Kitabı oxu: «Lass das Land erzählen»

Şrift:

ASSAF ZEEVI

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7517-3 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-6075-9 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

4. Auflage 2022

© 2021 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen.

Weiter wurden verwendet:

NeÜ bibel.heute © 2001-2012 Karl-Heinz Vanheiden, www.kh-vanheiden.de.

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Rahel Dyck

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.com

Titelbild: © Shutterstock: Orlov Sergei, Evgeny Subbotsky

Autorenfoto: © Assaf Zeevi

Satz: Kathrin Spiegelberg, www.spika-design.de

Inhalt

Über den Autor

Vorwort

LERNE DAS LAND KENNEN

Was ist überhaupt Israel?

Durchgangsland

Natur und Mensch im Überblick

Viele Wege führen nach Jerusalem

EINE REISE DURCH DIE BIBEL

Auf den Spuren Abrahams, Isaaks und Jakobs

Wer waren die Kanaaniter?

EXKURS: Zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum

Auf den Spuren von Mose: Die Wüstenwanderung unter der Lupe

EXKURS: Die Bundesgebote und die Völker

Milch, Honig und Festungen – die Landnahme

Kein König in Israel: Richterzeit

Sauls Aufstieg

EXKURS: Philister

David war nicht der zweite König Israels

EXKURS: Das Davidische Reich

Aus einem Reich werden zwei

EXKURS: Prophetie

Das Leben geht doch weiter: Rückkehr nach Zion

Die Makkabäer – Unabhängigkeit und Streit

Jesus wurde in Herodes’ Königreich geboren

EXKURS: Jesus war im Rabbinertum verwurzelt

Jesu letzte Woche auf Erden

Bis zum Wochenfest

GEGENWART UND ZUKUNFT

Wir werden es noch sehen

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist

Danksagung

Endnoten

Bildnachweis

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Über den Autor


ASSAF ZEEVI (Jg. 1982) ist in Israel geboren und aufgewachsen. Seine Kenntnisse über die Natur, das Judentum und die Bibel machen ihn zu einem der gefragtesten Israel-Reiseleiter im deutschsprachigen Raum. Heute lebt er am Bodensee.


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Vorwort

Berühmt. Von keinem anderen Land kennen Menschen in aller Welt so viele Namen von Orten, Bergen, Bächen, Tälern und selbst Straßen wie von Israel. Spätestens im Alter von fünf Jahren wird so gut wie jedes Kind des Abendlandes die Ortsnamen Nazareth, Bethlehem und Jerusalem gehört haben. Mit 10 Jahren können die meisten mit dem See Genezareth etwas anfangen, mit 15 vielleicht auch mit dem Ölberg und dem Garten Gethsemane. Die Namen der Regionen Galiläa, Samarien und Judäa gehören zur Allgemeinbildung in den christlich geprägten Kulturen, wenn auch nicht jeder sie genau einordnen kann. Dabei gibt es nicht viele Länder dieser Größe, die überhaupt Beachtung finden. Warum ist das so? Die Erklärung ist einfach: Die Bibel hat das Land berühmt gemacht. Das Stückchen Land am südöstlichen Mittelmeer ist durch eine ganz besondere Verheißung zum Hauptschauplatz biblischer Geschichte geworden.

Soweit nichts Neues, für manche sogar selbstverständlich. Trotzdem möchte ich mit diesem Buch Neues erzählen, weil Israel viel mehr ist als eine Kulisse. Das Land ist Teil der biblischen Handlung. Dieses Buch wird dir neue Dimensionen eröffnen, die du bisher noch nicht kanntest. Mithilfe von Natur und Landschaft, Sprache, Kultur und Archäologie werden wir das Land besser verstehen lernen. Denn wer das Land der Bibel versteht, versteht auch die Bibel selbst besser.

Bei jeder Bibel, die du in deiner Sprache lesen kannst, handelt es sich um eine Übersetzung. Jeder, der schon mal etwas übersetzt hat, weiß, dass zur Übersetzung immer auch eine Prise Interpretation gehört. Würden wir jedes einzelne Wort direkt übersetzen, käme dabei kein zusammenhängender Text heraus. Ein Übersetzer muss nicht nur den Wortschatz beherrschen, sondern auch die Welt des Verfassers und des Lesers kennen. Manche unglückliche Übersetzung einer Bibelstelle kann unwichtig sein. Andere aber sind kritisch und sogar schädlich – solche werden wir korrigieren. Oft werden uns rabbinische Schriften helfen, eine aus der Bibel bekannte Diskussion in den damaligen Kontext zu stellen. Auch handfeste Beweise wie archäologische Funde werden uns dabei unterstützen, die Bibel besser zu verstehen. Sehr häufig werden uns solche Funde die Genauigkeit des biblischen Berichts bestätigen und diesen ergänzen. Was im Regelfall ein paar Worte eines Bibelverses sparsam beschreiben, wird so auf einmal ganz konkret, echt, glaubwürdig.

Wie oft hörte ich im Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin: »Die Bibel ist kein Geschichtsbuch.« Dahinter steckt die Annahme, die als historisch dargestellten Geschehnisse in der Bibel seien Mythen. Mit »Mythen« sind in diesem Fall »Märchen« und »Unsinn« gemeint. Wer diese Einstellung vertritt, sagt: Die Israeliten waren nicht in Ägypten. Eine Wüstenwanderung gab es nicht, auch nicht die Landnahme. Das Davidische Reich war eine lokale Stammeserscheinung. Die Königreiche Israel und Juda sind zwar nicht ganz erfunden, aber übertrieben dargestellt. Viele biblische Einzelpersonen sind erfundene literarische Figuren, zumindest solange man sie nicht außerbiblisch nachweisen kann. Mir sagte mal ein katholischer Pfarrer vor seiner Kölner Gemeinde, man könne den Jerusalemer Tempel archäologisch nicht nachweisen. Aus Höflichkeit habe ich ihn nicht gefragt, ob er damit auch sagen möchte, dass die Besuche Jesu in diesem nicht nachgewiesenen Tempel ebenfalls nicht nachzuweisen seien und vielleicht sogar Jesus nur eine literarische Fiktion sei.

Hinter solchen Aussagen kann manchmal auch eine gewisse politische Motivation stecken. Denn wenn die Historizität der Bibel abgetan wird, wird auch Israels Entstehung als Nation zum Märchen erklärt. Viele Menschen hält ihr rationales Denken davon ab, an die Bibel und damit an die besondere Bedeutung Israels zu glauben: Jedes Volk erzählt einen Mythos über seine Entstehung, der Mythos der Juden ist eben die Bibel. Doch wenn man die Historizität der Bibel zum Märchen deklariert, dann hält man auch ihre Botschaft für unglaubwürdig. Wenn sowieso alles erfunden ist, was hat die Bibel dann für einen Wert?

Die Wahrheit der Bibel ist in ihrem Land verwurzelt, so wie ein Baum in der Erde. Wer Israel zu Fuß erlebt und den Forschungsstand kennt, sieht klar und deutlich, wie gut die Verfasser von großen Teilen der Bibel das Land kannten – jeden Berg, jeden Hügel, jede Schlucht, jede Straße und jedes Dorf.

Wer die biblischen Geschichten verstehen will, muss das Land verstehen lernen. Am besten geht das vor Ort. Deswegen werden wir in diesem Buch gemeinsam eine »gedankliche Reise« nach Israel machen, die uns dabei hilft, in das Land einzutauchen. Und solltest du doch einmal deinen Koffer packen und eine richtige Reise in Angriff nehmen, kann dir dieses Buch als Vor- oder Nachbereitung dienen, denn selbst wenn man im Land ist, braucht man Hilfe, um seinen Blick zu schärfen.

Bei unserer Reise hangeln wir uns chronologisch an den Ereignissen der Bibel entlang. Zunächst reisen wir 3 800 Jahre in die Vergangenheit, in das Zeitalter der Erzväter. Dann ziehen wir mit Mose durch die Wüste. Über Josuas Eroberungen wird uns das Land selbst erzählen. Wir werden in Geschichten aus der Richterzeit eintauchen, bevor wir in die ruhmreiche Zeit der Könige kommen. Unsere letzte Epoche wird die des Zweiten Tempels sein, an deren Ende Jesus wirkte. Zum Schluss werden wir unseren Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft richten.

Wieso schreibe ich dieses Buch? Weil ich hoffe, dass andere davon profitieren können. Meine Biografie erklärt einiges. Ich bin mit diesem Land seit meinem ersten Atemzug verbunden. Israel ist meine Heimat. Ich wurde in eine israelisch-jüdische Familie geboren. Der jüdische Jahreskreis war für mich ab dem Kindergarten selbstverständliche Praxis. Hebräisch ist meine Muttersprache.

Die erste Wanderung, die ich bewusst miterlebt habe, war in En-Gedi. Ich war drei Jahre alt und hörte zusammen mit meinen beiden achtjährigen Schwestern meinem Vater zu, wie er uns eine Geschichte erzählte, die sich an diesem Ort zugetragen hatte – wie David hier auf Toilette musste, in eine Höhle ging und Sauls Mantel abschnitt (1. Samuel 24) – und war bezaubert. Die Schönheit dieser tropischen Oase mit den vielen Wasserfällen hat mich so begeistert, dass ich mich geweigert habe, in der Kindertrage auf dem Rücken meines Vaters geschleppt zu werden. Ich wollte selbst laufen. Die Hitze war furchtbar, als wir die Felsenstufen zur Quelle hinabstiegen. Damals war das Geländer aus Eisen und wurde in der Sonne so heiß, dass man es nicht anfassen konnte. Immer wieder fragten mich meine Eltern, ob ich doch nicht wieder in die Trage wolle. An einer besonders steilen Stelle teilte ich meiner Mutter mit: »Mama, wenn ich groß bin, werde ich hier leben.« »Wo hier?«, fragte sie. »In En-Gedi«, gab ich die klare Antwort. »Aber das ist ein Naturreservat«, erklärte sie, »Hier darf man nicht leben. Nur Tiere dürfen das.« Ich dachte einen Moment nach und fasste einen Plan: »Dann werde ich mich hier verstecken.« »Und was wirst du essen?«, hakte sie nach. »Fische. Und trinken kann ich gleich aus den Wasserfällen. Und schlafen kann ich überall. Kleider braucht man in dieser Hitze gar keine. Vielleicht nur eine Unterhose«, antwortete ich überzeugt. Doch die Antwort meiner Mutter war eine bittere Enttäuschung. Sie sagte, es gebe im Reservat Mitarbeiter, die spätestens um 17 Uhr alle Besucher wegschicken. Sie würden mich schnell finden. Ich gab den ersten Plan auf, hatte aber gleich den nächsten: »Ich werde Reservatmitarbeiter.« »Das könnte funktionieren«, lenkte meine Mutter ein. Das machte mir ein wenig Hoffnung. Jahrelang blieb ich diesem Plan treu. Doch im Lauf der Zeit fiel mir auf, wie viele schöne Plätze es überall im Land gibt. Mit 14 kam mir dann die Idee, wie ich möglichst viele dieser Orte besuchen kann: »Ich werde Reiseleiter«. Außerdem hat mich ein Wanderreiseleiter auf einem mehrtägigen Schulausflug durch die Wüste Negev mit seinem Verständnis der Landschaft derart beeindruckt, dass er mir zum Vorbild wurde. Und so bin ich ein lizenzierter Reiseleiter geworden. Vorher habe ich in Deutschland Landschaftsarchitektur studiert, um den Erwartungen meiner Eltern gerecht zu werden. Darauf folgte die Reiseleiterausbildung an der Jerusalemer Zweigstelle der Universität Haifa in den Jahren 2006–2008. Unter den Dozenten und bei späteren Fortbildungen habe ich einige der wichtigsten Akteure in der Forschung kennengelernt, deren Wissen in dieses Buch miteinfließt. Seitdem habe ich mehr als 200 Gruppen durch das Land geführt und gelernt, welche Kenntnisse und Vorstellungen Reisende mitbringen. Meine Ehe mit einer deutschen Frau, unser Leben am Bodensee und meine Tätigkeit für den schweizerischen Reiseveranstalter Surprise Kultour AG mit dem Spezialgebiet biblische und christliche Reisen haben mir gezeigt, aus welchem Blickwinkel Menschen aus dem deutschsprachigen Kulturkreis auf die Bibel und ihr Land schauen. Mit diesen Voraussetzungen wage ich es, dieses Buch zu schreiben und dich auf eine Reise ins Land der Bibel mitzunehmen.

Judäische Wüste, Frühjahr 2020


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Was ist überhaupt Israel?

Israel ist ein schwammiger Begriff. Heutzutage meint man damit meistens den Staat, den es seit 1948 gibt. Israel ist aber auch ein Volk, eines der ältesten der Welt. Dieses Volk lebte bereits in einem eigenen Königreich auf dem Gebiet des heutigen Staates Israel. Wichtige Kapitel der Geschichte Israels und seines Landes sind in der Bibel verewigt, aber seine früheste schriftliche Erwähnung finden wir in einer außerbiblischen Quelle. Ein gewisser Pharao Merenptah präsentierte seinen Sieg über Israel im 13. Jh. v. Chr. Er war so stolz auf Israels Vernichtung, dass er sie auf einer Granittafel festhalten ließ.

Die heutige Fläche des Staates Israel ist so groß wie die Hälfte der Schweiz, das deutsche Bundesland Hessen oder Niederösterreich. Judäa, Samarien und die Golanhöhen sind in dieser Rechnung nicht enthalten und machen zusammen noch einmal 30 Prozent der Gesamtfläche aus. Im Laufe der Jahrtausende blieben die Landesgrenzen recht konstant. Im Westen war und ist das Mittelmeer. Im Norden erreichten sie meistens Galiläas höhere Lagen unweit der heutigen libanesischen Grenze. Im Osten war es eine Frage der Stärke. War Israel stark, kontrollierte es auch Gebiete östlich des Jordan. War es schwächer, bildete meistens der Jordan die Grenze. Die Geschichte der Südgrenze hat viel mit den klimatischen Bedingungen dort zu tun. Das Dreieck zwischen dem Mittel-, dem Toten und dem Roten Meer war immer eine fast menschenleere Wüste. Die Herrscher interessierten sich wenig für diese karge Landschaft. An der Südspitze dieser Wüste liegt das Rote Meer, das für Handelszwecke interessant sein kann. In Zeiten der Stärke unterhielt Jerusalem dort einen Hafen. Dafür musste es das gesamte Gebiet bis zum Roten Meer kontrollieren. So war es unter König Salomo und ist seit 1949 wieder der Fall.

Die besondere Geschichte dieses kleinen Landes begann mit Abraham. Ausgerechnet an diesen Ort schickte ihn Gott. Abrahams Nachkommen sollten dieses Land bewohnen. Gott hatte mit ihnen zugunsten der gesamten Menschheit einiges vor. Er gab ihnen seinen Segen, seinen besonderen Schutz und zahlreiche Zeichen, aber auch Ge- und Verbote. Vor allem diese sorgten für die Andersartigkeit Israels im Vergleich zu vielen anderen Völkern der Antike. In dieser Kultur entwickelte sich eine eigenartige Denkweise, eine eigene geistliche Welt – die Welt, in der auch Jesus wirkte. Israel ist ein Land, ein Volk und ein Geist. Ein Geflecht. Manchmal ist unklar, wo die Grenzen zwischen Land, Volk und Geist verlaufen. Oft sind sie in ihrer Wechselbeziehung untrennbar.

