Kitabı oxu: «Dünner als Blut - Schweden-Krimi»
Åsa Nilsonne
Dünner als Blut - Schweden-Krimi
Übersetzt Gabriele Haefs
Saga
Dünner als Blut - Schweden-Krimi ÜbersetztGabriele Haefs Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1994, 2020 Åsa Nilsonne und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445107
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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DANK
Mein besonderer Dank gilt Kriminalkommissar Björn Axelsson, der sich freundlich und geduldig bemüht hat, meinen Wissensstand über Räumlichkeiten, Organisation und Arbeitsweise der Polizei zu vergrößern; Nisse Hellberg und Wilmer X, der mir Einblick ins Musikleben verschafft hat, und diversen Kollegen und Freunden, die Auskünfte und Meinungen beigetragen haben.
Ich danke dem St. Görans Krankenhaus in Kungsholmen, seit zwölf Jahren »mein« Krankenhaus, möchte mich aber dafür entschuldigen, daß ich es durch das Västra Krankenhaus ersetzt habe. Es gibt außer der geographischen Lage keine Ähnlichkeiten, und ich möchte vor allem darauf hinweisen, daß keine meiner Personen einem wirklichen Menschen entspricht, doch auch erfundene Personen brauchen schließlich Namen und Aussehen. Ich habe auch einige der Häuser von Kungsholmen umgestellt, und ich hoffe, daß mir das die Einwohner dieses angenehmsten Wohnviertels von Stockholm nachsehen werden.
ANMERKUNG DER ÜBERSETZERIN
Auf schwedisch heißt das männliche Krankenhauspersonal »Schwester«. Im Buch treten diverse »männliche Krankenschwestern« auf, so wie »Schwester Peter«, ein arger Schurke. Ich fände es schade, wenn diese schöne schwedische Eigenart in der Übersetzung verlorenginge.
PROLOG
Langsam verbreitete sich ein Grippevirus in der Inneren Mongolei, einem spärlich bevölkerten Teil des sonst so dichtbesiedelten China. Die Bevölkerung, die vor allem aus Viehzüchtern bestand, wurde krank und nach einigen Tagen mit Fieber und Muskelschmerzen auch wieder gesund. Die dreijährige Olan bekam, wie viele andere, hohes Fieber, sie weinte und klagte über Schmerzen im ganzen Körper, sie schwitzte und hatte Durst, während sich das Grippevirus in ihrem Körper verbreitete. Bei einer seiner unzähligen Milliarden von Kopien änderte das Virus seine Eigenschaften, indem es sie neu kombinierte, wie die Glasstücke in einem Kaleidoskop neue, einzigartige Bilder ergeben, wenn sie die Plätze vertauschen. Die neue Kombination unterschied sich nur in einem einzigen Punkt von den anderen Varianten, die im Umlauf waren: Es fiel der menschlichen Immunabwehr sehr schwer, sie zu entdecken. Olan ging es nicht besser, ihr Zustand verschlechterte sich in den nächsten Tagen. Ihre Eltern begriffen langsam, daß sie sterben würde, und baten deshalb den Arzt bei einem seiner regelmäßigen Besuche in der Stadt um Rat.
Der Barfußarzt, der Olan auf Gedeih und Verderb fiebersenkende Mittel und Antibiotika verpaßte, nahm das neue Virus in die nächsten beiden Städte auf seiner Besuchsliste mit, dann wurde er selber krank und mußte das Bett hüten, bis er wieder schmerzfrei war.
Olan überlebte, ohne Hilfe der Medikamente, aber ihre Genesung erhöhte das Ansehen des Arztes in ihrem Ort, und die Nachfrage nach seinen Diensten stieg.
Das Virus brauchte ein Jahr, um Zhenshou zu erreichen, dann wanderte es im Laufe einiger Wochen nach Shanghai weiter, von wo kein Anstieg der Todesfälle berichtet wurde, was vermutlich daran lag, daß in dieser riesigen Stadt nicht so genau über Todesfälle Buch geführt wurde. Vielleicht lag es auch daran, daß solche Auskünfte in Folge der neuen politischen Zurückhaltung dem Ausland gegenüber geheimgehalten wurden.
Seltsamerweise wurde Mexiko City – als erste Stadt mit voller Informationsfreiheit – voll getroffen. Unter dem millionenstarken Menschengewimmel verbreitete sich das Virus mit überraschender Geschwindigkeit und hinterließ dabei eine reiche Ernte an Todesfällen. Wie immer kamen die sehr Alten und die sehr Jungen zuerst an die Reihe, aber auch unter erwachsenen, nicht besonders unterernährten Menschen kam es zu Todesfällen. In einigen Stadtteilen, in den Slumgebieten der Stadt, schien die Pest gewütet zu haben. Manche Familien verloren innerhalb einer Woche die Hälfte ihrer Kinder, und nun plötzlich erwachte die selbsternannte »entwickelte Welt« zum Leben. In Mexiko City gibt es ja Ausländer genug, und in direkter Nachbarschaft liegt eines der leistungsstärksten menschlichen Gemeinwesen der Welt.
Sofort wurde mit allem erdenklichen virologischen und bakteriologischen Fachwissen eine Hilfsaktion eingeleitet, und bald war die Ansteckungsquelle erkannt: ein normales, mutiertes Grippevirus. Diese Nachricht war in gewisser Hinsicht beruhigend, da zur Identität der Krankheit schon wesentlich phantasievollere und beängstigendere Vorschläge gemacht worden waren. Aber sie breitete sich weiter aus, und eine effektive Behandlungsmethode wurde nicht gefunden.
In westlichen Zeitungen beruhigten die Journalisten ihr Publikum mit bekannten Tatsachen: Epidemien in der Dritten Welt, die die Armen, Obdachlosen und Unterernährten ums Leben bringen, müssen für uns oder für unsere Kinder noch lange keine Gefahr bedeuten. Die Berichte über die Verbreitung der Krankheit, die zuerst Schlagzeilen geliefert hatte, schrumpften zu Kurznotizen auf den Auslandsseiten.
Einige Wochen später wurde die Bevölkerung von Rom, London, Seattle und Kopenhagen durch die Entdeckung geschockt, daß das neue Virus die Grenze zwischen der armen und der reichen Welt nicht respektierte. In der westlichen Welt starben zwar nur sehr alte und schwache Menschen, aber fast ein Drittel der Bevölkerung dieser Städte erkrankte, Block um Block, Stadtteil um Stadtteil. Läden schlossen, Buslinien mußten eingestellt werden, in den Straßen stapelten sich die Abfälle.
Die geringen bisher produzierten Impfstoffmengen wurden zur heißesten Handelsware auf dem Schwarzmarkt. Es kam zu verwirrenden und quälenden ethischen Diskussionen: Wer geht vor? Der Regierungschef, der 89jährige Greis im Pflegeheim oder die 35 jährige asthmakranke Frührentnerin? Ab und zu mutierte das neue Virus wieder, aber die neuen Kombinationen waren fast alle weniger dramatisch in ihren Interaktionen mit dem menschlichen Körper, und sie wanderten weiter in die Welt und aus der Welt hinaus, neben ihren besser getarnten Verwandten, die mit ihrem einzigen Ziel solchen Erfolg hatten: sich zu vermehren.
1
Bo Ekdal entschloß sich im Jahre 1984, im Alter von 41 Jahren, keine Zeitungen mehr zu lesen. Er hatte von einem Tag auf den anderen eingesehen, daß von nun an nicht nur seine Jahre und Tage begrenzt waren, sondern auch seine Stunden und Minuten, und überrascht und mit einem Hauch von Trauer war ihm klargeworden, daß es weder ihn selber noch irgendwen sonst interessierte, was er sich für Meinungen über die Lage im Mittleren Osten, die neuesten Steuererhöhungen oder den Lyriker des Jahres gebildet hatte. Von nun an sortierte er lieber die von ihm selbst verfaßten Fachartikel, während er sein cholesterinfreies Frühstück verzehrte, oder er nahm sich, wenn sein Gewissen das zuließ, seine liebsten griechischen Dramen vor, in denen er voller Erstaunen immer noch bei jedem neuen Lesen neue Tiefen entdeckte. Er hielt ansonsten die übrige Belletristik für überflüssig, sowohl für ihn selber als auch für andere.
Also war es wohl richtig, zuerst mit den Zeitungen aufzuhören, dachte er, ohne zu wissen, warum, während er langsam durch einen langen Backsteinkorridor im Pathologischen Institut schlenderte, in dem er Professor und Chef war. Vielleicht lag es daran, daß Stockholm an diesem Märzmontag in dichten Nebel gehüllt war, wie ein Wertgegenstand sorgfältig verpackt, um in der Post nicht zu Schaden zu kommen, scheinbar ohne Kontakt zur Außenwelt. Vielleicht ließ nun seine Unruhe, die fast schon Panik war, von ihm ab, und es gewann langsam die Ahnung Oberhand, daß alles gutgehen würde, daß sein Leben trotz allem zu irgendeiner Art von Erfolg führen würde, der die anderen dazu bringen würde, seine Eigenheiten, wie das Fehlen der Morgenzeitung, mit Nachsicht oder, warum nicht, mit Respekt zu betrachten: »Es ist eigentlich kein Wunder, daß Professor Ekdal soviel erreicht hat – schon seit Jahren vergeudet er seine Zeit nicht mehr mit den Nachrichten.« Die Nackenmuskeln schmerzten, als er anfing, sich zu entspannen.
Neben ihm ging Professor Hayakawa, Quell seiner Unruhe und, seit einer halben Stunde, auch Quell eines zaghaften Glaubens an eine akzeptable Zukunft. Sein Institut und die dort betriebene Forschung waren von Professor Hayakawa, dem einzigen Gutachter des National Council of Basic Research, überprüft worden. Hayakawa war kein Japaner, wie oft angenommen wurde, sondern Amerikaner, Kind japanischer Einwanderer. Er war ein weltberühmter Pathologe, und er hatte seine Kollegen dadurch überrascht, daß er eine Professur in Harvard mit einer Stelle als wissenschaftlicher Berater der einflußreichsten (lies: reichsten) Stiftung zur Finanzierung von Forschungsarbeiten vertauscht hatte. Aber schon bald war klargeworden, daß Hayakawa in seiner neuen Position mehr Macht und Einfluß auf die Pathologie und verwandte Gebiete hatte denn als Professor. Da in allen Erdteilen und fast allen Ländern immer weniger Mittel zur Grundlagenforschung bereitgestellt wurden, kam dem Geld der Stiftung entscheidende Bedeutung zu, und Hayakawas Unterstützung wurde zu einer immer notwendigeren Grundbedingung für die Forschungsinstitute. In diesem Jahr war es Bo Ekdal gelungen, das Interesse der Stiftung zu wecken, aber ein Entschluß würde erst fallen, nachdem Hayakawa eine »on-site-inspection« durchgeführt hatte, nachdem er also die Voraussetzungen des Institutes, das Geld richtig einzusetzen, beurteilt hatte.
Bo Ekdal brauchte das Geld. Im letzten Jahr war seine Forschung in eine produktive, spannende und teure Phase eingetreten. Er hatte Personal und Material finanziert, indem er Gelder von anderen Konten des Instituts umgeleitet hatte. Außerdem hatte er, als es nicht mehr zu vermeiden war, auf die Standardstrategie bei Liquiditätsproblemen zurückgegriffen. Er hatte aufgehört, Rechnungen zu bezahlen. Dieses Manöver ermöglichte es, aus dem Teufelskreis der Wissenschaft auszubrechen: ohne Ergebnisse keine Gelder und ohne Gelder keine Ergebnisse. Nun hatte er seine Ergebnisse, und wenn alles gutginge, würde er bald seiner Sekretärin den Stapel von Mahnschreiben mit dem kurzen Bescheid übergeben können: bitte bezahlen. Das Aushilfspersonal, das von all dem nichts ahnte, konnte dann feste Stellungen bekommen, und seine Forschungen konnten sich ungebremst von engen finanziellen Rahmen entfalten. Hayakawas Besuch war seit Monaten systematisch vorbereitet worden. Das Institut war geputzt, Routinehandgriffe waren überprüft worden, jede Laborassistentin hatte lernen müssen, auf englisch zu erklären, was sie tat und warum. Das Personal war eine große Hilfe gewesen, und das Arbeitsklima hatte sich verbessert, was Bo Ekdal für eine in Krisenzeiten typische Erscheinung hielt. Alles war bereit gewesen. Kein Staatsbesuch hätte besser geplant sein können. Doch vier Monate vor dem Besuch war Bo Ekdals engste Mitarbeiterin zu ihrer eigenen und zur Überraschung aller im Alter von 45 Jahren zum erstenmal schwanger geworden. Zwölf Tage vor dem Besuch wurde sie von vorzeitigen Wehen überrascht und mußte nun in der Frauenklinik unter strengster Bettruhe am Tropf hängen.
Zehn Tage vor dem Besuch hatte das neu kombinierte Grippevirus aus der Inneren Mongolei Stockholm und das Västra Krankenhaus erreicht. Viele waren erkrankt. Auch viele Gesunde meldeten sich krank, da das Risiko einer Entdeckung im Moment minimal war. Alles in allem erreichten die Arbeitsausfälle wegen Krankheit Rekordhöhen.
Vier Tage vor dem Besuch waren die Obduktionsassistenten aufgrund eines unbegreiflichen Solidaritätsstreiks, der sich um ein Schiff drehte, das in Göteborg nicht gelöscht werden konnte, aus dem Verkehr gezogen worden.
Zum erstenmal, seit man sich erinnern konnte, fehlte Affe, der Hausmeister, der zum für die Instrumente verantwortlichen ersten Obduktionsassistenten umbenannt worden war. Das führte zu einer leichten Desorientierung im Institut, so, als ob eines der auffälligsten Häuser oder Denkmäler der Stadt plötzlich verschwunden wäre. Im Pathologischen Institut war der Krankheitsausfall nicht besser oder schlimmer als sonst überall. Gut die Hälfte des Personals kam zur Arbeit, und Bo Ekdal hatte einen Krisenplan entworfen, nach dem die Arbeit, die er für die wichtigste hielt, verrichtet wurde; der Rest mußte warten.
Er beschloß, Obduktionen und Vorlesungen einzustellen und sich auf die Untersuchungen von Gewebeproben von Menschen zu beschränken, die noch lebten und denen die Untersuchungsergebnisse deshalb von Nutzen sein könnten. Professor Albinsson aus der Chirurgie, bekannt wegen seines vulkanischen Temperaments, rief an und verlangte, daß seine Forschungspatienten wie üblich obduziert werden sollten – der alte Witz von Operation gelungen, Patient tot, war eine recht realistische Beschreibung des Schicksals vieler seiner Patienten, und er mußte diese Fälle von denen unterscheiden können, wo es hieß: Operation mißlungen, Patient tot. Bo Ekdal hatte erklärt, warum das unmöglich war, der Chirurg hatte zuerst angeboten und dann gedroht, selber zu kommen und zu obduzieren. Bo Ekdal hatte abgelehnt und damit eine Explosion ausgelöst, von der er selber nur den Anfang gehört hatte, da er sofort den Hörer aufgelegt hatte. Augen und Ohrenzeugen hatten beschrieben, wie der Chirurg wie ein Berserker auf seiner Station gewütet hatte; Menschen waren nicht zu Schaden gekommen, aber einige Topfblumen hatten ihr Leben lassen müssen.
