Kitabı oxu: «Geschichten eines Geistreisenden»
Geschichten eines Geistreisenden
oder
Neues aus Joaquins Bar
© 2015 Axel Kruse
© 2016 Begedia Verlag
Umschlaggestaltung: Harald Giersche
Lektorat und ebook-Bearbeitung: Harald Giersche
ISBN: 978-3-95777-074-5 (epub)
Für meine Mutter,
bleib so, wie Du bist!
Vorwort
Axel Kruse hat unlängst in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegen genommen. Sie wissen das nicht, haben noch nie davon gehört? Dann befinden wir uns anscheinend nicht in derselben Zeitebene. Macht ja nichts! Vielleicht begegnen wir uns irgendwo in einer anderen Dimension, Parallelwelt oder dergleichen. Darauf muss man bei Axel Kruse immer gefasst sein. Mit seinem Roman »Neues aus Joaquins Bar« erweist er sich einmal mehr als Meister der Zeitreisen und Zeitsprünge. Wie in seinem preisgekrönten Werk »Seitwärts in die Zeit« wird man auch in seinem neuen Buch in eine ganz eigene Welt entführt. Nach einem bodenständigen Anfang durchdringt zunehmend Science Fiction den Handlungsablauf. Dabei werden seine Protagonisten immer wieder mit ungewöhnlichen, ja skurrilen Situationen konfrontiert. Rätselhaft entfaltet sich die Handlung und es werden jede Menge Fragen aufgeworfen auf die es keine plausiblen Antworten zu geben scheint. Die Story nimmt ungewöhnliche Wendungen, was für eine Vielzahl von Spannungselementen sorgt. Und dazwischen immer wieder die Bar mit Joaquins abstrusen Verschwörungstheorien.
Im Plot verstecken sich autobiographische Erlebnisse des Autors. Ob Daten, Orte des Geschehens, Personen oder Handlungsweisen, es schimmert an vielen Stellen latent etwas Axel Kruse durch die Zeilen. Dabei lernt man unausweichlich die Gegend um Essen und Kettwig näher kennen. Aber man erahnt auch dessen Schulalltag bei dem die meisten der Leser sich sicherlich an ihre eigene Schulzeit erinnern werden – Stichwort Hausaufgaben.
Darüber hinaus werden aber auch essentielle Fragen unserer Zeit behandelt, wobei der Autor zu den Themen Pazifismus, Nationalsozialismus, Antifaschismus, Ökologie und auch zum aktuellen Problem der Situation von Flüchtlingen Stellung bezieht.
Alles in allem bietet »Neues aus Joaquins Bar« ein unterhaltsames und zum Nachdenken anregendes Lesevergnügen, welches den Horizont erweitert und die Gedanken auf eine Reise ins Unbekannte schickt.
Dr. Sven Edmund Reiter, Güstrow
Wiedersehen
Alle zwei Jahre findet bei uns in Essen-Kettwig an unserer alten Schule, dem Theodor-Heuss-Gymnasium, am ersten Samstag im September ein Ehemaligentreffen statt. Es ist regelmäßig schlecht besucht, will meinen, aus meinem Jahrgang, der seinerzeit sicherlich so an die hundert Leute zählte, sind nur fünf bis zehn anwesend. Schlechte Quote also, trotzdem versuche ich immer dabei zu sein. Warum? Ich weiß es selber nicht so genau, einen wirklich engen Kontakt zu meinen Mitschülern hatte ich weder damals noch heute, aber irgendwie zieht es mich doch hin.
So auch dieses Mal. Die Anzahl der anwesenden damaligen Mitstreiter war auch dieses Jahr überschaubar, aber ich hatte Glück, ein alter Kumpel, den ich bereits seit mehr als zwanzig Jahren aus den Augen verloren hatte, hatte den Weg nach Kettwig gefunden. Wir setzten uns etwas abseits und klönten rum, später dann, als der amtierende Direktor gegen zweiundzwanzig Uhr einfach das Licht ausschaltete, um die Gäste hinauszukomplimentieren und die Schule endlich abschließen zu können, schlug ich vor, den Abend in Joaquins Bar ausklingen zu lassen.
»Joaquins Bar?«, fragte er irritiert. »Kenne ich gar nicht, ist die neu in Kettwig?«
Ich kam mir grandios in der Rolle des allwissenden Gastgebers vor. »Nein, nicht neu, aber ein Insidertipp, du wirst erstaunt sein.« So folgte er meiner Führung. Unser Weg führte uns von unserer alten Schule durch Kettwigs wunderschöne Altstadt in Richtung des Marktplatzes und der Kirche, die wir zur Hälfte umrundeten und uns noch einen Blick vom Aussichtspunkt über den Kettwiger Stausee gönnten, bevor wir die Kirchtreppe hinabstiegen und dann ... aber das wissen Sie ja, mehr darf ich nicht verraten, Joaquin liebt Diskretion und handverlesene Gäste.
Obwohl Joaquin ja recht konservativ in seinen Werten ist, hat er eine Neuerung eingeführt. Die Tür zum Gastraum hat jetzt einen automatischen Schließmechanismus. Allerdings ist dies kein gewöhnlicher, sondern ein althergebrachter. Er besteht aus einem etwa schädelgroßen Stein, und einem simplen Seilsystem, das über Rollen an der Tür zur Wand geführt wird. Sobald jemand die Tür öffnet, wird der Stein nach oben gezogen und sobald die Tür losgelassen wird, zieht die Schwerkraft den Stein wieder nach unten und die Tür wird geschlossen. An sich nichts Ungewöhnliches, in alten Zeiten muss so ein Mechanismus weit verbreitet gewesen sein. Neu war hier jedoch, dass der Stein, wie bereits erwähnt etwa schädelgroß, in grün angestrichen war. Er war außerdem mit Augen versehen worden. Sah man nicht so genau hin, dann glich er verblüffend dem Kopf eines dieser Rosswell-Aliens, Sie wissen schon, was ich meine.
Der Gastraum war vollkommen leer. Thomas, mein Freund, blickte sich um und sah mich an. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Ich reagierte sofort. »Wir sind etwas früh, hier geht es erst zu später Stunde richtig los, warte es ab.«
Er nickte. Noch schien ich in seinen Augen vertrauenswürdig zu sein. Wir setzten uns an die Bar, warteten ein wenig und schon stürzte Joaquin herein. Er hatte sich hinten im Lagerraum aufgehalten. Als er mich erblickte, hellten sich seine Gesichtszüge sofort auf. Er brauchte nicht lange, dann standen zwei Bier vor uns auf dem Tresen.
»Du hast einen neuen Türschließer«, wagte ich anzumerken. Neutral genug, so dass er sich nicht beleidigt fühlen konnte.
Er nickte eifrig. »Ja, kolossale Erwerbung meinerseits, nicht wahr? So wissen sie immer, wo sie einkehren können!«
Irritiert blickte Thomas ihn an. »Wer?«, fragte er und gab Joaquin damit sein Stichwort.
»Na, die Aliens natürlich. Ist schon schwer für sie, hier bei uns eine adäquate Kneipe zu finden.« Mit diesen Worten eilte er hinfort, um gerade neu angekommene Gäste zu begrüßen.
Thomas sah mich völlig perplex an, der Abend versprach interessant zu werden.
»Nun erzähl mal, wie es dir so ergangen ist«, fragte ich ihn, hatte doch fast ausschließlich ich bislang unsere Unterhaltung bestritten, er hatte noch so gut wie gar nichts erzählt.
Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas, sah noch einmal hinein und sagte dann: »Willst du das wirklich wissen?« Theatralisch, ja, ich weiß, aber genauso hat es sich zugetragen.
Ich nickte. »Was hast du denn nach der Schulzeit gemacht? Ich meine, nachdem wir uns aus den Augen verloren hatten. Dass du direkt im Anschluss Maschinenbau studiert hast, weiß ich ja noch.« Irgendwie hatten damals alle, na ja, recht viele aus meinem Bekanntenkreis, Maschinenbau studiert. Ging mir vollkommen ab, aber solche Menschen muss es ja auch geben.
»Bist du schon einmal gestorben?«, fragte er mich unvermittelt.
Völlig verblüfft ob dieser Frage, verschluckte ich mich an meinem Bier und hustete erst einmal meine Kehle wieder frei. »Natürlich nicht«, antwortete ich dann. Was wollte er mir erzählen?
Die erste Wiederholung
»Ich schon«, erwiderte er und nahm noch einen tiefen Schluck aus seinem Glas, bevor er begann:
Es war an einem Septembertag, ein Montag. Ich hatte den ganzen Tag über im Büro bereits so einen Druck auf der Brust, schrieb es dem Wetter zu. Habe ich auch meinem Kollegen gesagt, der schaute mich nur kurz an und meinte dann, dass das Wetter doch genauso sei wie immer, keine Schwüle, eher kühl. Ich dachte noch bei mir: Der kriegt mal wieder gar nichts mit, aber weit gefehlt.
Auf der Fahrt nach Hause wurde es schlimmer, als ich dann endlich mein Zuhause erreichte, war es kaum noch zum Aushalten. Ich legte mich kurz auf die Couch im Wohnzimmer, das brachte aber auch keine Linderung. Weder meine Frau noch eines meiner Kinder war anwesend, so überlegte ich alleine, was denn zu tun sei. Zum Arzt fahren? Die Praxis war um diese Uhrzeit bereits geschlossen. Zur Notaufnahme ins Krankenhaus? Den Notarzt anrufen? Zuerst ging ich einmal zur Toilette, da mir übel wurde, äußerst übel. Dort angelangt musste ich mich übergeben und zwar so stark, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Dann kam der Schmerz! Der Schmerz, der in der Brust begann und sich übergangslos in beide Arme fortsetzte. Ich brach vor der Toilette zusammen, der Schmerz wurde immer schlimmer, ich verlor das Bewusstsein.
Irgendwann wachte ich dann wieder auf. Mein Vater strich mir mit seiner Hand über den Kopf. »Thomas, es ist Zeit zum Aufstehen«, sagte er und betrieb damit das uralte Ritual, unser Ritual, als ich noch bei meinen Eltern wohnte.
Ich blinzelte, vom Flur fiel etwas Licht ins Kinderzimmer auf mein Gesicht. »Weck deinen kleinen Bruder nicht auf«, ermahnte mich mein Vater. »Er muss erst später aufstehen.«
Ich verstand nichts mehr, was war geschehen? Egal, das würde ich später ergründen, jetzt verspürte ich erst einmal ein dringendes Bedürfnis meine Notdurft zu verrichten. Ich sprang aus dem oberen Bett des Doppelstockbettes heraus, logischerweise, wie fast immer früher, landete ich auf einem der meinem Bruder gehörenden Legosteine, die flächendeckend auf dem Fußboden verteilt waren. Der Schmerz überzeugte mich davon, dass ich nicht träumte.
Ich schlich mich in den Flur, der grün gestrichen war, nicht weiß, wie er sich noch vor einer Woche dargestellt hatte, als ich meine Eltern besuchte. Nein, grün! Dieses merkwürdige, kräftige grün! Siebziger Jahre, die des vorigen Jahrhunderts, wie man heute so zu sagen pflegte. Das war in den Siebziger Jahren so gewesen. Damals hatten meine Eltern den Flur in diesem grün gestrichen, die Badezimmer waren in hellblau und in hellgrün gefliest, vom Boden bis zur Decke, rundum, wie im Schwimmbad.
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und strich mit der Hand die Wand im Flur entlang. Ja, Raufaser, grün gestrichen, nicht der weiße Rauputz von letzter Woche. Ich ging ins Gäste-WC, das Bad wurde morgens immer von meinem Vater benutzt. Auf der Toilette sitzend, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Was lief hier ab? Ich war doch gerade fünfzig Jahre alt geworden, schoss es mir durch den Kopf. Das hier konnte doch nicht real sein. Der Legostein fiel mir wieder ein und dann der Schmerz in meinem Fuß, gut der hatte nachgelassen ..., dann erinnerte ich mich an die Schmerzen in meiner Brust. Ich schob meine rechte Hand unter den Schlafanzug, legte sie auf mein Herz und hörte in mich hinein, nein, da war nichts, absolut nichts, alles schien völlig in Ordnung.