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Durchgangsland

Der Mönch Bargil Pixner lebte 33 Jahre in Israel und schrieb in seinem Buch: »Fünf Evangelien schildern das Leben Jesu; vier findest du in Büchern – eines in der Landschaft. Liest du dieses fünfte, eröffnet sich dir die Welt der vier.« 1 Das gilt für die gesamte Bibel. Die Landschaften der Bibel sind ein Teil von ihr. Wenn du sie verstehst, erklären sie dir vieles aus der biblischen Erzählung.

Ein Geheimnis des Landes verraten die Zugvögel. Wer in Westeuropa lebt, denkt intuitiv, die Zugvogelroute nach Afrika führe über Italien oder Gibraltar, aber die große Zugvogelmasse lebt viel weiter östlich, von Skandinavien bis Sibirien. Auf dem Weg nach Afrika umfliegen sie das Mittelmeer, aber auch die großen Wüsten in Asien. Trichterförmig treffen sich ihre Routen über Israel. Das kleine Land ist ein Flaschenhals zwischen Wüste und Meer. Weil weiter südlich das Rote Meer liegt, ist Israel auch die einzige Landbrücke zwischen den drei Kontinenten. Deshalb verläuft die weltweit dichteste Zugvogelstraße über Israel, mit 500 Millionen Zugvögeln zweimal im Jahr.

Bis zur Erfindung des Flugzeugs war diese Landbrücke für Menschen genauso relevant. Nehmen wir gleich ein Beispiel aus der Bibel: Abraham. Abraham stammt aus Ur in Chaldäa im heutigen Irak, 250 km vom Euphrat-Delta entfernt. Von dort geht er ins heutige Israel, damals Kanaan. Genau wie die Zugvögel macht auch Abraham einen Umweg von 1 000 km um die Wüste herum.

Weshalb wird Abraham ausgerechnet in das kleine Land Kanaan geschickt? Als Randgebiet zwischen den Hochzivilisationen im Zweistromland und am Nil war Kanaan nicht wirklich bedeutend. Und gerade dort soll ein Neuanfang gestartet und der Glaube an den einen Gott verkündet werden? Eine wichtige Botschaft an die gesamte Menschheit würden wir heute im Internet verbreiten, damit sie selbst die Menschen in den modernen Metropolen New York oder London erreicht. Das New York von damals lag am Nil, das damalige London am Euphrat. Kanaan war nur ein Gebiet dazwischen, das man durchqueren musste. Ach ja, da gab es noch ein Problem: Es zogen nicht nur Privatpersonen durch Kanaan, sondern auch Armeen. Warst du ein sumerischer König und wolltest Ägypten erobern, musstest du durch Kanaan. Warst du ein Pharao und wolltest Griechenland mit mehr als nur Kriegsschiffen angreifen, musstest du durch Kanaan. Warst du ein Römer und wolltest Nordafrika einnehmen, musstest du zwangsläufig erst Kanaan einnehmen. Wer in Kanaan saß, konnte Europa von Asien und Afrika abtrennen. Es war die A1 der antiken Welt, ohne Umleitungsalternativen. Dieses Fleckchen Er-de hat seine Besitzer so häufig gewechselt wie kaum ein anderes der Welt.

Aber genau da liegt die Erklärung für Abrahams Aussendung: Kanaan war das Durchgangsland schlechthin. Auch in friedlichen Zeiten verlor es nicht an Bedeutung, weil die interkontinentale Straße gut besucht blieb. Du kannst dir vorstellen, wie wichtig dieser Fernweg in einer Welt ohne Telekommunikation war! Und wie entscheidend für die Verbreitung von Nachrichten in einer Welt ohne Internet, Fernsehen, Radio oder Zeitungen. Was hier passierte, wurde schnell in alle Welt getragen.

Zuletzt: Am Nil und im Zweistromland ging es den Menschen im Großen und Ganzen gut. Sie hatten weniger das Bedürfnis nach einem Neuanfang. Ganz anders ging es den Nomaden und Halbnomaden am Rande der Zivilisation, deren einziger Besitz ihre Zelte und Herden waren. Diese Menschen waren offen für Gottes Handeln. Genau dort siedelt Gott Abraham an. Ein präziser Startschuss.

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Natur und Mensch im Überblick

Jede Kultur ist von der Landschaft geprägt, in der sie sich entwickelt. Daher ist es wichtig, dass wir uns einen Überblick über die Geografie des Landes verschaffen.

Israels heutiges Staatsgebiet (einschließlich der palästinensischen Autonomiegebiete) ist 400 km lang und rund 70 km breit. Dieses Gebiet ist in vier Streifen unterteilt.

DIE KÜSTENEBENE AM MITTELMEER

Ist dir schon aufgefallen, dass die israelische Küste auf Landkarten fast schnurgerade aussieht? Sie ist auch in Wirklichkeit so gerade, und zwar weil sie aus Sand besteht. Den Sand bringt der Nil aus Afrika. Im Mittelmeer angekommen, schwimmt der Sand in der Meeresströmung gegen den Uhrzeigersinn, bis ihn das ins Meer ragende Karmelgebirge stoppt. Dort beginnt die für Südeuropa typische Felsenküste. Zum Baden ist der Sandstrand traumhaft, für die Seefahrt ein Problem. Er bietet keine natürlichen Häfen.

So gab es im Land zwar immer Seefahrt, aber ein richtiges Seefahrervolk entwickelte sich hier nie.

Entlang der Küste erstreckt sich eine 20-30 km breite Ebene. Bis zu ihrer Trockenlegung in den 1920er-Jahren gab es hier mehrere Sümpfe. Dass sich zuvor keine dichte Besiedlung an der Küstenebene entwickelte, ist kein Zufall: Hier gab es Malariaplagegebiete. Doch nach der Trockenlegung entwickelte sich hier rasch der Ballungsraum Tel Aviv. Wenn man heute von Israels »Zentrum« spricht, meint man die Küstenebene, aber zur biblischen Zeit war sie eigentlich ein Randgebiet. Damals war die Bevölkerung der Küstenebene meistens nichtjüdisch.

DAS BERGVORLAND

Parallel zur Küstenebene liegt das Bergvorland, eine 10-15 km breite Kreidehügellandschaft bis 450 m ü. NN mit fruchtbaren Kleintälern. Auf den Hügeln wird heute wie auch früher Obst-, Wein- und Olivenanbau betrieben, in den Tälern Ackerbau. Die weiche Kreide ermöglichte die Anlage Tausender Höhlen und Höhlenwohnungen. Rebellen und Flüchtlinge fanden hier Zuflucht in Zeiten von Krieg und Widerstand. In dieser Übergangszone zwischen Ebene und Bergland begegneten sich in biblischen Zeiten häufig die jüdische und nichtjüdische Bevölkerung, meistens friedlich, aber nicht immer.

DAS BERGLAND UND SEINE REGIONEN

Weiter östlich beginnt das Bergland, ein langer Höhenzug aus Kalk, 30-35 km breit und bis 1200 m ü. NN hoch. Der lange Sattel bildet die Landeswasserscheide. Wenn hier Regentropfen fallen, müssen sie sich entscheiden, ob sie ins Mittel- oder lieber ins Tote Meer fließen möchten. Das Bergland unterteilt man in verschiedene Landschaften. Weil das Bergland auch das biblische Kernland ist, kennst du wahrscheinlich die Namen vieler seiner Landschaften.

Die nördlichsten 40 km bezeichnet man als Obergaliläa, eine bewaldete und felsige Großkuppe mit kaum fruchtbaren Böden. Obergaliläa ist schwer passierbar und war daher nie stark besiedelt. Ein Teil Obergaliläas liegt heute im Libanon. In biblischer Zeit war ganz Obergaliläa Teil Phöniziens, für Israeliten also im Ausland. Südlich davon liegt das 30 km lange Untergaliläa. Die Hügel sind hier schon viel kleiner (bis 600 m ü. NN). Zwischen ihnen gibt es fruchtbare Täler. Als bequemer Lebensraum war Untergaliläa immer dicht besiedelt. Wo du in den Evangelien »Galiläa« liest, ist also Untergaliläa gemeint. Der Name Galiläa kommt schon im Buch Josua vor (Josua 20,7) und die Unterscheidung zwischen Ober- und Untergaliläa kennen wir schon aus rabbinischen Diskussionen des 2. Jh. n. Chr. in der Mischna (Mischna Schevi‘it 9,2).

Mischna

Die Mischna ist eine hebräische Ansammlung rabbinischer Diskussionen aus dem 1. und 2. Jh. n. Chr. Verfasst wurde sie um ca. 200 n. Chr. in Galiläa. Ihr Name bedeutet »Sekundäre«, sie steht nach der Tora und wird auch als »mündliche Tora« bezeichnet. Inhaltlich beschäftigt sich die Mischna vor allem mit der Auslegung von Geboten. Sie ist in sechs »Ordnungen« nach Lebensbereichen unterteilt, die wiederum aus mehreren Traktaten bestehen. In diesem Buch werden wir sie mehrfach als antike jüdische Quelle verwenden. 2

Südlich von Galiläa wird der Höhenzug für 15 km durch die Jesreelebene, heb. Jisra’el, dt. »Gott wird säen«, unterbrochen. Der Name der Ebene ist nicht überraschend: Hier gibt es die fruchtbarsten Böden im ganzen Land. Vorausgesetzt, die Ebene wird entwässert, sonst entstehen auch hier Sümpfe. Jesus kannte diese Gegend gut, weil sie direkt unterhalb von Nazareth liegt. Schon viel früher war sie unter diesem Namen bekannt (Josua 17,16).

Durch die Jesreelebene kann man das Land von Ost nach West bequem durchqueren. Aber nicht komplett, denn vor der Küste ragt das Karmelgebirge empor. Für alpine Verhältnisse ist es mehr Witz als Gebirge, aber dieser kleine, schroffe und bewaldete Höhenzug versperrt den Weg. Hier musste jeder lang, der auf dem Landweg von Damaskus nach Ägypten, von Ägypten ins Zweistromland oder von Alexandria nach Rom wollte. Klar, dass die wenigen Passiermöglichkeiten am Karmel heiß begehrt waren. Vor allem der Zugang durch das schmale Tal Iron, das einen mehr oder weniger bequemen Weg durch den Karmel bietet, war immer wieder blutig umkämpft. An seinem Osteingang lag die »Schranke«. Um diesen Osteingang kämpften die Ägypter, Kanaaniter, Israeliten, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Makkabäer, Römer, Byzantiner, Araber, Kreuzritter, Mamluken, Mongolen, Osmanen, Deutschen, Briten und Israelis. Wer die Geschichte des Landes kennt, verbindet diese Gegend mit Krieg. Keine Überraschung, dass laut der Offenbarung des Johannes hier die endzeitliche Entscheidungsschlacht stattfinden soll (Offenbarung 16,16). Hier liegt Har Megiddo, dt. »Berg Megiddo«, was in Fremdsprachen zu »Harmageddon« wurde. Megiddo war 4 000 Jahre lang eine der wichtigsten Städte des Landes.

Südlich der Jesreelebene setzt sich das Gebirge fort und heißt in den kommenden 60 km Samarien. Im Königreich Israel hieß es »Gebirge Ephraim«. Zur Zeit Jesu lebten hier die Samariter. Samarien ist ein zerklüftetes Bergland bis 1 000 m ü. NN. Die Täler sind fruchtbar, an den Hängen ist Terrassenlandwirtschaft mit vielen Oliven verbreitet. Viele Wasserquellen ermöglichten hier eine dichte Besiedlung.

20 km nördlich von Jerusalem endet Samarien. Hier beginnt Judäa, 75 km lang und ebenfalls bis 1 000 m ü. NN. Judäa ist eine Art breite »Bergbühne« mit wenigen Tälern. Die Höhen sind für Wein-, Obst- und Olivenanbau geeignet. Im Osten und Süden regnet es zu wenig für Plantagen, aber für Weideland reicht es noch. Den Namen bekam die Region vom Stammesgebiet Juda, das hier lag. Später hieß das hiesige Königreich so und anschließend das gesamte Land. Die Bevölkerung Judäas nannte man nach ihrem Land, so entstand die Bezeichnung »Juden«.

Im zentralen Gebirge von Judäa, Samarien und Galiläa liegen die meisten wichtigen Orte der Bibel. Weil die Landschaften eine gute Lebensgrundlage für Menschen boten und recht dicht besiedelt waren, wurde hier in der Moderne kaum Land an jüdische Pioniere verkauft. Bis heute ist die Mehrheit der Bevölkerung in Judäa, Samarien und Galiläa arabisch.

DER NEGEV

Im Süden Judäas nehmen die Niederschläge stark ab, es beginnt die Wüste Negev. Der Wortstamm bedeutet »trocken«, in deutschen Bibeln als »Südland« übersetzt. Geologisch ähnelt die zentrale Wüste Negev den nördlicheren Bergregionen. Auch sie besteht aus einem Kalk- und Kreidegebirge. Die Trockenheit sorgt aber für eine völlig andere Landschaft, in der sich eine völlig andere Kultur als in den fruchtbaren Regionen entwickelte, das Nomadentum. Je weiter man sich Richtung Süden bewegt, desto weniger trifft man auf Menschen, heute ebenso wie früher.

DER GRABEN

Östlich des zentralen Gebirges erstreckt sich ein Graben. In diesem Graben liegen der Jordan, der See Genezareth, das Tote und das Rote Meer. Sein tiefster Punkt ist das Tote Meer, der gleichzeitig der tiefste Punkt der Erde ist. Die Tieflage sorgt für ein trocken-heißes Klima. Zwischen dem Toten und dem Roten Meer befindet sich das Tal Arava, dt. »Steppe«. Ab der Mitte des Jordantals (zwischen dem See Genezareth und dem Toten Meer) bis zum Roten Meer gibt es mit Ausnahme der Oasenstadt Jericho kaum historische Ortschaften. Die Böden und das Grundwasser sind salzhaltig, an Hängen gibt es keinen Mutterboden, weil ihn keine Wurzeln halten. Nur moderne Infrastrukturen ermöglichen hier heute das Leben.

JENSEITS DES JORDANS

Östlich des Grabens liegt ein langes Hochplateau. Dieses Gebiet liegt heute mehrheitlich in Jordanien. Je nach politischer Stärke gehörte das Hochplateau oder Teile davon dem antiken Israel. Markante Schluchten unterteilen es in verschiedene Regionen. Im Norden, im heute überwiegend von Israel kontrollierten Gebiet, liegt der Golan. Der biblische Name des Basalt-Hochplateaus ist Baschan. Der Prophet Amos bezeichnet die Frauen der Oberschicht im antiken Israel als »Kühe Baschans« (Amos 4,1) – eine originelle Mischung von Kompliment und Beschimpfung unter Menschen, die die gute Rindfleischqualität der Golanhöhen kannten. Weiter südlich beginnt die Landschaft Gileads, ein mediterranes, fruchtbares Hochplateau. Das südlichere Moab ist trockeneres Weideland und das südlichste Edom ist eine richtige Wüste. Zur Zeit Jesu gehörte ein Gebiet unterhalb Gileads und Moabs zu Judäa und hieß Peräa. Jesus zog auch durch Peräa. Auf dem Hochplateau über Peräa lag damals das heidnische Zehn-Städte-Gebiet und weiter südlich das Königreich der Nabatäer.

