Kitabı oxu: «Der Fall Hirn»

Şrift:

Artur Hermann Landsberger

Der Fall Hirn

Eine Detektivgeschichte

Saga

Ebook-Kolophon

Artur Hermann Landsberger: Der Fall Hirn. © 1918 Artur Hermann Landsberger. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711488461

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Max Mack gewidmet

Da Sie, lieber Max Mack, diese Filmangelegenheit verschuldet haben, so sollen Sie auch verantwortlich neben mir zeichnen, indem ich Ihnen dies kleine Buch, das Anspruch auf literarische Wertung nicht erhebt, widme.

Ueberhaupt: literarische Wertung. Aber darüber ein anderes Mal.

Jedenfalls werden Sie sich der Eilbriese und Telegramme erinnern, in denen Sie mich immer wieder um Filmschlager baten. Zeit und Neigung fehlten, Ihre Bitte zu erfüllen. Aber nachgedacht habe ich infolge Ihrer Anregungen doch darüber. Und so entstand diese kleine Geschichte, bei deren Niederschrift ich das Gefühl nicht los wurde, als ständen Sie hinter mir und zeichneten mir mit Ihrem Regiestab all die Szenen, die sich auf den folgenden Seiten abrollen.

Ihr

Dr. Artur Landsberger

Der Teufel steckte in diesem Dr. Hirn. Er war doch nun bald vierzig und hatte, weiss Gott, genug hinter sich. Wenn vielleicht auch nur die Hälfte von alledem wahr war, was man von ihm und was er von sich selbst erzählte, so genügte das noch immer, um das Leben von einem halben Dutzend Abenteuer suchender Menschen auszufüllen.

Dass er aber auch gar nicht zur Ruhe kommen konnte: In Maria Orta besass er doch nun seit zwei Jahren eine Frau, um die alle Welt ihn beneidete. Ihre Carmen war in Berlin so berühmt wie in New York. Aber nicht nur die Direktoren der grossen Opern rissen sich um sie, die Aristokraten vom Schlage Vanderbilt warben mit der gleichen Leidenschaft und mit demselben Misserfolg um die schöne Orta wie die blaublütigen Ritter mit den hundertjährigen Pedigrees.

Orta aber liebte Dr. Hirn und hielt ihm Treue. Was Dr. Hirn trieb? Wovon er lebte? Nun, ich sagte ja schon: der Teufel steckte in ihm. Er betrachtete das Leben als ein Gastspiel, das man um des Himmels willen nicht ernst nehmen durfte. Die Bühne, auf der es spielte, die Welt, war, wenn man genau hinsah, ein Tummelplatz von Millionen Knirpsen, die mit einer Wichtigkeit und mit einem Ernste agierten, als wenn die Welt ihretwegen da sei und nur durch sie bestände. Trotz der Geologie, die nachwies, dass die Welt Millionen von Jahren stand, ehe sie den ersten Menschen trug, trotz der Weisheit ihrer Hirten, die der Menschenherde seit Jahrtausenden predigte, dass das Leben des Menschen einem Hauche gleiche, dass seine Tage ein Schatten seien, der dahingehe, trotz ihrer Weisen, von Plato bis herab zu Nietzsche, die sie lehrten, dass das Leben des grossen Ernstes nicht wert sei, trotzdem sie mit eigenen Augen sahen, dass die Grossen, denen sie nachstrebten, dahinblühten, nichts mit ins Grab nahmen und keine Lücke hinterliessen — trotz alledem behielt ein jeder seinen Ernst und seine Feierlichkeit bei und hielt sich für den Mittelpunkt der Erde. Nur Dr. Hirn dachte anders. Er war sich seiner eigenen Bedeutungslosigkeit genau so bewusst wie der aller anderen Menschen. Mochte es ein gekröntes Haupt oder ein Landstreicher, der letzte Bettler oder ein Gelehrter von Weltruhm sein — im Verhältnis zum Unendlichen verschwand jeder Unterschied, war der Eine genau so ein Nichts wie der Andere.

