Kitabı oxu: «Die Braut von Louisiana (Gesamtausgabe)»

Şrift:

DIE BRAUT VON

LOUISIANA

Modernisierte Neufassung

des dreiteiligen Romans

von

August Schrader

Gesamtausgabe

Quality Books

2021


Quality Books

Klassiker in neuem Glanz

Erstausgabe:

Die Braut von Louisiana

Erster Theil: Der Pflanzer, Zweiter Theil: Der Hochzeitstag & Dritter Theil: Die Sclavin

August Schrader

Druck: 1850, Leipzig, Verlag von Christian Ernst Kollmann


Neufassung: Marcus Galle

Umschlaggestaltung: Maisa Galle


© 2019 by Quality Books, Hameln

2., verbesserte Auflage: September 2021


ISBN 978-3-946469-26-1


E-Mail: info@qualitybooks-hameln.de

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Die Braut von Louisiana

Ein Südstaaten-Roman in drei Teilen

Der Pflanzer

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Der Hochzeitstag

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

Die Sklavin

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

In eigener Sache

Impressum (Anschrift)

DIE BRAUT VON

LOUISIANA

_________________________


Ein Südstaaten-Roman

in drei Teilen


DER PFLANZER

1.

In einer der Hauptstraßen von New Orleans, und zwar in dem neuen Stadtteil, der an seinem westlichen Ende von dem flachen Ufer des Mississippi begrenzt wird, erhob sich im Jahre 1836 ein Haus, das durch die Regelmäßigkeit seiner Bauart, vorzüglich aber durch seine Eleganz, vor allen andern nicht unansehnlichen Häusern der Straße auffiel. Es bestand aus vier hohen Stockwerken, von denen jedes eine lange Reihe glänzender Fenster zeigte, die am Tage durch hellgrüne Marquisen vor dem Eindringen der Sonnenstrahlen geschützt wurden und nur mit dem Verschwinden der glühenden Sonne diese aus baumwollenem Stoff gefertigten künstlichen Augenlider öffneten, um der kühlen Nachtluft freien Eingang zu gestatten. In der Mitte jedes einzelnen Stockwerkes trat ein geräumiger Balkon heraus, unter dessen breitem Baldachin grünende Gesträuche und großblättrige Pflanzen in zierlichen Kübeln einen duftenden Park bildeten, zu dem man aus dem Innern durch eine hohe Glastür gelangte, deren Scheiben fast in alle Farben spielten. Wie die Vorderseite, die zur Straße hinausging, war auch die Hinterfassade ausgestaltet, die die Aussicht über den Fluss gewährte, sodass man in der weiten Ebene seinen glänzenden Streifen so lange mit den Blicken verfolgen konnte, bis ihn die Umrisse eines Waldes, der sich in einer Entfernung von fünf bis sechs englischen Meilen zeigte, verdeckten.

In einem kleinen, aber reizenden Boudoir des ersten Stocks dieses Hauses lag auf einem schwellenden Sofa aus himmelblauer Seide ein junges Mädchen nachlässig ausgestreckt. Es war noch im Morgennegligé, denn es trug einen langen weißen Mantel aus indischem Mousseline, dessen Kanten mit einer Girlande sorgfältig gestickter Blumen geziert waren, und das schwarze, glänzende Haar, das in zahlreichen Knoten einen Kranz um das liebliche Köpfchen bildete, bedurfte noch der geschickten Hand eines Friseurs oder einer Kammerfrau, um sich in wohlgeformten Locken ergießen zu können.

Man brauchte nur einen Blick auf die Gestalt des jungen Mädchens zu werfen, um die richtige Ansicht zu gewinnen, dass es zwanzig, höchstens einundzwanzig Frühlinge erlebt hatte, denn außer der Eleganz und Zartheit ihres Wuchses, außer dem matten weißen Glanz der feinen Haut im Antlitz und auf den kleinen runden Händchen, trug die ganze Erscheinung jenes Gepräge, das die Natur dem ersten Lebensalter aufdrückt, das heißt: Frische und Anmut. Um allen Ansprüchen an eine vollkommene, regelmäßige Schönheit zu genügen, waren ihre schwarzen, feurigen Augen vielleicht ein wenig zu groß, die Nase zu klein, die schwellenden Lippen zu rot und ihr Teint ein wenig zu transparent; dieser Mangel aber, wenn wir ihn so nennen wollen, wurde durch eine schalkhafte Anmut und Lebendigkeit in Zügen und Bewegung dergestalt verdeckt, dass alles im reinsten Ebenmaß erschien, und wenn ein verborgener Beobachter das ruhende Mädchen nur zehn Minuten aufmerksam ins Auge gefasst hätte, so würde er gesehen haben, wie das liebliche Gesicht, von den wechselnden Gedanken beseelt, bald von Traurigkeit oder Freude, bald von Mitleid oder Scherz, bald von Liebe oder Verachtung widerstrahlte, und er hätte gewiss die Ansicht geteilt: Es darf nichts geändert werden, um der Harmonie des Ganzen nicht zu schaden.

Aber völlig ausgeschlossen von der Harmonie der übrigen Körperteile schienen die beiden mit seidenen Strümpfen und weißen Atlasschuhen bekleideten Füße des jungen Mädchens zu sein, von denen der eine auf einer rotsamtenen Fußbank, der andere auf der Ecke des Sofas ruhte. Zwar konnte man sie nur bis zur Hälfte sehen, da der weiße Morgenmantel alles Übrige neidisch bedeckte, aber schon der sichtbare Teil genügte, um bewundernd auszurufen: Diese zarten, elastischen Füßchen müssen einem Kind von zehn Jahren gehören! Wie ist es möglich, dass ein ausgebildeter Körper sich auf diesen zarten Gliedern bewegen kann! – Und dennoch wurden sie mehr bewegt als viele andere Damenfüßchen, sie führten sogar künstlerische Bewegungen aus, die Staunen und Bewunderung erregten, denn ihre reizende Besitzerin war Miss Arabella, eine der ersten englischen Tänzerinnen.

Neben dem Sofa, und zwar an der Seite, wo die Tänzerin mit dem Kopf ruhte, lag auf einem braunen wollenen Teppich eine schneeweiße, langhaarige Ziege, deren zarter Gliederbau mit dem des Mädchens zu wetteifern schien. Die beiden Vorderfüße hatte sie parallel mit der Länge des Sofas ausgestreckt, den Kopf mit seinen hellen, listigen Augen hielt sie so hoch empor, wie es der schlanke Hals, der mit einem hellroten Halsband geschmückt war, erlaubte. Der volle weiße Arm der Fußkünstlerin, der von dem weiten Ärmel des Mantels nur halb bedeckt wurde, hielt nachlässig den Kopf des Tieres umschlungen und die runde Hand mit ihren Grübchen spielte in langsamen Bewegungen mit dem glänzenden Bart des Tieres, das so ruhig dalag, als ob es ein besonderes Vergnügen an dieser Unterhaltung fände.

Das Boudoir, obgleich mit Eleganz und Luxus ausgestattet, trug dennoch das Gepräge des echt englischen Geschmacks dieser Zeit: Es war ein kleines, hohes Gemach, dessen blauseidene Tapeten auf Feldern von korinthischen Säulen mit vergoldeten Kapitälern umschlossen, große Quadrate zeigten, in denen eine Menge Amoretten, mit Bogen und Pfeil bewaffnet, stürmische Angriffe auf fliehende Frauengestalten ausführten und sie vor umgestürzten Hymen-Altären schonungslos mordeten. – Außerdem hatte dieses Gemach vier Türen, von denen zwei, der Symmetrie wegen, nur gemalte waren; die dritte war die Eingangstür von dem Korridor und die vierte führte in den Salon, dessen Balkon zur Straße hinausging. Die Verzierungen des Kamins waren im gleichen Stil gehalten; die große, runde Uhr über demselben wurde von vier mageren Liebesgöttern getragen, die unter ihrer Last tief zu seufzen schienen; die Kandelaber bildeten sich ebenfalls aus einer Gruppe Liebesgöttern, deren vier Fackeln einen vierarmigen Leuchter darstellten.

Wie wir bereits gesagt haben, lag die Göttin, die diesen Tempel beherrschte, nachlässig auf dem Sofa und spielte, wie es schien, nicht gedankenlos, mit ihrer Freundin, der weißen Ziege. Man wird sich wundern über diesen sonderbaren Geschmack in der Wahl einer Freundin; er ist aber denen erklärlich, die das Ballett Esmeralda einmal gesehen haben, denn nächst der Tänzerin, die die Person der Esmeralda darstellt, spielt eine Ziege darin die Hauptrolle. Diese Ziege nun, die neben dem Sofa auf weichem Teppich ruht, leistete in dem genannten Ballett Unglaubliches: Sie half die glänzenden Siege ihrer Gebieterin auf der Bühne erringen, teilte die Anstrengungen der Kunstreisen und Kunstvorstellungen – es war demnach sehr natürlich, dass die zweifüßige Künstlerin mit der vierfüßigen Gewinn und Ruhm teilte. Den Gewinn genoss die Letztere durch Bequemlichkeit in kostbaren Zimmern, den Ruhm aber teilte sie durch das Verschlingen der Blumensträuße und Lorbeerkränze, die man der Tanzvirtuosin nach beendeter Vorstellung jauchzend auf die Bühne warf.

Djali, so hieß die seltene Ziege, hatte sich seit einiger Zeit einer besonderen Pflege und Freundschaft zu erfreuen gehabt, denn sie hatte sich durch den unmäßigen Genuss von Lorbeerkränzen, die man dem Künstlerpaar bei der letzten Vorstellung in London auf echt englische Manier im ungeheuersten Überschwang gespendet hatte, eine schwere Krankheit zugezogen gehabt, von der sie durch die Kunst der geschicktesten Ärzte erst seit Kurzem wieder genesen war. Seit dieser Zeit hing das Tier mit doppelter Ergebenheit an seiner Gebieterin und diese mit doppelter Freundschaft und Liebe an ihrer vierfüßigen Kunstgenossin. Und konnte man es beiden verargen? Stand nicht Unermessliches auf dem Spiel? Wie konnte die Esmeralda in New Orleans erscheinen, wenn die Ziege gestorben wäre? – Dieser fürchterliche Gedanke schien Arabella in dem Augenblick die Brust zu beengen und ihren sonst so heiteren Sinn in schwarze Fesseln zu schlagen, als sich die Tür öffnete und Sally, das Kammermädchen, eintrat.

»Wie«, rief die Tänzerin mit einem reizenden Anflug schlechten Humors, »störst du mich schon wieder? Ich hatte dir doch gesagt, dass ich allein sein will, um die Szenen des Balletts, in dem ich hier morgen zum ersten Mal aufzutreten gedenke, in aller Stille durchgehen zu können. Wie oft soll ich dir wiederholen, dass bei meinem Tanz nicht nur die Füße tätig sind, sondern auch der Geist, der allen Bewegungen des Körpers den charakteristischen Ausdruck verleihen muss! Wie kann ich auf neue Nuancen sinnen, wenn du mich jeden Augenblick störst? Wie kann ich die alten ordentlich ausführen, wenn ich mich nicht darauf vorbereite? Hat meine erste Rolle, von der die Fortsetzung der übrigen abhängt, nicht den gewünschten Erfolg, so trägst du die Schuld – hörst du, Sally, du, nur du ganz allein!«

Das Kammermädchen verstand nur zu gut, dass in diesem Verweis zugleich die Billigung lag, ihn verdient zu haben, denn Arabella hatte ihn in einem Ton gesprochen, der keine Zweifel darüber zuließ. Mit jenem vertraulichen Ausdruck in Sprache und Gebärden, der den Zofen berühmter Künstlerinnen eigen zu sein pflegt, antwortete das niedliche, einfach, aber höchst elegant gekleidete Kammermädchen:

»Miss, nur mit klopfendem Herzen unternahm ich diese Störung – aber wenn Sie wüssten, was mich dazu veranlasste, würden Sie mir wahrhaftig nicht zürnen.«

»Nun, so rede schnell«, sagte Arabella, indem sie beide Füßchen mechanisch zur Erde gleiten ließ und den Kopf mit unwilliger, aber neugieriger Miene in das Rückenkissen des Sofas warf. »Was veranlasste dich, mein Verbot zu überschreiten?«

»Ein schöner junger Mann«, antwortete die Zofe. »Er verlangt mit einer solchen Beharrlichkeit und in einem so dringenden, bittenden Ton, Sie zu sprechen, dass ich vergebens auf ein Mittel sann, ihn abzuweisen.«

Arabellas Arm ließ den Hals der Ziege fahren, die fast ebenso neugierig und überrascht die Zofe ansah wie ihre Herrin. Es war, als ob das Tier die Ankündigung, inhaltschwer für eine Bühnenkünstlerin, verstanden hätte.

»Und wie nennt sich dein schöner junger Mann?«

»Er nannte den Namen Arthur.«

»Arthur?«, wiederholte die Tänzerin, indem sie die beiden Silben des Wortes langsam und gedehnt nachsprach. »Arthur ist kein vollständiger Name.«

»Kein vollständiger Name?«, antwortete Sally in komischem Erstaunen. »O ja, Miss Arabella, er ist ein vollständiger und dabei ein sehr schöner Name – er klingt so ritterlich, romantisch –, schon dieser Name könnte mich für einen Mann einnehmen!«

»Ha, ha, ha!«, lachte die Tänzerin mit ihrer kindlichen Stimme, »soll ich etwa deinen Geschmack und deine Sympathien teilen? Fast glaube ich, du willst mich zugunsten des jungen Amerikaners stimmen! Gut, versuche es, mir ein Bild von deinem Protegé zu entwerfen.«

»Nun, so hören Sie mich an: Mister Arthur ist ein schöner junger Mann von schlanker, edler Gestalt; er hat schwarze Haare, schwarze Augen, einen schwarzen, vollen Backenbart, der wie ein Kranz das interessante gebräunte Gesicht umgibt, einen schönen Schnurrbart von derselben Farbe und vortreffliche weiße Zähne, die wie glänzende Perlen durch die Schwärze des Bartes leuchten. Seine Hände waren zwar mit gelben Handschuhen bekleidet, aber ich konnte doch bemerken, dass sie klein und schön waren.«

»So!«, sagte Arabella ein wenig pikiert. »Und woran hast du dies bemerkt?«

»Weil die rechte Hand kaum die niedliche Reitgerte umspannen konnte, die sie hielt. Außerdem trug er weiße, eng anliegende kurze Hosen, einen grünen Frack mit Goldknöpfen und an den halblangen glänzenden Stiefeln ein Paar schwere silberne Sporen, die bei jeder Bewegung der kleinen Füße hell erklirrten.«

»Arthur, schwarzes Haar, einen schwarzen, vollen Bart, schlanke Gestalt, schwarzes Auge«, sagte die Tänzerin vor sich hin, als ob sie in ihrem Gedächtnis nach einem Bekannten suchte, auf den diese Beschreibung passte. Sinnend blickte sie mit ihren großen, lebendigen Augen einen Moment an die Decke des Zimmers, dann wandte sie sich plötzlich wieder zu der Zofe: »Sally, du stehst seit einem Jahr in meinem Dienst – entsinnst du dich, dass dir dieser schöne, junge Mann je unter die Augen gekommen ist?«

»Nie!«, antwortete Sally, indem sie bekräftigend die rechte Hand auf ihre Brust legte.

»Wahrhaftig?«

»Bei der Ehre, die mir zuteilwurde, als ich in Ihre Dienste trat!«

»Hast du ihn je in London gesehen?«

»Nein!«

»In Paris?«

»Nein!«

»In New York?«

»Nein!«

»Wofür hältst du ihn?«

»Er spricht ein gutes Englisch.«

»Etwas Gewöhnliches in Amerika. Meine beste Sally, sage dem jungen Herrn, dass ich nicht zu Hause sei.«

»Wie, Miss Arabella, ich soll ihn abweisen?«, wandte die Zofe ein.

»Geh!«, befahl die Tänzerin, indem sie sich rasch erhob und mit einem Sprung in der Mitte des Zimmers stand. Djali führte fast im selben Moment dieselbe Bewegung aus.

Arabella hatte das letzte Wort in einem so entscheidenden Ton gesprochen, dass Sally, die noch Lust hatte, die Sache des fremden jungen Mannes weiter fortzuführen, sich veranlasst fühlte, das Zimmer zu verlassen und den ihr zugefallenen unangenehmen Auftrag auszuführen. Als die Tür sich geschlossen hatte, erhob die Tänzerin beide Hände, stellte sich so auf die Fußspitzen, dass ihr ganzer Körper vom Kopf bis zu den Zehen eine senkrechte Linie bildete, wodurch sich ihre Länge fast um ein Drittel vermehrte, und schnalzte, indem sie sich langsam wie eine im Boden angebrachte Welle drehte, mit ihren kleinen, zarten Fingern. Djali, die weiße Ziege, verließ mit den Vorderfüßen den Boden, stellte sich ebenfalls schnurgerade auf ihre Hinterfüße und begann, indem sie trippelnd der kreisenden Bewegung folgte, die linke emporgehobene Hand ihrer Gebieterin nicht ohne Grazie zu lecken. Nachdem dieses Spiel wohl eine halbe Minute gewährt hatte, wurde Arabella plötzlich wieder so klein wie zuvor; sie trat auf die Fußsohlen zurück. Jetzt aber beugte sie sich mit einer nur den Tänzerinnen ersten Ranges eigenen Grazie und Elastizität nach vorn, wobei sie auf dem rechten Fuß stand und den linken mit künstlerischer Vollendung emporhob, schloss mit beiden Händen, die sich mit den Fingerspitzen berührten, einen Kreis und rief mit fast kindischer Freude: »Djali!«

Djali nahm einen kurzen Anlauf und sprang mit weit ausgestreckten Füßen, wie ein englischer Wettrenner, durch den Kreis, den die Hände der Gebieterin bildeten. Brava, brava!«, rief Arabella entzückt über den meisterhaft ausgeführten Sprung, eilte zum Tisch, ergriff ein großes Stück Zuckerbrot, setzte sich aufs Sofa und begann das Brot in kleinen Stücken der Ziege zu füttern, die sich gemächlich wieder auf ihren Teppich gelegt hatte. Jeden Bissen begleitete eine Liebkosung, die Arabella mit so süßer Stimme sprach wie eine zärtliche Mutter zu ihrem kleinen Kind.

Doch kaum hatte Djali die Hälfte ihres errungenen Lohnes genossen, als die Tür sich öffnete und das Kammermädchen wieder erschien.

»Nun, Sally, bist du denn schon wieder da«, rief Arabella in einem Ton, der ernst und streng sein sollte, aber deutlich die verfehlte Absicht verriet.

»Leider bin ich wieder da«, antwortete die Zofe mit einer erkünstelten Traurigkeit; »aber verzeihen Sie meine Kühnheit, ich kann nicht anders. Mister Arthur will sich nicht entfernen.«

»Wie, der Fremde will nicht gehen?«

»Nein. Er sagte, er wisse nur zu gut, dass es nicht Ihre Gewohnheit wäre, am frühen Morgen auszugehen.«

»Allerdings, ich pflege aber am Morgen nur meine Freunde zu empfangen!«

»Auch das muss er wissen«, antwortete Sally, »denn er sagte, er sei einer Ihrer besten Freunde und wärmsten Verehrer.«

»Wie, einer meiner Freunde und Verehrer? Das ist nicht möglich, denn ich habe ja kaum den Fuß an Land gesetzt. Die Sache wird interessant. Sally, du stellst meine Neugierde auf eine harte Probe! Weigerte er sich immer noch, seinen vollständigen Namen zu nennen?«

»Er weigerte sich immer noch«, entgegnete Sally und hielt ihrer Gebieterin ein rotes Maroquinkästchen in Form eines großen Talers entgegen. »›Geben Sie dies der liebenswürdigen Arabella‹, fügte er lächelnd hinzu, ›und sie wird wissen, wer ich bin.‹«

»An Arabella, sagte er?«

»An Arabella, sagte er!«

»Seltsam!«, lispelte die Tänzerin, drückte an dem goldenen Schloss des Kästchens und öffnete mit großer Neugierde dessen Deckel. Sally stand ihr zur Seite und folgte, nicht minder neugierig, der Bewegung der Finger, die das Kästchen erschlossen.

»Himmel«, rief die Zofe plötzlich, »Ihr Porträt! Ach, und wie ähnlich! Sehen Sie, wie der weiße Schleier um Ihre dunklen Locken weht! Reizend, reizend!«

»Mein Porträt«, flüsterte Arabella erstaunt und forschte noch einmal mit sichtlicher Anstrengung in ihrem Gedächtnis, »mein Porträt! Seltsam – wer kann der junge Mann sein?«

»Um dies zu erfahren, werde ich ihn eintreten lassen«, sagte die Zofe mit einem verschmitzten Blick.

»Und hier in New Orleans, in der Neuen Welt!«

»Vielleicht ist er Ihnen nachgereist.«

»Sally!«

»Und eine solche Aufopferung durch Verweigerung eines Besuches zu lohnen …«

»Sally!«, wiederholte die Tänzerin.

»Soll ich?«, fragte die Zofe lächelnd und machte Miene, sich zu entfernen.

»Halt, noch einen Augenblick! Wenn ich bedenke, dass sich derselbe Fall vor einem Jahr in Paris ereignet hat …!«

»Das war in Paris, Miss Arabella, und jetzt sind wir in New Orleans. Bedenken Sie nur die Reise!«

»Nun«, sagte die Tänzerin nach einer Pause, »ich will ihn empfangen.«

Sally ließ sich das nicht zweimal sagen – wie ein Reh schlüpfte sie durch die Tür und verschwand. Arabella rückte einen Sessel neben das Sofa und ließ sich dann auf dem weichen Polster nieder. Sinnend stützte sie das Haupt in die hohle Hand und lauschte. Djali, die noch immer auf dem Teppich lag, sah mit verlangenden Blicken zu ihrer Gebieterin auf, deren spendende Hand sich so plötzlich geschlossen hatte. Unwillig über das schwache oder widerspenstige Gedächtnis, ergriff sie den Rest des Zuckerbrotes und warf ihn auf den Teppich. Djali, die Bequemlichkeit liebte, streckte langsam den einen ihrer Vorderfüße aus und holte das ihr Zugeworfene so nahe heran, dass sie es, ohne ihre Lage zu verändern, gemächlich genießen konnte.

Plötzlich entstand ein Geräusch im Vorzimmer. Arabellas Aufmerksamkeit verdoppelte sich und sie hörte deutlich die harten Schritte eines Mannes, von Sporenklang begleitet. Gleich darauf öffnete sich die Tür und der junge Mann mit den schwarzen Augen, dem schwarzen Bart, den weißen Zähnen, dem grünen Frack und weißen Beinkleidern erschien auf der Schwelle. Wie festgebannt blieb er stehen und sah die erstaunte Bajadere einen Augenblick lächelnd an.

»Arabella!«, rief er endlich. »Hat der Ozean, der Sie von Europa trennt, einen Festungsgraben um Sie gezogen, der mir den Zutritt zu Ihnen verwehrt?«

»Arthur«, rief die Tänzerin überrascht, »Sie in New Orleans? Und wie verändert«, fügte sie hinzu, indem sie ihm die Hand reichte, »nur der Klang Ihrer Stimme ist derselbe geblieben!«

»Nicht nur die Stimme«, entgegnete Arthur und küsste zärtlich die dargereichte weiche Hand, »sondern auch das Herz, in dem bei Ihnen freilich eine kleine Veränderung vorgegangen zu sein scheint.«

Arabella sah den jungen Mann mit einem bedeutungsvollen Blick an, ohne ein Wort zu entgegnen.

»Habe ich recht?«, fragte Arthur, indem er einen zweiten Kuss auf die Hand drückte, die er immer noch in der seinen hielt.

»Wie konnte ich vermuten, Sie in Louisiana anzutreffen? Sie ließen sich unter dem einfachen Namen Arthur melden, und, bei Gott, ich kenne der Arthurs so viele …«

»… dass Sie mich mit allen Arthurs der Erde vermischten«, fiel der junge Mann ihr rasch ins Wort.

»Sally«, wandte sich Arabella rasch zu der Zofe, »ich erwarte zwar keinen Besuch, solange aber Sir Arthur bei mir ist, trage Sorge, dass ich ungestört bleibe.«

Sally entfernte sich, nachdem sie durch eine zierliche Verbeugung ihren Gehorsam bekundet hatte.

Die beiden jungen Leute ließen sich nieder: Arabella auf dem Sofa, Arthur auf dem Sessel.

