Kitabı oxu: «Goodbye, Bukarest»

Şrift:

Astrid Seeberger

Goodbye, Bukarest

Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek


Für Lech

Es dunkelt.

Europas Karte ist mit Blut befleckt.

Das Violoncello aber gibt nicht auf.

Und der Chor erzeugt die Ordnung,

die der Welt misslungen ist.

Kjell Espmark aus Evangelisten

im Band Skapelsen (Die Schöpfung)

Einige Namen wurden auf Wunsch der Lebenden und Hinterbliebenen geändert.

Inhalt

Auf der Insel, 9. November 2014

Auf der Insel, 10. November 2014

Auf der Insel, 12. November 2014

Auf der Insel, 16. November 2014

Auf der Insel, 22. November 2014

Auf der Insel, 9. Dezember 2014

Auf der Insel, 22. Dezember 2014

Auf der Insel, 1. Januar 2015

Auf der Insel, 12. Januar 2015

Auf der Insel, 2. Februar 2015

Auf der Insel, 11. März 2015

Auf der Suche nach Bruno: Wannsee, im April 2015

Dmitri Fjodorows alias Hannes Grünhoffs Geschichte

Teil 1

Dmitri Fjodorows alias Hannes Grünhoffs Geschichte

Teil 2

Dmitri Fjodorows alias Hannes Grünhoffs Geschichte

Teil 3

Dmitri Fjodorows alias Hannes Grünhoffs Geschichte

Teil 4

Auf der Suche nach Bruno: Bukarest, im Juni 2015

Auf der Suche nach Bruno: Berg, Oktober 2015

Wolfgang Müllers Geschichte

Auf der Suche nach Bruno: München, Oktober 2015

Jakob Seebergers Geschichte

Auf der Suche nach Bruno: München, Oktober 2015

Dinu Adamescus Geschichte

Auf der Suche nach Bruno: Münsing, Oktober 2015

Heimkehr, Oktober 2015

Auf der Insel, 9. November 2014

Das Festland ist nicht zu sehen, nur Nebel, als wäre die Insel weit fortgetrieben. Kälte dringt durch Mark und Bein. Wäre Lech doch hier und würde mich in seinen Armen wärmen.

Einmal – es war im letzten Sommer, als wir gerade aufgewacht waren – sagte er, es gäbe Tage, in die man sich stürze wie in die Arme seiner Geliebten: Tage, an denen alles einen Glanz besaß. Dann gibt es die anderen Tage. Über die aber sprach er nicht, ich auch nicht, damals nicht. Tage, die, wie Lars Gustafsson schrieb, gleich einer Nadelspitze sind. Und »auf dieser Nadelspitze leben wir, wie die Engel«, die fallenden Engel, die »am Kometenschweif ihres langen Haares« in die Tiefe stürzen.

Heute ist so ein Nadelspitzentag. Und diese Nadelspitze ist zu spüren. Lech ist wieder ins Krankenhaus gekommen. Es hatte angefangen, als wir nach Bukarest fahren wollten. Er bekam eine Lungenentzündung. Das geschieht schnell, wenn man COPD hat. Als Ärztin weiß ich das, ich weiß mehr, als ich manchmal wissen will. Auch, dass das Schlimmste passieren kann, wenn man Lungenentzündung und zugleich COPD hat. Es gibt ein Wissen, das wie eine Nadelspitze im Herzen ist.

Gestern saß ich an seinem Krankenbett. Er schlief die meiste Zeit, eine Sauerstoffmaske über Nase und Mund. Als ich seine Hand streichelte, war die heiß. Oder wie sein Arzt sagte: Das Fieber tobt in seinem Körper. Ich musste an einen meiner Patienten denken, einen alten Priester, der lebensgefährlich erkrankt war. Er sagte mit kaum vernehmbarer Stimme, es sei wichtig, die Kategorie des Jubels lebendig zu erhalten. Ich hätte ihn fragen sollen, wie man das macht.

Hätte Lech nicht mit drei anderen Patienten im Zimmer gelegen, wäre ich dortgeblieben. Nun war ich gezwungen, ihn zu verlassen. Es war dunkel, als ich nach Hause fuhr. Kurz vor Råby graste ein Rudel Damhirsche neben der Straße, im Scheinwerferlicht leuchteten ihre Augen rot. Wie das Ewige Licht in der Kirche meiner Kindheit, das stets brannte, dank Alois, dem kleinen rundlichen Pfarrer, der Vaters Freund war. Allmorgendlich füllte er das Öl in der roten Lampe nach. Wie Lech einmal zu mir gesagt hatte: Es sind wir Menschen, die Ewigkeiten füreinander schaffen.

Ich bog von der Straße ab in die Allee. Bei den Briefkästen an der Brücke hielt ich an. Ich hatte einen Brief bekommen, von der rumänischen Fluggesellschaft TAROM. Ich legte ihn auf den Beifahrersitz und fuhr über die Brücke zu unserem Haus. Die Fenster waren dunkel, kein Laut war zu hören. Als ich aus dem Wagen stieg, fühlte ich mich wie die Letzte eines vertriebenen Volkes.

Das Erste, was ich beim Betreten des Hauses sah, war Lechs Pullover. Er lag auf dem Stuhl in der Diele, als hätte er ihn gerade dort abgelegt. Ich berührte ihn, als könnte mir das helfen, und ging ins Schreibzimmer. Dort legte ich den Brief auf den Schreibtisch, ungeöffnet. Wie soll man einen Brief, der alles entscheidet, an einem Nadelspitzentag lesen können?

Stattdessen streckte ich mich im Wohnzimmer auf dem Sofa aus, auf dem mit dem Wolfspelz, einem großen, schönen Wolfspelz. Lech hatte ihn auf einer Auktion für mich erstanden. Noch bevor ich erfahren hatte, wem Großvater seinen Wolfspelz umgelegt hatte. In meiner Kindheit hatte er ihn mir umgelegt. Und gesagt, nun könne mich keine Kälte der Welt mehr treffen. Vielleicht hat er das auch zu der anderen gesagt. Doch sagte er nie das, was Mutter sagte: dass Wölfe nie verstummen, nicht einmal, wenn sie zu Pelzen geworden sind. Erst, wenn sie auch das Letzte vom Menschen verschlungen haben, sein zitterndes Herz.

Ich fühlte die Müdigkeit bleischwer kommen. All diese unruhigen Nächte, in denen die Geräusche, die selbstverständlich waren, fehlten: Lechs Atemzüge, dicht neben mir.

Auf der Insel, 10. November 2014

Ich wachte auf dem Sofa auf, weil ich fror. Die Uhr zeigte nach Mitternacht. Ich holte Lechs Pullover und legte ihn mir um die Schultern. Dann setzte ich mich an den Schreibtisch und rief im Krankenhaus an. Es dauerte eine Weile, bis jemand antwortete, eine Krankenschwester, die barsch erklärte, Lechs Zustand sei stabil. Als Ärztin weiß man, was das bedeutet: Keine Besserung. Genauso kurzatmig. Genauso fiebrig.

Ich schaute das Bild an, das neben dem Telefon stand: ein Foto von Chopin, das einzige, das es von ihm gibt, im selben Jahr aufgenommen, als er starb, erst neununddreißig Jahre alt. Er sitzt aufrecht an einem Fenster, die eine Hand auf die andere gelegt. Das Gesicht, umrahmt von dunklem welligem Haar, ist schön, mit hoher Stirn, gerader Nase und männlich energischem Kinn. Er hätte kraftvoll aussehen können, wäre da nicht der Mund gewesen – ein feingezeichneter, sinnlicher Mund – und die Augen, vor allem die Augen, die einem Abgrund an Trauer glichen. Vielleicht wusste er, was ihn erwartete.

Das Bild stand da, weil mir ein anderes fehlte, das, das Mutter in ihrem Fotoalbum hatte und Bruno zeigte, ihren ältesten Bruder. Wenn Mutter nicht gesagt hätte, es sei Bruno, hätte man geglaubt, es wäre Chopin. Sie ähnelten einander wie Zwillingsbrüder. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war, dass Chopin Dichterkleidung trug und Bruno die Uniform von Hitlers Luftwaffe.

Mutter hatte Brunos Bild verbrannt. Sie hatte alles verbrannt, alle Bilder, alle Papiere, alle Briefe, jedes Detail, das von ihrem früheren Leben zeugte. Sie sei rasend geworden, sagte sie, als sie daran dachte, was aus ihrem Leben geworden war. Ein Leben, das ihr ein Flüchtlingsgesicht gegeben hatte. Das Schlimmste war, dass sie dieses Gesicht noch immer hatte, als sie starb. Bevor sie selbst verbrannt wurde.

Ein einziges Bild war dem Feuer der Raserei entkommen: ein kleines vergilbtes Foto mit gezacktem weißem Rand. Es lag in Mutters Portemonnaie, das mir eine Schwester des Stuttgarter Krankenhauses nach ihrem Tod gegeben hatte. Auf dem Foto steht ein schmales dunkelhaariges Mädchen zwischen zwei jungen Männern mit dunklem welligem Haar. Alle drei lächeln mit ihrem feingezeichneten, sinnlichen Mund. Ihre Augen jedoch sind zu klein, als dass man einen Ausdruck in ihnen erkennen könnte. Das war Mutter mit ihren Brüdern, Bruno und Ewald, ein Jahr bevor der Krieg ausbrach.

Sie sagte, sie würde sie über alles lieben: Bruno, dem es gelang, dass alles, was er berührte, zu zittern aufhörte, auch die Menschen, auch Mutter, und dann Ewald, bei dem die Frauen vor Lust auf ihn erbebten, auch der eine oder andere Mann. Als Mutter erfuhr, dass Ewald den Krieg überlebt hatte, verschwand ihr Flüchtlingsgesicht, doch nur für kurze Zeit. Bruno hingegen war tot. Das hatte Mutter in meiner Kindheit immer wieder gesagt: dass Stalingrad Brunos Grab geworden war.

Als ich klein war und in meinem Bett lag, dachte ich oft an Bruno. Mutter hatte die Nachttischlampe gelöscht, und die Schatten kamen. Doch bekam ich keine Angst, wenn ich an Bruno dachte. Obgleich es Gedanken waren, die ein Kind erschrecken müssten. Ich versetzte mich nach Stalingrad, zu Bruno, der, vom Himmel geschossen, im kalten russischen Schnee lag. Ich sah, wie Stalingrads Ratten kamen und ihn wärmten, sich weich an seinen gekrümmten Körper drückten, bis er nicht mehr zitterte, nur still dalag, vollkommen still und tot. Während die Augen der Ratten im Dunkeln wie kleine rote Lämpchen leuchteten.

Mutter hat gelogen. Bruno war nicht tot. Er war aus einem anderen Grund nicht aus dem Krieg heimgekehrt. Er hatte mit seiner Familie gebrochen. Wollte sie nie mehr wiedersehen. Nicht nach dem, was Großvater getan hatte. Warum hat Mutter gelogen? War die Wahrheit allzu schändlich? Oder war sie zu schmerzhaft?

Vielleicht hätte sie es erzählt, wenn ich bei ihr geblieben wäre. Ich war kaum erwachsen, als ich auf und davon bin. Weg von Mutter, die sagte, ich sei ihr Ein und Alles. Weg von Vater, der immer mehr zusammenschrumpfte, auf jede Weise. Weg von meinem Freund, dem Dozenten für slawische Sprachen, der wollte, dass ich sein Leben mit ihm teilte. Vor allem aber weg aus Deutschland. Ich wollte keine Deutsche sein. Ich wollte zu keinem Land gehören, das so Schreckliches verbrochen hatte. Als ich nach Stockholm kam, erst siebzehn Jahre alt, war ich voller Euphorie. Und frei.

