auf dem Piano phantasierte oder in sich geschlossene Einfälle zum besten gab, unter denen ich das Thema einer Hero-und-Leander-Ouvertüre länger in Erinnerung bewahrt habe als er selbst.

Ich nannte ihn eben den jüngsten Bruder meiner Mutter, aber es kam noch einer nach ihm zur Welt – Julius, der sich als Siebzehnjähriger in Schachendorf bei Rechnitz angeblich aus Heimweh erschoß. Ein sonderbarer Zufall fügte es, daß nicht nur meine Großmutter, sondern auch die beiden andern Töchter von Markus Schey je ein Kind durch einen Schuß verloren. Im Jahre 1848 zu Preßburg warf der Gatte der Ältesten, Iritzer, eine gefundene Pistole in den Ofen, sie ging los und traf eine seiner Töchter tödlich. Ein Sohn der zweiten, Nanette Rosenberg, der in der italienischen Fremdenlegion diente, wurde in der Kaserne durch die Unvorsichtigkeit eines Kameraden erschossen. Mein Onkel Julius, dessen ich mich übrigens durchaus nicht zu erinnern vermag, war der letzte, an dem sich ein scheinbar vorbestimmtes Schicksal erfüllte und zugleich zum erstenmal innerhalb der Markbreiterischen Nachkommenschaft die geistige Belastung in tragischer Einfachheit offenbarte.

Außer seinen drei Töchtern hatte mein Urgroßvater Markus Schey einen einzigen Sohn, Anton, der insbesondere mit den Kindern der Familie eine nähere Verbindung unterhielt, indem er sie sonntags manchmal zu Tische lud. Mit seinen Schwestern, also auch mit meiner Großmutter, stand er nicht zum besten, da er durch ein Vorgehen, das die Benachteiligten vielleicht nicht ganz mit Unrecht als Erbschleicherei auffaßten, den größten Teil des väterlichen Vermögens an sich zu bringen gewußt hatte.

Trotzdem brach man die Beziehung zu ihm nicht völlig ab, in der später nur zum Teil erfüllten Hoffnung, daß der zwar Verheiratete, aber kinderlos Gebliebene dereinst die Nachkommen seiner Schwestern schadlos halten werde. Er gab sich gern patriarchalisch-tyrannisch, unwirsch-humoristisch und fand seinen besonderen Spaß daran, gewisse weibliche Verwandte durch Spottnamen zu kennzeichnen, wie beispielsweise seine Cousine Karoline Jellinek als Lintscherl Plattschnas, während er sich in anderen Fällen begnügte, seiner Geringschätzung durch eine ganz eigene Art der Fragestellung Ausdruck zu verleihen, wenn er zum Beispiel wegwerfend bemerkte:»Hast du die Lakenbacherische schon lang nicht gesehen?«, womit er die Gattin seines ihm im Wesen nicht unähnlichen Lieblingsneffen Carl Markbreiter meinte und zugleich zu verstehen gab, daß für ihn eine Ehe, der er seinen Beifall versagte, nie und niemals zu Recht bestünde; – ein Standpunkt, den sein Testament in einer noch unerwünschteren Weise zum Ausdruck brachte. Ebenso wie Bemerkungen und Fragen dieser Art pflegte er auch andere bis zum Überdruß zu wiederholen, vor allem solche, die sich auf seine Tafel bezogen; und jedesmal von neuem mußten wir ihm bestätigen, daß niemand den Salat so vortrefflich anzumachen verstünde wie er (was er auch immer vor unseren Augen bei Tisch mit breitem Behagen besorgte), und daß man nirgends ein so gutes Rindfleisch vorgesetzt bekäme wie in seinem Hause. Manchmal waren der Tafel auch die zwei Kinder eines armen jüdischen Schneiders zugezogen, von denen behauptet wurde, daß es eigentlich die des freundlichen Gastgebers seien. Seine Gattin, eine kleine, häßliche, geizige, falsche, aber nicht dumme Person, nahm jedenfalls die Tatsache oder das Gerücht mit Ruhe hin. Dafür sagte man ihr nach, daß sie der Jugendliebe zu einem italienischen Lehrer nachträumte, dessen Namen, von vieldeutigem Lächeln begrüßt, in der weiteren Familie noch öfters genannt wurde, ohne daß man seiner Person jemals ansichtig geworden wäre. – Kaum war man von der Mahlzeit aufgestanden, so setzte mein Onkel eine Art Orchestrion in Tätigkeit, das, wie ein Sarg anzusehen, in den Schatten einer Wand gerückt war, und unter anderen Musikstücken die Rossini'sche Tell-Ouvertüre zum besten gab mit einem dumpfen Rhythmus der Trommeln, in deren Nachklang mir auch gleich wieder, im Pfeifenrauch schwimmend, das halbdunkle, altväterisch möblierte Zimmer des Onkels aus der Tiefe der Zeiten emportaucht. Denn auch die Frage» Habt ihr euch schon meine Pfeifen angeschaut?«stand unweigerlich auf der Tagesordnung, und jedesmal aufs neue mußte die auf einem Mahagoniständer in der Salonecke aufgereihte erlesene Sammlung nach Gebühr bewundert werden. In späteren Jahren pflegte uns der Onkel immer seine westöstlichen Reisetagebücher vorzulesen, auf die er sehr stolz war, die aber nichts anderes enthielten, als eine trockene Aufzählung von Sehenswürdigkeiten und allerlei Eisenbahn- und Postdaten, etwa in Baedekerart, doch ohne die Gedrängtheit und Präzision dieses Handbuchs, dem sie nachgebildet waren, so daß sie die Zuhörer, insbesondere beim zweiten- und drittenmal, ausnehmend langweilten. Auf diesen Reisen, die ihn bis nach Konstantinopel und Kleinasien führten, hatte ihn öfters Carl, der Lieblingsneffe, begleitet, natürlich bevor er die» Lakenbacherische «geheiratet, und es wurde behauptet, daß sich auf diesen Weltfahrten und nicht nur im Fernen Osten Dinge zu ereignen pflegten, die in die für die Gattin und andere Familienmitglieder bestimmten Tagebücher aus triftigen Gründen keine Aufnahme fanden. Es wäre vielleicht unbillig, wollte man die Gastfreundschaft, die Onkel Toni seinen Schwesterenkeln, nicht allen in gleichem Maß, erwies, nur als eine Abschlagszahlung auf die zu erwartenden oder gar als bescheidenen Ersatz für diejenigen Erbschaftsanteile gelten lassen, die nur erwartet, aber nicht zugedacht waren. Denn er war keineswegs ein harter, zuweilen war er sogar ein hilfsbereiter Mensch, und wenn er meinem Onkel Edmund zur Rettung aus ehr- und freiheitsgefährdenden Geldkalamitäten im Lauf der Jahre mit beinahe einer Viertelmillion Gulden aushalf (was am Ende leider doch nicht die endgültige Rettung bedeutete), so war das immerhin als ein edler Zug des Spenders anzuerkennen, trotzdem er keine Gelegenheit vorübergehen ließ, Verwandten und Bekannten das Kassabuch vorzuweisen, wo unter einem bestimmten Datum zu lesen stand:»Dem Haderlumpen E.M. zum allerletztenmal zweimalhunderttausend Gulden unter der Bedingung, daß er nie wieder wagt, mir unter die Augen zu treten. «Dies war natürlich auch der Frau und den Kindern untersagt, und deren eventuelle Erbansprüche ein für allemal aufgehoben.