»Thomas, bist du da drin?«, schallte es durch die Tür. »Mach mal, ich muss auch!« Die Stimme meiner Schwester rief mich in die Realität oder zumindest in das, was ich zurzeit dafür hielt, zurück.
»Ja, einen kleinen Moment noch«, antwortete ich und beeilte mich, fertig zu werden.
Eine Viertelstunde später saß ich am Frühstückstisch und sah meine Mutter und meinen Vater vor mir. So jung! Ich konnte es nicht fassen. »Soll ich euch mitnehmen?«, fragte mein Vater meine Schwester und mich. »Oder nehmt ihr das Fahrrad?«
»Fahrrad«, würgte ich hervor. Ich war doch immer mit dem Rad gefahren, zumindest ab einem gewissen Alter. Meine Schwester zog es noch vor, von meinem Vater mit dem Auto mitgenommen zu werden. Gut so, ich brauchte Ruhe und die Einsamkeit des Radfahrens, um überlegen zu können.
»Hast du deine Tasche gepackt?«, fragte meine Mutter.
Ich wusste es nicht. Oft genug hatte ich damals meine Sachen erst morgens zusammengesucht, manchmal auch am Abend vorher. Ich zuckte mit den Achseln und eilte in mein Zimmer. Mein kleiner Bruder war mittlerweile ebenfalls aufgestanden und hatte sich ins Bad begeben, sodass ich Licht machen konnte.
Meine Tasche stand auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch. Auf dem Tisch lagen keine Utensilien herum, die Tasche sah gepackt aus, also ergriff ich sie, nahm meinen Schlüsselbund vom Haken, den ich an meinen Schrank in meinem Zimmer angebracht hatte, zog meine Schuhe an, ergriff meine Jacke und wandte mich zur Tür. Kam jetzt der unsägliche Moment? Er kam!
Meine Mutter stürzte aus der Küche, umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Mach´s gut, Thomas«, sagte sie und ich flüchtete schnell zur Tür hinaus.
Mein Rad stand wie immer draußen im Nieselregen vor der Tür im Fahrradständer. Ich blickte zurück, ja, so hatte das Haus damals in den Siebzigern ausgesehen, als es noch nicht mit Schiefer verkleidet worden war. Sieben Stockwerke hoch, fünf Eingänge, L-förmig gebaut. Ein Wohnblock, an den sich zwei weitere, ähnlich gestaltete Blöcke anschlossen, die um einen großzügigen Innenhof herum angesiedelt worden waren. Vor wenigen Jahren waren hier noch eine Kuhweide und Felder gewesen, jetzt stand hier eine Hochhaussiedlung. – Ich hatte diesen Hof geliebt, hier hatte ich gespielt, es war eine Unmenge an Kindern vorhanden, es war eine schöne Zeit, aber, verdammt noch mal, ich gehörte nicht hierher, nicht hier und jetzt!
Ich war fünfzig Jahre alt, hatte selbst Kinder, war verheiratet und ... hatte vermutlich gerade einen Herzinfarkt erlitten. Erneut tastete ich mit meiner Hand meinen Brustkorb ab, nein, da war nichts.
Was sollte ich tun? Ich schritt zu meinem Rad, öffnete das Schloss, wischte den Sattel ab, sodass meine Hose nicht allzu nass werden würde. Warum hatte ich das Rad damals eigentlich nicht regelmäßig in den Fahrradkeller gebracht? Sicherlich, der war im Keller, ich musste eine Treppe runter, aber da stand es trocken, würde nicht rosten ... Der Lenker würde nicht während der Fahrt brechen, fiel mir ein. Ich rüttelte daran, nein, das würde heute nicht geschehen, dazu bedurfte es vermutlich noch einiger Jahre, die das Rad draußen stehen würde.
Ich schnallte meine Tasche auf dem Gepäckträger fest, saß auf und fuhr los. Es war schön, einfach genial. Diese Strecke hatte ich geliebt. Die Rheinstraße ein Stück entlang, dann links abbiegen und den Hohlweg hinunter, da bekam man richtig Fahrt, später war es dann auf dem Rückweg beschwerlich, da musste ich sicherlich die Hälfte des Berges schieben, aber runter, das war einfach genial.
Die Ampel an der Graf-Zeppelin-Straße war grün, ich konnte ohne anzuhalten die Straße überfahren. Nun lag links der Friedhof, meine Großmutter kam mir in den Sinn, sollte ich anhalten und ... Ich schalt mich einen Idioten, jetzt und hier? Sie musste noch leben, ich würde sie besuchen können, ein Aspekt, der mir an dieser Situation sehr gefiel. Aber jetzt war die Schule mein Ziel. Kurze Zeit später langte ich dort an und stellte mein Rad auf dem Fahrradhof rechts vor der Schule ab. Ich war früh genug, um noch einen Platz unter der Überdachung zu ergattern, noch standen nicht viele Räder hier. Fuhren heutzutage eigentlich immer noch so viele Schüler täglich mit dem Rad zur Schule? Meine Kinder taten es nicht und deren Freunde ebenfalls nicht. Damals, heute, ich brachte die Zeiten durcheinander, hier und jetzt würde sicherlich der komplette Hof mit Rädern vollgestellt sein. Wie viele Räder passten hier hin? Zweihundert? Dreihundert? Schwer zu schätzen. Die Schule hatte damals annähernd eintausend Schüler, wie mir einfiel, die Quote war sicherlich nicht schlecht.
Der Raucherhof, direkt vor dem Eingang gelegen, kam mir wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten vor, aber hier standen die Oberstufenschüler und rauchten tatsächlich. Ich ging durch die Gruppen hindurch, da gehörte ich noch nicht zu, das war mir klar, sie waren allesamt wesentlich größer als ich, wo waren meine Mitschüler? Wo musste ich hin? Zwischen siebter und neunter Klasse war sicherlich alles möglich. Wohin also? Ich sah mich um.
Da gingen ein paar meiner Mitschüler, also hinterher. Sie gingen ins Treppenhaus, dort die Treppe runter in den Keller, demnach waren wir in der siebten oder achten Klasse, damals waren wir im Souterrain untergebracht, da zu viele Parallelklassen existierten, die normalen Klassenräume reichten nicht aus, geburtenstarke Jahrgänge halt.
»Hast du Englisch?«, wurde ich gefragt, als ich vor dem Klassenraum ankam.
Ich zuckte die Achseln, ich hatte keine Ahnung, welches Fach jetzt dran war.
»Das musst du doch wissen, ob du die Hausaufgaben gemacht hast«, fuhr mich Stefan an.
»Ach so«, antwortete ich und mir lief es siedend heiß den Rücken herunter, die gleiche körperliche Reaktion, wie ich sie von früher her kannte. Hausaufgaben, die waren doch dazu da, dass man sie kurz vor der Schule oder in den Pausen zwischen den Stunden von den anderen abschrieb. Nur in Ausnahmefällen machte ich sie damals selbst. Demnach stand zu erwarten, dass ich sie nicht hatte, ich riss meine Tasche auf, wühlte darin herum und brachte doch tatsächlich das Englischheft zum Vorschein. Ich blätterte darin herum, bis zur letzten beschriebenen Seite und zeigte diese meinem Mitschüler.
Der wandte sich genervt ab. »War doch irgendwie klar, dass du es nicht hast«, maulte er und fragte schon andere Mitschüler.
Ich sah auf meine Uhr, noch gut fünf Minuten bis zum Unterrichtsbeginn, konnte ich es noch schaffen, die Hausaufgaben abzuschreiben? Stefan hatte eine Mitschülerin davon überzeugen können, dass es lebensnotwendig war, dass sie ihm ihr Heft lieh, also los, hinterher. Wir schrieben beide so schnell und so viel ab, wie wir konnten, bis zum Klingelton und etwas darüber hinaus. Wir hatten knapp die Hälfte des Textes geschafft, als Sabine uns ihr Heft wieder abnahm, Frau Matthay hatte das Klassenzimmer betreten.
Alle Mitschüler holten nunmehr ihre Hefte heraus und legten sie aufgeschlagen auf die Tische. Frau Matthay ging herum, kontrollierte oberflächig die Texte. Vor meinem Tisch blieb sie stehen, schaute kritisch auf das Heft. War ja klar, auch mir, wenn ich denn Lehrer gewesen wäre, wäre aufgefallen, dass der Text zu kurz war. »Morgen nochmal«, war ihr Kommentar dazu. Auch Stefan hatte Pech, wie noch drei weitere Mitschüler. Die Stunde verlief quälend langsam. Ich bekam mit, dass Stefan unter dem Tisch irgendwelche anderen Hausaufgaben abschrieb. Welche wohl? Es lief mir erneut siedend heiß den Rücken herunter, sollte es dieser Tag sein? Dieser Tag, sechs Einzelstunden, mit sechs vorzulegenden Hausaufgaben, von denen ich nicht eine gemacht hatte! Es war dieser Horrortag, der schlimmste in der ganzen Schulzeit. Danach hatte ich es seinerzeit kapiert und die Hausaufgaben ernster genommen. Maximal drei Aufgaben pro Tag, vorzugsweise die der später liegenden Stunden, konnte ich schaffen in den Pausen abzuschreiben, aber nicht sechs. Drei musste ich selber erledigen, das hatte ich dann später beherzigt, aber heute ..., heute war eben dieser schreckliche Tag!
Englisch, danach Mathe, dann Erdkunde, Geschichte, Französisch (der Horror schlechthin bei Herrn Huch) und dann noch Physik. Ich versuchte alles zu schaffen, manche Lehrer sahen nicht so genau hin, bei vieren fiel ich auf, Pech gehabt, wie damals. Sabine fragte mich nach zwei Pausen entnervt, ob ich denn überhaupt nichts gemacht hätte. Ich zuckte mit den Achseln, was sollte ich auch antworten? Irgendwie ging dann dieser Schultag doch vorüber.
Der allgemeine Schüleraufbruch nach der sechsten Unterrichtsstunde war phänomenal für mich. Dass es so katastrophal war, war mir in meiner Erinnerung nie so vorgekommen. Vor allem der Start der fahrradfahrenden Schüler war bemerkenswert. Dutzende Räder steuerten gleichzeitig das Nadelöhr, auch Tor genannt, an, durch das man hindurch musste, um vom Fahrradhof über den Gehweg die Straße zu erreichen. Den Gehweg, der nunmehr von den übrigen Schülern auf ihrem Weg nach Hause genutzt wurde und das alles ohne Kollisionen, ohne Schutzhelme. – Die Diktatur der Fürsorge hatte, zumindest was die Fahrradfahrer anging, noch nicht eingesetzt, die Helmpflicht kam erst Jahre später. Damals machten wir uns noch lustig über die blödsinnige Vorschrift, dass jetzt Mofafahrer einen Integralhelm zu tragen hatten, ließen wir die doch mit unseren Rädern quasi auf der Straße stehen.
Das Gros der Schüler, die mit dem Fahrrad unterwegs waren, wandte sich nach rechts, korrekt der Einbahnstraße folgend. Ich fuhr entgegen der Fahrtrichtung nach links und erreichte nach nicht einmal einhundert Metern dann wieder Rechtssicherheit, da dort die Straße in beide Fahrtrichtungen befahren werden durfte. Für mich war es notwendig diesen Weg zu nehmen, da er mich an der Bude an der Corneliusstraße vorbeiführte. Wie ich in der Schule mitbekommen hatte, war heute Donnerstag und donnerstags erschien immer das neue Zack-Heft. In meiner Hosentasche hatte ich die dafür notwendigen 1,50 DM gefunden, ich musste sie mir wohl am gestrigen Abend zu eben diesem Zweck eingesteckt haben. In die Comicabenteuer vertieft, radelte ich einhändig weiter, wieder am Friedhof an der Brederbachstraße vorbei und entschied mich dann, das Rad den kompletten Berg nach oben zu schieben, um dabei weiter schmökern zu können. Die Comics kannte ich zwar alle noch fast auswendig, hatte ich sie mir doch später in meinem Erwachsenenleben erneut in Luxusausgaben zugelegt, aber es war ein besonderes Gefühl, die Erstausgabe im deutschsprachigen Raum quasi druckfrisch in den Händen zu halten.