Jetzt war der Besuch Hayakawas jedenfalls schon fast vorbei. Vor ihnen lag noch das Mittagessen, das wohl kaum zum Problem werden konnte. Sie gingen immer noch schweigend durch den Flur. Der Besuch war außerordentlich gut verlaufen, und Hayakawa hatte ihm schon mitgeteilt, daß er Bos Gesuch unterstützen würde. Die Ungewißheit und Unruhe, mit denen Bo so lange gelebt hatte und die in den letzten Wochen so quälende Ausmaße erreicht hatten, fielen schon von ihm ab. Hayakawa unterbrach Bos Grübeleien. »Und wann findet die Vorführung statt? Ich habe wohl erwähnt, daß ich um drei Uhr abgeholt werde?« Bo sah auf seine Uhr, und er hoffte, mit dieser Geste leicht zerstreut zu wirken. Die Uhr zeigte Viertel vor zwölf. »Um eins«, improvisierte er, während die Panik voll zurückkehrte, als ob sie nur auf den richtigen Moment gewartet hätte.
Die Vorführung! In all der Aufregung hatte er die Vorführung vergessen! Hayakawa schloß alle seine Besuche mit einer Vorführungsobduktion ab. Hayakawa, in seinem Auftreten eher Japaner als Amerikaner, durchlebte eine merkwürdige Verwandlung, wenn er vor Publikum stand. Er war so sensibel, eitel und oft auch arrogant wie irgendein Solokünstler oder eine Primadonna. In einigen Fällen hatte er mit Instrumenten, die er für unbrauchbar hielt, um sich geworfen. In einem anderen Fall hatte er auf dem Absatz kehrtgemacht und den Saal verlassen: Die Leiche war ihm nicht mager genug gewesen. In allen Fällen waren die Gelder eingefroren worden, auch wenn der eventuelle Zusammenhang zwischen beidem unklar war.
Hayakawas Vorführungen waren Anlaß verschiedener Spekulationen, Tratschereien und Psychologisierungsversuche, aber in einem Punkt waren sich alle einig: Er war ein glänzender und virtuoser Obduzent und außerdem ein ausgezeichneter Entertainer, was in diesem Fach schon seltener vorkam. Die am häufigsten auftretende Erklärung für den Grund seiner Vorführungen war, daß er ganz einfach beweisen wollte, daß er den Schreibtischjob nicht aufgrund mangelnder Begabung oder unzureichender Fähigkeiten erhalten hatte und daß er noch immer dazugehörte. Andere neigten eher zu der Ansicht, daß er Bewunderung brauchte, Applaus, daß seine Anspruchslosigkeit und sein reserviertes Auftreten mit Augenblicken von Expansivität und Selbstbehauptung abwechselten. Eine dritte Erklärung war, daß es ihm nicht gelungen war, sein japanisches und sein amerikanisches Wesen zu verschmelzen, und er deshalb auf diese Weise zwischen beiden pendelte.
Bo hatte jedenfalls noch nie gehört, daß irgendwer das alles vergessen haben könnte, daß jemand die Möglichkeit verpaßt hätte, diesem mächtigen Mann den Auftritt zu sichern. Ausgerechnet er hatte es vergessen. Um eins, hatte Bo mechanisch gesagt, als ob er einen Schlag abwehren müßte. Um eins. Gab es denn irgendeine Möglichkeit, innerhalb von eineinviertel Stunden eine Obduktion zu arrangieren? Dazu mußte er aber zuerst Hayakawa loswerden.
Sie erreichten die Kantine, die fast die ganze sechste Etage einnahm – man hatte Aussicht in alle Himmelsrichtungen außer nach Süden. Fünf Schlangen zogen sich bis zur Mitte der Kantine hin, zwei führten zum Stammessen, zwei zum leichten Imbiß und eine zur vegetarischen Mahlzeit. Hayakawa ließ sich nicht dadurch stören, daß die Speisekarte auf schwedisch war. Er betrachtete sie und stellte fest: »Sie haben eine vegetarische Alternative – das ist ausgezeichnet. Können wir die nehmen?« Der Mittagsbetrieb war auf seinem Höhepunkt, und Bo glaubte, noch nie ein solches Gedränge erlebt zu haben. Vielleicht war die Schlange am vegetarischen Stand kürzer, aber Bo hatte weder Zeit noch Ruhe, darauf zu achten, daß die schöne Chinesin ihnen Kichererbseneintopf mit Crème fraîche servierte. Bo blickte sich um. Er suchte nach einem passenden Tischpartner für Hayakawa. Er konnte fast keine Bekannten entdecken und schon gar keine, mit denen sich Hayakawa vielleicht eine Stunde lang wohl fühlen könnte. Wie ein Falke, der Beute erspäht, sah er plötzlich Ann Lilja, eine jüngere Chirurgin, durch die große Tür eintreten. Sie blickte sich suchend um, als sei sie nicht sicher, ob sie sich anstellen oder lieber nebenan in der Cafeteria ein Brot essen sollte. Bo hatte Angst, sie könnte in irgendeinem Fahrstuhl verschwinden, ehe er sie dingfest machen konnte.
»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.« Er lachte gezwungen und lief zu Ann hinüber, die ihn überrascht ansah. Niemand im Krankenhaus hatte je gesehen, daß Bo Ekdal sich so rasch bewegt hätte.
»Ann, kannst du mir helfen, ich habe hier einen Typen, der das Institut inspiziert, um zu entscheiden, ob wir Gelder bekommen sollen, die uns für fünf Jahre aller finanziellen Sorgen entledigen könnten. Ich muß noch ein paar Einzelheiten in die Wege leiten, kannst du dich eine Stunde lang um ihn kümmern? Das wäre die gute Tat des Jahres.«
Sie schien belustigt, lachte und nickte. »Sicher.«
Bo fand, daß sie eine seltsame und sympathische Beziehung zu ihrem Äußeren hatte. Er fand sie sehr schön, und es beeindruckte ihn, daß sie ihre klassischen Züge und Formen weder verbarg noch betonte. Sie schien sich wohl in ihrer Haut zu fühlen. Zusammen gingen sie zurück zu Hayakawa, der noch immer in seiner Schlange stand. »Professor, darf ich Ihnen Dr. Lilja vorstellen? Eine unserer vielversprechendsten jungen Chirurginnen.«
Bo Ekdal hatte Ann Lilja nur wenige Male getroffen, wenn sie mit ihrem Chef, dem cholerischen Professor Albinsson, die Pathologie aufgesucht hatte. Er hoffte nun, daß ihre sozialen Fähigkeiten genauso hochentwickelt waren wie die medizinischen. Er hoffte auch, daß sie gutes Englisch sprach. Ann lachte wieder, grüßte, und Bo sah, daß er keinen Gedanken an Hayakawa zu verschwenden brauchte, so lange Ann bei ihm war. Ihr Englisch erwies sich als hervorragend, und Hayakawa schien kaum zu merken, daß Bo mit dem Versprechen ging, ihn rechtzeitig zur Vorführung wieder abzuholen. Draußen mußte Bo auf den Fahrstuhl warten. Die Sekunden schlichen dahin, und er spielte mit dem Gedanken, die Treppe zu nehmen, fand aber, daß es doch besser sei, auf den Fahrstuhl zu warten. Er rannte in sein Zimmer, ohne die besorgte Nachfrage seiner Sekretärin zu beantworten, wie alles abgelaufen sei.
Auf den erstbesten Zettel schrieb er:
1 Studenten, evtl. anderes Publikum
2 Instrumente
3 Leiche
Er überdachte die drei Punkte.
Punkt eins schien das schwierigste Problem zu sein. Seine eigenen Studenten hatten wegen der Grippewelle die ganze Woche frei bekommen, um zu Hause zu lernen. Es war kaum denkbar, daß sie zu erreichen waren. Woher konnte er Studenten nehmen? Von den anderen Stationen natürlich. Er wählte aufs Geratewohl die Nummer einer Station. Das war kein Problem, da alle Abteilungen mit 50 anfingen.
»Station zweiundsiebzig, Inger, Krankenpflegerin.«
»Hier ist Professor Ekdal in der Pathologie. Haben Sie auf Ihrer Station ein paar Studis?«
Wenn diese Frage Schwester Inger überraschte, so ließ sie sich das nicht anmerken. Eine Berufskrankheit, von der Krankenschwestern leicht befallen werden. »Wir haben drei.«
»Schwester, bitte, sagen Sie denen, daß sie um fünf vor eins in der Pathologie erscheinen sollen, im Obduktionssaal.«
Das ist ein Befehl, hätte er in seiner Verzweiflung hinzufügen können, aber das schien nicht nötig zu sein. Schwester Inger antwortete, überraschenderweise, wie eine Schwester aus dem Arztroman: »Selbstverständlich, Professor.«
Von diesem Erfolg ermuntert streckte er den Kopf zur Tür hinaus und begegnete dem ängstlichen Blick seiner Sekretärin. Sie saß doch wohl nicht, seit er an ihr vorbeigesaust war, so verängstigt und fragend da? Er bat sie, weitere Stationen anzurufen, um Studenten aufzutreiben – sie brauchten mindestens zwanzig, was doch trotz der Grippe nicht unmöglich sein konnte.
Punkt eins hatte er in zehn Minuten gelöst. Konnte er den Rest in einer Stunde schaffen?
Punkt zwei waren die Instrumente. Zu einer normalen Obduktion waren viele Einzelheiten nötig. Skalpelle, diverse Messer, Scheren, Sonden und noch einiges mehr. Es müßte eigentlich möglich sein, ein akzeptables Sortiment zusammenzuraffen – falls sie nicht weggeschlossen waren. Und wenn nun Affe, ordentlich, wie er war, alles abgeschlossen und den Schlüssel mit nach Hause genommen hatte? Konnte Bo dann wohl bei den Chirurgen andere Instrumente leihen? Ihre ließen sich im Notfall doch bestimmt verwenden. Und konnte er das schaffen, ohne Professor Albinsson mit hineinzuziehen, von dem er sich nach dem letzten Gespräch keinerlei Zusammenarbeitsbereitschaft erwartete? Oder sollte er sich in der Gynäkologie erkundigen?
Bo lief durch den Korridor und zog, während er nachdachte, seinen Schlüsselbund aus der Tasche. Er hatte keine Ahnung, welcher Schlüssel zum Obduktionssaal gehörte, er wußte nur von der Sekretärin, daß einer angeblich paßte. Er rannte durch das Umkleidezimmer, in dem die vielen gelben Schutzkittel hingen. Zwei große Mattglastüren führten in den eigentlichen Obduktionssaal. Der süßliche und leicht fade Duft dieses Saals hing in der Luft, als ob er nicht den Leichen und den Reinigungsmitteln zu verdanken sei, sondern aus Wänden und Fußboden gekrochen komme.
Bo ging zur Tür und wollte gerade den ersten Schlüssel ausprobieren, als er hinter der Tür eine Bewegung registrierte. Für einen kurzen Moment überkam ihn eine archaische, unvernünftige Angst vor Toten, die zum Leben erwachen, vor Ratten und vor Leichenschändern. Seine Nackenhaare sträubten sich wie die eines Hundes, der sich fürchtet. Die Angst wich einer realistischen Sicht der Dinge: Waren hier vielleicht Einbrecher am Werk? Was sollte er jetzt tun? Ob sie gefährlich sein konnten? Während er bewegungslos vor den Türen verharrte, durch die er tausendmal gegangen war, ohne sie als Grenze zu betrachten, überkam ihn der Zorn: auf das Schicksal und vor allem auf das derzeitige Auftreten des Schicksals. Kleine Gauner, die auf ihrer Jagd nach Schnaps und Geld nicht vor einem Einbruch in der Pathologie zurückschreckten. Er beschloß, die Einbrecher zu vertreiben, legte die Hand auf die eine Türklinke und probierte den ersten Schlüssel, als er bemerkte, daß die Tür nachgab. Sie war nicht verschlossen. Kleine Gauner hatten wohl kaum den passenden Schlüssel, revidierte er seine Annahme, vorsichtig öffnete er die Tür. Der Obduktionssaal sah aus, als ob er schon länger leer gestanden hätte als während der letzten acht Tage, seitdem hier die Tätigkeit eingestellt worden war; die weißen Fliesen an den Wänden, die rostfreien Tische, die an der Wand festgeschraubten Bänke hatten etwas Museales.
Bo ging hinein und räusperte sich laut. »Jaja«, hörte er aus der Materialkammer. Es war Affe, der in Streik Getretene. Auf den hintersten Bänken lagen die Instrumente des Institutes in Reih und Glied, und Affe kam langsam aus der Kammer, eine kleine Schere und einen noch kleineren Schraubenzieher in der Hand. Affe war fast Albino und hatte folglich in all den Jahren, in denen Bo ihn nun schon kannte, ungefähr gleich ausgesehen.
Weiße Haare, hellblaue Augen – möglicherweise ging er, wie wir alle, jetzt etwas gebeugter, war im Laufe der Zeit etwas runzeliger geworden, aber in diesem Moment wirkte er vor allem wie ein Lausbub, der verbotenerweise auf Nachbars Apfelbaum erwischt wird, schuldbewußt, aber nicht ganz unzufrieden mit seiner Unternehmung.
»Ich wollte alles mal durchsehen, immer muß irgendeine Schraube nachgezogen oder irgendwas geschliffen werden.« Bo und Affe hatten aus Vorsicht niemals über Politik gesprochen, als ob unterschiedliche Ansichten ihre schweigsame, aber sehr gute Zusammenarbeit aufs Spiel setzen könnten. Nun hing das Schiff in Göteborg zwischen ihnen.
»Immerhin mach’ ich ja keine sichtbare Arbeit«, sagte Affe schließlich, ohne Bos Blick standzuhalten.
»Affe, möglicherweise hast du ein Dutzend Jobs hier im Institut gerettet, von allem anderen ganz zu schweigen. Hör zu.«
Bo erklärte Affe die Lage, und Affe engagierte sich immer mehr. Schließlich sagte er: »Wir lassen alles hier liegen, dann kann er sich selber seine Instrumente aussuchen. Hast du eine Ahnung, wie es leichentechnisch bei uns aussieht?«
»Im Flur liegen welche.«
Bo ging hinaus und hoffte, eine obduzierbare Leiche zu finden, und Affe sortierte die Instrumente. Im Flur lagen auf Rolltischen wirklich vier Leichen, deren Gesichter mit Laken abgedeckt waren. Eine konnte wegen ihres Fettes ausgeschlossen werden. Bo sah sich die nächsten an: einen sehr alten, sehr mageren Mann. Der schien zu passen, bis Bo sein Patientenarmband las: Abraham Roskowski. Eine Obduktion war aus religiösen Gründen unmöglich, wenn Abrahams Bekenntnis das war, was sein Name annehmen ließ.