Für Dr. Hirn gab es nur zwei Maximen, nach denen er lebte: nichts ernst zu nehmen und sich gegen die einzige Gefahr, die Langeweile, zu schützen. Ein grosses Vermögen und die Fähigkeit, allen menschlichen Dingen, selbst den ernstesten, noch eine heitere Seite abzugewinnen, ermöglichte ihm, treu diesen Maximen zu leben. Und da auch Orta das Leben von der heiteren Seite nahm, so konnte man begreifen, wenn Dr. Hirn jedem, der es hören wollte, erklärte: wenn ich die Wahl hätte, zu sein, wer ich wollte, ich möchte niemand anders sein als Dr. Hirn.

Mehr als die Menschen liebte Hirn die Tiere. Sein Garten, in dessen Mitte eine landhausartige Villa stand, glich einem Tierpark. Seine Leidenschaft war nicht die Jagd. Er liebte es, die Tiere lebend zu fangen, ihnen in seinem weitangelegten Park ein Dasein zu schaffen, das möglichst wenig einer Gefangenschaft glich und möglichst weit den Gewohnheiten Rechnung trug, unter denen sie in der Freiheit lebten. Er erforschte ihr Gefühlsleben, ihren Charakter, ihre Eigenart, und seine Liebe zu den Menschen erfuhr durch diese lehrreichen Studien keine Vertiefung. Er schloss sich immer mehr von ihnen ab und verlor daher auch bei ihnen an Geltung. Sie lachten über ihn und nannten ihn einen Sonderling. Dabei war die Wichtigkeit, die sie sich und allem, was um sie herum vorging, beimassen, die Ueberhebung, mit der sie das Uebersinnliche leugneten und alles, was ihrer Vernunft nicht einging, unvernünftig schalten — kurz: ihre fixe Idee vom Menschen, als der Krone der Schöpfung, dem Zweck der Welt — die Ursache, aus der Hirn mit der gleichgesinnten Orta seinen Tierpark den Salons der grossen Welt vorzog, in denen Unnatur herrschte und jeder wirken und mehr scheinen wollte, als er war.

Hirn besass einen Seehund, namens Toni, den er auf einer Sandbank in der Nähe Kopenhagens gefangen hatte. Toni war ein Prachtkerl, gut, treu und gelehrig. Sobald Hirn in seinem Käfig erschien, paddelte er aus seinem Bassin, kroch zu ihm, legte den schweren runden Kopf auf seinen Schoss und sah ihn mit guten Augen an. Er hatte, als man ihn vor zwei Jahren auf der Sandbank fing und in einen Sack sperrte, wohl ein anderes Schicksal erwartet. Das geruhige Leben, das er in Hirns Park führte, die gute und reichliche Verpflegung, für die er selbst nicht zu sorgen brauchte, die gute Behandlung, die man ihm zuteil werden liess, die Spiele, die man mit ihm trieb, das alles hatte aus dem misstrauischen Menschenfeinde einen heiteren und dankbaren Gesellen gemacht. Wer Toni beobachtete, wusste, dass er mit seinem Lose durchaus zufrieden war.

Aber seit einiger Zeit hatte sein Blick etwas Schwermütiges, sein Appetit liess nach, beim Spiel war er nicht mehr mit der gleichen Liebe bei der Sache wie früher, kurz, alles deutete darauf hin, dass eine Wandlung in ihm vorgegangen war. Hirn konsultierte den Arzt. Der untersuchte und verschrieb. Aber Tonis Depression verschlimmerte sich. Hirn kam dem Uebel auf die Spur. Er nahm eine ausgestopfte Seehün din und stellte sie in einiger Entfernung von Tonis Käfig auf. Die Wirkung war überraschend. Tonis trübe Züge verklärten sich, er wich nicht mehr vom Gitter, patschte daran empor, stiess winselnde Laute aus — kurz: Hirn wusste, woran er war. Er ging zu Toni in den Käfig, klatschte ihn auf den Rücken und versprach ihm eine Gefährtin, an die noch keines Menschen Hand gerührt hatte.

