Kitabı oxu: «Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen»

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Zum Buch

Was bedeutet es für jeden Einzelnen, wenn Lüge, Rücksichtslosigkeit und Niedertracht an die Macht drängen, im Wirtschaftsleben erfolgreich sind, sich im Alltag durchsetzen? Wenn erfolgreich in der Öffentlichkeit gegen alle Regeln des Anstands verstoßen wird? Was heißt unter diesen Bedingungen genau: ein anständiges Leben zu führen?

Axel Hacke erkundet in diesem Buch einen schillernden, für manche von uns vielleicht auch verstaubten, nichtsdestoweniger sehr aktuellen Begriff: Was versteht man heute unter Anstand? Assoziativ, mit vielen Bezügen auf Literatur und Philosophie (von Kästner, Fallada, Camus, Knigge, Kant, Marc Aurel bis zu David Foster Wallace), in beispielhaften Dialogen mit einem Freund, in aufmerksamen Beobachtungen privaten und politischen Geschehens wird klar, dass, wer von Anstand redet, von einem alltagsmoralischen Ideal des Menschen spricht. Es geht um ein Nachdenken über das Zusammenleben der Menschen und die schon von Anton Tschechow gestellte Frage: »Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten?«

Über den Anstand in schwierigen Zeiten ist ein Plädoyer dafür, die Antwort zuerst nicht bei anderen, sondern bei sich selbst zu suchen – und dabei am Ende Demut, auch Neugier auf andere zu entwickeln.

Über den Autor

AXEL HACKE lebt als Schriftsteller und Kolumnist des Süddeutsche Zeitung Magazins in München. Er gehört zu den bekanntesten Autoren Deutschlands, seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien Die Tage, die ich mit Gott verbrachte (Kunstmann 2016).

AXEL HACKE

Über den Anstand
in schwierigen Zeiten
und die Frage,
wie wir miteinander
umgehen

Verlag Antje Kunstmann

FÜR MEINE KINDER

Ich sitze mit einem Freund abends in der Kneipe, der Wirt kommt an den Tisch, wir hätten gerne zwei Bier, der Wirt zählt seine Biersorten auf, ich entscheide mich für ein Bier aus den bayerischen Bergen.

Okay, sagt der Freund, das nehmen wir, und der Wirt dreht ab zum Zapfhahn, da sagt der Freund zu mir, sein Okay einschränkend: »Obwohl man das ja eigentlich auch nicht mehr trinken kann …«

»Wieso das jetzt?«, frage ich.

Der Freund erklärt, dass die Brauerei an ihrem Firmensitz für allerhand Umweltsünden verantwortlich sei, dass sie ohne Rücksicht auf Landschaft und Bürgersinn expandiere, dass viele Leute dort das eigene Bier deshalb schon boykottierten und es daher die Frage sei, ob man sich da nicht solidarisieren sollte. »Aber ist ja auch wurscht jetzt«, sagt er dann. »Nicht so wichtig.«

Der Wirt kommt, wir trinken das Bier, reden eine Weile über dies und jenes, leeren die Gläser, der Wirt steht wieder da, wir bestellen noch zwei, ich habe die Geschichte mit den Sünden der Brauerei schon vergessen, halte also einfach mein Glas hoch und nicke, merke jedoch, wie mein Freund nun kein bayerisches Bier bestellt, sondern eines aus Berlin. Oder war es ein westfälisches? Ich weiß es nicht mehr.

Es war ihm also doch wichtig. Hat ihm keine Ruhe gelassen. Er ist, finde ich, ein anständiger Kerl, er will nicht sein Bier auf Kosten der Welt trinken oder jedenfalls der Umwelt in den Bergen, er will ein anständiger Kerl sein, und er zieht es durch, auch bei einem Bier zieht er es durch, das Anständigsein.

Jedenfalls beim zweiten Bier.

Das gefällt mir, denke ich.

Über das Anständigsein habe ich, ehrlich gesagt, nie besonders nachgedacht, es war mir immer etwas selbstverständlich Gutes. Anständig zu sein bedeutet, so fand ich, Rücksicht auf andere zu nehmen, und zwar auch dann, wenn einem gerade nicht unbedingt danach zumute ist, also: in der Trambahn für ältere Menschen aufzustehen, auch wenn man selbst ein wenig müde ist; einen kranken Freund zu besuchen, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat; sich in einer Schlange nicht vorzudrängeln, auch wenn man es eilig hat; eine Beerdigung zu besuchen, um den Hinterbliebenen beizustehen, auch wenn man dazu gerade keine Lust hat …

Einfache Dinge, zunächst einmal, zum Beispiel.

Sich nicht selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern zu bedenken, dass andere Menschen nicht weniger Rechte im Alltag und im Leben haben als ich. Nicht zu vergessen, dass vieles, was ich tue, Rückwirkungen auf andere hat. Deshalb gehören der Freund und sein Bier auch mitten in dieses Thema hinein: Weil es für mich zum Begriff des Anstands gehört, nach Möglichkeit zu bedenken, welche Folgen das eigene Verhalten für andere haben kann.

Nicht, dass ich diesen Ansprüchen genügt hätte, davon kann keine Rede sein. Kein Mensch ist immer auf der Höhe seiner eigenen Leitlinien, ich schon gar nicht. Manchmal erreicht man nie das Niveau, auf dem man gerne wäre. Darum geht es hier auch gar nicht.

Aber ich empfand es doch als großes Lob, wenn man über einen anderen sagte: ein anständiger Kerl. Offen gestanden glaubte ich, dass die meisten Menschen ein Gefühl dafür in sich tragen: einen Sinn dafür, wie es ist, nicht allein auf der Welt zu sein, und was man dafür tun muss, dass man vernünftig mit anderen zusammenlebt.

Ich glaube es immer noch.

Aber es gibt ein paar Zweifel.

Denn es schwappt ja seit einer Weile nicht nur eine Woge von Anstandslosigkeit um die Welt, sondern ein ganzer Ozean tobt. Wir leben, dies nur mal als erstes Beispiel, in einer Welt, in der ein Verlust jedes menschlichen Anstands einen Mann nicht daran gehindert hat, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Sondern in der gerade diese Zurschaustellung der eigenen Niedertracht ihm den Weg in dieses Amt sogar geebnet zu haben scheint.

Man muss nicht all die Widerwärtigkeiten wiederholen, die Donald Trump schon von sich gegeben hat, das sind ein paar zu viele, und es reicht vielleicht, ja, es reicht ganz sicher, wie Meryl Streep es gleich zu Beginn des Jahres 2017 bei der Verleihung der Golden Globes in Los Angeles getan hat, eine einzige in Erinnerung zu rufen, die für alle anderen steht: wie Mister Trump vor Publikum einen kranken und deshalb körperlich behinderten Journalisten nachäffte. Es habe ihr Herz gebrochen, als sie das gesehen habe, sagte Streep, »und ich kann es immer noch nicht aus meinem Kopf bekommen«.

Und wir leben auch sonst inzwischen mit vielem, das eigentlich unerträglich ist.

Der sogenannte Shitstorm, den mancher Prominente nach vielleicht nicht besonders klugen und jedenfalls voreiligen Äußerungen über sich ergehen lassen muss, ist ein Ereignis, das uns noch vor gar nicht langer Zeit geradezu sprachlos vor Entsetzen machte. Der Ton, der in vielen Internetforen herrscht, die Beleidigungen und Lügen, die dort Alltag geworden sind – man hat sich schon daran gewöhnt. Jeder, der auch nur ein wenig älter ist, erinnert sich an heftigste, rabiateste politische Diskussionen aller Art, in denen auch die Grenzen dessen überschritten wurden, was ich Anstand zu nennen mir angewöhnt hatte.

Aber niemals, nicht einmal annäherungsweise, in diesem Maß.

Und was ist mit diesem unbegreiflichen Ausmaß von Schäbigkeit, das wir auf unseren Straßen sehen, mit den Leuten zum Beispiel, die im Jahr 2015 ungestraft einen Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel durch Dresden trugen?

Was ist mit dieser Geschichte hier?