Mutter hat es mir nie erzählt, nur dem Alois, obgleich die beiden sich seit vielen Jahren nicht gesehen hatten. Sie suchte nach ihm, als wäre er der Einzige, den sie noch hatte, um sich ihm anzuvertrauen. Ihm erzählte sie das Unfassbare, was geschehen war. Und dass sie all die Jahre nach Bruno gesucht hatte. Am Ende hatte sie herausgefunden, wo er sich befand: in Bukarest, als Pilot der rumänischen Fluggesellschaft TAROM. Sie hatte mehrere Briefe an seine Adresse gesandt, doch nie eine Antwort erhalten. Wäre sie noch bei Kräften, sagte sie zu Alois, würde sie hinfahren. Kurz nach ihrer Begegnung war sie gestorben, als der einsamste Mensch auf Erden.

Warum hatte sie Alois nicht Brunos Adresse gegeben? Und auch meine nicht, so als spielte ich in Mutters Leben keine Rolle mehr. Erst als eins meiner Bücher in Deutschland herausgekommen war, hatte mich Alois über meinen deutschen Verlag ausfindig gemacht. Er schrieb, er wolle mich treffen. Die Wahrheit über meine Familie gehöre mir. Sie sei Teil meines Erbes.

Ich vermied es, den Brief von TAROM anzusehen, obwohl er auf dem Schreibtisch lag. Vielleicht war es ja ein gutes Zeichen, dass sich die Antwort hinausgezögert hatte. Die Reaktion der rumänischen Botschaft war rasch erfolgt: Sie wollten mir gern helfen, benötigten jedoch die genauen Geburtsdaten von Bruno. Auch deutsche und polnische Archive wollten mehr wissen als nur Brunos Namen und eine vage Angabe zu seinem Alter. Doch in Mutters hinterlassenen Papieren stand nichts über Bruno. Und Alfred, Mutters jüngster Bruder, der Einzige ihrer Geschwister, der noch lebte, war schwer herzkrank und erinnerte sich an nichts.

Ich nahm den Brief zur Hand. Er wog nur wenig, obwohl er über alles entschied. Schon wollte ich ihn wieder weglegen. Aber würde es denn einfacher sein, ihn später zu öffnen? Ich riss das Kuvert auf und las. Las den Brief ein ums andere Mal. Die Buchstaben gerieten immer mehr ins Wanken. Doch stand es da, klar und deutlich: »We regret being unable to help you …«

Auf der Insel, 12. November 2014

Lech geht es besser, das Fieber hat ihn endlich aus seinen Fängen gelassen. Doch braucht er noch immer Sauerstoff. Und mit einer Sauerstoffmaske auf Nase und Mund lässt es sich nur schlecht reden. Also habe ich ihm ein Stück aus W. G. Sebalds Ringe des Saturn vorgelesen, die Geschichte vom Bauern Alec Garrard, der seit zwanzig Jahren an einem Modell des Jerusalemer Tempels baut und daran zweifelt, sein Vorhaben je beenden zu können. Denn die Archäologen kommen ständig mit neuen Erkenntnissen, Erkenntnisse, die man nicht außer Acht lassen darf, wenn man ein wahres Bild des Tempels schaffen will.

Der Erzähler, der Alec Garrard auf seinem Hof getroffen hat, ist schon im Begriff weiterzuwandern, als der Tempelbauer ihm anbietet, in seinem Wagen mitzufahren. Als er dann neben Garrard im Fahrerhaus sitzt, wünscht er, die kurze Fahrt möge nie ein Ende nehmen: »That we could go on and on, all the way to Jerusalem.«

Als ich den letzten Satz gelesen hatte, schaute ich zu Lech. Er war eingeschlafen. Ich wusste nicht, warum ich den Satz noch einmal laut wiederholte. Auch nicht, wer von uns es am meisten brauchte, dass ich meine Hand auf Lechs Hand legte.

Auf der Insel, 16. November 2014

Lech wurde heute entlassen oder, wie er es ausdrückte, freigelassen. Er bat mich, langsam zu fahren, damit er alles eingehend betrachten konnte, während seine Hand auf meinem rechten Knie lag. Als wir zu Hause angekommen waren, machte er eine Runde durch all unsere Zimmer. »Gut, dass es sie noch gibt«, sagte er.

»Das Beste ist, dass es dich gibt«, sagte ich.

»Dass es uns gibt«, sagte Lech und nahm mich in seine Arme.

Am Nachmittag unternahmen wir einen kurzen Spaziergang, ganz langsam, nur die Allee vor und zurück. Von einer der alten Linden hatte sich ein Stück Rinde gelöst und das nackte Holz war sichtbar geworden. Lech fragte, ob ich mich an die Nelly-Sachs-Ausstellung im Jüdischen Museum erinnerte. War mir das Rindenstück von einer Platane im Gedächtnis geblieben, das dort in einer Vitrine lag? Paul Celan hatte es Nelly Sachs geschickt, als sie krank wurde. Sie solle die Rinde zwischen Daumen und Zeigefinger halten, schrieb er, und gleichzeitig an etwas Schönes denken. War es aus dem Grund, weil die Platane, selbst wenn sie schutzlos ist, nicht eingeht? Sie verliert ihre Rinde im Winter, gerade dann, wenn die eisigen Winde an allem zerren und sie diese am meisten benötigt.

Ich erwiderte, dass ich mich auch an etwas anderes erinnerte. In einer weiteren Vitrine lag ein Konvulsator der Marke Siemens, einer der Art, mit dem Nelly Sachs mehr als ein Dutzend Elektroschockbehandlungen erhielt. Bekommt man Elektroschocks, sagte ich, wird man in Narkose versetzt und erhält ein Mittel zur Muskelentspannung. Sodass man, wenn der elektrische Strom durchs Gehirn gejagt wird und man einen epileptischen Anfall erleidet, nichts in seiner Hand halten kann, nicht einmal ein kleines Stück Platanenrinde. »Hauptsache, das Rindenstück lag noch auf ihrem Nachttisch«, sagte Lech, »wenn sie von der Behandlung zurückkam.«

Als wir zu unserem Haus zurückgingen, sagte Lech, es sei merkwürdig, dass Nelly Sachs am selben Tag starb, an dem Paul Celan in Paris beerdigt wurde. Als sei ihr kein anderer Ausweg geblieben, als es ihn nicht länger gab. Vor vielen Jahren hatte er selbst in Thiais an Celans Grab gestanden. Er hatte die kleinen Steine gesehen, die Menschen als eine Art Bitte um Schutz aufs Grab gelegt hatten. Auch er hatte einen kleinen schwarzen Stein hinzugefügt. »Vielleicht könnten wir hinfahren und nachsehen, ob er noch daliegt. Und auch ein Steinchen von unserer Insel mitnehmen. Irgendwann im Frühjahr. Wenn die Platanen in Paris ihre neue Rinde bekommen haben.«

Auf der Insel, 22. November 2014

Es ist Mitternacht. Lech und ich sind kurz zuvor auf die Insel heimgekehrt. Er hatte mich in Arlanda abgeholt, stand mit seinem leisen Lächeln da, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Ich war in Oslo gewesen und hatte auf einer Konferenz gesprochen. Auf dem Hinflug, als die Maschine gerade eine Höhe von zehntausend Metern erreichte, ging mir durch den Kopf, dass nur eine dünne Metallhülle und dünnes Fensterglas mich von der kalten, eisigen Weite dort draußen trennten. Eine Weite, deren Licht zu uns dringt, doch keine Geräusche. Nicht das Tosen der explodierenden Supernoven. Nicht die Winde, die über die Planeten rasen. Auch nicht der Gesang.

Bevor ich losgefahren war, hatte Lech ihn mir auf dem Computer vorgespielt, den Gesang, den die Raumsonde Philea nach der Landung auf dem Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko aufgefangen hatte. Er klang wie der Trauergesang von jemandem, der nicht länger glaubt, jemals gehört zu werden. Und Lech zeigte mir die Fotos, die die Sonde aufgenommen hatte, bevor sie auf dem Kometen gelandet war: ein Steinkopf, dessen Scheitel stark leuchtete, vielleicht ja auch das Gesicht, doch ist es nicht zu sehen, nur die dunkle Rückseite des Kopfes. Wenn man aber den Kometengesang hört, weiß man, wie das Gesicht aussieht.

Als ich meinen Vortrag gehalten hatte, ging ich durch Oslo. Es war kalt. Die Atemzüge der Menschen bildeten flüchtige Nebelwolken. Und plötzlich begriff ich, dass ein Trauergesang verschiedenartig klingen kann, dass er manchmal nur ein leises Klimpern ist. Wie bei der jungen Rumänin, die auf einem Stapel alter Zeitungen saß, eingewickelt in eine schäbige graue Decke. Im Gegensatz zu den anderen Bettlern streckte sie ihren Plastikbecher den Leuten nicht hin. Er steckte festgeklemmt zwischen ihren Knien. Als ich dicht vor ihr stand, begriff ich: Sie zitterte so sehr, dass ihre Knie die im Becher liegenden Münzen zum Klimpern brachten.

Ich hätte sie in ein warmes Café bringen sollen. Das Einzige aber, was ich tat, war, ihr einen Schein in den Becher zu stopfen, einen der beiden, die ich noch besaß. Sie murmelte etwas, das wie danke klang. Während das Klimpern weiterging. Ich nahm ein Taxi zum Flugplatz, das erste freie, das vorüberkam, obwohl noch drei Stunden Zeit war, bis meine Maschine fliegen würde. Ich konnte einfach nicht dortbleiben. Obwohl das Klimpern kaum zu hören war, übertönte es einfach alles.

Auf dem Flughafen fiel es mir schwer, irgendetwas zu tun. Ich hatte ein Buch eingesteckt über den Stalinismus in Rumänien. Ich lese alles, was ich über Rumänien auftreiben kann, als könnte mir das helfen, Bruno zu finden. Jetzt aber war ich nicht imstande, es zu lesen, auch anderes nicht, nicht einmal Paul Celans Gedichte, die ich ebenfalls mitgenommen hatte, er, der sich in der Seine ertränkt hat. Auch zu schreiben vermochte ich nicht, nicht die kleinste Zeile. Alles schmerzte, auch meine Sehnsucht nach Lech.

Auf der Insel, 9. Dezember 2014

Es war Abend. Lech saß im Sessel und las. Ich blätterte Bücher durch, die früher einmal Mutter gehört hatten, Bücher über Ostpreußen, in denen sie Unterstreichungen vorgenommen und kleine Kommentare an den Rand geschrieben hatte. Doch nichts über Bruno, nirgendwo. In einem der Bücher lag ein Ausschnitt aus der Zeitschrift Riesengebirgsheimat, Jahrgang 2004, Nummer 2, Seite 30:

»Herr Jeannot Bartier ist auf der Suche nach Einwohnern Spindelmühles, die Kontakt zu seinem Vater hatten. Sein Vater Henri J. Bartier, geboren am 12. April 1922, gehörte einer Kolonne belgischer Kriegsgefangener an, die im Dienst der Firma Chemische Werke Brieg, Abteilung Straßenbau, eine Straße von Spindelmühle zum Spindlerpass anlegten. Herr Bartier junior wäre über jede Nachricht erfreut, so geringfügig sie auch ausfiele. Wer sich an seinen Vater erinnert, kann sich Fotos anschauen, die Herr Bartier senior aufgenommen hat: ein Foto, datiert 1941, das die belgischen Kriegsgefangenen De Bliek und Tobac zusammen mit zwei Spindelmühlerinnen zeigt, Frau Standera und Frau Bauer (gemäß der handschriftlichen Notiz auf der Rückseite). Auf dem Bild ist auch Frau Wiesners Kind im Kinderwagen zu sehen. Darüber hinaus gibt es Fotos von Herrn Bartiers belgischem Wehrpass und seinem Kriegsgefangenenpass. Er fotografierte auch seinen Entlassungsschein, ausgestellt am 8. Januar 1941 von der Kommandantur in Görlitz. Nach Herrn Bartiers Tod fand der Sohn die Fotos in dessen Schreibtisch. Der Vater hatte nie, mit keinem einzigen Wort, erwähnt, dass er in Spindelmühle gewesen war. Wer über Informationen verfügt, kann Kontakt aufnehmen zu Monsieur Bartier Jeannot, 38 Rue Chanoine Camerlijnck, B-7780 Comines, Belgien.«

Warum hatte Mutter diesen Ausschnitt aufbewahrt? Sie hatte ihn fein säuberlich mit der Schere ausgeschnitten. Ich zeigte ihn Lech. Das muss etwas bedeuten, sagte ich.