DAS KLIMA

Oft hört man, Israel habe kaum Wasser. Das stimmt so nicht. In Obergaliläa regnet es jährlich mehr als in Frankfurt oder Schaffhausen. Es kommt auf die Verteilung der Regelfälle an. Während es in Frankfurt und Schaffhausen in allen Monaten regnen kann, bleibt der Himmel in Israel zwischen Mai und Oktober verschlossen. Nur in den anderen Monaten können Kaltluftfronten Regen bringen. Dann gibt es fast immer Platzregen, wie bei Sommergewittern in Europa. Allerdings dringen die Kaltluftfronten nur selten in Israels Süden ein. Deswegen ist dort eine Wüste.

Das kleine Land liegt im Schnittpunkt dreier Klimazonen: mediterran, Wüste und Steppe. An besonderen Stellen gibt es zudem noch Einflüsse aus den Tropen, der Savanne und dem Hochgebirge. Diese Lage sorgt für eine riesige Naturvielfalt. Insgesamt kommen in Israel 2 600 Wildpflanzenarten vor. Im fast 13-fach größeren Deutschland sind es 3 000.

Auch die Tierwelt ist von diesem Schnittpunkt geprägt. Neben Wölfen, Schakalen, Wildschweinen und Rehen leben hier auch Leoparden, Steinböcke, Gazellen, Stachelschweine, Klippschliefer und Hyänen. Die meisten dieser Tierarten werden auch in der Bibel erwähnt. Durch den starken menschlichen Einfluss sind viele Tierarten ausgestorben, zum Beispiel das Nilpferd. Zur Zeit Davids konnte man noch an einigen Flussmündungen mit einer Nilpferdbegegnung rechnen. Im Talmud wird der Löwe als »König der Tiere« (Bab. Talmud Hagiga 13,2) genannt.

Talmud

Der Talmud ist eine Ansammlung von rabbinischen Kommentaren zur Mischna. Sein Aufbau basiert auf der Mischna, wobei die Kommentare unsystematisch wechseln. Es entstanden zwei Talmude, einer im 4. Jh. v. Chr. in Galiläa und einer rund 100 Jahre später in Babylonien. Vieles ist in beiden Talmuden ähnlich, aber es gibt auch etliche Unterschiede. Der Talmud ist in aramäischer gemischt mit hebräischer Sprache geschrieben und bis heute die wichtigste rabbinische Grundlage. In diesem Buch werden wir ihn oft als Quelle nutzen. 3

Diese Rabbiner kannten den Löwen nicht nur als National-Geographic-Shootingstar. Der letzte Löwe lebte im 14. Jh. n. Chr. im Land. Als Jesus am Jordan unterwegs war, musste er nicht nur nach Pharisäern Ausschau halten, sondern auch nach 70 kg schweren Persischen Leoparden.

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Viele Wege führen nach Jerusalem

Aus der Geografie ergibt sich ein Wegenetz, das uns auch aus der Bibel bekannt ist. Im Großen und Ganzen ist es heute immer noch dasselbe wie damals.

Die Via Maris, in der Bibel »Straße am Meer« (Jesaja 8,23) oder auch »Weg durch das Land der Philister« (Exodus 13,17) genannt, war immer der wichtigste Fernweg im Land. Er verband Ägypten mit Syrien. An ihr entlang konnte man viele Sprachen hören. Im Norden verlief sie nah an Nazareth und Kapernaum vorbei. Ein Arm der Meeresstraße führte ins benachbarte Gebiet der Phönizier, die Sidonstraße.

Neben der Via Maris gab es einen zweiten internationalen Fernweg, die Königsstraße (4. Mose 20,17). Auch dieser verband Syrien mit Ägypten, jedoch über die Hochplateaus im heutigen Jordanien und dem Sinai.

Der nationale Fernverkehr innerhalb des biblischen Kernlandes brauchte die beiden internationalen Straßen nicht. Für diesen gab es ein entwickeltes Wegenetz in Form einer »Wirbelsäule« mit »Rippen«. Dieses Muster ergibt sich aus der Topografie. Auf dem Gebirgssattel, fast immer auf der Wasserscheide, verlief die »Wirbelsäule«, die Bergstraße, und verband fast alle wichtigen Städte des Landes zu biblischer Zeit miteinander. Im Norden schloss sie sich an die Via Maris an, im Süden führte auch sie weiter nach Ägypten. Sie ist die wichtigste Straße in der gesamten biblischen Erzählung. Leichter als die Frage, welche biblischen Personen auf der Bergstraße gelaufen sind, ist die Frage, wer es nicht tat. Von Abraham bis Jesus – alle waren hauptsächlich auf der Bergstraße unterwegs. Das werden wir an vielen Stellen in diesem Buch noch sehen.

Die »Rippen« waren Regionalstraßen, die an beiden Gebirgsseiten abwärtsführten. Im Süden mündete die Bergstraße in die Stätten-Straße (4. Mose 21,1), eine Querverbindung von Ägypten zur Königsstraße über Kadesch Barnea, Beerscheba, Arad und das Tote Meer. Falls in deiner Bibel ein anderer Name steht, ist es eine Frage der Übersetzung. Die Lachischstraße verband Südjudäa mit der Via Maris. Wer von Jerusalem zur Via Maris wollte, konnte sich entweder für den Beth-Horon- (1. Samuel 13,18) oder für den Ayalonsteig entscheiden. Nach Osten führte von Jerusalem der Adumimsteig. Adumim bedeutet »rot« und geht auf die rötlichen Farbtöne der Bitumenvorkommen in dieser Gegend zurück. Der Adumimsteig hieß auch Jerichoer Straße. Diesen Weg nahm Jesus für den Einzug in Jerusalem und auf ihn bezieht sich das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Nach Jericho führte die Straße über den Jordan weiter bis zur Königsstraße in Rabbat Ammon, heute Amman. Der Afeksteig verband Sichem, die zentrale Stadt Samariens, mit der Via Maris und den Weg gegen Sonnenuntergang (5. Mose 11,30) mit der Königsstraße.

Auf diesem Weg kam Abraham ins Land. Unsere Reise durch die Bibel beginnt auf seinen Spuren und führt über den gleichen Weg. Wir machen uns auf. Bist du bereit?


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Auf den Spuren Abrahams, Isaaks und Jakobs
ABRAHAM UND SARA KOMMEN INS LAND

Nach der traditionellen jüdischen Chronologie (Seder Olam Rabba 1) wurde Abraham im Jahr 1948 nach der Weltschöpfung geboren, umgerechnet 1812 v. Chr. Sara ist zehn Jahre jünger.

Die jüdische Zeitrechnung

Die allgemeine jüdische Zeitrechnung ist anders als die christliche. Sie basiert auf Zeitangaben in der Bibel und beginnt im zurückgerechneten Jahr der Weltschöpfung. Seder Olam Rabba, dt. »Große Weltchronik«, ist die wichtigste Grundlage für die Datierung biblischer Ereignisse im Judentum.

Abraham und Sara lebten als Nomaden. Was hinterlässt schon jemand, der sein ganzes Leben im Zelt wohnt? Dennoch haben sie, wie die anderen biblischen Erzväter und -mütter auch, tiefe Spuren hinterlassen, die heute noch da sind. Sie sind nur nicht immer physisch vorhanden, sondern in unseren Herzen.

Für uns Juden sind sie nicht die »biblischen Erzväter«, sondern die eigenen Stammväter und -mütter. Juden nennen Abraham immer Avraham Avinu. Wie viele Kinder war auch ich in meinen ersten Lebensjahren sicher, Avinu sei Abrahams Nachname. Avinu heißt »unser Vater«. Sara bezeichnen wir auf gleiche Art als »unsere Mutter«. Die gleichen Bezeichnungen bekommen auch Isaak, Rebekka, Jakob, Lea und Rahel.

Beim Umzug nach Kanaan ist Abraham 75 Jahre alt, Sara ist 65. Sie sind kinderlos, aber nicht allein. Es begleiten sie Verwandte und Knechte, man könnte sagen eine mobile Wohngemeinschaft. Ihren Besitz nehmen sie mit, hauptsächlich Haushaltstiere der Region: Schafe, Ziegen, Kamele und Rinder. Ihre Häuser nehmen sie auch mit. Keine große Sache, es sind Zelte.

Lass uns in Abrahams Schuhe schlüpfen und ihn ins Land begleiten. An vielen Stellen lassen sich die Verse wie ein Reiseführer lesen. Wir starten in Haran (1. Mose 12) und wollen nach Sichem im Herzen Kanaans, wohin Gott uns führt. Wir nehmen die Königsstraße über Damaskus nach Süden. 60 km südlich der heutigen syrisch-jordanischen Grenze kommt die Abzweigung zum Jordan. Im Jordantal ist es trocken, heiß und baumfrei. Die Sonnenuntergangsstraße wird uns 35 km durch die Schlucht Tirza führen, 1 000 Höhenmeter bergauf haben wir vor uns.

Mit jedem Schritt wird die Landschaft mediterraner und grüner, die Luft kühler und klarer. Je höher wir kommen, desto mehr Dörfer gibt es, mit mehr Landwirtschaft. Links begleiten uns immer die Hänge des Berges Kabir. Der Bach fließt ganzjährig und schnell. Immer wieder kommen wir an Quellen vorbei, die den Bach speisen. An den Quellen haben Menschen Becken und Tränken gebaut. Auch in 3 800 Jahren werden Hirten ihre Herden noch zu diesen Wasserstellen bringen. Das Tal ist fruchtbar. In Tieflagen werden Datteln angebaut, höher sind es Feigen, Oliven und vor allem Granatäpfel. In 1 900 Jahren werden Rabbiner die Granatäpfel und Nüsse aus diesem Tal als Beispiel für besonders kostbare Waren nennen, die nicht nach Gewicht, sondern einzeln verkauft werden (Mischna’ Orla 3,8). In den Dörfern werden neben Lebensmitteln Geschirr, Gefäße, Werkzeuge und Stoffe angeboten. Sobald wir oben sind, öffnet sich ein Tal, dahinter erheben sich zwei runde Berge, Ebal und Garizim. Unten, wo sie sich fast berühren, liegt Sichem, unser Ziel.

Die Ortsangabe ist sehr genau: »… bis zur Stätte von Sichem, bis zur Terebinthe More« (1. Mose 12,6). Im hebräischen Text ist die Terebinthe eine Eiche. Sichems ältesten Teil nennen die Araber Tel Balata, wahrscheinlich abgeleitet von Balut, dt. »Eiche«.

Tel

Tel ist der archäologische Begriff für einen antiken Ansiedlungshügel. Das Wort bedeutet auf Hebräisch und Arabisch so etwas wie »Ruinenhügel«. Normalerweise besteht ein Tel aus mehreren Schichten, wobei die oberen neueren Datums sind als die unteren. Diese Siedlungsform entstand dadurch, dass Menschen Städte nach ihrer Zerstörung auf den Trümmern wiederaufbauten. Bis zum 4. Jh. v. Chr. war das die typische Stadtform. Rund 200 Tels gibt es in Israel heute.

Hier stand früher wohl ein bekannter, heiliger Baum direkt an der Stadt. Heilige Bäume gibt es in der einheimisch-arabischen Kultur auch heute noch, fast immer sind es Eichen oder Terebinthen. An diesem Baum informiert Gott Abraham, dass er am Ziel angekommen ist (1. Mose 12,7). Hier baut Abraham seinen ersten Altar im verheißenen Land. 45 km südlich an der Bergstraße schlägt er sein Zelt zwischen Bethel und Ai auf (Genesis 12,8). Man geht davon aus, dass Bethel in dem heutigen palästinensischen Dorf Beitin und Ai am Dorfrand von Deir Dibwan liegt.

Auf der 2 km langen Strecke zwischen den Orten liegt ein Hügel, 860 m ü. NN, oben felsig, unten mit Oliven bepflanzt. Hier weht meistens der Wind und selbst im Hochsommer braucht man hier abends manchmal eine Strickjacke und Socken. Im Winter kann hier Schnee fallen und es ist nie besonders gemütlich. Aber man kann weite Teile des Landes sehen: im Westen das Mittelmeer, im Osten den Jordangraben und das Gebirge Moab, im Norden die Hügel Samariens und mit Glück den Hermon, im Süden die Höhen Judäas. Abraham hat sich einen Hügel am Nabel des Landes als Zeltplatz ausgesucht, baut einen Altar und ruft den Namen Gottes aus. Er verkündet Gott an dieser Stelle, wo er viel vom Land sieht und wo ihn viele Bewohner des Landes sehen können.

Anschließend geht es auf der Bergstraße weiter Richtung Süden. Die Landschaft bleibt ähnlich – Olivenhaine und Weinberge in Terrassen, undurchdringliche mediterrane Buschwälder mit immergrünen Eichen. Nach 20 km kommt er an Jerusalem vorbei. Der Bibeltext geht nicht darauf ein, aber wir wissen, dass die Stadt schon existierte. Abraham ahnt noch nicht, dass er unweit von hier seinen künftigen Sohn wird opfern wollen. Noch 8 km und er kommt an Bethlehem vorbei, ohne sich vorstellen zu können, dass dort 730 Jahre später der wichtigste König des Volkes, das aus seinem Samen entstehen wird, geboren werden wird. Aus den Hochlagen kann er das Tote Meer in der Wüste unten sehen. 25 km weiter südlich kommt er in Hebron an. Hebrons zweiter Name erzählt etwas über die Landschaft, Alonei Mamre, dt. »Mamre-Eichen«. Heute umgeben viele Weinberge die Stadt, ursprünglich gab es hier einen Taboreichenwald mit großen Abständen zwischen den Bäumen. Taboreichen sind den Korkeichen, die du vielleicht eher aus Südeuropa kennst, sehr ähnlich.

Südlich von Hebron verändert sich die Landschaft. Es gibt immer weniger Bäume und immer mehr Felsen. Die Landschaft wird gelblich und trocken. Quellen gibt es praktisch keine mehr, dafür mehr Zisternen, die das Leben hier ermöglichen. Statt in Dörfern leben hier viele als Nomaden. Bis heute leben in diesem Gebiet Menschen in Höhlenwohnungen mit kleinen, steinigen Äckern davor. 25 km hinter Hebron fällt das Gelände steil ab. Es öffnet sich ein weiter Blick auf die Beerscheba-Ebene in der Wüste. Vor dem Abstieg bleiben Abraham und Sara bestimmt kurz stehen und müssen die Augen mit der Hand abschirmen, um von der Sonne im Süden nicht geblendet zu werden. Am Nachmittag weht der Westwind und bringt Haare und Kopfbedeckungen in Bewegung. 17 km vor ihnen liegt Beerscheba, das zu einer ihrer zentralen Wohnstätten werden wird. Von dort führt der Weg weiter nach Ägypten. Wegen einer Hungersnot werden sie bald selbst auf diesem Weg reisen.