Tonis dankbarer Blick sagte, dass er ihn verstanden hatte.

Hirn rüstete sich am gleichen Tage zu einer Reise nach Kopenhagen.

Frau Orta war von der Aussicht, tagelang ohne ihren Mann zu sein, wenig erbaut. Er forderte sie auf, ihn zu begleiten. Sie setzte sich mit ihrem Direktor in Verbindung. Der drohte mit Konventionalstrafe. Hirn erklärte sich bereit, sie zu zahlen. Der Direktor fuhr schärferes Geschütz auf. Er brüllte durch den Apparat: „Falls Sie reisen, begehen Sie einen Kontraktbruch und jedes Theater ist Ihnen fünf Jahre lang verschlossen.“ Orta tobte. Sie trampelte mit den hübschen Füsschen auf dem Boden, dass die Dienerschaft, die ein Stockwerk tiefer beim Mittagessen sass, erschrocken auffuhr. Sie zerrte ihr feines Spitzentuch zwischen den Zähnen und riss es in Fetzen. „Pfeif’ auf die dumme Kunst!“ riet ihr Hirn — „und sei fünf Jahre lang ein freier Mensch.“ — „Und nach fünf Jahren“, erwiderte Orta, „bin ich alt und hässlich und kein Direktor will mehr etwas von mir wissen. Nein, es geht nicht! Also sei gut, Hirn,“ bettelte sie zärtlich, „und gib die Reise auf. Verschieb sie!“ — „Bis du alt und hässlich bist? Nein! Toni kann unmöglich so lange warten. Ich habe es ihm versprochen und muss mein Wort halten.“ — „So steht der Seehund dir also näher als ich?“ — „Wie kannst du nur so etwas sagen?“ — „Nun, der Seehund braucht ein Weibchen. Gut, ich sehe das ein. Aber ich verlange auch von dir, dass du einsiehst, dass ich dich brauche.“ — Hirn redete ihr zu. Acht Tage vergingen schnell. Ehe sie ihre neue Rolle zu Ende studiert habe, sei er zurück. — Aber Orta wollte nichts davon hören. Es gab eine kleine Szene, aus der Toni als Sieger hervorging. Peter, Hirns treu ergebener Kammerdiener, der seit zwanzig Jahren bei ihm und auf den gleichen Ton gestimmt war wie sein Herr, packte die Koffer, Orta schickte sich in das Unvermeidliche, versöhnte sich mit Hirn, nahm Abschied und winkte, als er mit Peter, der ihn auf jeder Reise begleitete, in seinem Auto davonfuhr, vom Fenster aus zu.

Hirn hatte reichlich Zeit bis zum Abgang des Zuges. Er fuhr beim Golfklub, dessen Mitglied er war, vorbei. Nicht um sich von seinen Freunden zu verabschieden, aus denen er sich nicht viel machte, vielmehr aus dem sehr materiellen Grunde, einige Flaschen des ausgezeichneten Skotch Whisky, die es nirgends in der Vorzüglichkeit gab wie hier, mit auf die beschwerliche Reise zu nehmen. Peter wartete in dem mit Koffern beladenen Auto vor dem Klubgebäude.

Hirn liess den Kellermeister in die Halle rufen. Während der die Flaschen holte, sah Hirn durch die Glasscheiben in den kleinen, im Parterre gelegenen Vortragsraum.

Klubmitglieder im Frack sassen im Kreise um einen Herrn mit scharfgeschnittenem Gesicht und arroganten Zügen. Hirn kannte den Herrn nicht. Der redete mit lebhaften Gesten auf die Herren ein, die ganz im Banne seiner Erzählung standen.

„Wer ist der Herr?“ fragte Hirn einen Klubdiener.

„Herr Doktor kennen ihn nicht?“ erwiderte der erstaunt.

„Schlaukopf! würd’ ich sonst fragen?“

„Das ist doch Mister Pino!“ — Und da Dr.