Als im Frühjahr 2016 das Auto einer Familie aus Baden-Württemberg kurz vor dem Autobahnkreuz Nürnberg-Ost von einem Lkw mehr oder weniger zerquetscht wurde, waren die Mutter und drei kleine Kinder sofort tot, der Vater wurde schwer verletzt aus dem Wrack geschnitten. Die Autobahn war vier Stunden lang gesperrt, und als der Verkehr auf einer Spur wieder freigegeben wurde, beobachtete die Polizei, wie viele Fahrer äußerst langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren, um mit ihren Handys zu filmen. Ganz Ähnliches geschah im Mai 2017 auf der A6 nach einer Unfallserie: Autofahrer stiegen auf der Autobahn aus ihren Autos, schlossen sie ab und gingen zur Unfallstelle, um dort zu filmen. Ihre verschlossenen Wagen versperrten derweil Rettern den Weg.

Oder was ist mit dem jüngeren, gut angezogenen Mann, der mit seinem großen Auto um die Ecke biegt, haarscharf an einer Mutter (eine gute Bekannte von mir) mit ihren zwei Kindern vorbei, die an einem Zebrastreifen bei Grün über die Straße gehen – und der, als die Mutter auf die für sie grüne Ampel zeigt, die Scheibe herunterlässt und sagt: »Halt’s Maul, Schlampe!«

Gewiss, das kann man nicht alles in einen Topf werfen, Menschen mit miserablen Umgangsformen und Rohlinge aller Art hat es schon immer gegeben, wird es auch immer geben.

Aber es ist doch im Moment so, dass fast jeder eine solche Geschichte zu erzählen hat, und das könnten am Ende zu viele Geschichten dieser Art sein, nicht wahr? Und die Frage wäre: Warum brechen sich solche Dinge Bahn in einer so reichen Gesellschaft wie unserer? Würde man solchen Zivilisationsverlust nicht in Zeiten der Not und des Überlebenskampfes erwarten? Was drängt da nach oben, ausgerechnet in unserer Zeit?

Das ist alles erst mal nur so ein Gefühl, mit dem wir uns näher beschäftigen wollen.

Ein Leser schrieb mir, der Verlust des Anstandes beschäftige ihn sehr: »Wenn man heute sagt: ›Das tut man doch nicht!‹, dann kommt die Antwort: ›Wieso, das ist doch legal.‹ Meiner Meinung nach wird es Zeit, diese weichen Werte näher zu beleuchten. Sie sind es, die unser Leben lebenswert machen, nicht die Gesetze.«

Er fügte hinzu, er habe gerade im Radio ein Gespräch mit Georg Stefan Troller gehört, dem Journalisten, Schriftsteller und Dokumentarfilmer, der als Jude 1938 mit knapp siebzehn Jahren aus Wien vor den Nazis fliehen musste. (Heute würde man ihn einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling nennen.) Troller wurde gefragt, wann er den Nationalsozialismus im Alltag zum ersten Mal zu spüren bekommen habe, und er schilderte Szenen wie diese: Gassenjungen hätten ihm, weil er Jude war, die Mütze entrissen und auf einen Baum geworfen, unerreichbar für ihn – immer öfter habe es solche Dinge gegeben. Der Leser schrieb dazu: »So etwas Ähnliches sehen wir heute auch. Zunächst verschwinden die zivilen Konventionen, der Ton wird rauer und unverschämter. Anstand, Moral, Ethik sind sehr weitgehend auf der Strecke geblieben. Dann folgen Taten.«

Man muss nur einmal das im Jahr 2015 eröffnete NS-Dokumentationszentrum in München besuchen, um zu sehen, wie schnell so etwas gehen kann, wie damals, in den Zwanziger- und Dreißigerjahren, plötzlich der Anstand verschwand, ganz normale Bürger der Stadt auf offener Straße attackiert wurden und ihr Leben nicht mehr führen konnten.

Für den, der das für grandios überzeichnet und hysterisch hält, hier einige kurze beunruhigende Nachrichten: Während der Europäischen Makkabiade 2015, der größten jüdischen Sportveranstaltung Europas, sah sich die Jüdische Gemeinde in Berlin veranlasst, den Teilnehmern vom Tragen der Kippa in einigen Berliner Stadtteilen abzuraten, es sei zu gefährlich – ein Umstand, an dem sich bis heute nichts geändert hat. Denn zwei Jahre später las ich in der Süddeutschen Zeitung die Geschichte des jüdischen Schülers Paul, der seine Berliner Schule verlassen musste, weil er dort gemobbt, beschimpft, bedroht und geschlagen worden war – übrigens, dem Artikel zufolge, ohne, dass man ihm von Seiten der Schulleitung und der Lehrer angemessen geholfen hätte. Die Zeitung zählte über diesen einen hinaus eine Reihe Fälle von Gewalt gegen Juden auf (und in allen, auch dem des Schülers Paul, hatten die Täter arabische oder türkische Wurzeln). Oder: In dem Münchner Viertel, in dem ich lebe, wurde im Mai 2017 ein Mann auf offener Straße zusammengeschlagen, weil er schwul ist; auch solche Attacken sind keine Einzelfälle. »Dass man sich Sprüche bis hin zur Androhung von Gewalt gefallen lassen muss«, habe er in letzter Zeit vermehrt festgestellt, sagt Jens Spahn, Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär im Finanzministerium und CDU-Präsidiumsmitglied, der mit seinem Partner in Berlin zusammenlebt. Oder: Im Jahr 2016 gab es in Deutschland fast tausend Anschläge auf Flüchtlingsheime. Oder: Im Frühjahr 2017 stellte die Sport-Bild auf zwei Seiten Beispiele für die zunehmende Verrohung von Fußballfans zusammen, alles Ereignisse aus wenigen Tagen. In Kopenhagen wurde ein Spieler mit toten Ratten beworfen; in Norwegen ein Linienrichter mit Pfefferspray angegriffen; in Saint-Étienne ein Stadion von Hooligans gestürmt, in dem ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden musste (zur Strafe für Ausschreitungen Wochen zuvor); in Frankfurt hing ein riesiges Plakat mit der Aufschrift »Für jedes Stadionverbot … Bulle Tod!«; in Eindhoven und Hamburg wurden Spiele wegen der Zündung von Rauchbomben unterbrochen – und das war bei Weitem nicht alles.

Kaum habe ich das hingeschrieben, lese ich – es ist Juni 2017 – im Spiegel über den veränderten Alltag in Großbritannien: »Ohne dass die britischen Medien groß darüber berichten, werden inzwischen täglich muslimische Mädchen bespuckt, Tüten mit Kotze auf Autos von Muslimen geworfen, Schweinefleisch unter deren Scheibenwischer geklemmt.«

Michelle Obama hat, noch als ihr Mann im Amt war, im Herbst 2016 in einer berühmt gewordenen Rede einmal an die grundlegenden Regeln menschlichen Anstands erinnert, the basic standards of human decency.

Aber wie lauten die denn genau?

Machen wir uns an die Arbeit, beleuchten wir mal »diese weichen Werte« genauer, die mit dem Begriff des Anstands keineswegs selbstverständlich, klar und für alle gleich verständlich gefasst zu sein scheinen.

Fast jedem, den ich nach diesem Wort frage, fällt etwas anderes dazu ein.

Ein Freund, der die Zeugnisse seines Sohnes an einem bayerischen Gymnasium betrachtete, fand darin den Satz: »Er hat sich immer anständig verhalten.« Was das nun wieder solle, fragte er, so ein verstaubtes, muffiges Wort. Es klinge nach den Fünfzigerjahren, nach einem Satz, den er als Kind zu oft gehört habe: »Benimm dich anständig! Setz dich anständig hin!« Es stehe für all das Spießige jener Generation seiner Eltern, die so oft vor allem um keinen Preis auffallen wollte und deshalb über so vieles nicht mehr nachdachte, sondern nur noch an erstarrten Regeln klebte.

Ein anderer erregt sich sofort darüber, dass Uli Hoeneß wieder Präsident des FC Bayern geworden sei, ein Krimineller, der sich nicht schäme, wieder ein solches Amt zu bekleiden. Auf meinen Einwand, er habe doch seine Strafe verbüßt und sei ein Mensch, der sich vielen gegenüber sehr anständig verhalten habe, höre ich: Gut und schön, dennoch hätte er wissen müssen, dass man sich nach einer solchen Tat aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen habe; ein Fußballfunktionär sei ein Vorbild für viele junge Menschen auf den Sportplätzen.