Er schaute ihn genau an. Das ist schwer zu verstehen, erwiderte er. Dann sagte er, dass Kafka in Spindelmühle war. Er war krank gewesen und hatte ein Jahr lang nicht schreiben können. Sein Arzt hatte ihn in diesen Kurort im Riesengebirge geschickt, damit er wieder zu Kräften kam. Als Kafka dort eintraf, hatte es heftig geschneit, als wollte der Schnee alles begraben. Noch am selben Abend begann er am Schloss zu schreiben. Und die Worte strömten.

»Wenn ich Bruno fände«, sagte ich, »würden meine Worte strömen.«

»Warum ist er so wichtig für dich?«, fragte Lech.

Ich antwortete mit einem Zitat von Kafka: »Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr.«

»Das ist keine Antwort«, sagte Lech. Er sagte es mit Wärme.

»Ich kann es nur schwer erklären«, erwiderte ich. »Er und ich gehören irgendwie zusammen. Vielleicht, weil er vor seinem Vater geflohen ist, und ich vor meiner Mutter.«

»Vielleicht«, sagte Lech. Er klang nicht überzeugt. Ich war es selber nicht.

Auf der Insel, 22. Dezember 2014

Wir saßen in der Küche beim Frühstück. Ich sagte, es sei jetzt exakt fünfundzwanzig Jahre her, dass das rumänische Volk sich gegen Ceauşescu erhoben habe. Genau am 22. Dezember war der Diktator in Panik aus Bukarest geflohen. Und die große Stille der Stadt füllte sich mit Musik. Überall spielte man Weihnachtsmusik, die all die Jahre verboten war. Vielleicht hatte ja auch Bruno »Stille Nacht« vor sich hin gesummt, während er auf einem Bahnsteig der U-Bahn auf den Zug wartete.

»Du gibst nicht auf«, sagte Lech.

»Nein«, sagte ich. »Ich will Bruno finden, auch wenn ich nicht weiß, wie.«

»Du hast keine Spur«, sagte er.

»Falls Monsieur Bartier Jeannots Annonce nicht eine Spur ist«, erwiderte ich.

»Vielleicht hat sie deine Mutter auf die Idee gebracht, selber zu annoncieren«, meinte Lech.

Ich sah ihn an. Er war gerade im Begriff, dem Ei mit dem Messer die Spitze abzuschlagen. Ich kannte niemand anderen, der das so elegant machte wie er. Und es waren auch nur wenige, die so scharf dachten.

»Du kannst recht haben«, sagte ich.

Er erwiderte, das sei jedenfalls eine einleuchtende Hypothese.

Auf der Insel, 1. Januar 2015

Lech schlief noch, als ich aufwachte, auch als ich seinen Fuß mit meinem berührte. Aus der Küche waren Geräusche zu hören. Das musste Anselm sein, unser alter Freund, der mit uns Silvester gefeiert hatte. Er wird gewöhnlich früh wach, selbst wenn er spät ins Bett gegangen ist.

Ich dachte an das, was Anselm gestern erzählt hatte. Nach dem Essen hatten wir auf den Sofas Platz genommen, Lech und ich auf dem mit dem Wolfspelz und Anselm auf dem anderen. Lech sagte, jeder Jahreswechsel mache ihm zu schaffen, sie hätten etwas von Memento mori an sich. Während ich sagte, jedes Jahr könne ein Annus mirabilis werden, ein Jahr der Wunder. Da hatte Anselm uns von einem Wunder erzählt.

Eigentlich jedoch sei es die Geschichte einer Besessenheit, sagte er. Arnold Schultze, 1875 in Köln geboren, war Offizier geworden, vielleicht in erster Linie, um in die Kolonien zu gelangen. Denn in den Kolonien gab es das, wovon er besessen war, Pflanzen und Schmetterlinge, die noch niemand beschrieben hatte. Er nahm an der deutsch-englischen Grenzexpedition im nördlichen Kamerun teil, bei der er jede freie Minute darauf verwandte, Schmetterlinge zu sammeln. Dann aber wurde er krank, so krank, dass er das Militär verlassen musste. Das war das Beste, was ihm hatte passieren können. Denn jetzt konnte er sich seiner Besessenheit hundertprozentig widmen. Vielleicht war es ja sogar so, dass ihn diese Besessenheit wieder gesunden ließ.

Er nahm an Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburgs zweiter deutscher Expedition nach Zentralafrika teil. Fuhr nach Kolumbien, wo er sich in den 1920er-Jahren acht Jahre lang aufhielt und eine Arbeit nach der anderen über seine Schmetterlingsfunde verfasste. Und über die Zerstörung des Regenwaldes, vor der er bereits damals warnte. Später dann, nach Abstechern in den Kongo und auf die Balearen, war er zu einer neuen großen Expedition bereit. Und brach mit Hertha, seiner zweiten Frau, nach Ecuador auf. Dort wollte er die Schmetterlinge und Pflanzen erfassen, insbesondere die des Regenwaldes. All das, was dort emporrankte und flatterte, war von so überwältigender Schönheit. Und am wundervollsten war es, all das zusammen mit Hertha zu sehen.

Sie verbrachten fünf Jahre in Ecuador. Fünf Jahre im Paradies, mit einem erstaunlichen Fund nach dem anderen. Dann fuhren Hertha und er heim, zusammen mit einer phänomenalen Sammlung seltener Pflanzen und Schmetterlinge. Am 25. August 1939 gingen sie an Bord des deutschen Handelsschiffes Inn, das nach Hamburg zurückkehren sollte, beladen mit Holz, zweihundertfünfzig Tonnen Gummi und fünfhundert Tierhäuten. Und mit Schultzes Sammlung, die ihn berühmt machen sollte.

Doch hatten sie nicht mit der Weltgeschichte gerechnet. Am 3. September 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich Nazideutschland den Krieg. Und die Alliierten verhängten eine Blockade über den Atlantik. Am 5. September wurde die Inn von einem britischen Kriegsschiff gestoppt. Alle an Bord durften das Schiff verlassen, bevor die Briten zwölf Kanonenschüsse auf die Inn abgaben. Und Schultze und seine Frau sahen, wie das Schiff unwiderruflich sank, mit der Sammlung und allem, was sie besaßen.

Nach kurzem Aufenthalt in einem Internierungslager in Dakar – auf Intervention eines französischen Anthropologen ließ man sie frei – landeten sie in Funchal auf Madeira, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachten. Ein besessener Mensch aber gibt nicht auf. Wenn Schultze seine Funde schon nicht vorzeigen konnte, musste er über sie schreiben und sie malen. Denn an das, was einen begeistert hat, erinnert man sich in allen Details. Er setzte sich an die Arbeit, mit der gleichen Besessenheit wie immer. Und starb mitten in seiner Besessenheit, mitten im Schreiben und Malen, nicht älter als dreiundsiebzig Jahre.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein, sagte Anselm. Dann aber gab es den Autor Hannes Zischler und die Illustratorin Hanna Zeckau, die planten, ein Buch über eine Kongo-Expedition zu schreiben. Als sie im Berliner Museum für Naturkunde den Fundus durchgingen, stießen sie auf einen alten verstaubten Koffer – das Objekt 1939-08-12/1 –, von dem niemand etwas wusste. Als sie ihn öffneten, verschlug es ihnen die Sprache.

Der Koffer war bis zum Rand mit Zigarrenkästen gefüllt. Und in den Zigarrenkästen lagen kleine, adrette Päckchen: alles in allem achtzehntausend Regenwaldschmetterlinge, eingeschlagen in Zeitungsausschnitte, Hotelrechnungen, herausgerissene Buchseiten und zerschnittene Briefe. Es war einer von Schultzes Koffern, der, wie sich herausstellte, mit einem anderen Schiff verschickt worden war. Ein Teil der Sammlung war auf wunderbare Weise gerettet worden. Und Arnold Schultze, den man vergessen hatte, gelangte ins Rampenlicht. Denn Zischler und Zeckau ließen das Buch über die Kongo-Expedition sausen. Und schrieben stattdessen über den großen Schmetterlingsforscher.

Ich spürte plötzlich eine Hand, die meine Hüfte streichelte. Lech war aufgewacht. Als ich mich ihm zuwandte, sagte er, ihm sei gerade ein Gedanke gekommen. Wenn man seine Frau nur Tag für Tag und Nacht für Nacht streicheln kann, dann werde jedes Jahr ein Annus mirabilis.

Auf der Insel, 12. Januar 2015

Ich fühle mich guter Dinge. Ein rumänischer Forscherkollege hat mir geholfen, eine Annonce in einer der großen Tageszeitungen seines Landes zu schalten:

»Suche nach meinem Onkel Bruno Seeberger, geboren in Ostpreußen, der nach dem Zweiten Weltkrieg, als er um die dreißig Jahre alt war, nach Bukarest gekommen war. Dem Vernehmen nach hat er als Pilot gearbeitet. Informationen bitte an …«

»Vielleicht lebt ja Bruno noch«, sagte ich zu Lech. »Vielleicht sitzt er im Rollstuhl, fast hundert Jahre alt, und liest die Zeitung mit einer Lupe.«

»Und dann rollt er ans Telefon und ruft dich an«, erwiderte Lech.

Wir lachten. Vor allem, weil das Leben so schön war. Und weil es uns gab.

Auf der Insel, 2. Februar 2015

Es hat die ganze Nacht geschneit. Die Schneehauben wachsen, Büsche und Bäume biegen sich unter der Fülle, der See ist zum großen weißen Flachland geworden. Wie leben die Fische jetzt ihr Leben? Stehen sie unterm Eis reglos in der Dunkelheit? Oder schwimmen sie umher, als gäbe es kein Eis?

Und ich? Ich gleiche einem Faultier, das sich im Baum festgehakt hat. Ich habe mich an Bruno festgehakt. Und kann meinen Griff nicht lockern, nicht einmal jetzt. Obgleich sich die Annonce als verlorene Liebesmüh erwiesen hat. Nicht eine einzige Antwort war gekommen. Lech fragte mich heute, warum es mir so schwerfiel aufzugeben.

Ich fragte ihn, ob er sich an Elisabeth Costello, den Roman von J. M. Coetzee, erinnerte. Am Ende des Buches will die gealterte Autorin die Grenze zur anderen Seite passieren. Um das tun zu können, muss sie jedoch eine Erklärung abgeben. Und sie schreibt, dass sie Sekretärin des Unsichtbaren sei, eine von vielen Sekretären im Laufe der Jahrhunderte. Sie schreibe nur auf, was sie höre, so genau sie es vermöge. Das sei ihr Beruf: Texte nach Diktat zu schreiben.

Und ich höre Bruno, sage ich. Schon als ich noch ein Kind war und daran dachte, wie er tot im Schnee von Stalingrad lag, redete er zu mir. Und als ich erfuhr, dass er nicht tot war, redete er noch mehr. Er ist jedoch zu weit weg, als dass ich seine Worte vernehmen könnte. Das Einzige, was ich höre, ist seine Stimme, eine Stimme, von der ich mich nicht abwenden kann. Ich muss näher an sie heran, obwohl ich nicht weiß, wie.

Lech fragte, warum gerade Brunos Stimme so zwingend war. Vielleicht geht es um ein Wiedererkennen, sagte ich, so wie man sich von gewissen Menschen angezogen fühlt, auch von gewissen Büchern, gewissen Bildern und gewisser Musik. Man erkennt etwas aus der eigenen tiefsten Tiefe wieder, etwas, was den Boden für all das bildet, was man ist.