Auf die obengenannte Karoline Jellinek oder Lintscherl Plattschnas, Nichte meiner Großmutter und meines Onkels Toni, will ich hier noch einmal zurückkommen, nicht so sehr um ihrer selbst, als um ihrer Töchter willen. Die Älteste, Mathilde, brachte meinen poetischen Anfängen eine Art von kollegialem Interesse entgegen, da sie selbst nicht ohne schriftstellerischen Ehrgeiz war. So las sie mir einmal aus einem dicken Wirtschaftsbuch den Beginn eines Romans vor, der wohl nie über das erste Kapitel hinausgedieh, aus dem ich mich aber der Figur einer beide Arme in die Hüften stemmenden Köchin erinnere, nicht darum, weil dieser Charakterisierungsversuch mir, sondern weil er der Verfasserin als ein außerordentlicher Talentbeweis erschien. Ich widmete ihr zum Dank ein Gedicht, das die Ruine Wildenstein bei Ischl poetisch verherrlichte, womit aber unsere literarischen Beziehungen ein für allemal beendigt waren. Sie heiratete bald ihren Onkel Sandor Rosenberg, einen mageren und fidelen Herrn, der Heinrich Heine nicht unähnlich sah und dem man wegen eines Herzfehlers ein frühes Ende prophezeite. Er nahm seine junge Gattin nach Paris mit, wo er schon früher ein Antiquitätengeschäft eröffnet hatte, das ihn bald zum wohlhabenden und allmälig zum reichen Manne machte. Eine harmlose Neigung zu Großtuerei und Mäzenatentum war ihm schon früh eigen, und ihr verdanke ich meine einzige Begegnung mit dem berühmtesten Wiener Maler jener Epoche, Hans Makart. Von Paris aus beauftragte nämlich Sandor seinen Schwager Felix, meinen Lieblingsonkel, bei Makart ein Gemälde zu bestellen, mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß die Stoffwahl dem Künstler vollkommen anheimgestellt sei und der Preis keine Rolle spiele. Onkel Felix nahm mich als Begleiter zu Makart mit. Nachdem wir uns hatten anmelden lassen, warteten wir eine kurze Weile in einem schön ausgestatteten, etwas düster gehaltenen Vorraum, bis in braunem Samtanzug mit Pluderhosen auf der Treppe, die aus dem Atelier herunterführte, eine brennende Zigarre in der Hand, blaß und spanisch anzusehen, Hans Makart erschien und, ohne näher zu treten, uns um unser Begehr fragte. Onkel Felix entledigte sich seines Auftrags in wohlgesetzten Worten, nicht ohne Befangenheit, aber in guter Haltung; eine ganz kurze Pause entstand, Makart schüttelte den Kopf, antwortete kühl, daß er Bilder nicht auf Bestellung zu arbeiten pflege und entließ uns mit einem eben noch höflichen Gruß; Onkel Felix, der sich gern loben hörte, erkundigte sich auf dem Heimweg bei mir nach dem Eindruck seiner Rede, ich hielt mit meiner Anerkennung nicht zurück, Onkel Felix erklärte, auf die Ablehnung von Seiten Makarts gefaßt gewesen zu sein, und fügte nach kurzem Nachsinnen hinzu:»Übrigens keine üble Zigarre, die der Mann geraucht hat. «Hiefür hatte ich damals noch wenig Verständnis, doch verknüpft sich für mich seither unweigerlich die Erinnerung an Hans Makart mit dem Bild und dem Duft einer brennenden Havannazigarre.

Auch unser Pariser Mäzen nahm die Ablehnung, die seinem ehrenvollen Auftrag widerfahren war, weiter nicht übel, entschloß sich, seine Bilder anderswo zu bestellen und erreichte als glücklicher Ehemann und Vater von vier Kindern trotz seines Herzfehlers fast das siebzigste Jahr.

Daß ich einmal an einem schönen Sommertag als Dreizehnjähriger ohne Erlaubnis meiner Eltern im Hause Jellinek (der Vater, ein Arzt, war längst gestorben) zum Mittagessen blieb, wäre mir gewiß aus dem Gedächtnis geschwunden, wenn ich nicht bei dieser Gelegenheit von Mathildens jüngerer Schwester, der mit mir gleichaltrigen Julie, öffentlich und ohne jede weitere Liebeszeremonie einen warmen Kuß auf den Mund empfangen hätte, der zwar für alle Zeit der letzte blieb, mich aber die elterlichen Vorwürfe wegen meines Fortbleibens über das Mittagessen leicht verschmerzen ließ. Julie war es, die mein Onkel Felix zehn Jahre später als seine brave, kluge Frau nach London heimführte, wie sie mir überhaupt als eine der bravsten und klügsten Frauen erscheint, der ich jemals begegnet bin; und daß unsere gegenseitige, sich in Ferne und Nähe bewährende Sympathie, die mir später auch in meinen spärlichen literarischen Verbindungen mit England zustatten kam, mit jenem unschuldigen Jugendkuß ihren Anfang genommen hat, den sie selbst wohl längst vergessen, das weiß mein Herz, dem ich mindestens so viel Verstand und ein beträchtlich besseres Gedächtnis zutraue als meinem Kopf.

Mein dreizehnter Geburtstag wurde zwar ohne jedes rituelle Gepränge, aber durch besonders zahlreiche und schöne Geschenke gefeiert, die ich von Eltern, Großeltern und anderen Verwandten erhielt, – die Klassiker in schönen Einbänden, eine goldene Uhr, einige Dukaten; – ich aber, wohl wissend, was ich meinem Dichterberuf schuldig war, ermangelte nicht, auch meinerseits mich durch ein humoristisches Heldengedicht in Hexametern, auf zehn Gesänge berechnet und» Barmitzwe «betitelt, dankbar zu erweisen; – eine um so echtere Dankbarkeit, als ich darauf verzichtete, die paar Verse, die ich zustande brachte, meinen edlen Spendern zur Kenntnis zu bringen.

