Kitabı oxu: «Rätsel um Herta»
Axel Rudolph
Rätsel um Herta
Kriminalroman
Saga
I.
Durch die hohen Glasfenster des Büros schimmert schiefergrau und regennaß das winklige Gewirr der Dächer jenes alten Paris, das sich auf der Ile de la Cité zusammengedrängt hat.
Monsieur Pollin, der Chef und Inhaber der optischen Fabrik Jacques Pollin Fils klopft nervös mit einem Bleistift auf die vor ihm liegende Unterschriftsmappe und wirft einen Mitleid und Verständnis heischenden Blick hinüber zu Monsieur Freeman, dem Produktionsgewaltigen aus Joinville, der mit halb geschlossenen Augen in seinem Sessel liegt und anscheinend der peinlichen, in den Ateliers Pollins ganz ungewöhnlichen Szene kein Interesse abgewinnen kann.
Kommissar Valvert von der Sûreté, der als Amts- und Hauptperson den Mittelplatz hinter dem massiven, langgestreckten Schreibtisch einnimmt, heftet seine flinken Jettaugen forschend auf den in bescheidener Haltung vor ihm stehenden jungen Mann.
„Sie heißen Henry Heitinger?“ Der Name holpert ein wenig im Munde des Parisers. „Gebürtig aus Mulhouse?“
„Jawohl, mein Herr.“
„Französischer Staatsangehöriger“, fährt der Kommissar fort, einen kurzen Blick auf das vor ihm liegende Papier werfend. „Hm. Ihre Eltern sind ... wann eingewandert?“
„Meine Eltern und auch meine Großeltern waren Elsässer, Herr Kommissar. Unsere Familie war bereits um 800 dort ansässig.“
„Also Franzose.“ Valvert nickt erfreut und mildert seine Strenge zu amtlich-freundlicher Verbindlichkeit. „Man hat Ihnen aus Ihrer Rocktasche einen Betrag von 5000 Franken entwendet?“
„Jawohl, mein Herr.“ Röte und Blässe wechseln auf dem Gesicht des jungen Mannes. „Ich trage bei der Arbeit immer eine Lüsterjoppe und hänge meinen Rock draußen ins Vorzimmer. Das tat ich auch heute, als ich von der Kasse zurückkam.“
„Ich weiß“, nickt Valvert gnädig. „Monsieur Pollin hat mich bereits über die Einzelheiten informiert. Sie sind seit zwei Jahren als Assistent bei Herrn Pollin beschäftigt und beziehen ein Gehalt von ...“ — wieder ein kurzer Blick in die Papiere — „von 1000 Franken. Wie kommt es, Herr Heitinger, daß Sie heute den fünffachen Betrag an Ihrer Kasse abheben konnten?“
Henry Heitinger zögert mit der Antwort und wirft einen hilfesuchenden Blick zu seinem Chef hinüber. „Es handelt sich nicht um das Salär“, beeilt sich Monsieur Pollin zu erklären, „Herr Heitinger hat eine Erfindung gemacht, für die ich ihm den Betrag von 5000 Franken als Vorschuß zur Verfügung stellte. Das heißt ... Herr Heitinger ist noch dabei, die praktische Verwertbarkeit seiner Erfindung auszuprobieren.“
„Oh! Eine Erfindung auf optischem Gebiet?“
„Ja, es handelt sich um ein neues Objektiv, das ...“
Freeman grunzt ärgerlich. „Tut wohl nichts zur Sache, die Erfindung, meine ich.“
„Ich verstehe. Geschäftsgeheimnis.“ Kommissar Valvert verbeugt sich leicht und ein wenig gekränkt gegen Herrn Pollin und wendet sich wieder der Vernehmung zu.
„Wie mir Ihr Chef gesagt hat, ist der kleine Vorraum, in dem sich die Kleiderablage befindet, zwar jedem Angestellten zugängig, doch kann niemand aus den Ateliers oder Büros in den Raum gelangen, ohne das Sekretariat zu durchschreiten, in dem zwei Damen sitzen. Wie waren doch die Namen?“
„Frau Grimmaud und Fräulein Friebel.“
„Ganz recht. Die beiden Damen bezeugen übereinstimmend, daß in der fraglichen Zeit niemand ihr Zimmer betreten hat. Bien. Es konnte also niemand, ohne von den Damen bemerkt zu werden, an Ihre Garderobe gelangen, Herr Heitinger. Ausgenommen natürlich die Damen selbst. Trauen Sie einer derselben den Diebstahl zu?“
„Nein, Herr Kommissar.“ Die Antwort kommt fest und sicher. Valvert macht eine liebenswürdige Handbewegung, die seine Achtung andeuten soll.
„Das macht Ihrer Ritterlichkeit und Kollegialität Ehre, Herr Heitinger. Ich aber bin Polizeibeamter, nicht wahr, und die Gerechtigkeit darf auch nicht vor einer Dame haltmachen. Die Vernehmung hat ergeben, daß Frau Grimmaud den ganzen Vormittag über das Sekretariat überhaupt nicht verlassen hat, Fräulein Friebel nur einmal auf kurze Zeit.“
„Herr Kommissar“, fällt Heitinger merklich erregt ein. „Fräulein Friebel kommt bei der peinlichen Angelegenheit unter keinen Umständen in Frage. Es ist völlig ausgeschlossen, daß sie etwas mit dem Diebstahl zu tun hat!“
„Hm. Ich habe die Dame auch keineswegs verdächtigt, Herr Heitinger. Sie kennen Fräulein Friebel schon länger?“
„Ja, mein Herr. Wir wohnen zusammen. Das heißt ... wir haben zwei benachbarte Zimmer bei Madame Dupont, Rue de la Gaité 79.“
Kommissar Valvert geht verstehend über die Angelegenheit hinweg. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß zwei junge Leute, die miteinander befreundet und dazu noch Kollegen sind, auf dem Montparnasse einen gemeinsamen Haushalt führen.
„Wer wußte davon, daß Sie heute einen größeren Betrag bei der Kasse abhoben, Herr Heitinger?“
„Nur Monsieur Pollin. Und der Kassierer natürlich.“
Der Name des Fräulein Friebel liegt dem Kommissar auf der Zunge, aber er unterdrückt ihn höflich. „Sonst niemand?“
„Nein. Sonst niemand.“
Valvert neigt den Kopf. „Dann danke ich Ihnen, Herr Heitinger. Seien Sie versichert, wir werden unser möglichstes tun, die Sache aufzuklären und Ihnen zu Ihrem Eigentum zu verhelfen.“
Henry Heitinger verbeugt sich. „Es ... es wäre mir allerdings sehr lieb, Herr Kommissar. Der Verlust bedeutet für mich einen schweren Schlag. Sonst hätte ich den Diebstahl Herrn Pollin gar nicht gemeldet.“
Als der junge Mann das Zimmer verlassen hat, zündet der Kommissar sich eine Zigarette an und wiegt den Kopf. „Wie ist das, Herr Pollin, hat Herr Heitinger einen Anspruch auf Ersatz seitens Ihrer Firma?“
Pollin schüttelt erstaunt den Kopf. „Nein, das nicht. Es ist für mich natürlich überaus peinlich, daß dergleichen in meinem Betrieb vorgekommen ist, und ich lege großen Wert darauf, daß die Sache aufgeklärt und der Schuldige gefunden wird. Sonst aber ... Herr Heitinger hat den Betrag gegen Quittung von der Kasse erhalten. Von diesem Augenblick an haftet meine Firma natürlich rechtlich nicht mehr für das Geld.“
„Ein fingierter Diebstahl scheidet also aus“, nickt der Kommissar. „Heitinger hätte keinen Vorteil davon, einen solchen vorzutäuschen. Darf ich bitten, Herr Pollin. Wollen Sie noch einmal Fräulein Friebel herbemühen!“
Zwei Minuten nach dem Klingelzeichen Pollins öffnet sich die Tür, und ein junges Mädchen, den Stenogrammblock in der Hand, tritt ein. Ihr Kleid, einfach, aber mit Geschmack gewählt, umschließt eine schlanke, feste Figur. Ihr Gesicht zeigt klare, feine Linien. Über der hohen, sonngebräunten Stirn ringelt sich eine Flut von hellem Blondhaar. Zwei große, rehbraune Augen sind ruhig fragend auf die Herren gerichtet.
Kommissar Valvert kann nicht umhin, seine schönheitsfreudigen Augen rasch und anerkennend über die Gestalt gleiten zu lassen, von den schmalen Fußgelenken aufwärts über die schlanken Hüften, die edelgeformte junge Brust bis zu dem verhaltenen, bei aller Schönheit Kraft und Willensstärke verratenden Gesicht. Ohne Zweifel eine Schönheit! Wenn man die kleine Sekretärin in entsprechende Kleider steckte, sie würde Furore machen in den ersten Salons von Paris. Sonderbar, daß eine junge Dame mit dem Gesicht und der Figur hier als unscheinbare Sekretärin arbeitet, statt in irgendeinem großen Modesalon die erste Geige zu spielen oder an der Seite eines eleganten Roués in einem schnittigen Wagen durch das Bois zu fahren. Herr Valvert legt unwillkürlich die Zigarette auf den Aschenbecher.
„Sie wissen, um was es sich handelt, Mademoiselle. Ich habe vorhin das Vergnügen gehabt, mit Ihnen über die Sache ein wenig zu plaudern. Zu meinem Bedauern nötigt mich mein Amt nun doch, eine kleine Vernehmung auszuüben.“
„Bitte, Herr Kommissar.“ Fräulein Friebel neigt ruhig den Kopf und läßt die Hand mit dem Stenogrammblock sinken.
„Darf ich bitten, Platz zu nehmen.“ Valvert deutet weltmännisch auf einen Sessel und wartet, bis die junge Dame sich niedergelassen hat. „Zunächst wollen Sie mir Ihre Personalien angeben.“
„Herta Friebel, 23 Jahre alt, geboren in Hamburg, deutsche Staatsangehörige.“
Valvert hebt den Blick. „Meine Hochachtung, Mademoiselle! Sie sprechen unsere Sprache mit einem so reinen Akzent, daß ich in Ihnen unbedingt eine Pariserin vermutet hätte.“
Ein flüchtiges Lächeln zuckt um ihren Mund. „Ich kann auch mit dem Argot du Montparnasse dienen, Herr Kommissar. Meine Eltern lebten vor meiner Geburt über ein Jahrzehnt in Paris. Erst 1912 siedelten sie wieder nach Hamburg über.“
„Ihre Eltern leben noch dort?“
Ein Schatten fliegt über Herta Friebels Antlitz und verschluckt das Lächeln. „Ich bin Waise, mein Herr. Durch die Machenschaften eines jüdischen Konkurrenten wurde das Geschäft meines Vaters ruiniert. Vater vermochte die Schande des Konkurses nicht zu tragen und ging im Jahre 1922 freiwillig in den Tod. Meine Mutter starb ein Jahr später aus Gram darüber. Da die Verhältnisse in Deutschland mir wenig Möglichkeiten boten, nutzte ich meine Sprachkenntnisse aus und ging nach Paris. Seit 1928 lebe ich hier.“
Valvert verbeugt sich leicht und geschmeidig. „Es war nicht meine Absicht, Demoiselle, in Ihre Familienverhältnisse einzudringen oder traurige Erinnerungen in Ihnen wachzurufen. Gestatten Sie mir also, zur Sache zu kommen. Sie sind mit Herrn Heitinger näher bekannt?“
„Befreundet.“
„Sie wußten, daß er heute einen Betrag von 5000 Franken an der Kasse abgehoben hatte?“
„Nein, davon hat er mir nichts erzählt. Ich erfuhr es erst, als Herr Pollin ins Büro kam und uns über die unangenehme Angelegenheit befragte.“
„Während der Vormittagsstunden haben Sie auf kurze Zeit Ihren Arbeitsplatz verlassen, wie Sie mir selber sagten und wie Frau Grimmaud bestätigte. Dabei haben Sie den Weg durch den Vorraum genommen?“
Herta Friebel wirft den Kopf zurück. Sie wird nicht rot, aber ihre Augen sprühen förmlich Funken. Das bisher so sanfte Mädchenantlitz bietet plötzlich ein Bild flammender Entrüstung. Auch die melodische, ruhige Stimme wird hart und scharf wie Stahl. „Lassen Sie mich doch gleich abführen, Herr Kommissar! Ich versichere Ihnen, daß ich es unter meiner Würde halte, Ihnen auf derartige Verdächtigungen auch nur eine Antwort zu geben!“
Was ist mit Monsieur Freeman? Pollins Blick gleitet zur Seite und bleibt höchst verwundert an seinem Geschäftsfreund hängen. Der phlegmatische Produktionschef der Phaeton-Film-Gesellschaft ist auf einmal aus seiner schläfrigen Interesselosigkeit aufgetaucht. Er sitzt aufrecht in seinem Sessel und betrachtet unverwandt die Sekretärin. Was hat der nur? denkt Pollin erstaunt. Die Friebel ist hübsch, aber ihre Schönheit wirkt schwerlich auf den guten Freeman. Weibliche Anmut und Schönheit hat der doch draußen in Joinville bis zum Überdruß jeden Tag um sich.