Lech sagte, er glaube zu verstehen. Dann erzählte er eine Geschichte, an die er sich ausgerechnet jetzt erinnerte, aus einem Grund, den er nicht begriff. Bevor wir uns begegnet waren, hatte er eine Zeit lang in Österlen gewohnt. Dort hatte er einen langen Spaziergang unternommen, als er an einer umzäunten Wiese vorbeigekommen war, auf der es überall Maulwurfshügel gab. Ein Mann mit Sportmütze war gerade beim Reparieren des Zauns. Als Lech mit ihm sprach, erzählte der Mann, dass er neugeborene Maulwurfjunge in der Hand gehalten hatte. Dass sie nackt und blind waren und nicht größer als eine Puffbohne, hatte ihm nichts ausgemacht. Aber, dass sie zitterten. Auch als er sie weggelegt hatte, war das Zittern in seiner Hand verblieben.

Auf der Insel, 11. März 2015

Ich packte Mutters Sachen in einen Karton. Auch ihr Adressbuch. Ich wusste, was auf der Seite neun (bei den Buchstaben I und J) stand, in ihrer kindlichen Handschrift geschrieben, etwas, was ich nicht sehen wollte:

Hingeschüttet bin ich wie Wasser,

gelöst haben sich alle meine Glieder,

mein Herz ist geworden wie Wachs,

in meinen Eingeweiden zerflossen.

Warum blätterte ich die Seiten wieder durch? Nur um mir erneut bewusst zu machen, wie wenig Menschen Mutter verblieben waren? Die meisten Adressen und Telefonnummern betrafen Ärzte, Handwerker und Ämter. Dann gab es da meine Nummer, ich, die in ein anderes Land geflohen war. Und die Nummer ihres Friseurs, der ihr die grauen Haare schnitt, dass sie einem Helm aus Stahl glichen. Und die Nummer von Vaters Verwandten in der Schweiz, die sie seit Vaters Tod nicht mehr getroffen hatte. Und die eines Pflegeheims in Güstrow, wo der Einzige von Mutters Geschwistern, der noch am Leben war, sich an nichts erinnerte. Und die von Alois, der das erfahren durfte, was Mutter mir nie erzählt hatte. Und die von Hannes Grünhoff in Berlin, ein Name, den ich noch nie gehört hatte.

Auf der Suche nach Bruno
Wannsee, im April 2015

Dass ein Garten so üppig blühen konnte – überall Tulpen und Osterglocken und ein großer alter Kirschbaum, dessen Äste vor lauter Blüten kaum zu sehen waren. Und dann die Wärme! Mit einem Mal gingen die Berliner Frauen in dünnen flatternden Kleidern umher, mit nackten Armen und Beinen.

Ich stand am Gartentor mit dem eisernen Türgriff in der Hand, der von der Sonne erwärmt war. Der Schotterweg, der zum Haus führte, war frisch geharkt, ein weiß gekalktes Haus, die Wände mit wildem Wein bewachsen. Einen Moment lang hielt ich inne. Es war, als würde der Kirschbaum klingen, als säße dort jemand und ließe den Bogen über ein Cello gleiten, nur ganz leicht über eine der Saiten. Wie wenn es auf unserer Insel die Bienen zu den Kirschbäumen zieht und Lech sagt: Jetzt singen unsere Bäume.

Ich öffnete das Tor und ging zum Haus hinauf. Die Tür war blau gestrichen, als hätte sie die Farbe vom Himmel entliehen. Ich drückte auf die Klingel. Es ertönte ein Dreiklang, ein Klang in Dur hätte Vater gesagt, der das absolute Gehör besaß. Eine kleine, rundliche Frau öffnete, gekleidet in ein taubengraues Leinenkleid. Auch ihr Haar war grau, langes, geflochtenes graues Haar, das sie als Kranz um den Kopf gelegt hatte. Ihr Gesicht wirkte glatt. Erst als das Licht darauf fiel, wurde ein Netz feiner Falten sichtbar. Sie lächelte, als ich meinen Namen sagte, und wir gaben uns die Hand. Ihre Hand war warm, hatte einen festen, freundlichen Griff. Und sie sagte ihren Namen mit klingender Stimme: Sabine Grünhoff.

Sie würde Hannes holen, sagte sie. Er befände sich in der Werkstatt, obwohl Sonntag war. Er konnte nicht anders. Ob ich einen Moment auf der Terrasse Platz nehmen wollte? Ich fragte, ob ich sie nicht begleiten könnte. Werkstätten fand ich immer verlockend. Und so gingen wir zusammen hin.

Es war eine große, helle Werkstatt, nach Malerfarbe und Holz duftend. An der Arbeitsbank stand Hannes D. M. Grünhoff, der einst Dmitri H. Michailowitsch Fjodorow hieß: ein großer, breiter Mann im langen weißen Kittel wie ein Doktor. Seine Unterschenkel waren nackt und bleich, um die Knöchel ein Netz blau schimmernder Venen. Die Füße steckten in schwarzen Holzpantoffeln. Das Gesicht war rund und rosig, das Haar weiß gelockt. Doch was den Blick an ihm am meisten anzog, waren seine braunen Augen: Sie strahlten hinter der Brille wie die eines glücklich Verliebten.

Er war dabei, die Teile für einen Stuhl zu schleifen. Denn Stühle seien seine Spezialität, sagte er, selbst wenn er auch Tische und Schränke gemacht habe. Doch Stühle zu bauen wäre das Schönste überhaupt. Und zugleich das Schwierigste: einen Stuhl anzufertigen, der den Menschen trägt, sodass er seinen Körper vergisst und sich dem widmen kann, was ihn vom Tier unterscheidet, dem Denken. Fantasie – wenn sie frei sein soll – erfordert einen guten Stuhl. Und es ist in der Tat eine Kunst, einen solchen zu bauen. Es hatte ihn viele Jahre gekostet, das zu erlernen. Und jetzt konnte er es einfach nicht lassen, obwohl er schon dreiundachtzig und seit Langem in Rente war.

Er zeigte mir die Werkstatt, die unterschiedlichen Holzsorten, die Leinölfarben und Werkzeuge. Das Holz sei das Wichtigste, sagte er, Holz zu finden, das sich formen lässt und das nicht müde wird, die Schwere des Menschen zu tragen, auch nicht nach Jahrhunderten. Bei Stradivaris Geigen hatte er gelesen, dass sie aus Ahornholz gebaut waren, mit einer Dichte, die alles übertraf. Und dass es dieses Ahornholz in den Bergen des Balkans gab. Die dortigen Winter mit ihren eisigen Stürmen und die Sommer mit ihrer brennenden Hitze bewirkten, dass die Bäume nur langsam wuchsen, mit ungewöhnlich starkem Holz. Holz, das auch für seine Stühle passen könnte. Denn war es nicht schließlich so, dass Geigen und Stühle zusammengehörten? Beide befreiten den Menschen von seiner Schwere.

Wir nahmen auf der Terrasse auf Ahornstühlen Platz, gestrichen mit hellgrüner Leinölfarbe, es war genau die Farbe, sagte Grünhoff, die das Ahornlaub der Karpaten im Frühjahr zeigte. Er saß mir gegenüber, in weißem Leinenhemd und beigefarbenen Shorts, zwischen uns ein Tisch, gestrichen in derselben hellgrünen Farbe. Neben ihm saß seine Frau. Sie wollte seine Geschichte gern hören, sagte sie, obgleich sie sie schon früher vernommen hatte. Wie zu dem Zeitpunkt, als meine Mutter vor einer Reihe von Jahren zu ihnen gekommen war.

Mutter hatte erwähnt, dass sie Witwe war. Vater war im Dezember 2002 gestorben, Mutter im November 2007. Also musste sie irgendwann in diesen fünf Jahren hier gewesen sein. Es regnete, als sie kam, sagte Grünhoff, ein gewaltiger Regen, als wollte eine Sintflut Berlin ertränken. Als Mutter vor seiner Tür stand, dachte er, sie sähe aus wie jemand, der in Noahs Arche keinen Platz bekommen hatte. Also sah er sich gezwungen, ihr Tee mit Rum anzubieten. Und seinen schönsten Sitzplatz, einen Stuhl aus transsylvanischem Ahorn.

Ich fragte, ob Mutter mich erwähnt hatte. Grünhoff sah das vor ihm stehende Glas an, eins der drei Gläser, die seine Frau auf den Tisch gestellt hatte, gefüllt mit Berliner Weiße, einem hellen kalten Bier, gewürzt mit Waldmeister, der es grün schimmern ließ. Nein, sagte er nach einer Weile, sie sprach nur von Bruno. Er erinnerte sich genau, dass sie gesagt hatte, er wäre der letzte Mensch, den sie, falls er also am Leben war, noch hatte.

»Wir sollten das Bier jetzt trinken«, sagte Grünhoffs Frau. Und Grünhoff hob sein Glas und rief: »Prost!« Ich nahm einen Schluck. Es schmeckte gut. Ich dachte an Mutter, die als Kind in Ostpreußens Wäldern Waldmeister gepflückt hatte, große Büschel blühenden Waldmeisters, aus denen Großmutter Sirup kochte. Sirup, der der Bowle Duft und Geschmack verlieh, die auf den samstäglichen Abendgesellschaften in Mutters Elternhaus serviert wurde, einem großen weißen alten Gutshaus ein Stück vor Pieniȩżno, das damals Mehlsack hieß. Die Bowle kam auf den Tisch, wenn der Tanz begann, eine grün schimmernde Bowle, mit der sich Großvater erfrischte, nachdem er die schönsten Frauen Mehlsacks in seinen Armen herumgewirbelt hatte, so lange, bis sie seine Ansicht teilten: dass die Menschen füreinander geschaffen waren, ganz besonders sie und er.

Ich zog das Bild von Chopin aus meiner Tasche. Grünhoff sagte, er ähnele Bruno, nur sei Bruno magerer gewesen.

Hatte Grünhoff vielleicht Bilder von Bruno?

»Kein einziges«, sagte er, »auch keins von Dinu.«

»Wer war Dinu?«

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte Grünhoff.

Ich sagte: »Ich habe alle Zeit der Welt.«

»Die hatte Ihre Mutter nicht«, sagte Grünhoff. »Sie wollte nur von Bruno reden hören.«

Ich sagte, ich wolle alles hören.

Er fragte: »Die ganze Geschichte meines Lebens?«

Ich antwortete: »Ja.«

Dmitri Fjodorows
alias Hannes Grünhoffs Geschichte
Teil 1

Alles begann 1928 mit dem Sechsten Weltkongress der Kommunistischen Internationale, der, wie Grünhoff sagte, die reinste Katastrophe war. Denn dort kam man zu dem Entschluss, die Sozialdemokraten als Handlanger des Kapitals zu betrachten, die somit als Feinde bekämpft werden mussten. Hätte man mit ihnen zusammengearbeitet, hätte man Hitler vielleicht stoppen können. Nun aber schaufelte man sich sein eigenes Grab, die deutschen Kommunisten jedenfalls. Und auch Grünhoffs Mutter.

Das aber hatte sie damals nicht verstanden. Während der Weltkongress stattfand, war er das Wunderbarste, was in ihrem Leben je geschehen war. Denn auf ihm gab es einen russischen Delegierten: einen jungen Lehrer, der, obwohl er Kommunist war, einem Prinzen aus Tausendundeiner Nacht glich. Er brannte für die Befreiung des Volkes vom kapitalistischen Joch und bald auch für Grünhoffs Mutter, die als junge Journalistin über den Kongress berichtete. Auch seine Mutter begann zu brennen. Es endete damit, dass sie als freie Korrespondentin zu ihrem Liebsten nach Moskau zog.

Es spielte keine Rolle, dass sie arm waren und beengt wohnten. Und dass ihr Paradies oft nach Schtschi, der russischen Kohlsuppe, roch. Sie waren glücklich und überzeugt, an der Schaffung einer besseren Welt mitzuwirken. Später sollte seine Mutter sagen: Das einzige Schöne, was sie zu schaffen vermocht hatten, sei er, Dmitri Hannes Michaijlowitsch Fjodorow, gewesen, ihr einziges Kind, das 1932, am ersten Tag des letzten glücklichen Jahres, geboren wurde.