Irgendwann langte ich dann zu Hause an, stand vor der Tür und traute mich nicht hinein. Wie sollte ich mich verhalten? Das etwa vierzehnjährige Kind spielen? Der Comic war ja gut und schön gewesen, aber jetzt war ich in der Realität angekommen. Ich entschied mich dazu, erst einmal gute Miene zum bösen Spiel zu machen und versuchte den Nachmittag so zu verbringen, wie ich ihn damals verbracht haben könnte, sogar an die Hausaufgaben wagte ich mich heran. Dröges Zeug, überspitzt dargestellt: Warum sollte ich seitenweise 1+1 rechnen, wenn ich kapiert hatte, wie es ging? – Nun, ich hatte es ja nicht kapiert, aber diese Hausaufgaben brachten mich diesbezüglich auch nicht weiter.
Ich sah mir mein Bücherregal an, fast ausschließlich Karl May, den konnte ich jetzt wirklich nicht mehr lesen. Aber da, da waren ein paar Bücher von B. Traven, mein Vater hatte sie mir seinerzeit überlassen, die hatte ich seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen, ich vertiefte mich in die Rebellion der Gehenkten und der Nachmittag verging wie im Fluge.
Nach dem Abendessen verschwand ich zügig im Bett, las das Buch zu Ende und schaltete das Licht aus. Ich lag noch lange wach und dachte an den morgigen Tag. Würde ich wieder hier aufwachen oder würde ich in meine Zeit zurückkehren? – Irgendwann schlief ich ein.
Mein Vater strich mir sanft über den Kopf. »Du musst aufstehen, mein Sohn«, sagte er dabei. »Die Schule wartet.« Der Lichtschein aus dem Flur fiel mir ins Gesicht.
Ich kletterte aus dem Bett, diesmal vorsichtiger, wegen der Legosteine, begab mich ins Bad und führte das morgendliche Ritual aus. Wie sollte ich den Tag verbringen? So tun, als ob alles normal wäre, so wie gestern? Ich dachte an meine Familie, meine Frau, meine Kinder. Wo waren sie? Warum war ich hier? Wie war ich hierhergekommen? – Die Maschinerie des Alltags brachte mich zum Funktionieren.
Eine Idee schoss mir durch den Kopf, die Stadtbücherei. Ich war doch damals immer in die Stadtbücherei gegangen, hatte mir dort Bücher ausgeliehen. Hatte ich den dazu notwendigen Ausweis bereits oder musste ich ihn erst beantragen? Wo pflegte ich denn damals das Teil hinzulegen? Ich wusste es nicht mehr. Im Portemonnaie war er nicht, auf dem Bücherregal ebenfalls Fehlanzeige.
Die Stimme meiner Mutter riss mich aus meinen Gedanken. »Thomas, beeil dich, du musst los, du kommst sonst zu spät«, rief sie aus der Küche.
Ich antwortete nicht, der Ausweis war jetzt wichtiger. – Da, unter einem Stapel Papier lugte er hervor, glücklich ergriff ich ihn und steckte ihn ein. Jetzt konnte erst einmal nichts mehr schiefgehen, in der Stadtbücherei in Kettwig hatten sie ein zwar beschränktes, aber dann doch anständiges Sortiment an guten Büchern. Etwas genervt, ich konnte es kaum abwarten, brachte ich die Schule hinter mich und fuhr dann, selbstredend entgegen sämtlicher Einbahnstraßenregelungen, durch die Kettwiger Altstadt zur Stadtbücherei.
Zielstrebig betrat ich die Räumlichkeiten, sie sahen noch genauso aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Da, vor Kopf, dieses Regal, dort standen sie, die Bücher, die mich interessierten. Mit dem Finger fuhr ich die Buchrücken ab, sofort breitete sich ein Gefühl der Enttäuschung in mir aus, aber was hatte ich denn erwartet? Die hier stehenden Werke kannte ich alle bereits, wie sollte es auch anders sein? Damals hatte ich sie doch über Jahre hinweg ausgeliehen und gelesen und mir später dann auch noch gekauft, als ich über eigenes Geld verfügte. Ich konnte den Inhalt der meisten Werke fast rezitieren!
Ich fing noch einmal im obersten Regalfach an, da stand eine Reihe mit Titeln von Asimov, geniale Bücher in ihrer Zeit, für mich mittlerweile etwas altbacken. Einige russische Autoren schlossen sich an, auch die hatte ich damals gelesen, von der ersten bis zur letzten Seite, kein Wort ausgelassen, trotz der offensichtlichen Ideologie, die hier transportiert wurde, aber mir ging es um die Idee, die hinter den Werken stand und die war oft genug trotzdem genial.
Weiter. Da kam Clarke, Heinlein und da ... Simak! Ich griff zu. Wie oft hatte ich den gelesen, sämtliche seiner Bücher, oft, mehrmals. Vor allem seine Kurzgeschichten, einfach genial, der Mann. Ich blätterte herum, ja, da war sie! Der große Vorgarten, die Geschichte, die mich so sehr beeindruckt hatte. Vier Bücher von Simak wanderten in meinen Korb. – Wie viele Bücher durfte ich mir gleichzeitig ausleihen? Egal, ich nahm mir noch zwei Werke von Heinlein, ebenfalls Kurzgeschichten, da war er in meinen Augen stark und bückte mich zu den unteren Regalreihen. Ringwelt, nein, das musste ich nicht noch einmal lesen, war zwar nicht so schlecht gewesen hatte aber Längen und dann diese endlosen Fortsetzungen, Niven hatte bestimmt gut daran verdient. Ich fuhr mit dem Finger weiter ..., dann stutzte ich. Niven? Das Buch musste falsch einsortiert sein, es stand nicht unter N, auch nicht unter L, wie Larry Niven. Ich ging zurück. Da stand nur der Titel auf dem Buchrücken, kein Autorenname. Wahrscheinlich deshalb unter R abgelegt, dachte ich und zog das gebundene Buch heraus. Mir wurde schwindlig, ich musste mich auf den Boden setzen, da prangte ein anderer Name ganz groß auf dem Cover: Randolph Zoran. – Wer zum Teufel war Randolph Zoran? Ich schlug das Buch auf, suchte im Impressum. Copyright 1953! Originaltitel Ringworld! – Das konnte nicht sein, das war doch unmöglich. Das Buch hatte Larry Niven geschrieben, in den Siebzigern, das wusste ich ganz genau!
Ich legte das Buch in meinen Korb und zog weitere Bücher, die neben diesem gestanden hatten heraus. Alle gaben sie Randolph Zoran als Verfasser an. Und die Titel? Ich kannte sie alle! Der Wüstenplanet, die Flusswelt der Zeit, Gateway, Ender, Planet der Habenichtse – das alles sollte dieser Zoran geschrieben haben? Ich schlug die Seiten mit dem Impressum nach und nach auf. Die Werke stammten allesamt aus den vierziger und fünfziger Jahren. Auch das war falsch, sie waren in der realen Welt, in meiner Welt, erst wesentlich später verfasst worden.
Ich legte sie alle in meinen Korb, stellte dafür die Werke von Heinlein und Simak zurück, ich musste dem hier erst einmal auf den Grund gehen. Das Wochenende verbrachte ich damit, sie alle zu lesen. Meine Eltern mussten akzeptieren, dass ich nicht mit zu den Großeltern fuhr, das hier war wichtiger!
Sie waren gut, sie waren besser als die Originale, die ich kannte. Dieser Zoran hatte einen besseren Stil. Er hatte die Längen, die die Originale durchaus hatten, gestrafft, einige neue Ideen eingebracht und einfach phantastisch geschrieben. Der Liste am Ende der Bücher entnahm ich, welche Werke er noch geschrieben hatte. Allesamt bekannte Bücher, Bestseller in meiner Zeit. Er hatte jedoch nicht den Fehler begangen, sie mit den endlosen Fortsetzungen zu beglücken, nein er hatte immer nur das jeweilige Hauptwerk neu geschrieben. Bände sprach für mich der Herr der Ringe, als phantastisches Fantasywerk mit 300 Seiten angepriesen. Der Mann schien wirklich mit Verstand an die Nacherzählung herangegangen zu sein!
Ich ließ das Buch in meiner Hand sinken. Mir war mittlerweile klar geworden, was hier geschehen war. Dieser Randolph Zoran musste ein ähnliches Schicksal wie ich erlitten haben, er hatte jedoch etwas daraus gemacht. Mit seinem Wissen und seiner schriftstellerischen Begabung, hatte er sicherlich viel Geld verdient, führte jetzt bestimmt ein sorgenfreies Leben. Konnte ich das auch? Ich überlegte, wie ich mein Vorauswissen über die Entwicklung der Welt einsetzen könnte. – Die Lottozahlen der kommenden Woche wusste ich nicht, so weit, so gut ...
1977, was wusste ich noch über diese Zeit? Herzlich wenig, wie ich mir eingestehen musste. Nachschlagen konnte ich auch nirgendwo. Wer war denn aktuell in Deutschland an der Regierung? Brandt? Oder war es schon Schmidt? Egal, das ließ sich herausfinden. Auf jeden Fall wusste ich, dass 1982 Kohl die Ära der SPD geführten Kabinette ablösen würde. Ließ sich damit etwas machen? Was war mit den Terroranschlägen der RAF, die fielen doch auch in diese Zeit. Konnte ich da Honig saugen, die Behörden irgendwie informieren? Tschernobyl, das war sicherlich etwas, das verhinderungswürdig war, fiel mir ein. – Aber wie sollte ich das bewerkstelligen? Ein vierzehnjähriger Junge mit überbordender Fantasie, mit der literarischen Vorliebe für Science Fiction, der die offiziellen Stellen Jahre vorher von einer Katastrophe in einem Kernkraftwerk im Ostblock unterrichtete?
Nein, ich benötigte Unterstützung, das war klar, aber welche? Wen hatte ich denn in meinem eigentlichen Leben kennengelernt, den ich jetzt aktivieren könnte? Ich hatte in den 1980ern in der Verwaltung eines Konzerns gearbeitet, der in Duisburg im Innenhafen saß. Da könnte ich versuchen anzusetzen. Mein damaliger Chef, Peter Wilhelm Groß, den würde ich kontaktieren!
Und was sollte ich ihm sagen? Hallo, hier ist ihr zukünftiger Debitorenbuchhalter, ich weiß, Sie kennen mich noch nicht, aber ich kann Ihnen wichtige Daten der Zukunft verraten? – So ging das nicht. Ich brauchte zwei Wochen, bis ich mir eine Strategie zurechtgelegt hatte.
Von Kettwig aus war es eine Himmelfahrt. Ich brauchte Stunden, bis ich in Duisburg im Innenhafen anlangte. Die Schule hatte ich an diesem Montag geschwänzt, nun stand ich vor dem etwas heruntergekommenen Bürogebäude und näherte mich dem Pförtner. Ihn kannte ich noch von früher, ein freundlicher, alter Mann, der bald nachdem ich hier angefangen hatte, in Rente gegangen war. Er sah mich erstaunt an, es geschah sicherlich nicht oft, dass ein Jugendlicher hier auftauchte.
»Zu Herrn Groß willst du?«, fragte er erstaunt. »Ich glaube nicht, dass er Zeit für dich haben wird«, nahm der Pförtner mein Anliegen entgegen.
»Oder zu seiner Chefsekretärin, Frau Schmidt«, fügte ich an. Die musste damals schon hier gewesen sein. »Oder von mir aus auch zu Herrn Bürger, dem Chef der Buchhaltung«, entfuhr es mir, der hatte mich damals eingewiesen, war auch schon lange Jahre hier angestellt gewesen, bevor ich hier angefangen hatte.
»Du willst ja hoch hinaus, kennen dich die denn alle?«, fragte er erstaunt.
Ich war versucht zu nicken, aber das stimmte ja noch nicht, sie würden mich erst kennenlernen, in gut zehn Jahren! »Bitte lassen Sie mich hinein, ja?«, sagte ich. »Es ist wichtig!« Ich schien ihn überzeugt zu haben, allein dadurch, dass ich die Namen diverser Entscheidungsträger des Unternehmens kannte.
»Guten Morgen, Herr Börner«, hörte ich hinter mir eine wohlbekannte Stimme.
Ich drehte mich um. »Lisa«, sagte ich. Die Frau, die hinter mir stand und nun durch die Eingangstür wollte, sah mich erstaunt an.
»Kennen wir uns?«, fragte sie.