»Wenn ich mich nun Ihrer nicht mehr erinnerte«, begann die Tänzerin, und die Wolke des zürnenden Ernstes lagerte sich auf ihrer weißen Stirn, »hätten Sie wohl ein Recht, sich darüber zu wundern? Sollen Ihnen meine Briefe, die ich von Paris aus an Sie richtete und stets ungeöffnet zurückerhielt, nicht nur meine Tür, sondern auch meine Arme öffnen, als ob ein getreuer Liebhaber, ein zärtlicher Bräutigam seinen Einzug hielte? Seit mehr als einem Jahr ließen Sie mich ohne Nachricht, verschmähten es, die Zeilen anzunehmen, die meine Hand schrieb, dieselbe Hand, deren Besitz Sie zu dem glücklichsten der Menschen machen würde – so sagten Sie mir wenigstens, wenn Sie zu meinen Füßen lagen.«

»Arabella«, rief der junge Mann mit glühenden Augen, »Sie haben recht, wenn Sie mir zürnen, doch nur so lange, wie Sie den Grund dieser verhängnisvollen Umstände nicht wissen!«

»Den Grund! Habe ich Ihnen den Grund dazu gegeben?«

»O nein!«

»Und was konnte Sie veranlassen, meine Briefe zurückzusenden?«

»O mein Gott«, rief Arthur, »wie bin ich betrogen worden! Hören Sie mich an: Drei Tage nach Ihrer Abreise aus London wurde auch ich zu reisen gezwungen.«

»Und das wussten Sie nicht, als Sie einige Augenblicke zuvor von mir schieden, ehe das Schiff die Anker lichtete, um mich nach Frankreich zu tragen, von wo ich in zwei Monaten zurückzukehren versprochen hatte?«

»Nein, ich wusste es nicht«, versicherte Arthur, »denn zwei Tage später traf erst der Brief ein, der meine plötzliche Reise notwendig machte.«

»Und wohin, wenn ich fragen darf?«

»Nach New Orleans.«

»Mein Herr«, rief Arabella mit Würde, und ihre großen Augen hefteten sich auf den jungen Mann, als ob sie ihn durchbohren wollten, »mein Herr, so viel Zeit wäre Ihnen wohl noch geblieben, mich durch einige Zeilen von Ihrer dringenden Reise in Kenntnis zu setzen; mir wäre der Schmerz über die erlittene Schmach erspart geblieben und Ihnen …«

»Beste Arabella«, unterbrach Arthur die Zürnende, deren zartes Gesicht eine matte Röte übergoss, »ich tat es und gab den an Sie gerichteten Brief meinem besten Freund zur Besorgung. Noch mehr: Selbst von hier aus habe ich ihm Briefe gesandt, die er an Sie befördern sollte, wenn Sie nach London zurückgekehrt sein würden – was ich befürchtete, machen Sie mir jetzt zur Gewissheit: Er hat meine Briefe unterschlagen!«

»Wer ist denn dieser saubere Freund? Kenne ich ihn?«

»Sie kennen ihn – Edward Temple!«

Bei Nennung dieses Namens biss Arabella ihre fein geschweiften Lippen zusammen, als ob ihr plötzlich alles erklärlich wäre.

»Arabella«, rief Arthur, »haben Sie gewusst, dass ich hier bin?«

»Nicht eine Silbe, denn ich bin von Frankreich nach Amerika gegangen.«

»Und was veranlasste Sie dazu? Warum kehrten Sie nicht nach London zurück?«

»Arthur, dieses Bekenntnis mag Ihnen den Beweis liefern, dass ich geneigt bin, Ihnen zu verzeihen: Ich reiste über das Meer, um in einer andern Welt meinen Schmerz über die erlittene Kränkung zu vergessen.«

»Engel, Göttin«, rief der Dandy und sank neben der Ziege zu Arabellas Füßen nieder, »so segne ich den ungetreuen Freund, der dich veranlasst hat, diesen Entschluss zu fassen! O mein Gott«, fuhr er wie berauscht fort und bedeckte beide Hände der Tänzerin mit glühenden Küssen, »wie selig war ich, als ich diesen Morgen eine Einladung zum Abonnement auf Ihre Vorstellungen erhielt – ich kleidete mich an, und mein erster Weg war zu Ihnen!«

»Triumphieren Sie nicht zu früh«, sagte das reizende Mädchen lächelnd, »denn ehe ich den Zweck Ihres Aufenthaltes in New Orleans nicht kenne, weiß ich nicht, ob ich Sie völlig amnestieren kann.«

»O Sie können es, teure Arabella, denn dieser Zweck liegt meiner Liebe zu Ihnen so fern, dass ich ihn unumwunden mitteilen kann.«

»So teilen Sie mit, ich werde hören!«

Arthur erhob sich und nahm seinen Platz wieder ein; dann begann er:

»Meine Geburtsstadt ist Boston, wo mein Vater einem nicht unbedeutenden Handelshaus vorstand. Dort verlebte ich meine Jugend und erhielt auf der Handels- und Navigationsschule dieser Stadt die erste Bildung.«

»So sind Sie kein gebürtiger Engländer?«, fragte Arabella erstaunt.

»Nein, ich bin von Geburt Amerikaner. Doch wahrscheinlich wollte mein Vater einen Engländer aus mir machen, denn als ich achtzehn Jahre alt war, sandte er mich zu seinem Bruder nach London, damit ich die in Boston angefangene Bildung vollenden und mir die Sitten und Gebräuche der großen Weltstadt zu eigen machen sollte. Inwieweit mir dies gelungen ist, überlasse ich Ihrer eigenen Beurteilung, da ich das besondere Glück hatte, länger als ein Jahr von Ihnen gekannt zu sein.«

»Mein Gott«, rief die Tänzerin, »das alles sagen Sie mir erst jetzt? Aus welchem Grund verschwiegen Sie mir in London Ihre Lebensgeschichte, da ich Ihnen doch so offenherzig die meine erzählt habe?«

»Weil ich den Zweck meines Vaters vollkommen erreichen, das heißt, ein vollkommener Engländer werden und als solcher erscheinen wollte. Das Schicksal hatte es aber anders beschlossen, denn zwei Tage nach Ihrer Abreise aus London nach Paris erhielt ich die Trauerkunde, dass mein Vater schwer erkrankt darniederliege, dass er mich noch einmal sehen und segnen wolle und dass ich, um diesen Wunsch zu erfüllen, auf der Stelle abreisen müsse. Ich war der einzige Sohn und liebte meinen Vater. Sie, meine beste Arabella, waren auf zwei Monate verreist, und da mich sonst nichts an London fesselte, beschloss ich, den Wunsch des kranken Vaters zu erfüllen – ich reiste ab. Obgleich wir eine glückliche Fahrt hatten, kam ich leider dennoch zu spät – ich betrat das väterliche Haus in demselben Augenblick, als der Leichenzug meines guten Vaters, den ich schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte, von dem Gottesacker zurückkehrte.«

»Mein armer, armer Freund«, seufzte das junge Mädchen und trocknete mit dem weißen Batisttuch eine große, helle Träne, die wie ein Tautropfen in den langen, schwarzen Augenwimpern zitterte.

Arthur ergriff das Tuch, dessen Falten die Träne aufgenommen hatte, drückte seufzend einen Kuss darauf und fuhr fort:

»Nachdem ich dem Schmerz um den Verblichenen die ersten Opfer gebracht hatte, schritt ich zur Eröffnung des Testaments. Der Erblasser forderte darin, dass ich sein Geschäft aufgeben, die darin angelegten Kapitalien zurückziehen und die Leitung einer großen Plantage übernehmen sollte, die sein zweiter Bruder, der zwei Jahre früher verstorben war, hinterlassen hatte. Da die Plantage in der Nähe von New Orleans liegt, habe ich hier meinen Wohnsitz aufgeschlagen, reise wöchentlich einige Tage in die Wälder und Pflanzungen und erfülle auf diese Weise genau den Willen meines Vaters. Sie können wohl ermessen, meine süße Freundin, dass die Auflösung eines alten und die Übernahme eines neuen Geschäftes viel Zeit und Mühe erfordert, zumal wenn man an das materielle Geschäftsleben so wenig gewöhnt ist wie ich – trotzdem aber ist es meiner rastlosen Tätigkeit gelungen, die durch den Tod von zwei tätigen Männern etwas verwirrten Sachen so weit in Ordnung zu bringen, dass ich diesen Sommer noch den sehnlichsten Wunsch, das glühendste Verlangen meines Herzens in Erfüllung bringen kann, das heißt, eine Reise nach London anzutreten. Und jetzt ermessen Sie meinen freudigen Schreck, als ich diesen Morgen erfahre, es bedarf einer Reise nicht, um den Stern meines Lebens zu sehen, es bedarf des langen, martervollen Aufenthalts auf einem Schiff nicht, um in den Himmel zu gelangen, das heißt, an den Ort, den Ihre reizenden Füße betreten – Arabella, ich bin im Himmel, denn ich liege zu Ihren Füßen!«

Arabella beugte sich und drückte einen Kuss auf die Stirn des jungen Mannes, der vor ihr auf den Knien lag und sehnsüchtig mit seinen großen Augen zu ihr aufblickte.

»Arthur«, sagte sie mit einem unbeschreiblichen Lächeln, »ich glaube Ihnen; mag alles, was geschehen ist, vergessen sein! Doch eine Erklärung fordere ich von Ihnen – eine offene, wahre Erklärung.«

»Was fordern Sie, Arabella? Jede Falte meines Herzens will ich glätten, dass es klar wie der Spiegel des ruhigen Meeres vor Ihnen liegen soll!«

»Arthur«, lispelte das junge Mädchen, »erinnern Sie sich noch Ihrer Versprechungen, Ihrer Schwüre?«

»Ich erinnere mich ihrer nicht nur, ich bin sogar bereit, sie zu wiederholen!«

»Dessen bedarf es nicht, Ihr offenes Auge bekundet die Wahrheit. Nicht wahr, mein lieber Freund, ich darf dem Auge noch trauen, das mir stets so klar entgegenleuchtete?«

»Mädchen«, rief der junge Mann, indem er sich rasch erhob, »welcher Dämon hat den Argwohn in dir angefacht, dass ich je …«

»O still, mein lieber, lieber Freund«, sagte Arabella in einem bittenden Ton, verließ ihren Platz, legte den blendend weißen Arm auf Arthurs Schulter und ihr glühendes Köpfchen an seine Brust, »o still, nicht um dich zu kränken, sage ich diese Worte, sondern um mich ganz des Glückes erfreuen zu können, das mir dein Wiedersehen bereitet.«

Die Wangen des jungen Mannes hatten sich ein wenig gerötet, und in seinem Blick malte sich eine leise Befangenheit ab. Beides bemerkte Arabella, sie schrieb es aber dem Eindruck zu, den ihr geäußertes Misstrauen hervorgebracht hatte. Lächelnd blickte sie ihn an und drückte dabei mit herzlicher Innigkeit seine Hand.

»Arabella«, sagte Arthur, »sollte derselbe treulose Freund, der meine Briefe so schändlich unterschlug, seine Verwerflichkeit so weit getrieben haben, dass er auch den Samen des Argwohns in dein kindliches Herz gesät hat?«

»O nein, seit meinem Weggang aus London, seit unserer Trennung habe ich weder etwas von ihm gehört noch gesehen.«

»Und sollte der angegebene Grund der einzige sein …?«

»Du sprachst von einem Testament, mein Arthur – es ist nichts Ungewöhnliches, dass der letzte Wille eines sterbenden Vaters auch dem Herzen des Sohnes den Gegenstand bezeichnet, den es lieben soll – sieh, dieser Gedanke war es, der mich zu jener Frage veranlasste, die ich wünschte, nicht an dich gerichtet zu haben.«

Die Tänzerin war in diesem Augenblick zu sehr Liebhaberin, als dass sie die Wolke bemerken konnte, die ihre besänftigenden Worte von der Stirn des jungen Plantagenverwalters verscheuchte. Sein Ernst verwandelte sich plötzlich wieder in ein unbefangenes Lächeln, und seine Stimme nahm wieder die Herzlichkeit an, die für einen Augenblick verschwunden gewesen war.

»Nein, meine Arabella«, rief er, »der letzte Wille meines Vaters war nur darauf bedacht, dem einzigen Sohn die Mittel an die Hand zu geben und zu sichern, die seine Zukunft nicht nur vor Sorgen schützen, sondern sogar glänzend gestalten sollen. Meinem Herzen hat er kein Vermächtnis hinterlassen; ich darf darüber verfügen, und«, flüsterte er zärtlich, »habe darüber verfügt, denn ich habe es einem Engel geschenkt, der …«

»Nun, der?«, fragte die Tänzerin mit einem schelmischen Lächeln.

»… der es mir gestohlen hätte, wenn ich so geizig gewesen wäre, es behalten zu wollen!«

»Arthur!«

»Arabella!«

Eine lange, innige Umarmung folgte dem Ausruf dieser beiden Namen.

Der junge Mann erwachte zuerst aus seinem Liebesrausch, aber nicht etwa, weil er sich selbst ermunterte, sondern weil er auf seinem Rücken so unsanft berührt wurde, dass er erwachen musste. Djali, die weiße Ziege mit dem roten Halsband, die der Szene bis jetzt ruhig zugesehen hatte, hatte plötzlich ihren Teppich verlassen und war – in welcher Absicht, können wir nicht sagen – dem glühenden Liebhaber mit beiden Vorderfüßen über den grünen Rücken gefahren, dass er sehr unsanft an die Erde erinnert wurde.

»Sieh doch, Arthur, auch Djali, das treue Tier, will dich umarmen«, rief Arabella jauchzend, ergriff die beiden Füße der Freundin und führte sie dem Freund entgegen. Dieser streichelte sanft das glänzende Haar und ergoss sich in Lobeserhebungen über die Klugheit und Schönheit des seltenen Tieres.

»In der Tat ist es klug«, sagte die Bajadere mit einem Seufzer, »denn es sah mich oft so mitleidig an, wenn ich unter Tränen an den flüchtigen Geliebten dachte, als ob es meinen Schmerz verstände und ihn teilen wollte. Doch nun sollst du auch sehen, welche Fortschritte es in seiner Kunst gemacht hat.«

Die Tänzerin wollte eben ihre Studien wieder beginnen, als Sally, die Zofe, eintrat.

»Miss«, sagte sie, »ich muss wider meinen Willen stören.«

»Was gibt es?«, fragte die Gebieterin unwillig.

»Der Wagen, der Sie zur Ballettprobe abholen soll, wartet bereits seit einer Stunde. Soeben kam der Direktor des Theaters, um sich persönlich nach dem Grund der unerwarteten Verzögerung zu erkundigen. Der gute Mann ist in tausend Ängsten – er glaubt, Sie seien krank geworden.«

»Ach, mein Gott«, rief Arabella, »ich habe die Probe vergessen! Wie spät ist es?«

»Zwölf Uhr, um elf Uhr sollte die Probe beginnen.«

»Sir Arthur«, wandte sich die Tänzerin zeremoniell zu dem Dandy, »die Pflicht ruft – wann sehe ich Sie wieder?«

»Hier ist meine Adresse«, wandte er sich zu Sally und gab ihr eine Karte. »Sie, reizende Arabella, haben über Ihren Diener zu bestimmen!«

»Sally«, befahl das junge Mädchen, »führe den Herrn Direktor in den Saal, dann komm zurück, um mir beim Ankleiden zu helfen.«

Als die Zofe sich entfernt hatte, nahm Arthur durch einen zarten Kuss Abschied von der Königin seines Herzens.

»Wann darf ich wiederkommen?«, fragte er.

»Sobald das Herz Ihnen die Aufforderung dazu diktiert«, war die Antwort, von einer Verbeugung begleitet.

»Diesen Abend?«

»Diesen Abend!«

Kaum war Arthur verschwunden, als Sally wieder eintrat, um die Toilette ihrer Herrin zu vollenden.

»Trage ich noch immer die Schuld«, fragte die listige Zofe, indem sie die schwarzen Haare Arabellas zu Locken formte, »dass die Vorstudien zu dem Ballett unterblieben sind?«

»Von dieser Schuld entbinde ich dich«, sagte die Tänzerin lächelnd; »doch eine Verantwortung hast du zu übernehmen.«

»Und welche?«

»Die gegen den Theaterdirektor.«

»Ich habe sie bereits übernommen.«

»Was hast du ihm gesagt?«

»Lassen Sie sich die Entschuldigung von dem Herrn Direktor selbst wiederholen. Ihr Kopfputz ist fertig!«

Während Arabella einen großen, kostbaren Schal um ihre Schultern warf und vor dem Spiegel einen gelben Hut mit einer weißen, wallenden Feder auf die Locken setzte, knüpfte Sally eine seidene Leine in das Halsband der Ziege. Nachdem die Herrin, deren Gesicht durch die Fülle der Locken einen neuen Reiz erhalten hatte, den letzten Blick in den Spiegel geworfen hatte, gab die Zofe ihr die Leine in die Hand. Dann öffnete sie die Tür des Saales, und Arabella, die Ziege führend, trat zu dem ungeduldig harrenden Direktor ein.

»O mein Gott, was muss ich hören!«, rief der Mann mit gekrümmtem Rücken und einem devoten, schmerzlichen Lächeln, »Ihre arme, allerliebste Ziege hat einen apoplektischen Anfall gehabt?«

Arabella gedachte der Entschuldigung ihrer Zofe.

»Der Anfall ist vorüber«, sagte sie lächelnd, »und die Probe kann beginnen.«

»Gott sei Dank«, rief der Bühnenlenker und küsste die Hand der Dame, »Gott sei Dank, dass er keine Folgen hatte! Darf ich um Ihren Arm bitten?«

Nach zwei Minuten öffnete ein Diener den Schlag des Wagens, der vor der Eingangstür des Hauses wartete. Die Tänzerin stieg zuerst ein, dann hob der Bühnenlenker die Ziege empor und setzte sie behutsam an die Seite ihrer Herrin – er selbst nahm dem Künstlerpaar gegenüber seinen Platz ein.

Der Wagen rollte an. Nach einer Viertelstunde begann die Ballettprobe.

2.

Am rechten Ufer des Mississippi, und zwar fünf bis sechs englische Meilen von der Hauptstadt Louisianas entfernt, zieht sich ein hoher, majestätischer Wald nach dem Westen des Landes hin, dessen Umrisse man, wie wir bereits berichtet haben, von Arabellas Boudoir aus deutlich erkennen kann. Der mit Schlingkraut und großen, breiten Blättern bewachsene Boden, in der Nähe des Flusses sumpfig und ein Aufenthalt für Schlangen und Gewürm aller Art, wird in geringer Entfernung von dem flachen Ufer mit jedem Schritt fester und trockener, das Gestrüpp verwandelt sich nach und nach in dichtes Unterholz, dessen Blätterdach den glühenden Sonnenstrahlen ein Ziel setzt und sie ihrer erschöpfenden Kraft beraubt, und die schlanken Zedern und Myrthenbäume, von dem schimmernden Jasmin wie von Girlanden umrankt, erscheinen in einem dunklen, goldfarbenen Licht, als ob die Abendröte sie mit einem milden Schein umfinge. Statt der wilden Schlingpflanzen beherrschen Blumen von mannigfacher Gestalt und Farbe, würzigen Duft verbreitend, den grünen Boden, während die majestätische Palme und die üppige Magnolie Königen gleich gebietend und majestätisch über den Wald emporragen.

In dieser Gegend des Waldes, wo die üppigste Vegetation alle Naturreize Louisianas entfaltet, trifft man sorgfältig gebahnte Wege: Den Jasmin- und Weinreben ist ihr Ziel gesteckt, dass sie rechts und links dichte Hecken zwischen den Stämmen der Bäume bilden, die hin und wieder vorkommenden sumpfigen Stellen sind mit Erde ausgeschüttet und festgemacht, und wo riesige Wurzeln den Pfad erhöhten, sind sie durch Feuer und Spaten vertilgt, dass dem Fuß fast kein hemmendes Hindernis mehr in den Weg tritt.

Diese Wege stellen die Kommunikation zwischen den einzelnen Pflanzungen her, die durch den Wald getrennt sind, und dienen den Bewohnern nicht selten zu Spaziergängen sowie dem forschenden Reisenden als Pfade, um das Innere des Landes kennenzulernen.

Ungefähr um dieselbe Zeit, als Arthur in das Zimmer Arabellas trat, durchschritt einen dieser einsamen Waldgänge ein Mann, der weder das Aussehen eines Spaziergängers noch eines Reisenden hatte. Zwar trug er eine feine englische Büchse unter dem Arm, eine Jagdtasche an der Seite und ein Waidmesser mit kostbarem Griff, aber auch die Absicht zu jagen schien er nicht zu haben, denn er ging langsamen Schrittes unter der blinkenden Blätterwölbung hin, große Wolken Tabakrauches unter seinem breitkrempigen Strohhut hervorblasend, ohne sich um das aufgeschreckte Wild, das aus dem Gebüsch über den Weg sprang, zu kümmern und ohne nach den Vögeln zu blicken, die sich in bester Schussnähe auf den elastischen Zweigen wiegten. Sein Anzug bestand einfach aus ein Paar gelben, weiten Hosen, einem hellgrauen Oberrock mit einer Art kurzem Mantelkragen, aus dem der Kragen eines bunt gestreiften Hemdes hervorsah, und Stiefeln aus hellbraunem Leder, die von der Farbe der Hosen wenig abstachen. Seine Bewegungen, obgleich er nur langsam dahinschritt, verrieten dennoch den kräftigen Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, und sein Gesicht, von einem kurzen, braun gekräuselten Bart umgeben, drückte einen Ernst aus, der zu mild war, um ihn Härte oder Wildheit zu nennen, und zu streng, um ihn mit den Worten Traurigkeit oder Schmerz zu bezeichnen.

Wohl eine halbe Stunde Zeit hatte dieser Mann gebraucht, um eine Strecke Weges von einer Viertelstunde zurückzulegen, als plötzlich durch eine Lichtung des Waldes die Sonnenstrahlen senkrecht auf sein Haupt fielen und ein anderer Weg den seinen durchschnitt.

Sinnend blieb er stehen und blickte rechts den Kreuzweg hinunter, der stets breiter und luftiger wurde und in geringer Entfernung die roten Dächer einer Besitzung in dem dunklen Grün zeigte, deren Anblick einen besonderen Eindruck auf ihn auszuüben schien. Wie unwillig nahm er sein Gewehr von der Schulter, setzte es heftig zu Boden, legte die gekreuzten Arme auf dessen Mündung und sah mit starren, ungewissen Blicken zu den Häusern, die ein freundliches Panorama in der wilden Waldgegend bildeten.

Die Sonne sandte eine sengende Hitze durch die Lichtung der Blätter, kein Lüftchen regte einen Halm oder einen Zweig, und große Scharen Moskitos umschwärmten den sinnenden Mann, dann und wann zurückgescheucht durch den Tabakrauch, der in hellblauen Wolken aus seiner kurzen Pfeife stieg.

Das Gestirn des Tages stand am Zenit – es war Mittag.

Plötzlich unterbrach ein leises Rauschen in den Blättern des Weges die fast unheimliche, beklemmende Waldstille. Ein Vogel mit glänzendem, buntfarbigem Gefieder flatterte auf und eilte erschrocken dem Dickicht zu, das undurchdringlich rechts und links zur Seite stand. Das Geräusch kam näher. Es wurde von einem Mann verursacht, der aus der entgegengesetzten Richtung des Weges kam, den der Mann im grauen Rock unablässig mit den Blicken verfolgte. Der Ankommende seufzte tief und schwer; die Hitze und der zurückgelegte Weg schienen ihn so erschöpft zu haben, dass er nur noch mit großer Anstrengung seine Füße bewegen konnte.

Fassen wir diesen Mann einen Augenblick näher ins Auge.

Er war von wohlgenährter, untersetzter Statur – man konnte ihn nicht mit Unrecht korpulent nennen. Er trug einen weißen, blau und rot gestreiften Rock mit großen schwarzen Hornknöpfen besetzt, dessen Schnitt den englischen Röcken glich, wie man sie häufig bei den Dandys in London sieht. Dieser Rock war so kurz, dass er kaum die Knie seines Trägers bedeckte. Die etwas nach außen gebogenen kurzen Beine waren mit einer weißen Hose aus englischem Leder bekleidet und lagen so fest an, dass man die eben nicht vorteilhafte Körperbildung ihres Inhabers deutlich wahrnehmen konnte. Ein weißes, sorgfältig gewaschenes Hemd mit einem breiten Kragen, der an dem fleischigen Hals durch ein leichtes schwarzes Tuch zusammengehalten wurde, bedeckte die breite Brust, und um die unförmigen Hüften schlang sich eine hellrote Schärpe aus feiner Wolle. Auf dem dicken, runden Schädel, der mit schwarzen, krausen Haaren bewachsen war, wie der Rücken eines europäischen Schafes, prangte ein feiner, glänzender Strohhut, den ein grünes Band zierte, das in zwei langen Zipfeln über den breiten Rücken herabflatterte. Hände und Gesicht waren schmutzig gelb und zeigten auf den ersten Blick den Mulatten an. Die Sorgfalt, mit der die saubere Kleidung gewählt und angelegt war, bildete einen stechenden Kontrast zu der plumpen Gesichtsbildung, die man mit vollem Recht hässlich nennen konnte. Die rechte Hand, derb wie die eines Holzspalters, hielt ein Bambusrohr von der Stärke eines Daumens umfasst – es schien in diesem Augenblick als Spazierstock zu dienen.

Als der Mulatte den Mann mit der Büchse erblickte, stand er plötzlich still; er musste ihn kennen, denn der Ausdruck seines Gesichtes gab deutlich kund, dass ihm die Begegnung mit dem Bewaffneten nicht angenehm war. Dieser verharrte indes in seiner Stellung; das Auge voll düsteren Ernstes haftete fast unbeweglich auf dem Punkt, den es anfangs zum Gegenstand der Beobachtung gewählt hatte – er regte sich kaum und schien so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er das, was um ihn vorging, nicht bemerkte.

Da an ein Ausweichen nicht zu denken war, denn das Dickicht rechts und links stand undurchdringlich, setzte der Mulatte, der Eile zu haben schien, nach einigen Augenblicken stiller Überlegung seinen Weg fort. Verwundert schüttelte er den dicken, runden Kopf, als er vielleicht noch zehn bis zwölf Schritte von dem Nachdenkenden entfernt war und dieser auf das Geräusch des Ankommenden noch immer nicht reagierte.