Im Jahr danach änderte sich alles. Hitler wurde Reichskanzler. Und schon bald bestand keine Möglichkeit mehr, als links eingestellte deutsche Korrespondentin tätig zu sein. Die deutschen Zeitungen wurden gleichgeschaltet und nazifremde Komponenten – wie die Artikel der Mutter – eliminiert. Und auch in Moskau geschahen Dinge. Man sagte nicht mehr alles, was man dachte. Die es dennoch taten, wurden von der Geheimpolizei abgeholt und nie wiedergesehen. Manchmal wurde man auch abgeholt, obwohl man nichts Unerlaubtes gesagt hatte. Alle wussten, dass es zwei Bezeichnungen gab für jemanden, der flüsterte: Scheptschuschi für den, der flüstert, um nicht gehört zu werden, und Scheptun für den, der hinter deinem Rücken den Behörden ins Ohr flüstert. Und ein neuer Geruch breitete sich aus, Angstgeruch, nach dem Geruch des Todes der schlimmste von allen.

Genauso hatte seine Kindheit gerochen, sagte Grünhoff: nach Angst und Kohlsuppe. Und nach Seife und Bohnerwachs. Manchmal gingen er und seine Mutter an die Moskwa, um all den Gerüchen zu entkommen. Sie saßen am Wasser, und die Mutter erzählte von den Flüssen und Seen in Berlin: der Spree und der Havel und vom Wannsee, wo sie in einem großen weißen Haus aufgewachsen war. Wenn sie erzählte, konnte man auf die Idee kommen, dass sie sich nach einer anderen Zeit sehnte, einer Zeit, die es nicht mehr gab, nicht einmal in Berlin. Eine Zeit mit dem Duft nach Freiheit. Er meinte ihn zuweilen zu spüren. Wenn eins der kleinen Holzschiffe, die er gebaut hatte, auf der Moskwa davonfuhr. Es spielte keine Rolle, dass der Vater ihm den Weg des Holzschiffs im Atlas zeigte: dass es über die Oka und Wolga im Kaspischen Meer landete, was nicht wirklich ein Meer war, sondern ein von Land umschlossener See.

Wenn die Mutter und er allein waren, sprachen sie Deutsch. Und sie nannte ihn ihren Hannes, so wie ihr Großvater geheißen hatte. Waren der Vater und andere Menschen dabei, sprachen sie Russisch. Er hatte eine Mutter- und eine Vatersprache. Eine Sprache, in der er sich fortträumen konnte, und eine für die Wirklichkeit.

Doch er musste seiner Mutter versprechen, nie mit jemand anderem Deutsch zu sprechen. Er durfte auch nicht erzählen, dass seine Mutter aus Deutschland kam. Sie war eine passionierte Sowjetbürgerin, und damit basta. Es war ein Glück, dass sie einen Vornamen – Anna – hatte, der auch in der Sowjetunion gebräuchlich war. Und dass sie akzentfrei Russisch sprach. Obendrein stand sie mit ihrer Familie in Berlin nicht mehr im Briefwechsel. Vielleicht hatte sie gehört, dass das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten eine »Deutsche Operation« durchführte: Sowjetbürger deutscher Herkunft und deutsche Emigranten galten systematisch als Terroristen und als Spione und wurden verhaftet. Doch Mutter nicht. Hatte der Vater Beziehungen? Oder war die Quote der zu Verhaftenden erfüllt?

Sein Vater war oft wie abwesend. Er schaffte es kaum, von der Schule heimzukommen und seine Kohlsuppe zu löffeln, da war es schon wieder an der Zeit, sich der Parteiarbeit zuzuwenden. Es ist die Pflicht des Menschen, sagte er zu seinem Sohn, alles nur Mögliche für sein Land zu tun. Und dann strich er Dmitri mit seiner weichen Hand sanft übers Haar, ein wenig zerstreut, aber dennoch.

Und der Einsatz des Vaters lohnte sich. Im Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg wurde er zum Direktor einer der besten Moskauer Schulen ernannt. Sie bekamen eine Dienstwohnung mit einem großen Stalin-Gemälde im Wohnzimmer. Stalin stand hoch aufgerichtet vor der roten Sowjetfahne mit Hammer und Sichel und blickte schräg nach rechts, mit leicht zusammengekniffenen Augen, als sei er misstrauisch. Man konnte meinen, es sei das Beste, auf der linken Seite zu stehen. Freitags wurde Stalin abgestaubt, wie alles andere in der Wohnung. Manchmal sah es aus, als ob die Mutter mit dem Staubwedel nach ihm schlug, während sie einen alten Schlager trällerte, zu dem sie in Berlin getanzt hatte.

Oder sie summte Jazzsongs, die das Jazzorchester Alexander Warlamows im Zentralen Haus der Roten Armee spielte oder Moskaus erste Frauenjazzband im Zentralen Klub der Holzveredlungsindustrie. Dorthin gingen die Eltern, wenn sie eine Pause vom Klassenkampf brauchten. Oder sie gingen ins Theater, während ein kaukasisches Mädchen auf Dmitri aufpasste. Sie habe am Asowschen Meer gewohnt, erzählte sie mit einem Blick, als sehnte sie sich dorthin, obgleich auch das kein richtiges Meer war, sondern nur ein großer See.

Er war neun Jahre alt, als Hitler am 22. Juni 1941 den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion brach und die deutschen Heereskräfte ins Land eindrangen. Der Vater zögerte keinen Augenblick, um sich als Soldat zu melden und im Großen Vaterländischen Krieg zu kämpfen, wie Stalin das Schlachten nannte. Die Mutter sagte, sie sei stolz auf ihn. Trotzdem aber weinte sie. Wie einmal, als Dmitri in die Küche kam und sie wie eine Besessene die Kartoffeln schrubbte, um ihre Tränen zu verbergen. Vielleicht dachte sie nicht nur an den Vater, sondern auch an ihre Eltern und ihren Bruder in Berlin. Er getraute sich nicht zu fragen, der Angstgeruch war zu stark.

In einer der ersten Kriegswochen bekamen sie einen Brief von der Front. Er erinnerte sich nicht, was der Vater geschrieben hatte, nur an das beigefügte Foto. Darauf stand er hoch aufgerichtet vor seinem Panzer, den Blick geradeaus gerichtet, so als fürchte er nichts. Dennoch glich er vor allem einem Prinzen aus Tausendundeiner Nacht, der sich als Soldat verkleidet hatte. Das Foto kam auf dem Beistelltisch zu stehen, im Goldrahmen, direkt gegenüber dem Stalin-Bild. Manchmal nahm die Mutter das Foto in die Hand und betrachtete es. Da konnte es vorkommen, dass ihre Augen blank wurden, so als bräche sie gleich in Tränen aus. Insbesondere, wenn die Zeitungen von einer erneuten Niederlage der Roten Armee berichteten.

Der Krieg war erst einen Monat alt, als die deutsche Luftwaffe mit ihren Bombenangriffen auf Moskau begann. Die Moskauer rannten zu den Schutzkellern, wenn das Geheul der Warnsignale über der Stadt erklang. Er und die Mutter liefen zur Station Majakowskaja, einer von Moskaus neuen Metro-Stationen, die dreißig Meter unter der Erde lag. Es war, als betrete man eine andere Welt. All die glänzenden Säulen, die schimmernden Marmorböden, die goldenen Lampen! Als käme man in die Säulenhalle eines kaiserlichen Palastes. Die eines gastfreundlichen Kaisers, der seinen Gästen Schlafpritschen mit weichen Decken und weichen Kissen bot. Und Dmitri lag ausgestreckt da und blickte zu den Deckengemälden hoch, während ihm die Mutter Märchen aus einer anderen Zeit erzählte. Märchen auf Russisch, in denen die Guten stets siegten. So wie es auch jetzt geschehen würde.

Auch seine Mutter leistete ihren Beitrag zum Großen Vaterländischen Krieg. Sie half mit beim Bau von Panzergräben und schleppte Sandsäcke, die man vor den Schaufenstern der Läden stapelte. Und sie zeigte ihm, wenn sie durch die Stadt gingen, wie listig die Moskauer waren, genau wie Odysseus, der den Trojanern ein Schnippchen geschlagen hatte, indem er das griechische Heer in einem gigantischen Holzpferd versteckte. Die Moskauer strichen die goldenen Kuppeln der Kirchen graugrün und verbargen Teile der Moskwa unter mächtigen Holzabdeckungen, um die deutsche Luftwaffe zu täuschen. Während Dmitri Holzflugzeuge baute, eine ganze Armada, die Hitlers Wehrmacht vernichten sollten.

Die Deutschen aber rückten mit rasender Geschwindigkeit weiter voran. Bis sie Smolensk erreichten, das nur vierhundert Kilometer von Moskau entfernt lag. Erst nach wochenlangem Kampf gelang es Hitlers Streitkräften, die Stadt zu erobern, ein Kampf, bei dem zahllose Soldaten starben, nicht aber Dmitris Vater. Er überlebte und wurde für seinen Mut sogar mit einer Medaille geehrt. Er zeigte sie Dmitri, als er auf einen kurzen Fronturlaub heimkam. Es war nur merkwürdig, dass er kein bisschen stolz darauf zu sein schien.

Am nächsten Tag aber – dem 7. November 1941, dem Jahrestag der Oktoberrevolution – hatte er die Medaille angelegt, als er mit seinem Panzer in der großen Militärparade mitfuhr, auf deren Durchführung Stalin bestanden hatte, obwohl der Krieg nicht weit vor Moskau tobte. Die Welt sollte sehen, wie ungeheuer stark die Sowjetunion war. Sie sollte verstehen, dass das, was Stalin vom Dach des Lenin-Mausoleums rief, die Wahrheit war: dass die Reserven der Sowjetunion unendlich waren, während die Hitlerdeutschlands bereits dem Ende zu gingen.

Ein eiskalter Wind kam auf. Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Moskau war von Schnee bedeckt, auch die marschierenden Soldaten und die vorbeirollenden Panzer. Dmitri und seine Mutter standen unter den Zuschauern. War das da nicht der Vater, der mit seinem Panzer vorbeifuhr? Sie sahen die Köpfe der Panzerschützen, die aus der offenen Luke ragten. Doch sie konnten sich irren. Die Militärparade, die auf dem Roten Platz vorüberzog, war weit entfernt. Und die Köpfe der Schützen waren so klein. Und Stalin auf dem Dach des Mausoleums nicht größer als ein Punkt. Auch die Katjuscha oder Stalinorgel, wie die Deutschen sie nannten, war kleiner, als Dmitri gedacht hatte. Wie konnte ein Raketenwerfer, der in einer halben Minute mehr als hundert Geschosse abfeuerte, nicht viel anders aussehen als eine einfache Kanone!

Einen Tag später kehrte der Vater an die Front zurück. Bevor er ging, umarmten er und die Mutter sich lange. Dann drückte er Dmitri fest an sich und forderte ihn auf, zu einem rechtschaffenen Mann zu werden. Der Vater sagte nicht mehr »zu einem guten Bolschewiken«.

Der Winter wurde immer erbarmungsloser, die Temperaturen sanken auf minus dreißig Grad. Das Wetter, las man in den Zeitungen, war aufseiten der Roten Armee. Denn die russischen Soldaten auf ihren Skiern flogen über die schneebedeckten Weiten, in warmer schneeweißer Winterkluft, unsichtbar und unüberwindlich. Während Hitlers Soldaten, denen die Winterausrüstung fehlte, im Schnee feststeckten und bibberten. Das war der Preis der Dummheit, sagte einer von Dmitris Klassenkameraden, dessen Vater General war. Wie konnten die Deutschen so sicher sein, dass sie es schaffen würden, Moskau noch vor dem Winter einzunehmen? Jetzt erfroren sie, ihre Nase und ihr Penis würden zu Eiszapfen, die bei der geringsten Bewegung abfielen. Dmitri dachte an seinen deutschen Onkel. Hatte auch er seine Nase und seinen Penis verloren?