Ein Dritter erzählt von seiner Frau, die, in Gegenwart ihres vierjährigen Kindes, von einem Vater mit unflätigen Beleidigungen überschüttet wurde, als sie ihn im Kindergarten darauf aufmerksam machte, dass sein Sohn ganz offensichtlich an einer ansteckenden Krankheit leide, und ihn höflich fragte, ob es für alle Beteiligten nicht besser wäre, wenn das Kind zu Hause bliebe.

Was ist das denn nun tatsächlich: Anstand?

Oder: Was könnte es sein?

Jeder, der sich näher mit diesem Begriff beschäftigt, erlebt einen Schock: Es war nämlich Heinrich Himmler, der seiner Tochter 1941 ins Poesiealbum schrieb: »Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein und gütig.« Und der in einer seiner beiden Posener Reden im Oktober 1943 über die Vernichtung der europäischen Juden vor nationalsozialistischen Funktionären und SS-Offizieren sagte:

»›Das jüdische Volk wird ausgerottet‹, sagt ein jeder Parteigenosse, ›ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‹ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.«

Was meinte er?

Man versteht das besser, wenn man ein weiteres Zitat aus der Rede ganz liest, auch wenn es schwerfällt, weil es tatsächlich monströs ist.

»Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und zu sonst niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10 000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh und herzlos sein, wo es nicht sein muss; das ist klar. Wir Deutsche, die wir als Einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen, aber es ist ein Verbrechen gegen unser eigenes Blut, uns um sie Sorge zu machen und ihnen Ideale zu bringen, damit unsere Söhne und Enkel es noch schwerer haben mit ihnen.«

Dies gelesen habend, könnte man den Begriff auf der Stelle für in jeder Hinsicht untauglich erklären: Wenn selbst einer der größten Massenmörder der Weltgeschichte sich selbst und seine Kumpane für anständig hält und ihnen den Anstand predigt – was soll man dann noch mit einem solchen Wort? Und tatsächlich haben viele den Anstand zu einer jener Sekundärtugenden erklärt, mit denen man auch ein Konzentrationslager führen könne, haben ihn kontaminiert genannt, vergiftet, untauglich für jede moralische Diskussion. Ein Terminus, der so schwammig und relativ sei, dass selbst die größten Menschheitsverbrecher ihn für sich in Anspruch nehmen könnten: sinnlos.

Das kann man so sehen.

Andererseits: Ich möchte doch darauf aufmerksam machen, dass es immer zu den wesentlichen strategischen Grundsätzen der Feinde von Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit gehörte, sich Begriffe, die nicht ihre waren, zu eigen zu machen, sie einfach umzudrehen, ihnen so ihren eigentlichen Sinn zu nehmen – und ihren Kampf mithilfe dieses Wortraubs erfolgreich zu führen. In George Orwells berühmtem Roman 1984 heißt das Propagandaministerium Ministerium für Wahrheit, die Parolen der herrschenden Partei und ihres Vorsitzenden, des Großen Bruders, lauten Freiheit ist Sklaverei, Krieg ist Frieden, Unwissenheit ist Stärke, und die Folterlager des Systems werden Lustlager genannt. Das heißt: Wörter bekommen einfach neue, gegenteilige Bedeutungen, sodass sie am Ende nichts mehr aussagen. Sie werden für jene, denen diese Wörter eigentlich gehörten, unbenutzbar. Die Gegner des Großen Bruders haben schlicht und einfach keine Sprache mehr.

In China, habe ich mal gelesen, gibt es dafür ein bekanntes Sprichwort. Es lautet »einen Hirsch für ein Pferd ausgeben« und geht auf einen Mann namens Zhao Gao zurück, Obereunuch und Premierminister am Hof des chinesischen Kaisers vor mehr als zweitausend Jahren. Er ließ eines Tages den vor dem Kaiser versammelten Ministern einen Hirsch vorführen: »Eure Majestät!«, sagte er. »Ein Pferd für Euch.« Jene unter den Ministern, die nun darauf beharrten, es handele sich nicht um ein Pferd, sondern um einen Hirsch, aber auch jene, die einfach nur erschrocken schwiegen, wurden hingerichtet. Die anderen hatten sich unterworfen, sie durften bleiben.

So funktionieren Diktaturen noch heute, auch das China unserer Zeit, dessen Präsident die globale Vernetzung preist, während es in seinem Land keinen freien Zugang zum Internet gibt, auch die Türkei Recep Tayyip Erdoğans, in der fast jeder ein Terrorist ist, der gegen ihn auftritt, und ebenso das Denken Donald Trumps, der im Wahlkampf seine Gegnerin Hillary Clinton so lange als Betrügerin verleumdete, bis viele tatsächlich glaubten, irgendetwas werde schon dran sein an seiner Behauptung.

Ich würde also einen Begriff, der mir etwas bedeutet, nicht einfach aufgeben, das wäre vielleicht schon der Beginn der Kapitulation vor jenen, deren Verhalten ich als unanständig empfinde. (Was ich von Autokraten, Diktatoren und Verbrechern halte, geht natürlich über den Begriff unanständig weit hinaus.)

Doch die eingangs aufgeworfene Frage war ja, ob der Verlust des Anstands nicht solchen Leuten den Weg zur Macht ebnet. Ob also die Tatsache, dass jedes Gefühl für Anstand verloren geht, eben auch schlimmstenfalls das sein kann: die erste Stufe auf dem Weg in die Diktatur.

Aber hat übrigens (um darauf noch mal zurückzukommen) dieses Bier, das ich mit meinem Freund trank, eigentlich wirklich mit Anstand zu tun?

Um darauf zu antworten, bräuchten wir jetzt doch mal fürs Erste eine halbwegs tragfähige Definition dessen, was wir unter Anstand verstehen. Oder wenigstens einige weitere Assoziationen zu dem Begriff.

Vielleicht fangen wir so an, hilfsweise, alles Weitere soll sich ja erst noch erweisen: Unter Anstand würde ich einen Sinn für Gerechtigkeit verstehen, auch ein grundsätzliches Gefühl der Solidarität mit anderen Menschen, für Fairness, also für den Gedanken, dass man sich an die Regeln auch dann hält, wenn mal gerade keiner guckt, für Ehrlichkeit also und Offenheit, auch sich selbst gegenüber. Und Aufrichtigkeit: zu handeln und zu reden ohne Hintergedanken. Fähig zu sein, das eigene Reden und Handeln kritisch zu sehen. Und den Willen zu haben, sich an diese Gebote zu halten, so gut es geht.

Dazu eine einfache Geschichte.

Bei der Tour de France 2003 führte die 15. Etappe zu einer Berg-Ankunft in Luz Ardiden, einem Skigebiet in den französischen Pyrenäen. An der Spitze fuhren der Amerikaner Lance Armstrong, der Deutsche Jan Ullrich und der Baske Iban Mayo. In einer Rechtskurve fuhr Armstrong zu nah an das Spalier der Zuschauer, verhakte sich mit dem Bremshebel in der Plastiktüte eines Mannes aus dem Publikum, stürzte und riss Mayo mit.

Ullrich hatte zu diesem Zeitpunkt in der Gesamtwertung nur 15 Sekunden Rückstand auf den führenden Armstrong. Er hätte, wäre er einfach weitergefahren, diesen Rückstand verkürzen, möglicherweise aufholen können.

Aber er blieb stehen.

Er wartete, bis beide Konkurrenten weiterfahren konnten, ja, Armstrong nutzte die Situation daraufhin sogar aus, zog das Tempo an, der irritierte Ullrich konnte nicht mithalten. Armstrong gewann die Etappe und die ganze Tour. Ullrich wurde das Opfer seiner eigenen fairen Geste.

Wie paradox das ist! Später wurden beide Rennfahrer – die größten ihrer Zeit – als Doper entlarvt. Armstrong verlor seine Tour-Siege, sie wurden ihm aberkannt. Beide sind heute, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung einmal schrieb, »zwei Zerschmetterte«. Am Ende ihrer Karrieren mussten sie mit ihrem Ruf, Armstrong auch mit einem guten Teil seines Vermögens für ihre Lügen bezahlen. Und dennoch: In dieser einen ikonischen Geste des Wartens auf den Gestürzten und dem Verzicht darauf, dessen Pech auszunutzen, zeigte sich doch ein tiefes Verständnis dafür, dass der eine den gleichen Kampf wie der andere führt, dass man ihn mit den gleichen Voraussetzungen führen möchte und vor allem: dass es Werte gibt, die über denen des Besserseins, des Sieges, des Erfolges, des Triumphes stehen. Wenn es doch bloß nicht nur hier gewesen wäre!

