Kitabı oxu: «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand»

Inhalt
1 Vorwort
2 »Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir« Geborgen sein
3 »Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch!« Aushalten und Durchhalten
4 »Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt« In einem anderen Licht sehen
5 »Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können« Trauern und getröstet werden
6 »Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende« Halt und Vertrauen finden
7 »Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien« Hoffnung leben
8 Bibelquellenverzeichnis
9 Quellennachweise

Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.
Wir sind von Gott umgeben, auch hier in Raum und Zeit, und werden sein und leben in Gott in Ewigkeit.
(ARNO PÖTZSCH)
Liebe Leserin, lieber Leser,
in einem alten christlichen Hymnus heißt es: »Die Mitte der Nacht ist der Anfang des neuen Tages, die Mitte der Not ist der Anfang des Lichts.« Wenn man mitten in dunklen Zeiten steckt, fällt es schwer, darauf zu vertrauen, dass es auch wieder heller Tag werden wird und dass gerade in den dunkelsten Stunden der Nacht der Morgen nicht mehr fern ist.
Diese dunklen Stunden kennt jeder von uns. Zu dem Einen kommen sie als Krankheit, zu dem Anderen als Verlust eines geliebten Menschen, des Arbeitsplatzes oder der eigenen Selbstständigkeit. Und doch ist da Einer, der uns mit seinen starken und liebevollen Händen auffängt: »Der Herr hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind« (Psalm 145,14).
Mögen die Texte dieses Buches Ihnen Licht in dunklen Stunden sein und Ihnen Hoffnung schenken in scheinbar hoffnungslosen Zeiten. Mögen sie Ihnen Stecken und Stab sein, wenn Sie »wandern« müssen »in finsterem Tal« und Ihnen die Gewissheit des Wächters in der Nacht schenken, der auf den Morgen hofft und weiß, dass er kommen wird.
Axel Kühner

»Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.«
(PSALM 139,5)
Geborgen sein
Zuflucht
Alle Flucht muss Zuflucht sein. Wohin auch immer wir gehen, reisen, fliehen, Gott ist schon vor uns da. Alle Träume und Türme bis an den Himmel enden bei Gott. So hoch hinaus Menschen auch gelangen mögen, Gott ist noch über ihnen und vor ihnen. Auch der Tod ist kein Ausweg, und im Sterben ist kein Friede. Der Tod führt uns nur noch direkter in die Hände Gottes und vor sein Angesicht. Nehmen wir die Flügel der Morgenröte und reisen an die letzten Enden der Erde über die weitesten Meere, auch dort wird Gottes Hand auf uns warten und seine Augen würden uns sehen. Hüllen wir uns in das dunkelste Dunkel und verbergen wir uns in der finstersten Nacht, für Gott stehen wir immer im Licht, und alle Wege sind vor ihm offen und klar.
Es gibt in der ganzen weiten Welt keinen Raum ohne Gott, keine Zeit ohne Gott, keine Wirklichkeit, die Gott nicht umfangen und umfassen könnte. Eine sinnlose Flucht vor Gott und eine heillose Flucht vor der Wahrheit muss eine gezielte Zuflucht zu Gott werden.
»Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?« Wir gehen mit unserem Leben zu seinem Geist und fliehen unter sein Angesicht. Gott möchte unseren aufgeregten und verwirrten Geist mit seinem Geist der Liebe beruhigen. Gott möchte, dass wir unter seinen Augen geborgen und sicher sind. Wohin soll denn das Leben gehen? Zu ihm. Zu Gott. In seine Nähe, unter seine Hand und seine Augen.