Hier aber, an der Wende zwischen Unter- und Obergymnasium, an der Schwelle der späteren Knabenjahre, die bei früher reifenden Naturen fast schon als die ersten Jünglingsjahre zu bezeichnen sind, muß ich einer unvergeßlichen und bedeutungsvollen, zeitlich vielleicht etwas weiter zurückliegenden Stunde gedenken, in der ich des Begriffs Tod zum erstenmal mit ahnendem Schauer innewurde. Es war eine Nacht, in der ich, entweder plötzlich erwacht oder noch nicht eingeschlafen, in einem aus der Tiefe meiner Seele aufsteigenden Grauen vor dem Sterbenmüssen, das mir zum erstenmal in seiner ganzen Unentrinnbarkeit zum Bewußtsein kam, laut zu weinen begann; in der Absicht, die Eltern aufzuwecken, die im Nebenzimmer schliefen. Es dauerte auch nicht lange, bis der Papa an mein Diwanbett trat, mich besorgt fragte, was mir fehle, sich zu mir setzte und mir zärtlich über Stirn und Haare strich. Ich schluchzte noch eine Weile still weiter, verriet mit keiner Silbe, was mich so heftig erschüttert hatte, und als der Papa sich nach einigen guten Worten entfernt hatte, schlief ich beruhigt wieder ein. – Ein Anfall von gleicher Heftigkeit hat sich niemals wiederholt. Doch ungefähr in der gleichen Epoche trug ein anderes Erlebnis sich zu, in dem die unbewußten Elemente meines Wesens wie von etwas Rätselhaftem berührt wurden. Mitten in der Nacht stand ich einmal im Halbschlaf von meinem Lager auf und begab mich durch das Schlafgemach der Eltern ins Speisezimmer, wo ich meinen Bruder im Nachthemd am Tische sitzend zu sehen mir einbildete. Als mein Vater, der mir gefolgt war, mich gänzlich erweckte, wußte ich auch schon, daß mich nur ein Mondstrahl in jenes entfernte Zimmer gelockt hatte, der durchs Fenster über Tisch und Sessel auf den Fußboden fiel. Obzwar sich ein Zufall dieser Art, soweit ich mir selbst davon Rechenschaft zu geben vermag, niemals mehr wiederholte, schmeichelte ich mir doch geraume Zeit mit der Einbildung, mondsüchtig zu sein.

Zweites Buch – Mai 1875 bis Juli 1879

Man stelle sich einen Menschen vor, der unversehens in eine Maskenleihanstalt geriete: ringsherum an den Wänden, in offenen Schränken, auf Kleiderstöcken hängen Gewänder mit schlappen Ärmeln, Mäntel ohne Inhalt; papierene Larven starren mit leeren Augen und zwischen den offenen, rotgeschminkten Lippen gähnen Löcher; es ist eine bunt phantastische, aber tote Welt. Allmälig jedoch regt sich ein oder der andere Ärmel, der eben erst nichts zu enthalten schien als Luft, fingernde Hände strecken sich entgegen, ein Mantel bläht sich, wie wenn eine atmende Brust ihn schwellte, aus der leeren Augenöffnung einer Larve schimmert ein Blick, die Lippen beginnen zu lächeln oder zu grinsen, und was bisher hohle Gewandung oder bemalter Pappendeckel schien, erweist sich als atmend, schauend und bewegt. Es wäre das seltsamste Abenteuer, und doch ist es vergleichsweise nichts anderes als was ahnungsvoll und gefaßt der Knabe erlebt, wenn ihm hinter den Worten, soweit sie etwas Begriffliches bezeichnen, hinter Worten, die er hundertmal gehört, gelesen, ausgesprochen, niedergeschrieben und zu verstehen geglaubt hat, zum erstenmal ihr eigentlicher Sinn aufzuglänzen beginnt. Nicht mehr zwischen Larven und Gewändern wandelt er dumpf einher, das Leben selbst dringt und funkelt auf ihn ein; und auch, wo es sich noch nicht kundgetan, ist er der wundersamsten Überraschung in jedem Augenblick gewärtig.

Wie zum erstenmal in einer schlaflosen Nachtstunde das Wort Tod aus seiner Buchstabenstarrheit für mich erwachte, habe ich eben erzählt; nicht viel später, wie leicht zu denken, sollte mir mit dem Wort Liebe das gleiche begegnen.