Die Durchquerung des Negev und des Sinai auf dem Weg zum Nil ist logistisch eine echte Herausforderung. Heiß, kaum Bäume, kaum Menschen und das Schlimmste – kaum Wasser. Man ist auf Hilfe angewiesen. Von Beerscheba bis zum Nil sind es 420 km, für die man ohne Pausentage gute zwei Wochen braucht. Aber wenn die Alternative das Verhungern ist, lohnt sich der Aufwand.

Für Abraham und Sara hat es sich mehr als gelohnt. Vor Ägypten waren sie reich, nach Ägypten sehr reich (Genesis 13,2). Und gleich beginnen die Wohlstandsprobleme. Abraham und sein Neffe Lot entscheiden sich für eine Trennung. Die Entscheidung fällen sie auf dem Hügel zwischen Bethel und Ai, wo sie schon einmal lagerten und einen Überblick über Kanaan hatten. 30 km südöstlich und 1 250 m tiefer sieht Lot den Jordankreis mit den Städten Jericho und Sodom.

Dort will Lot hin. Warum? In der Senke tritt Grundwasser durch geologische Risse auf und sorgt für ganzjährig sprudelnde Quellen. Diese Quellen schaffen Oasen, eine von ihnen ist Jericho. Bis heute nutzen hier Menschen das Wasser und bauen Datteln, Bananen, Papayas, Zitrusfrüchte, Melonen und Auberginen an. Wärme und Wasser zusammen schaffen paradiesische Zustände.

Der Jordankreis und Sodom

Der »Jordankreis«, in Bibelübersetzungen mit »Ebene«, »Land«, »Umgegend« oder »Landschaft« wiedergegeben, ist der letzte Abschnitt des Jordantals vor der Mündung ins Tote Meer. Hier öffnet sich der Jordangraben kreisförmig von sonst 10 auf 25 km. Mutmaßungen darüber, dass Sodom am südlichen Toten Meer gelegen haben könnte, sind nicht überzeugend. Zum einen wird der Jordankreis in der Bibel immer in Verbindung mit Jericho oder dem Jordan erwähnt. Am südlichen Toten Meer fließt der Jordan nicht. Außerdem hätte Lot von Bethel aus das südliche Tote Meer nicht sehen können, den Jordankreis schon. Die Forschung vermutet Sodom in Tel el-Hammam, 12 km östlich des Jordan, gegenüber von Jericho. Der Tel ist 5- bis 10-fach größer als andere aus der gleichen Epoche. An dieser Stelle existierte eine Stadt bis zu ihrem abrupten Ende durch außergewöhnlich hohe Temperaturen wie auf der Sonne, stellten Archäologen fest. Sie vermuten eine Meteoritenexplosion in der Luft über dem Gebiet. Das würde den biblischen Bericht über Sodoms Ende unterstützen.

Und Abraham? Er geht drei Tage auf der Bergstraße zurück nach Süden, unter Hebrons Eichen. Mit diesem Ort fühlt er sich besonders verbunden – hier wird er auch Sara begraben. Wieder baut er einen Altar. Die Bibel berichtet nun über einen Krieg zwischen mehreren Königen.

König

Unser Königsbild stammt aus dem Mittelalter Europas – ein König, der über ein ganzes Königreich regiert, wie England, Schweden oder Dänemark. Wenn wir uns einen biblischen König vorstellen, haben wir meistens David und Salomo im Sinn. Zwischen Abraham und David liegen 730 Jahre. Sie lebten in sehr unterschiedlichen Gesellschaften. Falls du noch nie vom Königreich »Zebojim«, »Bela« oder »Adama« aus der Geschichte Abrahams gehört hast, kannst mit gutem Gewissen und ohne zu googeln weiterlesen. Es waren nur Städte. Etwas größere Königreiche und sogar Imperien gab es damals schon, aber ein König war im 18. Jh. v. Chr. nicht viel mehr als ein Bürgermeister eines ausgewachsenen Dorfes, eine Art Stammesführer. Klein, aber oho, denn damit wurde er den Göttern gleichgestellt. Er hatte eine eigene Streitmacht und konnte über Krieg und Frieden, Leben und Tod entscheiden und keiner hat ihn gebremst. Er hatte mehr Macht als ein Regierungschef in einer heutigen Demokratie.

Nachdem Lot im Krieg entführt wird, kommt ihm Abraham zu Hilfe, der inzwischen genug Männer um sich hat. Sie jagen den Königen nach bis Dan.

Die antike Stadt ist uns heute noch bekannt. Durch mehrfaches Glück ist das Stadttor erhalten geblieben. Es ist das älteste vollständige Stadttor aus dieser Zeit, das jemals gefunden wurde. Falls Abraham in die Stadt ging, lief auch er durch dieses Tor. 15,45 m lang, 13,50 m breit und 7 m hoch mit einem Bogen in der Mitte, gibt uns dieses Tor eine Vorstellung über die Baufähigkeiten in Kanaan zu Erzväterzeiten. Bis das Tor 1979 gefunden wurde, nahmen die Wissenschaftler an, die Menschheit hätte zu der Zeit noch keine Bogen gebaut.

Zu diesem Zeitpunkt hat Gott etwas Besonderes mit Abraham vor. Er schließt einen Bund mit ihm (Genesis 15). Die jüdische Tradition lokalisiert den Ort des Bundesschlusses am Berg Btarim, dem westlichen Auslauf des Hermon. Btarim bedeutet »Fleischstücke«, aber der Berg bekam diesen Namen durch die traditionelle Lokalisierung und nicht umgekehrt. Überliefert ist diese Tradition erst seit dem 16. Jh. n. Chr., sie kann aber auch deutlich älter sein. Auch die Araber kennen sie und nennen den Ort Maschhad a-Teir, dt. »Zeugnis des Vogels« oder auch Makam Ibrahim el-Khalil, dt. »der heilige Ort Abrahams des Geliebten«. Wegen der Heiligkeit des Ortes blieb hier eine große Eiche verschont. Heute ist sie zwischen 600 und 1 000 Jahre alt und mit über 5 m Stammumfang die größte Eiche in Israel. Die jüdische Tradition bringt Pilger jährlich hierher. Sie ziehen aus Safed in Galiläa zum Berg, um das Torakapitel über den Bundesschluss Gottes mit Abraham zu lesen, die Parascha.

Parascha

Die Tora, das heißt die fünf Bücher Mose, unterteilen Juden in 54 Abschnitte. Jeder Abschnitt ist eine Parascha und wird einer Kalenderwoche zugeteilt, sodass die gesamte Tora im Jahresrhythmus gelesen wird. Normale hebräische Jahre haben 50,5 Wochen. Manchmal gibt es Schaltjahre mit vier Wochen mehr, darum 54 Abschnitte. Der Abschnitt über Abrahams Bund beginnt in 1. Mose 12,1, endet mit 1. Mose 17,27 und wird immer in der dritten hebräischen Kalenderwoche gelesen, d. h. im September/Oktober.

Der genaue Standort dieses Berges wird in der Bibel nicht genannt, aber vermutlich liegt er eher in der Gegend von Hebron. Abraham zieht danach wieder in die heutige israelisch-ägyptische Grenzregion.

HAGAR UND ISMAEL

Die Kinderlosigkeit beschäftigt das Paar immer noch sehr. Die Lösung liegt auf der Hand und hat sogar einen Namen: Hagar, Abrahams Magd. Mit ihr zeugt er ein Kind. Die Schwangerschaft sorgt für Spannungen und Hagar flieht. Wenn du die Gegend ihrer Flucht kennst, kannst du das ganze Ausmaß der Geschichte wahrnehmen. In der Wüste ähnelt eine Flucht eher einem Selbstmord. Wie viele Kilometer kann man hier fliehen? Wenn du nicht sterben willst, solltest du zu einer Wasserquelle gehen. Das macht Hagar, und ein Engel findet sich an der Quelle auf dem Wege nach Schur (Genesis 16,7). Wir wissen nicht, wo Schur ist, aber die Schurstraße ist bekannt: 14 km südwestlich von der israelisch-ägyptischen Grenze bei Ezuz liegt Quseme, eine größere Oasensiedlung. Die Straße zwischen Quseme und dem 70 km westlicheren Al-Hasna ist der Hauptweg von Beerscheba nach Ägypten und heißt Darab a-Schur auf Arabisch, dt. »Schur-Straße«.

Hagar wird gesegnet und soll ihren Sohn Jischma’el nennen, in den Übersetzungen »Ismael«. Der Name bedeutet »Gott wird hören«. Er wird ein »Wildesel von Mensch« sein (Genesis 16,12), was bis heute eine hebräische Redewendung für einen praktisch unzähmbaren Menschen ist. Ismael ist laut arabischer und jüdischer Auffassung Stammvater der Araber. Im Koran ist Mohammed sein Nachfahre. Der Brunnen, an dem Hagar gesegnet wurde, wird von nun an Lachai Roi genannt, so was wie »Zum Leben sieht er mich« übersetzt. Forscher vermuten, dass es nicht nur um einen Brunnen geht, sondern dass es eine Nomadenortschaft mit dem Namen Beer-Lachai-Roi gab, ähnlich wie Beerscheba. Beer heißt »Brunnen«. Beduinen nennen einen bestimmten Brunnen bei der heutigen Stadt Jerucham Bir a-Rahma, dt. »Gnadenbrunnen«, und erzählen Hagars Geschichte dort. Dieses Gebiet liegt an der östlichen Fortsetzung der Schurstraße. Wie bei Nomaden üblich hat auch Abraham seine Zelte immer wieder an denselben Lagerstätten aufgeschlagen. Zu Beer-Lachai-Roi hatte die Familie einen engen Bezug. Später wurde diese Lagerstätte in Issaks Hände gegeben.

NEUE NAMEN

So wie Abraham und Sara machen wir an dieser Stelle eine Pause, denn für die nächsten 13 Jahre sollte es in ihrem Leben etwas ruhiger werden. Bestimmt schauten beide Ismael beim Großwerden zu, jeder aus seiner Perspektive. Zur Vereinfachung haben wir Abraham und Sara von Anfang an bei den Namen genannt, unter denen sie bekannt sind, aber bis jetzt hießen sie eigentlich Abram und Sarai. Denn erst jetzt teilt ihnen Gott eine kleine Namensänderung mit. Es ist der Buchstabe der in ihre Namen rutscht.

Gottes Name

Die häufigste rabbinische Auslegung lautet, dass das neue dt. »H«, in Abrahams und Saras Namen ein Stück von Gottes ausdrücklichem Namen JHWH ist. So genau wissen wir nicht, wie man ihn ausspricht, weil wir beim Schreiben die Vokale weglassen. Den ausdrücklichen Namen meiden Juden aus Ehrfurcht vor dem Verbot, ihn zu Nichtigen auszusprechen (2. Mose 20,7). ist der wichtigste Buchstabe in Gottes Namen. Aus dem Wortstamm bildet man die Worte haja, dt. »war«, howe, dt. »gegenwärtig« und jihije, dt. »wird«. Rabbiner deuteten den Namen als »der Immer-Seiende«, »der war, ist und sein wird« oder »der Ewige«. Weil Gott seinen ausdrücklichen Namen den Erzvätern nicht verraten hat, sondern erst 400 Jahre später Mose und Israel bekannt gab, gilt die Umbenennung Abrahams und Saras als sein erster Hinweis darauf, wer er ist.

EIN ZEICHEN, DAS WEHTUT – DIE BESCHNEIDUNG

Mit dem neuen Namen kommt ein neuer Bund. Gott verspricht seine unbefristete Verpflichtung Abrahams Nachkommen gegenüber und erklärt Kanaan zum ewigen Besitz der künftigen Nation. Diese Nation wird durch den versprochenen Sohn entstehen, Jizchak, in den Übersetzungen »Isaak«. Der Wortstamm bedeutet »lachen«. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten: Abraham und Sara werden im Alter von hundert Jahren noch Eltern. Gott hat sein Versprechen wahr gemacht. Sichtbares Zeichen dafür ist der Beschneidungsbund. Bei diesem Gebot warnt Gott: Wer nicht beschnitten ist, ist kein Teil des Volkes. Deswegen gilt die Beschneidung in der rabbinischen Begriffswelt als »Bundesgebot«. Sie war das erste Gebot, das für Abrahams Nachkommen gelten sollte. In Israel gibt es schon Juden, die ihre Kinder nicht beschneiden lassen, 2 Prozent waren es 2017. Sehr wenige, wenn man bedenkt, dass sich nur rund 20 Prozent der israelischen Juden im selben Jahr als »religiös« definiert haben. Man sagt, die Beschneidung sei das härteste Gebot; zugleich wird es von den meisten Juden befolgt. Das Zugehörigkeitsgefühl bewegt wohl mehr als der Glaube.

Wann wird beschnitten? Am achten Lebenstag. Immer? Ja, außer wenn es medizinische Gründe für eine Verschiebung gibt. Wenn es gerade ein Sabbat ist, muss man abwägen, ob die Beschneidung zu einer Sabbatentweihung führen würde, z. B. wenn Gäste mit dem Auto fahren müssten oder wenn es zu erwarten ist, dass Gäste fotografieren würden. Beides ist religiösen Juden am Sabbat verboten. Mit solchen Fragen beschäftigen sich Rabbiner seit Jahrtausenden. Bei Muslimen gibt es keinen festen Zeitpunkt, die Beschneidung muss nur spätestens bis zum Alter von 13 Jahren erfolgen. Was sollte diese Verhaltensweise anderes sein als tiefe Spuren der Erzväter?

ZWISCHEN DER WÜSTE UND DEN BERGEN – ABRAHAMS LEBENSRAUM

Zurück zu Abraham und Sara, die ihr »junges« Familienglück genießen. In dieser Zeit lebt die Familie zwischen Kadesch und Schur (Genesis 20,1), irgendwo im Sinai, nicht weit vom Negev. Wie können wir uns ihr Zuhause vorstellen? In dieser Gegend schlagen Nomaden ihre Zelte innerhalb der Regenbachbetten auf, wo sich staubiger Boden ansammelt und es weich genug ist. Der Kampf gegen den Staub ist verloren, aber überall sonst ist es sehr steinig mit scharfen Kanten. Die Welt ist hier gelb und braun.

Den einzigen Schatten gibt es unter Akazien und anderen mannshohen Sträuchern in Regenbachbetten. Kamele fühlen sich wie im Schlaraffenland, wenn sie deren fruchtbare Blätter genießen. Auch nachts hört man sie ohne Unterbrechung kauen. Im Zelt brennt immer eine kleine Glut. So spart man sich die Mühe, das Feuer neu zu entfachen. Ein leichter Rauchgeruch begleitet das Leben.

Welch ein ruhiges, entschleunigtes Leben! Doch der Schein trügt: Abraham und Sara verwickeln sich in eine unglückliche Affäre, als sie sich nach einem Umzug nach Gerar als Bruder und Schwester ausgeben (Genesis 20). Die einstige Stadt Gerar lag vermutlich im heutigen Tel Haror, zwischen Beerscheba und Gaza. Die Archäologie belegt hier eine entwickelte sesshafte Kultur, aber Nomaden gab es sicher auch. Nachdem das Problem mit Gerars König Abimelech geklärt ist, dürfen Abraham und Sara unbefristet bleiben. Kein Wunder, dass sie es tun – das Land ist fruchtbar.

