Kitabı oxu: «Kulis aus Ping-Hu»
Axel Rudolph
Kulis aus Ping-Hu
Eine Erzählung
Saga
Kulis aus Ping-Hu
German
© 1942 Axel Rudolph
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711445341
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Kulis aus Ping-Hu
Käppen Karlsson riß die Tür zu der kleinen Messe auf, nahm die Mütze vom schweißtriefenden Schädel und knallte sie auf den fleckigen Tisch. Dann ließ er so ziemlich alle ellenlangen Seemannsflüche los, über die die schwedische Sprache so reichlich verfügt.
Der Steuermann Bruhn, ein alter Fahrensmann von der friesischen Wasserkante, der beim Essen saß, blickte auf, schluckte ohne Hast den letzten Bissen hinunter und schob Teller und Besteck von sich.
„Wieder keine Fracht, Käppen?“
„Nein!“ Karlsson begann eine neue Serie haarsträubender Kraftausdrücke und Verwünschungen. Als er notgedrungen einhalten mußte, um Atem zu schöpfen, fiel sein Blick auf das ruhige Gesicht seines Steuermanns. Er schöpfte noch einmal tief Atem, ließ sich auf einen Stuhl fallen und fuhr gelassener fort:
„Es ist wirklich zum Verrücktwerden! Bin wieder von Hobson zu Jobson gelaufen, Bruhn. Von einem Makler zum anderen. Seit vier Tagen steh ich mir die Beine krumm in den Büros der Exporthäuser. Nichts! Keine Fracht in ganz Hongkong! Nicht mal ein bißchen armseliges Stückgut! Der Teufel hole alle Engländer!“
„Tja — es ist knapp mit der Fracht in diesen Zeiten.“
„Ach wo!“ Karlsson unterdrückte mühsam einen neuen Wutanfall.
„Fracht genug! Sehen Sie sich doch mal die Stapel von Kisten und Ballen an, die da draußen auf dem Kai liegen! Und die letzte Tee-Ernte ist noch gar nicht zum Verladen hier in Hongkong eingetroffen. Fracht genug, wie ich sage. Aber nicht für uns! Die Herren Engländer haben alles geschluckt. Als ob sie es nötig hätten, ausgerechnet hier an der Ostküste noch zwei neue Dampferlinien einzurichten! Als ob nicht ohnehin genug Kähne unter dem Union Jack hier rumschwimmen!“
„Es sind wohl nicht die Engländer allein“, meinte der Steuermann bedächtig. „Auch die Japaner ziehen immer mehr die Schiffahrt an sich.“
„Hier nicht, Bruhn. Hier in Hongkong keinesfalls. Glauben Sie denn, daß auch nur eine englische Firma hier auf japanischen Marus laden läßt? Und die Chinesen haben noch viel weniger übrig für die aufgehende Sonne. Nee, die kriegen in Hongkong auch keine Fracht außer den Ladungen, die direkt von japanischen Firmen gekauft sind und nach Japan transportiert werden. Alles andere haben die gefräßigen Engländer verschluckt!“
Bruhn hob den Kopf. „Das erinnert mich, Käppen ... Vorhin war der Makler Wang hier am Bord. Wollte Sie gerne sprechen.“
„Wang? Bei dem war ich doch schon vorgestern vergebens. Hat er etwa was für uns?“
„Das nun wohl nicht. Aber er stotterte etwas von einer Möglichkeit in Ping-Hu.
„Lächerlich! Was soll denn in dem kleinen Drecknest zu holen sein!?“
„Sagte ich ihm auch, Käppen. Er konnte auch nichts Bestimmtes angeben. Meinte nur, sein Geschäftsfreund Wu-Fang in Ping-Hu habe ihm geschrieben und angefragt, ob ein Dampfer in den nächsten Tagen Ping-Hu anlaufen werde.“
„So? Wu-Fang?“ Käppen Karlsson, der so ziemlich alle Händler und Makler zwischen Hongkong und Schanghai kannte, zog bedenklich die Brauen zusammen. Wu-Fang genoß keinen guten Ruf. Der Fuchs war schlau genug, sich bisher nicht fangen zu lassen, aber man munkelte längst davon, daß Herr Wu-Fang gelegentlich ein kleines Schmuggelgeschäftchen nicht verschmähte. Sonst aber war Wu-Fang nur ein kleiner Mann, der meist nur Dschunken mit Fracht versorgte und höchstens mal einem Dampfer eine kleine Partie Stückgut in Auftrag gab. Was konnte der schon für Fracht haben!