Uns gegenüber, ein Stockwerk höher als wir, auf der anderen Seite der Eschenbachgasse, die zwischen Opern- und Burgring mündet, wohnte im Jahre 1875 ein Kaufmann oder Börsianer mit Frau, vier oder fünf Söhnen und einer einzigen Tochter. So war man einander von Angesicht zu Angesicht schon lang nicht mehr fremd, als eines frühen Sommertags die förmliche Vorstellung erfolgte, im Volksgarten, wo Fanny mit ihrem jüngsten Bruder, dem dreijährigen Fritz, und ich mit» Fräulein«, Geschwistern, Schulkollegen zu lustwandeln pflegten. Schon in unserer ersten Unterhaltung ergab es sich, daß wir beide kurz vorher, und zwar am gleichen Tag, dem 15. Mai, unseren dreizehnten Geburtstag gefeiert hatten; und diesem Schicksalszeichen gehorsam, beschlossen wir, uns unverzüglich ineinander zu verlieben. Spaziergänge in den grünenden Alleen des Volksgartens, Versicherungen gegenseitiger Zuneigung, Händedrücke, Blicke und andere Verständigungszeichen von Fenster zu Fenster, auch naivster Art – so stellte ich mich einmal auf einen Stuhl, um der Angebeteten meine ersten langen Beinkleider vorzuweisen – das waren die unschuldigen Äußerungen unserer Seelenregungen; – aber so harmlos die Beziehung sich auch anließ und weiterspann, die Eltern hüben und drüben zeigten sich höchst ungehalten; und einmal trat ich gerade ins Zimmer, als die meinen sich über die Notwendigkeit besprachen, sich mit denen Fannys ins Einvernehmen zu setzen, damit insbesondere der skandalösen Fenstertelegraphie ein Ende gemacht werde, die wir unter Verwendung von Fensterpolstern und brennenden Kerzen zu hoher Vollendung ausgebildet hatten. Aber es bedurfte gar keiner besonderen Maßregeln; schon im Herbst desselben Jahres zogen unsere Nachbarn aus; und da weder meiner Liebsten noch mir viel Freiheit vergönnt war, blieb mir nichts übrig, als manchmal nach der Schule in der Nähe ihrer neuen Wohnung auf der Wieden, einen glücklichen Zufall erhoffend, umherzustreifen. Er wollte sich nicht einstellen; erst als das Frühjahr wiederkam, traf ich an schönen Abenden ziemlich regelmäßig im Volksgarten mit Fännchen zusammen, wenn ich nicht gezwungen war, an den ärztlichen Landfahrten meines Vaters teilzunehmen, die mich nun immer mehr in Verzweiflung brachten. Briefe wurden gewechselt, es gab Liebesversicherungen und Liebeszwiste; und da Freunden und Freundinnen, Vertrauten und Mißgünstigen die üblichen Nebenrollen zugeteilt waren, mangelte es auch nicht an Zwischenträgereien, Eifersüchteleien mit nachfolgender Versöhnung; kurz, es war die echte und rechte Jugendliebe, wie man sie sich als vierzehnjähriger Gymnasiast und gar als Dichter schuldig zu sein glaubte, nur daß ihr leider das Beste fehlte, wovon ein zu dieser Zeit verfaßtes, sauersüßes Gedicht, das mit den Worten anhebt:»Kein einz'ges kleines Küßchen noch von ihrem rosigen Munde«… ein ziemlich beschämendes Zeugnis ablegt. Die kleinen Herren und Fräulein, die sich damals in unserer Gesellschaft herumtummelten, einzeln und paarweise, sind fast alle mit geringer Kunst, aber ziemlich getreu, in den Entwürfen und Fragmenten aus dieser Zeit abkonterfeit: in dem komischen Heldengedicht» Die Meyeriade «und in einem humoristischen Roman» Akademische Herzen«. Folge ich in dem ersteren den Spuren des Jobsiadedichters Kortum, so sind in dem Roman Einflüsse des liebenswürdigen und erfindungsreichen Hackländer und des um so viel platteren Winterfeld nicht zu verkennen. Das Heitere und Spaßhafte ist an einzelnen Stellen ganz leidlich gelungen, wenigstens dort, wo ich mich innerhalb realistischer Nachschilderung zu halten wußte; und die in der Schule oder im Volksgarten spielenden Szenen verraten überdies eine in solchen Jahren nicht häufige Selbstironie, die freilich, wie es meist der Fall ist, durch Sympathie für die eigene Person erheblich gemildert erscheint. Stumpfer wird der Witz und etwas läppisch die Erfindung, wo der Versuch gewagt wird, Universitätsstudenten oder gar ältere Herren, Balletttänzerinnen und dämonische Baroninnen in satirischer, sentimentaler oder frivoler Beleuchtung vorzuführen.

Auch in anderen Versuchen aus diesen Jahren tritt, ebenso wie manche andere Figuren aus dem bekannten Kreis, das interessante Liebespaar Arthur-Fanny immer wieder auf, wobei nichts weiter an die Wirklichkeit gemahnt, als die beibehaltenen echten Vornamen. Eine alberne Posse,»Fastnachtsgeschichten«, eine andere, nicht viel klügere,»O, welche Lust, zu reisen!«und ein dreiaktiges Lustspiel, in dem die Kotzebue'sche Technik stellenweise nicht ungeschickt nachgeahmt wird:»Die feindlichen Hoteliers«(1878), mögen für diese naivste Abart der Schlüsseldichtung als Beispiele gelten. Die meisten meiner Volksgartengenossen und – genossinnen, wie sie in jenen Schreibereien – vor allem in dem Romanfragment – eigentlich Lebendiger aufbewahrt sind als in meiner Erinnerung, was sogar für Fännchen selbst gilt – entschwanden in der kalten Jahreszeit meinen Augen, um mit dem Erwachen der Natur, unter der erneuten Möglichkeit des Lustwandelns im Freien, wieder emporzutauchen; nur einer, Jacques Pichler, der in der» Meyeriade «und in den» Akademischen Herzen «unter dem Decknamen» Steile «auftritt, ein gutmütig-harmloser, sich wienerisch fesch gebärdender Junge, der sich das Studium wenig anfechten ließ, blieb mir auch in den Wintermonaten nah, war mir eine Zeitlang als Billardkumpan willkommen, konnte sich aber später, als Vertrauter überflüssig geworden, weder bei mir noch sonst in meinem intimeren Kreise behaupten. Auf die Universität gelangte er mit beträchtlicher Verspätung, eine noch erheblichere gab es bis zur Erreichung des medizinischen Doktorgrades; seinen Beruf übte er zuerst im Militärverband aus, um endlich als Zahnarzt ins Zivil überzutreten.

Auch einiger anderer Figuren will ich hier flüchtig gedenken, zweier vor allem, die sich nicht nur durch ihr Glück bei Damen aller Art hervortaten, sowohl bei Backfischen als bei Dirnchen, sondern auch durch ihre Neigung, von ihren Erfolgen zu reden – des fröhlich-trivialen Handelsakademikers Emil Weichsel und des ernster angelegten Realschülers Krisar; – und eines dritten, den wir, allerdings nur hinter seinem Rücken, das» Nelkenvieh «nannten und der den blumigen Teil dieses Kosenamens seinem ständigen Knopflochschmuck, den minder zarten aber dem Umstand verdankte, daß er es wagte, meiner Angebeteten den Hof zu machen. Er war nicht mein einziger und keineswegs der gefährlichste Rivale: Josef Kranz, der spätere Advokat und Finanzier, brachte Fännchen seine Huldigungen in Gedichten dar, die mir viel besser erschienen als die meinen und es vielleicht auch waren. Ein paar Jahrzehnte später, als wir über jene längst verflossenen Zeiten sprachen, bedauerte er nicht nur in meinem, sondern auch in seinem Namen, daß wir» damals «noch nicht erwachsener und gewandter waren.