Es war damals üblich im Radsport, würden nun beide antworten, nehme ich an. Aber darum würde es gerade gehen: dass man auch beim Üblichen nicht mitmacht, wenn es unanständig ist.

Erich Kästner hat in seinem Roman Fabian. Die Geschichte eines Moralisten 1931 einen Mann beschrieben, der in den Zeiten kurz vor der Machtergreifung der Nazis um ein anständiges Leben ringt, ja, seine Zeit damit verbringt, »neugierig zuzusehen, ob die Welt zur Anständigkeit Talent habe«. Er unterwirft sich nicht der Gier nach Geld, Alkohol, Sex, die das Leben dieser Zeit bestimmt; er will nicht, obwohl auch seine über alles geliebte Mutter sich das wünscht, ein nützliches Mitglied einer Gesellschaft werden, »dieser G.m.b.H.«, es geht auch gar nicht, »so marode war er noch nicht«; er verschenkt noch das wenige Geld, das er hat; er verachtet die dümmliche Unterwerfung unter den politischen Zeitgeist; er verlässt die Frau, die er liebt und die ihn liebt, weil sie sich um des Erfolgs als Schauspielerin willen zu einem Filmproduzenten ins Bett legt. Er sucht nach etwas Anderem, und am Ende springt er in den Fluss, um einen kleinen Jungen zu retten, der hineingefallen ist – und ertrinkt, denn er selbst ist Nichtschwimmer. Der kleine Junge aber schwimmt heulend ans Ufer.

Und so sehen wir jetzt schon, dass der Anstand auch eine Sache des Einzelnen ist, dass es um Fragen geht, die jeder sich stellen muss – und auch darum, dass man sich manchmal etwas entgegenstellen muss, sich ihm widersetzen, etwas Ursprünglichem. Dem, was alle tun, was sie automatisch tun, ohne nachzudenken, dem genetischen Funktionieren sozusagen, vielleicht? Beschäftigen wir uns, wenn wir uns mit dem Anstand beschäftigen, nicht mit dem Prozess der Zivilisation?

Ist es dann also – um auf die Frage zurückzukommen – unanständig, wenn ich dem Beispiel des Freundes nicht folge und einfach das Bier trinke, das mir schmeckt, ohne nach seinem Woher zu fragen? (Nein, finde ich nicht.) Wer hat schon Lust und Zeit und überhaupt immer die Möglichkeit, vor jedem Getränk, das er sich bestellt, im Internet nachzusehen, ob das moralisch zu rechtfertigen ist? (Ich nicht.) Und ich kann mich nicht mit jedem Problem in jedem Alpental beschäftigen, letzten Endes kann ich vermutlich die umweltpolitische Lage dort, wo dieses Bier gebraut wird, auch gar nicht wirklich beurteilen, da sind eher die Leute dort selbst zuständig. Genau genommen: Wann war ich da eigentlich zuletzt? (Mindestens fünfzehn Jahre her.) Und müsste ich nicht dann auch vernünftigerweise erst einmal alle anderen mir vom Wirt angebotenen Biermarken daraufhin überprüfen, ob es moralische Tatbestände gibt, die gegen ihren Genuss sprechen? (Ja, mache ich aber eben nicht.)

Ich könnte jetzt hier auch auf der Stelle mit einem Lob der Inkonsequenz und der Schlampigkeit loslegen, ich könnte davon sprechen, dass es niemandem guttut, wenn er das Leben nur nach den Kriterien von Gut und Schlecht betrachtet, wenn er es immerzu und an jeder Stelle durch die große Moral-Lupe betrachtet: Niemandem tut es gut.

Aber dazu kommen wir noch.

Jetzt wollte ich doch nur erst einmal sagen, dass der Versuch, ein anständiges Leben zu führen, schon sehr ins Detail zu führen scheint, wenn man ihn ernst nimmt. Wie wir überhaupt von ein paar komplizierten Dingen reden sollten, wenn wir schon mal bei diesem Thema sind: Wie die Dinge heute in der Welt liegen, haben wir es ja auch mit dem Ansturm des vermeintlich Simplen auf das in Wahrheit Vertrackte zu tun, mit den Attacken der Plattheit auf das Nachdenkliche, und mit dem Feuer der Wut, das alles Schwierige niederbrennen soll.

Und was ich auch meine, wenn ich das Verhalten meines Freundes anständig nenne: Er macht sich Gedanken darüber, was sein eigenes individuelles Verhalten für die Welt bedeutet. Allein dieses Sich-Gedanken-Machen finde ich anständig.

Zurück zu den begrifflichen Assoziationen: Mit dem Anstand werden die meisten von uns erst einmal unwillkürlich allerhand Alltäglichkeiten in Verbindung bringen, simple Benimmregeln, Manieren: Man schlürft seine Suppe nicht, man hält einer Frau die Tür auf – alles Dinge, an denen nichts Falsches sein muss, im Gegenteil, im Gegenteil. Irgendwann wird in diesem Zusammenhang der Name Knigge fallen, und dann ist man vom Wesentlichen weg und endgültig bei Messer, Gabel und Serviette, bei Handschlag, Handkuss und den Handreichungen zum Binden einer Krawatte.

Aber darum geht es hier nicht, und darum ging es schon Adolph, dem Freiherrn von Knigge, nicht bloß, das ist es ja. Der nannte sein Buch, das 1788 in der ersten Auflage erschien (und danach, oft verändert, bearbeitet und geradezu entstellt, immer wieder): Über den Umgang mit Menschen. Genau davon handelte es.

Knigge war es um Menschenbildung zu tun, er schrieb in Zeiten, in denen das Bürgertum dem Adel als neue, gesellschaftlich maßgebende Schicht gegenübertrat. Er wollte »die sittliche Vervollkommnung des Bürgers zum wahrhaft vorbildlichen Menschen befördern helfen«, wie der Germanist Gert Ueding schrieb. »Pflege und Veredlung des Individuums« war sein Ziel. Er schrieb an gegen Steifheit und Grobheit, »Blödigkeit und Schüchternheit«, auch »pöbelhaften Hochmut« reicher Bürger und predigte Bildung, Beredsamkeit, Zwanglosigkeit im Umgang, Lebhaftigkeit im Gespräch, ja, Leichtigkeit, Anmut, Grazie. Knigge war ein zu den Bürgern übergelaufener Adeliger, und indem er geradezu inständig die Freuden familiärer, häuslicher und eben bürgerlicher Glückseligkeit pries, so Ueding, legte er wohl selbst den Grundstein zur späteren Verengung dessen, was er geschrieben hatte, zum reinen banalen Benimmleitfaden.

Aber das war es eben nicht.

»Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen«, schrieb er selbst, »so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind. Das heißt: ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muß dabei zum Grunde liegen.«

Moral und vor allem: Weltklugheit – ist das nicht schön?

Ja, das ist es, und mindestens genauso wichtig ist die Rede von den Pflichten, die wir »allen Arten von Menschen schuldig sind«, womit wir schon beim Kern der Sache wären: einen Anstand, den man glaubt, nur bei bestimmten Menschen wahren zu müssen, gibt es nicht.

Zum Allerwichtigsten seines Buches aber gehört, dass Knigge die Lebensführungsideale eben nicht aus überkommenen Vorschriften bezog, sondern aus der Beobachtung und aus dem Verstehen des Menschen selbst. »Man muß die Gemüthsarten der Menschen studieren, in so fern man im Umgange mit ihnen auf sie wirken will«, schrieb er.

Dieser Mann schaute den Menschen an, wie er war und ist, und wollte das Beste in ihm entwickeln helfen.

Wenn man vom Anstand redet, spricht man also zunächst einmal vor allem von einem gewissen alltagsmoralischen Ideal des Menschen. Und räumt man allen Verständnisschutt beiseite, so sieht man ein Wort, mit dem jeder etwas anfangen kann – und allein das ist vielleicht nicht ganz unwichtig.