Karlsson hatte seinen Whisky heruntergekippt. Hinter seiner breiten Stirn arbeiteten die Gedanken. Eine Weile war es still in der Kajüte. Nur von draußen her kam das Rasseln der Winde und Krane am Kai. Dann stieß Karlsson einen Laut aus, der halb Fluch, halb Seufzer war.
„Seit zwölf Jahren fahre ich nun an der Ostküste, Bruhn. Hab immer noch meine Fracht bekommen. Mal fett, mal mager, wie’s gerade kam. Aber in Ballast ist die ‚Gorm‘ noch nie gegangen.“
„Weiß ich, Käppen, und die Reederei weiß es auch.“
Karlsson grinste bitter. „Die Reederei gibt nichts fürs Gewesene. Ein Kapitän, der keine Fracht erhalten kann, hat alle Aussicht, demnächst etwas anderes zu erhalten, nämlich seinen Abschied.“
„Wär das so schlimm, Käppen?“ Bruhns blaue Seemannsaugen sahen in die Ferne, als sähe er durch die Kajütenwand hindurch die Elbe auftauchen und den Michael, das Wahrzeichen Hamburgs. „Ein seebefahrener Mann wie Sie kriegt daheim leicht wieder ’ne neue Heuer.“
Karlsson schüttelte wehmütig den Kopf und griff nochmals nach dem Whiskyglas.
„Sie verstehen das nicht, Bruhn. Sie — ja, Sie sind ja sozusagen nur besuchsweise hier. Kaum drei lumpige Jahre an der Ostküste. Wenn’s sein muß, mustern Sie eben ab und suchen sich auf einem Steamer, der nach Europa geht, eine Heuer. Hol mich der Henker, ich kann das nicht. Was soll ich auch daheim? Hab niemand, der mich erwartet. Der Osten ist meine zweite Heimat geworden. Und die ‚Gorm‘ ...“
„Na, so weit ist’s ja auch noch nicht, Käppen.“
„Stimmt. Noch lange nicht so weit.“ Karlssons Gestalt reckte sich.
„Gustav Karlsson gibt so fix sein Geschäft nicht auf. Ping-Hu also! In drei Deubelsnamen!“
„Sie wollen nach Ping-Hu gehen, Käppen?“
„Bleibt nichts anderes übrig. Vielleicht hat der verdammte Wu-Fang doch etwas für uns. Ping-Hu ist die letzte Hoffnung. Kriegen wir auch da keine Fracht, dann bleibt nichts übrig, als bis nach Schanghai raufzugehen.“
Er erhob sich und griff nach seiner Mütze. „Ich gehe noch mal an Land. Will den Wang aufsuchen und ihn noch mal aushorchen, ob an der Sache wirklich was dran ist. Lassen Sie inzwischen Dampf aufmachen, Bruhn.“
„Aye, Käppen! Wird besorgt.“
*
Als der Frachtdampfer „Gorm“ in dem kleinen Hafen von Ping-Hu verankert lag neben schmutzigen, mit Reissäcken und stinkendem getrockneten Fisch beladenen Dschunken und Sampans, begab sich Käppen Karlsson an Land und suchte Wu-Fang auf, den einzigen Schiffsagenten in diesem kleinen Nest.
Karlsson hatte Wu-Fang noch nie gesehen. Er wußte nur, daß der Mann in Maklerkreisen übel angeschrieben war und daß keine größere Firma in Hongkong oder Schanghai mit ihm Geschäfte machte. Aber das half nun alles nichts. Karlsson mußte eine Ladung haben und wenn er mit dem Teufel persönlich verhandeln sollte.
Hinter einem Tisch in dem kleinen, halbdunklen Kontor saß Wu-Fang, ein fetter Chinese mit einer Hornbrille, gekleidet in den landesüblichen schwarzen Tschung. Nachdem der Tee getrunken war und man die unumgänglichen Höflichkeitsphrasen ausgetauscht hatte, teilte Karlsson dem feisten Sohn des Himmels mit, daß er eine Fracht suche.
„Oh, Captain“, sagte Wu-Fang betrübt. „Schlechte Zeiten! Sehr schlechte Zeiten!“
„Also keine Fracht hier in Ping-Hu?“ sagte Karlsson enttäuscht und setzte seine Mütze wieder auf. Er hatte keine Lust, hier seine Zeit zu verlieren. Aber der Chinese machte eine beruhigende Handbewegung. Er räumte ein, daß eine gewöhnliche Fracht zwar im Augenblick nicht zu bekommen sei, aber ...