»Sonderbar«, murmelte er leise vor sich hin, »dieser große Pflanzer tritt mir jedes Mal unter die Augen, wenn ich ihn am allerwenigsten vermute. Ich wollte, der Teufel bannte ihn auf die Spitze der höchsten Zeder, dass ich vorbeigehen könnte, ohne ihm Rede stehen zu müssen – der Mensch besitzt keine Lebensart, er ist grob und ungeschlacht wie der gemeinste Neger1 auf seiner Pflanzung. Ich bedauere ihn, obgleich er der reichste Mann unseres Distrikts ist!«

Kaum war diese Betrachtung zu Ende, als der Pflanzer seinen Kopf zur Seite wandte und den Mulatten, der sich stellte, als ob er übergroße Eile hätte, erblickte, wie er eben mit einem flüchtigen Gruß an der Seite vorüberschlüpfen wollte.

»Halt, Freund Kato«, rief der Pflanzer mit einer kräftigen, tiefen Bassstimme. Woher des Wegs?«

»Von der Tabakpflanzung hinter dem Wald«, antwortete der Angeredete keuchend, »ich habe den faulen Negern andere Arbeit angewiesen!«

»Und wohin so eilig?«

»Zu meiner jungen Herrin, Miss Jenny, die mich gewiss schon mit Ungeduld erwartet.«

»So mag sie noch länger warten«, sagte der Pflanzer in einem befehlenden Ton, »bleibe!«

»Sir Jackson«, sagte der Mulatte erschrocken, »die verdammten Neger auf der Pflanzung haben mich schon über eine halbe Stunde länger aufgehalten, als ich ausbleiben wollte; ich habe, bei meiner Ehre, nicht eine Minute Zeit übrig, wenn ich mir den Zorn meiner liebenswürdigen Miss nicht zuziehen will.«

»Hast du Lust, dir meinen Zorn zuzuziehen?«, fragte der Pflanzer drohend, indem er den Ladestock seines Gewehrs zur Hälfte herauszog. »Ich denke, du kennst mich!«

»Nein, Herr, Ihre Freundschaft ist mir lieber, auf Ehre! Doch sprechen Sie nicht in diesem harten Ton, Sie sind ja ein steinreicher Mann und reiche Leute müssen stets mit einer gewissen Manier …«

»Meine Manier ist die richtige, dummer Teufel, denn ohne sie wäre ich sicher nicht geworden, was ich bin. Jetzt tritt näher und antworte auf meine Fragen«, sagte der Pflanzer in einem milderen Ton und stieß den Ladestock in den Schaft des Gewehres zurück.

Kato nahm seinen Strohhut ab, trocknete sich mit einem seidenen Taschentuch das glänzende Gesicht und trat mit der Miene eines Kindes näher, das aus Furcht vor Strafe gehorsam ist.

»Du hast Eile, Freund, dass du nach Hause kommst – sagtest du nicht so?«

»Ja, Sir Jackson«, war die Antwort des Mulatten.

»So! Und darf man den Grund wissen?«

»Den Grund, lieber Herr?«, sagte Kato lächelnd, dass zwei Reihen großer, weißer Zähne, wie künstlich aus Elfenbein gearbeitet, sichtbar wurden. »Fragen Sie lieber nach den Gründen, denn ich habe so viel zu besorgen, dass ich nicht weiß, wo ich beginnen soll.«

»So? Liegt denn die Verwaltung des ganzen Hauswesens auf den Schultern eines einzigen Domestiken?«

»Domestiken«, rief der Mulatte in komischer Entrüstung, und die Augen rollten im Kopf wie ein Paar Räder, »Domestiken – ich bin Verwalter und oberster Sklavenaufseher, Sir Jackson!«

Das Gesicht des Pflanzers verzog sich zu einem melancholischen Lächeln; ruhig legte er die gekreuzten Hände wieder auf die Mündung seines Gewehrs und fragte weiter:

»Oberster Sklavenaufseher! Wer sollte mir das gesagt haben?«

»Das ist eine sonderbare Frage! Sehen Sie mich an und Sie müssen wissen, dass ich kein Domestik bin!«

»Und woran soll ich das sehen?«

»Sir Jackson«, antwortete Kato und seine Entrüstung stieg mit jedem Wort, das er sprach, »wenn es Ihnen mein ausgewählter fashionabler Anzug nicht sagt, so müssen es Ihnen meine Miene und meine Manieren sagen, denn es sind die eines gebildeten, anständigen Mannes und keines Domestiken. Spricht ein Domestik wie ich? Nein! – Trägt ein Domestik die Kleider nach dem neuesten Londoner Schnitt? Nein! – Weiß ein Domestik die Geheimnisse seiner Herrin? Nein! Weiß ein Domestik sich überhaupt mit der Eleganz zu bewegen wie ich? Sir Jackson, wenn Sie nur ein wenig Menschenkenntnis besäßen, zum Beispiel nur den zehnten Teil der meinen, so müssten Sie sich alle diese Fragen selbst beantworten können.«

»Du bist ein vortrefflicher Mensch, Freund Kato, und ich bekenne, dass du mein Lehrer sein könntest«, entgegnete der Pflanzer mit Ironie, indem er dem Mulatten seine rechte Hand reichte.

Katos Furcht war völlig verschwunden; er glaubte ein moralisches Übergewicht über den Pflanzer erlangt zu haben, das ihn nicht nur vor den Ausbrüchen seiner Grobheit schützte, sondern auch ein gewisses Ansehen verschaffte, mithilfe dessen er sein Lieblingsthema verhandeln und ausbeuten konnte.

»Ihr Lehrer, sagen Sie?«, begann der Mulatte mit großer Genugtuung. »Ich glaube es wohl, denn die Kenntnisse, die ich besitze, habe ich mir in London erworben, in der Stadt der Eleganz und feinen Sitten. Ihnen, Sir Jackson, fehlt nichts weiter als ein dreijähriger Aufenthalt in dieser Weltstadt, und Sie wären der liebenswürdigste Pflanzer in ganz Louisiana – auf Ehre, das Zeugnis würde ich Ihnen geben.«

Jackson schien an der Unterhaltung Gefallen zu finden; lächelnd legte er die Hand ans Kinn und fragte:

»Nun, was missfällt dir denn in diesem Augenblick an mir?«

»O Himmel«, rief Kato, »wenn ich das alles aufzählen wollte, würde Miss Jenny noch lange auf mich warten müssen!«

Der Pflanzer betrachtete sich von den Zehen bis zur Brust herauf, so weit es das Auge erlaubte, und fragte dann in einem Ton, der keinen entscheidenden Aufschluss gab, ob er des Scherzes wegen die Unterhaltung fortsetzen wollte oder aus einem andern Grund:

»Antworte, Kato, was missfällt dir?«

Der Mulatte warf sich in die Brust, steckte die rechte Hand in die rote Schärpe und setzte die breiten Füße in die dritte Tanzposition. Sein Gesicht nahm einen höchst einfältigen Ausdruck an und seine dünne, schnarrende Stimme wurde etwas stärker und feierlich.

»Sir Jackson«, sagte der braune Mann, »Sie sind der reichste und mächtigste Pflanzer im ganzen Distrikt von New Orleans, und nun betrachten Sie sich einmal, wie Sie aussehen! Fangen wir bei den Füßen an: Ihre Stiefel sind aus rohem Leder, schlecht gemacht und jedes Glanzes unfähig. – Ihre Hosen sind so schlecht gemacht und aus so erbärmlichem Stoff, dass ich sie sofort konfiszieren und verbrennen würde, wenn einer meiner Domestiken es wagte, damit in den Zimmern meiner Herrin zu erscheinen. – Ihr grauer Rock, Sir Jackson, ist nun völlig unter aller Kritik, denn der kurze Kragen, der wie das Schirmdach eines Höckerweibes über die Schultern fällt, deutet an, dass er dem vorigen Jahrhundert angehört, dass ihn vielleicht schon Ihr Großvater getragen hat. – Ihr Hut … nun, den will ich gelten lassen, denn er ist comfortable und schützt vor den Sonnenstrahlen, die mich diesen Sommer schon so zugerichtet haben, dass ich aussehe wie ein Mulatte – o diese Sonnenstrahlen, ich wollte, es wäre ewige Nacht! Und nun bedenken Sie einmal Ihr Betragen! Man fürchtet sich jedes Mal, wenn Sie den Mund öffnen, so hart und barsch kommen die Worte unter Ihrem wilden Bart hervor. Lassen Sie sich raten, Sir Jackson: Werden Sie fashionable, das heißt, kleiden Sie sich sorgfältiger und etwas mehr nach der Mode, dann erhält Ihre Person mehr Interesse, Sie sind überall wohlgelitten und werden vorzüglich Glück machen bei den Damen, deren wir sehr schöne in dieser Gegend besitzen. Mit einem Wort, Sie müssen ein Salonmann werden, müssen nicht mehr wie ein Wolf in den finsteren Wäldern umherschleichen, und sich eines guten Tons, das heißt angenehmer Manieren und Sitten, befleißigen. Denken Sie denn, mein bester Sir Jackson, dass Sie so, wie Sie da vor mir stehen und wie ich Sie schon seit einem Jahr fast täglich erblicke, je eine Frau finden werden? O nein, die Frauen lieben nur dann das Starke und Kräftige, wenn es sich mit dem Zarten und Milden paart; sie lieben nur dann die Gerüche des Waldes, wenn sie sich mit dem Duft lieblicher Pomaden mischen. Sehen Sie, Sir Jackson – und Sie können es mir auf Ehre glauben –, seit ich mich der süß duftenden Pomaden und Wasser bediene, habe ich enorme Fortschritte in der Gunst der reizenden Eva gemacht. Noch vor wenigen Wochen, ehe ich mich dieser Mittel bediente, um meine Person in einen liebenswürdigen Geruch zu bringen, wollte die süße Eva nichts von mir wissen; sobald sie mich nur erblickte, rümpfte sie ihre himmlische Nase, und sooft ich in ihre Nähe kam, hielt sie sich ihr weißes Schnupftuch vor den Mund – und bedenken Sie, ich trug damals schon diese eleganten Kleider, die ich aus London mitgebracht habe, ich hatte schon damals das feine Benehmen eines echt-englischen Dandys; aber alles brachte nicht die Wirkung hervor, die ich mit dem Duft der Pomaden und Wasser erzielte. Eva, die himmlische Eva reicht mir die Hand, wenn ich mich ihr nähere, rümpft nicht mehr die Nase, wenn ich ihr zärtlich in das himmelblaue Auge blicke, und erlaubt mir sogar, dass ich ihr die wunderniedliche Hand küssen darf. Und nun Miss Jenny, meine schöne Herrin – bei allen Gelegenheiten zieht sie mich zurate, sogar bei ihren Herzensangelegenheiten …!«

»Genug, Kato«, sagte der Pflanzer ernst, »ich werde deinen Rat befolgen.«

»Daran werden Sie wohl tun, und ich möchte wetten, dass Ihnen Miss Jenny den Zutritt in ihre Zimmer nicht mehr verweigert. Mir tat es immer leid, wenn ich Sie an der Tür abweisen musste – aber meine Ehre setze ich zum Pfand ein, dass sich Ihnen die Türen von selbst öffnen, wenn Sie in einem eleganten Frack, modernen Hosen und glänzenden Stiefeln mit klirrenden Sporen erscheinen – aber vergessen Sie die Pomaden und Parfüme nicht, denn sie machen den Mann in unserm Klima eigentlich fashionable. Sir Jackson, wenn ein Mann ein seidenes Tuch aus der Tasche zieht, das lieblich duftet, so hat er bei jeder Dame gewonnenes Spiel. Der Dandy muss mit allen Sinnen zu vernehmen sein, vorzüglich aber mit dem Geruch, denn die Riechorgane sind bei den Damen am empfindsamsten, das weiß ich, auf Ehre, ich weiß es ganz genau!«

Mit den letzten Worten zog Kato aus der Seitentasche seines Rockes ein seidenes Tuch hervor, das einen starken, wohlriechenden Duft verbreitete.

»Ist das alles, was ich zu befolgen habe?«, fragte der Pflanzer lächelnd.

»Ja«, antwortete Kato, indem er sich mit dem duftenden Tuch frische Luft zufächelte.

»Gut, so beantworte mir meine Fragen. Sagtest du nicht, Miss Jenny habe dich zum Vertrauten ihrer Herzensangelegenheiten gemacht?«

»Allerdings!«

»Hat sie dir untersagt, darüber zu reden?«

»Nein, warum sollte sie auch?«, gab Kato unbefangen zur Antwort. »Morgen oder übermorgen werden sie doch bekannt. Miss Jenny wird sich verheiraten.«

Der Pflanzer drückte sein Gewehr mit beiden Händen zusammen, als ob sie ein Krampf durchzuckte, und seine großen Augen stierten den Mulatten an, als ob sie ihn durchbohren wollten. Sein männliches, braunes Gesicht aber behielt denselben Ausdruck, es blieb ruhig wie zuvor; selbst die Worte verrieten keine innere Aufregung.

»Wen wird sie heiraten?«, fragte er ernst und langsam.

»Sollten Sie es nicht ahnen, Sir Jackson?«

»Nein! Deine junge Gebieterin ist so liebenswürdig«, fügte er bedeutsam hinzu, »dass ich in der Tat keinen Mann in unserm Distrikt wüsste, der ihrer Hand würdig wäre.«

»Sie haben recht, Sir Jackson, Ihr Urteil freut mich. O dass ich Ihnen meine Lehren früher hätte mitteilen können, vielleicht wäre es Ihnen gelungen …«

»Still, Kato, Miss Jenny hasst mich, ich weiß es. Wen wird sie heiraten?«

»Sir Arthur Makensie, den einzigen Sohn Jakob Makensies, des Bruders ihres verstorbenen Vaters.«

»Kato«, rief der Pflanzer mit glühenden Augen, »kannst du diese Nachricht verbürgen?«

»Gewiss, mein bester Sir Jackson, denn eben die Vorbereitungen zu dieser Heirat sind es ja, die mich zur Eile antrieben. Heute kehrt Sir Arthur aus New Orleans zurück, wo er sich seit einigen Tagen aufhält, um seine Papiere in Ordnung zu bringen, morgen ist die Verlobung und übermorgen wird der Kontrakt unterzeichnet und Hochzeit gemacht. Wenn ich unter diesen Umständen die Nachricht nicht verbürgen kann, dann möchte ich wissen, was sonst eine verbürgte Nachricht sein soll!«

»Nein, das ist nicht möglich«, rief der Pflanzer.

»Es ist möglich und gewiss, wie ich Ihnen sage.«

»Miss Jenny begeht einen übereilten Schritt, der sie unglücklich machen wird!«

»Beruhigen Sie sich, Sir Jackson, Miss Jennys Vater hat diesen Schritt reiflich überlegt, denn es war sein letzter Wille, dass Sir Arthur seine Cousine heiraten soll, und Miss Jenny ist eine zu gehorsame Tochter, als dass sie diesen Willen unerfüllt ließe, selbst wenn sie den ihr bestimmten Bräutigam weniger liebte!«

»O mein Gott«, rief Jackson voll Schmerz und Zorn, »also so weit erstreckt sich der Leichtsinn des alten Makensie, dass er selbst die Tochter nach seinem Tod noch vergeudet! O wenn er noch lebte, ich würde ihn so schonungslos behandeln wie den schlechtesten meiner Sklaven auf der Pflanzung!«

»Sir Jackson«, sagte der Mulatte scheu zurückweichend, »Sie schmälen einen Toten – das ist nicht fashionable – mir scheint, meine Lehren …«

»Einen Toten«, brauste der aufgebrachte Pflanzer auf, »einen Toten? Dieser Mister Makensie wird ewig fortleben in seinen leichtsinnigen Streichen, denn ihre Folgen sind nicht mit ihm ins Grab gegangen, sie äußern ihre trübselige Wirkung noch jetzt und später an den Überlebenden!«

»Sir Jackson«, entgegnete Kato mit Vorwurf, »das ist kein guter Ton, bedenken Sie!«

»Aber ein richtiger Ton, und den will man nirgends hören. Hätte der verstorbene Makensie seine Tochter geliebt, so würde er besser für sie gesorgt haben!«

»Nun, hat er nicht für sie gesorgt? Hat er ihr nicht eine herrliche Pflanzung und jenes reizende Gut hinterlassen, das dort so anmutig durch die Wipfel der Bäume schimmert? Über dreihundert Sklaven von allen Farben gehören zu dieser Besitzung, und mich selbst, der ich es ihm noch im Grabe Dank weiß …«

»Über dreihundert Sklaven gehören zu dieser Besitzung, o ja – weißt du auch, du einfältiger Mulatte, wie viel Schulden dazu gehören?«

Als ob ein Blitz den ganzen Körper Katos durchzuckte, wich er drei Schritte zurück und stammelte mit hoch erhobenem Kopf:

»Mulatte … ich, ein Mulatte? Sir Jackson, ich bin ein Weißer, der drei Jahre in London gewesen ist und seine Erziehung genossen hat – dass die Sonne meine Haut so braun gefärbt hat …«

»Dein Herr hat Schulden, so viel Schulden hinterlassen, dass auch nicht ein Zuckerrohr oder eine einzige Tabakpflanze auf die arme Jenny übergegangen wäre, wenn die Gläubiger ihr Geld eingetrieben hätten. Aber wie lange wird es noch dauern, bis das geschehen wird? Und nun will er das arme Mädchen noch völlig ruinieren, indem er sie durch seinen letzten Willen an einen ebenso leichtsinnigen jungen Menschen fesselt, wie er selbst gewesen ist? Nein, das geht zu weit, das muss jeden ehrlichen Menschen empören, der diese Verhältnisse kennt.«

»Bester Sir Jackson, erlauben Sie mir wohl eine Frage?«

»So rede!«

»Kennen Sie Sir Arthur, den bestimmten Bräutigam meiner liebenswürdigen Miss?«

»Nein, ich habe ihn nie gesehen, ich kenne ihn nur nach dem, was das Gerücht von ihm erzählt.«

»So hat das Gerücht gelogen«, sagte Kato mit großer Bestimmtheit; »Sir Arthur ist mein Zögling, besitzt elegante Manieren und den besten Ton und Geschmack von der Welt. Sir Arthur ist in jeder Beziehung der liebenswürdigen Jenny wert, und ich behaupte, dass es kein schöneres Paar in unserm gesegneten Louisiana gibt als diese beiden jungen Leute. Hätte das Testament des Vaters ihren Vermählungstag nicht festgestellt, sie würden sich sicher schon geheiratet haben.«

»Und welchen Tag bestimmt das Testament?«, fragte der Pflanzer rasch.

»Den fünften Juni, und heute haben wir den dritten.«

»Den fünften Juni!«, wiederholte Jackson mit dumpfer Stimme. »O dass er heiter und Glück bringend über den Bäumen emporstiege, die dort so freundlich die roten Dächer beschatten!«

Kato sah erstaunt den grauen Pflanzer an, der, in ein trübes Nachsinnen versunken, starr auf den Lauf seines Gewehres blickte; er schien über einen Plan nachzudenken. Dem Mulatten wurde unheimlich zumute; langsam steckte er sein duftendes Tuch in die Tasche und trat einige Schritte zurück.

»Sir Jackson«, sagte er schüchtern nach einer Pause, »jetzt muss ich fort – leben Sie wohl!«

»Halt«, rief dieser mit befehlender Stimme, »ich bedarf deiner!«

»Wie, Herr, Sie bedürfen meiner?«

»Ich begleite dich!«

»Wohin?«

»Zu der Besitzung Miss Jennys! Dort wirst du mich melden bei deiner jungen Gebieterin.«

»Aber, Herr, gerade heute, wo sie ihren Bräutigam erwartet, wollen Sie …«

»Sage deiner Gebieterin, dass ich in ihrem Interesse über einen sehr wichtigen Gegenstand mit ihr reden müsste, und heute, in dieser Stunde noch. Würde sie mir wiederum den Zutritt verweigern, wie sie es bis jetzt stets getan hat, so möge sie sich nicht wundern, wenn sie etwas träfe, was sie nicht für möglich gehalten hätte. Los jetzt«, befahl Jackson, indem er sein Gewehr über die Schulter warf, »die Sonne brennt nicht mehr durch die Lichtung, Mittag ist vorüber!«

Kato wagte kein Wort der Einrede mehr; mit einem tiefen Seufzer setzte er sich in Bewegung und schlug den Weg zu den Häusern ein. Jackson folgte schweigend, er hatte selbst die erloschene Pfeife nicht wieder angezündet, sondern sie ruhig in die tiefe Seitentasche seines grauen Rockes gesteckt.

Der Weg wurde mit jedem Schritt, den die beiden Männer zurücklegten, breiter und luftiger, das heckenartige Dickicht zu beiden Seiten wurde stets lichter, bis endlich die Baumstämme so weit voneinander entfernt standen, dass das niedrige Gestrüpp und die Ranken nur noch selten einen Stützpunkt fanden; sie wanden sich auf dem trockenen Boden fort.

Nach einer Viertelstunde lief der Weg auf einen großen Rasenplatz aus, auf dem vereinzelte, aber regelmäßig angelegte Gruppen von Palmen und Zedern standen, deren Zweige und Stämme dergestalt von Reben und großblättrigem Jasmin umwunden waren, dass sie ziemlich große Räume völlig vor den Sonnenstrahlen schützten. Diese schattigen Plätze wurden von künstlich angelegten und sorgfältig gepflegten lebendigen Hecken eingezäunt, in denen sich zierliche, weiß angestrichene Holzgitter befanden, die die Türen bildeten. Unter den dicken, kräftigen Stämmen selbst, die einen regelmäßigen Kreis bildeten, standen elegante Holzbänke, Stühle und Tische, von denen einige mit farbigen Decken überhangen waren. Die Räume, die zwischen diesen einzelnen Baumgruppen lagen, waren hin und wieder mit Bosketts geschmückt, aus deren dunklem Grün prachtvolle Blumenkelche in üppigen Farben emporragten und die Luft, trotz der drückenden Hitze, mit einem würzigen Duft erfüllten. Breite Schlangenwege, nach englischem Geschmack gestaltet, durchzogen diesen duftigen Park, in dessen Mitte sich die Gruppe freundlicher Häuser erhob, die der Pflanzer auf dem Kreuzweg zum Gegenstand seiner Betrachtungen erkoren hatte.

Kato kannte diese Wege genau. Als ob ihn der Faden der Ariadne leitete, schritt er keuchend durch die verschiedenen, von ihm gewählten Schlangenwindungen, bis er endlich auf einen freien, mit feinem Kies bestreuten Platz gelangte, der auf einer Seite von der Fassade eines eleganten, zweistöckigen Hauses und auf den übrigen Seiten von dichtem Gebüsch begrenzt wurde, durch dessen dunkles Laub die weißen Mauern und glänzenden Fenster der Wirtschaftsgebäude schimmerten.

In der Mitte dieses Platzes rauschte eine Fontäne einen starken Wasserstrahl empor, der, nachdem er die Pflanzen in seiner Nähe mit einem leichten Sprühregen betaut hatte, in ein großes Marmorbecken zurückfiel, um einen klaren Teich für lustige Fischlein zu bilden.

Von dem Becken bis zu der hohen Mitteltür des Hauses zog sich eine Allee dicht belaubter Bäume, aus deren Zweigen der hundertstimmige Gesang munterer Vögel erklang, die sich gern in der Nähe des kühlenden Wassers aufhielten.

Durch diese Allee ging Kato, nachdem er neben dem Wasserbecken einen Augenblick stillgestanden und einige Züge kühler Luft genossen hatte. Jackson, der ihm stets auf den Fersen war, folgte ernst und schweigend.

Als die beiden Männer die breiten Steinstufen der Freitreppe vor dem Haus erreicht hatten, wandte sich der Mulatte zu seinem Begleiter.

»Sir Jackson«, sagte er, »was soll ich meiner Gebieterin melden?«

»Narr«, antwortete der Pflanzer finster, indem er den Kolben seines Gewehrs auf die Steinplatte setzte, »ich habe es dir schon gesagt: Melde, dass ich in einer dringenden Geschäftsangelegenheit eine Unterredung mit ihr verlange. Weigert sie sich, mich zu empfangen, so bedeute ihr, dass es in ihrem Interesse ist.«

»Ich fürchte«, sagte Kato seufzend, »dass dieses Bedeuten Ihnen kein Gehör verschaffen wird, wenn Miss Jenny nicht geneigt ist, Sie vorzulassen. Hätten Sie nur einen eleganten Frack an, moderne Hosen und blanke Stiefeln, dann würde ich nicht alle Hoffnung aufgeben – so aber zweifele ich.«

»Tue, was ich gesagt habe«, befahl Jackson ungeduldig, indem er heftig mit dem Gewehr auf den Stein stieß, dass es laut dröhnte.

Trotz seiner Ermüdung sprang Kato mit einem Satz zwei Stufen hinauf.

»Gut«, sagte er erschrocken, »so treten Sie in den Saal, ich werde Sie melden!«

Der Mulatte öffnete eine Glastür, die zu einem kleinen Vorgemach ohne Möbel führte. Dann zog er an einer Glocke.

Kaum eine Minute verstrich und eine andere Tür wurde von innen geöffnet. Eine junge Negerin in weißer bengalischer Kleidung erschien auf der Schwelle. Als sie den Mulatten mit seinem grauen Begleiter erblickte, trat sie zurück und ließ die beiden Männer eintreten. Dann schloss sie die Tür wieder.