»Denn der Herr ist deine Zuversicht,
der Höchste ist deine Zuflucht.«
(PSALM 91,9)
Geborgen
Gott ist unter uns in seiner tragenden Liebe. Seine glühende Liebe sucht immer die tiefste Stelle unseres Lebens. Wo wir ganz tief besorgt und geängstigt sind, da ist Gott noch unter uns. Wo wir tief in Trauer und Leid hineingeraten, da reicht seine Barmherzigkeit noch tiefer. Wo Menschen ganz tief in Verzweiflung und Resignation hineinfallen, da fängt uns Gottes Treue auf.
Selbst die tiefste Verstrickung in Sünde und Schuld nimmt Gott noch auf sich, indem das Lamm Gottes unsere Sünde hinwegträgt.
Gott ist über uns in seiner bergenden Macht. Was auch immer für Mächte nach unserem Leben greifen – die Mächte des Bösen, der Lüge, des Schicksals und des Todes – Gott hält seine mächtige Hand über uns. Er deckt uns zu und bewahrt uns vor einem letzten Zerbrochen- und Angetastet-Werden.
Gott ist neben uns als Ratgeber und Begleiter. Als Freund teilt er unsere Freude. Als Tröster leidet er mit uns. Aus dem traurigen Begleiter der Angst wird nun der göttliche Begleiter der Hoffnung. Gott ist viel mehr um uns besorgt, als wir es selbst je sein können. Wie seinen Augapfel birgt und umhüllt Gott die Seinen.
Gott wohnt mit seinem Geist in uns. Unser zerbrechliches Leben, unser sterblicher Leib soll eine Wohnung seines Heiligen Geistes sein. Seine ganze Herrlichkeit soll in uns zur Auswirkung und zum Ausdruck kommen. Gott nimmt Wohnung bei uns, damit wir einmal ganz bei ihm wohnen und zu Hause sein können.

»Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.«
(PSALM 139,5)
Getragen
Marie Noël wurde 1883 in der burgundischen Kleinstadt Auxerre geboren. Sie hat bis zu ihrem Tod 1967 in der bürgerlichen Enge ihrer Familie und in der beschränkten Konvention ihrer kleinen Geburtsstadt gelebt. Eltern, Verwandte und Mitbürger kannten sie als einen heiteren, zufriedenen Menschen. Alle bedienten sich ihrer ständigen Anwesenheit und Hilfsbereitschaft, ohne zu merken, wie sehr sie unter ihrem eingeengten Alltag litt. In dieser kleinen Welt fühlte sich Marie mit ihrem unbändigen Verlangen nach Freiheit wie ein Vogel im Käfig. Die Lebensumstände liefen ihrer Persönlichkeit schmerzlich entgegen.
Der Mann, mit dem sie ein ihr gemäßes Leben teilen möchte, heiratet ihre Schwester. So findet Marie ihre Freiheit auf einem verborgenen, inneren Weg, ihren Tagebuchaufzeichnungen.
Diese eigentlich unsagbaren menschlichen Erfahrungen, in großer poetischer Kraft formuliert, lassen ahnen, an welchen Abgründen entlang sie bangen Herzens gegangen ist.
Aber am Ende sind es als Summe diese tröstlichen Worte: »Wenn ich mich heute umwende, um zurückzuschauen, so sehe ich, wie ich durch meine traurigen Jahre, meine geduldigen Finsternisse bis zum Ende immer, o mein Gott, von deinen Händen wie eine Gelähmte getragen wurde auf göttlicher Straße.«

»Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.«
(PSALM 91,11F.)
Wohin sonst sollte ich gehen?
In deine Hände berge ich mich,
wenn meine Hände schwach und hilflos sind.
An dein gutes Herz drücke ich mich,
wenn Ängste und dunkle Ahnungen mein Herz belasten.
Unter den Mantel deiner Liebe krieche ich,
wenn andere keinen guten Faden an mir lassen.
Um deinen Hals schlinge ich meine Arme,
wo sonst sollte ich mich sicher festhalten.
In den Schoß deiner Barmherzigkeit bette ich mich,
da kommen die verwirrten Gefühle zur Ruhe.
Auf deine liebe Seele lege ich mich,
wenn böse Dinge mir auf der Seele liegen.
In deine Arme werfe ich mich,
wenn schlimme Gedanken mich verfolgen.
An deine Auferstehung und Überwindung glau-be ich,
wenn ich noch tief in Kämpfe und Leiden verstrickt bin.

»Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel.«
(PSALM 117,8)
Wasser der Liebe
Wasser und Liebe haben eines gemeinsam, sie suchen immer die tiefste Stelle. Alles Streben geht nach oben, hinauf, zum Gipfel, empor auf die Spitze und zum Höhepunkt. Das Kennzeichen der wirklichen Liebe ist, dass sie auf die tiefsten Stellen eines Lebens schaut.
Gott möchte uns an den tiefsten Stellen mit seiner Liebe berühren, dort, wo wir am tiefsten einsam und enttäuscht, am tiefsten besorgt und geängstigt, am tiefsten verstört und verzweifelt, am tiefsten leidend und traurig sind. Gerade da möchte Gott uns seiner Liebe versichern. An dieser Liebe müssen wir uns satt und gesundtrinken.
Die Liebe Gottes, die bis in die tiefste Tiefe eines Lebens hinab reicht, hat für uns einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte, eine menschliche Realität: das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Hier wird sichtbar und begreifbar, wie tief Gott in seiner Liebe ging und wie hoch er alles aus den Abgründen von Sterben und Leiden, Hölle und Gericht in die höchsten Höhen seines göttlichen Lebens heben kann.
Nichts an Tiefenerfahrung unseres Lebens setzt dieser Liebe eine Grenze, niemand gibt ihr ein Maß, keiner weiß um eine Bedingung und Einschränkung. Die Liebe Gottes, wie sie in Jesus erscheint, ist grenzenlos, maßlos, bedingungslos und restlos. Und das Wasser der Liebe gibt es umsonst, gratis und von Herzen.

»Wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.«
(OFFENBARUNG 22,17B)
Wir brauchen uns
Ein Farmer nagelt ein Schild an sein Hoftor: »Welpen zu verkaufen!« Am nächsten Tag erscheint ein kleiner Junge und fragt, ob er die Welpen mal ansehen kann. Der Farmer pfeift, und Miss Daisy mit ihren fünf Hundebabys erscheint. Der Junge schaut sich die süße Bagage genau an und greift sich schließlich einen der Welpen, der etwas hinkt.
»Der Tierarzt hat einen Fehler in seinen Gelenken gefunden, der Kleine wird wohl immer hinken!«, meint der Landwirt. Genau diesen Hund möchte der Junge haben und holt die Dollars aus der Hosentasche.
»Aber warum willst du gerade den kranken Hund? Er wird nie mit dir herumtollen können!«
Da zieht der Junge sein Hosenbein herauf, zeigt dem Farmer sein verdrehtes, behindertes Bein und meint: »Ich laufe selbst nicht so gut. Der Kleine wird jemand brauchen, der ihn versteht.«

»Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.«
(GALATER 6,2)

Draußen auf dem Feld
Ein Krankenhausseelsorger besucht im Klinikum die Patienten. Um sie mit Namen ansprechen zu können, schaut er vor der Tür oder am Bett nach den Schildchen. Eines Tages kommt er zu einem Mann, auf dessen Karte nur der Name »Feld« steht. Er begrüßt den Mann und fragt etwas unsicher nach: »Heißen Sie einfach nur Feld?« »Ja, ich heiße einfach nur Feld. Ich habe keinen Namen, ich habe keine Eltern und keinen Geburtstag. Man hat mich als Säugling auf einem Feld ausgesetzt und dort gefunden. Darum heiße ich einfach nur Feld. Ich bin nicht gewollt und nicht geliebt, habe kein Zuhause und keine Angehörigen. Da passt doch der Name ›Feld‹«. Auch viele andere Menschen, die nicht so heißen, empfinden sich bisweilen so: ungeliebt und ausgesetzt, heimatlos und unbehaust.
Als wollte Gott ein Zeichen setzen, kam er auf dem Hirtenfeld in einer Notunterkunft zur Welt. Und Jesus starb, draußen vor der Stadt auf einem Hügel, ausgesetzt und preisgegeben wie ein Verbrecher. Als wollte Gott sagen: »Draußen auf dem Feld, draußen vor der Stadt, wo ihr wohnt, letztlich ungeborgen und heimatlos, da komme ich hin und werde euch gleich und verwandle euren Namen von Feldkinder in Gotteskinder. Ich biete euch in meiner Liebe ein Zuhause und eine tiefe Geborgenheit an. Bei mir seid ihr geliebt und gewollt, willkommen und sicher.«
Auf welchen Feldern der Erde und der Gesellschaft wir auch wohnen mögen, im Glauben an Jesus sind wir Gotteskinder mit einem Namen, einer Würde, einer großen Familie und einer herrlichen Zukunft.

»Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch!«
(JOHANNES 14,18)

»Gott legt uns eine Last auf,
aber er hilft uns auch!«
(PSALM 68,20)
Aushalten und Durchhalten
Meine Last ist zu schwer
Ein Mann war mit seinem Los unzufrieden und fand seine Lebenslast zu schwer. Er ging zu Gott und beklagte sich darüber, dass sein Kreuz nicht zu bewältigen sei. Gott schenkte ihm einen Traum. Der Mann kam in einen großen Raum, wo die verschiedenen Kreuze herumlagen. Eine Stimme befahl ihm, er möchte sich das Kreuz aussuchen, das seiner Meinung nach für ihn passend und erträglich wäre. Der Mann ging suchend und prüfend umher. Er versuchte ein Kreuz nach dem anderen. Einige waren zu schwer, andere zu kantig und unbequem, ein goldenes leuchtete zwar, war aber untragbar. Er hob dieses und probierte jenes Kreuz. Keines wollte ihm passen. Schließlich untersuchte er noch einmal alle Kreuze und fand eines, das ihm passend und von allen das erträglichste schien. Er nahm es und ging damit zu Gott. Da erkannte er, dass es genau sein Lebenskreuz war, das er bisher so unzufrieden abgelehnt hatte. – Als er wieder erwacht war, nahm er dankbar seine Lebenslast auf sich und klagte nie mehr darüber, dass sein Kreuz zu schwer für ihn sei.

»Gott legt uns eine Last auf,
aber er hilft uns auch!«
(PSALM 68,20)

Das halb gefüllte Glas
Die Pessimisten nennen es halb leer. Sie deuten auf alles, was fehlt, sehen schwarz auf Defizite und menschliches Versagen. Sie beklagen das Unvollkommene, Unerfüllte, Unerreichte und lassen sich durch Schwächen und Halbheiten entmutigen.
Die Optimisten nennen das Glas halb voll, freuen sich an dem Erreichten, sehen die kleinen Fortschritte und das immerhin Vorhandene. Sie genießen die kleinen Erfolge und begnügen sich mit Teilergebnissen.
Für mich ergibt sich noch eine dritte Einschätzung: Das Glas ist zu groß!
Sind unsere Erwartungen und Ansprüche nicht oft viel zu hoch? Was Menschen sich von Erfolg im Beruf, von Glück in der Liebe, von Vergnügen in der Freizeit, von Sicherheit im Wohlstand und von Gesundheit bis ins hohe Alter versprechen, ist bisweilen einfach zu hoch gegriffen. Ist das Glas nicht einfach zu groß geworden?
Darum erinnert uns Gott immer wieder an die Gebrochenheit des Lebens, an die Begrenztheit unserer Möglichkeiten und an das volle, ganze Heil allein in seiner restlosen, bedingungslosen Liebe.

»Er heilt die zerbrochenen Herzens sind und verbindet ihre Wunden.
Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und unbegreiflich, wie er regiert.«
(PSALM 147,3FF.)

Nüchtern, aber nicht negativ
Nüchtern hat Therese von Ávila unsere Lebenswirklichkeit einschätzen wollen: »Das Leben hier auf Erden ist wie eine schlechte Nacht in einer schlechten Herberge!« Jeder kennt dunkle Phasen des Lebens mit schwierigen Umständen: Zeiten der Krankheit, Erfahrungen von Verlust und Verletzung, Beziehungskrisen, berufliche Misserfolge, Einsamkeit und Enttäuschung, Sorgen und Sünden, Angst und Verzweiflung.
Und doch: Wie viele gute Tage in guten Herbergen haben wir erlebt, uns daran gefreut und Gott dafür gedankt! Allerdings die Umstände, unter denen Gott zur Welt kam und Mensch wurde, sprechen für die Sicht der Therese. In einer ganz schlechten Herberge, fremd und unterwegs, ärmlich und unter ganz unglücklichen Umständen kam Jesus zur Welt. Aber war das eine schlechte Nacht? War nicht bei aller Not und Sorge, Schwierigkeit und Bedrückung die Botschaft jener Nacht: »Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren!«
Seit Weihnachten sind die schlechten Nächte in schlechten Herbergen nicht die letzte Auskunft über das Leben. Gott hat eine bessere Sicht für uns.

»Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.
Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glauben und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.«
(1. THESSALONICHER 5,5.8)
Die Rose von Jericho
Die Legende erzählt von der Rose von Jericho. Sie blüht in herrlicher Pracht und duftet mit wunderbarer Süße, solange sie genügend Wasser aus dem Boden beziehen kann. Wenn kein Regen mehr fällt und die Feuchtigkeit des Bodens nachlässt, rollt sie sich zusammen wie ein Ball. Bevor ihre Wurzeln austrocknen, rollt sie sich zusammen und lässt sich vom Wind forttreiben, um irgendwo, wo es Wasser gibt, wieder zu blühen und zu duften.
Wenn jeder von uns, wenn die Wasser des Lebens und der Fluss der Liebe eintrocknen, sich gleich zusammenrollen und verduften würde? Wenn jeder, der in einer Wüste der Not und im Mangel des Leidens wohnt, sich gleich davonmachen und nach besseren Orten Ausschau halten würde, wo kämen wir da hin? Und wie heißt der Wind, der uns dann forttreiben und bewegen würde? Wäre das der Zeitgeist oder der Sturm der Entrüstung, wären das die lauen Winde der Bequemlichkeit oder die Böen der Angst?
Um Gottes willen wollen wir in der Not bleiben, im Leid, in der Wüste der Einsamkeit, bis es wirklich Gottes Geist ist, der uns an einen anderen Ort treibt, wo wir für ihn blühen und wachsen können.

»Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen!«
(1. PETRUS 5,10)
Zu schwer?
In einer kleinen Stadt sitzt auf einer großen Treppe ein kleines Mädchen und weint. Sie hat ihren Schulranzen neben sich abgestellt und wischt sich die dicken Tränen vom Gesicht. Ich setze mich neben sie und frage vorsichtig: »Warum weinst du denn?« Sie schluchzt: »Ist so schwer!«
»Ist dein Schulranzen mit all den Büchern dir zu schwer?« »Nein, der ist doch puppig leicht!« »Ist die Schule zu schwer, verlangen die Lehrer zu viel, schaffst du deine Aufgaben nicht?« »Nein, das Lernen ist doch nicht schwer!« »Ja, was ist dann so schwer für dich, dass du so weinst?« Da sagt das sechsjährige Mädchen verblüffend einfach und ehrlich: »Das ganze Leben ist zu schwer, ich glaube, ich schaffe es nicht!«
Wie vielen Menschen ist das wohl aus dem Herzen gesprochen, und wie viele Lebensängste finden hier ihren einfachen Ausdruck. Die Herausforderungen des Lebens scheinen manche Menschen einfach zu erdrücken. Die Last von Einsamkeit und Leid, Schmerzen und Defiziten, Unerfülltheit und Not lassen viele daran zweifeln, ob ihre Kräfte reichen und ihre Hoffnungen tragen. Viele beschleicht die Sorge, ob sie es schaffen und die Zerreißproben bestehen werden. Das ganze Leben ist wirklich zu schwer, wenn wir alles allein tragen und bewältigen, lösen und schaffen müssten. »Werden wir das Leben meistern?«, fragen viele voller Sorge und Zweifel. Nein, wir werden das Leben wohl nicht meistern. Aber wir haben einen Meister des Lebens als Freund und Begleiter. Er trägt uns und unser Leben, er hält uns mit all den Nöten fest in seiner Hand. Er meistert unser Leben, und wir wollen es ihm anvertrauen.

»Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!«
(JOHANNES 14,1)
Der Anker
Je älter und reifer wir werden, desto klarer wird es: Wir können nicht von unseren Empfindungen und inneren Erfahrungen leben. Für unser inneres Leben, unseren Frieden und Mut gegenüber der Trübsal ist der letzte Halt das Wort Gottes. Es ist der Anker unserer Seele und die einzige Kraftquelle.
In jungen Jahren, im Frühling des Lebens, sind wir oft von einer Woge der Begeisterung getragen worden. Aber wenn wir die andere Seite des Lebens kennengelernt haben, wenn von den lodernden Flammen noch graue Aschenhaufen übrig geblieben sind, wenn der Sturm die Blätter vom Baum unseres Lebens gerissen hat, dann merken wir, was es heißt: »Wenn dein Wort nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend« (Psalm 119,92).
Und zuletzt im Todeskampf, wenn die Kräfte unserer Seele aufgezehrt und die Träume längst verweht sind, dann wird das Wort Gottes, die Bibel, wertvoll und trostreich. Wir hängen daran wie ein Abstürzender über dem Abgrund. Wir klammern uns an die großen Verheißungen, halten uns an die Worte Jesu und wünschen uns nichts anderes mehr, sie sind unser einziger Trost.

»Dein Wort ward meine Speise, sooft ich‘s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, Herr, Gott Zebaoth.«
(JEREMIA 15,16)
Die weiße Rose
Eine alte Klosterlegende erzählt, dass jedes Mal, wenn einer der Mönche sterben würde, er am Abend vorher auf seinem Platz im Chorgestühl eine weiße Rose fand. So konnte sich der Klosterbruder noch bewusst auf seinen Abschied vorbereiten, sich von allem Irdischen lösen und seinen Frieden mit Gott und seinen Mitbrüdern festmachen.
Eines Abends fand ein Mönch die weiße Rose auf seinem Platz. Ganz erschrocken und voller Angst legte er sie schnell und unbemerkt auf den Sitz seines Nachbarn. Der erschrak auch, aber nahm dann gefasst die Rose unter seine Kutte und später mit in seine Zelle. Er starb am Tag darauf, und alle seine Klosterbrüder umgaben ihn mit ihrer Liebe, ihren Gebeten und Trostworten. Der eine Mönch aber blieb einsam und traurig. Der Friede unter den Brüdern war hinfort zerstört. Und nie wieder zeigte sich eine weiße Rose.

»Das ist gewisslich wahr:
Sterben wir mit, so werden wir mit leben,
dulden wir, so werden wir mit herrschen,
verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen; sind wir untreu, so bleibt er doch treu;
denn er kann sich selbst nicht verleugnen.«
(2. TIMOTHEUS 2,11F.)

Menschenskind
Zum Leben geboren, mit Hoffnung gewachsen, auf Freude gewartet. Viele Jahre, buntes Leben, manche Abenteuer, dann graue Haare, faltenreich. Wertvoll das Menschenkind, aber auch zerbrechlich.
Liebenswert und gefährdet zugleich, zauberhaft und abgründig in einem. Leben kann gelingen und scheitern, aufblühen und verkommen. Menschenskind, mit beiden Beinen auf der Erde und mit allen Träumen im Himmel. Nicht einfach ist das Leben in den Spannungen der Welt.
Angst vor dem Weniger und Gier nach Mehr zerreiben wie zwei Mühlsteine die Seele. Um das Glück besorgt und von der Sorge zerfressen. Von ungestillter Sehnsucht umgetrieben und in Hast und Hetze aufgebraucht. In der endlosen Wüste von Stress oder Langeweile sind die Lebensblüten verwelkt und verödet. Von Rebellion aufgebracht und von Resignation niedergedrückt. Leichtfertig und schwermütig verfehlen die Menschenkinder das Lebendige am Leben.
Die Sehnsucht erkrankt an Fernweh und Heimweh zugleich. Menschenskind will heraus in die Weite und herein in die Wärme, sucht Freiheit von und Geborgenheit in Bindungen. Träume sterben an Enttäuschung und verwandeln sich in Alpträume, die sich dunkel auf das Gemüt legen.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit aufgespalten, von Neugier und Ekel umgetrieben, zwischen Karriere und Misere, Idylle und Katastrophe eingerichtet, an Mangel und Überdruss krank geworden, vom Einerlei und Vielerlei ermüdet, zwischen Selbstverwirklichung und Selbstverweigerung aufgespießt, sucht Mensch ein außerordentliches Leben und findet noch nicht einmal ein ordentliches. Da muss doch noch Leben ins Leben hinein!

»Ich elender Mensch!
Wer wird mich erlösen
von dem Leibe diese Todes?
Ich danke Gott durch Jesus Christus
unsern Herrn.«
(RÖMER 7,25)
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