Hitlers Wehrmacht aber ließ sich durch die Kälte nicht stoppen, sie rückte immer näher an Moskau heran. Und der Angstgeruch in der Stadt wurde stärker und stärker. Fast beneidete man diejenigen, die einen allmächtigen Gott besaßen, zu dem sie beten konnten. Als Bolschewik hatte man nur Stalin und seine Generäle, an die man glauben konnte. Und das fiel nicht so leicht, als der Befehl erteilt wurde, Moskau zu evakuieren. Nicht einmal Lenin durfte in seinem Mausoleum bleiben, obwohl er seit vielen Jahren tot war.

Dmitri und seine Mutter landeten in Galitsch, einer Kleinstadt am Galitschsee, fünfhundert Kilometer nordöstlich von Moskau. Der See war eine Eisfläche, umgeben von dunklen Wäldern. In klaren Nächten waren die Sterne groß, mit Sternbildern, die die Menschen einst auf ihrem Weg geleitet hatten. Jetzt war nicht mal mehr ein Ausweg geblieben, sagte die Mutter einmal, was immer sie damit auch meinte. Tagsüber arbeitete sie in einer Holzfabrik, während er die Schule besuchte. Am Abend saßen sie in dem kalten Mietzimmer auf ihrer Bettkante und löffelten die lauwarme Kohlsuppe. Und sprachen ausschließlich Russisch miteinander. Vielleicht waren die Wände zu dünn. Oder das Deutsche tat zu weh.

Im Januar 1942 erhielten sie einen Brief. Wenn sie ihn wenigstens in Moskau bekommen hätten, und nicht in dieser gottvergessenen Stadt. Dmitris Vater war im Kampf um Moskau gefallen. Es half nichts, dass er als Held gestorben war. Auch nicht, dass man die Deutschen zurückgedrängt hatte. Die Mutter wurde von der Trauer mitgerissen, weg von Dmitri, weg von allem. Es half nicht einmal, dass er Mutti zu ihr sagte. Sie schaute ihn an, als wisse sie nicht mehr, wer er war, oder wer sie war.

Es begann nach dem Tod des Vaters, dass er immer wieder einen schrecklichen Traum hatte. Er fuhr mit einem Floß auf dem See. Das Wasser war still und blank. Plötzlich sah er seine Mutter mit ausgestreckten Armen am Seegrund liegen, und kleine rote Fische schwammen durch ihr Haar. Als er voller Angst aufwachte, musste er rasch aufstehen, um sich zu überzeugen, dass sie in ihrem Bett lag und atmete.

Anfang März durften sie nach Moskau zurückkehren. Die Wohnung war eiskalt, es gab kein Wasser, die Wasserleitungen des Hauses waren in der Kälte geborsten. Stalin auf seinem Gemälde starrte noch immer misstrauisch nach rechts. Während die Mutter dünn und blass vor ihm stand und auf Deutsch sagte: »Was sollen wir jetzt tun?«

Wäre wenigstens die Stadt dieselbe gewesen. Doch die Straßen waren leer, viele ihrer Einwohner waren noch nicht zurückgekehrt. Und die wenigen, die zu sehen waren, hatten Gesichter wie die Mutter: Wenn man weiß, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Lediglich die Verkäufer an den Straßenecken schienen an die Zukunft zu glauben und kassierten für jeden Zug aus einer Zigarette zwei Rubel.

Doch auch in Moskau gab es rettende Engel. Eine von Vaters Kolleginnen, eine Frau um die vierzig, die nie geheiratet hatte, Jefrossina Komarowa, war zu seiner Nachfolgerin bestimmt worden. Sie durfte die Direktorswohnung übernehmen, Dmitri und seine Mutter aber konnten bleiben. Sie wäre es gewohnt, beengt zu leben, sagte die Komarowa, hätte jahrelang mit ihrem Bruder und dessen Familie zusammengelebt.

Sie kam hereingestürmt und übernahm sofort das Kommando, eine kraftvolle Frau, trotz ihrer schmalen Gestalt, mit schwarzem kurz geschnittenem Haar, dunklen brennenden Augen und einem großen rot geschminkten Mund. Sie zog mit all ihren Büchern in Vaters Arbeitszimmer ein, während Vaters Bücher ins Wohnzimmer kamen. Sodass Stalin nun misstrauisch auf die gesammelten Werke von Hegel, Marx und Lenin starrte.

Und sie stellte ihr Radio neben das Porträt von Vater. Abend für Abend saßen sie dort beisammen, die Komarowa, Dmitri und seine Mutter, und lauschten den Frontberichten. Die Komarowa rauchte hektisch, als könnte der Rauch die Deutschen vertreiben. Während die Mutter mit einem Gesicht an ihrer Zigarette zog, als beneidete sie den Rauch, der sich auflöste und verschwand.

Manchmal blieben sie auch nach den Nachrichten am Radio sitzen. Wie an dem Abend, als einer von Moskaus bekanntesten Schauspielern ein Gedicht rezitierte, das, wie es hieß, die Offiziere der Roten Armee ihren Männern vortrugen, bevor diese in den Kampf zogen:

Dann töte einen Deutschen – töte ihn!

Töte ihn, sobald du kannst!

Jedes Mal, wenn du ihn siehst,

Töte ihn, töte ihn unbedingt!

Während der Rezitator noch sprach, mit einer Stimme, die vor Kampfeslust vibrierte, stand die Mutter auf und schloss sich in der Toilette ein. Vielleicht revoltierte ihr Magen, wie so oft nach Vaters Tod. Oder ihr war aufgegangen – woran auch Dmitri gedacht hatte –, dass sie ja Deutsche war, obwohl inzwischen Bolschewikin. Und dass er Halbdeutscher war, was er um nichts in der Welt sein wollte. Er sah die Komarowa an. Sie lauschte konzentriert, als wolle sie kein einziges Wort verpassen. Er konnte den Gedanken nicht loswerden, dass alles einfacher wäre, wenn sie seine Mutter wäre.

Es gab Gerüchte, dass die Komarowa ein Verhältnis mit einem ganz oben in der Partei hätte. Wieso bekam sie sonst einen ganzen Sack Kartoffeln direkt an die Tür geliefert? Oder eine Kanne Milch, die man in Moskau nur schwer beschaffen konnte. Oder ein ganzes Kilo Zucker zum Süßen des Tees. Er pfiff auf die Gerüchte. Für ihn war die Komarowa der beste Mensch, den es gab. Allein schon deshalb, weil sie alles mit ihnen teilte.

Sie gewann ihn für sich. Wurde seine Frossjenka. Während er immer öfter wütend auf seine Mutter wurde. Sie blieb weiter niedergeschlagen, obwohl es der Komarowa gelungen war, ihr Arbeit in einer Druckerei zu beschaffen. Vielleicht verstand seine Mutter, was er fühlte. Denn manchmal warf sie ihm einen Blick zu, als wäre sie ans Ende der Welt geraten, während er sich mitten in der Welt befand. Vielleicht gab sie deshalb alle Versuche auf, mit ihm Deutsch zu sprechen.

Ihm war es egal. Wo er doch Frossjenka hatte und Sascha, der sein bester Freund geworden war, ein schmaler, aufgeweckter Junge mit hellbrauner Igelfrisur und hitzigem Temperament. Sie hatten vieles gemeinsam: tote Väter, schweigende Mütter und Modellflugzeuge.

Manchmal gingen sie mit ihren Flugmodellen zu den Leninbergen. Wenn es Aufwind gab, flogen die Flugzeuge weit, über die Häuser weg, über den Fluss, vielleicht sogar bis nach Sibirien. Und Dmitri und Sascha rannten den Berg hinunter, mit ausgebreiteten Armen, als könnten sie jeden Augenblick selbst abheben.

Es ist merkwürdig, sagte Grünhoff, wie das Erinnern funktioniert. Vieles vergisst man. Doch was man noch weiß, ist fest im Gedächtnis geblieben, in allen Einzelheiten. Wie, als er eines Morgens ins Bad gekommen war und die Sonne durch das kleine Fenster schien. Sie beschien die Strümpfe der Mutter und die der Komarowa, die auf einer Leine über der Wanne hingen, lange, dünne beigefarbene Baumwollstrümpfe, die aussahen, als leuchteten sie von selbst. Und in ihm breitete sich etwas aus, ein intensives Glücksgefühl: Er hatte zwei Mütter und einen Freund, mit dem er sein Leben lang zusammenbleiben würde. Und für die Rote Armee lief es gut, Hitlers Wehrmacht aber war auf dem Rückzug. Er kam nicht einmal auf den Gedanken, dass auch das Glück sich zurückziehen konnte.

Es war an einem sonnigen Apriltag 1944. Sascha und er lagen auf den Leninbergen im Gras. Sein Freund hatte ihm ein Bild der amerikanischen Golden Gate Bridge gezeigt. Und sie hatten beschlossen, Brückenbauer zu werden. Sie würden die größte und schönste Brücke bauen, die es gab. Und dann mit ihrem eigenen Flugzeug darüberfliegen. Als er nach Hause kam, wartete die Komarowa auf ihn. Als er ihr Gesicht sah, verflog seine Hochstimmung sofort.

Sie wollte, dass sie sich zusammen aufs Sofa im Zimmer mit dem Stalin-Bild setzten. Als sie eine Zigarette aus dem Etui zog, sah er, dass ihr die Hände zitterten. Dann rauchte sie, als könnte jeder Zug ihr Leben retten. Er musste auf seine Hände schauen, um nicht in Panik zu geraten. Sie waren kleiner als ihre, die Hände eines Zwölfjährigen, mit Schmutz unter einem Daumennagel.

Er versuchte, den Schmutz zu entfernen. Das war besser, als dem zuzuhören, was sie sagte: dass seine Mutter in die Lubjanka gebracht worden war, das Hauptquartier des KGB am Dserschinski-Platz. Er wusste, wer dort hinkam: Konterrevolutionäre, die ins Netz der Geheimpolizei geraten waren und die hinterher bestenfalls in Sibirien landeten, manche aber verschwanden auf der Stelle vom Erdboden. Er konnte nur schwer atmen, der Hals wurde ihm plötzlich eng. Vielleicht ging es der Komarowa genauso. Es klang, als würden ihre Stimmbänder zusammengepresst, als sie sagte, er solle es wie ein Bolschewik nehmen. Er wusste, dass ein Bolschewik nicht weinte. Das Weinen aber kam doch, als die Komarowa ihn in die Arme nahm.

Hätte es Frossjenka nicht gegeben, wäre er völlig allein gewesen. Von der Familie des Vaters, die in Leningrad lebte, hatten sie nicht das geringste Lebenszeichen erhalten, selbst dann nicht, als die Stadt nach neunhundert Tagen Belagerung durch die Hitler-Wehrmacht befreit worden war. Vermutlich waren sie wie Hunderttausende anderer verhungert. Und die Familie der Mutter konnte er vergessen, sie gehörte der Feindesseite an. Frossjenka aber war da. Sie war seine zweite Mutter. Solange es sie gab, brauchte er sich vor nichts zu fürchten.

Vielleicht versuchte sie, ihre eigene Haut zu retten. Als sie ihn am nächsten Tag holten, griff sie nicht ein. Als er versuchte, sich an ihr festzuklammern, riss sie sich los und verschwand in ihr Zimmer. Und sie kam nicht heraus, obgleich sie seine verzweifelten Rufe gehört haben musste. Er schrie immer wieder ihren Namen, während man ihn wegschleppte. Erst viel später war ihm der Gedanke gekommen, dass sie vielleicht selber verzweifelt war. Wie soll man sich von jemandem trennen können, dessen Frossjenka man zwei Jahre lang gewesen war?

An die Zeit, die folgte, erinnerte er sich nur wenig, lediglich Fragmente waren geblieben: dass der Mann, der ihn verhörte, einen blitzenden Goldzahn hatte. Und dass die Zelle, in der er saß, eng und dunkel war. Und dass Schreie zu hören waren, die durch alle Wände drangen. Vielleicht stimmte es ja, was sie sagten: dass er eingestanden hatte, seiner Mutter bei ihrer antisowjetischen Agitation geholfen zu haben. Er erinnerte sich nicht. Auch nicht an die Fahrt nach Sibirien, zur Arbeitskolonie für Kinder. Nur daran, dass er geglaubt hatte ersticken zu müssen, als er, zusammengepfercht mit anderen Kindern, im Güterwaggon saß.