»Katty«, flüsterte der Mulatte zu der Negerin, »führe mich zu Miss Jenny, ich habe mit ihr zu reden. Sir Jackson«, wandte er sich zu dem Pflanzer, »nehmen Sie Platz, ich kehre in zwei Minuten zurück.«

Jackson war allein. Ruhig, die Hand auf sein Gewehr gestützt, blieb er in der Mitte des eleganten Saales stehen und begann, sich mit dessen Betrachtung zu unterhalten. Die Seite, die der Tür gegenüberlag, durch die er eingetreten war, bestand fast nur aus einem einzigen großen Fenster, hinter dem sich ein duftender Garten darbot. Zwei große Glasflügel in dieser Fensterwand waren geöffnet – statt ihrer füllten leichte Holzrahmen, mit dünnem, weißem Gaze bespannt, die entstandene Öffnung aus, sodass die duftgeschwängerte Luft des Gartens freien Einzug hatte und das Eindringen der Insekten und Moskitos verhindert wurde. Ein zierlicher Kronleuchter aus Kristall hing an einer starken, roten Schnur von dem schön bemalten Plafond herab und die reichen Tapeten an den Wänden zeigten Ansichten alt-römischer Städte, Plätze und Gebäude. An jeder Seite, wo sich keine Tür befand, standen niedrige Ottomanen mit schwellenden Polstern, vor denen sich kostbare rote und blaue Fußteppiche ausbreiteten. Mit einem Wort, der Saal war einfach, aber bequem und reizend ausgestattet.

Schmerzlich ruhten die Blicke des Pflanzers auf allen diesen Gegenständen, und wer den Mann in seiner grauen, fast ärmlichen Kleidung so gesehen hätte, würde unwillkürlich auf die Vermutung gekommen sein, er betrauere seine Armut und beneide die Besitzerin um ihren Reichtum.

Jackson brauchte nicht lange zu warten, denn kaum waren fünf Minuten vergangen, als Kato wieder erschien.

»Sir Jackson«, sagte er mit trübseligen Mienen, »Miss Jenny Makensie bedauert, Sie nicht empfangen zu können …«

»Warum?«, fragte der graue Pflanzer heftig und barsch.

»Sie ist mit Eva, ihrem Kammermädchen, beschäftigt, den Brautstaat zu prüfen, der vor einer Stunde aus New Orleans angekommen ist.

»Ein wichtiger Grund!«, murmelte Jackson.

»Hast du ihr auch alles gesagt, was ich dir aufgetragen habe?«

»Alles, Herr, nicht eine Silbe habe ich verschwiegen. Wie es scheint, hegt Miss Jenny eine besondere Abneigung gegen Sie, und ich glaube den Grund dafür zu kennen.«

»So nenne ihn mir!«

»Blicken Sie dort in jenen Spiegel und Sie wissen ihn.«

Unwillkürlich richteten sich die Blicke des Pflanzers auf den hohen Spiegel. Das fein geschliffene Glas gab seine Gestalt und die des aufgeputzten Mulatten zurück, der sich selbstgefällig und mit den schmutzig gelben Händen sein weißes Hemd ordnend darin betrachtete.

»Du hast recht, Kato«, sagte der Pflanzer schmerzlich lächelnd, »ich passe nicht in dieses Haus. Doch sage deiner Gebieterin«, fügte er mit dumpfer Stimme hinzu, »dass ich mich dennoch zur Hochzeit einfinden werde, ohne festliche Kleidung anzulegen. Bis dahin lebe wohl!«

Mit den letzten Worten warf er seine Büchse über die Schulter, öffnete die Tür und verließ, dem Anschein nach ruhig, den Saal.

Kopfschüttelnd schloss der Mulatte die Tür wieder.

»Ich kann nicht begreifen«, murmelte er lächelnd vor sich hin, »wie der große Pflanzer sich noch wundert, dass ihn Miss Jenny, die zarteste und eleganteste Dame, die ich kenne, nicht empfangen will! Nun, ich hoffe, der Spiegel wird ihm das, was ich ihm schon oft gesagt habe, bestätigt haben, denn er machte ein gar jämmerliches Gesicht, als er mich neben sich erblickte – ja, fashionable sein ist auch eine Kunst, zu der nicht etwa Geld und Gut gehört, um sie auszuüben, sondern Talent, Geschmack und Genie! Und dass ich dieses alles besitze, hat mir Eva, die sonst nicht leicht zufriedenzustellen ist, zugestehen müssen. O du reizende Eva, deine Worte haben mir mein Ziel gesteckt: Ich will der fashionabelste aller Männer werden, die je ein weibliches Wesen geliebt haben. Übermorgen, wenn meine Gebieterin sich verlobt, erscheine ich zum ersten Mal in einem grünen Frack mit goldenen Knöpfen – gerade, wie ihn Sir Arthur trägt. In diesem Frack trete ich vor Eva hin und werbe um ihre Hand, und bei Gott, es müsste nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sie mir einen Korb erteilte. Was der Anzug noch zu wünschen übrig lässt, ersetzen meine Worte, meine Manieren. – Eva, du wirst in Fesseln geschlagen, selbst wenn du dich mit der Büchse des Pflanzers bewaffnest, der wie ein Bandit die Waldungen durchstreift!«

Eine Glocke unterbrach das Selbstgespräch des Mulatten. Sie musste ihm gelten, denn ohne die Absicht, vor den Spiegel zu treten, auszuführen, ging er schnell auf die Tür zu, durch die er zuvor verschwunden war, um den Pflanzer zu melden, und verließ den Saal.

Jackson hatte die Besitzung Miss Jennys verlassen und wieder denselben Weg eingeschlagen, auf dem wir ihn begleitet haben.

Als er an der Stelle ankam, wo die beiden Wege sich kreuzen, fand er einen Neger mit einem gesattelten Pferd vor. Ohne mit dem Sklaven ein Wort zu wechseln, schwang er sich in den Sattel, gab dem kräftigen Tier die Sporen und entschwand nach kurzer Zeit den Blicken des langsam folgenden Negers.

3.

Es wurde Abend. Die glühenden Sonnenstrahlen hatten sich hinter den Wald zurückgezogen, dessen höchste Wipfel wie von einem Feuermeer umfangen schienen. Alle Türen und Fenster von Jennys Wohnung waren geöffnet, um dem kühlen Hauch der Nacht den Eintritt in die schwülen Räume zu gestatten. Im Westen glühte der Horizont im dunklen Purpur der scheidenden Sonne und im Osten tauchte ein Stern nach dem andern auf, stärker und immer stärker blitzend, je nachdem die Abendröte sich verminderte.

An dem Wasserbecken im Hof war es noch lebendig. Mehr als ein Dutzend Neger und Negerinnen füllten dort ihre Gefäße aus Holz oder Blech mit dem klaren Wasser, eilten dann in verschiedenen Richtungen zum Park und tränkten die Blumen auf den Beeten, dass sie die müden Kelche wie erfrischte Augenlider hoben und die stille Luft mit Wohlgeruch durchzogen. Zwei alte Neger, die Aufseher des Parks und der Gärten, leiteten dieses Geschäft, denn man sah sie den Wasserträgern Befehle erteilen.

Als die Millionen Lichter des Himmels in voller Pracht erglänzten, die in dieser Region der Erde den Nächten einen unnennbaren Reiz verleihen, um die Bewohner für den drückenden Tag zu entschädigen, schritt eine weiße Frauengestalt die Stufen hinab, die aus dem Saal, wo der Pflanzer auf Katos Antwort gewartet hatte, in den Garten führten. Die Dame trug ein leichtes seidenes Kleid, das leise über den Boden rauschte, und einen langen, weißen Schleier, den Sie zweimal um Brust und Schultern geschlungen hatte, ohne das Gesicht zu verdecken, das sich lebhaft nach allen Seiten wandte, als ob es alle Düfte des erquickenden Abends, die ihm entgegenströmten, auf einmal genießen wollte. Ein junges Mädchen in einfacher, weißer Kleidung, dessen dunkles Haar in zwei langen Flechten über den Rücken herabfiel, folgte dieser Dame in kurzer Entfernung.

Der klare Sternenhimmel verbreitete so viel Licht über die feierlich schweigende Natur, dass die schimmernden Farben der hervorragenden einzelnen Blumen auf den Beeten und Gesträuchen noch deutlich zu erkennen waren; nur wo die Zweige der Zypressen über den Weg herabhingen, webten die dunklen Schatten der Nacht, denn das Blätterdach war so dicht, dass es die Aussicht auf das Firmament völlig verdeckte und die sanften Strahlen der Sterne in sich aufnahm.

Wie die Farbe der Blumen bei diesem Licht zu unterscheiden war, war es auch nicht minder die Gesichtsfarbe der beiden Frauen. Beide Gesichter waren weiß, und ein jedes hatte ein Paar Augen, die mit dem Glanz der Sterne zu wetteifern schienen. Die dunklen Haare der Ersteren wallten in Locken über die Wangen auf den weißen Schleier herab, die der Letzteren teilten sich auf der Mitte des Kopfes in einen Scheitel und fielen, wie schon gesagt, in langen Flechten über den Rücken herab.

In einer Entfernung von vielleicht fünfundzwanzig Schritten folgten noch zwei andere weibliche Gestalten, deren Kleidung und Kopfputz die dienenden Kreolinnen verrieten.

So waren die beiden Frauen schweigend durch die Gänge des duftenden Gartens geschritten und hatten bald hier, bald dort die Reize des herrlichen Blumenflors eingesogen, als die Voranschreitende sich einem leichten Baldachin näherte, der von fünf schlanken, glänzenden Säulen getragen und rings von Blumenbeeten eingeschlossen wurde. Wie ermüdet ließ sie sich auf einer darin befindlichen Ottomane nieder, löste den weißen Schleier von ihrem Hals, dass ein Teil der glänzenden Schultern sichtbar wurde, und warf sich wie ein schmollendes Kind in die weichen Kissen zurück. Rasch trat ihre Begleiterin hinzu und schob ein Polster vor die Ottomane, auf der sich die zarten Füße der Ermüdeten behaglich ausstreckten.

»Eva«, sagte die Dame mit einer zarten, lieblichen Stimme, »setze dich mir zur Seite – mir ist diesen Abend so wunderbar ums Herz, dass mich selbst der Spaziergang unter meinen Blumen nicht zu zerstreuen vermag. Den ganzen Tag sehnte ich mich nach dieser Stunde, und jetzt, wo sie gekommen ist, finde ich dennoch keine Befriedigung – ich weiß meinem Gemütszustand keinen Namen zu geben. Setze dich, wir wollen hier den Abend verträumen.«

»Mein Gott, Miss Jenny, ist das denn ein Wunder?«, antwortete die Angeredete in einem heiteren Ton, indem sie sich auf das Kissen zu den Füßen der Dame niederließ. »Wie soll einer Braut am Abend vor ihrer Verlobung anders ums Herz sein als wunderbar? Ich kenne zwar diesen Herzenszustand nicht aus eigener Erfahrung, ich kann ihn mir aber lebhaft vorstellen. Und bei Ihnen kommt nun noch das Unangenehme hinzu, dass der Bräutigam, der schon mittags eintreffen sollte, abends noch nicht da ist, um den Platz an der Seite der Braut auszufüllen und mit ihr zu kosen. Glauben Sie mir, Miss Jenny, ist dieser Platz ausgefüllt mit dem, der ihn ausfüllen soll – sie deutete auf den Platz an Jennys Seite –, so ist auch der in dem Herzchen ausgefüllt, das sich jetzt durch den prachtvollen Abend und die herrlichen Blumen nicht erheitern lassen will.«

»Glaubst du?«, fragte Jenny mit einem Seufzer und legte ihre zarte Hand auf den Kopf der knienden Eva.

»Miss Jenny«, rief Eva verwundert, »ob ich das glaube? Und in welchem Ton sagen Sie mir diese Worte? Ist denn der Zustand Ihres Herzens von der Art, dass ihn selbst die Nähe des Bräutigams nicht verbessern kann? Und den ganzen Tag, den wir von Sir Arthur plauderten und jeden Augenblick durch das Fenster in den Hof sahen, ob er noch nicht angesprengt käme, haben Sie nicht ein Wort davon gesagt? Wer weiß, was ihn abgehalten hat, zu der bestimmten Stunde einzutreffen, und ich wette, dass er Sie in seine Arme schließt, ehe Sie es denken. Entweder hat Sir Arthur Geschäfte, die ihn abhalten, oder er beabsichtigt einen Scherz damit, dass er uns warten lässt. Ich weiß genau«, fügte sie flüsternd hinzu, »dass er Sie herzlich liebt, denn es liegt ihm alles daran, dass übermorgen, dem von Ihrem seligen Vater festgesetzten Tag, die Vermählung stattfindet. Und dann sind Sie aller Sorgen enthoben: Sie brauchen sich nicht mehr um die Bewirtschaftung der ausgedehnten Plantagen und um die Zucht der widerspenstigen Neger zu kümmern – diese Last nimmt Ihnen dann der Gemahl ab.«

»Du hast recht, Eva, die armen Sklaven machen mir viel Kummer, und umso mehr, da ich weiß, dass sie mir mit Leib und Seele zugetan sind. Sinnen sie nicht ohne Unterlass auf Mittel, mir zu gefallen? Suchen Sie nicht dem geringsten meiner Wünsche, selbst meinen kleinen Launen zuvorzukommen? Seit mein guter Vater vor zwei Jahren gestorben ist, herrsche ich wie eine souveräne Königin in der ausgedehnten Besitzung, die er mir hinterlassen hat, und ich muss bekennen, mitunter ein wenig despotisch – aber stets ist das Herz da, um die Fehler des Kopfes sofort wieder zu verbessern – und nicht wahr, Eva, meine Untertanen sind meine Freunde?«

»Das kann ich verbürgen, meine teure Miss!«, rief Eva fast mit Enthusiasmus. »Jeder Ihrer Sklaven ist bereit, sich für Sie in Stücke reißen zu lassen. Sie sind aber auch stets so gut und nachsichtig mit diesen Negern gewesen, dass ihre Anhänglichkeit eine ganz natürliche Folge ist.«

»Sieh, meine Eva, dass ich diese armen Menschen nun unter die Botmäßigkeit eines Mannes stellen soll, macht mir in der Tat Kummer, und sooft ich einen von ihnen sehe, möchte ich weinen.«

»Sollte Sir Arthur tyrannisch verfahren, wie zum Beispiel unser Nachbar Jackson, den wir heute Mittag haben abweisen lassen, so sind Sie ja immer noch da, um ein mildes Wort einzulegen. Und bei Gott, Sir Arthur ist ein fein gebildeter Mann, er ist kein Jackson …«

»Eva«, rief die junge Herrin auffahrend, »sprich nicht von diesem Menschen, du weißt, dass ich eine Abneigung gegen ihn hege, die ich füglich mit dem Namen Furcht bezeichnen kann. Ich gestehe zu, dass es eine Schwäche ist, da ich zu dem Mann in keiner Beziehung stehe; aber halte es, wofür du willst, ich bin meiner so wenig mächtig, dass ich schon zittere, wenn ich seinen Namen nennen höre. Selbst als ich noch ein Kind war, floh ich erschrocken aus dem Zimmer, wenn er eintrat, um mit meinem Vater in Geschäftsangelegenheiten zu reden. Ich erinnere mich, dass meine Furcht vor dem wild aussehenden Mann so weit ging, dass er mir mit seinem schwarzen Bart und großem Hut im Traum erschien und mich weinen und zittern machte. Mit den Jahren verwandelte sich meine Furcht in Antipathie und ich war glücklich, als er mit dem Tod meines Vaters seine Besuche einstellte. Ich glaube, Eva, mein Gemütszustand ist eine Folge des Besuchs, den mir Sir Jackson diesen Mittag zudachte. Was mag er nur wollen? Ich habe ihm bei verschiedenen Gelegenheiten meine Abneigung schon so deutlich zu erkennen gegeben, dass er gewiss nicht mehr darüber in Zweifel sein kann.«

»O mein Gott«, antwortete Eva unwillig und drückte Jennys Hand fest in die ihre, »kümmern Sie sich doch nicht um diesen groben Pflanzer! Vielleicht ist er diesen Mittag gekommen, um Sie in einen Prozess zu verwickeln, denn wie ich hörte, geht er stets darauf aus, sich auf diese Weise zu bereichern; soviel er auch besitzt, so grenzenlos geizig und habsüchtig soll er dabei sein.«

»Der Mann ist mir in tiefster Seele verhasst – ich will ihn nie, nie wieder sehen! Schärfe allen meinen Domestiken ein, dass er mir nie, sooft er auch kommen mag, gemeldet werde, denn allein sein Name genügt schon, um meinen Missmut zu wecken: Er macht mich unwillkürlich zittern, wie die Ahnung vor einer unbekannten Gefahr.«

»Beruhigen Sie sich, liebe Miss, so pünktlich und genau wie dieser soll noch keiner Ihrer Befehle erfüllt worden sein, denn niemand mag den Pflanzer leiden, alles flieht ihn wie eine bösartige Schlange. Doch nun genug über diesen unangenehmen Gegenstand, wir wollen ein heiteres Gespräch beginnen, denn ein Bräutchen, und überdies ein so schönes Bräutchen wie Sie, darf den Hochzeitstag nicht durch einen Tränenschleier herannahen sehen – Herz und Auge müssen fröhlich sein, damit der Bräutigam an das Glück seiner jungen Frau und an sein eigenes glaubt.«

»Eine schwere Aufgabe«, seufzte Jenny; »ich soll den Bräutigam an ein Glück glauben machen, an dem ich selbst verzweifeln möchte!«

»O nein«, antwortete Eva rasch, »dazu haben Sie wahrlich keinen Grund.«

»Wenigstens bilde ich mir ein, dass kein Grund vorhanden ist.«

»Miss Jenny«, flüsterte Eva, und das Licht der Sterne ließ ein schalkhaftes Lächeln auf ihrem niedlichen Gesicht erkennen, »soll ich Ihnen meine Ansicht über die ganze Sache mitteilen?«

»Nun, so rede!«

»Ich glaube, Sie werden von der Eifersucht geplagt. Habe ich recht?«

»Wie man es nehmen will«, antwortete Jenny in einem gleichgültigen Ton.

»Ja, wie man es auch immerhin nehmen will, ich habe recht, und Sie haben auch recht, denn Sir Arthur ist ein schöner, liebenswürdiger Mann. Es ist eine wahre Lust, ihn zu sehen, wenn er auf seinem prächtigen Pferd die Allee herangesprengt kommt, die wir von der Terrasse unseres Hauses bis an den Wald übersehen können – mir kommt es immer vor, als ob das Tier stolz wäre, seinen schmucken, schlanken Reiter zu tragen! Nun«, fügte sie einschmeichelnd hinzu, »ist es nicht so?«

»Nicht ganz so«, antwortete die junge Braut mit einem Seufzer, und ihre Augen erglänzten heller in dem milden Sternenlicht, denn eine Träne drängte sich gewaltsam in ihnen hervor.

»Das verstehe ich nicht«, sagte die Zofe verwundert.

»Höre mich an, und du wirst mich verstehen.«

Ein Geräusch in der nahe stehenden Zypressengruppe unterbrach plötzlich die Stille des Abends.

Jenny fuhr erschrocken auf.

»Was ist das?«, rief sie leise.

Die beiden Mädchen lauschten.

»Was wird es sein?«, fragte Eva laut. »Ein Vogel flattert durch die Blätter, das ist alles.«

Und in der Tat, nach einem Augenblick wiederholte sich dasselbe Geräusch, ein mächtiger Nachtfalter schwang sich aus den rauschenden Zypressenzweigen empor und eilte mit lautem Flügelschlag über den Baldachin hin dem Wald zu.

»Da haben Sie die Erklärung, Miss!«, lachte Eva und schlug dabei ihre Hände zusammen, dass in allen Baumgruppen, die kleinen Hainen glichen, das Echo wach wurde. Dann lauschte sie einen Augenblick, als ob sie die Wirkung dieses Manövers erwartete – und sie hatte sich nicht getäuscht, denn hier und da rauschte es abermals in den Zweigen und Gesträuchen, und eine Menge Vögel verließen erschrocken ihr Versteck, das sie sich für die Nacht gesucht hatten.

»So«, sagte das muntere Zöfchen und nahm seinen Platz zu den Füßen der Gebieterin wieder ein, »jetzt werden wir vor den Nachtvögeln Ruhe haben – fahren Sie fort, ich werde hören.«

»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte Jenny, durch die Unterbrechung zerstreut.

»Bei der Eifersucht!«

»Ganz recht! Nun so höre: Schon früh hat mich mein Vater an den Gedanken gewöhnt, in Arthur den künftigen Gefährten meines Lebens zu betrachten. Sooft es Zeit und Umstände erlaubten, musste der junge Mann von Boston, wo sein Vater lebte, zu uns kommen und wochen-, selbst monatelang hier verweilen. Wir waren damals beide fast noch Kinder, und ich muss bekennen, dass ich den munteren Gespielen mit freudigem Herzen empfing und weinend von ihm schied, wenn er mich verlassen musste, um seinen Studien auf der Hochschule zu Boston nachzugehen. Als er auf längere Zeit von uns schied, um nach London zu gehen und dort bei einem Onkel seine Bildung zu vollenden, schloss ich ihn wie einen Bruder in meine Arme, weinte heiße Tränen des Schmerzes an seinem Hals und bat ihn dringend um baldige Wiederkehr. So blieb er drei Jahre aus, und als er diese Besitzung wieder betrat, war sein Vater gestorben – aber auch der meine. Wir standen beide als Waisen in der Welt. Dass nach einem Zeitraum von drei Jahren die kindliche Zärtlichkeit nicht mehr dieselbe war, kannst du dir wohl denken; Arthur war ein schöner junger Mann geworden von feinen Sitten und Manieren, und ich …«

»Sie eine schöne junge Dame«, fiel Eva der Erzählenden rasch ins Wort, »die dem schönen jungen Mann wohl gefallen musste – ich kann mir das denken! Doch weiter.«

»Doch mehr als dieser Umstand«, fuhr Jenny fort, »brachte das Testament meines guten Vaters eine Veränderung in unserer gegenseitigen Stellung hervor. Die Bestimmung, dass wir uns heiraten sollten, zog plötzlich einen Schleier über die glücklich verlebte Jugend, und die Zukunft erschien mir in einem ganz andern Licht. Arthur war nicht mehr der kindlich frohe Jugendgespiele, sondern der aufmerksame, galante Liebhaber, und ich … ich konnte mich nur mit einem sonderbar schmerzlichen Gefühl von dem Gedanken losreißen, dass ich den Jugendfreund verloren, und an den gewöhnen, dass ich einen Bräutigam in derselben Person dafür erhalten hatte. Da ich wusste, dass mein Vater stets nur mein Glück im Auge gehabt hat, vergaß ich indes bald den munteren Knaben und Arthur wurde mir endlich das durch die Gewohnheit, was er mir nach der Bestimmung des Testaments sein sollte.«

»Das heißt, Miss Jenny, Sie lieben ihn, wie man einen Bräutigam lieben muss?«

»Ich weiß es nicht; nur soviel fühle ich, dass es mich unglücklich machen würde, wenn der Wille meines Vaters nicht in Erfüllung ginge. Und darum erregt der Gedanke, ich bekenne es offen, dass Arthurs Neigung durch einen andern Gegenstand gefesselt würde, ein schmerzliches, peinigendes Gefühl in mir. Willst du dieses Gefühl nun Eifersucht nennen, so hast du recht.«

»Ja, ja, es ist Eifersucht«, rief Eva, »Eifersucht in bester Form und vollster Bedeutung! Sir Arthur verdient übrigens eine derbe Lektion, dass er durch sein Ausbleiben ein so peinigendes Gefühl in seiner Braut erweckt – übermorgen soll Hochzeit sein, und heute lässt er über Gebühr auf sich warten – er hätte seine Geschäfte wohl aufschieben können.«

»Du hast recht, Eva!«

»Doch seien Sie ohne Sorgen, denn ich bin der festen Überzeugung, dass Sie in New Orleans keine Rivalin haben, es müsste denn ein Engel zur Erde niedergestiegen sein, der durch seine himmlischen Reize die höchsten irdischen verdunkeln will – und an Wunder glaube ich nicht mehr, oder Sir Arthur müsste mit völliger Blindheit geschlagen sein. Darum verbannen Sie die Sorgen und, wenn es geht – auch die Eifersucht!«

»Ich betrachte den Willen des verstorbenen Vaters als einen Befehl des Himmels und seine Erfüllung als einen Segen, der Heil bringend auf meinem ganzen Leben ruht. Von welcher Seite her eine Vereitelung auch drohen mag – sie wird mich unglücklich machen.«

»Aber, Miss«, rief Eva, »wollen Sie vielleicht dem Erscheinen des wilden Pflanzers eine üble Vorbedeutung beilegen?«

»Eva, ich kann es nicht leugnen!«

»So müsste unserm armen Kato schon sehr viel Unglück widerfahren sein, denn er klagte mir noch heute Mittag, dass er dem ungeschlachten Nachbarn sehr oft begegnen würde, und zwar allein, mitten im Wald.«

»Genug, Eva, mir wird schauerlich zumute, wenn ich daran denke! Nun komm, wir wollen uns in den Saal zurückziehen und das Nachtmahl ohne Arthur einnehmen, denn mir scheint, er wird diesen Abend nicht mehr kommen.«

Jenny erhob sich und schlang den weißen Schleier wieder um Hals und Schultern.

Die Nachtkühle hatte sich eingestellt. Durch die Zweige und Blätter einer gigantischen Maulbeerfeige, die wie ein schwarzer Koloss in einiger Entfernung von dem Baldachin stand, den die beiden jungen Mädchen in diesem Augenblick verließen, strahlte ein dunkles Feuer, das nach und nach jeden einzelnen Zweig deutlich erkennen ließ. Es war der Mond, der in voller Pracht hinter dem Wald hervortrat und dieses großartige Schauspiel veranlasste. Die Beete und Gänge des Gartens, die von den Umrissen des riesigen Baumes nicht verdeckt wurden, lagen bereits in einem hellen Licht da, und die Fenster des nahen Wohnhauses erglänzten wie flimmernde Spiegel.