Und wenn nun auch die nächste Leiche sich als unbrauchbar erwies? Es war halb eins, also konnten noch immer neue kommen, aber auf diese Möglichkeit wollte Bo sich nicht verlassen. Er trat an den letzten Rolltisch heran, hob die Decke und blieb bestürzt stehen. Dort lag ein schmächtiger Mann von vielleicht fünfzig mit kindlichem Gesicht und schütteren blonden Haaren. Seltsamerweise war er noch vollständig bekleidet. Bo betrachtete mißtrauisch Schlips, Hemd, Jacke, als werde er zum Zeugen eines ungewöhnlich geschmacklosen Scherzes. Er dachte einen Moment lang über mögliche Erklärungen nach. Ob der Mann zu Hause gestorben und in die falsche Institution gebracht worden war? Dann hätte er doch in die Gerichtsmedizin gehört. War er in der Notaufnahme gestorben, ehe sie ihm die Jacke hatten ausziehen können? Auf dem Rolltisch lagen keine Papiere, aber dann sah Bo das Patientenarmband am dünnen Handgelenk des Mannes. Dann hatte wohl trotz allem alles seine Ordnung. Er mußte eingewiesen und vorschriftsmäßig behandelt worden sein, war aber trotzdem gestorben und hier gelandet. Die Kleider konnte Bo sich nicht erklären, aber das spielte keine Rolle. Er überprüfte den Namen: Gösta Persson. Er überlegte einige Sekunden lang, ob es die richtige Leiche sei – er wußte nichts über Göstas Haltung zu einer eventuellen Obduktion, er hatte keine Ahnung, wie Göstas Familie darüber dachte. Göstas Obduktion brach die meisten Regeln, geschriebene wie ungeschriebene, die Bos Leben sonst leiteten, und er wollte sich alles gut überlegen. Das Risiko dieser Handlung war schwer zu berechnen. Bestenfalls würde niemand Fragen stellen. Schlimmstenfalls konnte Bo angezeigt und vor die Ethikkommission geladen werden. Andererseits mußte er davon ausgehen, daß seine wissenschaftliche Karriere beendet war, wenn er von Hayakawa kein Geld bekam. Bo war kein Spieler, er war niemals Risiken eingegangen, schon gar nicht aus Lust am Risiko. Im Gegenteil, er strebte nach Ordnung und Kalkulierbarkeit in seinem Leben, während die Forschung die Rolle des Unvorhersehbaren einnahm. Sie ließ ihn jeden Arbeitstag voller Erwartung angehen. Die Forschung gab ihm das Gefühl der Existenzberechtigung auf diesem bereits überbevölkerten Planeten. Er konnte es sich nicht leisten, die Forschung zu verlieren.
Mit energischen Schritten schob Bo Göstas Leichnam in den Obduktionssaal, wo Affe sich schon um Beleuchtung, Stühle und – zu Bos Überraschung – auch um eine Videokamera gekümmert hatte, die wie ein großer schwarzer Vogel auf dem Stativ hockte.
»Woher hast du die denn?« fragte er.
»So eine haben vor anderthalb Jahren alle Institute bekommen, und seither steht sie bei mir herum – niemand hat sich dafür interessiert, aber jetzt kommt sie doch wie gerufen, oder?«
»Affe, du bist ein Genie!«
Auch Affe war ein wenig verwirrt, als er sah, daß Gösta vollständig angezogen war. Für einen Moment glaubte er, Bo habe einen Passanten erschlagen. Dann aber zuckte er mit den Schultern. Wie zwei Verschwörer zogen sie Gösta, dessen Körper etliche Blutergüsse aufwies, aus. Bo hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, darüber konnte Hayakawa sich den Kopf zerbrechen. Sie stopften die Kleider in zwei schmale weiße Plastikbehälter, die sie neben Mantel und Schuhe in das Unterfach des Rolltisches stellten. Dann hoben sie Gösta auf den Obduktionstisch. Bo trat einen Schritt zurück und versuchte, alles mit Hayakawas Augen zu sehen. Er fand alles gediegen und wohl organisiert. Er rief seine Sekretärin an, um sich nach den Studenten zu erkundigen. Sie hatte bei den meisten Stationen Glück gehabt, einige hatten sich geweigert, aber an die zwanzig Studenten würden sich wohl einfinden.
Zu seiner Überraschung kam Hayakawa ihm im Flur entgegen. »Ich wollte gern etwas früher kommen, um mir die Instrumente anzusehen.«
Daran hätte er denken müssen. Hayakawa, wie andere Schauspieler, mußte sich natürlich mit der Bühne, den Requisiten und vielleicht sogar mit der Akustik des Raumes vertraut machen. Hayakawa begrüßte Affe, kontrollierte die Aufstellung der Stühle, verschob zwei von ihnen um einige Zentimeter, warf einen raschen, aber eindringlichen Blick auf Gösta und nickte. »Ausgezeichnet.«
Affe zeigte ihm das Instrumentenbuffet. Hayakawa griff aufs Geratewohl zu einigen Scheren, probierte sie aus und legte sie mit leichtem Nicken zurück. Damit begnügte er sich, offenbar überzeugt davon, daß alles in brauchbarem Zustand war. Affe und Bo wechselten Blicke – Erleichterung, Stolz, Triumph.
Hayakawa suchte sich rasch die Instrumente zusammen, die er verwenden wollte, und legte sie auf den Instrumententisch. Dann setzte er sich auf einen der hinteren Stühle und schien in eine Form von Meditation zu versinken. Er wollte ganz offenbar nicht gestört werden. Bo ging hinaus. Er wollte versuchen, Gösta Perssons Krankenbericht aufzutreiben.
Göstas Krankenbericht lag nicht an Ort und Stelle, im Gegensatz zu dem von Abraham Roskowski. Zuoberst lag eine Obduktionsanweisung, was nur bedeuten konnte, daß Abraham und seine Familie mit einer Obduktion einverstanden waren. Verdammt. Bo hatte keine Zeit, sich Vorwürfe zu machen, weil er nicht zuerst nach den Krankenberichten und dann erst nach der Leiche gesucht hatte. Ob er in der letzten Minute noch die Leichen tauschen könnte? Nein, es war zu spät, es war überhaupt zu spät für alles andere, er konnte nur noch nach unten rennen und das Schauspiel beginnen lassen.
2
Hayakawa hatte den Saal verlassen, als sich die ersten Zuschauer einfanden, denn die Vorstellung mußte schließlich mit dem Einzug des Hauptdarstellers anfangen, unterstellte Bo. Der fiel auch äußerst professionell aus: Hayakawa blieb kurz in der Türöffnung stehen, so daß sein Publikum ihn bemerken mußte. Er blickte erwartungsvoll in die Runde aus Studenten und jungen Pathologen, die sich im letzten Moment hatten freimachen können. Als der Kontakt hergestellt war, schritt er majestätisch zum Obduktionstisch, legte seine Hand, die in dem dünnen Gummihandschuh hellgrau und künstlich aussah, auf Göstas weißgelben Brustkorb und fragte lächelnd eine Studentin ganz hinten: »Können Sie gut genug sehen?« Sie nickte. Hayakawa zögerte einen Moment, dann fragte er einen großen rothaarigen jungen Mann, der kurz vor der Ohnmacht zu stehen schien: »Und Sie? Sie sollten vielleicht ein wenig näher kommen und sich setzen?«
Charisma.
Bo spürte, wie sogar die Studenten, die die Pathologie längst hinter sich gelassen hatten (und die deshalb wirklich in Ohnmacht fallen konnten – man gewöhnt sich in wenigen Wochen an Obduktionen, wird aber ebenso rasch wieder entwöhnt), von der Stimmung ergriffen wurden, die Hayakawa herbeizauberte. Aus dem Augenwinkel sah Bo Ann Lilja hereinkommen, leise und vorsichtig, und Hayakawa begrüßte sie mit einer kleinen, aber ausdrucksvollen Geste. Bo fragte sich, wie sie sich hatte freimachen können, aber diese Überlegung wurde von Hayakawa gestoppt, der zu erzählen begann, wer er sei, was ihn nach Stockholm geführt habe und wie sehr er von Bo Ekdals Arbeit beeindruckt sei. Dann richtete er seinen Blick auf Gösta.
»Ehe wir anfangen, möchte ich Ihnen die Frage stellen, die fast nur Pathologen korrekt beantworten können. Wie hoch ist die statistische Wahrscheinlichkeit, daß wir zur selben Diagnose kommen wie der behandelnde Arzt des Patienten? Mit anderen Worten, wir erhalten durch die Obduktion das endgültige Ergebnis, aber wieviel wußte man schon vorher? Möchte jemand das schätzen? Oder fragen wir lieber Ihren Professor?«
Bo sprach gern über seine Arbeit. »An die fünfundsiebzig Prozent. In jedem vierten Fall stellt sich heraus, daß der Patient aufgrund einer fehlerhaften oder unvollständigen Diagnose behandelt worden ist.«
Hayakawa nickte.
»Vergessen Sie das nicht, wenn Sie erst eigene Verantwortung tragen. Aber nun wollen wir uns den Mann ansehen, den wir hier vor uns haben. Wir fangen wie üblich mit der äußerlichen Leichenschau an. Wissen Sie, daß es Pathologen gibt, die davon träumen, die äußeren Zeichen so klar deuten zu können, daß sie nicht mehr weitergehen müssen? Manche glauben, daß dem Körper alles von außen anzusehen ist, wenn wir nur die subtilen Veränderungen, die den inneren Krankheitsprozeß widerspiegeln, entdecken und lesen können. Was sehen wir nun hier? Wie weit, glauben Sie, können wir kommen, wenn wir sehr, sehr neugierig sind und sorgfältig und vorsichtig vorgehen bei unserer Untersuchung? Wollen wir es versuchen? Wir beginnen mit seinem Alter, möchte jemand einen Versuch machen?«
Bo Ekdal verfluchte sich selber noch einmal. Hayakawa würde bald entdecken, wie improvisiert das Ganze war. Niemand wußte doch irgend etwas über Gösta. Hayakawa würde nach Diagnosen fragen, nach Behandlungsdauer, den Ergebnissen der Laboruntersuchungen. Bo fragte sich abermals, warum er nicht von Anfang an reinen Tisch gemacht hatte. Ein Wissenschaftler muß doch ganz besonders darauf achten, niemals zu lügen, und sei es auch nur ganz indirekt. Das Alter, ja. Das war das einzige, was Bo über Gösta wußte, abgesehen von Namen und Adresse, die auch auf dem Armband standen. So weit würde alles gutgehen, aber was dann?
Hayakawa diskutierte Göstas Alter mit den Studenten. Er sprach über Falten am Ohr, Zähne, Hautelastizität. »Wir tippen auf achtundvierzig Jahre«, sagte er schließlich und wandte sich Bo zu. Er sah aus wie der Zauberer mit dem Kaninchen aus dem Zylinder, so sicher war er sich seiner Sache.
Bo lachte resigniert. »Um zwei Tage falsch geraten, Professor, er war bei seinem Tod 47 Jahre, elf Monate und 29 Tage alt.«
Hayakawa verbeugte sich leicht, und einige Studenten fragten sich, ob ein kurzer Applaus erwartet werde. Hayakawa fuhr fort: »Bei der Betrachtung des Allgemeinzustands ist es wichtig, nicht blind das Augenfälligste anzustarren. Wir sollten uns fragen, wie es ihm wohl gegangen ist, wie er gelebt hat, wie wir seinen Tod mit seinem Leben in Verbindung bringen können.«
Hayakawa zeigte, führte vor, hob Hautfalten hoch, untersuchte das Innere der Augenlider, klopfte auf die Bauchdecke und sprach währenddessen darüber, daß der Mann vermutlich über einen langen Zeitraum hinweg schlecht gegessen habe, daß er wenig Bewegung hatte, daß seine Hoden etwas kleiner waren als erwartet, daß alles zusammen dem typischen Bild des chronischen Alkoholikers ähnelte.
»Darüber hinaus gibt es noch etwas, was bemerkenswert und ungewöhnlich ist, und worüber Sie sicher schon kurz nachgedacht haben. Nämlich?«
»Er hat Blutergüsse«, meinte schließlich eine junge Frau in der ersten Reihe.
»Richtig. Und ich glaube zu wissen, warum Sie zögern: Sie fragen sich, ob Sie normale Leichenflecken sehen oder ob es sich um Blutergüsse handelt, die er sich vor seinem Tode zugezogen hat. Leichenflecken, wie Sie wissen, beruhen auf der Schwerkraft, sie befinden sich immer an den untersten Körperteilen. In Krankenhäusern werden die Toten immer auf den Rücken gelegt, ich weiß nicht warum, aber ich kann Ihnen versichern, daß das überall auf der Welt der Fall ist. Deshalb finden wir Leichenflecken auf dem Rücken und den Unterseiten von Armen und Beinen. Sehen Sie, hier sind sie. Was passiert übrigens, wenn man eine Leiche mit entwickelten Leichenflecken umdreht?«
Bertram Schwieter, der junge Aushilfspathologe, der nicht wußte, ob seine Aushilfsstelle verlängert werden würde, ergriff die Gelegenheit beim Schopfe, auf seinen Professor einen guten Eindruck zu machen, und antwortete: »Wenn es innerhalb von sechs Stunden nach dem Todesfall geschieht, dann wandern die Flecken, sonst bleiben sie, wo sie sind.«
»Und wann sind sie zuerst zu sehen?«
»Ungefähr zwei Stunden nach dem Tod.«
»Ganz recht! Aber um zu unseren Blutergüssen zurückzukehren, denn darum handelt es sich hier ja, so sehen Sie, daß sie durchaus keine Ähnlichkeit mit Leichenflecken haben, was Farbe und Verbreitung angeht. Was ist hier passiert, was sollen wir glauben? Alle Blutergüsse weisen dieselbe Farbe auf, mit Ausnahme eines viel älteren, hier an der linken Wade. Wieso bekommt man überhaupt Blutergüsse? Nun, weil das Blut aus dem Gefäßsystem austritt, und wie geschieht das? Gewalt gegen den Körper, so daß die Gefäße zerreißen, oder irgendein Problem mit dem Blut selber, wodurch geringe Blutungen, die eigentlich von selber aufhören sollten, einfach weiter Blut ins Gewebe entlassen. Woher sollen wir wissen, womit wir es hier zu tun haben? Sehen Sie hier einen Betrunkenen, der stürzt, der gegen Möbel rennt, der vielleicht von jemandem, dem es ebenso elend geht wie ihm selber, einen Schlag in den Magen verpaßt bekommt? Wonach müssen wir jetzt suchen, was meinen Sie?«
»Nach Hautverletzungen.«
Der Rothaarige, der geantwortet hatte, durfte nun selber nachsehen. Er beugte sich über Gösta und untersuchte die Haut an zwei Blutergüssen am Rumpf und drei an den Beinen.
»Die Haut wirkt völlig unverletzt.«
»Gibt es Grund zu der Annahme, daß er ganz nackt war?«
»Sicher, ja, die Kleider können seine Haut geschützt haben. Dann sollte ich mir wohl lieber Hände und Gesicht ansehen.«
»Sicher. Aber wenn wir uns Hände und Gesicht ansehen, dann finden wir keinen Hinweis auf eine Schlägerei, keinen Hinweis darauf, daß er so oft und auf die Weise gefallen ist, die nötig wäre, um die seltsamen Flecken zu ergeben, die seinen ganzen Körper bedecken. Seltsamerweise haben wir sogar einen in der rechten Achselhöhle und mehrere auf der Innenseite des Oberschenkels. Warum ist das so seltsam?«
Die Frage wurde einer Studentin gestellt, die tief errötete und ihren Blick senkte.