Kommissar Valvert genießt halb unbewußt das schöne Bild des Mädchenzorns vor ihm. „Mademoiselle“, sagt er, seiner Stimme einen möglichst weichen Klang gebend, „ich verstehe durchaus Ihre Empörung. Zwar habe ich, das bitte ich zu beachten, nicht das geringste gesagt, das Sie kränken oder verdächtigen könnte, aber Ihre Intelligenz hat Ihnen zweifellos bereits gesagt, was nun einmal nicht zu ändern ist, nämlich, daß nach Lage der Dinge ein gewisser ... hm, wie soll ich sagen ... also ein gewisser ...“
„Verdacht auf mir ruht“, vollendet Herta Friebel herb. „Ich bin die einzige, die durch den Vorraum gegangen ist, folglich habe ich das Geld Heitingers gestohlen. Mein Herr Kommissar, ich beglückwünsche Sie zu Ihrer scharfsinnigen Logik.“
Unbemerkt von Pollin und dem Beamten schlägt drüben im Sessel Monsieur Freeman leicht die Fingerspitzen zusammen, als markiere er gedämpften Applaus. Tolles Mädel, denkt er anerkennend, wie sie das eben machte, der Übergang von hellem Zorn zu überlegenem Spott, das war erstklassig. Dabei doch gemacht. Wette eine Runde Whisky gegen ein Sousstück, es ist ihr gar nicht Ernst mit ihrer Empörung und ihrem Spott!
Valverts Miene hat sich verschlossen. Die spöttische Bemerkung gewandt überhörend, gibt er den verbindlichen Weltmannston auf und fällt in seine amtliche Sprechweise zurück.
„Bitte, hören Sie mir zu, mein Fräulein. Es ist Ihnen bereits bekannt, daß außer Ihnen und Frau Grimmaud niemand unbemerkt den Vorraum betreten konnte. Frau Grimmaud hat das Sekretariat nicht verlassen. Oder doch?“
„Nein. Sie war keine Minute draußen.“
„Bleiben also nur Sie selbst. Würden Sie es nicht vorziehen, schon aus Rücksicht auf Ihren Chef, Herrn Pollin, meine Fragen ruhig und sachlich zu beantworten?“
Kurze Pause. Herta Friebel überlegt anscheinend, dann zuckt sie leicht die Achseln und sagt in ihrem gewohnten ruhigen Ton: „Gut, mein Herr. Fragen Sie bitte. Ich werde antworten.“
„Mille merci!“ Valvert ist sofort wie umgewandelt, freundlich, verbindlich, ganz lächelnder Weltmann. „Sie sind also durch den Vorraum gekommen. Soviel ich verstehen konnte, haben Sie Ihr Büro nur verlassen, um ... pardon, das läßt sich schwer ausdrücken, nicht wahr?“
Wieder verändert sich Hertas Gesicht jählings, ist wie in ein Meer von Spottlust und Schelmerei getaucht. Tausend kleine Kobolde schlagen Rad in ihren braunen Augen.
„Sie haben es erfaßt, mein Herr. Sagen wir also ruhig, ich war dort, wo — es sich schwer ausdrücken läßt.“
„Und bei Ihrem Gang durch den Vorraum hing dort der Rock des Herrn Heitinger?“
„Wahrscheinlich, denn Heitingers Rock hängt während der Arbeitszeit fast immer dort. Gesehen habe ich ihn nicht, weil ich der Kleiderablage keine Aufmerksamkeit schenkte.“
„Erinnern Sie sich, um welche Zeit Sie Ihr Büro verließen? Wenigstens ungefähr?“
„Sogar ganz genau, denn ich sah, als ich von meinem Platz aufstand, auf die Uhr meiner Kollegin Grimmaud, die vor uns auf dem Arbeitspult lag. Es war 10 Minuten vor 11 Uhr.“
„10 Uhr 50“, notiert der Kommissar. „Und wie lange ungefähr blieben Sie draußen?“
„Auch das kann ich genau sagen. 10 Minuten.“
„Wie kommt es, daß Sie die Zeitspanne so genau wissen?“
Überlegenes, damenhaftes Lächeln. „Daran ist meine Kollegin, Frau Grimmaud, schuld. Als ich zurückkam und meinen Platz einnahm, sah sie auf die Uhr und seufzte: ‚Erst 11 Uhr! Noch eine ganze Stunde bis zur Mittagspause.‘ Wir verglichen dann unsere Uhren und stellten fest, daß es tatsächlich grade 11 Uhr war.“
Monsieur Pollin macht unwillkürlich eine lebhafte Bewegung, wird aber durch einen warnenden Seitenblick des Kommissars gehindert, das auszusprechen, was ihm auf der Zunge lag.
„Frau Grimmaud kann das bestätigen? Sehr gut. Herr Pollin, wenn ich bitten darf!“
Frau Grimmaud wird hereingerufen, eine ältere, hagere Dame, deren hochgeschlossenes Kleid nicht die Dürre von Hals und Schulterpartie zu verdecken vermag. Ihre in befangener Erregung gemachten Aussagen decken sich vollkommen mit den Behauptungen Hertas. Jawohl, auch über den Zeitpunkt kann kein Zweifel sein. Fräulein Friebel war höchstens 10 Minuten draußen, und als sie wiederkam, war es genau 11 Uhr.
„Meine Uhr geht unbedingt richtig“, beteuerte Frau Grimmaud, das Objekt hervorziehend und wie zur Begutachtung dem Kommissar hinhaltend. „Ich stelle sie jeden Morgen nach der Radio-Zeitangabe.“
Frau Grimmaud wird in Gnaden entlassen. Valvert vertuscht ein kurzes Nachdenken damit, daß er anscheinend eifrig in dem vor ihm liegenden Protokoll blättert und einige Stellen liest. Ohne den Kopf zu heben, sagt er mit zu betonter Nebensächlichkeit: „Damit wäre also Ihre Unschuld einwandfrei erwiesen, Fräulein Friebel.“ — „Wieso?“
Großartig, die Verblüffung! stellt von seinem Sessel aus Monsieur Freeman fest und reibt sich unbewußt die Hände. Gradezu dumm sieht das reizende Gesichtchen aus in seinem Erstaunen! Dabei um keinen Millimeter übertrieben.
Auch auf Kommissar Valvert hat die verblüffte Frage Hertas Eindruck gemacht, wenn auch nicht grade in angenehmem Sinne. Unmutig gibt er die gespielte eifrige Beschäftigung auf und wendet sich voll dem jungen Mädchen zu. Einen Augenblick noch sucht er nach einer harmlosverbindlichen Formel, findet sie zu seinem Ärger nicht und verschließt sich ganz, ist auf einmal nur noch der sachliche, unerbittliche Beamte.
„Wieviel Geld haben Sie in Ihrer Tasche, Fräulein Friebel?“
Der neue Zornesausbruch, den sowohl Valvert wie Herr Pollin erwartet haben, bleibt aus. Diesmal lacht Herta nur kurz und spöttisch auf.
„So genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Wahrscheinlich werden es ungefähr fünfzig Franken sein. Wenn Sie sich der Mühe unterziehen wollen, meine Handtasche zu durchsuchen, sie liegt in meinem Schreibpult.“
Valvert ersucht Herrn Pollin, die Tasche durch Frau Grimmaud hereinbringen zu lassen. Gleich darauf hält er die länglich - schmale dunkelblaue Ledertasche mit dem Goldbuchstaben „H“ in den Händen, öffnet sie und untersucht den Inhalt. Die Tasche enthält nichts Ungewöhnliches. Taschentuch, ein Paar hellgelbe Lederhandschuhe, Puderdöschen, Spiegel, eine Wochenkarte der Metro und eine kleine Seidenbörse.
„Siebenundzwanzig Franken“, beendet Valvert die Zählung.
„Also, wie ich sagte“, ergänzt Herta befriedigt.
„Hatten Sie die Tasche bei sich, als Sie gegen 11 Uhr Ihren ... hm ... kleinen Gang machten?“
„Wozu sollte ich das? Die Tasche lag an ihrem Platz unter meinem Pult. Frau Grimmaud wird das wohl bestätigen können.
Frau Grimmaud bestätigt auf einen fragenden Blick des Kommissars sofort, daß ihre Kollegin bestimmt nicht die Tasche mitnahm, als sie das Sekretariat auf einige Minuten verließ.
„Haben Sie heute einen Mantel getragen, Fräulein Friebel?“
„Einen Regenmantel, jawohl. Er hängt draußen in der Kleiderablage. Ebenso meine Kappe.“ Herta schweigt eine Sekunde und zuckt die Achseln. „Daß sich in meinen Manteltaschen keine 5000 Franken befinden, dürften Sie bereits wissen, mein Herr.“
„Woraus schließen Sie das?“ Kurz und scharf kommt die Frage. Herta deutet eine leichte Verbeugung an. Ihr Gesicht trieft von Ironie.
„Sie waren — zusammen mit Herrn Pollin — mindestens 20 Minuten draußen im Vorraum, um den Tatort zu besichtigen, bevor die Vernehmungen begannen, Herr Kommissar. Sollte ich mich täuschen in der Annahme, daß Sie dabei nachgesehen haben, ob sich das verschwundene Geld in den Taschen der anderen dort befindlichen Kleidungsstücke befindet?“
In unangenehmer Schärfe ruhen die Augen des Beamten auf ihrem Gesicht. „In der Tat, mein Fräulein. — Finden Sie es nicht bemerkenswert, daß Sie also bereits vor unserer Vernehmung in ihren Gedanken davon ausgingen, daß ich grade Sie verdächtigen würde?“
Die scharfe, von Argwohn gebeizte Frage löst eine andere Wirkung aus, als Valvert erwartet hat. Ein klingendes, glockenreines Mädchenlachen schwingt durch den Raum. Fast vertraulich beugt Herta sich ein wenig vor, die gezügelte Verbindlichkeit der großen Dame in jedem Zug, jeder Kopfbewegung.