Jenny hatte sich auf den Arm der Zofe gestützt und schritt langsam, das Gesicht zu dem magisch beleuchteten Baum gerichtet, durch die breiten Wege, in denen die Schatten der Zweige sich wie graue Flecken abmalten.

Die beiden jungen Mädchen sprachen kein Wort – der schweigende, duftende Garten in dieser Beleuchtung hatte alle ihre Sinne gefesselt, und die junge Braut vergaß auf einige Augenblicke den Kummer des Herzens. Und in der Tat, die Poesie eines mondbeleuchteten Haines in Louisiana ist wohl geeignet und mächtig genug, die Mängel und Leiden der Erde vergessen zu machen.

Eva erriet den Gemütszustand ihrer Herrin, deshalb schlug sie unbemerkt einen Seitenweg ein, der nicht direkt auf das Haus zuführte – sie wollte, dass Jenny sich noch ein Weilchen ihren Illusionen überlässt.

Ein lauter Seufzer entquoll der Brust der Braut, als sie an einer Gruppe Zypressen vorübergingen, in deren Nacht ein Singvogel sein melancholisches Lied ertönen ließ. Das Mondlicht fiel in ihr zart gerötetes Gesicht, und Eva, die teilnehmend jeder Bewegung der geliebten Herrin folgte, sah deutlich, wie jedem ihrer Augen eine große Träne entrollte, zitternd auf der lieblichen Wange einen Augenblick still stand und dann in die Falten des weißen Schleiers fiel.

Auch Eva seufzte laut und hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.

Jenny stand an der Schwelle, die im Leben der Jungfrau den wichtigsten Abschnitt bildet – der nächste Schritt musste über das Glück oder Unglück ihrer ganzen irdischen Laufbahn entscheiden. Die verzögerte Ankunft des Mannes, in dessen Hand sie ihr künftiges Geschick legen sollte, des Mannes, der ihrem Herzen alles ersetzen sollte, was ihm noch fehlte, um ganz glücklich zu sein, hatte zum ersten Mal dem jungen Mädchen Anlass gegeben, einen ernsten, forschenden Blick in ihr Herz zu werfen, und kalt wie der Strahl der Wintersonne erhellte er ihr Inneres. Die Tochter fand Beruhigung in dem Gefühl der Pflichterfüllung; die Jungfrau aber fand keine Empfindung, die ihr auch nur die leiseste Bürgschaft für das künftige Glück gewährte. Ihr war in dem Augenblick, als sie das klagende Lied des Vogels hörte, so beklommen um die Brust, dass sie laut in die Klagen des gefiederten Sängers hätte mit einstimmen mögen.

Eva war weit entfernt, den wahren Grund der Tränen und des Seufzers auch nur zu ahnen, denn nach ihrer Ansicht waren Arthur und Jenny füreinander geschaffen – sie liebten sich, und ein glückliches Verhältnis musste sich notwendig gestalten. Das Ausbleiben des Bräutigams suchte sie sich durch eine unerwartete Geschäftsverlängerung zu erklären.

»Miss Jenny«, sagte sie in einem erkünstelten unwilligen Ton, als sie in die Nähe des Hauses kamen, »darf ich mir eine Erlaubnis ausbitten?«

»Rede, liebe Eva, du weißt ja, dass ich dir nichts abschlagen kann. Wozu bedarfst du meiner Erlaubnis?«

»Zu einer tüchtigen Strafpredigt, die ich Sir Arthur halten will, wenn er zurückkehrt.«

»Ich glaube kaum«, antwortete Jenny, dass sie angebracht ist. Trägt er freiwillig die Schuld, mag ihn sein Herz bestrafen, und hält ihn ein wichtiges Hindernis, vielleicht ein Unglück ab, ist er nicht minder zu beklagen als ich.

In diesem Augenblick stieg Kato die Stufen der Treppe herab und kündigte an, dass das Nachtessen bereit sei. Eva begnügte sich mit der erhaltenen Antwort.

»Miss«, sagte der Mulatte mit einer tiefen Verbeugung, »befehlen Sie meine Anwesenheit bei Tisch?«

»Ich danke dir, Kato, Eva wird für die Bedienung sorgen.«

Die junge Herrin stieg die Stufen der Treppe hinan. Kato und Eva folgten.

Als sie in dem erleuchteten Saal angelangt waren, wollte Kato einige verbindliche Worte, auf die er schon seit einer halben Stunde gesonnen hatte, an die niedliche Zofe richten, und schon öffnete er den Mund, um sie so zart wie möglich zutage zu fördern – da wandte sich Jenny noch einmal zu ihm und vereitelte seine Absicht.

»Kato!«, rief sie zurück.

Der Mulatte trat näher und verbeugte sich mit edlem Anstand.

»Was befehlen Sie, Miss?«

»Der Mond steht glühend rot am Himmel, er prophezeit für morgen eine große Hitze.«

»Ganz recht, Miss Jenny, eine fürchterliche Hitze, wie wir sie diesen Sommer noch nicht gehabt haben«, bekräftigte Kato.

»So befehle ich hiermit«, fuhr Jenny fort, »dass die Sklaven morgen nicht in die Pflanzungen zur Arbeit gehen, sie sollen ruhen!«

»Wie«, rief der Mulatte bestürzt, »die Sklaven sollen morgen ruhen, wo ich sie bereits zu den verschiedenen Feldern eingeteilt habe? Nein, Miss, das geht nicht!«

»Warum?«

»Die einmal gegebenen Befehle müssen ausgeführt werden, oder mein Ansehen kommt in Gefahr. Diese Brut von schwarzen Geschöpfen hat keine Disziplin im Leibe, nur der Bambus kann bei ihnen noch die Ordnung erhalten. Himmel, was würde daraus werden, wenn ich morgen meine Befehle widerrufen müsste? Miss, hüten Sie sich, die Würde Ihres Intendanten aufs Spiel zu setzen, und obendrein noch eines weißen Intendanten«, fügte er mit einem Seitenblick auf Eva hinzu.

»Weiß«, sagte die Zofe ironisch lächelnd, »nun, wie man will!«

»Ja, Miss Eva, schneeweiß – wenigstens war ich es in meiner zarten Jugend –, aber die Sonne hat mich gebräunt. Ja, ja, ich habe alle Nuancen der braunen Farbe durchgemacht! O meine teure Miss«, wandte er sich wieder zu Jenny, »setzen Sie die Ehre des Intendanten vor den Knechten nicht herab, lassen Sie es bei meinen Befehlen bewenden!«

»Suche irgendeinen Vorwand, der dein Ansehen erhält – aber die armen Sklaven arbeiten morgen nicht, ich will es so!«

Mit diesen Worten war die junge Herrin in die Tür getreten, die zu ihrem Zimmer führte.

»Gute Nacht, Freund Kato!«, sagte Eva, indem sie an ihm vorbeiging.

»Eva, holde Eva«, seufzte der Mulatte, »Ihre Hand!«

»Wozu?«

»Um einen Kuss zur guten Nacht darauf zu drücken.«

»Macht Sie das glücklich?«

»Zum glücklichsten aller zivilisierten Weißen!«

»Hier ist sie«, sagte die Zofe lächelnd und streckte dem Mulatten ihre niedliche weiße Hand entgegen.

Kato ergriff sie mit feinem Anstand, neigte sein rundes, bebuschtes Haupt und drückte einen zarten Kuss darauf.

»Gute Nacht«, flüsterte er, und seine Augen sahen so entzückt an die Decke, dass sie nur noch wie zwei weiße Flecke in dem dunkelbraunen Gesicht erschienen.

»Gute Nacht, Herr Intendant!«, wiederholte die Zofe mit einer graziösen Verbeugung, die mehr Ironie als Artigkeit verriet. »Wenn Sir Arthur diesen Abend noch eintreffen sollte, so melden Sie es mir – verstanden?«

»Nur zu gut, reizende Eva – gute Nacht!«

Eva schlüpfte durch die Tür und folgte ihrer Herrin.

Kato holte eine Zigarre aus der Tasche, zündete sie an und trat rauchend in den Hof hinaus, den das monotone Rauschen der Fontäne erfüllte. Über eine Stunde ging er in der Allee auf und ab, dann zog er sich in sein Zimmer zurück, ohne die Ankunft Arthurs gemeldet zu haben.

4.

Arthur, den Jenny vergeblich erwartete, hielt Arabella Wort. Kaum sank die Dämmerung auf die graue Häusermasse von New Orleans herab, als auch der junge Dandy schon die Treppen zum Boudoir der Tänzerin erstieg. Er zog die Glocke. Nach zwei Minuten öffnete Sally die Tür des Vorsaales.

»Sir Arthur!«, flüsterte das listige Kammermädchen lächelnd und grüßte mit einer so vertraulichen Miene, als ob sie dem Ankommenden schon mehr als hundert Mal die Tür zu dem Tempel seiner Liebe geöffnet hätte.

»Mein Kind«, sagte Arthur mit derselben Miene, »muss ich dir den Namen nennen, den du deiner Herrin melden sollst?«

»Es bedarf weder des Namens noch einer Anmeldung«, antwortete Sally mit einer vielsagenden Verbeugung und öffnete die Tür zu dem Zimmer, das dem Boudoir voranging.

Arthur legte Reitgerte und Hut auf einen Stuhl.

»Treten Sie ein, Sir Arthur«, sagte die Zofe laut, indem sie das Boudoir ihrer Herrin öffnete.

Arabella verstand den Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden, denn sie gab durch ein lautes Lachen Antwort darauf.

Der junge Mann trat ein. Sally schloss die Tür, nachdem sie sich ins Vorzimmer zurückgezogen hatte.

»Wahrhaftig«, rief die weiche Stimme der Tänzerin, »meine Sally ist ein Muster von Kammerzofe, denn sie versteht es, meiner Ungeduld um einige Minuten entgegenzukommen und sich für die unnütze Mühe zu rächen, die ich ihr diesen Morgen machte.«

Das Zimmer war mehr als halbdunkel, denn Arthurs Blicke richteten sich in die Gegend, aus der diese Stimme erklang, ohne irgendetwas zu sehen.

»Sollte die Rache der Zofe gelungen sein?«, fragte Arthur nach einer Pause.

»Gewiss«, antwortete Arabellas Stimme, »sie ist gelungen.«

»Und hat verwundet?«

»Die Brust und das Herz!«, rief die Stimme in einem weinerlichen Ton.

»O mein Gott, das grausame Mädchen!«

»Grausam und zugleich mitleidig!«

»Mitleidig – mit wem?«

»Mit der Verwundeten, denn sie sendet ihr den geschicktesten Arzt der Vereinigten Staaten.«

Bei den letzten Worten war die Stimme immer näher gekommen, und ehe Arthur es vermutete, wurde er von zwei runden, weichen Armen umschlungen, dass er entzückt die Antwort vergaß, die ihm auf den Lippen schwebte.

»Engel!«, rief er und schlang seine Arme um die schlanke Taille der Tänzerin, die lachend an seinem Hals hing.

Wohl eine Minute verfloss, ohne dass ein Wort gewechselt wurde.

Mit dem Eintritt Arabellas hatte sich ein zarter Duft im Zimmer verbreitet, durch dessen geöffnetes Fenster, das ein durchsichtiger weißer Vorhang verhüllte, der letzte Schein der schwindenden Abendröte einen matten Purpurschimmer sandte, als ob er die Gruppe der beiden Liebenden in eine Rosenwolke einhüllen wollte. Mit jeder Bewegung des jungen Mädchens zog ein neues Aroma durch die warme Luft, und ihr Hauch, würzig wie Blumenduft, fächelte sanft die heiße Wange des bebenden Arthur.

Arabella kam aus einem parfümierten Bad, das eine alte, dieser Kunst kundige Negerin ihr in dem Nebenzimmer bereitet hatte. Als Sally auf das Klingelzeichen die Tür öffnete, hatte sie bereits die Abendtoilette ihrer erfrischten Herrin vollendet.

»Arthur«, lispelte Arabella und zog den Geliebten zum Fenster, »die Sonne Louisianas erzeugt wunderbare Pflanzen und Blumen, die das nordische Licht nicht kennt – sie regt aber auch Gefühle im Herzen an, die noch wunderbarer als Pflanzen und Blumen sind, denn sie scheinen dem Himmel und nicht der Erde entsprossen. Sieh, mein Freund«, fuhr sie bewegt fort, und der rote Schimmer umwebte ihr zartes Gesicht, »seit ich dich hier wiedergesehen habe, ist meine Liebe eine ganz andere geworden: Ich möchte lachen und weinen, ohne einen Grund dafür angeben zu können – ich möchte verzweifeln und hoffen, ohne zu wissen, was mich zu beiden berechtigt – ach, Arthur, wärst du nicht gekommen, der Anblick dieses Feuermeers, das dort über des Waldes grauen Umrissen wallt, hätte mir die Brust zerrissen, hätte mich getötet!«

Wie ein müdes Kind legte Arabella ihr duftendes Köpfchen an Arthurs Brust.

Und in der Tat, als Arthur seine Blicke zu der bezeichneten Stelle richtete, begrenzte eine dunkelrote Feuerwolke den Horizont; sie sah einem glühenden Fluss ähnlich, dessen Ufer die Umrisse des Waldes waren, die wie Berge hervortraten. Doch rasch wandte er sich ab von dem großartigen Naturschauspiel; als ob es ihm die Augen blendete, schloss er das Fenster mit den Gardinen und trat, seine reizende Bürde im Arm, einen Schritt in das Zimmer zurück. Ihm war, als ob Jennys Blicke, getragen von den matten Strahlen des letzten Abendrotes, ihn sehen müssten.

»Mädchen«, flüsterte er, einen Kuss auf Arabellas zarte Stirn drückend, »glaubst du, dass ich dem Einfluss dieser Sonne minder ausgesetzt bin als du? Was du seit einigen Tagen empfindest, nagt seit einem Jahr an meinem Herzen, und dass du jetzt, wo das Schicksal uns einander wiedergegeben hat, die düsteren Gedanken schwinden lässt und mir mit ungetrübten Augen entgegenlächelst, ist wohl das Geringste, was ich für meine qualvolle Sehnsucht als Lohn fordern kann.«

»Du hast gelitten, mein Arthur?«, fragte die Tänzerin mit schmeichelnder Stimme.

»Sollte ich mich der Freude überlassen, wo ich über dein Schicksal keine Gewissheit hatte?«

»Nur mein Schicksal machte dir Sorgen?«

»Mehr als mein eigenes!«

»Und mein Herz? Regte sich dessentwegen keine Besorgnis in dir?«

»Arabella!«

»Sei offen, mein Freund, ich bitte dich darum!«

»Du sprichst von Eifersucht?«

»Nun ja, ich bekenne es offen, denn Eifersucht ist das unzweifelhafteste Zeugnis von Liebe.«

»Arabella«, sagte Arthur, indem er das Mädchen mit sich fort auf das Sofa zog, »Arabella, du willst Wahrheit? Wohlan, so will ich ganz offen sein: Selbst in diesem Augenblick noch quält mich ein Gefühl, das ich wohl Eifersucht nennen möchte, wenn ich in deinem Sinne reden soll.«

»Wahrhaftig?«, rief Arabella.

»Ich schwöre es!«

»Gut, Arthur, vollende dein Bekenntnis ganz!«

»Ich bin bereit!«

»Fürchtest du für die Vergangenheit? Das heißt, für die Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben?«

»Nein, jetzt nicht mehr.«

»Warum?«

»Weil ich liebe, meine süße Freundin, und zwar blindlings, wie der Gott der Liebe selbst, dessen Augen eine Binde verdeckt.«

»Allerdings, ein blinder Liebhaber sieht außer dem Gegenstand seiner Leidenschaft keinen andern, folglich kennt er auch die Eifersucht nicht.«

»Ist die Vergangenheit nun abgetan?«, fragte der junge Mann mit einem feinen Lächeln, das Arabella nicht sehen konnte, da die Abendröte mittlerweile verschwunden und das Zimmer völlig finster geworden war.

»Sie ist es«, antwortete das Mädchen; »uns bleibt aber noch die Gegenwart und die Zukunft.«

»Arabella, sagte ich dir nicht, um dir den Grad meiner Liebe zu bezeichnen, sie sei blind?«

»Ganz recht; ich bin aber eine Künstlerin, deren Kunst zur Bewunderung hinreißen soll, und nicht selten gibt es feurige, junge Leute, deren Bewunderung in Liebe übergeht – haben Sie das nicht bedacht, Sie delikater Philosoph?«

»Mein Gott, Arabella«, fragte Arthur verwundert, »was soll das heißen? Habe ich etwa hier in Louisiana zu fürchten, woran ich in England nie gedacht habe? Sprich, Mädchen, was habe ich zu fürchten?«

»Arthur, liebst du mich wahrhaftig?«

»Arabella«, fuhr der Dandy auf, »du hast ein Geheimnis auf dem Herzen – was habe ich hier zu fürchten?«

»Muss ich es dir sagen?«

»Wer anders sollte es mir sagen?«

»Ei freilich«, antwortete Arabella lachend, »ich muss es dir wohl sagen, denn du hast ja, wie Amor, eine Binde vor den Augen.«

»Nun?«, rief Arthur, indem er beide Hände der Tänzerin ergriff. »Was habe ich zu fürchten?«

»Die Sonne von Louisiana!«, rief Arabella, in lautes Lachen ausbrechend.

»Wie, die Sonne? Und warum?«

»Weil ich sie fürchte. Sieh, Arthur, noch habe ich im Theater nicht getanzt, und die junge Männerwelt kennt mich noch nicht; glaubst du, dass ich ohne Anfechtungen meinen Rollenzyklus werde beschließen können? Sollten nicht alle jungen Leute unter dem Einfluss des glühenden Gestirnes dieses Erdstriches stehen?«

»Und was soll ich hieraus folgern?«

»Dass du deine Arabella bewachen und schützen sollst, dass du die Binde ablegen musst, die du in der Vergangenheit getragen hast, und die Gegenwart zum Heil deines Mädchens mit Argusaugen betrachtest – das, mein Freund, ist die Folgerung!«

Arthur schwieg einen Augenblick; er erkannte die Absicht der Tänzerin.

Die Uhr über dem Kamin zeigte durch ihre summenden Schläge die elfte Stunde an.

»Nun«, fragte Arabella, »du schweigst? Findest du meine Folgerung nicht logisch richtig?«

»So klar und richtig wie die Sonne, die du fürchtest. Dies ist nicht der Grund meines Schweigens.«

»Und welcher dann?«, fragte das Mädchen, indem es sich Arthurs Händen entwand, als ob diese Antwort sie beleidigend berührt hätte.

»Höre mich an, Arabella: Habe ich dir nicht gesagt, dass ich eine ausgebreitete Pflanzung jenseits des Waldes zu verwalten habe und dass ich wöchentlich einige Tage auf dem Land zubringen muss, um die Geschäfte auf dieser Pflanzung zu ordnen?«

»So hast du mir gesagt. Sollte dich dieser Umstand aber hindern, unausgesetzt mein Kavalier zu sein?«

»Ich glaube es, mein Kind, und wenigstens drei Tage in der Woche muss ich mich von dir trennen und dich der Obhut der Achtung übergeben, die du um dich zu verbreiten wissen wirst.«

»Ich danke für dieses Zutrauen, mein bester Arthur; trotzdem aber weiß ich ein Mittel, das unsere Trennung verhindert.«

»Und welches?«, fragte Arthur mit einer bangen Ahnung.

»Es ist ganz einfach: Ich begleite dich!«

»Das ist unmöglich!«, rief Arthur, dem in diesem Augenblick zum ersten Mal das Verderbliche seines Verhältnisses mit der Tänzerin bewusst wurde.

Er hatte einen Zeitvertreib, eine Veränderung seiner Vergnügungen davon erwartet, nicht aber einen Ernst, der Jennys, seiner Braut, Ruhe stören sollte.

»Warum unmöglich? Anstatt dass du dein Pferd satteln lässt, um zu reiten, befiehlst du deinem Jockey, den Landau mit zwei eleganten Pferden zu bespannen – wir steigen ein und machen die Landpartie zusammen. Außer dem Glück, stets bei dir sein zu können, habe ich auch noch das große Vergnügen, eine Zucker- oder Tabakplantage kennenzulernen – nicht wahr, Arthur, ich begleite dich?«

Zeit gewonnen, alles gewonnen, dachte Arthur und gab rasch zur Antwort:

»Du hast recht, Arabella, eine Partie in die Wälder und Pflanzungen Louisianas an deiner Seite muss ein göttliches Vergnügen gewähren – aber …«

»Aber?«, wiederholte Arabella gedehnt.

»Du wirst mich dennoch nicht begleiten können.«

»Warum nicht?«

»Weil ich morgen früh mit dem Aufgang der Sonne die Stadt verlassen muss und weil du morgen Abend deine erste Rolle zu tanzen hast.«

»So reist du übermorgen früh.«

»Unmöglich, denn schon heute hat man mich erwartet, und meine Anwesenheit auf den Pflanzungen ist so dringend, dass sie nur ein Ereignis wie die Ankunft meiner reizenden Arabella um einen Tag verhindern konnte. Bedenke, die Ernte steht vor der Tür!«

»So unterbleibt mein Auftreten«, antwortete die Tänzerin entschlossen, »bis wir zurückkehren!«

»Arabella, welch ein Plan! Wartet nicht die ganze Stadt mit der größten Spannung auf dein erstes Auftreten?«

»Die ganze Stadt hat bis heute gewartet, sie kann auch noch drei Tage länger warten!«

»Und hast du nicht einen Kontrakt mit dem Direktor des Theaters abgeschlossen, der sich einen Gewinn von deinen Vorstellungen verspricht, damit er das sinkende Institut vor dem nahen Untergang retten kann? Bedenke, wie viele arme Künstler ihre hoffenden Blicke auf dich richten, auf dich, den einzigen Rettungsanker!«

»Ich werde diesen armen Künstlern eine Summe senden, die hinreichen wird, um ihnen auf einige Tage Brot zu geben – mir ist keine zu groß, wenn ich mir nur deine Anwesenheit damit erkaufen kann!«

»Arabella, deine Ehre erfordert, dass du morgen auf der Bühne erscheinst!«

»Ohne von dir gesehen zu werden?«, fragte Arabella in einem klagenden Ton. »Und dann bedenke die Wirkung der Sonne«, fügte sie hinzu, und Arthur hörte den Worten an, dass sie dabei lächeln musste, »wer begleitet mich aus dem Theater zurück in meine Wohnung? Wer tröstet mich, wenn ich einen unglücklichen Success gehabt habe?«

»Das Letztere fürchte ich so wenig wie einen feurigen Bewunderer, der bei meiner Arabella Gehör findet; um aber Zeuge deines Triumphes zu sein und dir als der Erste den Glückwunsch abzustatten, wirst du mich in meiner Loge finden – ich werde bis zum Beginn der Aufführung zurückgekehrt sein, und sollte ich meinen besten Renner zu Tode jagen.«

»Wahrhaftig?«, rief die Tänzerin jauchzend.

»Ich kehre morgen Abend zurück, um übermorgen früh wieder meinen Geschäften nachzugehen.«

»Deine Hand, Arthur!«

»Hier ist sie!«

»Sehe ich dich morgen Abend nicht in der Loge … apropos, welche Loge ist die deine?«

»Die zweite Loge rechts an der Bühne. Also, siehst du mich nicht in meiner Loge …?

»… so fährt mich ein Wagen auf deine Pflanzung«, sagte die Bajadere mit einer Bestimmtheit, die unsern Arthur erzittern ließ und in ihm den festen Entschluss, zurückzukehren, gestaltete.

»Du siehst mich in meiner Loge«, rief er, »und wenn der morgige Tag nur sechs Stunden zählte!«

»Danke, mein Arthur«, sagte das junge Mädchen mit weicher Stimme und drückte dem etwas verstört wirkenden Liebhaber einen Kuss auf die Lippen.

Dass der Dandy Grund genug hatte, den Kuss nicht so feurig zu erwidern, wie er gegeben wurde, wird die Folge lehren; er gab sich aber alle Mühe, den Zustand seines Innern zu verbergen, und dies gelang ihm auch vollkommen, da in der Dunkelheit der Ausdruck seines Gesichts nicht zu erkennen war.

»Bist du nun zufrieden?«, fragte er leise.

»Nicht ganz, denn mir scheint, du bringst nur deiner Eitelkeit dieses Opfer und nicht deiner Liebe.«

»Nach deinem System allerdings der Liebe, denn ich muss offen bekennen, dass du mich ein wenig eifersüchtig gemacht hast.«

»Ich denke, du liebst blindlings?«

»In England, aber nicht in Louisiana. Ich erinnere mich, dass unsere Stadt den feurigen Bewunderern Gelegenheit bietet, sich unangemeldet zu dem Ziel ihrer Sehnsucht emporzuschwingen.«

»Auch zu mir?«, fragte Arabella verwundert.

»Zu dir wie zu jeder anderen schönen Dame, die nicht im Erdgeschoss wohnt.«

»Was soll das heißen?«

»Dass vor fast allen Häusern Maulbeerfeigen stehen, deren Äste eine bequeme Leiter zu den Fenstern bilden. Wenn mich nicht alles täuscht, stehen die schönsten Exemplare dieser Bäume vor den Fenstern deines Boudoirs.«

»Wohl möglich«, meinte Arabella scherzend, »ich werde aber meine Fenster verschließen.«

»Wenn der Bewunderer im Zimmer ist?«

»Arthur!«

»Wirst du böse, wenn ich eifersüchtig bin?«

»Es wird niemand wagen, zu mir ins Fenster zu steigen.«

»Und wenn es dennoch geschähe?«

»Nein, das ist nicht möglich!«

»Es sind aber dergleichen Fälle schon vorgekommen!«

»Nein, nein und tausendmal nein!«, rief das junge Mädchen entrüstet und warf sich schmollend in die Kissen des Sofas zurück, dass zwischen ihr und Arthur ein Zwischenraum entstand.