Hirns Gesicht nicht schlauer wurde, so fügte er hinzu: „Der Meisterdetektiv.“

„Was Sie nicht sagen.“

„Er hat vor kurzem den dreihundertsten Verbrecher zur Strecke gebracht.“

„Auch ein Jubiläum,“ dachte Hirn und öffnete behutsam die Glastür — so weit, dass er, ohne gesehen zu werden, hören konnte, was dieser Meisterdetektiv erzählte. Das Auditorium war fasziniert. Der Kreis um Pino, den Erzähler, wurde immer enger; immer dichter rückten sie ihre Sessel an ihn heran. Sie hingen mit ihren Blicken an seinem Munde und schienen alles zu vergessen, was um sie herum vorging. Einem Herrn fiel das volle Whiskyglas aus der Hand. Er merkte es so wenig wie sein Nachbar, dem der kalte Inhalt über die Smoking hose lief. In die Hand, die er, als wenn sie das Glas noch umschlösse, offenhielt, schob Pino, der Meisterdetektiv, ohne seine Rede zu unterbrechen, sein eignes Whiskyglas. Einem Herrn fiel die brennende Zigarre aus dem Munde, Pino zertrat sie geschickt, zog, immer erzählend, eine Havanna aus der Tasche, rauchte sie an und steckte sie dem Herrn, dessen Mund noch immer offen stand, zwischen die Zähne. Und als Pino auf die Rolle zu sprechen kam, die sein Revolver bei der Verfolgung der Verbrecher spielte, und, beschwingt durch die atemlose Spannung und das Mitgehen seiner Hörer, zur Belebung der Szene die Füllfeder statt des Revolvers aus der Tasche zog, sprangen einige Herren entsetzt auf und verkrochen sich unter den schweren Klubsesseln. Hirn fasste sich mehrmals an die Stirn und fragte sich: Ist das denn möglich? Ist das Wirklichkeit, was ich da sehe und höre?

Die Geschichte, die Pino erzählte, schien ihm ebenso unwahrscheinlich, wie ihm die Leichtgläubigkeit und die Verblüffung der Klubmitglieder unverständlich war.

Pino erzählte:

„Ich gehe nachts durch eine einsame Strasse und sehe aus dem Fenster eines Hauses im vierten Stock einen Strick heraushängen. Kurzentschlossen klettere ich hinauf und sehe, oben angekommen, in einem halberleuchteten Zimmer ein paar Strolche, die Schränke ausräumen, während auf einem Stuhl gefesselt und gebunden eine Frau stöhnt. Ich lasse mich behutsam bis zum Fenster des dritten Stockes hinunter, binde mich an dem herunterhängenden Ende des Strickes fest, klettere wieder zum vierten Stock hinauf und steige so, angebunden, ins Zimmer. Die Strolche stürzen sich auf mich. Wir kämpfen. Während des Ringens verwickle ich absichtlich den Strick in den Stuhl, auf dem das gefesselte Opfer sitzt, der Stuhl fliegt um. Ich lasse mich zum Fenster drängen. Meine Berechnung stimmt. Während die Strolche mich hinausstürzen, folgt der Stuhl mit dem Opfer mit. Wir bleiben nebeneinander vor dem Fenster des dritten Stocks hängen. Ich schlage die Scheiben ein und komme auf den Sims des Fensters zu stehen. Im selben Augenblick sehen die Strolche oben aus dem Fenster und versuchen, den Strick, an dem ich und das Opfer noch hängen, nach oben zu ziehen. Es gelingt mir, den Stuhl zu fassen, den ich auf den Sims hinüberziehe; dann schneide ich den Strick durch. Die Strolche oben, die an dem Strick ziehen, schlagen lang hin. Ich steige ins Zimmer, stelle den Stuhl mit dem Opfer hinein und binde die Aermste, die ohnmächtig ist, los. Während ich mich um sie mühe, lassen sich die Strolche vor dem Fenster an einem Strick herunter. Ich wecke schnell Leute, die nebenan schlafen, orientiere sie und stürze ans Fenster. Ich will mich zur Verfolgung der Strolche eben an dem Strick herablassen, als er mit einem Ruck nach unten gezogen wird. Ich hing zum Glück noch mit einem Arm am Fenstersims. Ich sehe wie die Strolche ihre Beutesäcke, die sie teils mit hinuntergeschleppt, teils hinuntergeworfen hatten, in ein Auto verstauen, das ein paar Schritte vom Haus entfernt hält. Ich ziehe meinen Fallschirm, den ich immer bei mir trage, aus der Tasche, und lasse mich so, dass ich gerade auf das Dach des vorbeirasenden Autos zu stehen komme, herabstürzen. Ich plombiere unbemerkt die beiden Türen des Autos, klettere auf den Fahrsitz, zwinge durch Vorhalten des Revolvers den Chauffeur zum Abspringen und lenke den Wagen zum Gefängnis. Im Gefängnishof, dessen Tore sich hinter uns schliessen, werden die Türen des Autos entplombiert und die Herren Strolche, die keine Ahnung haben, wo sie sich befinden, gebeten, auszusteigen. Polizisten nehmen sie und die Beute in Empfang. Der Gefängnisdirektor schüttelt mir dankbar die Hand, ich ziehe den Hut, sage: ‚Nicht der Mühe wert!‘ und entferne mich.“ —