„Sie gefallen sich in Scherzen, mein Herr. Denn ich kann unmöglich glauben, daß ein so hervorragender Beamter der Sûreté wirklich eine so naheliegende Tatsache übersieht.“
„Was meinen Sie? Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir erklären wollten ...“
„Oh, wenn Sie meinen gesunden Menschenverstand auf die Probe stellen wollen, so hoffe ich, die Prüfung zu bestehen“, lächelte Herta, und ihr Lächeln ist wie der Fächerschlag einer jungen Marquise des Ancien regime. „Außer meinem Mantel hängt draußen auch noch der Mantel meiner Kollegin. Wenn ich nicht irre, hängt sogar auch die Handtasche Frau Grimmauds im Vorraum. Meine selbstverständliche Annahme, daß Sie im Vorraum die Taschen der dort befindlichen Kleidungsstücke untersucht haben, bezog ich also nicht auf einen lediglich meine Person betreffenden Verdacht.“
Der Unmut im Innern des Kommissars ist langsam einer erfreuten, gespannten Aufmerksamkeit gewichen. Er betrachtet Herta Friebel beinahe mit dem gleichen anerkennenden Interesse wie Monsieur Freeman, der keinen Blick von dem Mädchen läßt.
„Noch eine Frage, Fräulein Friebel. Sie bestätigen, daß Frau Grimmaud das Büro überhaupt nicht verlassen hat. Sind Sie dessen ganz sicher?“
„Ja, das bin ich.“
„Aber Sie können doch nicht wissen, ob Frau Grimmaud nicht in der kurzen Zeit Ihrer eigenen Abwesenheit ebenfalls hinausgegangen ist. Sie waren 10 Minuten draußen. Frau Grimmaud könnte immerhin in dieser Zeit wenigstens 5 Minuten lang ebenfalls das Büro verlassen haben.“ In Hertas Antlitz malt sich ein kurzes Stutzen. Dann schüttelt sie ernst den Kopf. „Das wäre allerdings denkbar, aber ich nehme es nicht an, da Frau Grimmaud selbst ja erklärt hat, daß sie unser Büro nicht verlassen hat.“
„Nur aus diesem Grund?“
„Nein“, sagt Herta mit klarer Stimme. „Ich weiß, daß ich mich nicht der sonderlichen Zuneigung Frau Grimmauds erfreue. Es beruht auf Gegenseitigkeit. Wir verstehen einander nicht recht. Aber ich halte Frau Grimmaud keine Sekunde für fähig, einen Kollegen zu bestehlen.“ Mit einer raschen Wendung streckt Herta der bis in die Haarwurzeln erröteten Kollegin die Hand hin. Frau Grimmaud erwidert den Händedruck etwas befangen und mit verkniffenen Lippen.
„Danke“, sagt der Kommissar abbrechend. „Die Vernehmung ist beendet. Sie können zu Ihrer Arbeit zurückkehren, Fräulein Friebel. Und Sie, Frau Grimmaud, natürlich gleichfalls.“
„Und meine Tasche?“
Valvert legt die Hand darauf und zaubert wieder ein Lächeln auf seine Lippen. „Bitte, lassen Sie uns die Handtasche noch hier. Ich habe meine Gründe. Selbstverständlich wird Ihnen Ihr Eigentum zugestellt, bevor Sie das Büro verlassen.“
Kaum hat sich die Tür hinter den beiden Frauen geschlossen, als Valvert hastig eine Lupe hervorholt und die Handschuhe Hertas, insbesondere die Innenseiten der Handschuhfinger einer gründlichen Untersuchung unterzieht.
„Nichts“, sagt er endlich mit unverkennbarer Enttäuschung. „Keinerlei brauchbare Abdrücke, ebensowenig wie an dem Rock oder der Brieftasche Heitingers.“ Er nimmt dankend eine von Herrn Pollin angebotene Zigarette, setzt sie in Brand und rafft bedächtig seine Papiere zusammen. „Das Ergebnis unserer Vernehmung ist etwas mager, verehrter Herr Pollin. Ich leugne nicht, daß wir festgefahren sind. Aber nur Geduld. Wir kommen dem Dieb schon hinter seine Schliche.“
Monsieur Pollin räuspert sich heftig. „Sie können sich denken, Herr Valvert, wie unangenehm mir die Geschichte ist. Solange meine Firma besteht, ist es noch nicht vorgekommen, daß einer unserer Angestellten bestohlen wurde. Oh, ich weiß, für Sie als Kriminalisten ist der Diebstahl von 5000 Franken nur eine Kleinigkeit, und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie sich unserer alten Freundschaft zuliebe persönlich herbeibemüht haben. Aber glauben Sie mir, für mich stellt die Sache keine Kleinigkeit dar.“
Valvert lächelt sinnend. „Verehrter Herr Pollin, Sie befinden sich da in einem Irrtum. Nicht immer sind die sogenannten Kapitalverbrechen für uns Kriminalisten die interessantesten Fälle. Oft genug ist ein einfacher Diebstahl, kriminalistisch gesehen, schwerer aufzuklären als ein Raubmord. Hier zum Beispiel haben wir einen solchen Fall. Anfangs dachte ich an einen Gelegenheitsdiebstahl, und ich gestehe gern, daß ich die Sache persönlich nur übernahm, um mich für Ihre vielen Liebenswürdigkeiten erkenntlich zu zeigen. Aber ein kleiner Gelegenheitsdieb handelt nicht so umsichtig. Die Person, die den Diebstahl ausgeführt hat, verfügt über eine gehörige Dosis Scharfsinn und Überlegung, fast möchte ich sagen über fachmännisches Wissen. Brieftasche und Rock des Bestohlenen weisen keine Abdrücke auf. Der Täter scheint mit Handschuhen gearbeitet zu haben. Die Durchsuchung des Tatortes und der angrenzenden Örtlichkeiten, auch des Toilettenraumes, hat nicht die geringste Spur ergeben. Vor allem aber: Der Täter hat es verstanden, zu der Kleiderablage zu gelangen, ohne gesehen zu werden. Bei den vorliegenden lokalen Verhältnissen ist diese Tatsache allein ein interessantes kriminalistisches Rätsel.“
Herr Pollin nickt sorgenvoll. „Ja, das wird auch mir immer rätselhafter. Unser Fräulein Friebel kann es also nicht gewesen sein!“
„Ich bemerkte wohl, daß Ihnen der Kernpunkt der Vernehmung aufging“, stimmt Valvert zu. „Nach der übereinstimmenden Erklärung der beiden Damen war Fräulein Friebel zwischen 10.50 und 11 Uhr draußen. Zeit genug, um den Diebstahl auszuführen. Aber um diese Zeit hing draußen noch gar nicht der Rock des Herrn Heitinger, sondern dessen Lüsterjoppe, die kein Geld enthielt. Es war, wie sowohl Heitinger als auch Ihr Kassierer bestätigen, genau der Zeitpunkt, an dem Heitinger sich im Kassenraum befand, um sein Geld abzuheben.“
„Ja, das fiel mir gleich auf. Aber warum fragten Sie dann nach einer Abwesenheit der Grimmaud? Wenn sie wirklich im Vorraum war, ohne daß die Friebel es wußte, so kann das doch gleichfalls nur in jener Zeit gewesen sein, da Heitinger noch gar nicht von der Kasse zurück war!“
„Eine kleine Falle, lieber Herr Pollin“, lächelt der Beamte. „Unsere Fragen enthalten manche solcher Fallen, in die sich der Täter verstrickt, ohne es zu ahnen. Hm, ich muß gestehen, Fräulein Friebel hat sich in keiner Weise verblüffen lassen. Ihr Alibi wäre somit erwiesen.“
„Ich könnte es mir auch gar nicht vorstellen“, sagt Herr Pollin.
„Und Frau Grimmaud? Die Möglichkeit eines Einvernehmens zwischen den beiden Damen wäre theoretisch vorhanden.“
„Das kann ich mir noch weniger denken. Frau Grimmaud ist seit elf Jahren in meinem Betrieb. Eine gewissenhafte Kraft, wenn auch kein sonderliches Kirchenlicht. Sie bezieht ein anständiges Gehalt und lebt bescheiden. Ich kenne sowohl sie wie ihre Familie.“
„In näheren Beziehungen zu der Friebel steht sie nicht?“
„Durchaus nicht. Was Fräulein Friebel vorhin sagte, trifft zu. Es ist in meinem Büro allgemein bekannt, daß Frau Grimmaud ihre Kollegin nicht gerade liebt. Ich selber habe allerlei Beweise dafür. Zum Teil könnte man da sogar von Gehässigkeiten der Grimmaud sprechen. Ist ja auch kein Wunder, Fräulein Friebel hat eine raschere Auffassungsgabe, und ich kann daher nicht umhin, sie bei manchen vertraulichen Geschäftsangelegenheiten vorzuziehen. Dazu die natürliche Eifersucht und Abneigung der ältlichen und unansehnlichen Frau Grimmaud gegen die hübsche und so viel jüngere Kollegin. Ich glaube zwar nicht, daß die Grimmaud ihrer Kollegin etwas Schlechtes antun würde. Noch viel weniger aber, daß sie ihr durch falsche Angaben, zum Beispiel durch eine falsche Zeitangabe, beistehen würde.“
„Sie haben erfaßt, worauf es ankommt“, sagt Valvert, sich erhebend und seine Aktentasche ergreifend. „Nun, vorläufig kann ich hier nichts mehr machen. Wir werden den Fall weiter verfolgen und die nötigen Ermittlungen anstellen. Sowohl über Frau Grimmaud wie insbesondere über Fräulein Friebel.“
„Aber ich denke ...“
„Nach Lage der Dinge kommen zunächst nur die beiden Personen in Betracht“, fällt Valvert ein. „Die Bestätigung der Zeitangabe durch die Grimmaud entlastet die Friebel. Nun, so unwahrscheinlich es klingt, gerade das Vorhandensein des tadellosen Alibis gibt mir in bezug auf Fräulein Friebel sehr zu denken.“
Monsieur Freeman, der teilnahmlos in seinem Sessel gedöst hat, gibt ein Grunzen von sich. „Wer sagt denn überhaupt, daß hier ein Diebstahl vorliegt, Herr Kommissar? Vielleicht findet sich das Geld noch. Heitinger kann es ebensogut auf dem Weg zwischen Kasse und Vorraum auf dem Flur oder der Treppe verloren haben.“
Valvert verbirgt seine mitleidige Verachtung hinter doppelt gewinnendem Lächeln. „Dann müßte er auch die Brieftasche selbst verloren haben. Denn sowohl der Kassierer wie Heitinger selbst erklären ja, daß der junge Mann die Geldscheine beim Empfang in seine Brieftasche gesteckt und letztere in der Brusttasche seines Rockes verwahrt habe. Daß die Scheine unterwegs aus der Brieftasche herausfallen könnten, ist ein Ding der Unmöglichkeit.“
„Dann also nicht“, brummt Freeman ärgerlich und reicht dem Kommissar die Hand, ohne sich aus seinem Sessel zu erheben.
Als Valvert gegangen ist, macht Herr Pollin durch mehrere hastige Sturmläufe durch das Büro seiner Erregung Luft.