Sie sah gut aus. Lisa Brenner, sie war drei Jahre älter als ich und hatte hier eine kaufmännische Ausbildung absolviert, bevor sie dann auf Dauer in die Buchhaltungsabteilung übergewechselt war. Lange, dunkle Haare, schmales Gesicht, ungefähr 1,60 Meter groß, weiße Bluse, roter Minirock, weiße Stiefel. So hatte ich sie nicht in Erinnerung, aber sie gefiel mir auf Anhieb.
»Noch nicht«, entgegnete ich und wurde rot. Platte Anmache.
Sie lachte und maß mich von oben bis unten. Irgendwie war klar, dass ich ihr etwas zu jung vorkommen musste. »Woher kennst du meinen Namen?«, fasste sie nach.
»Er will zum Chef«, sagte der Pförtner. »Ersatzweise auch zu Frau Schmidt oder Herrn Bürger. Nehmen Sie ihn mit hoch, Fräulein Brenner?«
Sie nickte. »In Ordnung, komm mit«, sagte sie in meine Richtung gewandt. »Ich will aber wissen, woher du mich kennst!« Wir stiegen zusammen die Treppen empor.
Viele Treppen, vier Geschosse, bis ins oberste Geschoss, hier war die Chefetage, gleichzeitig war hier auch die Buchhaltung untergebracht. »Wen bringen Sie uns denn da, Fräulein Brenner?«, fragte Frau Schmidt, als wir oben angelangt waren.
»Keine Ahnung, Frau Schmidt«, entgegnete Lisa. »Er will zum Chef.«
»Zum Chef?«, fragte die Chefsekretärin irritiert nach.
Ich nickte. »Es hört sich für Sie sicherlich etwas merkwürdig an, aber ich kenne ihn, Sie und auch noch so einige andere Menschen, die hier arbeiten. Ich möchte Ihnen etwas über die nahe Zukunft berichten.«
Die Chefsekretärin sah mich von oben herab über ihren Brillenrand an. Sie wusste nicht so recht, wie sie mit mir umgehen sollte. In ihren Augen musste ich einen durchaus gepflegten Eindruck machen, ich hatte mich in meine besten Klamotten gesteckt. Mein Anliegen war trotzdem äußerst ungewöhnlich.
»Sie trinken morgens immer eine ganze Kanne Kaffee, vorher sind Sie äußerst unleidlich, da geht man Ihnen am besten aus dem Weg«, sagte ich forsch. »Herr Bürger kommt regelmäßig immer eine Viertelstunde zu spät ins Büro, als Chefbuchhalter kann er sich das leisten und der Chef hat in seinem Schreibtisch eine Flasche Cognac versteckt, unten rechts in der Schublade.« Mein Wissen lag von hier aus gesehen zehn Jahre in der Zukunft, ich vertraute darauf, dass die Gewohnheiten bereits jetzt vorlagen.
Lisa und Frau Schmidt starrten mich entgeistert an.
»Hat der Chef sich bereits das Bein gebrochen?«, fragte ich unvermittelt weiter. »Er erzählt die Geschichte immer und immer wieder. Er ist im Treppenhaus ausgerutscht und eine ganze Treppe hinuntergestürzt, ich bin mir nicht sicher, wann das war, aber es muss in den späten Siebzigern gewesen sein.«
»Junger Mann, was ist das für ein Unsinn?«, fuhr mich die Chefsekretärin an. »Fräulein Brenner, bringen Sie ihn hinaus«, wies sie Lisa an.
Ich hatte überzogen, mein Plan war hin. Ich griff in meine Hosentasche, holte ein Blatt Papier heraus. »Hier, meine Adresse und Telefonnummer, ich habe alles darauf notiert. Außerdem noch ein paar Ereignisse, die bald eintreten müssten.« Ich blickte verzweifelt zu Frau Schmidt hinüber. »Mogadischu, die Entführung der Landshut ...«, ich sah in ihren Augen, dass sie mir nicht mehr folgen wollte. Auch meinen Zettel nahm sie nicht entgegen. Ich ließ mich von Lisa hinausführen.
Schweigend gingen wir die Treppen wieder nach unten. Auf dem vorletzten Treppenabsatz hielt sie mich am Arm fest und sah mir in die Augen. »Woher kennst du mich?«, fragte sie. »Was soll das Ganze?«
»Schwer zu erklären«, entgegnete ich. »Dazu brauchen wir mehr Zeit.« Ich ergriff die Chance und hielt ihr mein Blatt Papier hin. »Wenn du willst, ruf mich an, wir treffen uns dann und ich erklär dir alles.« Sie nahm den Zettel wortlos entgegen und komplimentierte mich hinaus.
Zurück nach Hause benötigte ich ebenfalls wieder Stunden, ich kam zumindest einigermaßen rechtzeitig zu Hause an, sodass meine Mutter davon ausgehen konnte, dass ich in der Schule gewesen sein musste. Eine Entschuldigung zu fälschen fiel mir nicht schwer, darin hatte ich mehr als genug Übung.
Es dauerte lange, ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, aber im Oktober 1977, genauer gesagt, am 14. Oktober läutete bei uns das Telefon. Meine Mutter nahm ab und rief mich dann. »Eine Lisa für dich«, ihre Stimmlage drückte Neugier aus, es war das erste Mal, dass mich ein Mädchen anrief.
Ich verfluchte die Technik der Siebziger. Unser Telefon stand im Flur, direkt neben der Wohnungseingangstür. Zentral zu erreichen, jeder, der sich in Küche oder Wohnzimmer befand, hörte das komplette Gespräch mit, da das Kabel, mit dem das Gerät mit der Wandbuchse verbunden war, nur etwa einen Meter lang war und sich somit nicht mitnehmen ließ.
»Ja«, sagte ich nur.
»Thomas?«, fragte Lisas Stimme.
»Ja«, erwiderte ich erneut.
»Woher wusstest du das? Woher kennst du mich? Muss ich jetzt zur Polizei gehen?« Sie klang aufgeregt, sehr aufgeregt. An die Möglichkeit, dass ich in Schwierigkeiten, in erhebliche Schwierigkeiten kommen könnte, hatte ich nicht gedacht.
»Können wir uns treffen?«, fragte ich sie. Stille am anderen Ende der Leitung war die Folge meiner Frage. Ich fasste noch einmal nach. »Soll ich nach Duisburg kommen?«
»Nein«, entgegnete sie. »Ich komme zu dir. Ich habe meinen Führerschein gemacht, habe ein kleines Auto. Ich komme nach Kettwig. Da gibt es doch sicher irgendwo ein Café?«
Wir verabredeten uns für den kommenden Samstag in der Kettwiger Altstadt. Meine Eltern mussten erneut damit klarkommen, dass ich nicht mit zu den Großeltern gehen konnte, das hier war einfach wichtiger, was mein Großvater sicherlich nicht verstehen, geschweige denn akzeptieren würde, aber das war mir egal. Ich konnte mir regelrecht vorstellen, wie er toben würde, weil ich es wagte, nicht zu erscheinen.
Sie sah phantastisch aus. Das lange, dunkle Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, saß sie mir im Café gegenüber. Ich hatte nur Augen für diese Frau. Es musste schon ein wenig seltsam für die anderen Gäste anmuten, für ein Paar waren wir beide doch noch zu unterschiedlich. Ich mochte vielleicht als ihr kleiner Bruder durchgehen, mehr aber auch nicht.
Wir hatten uns vor dem Café getroffen und saßen nun inmitten älterer Damen an einem Fensterplatz. Vor mir stand eine Tasse Tee, sie hatte sich Kaffee und ein Stück Obstboden bestellt. »Ich habe nicht viel Geld«, stotterte ich. »Mein Taschengeld reicht gerade mal dafür«, ich wies auf den Tee.
Sie grinste. »Wir befinden uns in den Siebzigern, da geht es durchaus modern zu«, erwiderte sie. »Ich lade dich ein.«
Wenn du wüsstest, dachte ich im Stillen und nickte dankbar. An dieser desolaten Situation mit dem Geld musste ich schleunigst etwas ändern.
»Also, raus mit der Sprache«, sagte sie dann unvermittelt. »Woher kennst du mich? Woher wusstest du das mit der Flugzeugentführung? Beim Sturz des Chefs kannst du ja deine Finger nicht im Spiel gehabt haben. – Das ist übrigens das einzige, das mich davon abhält zur Polizei zu gehen«, fügte sie noch an.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück, schloss kurz die Augen und überlegte, ob ich ihr wirklich die Wahrheit erzählen sollte. Was konnte mir denn schon passieren?, überlegte ich. Im Extremfall stand sie einfach auf und ging. Selbst wenn sie zur Polizei gehen würde, was hätte sie denn in der Hand? Einen Zettel, auf dem ich notiert hatte: 1977 Mogadischu, Entführung des Flugzeuges. – Nun, das war seit gestern weltbekannt, also, was hatte ich zu verlieren? – Ich erzählte ihr alles.
Sie stand nicht auf und ging nicht, vielmehr blieb sie lange sitzen und dachte nach. »Starker Tobak, den du mir da auftischst«, sagte sie dann nach einer Weile. »Aber ..., in Ordnung. Was machen wir jetzt daraus?«
Ich war mir selber nicht sicher. Das Problem mit dem Vorauswissen war, dass ich zwar vieles wusste, aber eben nicht, wie man damit zu Geld kommen konnte. Außerdem war mein Wissen, was konkrete Daten anging, doch recht beschränkt. Was mochte es im Jahr 1977 bringen, zu wissen, dass sich die FDP 1982 von der SPD abwenden und so Helmut Kohl Kanzler werden würde? Das war so ein Datum der relativ nahen Zukunft, das sich mir eingeprägt hatte. Das war die erste Bundestagswahl gewesen, zu der ich meine Stimme abgegeben hatte. – Aber ..., ließ sich daraus etwas machen?
Wir beschlossen, dass ich weiter zur Schule gehen sollte. Wir trafen uns dann regelmäßig am Wochenende, wobei Lisa mich ausfragte. Alle möglichen Details kamen zu Tage. Bill Gates mit Microsoft, fiel mir beispielsweise ein. Konnte man sich nicht an den Zug dranhängen? Mir schwebte vor, Lisas Chef dazu zu bewegen, ein größeres Investment zu tätigen. Microsoft würde sich bestimmt gut dazu eignen, aber wie kam man an Gates ran? Und vor allem, wie weit war er denn 1977 bereits gewesen? Brauchte er denn zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch einen Partner aus good old Germany? – Irgendwie passte das alles nicht. Und die Lottozahlen der kommenden Woche fielen mir partout nicht ein!
Die Schule ging etwas besser als seinerzeit. Ich konnte mich tatsächlich überwinden, etwas mitzumachen. Ja, mir gelang auf dem Zeugnis sogar ein Dreierschnitt. Vor allem aber machte es mir Spaß, mich für all die kleinen Gehässigkeiten zu rächen, die mir einzelne Mitschüler angetan hatten. Vor allem dieser Lars, ein schmächtiger Junge aus einer der Parallelklassen. Den hatte ich gehasst, allerdings erst Jahre später. 1978 hatte ich noch überhaupt keine Berührungspunkte mit ihm. Erst in der Oberstufe hatten wir dann Kurse zusammen und da war er mir gegenüber mehr als arrogant und ziemlich ekelhaft aufgetreten. – Der arme Kerl, ich hatte wirklich fast so etwas wie Mitleid mit ihm, wusste überhaupt nicht, was ihm geschah, als ich ihm auf dem Nachhauseweg auflauerte, seine Schultasche wegriss und über die Friedhofsmauer warf. Er wagte nicht einmal, sich zu wehren, ich war körperlich größer und hatte genug Selbstvertrauen, um ihm einen gehörigen Schrecken einzujagen.