»Man kann sich schlecht eine Kultur vorstellen, die auf Anstand verzichtet, aber es ist nicht nötig, dass der Anstand in jeder gleich aussieht«, hat der Germanist Karl-Heinz Göttert in seinem Buch Zeiten und Sitten. Eine Geschichte des Anstands geschrieben. Cicero beispielsweise habe in seiner Definition als entscheidendes Merkmal den Verzicht auf Kränkung genannt. Jeder habe, Cicero zufolge, so Göttert, »den Anspruch darauf, nicht verletzt zu werden. Wie das Recht darüber wache, dass dies nicht mit dem Messer geschehe, so der Anstand, dass man mit Worten darauf verzichte«.

Die Frage ist, ob wir das heute noch so sehen.

Göttert zitiert das Beispiel der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten 2005, durch die sich Muslime gekränkt fühlten, worauf jedenfalls die radikalen unter ihnen blutige Rache schworen. Wohingegen wir die Zeichnungen, um den Preis der Kränkung, als zulässige, der Wahrheitsfindung dienende und keineswegs den Anstand verletzende Meinungsäußerung sehen würden. Kränkung, so Göttert, »erscheint so gesehen als eine kulturabhängige Größe«.

Anstand habe, schreibt er weiter, »letztlich etwas mit der Frage zu tun, wie eine Gesellschaft ihr schlechterdings entscheidendes Problem löst: den Verzicht auf Gewalt«. Es gehe um die Betrachtung eigenen Handelns mit den Augen der anderen, um Mitleid und Kooperation. Aber anders als in den Bereichen des Rechts und der Moral sei der Begriff des Anstands nicht über Zeiten und Gesellschaften zu universalisieren, sondern offensichtlich eher zeitabhängig. Mord ist in allen Gesellschaften zu allen Zeiten verboten, für die Kränkung gilt das so nicht. Denn wenn sie, die Kränkung, als Immunisierungs-Möglichkeit gegen jede Kritik benutzt wird, dann hat sie offensichtlich in einer freien Gesellschaft einen anderen Platz als in der Ciceros; bei uns muss es möglich sein, eine Religion zu kritisieren, auch um den Preis der Kränkung.

Doch das Problem im Fall der Karikaturen war ja wohl eher, dass Leute, die diese Bilder nicht einmal kannten, den Zeichner mit dem Tod bedrohten. Da geht es nicht mehr um die Kränkung, sondern wie man damit umgeht, oder? Dass man also nicht Leute umbringt, die einen gekränkt haben.

Anstand sei eben weder Recht noch Moral, sagt Göttert jedenfalls. Dieser Gedanke könnte uns weiterhelfen: Anstand gleiche »mehr der Mode, die das Problem der (notwendigen) Bekleidung mit immer neuen Ideen löst«. Die Frage wäre dann, was wir in unserer Zeit für wesentlich halten. Welche Ideen wir jetzt dazu haben. Was uns heute dazu einfällt.

Wobei ich hier Zweifel hätte: Mode? Ist das nicht zu beliebig? Es mag sein, dass jede Zeit ihren Anstands-Begriff neu finden muss. Aber gibt es nicht auch vieles, das universal ist, immer gültig und in jeder Form der zivilisierten Gesellschaft unentbehrlich?

Der Philosoph Dieter Thomä hat in einem Aufsatz die Auffassungen Immanuel Kants, des Philosophen, zu diesem Thema untersucht. Kant stand, liest man da, dem Anstand zu Beginn in seinen Vorlesungen in Königsberg offenbar weit kritischer gegenüber als später, er hielt ihn zunächst für bloße Anpassung an oberflächliche Regeln, für platten Konformismus. In der Tat ist das ja ein verbreitetes Verständnis: Man unterwirft sich überkommenen Verhaltensvorschriften, es geht um optischen Schein ohne innere moralische Überzeugung.

Diese Auffassung kennen wir auch heute noch, denn Anstand ist, so gesehen, eine Art sozialer Schmierstoff, der jede beliebige Gesellschaft zum Funktionieren bringt. Es hat Zeiten gegeben, in denen Homosexualität als unanständig galt (es gibt sie heute noch), auch solche, so Thomä, »in denen derjenige als unanständig galt, der ohne Hut über die Straße ging, und derjenige als anständig, der seine Kinder regelmäßig mit Prügelstrafen disziplinierte«. Im extremsten Fall darf sich dann sogar ein SS-Mann für anständig halten, der Juden ermordet, sich aber nicht persönlich an ihrer Habe bereichert hat.

Man sieht: »Vieles von dem, was unter Anstand firmiert, ist gerade darauf angelegt, eine gewisse Unschärfe oder Verschwommenheit zu erzeugen: Von irgendeinem Verhalten heißt es, dass es sich so gehöre.« (Thomä)

Später dann zog Kant als Beispiele für den Anstand solche heran, denen ein eigener moralischer Gehalt innewohnt: Leutseligkeit, Freimütigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit, Gesprächigkeit, »sie alle«, schreibt Thomä, »regulieren nicht nur ein gesetzmäßiges Verhalten, sondern kennzeichnen ein menschenfreundliches Miteinander«. Deckmantel für Unmenschlichkeit aber können sie nicht sein. Er kam damit zu einem anderen Verständnis, bei dem es weniger um Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und um formale Vorschriften geht, sondern um schlichte Menschlichkeit, um »Teilnehmen an dem Schicksal anderer Menschen« (Kant).

Das ist genau der Punkt, den der eingangs zitierte Leser meinte, wenn er von den »weichen Werten« schrieb. Denn heute haben wir, schreibt Thomä, auf der einen Seite eine weitgehend Gesetzen folgende, »durchaus auch moralisch ambitionierte Gesellschaftsordnung«, auf der anderen das Handeln vieler Einzelner, denen es nicht um diese Ordnung, sondern um die maximale Ausnutzung persönlicher Spielräume und die Verteidigung der eigenen Ungebundenheit gehe. Der Zusammenhalt einer modernen Gesellschaft aber stehe und falle genau mit dem, was dazwischen ist, dem »Zwischenreich, in dem Individuen sich mit einander arrangieren, auf einander einlassen und aneinander wachsen«.

Genau das, so könnte man sagen, ist der Bereich, in dem der Anstand waltet, wie wir ihn hier verstehen wollen.

Reden wir aber von Zu- statt Abwendung, von Teilnahme anstelle von Ablehnung, dann geht es natürlich auch um die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. War es Knigge nicht darum zu tun? Und ging es nicht Erich Kästner und auch Hans Fallada exakt darum in den Dreißigerjahren, als die Verbrecher auf dem Weg an die Macht waren? Um ein Basiswissen von dem, was man im Umgang mit anderen tut und was nicht? Ging es nicht um einen ganz persönlichen Ehrbegriff des einzelnen Menschen?

Fallada beschreibt in seinem berühmten Roman Kleiner Mann – was nun? das Leben des Verkäufers Johannes Pinneberg und seiner Frau Emma in den Zeiten der Weimarer Republik, den Jahren von wirtschaftlicher Not und politischem Radikalismus, die schließlich in die Nazizeit mündeten. Herausgefordert vom Schicksal, das für Pinneberg beispielsweise die Entlassung mit sich bringt, finden die beiden die einzige Sicherheit in ihrem Leben im privaten Glück, in ihrer Liebe und in einem Begriff von Anständigkeit, den Fallada für Emma so formuliert: Sie habe »ein paar einfache Begriffe«, nämlich »daß die meisten Menschen nur schlecht sind, weil sie schlecht gemacht werden, daß man niemanden verurteilen soll, weil man nicht weiß, was man selber täte, daß die Großen immer denken, die Kleinen fühlten es nicht so – solche Sachen hat sie in sich, nicht ausgedacht, die sind in ihr«.

An anderer Stelle, in einem anderen Roman (Jeder stirbt für sich allein heißt er) bestärkt der Musiker Reichhardt den Helden des Romans, Otto Quangel, darin, dass es sich lohnt, Widerstand gegen die Nazis zu leisten, »weil wir uns bis zum Tode als anständige Menschen fühlen können«.