Vertrauter als mit den bisher Genannten verkehrte ich mit zwei Schulkameraden, die, beide um einige Jahre mir im Alter voraus, infolge ihres geringen Lerneifers, ihrer inneren Unstetheit und mancher unverschuldeten Umstände genötigt waren, ihre Gymnasiallaufbahn vorzeitig abzubrechen. Der eine, Moritz Wechsel, stammte aus einer armen Judenfamilie, die aus Amerika eingewandert war; und so durfte er sich der Aufgabe unterfangen, mich und meinen Bruder in den Anfangsgründen der englischen Sprache zu unterweisen. Doch bald wurden die Lektionen, in die mein Vater aus Güte für mich und aus Mitleid mit dem armen Schulkollegen gewilligt hatte, als unfruchtbar erkannt und daher abgebrochen; – nicht so unser freundschaftlicher Verkehr, den ich um so weniger missen wollte, als Moritz nicht nur an meiner Herzensgeschichte, sondern auch ernsthafter als irgend jemand zuvor an meinen dichterischen Bestrebungen Anteil nahm, mit denen er sich schon völlig nach Rezensentenart auseinanderzusetzen wußte. In einer absprechenden Kritik über den» Tarquinius Superbus«, dritter Teil, erwies er sich schon dadurch als der geborene Journalist, daß er von mir höhnisch als von einem Herrn Sch. sprach; und wenn er eine spätere Abhandlung über mein Drama» Der Raub der Sabinerinnen «mit den Worten schloß,»mein Lob dem jungen, hoffnungsvollen Dichter«, so schlägt aus ihnen der Geruch von Druckerschwärze ahnungsschwer entgegen. Aus einer Reihe von Aufsätzen, in denen wir miteinander polemisierten, könnte man, wenn sie noch existierten, eine Verschiedenheit unserer Weltanschauungen ableiten; er vertrat eine stoische, ich, wie schon aus dem Gesamttitel meiner Artikel» Fruere vita«(Genieße das Leben) hervorgeht, eine epikureische Auffassung; daß die meine ehrlicher gemeint war, glaube ich ebenso sicher behaupten zu dürfen, als daß er die seine gewandter zu formulieren wußte. Er war ein kleiner, blasser, krausköpfiger, wenig gepflegter, geduckter Junge, sichtbarlich umflossen von einer trübseligen Ghettoatmosphäre, die mir in seiner Leopoldstädter Wohnung noch greifbarer entgegenströmte, und er schloß sich mir um so lieber und lebhafter an, als sich ihm sonst nur wenig Sympathien zuwandten. Doch auch unsere Beziehungen flauten ab, nachdem er das Gymnasium verlassen; bald darauf, als er schon in die ihm vorbestimmte Laufbahn geraten war, verlor ich seine Person ganz aus den Augen und wußte ihn nur als politischen Mitarbeiter bei großen Wiener Zeitungen tätig. Auch später erfolgten immer nur flüchtige Begegnungen, und bei Gelegenheit des ersten ausführlicheren Gespräches nach Jahrzehnten, im Sommer 1915 in der Vorhalle eines Ischler Gasthofs, sah ich statt des untersetzten, älteren grauen Herren im Lodenrock, Redakteur des» Neuen Wiener Journals«, immer den blassen Judenjungen vor mir, der mich schon, als wir beide noch Schulbuben waren, lang vor Maximilian Harden und anderen Gestrengen, mit gebotener Verächtlichkeit» Herr Schnitzler «genannt hatte.