Friedhofsmauer? Ich blieb überrascht stehen. Jetzt war ich bereits monatelang hier meinem Schulweg gefolgt und erst jetzt fiel mir auf, dass der Friedhof entlang der Brederbachstraße von einer rund drei Meter hohen Backsteinmauer eingefasst war. In meiner Erinnerung war das anders gewesen. Schmiedeeiserne Gitter, ja, daran erinnerte ich mich genau! Hier war so einiges anders, als in meiner Erinnerung, nicht nur, dass die Werke bekannter Autoren von diesem Randolph Zoran geschrieben worden waren. Es gab auch diese anderen, kleinen Änderungen im Detail. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Die einzige logische Erklärung war, dass es andere wie mich geben musste, die sich an ihr früheres Leben erinnerten. Sollte ich versuchen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen? Zusammen könnten wir bestimmt mehr erreichen, als als einzelne Individuen. Aber, was zum Teufel, hatte denn dann diese Mauer zu sagen? Das ergab doch keinen Sinn. Welche Art von Vorauswissen würde denn dazu führen, hier eine Backsteinmauer anstatt der schmiedeeisernen Gitter anzubringen? – Ich gab es auf, darüber nachzudenken.
Die Jahre zogen ins Land, ich sah Lisa tatsächlich nach wie vor an jedem Wochenende. Meine Eltern hatten sich bereits daran gewöhnt. Irgendwann, ich war mittlerweile zwanzig Jahre alt, hatte meine Schule abgeschlossen und eine Lehre bei Peter Wilhelm Groß begonnen, zogen wir dann zusammen. Etwas wirklich elementares, mit dem wir Geld hätten machen können, fiel mir nicht ein. Unseren Chef hatten wir ebenfalls nicht dazu bewegen können, mit irgendeiner Information etwas anzufangen. Er war zwar sehr erstaunt, ob meiner Vorhersage hinsichtlich der deutschen Einheit, glaubte aber nicht im Mindesten daran, bis sie dann plötzlich da war.
Wir verlebten eine glückliche Zeit, einmal, ich war ungefähr dreißig Jahre alt, hatten Lisa und ich einen heftigen Streit. Wir waren unterwegs, verbrachten einen schönen Sommertag in Kettwig an der Ruhr, als ich mitten in der Menschenmenge eine Frau anstarrte, die uns, einen Kinderwagen schiebend, am Ruhrufer entgegen kam. – Meine Frau! In Begleitung eines Mannes und zweier anderer Kinder, die fröhlich vergnügt neben dem Kinderwagen herliefen. Ich starrte minutenlang auf diese Szene, drehte mich sogar um, als die kleine Gruppe an uns vorbeigegangen war. Der Mann drehte sich auch um und sah mich irritiert an, ging dann aber wortlos weiter.
Lisa war sauer, mehr als sauer. »Peinlich war das, und unverschämt! Liebst du sie immer noch? Das ist doch jetzt lange genug her!«, geiferte sie. »Geh doch zu ihr, dann wirst du sehen, was du davon hast!«, schrie sie mich eifersüchtig an. Irgendwie überstand unsere Beziehung diesen Streit, auch wenn seitdem nichts mehr wie vorher war.
Kinder hatten wir keine. Wir lebten unser Leben, ich mittlerweile als Buchhalter, sie als Sekretärin. Es war nichts Außergewöhnliches und irgendwann wurde ich fünfzig. Wenige Tage nach meinem Geburtstag kam ich dann nach Hause, Lisa war noch nicht da. Die Schwüle war drückend, mir war auch ein wenig übel. Jahre, ja Jahrzehnte hatte ich nicht mehr daran gedacht, das war ein Fehler gewesen. Ich schleppte mich zum Telefon, die 112 konnte ich noch wählen. Der Notarzt sei unterwegs, wurde mir versichert, als ich zusammenbrach. Mir wurde schwarz vor Augen. Mein letzter Gedanke war, dass ich, verflucht noch mal, nicht daran gedacht hatte Lottozahlen auswendig zu lernen.
Thomas nahm den letzten Schluck aus seinem Bierglas und sah mich direkt an. »Du hältst mich für verrückt, nicht wahr?«, fragte er.
Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. »Starker Tobak«, entgegnete ich dann.
Glücklicherweise kam Joaquin zu uns, stellte ein neues Glas vor mir ab und sagte: »Du sprichst mit einem bedeutenden Mann« und eilte zu einem anderen Gast weiter, so als ob Not am Manne wäre.
Sicherheitshalber drehte ich mich um und blickte noch einmal in den Schankraum. Nein, wir waren allein an der Theke, mit uns sprach niemand, niemand hatte die Absicht, sich zu uns zu setzen. – Wenn Joaquin nicht Thomas meinte, konnte er nur sich selbst meinen. Erleichtert lehnte ich mich zurück, genoss mein Bier und wartete den Augenblick ab, in dem er uns die neueste Verschwörungstheorie mitteilen würde. Wir mussten nicht lange warten, nachdem er den anderen Gast bedient hatte, kam er zu uns zurück.
»Zeitreisende nehmen nur Kontakt zu unbedeutenden Menschen auf, ist dir das klar?«, fragte er mich sodann. Thomas ignorierte er geflissentlich.
Ich schüttelte den Kopf, mir war noch kein Zeitreisender begegnet.
Etwas verärgert ob meiner Reaktion vertiefte Joaquin meine Kenntnisse: »Wenn sie mit bedeutenden Zeitgenossen Kontakt aufnähmen, dann liefen sie doch Gefahr, dass sich die Zeitlinie verändert! Deshalb scheuen sie den Kontakt zu wirklich wichtigen Männern und Frauen. Mit unbedeutenden Menschen, die nicht den Einfluss auf das Weltgeschehen haben, mit denen nehmen sie Kontakt auf, ist doch klar!«, sein Gesicht strahlte vor Freude ob seiner Erkenntnis. »Mit mir hat noch keiner Kontakt aufgenommen«, flüsterte er dann, ergriff ein neues Bierglas, um dies einem gerade die Bar betretenden Gast zu kredenzen. Verblüfft aufgrund seiner unschlagbaren Logik widmete ich mich wieder meinem Bier.
»Willst du wissen, wie es weiterging?«, fragte Thomas in die sich ausbreitende Stille hinein. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er noch weiter erzählen würde.
Die zweite Wiederholung
Mein Vater strich mir sanft mit der Hand über den Kopf. »Du musst aufstehen«, sagte er dann, das uralte Ritual wiederholend.
Der Lichtschein aus dem Flur traf meine Augen. Ich nickte, stand auf und achtete sorgsam auf die Legosteine. Ich eilte ins Bad, verrichtete meine Notdurft und versuchte allen Ernstes danach noch ein wenig an den Mathehausaufgaben zu arbeiten, bis ich mich, ohne Rücksicht auf die Ermahnungen meiner Mutter zu nehmen, doch zu frühstücken, auf mein Rad schwang und zur Schule fuhr.
An der Brederbachstraße angekommen machte ich eine Vollbremsung. Die Mauer war weg. Da war wieder das schmiedeeiserne Gitter, innerlich frohlockte ich. Ich hatte zwar noch keinen Plan, aber es schien mir so, als ob ich zu Hause angekommen sei.
Um die Straßenecke bog gerade ein Junge, Lars! Der arme Kerl, er wusste nicht, wie ihm geschah. Ich kam von hinten, riss seine Schultasche von der Schulter, warf sie über den Zaun auf den Friedhof und fuhr weiter zur Schule. Während der kurzen Fahrt bis zum Gymnasium kam mir in den Sinn, dass er sich vielleicht an mir gerächt hatte, als er mich in meinem ersten Leben gemobbt hatte, machte das Sinn?
Egal, ich musste noch die Hausaufgaben abschreiben, es war ein anstrengender Tag, aber meine Quote war etwas besser als beim letzten Mal.
Den Nachmittag verbrachte ich sofort in der Stadtbücherei. Nicht wirklich, um mir dort Bücher auszuleihen. Nein, ich vergewisserte mich, dass die Titel zu den richtigen Autoren passten. Versuchte mich zu erinnern, welche Bücher zu dieser Zeit noch nicht geschrieben worden waren. Da stand der Herr der Ringe in gewohntem Umfang. Andere Werke anderer Autoren waren entweder vorhanden, richtigerweise mit dem richtigen Verfasser oder sie waren eben noch nicht vorhanden, weil die entsprechenden Autoren sie noch nicht geschrieben hatten, bzw. noch schreiben würden. – Ich hatte einen Plan!
Den umzusetzen sich als nicht gerade einfach erwies. Es fing damit an, dass ich meiner Mutter ihre alte Schreibmaschine abschwatzen musste. Papier in ausreichender Menge war auch nicht so einfach aufzutreiben, aber nach ein paar Tagen brachte mir mein Vater aus dem Büro einen Stapel alter Briefbögen mit, die nicht mehr verwandt werden konnten, da der Vorstand gewechselt hatte. So tippte ich, was das Zeug hielt. Im Grunde musste ich ja nur abschreiben.
Alien, aus meiner Feder, wurde vom Heyne Verlag angenommen. Ich war gerade noch rechtzeitig damit gewesen. Das erste Paket mit meinen Büchern auszupacken, war wie ein Fest. Genauso hatte ich es mir vorgestellt, seit ich damals, in meinem ersten Leben, das erste Mal den Film zurück in die Zukunft gesehen hatte. Seit damals spukte es mir im Kopf herum, diese Szene selbst zu erleben, in der der Vater, am Ende des Films, das Paket mit seinen Romanen öffnet. Seltsam, ich weiß. Vor allem deshalb seltsam, weil es ja nicht wirklich meine Bücher waren. – Aber was meinst du, von wem so manches Buch stammt, dass du heutzutage so auf den Bestsellerlisten findest? Du würdest staunen.
Egal, das Lied von Eis und Feuer schloss sich dann an. Danach stürzte ich mich auf das Werk von Jack McDevitt, die Legende von Christopher Sim wurde ein Bestseller. Ich hatte meinen Weg gefunden und das ganz ohne Lottozahlen, Randolph Zoran sei Dank.
Als Wunderkind gehandelt, trat ich in diversen Fernsehshows auf und präsentierte dort meine Bücher, immer ein wenig in der Angst lebend, dass irgendwann jemand im Publikum aufstehen und »Plagiat« rufen würde – aber warum sollte das geschehen? Ich war früh genug dran mit meinen Werken.
Alien wurde verfilmt, es wurde ein Erfolg. Star Wars hatte ja den Weg geebnet. Ich sonnte mich in dem Erfolg. Mit achtzehn hatte ich bereits meine zweite Million zusammen, das war ja recht einfach gewesen.
Dann kam der Absturz. Alkohol und Drogen, trotz meiner mittlerweile doch eigentlich ausreichenden Lebenserfahrung verfiel ich zusehends. Ich hatte versucht, ein eigenes Werk zu verfassen, nicht mich bei anderen Schriftstellern zu bedienen – und war grandios gescheitert! Mein Buch, mein erstes eigenes Buch, kam bei Kritikern und beim Publikum einfach nicht an. Sicherlich, es verkaufte sich trotzdem, wurde aber nicht gelesen. Das Buch lag auf den Bestsellertischen, wurde gekauft, verschenkt, aber nicht gelesen! Niemand setzte sich in der ihm gebührenden Form mit ihm auseinander. Für mich war es ein Schlag. Mein Werk wurde nicht anerkannt, ich flüchtete mich für mehr als zehn Jahre in einen nebelverhangenen Alptraum aus Alkohol, Tabletten und noch einigen anderen Sachen, aus dem ich glücklicherweise irgendwann doch wieder herausfand. Die Schriftstellerei hatte ich trotz allem an den Nagel gehängt.
Ich versuchte etwas anderes, biederes, ich begann mit etwas über dreißig Jahren mit einem Maschinenbaustudium, das ich mehr schlecht als recht irgendwann abschloss. Gearbeitet habe ich nie, weder als Ingenieur noch sonst wie.
Mein Leben danach verlief kaum noch geradlinig. Ich versuchte einmal mit Lisa Kontakt aufzunehmen, aber die lebte ihr eigenes Leben, da war nichts zu machen. Frauen gab es, ja, die gab es zu Hauf, aber keine wirkliche Partnerschaft. Ich ging allein durchs Leben.
Mit fünfundvierzig Jahren erinnerte ich mich an den bevorstehenden Herzinfarkt. Ich ließ mich durchchecken, einen Stent einsetzen und durchlief noch einmal kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag einen kompletten Checkup, die Ärzte versicherten mir, dass alles in Ordnung sei. – Es geschah trotzdem, ich kam nicht einmal dazu, den Notarzt zu alarmieren.