„Sie haben gut lachen, lieber Freeman! Sie stehen außerhalb dieser gemeinen Geschichte. Aber bedenken Sie meine Lage! In allen Büros meines Hauses spricht man in diesem Augenblick nur von dem Diebstahl. Kollegendiebstahl! Ein Dieb in unserem alten, guten Betrieb! Und in zwei Stunden ist Feierabend. Dann läuft die Geschichte durch halb Paris!“
„Wie lange ist die Friebel noch vertraglich an Ihre Firma gebunden?“
„Die Friebel?“ Herr Pollin bleibt unangenehm berührt stehen. „Sie glauben also auch, daß sie ...“
„Ich fragte nur, wie lange sie noch bei Ihnen bleibt.“
„Ich habe bisher nicht daran gedacht, ihr zu kündigen“, versetzt Pollin erstaunt. „Sie ist eine tüchtige Kraft. Ihr Vertrag ist übrigens der übliche. Anstellung auf dreimonatliche Kündigung.“
Freeman nimmt das mit kurzem Nicken zur Kenntnis. „Das Mädchen ist erstklassig“, sagt er sachlich. „Hervorragende Mimik. Ungeheure Begabung in bezug auf psychische Beobachtungen. Von der könnte ein alter Bühnenroutinier was lernen. Figur Ia. Auch das Gesicht muß sich wundervoll fotografieren lassen. Hören Sie, Pollin, das wäre etwas für uns. Ich bin nicht abgeneigt, einen Versuch zu wagen.“
Herr Pollin setzt sich vor Erstaunen in den Sessel. „Unsere Friebel zum Film? Lieber Freeman, ich glaube, da täuschen Sie sich. Fräulein Friebel hat so gar nichts von einer Filmschauspielerin an sich. Sie ist die Natürlichkeit in Person.“
„Eben darum“, grunzt Freeman trocken. „Nicht die große Dame und nicht das abgestempelte naive Filmkind. Stimmt schon. Das Publikum beginnt kritisch zu werden. Es will nicht mehr Filmstars, sondern Schauspieler sehen. Die Friebel ist eine Schauspielerin. Vielleicht weiß sie’s selbst noch nicht.“
Vergebens versucht Pollin dem Gedankengang seines Freundes zu folgen. „Aber wenn nun ... wenn nun die Friebel doch etwas mit dem Diebstahl zu tun hat?“
„Dann natürlich nicht. Eine wegen Diebstahl bestrafte Person ist für den Phaeton-Film untragbar. Darum meine ich eben ...“ Freeman hält inne und verzieht die Mundwinkel, was bei ihm ein Lächeln andeuten soll. „Sagen Sie mal, Pollin, wäre Ihnen nicht damit gedient, wenn dieser ganze Klamauk sich in Wohlgefallen auflöste?“
„Das können Sie sich denken, lieber Freeman!“
„Sie würden ein Stück Geld opfern, wenn dadurch die Sache ungeschehen gemacht werden könnte, was?“
„Das versteht sich. Aber wozu die Frage?“
„Well, dann ersetzen Sie doch dem Heitinger die lumpigen Fünftausend!“
„Ersetzen? Ich verstehe Sie nicht, Bester. Was sollte dadurch geändert werden?“
„Sie verdienen bald an Heitingers plastischem Objektiv das Hundertfache“, fährt der Filmmann unerschüttert fort. „Also opfern Sie den kleinen Betrag. Sie müssen natürlich dafür sorgen, daß das Geld in möglichst unverfänglicher Weise irgendwo auftaucht. Und der guten Sûreté muß mitgeteilt werden, daß sich der verlorene Betrag wiedergefunden hat.“
„So meinen Sie das! Wegen der Friebel also?“
„Ja, so meine ich’s. Überlegen Sie sich die Sache, Pollin.“ Freeman schwingt sich ächzend aus seinem Sessel empor. „Jetzt wollen wir mal in Heitingers Atelier rübergehen und sehen, wie sich seine Sache entwickelt.“
II.
Die Räume der Präfektur sind reichlich düster und ungemütlich, in diesem Augenblick aber doch behaglicher als die Straßen draußen, auf die unaufhörlich ein klatschender Regen niedergeht. Kommissar Valvert entledigt sich mit einem Befriedigungsseufzer seines Hutes und Mantels, legt die nasse Aktentasche zum Trocknen aufs Fensterbrett und sucht seinen Platz hinter dem Schreibtisch auf.
„Kleine Sache“, erwidert er auf den fragenden Blick seines Assistenten. „Einfacher Diebstahl. Immerhin manche interessante Momente. Bitte notieren Sie, Morlain: Eingehende Ermittlungen über Herta Friebel und Josefine Grimmaud. Hier haben Sie die Personalien. Etwas Neues inzwischen?“
Assistent Morlain, noch das Blatt mit den Personalien in der Hand, deutet mit dem Kopf nach einem Aktenstück auf dem Schreibtisch. „Unsere schöne Unbekannte ist wieder auf dem Kriegspfad gewesen.“
„Sacré nom ...! Unsere Unbekannte! L’inconnue de Paris! Ich wollte, sie läge in der Seine wie die andere Unbekannte! Was ist nun schon wieder los?“
„Das alte Spiel, mein Kommissar. Diesmal liegt die Anzeige eines Herrn Lecour vor. Gutsbesitzer aus dem Departement Haut-Auvergne. Den hat sie um 30 000 Franken leichter gemacht. Dazu um eine Brillantnadel, angeblich im Werte von 80 000 Franken.“
„Helas! Wie hat sie das nun wieder fertiggebracht?“
„Diesmal operiert sie mit einem schicken Auto. Eine ungewöhnlich hübsche und elegante junge Dame, die einen schnittigen Wagen lenkte, hat gestern abend auf dem Boul Michel dicht vor diesem Herrn Lecour gestoppt und ihn um Feuer für ihre Zigarette gebeten. Natürlich war Monsieur sofort dazu bereit. Kurze verbindliche Unterhaltung. Dann charmante Einladung, in den Wagen zu steigen. Madame behauptete, den gleichen Weg zu haben, den Herr Lecour zu seinem Hotel einschlagen wollte.“
„Wohin sie dann aber natürlich nicht fuhren?“
„Natürlich nicht. Unterwegs Anfreundung. Herr Lecour erzählte von seinen Weinbergen in der Auvergne. Madame erbot sich liebenswürdig, ihm Paris bei Nacht zu zeigen. Monsieur war natürlich entzückt von diesem Abenteuer. Er verficht jetzt noch energisch die Behauptung, Madame sei keine Kokotte gewesen, sondern eine untadelige Dame der Gesellschaft und habe mit dem Nachfolgenden nichts zu tun. Nun wohl, das Nachfolgende war einfach genug. Gemeinsamer Besuch mehrerer Nachtlokale. Zuerst ein feudales Restaurant, dann mehrere Bars und Kneipen auf dem Montmartre. Herr Lecour ist ein trunkfester Mann und weiß selbst nicht zu erklären, wie es gekommen ist. Aber in vorgerückter Nachtstunde wachte er im Straßengraben zwischen Clichy und Gennevilliers auf und stellte fest, daß Brieftasche und Brillantnadel verschwunden waren. Ebenso natürlich die Dame mit dem schnittigen Wagen. Herr Lecour ist nun in tausend Ängsten, nicht so sehr wegen seines Geldes als um die schöne Unbekannte, die seiner Ansicht nach von Banditen überfallen und entführt worden ist.“
„Großartig! Der Wagen ...?“
Assistent Morlain hebt die Schultern. „Herr Lecour hat es nicht für nötig erachtet, sich die Nummer anzusehen. Er kann nicht mal angeben, welche Fabrikmarke es war. Madame hat sich ihm gegenüber ‚Diane d’Arout‘ genannt.“
„Diane d’Arout? Das ist doch ...“
„Stimmt, mein Kommissar. So heißt die Freundin des bekannten Börsenmannes Roulac. Kommt natürlich gar nicht in Frage. Ich habe der Sicherheit halber sofort Erkundigungen eingezogen. Die wirkliche Diane d’Arout befand sich gestern abend in Gesellschaft des Comte de Polligny in der Oper. Nachher haben die Herrschaften im Hotel Louvre soupiert.“
„Selbstverständlich ausgeschlossen“, stimmt Valvert ohne Bedenken zu. „Madame d’Arout gehört unseren ersten Kreisen an. Wüßte nicht, daß polizeilich jemals irgend etwas gegen sie vorgelegen hätte. Außerdem ... hm, wer so intim mit Herrn Roulac befreundet ist, wie Madame d’Arout, der hat es nicht nötig, Provinzonkels nächtlicherweise auszuplündern. Welche Beschreibung gibt dieser Herr Lecour von seiner Schönen?“
„Sie paßt keinesfalls auf die wirkliche Madame d’Arout. Im übrigen ist sie dürftig und unsicher wie alle bisherigen Beschreibungen der Unbekannten. Groß, schlank, wundervolle Figur, vornehmes, feingeschnittenes Gesicht, blonde, vielleicht gefärbte Haare, Augen braun oder dunkelgrau. Autokappe, elegantes, braun-weiß gestreiftes sportliches Kleid, hellgelbe Lederjacke.“
„Haben Sie die Personalien des Herrn Lecour schon festgestellt?“
„Sofort. Die von ihm angegebenen Personalien stimmen. Er wohnt seit drei Tagen im Hotel d’Etoile. Gestern vormittag hat er im Crédit National 40 000 Franken abgehoben. Ich habe Durand und Jonquières gleich losgeschickt, um die Stelle zu besichtigen, wo Herr Lecour sich nach der Bummelfahrt mit der Schönen wiederfand. Schleifspuren eines Autos sind dort festzustellen, sonst jedoch nichts, was uns als Anhaltspunkt dienen könnte.“
„Schön, mein Guter.“ Valvert hat sich bereits über das Aktenstück gebeugt und studiert aufmerksam die Aussagen des bestohlenen Herrn Lecour, während der Assistent sich am anderen Schreibtisch an seine Arbeit macht. Nachdem er zu Ende gelesen hat, sitzt Kommissar Valvert noch lange in stillem Grübeln da.
Die Sache mit der unbekannten Hochstaplerin beginnt verflucht ungemütlich zu werden. Vor zwei Wochen schon hat der Polizeipräfekt sich ziemlich ungehalten über die Erfolglosigkeit der Sûreté in dieser Angelegenheit geäußert. Die Zeitungen sind voll von versteckten Spitzen gegen die Behörden. Alles was recht ist, die Sache ist auch nachgerade toll geworden. Seit einem halben Jahr hält die Unbekannte die Pariser Polizei zum Narren. Sie arbeitet selten und vorsichtig. Nur etwa jeden Monat einen Coup, aber dann auch so, daß niemand eine Spur von ihr erwischen kann. Natürlich arbeitet sie nicht allein, sondern hat mehrere Helfershelfer, die ihre Opfer vorher sorgsam beobachten. Möglicherweise handelt es sich sogar um eine wohlorganisierte Bande. Aber bis jetzt weiß man nichts, gar nichts über Madame, außer daß sie jung, schön und von bezaubernder Unnahbarkeit ist. Herr Lecour aus der Auvergne ist nicht der erste, der trotz seines üblen Erlebnisses darauf schwört, daß die schöne Unbekannte völlig unschuldig sei. Und niemand hat eine Ahnung, wer sie eigentlich ist! Die Verbrecheralben geben keinen Anhaltspunkt. Die ausländischen Erkennungsdienste vermögen keinen stichhaltigen Hinweis zu geben. Es liegen keine Fingerabdrücke vor. Jede elegante Dame, die in ihrem Kabriolett über die Boulevards rollt, könnte die Gesuchte sein. Aber um Himmels willen keinen Fehlgriff begehen! Der Präfekt hat nachdrücklichst davor gewarnt. Ein Fehlgriff, die Festnahme einer Dame, die sich womöglich nachher als wirkliche Dame der Gesellschaft entpuppt, würde ein Wutgeheul in der Presse auslösen, vielleicht sogar den Präfekten höchstselbst zum Rücktritt zwingen. Und doch muß diesem Treiben ein Ende gesetzt werden. Wer ist diese Gaunerin? Vielleicht wohnt sie im ersten Luxushotel oder gar in einer eigenen, vornehmen Villa. Vielleicht auch haust sie in irgendeinem Kämmerlein auf dem Montparnasse oder in St.-Antoine.