Nicht nur mein Vater hatte seine, allerdings pädagogisch begründeten Einwendungen gegen meinen Verkehr mit Moritz Wechsel – auch ein Kollege, der als Gymnasialschüler kaum besser als jener und überdies mit ihm ziemlich befreundet war, bemühte sich, ihn aus seiner Vertrauensstellung bei mir zu verdrängen. Sein Name war Adolf Weizmann; seine Familie, gleichfalls in beschränkten Verhältnissen, war in einem mährischen Städtchen ansässig, er selbst wohnte in Wien, bei Verwandten. Im Gegensatz zu Moritz war er ein gradgewachsener, hübscher Junge, freier, wohl auch vordringlicher im Betragen als der andere und nicht nur lyrischer, sondern auch, stolz auf sein starkes, wenn auch etwas trockenes Organ, deklamatorischer und schauspielerischer Neigungen beflissen. Auf einem Schulausflug 1876, wie er nach alter Gepflogenheit unter Führung eines Professors am ersten Mai unternommen wurde, machte er mich und Moritz in etwas geheimnisvoller Weise, aber unter Mitteilung überzeugender Einzelheiten, zu Mitwissern einer platonischen Beziehung zu seiner Cousine, worauf ich nichts Eiligeres zu tun hatte, als ihn in meine eigene Herzensgeschichte einzuweihen. Nicht lange darauf gestand er mir überlegen lächelnd, daß er die seine nur erfunden hatte, um mir durch diese scheinbare Preisgabe seines Geheimnisses das meine, dessen Bestehen er vermutet hatte, zu entlocken. Ich nahm es ihm weiter nicht übel und teilte von nun an meine freundschaftlichen Gefühle zwischen ihm und Moritz, wobei es nicht ohne Neckereien, Eifersüchteleien und Verstimmungen von allen Seiten abging. Auch als literarischer Berater und Kritiker wurde er mir bald unentbehrlich, und noch bewahre ich ein Manuskript des» Tarquinius Superbus, erster Teil «auf, in das er recht kluge, mit klassischen Beispielen belegte Bemerkungen eingetragen hatte, wie an solchen auch in seinen Briefen kein Mangel war. So behauptete er sich als mein Intimus durch geraume Zeit und blieb es auch eine Weile, nachdem er das Gymnasium, schon in der Sexta oder Septima, verlassen hatte. Stundenlang spazierten wir in den Straßen umher, wobei er den» Faust «und den» Uriel Acosta «zu deklamieren pflegte, saßen unerlaubterweise in Kaffeehausecken oder in kleinen Konditoreien, um uns bald über ernstere Gegenstände, vor allem Dichtkunst und Schauspielerei, bald mit harmlosem Geplauder und Spaßetteln aller Art zu unterhalten. Auch hier ist mir von den vielen hundert, einander ähnlichen Stunden, die wir miteinander verbrachten, eine mit besonderer Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben, in der wir an einem kühlen, windigen Vorfrühlingstag im Wurstelprater, Brot und Käse verzehrend, zwischen den noch geschlossenen Buden umherzogen. Das Theater bildete nicht nur sein Hauptinteresse – so daß ich mich sogar einmal veranlaßt sah, meine Uhr zu versetzen, um ihm den Kauf eines Billets für eine Vorstellung des» Götz «im Burgtheater zu ermöglichen – es war auch sein persönlicher Zukunftstraum; ja, mit einer Empfehlung meines Vaters versehen, ließ er sich auf seine Eignung für den Schauspielerberuf hin von dem Vortragsmeister Alexander Strakosch prüfen. Dieser aber erklärte, daß er ihn mit Rücksicht auf seine noch in der Entwicklung begriffenen Stimmittel durch Erteilung von Sprechunterricht geradezu ermorden würde, und so entsagte Adolf vorläufig, auch aus materiellen Gründen, seinen Künstlerplänen, um nach einem kurzen Hofmeisterintermezzo mit obligater Verliebtheit in die reiche und schöne Millionärstochter, deren Brüder er unterrichtete, die auf Jahre durch seinen Militärdienst unterbrochene Laufbahn eines Handlungsreisenden einzuschlagen, für die er mehr Eignung besaß, als er sich eingestehen wollte. Unsere Verbindung lockerte sich, was nicht allein durch die räumliche Entfernung bedingt war, denn über sein etwas schönrednerisches und nicht durchaus aufrichtiges Wesen hatte ich mich, wozu es keiner sonderlichen Menschenkunde bedurfte, niemals einer Täuschung hingegeben. Aber es blieb dies keineswegs der letzte Fall, in dem eine solche Erkenntnis meiner Sympathie nichts anzuhaben vermochte, solange ich in einem weiteren Umgang geistigen Gewinn oder wenigstens bescheidene geistige Anregung zu finden glaubte. Freilich wußte ich später meine Seele, wenn auch nicht immer mein Herz, besonders, wenn es sich um Frauen handelte, besser zu wahren, als es mir in jenen jüngeren Jahren gelang. Kaum je in meinem Leben ist es mir begegnet, daß ich in einem Freundschaftsverhältnis der werbende Teil gewesen wäre, was man einfach, aber vielleicht nicht ganz erledigend, auf eine gewisse aus Kühle und Mit-sich-selbst-beschäftigt-Sein gemischte Grundstimmung meines Wesens zurückführen mag, die man später oft mit den Fremdworten Reserviertheit und Präokkupiertheit und allzu hart auch als Egoismus zu bezeichnen liebte. Richtig ist jedenfalls, daß ich die meisten Menschen eher an mich herankommen ließ, als daß ich mich ihnen näherte; – war aber ein Verhältnis einmal angebahnt, so konnte ich mir weiterhin keinen Mangel an Aufrichtigkeit oder Aufgeschlossenheit zum Vorwurf machen. Auch in jenen jungen Jahren war es gewiß oft nicht meine Persönlichkeit als solche oder sie allein, die mir Freunde gewann; und ohne die Ursprünglichkeit der Gefühle in Frage zu stellen, deren ich mich von vielen Jugendgenossen zu erfreuen hatte, spielte doch bei manchen, wie bei den eben erwähnten Moritz und Adolf, unbewußt oder halbbewußt das Bedürfnis mit, durch den Verkehr mit dem Doktors-und Professorssohn Anschluß an eine materiell bessergestellte und sozial etwas höhere Schichte zu gewinnen. Mit anderen wieder stellte sich ein Verhältnis noch ungezwungener durch eine schon vorhandene Gleichheit der bürgerlichen Rangsphäre her und festigte sich leicht durch eine außerhalb der Schule liegende Interessengemeinschaft, solange diese eben dauerte. Hier nenne ich als ersten Richard Hörn, in dessen engerem und weiterem Familienkreis ich mich noch lange wohl aufgehoben wußte, als zu ihm selbst eigentlich keine nähere Beziehung mehr bestand. Wir trafen uns vor allem in unserer Liebe für die Romantik. Unter den Dichtern war E.T.A. Hoffmann uns am teuersten, nächst ihm Tieck und Immermann. Ihr Einfluß zeigte sich in manchen meiner Entwürfe und Versuche aus damaliger Zeit, am deutlichsten in einer übrigens kindlich-süßlichen, gegen Schluß völlig verhudelten» Geschichte von Amadeus, dem Poeten«. Unter E.T.A. Hoffmanns Werken liebte ich am meisten den» Kater Murr«; Tieck kam mir mit» Sternbalds Wanderungen «und» William Lovell «am nächsten, von Immermann fesselten mich außer dem» Münchhausen «die weit schwächeren» Epigonen«, und weniger romantisch als harmlos-bubenhaft war mein Einfall, mit einem Unbekannten, der durch eine Zeitungsannonce Anschluß an ein weibliches Wesen gesucht hatte, eine Korrespondenz anzuknüpfen und mich mit dem Namen einer Figur aus jenem Roman» Flämmchen «zu unterzeichnen. Da ich bald, wie es mir auch in vernünftigeren Dingen begegnete, die Geduld an dem Spaß verlor, fiel mein letztes Schreiben etwas gar zu durchsichtig aus, und mein Partner, so erkennend, daß er mystifiziert worden war, antwortete mir nicht mehr.