Thomas gönnte sich wieder einen Schluck aus seinem Bierglas und sah mich lange an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er sah mich prüfend an, wollte weiter erzählen, das merkte ich. Allerdings hatte er sein Glas mittlerweile geleert, sodass Joaquin, aufmerksam wie er war, mit einem neuen vor uns stand.
»Ich bin ein wichtiger Mensch, habe ich dir das schon gesagt?«, merkte er an.
Ich nickte, in letzter Zeit erzählte er seine Geschichten immer öfter. Wahrscheinlich hatte er den Überblick verloren, wen er mit welcher Geschichte bereits beglückt hatte. Aber hier bot sich für mich eine Gelegenheit.
»Ich bin kein wichtiger Mensch«, antwortete ich, als er sich schon von mir abgewandt hatte.
Geradezu elektrisiert drehte er sich wieder zu mir herum und musterte mich eingehend. »Du hast Kontakt gehabt?«, fragte er. Seine Augen bohrten sich geradezu in mich hinein.
Ich kostete den Moment richtiggehend aus. Sollte ich ihm von Thomas erzählen? – Nein, mir war da etwas anderes in den Sinn gekommen.
»Mit einem Zeitreisenden?«, fragte er flüsternd und auch ein wenig ungläubig.
Ich nickte erneut und führte dann aus: »Eine meiner Angestellten hat mir von ihrer Zeitreise berichtet. Sie war über die Weihnachtstage in England. Auf dem Hinflug und auf dem Rückflug betrug die Zeitverschiebung jeweils eine Stunde vor bzw. zurück ...« Weiter kam ich nicht, er drehte sich abrupt um und widmete sich anderen Gästen. Joaquin mag es nicht, auf den Arm genommen zu werden, dabei war ich so stolz auf meine Idee gewesen und hatte eigentlich erwartet, dass er darauf anspringen würde.
Joaquin war dennoch nicht nachtragend. Wenig später kam er zu uns zurück und raunte mir zu: »Passt auf, was ihr sagt, ich werde abgehört!«
Erstaunt blickten wir ihn an. »Abgehört?«, fragte ich.
»Ja«, bekräftigte er. »Übers Internet. Dahinten in der Ecke.« Etwas diffus wies er mit seiner Hand hinter die Theke.
»Aber, Joaquin«, wagte ich einzuwerfen, »du hast doch überhaupt kein Internet.«
»Die machen das trotzdem«, erwiderte er. »Da hinten, in der Ecke, da sollte mal ein Internetanschluss verlegt werden und jetzt knackt es da immer, das ist doch wohl Beweis genug oder etwa nicht?«
Thomas verdrehte die Augen, er war kurz davor aufzustehen und zu gehen.
Ich versuchte noch einen Anlauf. »Das kann doch auch das Holz der Theke sein, das sich ausdehnt«, schlug ich vor.
»Nein, nein«, sagte Joaquin mit seiner Besserwissermiene auf dem Gesicht. »Das Knacken kenne ich, das ist wie damals, in dem Telefonat mit meinem alten Kumpel. Der wurde auch abgehört. Schließlich hatte der Zoll ja mitgekriegt, dass der immer zu verbotenen Forschungen ins Ausland fuhr! – Du weißt schon, verbotene Archäologie und so. Da wird ja heutzutage vieles von den Außerirdischen in die Schuhe geschoben, aber für alles kann man die ja auch nicht verantwortlich machen. Da gab es ja schließlich noch menschliche Zivilisationen vor unserer, die viel weiter waren als wir!«
Das war mal wieder eine typische Beweisführung à la Joaquin, wirklich entgegnen konnte man da nichts. »Du bist demnach Geheimnisträger und wirst abgehört«, sagte ich.
Er nickte. »Ja«, bestätigte er. »Bei den Amerikanern, da geht ja auch nicht alles mit rechten Dingen zu«, führte er dann weiter aus. »Da gibt es doch diese Straße, die Route 666 ...«
»Du meinst die Route 66«, wagte Thomas einzuwenden.
»Nein, nein«, entgegnete er. »Die 666, die geht von der 66 ab, die wiederum von der 6 abgeht. Die haben ein eigentümliches System, die Amerikaner. Aber das Wichtige ist doch, dass die 666 in Dulce endet, warum denn ausgerechnet in Dulce?«
Wir verstanden nur Bahnhof, was wir dadurch zum Ausdruck brachten, dass wir ihn einfach nur anstarrten.
»Ich meine«, sagte er dann. »666, das ist doch die Zahl des Tiers, die des Teufels, steht doch in der Bibel. Und die endet in Dulce, stellt euch das mal vor! Das ist doch ein Fingerzeig!«
»Was ist denn in Dulce?«, fragte ich mittlerweile doch etwas genervt.
Diesmal war es an Joaquin uns und im Besonderen mich, erstaunt anzusehen. »Das weißt du nicht? In Dulce ist doch diese Militärbasis, die mit den zig Stockwerken unter der Erde, wo sich die Amerikaner doch vor einigen Jahren auf einer der untersten Etagen mit den Außerirdischen diese blutige Schlacht geliefert haben. Da muss doch ein Zusammenhang sein, das geht doch gar nicht anders! Das habe ich übrigens gelesen, in mehreren Büchern. Also unterschiedliches Quellenstudium, da brauchst du jetzt gar nicht mit deinen merkwürdigen wissenschaftlich verbrämten Argumenten dagegen zu kommen.« Mit diesen Worten eilte er zu anderen Gästen weiter, die ein frisches Bier kredenzt haben wollten und ließ uns perplex zurück.
»Wie ging es weiter?«, fragte ich dann an Thomas gerichtet, um ihm den Weg leichter zu machen und den Einstieg wieder zu finden.
»Hast du dir schon einmal die Frage gestellt, warum es den Asteroidengürtel gibt?«, fragte er dann.
»Ich denke, dass die Bruchstücke, die da oben rumfliegen, ein verhinderter Planet sind«, erwiderte ich. »Ich glaube, das ist die vorherrschende Theorie.«
Er nickte bejahend. »Ja, aber warum gibt es ihn?«, fragte er nochmals nach.
Ich zuckte ratlos mit den Achseln
Astrominc 2
Mein Vater strich mir mit seiner Hand über die Stirn. »Du musst aufstehen, Thomas, die Schule ...«, sagte er. Das Licht aus dem Flur fiel auf mein Gesicht. Ich mühte mich aus dem Bett, irgendwie war ich diesen Tag leid geworden.
An die Hausaufgaben dachte ich diesmal nicht, es war mir alles egal. Na ja, nicht wirklich, denn dann wäre ich ja nicht zur Schule gegangen.
Das Angebot meines Vaters, von ihm zur Schule gebracht zu werden, lehnte ich zu Gunsten meines Rades ab. Er nickte nur und machte sich auf den Weg.
Als ich vor die Tür trat, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, man hatte mir die Räder von meinem Fahrrad abmontiert und gestohlen, zumindest war das mein erster Eindruck. Mein Rad stand da, einsam und verlassen im Fahrradständer, allerdings war es etwas anders gebaut, als ich es in Erinnerung gehabt hatte. Der Lenker war noch so, wie man es von einem Fahrrad erwarten konnte, was sich dann nach unten weiter fortsetzte, konnte man beim besten Willen nicht als Gabel bezeichnen, da gabelte sich nichts. Demzufolge war es auch überhaupt nicht vorgesehen, dass dort ein Rad montiert werden konnte. Vom Lenker aus zog sich ein Rohr nach unten, dann nach hinten und wieder nach oben, wo es in einem Sattel mündete. An zwei Fortsätzen, die an der unteren Stange angebracht waren, fanden sich zwei kleine Plattformen, die unstreitig für die Füße gedacht waren. Das Vehikel schwebte in der Luft und war mittels einer Kette am Fahrradständer festgemacht.
Ich sah verblüfft hin, was war das für ein Ding? Ich besah es mir von allen Seiten, zog den Schlüssel für die Kette hervor und schloss die Verriegelung auf. Der Lenker war neben dem Bremshebel eindeutig das einzige bewegbare Teil an dem ganzen Vehikel, wie fuhr man das Ding? Ich schwang mich auf den Sattel und versuchte es wie bei einem Roller. Das war es! Einmal mit den Beinen abgestoßen, glitt es, ungefähr zehn Zentimeter über dem Boden schwebend, durch die Luft. Den Berg hinunter gewann ich richtig an Fahrt, das Ding machte Spaß.
Ich war entweder zu früh oder zu spät dran oder Lars hatte sich überlegt, dass heute ein anderer Schulweg sinnvoller für ihn wäre, jedenfalls war er auf der Strecke entlang des Friedhofes nicht zu entdecken. Was ich jedoch bemerkte, war, dass sämtliche Fahrzeuge auf der Straße keine Räder hatten, alles, was sich bewegte, glitt in Bodennähe über die Straßen. Ich fühlte mich in einen Science Fiction Film versetzt. Das änderte sich schlagartig, als ich in der Schule ankam, hier gab es keine wesentlichen Änderungen, zumindest was den Ablauf des Tages anging.
Meine Schulkameraden schienen alle nur einen Traum zu haben: Ingenieur werden und bei Astrominc einen Job bekommen. Astrominc, die Asteroid Mining Incorporation, die mit Hilfe großer Raumstationen im Asteroidengürtel Bergbau betrieb und dort die Rohstoffe für die hungrige und ausgebeutete Erde beschaffte. Ich konnte es nicht fassen, hatte es noch eines Beweises bedurft, hier war er: Es musste andere Menschen wie mich geben, die immer wieder versuchten den Ablauf ihres Lebens und damit auch den der Welt um sich herum, zu verändern. Hier war ich Zeuge einer großen Veränderung geworden.
Meine Nachforschungen ergaben, dass vor rund zwanzig Jahren, relativ kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, der Durchbruch in der Gravitationstechnik gelungen war. Hier und jetzt wurde so gut wie alles mittels eines so genannten Gravitationsmotors angetrieben. Die mögliche Aufhebung der Schwerkraft ermöglichte es auch, Raumschiffe ins All zu bringen und sie dort weiter zu beschleunigen. Fast unvorstellbar für mich, ein Traum war wahr geworden.
Die folgenden Jahre bemühte ich mich in der Schule, ich wollte ins All. Das war etwas für mich, was ich in meinen bisherigen Leben noch nicht gekannt hatte, eine Herausforderung, auch wenn das bedeutete, dass ich mich zuallererst einmal mit Hausaufgaben auseinanderzusetzen hatte.
Es funktionierte, das Abitur klappte, ein Ingenieursstudium schloss sich an und schlussendlich fand ich mich auf einem der kleinen Prospektorenschiffe wieder, die von der Station Astrominc 2 aus in den Gürtel starteten um dort nach abbauwürdigen Erzvorkommen zu suchen. Ein langweiliger Knochenjob, wie sich im Nachhinein herausstellte, Buchhaltung konnte spannender sein!
Wir flogen zu zweit, meine Partnerin an Bord war Lisa, ja die Lisa. Wir waren Arbeitskollegen, die zusammen arbeiteten und mehr. Astrominc war es egal wer für sie flog. Gemischtgeschlechtliche Teams waren die Regel, so konnte man die Einsamkeit wenigstens ein wenig verdrängen und sich die Illusion von Familie schaffen. Wir waren pro Trip Nonstop ungefähr sechs Monate da draußen unterwegs, dann kehrten wir zu einem Zwischenstopp zur Station zurück, nur um kurze Zeit später erneut hinauszufliegen.
Wir waren selbständige Prospektoren, das heißt, dass das Schiff uns gehörte, wir auf eigene Rechnung flogen, unsere Ausrüstung zu überteuerten Preisen bei Astrominc erwerben mussten und unsere Funde dort zu garantierten Preisen verkaufen konnten. Es war uns natürlich freigestellt, sie auch anderweitig zu verkaufen oder selber auszubeuten, nur ..., Astrominc war der einzige Abnehmer, es gab keine andere Organisation dort oben im Gürtel und selber ausbeuten? Hast du schon einmal versucht, einen Berg selber mit deinen eigenen Händen abzubauen? – Es lief auf eine faktische Abhängigkeit hinaus. Der Kredit, den wir für den Erwerb des Schiffes aufgenommen hatten, wurde zwar durch die von uns verdienten Honorare nach und nach getilgt, die neuen Kredite, die wir für die Ausrüstung, vor allem für Luft, Wasser und Lebensmittel aufnehmen mussten, waren jedoch höher oder zumindest genauso hoch, wie die Tilgungsraten für den alten Kredit. Es war im Prinzip eine Art moderner Sklaverei.