„Schlank, groß, blondes Haar, braune oder dunkelgraue Augen“, wiederholt sich Valvert gedankenvoll die Beschreibung, grübelt noch einige Minuten und reckt den Kopf zu seinem Assistenten hinüber.
„Hören Sie, lieber Morlain, die Sache will mir nicht aus dem Kopf. Ich meine den Diebstahl bei der Firma Pollin. Es sind da gewisse Anhaltspunkte, die auf einen äußerst geschickten Dieb hindeuten. Man könnte fast von einer Meisterleistung sprechen. Ich habe zuerst nur die Sache in die Hand genommen, um meinem alten Freunde, Herrn Pollin, gefällig zu sein, aber jetzt möchte ich sie auch weiter in der Hand behalten. Also alle Eingänge in der Sache sofort an mich! Veranlassen Sie vor allen Dingen möglichst umfangreiche und eingehende Ermittlungen über diese Herta Friebel.“
„Sehr wohl, mein Kommissar.“
Valvert sieht das Erstaunen in den Zügen seines Untergebenen und lächelt leise. „Sie wundern sich, lieber Morlain, daß ich von der kleinen Sache spreche statt von unserer großen Unbekannten? Eh bien, wer weiß, ob uns nicht gerade das auf die so lang ersehnte Spur bringen kann.“
„Ah! Sie haben einen Verdacht, Herr Kommissar!?“
„Wäre zuviel gesagt. Immerhin, mein Lieber, ich lege Wert darauf, möglichst bald Genaueres über die genannte Herta Friebel zu erfahren. Unter anderem auch, wo sie den gestrigen Abend und die Nacht verbracht hat. Veranlassen Sie das sofort!“
*
Noch am gleichen Abend ist Kommissar Valvert im Besitz ausführlicher Berichte über Frau Grimmaud, Herta Friebel und Henry Heitinger. Die leise Andeutung, daß eine der Personen womöglich in Verbindung mit der schönen Unbekannten stehen könne, hat den Leuten von der Sûreté Beine gemacht. Selten ist in Kommissar Valverts Abteilung so schnell gearbeitet worden. Sogar telegrafische Auskünfte der Internationalen Fahndungszentrale Berlin liegen bereits vor.
Kommissar Valvert vertieft sich sofort eifrig in die Berichte.
Über Frau Josefine Grimmaud ist, wie zu erwarten stand, nichts Interessantes zu melden. Ihre Verhältnisse sind klar und einfach. Wesentlich ist höchstens, daß Frau Grimmaud außerhalb ihrer geschäftlichen Arbeit keinerlei Beziehungen weder zu Herta Friebel noch zu dem jungen Heitinger unterhält. Sie wohnt bei ihrer Tante, der Witwe eines mittleren Postbeamten, hat keine Liebschaften, keine kostpieligen Gewohnheiten und noch weniger Schulden.
Valvert legt diesen Bericht bald zur Seite und greift nach den Ermittlungen über Herta Friebel. Seine Hoffnung, hier etwas Interessantes zu finden, scheint allerdings zunächst zu trügen. Die von Herta Friebel angegebenen Personalien sind richtig. Auch was sie über ihre Familie und ihre Lebensgeschichte erzählt hat, stimmt. (Konnte ich mir denken! Diese junge Dame ist viel zu klug, um mir Lügen aufzutischen, die sich als solche festnageln lassen!) Die Berliner Auskunft. besagt, daß die angefragte Herta Friebel unbescholten ist. Auch über ihre Eltern ist bei der deutschen Behörde nichts Ungünstiges bekannt. Die Pariser Polizei hat bisher ebensowenig Veranlassung gehabt, sich mit der jungen Dame zu beschäftigen. Herta Friebel ist im Besitz eines vorschriftsmäßigen Passes und hat Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die sie bisher stets rechtzeitig hat erneuern lassen. Da die deutsche Staatsangehörige Herta Friebel sich nie gegen die Landesgesetze vergangen und sich auch in keiner Weise politisch betätigt hat, lag kein Grund vor, ihr die fortgesetzte Aufenthaltsgenehmigung zu verweigern.
Herta Friebel steht in enger Verbindung mit Henry Heitinger. Die beiden jungen Leute bewohnen seit Jahren zwei dicht benachbarte Zimmer in der Rue de la Gaité. Ihre Mittagsmahlzeiten nehmen sie meist in der Kantine der Pollinschen Fabrik, führen aber sonst einen gemeinschaftlichen Haushalt und anscheinend auch gemeinsame Haushaltskasse. (Na ja, wie ich mir dachte!) Wirtin und Hausnachbarn wissen über die beiden nur Günstiges zu berichten. Sowohl Herta Friebel wie Henry Heitinger werden als fleißige Menschen geschildert, die einen geregelten und ihren Verhältnissen angepaßten Lebenswandel führen. Bei den Geschäftsleuten der Nachbarschaft, wo Herta Friebel ihre Einkäufe macht, wird sie meist scherzhaft „Madame Heitinger“ genannt.
Seit drei Jahren sind die jungen Leute miteinander befreundet, und bisher haben sie ein Zusammenleben geführt, das manche Nachbarsfrau ihrem Ehemann oder Freund oft als geradezu ideal vorgehalten hat. Man sah sie außerhalb der Geschäftszeit fast stets zusammen. Sie besuchten gemeinsam die Lokale ihres Viertels, tanzten vergnügt zusammen, machten Spaziergänge oder saßen gemeinsam in ihrer Wohnung. Beide haben unter den Nachbarn, kleinen Gewerbetreibenden, Angestellten und Arbeitern, eine Menge gute Bekannte.
Das harmonische Verhältnis scheint seit etwa einem Monat eine Änderung erfahren zu haben. Ein Streit oder sonst eine Unstimmigkeit zwischen den beiden ist zwar nicht beobachtet worden. Aber man sieht sie nicht mehr so häufig beisammen wie vorher. Mademoiselle Friebel besucht in den letzten Monaten oft allein die Kinos und auch gelegentlich einmal ein Bistro in der Nachbarschaft, während ihr Freund jetzt sehr oft seine Abende in einem anderen Stadtteil verbringt. Auch Mademoiselle Friebel fährt oft mit der Metro nach Geschäftsschluß fort, ohne erst ihr Heim aufzusuchen. Welche Gegenden oder Lokale in Paris die jungen Leute jetzt bevorzugen, hat sich noch nicht feststellen lassen. In der Nachbarschaft haben sie jedoch dadurch manche Freundschaft eingebüßt. Man verübelt es ihnen, daß sie dem Montparnasse untreu geworden sind, und teilweise wirft man ihnen neuerdings Hochmut vor. Ein Gerücht, daß Demoiselle Friebel in einem intimen Verhältnis zu ihrem Chef stehe, scheint sich nicht zu bewahrheiten. Monsieur Pollin lebt in ungetrübter Ehe mit seiner Frau und seinen drei Kindern. (Gewiß, mein Freund Pollin ist ein vorzüglicher Familienvater. Aber auch der beste Ehemann macht mal einen Seitensprung. Hm, ich werde dem braven Pollin gelegentlich einen Wink geben, vorsichtig zu sein!) Herta Friebel hat sich bisher nie durch größere Geldausgaben verdächtig gemacht. Sie trägt sich stets elegant und geschmackvoll, weiß jedoch vorteilhaft einzukaufen und schneidert auch zum Teil ihre Kleider selbst. Sie ist lebenslustig, tanzt gern, treibt Sport, ist eine vorzügliche Schwimmerin und chauffiert. Besonders in der letzten Zeit hat man sie öfter — ohne Begleitung — im Wagen ihres Chefs gesehen, wodurch wahrscheinlich das Gerücht von dem Verhältnis entstanden ist. Es ist jedoch erwiesen, daß Monsieur Pollin, der seine Sekretärin sehr schätzt, ihr mehrmals aus freien Stücken seinen Wagen für einen Nachmittag oder Abend zur Verfügung gestellt hat. Herr Pollin selbst hat dabei niemals die Friebel begleitet. Auch Henry Heitinger nicht. (Sie fährt also Auto! Hm. Aber Vorsicht! Weil sie Auto fährt, braucht sie noch lange nicht die verdammte Unbekannte zu sein!)
Über den Aufenthalt der Friebel hat sich folgendes ermitteln lassen: Während Henry Heitinger die Räume der Firma Pollin bei Geschäftsschluß um 18 Uhr verließ, hat Herta Friebel noch bis 19.30 Uhr im Büro Monsieur Pollins auf dessen Wunsch Diktate aufgenommen. Nach Erledigung der Arbeit hat Herr Pollin seiner Sekretärin auf deren Bitte seinen Wagen für den Abend zur Verfügung gestellt. (Oho!) Er konnte das um so leichter, als Herr Pollin an diesem Abend von seinem Geschäftsfreund, dem Produktionsleiter Freeman von der Phaeton-Film-Gesellschaft, in dessen Auto zu einer Uraufführung abgeholt und später auch von Herrn Freeman zu seiner Wohnung gefahren wurde. Herr Pollin vereinbarte mit seiner Sekretärin, daß sie den Wagen erst am nächsten Morgen zur Fabrikgarage zurückbringen sollte.
Herta Friebel ist etwa um 20 Uhr in Herrn Pollins Wagen abgefahren, und zwar in Richtung zur Pont St.-Michel. Zwischen 20.30 und 20.45 Uhr ist sie am Steuer des Wagens auf dem Boulevard Haussmann gesehen worden, und zwar von Herrn Ray, einem ihrer Kollegen aus dem Betrieb Pollin. Nach Aussage des Herrn Ray trug die Friebel das gleiche Kleid, das sie tagsüber im Büro trug, ein dunkelblaues Komplet mit gleichfarbiger Strickmütze. (Hm. Herr Lecour wurde um 22 Uhr auf dem Boulevard Michel von der schönen Unbekannten angesprochen. Die Friebel könnte in der Zwischenzeit in einem Schlupfwinkel ihre Kleider gewechselt haben!) Über den weiteren Aufenthalt der Friebel hat sich nichts feststellen lassen. Sie ist nach dem Zeugnis ihrer Wirtin erst um 3 Uhr morgens heimgekommen. Ob Henry Heitinger zu dem Zeitpunkt bereits daheim war oder erst später kam, vermag die Wirtin nicht zu sagen. Mit der Friebel kam er jedenfalls nicht.
Die Zeitangabe der Wirtin wird erhärtet durch die Aussage des Tankwarts Martin von der Nachtgarage Ecke Rue de Buci und Rue Mazarine. Bei ihm erschien um 2.30 Uhr nachts eine junge Dame, die der Beschreibung nach unzweifelhaft mit Herta Friebel identisch ist, und stellte einen Wagen, Marke Renault, Wagennummer 9293 R F — 9, ab. Der Tankwart Martin sah, wie die Dame nachher quer über die Straße zur Metrostation ging. Am folgenden Morgen gegen 7.30 Uhr erschien die junge Dame abermals bei der Garage, tankte und fuhr nach Bezahlung der Kosten mit ihrem Wagen ab. Eine halbe Stunde später stellte Herta Friebel den Wagen des Herrn Pollin in der Fabrikgarage unter und begab sich zum Dienst. Sie trug nach Aussage des Tankwarts bei ihrem nächtlichen Erscheinen ebenfalls ein dunkelblaues Kleid.