Das Zimmer war, wie schon gesagt, dunkel, sodass beide nichts als die Umrisse ihrer Gestalten erkennen konnten. Eine Pause trat ein. Arabella stellte sich beleidigt, obgleich sie im Innern über die Eifersucht ihres Liebhabers froh war – Arthur sann auf eine geschickte Wendung, seine angebliche Eifersucht einer lauteren Quelle zuzuschreiben und Arabellas Liebe in den Schranken zu halten, die er ihr notwendig anweisen musste. Noch war er damit nicht zustande gekommen, als sich in dem Nebenzimmer, in dem die Tänzerin ein Bad genommen hatte, ein leichtes Rauschen vernehmen ließ.

Arthur lauschte. Arabella, die ihre Hände vor das Gesicht gelegt hatte, als ob sie wirklich gekränkt sei, hörte es nicht sogleich.

Nach einigen Sekunden wiederholte sich dasselbe Geräusch, und zwar anhaltender als das erste Mal. Arthur blickte zu seiner Schönen hinüber, die immer noch in ihrer schmollenden Lage verharrte. Sally hatte sich in das Vorzimmer zurückgezogen, und da der junge Mann wusste, dass die Tänzerin außer der Zofe keine Begleitung mit sich führte, die ein solches Geräusch verursachen konnte, wandte er den Kopf und sah prüfend zu den Türen, Fenstern und Wänden. Nach der Lage des Schlafzimmers schien es ihm, als ob jeder, der es betreten wollte, das Boudoir durchqueren musste, wenn er nicht den Weg durch das Fenster nehmen wollte – und Sally war während seiner Anwesenheit nicht sichtbar gewesen. Auch konnte er nicht voraussetzen, dass Arabella die Tür dieses Zimmers offen lassen würde, wenn sie eine Person darin wüsste, die Zeuge ihres Liebesgeplauders sein würde. Forschend mit Auge und Ohr, schwieg er und erwartete noch einmal das Geräusch. Stärker und anhaltender regte es sich wieder, und Arthur, der wirklich einen Anflug von Eifersucht verspürte, wollte Arabellas Hand ergreifen, um sie aufmerksam zu machen; doch diese hatte es ebenfalls vernommen, und da sie aus Eitelkeit ein Fensterabenteuer, wie es Arthur fürchtete, nicht für unmöglich hielt, fuhr sie erschrocken empor.

»Hören Sie?«, flüsterte Arthur. »Ist Sally dort im Zimmer?«

»Nein«, flüsterte die Tänzerin zurück, »sie muss in ihrem Zimmer sein.«

Ein neues Rauschen ließ sich hören. Der Dandy war aufgestanden und neigte seinen Kopf dem Zimmer zu. Das Geräusch dauerte einige Sekunden an, dann schwieg es plötzlich wieder. Es war so eigentümlicher Art, dass er vergebens auf dessen Entstehung sann.

»Hören Sie?«, fragte jetzt das junge Mädchen ganz leise.

»Es scheint, als ob er sich jetzt versteckt hat«, antwortete Arthur mit tonloser Stimme.

»Wer?«

»Nun der, der durch das Fenster in jenes Zimmer gestiegen ist.«

Diese Worte sprach Arthur mit einem Ausdruck von Schmerz und Ärger, als ob er nicht mit Jenny, sondern mit Arabella verheiratet werden sollte. War es Eifersucht oder verletzte Eitelkeit – kurz, der Dandy fühlte, dass ihm alles Blut in den Kopf stieg, dass seine Hand ein wenig zitterte und dass seine Neigung zu Arabella dennoch etwas mehr war als eine Modeliebe, ein aristokratischer Zeitvertreib. Dass die Tänzerin ihn aufgefordert hatte, ihr Kavalier zu sein, schien ihm jetzt einen Grund zu haben, und schon nach zwei Sekunden nahm er mit Gewissheit an, sie habe einen solchen Besuch gefürchtet. Warum fühlte sie sich so getroffen, als er im Scherz davon sprach? Und war Arabella nicht eine Tänzerin? Mit dem festen Vorsatz, sein Verhältnis zu ihr zwar nicht zu brechen, sondern nur ein wenig umzugestalten und mehr Freiheit zu gewinnen, tappte er so lange mit beiden Händen um sich her, bis er Arabellas Taille ergriff.

»Arabella«, rief er mit erstickter Stimme, »wer ist in jenem Kabinett?«

»O mein Gott«, war die leise, aber bebende Antwort, »wer soll denn darin sein?«

»Hast du das Geräusch gehört?«

»Es muss von draußen gekommen sein.«

»Nein, es war im Kabinett!«

»Es ist ein Irrtum«, wisperte die Tänzerin, deren Angst mit jeder Sekunde zu steigen schien.

»Mädchen, du betrügst mich!«

»Um Gottes willen, Arthur, wie kannst du glauben …?!«

»Jetzt, Schlange, werden mir deine Worte klar – hinweg, dass ich den Elenden durch das Fenster stürze!«

»Du willst morden? Willst meinen Ruf als Künstlerin aufs Spiel setzen?«

»Hinweg«, rief Arthur und gab sich Mühe, den leisen Zorn, den er wirklich empfand, bis auf den höchsten Gipfel zu steigern, »hinweg, du willst mich nur aufhalten, damit dein neuer Liebhaber Zeit erhält, den Rückweg anzutreten, und ich das Nest leer finde, wenn ich eintrete, damit du rein und schuldlos dastehst!«

»Ich bin unschuldig«, rief das Mädchen, indem es den jungen Mann von der Tür zurückzudrängen suchte.

»Entweder ich bleibe oder der Unverschämte bleibt hier – hinweg!«

»Gnade, Gnade!«, rief Arabella mit zitternder Stimme und hielt den Zornigen bei beiden Händen fest, als ob sie fürchtete, dass er ein Mordinstrument ziehen würde.

Arthur aber entwand sich dieser schwachen Fessel, riss stürmisch die Tür zum Vorzimmer auf und rief mit tönender Stimme:

»Licht, Sally, Licht!«

Die Zofe saß auf einem Sessel, hatte den Kopf auf den danebenstehenden Tisch gelegt und schien zu schlafen. Erschreckt fuhr sie auf. Aber noch ehe sie ein Wort äußern konnte, hatte Arthur mit der linken Hand das Licht, das auf dem Tisch stand, ergriffen, mit der rechten seine Reitpeitsche, die noch immer auf dem Stuhl lag, und war in das Boudoir zurückgestürzt.

Zitternd folgte das Kammermädchen.

Arabella saß auf dem Sofa und hatte ihr Gesicht in das Kissen gelegt, als ob sie weinte. So erblickte sie Arthur, als er mit dem Licht eintrat. Wie von Mitleid ergriffen, blieb er vor ihr stehen. Sie erhob ihr glühendes Köpfchen.

»Himmel, diese Peitsche!«, rief sie. »Arthur, hinweg mit diesem fürchterlichen Instrument!«

Dabei warf sie einen Blick auf Sally, die ihn verstand und sich wieder entfernte.

»Ha, du hast Mitleid mit diesem Menschen – du liebst ihn! Nein, ungerächt verlasse ich dieses Zimmer nicht, das ich nie wieder betrete!«

Mit geschwungener Reitgerte, das Licht in der linken Hand, stürzte er in das Schlafzimmer.

Dasselbe Geräusch, das Anlass zu dieser Szene gegeben hatte, war das erste, das er hörte, als er mit hoch emporgehobenem Licht in der Mitte des freundlichen Schlafzimmers stand. Zitternd blickte er in den Winkel, aus dem es kam. Aber fast wäre er vor Schreck zu Boden gesunken, denn hinter den weißen Gardinen, die eine elegante Badewanne umschlossen, sah er den Kopf einer weißen Ziege, die ihn mit hellen Augen verwundert anblickte. Das Tier lag bis an den Hals in dem kühlen Wasser und gab durch leises Plätschern das Wohlbehagen kund, das ihm das Bad gewährte. Er warf einen Blick zum Fenster – dessen Flügel waren zwar geöffnet und das Licht der Kerze fiel auf das dunkle Grün einer Maulbeerfeige, die ihre Zweige davor ausbreitete, aber alles war still, wie die schwüle Nacht selbst – nur Djali, die Ziege, plätscherte zuweilen in der Badewanne, dass das parfümierte Wasser einen lieblichen Duft verbreitete.

Der arme Arthur, der dieses komische Ende seiner Eifersuchtsszene nicht erwartet hatte, stand beschämt und ärgerlich zugleich mit seinem Licht und seiner Reitpeitsche da, und er musste sich in diesem Augenblick bekennen, dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn er einen Liebhaber durch das Fenster hätte entschlüpfen sehen. Fast hätte er seinen Unmut an der Ziege ausgelassen, denn mit welchem Gesicht sollte er jetzt Arabella unter die Augen treten? Noch war er unschlüssig, ob er der Sache einen ernsten oder scherzhaften Anstrich geben sollte, als Arabella ihm plötzlich zur Seite trat und ihm leise die Reitgerte entwand.

»Arthur«, sagte sie bittend und legte ihr schelmisch lächelndes Gesicht auf seine Schulter, »Arthur, du wirst doch meine arme Ziege nicht schlagen? Sieh nur, wie freundlich sie dich anblickt! Sie hat ihr Lager dort verlassen und ein Bad genommen – das ist doch wahrhaftig kein Verbrechen! Auch Djali steht unter dem Einfluss der Sonne von Louisiana, darum suchte sie eine erquickende Abkühlung. Komm, wir wollen sie nicht stören!«

Der junge Mann antwortete mit einem erzwungenen Lächeln und ließ sich scheinbar ruhig in das Boudoir zurückführen, wo er das Licht auf einen Tisch stellte.

»Bist du böse, Arthur?«, fragte die Tänzerin mit einer Miene, als ob sie die Schuldige wäre und um Verzeihung zu bitten hätte, und dabei leuchteten ihre Gazellenaugen von Tränen, die das gewaltsam unterdrückte Lachen erzeugt hatte, denn ihr war die Ursache des Geräusches nicht fremd gewesen.

Arthur lächelte wieder, als ob er sagen wollte: Mein Scherz ist gelungen.

»Mein Kind«, flüsterte er, »deine Djali hat gut gespielt; fast hätte sie mir den Sieg streitig gemacht.«

»Ist sie doch meine Schülerin, die den Freund ihrer Lehrerin zu schätzen weiß.«

Wie jeder Eifersuchtsszene, wenn sie zu Ende gespielt wird, so folgte auch dieser eine innige Umarmung, in der Arthur alles vergaß, was vorgefallen war, und erst als die Uhr Mitternacht schlug, erinnerte er sich an den Aufbruch.

»Und wenn ich dich morgen Abend nicht in der Loge sehe?«, fragte Arabella beim letzten Kuss.

»Dann hat ein plötzlicher Tod meinem Leben ein Ende bereitet!«, rief der Dandy, aus dem in der letzten halben Stunde wieder ein glühender Liebhaber geworden war.

»Um Gottes willen«, rief Arabella erschrocken, »ich würde auf der Bühne zu Boden sinken, wenn ich dich nicht sähe!«

»Keine Sorge, mein Engel, du wirst mich sehen!«

Noch einen Kuss, dann trat Arthur ins Vorzimmer. Sally geleitete ihn bis zur Ausgangstür auf die Straße, die der Portier auf ihr Geheiß öffnete. Zofe und Portier empfingen jedes ein Goldstück für ihre Dienste.

»Ein artiger junger Mann«, meinte der Mulatte, indem er die Tür wieder schloss. »Wird er oft wiederkommen?«

»Ich glaube«, sagte die Zofe und fügte beschönigend hinzu, »er ist ja der künftige Gemahl meiner jungen Herrin.«

Als Sally in das Boudoir zurückkehrte, lag Arabella auf dem Sofa.

»Ich bin müde«, sagte sie, »entkleide mich.«

Die Zofe begann und vollendete ihr Geschäft.

»Miss«, sagte sie lächelnd, indem sie der Tänzerin einen weißen Nachtmantel überwarf, »ist etwas vorgefallen, das Sir Arthur erschreckt hat?«

»Hast du etwas gehört?«

»Nein, ich saß im Vorzimmer und war eingeschlafen, als er so stürmisch eintrat. Aber nachher, während Sie mit Arthur plauderten, habe ich etwas gehört, was mich ein wenig erschreckte.«

»Nun?«, fragte Arabella gespannt.

»In dem Baum, der sich vor dem Fenster des Vorzimmers erhebt, hörte ich plötzlich ein Knistern, als ob kleine Zweige abgebrochen würden. Ich lauschte, aber das Geräusch schwieg. Schon glaubte ich, mich getäuscht zu haben, als es sich abermals vernehmen ließ; es kam näher, immer näher, bis es sich endlich in ein Rauschen dicht unter der Fensterbrüstung verwandelte. Sie können sich meine Angst denken, denn ich vermutete, dass irgendein wildes Tier, das durch Zufall in diesen Baum geraten war, von dem Schein meines Lichtes angezogen würde.«

Arabella hatte mit ängstlichen Mienen zugehört.

»Und was tatest du?«, fragte sie kaum hörbar.

»Ich fasste mir ein Herz und schlug rasch die Fensterflügel zu. Gleich darauf kam Sir Arthur, dem ich bis zur Tür leuchtete. Dann habe ich nichts mehr gehört.«

»Es wird ein Nachtvogel gewesen sein«, meinte die Tänzerin beruhigt, schlang ihren Mantel fester um sich und wollte in ihr Schlafgemach gehen; an der Schwelle blieb sie jedoch noch einmal stehen. »Sally«, sagte sie, »bringe zuvor meine Djali zu Bett, ich werde noch einen Augenblick warten.«

»Das ist ja schon vor drei Stunden geschehen!«, antwortete Sally.

»Geh nur hinein, und du wirst zugleich den Grund für Arthurs Aufregung erfahren, den du doch gewiss gern wissen möchtest.«

Sally nahm ein Licht und ging ins Schlafzimmer. Arabella warf sich aufs Sofa und lächelte still vor sich hin, denn sie dachte an Arthurs Eifersucht. Plötzlich schreckte sie der laute Schrei des Kammermädchens in dem Kabinett auf, dem unmittelbar darauf das Geräusch eines harten Gegenstandes folgte, der in dem Schlafzimmer zu Boden fiel.

»Himmel!«, rief die Erschreckte und sprang an die geöffnete Tür. Sally trat ihr aus dem dunklen Zimmer entgegen. »Nun, was hast du, du bist bleich und zitterst?«

»Ich glaube es wohl«, stammelte Sally, »ein solches Gesicht kann ein Mädchen wohl erschrecken!«

»Was für ein Gesicht?«

»Das in das Fenster Ihres Schlafzimmers sah.«

Das arme Kammermädchen zitterte am ganzen Körper; es musste sich auf einen Stuhl setzen. Arabella, in ihrem weißen Mantel, stand wie die Statue einer gallischen Priesterin vor ihr. Einige Sekunden vergingen, ehe eine von den beiden Frauen ein Wort reden konnte. Die Tänzerin, die das Gesicht nicht gesehen hatte, war erschrockener als die Zofe, die es gesehen hatte.

»Sally, kann dich nicht der Schein des Lichtes getäuscht haben? Vielleicht, dass die Blätter des Baumes …«

»O nein, Miss Arabella«, sagte die Zofe, die sich wieder etwas erholt hatte, »der Schein des Lichtes fiel in das wirkliche Gesicht eines Mannes, der auf dem Baum saß und den Kopf ins Fenster steckte, als ob er in dem Zimmer etwas suchte.«

Arabellas Angst kehrte doppelt zurück, denn sie legte sich die Frage vor, ob Arthur das Gesicht gesehen hatte, oder nicht. Da fiel ihr Sallys Erzählung ein.

»Wann hörtest du das Geräusch auf dem Baum am Fenster des Vorzimmers?«, fragte sie mit kaum vernehmbarer Stimme.

»Nachdem Sir Arthur mich durch sein stürmisches Eintreten aus dem Schlaf geweckt hatte.«

Arabella schöpfte wieder Atem, denn sie erinnerte sich, dass Arthur unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Vorzimmer in das Kabinett gegangen war, und war der Meinung, dass der durch das Schließen der Fensterflügel vereitelte Versuch, in das Vorzimmer zu dringen, den in dem Schlafzimmer zur Folge gehabt habe. Arthur konnte mithin das Gesicht nicht gesehen haben, da dessen Besitzer unmöglich in einer Minute jenen Baum verlassen und den an dem Fenster des Schlafzimmers ersteigen konnte. An einen Sprung war auch nicht zu denken, da die beiden Fenster des Boudoirs zwischen den fraglichen Zimmern lagen, vor denen keine Bäume standen.

»Und wie sah das Gesicht aus?«, fragte die junge Herrin weiter.

»Ach, mein Gott, ich konnte es nur einen Augenblick sehen, da mir vor Schreck das Licht aus der Hand fiel, aber dieser Augenblick genügte, um mir die fürchterlichen Züge auf ewig einzuprägen.«

»Nun, so rede, wie sah es aus?«

»Es war ein langes, braunes Gesicht mit zwei großen feurigen Augen, die wie Kohlen aus einem wilden, dunklen Bart glühten. Das lange Haupthaar hing verwirrt über die Stirn und lief an den Seiten mit dem Bart zusammen. Von dem übrigen Körperteil gewahrte ich nichts als den Kragen eines farbigen Hemdes, denn der Mann lag mit der Brust auf dem Fenstersims.«

Das war kein Liebhaber, dachte Arabella, das war ein Dieb, der Arthurs Eifersucht nicht erregen kann. »Und zog er sich bei deinem Anblick nicht zurück?«, fragte sie laut.

»Ich glaube, Miss, denn als ich mich ein wenig erholt hatte, hörte ich ein hohles Rauschen in den Zweigen, tief unter dem Fenster.«

»Gut«, sagte Arabella, die auf diese Nachricht den Mut einer Spanierin bekam, »so folge mir, wir wollen das Fenster schließen und dann zur Ruhe gehen.«

Mit diesen Worten ergriff sie das Licht und trat kühn in das Schlafzimmer. Sally bekam ebenfalls wieder Mut, als sie ihre Herrin ohne Furcht vorangehen sah. Kein Blatt regte sich in den Zweigen des Baumes am Fenster, und das Innere des Zimmers war so ruhig wie Djali, die ihr Bad verlassen und sich in einen mit Decken ausgefüllten Binsenkorb gelegt hatte, der ihr als Bett diente. Mit demselben Mut, mit dem sie eingetreten war, schloss Arabella die Flügel der Fenster und zog die Vorhänge zusammen.

Nach zehn Minuten lag Arabella unter der leichten, seidenen Decke ihres Bettes und dachte über die Vorfälle des Abends nach, und je mehr sie darüber nachdachte, desto ruhiger wurde sie, denn sie sah ein, dass Arthur in keinem Fall Anlass zu Argwohn nehmen konnte. Den kleinen Streit, den die Bäume vor den Häusern von New Orleans erregt hatten, hielt sie für einen Zufall, der mit dem Gesicht am Fenster durchaus nicht in Verbindung zu bringen war. Schon streckte der mohnbekränzte Schlummergott seine Arme nach dem reizenden Mädchen aus, als plötzlich ein Gedanke sein Köpfchen durchfuhr, der den wohltätigen Gott wieder verscheuchte.

Und wenn dieses Gesicht dennoch einem Liebhaber gehört hätte, war dieser Gedanke, wenn vielleicht ein abscheulicher, wilder Indianer dich zufällig gesehen hat und dir nun nachstellt? Sollte Arthur die Indianer nicht gemeint haben, als er von den Bäumen vor den Fenstern sprach? »Hu«, rief sie halblaut aus, »wenn ein solcher Mensch seine Arme nach mir ausstreckte – entsetzlich! – Doch nein«, fügte sie nach einer Pause hinzu, »Arthur wird mich schützen und vor den Angriffen dieser Leute sichern. Gute Nacht, mein lieber Freund, gute Nacht!«

Mit einem Lächeln, das die Eitelkeit hervorgebracht hatte, entschlummerte Arabella endlich.

Als Sally in ihr Zimmer trat, verschloss sie das erhaltene Goldstück in einem Kästchen, das noch eine Anzahl ähnlicher Münzen enthielt, denn es ließ sich ein heller Klang vernehmen, als sie es hineinwarf. Ob alle diese Goldstücke Geschenke von Arabellas Liebhabern waren, können wir nicht sagen, nur so viel glauben wir mit gutem Gewissen versichern zu können, dass sie die Zofe weder gefunden noch geerbt hatte.

Sollte man indes vermuten, das hübsche Kammermädchen fürchtete sich und dachte noch mit Schrecken an das braune, wilde Gesicht in dem Fenster des Schlafzimmers, so irrt man sich; Sally entkleidete sich mit ihrer gewöhnlichen Ruhe, schlüpfte wie ein Aal ins Bett und dachte zwar an die Erscheinung, aber nicht mit Schrecken, sondern mit der Meinung: Ich hätte auch diesem Gesicht die Tür geöffnet, wenn es meinen kleinen Schatz um einige Goldstücke vermehrt hätte.

Sally war zwar eine Engländerin, aber listig, gewandt und fein wie eine Französin.

Herrin und Zofe schlafen, wir wollen Sir Arthur auf seinem Heimweg begleiten.

Als der Portier die große Flügeltür hinter ihm geschlossen hatte, wandte er sich nach links und ging raschen Schrittes die vom Mond hell beleuchtete Straße hinab. Die einzelnen Bäume vor den Häusern, von denen einige einen nicht unbedeutenden Umfang hatten, warfen lange Schatten über den hellgrauen Boden der breiten Straße, sodass die eine Seite derselben dunkler war als die andere. Unser Held hielt sich auf der Seite, die nicht von den Bäumen beschattet wurde. Außer ihm und seinem Schatten, der mit langen Schritten neben ihm ging, befand sich kein lebendiges Wesen in der ganzen Straße. Die Bäume hatten diese Nacht ein ganz besonderes Interesse für den Dandy, denn sein Blick flog von einem zum andern, je nachdem er ihm näher kam. Dies ist wohl erklärlich, wenn man das Gespräch mit Arabella bedenkt. Der Anblick der Körper und ihrer Schatten, die sich in mannigfacher Gestalt zeigten, gewährten unserm Arthur die einzige Unterhaltung, denn die Erinnerung an die Szenen, die er mit Arabella gehabt hatte, wagte er nicht anzuregen, da sich die verunglückte Eifersuchtsszene immer in den Vordergrund drängte und ihm eine leise Schamröte ins Gesicht trieb – an Jenny, seine ihm bestimmte Braut, mochte er auch nicht denken, da ihm sein Herz, das der Leichtsinn noch nicht völlig besiegt hatte, Vorwürfe zu machen begann – und an seine übrigen Verhältnisse mochte er noch viel weniger denken, da sie sich in einem höchst beklagenswerten Zustand befanden, denn Arthur lebte wie ein Millionär, obgleich er kaum die Einkünfte eines preußischen Seconde-Lieutenants hatte. Er nahm also das Nächste, was ihm Zerstreuung bot, und dies waren die Bäume. Während er so über diese Wesen und ihre Nützlichkeit seine Betrachtungen anstellte, sah er in geringer Entfernung einen Baumschatten an der Erde, in dessen Umrissen eine lebhafte Bewegung stattfand. Es war natürlich, dass auch der Körper, der diesen Schatten warf, in Bewegung sein musste; aber wodurch sollte diese Bewegung verursacht werden? Die Luft war still und schwül, sodass sie kein Blättchen knistern ließ – von ihr konnte also keine Bewegung hervorgebracht werden, zu der mindestens die Kraft eines Herbststurmes erforderlich war. Aber selbst wenn in diesem Augenblick ein Orkan durch die Straße getobt wäre, so hätte sich seine Kraft an allen Bäumen äußern müssen, und nicht nur an dem einen – der Grund musste also in den Zweigen selbst liegen.

Einige Sekunden blieb Arthur stehen und betrachtete dieses Schattenspiel. In gleichmäßigen Schwingen bogen sich die Zweige auf und nieder und schienen nur dann und wann langsamer zu werden, um mit erneuerter Kraft ihre Bewegungen fortzusetzen. Leise schlich der Neugierige an die Häuser, wo die Bäume standen, und schlich ebenso leise von einem Baum zum andern, bis der nächste vor ihm der war, in dessen Zweigen die geheimnisvolle Bewegung stattfand.

Das Rauschen der Blätter schlug jetzt an sein Ohr; mit den Blicken aber konnte er nichts wahrnehmen, da die untersten Zweige ein dichtes Dach bildeten. Kaum hatte er dies bemerkt, als er mit einem leichten Sprung unter diesem Dach stand. Plötzlich schwieg das Rauschen und Arthur hörte folgendes Gespräch:

»Betty«, flüsterte die Stimme eines Mannes in den Zweigen, »schon seit einer Viertelstunde setze ich den ganzen Baum in Bewegung, um mich dir bemerkbar zu machen, und du hörst immer noch nicht – Betty, bist du am Fenster?«

»Pst! Pst! Pst!«, zischelte eine Stimme in dem Fenster des Hauses, vor dem der Baum stand.