„Es sind gerade dreihundert Kulis hier, die in der Provinz Fukien gearbeitet haben“, sagte Wu-Fang, die Hände über dem Bauch faltend,
„Sie sollen nun nach Hause, nach Schantung. Vielleicht gefällt es dem Herrn Kapitän ...?“
Karlsson hatte seine Bedenken. Trotz aller Bemühungen und Maßnahmen der Behörden stand die Seeräuberei an der chinesischen Küste noch immer in Blüte. Erst vor zwei Monaten war eine ganze Schiffsbesatzung von chinesischen Piraten überfallen und ermordet worden.
„Nein“, sagte er barsch. „Das ist keine Fracht für mich. Es liegen ja Dschunken genug hier im Hafen. Warum charterst du die nicht für deine Kulis?“
Wu-Fangs feistes Gesicht strahlte vor Freundlichkeit. „Der alles durchdringende Verstand des erhabenen älteren Herrn wird wissen, daß die Kulis nicht gern auf einer Dschunke fahren, da man dort so leicht seekrank wird. Außerdem haben alle Dschunken hier bereits ihre volle Fracht, und die Kulis möchten so schnell wie möglich nach Hause. Sie sind sogar willig, etwas mehr als den üblichen Preis für die Fahrt zu bezahlen.“
Käppen Karlsson überlegte. Was der Gelbe da sagte, klang nicht unglaubhaft. Die Dschunken im Hafen waren in der Tat voll beladen. Das hatte er schon beim Einlaufen festgestellt. Auch daß die Kulis kaum die Zeit erwarten konnten, in ihre Heimat befördert zu werden, war begreiflich.
„Gut denn.“ Karlsson stand auf und griff abermals nach seiner Mütze.
„Aber das Geld im voraus!“
Wu-Fang neigte würdevoll den Kopf und versprach bei seinen Ahnen, den Betrag abzuliefern, bevor die Kulis an Bord kämen.
*
„Fracht, Käppen?“ war die erste Frage Steuermann Bruhns, als der „Alte“ wieder über die schmale Gangway an Bord enterte.
„Und was für welche!“ knurrte Karlsson grimmig. „Raten Sie mal!“
„Stinkfisch?“
„Nee. Schlimmer. Gelbe Fracht.“
„Was zum ...“ Bruhn war so erstaunt, daß er vergaß, den Fluch zu vollenden.
„Ja, wir werden Passagierdampfer, mein Junge. Dreihundert Kulis! Treffen Sie die nötigen Vorbereitungen für die Unterbringung im Vorschiff!“
„Wenn das man gut geht, Käppen.“
„Wie bitte?“ Karlsson fuhr herum. „Sie sollten einen Nervenspezialisten zu Rate ziehen, Bruhn! Hab gehört, daß man nervöse Menschen jetzt kurieren kann, indem man ihnen Apfelsinenschalen zum Kauen gibt oder ihnen Gedichte vorliest!“
Steuermann Bruhn schwieg. Seit Hongkong war der Alte von einer Reizbarkeit, die sich oft genug in groben Flüchen oder in bitterem Spott entlud. Da war es geratener, den Mund zu halten und schweigend seine Pflicht zu tun.
Am nächsten Morgen waren alle Vorbereitungen getroffen. Im Vorschiff waren Holzverschläge errichtet und Matten aufgestapelt worden. Ein solides Stahlnetz hing über dem Niedergang zum Maschinenraum. Ein zweites ähnliches Stahlnetz hatte man quer über das Deck gezogen, so daß es das Vorschiff von dem übrigen Deck trennte.
Um elf Uhr vormittags watschelte Wu-Fang, einen Regenschirm in der Linken, eine große bauchige Tasche in der Rechten, mit freundlichem Grinsen über die Gangway und verneigte sich vor dem Kapitän. Während Karlsson mit ihm in die Kabine ging und sich dort den ausbedungenen Fahrpreis aufzählen ließ, gesellte sich Steuermann Bruhn zu dem Ersten Maschinisten, der aus dem Niedergang zum Maschinenraum aufgetaucht war und interessiert dem Chinesen nachblickte.
„Du, Lorenzen, ich glaube, es stinkt.“
„Klar, Mensch.“ Maschinist Lorenzen spuckte kunstgerecht über die Reling und schob die Mütze in den Nacken. „Dreihundert Kulis stinken allemal.“
„Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache.“
Pulsuz fraqment bitdi.