Mehreren Angestellten der Firma Pollin ist aufgefallen, daß Herta Friebel am Morgen des 9. März abgespannt und mißmutig aussah.
Herrn Pollins Wagen trägt die Nummer 9293 R F — 9 und ist eine braune Renault-Limousine.
Das Papier knistert in Kommissar Valverts Hand. Tiens! Wie hat dieser Herr Lecour ausgesagt? Etwa um 3 Uhr hat er mit seiner Unbekannten die Bar „Chez Belmaire“ verlassen und ist wieder in ihren Wagen gestiegen, um erst gegen Morgen in einem Straßengraben aufzuwachen. Das wäre also zu der Zeit, da die Friebel längst ihren Wagen abgestellt hatte und in ihrer Wohnung eintraf! Aber sachte, sachte! Ob der Provinzonkel sich da nicht irrt in seiner Zeitangabe? Er war da doch sicher schon erheblich unter Alkohol gesetzt und kann sich leicht versehen haben. Oder ... Donnerwetter! Sollte hier absichtlich durch irgendeinen Trick ein Alibi geschaffen werden? Genau wie bei dem Diebstahl? Man muß nicht vergessen, Herrn Lecour genau zu befragen, woher ihm die Zeitangabe bekannt ist! Kommissar Valvert macht sich eine Notiz und überdenkt, sich zurücklehnend, noch einmal den Bericht. Es ist da manches, wahrhaftig, wenn man noch so vorurteilslos urteilt, es ist da manches Verdächtige. Die Beschreibung Lecours, die ungefähr auf Herta Friebel passen könnte! Die merkwürdige Tatsache, daß sie sich öfter den Wagen ihres Chefs ausleiht, um — wohlverstanden ohne ihren Freund oder sonst eine Begleitung! — abends in Paris umherzufahren. Es ist immerhin sonderbar, daß eine junge Dame von 20 Uhr bis 2.30 Uhr nachts allein durch die Stadt fährt, eben zu der Zeit, da die Unbekannte ihr Opfer aus der Auvergne fertigmachte! In der Kleidung ist da allerdings eine Unstimmigkeit, aber die schöne Unbekannte ist klug genug, um irgendwo ein Nestchen zu haben, wo sie sich umkleiden kann. Und dann der Wagen selbst! Eine braune Renault-Limousine! Herr Lecour ist ein Mann der alten Schule und kennt leider nicht viel von Automarken, aber auch er beschreibt den Wagen der Unbekannten als einen geschlossenen, braungestrichenen Wagen. Wahrhaftig, es könnte stimmen!
Valvert fühlt Jagdfieber in den Wangen brennen, als er zu dem nächsten Bogen greift. Sehen wir zu, was über Henry Heitinger ermittelt worden ist.
Auch hier ist zunächst festgestellt, daß die Personalien richtig sind. Die nächsten Seiten wiederholen in der Hauptsache nur, was über das Verhältnis zwischen Henry Heitinger und Herta Friebel bereits aus dem vorhergehenden Bericht bekannt ist. Dann aber kommt ein Absatz, den Kommissar Valvert zweimal liest.
„Seit einiger Zeit unterhält Heitinger Beziehungen zu Madame Diane d’Arout. Wie Heitinger zu der Bekanntschaft gekommen ist, steht noch nicht fest. Einwandfrei ermittelt ist jedoch, daß er mehrmals in der Gesellschaft Madame d’Arouts gesehen wurde. So am 20. Februar, als er mit der Genannten in deren Loge die Comédie Française besuchte, und am 3. März bei einem Spaziergang mit Madame d’Arout im Luxembourg. Durch Befragung der Jeanne Vinot, die bis zum 1. März dieses Jahres als Zofe bei Madame d’Arout bedienstet war, habe ich festgestellt, daß Henry Heitinger in der Zeit vom 1. Februar bis 1. März mehrmals zum Tee in der Villa Madame d’Arouts eingeladen war. In einem dieser Fälle war auch Monsieur Roulac zugegen.
Heitinger scheint bisher über die Bekanntschaft gegen jedermann geschwiegen zu haben. Weder seine Geschäftskollegen noch seine Nachbarn wissen etwas davon. Aller Wahrscheinlichkeit nach ahnt auch seine Freundin Herta Friebel nichts von dieser Bekanntschaft.
Größere Geldausgaben hat Heitinger auch in Gesellschaft von Madame d’Arout nicht gemacht.“
Kommissar Valvert zündet sich eine Zigarre an und bläst den Rauch durch die Nase. Das ist ja eine komische Angelegenheit! Wie der Rauch der Zigarre kreiseln und ringeln sich seine Gedanken zu den sonderbarsten Luftgebilden. Der kleine Angestellte Henry Heitinger und die bekannte Weltdame Diane d’Arout! Wie kommen denn die zusammen? Diane d’Arout hat schon zu Lebzeiten ihres Gatten eine nicht unbeträchtliche Rolle in der Pariser Gesellschaft gespielt. Nach seinem Tode — das war etwa vor fünf Jahren — hat sie sich zunächst schicklich zurückgezogen. Bis sie dann eines Tages ihre Trauer abstreifte und wieder in den Salons erschien, viel angestaunt und beneidet, weil der Börsengewaltige Guido Roulac offensichtlich um ihre Gunst warb. Man munkelte damals sogar von einer bevorstehenden Heirat. Dazu ist es nun allerdings nicht gekommen, aber im Laufe der Zeit wurde es öffentliches Geheimnis, daß Madame d’Arout die Freundin Roulacs war. Eine große Dame, eine gefeierte Frau. Dabei kultiviert und von sicherer Vornehmheit. Diane d’Arout ist keine emporgekommene Midinette oder Piseuse, sondern stammt aus einer angesehenen Beamtenfamilie. Ihr Vater war Souspräfekt im Departement Saône et Loire. Madame d’Arout ist eine bekannte Erscheinung bei fast jeder gesellschaftlichen Veranstaltung. Man sieht sie in Auteuil, in Biarritz, in den Salons der alten Aristokratie wie bei den Empfängen der Minister. Ihr Verhältnis zu Roulac gibt ihr einen besonderen Rahmen. Man weiß nicht, ob Madame d’Arout selber sonderliches Vermögen besitzt, aber man weiß, daß sie mit Roulac eng befreundet ist und daß ein Tip von Roulac an der Börse ein Vermögen wert ist. Alles in allem eine große Dame und noch dazu von tadellosem Ruf. Diane d’Arout hat es verstanden, jederzeit das Dekorum zu wahren. Ihr Name ist in keinem der vielen Skandale und Skandälchen der Gesellschaft aufgetaucht.
Und wer ist Henry Heitinger? Ein junger Mann, weiter nichts. Zugegeben, er sieht gut aus, er hat sogar — nach den Bemerkungen seines Chefs zu urteilen — ungewöhnliche Fähigkeiten in seinem Beruf entwickelt. Die optischen Kenntnisse des jungen Heitinger dürften indes Madame d’Arout wenig interessieren. Und sonst? Er ist durchaus nicht der Typ eines Bel-Ami, hat auch sonst keine bestechenden Eigenschaften. Wie in aller Welt kommt der Junge an diese Bekanntschaft? Madame d’Arout pflegt sich einen jungen Menschen, den sie zufällig kennengelernt hat, nicht zum Tee einzuladen und mit ihm das Theater zu besuchen, noch viel weniger eine solche gleichgültige Bekanntschaft Herrn Roulac vorzustellen.
Wie alt mag Madame d’Arout sein? Fünfunddreißig? Vierzig oder gar darüber? Man weiß es natürlich nicht genau, aber wenn man nachrechnet, nüchtern und erbarmungslos, so muß sie wohl an die Vierzig sein. Henry Heitinger ist genau vierundzwanzig, jung und unverbraucht. Sollte am Ende ...? Hm, die Launen einer schönen Frau sind unberechenbar.
Aber Monsieur Roulac? Kommissar Valvert sieht den Geldmann fast greifbar vor sich. Ein hagerer, verkniffener Herr, Anfang der Fünfzig, ein fast menschenscheuer Sonderling, der sich selten in der Gesellschaft zeigt und außer Madame d’Arout keine näheren Freunde hat. Um so häufiger taucht sein Name auf. Es schwebt ein Geheimnis um Monsieur Roulac, der übrigens früher Rotsee hieß und erst vor einem knappen Jahrzehnt die französische Staatsbürgerschaft erwarb. Seine Wiege dürfte in der Nähe von Warschau gestanden haben. Seither aber ist Monsieur Roulac eine Nummer geworden, ein Mann, der seine Finger so ziemlich in jedem großen Geschäft hat. Ein kluger Rechner, ein skrupelloser Geschäftsmann ist er unbedingt. Und dem Mann, der sich sonst vom Gesellschaftsleben fast ganz zurückzieht, zu dem man schwerer gelangt als zum Präsidenten der Republik, sollte Madame den jungen Heitinger in ihrem Heim vorgestellt haben? Oder waren die beiden Herren gegen den Willen Madames dort zusammengetroffen?
Valvert wiegt ärgerlich den Kopf. Was gehen mich Madame d’Arout und Monsieur Roulac an? Aber da war etwas anderes. Hatte die schöne Unbekannte sich nicht Herrn Lecour gegenüber Diane d’Arout genannt? Ausgerechnet Diane d’Arout! Wenn’s wirklich die Friebel wäre ... man könnte leicht auf die Vermutung kommen, daß sie von der Bekanntschaft ihres Freundes weiß und daß ihr der Name Diane d’Arout geläufig ist.
Der Fernsprecher auf dem Tisch klingelt.