Hayakawa nickte also ihrem Nachbarn aufmunternd zu, und der antwortete: »Wahrscheinlich, weil man sich durch Stürze oder bei Prügeleien da normalerweise nicht verletzt.«
Hayakawa schien entzückt zu sein.
»Exakt. Wenn wir nun nicht annehmen, daß er gefallen ist, können wir uns dann vorstellen, daß er aus anderen Gründen geblutet hat?«
»Leberversagen«, schlug ein großer, yuppiehafter Student vor. »Natürlich. Seine kleinen Hoden weisen auf eine schlechte Leberfunktion hin. Sie wissen sicher noch, daß die Leber die kleine Menge von weiblichen Sexualhormonen abbaut, die es bei Männern gibt, aber wenn die Leber nicht mehr mitmacht, steigen die Werte im Blut, weswegen die Hoden langsam verschwinden. Die Leber produziert schließlich auch einen Teil der Stoffe, durch die das Blut gerinnt; wenn die Leber nicht funktioniert, dann funktioniert auch das Blut nicht. Und was denken wir nun über die Todesursache? In einem Mundwinkel und, soviel wir sehen können, auch in der Mundhöhle finden wir Reste von eingetrocknetem Blut. Außerdem sind Magenblutungen meine Spezialität, eine Spur, die nun auch nicht zu verachten ist. Wollen wir beschließen, daß wir zu dem Ergebnis gekommen sind, daß der Mann Alkoholiker war, daß er an einer Magenblutung gestorben ist und daß sein Blut nicht richtig geronnen ist, was dann zur Todesursache beigetragen haben muß?«
Diese Frage brauchte nicht beantwortet zu werden, und Hayakawa fuhr fort: »Jetzt wollen wir sehen, ob wir der Wahrheit näher kommen, wenn wir einen Blick auf sein Inneres werfen.« Er griff zum auserwählten Skalpell, trat dicht an Göstas Körper heran und machte einen langen Schnitt, der unter der rechten Wange ansetzte, sich mit einem kleinen Bogen um den Nabel bis zur Taille fortsetzte und bei den Schamhaaren endete. Es war eine einzige Bewegung, geschmeidig und exakt, ein schöner Anblick.
»Schauen Sie, schon jetzt sehen wir, daß er nicht nur Blutergüsse hatte, die von außen zu sehen waren, sondern daß auch hier und dort innere Blutungen aufgetreten sind, wenn auch nicht unmittelbar unter den Blutergüssen, was ebenfalls dagegen spricht, daß er in eine Schlägerei verwickelt war«, er blickte augenzwinkernd auf, »aber das wußten wir ja schon, oder?«
Hayakawa richtete sich auf und schaute auf die Uhr. Halb zwei. »Das geht ja gut. Wonach sollen wir jetzt suchen? Woran sollen wir denken?«
»Verletzungen der Speiseröhre«, schlugen zwei Studenten gleichzeitig vor.
»Warum das?« Die beiden wollten gleichzeitig antworten, aber diesmal verstummte die Frau, und ihr Kommilitone sagte: »Bei Leberschädigungen wird der Blutfluß behindert, und eine der Alternativrouten, die das Blut einschlagen kann, geht durch die Gefäße, die außen an der Speiseröhre liegen. Diese Gefäße werden ausgedehnt und überlastet, was zu Brüchen führt, an denen man verbluten kann.«
Seine Kommilitonen kicherten über seinen Ernst, seine Wortfülle, aber Hayakawa nickte. Er verbreitete sich nun über die verschiedenen Methoden, die Speiseröhre herauszunehmen, wenn man die Gefäße untersuchen wollte. Während er sprach, holte er Göstas Organe aus dem Leichnam, als ob sie lose in der Bauchhöhle gelegen und nur darauf gewartet hätten, herausgenommen zu werden. In zwei Minuten war Hayakawa weiter gekommen, als Bo das normalerweise in einer halben Stunde schaffte. Bisher hatte er noch keine unnötige Bewegung gemacht, er hatte sich in keinem Fall in der Anatomie verirrt, und immer wieder beschrieb er, welche Alternativen er hatte und weshalb er sich für diese hier entschied. Bo ließ sich widerwillig beeindrucken. Das war um Klassen besser als alles, was er je gesehen hatte. Nun setzte Hayakawa zu seiner Zusammenfassung an: »Und nun zur Speiseröhre. Hier sehen Sie die Gefäße, die zweifellos etwas erweitert und schlaff sind, aber dadurch kann er nicht verblutet sein. Aber warten Sie, die Gefäße wirken dicht, aber wenn wir sanft und sehr vorsichtig nachfühlen, dann entdecken wir auf einem eine Narbe. Sie ist nicht zu sehen, aber hier ist das Gewebe etwas härter als an anderen Stellen. Er hat hier vor langer Zeit eine Blutung gehabt und hatte das Glück, sie zu überleben. Ansonsten finden wir nur eine diffuse Blutung in der Schleimhaut. Im Magen finden wir recht viel Blut, aber keine spezielle Blutungsursache. Keine gemeine kleine Arterie, die gesprudelt hat, kein Magengeschwür, keine Kratzer oder Löcher. Aber sehen Sie her, hier haben wir auch schon frühere Blutungen, mehrere sogar. Er hatte Magengeschwüre, hier haben wir mehrere alte Narben und eine kleine Wunde, die erst vor kurzer Zeit verheilt zu sein scheint. Und wieder die Blutung der Schleimhäute, die wir schon vorhin gesehen haben. Aber nun müssen wir seine Leberwerte zu Hilfe nehmen, hier gibt es ja einiges, worüber wir uns nur wundern können.«
Bo Ekdal wurde es schwindelig. Vielleicht würde er jetzt in Ohnmacht fallen. Das wäre dann immerhin seine Rettung – nicht einmal Hayakawa würde wohl weitermachen, wenn sein Gastgeber bewußtlos auf dem Fußboden lag.
»Der Patient ist gestorben, nachdem er dreimal wegen Blutungen behandelt worden war, erstmals vor achtzehn Monaten mit blutenden Speiseröhrenvarizen, dann ein halbes Jahr später wegen eines blutenden Magengeschwürs und schließlich vor einem Monat.« Eine klare Frauenstimme, die Bo nicht sofort lokalisieren konnte, die sich jedoch als die von Ann Lilja entpuppte. Wundersamerweise schien Gösta auf ihrer Abteilung gelegen zu haben, und Bo fiel Professor Albinssons Kommentar ein: »Die Kleine ist tüchtig, und außerdem hat sie ein photographisches Gedächtnis.«
Hayakawa hatte die Leber gerade in Scheiben geschnitten, zeigte Gefäße und Gallengänge, die überraschend deutlich waren, und sprach über den Grund der Blutungen.
»Da stimmt was nicht, liebe Leute. Um so zu bluten, hätte die Leber in einem viel schlechteren Zustand sein müssen. Schauen Sie her!«
Er hob eine Leberscheibe hoch und ließ ein schmales Messer darüber hinweggleiten. Dahinter zeigte sich das gesunde Lebergewebe rotviolett und fleischig, während die zerstörten Adern eingesunken und starr dazwischen lagen.
»Hier gibt es zwar große Schäden, aber sie sind nicht groß genug, um daran zu verbluten.«
Hayakawa dachte laut nach: »Ob er wohl ein Bluter gewesen sein kann?«
Er blickte Ann Lilja an, die den Kopf schüttelte. Göstas Blut sei nicht in ausreichender Menge vorhanden gewesen, da er so viel geblutet habe, aber das vorhandene Blut sei immerhin bei allen drei Behandlungsrunden normal gewesen.
»Also stehen wir vor einem Mysterium. Der Mann ist verblutet, er hat diffus im Magen-Darm-Kanal geblutet. Das wissen wir immerhin. Er hat auch subkutan geblutet, deshalb die Blutergüsse, er hatte Blutungen in den Muskeln und in den inneren Organen. Aus irgendeinem Grund ist sein Blut nicht geronnen, aber dafür gibt es in seinem Körper keine Erklärung. Die Frage ist, wie das möglich sein kann. Haben wir nicht alle möglichen Erklärungen gesucht, die wir doch ablehnen mußten? Dann müssen wir wohl zu den weniger normalen Ursachen übergehen, die Wirklichkeit liegt ja vor uns, und wenn wir nicht an Voodoo oder andere Formen der Magie glauben, muß sie sich erklären lassen. Was meinen Sie? Was kann passiert sein?«
»Mißlungene Bluttransfusion?« kam ein Vorschlag aus den hinteren Reihen.
Hayakawa schüttelt den Kopf und fragte weiter: »Warum nicht?« Bertram Schwieter wartete, ob irgendein Student antwortete, das müßten sie können, aber nach einigen langen Sekunden antwortete er selber: »Falsche Symptome. Dann hätten sich die roten Blutkörperchen auflösen müssen, was nicht zu dieser Art von Blutungen führt.«
»Außerdem gibt es keine mißlungenen Bluttransfusionen, ich habe in der Blutzentrale gearbeitet, deshalb weiß ich das«, fügte ein bärtiger Student hinzu.
Hayakawa fuhr herum und musterte den Bärtigen.
»Vorsicht! Das ist ein gefährlicher Gedanke. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Einmal habe ich einen Rasenmäher zur Reparatur gebracht, der nicht funktionierte, und der Mechaniker sah ihn sich an und sagte: ›Diesen Fehler kann es bei diesem Gerät nicht geben‹. Er schenkte der Bedienungsanleitung größeren Glauben als seinen eigenen Augen, und davor müssen Sie sich hüten. Sie müssen darauf pfeifen, ob in den Büchern etwas anderes steht. Daß Ihre Blutzentrale unmöglich einen Fehler begehen kann, könnte ich möglicherweise als religiöse These akzeptieren, aber nicht als Wahrheit, die uns bei unserer Arbeit helfen kann. Aber welche weiteren Erklärungen für das Vorgefallene kann es geben?«
»Er hat vielleicht irgend etwas eingenommen, was die Blutgerinnungsfähigkeit herabsetzt?« schlug der Rothaarige vor, der seine normale Gesichtsfarbe zurückgewonnen hatte.
»Ach, und wie soll das möglich gewesen sein?«
»Selbstmord«, wurde in den hinteren Reihen zögernd vorgeschlagen.
Hayakawa zuckte leicht mit den Schultern. »Sie sind alle denkende Menschen, also muß Ihnen auch die Möglichkeit des Selbstmordes eingefallen sein. Aber nun sagen Sie mir, würde irgendwer unter Ihnen ein Mittel benutzen, das erst nach mehreren Tagen wirkt? Ein Mittel, das vielleicht mehrmals eingenommen werden muß?«
Diese rhetorische Frage blieb unbeantwortet.
»Aber ganz unmöglich ist das natürlich nicht. Welche Erklärungen könnten wir uns noch vorstellen?«
Das Publikum blieb stumm.
»Sagen Sie’s schon. Sie denken doch alle dasselbe, das sehe ich Ihnen an. Was meinen Sie?«
Er zeigte auf Bertram Schwieter, der antwortete: »Ein Unglücksfall, also unbeabsichtigte Vergiftung, oder Mord.«
»Genau! Sie sind wirklich phantastisch tüchtig! Da wir uns an die Pathologie halten müssen und keine Gerichtsmedizin betreiben wollen, machen wir hier wohl Schluß, aber ich möchte doch wissen, ob noch Unklarheiten bestehen. Fragen Sie also jetzt, in fünf Minuten ist es zu spät.«
Bo Ekdal hatte das Geld inzwischen schon so oft verschwinden sehen, daß er sich nicht mehr aufregen konnte. Er überlegte, daß er sein Bestes und noch etwas mehr getan hatte, daß das jedoch nicht ausreichte. Ein pathologisches Institut, das seine aus normalen Gründen Verstorbenen nicht von eventuellen Mordopfern unterscheiden kann, flößt kein Vertrauen ein, und noch schlimmer ist es, wenn die Krankenhausärzte nicht einmal bemerken, daß ihre Patienten ermordet werden. Wer würde schon mit einer solchen Klinik zusammenarbeiten wollen? Wer würde unter solchen Umständen dieser Klinik ein Vermögen anvertrauen? Bo wünschte sich abermals und nutzlos, von Anfang an eine andere Strategie gewählt zu haben. Er wünschte, er hätte die Wahrheit gesagt. Er hätte zum Beispiel Hayakawa bitten können, einige Wochen später zu kommen – warum mußte der Besuch ausgerechnet jetzt stattfinden? Warum hatte er nicht zuzugeben gewagt, daß er diese blöde Obduktion im ganzen Trubel vergessen hatte? Hätte Hayakawa das denn nicht verstehen können?
Aber nun war wohl alles vorüber, das Publikum verließ den Saal. Plötzlich stand Hayakawa vor ihm. Bo bereitete sich auf das Schlimmste vor, wurde zu seiner Überraschung jedoch zuerst in den Rücken, dann gegen den Oberarm gestupst.
»Lieber Professor! Ich habe lange nichts so Lustiges mehr erlebt! Magenblutungen bekomme ich jedesmal, und ich weiß das ja auch zu schätzen, aber das hier! Ein möglicher Mord! Was für ein denkwürdiger Tag für mich, und was haben Sie in Ihrem Krankenhaus für außerordentlich kompetente Ärzte! Dieser Besuch war das reinste Vergnügen, sowohl wissenschaftlich als auch sozial. Ich bin sehr, sehr dankbar für alles, was Sie für mich getan haben. Ich werde meinem Aufsichtsrat mitteilen, welchen guten Eindruck ich von Ihrer Tätigkeit gewonnen habe. Aber nun muß ich zurück ins Hotel, dieses Mal bin ich leicht verspätet.«
»Kann ich Sie ins Hotel fahren?« fragte Bo Ekdal unter Aufbringung seiner absolut letzten Kräfte.
»Danke, aber das ist nicht nötig, ein junger Mann von der Botschaft holt mich ab, er fährt mich erst zum Hotel und danach zum Flughafen.«
Bo begleitete Hayakawa zur Limousine, die ihn tatsächlich als langer, grauer Schatten beim Haupteingang des Krankenhauses erwartete.
»Es war mir wirklich ein großes, großes Vergnügen«, wiederholte Hayakawa, als er nach einem herzlichen Abschied ins Auto stieg.
Bo sah das Auto im Nebel verschwinden, er winkte und fragte sich dann, was er als nächstes zu tun habe. Beim Verdacht auf Mord oder ähnliches mußte man wohl Kontakt zur Polizei aufnehmen, aber wie verhält man sich, wenn das potentielle Mordopfer schon obduziert worden ist? Er konnte nicht einmal anfangen, daran zu denken, wie er erklären sollte, was passiert war, er hatte nicht mehr genügend Energie, um ein weiteres kleines Problem zu lösen, ganz zu schweigen von einem dieser Größenordnung.