Hirn hatte Mühe, ruhig zu bleiben. Dieser Aufschneider! dachte er. Dieser Blagueur! Ich hätte nicht übel Lust, ihm den Star zu stechen. Und dieser anfangs nur so dahingedachte Wunsch verstärkte und vertiefte sich mit jedem Satz, den Pino weitersprach, bis er schliesslich wie eine Notwendigkeit, die sich erfüllen musste, von ihm Besitz ergriff, sich in ihm festsetzte, ihn nicht mehr los liess.

Er riss die Uhr hervor. Beinahe noch eine Stunde war es bis zum Abgang seines Zuges. Da liess sich viel machen. Er schloss behutsam die Tür, benützte einen ihm bekannten Nebenausgang des Klubs, sprang in das erste leere Auto und liess sich in die unmittelbare Nähe seiner Villa fahren. Da stieg er aus.

„Wissen Sie, wo hier ein Professor Hart wohnt?“ fragte er den Chauffeur. Der sah sich um und wies auf ein Haus, an dem das Messingschild des bekannten Arztes hing. „Danke!“ sagte Hirn und verschwand in dem Haustor. Als das Auto fort war, kam er wieder hervor und schlich vorsichtig an den Zäunen der Gärten entlang zu seiner Villa. Er öffnete das Gartentor, tastete über den Rasen zur Haustür, schloss sie auf und stutzte, als ihm schon unten in der Halle Musik und lautes Lachen entgegenschallten. Seine Frau, wusste er, hatte bis nach zehn Uhr im Theater zu tun. Jetzt war es neun. Was hatte also der Lärm, was die Musik zu bedeuten?

Er ging leise die Treppe hinauf, den Gang entlang bis zur Tür, die in den Saal führte, aus dem der Lärm kam. Ein schneller Blick, und er überzeugte sich, dass seine Dienerschaft in grösster Ausgelassenheit seine Abreise feierte. Im ersten Augenblick wollte er die Tür öffnen und dazwischen fahren. Aber er zog die Hand, die schon auf der Klinke lag, zurück. Einmal, dachte er, kann man’s ihnen nicht verdenken, und mir ist eine fröhliche Dienerschaft lieber als eine, die den Kopf hängen lässt, selbst dann, wenn die Fröhlichkeit auf Kosten meiner teuren Weine erzeugt wird; dann aber passt mir dies Symposion ausgezeichnet in meinen Plan.