So lautet Falladas Bekenntnis zu einer Anständigkeit als einem Wertekanon, auf den er sich in den Zeiten, in denen er lebte, beziehen wollte. »Was wir brauchen und wozu wir kommen werden«, schrieb er 1932, »das ist – über alle Parteien und Ideen weg, eine Front der ›Anständigen‹ im Lande, eine Front der Menschen, die menschlich denken.« Und weil Fallada ein Verehrer Erich Kästners war, formulierte er 1931 anhand von dessen Fabian eine Art Manifest des Anstands:

»Tut, was ihr wollt«, so beginnt es, »wir werden nicht auf die Anständigkeit verzichten. Tut, was ihr könnt, wir werden darum schwarz schwarz und einen Millionär einen Schurken nennen. Jagt, habt Erfolg – wir werden das nur Betrieb und Mißerfolg nennen. Zieht uns hinein in eure Schweinereien – das könnt ihr, aber sterben tun wir doch allein, ganz allein, ohne euch, beispielsweise bei der Rettung eines Kindes; wir Fabian Kästners protestieren, heute, morgen, immer. Es ist die alte Melodie, im Anfang, am Ende, wie in der Mitte. Sie ist der Grundakkord des Menschen Kästner: seid anständig. Laßt euch nicht verführen. Bleibt anständig.«

So klingt das, wenn Menschen sprechen, die mit ihrem Verständnis von Anstand im Leben existenziell gefordert waren, etwas, das die meisten von uns nie erlebt haben und hoffentlich nie erleben werden.

Und es klingt auch so, bei Kästner selbst, in seinem Gedicht Warnung vor Selbstschüssen von 1929:

War Dein Plan nicht: irgendwie

Alle Menschen gut zu machen?

Morgen wirst Du drüber lachen.

Aber, bessern kann man sie.

Ja, die Bösen und Beschränkten

Sind die Meisten und die Stärkern.

Aber spiel nicht den Gekränkten.

Bleib am Leben, sie zu ärgern!

Das war Kästners Credo: sich nicht erschießen, nicht gehen, nicht kneifen, da sein, auch wenn es schwierig wird! Etwas riskieren. Anständig sein.

Sagten wir nicht über Knigge, er wollte das Beste im Menschen entwickeln helfen? Kästner habe, so Fallada, gesagt: Der Mensch ist nicht gut. Aber man kann ihn bessern, »besser, das ist zu schaffen.«

Fabian, seine Romanfigur, sagte: »Ich warte auf den Sieg der Anständigkeit, dann könnte ich mich zur Verfügung stellen. Aber ich warte darauf wie ein Ungläubiger auf Wunder.« Aber hatte er, Fabian, nicht dadurch, dass er nach seinen Prinzipien lebte und starb, dazu beigetragen, dass die Anständigkeit doch ihre Siege errungen hat, leider erst sehr viel später?

Und nun die Frage: Fehlt uns nicht sowohl im täglichen Lebensgewurschtel als auch in der politischen Situation, in der wir uns befinden – in dieser für uns sehr lange nicht da gewesenen Herausforderung durch Populisten und Demokratiefeinde also –, etwas von einem gewissen Pathos, von einer klar formulierten Vision dessen, was und wie wir als Einzelne im Leben mit anderen sein wollen?

Fehlt uns das nicht schon lange?

Wir haben in vieler Hinsicht das Gefühl dafür verloren, was es bedeutet, eine Gesellschaft zu sein, zusammenzugehören, sich auseinanderzusetzen, wir haben so oft kein Ideal mehr davon, was es bedeutet, ein Bürger zu sein, wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von einer Nötigung zu ständiger Selbstdarstellung, von diffusen Ängsten, die wir uns einerseits nicht eingestehen oder andererseits total übertreiben, wir sind hysterisch, wo wir nüchtern sein müssten, und unaufmerksam, wo wir wachsam sein sollten.

»Ist das nicht total übertrieben?«, fragt mein Freund. »Ich kenne so viele hochanständige Leute. Ich kenne etliche, denen das auch zuwider ist, wovon du sprichst. Es gibt in Facebook-Gruppen einen Riesenzulauf für Aktionen gegen Hass im Internet. Und denk mal an die 400 000 Leute, die 1992 in München mit einer Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus auftraten! Und die unglaublich vielen Leute, die ehrenamtlich irgendwo in diesem Sinn arbeiten.«

»Das will ich auch nicht bestreiten. Aber man muss auch sagen, dass sich Dinge verändern, oder? Und es ist ja auch jetzt nur erst mal so ein Gefühl, wie gesagt. Sagen wir: Es geht um ein gewisses Unbehagen, wenn man sich unsere gesellschaftliche Entwicklung ansieht.«

Woher kommt es?

Warum ist es da?

Und wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns ein paar Gedanken machen über die Art, wie wir in der Öffentlichkeit miteinander umgehen? Denn darum soll es hier ja auch gehen, um den Ton, die Lautstärke, die Wortwahl, wenn wir miteinander reden. Um unsere ganze eigene Haltung, wenn wir uns auseinandersetzen.

»Gestern saß ich mit meiner Familie in einem Lokal«, sage ich zu meinem Freund, »das war in der Stadt, es war schon spät. Am Nebentisch saß eine Frau mit einem kleinen Kind, sie bestellte nichts, denn sie wartete anscheinend, und als sie eine Weile gewartet hatte, erschien ein Mann, der wohl ihr Mann und der Vater des Kindes war. Er setzte sich dazu, sie redeten nicht übermäßig viel, studierten die Karte, bestellten, die Frau und das Kind schauten immer wieder den Mann an. Aber er holte zuerst sein Smartphone heraus, dann sein Tablet, suchte darin herum, drückte hier, drückte da, dann baute er beide Geräte vor sich auf, und zwar zwischen sich und Frau und Kind. Ab und zu wechselte er ein paar Worte mit ihnen, aber vorwiegend schaute er in die Geräte.«

»Sieht man öfter, so was«, sagt mein Freund.

»Ja, natürlich«, sage ich. »Und es widerstrebt mir, deshalb nun die übliche Klage zu beginnen, vom Verfall der Kommunikation und der Sitten, weißt du. Ich finde so viel Gutes an diesen Geräten und am Internet, wir haben einen Zugang zum Wissen der Welt, den wir früher nicht kannten. Und ich kann so unkompliziert den Kontakt halten zu meinen Kindern, die weit entfernt leben.«

»Und trotzdem?«, sagt mein Freund.

»Und trotzdem ging von diesem Bild des Mannes und seiner Familie etwas ungeheuer Deprimierendes aus.«

»Vielleicht wartete er auf wichtige Mails und Anrufe aus Übersee?«, sagt mein Freund. »Vielleicht wollte er nicht im Büro hocken, sondern mit seiner Familie zusammensitzen, und nun ermöglichten ihm Handy und Tablet, dass er im Lokal bei ihnen sein konnte.«

»Andererseits war er eben doch nicht bei ihnen«, sage ich.

»Sieht man auch ohne elektronische Geräte immer wieder«, sagt er. »Ehepaare, die stumm voreinander sitzen und mit ihren Gedanken irgendwo sind, nur nicht an dem Tisch, an dem sie sich befinden. Ein Smartphone würde denen vielleicht sogar helfen. Dann würden sie im Internet möglicherweise etwas entdecken, über das sie reden könnten.«

»Vielleicht«, sage ich. »Andererseits sind da immerzu Mütter, die mit ihren Babys spazieren gehen und dabei in ihre Smartphones starren, während die Kinder die Blicke der Mütter suchen. Ich glaube, man muss kein Technikfeind sein, um daran etwas seltsam zu finden. Man sieht so viele junge Leute, die nicht miteinander reden, sondern auf Bildschirme blicken. Man erwischt sich selbst dabei, dass man abends am Familientisch nach seinem Telefon greift und … Nur mal kurz nach einem Fußballergebnis schauen. Und schon ist man weg und woanders und allein.«

»Eben nicht allein, man kommuniziert nur mit jemand, der nicht da ist.«

»Mag sein«, sage ich. »Aber oft sind die Menschen nur zur Hälfte dort, wo sie gerade sind, und zur anderen Hälfte in ganz anderen Sphären. Das Seltsame an den sozialen Medien ist, dass sie nur zu einem Teil sozial sind. Zum anderen Teil sind sie zutiefst asozial. Sie vereinzeln uns und machen uns gemeinsam einsam. Und wenn es hier was zu verstehen gibt, dann Folgendes: Das alles ist sehr widersprüchlich und kompliziert, und eine der wichtigsten Fähigkeiten, die Menschen in unserer Zeit benötigen, scheint zu sein, das Widersprüchliche und Komplizierte zu akzeptieren und auszuhalten.«

»Ja«, sagt mein Freund und sieht mir lächelnd zu, wie ich verstohlen nach meinem gerade aufblinkenden Handy sehe und es dann in die Tasche stecke.