Als er zur Pathologie zurückging, holte ihn auf dem Flur Ann Lilja ein. Sie hielt einen dicken Stapel Papiere in der Hand.
»Bitte sehr. Du wirst das hier wohl brauchen, nehme ich an.« Es war Gösta Perssons Krankenbericht.
»Hattest du Göstas Papiere?«
»Ja sicher, ich habe sie mir vor dem Mittagessen gerade durchgesehen, ich mußte nämlich den Totenschein ausstellen. Einen ganz falschen Totenschein, und ich bin gerade noch davor gerettet worden, den auszuschreiben. Vielen Dank.«
Sie war ausnahmsweise einmal ernst, und Bo fand ihre kurze Oberlippe und ihre füllige Unterlippe noch gemeißelter denn je. »Ich habe mich für deine Hilfe bei der Vorführung zu bedanken. Ich weiß nicht, was ohne dich passiert wäre. Aber wie in aller Welt konntest du dich fürs Mittagessen und dann auch noch für die Vorführung freimachen?«
Wieder lachte Ann: »Reiner Zufall. Ich wollte eigentlich meinen Schreibtisch aufräumen, mir gehen die Papiere bis hierhin«, sie zeigte ein Niveau dicht unter ihrer Nase, »und ich schaff’ sie einfach nie alle, ja, du weißt sicher, wie das ist.«
»Ich habe allerdings noch eine Frage: Weißt du, ob Gösta oder seine Angehörigen etwas gegen eine Obduktion gehabt hätten?«
»Ja oder nein, wie du willst. Ja, ich weiß, und nein, er hatte keine Einwände, sonst hätte er nicht an unserem Versuch teilgenommen.«
»Ann, bist du ganz sicher, daß du kein Engel bist? Oder eine griechische Göttin, die Menschengestalt angenommen hat, um mit uns gewöhnlichen Sterblichen ihre kleinen Scherze zu treiben?«
Wieder ein fast lautloses Lachen, einige Locken, die sich aus den Kämmen befreit hatten, die die Haare aus dem Gesicht hielten, und die das Licht einfingen, als sie den Kopf schüttelte.
»Ich bin ganz sicher, daß ich weder das eine noch das andere bin. Viel Glück mit der Polizei.«
Obwohl ihm ganz flau zumute war, ließ er sich mit der Polizei verbinden und wurde nach und nach zur Gewaltsektion durchgestellt, wo er so gut wie möglich mehreren verschiedenen Personen alles erklärte und jedesmal weitergereicht wurde. Am Ende kam er zu richtigen Stelle, mußte jedoch auf einen Rückruf warten. Nach weiteren sich in die Länge ziehenden Minuten wurde ihm mitgeteilt, daß sofort jemand von der Kriminalpolizei kommen würde. Er dachte kurz nach und bat dann seine Sekretärin, sich auf die Suche nach Bertram Schwieter zu machen, dem Unterarzt, der bei der Vorführung dabeigewesen war.
»Bertram, demnächst kommt jemand von der Polizei, um zu entscheiden, was mit der Leiche geschehen soll. Es hört sich blöd an, aber ich kann heute kein einziges Gespräch mehr durchhalten, ich glaube, ich sterbe, wenn ich jetzt nicht nach Hause fahren und schlafen kann. Du mußt mich vertreten, erzählen, was du weißt. Mehr hätten sie aus mir auch nicht herausholen können. Hier ist der Krankenbericht, den ich noch nicht gelesen habe, nutz deinen gesunden Menschenverstand, wenn du nicht weißt, wie du dich verhalten sollst, ich rede gern übermorgen mit der Polizei oder mit sonst wem, aber jetzt hau’ ich ab, mach’s gut.«
Bo Ekdal nahm ein Taxi nach Hause, zog den Telefonstecker heraus, entkleidete sich und fiel ins Bett. Seine Gedanken kreisten um diesen turbulenten Tag. Immerhin habe ich mich nicht mit der Grippe angesteckt! dachte er vor dem Einschlafen.
Da seine Kinder nicht mehr bei ihm wohnten und seine Frau ihn damals, als die Selbstverwirklichung in Mode kam, verlassen hatte, konnte er die vierzehn Stunden, die er brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen, ungestört durchschlafen.
3
Um neun Uhr an diesem Morgen hatte Monika Pedersen, Streifenpolizistin, zwei Stunden geschlafen, als das Telefon sie weckte. Sie zog niemals den Stecker heraus, nicht einmal, wenn sie die Nacht durchgearbeitet hatte, und deshalb erreichte ihr Chef sie, nachdem er vorher erfolglos fünf andere Nummern probiert hatte.
»Hallo, Monika, hier ist Yngve Larsson. Gut, daß du zu Hause bist. Entschuldige die Störung, ich weiß ja, daß du Nachtschicht hattest. Bei der Kripo scheint es noch schlimmer auszusehen als bei uns. Ich habe dem Kommissar versprochen, ihm sofort zwei Leute zur Verstärkung abzustellen. Ich dachte, ich könnte euch schon bis neun Uhr dort haben, aber bis zehn kannst du es doch schaffen, wenn du dich beeilst. Was sagt du?«
»Das geht schon.« Monika hatte nie Probleme mit dem Wachwerden gehabt. »Ich fühle mich ziemlich fit. Wohin soll ich gehen?«
»Melde dich bei Kommissar Ek in der Gewaltsektion und grüß von mir.«
»Mach’ ich.« Sie zögerte einen Moment. »Danke«, fügte sie hinzu.
Ihr Partner im Streifendienst, Mikael Andreen, war drei Wochen zuvor eine Treppe hinuntergestoßen worden und hatte sich dabei das rechte Bein gebrochen. Jetzt steckte er vom Fuß bis zur Hüfte im Gips und würde noch mindestens für zwei Monate krank geschrieben sein. Mit Mikaels Vertretung, einem sturen Värmländer, der sich für einen richtig harten Burschen hielt, hatte Monika große Probleme. Sie hatte sich nicht beklagt, aber es war typisch für Yngve zu bemerken, daß sie nicht zusammenpaßten.
Monika streckte sich wohlig im Bett. Sie hatte immer schon plötzliche Veränderungen gemocht. Sie lachte. Sie freute sich auf die Arbeit bei der Kripo, und noch mehr darüber, ihrem neuen Partner zu entkommen. Sie hatte seine endlosen Vorträge darüber satt, was in der Gesellschaft nicht stimmte und warum nicht, was gemacht werden müßte und wie. Sie hatte es satt, daß er mit offenem Mund Kaugummi kaute. Sie hatte es satt zu sehen, wie er aus dem Auto stieg, als ob er Rambo wäre. Sie hatte es satt, wie er mit und über Frauen sprach. Jetzt würde sie dieses Problem nicht mit Yngve besprechen müssen und statt dessen in Kungsholmen arbeiten, dem Stadtteil, der schon seit ihrer Teenagerzeit mehr als jeder andere ihr Herz und ihre Phantasie gefangen hatte.
Sie verließ das Bett und blieb vor ihrem Kleiderschrank stehen. Der schien überhaupt nichts Brauchbares zu enthalten. Normalerweise arbeitete sie in Uniform. Groß war ihre Garderobe nicht. Schließlich entschied sie sich für eine schwarze Cordhose von schlechter Paßform, aber guter Qualität, eine graue Bluse im Yuppieschnitt (ihre einzige) und eine schwarze Strickjacke. Sie war mit dem Gesamteindruck unzufrieden, fand aber keine bessere Alternative. Nach einer im Stehen getrunkenen Tasse Kaffee warf sie ihre schwarze Lederjacke über und lief durch den dichten Nebel zur U-Bahn-Station.
Es war nicht weit bis dahin, aber sie mußte fast eine halbe Stunde warten, da wegen der Grippewelle mehrere Züge ausfielen. Als die Bahn endlich ankam, waren die Wagen überfüllt, aber Monika konnte sich trotzdem in einen der mittleren zwängen, obwohl niemand den Versuch unternahm, Platz zu schaffen.
Am Fridhemsplan lockerte sich das Gedränge ein wenig, aber sie war erleichtert, beim Rathaus auszusteigen. Sie holte tief Luft, streckte die Arme aus, wie um den freien Raum zurückzuerobern, und lief auf die Rolltreppe zu, die zum Polizeigebäude führte.
Jetzt sah sie verschwommen die vertraute Fassade des Polizeigebäudes, das ein Architekt in der festen Überzeugung entworfen hatte, daß ein Polizeigebäude etwas sei, auf das man stolz ist, das geschmückt und vorgezeigt werden muß.
Die großen Bronzetüren sahen schlichter aus, als sie sie in Erinnerung hatte.
Der Warteraum war voll, und eine Schlägerei lag in der Luft, aber das war nicht ihr Bier, darum sollten sich die Sicherheitskräfte im Sprechzimmer gleich nebenan kümmern. Sie zeigte ihren Dienstausweis und fragte nach Kommissar Ek. Ein Beamter wählte eine Nummer und mußte lange auf Antwort warten. Niemand interessierte sich für den Lärm im Warteraum. Dann nickte er Monika zu:
»Geh einfach rauf, er holt dich an der Tür ab.«
Rasch ging Monika die breite Treppe gleich neben dem Sprechzimmer hoch. Seit ihrer Zeit auf der Polizeischule war sie hier nicht mehr gewesen, aber sie war immer entschlossen gewesen, hier zu landen. Wie so viele Frauen hatte sie anfangs keine genauen Karrierepläne gehabt, aber nun spürte sie, daß es an der Zeit war, in ihrem gewählten Beruf einen Schritt vorwärtszukommen. Sie wußte, daß viele von der Kripo träumten und daß es bei den meisten beim Träumen blieb; sie nahm an, daß es von Nachteil war, eine Frau zu sein. Jetzt hatte sie immerhin die Chance zu zeigen, was sie konnte, eine Möglichkeit, einen Teil der Kriminalbeamten kennenzulernen. Sie hatte vor, diese Chance so gut wie nur möglich zu nutzen.
Monika und der Kommissar erreichten beinahe gleichzeitig die Glastür, die zur Gewaltsektion führte. Der Kommissar war mittelgroß und mager, mit zerfurchtem Gesicht und schütteren hellbraunen Haaren. Er öffnete, und Monika stellte sich vor.
»Hallo. Ich bin Monika Pedersen. Kommissar Yngve Larsson schickt mich, wie vereinbart.«
»Bist du unterrichtet?«
»Ich weiß nur, daß ich hier einspringen soll, weil von euch so viele krank sind.«
»Was machst du sonst?«
»Normale Polizei, seit fünf Jahren. Ich würde aber gern zur Kripo überwechseln.«
»Welche Sprachen sprichst du?«
»Englisch, wieso?«
»Irgendwelche Erfahrung in internationaler Arbeit?«
»Nicht mehr, als die Arbeit in Skärholmen so mit sich bringt.« Der Kommissar schien zu überlegen.
»Kennst du dich mit den verschiedenen arabischen Exilorganisationen aus?«
Monika mußte seine Hoffnungen zunichte machen.
»Ich habe meistens mit Teenies zu tun, nicht mit Politik.«
Langsam kam ihr der Verdacht, daß etwas schiefgelaufen war. Sie schien durchaus nicht die Verstärkung zu sein, die Ek brauchte oder wünschte.
»Die Sache ist die: Heute morgen ist eine Gruppe von Männern in die Konsularabteilung der britischen Botschaft eingedrungen. Sie haben unter dem Personal und den übrigen Besuchern Geiseln genommen. Sie sind offenbar Araber. Die Presse weiß noch nichts, aber es kommt wohl in den Abendzeitungen. Die Polizei hat die Gegend abgesperrt, und wir organisieren gerade eine Krisengruppe, die die Arbeit machen soll.«
Und in dieser Gruppe haben wir keine Verwendung für dich, hätte er hinzufügen können, aber das tat er nicht. Irgendwer rief weiter hinten im Flur nach ihm, er faßte sich an die Stirn und zeigte Monika ein Zimmer, das genau vor ihnen lag und laut Namensschild Hans Eriksson gehörte.
»Eriksson hat Grippe. Du kannst dich dort niederlassen, tu was du kannst für die Fälle, die dort liegen. Richtig akute Fälle gibt es also nicht. Die Botschaftsgruppe sitzt weiter hinten im Flur, stör bitte nicht.«
Monika konnte die Nervosität des Kommissars nachvollziehen: Die halbe Truppe krank, Geiseldrama in einer Botschaft, Beschlüsse müssen unter Zeitdruck gefaßt werden, Beschlüsse, die später in aller Öffentlichkeit hin und her gedreht werden. Verstärkung, die zu spät kam und zu allem Überfluß auch noch unbrauchbar war. Trotzdem gab es keine Entschuldigung für sein unfreundliches Auftreten. Sie gab ihm in ihrer inneren Buchführung drei Minuspunkte und fühlte sich gleich besser.
Sie setzte sich an den Schreibtisch. Dort lag ein Stapel von angefangenen, aber nicht abgeschlossenen Fällen. Hans Eriksson kommunizierte mit sich selber offenbar durch Stichwörter. Unter der Plastikfolie der obersten Mappe lag ein ordentlich geschriebener Zettel:
Nr. 14
Großmutter
Warum nicht G.?
Spätestens Samstag
10 000
Monika las diese Punkte. Spätestens Samstag schien klar. Heute war Montag, und irgendwas würde in den nächsten fünf Tagen passieren. 10 000. Wenn damit Kronen gemeint waren, dann sollten sie wohl ein- oder ausgezahlt werden. Oder versteckt oder gefunden. Von G.? Oder von der Großmutter?
Monika kicherte kurz und las weiter in der obersten Mappe, da sie annahm, daß Hans Eriksson die Fälle nach ihrer Wichtigkeit sortiert haben könnte. Seine Notizen würden sicher verständlich werden, wenn sie erst einmal wüßte, worum der Fall sich drehte. Als sie drei Viertel des Berichtes gelesen hatte, war der Zettel nur noch schwerer zu begreifen. Nirgendwo war eine Großmutter erwähnt, keine 10 000 von irgendeiner Sorte, keine Person, die mit G anfing.
Mit dem nächsten Zettel war es genauso.
Warum hatte Hans Notizen gemacht, die nur er selber verstehen konnte, als ob es ganz undenkbar wäre, daß ihm ein Unglück zustoßen oder er an der Grippe erkranken könnte?
Der Kommissar, müde und genervt, blickte durch ihre halbgeöffnete Tür herein.
»Monika, kannst du mit der Pathologie im Västra Krankenhaus sprechen? Sie haben ein Problem mit einer Obduktion.«
Jobmäßig gesehen, wirkte alles verlockender als Hans Erikssons Fälle, und deshalb antwortete sie ruhig, er brauche die Pathologie nur durchzustellen. Der Kommissar hörte sie nicht, da er nicht auf ihre Antwort gewartet hatte, und das Telefon schellte fast augenblicklich. Es war der Professor der Pathologie, auch er müde und gereizt, weil er seine Geschichte nun schon mindestens fünf Personen erzählt hatte. Er fragte, ob er diesmal wohl bei der richtigen gelandet wäre. Monika antwortete, daß der Kommissar sie gebeten habe, den Anruf entgegenzunehmen, und da müsse sie doch die richtige sein. Sie hörte zu, stellte Fragen und machte Notizen. Als sie den Handlungsverlauf einigermaßen begriffen hatte, fühlte sie sich verwirrt und unsicher, und sie versprach, in einigen Minuten zurückzurufen und genauere Auskunft zu geben.