Mit einem Ruck machte er kehrt, stieg noch eine Treppe höher und verschwand in seinem Schlafzimmer, dessen Tür er hinter sich zuschloss. Aus einem der grossen eingebauten Schränke, in denen er Kleider und Wäsche aufbewahrte, entnahm er nach einigem Suchen einen Karton, öffnete und schloss ihn wieder, dasselbe tat er mit einem zweiten, dritten, bis er endlich den richtigen in Händen hatte. Ein Plakat, das über die ganze Breitseite des Kartons reichte, verriet den Inhalt. Mit grossen Lettern stand darauf: „Faschingsgarderobe“. Hastig öffnete Hirn und wühlte in dem Stoss von Kostümen, die zwischen Perücken, Bärten und Mützen bunt durcheinander lagen. Er nahm einen Apachenanzug heraus, traf unter den Bärten eine Auswahl und packte die Sachen hastig in einen kleinen Karton. Dann legte er alles andere wieder an Ort und Stelle. Mit dem Karton unter dem Arm schlich er bei dem immer lärmender feiernden Dienstpersonal vorüber, in sein Arbeitszimmer.

Viel Zeit, zu überlegen, blieb ihm nicht. Obgleich er den Schlüssel zu seinem Schreibtisch in der Tasche hatte, versuchte er mit der grossen Papierschere eins der oberen Fächer zu öffnen. Da das nicht schnell genug ging, öffnete er schliesslich mit dem Schlüssel und wühlte wahllos in dem Schub, der bis oben hinauf voll mit Papieren war, alles durcheinander. Einen Teil der Briefe und Dokumente aller Art warf er auf die Erde, einen anderen verteilte er auf dem Schreibtisch, peterte dann mit Papierschere und Brieföffner so lange an dem Schloss des offenen Schubs herum, bis die Spuren eines gewaltsamen Einbruchs deutlich sichtbar waren. Im Begriff, sich zu entfernen, stutzte er, dachte, die Stirn in Falten, die Lippen zusammengekniffen, einen Augenblick nach und erwog den Begriff, der sich ihm instinktiv auf drängte: „die Spuren des Täters“. Er betrachtete unwillkürlich seine Hände, musterte den Fussboden und ihm war, als wenn deutlich ein Schatten die Stellen beschrieb, die seine Füsse und Hände auf dem Parkett und dem Schreibtisch berührt hatten. Er fuhr darüber hin; erst mit der Hand; dann, da der Eindruck blieb, mit einem Kissen, das er vom Sofa nahm. Jetzt schien es verrückt, aber es blieben deutlich die Spuren, etwa wie auf einer photographischen Platte, auf die die Sonne fiel.

„Lächerlich!“ sagte er und fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Du fingierst einen Einbruch um einem Prahlhans den Star zu stechen und erlebst an dir alle die psychologischen Merkmale eines angehenden Verbrechers.“

Hirn erschrak einen Augenblick lang vor sich selbst. Dann schüttelte er den Kopf und lachte, zuckte aber im selben Augenblick auch schon zusammen.

Wie? Was? — dieser Ritter mit der Eisenrüstung, der seit zwanzig Jahren unbeweglich an der Wand stand, grinste!

Teufel ja! — Es lief ihm eiskalt über den Rücken. Er wollte wegsehen. Es trieb ihn, das Gegenstück, das an der anderen Seite der Wand stand und wie der Ritter vor ihm aus irgendeiner verfallenen Burg am Rhein stammte, zu betrachten. Aber sein Genick war steif. Er konnte den Kopf nicht wenden. Er hatte das Gefühl, als wenn die Breitseite des Schwertes fest an seinem Nacken lag, so dass er das kalte Stahl an seinem Halse spürte. Er versuchte, den Kopf nach der anderen Richtung zu wenden. Es gelang, aber es war mechanisch, wie bei einer Puppe. Er merkte sinnfällig wohl, was er tat, aber die Reflexion des Gefühls setzte aus. Er wandte den Kopf zurück. Die Arme des Ritters hingen herab wie sonst; auch die erzgepanzerten Füsse standen unbeweglich. Irgend etwas zwang ihn, unablässig diese Füsse und Arme zu betrachten. Das Leblose schwand. Er fühlte, wie seine eigenen Hände und Füsse vibrierten und, ohne sich von seinem Körper zu lösen, plötzlich in der Rüstung des Ritters steckten. Das kalte Stahl drückte auf Fuss und Hände. Der Ritter stand unbeweglich; sah ihn an und lachte. Er hob ein Bein und setzte es wieder zur Erde. Schwer wie Blei klappte es auf den Boden. Deutlich zeichnete sich der Fuss auf dem Parkett. Er hob die Hand, schloss sie: das Eisen knatterte als sich die Finger bogen. Er fuhr mit der Hand über den Schreibtisch. Breit lag der Abdruck der schweren Finger auf dem polierten Holz.