Im Raum zwischen Gerar und Beerscheba wächst ihr Sohn Isaak auf. Wir befinden uns im Jahr 2048 nach der Weltschöpfung bzw. 1712 v. Chr. Abraham ist 100 Jahre alt, Sara 90, Ismael 14.

Stillen und Abstillen

Wie alt war Isaak, als er abgestillt wurde? Uns kommen 6-12 Monate in den Sinn, aber vor der Industrialisierung wurde länger gestillt. Interessant ist der Blick auf den Islam, weil er viele Vorschriften aus der Wüstenkultur übernahm. Dort sind außer Mägden alle verheirateten Frauen zum Stillen verpflichtet. Empfohlen wird es bis zum Alter von zwei Jahren. In der Bibel finden wir keine Verpflichtung dieser Art, aber das jüdische Werk Baraita (1.-2. Jh. n. Chr.) verrät: »Ein Baby wird gestillt und läuft bis zum Alter von 24 Monaten« (Ktovot 59,2). Ein früheres Abstillen galt bei den Juden als Gefahr. Rabbiner erlaubten Stillenden Verhütungsmittel: »Drei Frauen [dürfen] verhüten – Kleine, Schwangere und Stillende […]. Stillende, damit sie nicht abstillt und ihr Kind stirbt« (Bab. Talmud Jebamoth 12,2). Wahrscheinlich war Isaak an seinem Abstillfest ca. zwei Jahre alt.

Während der Stillzeit von Isaak hätte Sara eigentlich genug Zeit gehabt, um sich an die neue Situation mit zwei Söhnen zu gewöhnen, aber etwas bringt sie aus der Fassung. Sie sieht den Sohn Hagars »scherzen« (Genesis 21,9). Ismael ist mit 16 Jahren kein Kind mehr. Worüber »scherzt« er? Hat er Sorgen um sein Erstgeburtsrecht? In seiner Welt bekamen Erstgeborene das Doppelte vom Erbe ihrer Brüder. Fühlt er sich als Sohn einer Magd weniger geliebt? Hat ihm seine Mutter erzählt, wie sie schwanger floh und dem Tod nahe kam? Sein Verhältnis zum Kleinkind Isaak ist jedenfalls vorbelastet. So etwas durchblicken die beiden Mütter sicher, zwischen ihnen ist die Spannung noch größer. Nur so können wir Saras extreme Reaktion verstehen. Sie verlangt Hagars und Ismaels Vertreibung, die den Tod bedeuten kann. Abraham folgt ihnen und gibt ihnen einen Schlauch Wasser (Genesis 21,14). Was genau ist ein Schlauch? Noch vor zwei Generationen konnte man bei Beduinen »Schläuche« sehen. Sie sehen aus wie »auf links gedrehte Ziegen« und dienen der Lagerung und dem Transport von Flüssigkeiten. Die Menschen damals hatten keine Flaschen oder Getränkedosen, und Krüge waren für unterwegs nicht gerade praktisch. Durch Gottes Schutz überleben Hagar und Ismael. Heim kehren sie aber nicht mehr, sondern ziehen in die Wüste Paran, die manche Forscher in der heutigen israelisch-ägyptischen Grenzregion und andere in der mittleren Arava vermuten. Hagar gab Ismael eine Ägypterin zur Frau, sie bekamen später 12 Söhne und zwei Töchter.

Nur 30 km liegen zwischen Gerar und Beerscheba, aber am Rande der Wüste ist diese Entfernung entscheidend. Je weiter südlich, desto weniger Niederschläge. Wir begleiten die Familie Richtung Süden, an den Ort, an dem heute die Wüstenstadt Beerscheba liegt. Hier lebten sie in der Zeit zwischen Isaaks Geburt und Ismaels Vertreibung. Warum und wann sie wo genau waren, wissen wir nicht. Lernte Isaak bei Gerar krabbeln, dürfen wir uns eine im Winter sattgrüne Landschaft mit vielen Blumen vorstellen. Im Frühjahr gibt es jede Menge Bienen und Schmetterlinge. Weitläufige Teppiche von roten Anemonen, rotem Hahnenfuß und Mohn ziehen sie an. Ab Ende April vertrocknet die Landschaft. Die dornigen und kratzigen Pflanzen sind dann braun und gelb. War die Familie näher an Beerscheba, so war die Vegetation eher niedrig und dünn. Ein krabbelndes Baby hat hier mehr Spaß am Staub als bei Gerar, seine Mutter weniger. Drinnen im Zelt hatten sie sicher Teppiche, wahrscheinlich aus Palmwurzel-Sisal oder aus Wolle, wie die Beduinen sie bis zum Import billiger und robuster Kunststoffteppiche hatten. Im Winter luden Schafsfelle zum Kuscheln ein.

Mitten in dieser Idylle kommt Gerars König Abimelech zu Abraham. Er hat erkannt, dass Gott mit Abraham ist, und möchte einen Bund mit ihm schließen. Abraham nutzt die Gelegenheit, seine Rechte über einen Brunnen, den er selbst gegraben hat, von König Abimelech anerkennen zu lassen. Den Brunnen hatten Abimelechs Knechte Abraham mit Gewalt weggenommen. Abraham und Abimelech schließen an diesem Brunnen einen Bund. Dabei schenkt Abraham Abimelech sieben Lämmer. So bekam die Stadt, die sich heute zum viertgrößten Ballungsraum Israels entwickelt hat, ihren Namen, Beerscheba. Beer heißt »Brunnen«, scheva bedeutet »sieben«, aber es ist auch der Wortstamm von »Schwur«. Am Ende pflanzt Abraham eine Tamariske. Wer heute zu den Ausgrabungen Beerschebas kommt, sieht mehrere Tamarisken, die sicher keine 100 Jahre alt sind, aber der 69 m tiefe Brunnen ist einer der älteren in Israel. Zur genauen Datierung gibt es verschiedene Aussagen. Die älteste Schicht im Areal ist über 5 000 Jahre alt. Wenn der Brunnen zu den ältesten Bauten im Areal gehört oder zumindest sein Fundament, war er schon über 1 000 Jahre alt, als Abraham einen Brunnen in dieser Gegend grub.

ISAAKS OPFERUNG

Abraham und Sara bevorzugen das fruchtbare Gebiet gegenüber der Wüste und ziehen wieder in die Gegend von Gerar. Hier stellt Gott Abraham vor eine Herausforderung, die in die Geschichte eingehen wird. Er fordert ihn heraus, seinen geliebten Sohn Isaak zu töten. Unvorstellbar! So lange hatte Abraham auf seinen Sohn gewartet und nun soll er ihn umbringen?

Die Opferungsgeschichte kennst du wahrscheinlich gut. Meistens stellen wir uns dabei Isaak im Grundschulalter vor, aber wie alt war er tatsächlich? Rabbiner sind sich uneinig und streiten seit ein paar Jahrtausenden. Sara bekam Isaak mit 90 und wurde 127. Weil das Kapitel mit Saras Tod direkt auf die Opferung folgt, gingen die meisten davon aus, dass Sara kurz nach der Opferung starb und errechneten Isaaks Alter bei der Opferung auf 37. Einer der größten jüdischen Bibelexegeten überhaupt, Rabbi Maimonides (12. Jh. n. Chr.), belässt Isaak im Kindesalter. Sein Zeitgenosse Rabbi Abraham Iben Esra sagt, Isaak könne nicht jünger als 13 gewesen sein, weil er das Opferungsbrennholz allein getragen hat.

Wo war die Opferung? In der Bibel steht im »Land Morija«. Im Chronikbuch wird von Salomos Tempelbau auf dem »Berg Morija« berichtet. Die Opferung spielt also auf dem Tempelberg. So früh tritt er auf der Bühne der Bibel auf.

Machen wir uns gedanklich mit Abraham und Isaak auf den Weg. Wir brechen im nördlichen Negev auf und haben 90 km vor uns, für die wir 3-4 Tage brauchen. Erst müssen wir nach Hebron, das wir schon die ganze Zeit sehen können, weil es bis zu 700 m höher vor unseren Augen liegt, dann geht es über die Bergstraße. Am dritten Tag sehen wir das Land Morija in der Ferne. Hier lassen wir die Knechte und den Esel warten. Die biblische Beschreibung besteht den Realitätstest: Vom Aussichtsturm der heutigen Ortschaft Neve Daniel auf genau 1 000 m ü. NN sieht man bis Jerusalem, wo das Land Morija ist.

Im letzten Moment stoppt Gott die Opferung, die sich als Glaubensprüfung herausstellt. Abraham darf nun den Hirsch (in den meisten deutschen Bibeln als Widder übersetzt) opfern, der überraschend auftaucht. Gott teilt der Menschheit an diesem Berg im Land Morija eine wichtige Botschaft mit: Er möchte kein Kindesopfer, sondern ein Tieropfer. Es kann kein Zufall sein, dass diese Botschaft am selben Ort gegeben wird, an dem Gott 700 Jahre später eine Opferstätte für sich wünschen wird, den Tempel. Gut 1 000 Jahre lang werden Gott hier Opfer gebracht werden. 600 m vom Tempelberg entfernt, an den Ausläufern derselben Anhöhe, wird am Ende dieser 1 000 Jahre Jesus am Kreuz sterben. Gleichzeitig wird der Vorhang im Tempel zerreißen. Damit wird Gott erneut eine wichtige Botschaft zum Thema Opfer senden, wieder an diesem Ort: Er braucht keine Opfertiere und keinen physisch erbauten Tempel mehr. Aber nicht so schnell. Noch sind wird bei Abraham und Isaak und möchten die Geschichte nach der Reihenfolge erzählen.

SARAS TOD UND DIE HÖHLE MACHPELA

Nachdem die Familie im heißen Beerscheba gewohnt hat, zieht sie wieder in die kühle Bergluft Hebrons. Für Sara wird das der letzte Umzug sein, bevor sie stirbt. Vor 38 Jahren lachte sie hier, als sie ihre Schwangerschaft für einen Witz hielt. Ihr Tod trifft Abraham unvorbereitet, obwohl sie alt wurde. Wenn ein Erzvater oder eine Erzmutter einen guten Alterstod stirbt, steht das im Bibeltext. Bei Sara ist das nicht der Fall. Abraham muss sofort für ein Grab sorgen. Wir sind im Nahen Osten, hier müssen die Toten noch am selben Tag unter die Erde. Als Fremder besitzt Abraham noch kein Grundstück im Land.

Für volles Geld

Abraham hätte die Höhle gratis bekommen können. Obwohl er weiß, dass seine Nachkommen das Land sowieso erhalten werden, besteht er darauf, sie zu bezahlen.

Über drei Orte im Land berichtet uns die Bibel, dass sie »für Geld« gekauft wurden, zwei davon »für volles Geld«: die Machpelahöhle, der Tempelberg und Josephs Grab. 2 300 Jahre nach dem Kauf der Machpelahöhle werden Rabbiner schreiben: »… die drei Orte, die die Nationen Israel nicht abstreiten können: die Machpelahöhle und der Tempel und Josephs Grab« (Bereschit Rabba 79,7).

Gerade diese Orte werden Israel heute sehr wohl abgestritten, vielleicht gerade weil sie Israels langjährige Beziehung zum Land symbolisieren. Juden machen auf die Bezahlung aufmerksam, die sie aus ihrer Perspektive zu rechtmäßigen Erben macht. Die Machpelahöhle kostete 400 Schekel – Silberschekel, nicht israelische Schekel. Schekel war eine Gewichtseinheit, umgerechnet 11,34 g. Das wären nach heutigen Silberpreisen rund 2 300 €.

Die Einheimischen bieten ihm eines ihrer Gräber an, aber er hat eine konkretere Vorstellung. Abraham will die Höhle Machpela, dt. »Zweifachhöhle«, bekommt sie und wir besuchen sie bis heute. Als ich zum ersten Mal dort war, habe ich die Höhle mehr gesucht als besucht. Man sieht keine Höhle mehr, sondern Herodes’ Monumentalbau aus dem 1. Jh. n. Chr. Meine Enttäuschung wurde aber wiedergutgemacht, als ich verstand, dass ich wirklich am richtigen Ort war. Unter dem Bau gibt es eine Höhle mit zwei Räumen – eben eine zweifache Höhle, sie ist nur für Besucher heute unzugänglich. In ihr befinden sich Gebeine vieler Toten, sie wurde sicher lange als Grab benutzt. Auch ihre Lage passt zur biblischen Angabe »am Ende eines Feldes«. Das Gebäude steht am felsigen Hang direkt am Rand einer 200 x 100 m großen Ebene mit tiefer Erde. Das Feld war »vor Mamre, das ist Hebron« (Genesis 23,19). Vor heißt östlich. 500 m östlich des Tels liegt die Höhle. Im Gebäude beten viele Juden und Muslime vor riesigen sargförmigen Grabdarstellungen mit den Inschriften Abraham, Isaak, Jakob, Sara, Rebekka und Lea. Hebrons arabischer Name ist El-Khalil im Gedenken an Abraham, der auf Arabisch Khalil Allah, dt. »Gottes Geliebter« genannt wird. Die Erzväter und -mütter sind im Land allgegenwertig, vor allem in den Herzen der Menschen.

Die biblische Bestattung

Das einfache Volk wurde in allen Epochen erdbestattet, Reiche haben sich Grabhöhlen in Felsen einhauen lassen. Mit diesen ist Israel übersät. Die Öffnung ist immer klein, sonst müsste der verschließende Rollstein zu groß sein. Wäre das Grab offen, hätten sich Hyänen an den Leichen und Räuber an Wertsachen bedient. In den Höhlen konnte man knapp stehen. Die Leichen wurden in Tücher gewickelt und auf Steinbänke in der Höhle gelegt. Manchmal sieht man Kuhlen für den Kopf. Nach einem Jahr öffnete man die Höhle wieder, dann waren nur noch Knochen übrig. Diese sammelte man in einer Nische im Boden der Höhle, Generation für Generation. Deshalb »sterben« Menschen in der Bibel nicht nur, sondern werden »zu den Vätern versammelt«, wie es heißt.

EINE FRAU FÜR ISAAK

Nach Saras Tod will sich Abraham um die letzte Baustelle seines Lebens kümmern. Isaak braucht eine Frau (Genesis 24). Aus der Verwandtschaft soll sie sein. Ein kleines Problem – die Verwandtschaft lebt im Ausland, in Aram-Naharajim. Wo das liegt? Aram war das gesamte Gebiet der aramäischen Stämme, heute in Syrien und der Südtürkei. Weil es groß war, wurden Teilgebiete unterschieden, z. B. Aram-Damaskus rund um Damaskus. Naharajim bedeutet »zwei Flüsse«, gemeint sind der Euphrat und der Tigris. Haran, langjähriger Wohnort Abrahams vor Kanaan, liegt inmitten dieser Region. Abraham beauftragt einen Knecht, der die Strecke zurücklegt. Wir begleiten ihn natürlich.