Sie ging in den Flur hinaus und suchte irgendwen, den sie fragen könnte. Die Botschaftsbande saß hinter ihrer Tür verschanzt, die nächstliegenden Zimmer waren so leer wie die Kaffeeküche. Sie blieb unschlüssig stehen, hörte dann aber jemanden die Abteilung betreten. Es war wieder der Kommissar, der sie blöde anglotzte, als er sie auf sich zukommen sah.
»Was ist los?«
»Ich habe eine Frage wegen dieses Anrufs vom Krankenhaus.« Die Körpersprache des Kommissars sagte deutlichst, daß er nichts anderes erwartet hatte, daß es aber wirklich das letzte war, wenn eine sogenannte Verstärkung nicht einmal ein schnödes Telefongespräch bewältigen konnte.
»Na und?«
»Sie haben während einer Obduktion gemerkt, daß etwas nicht stimmte, sie nehmen fast an, daß sich der Verstorbene unabsichtlich vergiftet hat, aber auch Mord oder Selbstmord lassen sich nicht ausschließen, wenn ich richtig verstanden habe.«
»Und warum solltest du das nicht richtig verstanden haben? Bist du in diesem Punkt unsicher?«
»Nein . . .«
»Dann sag so was nicht. Natürlich hast du richtig verstanden. Deshalb brauchst du dich doch nicht zu entschuldigen. Und was hast du nun vor?«
»Eine Voruntersuchung in die Wege leiten, nehme ich an.«
»Nimmst du an? Du bist an die Kriminalpolizei ausgeliehen und nimmst an, daß du bei einem unklaren Todesfall eine Voruntersuchung einleiten mußt. Natürlich brauchen wir eine Voruntersuchung, und dabei mußt du auch herausfinden, warum zum Teufel sie die Leiche in der Pathologie obduziert haben, wenn sie nicht wußten, wie der Mann gestorben ist. Weißt du, was du sonst noch zu tun hast?«
»Nicht genau, aber ich werde wohl die kleinen Grauen anwenden müssen, wie Poirot immer sagt.«
»Was willst du anwenden?«
»Tut mir leid, ich wollte sagen, ich werde mein Bestes tun.«
»Das ist ja wohl klar. Find jetzt erst einmal heraus, was passiert ist, und schreib einen Bericht.«
Er kehrte ihr den Rücken und ging zum Botschaftszimmer. Er schien die ganze Situation als ein Unglück zu erleben, das ihn unverschuldet getroffen hatte. Außerdem schien er Fieber zu haben, seine Augen glänzten, und seine Wangen konnten doch normalerweise nicht so rot sein?
Monika ging in ihr Zimmer und rief Bo Ekdal zurück. Sie teilte ihm mit, sie werde so schnell wie möglich ins Krankenhaus kommen.
4
Monika ging durch die automatischen Schwingtüren, die jedes Jahr eine große Anzahl neuer Patienten ins Krankenhaus führten.
Es war schön, aus der kalten Berührung des Nebels in die Wärme zu treten. Monika holte tief Luft. Der Architekt des Krankenhauses hatte vielleicht eine Phase von Kontrasten durchlebt? Kaltes, verschlossenes und geheimnisvolles Äußeres, drinnen Wärme, ein halber Dschungel in Töpfen, eine Cafeteria, ein Kiosk und ein Blumenladen. Oder wollte jemand das abweisende Äußere durch um so mehr Wärme ausgleichen? Es konnte aber auch ein Bestandteil der Indoktrinierung sein – erst soll man erschrecken, den Mut angesichts des gewaltigen und unübersichtlichen Apparates verlieren, in den man sich hineinbegeben muß, krank und unterlegen, wie man ist. Dann tritt man ein und stößt auf Wärme, Licht, Bewegung, menschliche Aktivitäten in begreiflichem Maßstab, und man fühlt sich erleichtert, ein Teil des Mutes stellt sich wieder ein, man ist dem Krankenhaus dankbar und hat bereits vergessen, daß gerade das Krankenhaus einem den Mut genommen hatte.
Es wirkte fast ungehörig, nach der Pathologie zu fragen, eine taktlose Erinnerung daran, daß nicht alles aus kunstfertigen Blumengestecken für frisch operierte Verwandte bestand, die in vier Tagen nach Hause kommen würden; aber wenn die Frau am Informationsschalter nun verärgert war, so zeigte sie es nicht. Sie erteilte Monika eine so klare Auskunft, daß die sich nicht noch einmal zu erkundigen brauchte, bis sie vor einer Glastür mit der Aufschrift »Pathologisches Institut« stand.
Hinter dieser Tür erwartete sie ein schlaksiger junger Mann mit einer Brille, die teilweise von einem Schopf aus den glattesten Haaren verborgen wurde, die Monika je gesehen hatte. Der junge Mann erklärte, daß der Professor sich leider nicht wohl gefühlt habe und deshalb nach Hause gegangen sei, aber daß er selber mit allen nötigen Auskünften zur Verfügung stehe. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und hatte sekundenlang freie Sicht, dann fiel ihm der Schopf wieder über die Brille. Er lachte, als wolle er um Entschuldigung bitten.
»Ich heiße übrigens Bertram Schwieter und bin eigentlich ganz weit unten in der Hackordnung hier im Institut, aber ausgerechnet heute sind alle krank, bis auf einen, den sie letzte Woche eingestellt haben, und deshalb bin ich beauftragt worden, Ihnen so weit wie möglich zu helfen.«
Monika spielte mit dem Gedanken, ihm zu erzählen, daß ihre Situation ganz ähnlich war, fühlte sich aber nicht selbstsicher genug, um das zu wagen.
»Als allererstes möchte ich den Toten sehen.« Monika hoffte, kompetent zu wirken.
»Ist schon klar, er liegt im Obduktionssaal, wir haben nichts angefaßt, seit wir angerufen haben.«
Auf einem Obduktionstisch aus rostfreiem Stahl lag die Leiche eines kleinwüchsigen, dünnen Mannes in mittleren Jahren. Er lag mit einem schwachen Lächeln um die blassen Lippen auf dem Rücken, und deshalb sah sein Kopf aus, als wisse er nichts davon, daß seine Bauchhöhle geöffnet worden war und seine inneren Organe, sorgfältig auf Tabletts arrangiert, überall herumstanden. Monika sah sofort die Blutergüsse des Mannes und fragte Bertram, wie sie entstanden waren. Bertram wußte das nicht, sagte jedoch entschuldigend, daß der amerikanische Professor, der die Leiche obduziert hatte, zu dem Befund gekommen war, daß sie nicht durch eine Mißhandlung entstanden waren und daß sie für die Todesursache keine Rolle spielten.
»Was wissen wir über die Umstände des Todesfalles?« fragte Monika.
»Ich weiß auch nicht mehr, als in seinen Papieren steht. Offenbar hatte er mehrmals Magenblutungen, er wurde zuletzt vor zwei Wochen in der Chirurgie behandelt, dann wurde er in guter Verfassung entlassen, erschien gestern morgen aber in der psychiatrischen Ambulanz, und da fiel er im Wartezimmer um und war tot.«
»In der Psychiatrie? Was wollte er denn da?«
Bertram machte ein unglückliches Gesicht, als ob man ihm persönlich vorwerfen könnte, daß Gösta diesen ungewöhnlichen Weg in die Pathologie gewählt hatte.
»Das weiß ich nicht. Wir scheinen noch keine Papiere von dort zu haben, wir werden sie so schnell wie möglich besorgen, im Moment steht alles kopf; ich weiß wirklich nicht mehr.«
»Es gibt keinen Polizeibericht, und Sie wissen nicht, ob er in eine Schlägerei geraten sein kann?«
Bertram schüttelte den Kopf und sah Monika so niedergeschlagen an, daß sie das Thema wechselte und darum bat, die Organe sehen zu dürfen.
Bertram führte ihr den Befund vor, so gut er konnte, er zeigte die Blutungen, die Leber, den leeren blutigen Magen und erklärte Hayakawas Argumentation.
»Jaaa«, Monika sagte das leicht gedehnt, »dann brauchen wir eine gerichtsmedizinische Obduktion und eine technische Untersuchung, ob hier wirklich ein Mord vorliegen kann.«
Sie blickte zum Obduktionstisch hinüber.
»Es ist wohl noch alles vorhanden?«
Bertram nickte.
»Daß wir nicht selber daran gedacht haben! Aber das ist für uns ja auch eine ganz neue Situation . . .«
Monika konnte sich in letzter Sekunde an dem Geständnis hindern, daß die Situation für sie mindestens ebenso neu war. Bertram versuchte, der Verantwortung zu entsprechen, die ihm auferlegt worden war.
»Ich werde ihnen Bescheid sagen, oder ist das Sache der Polizei? Schwierig zu wissen, wer wofür zuständig ist.«
Er sah Monika zögernd an, als ob er sich von ihr kaum Hilfe verspräche. Seine Unsicherheit ließ ihr Selbstvertrauen plötzlich auflodern: Vielleicht wußte sie nicht sehr viel, aber sie wußte jedenfalls mehr als irgend jemand sonst hier und jetzt. Sie antwortete, sie werde die Gerichtsmedizin und die Technik anrufen. Monika befürchtete, daß ihr Gespräch mit der Gerichtsmedizin auf dieselbe Skepsis treffen könnte, die Bo Ekdal bei der Kripo widerfahren war. Die Gerichtsmediziner hatten sicher auch ihre Scherzkekse.
In der Gerichtsmedizin war alles ruhig, so ruhig, wie es in einer Institution überhaupt nur sein kann, die viel zu wenig Kapazitäten für die Arbeit hat, die durchgeführt werden muß. Monikas Anruf wurde von Doktor Derek Cramer entgegengenommen, einem vierzigjährigen Amerikaner, der sich in Stockholm niedergelassen hatte, weil er seine schwedische Frau liebte und diese sich in den Staaten nicht wohl fühlte.
Er hörte sich fast belustigt an und glaubte Gott sei Dank nicht, daß Monika sich einen Scherz erlaubte.
»Die Pathologie hat einen möglichen Mord entdeckt? Das hätte ich denen wirklich nicht zugetraut.«
Er ließ sich die Details berichten, die Monika liefern konnte, und sie verabredeten, daß er gleich in die Pathologie kommen würde, ein Spaziergang von höchstens zehn Minuten.
Das Telefonat mit der Technik war schwieriger. Monika hatte vergessen, sich die Durchwahl geben zu lassen, sie hing bei der Telefonzentrale mehrere Minuten in der Warteschleife und fand es dann schwer zu erklären, wer sie war und mit wem sie verbunden werden wollte. Schließlich hatte sie einen Kriminalinspektor an der Strippe, der sich als Allan Larsson vorstellte. Allan Larsson hatte eine tiefe, weiche und ernste Stimme, er hörte interessiert zu und sagte dann verschwörerisch:
»Hier ist fast niemand, alle liegen mit vierzig Grad Fieber zu Hause. Der Rest wird mit dieser verdammten Botschaftsbesetzung geplagt. Wir sollen alles stehen und liegen lassen und undeutliche Fotos von allerlei Waffen analysieren, angeblich um ein, wie sie sagen, strategisches Vorgehen begründen zu können. Es ist so blöd, daß man heulen könnte. Das habe ich aber nicht vor und werde mir statt dessen Ihre Leiche ansehen. Allerdings weiß ich nicht, was der Chef sagen wird, wenn er das merkt. Wollte der Gerichtsmediziner sofort anfangen?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Monika und konnte nicht begreifen, warum sie vergessen hatte, danach zu fragen. »Aber das muß doch wohl so sein, sonst verderben die Organe sicher.« »Das glaube ich auch. Ich fahre sofort in die Gerichtsmedizin. Bis dann! Auf Wiederhören!«
Sie hatte das Gespräch gerade beendet, als Bertram mit Cramer erschien. Er sah sich Gösta Persson an, der zum Teil in ordentliche Scheiben geschnitten dalag.
»Ist das nicht passiert, ehe euch der Verdacht gekommen ist, hier könnte etwas nicht stimmen?«
Das hätte Monika auch fragen sollen, sie sah es ein, aber nun würde sie immerhin die Antwort hören.
Bertram erklärte Cramer, der wußte, wer Hayakawa war und was er bedeutete, die Geschichte von der Obduktion.
Derek Cramer betrachtete Gösta Persson mit neuem Respekt.
»Ich habe mir ja schon gedacht, daß der ungewöhnlich hübsch aussieht. Scherz beiseite, der Typ soll brillant sein. War er das?«
»Da kannst du dir deine eigene Meinung bilden. Wir haben das Ganze auf Video aufgenommen – aber wer von euch bekommt denn nun die Kassette?«
Monika und Derek blickten einander überrascht an. Derek ergriff die Initiative:
»Wenn du bis morgen warten kannst, dann wäre es für mich sehr gut. Das ist gar nicht leicht, erst zum Schluß einzusteigen.«
Monika dachte kurz nach. Dann sagte sie:
»Das Video ist ein wichtiger Beweis, und ich weiß nicht, ob ich es einfach so aus der Hand geben kann.«
Ihre Unsicherheit lähmte alle für einen Moment, aber dann schlug Bertram vor, das Video kopieren zu lassen, dann konnte Monika das Original behalten und Derek die Kopie überlassen. Diese Idee wurde dankbar aufgenommen, und Derek fuhr fort: »Hayakawa war der Ansicht, daß der Patient an Blutungen gestorben ist, die sich aus seinem Allgemeinzustand heraus nicht erklären ließen. Er überlegte, ob eine Vergiftung vorliegen könnte. Schwer zu sagen, aber wir werden das Blut und die übrigen Körperflüssigkeiten analysieren. Dann sehen wir nach, ob die Blutzentrale noch Proben von der letzten Behandlungsrunde hat, das müßten sie eigentlich. Ja, wir tun unser Bestes.«
»Ich kümmere mich um die Formalitäten«, versprach Monika, die noch immer nicht so recht wußte, welche Papiere notwendig waren, das aber so schnell wie möglich feststellen wollte.
»Wegen der Grippe kommt übrigens nur ein Typ von der Technik, Allan Larsson heißt er. Er kommt direkt in die Gerichtsmedizin. Wie bald könntest du etwas sagen, was meinst du?«
Derek lachte.
»Tut mir leid, erwarte nicht zuviel. Hayakawa hat bestimmt nicht allzu viele Hinweise übersehen. Die Analysen brauchen ihre Zeit, und außerdem gibt es für einige Stoffe, die hier aktuell sein könnten, keine Analysemethoden. Wenn du diesen Fall löst, dann hast du das leider nicht mir zu verdanken. Ich werde dich auf dem laufenden halten.«
Sie verabschiedeten sich, reichten einander die Hände, und dann ging Monika mit Bertram in die Videozentrale, um eine Kopie des Videos herstellen zu lassen.