Da lachte auch Hirn. Er nahm den Napf mit Sand, der zum Trocknen der Tinte auf dem Schreibtisch stand, streute den Sand auf Schreibtisch und Parkett, patschte mit den eisernen Händen und Füssen darin umher, warf den Napf, so dass es aussah, als hätten die Papiere ihn mit zu Boden gerissen, auf die Erde, streifte die eiserne Fuss- und Handrüstung ab, zog sie dem Ritter wieder auf, nickte ihm freundlich zu, nahm den Karton unter den Arm und verschwand.

Teufel ja! sagte er, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte und wieder auf dem Flur stand. Es gibt doch Dinge zwischen Himmel und Erde ... Aber er führte den Gedanken nicht zu Ende, schüttelte das Erlebnis, wie ein Hund die Prügel, von sich ab und sagte: I was! das sind Nerven. Halluzinationen sind das! Ich habe ganz überlegt und folgerichtig gehandelt. Dass einen das durcheinanderwirft, ist nur natürlich. Denn liesse es einen kalt und behielte man dabei seine fünf Sinne, so wäre man kein Amateur sondern ein ausgefeimter Verbrecher. Im übrigen — er sah nach der Uhr — in dreissig Minuten geht mein Zug.

Aus dem schlecht geschlossenen Karton sah die Mütze hervor, die zu dem Apachenkostüm gehörte. Hirn war im Begriff, sie ganz hineinzustecken. Es war noch reichlich Platz für sie. Aber irgendein Widerstand, der von innen kam, machte sich geltend. Für Hirn gab es keinen Zufall. Er wusste, die Unvollkommenheit der Menschen trägt die Schuld, dass man auf tausend Dinge keine Antwort wusste. Man bildete sich ein, etwas zu wissen, redete um die Dinge herum; und das Ende war doch immer ein Ignoramus und Ignorabimus. Da tat man klüger, man gestand sich ein, dass man nichts wusste und verliess sich auf seinen Instinkt. Es fiel Hirn daher gar nicht ein, die Mütze, die ganz bewusst aus dem Karton hervorlugte, etwa gewaltsam hineinzupressen. Er zog sie vielmehr ganz heraus, was sie willig geschehen liess, betrachtete sie, lächelte verständnisvoll und warf sie von ungefähr auf die Treppe.

Dann schloss er behutsam die Haustür auf, öffnete sie, ging hinaus, schloss sie wieder. Als er am Haus entlang dem Ausgang des Gartens zuschlich, stiess er in der Dunkelheit an ein Fenster, das offen stand. Er fasste sich mit der linken Hand instinktiv an die Stirn und griff mit der Rechten nach dem Fenster, um es zu schliessen. Der Karton fiel zur Erde, das Fenster, das eingehakt war, rührte sich nicht. Als er sich bückte, um den Karton aufzuheben, tönte ihm durch das offene Fenster deutlich der Lärm der feiernden Dienerschaft entgegen. Das Gefühl eines Zusammenhangs zwischen dem Karton und Fenster stieg blitzartig in ihm auf. Er hakte das Fenster vus, lehnte es an den Rahmen an und schlug es mit dem Karton ein. In die mit Stein belegte Halle fielen die Scherben dröhnend nieder.