Ohne Pausentage braucht man mit einem Kamel 33 Tage pro Weg. Zum Glück hat er ein Kamel dabei. Zehn Stück, genauer gesagt. Auch wenn er vielleicht keine Pausentage braucht, die Kamele brauchen sie. 5−6 Wochen ist er wohl unterwegs. Falls du schon mal in den Genuss gekommen bist, ein Kamel durch die Wüste zu führen, weißt du, dass das nicht nur einfach ist. Zehn Kamele sind schon eine Nummer. Und sie sind mit allerlei Gut (Genesis 24,10) beladen, müssen also auch noch gegen Raubüberfälle verteidigt werden. Heute wird ein Kamel in Israel für zwischen 6 000 und 16 000 NIS verkauft. Im Durchschnitt sind das umgerechnet 3 000 € pro Kamel. Abraham schickt eine Karawane im Wert von 30 000 € zur Verwandtschaft. Das macht Eindruck.

Wenn wir schon über Kamele sprechen – in jeder Reisegruppe beginnt eine Grundsatzdiskussion, sobald Kamele in der Wüste zu sehen sind: Kamel oder Dromedar. Das habe ich mehrere Hundert Male im Bus mitbekommen. Spätestens sobald man auf Kamele steigt, kommt dann auch der Begriff »Trampeltier« ins Gespräch. Zoologisch gesehen sind sowohl die einhöckrigen als auch die zweihöckrigen Wüstentiere Kamele. Sie sind einfach zwei Arten von derselben Gattung. Wir in Israel und in den umliegenden arabischen Ländern nennen alles nur Gamal (auf Hebräisch und im Beduinendialekt) und Dschamal (auf Hocharabisch). Die Höcker zählen wir nicht, unsere Kamele haben eh nur einen. Die anderen leben in China und der Mongolei. Wenn man einem Beduinen erzählt, es gebe Kamele mit zwei Höckern, bekommt er gleich noch tiefere Stirnfalten und fragt: »Wo?« Über die Frage, welche Kamele zur Zeit der biblischen Erzväter in der Region genutzt wurden, streiten die Forscher noch.

Angekommen in (vermutlich) Haran, weiß Abrahams Knecht, wo er junge Frauen antreffen kann. Bis heute sind Frauen in der orientalischen Kultur kaum unbegleitet unterwegs. Junge Männer wird man in Scharen finden, Gruppen junger Frauen eher nicht. Frauen bleiben meist zu Hause und selbst dort waren sie bis vor zwei Generationen durch Holz- oder Steingitter an Fenstern und am Balkon fast unsichtbar. Wasserholen war aber Frauenarbeit und in manchen Teilen Afrikas ist es das heute noch. Zum Brunnen gehen Frauen auch allein.

So trifft der Knecht Rebekka am Brunnen. Sie bietet dem fremden Mann Wasser an. Das wäre für jede Frau angebracht gewesen. Aber sie bietet zusätzlich an, auch für seine Kamele Wasser zu schöpfen. Ein Kamel trinkt gut 100 l am Stück, große und durstige Kamele 150 l. Wenn jedes der zehn Kamele durchschnittlich 125 l trinkt, muss sie 1 250 l schöpfen – gut 100 Eimer voll. Das Mädchen ist nicht nur vorbildlich erzogen, es ist auch kerngesund. Die Bibel beschreibt sie als »hübsche« Frau.

Biblische Schönheitsideale

Wie die biblischen Namen andeuten, hielten die Menschen damals eher etwas von kräftigen, fülligen Frauen. Rebekkas Name ist abgeleitet von Marbek, dt. »gemästetes Kalb«. Rebekkas Schwiegertöchter hießen Lea und Rahel. Lea bedeutet »Wildkuh«, Rahel »Schaf«. Dieses Schönheitsideal bestätigen archäologische Funde in Israel und den Nachbarländern. Die frühsten Frauendarstellungen im Nahen Osten wurden am Karmel und am Jordan gefunden, einige stammen aus den Jahren zwischen 1900 und 1750 v. Chr., der Erzväterzeit. Dünn sind sie alle nicht.

Bei dem Goldschmuck für Rebekka, einem Ring und Armbändern, verpassen die meisten Übersetzungen, dass es sich um einen Nasenring handelt. Einen halben Schekel wiegt ihr Nasenring, zehn Schekel ihre Armbänder – das macht 119,07 g, die heute je nach Karat zwischen 1 800 und 4 700 € kosten würden. Dass sie in eine reiche Familie heiraten kann, versteht sie spätestens jetzt.

Rebekka wird nicht direkt nach ihrem Heiratswillen gefragt. Ihr Vater und ihr Bruder übernehmen die Entscheidung. Unvorstellbar in unserer westlichen Gesellschaft im 21. Jahrhundert, aber unter Beduinen ist es auch heute noch so. Die Eltern oder der ältere Bruder entscheiden über die Partnerwahl. Obwohl Beduinenmädchen und -jungen heute viel mehr Begegnungsmöglichkeiten als den Brunnen haben, trifft immer der Vater die letzte Entscheidung.

Rebekka wird schon gefragt, ob sie sich noch ein paar Tage von ihrer Familie verabschieden möchte. Sie ist bereit, gleich zu gehen. Wie alt ist sie? Ohne klare Angabe in der Bibel errechneten Rabbiner ihr Alter durch die Kombination mehrerer Jahresangaben anderer Personen in ihrem Leben auf 14 (Seder Olam Rabba 1−2). Die größte Reise in ihrem bisher recht kurzen Leben ist ein One-Way-Ticket ins Unbekannte. In den 4−5 Wochen unterwegs kommt sie von der Steppe ihrer Heimat ins fruchtbare Gebiet der Golanhöhen und Gileads im heutigen Nordjordanien. Vermutlich überqueren sie das Jordantal auf der Höhe von Sichem, wo es am bequemsten ist, und über die mit Olivenhainen und Steineichenwäldern übersäten Hügel Samariens und Judäas kommen sie schließlich in die Wüste Negev. Rebekkas Reise führt sie bei Weitem nicht nur durch langweiliges menschenleeres Land. Auf dieser Strecke sieht sie die große weite Welt. Sie reist durch die Großstadt Aleppo, hört auf dem internationalen Markt von Hama verschiedene Sprachen, bewundert die Bewässerungssysteme von Damaskus und sieht vielleicht den schneebedeckten Berg Hermon im Hintergrund. In Sichem sieht sie eine auffällig hohe Tempelanlage. Als sie an Hebron vorbeikommen, erzählt ihr der Knecht bestimmt, wer neulich dort begraben wurde. Eine Schwiegermutter wird Rebekka nicht haben. Ihren vielleicht 23 Jahre älteren Mann trifft sie in der Wohnstätte der Familie, Beer-Lachai-Roi. Ihr Mann ist noch in die Trauer um seine Mutter versunken. Er nimmt sie symbolträchtig in dasselbe Zelt, in dem seine Mutter vor nicht allzu langer Zeit starb, und gewinnt sie lieb. Solche Eheverkupplungen innerhalb der Großverwandtschaft sind unter Beduinen bis heute geläufig. Immer ziehen die Frauen zur Familie des Mannes. Diese Regel sorgt für klare Finanzverhältnisse. Töchter sind eine Entlastung, sobald sie ausziehen. Für sie und ihre Kinder müssen der Mann und seine Familie sorgen.

Das Paar ist besonders. Isaak ist der einzige Erzvater, der im Laufe seines Lebens Kanaan nie verlassen wird. Rebekka wird 50 Mal in 1. Mose erwähnt, häufiger als jede andere Erzmutter. Über ihr Leben wird am ausführlichsten berichtet. 20 Jahre bleibt sie unfruchtbar. Wenn die rabbinische Rechnung stimmt, wird sie mit 34 Jahren Mutter, und zwar gleich zweifach – von Jakob und Esau.

Jakobs und Esaus Namen

Der Wortstamm des Namens Esau, heb. eigentlich Essaw, bedeutet »fertiggestellt«. Jüdische Exegeten wie Jonathan aus Galiläa im 1. Jh. oder Raschi aus Europa im 12. Jh. führten den Namen Esaus auf seine Behaarung zurück. Er kam »fertig« auf die Welt, mit vielen Haaren auf dem Kopf wie ein Erwachsener. Sein Zwillingsbruder bekam den Namen Ja’akow, in Übersetzungen »Jakob«, bei dem die Bibel den Namen mit seiner Steißgeburt verbindet. Der Wortstamm bedeutet »Ferse«. Esau wird später auch Edom genannt. Die erste Erklärung geht auf das hebräische Wort für »rot« zurück, Adom, als Esau von »dem Roten da« (Genesis 25,30) essen möchte. E und A werden im Hebräischen gleich geschrieben. Die zweite Erklärung bezieht sich auf die Gegend Edom in Südwestjordanien, wo sich Esau niederlassen wird. Dort ist das Granit- und Sandsteingebirge rötlich.

ABRAHAMS LEBENSABEND UND DIE POLYGAMIE

Was ist in der Zwischenzeit aus Abraham geworden? An seinem Lebensabend nimmt er sich eine neue Frau im fruchtbaren Alter, d. h. vielleicht 12−14 Jahre alt. Ein alter Mann und ein minderjähriges Mädchen lässt uns gleich Alarm schlagen, aber in der Beduinengesellschaft im Negev war diese Praxis bis zum Verbot durch den Staat Israel im Jahr 1959 noch weit verbreitet. Sobald ein Mädchen schwanger werden konnte, war es heiratsfähig, und die Heirat war im Interesse der Eltern. Männer haben sich immer gerne weitere Frauen genommen, wenn die fruchtbaren Jahre ihrer bisherigen Frau vorbei waren. Bis heute gilt unter Beduinen: Bis zu vier Frauen kann ein Mann nehmen, solange er sie und ihre Kinder ernähren kann. Dieses Gesetz ist im islamischen Recht verankert, seine Wurzeln sind aber viel älter als der Islam und ergeben sich durch die Lebensumstände in der Wüste. Das Gesetz des Staates Israel verbietet Polygamie, aber wenn man einen Beduinen fragt, wie viele Frauen er hat, lautet die Antwort nicht selten: »Eine im Ausweis, die anderen im Zelt.«

Irgendwann ist auch Abrahams Leben vorbei. Als er im Alter von 175 Jahren stirbt, wird er neben seiner Frau Sara in der Machpelahöhle begraben. Zur Beerdigung treffen sich die verfeindeten Halbbrüder Isaak und Ismael wieder. Isaak kommt aus Beer-Lachai-Roi und Ismael aus den noch südlicheren Wüstenregionen hinauf nach Hebron.

ISAAK ZIEHT NACH GERAR

Was machen Isaak und Rebekka in der Zwischenzeit? Eine Dürre führt sie zurück nach Gerar. Heute definiert man in Israel eine Dürre als ein Jahr mit weniger als 80 Prozent der durchschnittlichen Regenmenge. Im Gebiet von Beer-Lachai-Roi regnet es 100−150 mm im Jahr und es reicht schon, wenn es 2−3 Regentage weniger als sonst gibt, um auf 80 Prozent zu kommen. Heute ist das nur noch ein kleineres Problem. Aber noch vor wenigen Jahren, bevor riesige Meerwasserentsalzungsanlagen in Israel gebaut wurden, hätte man gleich Maßnahmen treffen müssen. Und vor der Erfindung der elektrischen Pumpe bedeutete Dürre sofort Not.

Was konnten Menschen unternehmen? Dorthin gehen, wo es mehr geregnet hat. Genau das machen Isaak und Rebekka. Sie ziehen mit ihren Zwillingen und der mobilen Gemeinschaft 50 km Richtung Mittelmeer nach Gerar. Ihr goldenes Ticket ist das versprochene Bleiberecht, das Isaaks Vater dort bekam. Die Geschichte Abrahams und Saras in Gerar wiederholt sich: Isaak stellt Rebekka als seine Schwester vor, weil er Angst hat, von Einheimischen erschlagen zu werden. Sie ist nämlich besonders hübsch und kann ihm deswegen weggenommen werden. Dieses Mal versteht König Abimelech die Situation schneller als damals bei Abraham und Sara, erkennt das Eskalationspotenzial zwischen der reichen Großfamilie und den Einheimischen und fordert Isaak auf, etwas weiter weg zu ziehen. So lassen sie sich am Ufer des Bachs Gerar nieder. Isaak fängt an, Ackerbau zu betreiben. Er setzt alte Brunnen seines Vaters wieder instand. Heute kann man am Regenbach Gerar einige antike Brunnen aus dem 4.-6. Jh. n. Chr. finden. Sie sehen wie große Steiniglus aus. Diese Brunnenart war auch zu Isaaks Zeit üblich, weil sich die Wassertechnik im Laufe der Jahrhunderte kaum veränderte. Im ersten Moment kommt man nicht auf die Idee, dass es Brunnen sind. Gebaut wurden sie in die Erde, aber diese Erde ist lange weg. In diesem Lössgebiet aus Saharastaub ist der Boden alles andere als stabil. Die Brunnen wurden unweit des Baches gebaut, aber nach jedem Platzregen veränderte sich sein Verlauf.

Isaak findet Wasser, aber nicht irgendeins, sondern einen Brunnen lebendigen Wassers (Genesis 26,19).

Brunnen lebendigen Wassers

Bei der Unterscheidung zwischen einem Brunnen lebendigen Wassers und anderen Brunnen ist die Frage entscheidend, wie das Wasser in den Brunnen kommt. Die meisten Brunnen im Land sind Zisternen. Zisternen werden vom Regenwasser gefüllt. Bis zur Erschließung Jerusalems mit Wasserleitungen nach dem Ersten Weltkrieg waren Hunderte Zisternen in der Stadt in Gebrauch. Ein Brunnen lebendigen Wassers wird von einer Quelle oder vom Grundwasser gespeist und ist nicht direkt vom Regen abhängig. Die Unterscheidung ist für ein paar Reinheitsgebote wichtig, wie z. B. in 3. Mose 15,13. 1 000 Jahre nach Isaak nutzte der Prophet Jeremia den Unterscheid zwischen beiden Brunnenarten als Metapher (Jeremia 2,13). 650 Jahre nach Jeremia verwendete auch Jesus die Unterscheidung der Brunnenarten bei seinem Gespräch mit der samaritanischen Frau an Jakobs Brunnen (Johannes 4,10).

Isaaks Brunnen sorgt für Spannungen und die Familie entscheidet sich nun, die Region komplett zu verlassen. Wohin? Beerscheba. Konsequent bleibt die Familie im Umkreis von 35−50 km im Nordwestnegev, einem überschaubaren Areal. Das ergibt Sinn, weil diese Region am Wüstenrand liegt und die Existenz für Nomaden gesichert ist. Wieso gehen sie nicht gleich in ein fruchtbares Gebiet wie Judäa, Samarien oder Galiläa? Als Fremdlinge ist das nicht so einfach. Dort ist alles schon bewohnt und bewirtschaftet.