„Sind Sie’s selbst, lieber Herr Valvert?“ meldet sich eine dem Kommissar wohlbekannte Stimme. „Ja, hier spricht Pöllin! Ein Glück, daß ich Sie noch in Ihrem Büro erwische. Eben teilt mir mein Nachtwächter mit ... die 5000 Franken unseres Herrn Heitinger haben sich wiedergefunden!“
„Was sagen Sie da, Herr Pollin?“
„Jawohl. Blinder Alarm! Es liegt zum Glück überhaupt kein Diebstahl vor! Kann Ihnen sagen, lieber Herr Valvert, mir ist eine Last von der Seele!“
„Bitte erklären Sie mir genauer. Das Geld ...?“
„Jawohl, das hat sich gefunden. Vielmehr, mein Nachtwächter, der eben jetzt seinen Dienst angetreten hat, meldete sich vor zehn Minuten bei mir. Ich sitze nämlich noch im Büro und arbeite. Geplagter Geschäftsmann, der ich bin. Also der Nachtwächter hat auf seinem Rundgang fünf Tausendfrankscheine gefunden. Unten im Geräteverschlag, dicht neben der Treppe. Da die Tausendfranknoten bei mir sonst nicht so herumliegen, kann es sich nur um Heitingers Geld handeln. Es muß durch den Treppenschacht heruntergefallen sein.“
„Aus Heitingers Brieftasche?“
„Nein, natürlich nicht. In dieser Beziehung muß ein Irrtum vorliegen. Entweder hat Heitinger das Geld gar nicht in seine Brieftasche gesteckt oder er hat es unterwegs, als er von der Kasse kam, herausgenommen. Vielleicht erinnert er sich nicht mehr daran. Jedenfalls muß er das Geld auf der Treppe verloren haben. Die Scheine sind dann durch den Luftzug in den Schacht geweht worden und heruntergefallen. Anders kann ich mir es nicht erklären.“
„Hm. Hören Sie, verehrter Herr Pollin, das klingt aber gar nicht überzeugend.“
„Muß aber doch wohl so sein. Wie sollte das Geld denn sonst in den Verschlag kommen?“
„Der Dieb könnte es dort versteckt haben.“
Die Stimme Pollins lacht etwas gezwungen. „Nun ja, das wäre wohl möglich. Aber warum sollten wir uns nicht an die harmlosere Möglichkeit halten? Die Hauptsache ist, das Geld ist wieder da. Jeder einzelne meiner Angestellten wird erleichtert aufatmen, wenn ich morgen berichten kann, daß der angebliche Diebstahl sich so harmlos aufgeklärt hat. Und ich selber auch.“
„Wenn ich recht verstehe“, sagt Valvert langsam, „so ziehen Sie also Ihre Anzeige zurück?“
„Gewiß, gewiß, lieber Herr Valvert. Bin Ihnen unendlich verpflichtet für Ihre Bemühungen, aber unter den Umständen — nicht wahr, es ist das beste, wir lassen die ganze Sache ruhen.“
„Einen Augenblick, bitte! Weiß Herr Heitinger schon von dem Fund des Geldes?“
„Heitinger ist bereits fort. Aber ich werde Fräulein Friebel bitten, es ihm heute abend noch zu sagen. Morgen früh kann er dann sein Geld bei mir in Empfang nehmen.“
„Fräulein Friebel ist bei Ihnen?“
„Hilft mir bei der Kalkulation. Also wir gehen einig, lieber Herr Valvert? Sie legen die unangenehme Sache ad acta?“
„Nun, wenn Sie es wünschen, so ...“
„Natürlich. Ich bin heilfroh, daß sich die dumme Sache auf die Weise aufgeklärt hat.“
„Gut, ich nehme Ihre Mitteilung zur Kenntnis.“
„Tausend Dank und auf baldiges Wiedersehen, lieber Herr Valvert. Ich rufe Sie dieser Tage mal an. Vielleicht zum gemeinsamen Abendessen bei Riccaud. Er hat einen ganz wunderbaren Chambertin. Aber pardon, ich vergesse, Sie sind ja nicht Herr Ihrer Zeit. Vielleicht rufen Sie mich selber mal an und nennen mir einen Tag, der Ihnen genehm ist. Werden Sie das, bester Herr Valvert?“
„Gern, Herr Pollin. Ich rufe Sie bestimmt dieser Tage an.“
Bedächtig legt Kommissar Valvert den Hörer auf. Was bedeutet das nun wieder? Das Geld ist gefunden, und ausgerechnet auf diese wenig glaubhafte Weise? Hm, der liebe, gute Pollin ahnt augenscheinlich, wer der Dieb ist, und möchte ihn decken. Scheint eine kleine Schwäche zu haben für seine hübsche Sekretärin. Er leiht ihr seinen Wagen zu abendlichen Ausfahrten, und jetzt zahlt er gar 5000 Franken aus seiner eigenen Tasche, um die Friebel vor bösen Folgen zu bewahren! Wenn ich Pollin nicht seit einem Dutzend Jahren kennen würde und wüßte, was für ein grundanständiger Mensch er ist, so würde ich unangenehme Folgerungen für ihn daraus ziehen.
Kommissar Valvert hört draußen auf dem Flur die Schritte des ablösenden Innendienstes und schließt, sich langsam erhebend, seine Gedankenreihe.
Also Pollin möchte, daß wir uns nicht mehr mit der Sache beschäftigen. Ach nein, mein Guter, ich werde mich noch sehr erheblich damit befassen. In aller Stille natürlich. Aber meinem lieben Freunde Pollin muß ich doch gleich morgen einen Wink zur Vorsicht geben. Er ahnt ja gar nicht, wem er da sein Vertrauen und seine Gunst schenkt. Hat keinen Schimmer, wer diese Herta Friebel — möglicherweise — ist!
III.
Henry Heitinger wandert ziellos durch den Abend, die Hände in den Taschen, den Mantelkragen hochgeschlagen, denn es regnet immer noch; ein feiner dünner Sprühregen, der nur im Schein der Laternen und Lichtreklamen sichtbar wird. Spiegelblank schimmert der Asphalt und läßt den Widerschein der Lichter leise erzittern.
Da ist die Rue de la Gaité. Ohne es zu wollen, ist Henry Heitinger auf seinem planlosen Abendgang in die Nähe seiner Wohnung gekommen, verhält zaudernd den Schritt und macht dann ärgerlich kehrt. Wohin? Ja, wohin eigentlich? Hinüber zu den Boulevards, wo die stolzen Limousinen lautlos über den spiegelnden Asphalt gleiten? Oder auf den Montmartre, wo man den staunenden Fremden in Glanz und buntem Flitter das Sündenbabel Paris vortäuscht? Nein, es ist schon besser, auf dem Montparnasse zu bleiben. Wo man hingehört. Mit einem schmerzhaften Stich spürt Henry Heitinger sich zurückgeworfen in dieses Gewirr von Gassen und Gäßchen, das seit Jahren seine Heimat geworden ist. Da drüben liegt Paris, la ville lumière! Das Paris des eleganten Geschmacks, das Paris der überfeinerten Kultur, vornehm thronend auf der Tradition jahrhundertelangen Glanzes. Das Paris seiner Sehnsucht. Aber man ist nun einmal ein armer Teufel. Was nützt es, daß eine gütige Märchenfee mit ihrem Zauberstab das verschlossene Tor entriegelt und den staunenden Knaben an die Schwelle des Paradieses geführt hat! Das Leben, das tückische, schlägt die Pforte hohnlachend wieder zu.
Henry Heitinger drückt den weichen, nassen Hut fester in die Stirn und setzt seine Wanderung fort. Der Regen beginnt wieder stärker zu werden, tropft ihm unangenehm von der Hutkrempe in den Rockkragen. Da ist das „Café Tricolore“, sein Stammlokal. Warum nicht hineingehen und eine Tasse heißen Kaffee nehmen? Es hat doch keinen Zweck, in diesem Sauwetter durch die Straßen herumzulaufen. Das Geld, die 5000 Franken, kommen dadurch doch nicht wieder.
Drangvolle Enge in dem kleinen Café mit den zerschlissenen roten Polsterbänken und den gelbfleckigen, bestoßenen Marmortischen. Junge Burschen mit ihren Mädchen, ältere Männer mit niedrigen Halskragen und Gesichtern, auf denen noch der Ernst des Arbeitstages liegt, blutarme, schmale Midinetten und vollbusige, gesundheitsstrotzende junge Frauen des Montparnasse, deren lauter, derber Argot es mit den Hallenbeherrscherinnen des Käses und der Artischocken aufnimmt, Studenten aus dem Quartier Latin, ein paar hagere braune Afrikaner, die tagsüber an der Porte St.-Denis ihre aus Böhmen und Sachsen bezogenen orientalischen Teppiche feilhalten. Man ist unter sich, will unter sich sein hier auf dem Montparnasse. Es wäre leicht, aus dem „Café Tricolore“ einen Amüsierbetrieb zu machen, der die Fremden anlockte. Der Montmartre mit seinem Cookschen Nepprummel beginnt langsam sogar den Fremden über zu werden. Aber man verzichtet hier darauf, Konkurrenz zu machen. O bitte, man hat nichts gegen die Fremden. Hunderte von Bewohnern des Montparnasse verdienen ihr Geld auf dem Montmartre. Als Kellner, als Portiers, Barmädchen, Platzanweiserinnen, Tänzerinnen. Sie lachen nicht einmal über diese Engländer und Amerikaner, die sich den blödsinnigen Rummel als „Paris“ servieren lassen. Montmartre, des bestaunte Vergnügungsviertel, ist für sie Arbeit, Verdienst, Brot. Hier aber will man unter sich sein und bleiben.
Hinter dem Büfett mit der blanken Nickel-Expresso-Maschine steht, wie allabendlich, der ruhige, gutmütige Pierre Joulons, der Inhaber der „Tricolore“. Ein paar Gäste, der Briefträger Rabaud und der Markthelfer Vallier, nicken dem eintretenden Henry Heitinger zu. Und da ist auch Bernard, Jules Bernard, der Stolz der Rue de la Gaité. Jules Bernard, der das Glück gehabt hat, sich vom Bankbeamten zum zweiten Sekretär des Geldfürsten Roulac emporzuschwingen.
Henry Heitinger zwängt sich durch das Gewühl bis zu dem Ecktisch, an dem Bernard in eifrigem Gespräch mit einem Fremden seinen Absinth schlürft. „Hast dich rar gemacht, Henry“, begrüßt der Sekretär den Freund, rückt ein wenig zur Seite auf der schmalen Polsterbank und macht, einen Namen murmelnd, eine kurze, vorstellende Handbewegung gegen seinen Tischgenossen. Heitinger entledigt sich seines nassen Überzeuges, zwängt sich auf den Sitz und winkt dem Garçon.
„Guten Abend, Monsieur Heitinger. Sie haben sich ja so lange nicht blicken lassen!“ begrüßt ihn der Kellner.
Wieder die gleiche Anspielung. Henry runzelt die Stirn und überhört die Frage. „Bringen Sie mir einen Expreß, Charles!“
„Sofort, Monsieur.“
Den Kopf zur Seite wendend, begegnet Heitinger dem blassen, nervösen Gesicht Bernards, das ihn forschend betrachtet. Ob er etwas weiß von — ihr? Diane verkehrt im Hause seines Chefs, des großen Roulac, aber es ist schwer anzunehmen, daß Herr Roulac seinem Angestellten etwas über die Bekanntschaften Madame d’Arouts erzählen sollte.
„Ich freue mich, daß du dich mal hergefunden hast, Henry“, sagt Bernard gleichmütig. „Was hast du eigentlich getrieben in der letzten Zeit?“
„Gearbeitet, mein Lieber. Ich bin einer Erfindung auf der Spur.“
„Fräulein Friebel erzählte mir davon. Wir trafen uns neulich hier. Aber sie sagte ...“
„Außerdem hab’ ich mir eine Reihe Opern angesehen“, fährt Henry rasch fort. „Ein Zufall verschaffte mir ein billiges Abonnement. Das mißgönnst du mir doch wohl nicht?“
Bernard zieht die Brauen hoch. „Warum sollte ich dir das mißgönnen, mein Junge?“
Henry atmet innerlich auf. Jules Bernard ist augenscheinlich ahnungslos. Wenn er wüßte, wenn sie alle wüßten, wieviel es gekostet hat an List und Verstellungskunst, das große Geheimnis zu wahren. Vor allen Bekannten und Freunden! Auch vor Herta! Aber es ist gut so! Gut, daß niemand etwas ahnt. Er trinkt mit Behagen den glühheißen Kaffee und lauscht dem Gespräch, das Bernard mit dem Fremden führt. Schade, daß Jules in Gesellschaft ist. Henry hätte ihm gern die Sache mit den 5000 Franken erzählt. Jules ist ein kluger Kopf. Vielleicht könnte er einen Rat geben.
Die beiden an Henrys Seite unterhalten sich über politische Fragen in einem rasend schnellen, auf die Endsilben hin betonten Pariserisch. Zweifellos ist der Fremde wie Jules „Pariser aus Paris“. Henry findet keine rechte Gelegenheit, sich einzuschalten, und fühlt verdrossen: Es ist nicht mehr wie sonst. Etwas hat ihn fremd werden lassen in seinem alten Stammlokal. Der Gruß, den ihm beim Eintreten Pierre Joulon vom Büfett aus zunickte, war bei aller Gastwirtshöflichkeit eine Spur weniger herzlich als sonst. Die lustige Yvette, mit der er oft getanzt hat, drehte, absichtlich oder unabsichtlich, den Kopf zur Seite, als er vorhin hinübergrüßte. Auch Jules scheint sich fast ausschließlich mit dem Tischgenossen beschäftigen zu wollen, dessen Namen Henry vorhin bei der Vorstellung nicht verstanden hat. Wer ist das eigentlich?