Grünhoff verstummte. Er strich mit den Fingern über die Tischfläche, während sich sein Blick in der Ferne zu verlieren schien. So habe er nie zuvor gedacht, sagte er, aber jetzt, wo ich vor ihm sitze, mit dem Wunsch, etwas über Bruno zu hören …

Da war ihm der Gedanke gekommen, dass Bruno, als er selbst dort im Güterwaggon saß, unterwegs nach Sibirien, noch immer als Pilot in Hitlers Wehrmacht diente. Während er dort eingesperrt saß, flog Bruno im großen, freien Luftraum umher. Hätte eine Rakete der Stalinorgeln nicht sein Flugzeug getroffen, wären sie sich nie begegnet.

Die Sonne war hinter den Kirschbaum gesunken. Der erstrahlte in vollem Glanz. Grünhoff aber sah es nicht. Man konnte glauben, er sitze noch immer in jenem Waggon. Er wirkte plötzlich ungemein müde. Ich fragte, ob er eine Pause einlegen wolle. Das wäre gut, sagte er. Könnte ich nicht morgen wiederkommen?

Dmitri Fjodorows
alias Hannes Grünhoffs Geschichte
Teil 2

Grünhoff saß auf der Terrasse, als ich kam. Auch heute schien die Sonne, und es war warm. Als ein Lüftchen durch den Kirschbaum wehte, rieselten Blütenblätter herab. Den Baum, sagte er, habe sein Onkel gepflanzt, als er aus dem Krieg heimgekehrt war und entdeckt hatte, dass der alte Kirschbaum nicht mehr existierte. Jemand hatte ihn abgesägt, jemand, der Feuerholz brauchte. Nun aber sei es wieder Zeit für Kirschen, hatte sein Onkel gesagt und einen Baum derselben Sorte gepflanzt.

Ich setzte mich an den Tisch ihm gegenüber. Sabine holte die Berliner Weiße. Und Grünhoff nahm einen Schluck, ohne zuvor anzustoßen. Er schien kaum zu bemerken, was er trank. Schaute nur auf die vor ihm liegenden Papiere, wo er notiert hatte, was er berichten wollte.

In Sibirien, sagte er, habe er oft an die Worte seines Vaters gedacht: dass man lerne, solange man lebe. Was aber lernt man in einem Strafarbeitslager? Dass es besser ist, zu stehlen und Leute umzubringen, als politischer Gefangener zu sein? Die Kriminellen unter den Jugendlichen waren die Nummer eins in der Hierarchie. Das Schlimmste war, dass ihr Anführer Sascha hieß. Als Dmitri an einem der ersten Tage von ihm verprügelt wurde, damit er begriff, wo sein Platz war, hätte er sich damit abfinden müssen. Sein Gegner war drei Jahre älter und bärenstark. Dmitri aber hieb mit aller Kraft zurück, als hätte Sibirien-Sascha seinem Freund den Namen gestohlen. Dann wurde alles schwarz um ihn. Er verlor das Bewusstsein, als sein Gegner mit einem vernichtenden Schlag reagierte. Als er wieder zu sich kam, wusste er, worauf das Leben im Arbeitslager hinauslief: Es galt, um jeden Preis zu überleben.

Und das war nicht leicht. Es gab ein Gesetz, das besagte, Kinder zwischen zwölf und sechzehn Jahren, die sich in Arbeitslagern befanden, dürften nicht mehr als vier Stunden am Tag arbeiten. Ebenso viele Stunden sollten sie in die Schule gehen. Und sich ausruhen können, damit sie den nächsten Tag bewältigten. Dmitri und die anderen Kinder aber mussten den ganzen Tag lang schuften. Erst abends durften sie die Schule besuchen, wenn sie nur noch eins wollten: sich auf ihre Pritsche legen, um im Schlaf allem zu entkommen.

Früh am Morgen marschierten die Kinder zur Ziegelei hinüber, die direkt neben dem Lager lag. Dmitri bekam einen frei gewordenen Platz in der Trockenmannschaft. Es gab Kinder – das lernte er rasch –, die zugrunde gingen. Die Trockenmannschaft nahm die Lehmziegel entgegen, die vom Walzwerk kamen. Und legte sie in die Trockenkisten. Die wurden auf einem Wagen in einen Raum gerollt, in dem sie trocknen sollten: der Raum, in dem die Brennöfen standen. Im Winter war er ein Paradies. Man konnte dort wohlig warm werden, wie in Moskau an einem heißen Sommertag.

Einer der Brennofenwärter, ein Mann mittleren Alters, der aussah, als hätte man ihn selbst zu Stein gebrannt, schien nur Augen für seinen Ofen zu haben. Nur einmal, als draußen ein Schneesturm tobte und Dmitri nicht anders konnte, als sich zum Brennofen zu schleichen, schaute der Brennofenwärter ihn an, genau wie er die Ziegel anschaute, konzentriert, mit zusammengezogenen Brauen. Dann fragte er den Jungen, ob er wisse, was Kaolin ist. Als Dmitri den Kopf schüttelte, sagte er, das sei die feinste Tonerde, die es gebe, vollkommen rein. Wenn man sie brannte, würde sie blendend weiß. Anders als der Ton hier, der Eisen enthielt und deshalb rot wurde.

Dmitri fragte, wo man das Kaolin finde. Vielleicht hörte der Ofenwärter nicht, was er sagte. Er drückte dem Jungen nur etwas in die Hand und sagte »Geh!«, mit einer Stimme, als wäre er plötzlich wütend geworden. Er hatte ein Stück Brot verschenkt. Doch vor allem ein Wort, dessen Besitz sich als wertvoll erweisen sollte: Kaolin.

In den Nächten, wenn der Hunger den Schlaf vertrieb, dachte Dmitri an das Kaolinland, ein Land, in dem es große blaue Flüsse gab, mit Brücken aus blendend weißem Kaolin. Sascha und er würden eine der von ihnen erbauten Kaolinbrücken nach der anderen sehen, von ihrem Flugzeug aus, wenn sie den Fluss entlangflogen bis hin zu einem richtigen Meer.

Noch mehrere Male schlich er sich zum Brennofen hinüber, der Ofenwärter aber sprach nie mehr von dem Kaolin. Auch sonst sagte er nichts, warf ihm nur einen Blick zu, in dem es aufglimmte. Und hin und wieder, nicht jedes Mal, drückte ihm der Ofenwärter etwas in die Hand. Vielleicht könnte er ihn und Sascha ja ins Kaolinland begleiten. Und die weißeste Tonerde, die es gab, dort brennen. Dann würden sie zusammen Brot essen, süßes weißes Hefebrot, wie in Moskau. Und wenn sie satt wären, würde noch immer viel Brot übrig sein.

Einige Monate waren vergangen, als ein Brief von seiner Mutter eintraf. Sie schrieb, dass sie Tag und Nacht an ihn denke. Dass sie sich nach dem Tag sehne, an dem sie sich wiedersehen würden. Und dass sie einen Stein gefunden habe, der mit etwas Fantasie wie ein Flugzeug aussah. Sie habe nichts anderes, was sie ihm schenken konnte, wenn er bald dreizehn wurde. An dem Ort, wo sie war, gäbe es nicht gerade viel, was man weggeben konnte. Aber er sollte sich keine Sorgen machen: es ginge ihr gut. Mehr schrieb sie nicht von sich selbst. Der Brief war voller Flecken, als wäre etwas daraufgetropft. Doch lag er in einem feinen weiß gefütterten Kuvert.

Er erkannte das Kuvert wieder. Auch die Handschrift! Die Komarowa war es, die seine Adresse geschrieben hatte. Kein Wort aber von ihr an ihn, nicht ein einziges. Und nirgendwo eine Angabe zur Adresse seiner Mutter. Er rannte aufs Klo hinaus und warf das Kuvert zerfetzt in all die Kacke. Auch wenn das Klo stank, war es ein guter Ort zum Weinen.

An jenem Abend fiel es ihm schwer einzuschlafen, obwohl er müde war. So müde wie nie zuvor. Er war überzeugt, das Einzige, was ihn damals am Leben erhielt, war ein kleiner grauer Stein. Er hielt ihn ganz fest in der Hand, so als wäre er aus Kaolin.


Dann kam der Mai 1945. Der Boden war mit altem eisverkrustetem Schnee bedeckt. Doch wenn man in der Sonne stand, fühlte man ihn langsam warm werden. Manche Tage reichte das aus, um einen glauben zu lassen, dass es ein anderes Leben gäbe, irgendwann jedenfalls. Am Morgen entdeckte er die erste Fliege des Jahres, eine kleine jämmerliche Fliege, die auf dem schmutzigen Fenster umherkroch, dem einzigen Fenster im Schlafsaal der Kinder. Als er näher heranging, um sie anzusehen, drosch Sibirien-Sascha das Tier zu Brei. Gerade als ein Wärter hereinkam und schrie, alle sollten sich auf dem Hof vor der Ziegelei versammeln. Und dann marschierten die Jungen in Zweierreihen los, die Arme schwingend, genau wie die Soldaten der Roten Armee.

Der Leiter des Straflagers, ein Mann mit Stalinschnurrbart und schwarzem fettigem Haar, sollte eine Rede halten. Mit einem großen Megafon stand er auf der Treppe des Verwaltungsgebäudes. Es sei ein Tag der Freude, schrie er. Die Rote Armee habe gesiegt, die Faschisten seien zerschlagen, der Krieg sei zu Ende. Heute beginne eine neue Zeit. Eine Zeit, in der alles wiederaufgebaut würde, was die Nazischweine zerstört hatten. »Kameraden!«, schrie er mit einer Stimme, die durch das Megafon so klang, als säße er in einer Blechbüchse fest. »Jetzt werden unsere Ziegel mehr denn je gebraucht. Gemeinsam bauen wir unsere Nation in ihrer ganzen Größe auf.« Und alle jubelten, auch Dmitri.

Mitten im Jubel entdeckte er ein Stück weiter weg den Ofenwärter. Er stand einfach nur da, stumm und mit finsterer Miene. Plötzlich dachte Dmitri an seine Mutter. Stand auch sie jetzt auf einem Hof und lauschte einem Mann mit Megafon? Auch sie stumm und mit finsterer Miene? Er hörte, wie alle die patriotische Hymne »Sei gepriesen!« anstimmten. Es war das Beste mitzusingen, aus vollem Hals. Während er in der Hosentasche seinen Stein umfasste.

Und die Zeit der Hoffnung kam. Tausende politische Gefangene wurden nach Kriegsende freigelassen. Freigelassene Mütter und Väter tauchten im Arbeitslager auf, um ihre Kinder abzuholen. Auch Sibirien-Sascha und mehrere andere der kriminellen Jugendlichen durften zurückkehren in die Freiheit. Abend für Abend dachte Dmitri, dass er am nächsten Tag an der Reihe wäre. Seine Mutter aber kam niemals, nur ein Brief, in dem sie schrieb, dass sie an ihn denke. Wenn man einen zerknitterten Zettel als Brief bezeichnen kann. Obwohl er in einem grauen, an ihn adressierten Kuvert mit der Handschrift seiner Mutter lag. Und einen Absender hatte: Sie war in Sibirien, genau wie er, sie allerdings im südlichen und er im nördlichen Teil. Wer hatte ihr seine Adresse gegeben? Konnte das die Komarowa gewesen sein? Er schob den Gedanken weg. Es gab Gedanken, die man nicht denken durfte. Man musste die Zähne zusammenbeißen und durfte niemandem vertrauen. Nur seiner Mutter, bestenfalls.