Ein weiteres Familiendrama naht. Jakobs Betrug an seinem Vater, bei dem er den Segen stiehlt, den sein Bruder Esau als Erstgeborener bekommen sollte, setzt dem relativ ruhigen Leben in Beerscheba ein Ende. Aus Angst vor seinem Zwillingsbruder flieht er zur Verwandtschaft nach Haran. Die Strecke kennen wir schon von Abrahams Reise nach Kanaan, von der Reise seines Knechtes, um eine Frau für Isaak zu holen, und von Rebekkas Reise ins Land. Jakob folgt der Bergstraße. In Hebron besucht er vielleicht noch die Grabstätte seiner Großeltern. 5−6 Tage nach Aufbruch legt er sich im Freien schlafen und träumt seinen berühmten Traum von der Leiter (Genesis 28,10-22), in Bethel, wo sein Großvater auf das Land blickte. Oberhalb des heutigen Bethel kann man eine schöne Anhöhe besuchen, die »Stätte des Traums Jakobs« genannt wird. Ob Jakob wirklich hier träumte, kann man nicht wissen, aber eine Kultstätte hat es hier schon seit der kanaanäischen Zeit gegeben, erzählen die Funde. Der Geograph und Historiker Prof. Zeev Vilnay schreibt, der Ort sei im israelitischen Reich als Ort des Altars Abrahams und des Traums Jakobs verehrt worden. Auch landschaftlich ist es sehr schön, auf der Anhöhe zu stehen, in die Weite zu blicken und zu wissen: Sehr viel anders war das Gelände nicht, an dem Jakob seinen Traum hatte. Steinig ist es. Zwischen den Felsen wachsen dornige Pflanzen, aber nicht überall. Eine gute Gelegenheit, einen Mittagsschlaf einzuschieben.

HOCHZEITEN UND KAMELE

Jakobs unplanmäßige Heirat mit der falschen Cousine in Haran ist eine bekannte Geschichte. Sein Onkel Laban legt ihn herein und gibt ihm seine ältere Tochter Lea, obwohl er ihm die jüngere Tochter Rahel versprochen hat. Wie kann es sein, dass Jakob das erst nach der Hochzeit feststellt?

Seitdem ich auf einer Beduinenhochzeit war, habe ich eine Vermutung. Im Herbst 2000 machten wir – meine künftige Frau, ihre Schwester, ihr künftiger Mann und ich – im ägyptischen Sinai einen Strandurlaub. Ein beduinischer Taxifahrer lud uns spontan zu einer Hochzeit ein. Wer da heiratete, wusste er nicht so genau. Was er wusste, war, dass es Kamele geben würde. Dass wir das Brautpaar nicht kannten, hat uns nicht abgeschreckt. Wir wollten uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Erst recht nicht, wenn es Kamele geben würde. Wir kamen und sahen – nichts. Zum ersten Mal habe ich den hebräischen Ausdruck Choschech mizrajim, dt. »Ägyptenfinsternis«, am richtigen Ort verwendet. Ursprung des Ausdrucks ist Mose neunte Plage, aber daran denkt kein Mensch mehr, so wie man bei »stockdunkel« nicht an einen Stock denkt. Auf engem Raum quetschten sich Tausende von Menschen. Die Menschmenge war nicht zu überhören. Sie saßen auf dem Boden in Gruppen, standen und liefen ohne ein erkennbares System im Staub. Unsere Gastgeber wollten uns trennen, Frauen zu Frauen, Männer zu Männern. Wie wir einander jemals wiederfinden sollten, war uns nicht klar, also blieben wir hartnäckig zusammen. Auf unsere Frage, wo das Hochzeitspaar wäre, lautete die Antwort: »Hier irgendwo«. Die meisten schienen das Brautpaar genauso wenig zu kennen wie wir. Darauf kommt es bei einem Stammesfest auch nicht an. Auf meine Frage, wo die Kamele wären, nahmen ein paar Männer uns zu einem kleinen Lagerfeuer mit, wo ein Haufen Kinder hüpften. Sie kicherten und hatten viel Spaß. Als jemand eine Taschenlampe anschaltete, wünschten wir uns direkt die Finsternis zurück. Die Kamele waren auch dort. Waren. Sie lagen geschächtet auf dem Boden, ihre Innereien dienten als warmes Trampolin. Die weißen Kleider der Kinder waren, wie auch ihre Hände, Füße und Gesichter, blutrot. Wir wurden gleich zum Sitzplatz am Feuer gebeten, dort würden wir Fleisch bekommen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich heilfroh, dass Kamele nicht koscher sind. Diese Ausrede haben die muslimischen Beduinen mit Respekt akzeptiert. Dass drei von uns keine Juden waren, mussten sie nicht wissen. Stattdessen brachten sie uns Ziegenfleischsuppe in Einwegbechern. Ziegen sind koscher. Schade. Jahre später hat mich ein beduinischer Freund aufgeklärt: Männer und Frauen sind bei Hochzeitsfesten getrennt, die Braut ist bis zum Schluss unter Frauen, der Bräutigam unter Männern. In vielen Fällen sehen sie einander erst in der letzten Nacht im Paarzelt. Und wenn es bei Jakob und Lea ähnlich dunkel war, konnte er sie im Zelt auch ohne Schleier nicht sehen.

Innerhalb von sieben Jahren bekommt Jakob elf Söhne und eine Tochter. Im Kopf haben wir meistens seine zwei Ehefrauen Lea und Rahel als Mütter der Nation, aber vier der Söhne bekam Jakob von zwei Mägden. Nach 20 Jahren bei der Verwandtschaft gibt es Streit. Jakob flieht. Wohin? Für ihn nach Hause, nach Kanaan. Für seine Frauen und Kinder ins Ausland, sie sind alle in Haran geboren und aufgewachsen. Das jüngste Kind ist Josef, sechs Jahre alt. Jakobs Onkel und Schwiegervater Laban jagt ihnen nach und holt sie in Gilead ein, im heutigen Nordjordanien.

JAKOB ZURÜCK IM LAND

Laban und Jakob klären die Sache in Mahanajim, dt. »zwei Lager«. Mahanajim wird häufig mit dem westlicheren der beiden Tels Tulul a-Dhahab identifiziert, 12 km östlich vom Jordan gegenüber von Sichem, direkt in der Jabbokschlucht. Kein Wunder, dass Jakob hier vorbeizieht. Hier führte ein Hauptweg von der Königsstraße nach Samarien. Die Gegend ist malerisch schön. Der Fluss Jabbok, für europäische Verhältnisse ein Bach, sieht hier so kurvig aus, als würde er direkt einer Kinderzeichnung entspringen. Der zweite Hügel wird mit dem Ort identifiziert, an dem Jakob anschließend mit Gott gekämpft hat, Pnuel. Hier bekam Jakob seinen neuen Namen, Israel (Genesis 32,29). Am Kapitelanfang haben wir uns gefragt, welche sichtbaren Spuren Nomaden hinterlassen. In Pnuel wurden Holzkohlen aus der Erzväterzeit gefunden. Ist das nicht faszinierend?

Bei Pnuel versöhnen sich Esau und Jakob nach 20 Jahren Funkstille. Jakob darf seine Heimat wieder betreten. Er lagert vor der Jordanfurt und baut Hütten, weshalb der Ort Sukkot genannt wird (Genesis 33,17). Sukkot bedeutet »Laubhütten«. Diese konnten einfach aufgebaut und genauso schnell wieder abgebaut werden. Noch heute wird im Herbst das jüdische Laubhüttenfest »Sukkot« gefeiert.

Sukkot und Pnuel waren Nachbarorte. Das bestätigt ein Vers aus einer 400 Jahre späteren Geschichte (Richter 8,17). 8 km von Pnuel am Jabbok entlang kommt man nach Deir Alla’, das mit Sukkot identifiziert wird. Die Identifizierung bestätigt der Talmud mit einer Diskussion aus dem 2. Jh.: »… und Sukkot-Tarala …« (Bab. Talmud Shebiith 9,2). Aus dem hebräisch-aramäischen Tarala wurde im Arabischen Deir Alla’.

Wie einst sein Großvater geht auch Jakob die Sonnenuntergangsstraße vom Jordan hinauf nach Sichem und baut einen Altar. Im Gegensatz zu Abraham kauft Jakob ein Grundstück und bleibt dort wohnen. Der Verkäufer ist Sichems Herrscher Chamor, was »Esel« bedeutet (damals war diese Bezeichnung wohl keine Beleidigung). Das Feld kostet Jakob 100 Ksita, was wahrscheinlich »Schafe« bedeutet. Nach heutigen israelischen Preisen wären das umgerechnet 30 000 bis 35 000 €.

Die Grundstücksgröße kennen wir nicht, aber die Lage schon, und zwar ziemlich genau bis heute. Östlich von Sichems Tel liegt ein fruchtbares Tal, das ungefähr 3 km lang ist. Unterhalb des ausgegrabenen Stadttores befindet sich am Talbeginn Josephs Grab. Hier halten wir kurz inne und werfen einen Blick in die Zukunft. Josef ist gerade sechs Jahre alt, aber wir müssen zu seinem Begräbnis springen, um die Bedeutung dieses Ortes zu verstehen. In der Bibel wird berichtet, dass Josef im Feld seines Vaters begraben wurde (Josua 24,32). Josefs Grab wird hier schon lange verehrt. Der älteste bekannte Bericht einer Pilgerreise ins Heilige Land stammt aus dem Jahr 333 n. Chr. Dort beschreibt ein Reisender aus Bordeaux den Ort »Sechim [Sichem]. Dort ist ein Monumentum gelegen, wo Joseph beigesetzt ist auf dem Gut, das ihm sein Vater gegeben hat.« 4 Kirchenvater Eusebius beschreibt »Sychem […] Jakobs Stadt, die heute zerstört ist, und man zeigt den Ort am Rande von Neapolis, dort ist auch Josefs Grab zu sehen« 5. Sichem hieß im 4. Jahrhundert »Neapolis«. Der arabische Stadtname »Nablus« ist die Anpassung von »Neapolis« ins Arabische.

Jakobs Tage in Sichem werden spannender, als er es sich vorgestellt hat. Nach einem gewaltsamen Streit mit Sichems Bevölkerung (Genesis 34) macht er sich wieder auf den Weg. Und wieder folgt er den Spuren seines Großvaters und geht nach Bethel. Hier hat er vor über 20 Jahren seinen berühmten Traum gehabt. Jetzt stirbt hier Debora, Rebekkas Amme. Sie wird unter einer Eiche begraben. Auf Bethels Anhöhe wächst auch heute eine majestätische Eiche. Diese Aleppo-Eiche ist »nur« rund 1 000 Jahre alt, gibt aber eine Vorstellung, wie markant ein solcher »Punkt« in der Landschaft sein kann, eine sichtbare Koordinate. Hier in Bethel wiederholt Gott sein Versprechen, das Land Jakobs Nachkommen zu geben (Genesis 35,12).

Die Familie zieht weiter nach Süden. Rahel hat lange auf ihre erste Schwangerschaft gewartet. Jetzt ist sie zum zweiten Mal schwanger. Südlich von Bethel bringt sie Benjamin zur Welt. Er ist der letzte von 12 Söhnen, die später für die 12 Stämme Israels stehen werden. Die Geburt wird sie bekanntlich nicht überleben. Jakob begräbt seine geliebte Frau und richtet über ihrem Grab einen Gedenkstein auf (Genesis 35,20). Das sogenannte »Grab Rahels« liegt im Norden Bethlehems, fast in Jerusalem. Das Gebäude stammt aus dem 17. Jh. n. Chr., aber aus dem Neuen Testament lernen wir, dass man schon zur Zeit Jesu Rahel mit Bethlehem in Verbindung brachte. Vermutlich gedachte man ihrer schon damals an einer Grabstätte in Bethlehem. Sonst hätte Matthäus im Kindermord zu Bethlehem nicht die Erfüllung der Prophetie Jeremias über Rahels Weinen (Jeremia 31,15) gesehen (Matthäus 2,17-18). Eine genaue Betrachtung der Ortsangaben an mehreren Bibelstellen »verschiebt« Rahels Grab aber weiter nach Norden. Rahel starb »am Weg nach Efrata, das ist Bethlehem« (Genesis 35,19). Der »Weg« sind 30 km der Bergstraße zwischen Bethel und Bethlehem. Laut Jeremia sollten wir bei Rama suchen (Jeremia 31,15), heute das palästinensische A-Ram in Jerusalems Norden. Unterhalb des Ortes befinden sich Überreste eines Monumentengrabes aus dem Zeitalter der Erzväter, Kubur Bane Israil auf Arabisch, dt. »Gräber der Söhne Israels«. Der Prophet Samuel kannte das »Grab Rahels, an der Grenze von Benjamin« (1. Samuel 10,2). Der hebräische Ausdruck »an der Grenze« bedeutet »innerhalb«. Bethlehem liegt im Stammesgebiet Juda, Rama und das Monumentengrab liegen im Stammesgebiet Benjamin. Benjamin ist Jakobs einziger Sohn, der im Land geboren ist. Wie symbolisch: Benjamins Nachkommen werden seinen Geburtsort erben.

Zum traditionellen Grab Rahels in Bethlehem kommen Massen frommer Juden. Viele von ihnen nehmen eine weite Anreise in Kauf und wollen dort beten, oft wegen eines Lebenspartner- oder Kinderwunsches. Ihre Biografie macht Rahel zum Inbegriff einer auf einen Lebenspartner und auf ein Kind wartenden Frau. Die jüdische Tradition nimmt an, dass Rahel am 11. Cheschvan (Oktober/November) starb. An diesem Tag findet jährlich ein Fest an »Rahels Grab« in Bethlehem mit 100 000 Besuchern statt. Rahels Spuren prägen das Leben in Israel auch heute noch.

JOSEF

Nach weiteren 2-3 Tagen Fußweg kommt Jakob endlich an sein Ziel. Er will nach Hebron zu seinem Vater. Rabbi Tuvia Ben Elieser (11. Jh. in Mazedonien) errechnet: 91 Jahre alt war Jakob, als Josef geboren wurde, sechs weitere Jahre arbeitete er als Hirte, zwei Jahre war er unterwegs, so war er 99 Jahre alt, als er zu seinem Vater Isaak kam. Folglich war Isaak 159 Jahre alt, als Jakob aus Paddan Aram kam. Isaak lebte danach noch 21 Jahre. Wenn Josef mit 17 verkauft wurde, starb Isaak vier Jahre nach Josefs Verkauf (Lekach Tov, Bereschit 35). Jakob begräbt ihn, wie schon Abraham und Sara, in der Machpelahöhle. Auch er möchte eines Tages dort begraben werden. Nun lässt er sich in Hebron nieder.

Josef wächst also in Hebron auf. Mit 17 Jahren kennt er die Bergstraße schon so gut, dass er allein zu seinen Brüdern nach Sichem geschickt werden kann,100 km entfernt.

Begleiten wir Josef auf sein Abenteuer. Am dritten Tag kommt er am Grab seiner Mutter vorbei. Sicher schmerzt die Erinnerung noch immer. Auf dem Weg lauern Gefahren. Weiter nördlich führt die Straße durch das 100 m schmale Wadi Harramiyya. Der heutige arabische Name bedeutet »Räuberschlucht« und veranschaulicht das Risiko im 8 km langen bewaldeten Abschnitt ohne Fluchtmöglichkeiten. Gefährlich waren für Josef nicht nur Menschen. Im dichten Wald lebten auch Löwen und Bären. Doch er schafft es sicher nach Sichem – und findet seine Brüder nicht. Vier Tage umsonst gelaufen? So schnell gibt er nicht auf. Er geht zum Feld der Familie. Dass er eines Tages auf demselben Feld begraben und zu einer »lebenden Spur« im Leben des jüdischen Volkes noch Jahrtausende später werden wird, kann er nicht ahnen. Auf dem Feld begegnet er einem Mann, den er nach seinen Brüdern fragen kann. Ihm muss Josef nicht erklären, wer seine Brüder sind. Lange genug lebte die Familie in Sichem, dass der Mann Josef erkennt. Und das Grundstück besitzen sie ja nach wie vor. Der Mann weiß, dass die Brüder nach Dotan gehen wollten, und zeigt Josef den Weg.