Wir starteten immer von Astrominc 2, der Raumstation, die in der Nähe von Ceres gebaut worden war. Astrominc 1 befand sich ziemlich genau an der gegenüberliegenden Seite des Gürtels. Nr. 3 befand sich im Bau und Nr. 4 war geplant. So sollte nach und nach der komplette Gürtel erschlossen werden.
Lisa und ich gaben unsere Abschiedsparty im Starlight-Casino. Der Name war Reminiszenz, ansonsten ging es hier jedoch recht schmuddelig zu. Wirklich erfolgreiche Prospektoren feierten mit den Managern von Astrominc mehrere Decks höher, wo auch die Schwerkraft stärker ausgeprägt war. Das Starlight befand sich nur wenige Decks über der Nabe der riesigen Raumstation, die wie ein überdimensioniertes Rad eines Fahrrades aufgebaut war. Durch die permanente Drehung wurde mittels Fliehkraft Schwerkraft simuliert. Je näher man der Nabe kam, desto geringer wurde sie allerdings. An der Nabe selbst herrschte Null g, von hier aus starteten die Raumschiffe zu ihren Erkundungsfahrten. – Wir konnten von Glück sagen, dass unsere Getränke in den Gläsern blieben. Warum hier nicht auch die Gravitationstechnik eingesetzt wurde, leuchtete mir beim besten Willen nicht ein. Mein immer noch vorhandenes Buchhalterherz sagte mir zwar, dass es so wirtschaftlicher sein musste, akzeptieren konnte ich das jedoch nicht.
Die Party war bereits rund zwei Stunden im Gange, als die Kollegen begannen, uns die Schädel zu rasieren. Das war ein altes Ritual hier draußen. Man fuhr mit einem kahlen Kopf hinaus und kam mit ungefähr sechs Zentimeter langen Haaren zurück. Manche Prospektoren übertrieben es dergestalt, dass ihre Haare schulterlang waren. Es wurde sogar eine Liste geführt. Platz eins belegte ein mittlerweile verschollener Kollege, der hatte tatsächlich Haare, die einen Meter und dreizehn Zentimeter lang gewesen waren, als er zurückkehrte, das war notariell verbürgt worden. War man früher wieder da, war man auf einen Asteroiden gestoßen, der einen fürs Leben reich machte. – So weit die Theorie, ich hatte noch keinen Prospektor gesehen, der nicht entweder Glatze, Mecki oder Matte trug. Aber es sollte sie ja geben, das war der Antrieb für uns alle.
Wenige Stunden später fanden wir uns im All wieder. Wir hatten unsere Route geheim gehalten, das war auch so ein Spleen der Prospektoren. Jeder wachte eifersüchtig darüber, dass kein anderer einem das vor der Nase wegstibitzte, was man noch gar nicht hatte. Astrominc bestand zwar darauf, dass man zumindest den Sektor angab, in den man fliegen wollte, aber wie wollten die denn kontrollieren, ob man dort tatsächlich ankam?
Wie sehnte ich mich nach meinem Buchhalterleben auf der Erde. Wochen- und monatelang in einer Blechbüchse eingeschlossen zu sein, nur um für ungefähr vierzehn Tage zu Astrominc zurückzukommen und dann wieder loszufliegen, mir fehlten die grünen Hügel der Erde!
Lisa dachte ähnlich, aber was half das? Wir hatten uns hoch verschuldet, uns blieb nichts anderes übrig, als den Job zu machen.
79 Felsklumpen unterschiedlichster Größe hatten wir bereits untersucht und kartographiert, Geschwindigkeit und Vektor bestimmt. Astrominc hatte das ehrgeizige Ziel, den kompletten Gürtel zu vermessen, angesichts der schieren Größe schien mir das anmaßend zu sein, aber wer war ich schon, dass ich mir ein Urteil erlaubte!
Ich hatte mich etwas hingelegt, Lisa war damit beschäftigt den Anflug auf Nummer achtzig vorzunehmen. So war sie es, die die Entdeckung des Jahrhunderts machte!
Der Alarmton riss mich aus dem Tiefschlaf, sofort zerrte ich die Atemmaske aus dem Fach neben meiner Koje, zog sie über den Kopf und eilte ins Cockpit. Lisa erwartete mich dort mit einem schallenden Lachen.
»Das wollte ich schon immer einmal machen«, sagte sie, wobei sie immer noch gluckste. »So hatte ich mir das vorgestellt! Sieh mal da!« Sie wies zu den Anzeigen. »Metall in reinster Form, das Ding da vorne ist eine Goldgrube, das sagen unsere Scanner. Wir sind reich, Thomas!«
Ungläubig starrte ich auf die Anzeigen, unfähig meine Atemmaske abzuziehen. Lisa musste durchgedreht sein, sie musste sich einen Scherz erlaubt haben, fuhr es mir durch den Kopf. Langsam wurde ich sauer, mit dem Alarm spielte man nicht!
Sie merkte mir meine Missstimmung an. »Tom, es ist wirklich so! – Das da draußen ist ein Vermögen wert. Warte ab, bis wir nahe genug dran sind, dann zeige ich dir ein Bild auf dem Monitor.«
Sie meinte es ernst, ich sah mir die Instrumentenanzeigen genauer an, zog die Atemmaske vom Kopf und ließ mich in den Sessel neben ihr fallen. »Keine taube Nuss?«, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf, ihr Gesicht strahlte so glücklich, wie noch nie zuvor, zumindest nicht in diesem Leben.
Wir näherten uns an, nach und nach wurde es unheimlich. Das Ding war geometrisch aufgebaut. Länge exakt 0,873 km, Höhe 0,281 km, Tiefe 0,281 km. Es gab zwar einige Ausbuchtungen, die waren aber nicht wirklich von Bedeutung. Da draußen schwebte eine große Schachtel im Raum. Für uns sah das Ding aus, wie ein großer Quader. Je näher wir kamen, umso mehr Details, vielmehr das Fehlen von Details, konnten wir erkennen.
»Das Ding hat eine glatte Außenhaut, Lisa«, entfuhr es mir.
Sie nickte nur. »Ich gehe raus, ich sehe mir das näher an.«
»Sei vorsichtig«, flüsterte ich. Aber was sollten wir anderes machen? Wollten wir unsere Besitzansprüche geltend machen, mussten wir es kartographieren und einen Sender platzieren, der unsere ID abstrahlte, so war das Gesetz. Demnach musste einer von uns raus und Lisa hatte es entdeckt ...
Sie benutzte den kleinen Jet, einen mit Gravitationstechnik ausgestatteten Schlitten, um das Rendezvous auszuführen. Langsam näherte sie sich dem Quader. Irgendwie wünschte ich mir, dass der Jet Düsen hätte, dann hätte ich zumindest aus dem Ausstoß von Gasen Rückschlüsse ziehen können, was sie vorhatte, so sah ich lediglich, wie sie langsam dahinglitt und manchmal die absurdesten Richtungsänderungen durchführte. Zumindest hatte sie die Außenlichter des Jets eingeschaltet, sodass ich sie problemlos auf dem Monitor verfolgen konnte.
»Glatt«, kommentierte sie gerade. »Absolut glatte Außenhaut, hier auf dieser Seite.« Sie hatte sich einer der schmalen Seiten genähert und schwenkte nun um die Ecke, um eine lange Seite näher zu untersuchen, abrupt stoppte sie den Jet.
»Hier ist was, Tom«, flüsterte sie so leise, dass ich versucht war den Empfang am Lautsprecher lauter zu stellen. »Hier ist eine Luke!«
Wir hatten es beide erwartet und doch keine Worte darüber verloren. Irgendwie hatten wir geahnt, dass das Ding künstlich war, jetzt hatten wir den Beweis.
»Pass auf dich auf«, flüsterte ich.
Sie fuchtelte mit den Händen an der Tür herum, schien aber nichts erreichen zu können, dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit dem Rahmen neben der Tür. Endlich fand sie, wonach sie gesucht hatte. Ein Freudenschrei kam aus dem Lautsprecher.
»Ich habe einen Sensor gefunden, die Luke schwenkt nach innen hin auf. Ich gehe jetzt rein!«
Ich kaute auf meinen Fingernägeln. Wie oft, in wie vielen Filmen und Büchern war diese Szene schon beschrieben worden? Sollte ich ihr sagen, dass sie sich vor Alieneiern in Acht nehmen sollte? Den Film hatte es in diesem Leben nicht gegeben, sie konnte die Folgen nicht kennen!
»Ich bin jetzt drin«, hörte ich Lisas Stimme wie aus weiter Ferne. »Keine Schwerkraft, der Gang ca. einen Meter hoch und einen Meter breit, recht klaustrophobisch. Ich krieche mehr, als dass ich gehe. Ungefähr zehn Meter vor mir endet der Gang. In die Wand ist eine weitere Luke eingelassen. Sie steht offen, ist nach innen hin geöffnet. Merkwürdig ist das Fehlen einer Luftschleuse, der Gang hinter der Außenluke scheint mir für diese Zwecke ungeeignet konzipiert zu sein. Ich ziehe mich jetzt durch die offene Luke.«
Pass bloß auf, dachte ich im Stillen. Ich war zu angespannt, um irgendetwas zu sagen. Wie schon des Öfteren, verfluchte ich, dass unsere Ausrüstung so mangelhaft war. Wir hatten auf viele Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, verzichtet. So auch auf wirklich gute hochauflösende Helmkameras, das Bild, das Lisas Kamera mir übermittelte, konnte man am ehesten mit schwarzen Schatten auf schwarzem Grund beschreiben. So war ich einzig auf ihre Beschreibungen angewiesen, um mir ein Bild von der Lage zu machen.
»Hier ist ein kleiner Raum, Tom, etwa sechs mal sechs Meter groß. Die Decke ist nach wie vor nur rund einen Meter vom Fußboden entfernt. Das können keine Menschen gewesen sein, die das hier erbaut haben, Tom.« Ihre Stimme kam schrill aus dem Lautsprecher. Irgendwie war es auch mir von vornherein klar gewesen, dass der Quader nicht von Menschenhand erschaffen worden sein konnte, es auszusprechen hatte ich bislang nicht gewagt.
»Die mir gegenüberliegende Wand ist etwa halb hoch verglast. Vor der Wand sind Konsolen angebracht, in die Displays eingelassen sind. Vor den Konsolen stehen sechs Stühle, alle fest im Boden verschraubt. Die Rückenlehnen der Stühle sind dreigeteilt, zwischen den einzelnen Lehnenteilen ist jeweils ein Spalt von ca. zehn Zentimeter Durchmesser. Die Sitzfläche selbst ist annähernd quadratisch ungefähr vierzig Zentimeter Durchmesser. Die Spitzen der Lehnen sind etwa sechzig Zentimeter vom Boden des Raumes entfernt. Ich kann mir beim besten Willen nicht die Ergonomie der Wesen vorstellen, die auf solchen Stühlen sitzen könnten. Auch die Deckenhöhe scheint mir wesentlich zu niedrig zu sein, um den Bedürfnissen solcher Wesen entgegenzukommen. Sie müssten doch mit ihren Köpfen bereits die Decke berühren, sobald sie nur aufstehen. Irgendwie nicht vorstellbar. Oh ...«
»Was ist passiert, Lisa?«, rief ich erschrocken. Plötzlich strahlte das übertragene Bild auf meinem Monitor in rötlichem Licht wieder.
»Das Licht ist angegangen, Tom, sonst nichts. Ich muss irgendeinen Kontakt ausgelöst haben. Auch hinter der Glasscheibe ist jetzt Licht.«
Das sah ich nun auch. Hinter der Glasscheibe erstreckte sich eine kleine Halle. Etwa zweihundert Meter lang und genauso breit, der Raum in dem Lisa sich befand, war wohl am ehesten mit einem Kontrollraum vergleichbar. Von hier aus konnte man die komplette Halle einsehen. Unschwer war zu erkennen, dass die Halle mit Raumschiffen vollgestellt war, Raumschiffe, die für den Atmosphärenflug geeignet sein mussten, ich hatte Assoziationen von Kampfjets, die in irdischen Kriegen eingesetzt worden waren, vor Augen.