Ich hatte, als ich ein kleiner Junge war, einen Onkel, der arbeitete in einer Fabrik. Oft, wenn wir ihn besuchten oder er uns besuchte, hörte ich ihn schimpfen auf die Oberen in seiner Firma. Er war gelernter Werkzeugmacher und arbeitete in einer Firma für Rechenmaschinen, die schon damals ununterbrochen in Schwierigkeiten war – weshalb genau, das wusste ich als Kind natürlich nicht. Nur schimpfte der Onkel immerzu auf sie, wie er sagte. Sie, das waren die Chefs, die Leute oben, die das Leben der Leute unten bestimmten, Tag für Tag hineinfunkten und Dinge beschlossen, die meinem Onkel nicht gefielen.

Der Onkel war in der Gewerkschaft, was ihm nicht wenig bedeutete. Sonntags, wenn sich die Familie traf, trug er, wie die anderen Onkels auch, einen Anzug mit Weste, und am Anzug die Nadel der IG Metall. Er trug sie stolz, denn er war sehr selbstbewusst, wenn es um das ging, was er jeden Tag tat. Und in der Gewerkschaft zu sein, das hieß: nicht machtlos zu sein. Die Gewerkschaften redeten mit, sie organisierten Streiks, sie waren die Basis der SPD, die in jenen Jahren regierte. Wer also in der Gewerkschaft war, der war zwar ein kleiner Mann, aber nicht ohne jede Macht. Er war nicht allein, er gehörte zu einer großen Organisation, die ihm einen gewissen Stolz gab und den kleinen Männern Respekt in der Welt verschaffte.

Mein Onkel ist tot. Die Firma, in der er arbeitete, gibt es nicht mehr, denn es gibt natürlich auch keine Rechenmaschinen mehr, wie ja auch nicht mehr viele Schreibmaschinen hergestellt werden.

Als ich in den Siebzigerjahren anfing, den Beruf des Journalisten zu lernen, war meine erste Anschaffung eine mechanische Schreibmaschine. In der Redaktion später in den Achtzigern standen dann schon elektrische Geräte. Es gab Berufe wie den des Schriftsetzers, Männer fast immer, die unsere Artikel an riesigen Maschinen in Blei gossen, es gab Menschen (ich habe vergessen, wie ihr Beruf hieß), die aus den Fotos, die in der Redaktion eintrafen, metallene Platten herstellten, die dann zu Druckvorlagen weiterverarbeitet werden konnten, es gab Metteure, die aus Bleizeilen und Fotoplatten große schwere Metallseiten bauten, es gab Stenografen, die am Telefon die Diktate unserer Artikel entgegennahmen, wenn wir unterwegs waren, es gab Frauen an Fernschreibern, die andere Artikel verschickten. Viele dieser Berufe waren sehr sehr alt. Viele SPD-Politiker waren (und sind) gelernte Schriftsetzer, Paul Löbe und Philipp Scheidemann vor dem Krieg, Björn Engholm und Rudolf Dreßler danach.

Praktisch alle diese Berufe gibt es nicht mehr. Die Digitalisierung hat sie überflüssig gemacht, an ihre Stelle sind Computer getreten. Wir haben eine der großen technischen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte erlebt, und diese Revolution hat unser Leben umgewälzt und tut es noch. Ihr Tempo nimmt in noch vor nicht langer Zeit einfach nicht vorstellbarer Weise zu. Wer zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts Schriftsetzer wurde, der konnte zu Recht davon ausgehen, dass es diesen Beruf sein ganzes Leben lang geben würde. Von welchem Beruf könnte man das heute überhaupt noch sagen?

Wir leben in einer Zeit der permanenten Ungewissheit, und das in jeder Beziehung. Jeder muss heute damit rechnen, seinen Beruf im Leben mehrmals wechseln, verändern, anpassen zu müssen. Zu arbeiten bedeutet heute eigentlich überhaupt, permanent zu lernen. Das Leben jedes Einzelnen ist von Grund auf verändert worden, wir wissen heute nicht einmal, ob wir in zehn Jahren noch selbst Auto fahren werden und wie dieses Auto dann aussehen wird. Ihre Lebenspartner lernen viele von uns heute im Internet kennen. Das Bargeld steht in manchen Ländern kurz vor der Abschaffung. In den Fabriken arbeiten mehr Roboter als Menschen.

Und das ist ja alles noch im Gange.

Was wird, nur mal so als Frage, eines nicht mehr fernen Tages aus den Hunderttausenden von Fernfahrern, wenn die Lkws keine Fahrer mehr benötigen, weil sie alleine fahren, computergesteuert, in Kolonnen von Automatenlastwagen?

Vielleicht ist alles, was wir erlebt haben, immer noch erst ein Beginn? Bisher war die Globalisierung nur eine der Herstellungsprozesse: Waren, die früher bei uns hergestellt wurden, hat man plötzlich in anderen Ländern billiger produziert und zu uns transportiert. Schon bald aber werden, dank neuer Kabel-Techniken, ungeheure, heute noch fast unvorstellbare Datenmengen um die Welt transportiert werden können. Das heißt, plötzlich werden nicht mehr nur Produktionsprozesse von der Globalisierung betroffen sein, sondern auch Dienstleistungsberufe, Anwälte oder Ärzte zum Beispiel.

Was wird dann aus dem Stolz der Menschen auf das, was sie tun? Was aus dem Respekt für das, was sie sind? Was würde mein Onkel heute tun?

Vieles davon geschieht nicht, weil wir es so beschlossen hätten, sondern es passiert wie ein Naturereignis, vorangetrieben allerdings oft von anonymen, gesichtslosen Konzernen wie Amazon, Google, Facebook. Es ist über uns hereingebrochen, es bricht immer noch über uns herein, und es wird noch lange über uns hereinbrechen. Im Grunde schauen wir ohnmächtig zu und versuchen, mitzuhalten, so gut es eben geht.

Man kann das großartig finden, und viele von uns tun das auch. Es gibt solche Unmengen neuer Möglichkeiten. So viele alte Zäune, Mauern, Grenzen fallen weg.

Anscheinend leben wir also gerade in Zeiten, die wie gemacht sind für jene, die Veränderung, Offenheit, Ungewissheit schätzen. Aber es gibt nicht nur diese menschliche Sehnsucht nach Freiheit und Aufbruch, es gibt auch ein sehr grundlegendes Bedürfnis nach Verlässlichkeit, Planbarkeit und nach überschaubaren Lebensverhältnissen, nach Sicherheit. Und es ist wohlfeil zu tun, was viele tun: auf jene herabzublicken, bei denen dieser Wunsch ausgeprägter ist als bei anderen, oder die in einer ganz anderen Weise von diesem reißenden Wandel betroffen sind. Und die, anders als mein Onkel das hatte, nicht mehr unbedingt eine Gewerkschaft an ihrer Seite haben, die ihnen hilft. Sondern die sich plötzlich mit der Frage auseinandersetzen müssen, warum sie einfach nicht mehr benötigt werden, ja, warum es für das, was sie tun oder eben nicht mehr tun können, nicht einmal mehr ein wenig Respekt gibt.

»Warum schreibst du das Buch, an dem du gerade arbeitest?«, fragt mein Freund. »Willst du etwas erklären? Wem willst du etwas erklären?«

»Ich möchte mir selbst etwas erklären«, sage ich.