»Öffne doch den Flügel, dass ich einsteigen kann – mich schmerzen die Füße, denn der Zweig ist dünn, auf dem ich stehe!«

»Um Gottes willen, nicht so laut!«, flüsterte die Stimme einer Frau, und Arthur hörte deutlich, dass sie in großer Angst sein musste.

»Bist du nicht allein, süße Freundin?«

»Nein, nein!«

»Ist dir ein Unglück widerfahren?«, flüsterte die Stimme in dem Baum mitleidig.

»Mein Mann ist zu Hause«, war die traurige Antwort.

»O weh! Ist er in deinem Zimmer?«

»Nein, er ist schon zu Bett gegangen; ob er aber schläft, weiß ich nicht.«

»Der Esel! Warum ist er nicht auf seiner Pflanzung?«

»Er sagt, er sei krank. Doch wenn dir meine Ruhe lieb ist, William, so verlass den Baum und kehre für heute still nach Hause zurück.«

»Ohne einen Kuss von dir erhalten zu haben? Betty, süßes Weib, was verlangst du? Nur fünf Minuten lass mich ein, ich beschwöre dich!«

»Wo denkst du hin? Das Schlafzimmer meines Mannes grenzt an dieses Zimmer, sein Fenster wird fast von den Zweigen berührt – er wird uns hören! Geh, William, morgen Abend bin ich allein!«

»O dieser alte Pflanzer – dass ihn ein brauner Bär verschlungen hätte! Also morgen um Mitternacht?«

»Ich erwarte dich, geliebter Freund. Kommst du auch gewiss?«

»Wenn mir Hände und Füße den Dienst nicht versagen, ersteige ich um Mitternacht diesen Baum. Schlaf wohl, herrliche, unglückliche Betty!«

Statt der Antwort auf diesen herzlichen Gruß krachte ein Schuss aus dem Fenster des Hauses. In den Blättern des Baumes rauschte es, als ob ihn ein Hagelsturm durchsauste und ein unterdrückter Schrei scholl daraus hervor. Ein zweiter durchdringender Schrei ließ sich am Fenster vernehmen.

Die tragische Wendung dieser erotischen Szene berührte den lauschenden Arthur so unangenehm, dass er mit einem Satz in der Mitte der hellen Straße war und eiligen Schrittes seinen Weg fortsetzte. Der Gedanke, der zärtliche Liebhaber könne seine Treue mit dem Tode besiegeln, da der Schuss aus dem Fenster mitten in den Baum gerichtet zu sein schien, nebst der Tatsache, dass ein Mord immer eine peinliche Sache bleibt, trieb ihn dergestalt zur Eile an, dass er das Öffnen einiger Haustüren und den Klang ihn verfolgender Schritte nicht hörte. Mit dem Urteil beschäftigt, ob die Frau nicht ebenso gut einen Schuss verdient habe wie der Liebhaber in dem Baum, bog er nach fünf Minuten um eine Straßenecke und trat in den Schatten einer dichten Allee. Hier ging er plötzlich langsamer, da er erschöpft war und nicht annehmen konnte, dass er in dieser Entfernung noch in die Folgen des Schusses verwickelt werden würde. Doch kaum hatte er einige hundert Schritte in seiner Ruhe zurückgelegt, als er plötzlich wieder durch das Geräusch laufender Personen aufgeschreckt wurde. Er drehte sich um und sah zwei männliche Gestalten so schnell die Allee herabschweben, dass er kaum so viel Zeit hatte, ihnen durch einen Sprung in das Seitengebüsch den Weg zu räumen. Die beiden Männer mussten ihn aber gesehen haben, denn sie schossen wie Pfeile auf das Versteck los und schon nach einigen Minuten fühlte sich Arthur von vier kräftigen Armen festgehalten.

»Was wollt Ihr?«, rief er entschlossen die Männer an, die mit dicken Bambusstöcken bewaffnet waren – ein Zeichen, dass sie auf den Vorfall vorbereitet gewesen sein mussten.

»Schurke, deine letzte Stunde hat geschlagen!«, rief einer der Männer, indem er seinen Knüttel schwang.

»Lass ihn, Tom, wir schleppen ihn an den Ort seines Frevels!«, rief der andere.

Arthur glaubte, er habe es mit dem Mann der treulosen Frau zu tun, deshalb schleuderte er den mit »Tom« Angeredeten so kräftig zurück, dass er mit dem Gesicht in einen Johannisbeerstrauch fiel, aus dem er sich nur mühsam wieder befreien konnte.

»Seid Ihr wahnsinnig?«, rief Arthur außer sich. »Noch einmal, was wollt Ihr?«

Statt der Antwort wurde er von einem Paar Eisenfäusten dergestalt bei der seidenen Krawatte ergriffen, dass er fast die Besinnung verlor. Er wollte schreien, aber die zusammengepresste Kehle vermochte keinen Ton hervorzubringen. So wurde er aus dem Gebüsch in die Allee geschleppt. Da änderte sich plötzlich die Szene. Die hochgewachsene Gestalt eines Mannes trat heran, ergriff den Würger bei beiden Schultern und schleuderte ihn zu Boden. Dieser hielt jedoch den stöhnenden Arthur so fest, dass er ihn mit sich hinabzog.

»Zurück«, donnerte der Mann, »oder mein Waidmesser zerschmettert euch die Schädel.«

Diese Worte hatten eine mächtige Wirkung. Der Mann, den Arthur in den Strauch geschleudert hatte, lief mit der Schnelligkeit eines Indianers den Weg zurück, den er gekommen war, und sein Genosse, der am Boden lag, ließ erschrocken die Kehle Arthurs fahren, raffte sich auf und folgte seinem Freund, aber nicht mit derselben Schnelligkeit; wie es schien, hatte ihn der Fremde zu unsanft zu Boden geworfen – er hinkte ein wenig. Arthur, am Boden sitzend, sah sich einen Augenblick um, fuhr mit der Hand über sein glühendes Gesicht, und als er einigermaßen wieder zur Besinnung gekommen war, stand er langsam auf.

»Mein Herr«, stammelte er in großer Verlegenheit, »Sie fanden mich in einer Lage, die mir ebenso unerwartet kam, wie ich entfernt bin, einen Grund dafür zu ahnen – nehmen Sie meinen Dank und die Versicherung, dass ich mir nichts bewusst bin …«

»Genug!«, antwortete die tiefe Stimme des fremden Mannes. »Ich weiß, dass diese Leute keinen Grund hatten, sich an Ihrer Person zu vergreifen; sie wurden von einem Irrtum geleitet. Setzen Sie unbesorgt Ihren Weg fort, man wird Sie nicht wieder insultieren!«

Diese Worte wurden mit einer Autorität gesprochen, die unseren Helden mit einer Achtung erfüllte, die fast an Furcht grenzte. Er forschte nach den Gesichtszügen des Sprechers, doch ein großer Hut mit breiter Krempe bedeckte Stirn und Nase, sodass er nur den unteren Teil des Gesichtes erkennen konnte, der von einem großen Bart umgeben war.

»Darf ich wissen« begann Arthur wieder, indem er sich verbeugte, »wem ich zu Dank verpflichtet bin?«

»Nein!«, war die raue Antwort. »Gehen Sie nach Hause und kümmern Sie sich nie wieder um die Bäume, die vor den Fenstern stehen!«

Mit diesen Worten hatte ihm der sonderbare Mann den Rücken zugekehrt und wieder den Weg zurück zur Straße eingeschlagen. Staunend sah ihm der junge Mann so lange nach, bis sich seine Gestalt in den Schatten der Bäume verlor. Jetzt war alles still um ihn – kein Blatt, kein Vogel, kein Lüftchen regte sich, nur der Schuss und die letzten Worte des fremden Mannes summten noch in seinen Ohren. Endlich raffte er sich auf, drehte sich um und setzte nachdenkend seinen Heimweg fort.

Arthurs Wohnung befand sich in dem Haus der alten Witwe eines englischen Kaufmanns, der in Manchester einen Bankrott von hunderttausend Pfund gemacht hatte und in New Orleans und Umgegend vielleicht ebenso viel an Grundstücken besaß, wie er in England schuldig geblieben war. Dieser praktische Kaufmann war gleich nach seiner Übersiedlung gestorben, um seiner Frau das kleine Vermögen und einen fetten Mops zu hinterlassen, der die ganze Familie ausmachte. Man kann sich wohl denken, dass die Revenuen dieser Witwe und ihres Mopses nicht unbedeutend waren. Beide bewohnten ein prachtvolles Haus, das in der Mitte eines ziemlich großen Gartens lag. Ein Zufall hatte gefügt, dass Arthur die Witwe kennenlernte, und da sie Raum genug in dem Haus und eine besondere Zuneigung in dem Herzen zu dem interessanten jungen Mann hatte, so war unserem Helden der freundliche Antrag, zwei Zimmer für sich und einen Stall für sein Pferd zu benutzen, wenn er sich in der Stadt aufhalten wolle, kein unwillkommener gewesen. Arthur wohnte also im Erdgeschoss des Hauses, das dieser Witwe gehörte.

Nach zehn Minuten stand er an einem großen Eisengitter und zog an einem Griff, den ein langer Draht mit einer Glocke im Inneren des Hauses verband. Es vergingen abermals fünf Minuten und ein kleiner Mensch in Jockey-Livree erschien, um zu öffnen. Dieser Mensch war ein junger Neger, der die Posten des Kammerdieners, des Reitknechts und des Leibjägers bekleidete.

Schweigend ging Arthur über den mit Sand bestreuten Weg auf das Haus zu und der Neger folgte, nachdem er die Tür wieder verschlossen hatte. Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet und der Mond schien so hell herein, dass der Eintretende sogleich einen Brief erkannte, der auf dem Tisch lag.

»Bob, Licht!«, befahl er dem Neger.

Bob spielte den Kammerdiener und brachte das Verlangte. Verwundert sah er einen Augenblick die beschmutzte Kleidung seines Herrn an, dann zog er sich in das Vorzimmer zurück.

Arthur betrachtete die Aufschrift des Briefes. Die Züge schienen ihm nicht fremd zu sein, denn er erbrach den Brief mit einer Miene, als ob er sagen wollte: Ich vermute, was der Absender mir mitteilt.

Arthur las.

»Diesen Nachmittag ließen mir Ihre beiden Wechselgläubiger die unangenehme Notiz zugehen, dass sie Ihnen nur noch eine Frist von drei Tagen zur Einlösung der Wechsel gestatteten und dass sie nach Ablauf derselben unfehlbar von ihrem Recht Gebrauch machen würden. Als Ihr Sachwalter verfügte ich mich in die Wohnung dieser beiden Herren und versuchte persönlich, einen neuen Aufschub zu erlangen; meine Worte aber fanden kein Gehör und selbst der Hinweis auf Ihre bevorstehende Heirat mit Miss Jenny, der seine Wirkung sonst nicht verfehlte, blieb dieses Mal ohne Erfolg. Wie es scheint, haben die beiden Spekulanten das Zutrauen zu dieser Heirat verloren, oder sie beabsichtigen einen neuen Coup, der neue Zinsen eintragen soll. So viel steht fest, dass sie sich nach drei Tagen Ihrer Person wollen bemächtigen lassen, wenn bis dahin keine Zahlung erfolgt. Dies zur schuldigen Nachricht von Ihrem

Morris, Advokat.«

Kaum hatte unser Dandy diese tröstlichen Zeilen gelesen, so gab er ein Zeichen mit der Glocke, die auf dem Tisch stand. Bob trat ein.

»Wie spät ist es in der Nacht, Bob?«

Der Neger zog eine große, dicke Uhr mit Schildpattgehäuse aus der Tasche, betrachtete einen Augenblick das Zifferblatt und antwortete:

»Halb zwei Uhr, Sir!«

»Gut. Um drei Uhr sind die Pferde gesattelt; wir reiten hinaus zur Pflanzung. Sind die Gewehre in Ordnung?

»Ich habe mich diesen Abend darum gekümmert.«

»So halte sie bereit, ich will jagen!«

Bob verließ das Zimmer und ging in den Stall. Arthur zog seinen grünen, beschmutzten Frack aus und legte einen leichten Schlafrock aus dunkelroter Seide an. Nachdem er sich behaglich eine Zigarre angezündet hatte, warf er sich aufs Sofa und überließ sich seinen Gedanken.

Arthur war einer von den Charakteren, die für die Zerstreuungen, die der Zufall bietet, wie sie auch immerhin kommen mögen, im höchsten Grade empfänglich sind; er war ein Weltmann, der am Morgen vergessen hatte, was er am Abend getan hat, und mittags nicht wusste, was er nachmittags machen sollte. Er fasste die sichersten Beschlüsse und ließ sie ebenso sicher wieder fallen. So war sein erster Gedanke, nachdem er den Brief gelesen hatte, zu Jenny zu eilen, den letzten Willen des Vaters durch die Heirat zu erfüllen, seine Schulden von dem erheirateten Vermögen zu bezahlen und ein ordentlicher Pflanzer zu werden. Arabella, in der er nicht mehr und nicht weniger als eine Tänzerin sah, obgleich er von ihren Reizen mächtig gefesselt wurde, hoffte er, in dem Wahn zu lassen, dass er sie liebte, um später, wenn sie New Orleans den Rücken gekehrt haben würde, den Kontakt zu ihr völlig abzubrechen.

Man sieht aus diesen Plänen, dass Arthur den Leichtsinn eines echten englischen Dandys besaß und dass er seine Heirat mit Jenny vielleicht noch weiter hinausgeschoben hätte oder vielleicht gar nicht darauf eingegangen wäre, wenn ihn seine Verhältnisse nicht dazu gezwungen hätten.

Indem er dichte Rauchwolken an die Decke des Zimmers wirbeln ließ, stieg plötzlich ein anderer Gedanke in ihm auf, den ein Vergleich zwischen Jenny und Arabella erzeugt hatte. Er wollte mit der Tänzerin fliehen. Fast entzückt über den Einfall, verließ er das Sofa und ging in großen Schritten auf und ab.

»Arabella liebt dich«, flüsterte er vor sich hin, »sie wird den Vorschlag mit Freuden annehmen; außerdem ist sie reizender als Jenny und weiß das Herz eines Mannes besser und länger zu fesseln als die Tochter eines Pflanzers in Louisiana. Wir bereisen die größten Städte Europas, und ich weide mich an den Triumphen, die meine Frau durch ihre Kunst erringt. Ja, ich bleibe bei Arabella!«

Doch schon der nächste Augenblick änderte diesen Entschluss wieder, und sein Leichtsinn unterlag diesmal der ruhigen Vernunft.

»Aber wie lange wird Arabella ihre Kunst üben können?«, fragte er sich. »Sie ist ohne Vermögen und ich besitze nichts als zehntausend Dollar Schulden. Was soll aus mir werden, wenn die Tänzerin keine Grazie und Elastizität mehr besitzt? Oder was soll aus mir werden, wenn sie meine Armut entdeckt, mich verlässt und einem Reichen den Vorzug gibt? – Jenny dagegen hat eine ausgedehnte Pflanzung, die in meinen Besitz übergeht – nein, Arabella, das Wagnis wäre zu groß – ich heirate meine Jenny, die auch ein hübsches Gesicht und eine zierliche Taille besitzt!«

Nachdem dieser Entschluss feststand, betrachtete er so lange den Mond, bis Bob meldete, dass die Pferde gesattelt im Hof ständen.

Arthur kleidete sich an, warf Büchse und Jagdtasche um, bestieg sein Pferd und sprengte durch die mondhelle Nacht, dass es Kies und Funken stob.

Bob folgte auf einem mageren Klepper, der aber dem schlanken, glänzenden Tier seines Herrn an Schnelligkeit nicht nachstand.

5.

Die Morgendämmerung brach an und öffnete dem jungen Tag die Bahn. Die Orangenwälder und Zypressenhaine lichteten sich nach und nach, Blumen und Gesträuche hauchten balsamische Düfte in den blauen, klaren Äther und die Trauben und Früchte der Waldbäume erglühten in einem dunkelroten Glanz, als ob ihnen die Morgenröte eine Glorie zurückgelassen hätte.

Aus den Hütten, die zu Jennys Besitzung gehörten, traten die Neger mit Weibern und Kindern und versammelten sich auf dem Platz, wo die Fontäne sprudelte, um von dort in einzelnen Gruppen zu den verschiedenen, von Kato bezeichneten Feldern abzugehen. Schon hatten die Unteraufseher sich von der richtigen Kopfzahl der armen Sklaven überzeugt, die traurig nach dem Last und Beschwerden verkündenden Himmel blickten, als Kato, der Oberaufseher und Intendant, von den Stufen des Herrenhauses herab durch die Allee schritt und mit stolzer Miene unter die zur Arbeit gerüsteten Schwarzen trat.

Der Mulatte trug dieselbe Kleidung wie den Tag zuvor, nur duftete er stärker nach wohlriechenden Wassern und sein schwarzes Haar erglänzte in kurzen Locken. In der Hand trug er ein dünnes Bambusrohr mit weißem Knopf.

Wie ein Volksredner betrat er die Stufen des Bassins und verkündete den armen Negern mit lauter Stimme einen Ruhetag von der Arbeit. Einen Grund für diese Vergünstigung gab er nicht an, da sein Scharfsinn, obgleich er die ganze Nacht gegrübelt hatte, es ihm versagte, einen Passenden zu finden.

Ein lautes Freudengeschrei folgte den Worten des Mulatten, der wie ein König von seinem Thron herabstieg und weitere Befehle an die Unteraufseher erteilte. Die Gruppen zerteilten sich und Männer und Frauen, ihre kleinen Kinder auf den Armen tragend, eilten jubelnd und singend den Hütten zu, um unter den schattigen Bäumen vor denselben den glühenden Tag in Ruhe entschwinden zu sehen.

Als die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Blätter sandte, trat Kato in den Saal, um die Befehle seiner Herrin zu erwarten. Kaum hatte er flüchtig einen Blick in den großen Spiegel geworfen und seine Toilette ein wenig gemustert, als Eva aus dem Zimmer der Herrin eintrat.

»Nun, Kato«, rief die Zofe, »Sir Arthur ist nicht angekommen?«

»Weder er noch sein Bob«, antwortete der braune Dandy mit einer tiefen, respektvollen Verbeugung.

»So sind die Männer«, sagte Eva mit einem Seufzer, »nicht einmal am Tag vor der Hochzeit kann man sich auf sie verlassen!«

»Nicht alle sind so unzuverlässig, schöne Eva …«

»O ja, schöner Kato, alle sind so! Hätte ich die Welt erschaffen, ich hätte sie nur mit Frauen bevölkert und die Männer gar nicht eingeführt, dann würde es gewiss besser auf der Erde aussehen!«

»Eva, liebenswürdige Schöne«, flüsterte der Intendant, indem er seine gelben Hände mit weißen Handschuhen überzog, »sollte denn nicht ein Mann Gnade gefunden haben vor Ihren Augen?«

»Von denen, die ich kenne, auch nicht einer!«

»Miss Eva«, antwortete Kato der Zürnenden, »dann muss ich meine süßeste Hoffnung aufgeben!«

»Welche Hoffnung?«, fragte die Zofe rasch.

»Dass Sie sich die kleine Mühe gegeben haben, mich kennenzulernen – jetzt weiß ich gewiss, dass Sie mich auch nicht im Geringsten kennen.«

»Und woraus schließen Sie das?«

»Sonst würden Sie mich nicht in die Gruppe der gewöhnlichen Männer geworfen haben. Der selige Mister Makensie, der Vater unserer jungen Herrin, hatte ein besseres Auge, denn er erkannte auf den ersten Blick meine Fähigkeiten und mein Gemüt. Er kaufte mich als Koch, denn Sie müssen wissen, schöne Eva, dass ich aus der Küche des Präsidenten der Vereinigten Staaten hervorgegangen bin – aber kaum hatte er einen Blick in mein Inneres getan, so machte er mich zu einem freien Mann, nahm mich vom Bratspieß weg und schickte mich mit seinem Neffen Sir Arthur als Hofmeister und Kammerdiener nach England. Ich wachte über die Sitten meines Zöglings, klopfte ihm seine Fräcke aus, brachte ihm Eleganz bei und putzte ihm die Stiefel. Sehen Sie, Miss Eva, den guten Ton, den Geschmack, den Witz, kurz, alle Eigenschaften, die an meiner Person glänzen, habe ich aus London, der Stadt der Welt mitgebracht.«

Kato schwieg und trocknete sich die schweißtriefende Stirn mit einem gelbseidenen Tuch, das er aus der Tasche gezogen hatte.

»Mr. Kato«, sagte Eva mit einem strengen Blick, »Sir Arthur ist also Ihr Schüler?«

»Ich bin stolz darauf!«

»Dann muss ich Ihnen offen bekennen, dass Sie keinen Grund dazu haben.«

»Ist Sir Arthur nicht ein Mann von Kopf und Herz?«

»Seinen Kopf wage ich nicht zu beurteilen, dass sein Herz aber noch einer tüchtigen Schule bedarf, beweist sein ungebührliches Ausbleiben am Tag vor der Hochzeit. Da sitzt nun unsere arme Miss und weint sich die Augen rot – o über die leichtsinnigen Männer, sie verdienen keinen zärtlichen Blick, geschweige denn eine Träne! Wenn ich Miss Jenny wäre, ich wüsste, was ich täte.«

»Und was würden Sie tun, reizende Eva?«

»Ich würde die Hochzeit so lange verschieben, bis er meiner Hand würdig wäre!«

»Das ist unmöglich! Bedenken Sie das Testament des Vaters!«

»Leider ist dieses Testament zu bedenken! Die gute Tochter opfert sich dem Willen des Vaters, und dies weiß der leichtsinnige Sir Arthur. Mr. Kato, wollen Sie mir gefällig sein?«

»Mit allen Eigenschaften, die ich mir in London erworben habe!«, antwortete der Mulatte eifrig. »Reden Sie, und ich gehe in den Tod!«

»So verwenden Sie Ihr Ansehen als Hofmeister und geben Sie Ihrem Schüler den Rat, mehr Aufmerksamkeit für seine Braut zu zeigen. Auf diese Weise sind Sie ihm und andern nützlich.«

»O Eva, wenn Sie meinen, dass ich andern nicht nützlich bin, so irren Sie. Sooft mir unser Nachbar Jackson begegnet, gebe ich ihm eine Lektion. Meine Ratschläge nützen aber nichts, denn stets sehe ich ihn rauchen wie ein Dampfschiff und seine Kleidung ist so schlecht gewählt, dass man ihn ohne Widerwillen kaum ansehen kann.«

»Wie«, fragte Eva überrascht, »dem groben Pflanzer geben Sie Ratschläge?«

»Gewiss, wenn er bei uns Zutritt haben will, muss er sich mit Manier, das heißt mit einem guten Ton, nähern. Gestern noch begegnete ich ihm im Wald – ich erkannte ihn sogleich an der Rauchwolke, die unter seinem großen Hut aufstieg. Ich wollte vorübergehen, doch er rief mich an und ich musste stehen bleiben.«

»Und was wollte er von Ihnen?«

»Er sprach von Miss Jenny, von ihrem verstorbenen Vater und von vielen andern Dingen.«

»Was sagte er?«

»Erlassen Sie mir die Wiederholung!«

»Warum?«

»Der gute Ton verbietet es mir!«

Eva war ein Weib, folglich neugierig; um diese Neugierde zu befriedigen, tat sie etwas, was sie noch nie getan hatte – sie ergriff die kräftige Hand des Mulatten und sah ihm lächelnd ins Gesicht.

»Kato«, sagte sie, »ich erlaube Ihnen, den guten Ton einmal zu verletzen – erzählen Sie mir, was der Pflanzer Ihnen gesagt hat.«

»Werden Sie es auch Miss Jenny nicht wiedererzählen?«, fragte der Mulatte entzückt, indem er Evas Hand an seine Lippen zog.

»Nicht ein Wort soll sie erfahren – erzählen Sie!«

»Er sagte, der verstorbene Mister Makensie sei ein Narr, ein Verschwender gewesen, ein leichtsinniger Mensch, der schlecht für sein Kind gesorgt habe.«

»Und das duldeten Sie?«, rief Eva entrüstet.

»Miss Eva«, antwortete der Intendant achselzuckend, »ich hatte zwei Gründe, zu schweigen.«

»Erstens?«

»Weil ich mit dem Ladestock des Pflanzers nicht in Berührung kommen wollte – das widerstreitet dem guten Ton!«

»So! Und zweitens?«

»Weil seine Worte viel Wahres enthielten – Sir Makensie hatte enorme Schulden, das weiß ich besser als der grobe Pflanzer – und ich wundere mich auch nicht darüber, denn Miss Jennys Vater hatte stets ein Gefolge von Gentlemen – wie wir Leute von Bildung sagen – um sich, die nie bezahlen, oder doch so selten wie möglich. Was kostete nicht allein die Küche, in der ich damals arbeitete? Der Präsident der Vereinigten Staaten führte einen guten Tisch, und das ist sehr natürlich – Sir Makensie übertraf ihn aber in jeder Beziehung. Was die Kochkunst hervorzubringen nur imstande war, musste hervorgebracht werden, und in welcher Menge! Ich entsinne mich, dass oft fünfzig Personen zu Tisch saßen, die mit den feinsten Speisen und Weinen bewirtet wurden – und war die Gesellschaft einmal beisammen, dann ging sie auch acht Tage lang nicht auseinander – man tat nichts als jagen, essen, trinken und schlafen. So ging es hier zu auf der Pflanzung, und kam der Herr in die Stadt, was sehr oft geschah, so fanden sich die guten Freunde wieder ein und das Leben begann, wie es einige Tage zuvor aufgehört hatte. Was nun ein solches Leben kostet, können Sie sich wohl denken, zumal wenn es eine Kasse allein bezahlen muss, und Sir Makensies Kasse stand einem jeden offen, der ihm zu schmeicheln wusste. Die erste Folge davon war, dass er einigen Wucherern in die Hände fallen musste, und als diese nicht mehr borgen wollten, verkaufte er ein großes Haus in New Orleans, das er mit ungeheurem Glanz und Luxus in den neuen Anlagen der Stadt erbaut hatte, um seine Freunde darin zu traktieren. Und wissen Sie, wer dieses Haus damals kaufte und jetzt noch besitzt?«

»Nun?«, fragte Eva, deren Neugierde bereits befriedigt war.