»Tom, die Displays sind alle zum Leben erwacht«, rief mich Lisas Stimme in die Realität zurück. »Sieh dir das an!«
Auf meinem Bildschirm zeigte sich die Konsole, vor der sich Lisa aufhielt. Eine Außenansicht, fuhr es mir durch den Kopf. Da war ein Bild des Weltraums, gestochen scharf, schärfer, als alles, was ich mit unseren Außenkameras hätte bewerkstelligen können. Und es zeigte einfach nichts. Ich will damit sagen, dass da der Raum an sich dargestellt wurde und in diesem Raum befand sich kein Objekt. Irgendwo weit hinten funkelten die Sterne. Es war wirklich eine 3D Ansicht und es war irgendwie klar, dass der Fokus recht nah bei uns lag und nicht die Sterne das Ziel der Aufnahme waren.
»Tom, die rechte Außenwand der Halle öffnet sich.«
Ich sah in die Richtung, in die jetzt auch Lisa blickte. Richtig, ein großes Schott klappte nach innen auf. Im Schwenkbereich standen keine Raumschiffe, sodass das Schott problemlos in eine seitliche Arretierung einrasten konnte. Lisa widmete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm vor ihr. Der Weltraum, in einem Sekundenbruchteil noch völlig leer, war plötzlich angefüllt von sechs Asteroiden unterschiedlicher Größe, die sich mit ähnlicher Geschwindigkeit und ähnlichen Vektoren fortbewegten.
»Was passiert da, Tom?« Lisas Stimme kam aus dem Lautsprecher und holte mich in die Realität zurück. »Diese Asteroiden werden eingehend gescannt.« Lisa bewegte sich hektisch zwischen den Konsolen hin und her. »Wo kommen die auf einmal her?« Mehrere Displays fokussierten die einzelnen Asteroiden, ein Bildschirm zeigte unverwandt das Bild an, das ursprünglich auf dem ersten Monitor zu sehen gewesen war. Ich hätte wetten mögen, dass es exakt die Raumregion anzeigte, an der die Asteroiden aufgetaucht waren.
»Keine Ahnung«, hörte ich meine eigene Stimme wie in Trance. »Installier unseren Sender und lass uns von hier verschwinden, ja?«
Lisa schüttelte so vehement ihren Kopf, dass sich ihr ganzer Oberkörper hin und her bewegte. Für mich sah es so aus, als ob ihre Kamera auf das heftigste hin und her geschwenkt wurde, so dass das übertragene Bild verschwommen dargestellt wurde. »Die Dinger da draußen sind einfach aufgetaucht, Tom! Das ist viel wichtiger, als diese blöde Station hier. Da, schon wieder ...«
Sie richtete ihre Helmkamera erneut auf die Konsole aus, die das Ursprungsbild anzeigte. Dort erschien ein mehr als dreimal größerer Brocken gegenüber denen, die wir zuerst beobachtet hatten. Der Berg, anders konnte ich ihn nicht nennen, hatte eine starke Eigenrotation und schien sich relativ schnell fortzubewegen. Ich meinte das daraus erkennen zu können, dass er bereits aus dem Fokus des ersten Bildschirms herausgetreten war und nunmehr von einem anderen Monitor übernommen wurde.
»Das Ding zerbricht!«, rief Lisa mit sich überschlagender Stimme.
Richtig, jetzt sah ich es auch, der Berg zerbrach! Die Bruchstücke wirbelten auf leicht unterschiedlichen Vektoren in die Dunkelheit davon.
»Hier starten zwei Jets!«, diesmal flüsterte Lisa in ihr Mikrofon.
Auf den Bildschirmen war zu erkennen, dass die zwei kleinen Raumschiffe, nachdem sie die Halle verlassen hatten, auf eines der Bruchstücke zu jagten. Ich richtete die Scanner unseres Raumschiffes ebenfalls darauf aus. Die Auflösung war zwar nicht so exzellent, wie auf den Bildschirmen in dem Kontrollraum, in dem sich Lisa befand, irgendwie fühlte ich mich dadurch jedoch nicht mehr so abgeschnitten. Einer der Jets feuerte mit irgendetwas auf den Asteroiden, der immerhin, das sagten meine Scanner, einen Durchmesser von mindestens einhundert Metern haben musste. Das Ding zerbarst in eine Unmenge von Bruchstücken, die alle auf den unterschiedlichsten Vektoren ihren Weg fortsetzen. Erst jetzt fiel mir auf, dass der ursprüngliche Vektor des Berges zu einer Kollision mit dem Quader geführt hätte.
»Das ist ein Abwehrsystem«, flüsterte ich. »Damit die Station nicht getroffen wird, haben die Jets die Aufgabe die Asteroiden abzulenken, die ansonsten mit ihr zusammenstoßen würden.«
»Aber wo kommen sie her?«, sagte Lisa. »Hast du die Koordinaten speichern können?«
»Ja«, antwortete ich. »Du willst doch nicht ...?«
»Überspiel mir die Daten, ich fliege da hin.« Das von ihrer Helmkamera übertragene Bild zeigte erneut den Gang, den Lisa nunmehr in Richtung Außenluke zurücklegte. »Ich habe noch für über drei Stunden Sauerstoff, das sollte mehr als genug sein, um eine kleine Erkundung durchzuführen.«
Ich wollte irgendetwas über die Notwendigkeit der Installation unseres ID-Senders sagen, verkniff es mir aber, da ich wusste, dass Lisa im Moment andere Prioritäten gesetzt hatte.
Ihr Schlitten startete und flog den beiden Jets, die auf dem Weg zurück zu ihrem Stützpunkt waren, entgegen. Fast schon erwartete ich, dass die extraterrestrischen Raumschiffe auch Lisa ins Visier nehmen würden, das jedoch geschah nicht.
Lisa folgte exakt der Flugbahn, die der Berg innegehabt hatte, bevor er zerborsten war. Ich hatte die Geschehnisse zwar nicht von Anfang an aufgezeichnet, die Bahn zurückzuverfolgen erwies sich jedoch als nicht allzu schwierig. Lisa war noch nicht lange unterwegs, als sie und ihr Schlitten von einem Sekundenbruchteil zum nächsten einfach von meinen Anzeigen verschwanden. Völlig verständnislos starrte ich auf die Armaturen.
Zwei Stunden später saß ich immer noch so da, unfähig auch nur die kleinste Bewegung auszuführen. Ich hatte Angst, den Blick vom Monitor zu wenden, da in der Zeit, in der ich meine Aufmerksamkeit nicht dem Bildschirm zuwandte, Lisa wieder hätte auftauchen können. Drei Stunden hatte sie gesagt, drei Stunden lang würden ihre Luftreserven noch reichen. Noch war nicht alles verloren, nichtsdestotrotz war ich gelähmt, andere hätten vielleicht das eigene Schiff in die Region manövriert, in der sie verschwunden war, ich war mental nicht dazu in der Lage.
Da, meine Scanner meldeten ein Objekt. Ich starrte auf den Bildschirm, versuchte das Objekt heran zu zoomen, was aufgrund der schlechten Auflösung und der relativen Größe des Objektes von vornherein zum Scheitern verurteilt war.
Jetzt meldete sich Lisas Stimme aus dem Lautsprecher. »Tom, Tom, es ist ein Sprungpunkt. Ich war in einem anderen Sonnensystem, einem System mit zwei Sonnen und einem Asteroidengürtel ähnlich dem unseren.« Sie lachte fröhlich. Ich konnte mir geradezu vorstellen wie glücklich sie war, hatte sie doch den Weg zu den Sternen entdeckt. »Jetzt wissen wir auch, warum es hier den Asteroidengürtel gibt und sich nicht an gleicher Stelle ein Planet hat bilden können. Der Sprungpunkt hat das verhindert. Immer wenn ein Stück Materie, das ein zu großes Volumen hatte, diesen Punkt passierte, ist die Materieansammlung auseinandergerissen worden. Lediglich kleinere Brocken blieben unbehelligt. Deshalb gibt es hier und auch in dem anderen System einen Asteroidengürtel. - Tom, wir haben den Weg zu den Sternen gefunden!«
Noch heute weiß ich nicht, warum ich nicht darauf geachtet habe, meinen Scannern war jedenfalls nicht entgangen, dass zehn Jets von der extraterrestrischen Station gestartet waren. Ich nahm sie erst wahr, als es für Lisa bereits zu spät war. Die Jets befanden sich auf einem Abfangkurs, der sie unweigerlich Lisas Bahn kreuzen ließ. Ich weiß nicht, mit was sie Lisas Jet beschossen haben, von ihr blieb jedenfalls nicht mehr als eine kleine Materiewolke übrig.
Thomas ergriff sein Bierglas und nahm einen tiefen Zug. »Wie in Trance habe ich unseren ID Sender an der Station befestigt und den Rückflug zu Astrominc 2 gestartet.
Für dieses Leben hatte ich ausgesorgt, mithilfe der Tantiemen, die ich nach und nach erhielt, wurde ich Mehrheitsaktionär von Astrominc, was mir immer mehr Geld einbrachte.
Astrominc schickte noch mehrere Schiffe durch den Sprungpunkt, die alle bei ihrer Rückkehr das gleiche Schicksal traf wie Lisa. Jahre später gelang es Experten die Programmierung des fremden Computers außer Kraft zu setzen, so dass die Raumschiffe der Aliens nicht mehr starteten, wenn ein Objekt durch den Sprungpunkt kam. Was uns natürlich das Problem bescherte, auch keine Asteroidenabwehr mehr zu haben.« Sichtlich ergriffen starrte mein Freund in sein Bierglas.
»Noch heute frage ich mich, warum bei einem riesigen Berg nur zwei Jets vonnöten gewesen sind, wohingegen bei Lisas kleinem Schlitten zehn bis an die Zähne bewaffnete Raumschiffe losgeschickt worden sind. Das muss doch einen Grund gehabt haben! Ich fürchte, die Erbauer der Station hatten berechtigte Angst, vor dem, was da erscheinen könnte. Ich denke, diese Angst, sollten wir ernst nehmen!« Er blickte mir tief in die Augen. »Axel, geh davon aus, dass der Quader auch jetzt da oben ist. Er bewacht den Sprungpunkt und verhindert, dass, was auch immer durch ihn hindurch kommt, weiter fliegen kann, als ein paar Kilometer. Der Quader beschützt uns sozusagen, es muss auf jeden Fall verhindert werden, dass er ausgeschaltet wird, so wie wir es damals getan haben. Das war ein grandioser Fehler. In diesem Leben bin ich nicht an einem Herzinfarkt gestorben! Ich fürchte, diese ganzen Invasionsfilme sind nicht wirklich weit hergeholt! Was dann durchkam, habe ich nicht mehr mitbekommen. Ich war auf der Station, als wir angegriffen wurden. Den Alarm habe ich noch gehört, dann war wieder einmal alles vorbei für mich!«
Ich blickte ihn auffordernd an, aber er schien nicht dazu bereit zu sein seine Andeutungen auszuformulieren. Joaquin, der unsere mittlerweile geleerten Biergläser durch volle ersetzte, sorgte darüber hinaus für Ablenkung.
»Neueste Erkenntnisse beweisen, dass wir im Inneren einer Hohlkugel leben, wusstet ihr das?«, sagte er.
Ich schüttelte den Kopf, hatte ich doch schon des Öfteren von solchem Unfug gehört.
Joaquin verstand mein Kopfschütteln jedoch so, wie er es wollte. »Das Universum die Sterne, alles das was wir am Himmel sehen können, ist in Wirklichkeit im Zentrum der Hohlkugel verankert. - Und das alles lässt sich wissenschaftlich beweisen!«
»Wie denn das?«, entgegnete Thomas mit leicht verärgertem Unterton.
»Dadurch«, sagte Joaquin und wies dabei auf seine Schuhe. »Sie sind an der Spitze und an der Hacke abgenutzt, würden wir auf einer Kugel anstatt in deren Inneren leben, sollte man doch wohl erwarten, dass sie sich in der Mitte abnutzen würden!« Mit diesen Worten entfernte er sich, um andere Gäste zu bedienen.
Nach einem Schluck Bier blickte ich Thomas auffordernd an, er ließ sich nicht lange bitten und erzählte weiter.
Pulsuz fraqment bitdi.