»Und was?«

»Ich würde gerne verstehen, warum die Art, wie wir miteinander umgehen, uns heute immer wieder so entgleitet, warum wir uns so feindselig gegenüberstehen, warum so vieles, das wir als gesichert ansahen, heute auf einmal so unsicher ist. Übrigens lese ich gerade Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Harari, einem Geschichtsprofessor in Jerusalem. Er schreibt, dass wir unsere Natur und Psyche nur verstehen könnten, wenn wir erst mal verstünden, dass unsere Vorfahren über Hunderttausende von Jahren Jäger und Sammler gewesen seien – und dass dies die Zeit sei, die uns bis heute prägt. Die zehn Jahrtausende danach als Bauern und Hirten und die zwei Jahrhunderte als Arbeiter und Angestellte seien nur ein Wimpernschlag verglichen mit dieser langen Ära, die unsere Instinkte bestimmte und in der wir unbewusst bis heute leben.«

»Also sind wir immer noch Steinzeitmenschen?«

»Jedenfalls sind unsere Gehirne so programmiert, und unsere Probleme ergeben sich aus der Konfrontation dieser Programmierung mit der Entfremdung in riesigen Städten, mit Flugzeugen, Telefonen, Computern. Ein Wildbeuter vor 30 000 Jahren war genötigt, sich mit den Früchten eines Baums mit reifen Feigen zügig den Magen vollzuschlagen, bis eine Pavianhorde um die Ecke bog und ihn verscheuchte, um selbst zu fressen. Wir fürchten immer noch die Paviane, die gleich da sein könnten, um uns alles wegzunehmen.«

»Fressen Paviane Feigen?«

»Scheint so. Wenn sie welche kriegen.«

»Aber hier geht es doch nicht um Ernährung.«

»Nein. Das war auch nur ein Beispiel für lang anhaltende Prägung. Aber es war eben auch so, dass die sozialen Instinkte der Frühmenschen auf kleine Gruppen ausgelegt waren – und damit auch unsere. Bis heute liegt die magische Obergrenze unserer Organisationsfähigkeit bei 150 Menschen, mit mehr Leuten können wir keine engen Beziehungen pflegen. Ab dieser Zahl brauchen wir Gesetze, Rangabzeichen, Titel.« »Mir scheint«, sagt mein Freund, »dass Menschen immer wieder versuchen, diese kleinen Gruppen herzustellen. Sie finden ihre Identität und Sicherheit auch darin, dass sie andere ausschließen.«

»So ist es wohl. Aber gleichzeitig sind wir eben zu sehr starken sozialen Beziehungen in der Lage, mussten es sein. Wenn ein Mensch zur Welt kommt, ist er hilflos, das gibt es bei kaum einer anderen Tierart in dieser Form – eigentlich eine Frühgeburt, vergleichsweise. Um diese Kinder aufzuziehen, braucht er andere Menschen, das kann er nicht alleine. Eine Mutter mit einem kleinen Kind kann nicht genug Nahrung finden und sich verteidigen. Also hat die Evolution die bevorzugt, die sich besonders gut mit anderen zusammenschließen konnten.«

»Schreibt Harari?«

»Genau. Übrigens steht bei ihm auch, der Durchschnittsmensch dieser Zeit habe oft monatelang keinen Fremden getroffen. Er sah nur Leute, die er kannte, im Laufe seines Lebens ein paar hundert andere. Und jeder Fremde war, potenziell, eine Gefahr.«

»Dann wäre Fremdenfeindlichkeit genetisch bedingt?«

»Bedingt vielleicht, auch erklärlich. Aber heute haben wir ja nun mal auch andere Informationen, die so einen Impuls kontrollieren, genau darum geht es doch hier.«

»Welche Informationen sind das?«

»Was weiß ich, Zeitungen, das Fernsehen, das Internet. Wir haben unseren Verstand. Und wir haben so etwas wie den Anstand.«

Am 13. Februar 2017 war ich in Dresden, 72 Jahre nach dem Beginn der Bombenangriffe, mit denen die Dresdener Innenstadt innerhalb weniger Tage fast komplett zerstört wurde. Auch diesmal gedachten Tausende von Bürgern dessen mit einer Menschenkette. Eine Woche zuvor war unter dem Titel Monument eine Installation des Künstlers Manaf Halbouni, Sohn einer Dresdnerin und eines Syrers, eröffnet worden, die hier für etwa zwei Monate stehen sollte: Auf dem Neumarkt ragten drei ausrangierte Omnibusse hochkant vor der Frauenkirche auf, eine Assoziation zu einem entsprechenden, vorher als Symbol für die humanitäre Katastrophe des syrischen Bürgerkrieges um die ganze Welt gegangenen Bild: In Aleppo waren drei Linienbus-Wracks ebenso aufgebaut gewesen – als Deckung vor Scharfschützen. Halbouni wollte die Installation als Erinnerung an den Frieden verstanden wissen, »in dem wir Dresdner leben«. Aber der Dresdner Oberbürgermeister Hilbert wurde von einer kleinen lautstarken Menge rücksichtslos ausgepfiffen, und so wurde Halbounis Werk auch eine Erinnerung an den Unfrieden, in dem Dresden lebt.

Ein paar Tage danach habe ich eine Stunde damit verbracht, mir die Facebook-Kommentare dazu auf Halbounis Seite anzusehen, darunter diese Äußerungen, die Menschen aller Art dem Künstler und anderen in der Gemeinschaft anwesenden Zeitgenossen an die Köpfe warfen:

– Toll gemacht du nichtsnutz. Du bist ein vollidiot und ein rücksichtsloses stücke scheisse.

– du erbärmlicher Vollidiot

– Terroristenhelfer – Bastard – krankes Hirn – Volksverräter – Kleines Würstchen

– Nur ein Wort habe ich für Sie übrig, ich spucke es aus vor Ihnen: #remigration.

– Mit so was wie dir ärger ich mich Rum scheiß leben dir du Birne

– Scheiß Moslems – Speichellecker – Schandobjekt

– Räume die Scheiße weg Du Möchtegern Künstler. Dresden bleibt sauber.

– Weg mit dem DRECK – Oberpappnase – Bescheuertes Pack – Nur Scheiße im Kopf – Ekelerregend – Erbsenhirn

– Hier ist Deutschland und nicht Idiotenhausen.

– Geht heulen – Geht sterben!

– Rechtsradikale Gesäßvioline – Faschistische Gesäßvioline – Rechter Idiot – Brauner Herrenkasper – Hirnlose Schwachmaten – Vollpfosten

– Linke Arschlöcher – Pädophile – Teddybärwerfer

Frechheit was man sich hier in unserem Land erlaubt. Ohne das Volk zu fragen. Frechheit.

Man könnte lange so weitermachen, aber nach einer Stunde war ich erledigt, es war einfach nicht mehr zu ertragen: Wie sich die Leute hier in kurzen oder auch etwas längeren Mitteilungen anschrien, wie niemand auch nur im Geringsten an der Meinung des anderen interessiert war, wie es hier nicht auch nur das kleinste bisschen Austausch gab.

Nur pure Wut.

Andererseits: Wen überrascht das noch? Wen kümmert es ernsthaft?

Man hat sich längst daran gewöhnt, in Dresden sowieso. Kaum eine Stadt in Deutschland dürfte so gespalten sein in die einen und die anderen und dann noch die Dritten, die einfach sprachlos sind. Und natürlich: ratlos, weil man einfach nicht weiß, was zu tun wäre.

»Es kümmert viele«, sagt mein Freund. »Das ist es doch: Es kümmert viele, es bekümmert viele. Sie wissen nur nicht, was man tun soll.«

»Das stimmt«, sage ich. »Man sieht machtlos und entgeistert und wütend zu. Das stimmt.«

Seit einigen Jahren habe ich eine eigene Facebook-Seite, eine gute Möglichkeit für einen Autor, mit seinen Lesern in Kontakt zu treten. Ich kann auf neue Bücher hinweisen und auf Lesungstermine, auf die aktuellste meiner Kolumnen, kann mich mit Leserpost beschäftigen, alles gut und schön.

Manchmal kommentieren dort Menschen das, was ich geschrieben habe. Einmal zum Beispiel meldete sich ein Herr, der einen Namen trug, der mir bekannt vorkam, allerdings nicht, weil ich jemanden dieses Namens persönlich zu kennen glaubte, sondern aus den Geschichtsbüchern: Er hatte sich nach einem Politiker und Feldherrn aus dem achten Jahrhundert benannt, der durch einen Sieg über die Araber berühmt geworden war und später zum Retter des christlichen Abendlandes stilisiert wurde.

Wir stritten uns ein wenig über eine Kolumne, die ich geschrieben hatte, aber bald hörte ich auf zu antworten, einfach, weil ich keine Lust hatte und habe, mit Leuten zu diskutieren, die sich hinter einem Pseudonym verbergen, warum auch immer. Ich finde, wer andere Leute kritisiert, sie attackiert, wer sich an der politischen Debatte eines Landes beteiligt, der hat bei uns keinen Grund, seinen Namen oder sein Gesicht zu verbergen. (Absurder ist nur noch, wenn Leute im Schutze solcher Anonymität ein Burka-Verbot fordern, aber das nur nebenbei.)

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9783956142178
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