Sie konnte in der Pathologie nicht viel mehr tun. Und sie hatte keinen Grund, mit in die Gerichtsmedizin zu gehen. Sie hatte nicht die geringste Lust, den Kommissar anzurufen und um weitere Instruktionen zu bitten. Sie beschloß, sich selber erst einmal um alles zu kümmern. Sie mußte zuerst herausfinden, unter welchen Umständen Gösta Persson gestorben war. Vielleicht konnte sie von hinten anfangen – ihr nächster Anhaltspunkt wäre in diesem Fall Göstas vorletzter, und so weiter. Sie hatte noch keinen weiteren Plan, keine Arbeitshypothese, sie hoffte, die Ideen würden sich nach und nach einstellen.
Auf jeden Fall gab es etwas zu untersuchen. Etwas war passiert. Unfall? Selbstmord? Mord? Totschlag? Seltsamerweise schienen der graue Himmel und der Nebel, die sich schon allzu lange hielten und die ganze Stadt in eine Art Niemandsland verwandelten, ihr Mut zu geben. Es würde sich schon alles finden.
Sie ging ins Büro zurück und bat um das Telefon, um Mikael, ihren regulären Partner, anzurufen. Er hatte seine Wohnung nicht verlassen können, seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, und sie hatte versucht, ihn mit täglichen Schilderungen der Ereignisse in seiner Abwesenheit aufzumuntern. Als er hörte, daß sie in Kungsholmen sei, fragte er sofort, ob sie nicht abends bei ihm essen wolle.
»Die Gespräche mit dir sind wie Wasser für einen, der in der Wüste verdurstet. Heute klingt es sogar, als ob du Champagner zu bieten hättest, wenn man wirklich Champagner möchte, nachdem man in der Wüste fast verdurstet wäre. Egal, du weißt, was ich meine. Willkommen.«
5
Monika und Mikael hatten sich auf der Polizeischule kennengelernt, sie waren gern zusammen und hatten nach und nach und Schritt für Schritt eine Freundschaft aufgebaut. Sie hatten zusammen schießen gelernt, sie hatten zusammen trainiert, sie hatten sich gegenseitig über Strafrecht und Sicherung von Beweisen abgehört.
Die besten Freundschaften von Monika waren immer die mit Männern gewesen. Sie hatte Jungen und später Männer für zuverlässiger, loyaler und im allgemeinen für ungefährlicher gehalten als Mädchen und Frauen. Mikael, der mit zwei Schwestern aufgewachsen war, von denen eine nur elf Monate älter war, hatte leicht in dieses Muster gepaßt.
Monikas Mutter hatte Monikas Freunde mit Mißtrauen betrachtet. In ihrer Welt sollten Frauen schön und begehrenswert sein. Die Männer wiederum romantisch, stark und möglichst reich. Sie sollten willens sein, für die begehrte Frau gegen Drachen zu kämpfen.
Monikas Freunde paßten nicht in dieses Bild, aber andererseits war ja klar, daß Monika die physischen Voraussetzungen und das passende Gemüt dazu fehlten, diese Art Frau zu werden. Monika war eine weitere Enttäuschung im Leben ihrer Mutter gewesen, in einem Leben, das von fehlgeschlagenen Hoffnungen und zerstörten Träumen erfüllt war. Monika spürte noch immer die mißbilligenden Blicke ihrer Mutter, aber es kam immer seltener vor. Jetzt, als sie mit langen, geschmeidigen Schritten durch den immer lichter werdenden Nebel ging, hatte die Mißbilligung dem Gefühl weichen müssen, stark zu sein, an der richtigen Stelle zu stehen, Teil eines Ereignisses zu sein, das etwas bedeutete. Sie hatte ihren Bericht geschrieben, und nun folgte sie dem niedrigen schwarzen Gitter, das am Bürgersteig der Polhemsgatan entlangführte. Ein kleines Auto kroch vorbei, der Fahrer schaltete optimistisch zwischen Fern- und Abblendlicht hin und her, als ob er glaubte, im nächsten Moment klar sehen zu können.
Bei normalem Wetter wohnte Mikael nur wenige Gehminuten vom Polizeigebäude entfernt am Jaktvarvsplan, einer Straße, die so kurz ist, daß ihr Name nur auf den allergrößten Detailausschnittskarten steht. Ein kurzes Straßenende, das eine kleine ovale Grünfläche, in deren Mitte ein Kastanienbaum steht, umschließt. Für Monika war der Jaktvarvsplan das Bühnenbild eines modernen Theaters.
Die Wohnung gehörte Mikaels Großmutter, und Mikael war vor sieben Monaten hier eingezogen, als der letzte Versuch, die Großmutter mit Heimdienst, Nachtwachen und Alarmarmband zu Hause wohnen zu lassen, fehlgeschlagen war. Im Krankenhaus wollte sich niemand zur Zukunft äußern, es war durchaus möglich, daß noch einmal ein Versuch gemacht wurde, und deshalb hatte Mikael sich provisorisch einquartiert, wie ein zufälliger Gast, der keine Spuren hinterläßt. Er kümmerte sich um die Topfblumen seiner Großmutter und hatte nur einige ihrer empfindlichsten Ziergegenstände weggepackt. Wenn er sie an den Wochenenden besuchte – dabei wechselte er sich mit seinen Schwestern ab –, fragte sie immer nach den Begonien und den Fleißigen Lieschen, als ob sie nicht glaubte, daß ihm diese letzten lebenden Wesen, die sie in ihrer Obhut gehabt hatte, wirklich anvertraut werden könnten.
Und das war schon richtig so. Er goß die Blumen zwar nach ihren Anweisungen, aber die schienen sie zu vermissen; sie wuchsen weniger üppig als zuvor.
Monika hatte sich daran gewöhnt, daß Mikael in einer Wohnung lebte, die wenig zu ihm paßte. Mikaels hervorstechendste Eigenschaften waren seine Vitalität, seine Energie, seine Neugier. Mikael ließ sich Strähnen in sein mittelblondes Haar färben, trug noch als Erwachsener ein Jahr lang eine Zahnklammer. Mikael konnte zwischen größtem Glück und tiefster Verzweiflung hin- und herpendeln, schneller als irgend jemand sonst in Monikas Bekanntenkreis. Mikael war offen, reagierte auf alles, was sich um ihn herum bewegte. Monika hatte mehrere Jahre gebraucht, um zu glauben, daß er sich freute, wenn er sie sah. Jetzt kannte sie ihre Bedeutung in seinem Leben, sie staunte nicht mehr über die Wärme in seinem Lächeln, sein fast kindliches Entzücken, wenn sie kam. Fast unbewußt ließ sie sich auf die Wange küssen, hängte ihre Lederjacke neben den Persianerpelz der Großmutter, Größe 36, und setzte sich an den Küchentisch.
»Du siehst vor dir Monika Pedersen, Kriminalinspektorin, wenn auch nur stellvertretend und ohne offizielle Ernennung, aber immerhin. Ich sehe vor mir einen Menschen, der so tut, als sterbe er in einer kleinen, engen, übermöblierten Wohnung, der aber aussieht wie das blühende Leben. Hast du ein Taschensolarium, oder wie machst du das?«
»Wahre Schönheit kommt von innen, das weißt du doch. Du siehst auch ganz gut aus dafür, daß du fast rund um die Uhr gearbeitet hast, nur ein bißchen feucht.«
Mikael hatte wie immer den Tisch mit Sorgfalt gedeckt.
»Jetzt erzähl, und zwar das Wichtigste zuerst. Hast du interessante Leute kennengelernt, wo du nun endlich bei der Kripo bist?«
Sie machten immer Witze darüber, daß sie eines Tages über einen Wimsey, einen Alleyn oder einen Dalgliesh stolpern würde. Einen großen, eleganten und einsamen Mann, der Frauen nicht nach ihrem Körperbau und ihrem Makeup bewertete. Monika, die gern Krimiautorinnen las, wußte, daß sich alle Helden in die ernsten, netten und tatkräftigen Frauen verliebten. Die schönen, herausfordernden und berechnenden Frauen wurden als die oberflächlichen Glücksjägerinnen entlarvt, die sie auch waren. Obwohl Monika wußte, daß das eine Lüge war – in Wirklichkeit ziehen Männer schöne Frauen vor –, las sie eben gern Romane, in denen sie sich ausnahmsweise mit den Frauen identifizieren konnte, denen das Happy-End beschert wurde.
Auf Mikaels Frage schüttelte sie den Kopf.
»Keiner, soweit das Auge reicht. Aber niemand macht ja einen vorteilhaften Eindruck, wenn er gerade diese elende Grippe gehabt hat oder sie bekommt. Sie waren müde, blaß und völlig in Anspruch genommen von dieser Botschaftsgeschichte. Ich glaube, Madonna könnte nackt bei ihnen herumspazieren, ohne eine Reaktion hervorzurufen.«
»Warum ausgerechnet Madonna?«
»Mir ist keine andere Frau eingefallen.«
Mikael lachte, sagte aber nicht warum.
»Jetzt essen wir. Weil ich doch nicht wußte, daß du kommen würdest, habe ich nichts richtig Festliches, aber ich habe Mutterns Frikadellen aufgetaut . . .«
Monikas Mutter hatte niemals, soweit sie sich erinnern konnte, ihre Frikadellen selber hergestellt. Für Monika gehörte der Begriff »Mutterns Frikadellen« in dieselbe Kategorie wie »das edle Roß des Ritters«, »die Türme und Zinnen der Burg« oder »der riesige funkelnde Diamant«, Dinge, die in einer abstrakten Welt existierten, mit denen man im täglichen Leben jedoch kaum rechnete. Als sie Mikael kennenlernte, hatte sie entdeckt, daß Mutterns Frikadellen für ihn eine ebenso selbstverständliche physische Existenz hatten wie Buttermilch oder Knäckebrot. Sie waren groß, unregelmäßig und weich, und sie schmeckten wie ein ganz anderes Gericht als die kleinen, harten, leicht elastischen Frikadellen, an die Monika gewöhnt war. Außerdem waren sie grün gefleckt; Petersilie, wegen des Eisens, hatte Mikael erklärt, als ob es das Natürlichste auf der Welt sei, daß eine Mutter frische Petersilie ins Essen schneidet, damit es gesünder wird. Monika hielt die Frikadellen von Mikaels Mutter für eine der größten Delikatessen.
Bei Frikadellen und Bier erzählte Monika von den Ereignissen des Tages. Beide träumten vom Dienst bei der Kripo, wenn sie nicht mehr Streife fahren sollten.
»Verstehst du – plötzlich habe ich meine eigene Mordermittlung! Obwohl die Götter wissen mögen, was dabei herauskommt.«
»Mordermittlung! Ein Pedant würde das Voruntersuchung nennen, aber wie du weißt, bin ich keiner. Obwohl man ja nicht ganz sicher sein kann, daß der Dahingeschiedene wirklich einer fremden Hand zum Opfer gefallen ist. Hast du nicht gesagt, mit seinem Tod sei gerechnet worden und sein behandelnder Arzt sei bereit gewesen, den Totenschein auszustellen? Ich finde, dieser Amerikaner oder Japaner wirkt verdächtig. Meinst du nicht, daß er vielleicht alles erfunden hat, um seine Vorführung ein bißchen spannender zu machen? Es kommt mir komisch vor, durch die Gegend zu fahren und vor Publikum Leute aufzuschneiden, aber was weiß ich, vielleicht ist das ja auch eine Art Kunst.«
»Meinst du, daß Hayakawa vielleicht alles zusammengelogen hat? Daß er einen schnöden kleinen Suffkopp gesehen und obduziert hat, der einen schnöden Sufftod gestorben ist, und daß der Typ dann sagt, es sei ein unnatürlicher Tod gewesen, damit das Publikum für sein Geld mehr Spannung kriegt?«
»Sie haben doch nicht bezahlt, der Vergleich hinkt also, aber ich finde diese Idee plausibel. Mach nicht so ein trauriges Gesicht, du wirst doch das Vergnügen haben, den Bluff zu entlarven!«
»Aber dieser Professor, Ekdal, der hätte doch gemerkt, wenn der Japaner zu weit gegangen wäre!«
»Der ist sicher höflich. Und außerdem konnte er nur gewinnen, wenn er gute Miene zum Spiel machte. Das übrige Publikum wußte sicher nicht genug, um sich eine Meinung zu bilden.«
»Denkbar ist das schon, aber wenn das so wäre, dann hätte er uns doch sicher nicht angerufen, nachdem der Typ weg war. Nein, sie müssen genügend überzeugt davon sein, daß etwas nicht stimmt, um uns einzuschalten. Das einfachste für sie wäre doch, auf alles zu pfeifen, obwohl das vielleicht wegen des Publikums nicht ging. Irgendwer könnte sich ja erkundigen, was nun wirklich passiert ist, und das wäre für die Pathologen dann peinlich gewesen.«
»Merkst du, daß das, was du sagst, meine Auffassung unterstützt, daß sie anrufen mußten, nachdem der Verdacht erst einmal vor einem großen Publikum geäußert worden war, und daß es jetzt deine Sache ist, das Ganze als Bluff zu entlarven? Geiler Job.«
»Wenn es so einfach wäre, dann wäre schon irgendwer darauf gekommen. Du vergißt übrigens, daß sich auch der Gerichtsmediziner die Leiche angesehen hat. Er fand diesen Todesfall auch seltsam, und wenn die Ansicht der Gerichtsmedizin für dich keinen Wert hat, dann weiß ich auch nicht, was du willst.«
Monika war genervt.
»Wunderbar, ich wollte nur überprüfen, ob die Maschinerie hier oben«, er zeigte auf ihren Kopf, »in Gang ist, und das scheint ja der Fall zu sein. Hier stimmt etwas nicht, und Monika Pedersen, das aufsteigende Genie der Kripo, wird den Fall übernehmen. Sie wird die Frage des unerklärlichen Motivs lösen – die üblichen Motive, Liebe oder Geld, scheinen wenig aktuell zu sein, aber was weiß ich, ich kann mich irren. Sie wird herausfinden, wann, wie und wo. Alles in Zusammenarbeit mit ihrem verletzten, aber brillanten Kollegen, mit mir.«
»Das hört sich ausgezeichnet an. Du kannst mein Watson sein. Watson wegen der Invalidität.«
»Du scheinst zu vergessen, daß ich das Bein gebrochen habe, nicht das Gehirn. Ich weigere mich, Watson zu spielen.«
»Dann bist du eben Nero Wolfe. Weil er so fett war, konnte er das Haus nicht verlassen, und das läßt sich wohl mit deinem Bein vergleichen. Obwohl das ja umgekehrt war – Nero schickte Archie durch die Gegend, und Archie verstand nur Bahnhof, bis Nero am Ende alles erklärte. Ich will nicht Archie sein – das hier ist schließlich meine Ermittlung, und wir sind außerdem keine Amateure. Du mußt dich schon nach mir richten, sonst erzähle ich dir überhaupt nichts.«
»Meinst du, ich soll mich in deine Gewalt begeben? Daß ich nicht lache. Du hast doch keinen einzigen Menschen, mit dem du über das reden kannst, was passiert, aber ohne das kannst du nicht arbeiten. Also bist du in meiner Gewalt.« Er warf einen Apfel in Monikas Richtung. »Gib’s zu!«
Monika fing den Apfel auf und schleuderte ihn zurück.