Eine Korrespondenz, die ich mit Richard Horn führte, hatte mehr von innen her einen romantischen Einschlag; da gibt es Extrablättchen in Jean Paul'scher Manier – ohne daß ich für meinen Teil es über die Lektüre von» Katzenbergers Badereise «und» Quintus Fixlein «bis heute jemals hinausgebracht hätte —; pedantische Kanzleiräte und dämonische Archivarii Amadeus Hoffmann'scher Faktur gespenstern zwischen den Zeilen; Hauptsache bleibt indes knabenhaftes Schulgeschwätz und Berichte über pikante Erlebnisse oder wenigstens Anblicke, deren Richard sich in den primitiven Badeanstalten eines Salzkammergutsees zu erfreuen hatte. Seine Briefe besitze ich noch, die meinen hat der Empfänger später vernichtet, – und zwar, wie er mir schrieb, aus Kränkung darüber, daß ich zu einer gewissen Zeit den Verkehr mit all meinen Freunden aus einer früheren, vorliterarischen Epoche aufgegeben hätte, was im allgemeinen durchaus nicht zutraf. Ein Charakterzug, der sich noch jenseits der Dreißig nicht verleugnet – damals vernichtete Richard meine Briefe – und nach dem Fünfzigsten – damals teilte er's mir mit – als so berechtigt empfunden wird, muß tief wurzeln und von Geburt an vorgebildet sein. Und tatsächlich war Empfindlichkeit und Neigung zu Gefühlsduselei schon in jenen Knabenjahren bei Richard, der übrigens von strebsamem, nicht sehr rasch fassendem, gern ironischem und leicht überheblichem Geiste war, stark entwickelt; und zu häufigem ungeduldigem Spott forderte mich besonders seine Schwärmerei für einen begabten, liebenswürdigen Altersgenossen von mädchenhaft hübschem Aussehen heraus, der von einem anderen Kollegen sogar als Heiland besungen wurde, so daß sich um seine Gunst gänzlich ohne seine Mitwirkung, da er davon unberührt blieb, Rivalitäten erhoben, die mir höchst lächerlich und etwas widerlich erschienen. Daß bei jenen Schwärmereien homosexuelle Regungen mitschwingen könnten, kam den Beteiligten damals so wenig zum Bewußtsein wie mir; um so weniger, als wir alle von der gewiß nicht unbedeutenden, jetzt meines Erachtens freilich überschätzten Rolle, die diesen Trieben in der jugendlichen Seele zugewiesen ist, ja kaum von ihrem Vorhandensein eine Ahnung hatten. Richard versuchte sich nicht nur, gleich mir, auf belletristischem Gebiet, sondern schrieb auch kleine Klavierstücke in Schumann'scher Manier, von denen manche den Beifall seines Onkels, des Komponisten Ignaz Brüll, fanden, doch gab er nicht mit Unrecht sehr bald in beiden Künsten seine schöpferischen Bestrebungen auf und ließ es sich an einem Genießer- und Kennertum genügen, das zwar etwas begrenzt und selbstgefällig im Ausdruck, zum mindesten auf musikalischem Gebiete, der Echtheit und Wärme nicht ermangelte. In der Liebe für Schumann fanden wir uns vor allem. Denn auch meine innere und äußere Anteilnahme an der Musik war indes weiter vorgeschritten. Ich besuchte viele Konzerte, mit ziemlicher Regelmäßigkeit die der Philharmoniker und des Hellmesberger-Quartetts; ein neuer Klavierlehrer, Anton Rückauf, jung, sanft und blondlockig, mit dem ich mich auch persönlich besser verstand als mit dem früheren, fand mich pianistisch recht begabt und behauptete, daß ich es bei erheblicherem Fleiß weiter hätte bringen können als Moritz Rosenthal, den er übrigens haßte. Das vierhändige Klavierspiel mit Rückauf oder meiner Mutter wurde weiter geübt, auch improvisierte ich gern auf dem Flügel, wobei mir manchmal das Zufallsglück eines melodischen Einfalls oder einer hübschen Harmonisation zuteil wurde; doch als mich mein Lehrer einmal aufforderte, über ein von ihm angegebenes Thema zu phantasieren, versagte ich vollkommen und rettete mich mit Müh und Not in ein sozusagen Bachisches Fugato, wie es mir verhältnismäßig immer noch am besten gelang. Vor der Gefahr, mir eine schöpferische musikalische Begabung einzubilden, blieb ich damals wie später, auch in den inspiriertesten Momenten, dauernd bewahrt, da ich mir des tiefen Wesensunterschiedes zwischen Künstlertum und Dilettantismus schon dadurch im Innersten stets bewußt blieb, daß mir eben auf einem anderen Gebiet wirklicher Kunstverstand und wirkliche Kunstbegabung (von ihrem Ausmaß ist hier nicht die Rede) geschenkt war. Dieser Wesensunterschied wird dadurch nicht berührt, daß dem geschmackvollen Dilettanten durch ein Zusammentreffen von allerlei günstigen Umständen zuweilen im kleinen eine als künstlerisch bewertbare Leistung gelingen und daß der Künstler, auch der ernste und ehrliche, in schwachen Augenblicken oder unter dem Druck von Widerständen etwas Mattes, dilettantisch Wirkendes hervorbringen mag. Liegt das Produkt eines gebildeten und geschmackvollen Menschen vor, so gilt es, zur Lösung des Zweifels, oft von der Einzelleistung bis zu den Wurzeln der Persönlichkeit hinunterzusteigen, was nicht jedermanns Sache ist und wo auch der Berufene oftmals sein Urteil nicht mit Gründen, sondern nur aus seinem inneren Gefühl heraus zu rechtfertigen vermag. Einem abgeschlossenen Lebenswerk gegenüber ist die Entscheidung freilich nicht schwer. Aber ob es zum Beispiel möglich gewesen wäre, in dem, was ich bis zu meinem siebzehnten Jahre dichterisch hervorgebracht habe, – durchaus unselbständigem und größtenteils kindischem Zeug – eine Ahnung von Eigenart zu entdecken oder sonst irgend etwas, was einen sich entwickelnden Künstler ankündigte, möchte ich beinahe bezweifeln. – Kaum weiß ich zu sagen, ob ich selbst mich für berufen hielt, ja, ob ich damals meine gelegentlichen Bemühungen, das Urteil meiner engeren Umwelt oder gar der Öffentlichkeit anzurufen, im Innersten ernst genommen habe; ob ich nicht vielmehr auch hier, halb unbewußt, nur vor mir selbst und den anderen eine Rolle, in diesem Fall die des hoffnungsvollen jungen Dichters, weiterspielte. Meine novellistischen und dramatischen Versuche oder gar meine Liebeslyrik dem Vater mitzuteilen, erschien mir nach wie vor nicht rätlich, von dem» Tarquinius Superbus «machte ich ihm erst an meinem sechzehnten Geburtstag Mitteilung, ohne ihm die Lektüre zuzumuten. Doch hatte er schon früher Gedichte von mir – kaum auf meine Veranlassung – schriftstellerischen Freunden zur Beurteilung vorgelegt, so einem Redakteur der» Neuen Freien Presse«, dem liebenswürdigen Humoristen J. Oppenheim (wie ich aus einem Brief meines Vaters ersehe, der jene Sendung offenbar einbegleitete und die, ich weiß nicht, wie, wieder in seinen Besitz gelangt ist), und dem Novellisten und Concordiapräsidenten Johannes Nordmann, der – wie ich einer Tagebuchnotiz entnehme – meine Gedichte» reizend «fand, vielleicht nur, weil ihr Verfasser der Sohn des Concordiaarztes war, dem sich Nordmann dankbar verpflichtet fühlte. Wie – nach der gleichen Quelle – der Orientreisende und Novellist Vincenti dazu kam, mir» Talent fürs Epische «zuzusprechen, welche meiner Arbeiten und durch welche Vermittlung er sie gelesen, ist mir nicht erinnerlich. Eine mir persönlich unbekannte Frau Schaff hatte durch Moritz Wechsel Einblick in mein Romanfragment erhalten, erklärte mich als zu frivol für ein fünfzehnjähriges Kind und schloß weiter, daß ich – als so frühreif – auch klein und verwachsen, sowie nach meiner Schrift flatterhaft sein müsse. Im Juni 77 sandte ich ein paar Gedichte an einen gewissen Siegmey – den Herausgeber irgendeines Wochenblättchens – und erhielt ermunternde Antworten, die aber weiter keine Folge hatten. Dem» Salonblatt «schickte ich unter dem romantischen Pseudonym Richard Bleich etliche Verse ein, ohne auch nur einer Erwiderung gewürdigt zu werden. Ebenso erging es mir mit Gedichten, die ich an Robert Hamerling nach Graz adressierte, obwohl ich in meinem Begleitschreiben, wenig geschmackvoll, einen Appell an die vielleicht noch nicht vergessenen Träume seines eigenen sechzehnjährigen Dichterherzens gewagt hatte. Eine Art Feuilleton» Zwanzig Millionen Welten «war für ein Montagsblättchen bestimmt, in dem ich einen populären, astronomisch-kosmischen Aufsatz, der die Vielheit der Sonnensysteme behandelte, mit Ergriffenheit gelesen hatte; – doch der Redakteur, weniger ergriffen als ich, lehnte in der offenen Korrespondenz, mit ironischem Hinweis auf mein jugendliches Gemüt, die Veröffentlichung ab. Ein harmlos-läppisches Gedichtchen,»Omnibusträume «betitelt, wurde von einem Kollegen namens Ostersetzer, der eine Schulzeitung herausgab,»wegen seines für Klassenvorstände nicht geeigneten Inhalts «höflich zurückgewiesen. Ob ein anderes humoristisches Poem,»Ei ei, wie kommt denn das!«, den Beifall meiner Kollegen fand, denen ich es in einer Pause vorlas, weiß ich nicht mehr; jedenfalls trug ich meine Mißerfolge so wenig schwer, als ich etwa auf gelegentliche kleine Erfolge stolz war. Nicht nur Josef Kranzens, auch Adolf Weizmanns Gedichte schätzte ich beträchtlich höher ein als meine eigenen. Indes war ich auch zu einem andern Schul- und Dichterkollegen in ein näheres Verhältnis getreten, einem Tiroler, namens Engelbert Obendorf, mit dem ich während der Lehrstunden in Knittelversen zu korrespondieren pflegte; ihn besuchte ich zuweilen auf seiner Studentenbude in der Lerchenfelder Straße, der alten Kirche gegenüber, die mir in späteren Jahren bedeutungsvoll werden sollte. Einmal ließ ich bei ihm ein Drama zurück, von dem eben zwei Akte vollendet waren; es hieß»Der ewige Jude «und war mir wichtiger als alles andere, was ich geschrieben, weil darin, was mir selbst als das Wesentlichste meiner Art erschien, und das ich als» moderne Romantik «zu bezeichnen liebte, meiner Meinung nach am entschiedensten zum Ausdruck gekommen war. Trotz häufiger Mahnung konnte ich es von meinem Freund nicht wiedererhalten, bis er mir endlich in einem de- und wehmütigen Brief gestand, daß seine Bedienerin es aus Versehen verbrannt hätte. Da ich den Anfang nicht aus dem Gedächtnis neu herzustellen vermochte, und mich nie mehr entschloß, das Thema neu aufzunehmen, konnte ich mir leicht einbilden, daß mit jenem Fragment das Beste, was ich je geschaffen, und das aussichtsreichste meiner Werke verlorengegangen sei.