Sie schrieb, ihr ginge es gut, doch dass er ihr fehle. Er schrieb in seiner Antwort dasselbe. Und dass er in der Schule jede Menge lerne und in einer Ziegelei behilflich sei. Doch nichts über den Hunger und die Müdigkeit. Auch nichts über den Ofenwärter, der verschwunden war, und kein einziges Wort über das Kaolin. Er schrieb auch nichts über den Stein, den sie ihm geschickt hatte. Das hätte er tun sollen. Doch als ihm das einfiel, hatte er den Brief schon einem der Wärter übergeben, in einem Kuvert, das den Regeln entsprechend nicht zugeklebt war. Dann aber hätten sie ihm den Stein vielleicht weggenommen. Beschlagnahmten sie nicht alles, was einem am Herzen lag?

Und weitere Briefe kamen, in langen Abständen. Die Mutter schrieb, sooft man es ihr erlaubte. Während er immer länger damit wartete, ihre Briefe zu öffnen. Es stieg etwas in ihm auf, wenn er sie las, Erinnerungen, die wehtaten. Besonders wenn er daran dachte, wie er sich von ihr abgewandt hatte, der Komarowa wegen, die ihn, als es darauf ankam, im Stich gelassen hatte. Es war leichter zu verkraften, wenn allein der Körper wehtat. Und man sich nur nach Essen und Schlaf sehnte. Und einem seltsame Wörter wie Kaolin egal waren. Den Stein der Mutter aber hatte er nicht vor wegzuwerfen. Irgendwie war es ein gutes Gefühl, ihn zu besitzen, als sei er eine Art Amulett.


Es geschah im Frühsommer 1948, als er sechzehn Jahre alt war. Als alle anderen zum Abendessen abmarschierten, wurde er zum Verwaltungsgebäude gebracht, gerade als die Abendsonne, eine große rote Kugel, das Dach der Ziegelei zu berühren schien. Vielleicht hatte ihn jemand angezeigt, obwohl er nicht wusste, warum. Man führte ihn in ein Zimmer, in dem ein blonder Mann um die vierzig hinter einem Schreibtisch saß. Der Mann hatte seine Uniformjacke abgelegt und das Hemd aufgeknöpft, weil die Hitze des Tages noch immer im Raum stand.

Er sah das Plakat, das hinter dem Mann an der Wand hing: Stalin, der ein Kind zum hellblauen Himmel hob. Das Kind, in einer Hand die rote Sowjetfahne, in der anderen einen Blumenstrauß, lächelte übers ganze Gesicht. Und auch Stalin lächelte und zeigte sich von dem Kind entzückt. Es war ein rundes rosiges Kind in fleckenloser weißer Kleidung. Kein Drecksgör wie er, der nur Haut und Knochen war.

Der Mann hinter dem Schreibtisch hingegen lächelte nicht. An das, was er genau gesagt hatte, sollte sich Dmitri nie erinnern. Nur, dass es um Typhus ging und Dmitris Mutter tot war. Konnte er etwas dafür, dass sich in seiner Brust etwas löste, ein Schrei wie der eines verletzten Tieres? Und dass er um sich schlug, als der Mann und andere, die hereingestürmt kamen, ihn zu beruhigen suchten. Hinterher behaupteten sie, er habe die Behörden beschuldigt, seine Mutter getötet zu haben. Vielleicht war ihm das ja entschlüpft. Er erinnerte sich nicht. An nichts. Nur daran, dass seine Mutter tot war. Und dass man ihn in eine Zelle trieb, wo er dann saß, mit dem Stein seiner Mutter in der Hand.

Man verurteilte ihn zu sechs Jahren Zwangsarbeit in einem Straflager für Erwachsene in Kasachstan. Als er das Urteil erhielt, überlegte er, ob es nicht das Beste wäre zu sterben.


Das erste Wort, das er in Kasachstan lernte, war »su« (Wasser). Denn Wasser war das Einzige, woran er dachte, als er nach mehrtägiger Reise im glutheißen Güterwaggon, in dem er mit siebzig anderen Verurteilten zusammengepfercht war, aus dem Zug stieg. Das zweite Wort war der Name des Durchgangslagers, in dem sie fünfundzwanzig Tage in Quarantäne bleiben mussten: Karabass.

Es war so nahe am Paradies, wie ein Verurteilter nur kommen konnte, obwohl es Wachhunde und Stacheldrahtzäune gab. Zwar mussten er und die anderen Gefangenen mehrmals am Tag in brütender Sonne stehen, um gezählt zu werden oder auf eine Schüssel mit Suppe oder Grütze zu warten. Doch brauchten sie nicht zu arbeiten. Den Wärtern war es egal, wenn man den ganzen Tag auf seiner Pritsche lag. Man konnte dort im Halbdunkeln liegen und seinen Stein befühlen. Auch dass er ihn noch immer haben durfte, war merkwürdig.

Der Wärter, der jeden Winkel seines nackten Körpers durchsucht hatte, fand ihn in seinem Mund und warf ihn auf den Boden, doch erst, nachdem er ihn fast zärtlich betrachtet hatte. Dann sagte er mit äußerst sanfter Stimme, wenn Dmitri ihn haben wolle, müsse er ihn aufheben, aber nicht mit der Hand, sondern mit dem Mund.

Der Stein lag auf dem Zementboden, ein kleiner grauer Stein, der glänzte. Als sei er feucht vor Speichel, obwohl das unmöglich war, denn die Angst hatte Dmitris Mund vollkommen austrocknen lassen. Oder wusste der Stein vielleicht, dass er alles war, was Dmitri von seinem früheren Leben noch besaß? Ein Leben, bei dem man an einem Fluss sitzen und sich fortträumen konnte. Er ging auf alle viere nieder, ein magerer nackter Junge, jedes Härchen an seinem Leib war abrasiert, auch das bisschen Schamhaar, das eben erst gewachsen war. Und er nahm mit den Lippen den Stein auf. Den Geschmack des Zementbodens würde er nie vergessen. Und dass der Stiefel des Wärters dicht neben seinem Mund ebenfalls geglänzt hatte.

Als die Zeit der Quarantäne vorbei war, trieb man ihn mit einer Gruppe Gefangener zusammen, die sich auf den Marsch begeben mussten, bewacht von bewaffneten Soldaten zu Pferde. So lernte er kennen, was die Steppe war: eine endlose Ebene, in der es keine Bäume gab, keinen Schutz, nur eine alles versengende Sonne. Am zweiten Abend erreichten sie eine Anhöhe. Und sie sahen Burma, nicht das Land mit den goldenen Pagoden, von dem er in der Schule gelesen hatte, sondern das Straflager, in dem er sechs lange Jahre bleiben sollte. Doch glich es einer Oase: ein See, umgeben von niedrigen Häusern, und um sie herum ein fruchtbarer Landstrich mit Getreidefeldern und Gemüseplantagen. Und alles leuchtete in der Abendsonne, auch die Luft über dem Dorf, ein goldfarbener Dunst. Vielleicht war das der Grund, warum die Bewacher ihre Pferde einen Augenblick zügelten. Oder aber sie wollten die Gefangenen nur noch einmal durchzählen.

Die Prozedur war dieselbe wie bei der Ankunft in Karabass: Verhör, Leibesvisitation, Reinigung des Körpers und Ganzkörperrasur, während die Häftlingskleidung, die man getragen hatte, desinfiziert wurde. Dann erfolgte die Musterung durch eine ärztlich geleitete Arbeitskommission. Diesmal nahmen sie seinen Stein.

Es war später Abend, als die Aufnahmeprozedur zu Ende war. Man führte ihn zur Zone Süd, dort lagen vier Baracken, mit dreifachem Stacheldrahtzaun umgeben. Im Gang zwischen den beiden äußeren Zäunen jagten Hunde im Scheinwerferlicht umher, so als wollten sie sich von ihren Ketten reißen und alles Lebendige, das sie packen konnten, zerfetzen.

Als er in die Baracke eins hineingestoßen wurde, wäre er fast gestürzt. Der Raum lag eine Armeslänge unterhalb der Erdoberfläche, an den Wänden Pritschen in drei Etagen. Die Wachposten ließen das Licht ihrer Taschenlampen über die Schlafenden streichen und schrien: »Appell!« Die Gefangenen erhoben sich von ihren Pritschen, mühevoll, so als müssten sie sich aus dem Schlaf losreißen. Und standen vollkommen stramm, mit nacktem Oberkörper, an dem sich jede Rippe abzeichnete, und riefen, wie man ihnen befohlen hatte, ihre Namen und Häftlingsnummern, und zwar nicht nur ein-, sondern dreimal. Dann gingen die Wachposten, und die Männer legten sich wieder hin. Dmitri jedoch nicht. Für ihn gab es keine freie Pritsche.

Am Ende streckte er sich auf dem Boden aus, einem harten Lehmfußboden, wo ihm jede Unebenheit ins Fleisch schnitt. Es war, als hätte er alles verloren, alles, was sein Leben ausgemacht hatte. Ihm war nichts mehr geblieben, nicht einmal mehr ein Stein, nur sein schmerzender Leib.

Er warf sich von einer Seite auf die andere. Einige Schläfer schnarchten. Jemand atmete schwer. Er hörte eine Stimme, die ganz leise sagte: »Komm!« Er rührte sich nicht. Am besten schloss man vor allem die Augen und Ohren. Wieder flüsterte jemand: »Komm!« Er aber blieb liegen, ganz still, so als schlafe er. Der Flüsternde aber gab nicht auf und sagte noch einmal: »Komm! Hab keine Angst!« Dmitri wollte schon sagen, er komme allein zurecht. Dann aber stand er auf und ging zu dem Flüsternden, der mit der Hand winkte.

Er könne sich zu ihm legen, sagte der Mann, der auf einer der untersten Pritschen lag, er sei so dünn, dass es gehen würde, wenn sie Kopf an Fuß lägen. Dmitri legte sich zu ihm, nur widerwillig. Wenn sie jetzt das Bett teilten, sagte der Fremde mit einem Akzent, der zeigte, dass er kein Russe war, wäre es wohl gut, wenn sie sich einander vorstellten. Er heiße Constantin-Mircea Adamescu, kurz gesagt Dinu. Und der Junge sagte seinen Namen: Dmitri Michailowitsch Fjodorow. Er sagte nicht, dass er auch Hannes hieß. Der Name gehörte zu einem, den es nicht mehr gab, einem Jungen, der mit seiner Mutter am Fluss gesessen hatte.

Er spürte, wie Dinus Fuß seine Wange berührte. Ein Fuß in einem Strumpf, der nach Schmutz und Schweiß roch. Ein Strumpf, bei dem der kleine Zeh aus einem Loch ragte. Wäre Dmitri nicht so müde gewesen, wäre er wieder aufgestanden. Man wird so dünnhäutig, wenn man die warme Haut eines anderen spürt.

Es wurden sechs Nächte mit Dinu. Abend für Abend zögerte er, doch Dinu sagte: »Komm!« Er sagte es leichthin. Alles an Dinu hatte eine Leichtigkeit, die Dmitri nicht begriff. Aber man konnte sich an ihr festhalten, als sei diese Leichtigkeit eine Art Stein.

Als die siebente Nacht bevorstand, bekam er eine eigene Pritsche. Einer der Männer, der während des Morgenappells kaum noch hatte stehen können, kehrte nicht von der Arbeit zurück. Jemand sagte, er sei umgekippt, als er Unkraut in den Tomatenpflanzungen rupfte. Sei einfach zur Seite gekippt, als er dort kniete, und tot gewesen, in der Hand eine große Distel. Ein anderer sagte: Gott, sei seiner Seele gnädig!

Ein grauhaariger Mann mit einer Autorität, der nicht einmal die Häftlingskleidung etwas anhaben konnte, durchsuchte das Bett des Toten. Er fand eine Sammlung Briefe, die er im Holzofen verbrannte, ohne sie zu lesen und ohne dass jemand ein Wort dazu sagte. Nicht einmal Dinu. Er saß nur auf der Bettkante und schien intensiv zu lauschen. Als sei das aufflammende Feuer etwas, dem man lauschen konnte. Dann bekam Dmitri die Pritsche. Und den Strohsack des Mannes samt Decke.

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