»Was tut man nicht alles, um kranke Freunde aufzumuntern. Warum hast du übrigens kein Videogerät, dann könnten wir uns jetzt die Kassette ansehen.«
»Die Kassette?«
»Sie haben die Obduktion gefilmt, ich wollte sie mir morgen ansehen.«
Mikael war schon unterwegs zur Wohnungstür. Er bewegte sich trotz des Gipsverbandes überraschend leicht, und Monika hörte durch die geöffnete Wohnungstür, daß er bei den Nachbarn anklopfte. Einige Minuten später erschien ein muskulöser junger Mann mit langen schwarzen Locken mit einem Videogerät, das er an Mikaels gemieteten Fernseher anschloß.
»Das ist Seppo, er wohnt nebenan. Wir haben ein Tauschsystem. Er leiht meinen Korkenzieher, ich sein Video«, erklärte Mikael. »Seppo, das ist Monika, eine Kollegin.«
Monika und Seppo nickten einander mit gegenseitigem Mißtrauen zu.
»Danke, Seppo.«
Mikael fertigte ihn kurz mit einem freundlichen, fast nachsichtigen Gesichtsausdruck ab, der Monika sehr fremd vorkam. Seppo gehorchte sofort und verschwand winkend und mit einladendem Lächeln.
Das Video war eine Enttäuschung.
Fast alles war unscharf, und da sich die Kamera nur selten bewegte, war Hayakawa nur in den wenigen Fällen zu sehen, da er sich auf der Höhe des Oberschenkels der Leiche befand. Monika stellte fest, daß sie mehr mitbekam, wenn sie die Augen schloß, da die Klangqualität akzeptabel und trotz der sehr schlechten Akustik, die jedes Kratzen und jedes Geräusch von Metall auf Metall verstärkte, fast alles, was gesagt wurde, zu hören war.
Als sie sich die Kassette angehört hatten, wandte Mikael Monika ein ernstes Gesicht zu. So, dachte sie, wird er in zehn Jahren aussehen. Erwachsen, ohne Glanz, ohne den tarnenden Firnis von Charme und Sexualität.
»Du hast recht, du stehst offenbar wirklich vor einem messerscharfen Fall – nein, so war das nicht gemeint, ich schwöre, das war ganz unabsichtlich, vor einem schweren Fall, meine ich. Ich verspreche, dir so gut ich kann zu helfen, aber das setzt natürlich voraus, daß du mich auf dem laufenden hältst. Was hast du zum Beispiel jetzt vor?«
»Nach Hause gehen und schlafen. Danach müssen wir die Dinge wohl nehmen, wie sie kommen. Morgen werde ich jedenfalls zuerst versuchen herauszufinden, wie er gestorben ist, das Ganze hört sich ja ziemlich wirr an, jedenfalls für mich. Alles unter der Voraussetzung natürlich, daß Kommissar Ek meint, mir die Ermittlung anvertrauen zu können, worauf ich allerdings nicht mal einen Zehner wetten würde. Aber egal, ich habe vor, wenn ich den Auftrag bekomme, zuerst zur Psychiatrie zu gehen, wo Gösta Persson gestorben ist, und dann zur Chirurgie, wo er zuletzt behandelt wurde. Danach werde ich versuchen, mit seinen Angehörigen zu sprechen, er hat wohl nur eine Schwester. Und wenn möglich, möchte ich gern seine Wohnung sehen.«
Monika starrte Mikael an, als ob sie ihn auffordern wollte, etwas anderes vorzuschlagen, aber er nickte nur und sagte, das höre sich gut an, sie sei am nächsten Abend zu einem ebenso köstlichen Essen willkommen, und er hoffe, alles werde klappen. Er war sicher, daß sie die weiteren Ermittlungen gut durchführen werde und daß Ek blind sei, wenn er das nicht einsehe. Sie umarmten sich, als sie ging, zum erstenmal an diesem Tag.
Sie brauchte Milch und machte einen Umweg, um ein noch spät geöffnetes Geschäft an der Ecke Hantverkargatan und Scheelegatan zu erreichen, aber der Laden war, das teilte ein von innen an die Tür geklebter handgeschriebener Zettel mit, wegen Krankheit geschlossen. In der U-Bahn-Station gab es noch einen geöffneten Kiosk, aber dem war die Milch ausgegangen. Der Verkäufer oder Kioskbesitzer, was er vermutlich war, da er einige Extrastunden geöffnet hielt, erklärte, daß die Molkerei wegen der Grippe so gut wie funktionsunfähig sei und daß sie deshalb in den nächsten Tagen keine Milch mehr liefern könne. Monika war geschockt, wie wenig dazu gehörte, die Lebensmittelversorgung zu unterbrechen, und fragte sich, ob als nächstes wohl das Brot ausgehen würde. Würden sie dann von den Konserven leben müssen, die noch in den Regalen standen? Und wenn auch die aufgebraucht waren?
Und sie fragte sich, wie sie ihren Morgenkaffee ohne Milch trinken sollte.
6
Am nächsten Morgen verschlief Monika, und deshalb war das Frühstücksproblem nicht aktuell. Sie erwachte mit einem Gefühl des Unbehagens, feuchte Luft drang durch ihr einen Spaltbreit geöffnetes Schlafzimmerfenster, deshalb kam ihr das Zimmer rauh und kalt vor, und sie krümmte sich unter der Decke zusammen. Sie versuchte, im schwachen Licht den Wecker zu sehen, aber sie konnte die Zeiger nicht erkennen, sie sahen nicht so aus wie sonst. Sie fuhr zusammen, als ihr der Grund aufging: Sie hatte eine Stunde länger geschlafen als sonst. Da sie nicht noch einmal zu spät kommen wollte, zog sie schnell dieselben Kleider an wie am Vortag, putzte sich die Zähne, griff nach der Zeitung und lief zur U-Bahn-Station. Es war weniger neblig, aber dafür nieselte es.
Die Morgenzeitung war dünner als sonst, und sie zeigte auf der ersten Seite ein ungeheuer undeutliches Bild der britischen Botschaft. Eine Karikatur zeigte zwei Diebe, die auf ihrem Diebesgut saßen. Der Text lautete: Die schlechte Nachricht ist, daß die Polizei uns auf der Spur ist. Die gute: Es ist die schwedische Polizei. Monika ärgerte sich darüber, auch wenn die Journalisten sie nicht persönlich anklagten. Das Verhältnis von Medien und Polizei war sehr getrübt. Damit war sie aufgewachsen. Lange Artikel, wenn der Polizei irgendeine Regelwidrigkeit vorgeworfen wurde, während ihr Vater und seine Kollegen sich selten oder nie über positive Publizität hatten freuen können. Als Teenager hatte sie ihn nach dem Grund gefragt, und er hatte müde geantwortet: »Die haben wohl kein Vertrauen zu uns.«
Das hatte sie damals geschockt, und es empörte sie noch immer. Sie fühlte sich ungerecht behandelt und war schlechter Laune, als sie das Polizeigebäude erreichte.
Die Sicherheitsbeamten grüßten sie wie eine alte Bekannte, was sie gleich in bessere Stimmung versetzte. Sie lief die Treppe hinauf und war sich dessen bewußt, daß sie in diesem Moment, an diesem Tag hierhergehörte. Niemand brauchte angerufen zu werden, um sie abzuholen, sie war bekannt, sie kannte den Türcode, sie gehörte zur Organisation. Sie kam sich gleich viel größer vor.
Sie war eine Viertelstunde zu spät. Der Korridor war leer, und kein Geräusch wies darauf hin, daß hier Menschen arbeiteten oder auch nur anwesend waren.
Als sie sich in ihrem Zimmer niedergelassen hatte, trat kurze Zeit später ein Kollege ein, der ihr schon wegen seiner Größe aufgefallen wäre.
»Hallo, wir kennen uns wohl noch nicht. Ich bin Jens Andersson, seit undenklichen Zeiten hier als Kriminalinspektor. Kommissar Ek liegt mit fast 41 Grad Fieber zu Hause, und ich soll ihn für die nächsten Tage vertreten. Im Moment versuche ich herauszufinden, welche Kapazitäten wir haben und was zu tun ist. Wie Sie sicher gemerkt haben, ist alle Routine zusammengebrochen, aber der Bezirkspolizeichef glaubt, daß wir zurechtkommen, ohne den Katastrophenplan anzuwenden.« Er machte den Eindruck, eine unmäßig schwere Last auf seinen ohnehin schon beladenen schmalen Schultern zu tragen. »Können Sie mir kurz erzählen, was Sie machen?«
Das tat sie, und Jens überlegte. Monika nahm an, daß er mit dem Gedanken spielte, sie in die Botschaftsgruppe zu übernehmen, aber dann schüttelte er den Kopf.
»Machen Sie, was Sie wollen, machen Sie weiter mit dieser Voruntersuchung, oder lassen Sie sie ruhen und arbeiten mit Hans’ Fällen weiter. Das Problem mit der Voruntersuchung ist, daß Sie keine nennenswerte Hilfe zu erwarten haben, ehe wir das Geiseldrama beendet haben, beziehungsweise ehe die Leute wieder gesund sind.«
Monika antwortete, ihr komme es sinnvoller vor, die Ermittlungen über Gösta Perssons Tod weiterzuführen, unter anderem, weil keiner von Hans’ Fällen brandeilig wirke. Monika sagte nichts über ihren Kontakt zu Allan Larsson, der sollte ihre Trumpfkarte sein, die sie im Notfall ziehen könnte, wenn Jens zum Beispiel sagte, sie müsse warten, bis sich jemand von der Technik an der Untersuchung beteiligen könne; es war eine Trumpfkarte, die sie am liebsten aufbewahrte.
Jens blickte an ihr vorbei, als sei seine Aufmerksamkeit bereits zu wichtigeren Fragen weitergewandert, und er machte Anstalten, das Gespräch zu beenden.
»Halten Sie mich auf dem laufenden«, rief er über seine Schulter, als ob ihm das jetzt erst eingefallen sei.
»Aber sicher«, antwortete Monika, die sich plötzlich ein Lachen nicht verkneifen konnte. Er schloß die Tür. Sie freute sich hemmungslos! Ihr eigener Fall, nur ihrer! Sie würde trotz allem diese Voruntersuchung durchziehen, vom ersten Gespräch an und so weit, wie sie nur gelangen konnte. Sie würde selber, zwar sicher viel zuviel selber, aber immerhin unter eigener Regie, ihren Plan aufstellen und versuchen, das Rätsel des kleinen Mannes zu lösen, der auf dem Obduktionstisch so seltsam zufrieden ausgesehen hatte. Sie würde erfahren, wer er war, wie er gestorben war, und sie würde versuchen herauszufinden, wie es zu dem Todesfall gekommen war und ob noch weitere Personen darin verwickelt waren. Das alles hörte sich eher wie ein Kriminalroman an als wie eine Routineangelegenheit.
Sie war froh, daß sie nicht in die Botschaftsgruppe versetzt worden war. Allem Anschein nach erinnerte deren Arbeit eher an einen amerikanischen Unterhaltungsthriller, ein literarisches Genre, das sie nie angesprochen hatte.
Sie dachte an ihren Plan, den sie für Mikael skizziert hatte. Es kam ihr natürlich vor, mit der psychiatrischen Ambulanz anzufangen, da Gösta Persson offenbar dort gestorben war, eine an sich schon überraschende Tatsache. Sie wollte herausfinden, von eventuellen Augenzeugen erfahren, wie der Tod eingetreten war. Danach die Station aufzusuchen, wo er behandelt worden war, wirkte logisch. Dort war er bekannt, sie hatten mit ihm geredet, sie kannten seine Krankengeschichte und mußten wissen, ob er mit dem Gedanken an Selbstmord gespielt hatte. Sie mußte auch mit seinen Angehörigen sprechen und sich seine Wohnung ansehen. Und das wäre für einen Tag wohl genug. Das meiste würde sie selber erledigen können, abgesehen von der Wohnungsbesichtigung, zu der sie Hilfe von der Technik, genauer gesagt, von Allan Larsson, benötigen würde. Sie würde sich nach seinem Zeitplan richten müssen, und deshalb wählte sie als erstes seine Nummer. Sie wartete nervös, während es einmal, dann noch einmal klingelte, dann hörte sie seine bereits vertraute Stimme:
»Allan Larsson.«
»Hallo, hier ist Monika Pedersen.« Sie wußte, daß sie sich nicht ausführlicher vorzustellen brauchte. »Wie geht’s? Und wie ist es gegangen?«
»Mir geht es glücklicherweise gut. Und wenn du wissen möchtest, was bei der Gerichtsmedizin passiert ist, dann kann ich nicht behaupten, besondere Entdeckungen gemacht zu haben, aber ich habe mir zusammen mit Derek Cramer das Video angesehen und Fingerabdrücke genommen. Cramer hat eine Unmenge von Proben gemacht. Du bekommst eine Kopie des Berichtes, sowie er fertig ist, das ist wirklich ein kniffliger Fall. Wenn du noch wissen möchtest, wie die Bildanalyse gelaufen ist, dann sage ich dir, sie war ein Reinfall – wer zum Teufel soll Waffen analysieren, die auf dem Foto genausogut Lakritz oder Rosinen sein könnten?«
»Ich wüßte gern, ob du mit zu seiner Wohnung kommen kannst. Sie liegt im Atterbomsvägen, hier in Kungsholmen, weit ist es also nicht.«
»Natürlich komme ich mit. Jetzt haben sie mir gerade ein paar Kugeln gebracht, die ich mir sofort ansehen soll, hat es wohl bis gegen vier Uhr Zeit?«
»Vier paßt mir sehr gut, er wohnt Nr. 79, wir sehen uns da!«
»Das wird interessant, ich glaube fast, daß der Typ auf dem Video recht hatte, aber ich frage mich, ob wir wirklich sicher sein können, daß die Magenblutungen die Todesursache waren, das Gewebe war doch durchsetzt mit argen Blutungen, und ich würde die Schlägereitheorie durchaus nicht verwerfen. Wir werden ja sehen, was wir in seiner Wohnung finden, vorausgesetzt natürlich, eine eventuelle Schlägerei hat dort stattgefunden.«
»Danke. Übrigens, wie siehst du aus, damit ich nicht den Falschen hereinlasse?«
»Rote Haare, breite Schultern und Dienstausweis.«
»Klingt gut. Nochmals vielen Dank. Bis nachher.«
Laut Krankenbericht war Göstas nächste Angehörige seine Schwester, Greta Persson. Sie war neben Allan die einzige, mit der Monika einen Termin absprechen zu müssen glaubte. Das war jedoch kein Problem, Greta Persson wirkte ruhig und etwas überrascht über den Anruf, war aber gern bereit, Monika um zwei Uhr zu empfangen.
Monika ging ins Büro und suchte nach einem kleinen Tonbandgerät. Sie sah in der Fahrzeugliste nach, ob ihr irgendein Wagen zur Verfügung stand, aber alle waren von der Botschaftsgruppe mit Beschlag belegt, und deshalb beschloß sie, zu Fuß ins Krankenhaus zu gehen. Es war zwar naßkalt, aber das war ihr lieber als das Gedränge in der U-Bahn.
Pulsuz fraqment bitdi.