»Unser Nachbar Jackson! Der ist aber klüger, denn er sorgt dafür, dass ihm das prachtvolle Gebäude etwas einträgt. Wie er mir selbst einmal sagte, wohnen nur reiche und vornehme Leute darin, die einen guten Mietzins bezahlen können; er selbst hat sich nur ein kleines Stübchen vorbehalten, das er bewohnt, wenn er in der Stadt Geschäfte hat. Und, sehen Sie, Miss Eva, daher kommt es auch, dass dieser Mann sich ein unermessliches Vermögen erwirbt; man hält ihn jetzt schon für den reichsten Pflanzer in unserm Distrikt. Wie ich genau weiß, ist er erst neunundzwanzig oder dreißig Jahre alt – wie reich muss er erst sein, wenn er hundert Jahre alt ist? Wo immer ein guter Handel zu machen ist, sieht man ihn zuerst, und alles, was er unternimmt, bringt ihm Glück.«

»Ob denn dieser Pflanzer an den verstorbenen Vater unserer jungen Herrin auch Forderungen hat? Vielleicht, dass seine Besuche …«

»Das glaube ich nicht«, antwortete Kato, »denn er war nie bei den Festgelagen auf unserer Besitzung, und dann ist er auch zu vorsichtig, um einem Mann, der ein solches Leben führte wie Sir Makensie, Kapitalien zu leihen. Nur in der letzten Zeit, als es nicht mehr ging, wie es gehen sollte, sah ich ihn öfter bei dem verstorbenen Herrn. Etwas scheint er jedoch nicht zu wissen, was ich weiß«, fügte der redselig gewordene Mulatte hinzu, indem sich sein Mund zu einem geheimnisvollen Lächeln verzog, dass die großen, schneeweißen Zähne sichtbar wurden.

»Nun?«, fragte Eva, indem sie ihre Hand auf seine Schulter legte.

Diese Vertraulichkeit von der stets so zurückhaltenden Zofe schmeichelte dem Mulatten dergestalt, dass er ohne längeres Besinnen fortfuhr:

»Die Lieferanten und Geldwucherer drangen endlich auf Zahlung und drohten dem verstorbenen Herrn mit Klagen bei Gericht – und das ist hier wie in England keine Kleinigkeit, vorzüglich bei Wechselschulden, denn ehe man sichs versieht, wird man festgenommen und in den Schuldturm geschleppt, wo man so lange in einem finsteren Loch sitzen muss, bis das Geld bezahlt ist – manche sind darüber gestorben, nachdem sie den größten Teil ihres Lebens im Kerker zugebracht haben.«

»Das ist ja ein grausames Gesetz!«, rief die Zofe zurückfahrend.

»Grausam, aber fashionable!«, antwortete Kato mit wichtiger Miene. »Es gibt wohl keinen Dandy in London, der nicht schon einige Tage im Schuldgefängnis verlebt hätte. Schulden gehören zum guten Ton!«

»Doch nun fahren Sie fort!«

»Wo war ich stehen geblieben?«

»Bei den Wucherern, die mit Klagen bei Gericht drohten.«

»Ganz recht! Um also dem Schuldgefängnis zu entgehen, verpfändete Sir Makensie seinen Gläubigern zwei große Schiffe, die damals gerade nach Indien abgehen sollten. Die Unternehmung mit diesen Schiffen war neu und versprach einen großen Gewinn, der außerdem noch den habgierigen Gläubigern zufallen sollte. Kaum vier Wochen nach dem Abschluss dieses Kontraktes und nachdem die Schiffe ausgelaufen waren, starb Mister Makensie und diese Besitzung ging auf seine einzige Tochter über, die vielleicht nicht einmal von den Schulden des Vaters etwas weiß, da die Gläubiger sich ja dann erst melden können, wenn die Schiffe zurückkehren. Seit länger als zwei Jahren sind sie nun unter Segel, und wie ich vermute, müssen wir bald die Nachricht erhalten, dass sie glücklich eingelaufen und große Schätze mitgebracht haben. Freilich bekommt unsere Miss nichts davon zu sehen, da alles den Gläubigern gehört; sie hat aber dann diese herrliche Besitzung, auf der keine Schulden mehr haften, und sie kann glücklich und zufrieden mit Sir Arthur der Zukunft entgegensehen.«

»Wie kann der schlechte Nachbar aber von Schulden sprechen«, meinte Eva, »da die Gläubiger doch mit den Schiffen bezahlt sind?«

»Dies lässt mich vermuten«, reizende Eva, »dass er das Geheimnis der Verpfändung nicht kennt. Nun, er soll es ebenso wenig erfahren wie Miss Jenny – nicht wahr, es bleibt unter uns?«

»Wie ich Ihnen gesagt habe, Mr. Kato, nicht ein Wort kommt über meine Lippen. Warum soll ich auch unsere gute Herrin unnötig ängstigen? Doch schweigen auch Sie darüber gegen jedermann, denn Sie wissen ja, wie schlecht die Leute immer reden. Haben sie nicht dem seligen Mister Makensie sogar zum Verbrechen angerechnet, dass er eine seiner weißen Sklavinnen, die Mutter unserer jungen Herrin, geheiratet hat? Noch jetzt hört man die Lästermäuler darüber sprechen, obgleich sie eine gute und brave Frau gewesen ist, wie alle versichern, die sie gekannt haben. Die alte Katty, die mit ihr diente und jetzt noch in unserm Haus lebt, weint jedes Mal, sooft die Rede von ihr ist.«

»Liebenswürdige, reizende Eva«, begann der Mulatte und zupfte mit beiden Händen an der Schleife seines bunten Halstuches, »eben diese Katty hat mir erzählt – und den Worten dieser greisen Negerin kann man wohl glauben –, dass die schöne Sklavin eine glückliche, liebereiche Ehe mit Sir Makensie geführt habe – Miss Eva, wenn wir ein Gleiches zu tun beabsichtigten – wenn wir mit Miss Jenny an einem Tag unsere Hände zu einem zärtlichen Bund ineinanderlegten!«

Eva konnte vor Staunen auf diesen Antrag keine Antwort finden; mit einem lauten Lachen fuhr sie drei Schritte von dem zärtlichen Mulatten zurück, der ein so süßes, bittendes Gesicht machte, wie ein werbender Liebhaber nur immer zu machen imstande ist.

»Wie«, rief sie endlich aus, »meine Hand verlangen Sie, Mr. Kato?«

»Ihre weiße, zarte Hand und Ihr göttliches Herz!«

Das Gesicht des Kammermädchens nahm plötzlich einen ernsten Ausdruck an und ihr Lachen verwandelte sich in eine fast feierliche Sprache.

»Gut«, sagte sie, »ich verspreche Ihnen meine Hand; aber Sie werden sie erst dann erhalten, wenn …«

»Wenn, wenn?«, flüsterte Kato.

»… wenn Sie so weiß geworden sind wie meine Hand!«

»Um Ihnen zu gefallen, reizende Eva, ist mir nichts zu schwer in der Welt«, rief Kato mit Feuer. »Von diesem Augenblick an gehe ich nur mit einem Sonnenschirm aus, ich verpöne die Sonne und atme nur noch im Schatten! In einigen Wochen erhalten Sie einen vollkommenen Schneemann, das heißt von außen – mein Inneres bringt Ihnen eine afrikanische Glut zur Morgengabe.«

»Abgemacht, der Pakt ist geschlossen!«

Nachdem der Intendant die ihm versprochene Hand mit unzähligen Küssen bedeckt hatte, entwand sie ihm Eva und verschwand durch die Tür zum Zimmer ihrer Herrin.

6.

Länger als fünf Minuten sah der verliebte Mulatte mit starrem Entzücken zu der Tür, die ihn von seiner Eva trennte. Dann trat er vor den Spiegel, der seine ganze Gestalt zurückgab, und betrachtete sich mit einem selbstgefälligen Lächeln.

»Ich wusste es wohl«, sagte er zu sich selbst, dass das schlaue Mädchen meine Eigenschaften längst erkannt und mich im Stillen geliebt hat. Die Bedingung, die sie mir stellte, ist nur ein Ausbruch der jungfräulichen Scham und Schüchternheit, und die muss man ehren. Eva hat Geschmack, das beweist die Wahl meiner Person – denn beim Himmel, wäre ich nicht fest überzeugt, dass ich in eigener Person vor dem Spiegel stände, ich würde glauben, das Bild eines andern strahlte mir aus der glänzenden Fläche entgegen! Was nicht eine Bildung in London vermag! Eva, du hast dir einen würdigen Adam erwählt! Doch nun will ich gehen und den Negern ankündigen lassen, dass sie sich diesen Abend zu einem festlichen Aufzug versammeln, den sie unserer Herrin zu Ehren ausführen sollen, und meiner Eva flüstere ich zu, dass die Hälfte davon ihr gilt!«

In dem Augenblick, als Kato in den Hof trat, hielten zwei Reiter ihre keuchenden Rosse vor den Stufen der Freitreppe an. Arthur und sein Jockey Bob stiegen ab. Der Dandy warf dem Diener den Zügel zu, reichte dem Intendanten herablassend die Hand und war mit einigen Sätzen in dem Saal, wo ihm Kato Gewehr und Jagdtasche abnahm.

»Wo ist Miss Jenny, deine Gebieterin?«

Der Mulatte zog seine Uhr.

»Der Zeit nach muss sie noch bei ihrer Toilette sein, denn es ist jetzt neun Uhr.«

»Wie, neun Uhr – nicht später?«

»Nicht um eine Minute später, Sir Arthur, denn meine Uhr ist genau nach der Londoner Normaluhr gerichtet, und die kann nicht fehlen. An dem Tag, wo wir die herrliche Stadt verließen, habe ich sie gestellt. Es lebe London, es lebe England!«

»Du hast recht, Freund Kato«, antwortete der junge Mann, indem er sich auf das Sofa warf, »es lebe England, das Vaterland der Guineen, der Wettrenner, Wetten, schwachen Herzen und starken Geldkisten! Man lebt und stirbt an keinem Ort der Welt besser als dort – dort ist alles nach dem besten Geschmack, selbst die Pistolenschüsse. Um ein vollendeter Dandy zu werden, habe ich mir fest vorgenommen, mir noch den Spleen anzuschaffen.«

»Zu dieser Mode sind Sie noch nicht alt genug, Sir Arthur – vielleicht in zwanzig Jahren, wenn die Fräcke nicht mehr passen …«

»Glaubst du, Kato? Wahrhaftig, ich fühle auch noch keine Neigung dazu. Und dennoch«, fügte er mit düsterer Miene hinzu, »nagt mir ein zehrender Kummer am Herzen.«

»Ihnen, Sir?«, fragte der Mulatte verwundert. »Sie wurden gestern schon erwartet, sollte dieser Kummer der Grund Ihres Ausbleibens gewesen sein. Was nagt an Ihrem fashionablen Herzen?«

»Zunächst ein Wurm, den ich bis jetzt so glücklich war, hier geheim halten zu können, wenigstens vor meiner Cousine – und dann ein hartherziger, denaturalisierter Onkel, der mich auf das Erbfolgerecht unverzeihlich lange warten lässt.«

»Dieser Onkel weiß nicht zu leben!«, rief Kato entrüstet.

»Du irrst«, lachte Arthur, indem er seine Füße auf das Sofa warf, »er weiß nur zu gut zu leben! Doch grolle ich ihm deshalb nicht, wenn er mir nur das Platzieren seiner Revenuen anvertrauen wollte, wozu ich in diesem Augenblick eine köstliche Gelegenheit habe. Kato, du bist ein Ausbund an Klugheit, du wirst mich verstehen!«

»Vollkommen, vollkommen, Sir Arthur! Sie wollen Renten kaufen?«

»Dummer Teufel, Pferde und Wagen will ich kaufen, und dann eine interessante Familie von Wechseln, deren glücklicher Vater ich bin. Diese ungezogenen Rangen hegen den sehnlichsten Wunsch, sich aus dem Schoß der bürgerlichen Gesellschaft zurückzuziehen. Aber ich sehe wohl, mithilfe dieses würdigen, ewigen Onkels werde ich die Papiere so bald nicht in die Hände bekommen. Darum will ich mich verheiraten!«

»Diese Absicht ist sehr natürlich, denn Ihre bestimmte Braut ist die schönste und reichste Erbin von Louisiana.«

»Was ist der Reichtum, Freund Kato, bei den Reizen, die meine Jenny besitzt – ein Luxus! Wenn ich mich über ihr Vermögen freue, so geschieht es nur deshalb, weil es mich in den Stand setzt, meine künftige Gattin zur ersten und glänzendsten Schönheit Amerikas und Englands zu erheben.«

»Wie, Sir«, rief Kato freudig, »Sie hätten die Absicht, wieder nach England zu gehen?«

»Nach England, Frankreich, Paris – nach allen Orten der Welt, wo man sich amüsiert! Doch ehe wir uns auf die Reise begeben, wäre es mir nicht unangenehm, wenn ich zuvor meine reizende Cousine küssen und ein gutes Frühstück zu mir nehmen könnte. Das Herz und der Magen sind zwei Tyrannen, die keinen Aufschub gestatten. Geh, Kato, und melde meine Ankunft!«

»Ein echter Dandy!«, murmelte der Mulatte, indem er den Saal verließ und durch das angrenzende Zimmer ging, um den erhaltenen Auftrag zu vollziehen. »Die elegante Schwermut über die Wechsel stand ihm vortrefflich – ich werde zunächst versuchen, ohne Wechselschulden schwermütig zu sein, um mich in Evas Augen noch interessanter zu machen, als ich schon bin; gelingt es nicht, so gehe ich zu einem Quäker in New Orleans, der auf Zinsen borgt – ich gebe ihm einen Wechsel, bei dessen Ablauf sich die Schwermut schon einstellen wird! O Eva, um dir zu gefallen, lebe ich im Schatten und mache Wechselschulden!«

Während der Intendant diesen heroischen Entschluss fasste, sann Arthur auf einen Vorwand, mit dem er sein Ausbleiben entschuldigen wollte. Die Erfindungsgabe des Dandys hatte durch häufigen Gebrauch eine gewisse Fertigkeit erlangt, und als Kato wieder eintrat, um ihm anzukündigen, dass Miss Jenny ihre Toilette beendet habe, war der triftigste Grund von der Welt gefunden. Mit fröhlicher, zuversichtlicher Miene folgte der junge Mann dem wohlriechenden Kato, der zeremoniell die Tür zu Jennys Zimmer öffnete und mit lauter Stimme ankündigte:

»Sir Arthur!«

Die junge Herrin trug ein Mousselinkleid in blauer Farbe; ihr dunkles Haar, mit einer weißen Rose geschmückt, bildete einen Kranz dichter Locken um das ganze Haupt, und ein einfacher Myrtenstrauß zierte den Busen, der bei Arthurs Anblick in eine leichte Bewegung geriet. Jenny hatte ein schönes, regelmäßiges Gesicht mit blauen Augen, schwarzen Wimpern und Brauen; es fehlte ihm aber jener pikante Ausdruck, den der Umgang mit der großen Welt erzeugt und der nötig ist, um das Herz eines blasierten Weltmannes zu fesseln. Für den, der ihr einfaches, kindliches Gemüt, ihre wahren, richtigen Empfindungen kannte, war ihre ganze Erscheinung die eines Engels, der sich nur in einem unverdorbenen Herzen Verehrung erwirbt, der keinen blendenden Lichtkreis um sich strahlt, sondern einen milden Schein, der stille Bewunderung und Erhebung des Gemüts erzeugt. Jenny musste verstanden werden, wenn man sie wahrhaft lieben sollte, man musste die Vorzüge ihres Charakters und ihres Herzens kennen, um die ihres frischen, jugendlichen Körpers zu würdigen, denn diese erhielten ihren eigentlichen Reiz nur durch jene, und vereint waren sie von einer mächtigen Wirkung.

»Sir Arthur!«, flüsterte sie leicht errötend, und ihre zarten Finger spielten mit den Blättern des Myrtenstraußes.

»Reizende Cousine!«, rief Arthur in zwanglosem Ton des gewiegten Salonmannes und drückte einen Kuss auf die schöne Stirn des jungen Mädchens, der nur zu deutlich verriet, dass er die Begrüßungszeremonie eines Bräutigams sein sollte.

»Welchen Weg sind Sie gekommen, Cousin? Von der Terrasse aus, die an mein Zimmer stößt, habe ich die Staubwolke nicht aufwirbeln sehen, die mir in der Regel Ihre Ankunft verkündet.«

»Den kürzesten Weg, teure Jenny, den meine Ungeduld wählen konnte, um zu Ihnen zu gelangen – durch den Zedernwald, der den Anfang Ihres kleinen Königreichs macht.«

»Sir Arthur würde wohlgetan haben«, sagte Eva scherzend, »wenn er gestern schon diesen Weg eingeschlagen hätte!«

»Wenn dies auch Jennys Ansicht ist«, antwortete der Dandy mit einer nachlässigen Verbeugung, »so beklage ich doppelt den unangenehmen Zufall, der mich daran hinderte.«

»Eva hat recht«, sagte Jenny, »denn ich wüsste keinen Grund, der triftig genug wäre, eine junge Braut in Unruhe zu versetzen, von der man sagt, dass sie wohl imstande ist, einen Bräutigam zu fesseln, selbst wenn ihn des Vaters letzter Wille dazu gemacht hat.«

»Zürnen Sie nicht, beste Cousine, sondern hören Sie meine Entschuldigung …«

»Ich erlasse sie Ihnen vor dem Frühstück, Arthur, und behalte sie mir für diesen Abend vor, denn ich nehme an, dass sie geeignet ist, meine Sorgen zu zerstreuen, die Ihr Aufenthalt in New Orleans erregt hat. Eva, Kato – man serviere den Tee!«

»Der angestrengte Ritt hat mir Appetit gemacht«, wandte sich Arthur zu Kato, »ich erwarte ein solides Mahl!«

»Als ob es für mich wäre!«, flüsterte der Mulatte, indem er sich entfernte.

»Dann bin ich zufrieden!«

Jenny und Arthur waren allein.

»Mein Aufenthalt in der Stadt verursachte Ihnen Sorgen, Jenny – wie oft soll ich Ihnen wiederholen …«

»Arthur, sollten Sie nicht wissen, dass die Mädchen von Louisiana den Spanierinnen ähnlich sind?«

»Was die Augen anbetrifft – nicht wahr?«

»O nein, Sir, was die Eifersucht anbetrifft!«

Himmel, dachte Arthur, das hätte ich nicht geglaubt!

Unwillkürlich stellte er Vergleiche zwischen seiner Braut und Arabella an.

»Sie sind eifersüchtig?«, sagte er nach einer Pause laut, indem er mit einem verlegenen Lächeln ihre Hand ergriff.

»Ich gestehe es, Arthur, sehr eifersüchtig! Und habe ich etwa keinen Grund dazu? Sie wissen, dass mein guter Vater uns füreinander bestimmt hat – ich habe mich seit Jahren daran gewöhnt, Sie zu lieben; mein Glück, meine ganze Zukunft ruht auf Ihnen, denn Sie sind mein einziger Freund, der einzige Mann, dem ich mich anvertraue – ist es nun nicht ganz natürlich, wenn mich der Gedanke zittern macht, dass Sie Ihre Sorgen, Ihre Huldigungen einer andern darbringen und mir so die Stütze entziehen, die meine einzige Hoffnung ist?«

Jenny hatte diese Worte mit einer Empfindung gesprochen, die den Dandy fast in Bestürzung versetzte; er musste seine ganze Kraft und Galanterie zusammennehmen, um sie nicht zu verraten. Zuerst nahm er seine Zuflucht zu Schmeicheleien, dem gewöhnlichen Mittel der sogenannten Dandys, denn sie setzen voraus, dass sie den eitlen Frauen gefallen und die fühlenden in Verlegenheit bringen, dass sie nicht klar sehen können.

»Jenny«, rief er mit erkünstelter Begeisterung, »gibt es auf der weiten Welt wohl eine reizendere, anbetungswürdigere Frau als Sie? Kennen Sie sich so wenig, dass Sie an der Macht Ihrer Schönheit zweifeln? Ihr Arthur müsste mit Blindheit geschlagen sein, wenn er sein Glück nicht besser zu schätzen wüsste! Es ist wahr, Ihr Vater hat uns füreinander bestimmt – aber glauben Sie mir, mehr als die Bestimmung des Testamentes gilt mir die meines Herzens, das stets bei Ihnen ist, wenn uns auch die Wälder Louisianas trennen!«

»Wahrhaftig?«, rief Jenny und ihr ganzes liebliches Gesicht übergoss eine Purpurröte. »Nun, so will ich Ihnen glauben; aber vor unserer Verbindung trennen Sie sich nicht wieder von mir, Sie bleiben auf der Pflanzung – nicht wahr? Sie versprechen es mir?«

»Mein Gott, Jenny«, stammelte Arthur ausweichend, »ich weiß nicht …«

»Arthur, was soll ich denken?«

»Haben Sie kein Vertrauen zu mir?«

»Ein Versprechen fordere ich, Arthur, und als Braut habe ich das Recht dazu.«

»Jenny!«

»Herr Cousin«, flüsterte sie mit sanfter Stimme, »ich bitte darum!«

»Sie wollen es«, sagte Arthur, dessen Verlegenheit den höchsten Grad erreicht hatte.

»Ich bitte darum!«, wiederholte Jenny, »bei meiner Ruhe und Ehre, die Ihnen heilig sein muss.«

Diese Worte hatte Jenny mit bebender Stimme gesprochen und ein feuchter Glanz erfüllte ihre Augen.

Arthur dachte zwar an Arabella, aber der Gedanke an seine Wechsel und dass beide Verhältnisse zerstört sein würden, sollte er gezwungen werden, das Schuldgefängnis zu betreten, behielt die Oberhand, und gedrängt von der Macht des Augenblicks rief er:

»Gut, Jenny, ich verspreche es Ihnen!«

»Ihre Hand?«

»Hier ist meine Hand!«

»Der Zwang dieses Versprechens«, fuhr Jenny fort, »wird übrigens nicht lange auf Ihnen lasten, denn Sie erinnern sich doch, dass morgen der fünfte Juli ist?«

»Morgen?«

»Des Vaters letzter Wille hat ihn als den Tag bestimmt, an dem Sie mein Gatte und der Herr dieser Besitzung werden. Und nicht wahr, Arthur, Sie helfen mir den Willen des Verstorbenen redlich zu erfüllen?«

»Mein Gott«, rief Arthur, »morgen soll unsere Verbindung stattfinden? Ich glaube kaum!«

»Und warum?«

»Weil ich bis gestern Abend spät meine Papiere aus Boston, die dazu erforderlich sind, vergebens erwartet habe. Wenn sie nun heute wiederum nicht eintreffen?«

»So senden wir morgen einen Advokaten zu Ihrer Vaterstadt, der die ganze Angelegenheit in wenigen Tagen ordnet. Bis zu seiner Rückkehr bleiben Sie hier und übernehmen vorläufig die Geschäfte, die Kato bis jetzt allein besorgt hat.«

»Jenny, Sie sind ein Engel!«, rief Arthur und wollte dem reizenden Mädchen einen Kuss auf die blühenden Lippen drücken.

»Herr Cousin«, sagte Jenny abwehrend, »noch sind Sie nicht mein Mann!«

»Aber Ihr Bräutigam, dem Sie einen Kuss nicht verweigern dürfen.«

»Ich verweigere ihn jetzt«, sagte die Braut hoch errötend, »um Ihnen den ersten Kuss als Gattin anbieten zu können. Wollen Sie mich dieses Glückes berauben?«

»Nein, reizende Jenny«, rief Arthur, ergriff ihre Hand und drückte einen Kuss darauf.

In diesem Augenblick trat Eva ein, das Frühstück tragend. Sie hatte Arthurs zärtliche Aufmerksamkeit noch gesehen.

»Sir Arthur«, flüsterte sie ihm lächelnd zu, indem sie an ihm vorüberging, »dieser Kuss söhnt mich mit Ihnen wieder aus.«

Jetzt erschien auch Kato, ein gebratenes Huhn auf einer silbernen Schüssel tragend.

»Sir Arthur«, flüsterte er, »der Präsident der Vereinigten Staaten würde Sie um dieses Huhn beneiden.«

»Und warum?«

»Weil Sie es an der Seite Ihrer reizenden Braut verzehren können, und – weil es nach meinem Rezept zubereitet ist.«

»Das Sie aus London mitgebracht haben!«, lachte Eva.

»Nein, Miss Eva, das ich in Amerika erfunden habe«, sagte Kato, indem er mit der Zofe das Zimmer wieder verließ.

Arthur bot seiner Braut den Arm und führte sie zu dem Tisch, der an der geöffneten Tür der Terrasse stand, durch die die kühle Luft des nahen Zypressenhaines eindrang. Ein Chor von Vögeln jubelte in den schattigen Zweigen, die dem Lichtmeer des Himmels einen schützenden Damm entgegensetzten.

Pulsuz fraqment bitdi.

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25 may 2021
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9783946469261
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