Drin im Esssaal fuhr die Dienerschaft entsetzt auf. Bleich vor Schreck standen sie um die gedeckte Tafel und sahen sich an. Dann fand als Erste Fiffi, die kecke Kammerzofe, den Mut und wandte den Kopf zur Tür. Der Kopf des Nachbars folgte und bald starrten sie alle auf die schwere Eichentür. Das Gefühl, etwas Ungewöhnliches werde sich ereignen, beherrschte alle. Aber nichts rührte sich. Keiner sprach ein Wort. Fiffi schlich behutsam zur Tür. Der Reihe nach folgten die andern. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie langsam herab, schob die schwere Tür auf, wandte den Kopf nach rechts und links und trat einen Schritt hinaus. Der Nächststehende folgte, und so glitten sie mit angehaltenem Atem in langer Reihe Schritt für Schritt behutsam in die Halle. Durch die Türe des Esssaales fiel der Schein des elektrischen Lichts auf die lange Reihe der wie Geister Dahingleitenden. An den gegetäfelten Wänden krochen übernatürlich schlank und gross ihre Schatten.

Da griff Hirn, der draussen im Dunklen stand und den gespensterhaften Zug deutlich sah, in den Pelz und zog den Revolver. Er gab einen Schuss ab in die Luft, sah noch, wie die Reihe wankte. Ein paar fielen vor Schreck hin. Andere sanken in die Knie. Fiffi bekreuzigte sich. — Hirn aber lief durch den Garten, über die Strasse — stieg in ein Auto und fuhr in den Klub, den er auf demselben Wege, auf dem er ihn verlassen hatte, wieder betrat.

Er legte auch diesmal nicht ab. Im Gegenteil: er klappte den breiten Kamtschatkakragen in die Höh und zog die Mütze noch tiefer ins Gesicht. Dann trat er ruhig in den kleinen Saal, in dem Pino, umringt von seinen Freunden, eben seine selbstprahlerische Rede beendete.

Inzwischen hatte sich die Hirnsche Dienerschaft von ihrem ersten Schreck erholt. Erst hatten sie sich aneinander aufgerichtet, dann waren sie die Treppe hinaufgegangen und hatten die Villa abgesucht. Als sie ins Herrenzimmer kamen, rissen sie die Augen auf, warfen sie die Arme hoch, wiesen sie auf den Schreibtisch und riefen:

„Ein Einbruch!“

Dann sahen sie sich hilflos und verzweifelt an. Bis Fiffi, die fesche Kammerzofe, den zarten Zeigefinger an die Stirn legte, das kleine Mäulchen spitzte und sagte:

„Ich hab’s!“

Alle wandten sich zu ihr und sie fuhr fort:

„Der gnädige Herr wollte vor der Abreise noch in den Klub. Vielleicht ist er noch da. Telephonieren wir!“

Sie trat behutsam an den Schreibtisch heran, nahm den Hörer ab und flötete in den Apparat. —

Hirn war eilig auf seine Freunde zugetreten. Seine Stimme klang rauh und belegt, als er sagte:

„Kinder, ich reise nach Kopenhagen und wollte euch schnell noch die Hand geben!“

„Auf wie lange!“ fragte man ihn.

„In einer Woche bin ich zurück.“

Man stellte ihm Pino, den Meisterdetektiv, vor.

Hirn kniff die Augen zusammen und schob sich noch tiefer in den weichen Pelz:

„Freut mich,“ kratzte er gequält durch die Kehle.

Pino, unter dem Eindruck seines Triumphes bemüht, Eindruck zu machen, reckte sich empor, warf den Kopf zurück und sah Hirn kaum an.

Ein Klubdiener rief Hirn ans Telephon.

„Wer?“ fragte er und wandte sich von Pino weg.

„Von zu Haus,“ gab der Diener zur Antwort.

„Geh du!“ bat er einen Freund. „Es wird nichts Wichtiges sein.“

Hirn kehrte Pino den Rücken, als der Freund in grosser Erregung vom Telephon aus in den kleinen Saal stürzte und schon von weitem rief:

Pulsuz fraqment bitdi.

5,93 ₼
Yaş həddi:
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Həcm:
100 səh. 1 illustrasiya
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9788711488461
Naşir:
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