Dotan war eine wichtige kanaanäische Stadt an der Bergstraße, 28 km nördlich von Sichem. Der Name Dotan ist im Mund der einheimischen Araber unverändert geblieben. Zur Zeit Josefs war die Stadt schon 1 600 Jahre alt und 4 ha groß. Josef läuft einen weiteren ungeplanten Tag. Wo kann er die Brüder am besten antreffen? Früher oder später würden sie schon eine Wasserstelle aufsuchen müssen. Direkt unterhalb des Tels befinden sich drei Zisternen. Eine davon wurde im 17. Jh. n. Chr. auf 20 m vertieft und erreicht seitdem das Grundwasser. Später wurde in einem kleinen Häuschen neben ihr eine Viehkraftpumpe gebaut, die im 20. Jh. von den Briten durch eine Motorpumpe ersetzt wurde. Die zwei anderen Zisternen sind unverändert geblieben. An diesen Zisternen versteht man den Ablauf der biblischen Geschichte sofort. Von hier aus haben wir freie Sicht auf den Weg, der aus Sichem kommt.

ZISTERNEN VON DOTAN

Josefs Brüder sind gerade an den Zisternen, als Josef aus Sichem kommt. Sie sehen ihn aus der Ferne, wie man auch heute jeden Passanten bis 800 m weit sehen kann. Sein gestreiftes Kleid macht ihn noch sichtbarer. Was machen die Brüder an den Zisternen? Hier haben sie ihre Herde wohl nicht weiden lassen, die direkte Umgebung ist voller Äcker und Haine, sodass kein Landbesitzer mit einer Herde einverstanden wäre. Doch zweimal am Tag muss das Vieh von den umliegenden Hügeln zum Wasser gebracht werden, frühmorgens und am Nachmittag. Wenn Josef am Morgen in Sichem losging, kommt er am Nachmittag an, wahrscheinlich zur zweiten Tränkzeit. Neben den Zisternen steht auch heute noch ein verlassenes Trink- und Waschbecken für Schafe. Die Anlage ist aus Beton, aber vielleicht ersetzt sie eine ältere.

Versetzen wir uns kurz in die Lage der Brüder, während Josef näher kommt. Sie sind zwischen 18 und 24 Jahre alt. Warum sind sie alle so wütend auf ihn? Es geht nicht nur darum, dass Josef vom Vater mehr geliebt wird. Letztendlich geht es ums Geld: Josef ist fast der Jüngste und sein Vater behandelt ihn, als wäre er der Älteste. Älteste erben doppelt. Ein Blick in die Zukunft verrät uns, dass Josef später tatsächlich das Doppelte erben wird. Jeder Bruder wird Stammesvater von einem Stamm Israels werden, er von zwei, Ephraim und Manasse.

Die Brüder stehen sicher vor mehreren Zisternen, weil sie planen, Josef erst zu ermorden und seine Leiche dann in eine der Zisternen zu werfen (Genesis 37,20). Vor den drei Zisternen Dotans versteht man warum. Im Radius von 2 km gibt es übrigens neun Zisternen. Sechs liegen vereinzelt, nur hier liegen drei beieinander.

Ruben schlägt vor, Josef »in diese Zisterne, die in der Wüste ist« zu werfen (Genesis 37,22). Wüste? Es ist hier typisch mediterran, die nächste Wüste ist 100 km entfernt. Diesmal ist die Übersetzung korrekt. Auch im Hebräischen steht »Wüste«. Etliche Rabbiner kamen zu der Überzeugung, dass der Begriff Wüste in diesem Vers »trocken« bedeuten soll. Wahrscheinlich ist hier also nicht die Wüste, sondern eine Zisterne gemeint, die gerade leer war. In diese warfen die Brüder Josef also hinein.

Wer die Geschichte kennt, weiß auch: Josef wird nicht ewig dort bleiben, sondern von vorbeiziehenden Händlern gerettet werden. Wenn wir Dotans Lage an der Bergstraße kennen, überrascht uns das Vorbeiziehen der Händler-Karawane nicht. Ihre Route vom Gilead nach Ägypten passt genau. Irgendwo bei Beit Shean überquerten sie den Jordan. Die Brüder verkaufen den verhassten kleinen Bruder als Sklaven. Die Geschäftsleute zahlen 20 Silberschekel, einen damals angemessenen Preis für einen Sklaven. 6

JAKOBS TOD UND DIE SCHIV’A

Die Geschichte geht weiter, wie wir sie kennen: Josef wird als Sklave nach Ägypten gebracht. Über Umwege wird er hier später als Pharaos rechte Hand herrschen. Nach einer dramatischen Wiedervereinigung mit seinen Brüdern lässt Josef seinen Vater zu sich nach Ägypten holen. Jakobs Weg, wahrscheinlich aus Hebron, führt über Beerscheba. Ausgerechnet hier, betont die Bibel, opferte Jakob dem Gott seines Vaters Isaak Schlachtopfer (Genesis 46,1). Jakob weiß sicher, dass sein Vater hier aufwuchs. Vielleicht musste er hier besonders an ihn denken und wollte Gott für den Bund mit seiner Familie danken. Fünf bis sieben Tage später ist Jakob am Nil, 17 Jahre später stirbt er dort. Als letzten Wunsch bittet er Josef darum, ihn im Familiengrab zu begraben. Nach Jakobs Einbalsamierung nach ägyptischer Art überführt ihn Josef mit den Brüdern und einer königlich-ägyptischen Begleitung nach Hebron. Dieses Mal wählen sie nicht die Kurzstrecke über Beerscheba. Der Text gibt Goren-Atad als Station an. Goren bedeutet »Tenne«, Atad ist eine Strauchart. Wo dieser Ort genau lag, wissen wir nicht, doch auf jeden Fall jenseits des Jordan (Genesis 50,10), vielleicht gar nicht so weit von Jericho. Wieso entscheidet sich Josef für diese Route hinter dem Toten Meer, obwohl sie die Strecke um mehr als die Hälfte verlängert? Rabbiner schlugen unterschiedliche Argumente vor. Etliche nahmen an, Josef wollte Ärger mit mächtigen kanaanäischen Königen in Südjudäa und im nördlichen Negev vermeiden. An der Tenne hielten sie eine siebentägige Trauerfeier. Sieben heißt auf Hebräisch Schiv’a. Bis heute werden jüdische Trauerfeiern als Schiv’a bezeichnet.

Mit Jakobs Tod endet unsere Reise auf den Spuren der Erzväter. Für die Erzväter hieß das Land, das ihnen verheißen wurde, »Kanaan« und dessen Bevölkerung »Kanaaniter«. Aber wer waren eigentlich die Kanaaniter?

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Wer waren die Kanaaniter?

Die Sonderrolle des Landes beginnt mit Abrahams Ankunft vor über 3 750 Jahren. Damals hieß es Knaan, dt. »Kanaan«. Was verstehen wir unter Kanaan? Kanaan ist eine Bezeichnung für den Landstreifen am östlichen Mittelmeer zwischen Gaza und Ugarit im heutigen Syrien. Der Wortstamm bedeutete »Purpur«. Dieses Gebiet war bekannt als Zentrum der Purpurherstellung. Wenn damals von einem »Volk« die Rede war, meinte man die Bevölkerung einer Stadt oder besser gesagt eines ausgewachsenen Dorfes. Es gab kein vereintes kanaanäisches Volk. Eine kanaanäische Stadt bestand aus ein paar Dutzend Häusern, oft ummauert, meistens auf einer Fläche von 6−20 ha. Die größte Stadt des Landes war zur Zeit Abrahams Hazor mit fast 80 ha – viel größer als alle anderen damaligen Städte, aber viel kleiner als ein durchschnittliches modernes Dorf. Dörfer waren noch kleiner, eher wie kleine Weiler für unsere Begriffe. In den weniger fruchtbaren Gebieten und zwischen Siedlungen standen Nomadenzelte.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Kanaaniter waren eine Hochkultur. Ihre ausgegrabenen Städte und Festungen zeigen es. Sie pflegten eine strukturierte Religionspraxis mit Priestern und Schriftgelehrten. Theologische Grundlage war eine verzweigte Mythologie, die den Glauben an den Vatergott El einschloss. El heiratete Aschera, Göttin der Erde. Zusammen bekamen sie Baal (Regen- und Sturmgott), Astarte (Liebes- und Schönheitsgöttin), Anat (Kriegs- und Jagdgöttin), Jam (Meeresgott), Mot (Todesgott) und weitere Götterkinder. Nach einem dramatischen Machtkampf konnte Baal die Vorherrschaft erringen. Der Machtkampf involvierte viele Naturgewalten und bot so eine Erklärung für Naturphänomene, die Menschen nicht verstanden. Der Götterdienst enthielt Brand- und Trankopfer am Altar, also Fleisch und Wein. Konkrete Verbote in der Bibel für Israel lassen uns einiges über die Religion der Kanaaniter schlussfolgern. In der Hoffnung auf gute Ernte hatten Baalspriester und manchmal ganze Volksmassen Geschlechtsverkehr mit Ascherapriesterinnen. Das sollte den Regen auf den Feldern symbolisieren. Diese Praxis verbot Gott Israel ausdrücklich (5. Mose 23,18). Im Hebräischen wird hier nicht das gewöhnliche Wort für Hure verwendet, sondern Kdescha, eine abgeleitete Bezeichnung vom Wortstamm »heilig«. Gemeint ist der heilige Geschlechtsverkehr. Manchmal ließen sich auch Israeliten vom Kult beeinflussen, beispielsweise indem sie Bäume pflanzten, um der Fruchtbarkeitsgöttin Aschera zu huldigen. Deshalb war es Israel verboten, Bäume im Tempel zu pflanzen (5. Mose 16,21). Weil die Ascherabildnisse aus Holz waren, sind heute keine mehr zu finden. Gott gebot Israel sogar deren Verbrennung (5. Mose 12,3). In Arad fand man in kanaanäischen Häusern einen größeren, in den Boden eingelassenen Stein, der keine statische Funktion hatte. Einige Forscher glauben, das sei einer der Gedenksteine, die den Israeliten explizit verboten wurden (3. Mose 26,1; 5. Mose 16,22). Solche Säulen sollten die Israeliten zerschlagen (5. Mose 7,5). Faszinierend, wie jahrtausendealte Verbote und Gebote heute noch im Gelände sichtbar sind!

Gibt es noch weitere sichtbare Spuren der Kanaaniter? Ja, allerdings! Zeugnisse der Kanaaniter finden wir in den frühsten Schichten von rund 200 Tels im ganzen Land. Einige dieser Tels kommen schon in den Erzvätergeschichten vor. Ein paar von ihnen sind bis heute bewohnt, wie Sichem und Hebron, von anderen sind nur Trümmerhaufen geblieben. Viele Kanaaniterstädte kommen in der Bibel erst später vor, aber die Archäologie zeigt, dass es sie bereits zur Erzväterzeit gab, wie Akko, Jerusalem, Megiddo, Geser, Jaffa, Lachisch oder Jericho. Vor Ort kannst du dich an kanaanäische Mauerwerke anlehnen, in kanaanäischen Zisternen und Quellanlagen planschen und auf kanaanäischem Straßenpflaster laufen. Und das noch nach knapp 4 000 Jahren – was für ein Privileg! Archäologen finden immer wieder Geschirr und Schmuck aus den Überresten kanaanäischer Städte, die du heute in einigen Museen selbst bestaunen kannst. Solche greifbaren Eindrücke helfen dabei, diese längst vergangene Zeit besser zu verstehen.

Bei seiner Ankunft in Kanaan fand Abraham viele Dörfer und einige Städte vor. Für seine Verhältnisse war das Gebiet vermutlich dicht besiedelt. Vier bis fünf Jahrhunderte nach den Erzvätern führten die Israeliten Eroberungskriege gegen die Kanaaniter, die nach und nach von der Bühne der Menschheitsgeschichte und der biblischen Erzählung abtraten. Damit verlor der Name Kanaan an Aktualität und wurde irgendwann nur noch im Rückblick gebraucht.

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Zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum

Die Lage der Region zwischen Wüste und Meer sorgte für enge Nachbarschaft von Sesshaften und Nomaden. Die einen lebten von Acker- und Obstbau, die anderen von Viehzucht. Meistens vertrug sich die Nachbarschaft – bis die Ressourcen knapp wurden. Dürre zwingt Nomaden dazu, ihre Herden auf Äcker zu führen, was für Bauern natürlich eine Katastrophe ist. Eine solche Situation löste sogar schon mindestens einmal einen Krieg aus (Richter 6-7). Spannungen zwischen Sesshaften und Nomaden blieb Teil des Lebens im Land bis zum Ersten Weltkrieg. Erst dann haben die neuen Herrscher des Landes den Ackerüberfällen ein Ende gesetzt.

Die alte Feindschaft ist bis heute teilweise spürbar. Obwohl Beduinen seit zwei Generationen sesshaft geworden sind und oft gar kein Vieh mehr besitzen, begegnen ihnen die Bewohner benachbarter arabischer Dörfer mit Misstrauen. Dabei leben sie selbst auch nicht mehr vom Ackerbau. Vor wenigen Jahren nahm mich ein Bekannter aus einem arabischen Dorf in Untergaliläa in seinem Auto mit. Unterwegs erzählte er mir unaufgefordert, wer die größten Feinde seines Dorfes sind: die inzwischen sesshaft gewordenen Beduinen im Nachbardorf. »Wenn Jugendliche von dort durch unser Dorf fahren wollen, lassen wir sie auf keinen Fall durch. Wir verprügeln sie, bis sie lernen, unser Dorf nicht zu betreten. Wir betreten ihr Dorf ja auch nicht einfach so«, erzählte er. »Warum mögt ihr sie so wenig?«, habe ich gefragt. »Es war schon immer so«, lautete seine Antwort.

Obwohl Nomadentum und Sesshaftigkeit Gegensätze sind, schließt die eine Lebensweise die andere nicht aus. Bis vor drei, vier Generationen kam es immer wieder vor, dass Nomaden über längere Zeit an derselben Stelle blieben und lebten wie Sesshafte. Auch umgekehrt konnte es vorkommen, dass Sesshafte für gewisse Zeiten zu Nomaden wurden, meistens aus der Not. So war es auch bei Abraham, als er seine Heimat Ur verlassen hat.

Unter dem sesshaften Leben zu jener Zeit können wir uns etwas vorstellen. Klar war das Leben in einem Dorf zur biblischen Zeit in Israel anders als in einer europäischen Stadt heute, aber trotzdem ist unser Blickwinkel auf das Leben ähnlich. Das nomadische Leben hingegen ist uns vermutlich recht fremd. Am meisten können wir von Beduinen darüber lernen. Davon leben heute noch ca. 300 000 in Israel.

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9783775175173
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Hänssler
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