Außer den obenerwähnten Arbeiten und einer Anzahl von Gedichten, von denen ich eine Auswahl als» Träume «reinlich und zierlicher, als es sonst meine Art war, in ein Heftchen abgeschrieben und» meinem Fännchen «gewidmet hatte, begann ich noch etliches in erzählender und dramatischer Form, darunter ein romantisches Drama in Knittelversen» Die Komödianten«, doch da ich meist ohne rechten Plan anfing, meine Feder laufen ließ, wie sie wollte, und von eigentlicher Arbeit nicht die Rede war, so pflegte ich bei der ersten erheblicheren Schwierigkeit innezuhalten und das Ding, an dem ich das augenblickliche Interesse verlor, ein für allemal beiseite zu legen. War ich auch begreiflicherweise nicht ohne Eitelkeit, so war ich doch von eigentlichem Ehrgeiz, jedenfalls von Zielbewußtheit oder Zielstrebigkeit, frei, und der Gedanke, jemals Schriftsteller von Beruf zu werden, lag mir damals und noch lange Zeit, ja in einem gewissen Sinn immer fern; – und schon durch das väterliche Beispiel und Vorbild war mir die ärztliche Laufbahn in jenen jungen Jahren als unausweichlich und hoffnungsvoll vorgezeichnet. Ein ausgeprägtes naturwissenschaftliches Interesse zeigte sich freilich nicht bei mir, woran vielleicht weniger mangelnde Anlage als Erziehungsfehler schuld waren. Wurde man überhaupt in dieser Epoche auf das Sehen und Schauen nicht genug hingeleitet, legte insbesondere der Lehrplan des Gymnasiums – worin es seither sicher besser geworden – nicht den gehörigen Nachdruck auf Betrachtung und Studium der Natur, so waren wir noch überdies mit den Professoren, die uns in den betreffenden Gegenständen zu unterweisen hatten, übel dran. Die sogenannte» Naturgeschichte «sollte uns Professor Mik beibringen. Er besorgte das in trockener, ja verdrossener Weise, vor allem war es die Krystallographie, die mir bei meiner schwachen geometrischen Vorstellungsgabe erhebliche Beschwer verursachte. Physik, ebenso wie Mathematik, lehrte Professor Dvorak, der nicht nur ein Nichtskönner, sondern ein ungerechter, ja bestechlicher Mensch war, so daß er manche Schüler, deren Eltern er für wohlhabend hielt, so lange schlecht behandelte, bis sich der von ihm erwartete Erfolg, sei es in Bargeld oder Naturalien, einstellte. Schon mit ganz geringen Summen ließ sich seine Gunst erkaufen; noch sicherer aber war es, wenn man ihn zu Privatlektionen ins Haus berief, wie es zum Beispiel bei uns geschah. Zuweilen täuschte er sich in der Abschätzung der Vermögensverhältnisse, wie bei meinem Freund Adolf, der nicht in der Lage war, seine freilich wohlverdiente schlechte Note durch Aufwendung von ein paar Dukaten in eine bessere zu verwandeln, womit er sich vielleicht doch bis zur Matura weitergeholfen hätte. Bald nach meinem Austritt aus dem Gymnasium wurde Dvorak, mit ihm ein anderer, Professor Schenk, zwar auch bestechlicher, doch wenigstens nicht erpresserischer Natur und in seinem Fach ganz tüchtig, von dem neuernannten Unterrichtsminister Gautsch ohne weitere Ehrungen in Pension geschickt. Professor Dvoraks Tochter, schon als junges Mädchen von uns Gymnasiasten um ihrer Schönheit und ihres schlechten Rufs willen scheu bewundert, wurde eine beliebte Schauspielerin und leistete als Josefa in Anzengrubers» Viertes Gebot «ihr Bestes. Ich selbst lernte sie erst wenige Jahre vor ihrem frühen Ende, das sie dem Trunk verdankte, persönlich kennen.

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19 iyun 2026
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ISBN:
9783849635572
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