Henry hat Muße genug, den Fremden ausgiebig zu betrachten. Ein schon älterer Mann mit einem spiegelglatten Kahlkopf, einem buschigen Schnurrbart und scharfen, etwas grämlichen Gesichtszügen, aber klugen, grauen Augen, aus denen eine nicht unbeträchtliche Willenskraft blitzt. Ein Geschäftsfreund Bernards? Nein, der Mann sieht nicht aus wie ein Kaufmann oder Angestellter aus jenem Paris der Bronzetüren und Panzerschränke, in dem Jules jetzt heimisch ist. In seinem fast schäbig zu nennenden Anzug mit der weichen Hemdbrust und dem langen, oberflächlich gebundenen Schlips scheint der Fremde eher auf dem Montparnasse zu Hause zu sein. Henry kann sich jedoch nicht erinnern, das Gesicht früher schon gesehen zu haben.
„Warum hast du deine Schwester nicht mitgebracht?“ wendet er sich, eine Gesprächspause benutzend, an Bernard.
„Lucienne?“ Jules Bernards Mundwinkel zucken nervös. „Ich kann doch Lucienne nicht hierherführen!“
„Nun, ich denke, wenn Herta ...“
„Pardon, lieber Henry, ich hatte nicht die Absicht, dich zu kränken. Fräulein Herta, das ist ganz etwas anderes. Sie ist eine Dame, reif, selbstsicher, lebenserfahren. Sie könnte ohne Bedenken den berüchtigtsten Keller besuchen. Aber mit Lucienne ist es etwas ganz anderes. Das Kind ist bei den Grauen Schwestern erzogen. Ein Kind, jawohl, ein wirkliches Kind noch trotz ihrer siebzehn Jahre. Ein wahres Gotteswunder, das noch wenig von der Welt ahnt. Ich glaube, sie würde sterben, wenn ich sie hierherbringen würde in diese Zigarrenkiste voll Tabaksqualm und Geschrei.“
Henry lächelt ein wenig, hütet sich jedoch, zu widersprechen. Er weiß, das Schwesterlein ist der Augapfel Jules Bernards. Er spricht gern und viel von ihr. Vielleicht ist bei aller Liebe auch eine unbewußte Dankbarkeit im Spiel, denn ohne die kleine Lucienne wäre Jules Bernard wohl schwerlich den Glasberg emporgeklommen. Ihretwegen hat er geschuftet wie ein Kuli. Ihretwegen hat er sich emporgearbeitet zu einer Stellung, die so leicht kein anderer in so jungen Jahren erringt. Jules Bernard hat schon seit Jahren ein gutes Gehalt bezogen, aber erspart hat er nichts, und er bewohnt nach wie vor ein bescheidenes möbliertes Zimmerchen in der Rue de la Gaité. Aber sein Schwesterlein hat er im besten Pensionat erziehen lassen, und später, als sie der Schule entwachsen war, hat er sie in einem guten, soliden Pariser Haushalt eingemietet, mit Familienanschluß natürlich.
„Lucienne!“ Jules Bernard ist in seinem Fahrwasser und hat bereits aus seiner Brieftasche ein in einer hübschen Lederhülle steckendes Lichtbild hervorgezogen. „Das ist meine kleine Schwester, Monsieur Fréjolle! (Also Fréjolle heißt der Fremde!) Gibt es etwas Reizenderes als das reine, holde Kindergesicht? Dabei so wohlerzogen, so sanft und lieb!“
„Eine hübsche, junge Dame“, urteilt Herr Fréjolle, höflich das Bild betrachtend. „Es wird nicht lange dauern, bis sie jemand zur Heirat begeistert.“
Bernard lacht fast erschrocken. „Wo denken Sie hin! Lucienne wird eines Tages heiraten, natürlich. Den Mann, der ihr das ganz große Glück geben und den Bruder ersetzen kann, wenn ich einmal nicht mehr da bin. Aber damit hat es gute Weile. Vorläufig will Lucienne ihr eigenes Dasein leben. Oh, sie ist klug genug, um sich durchsetzen zu können. Sie stenografiert, schreibt Maschine, spricht fließend Deutsch und Englisch. Ich habe sie vorläufig als Stenotypistin in meinem Büro untergebracht.“
„Bei Herrn Roulac?“ sagt Monsieur Fréjolle und preßt eine Sekunde seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. „Da würde ich an Ihrer Stelle vorsichtig sein, Herr Bernard. Man hört allerlei über Herrn Roulac und seine Gewohnheiten.“
Jules Bernards Gesicht sieht einen Augenblick noch blasser aus als es ohnehin ist. Sein Lachen klingt unsicher. „Sie spaßen, Herr Fréjolle. Mein Chef ist ... es steht mir übel an, ihn in das Gespräch zu ziehen. Ich verdanke Herrn Roulac viel.“
„Dann will ich Ihnen ein Bild dieses Herrn entwerfen.“ Die Stimme Fréjolles klingt sonderbar hart. „Herr Roulac ist ein tüchtiger Rechner, ein Mann, der die goldenen Grashalme wachsen hört und das Übermorgen schnuppert. Davon wissen alle ein Lied zu singen, die mit ihm an der Börse oder sonst in Berührung gekommen sind. Aber er ist auch ein Mann, der erbarmungslos zuschlägt, kalt und grausam, wo es seinen Vorteil gilt. Auch davon wissen gar manche zu sagen. Freilich, er tritt selbst wenig in Erscheinung. Er hat seine Strohmänner, die er vorschickt, wenn es gilt, einem armen Teufel die Krawatte zuzuschnüren oder einem Konkurrenten das Lebenslicht auszublasen. Herr Roulac sitzt in seinem Palais, einsam und schweigsam, wie eine hagere, giftige Spinne, zählt sein Geld, an dem die Schweiß- und Bluttropfen anderer Leute kleben und — huldigt seinen aparten Gewohnheiten.“
Henry Heitinger wundert sich, wie verfallen und alt mit einemmal sein Freund aussieht. Jules Bernard muß erst das vor ihm stehende scharfe Getränk herunterschütten, bevor er antworten kann. „Sie malen ein schwarzes Bild von Herrn Roulac, Monsieur Fréjolle. Indessen, ich gebe zu ... es mag manches Wahre sein an dem, was Sie sagten. Aber sind die andern großen Geldleute anders? Glauben Sie, daß Rothschild seine Millionen auf weniger gewagte Art zusammengekratzt hat? Geld! Den Mann möchte ich sehen, der Millionär wird, ohne seine Hände und sein Gewissen zu beschmutzen.“ Er schweigt einen Augenblick und hebt dann ergeben die Schultern. „Was wollen Sie, Herr Fréjolle, man muß mit den Wölfen heulen. Ich möchte auch lieber ein Weingütchen im Süden haben und mit Lucienne still und friedlich leben, statt im Dienste Herrn Roulacs zu arbeiten. Aber ich muß, Herr Roulac ist für mich das Sprungbrett. Die Stellung als Sekretär bei ihm ist so gut wie eine Zukunftsversicherung. Wenn ich eines Tages mich verändere, kann ich auf Grund dieser Stellung bei jeder Bank anklopfen und ein anständiges Gehalt fordern. Lassen wir also Herrn Roulac seine Art. Was aber meine Schwester betrifft, so wollen wir sie in das Gespräch nicht hineinziehen. Sie hat nichts mit Herrn Roulac zu tun.“
Die letzten Worte hat Jules Bernard in wachsender Erregung hervorgestoßen. Fréjolle streicht seinen Schnauzbart und sieht ihn von der Seite an.
„Ich wollte Ihren Gefühlen nicht zu nahe treten, Herr Bernard. Sprechen wir nicht mehr davon.“
„Ich danke Ihnen. Übrigens — kennen Sie Herrn Roulac?“
„Persönlich natürlich nicht. Nur aus den Schilderungen. Ein hagerer, etwa fünfzigjähriger Herr mit einer Glatze wie ich, nicht wahr?“
Jules schüttelt lächelnd den Kopf. „Nein, Herr Roulac hat glattes, braunes Haar. Möglich allerdings, daß er eine gutgearbeitete Perücke trägt. Aber ich kenne ihn nur mit braunem Haar und seiner Hornbrille.“
„So, so. Eine Hornbrille trägt er auch. Nun, es ist reichlich lange her, daß ich über Herrn Roulac etwas hörte. Ich war neun Jahre fort von Paris.“
Henry Heitinger, um den sich während des ganzen Gesprächs niemand gekümmert hat, findet es an der Zeit, sich geltend zu machen und wirft ein höfliche Frage ein.
„Sie waren lange von Paris fort, Herr Fréjolle? Im Ausland?“
„Nein, in unserem Frankreich, wo es am schönsten ist.“ Herr Fréjolle lacht rauh auf. Es klingt so schmerzhaft, daß sowohl Henry wie Jules betreten aufschauen. Dann sagt der Mann mit dem Schnauzbart ruhig, aber in sonderbar hartem Tonfall:
„Ich bin erst vor einer Woche gelandet. Warum soll ich Ihnen meine Geschichte nicht erzählen. Ich komme von der Teufelsinsel.“
Henrys Pupillen haben sich etwas erweitert, aber sonderlich schwer nimmt er das Geständnis nicht. Man weiß, daß die Teufelsinsel schon manchen Unschuldigen beherbergt hat, und wenn dieser Fréjolle auch wirklich früher einmal etwas ausgefressen hat, hier auf dem Montparnasse kommt man oft genug mit Menschen zusammen, die das Gefängnis nicht nur von außen kennen.
Jules Bernard hingegen blickt seinen Tischgenossen, mit dem er bisher vertraulich plauderte, plötzlich eisig und vorwurfsvoll an. Teufelsinsel hin oder her, aber daß ein Mann, der im Bagno war, das Bild der süßen Lucienne in seiner Hand gehalten hat, das verzeiht Jules Bernard nicht so leicht.
„Ja, also von der Teufelsinsel“, sagt Fréjolle, mit dem Strohhalm in seinem Absinth rührend. „Vor drei Jahren schon wurde ich begnadigt. Es stand mir frei, heimzureisen. Aber ich blieb freiwillig dort. Was heißt schon heimreisen, wenn man kein Heim hat! Ist auch gar nicht so übel da drüben, wenn man sich erst eingewöhnt hat. Wissen Sie, meine Frau hatte die Erlaubnis erhalten, mir nachzureisen. Ein braves, treues Weib. Aber eine von den Frauen, die durch ihre eheliche Treue den Mann um das Glück der Freiheit bringen.“ Er schüttet sein Getränk hinunter und wischt sich den Schnurrbart. „Bien, als ich entlassen wurde und die Bagnokleidung abstreifen durfte, hatte sie schon alles in Schuß. Ein kleines Häuschen, ein Gärtchen, man konnte geradezu von einer kleinen Pflanzung sprechen. Leider vertrug sie auf die Dauer das Klima nicht. Vor einem Jahr ist sie gestorben. Ich hatte die Absicht, für immer auf der Insel zu bleiben, aber als ich allein war, hielt ich es nicht aus. Die Sehnsucht nach Paris packte mich, zerrte mich, bis ich eines Tages meine kleine Pflanzung verkaufte und den fälligen Postdampfer nahm. So, nun wissen Sie, wer ich bin, und wenn Sie nun noch einen Absinth mit mir trinken wollen, dann ... He, Garçon!“
„Alles Gute zum neuen Leben im alten Montparnasse, Herr Fréjolle!“ sagt Henry, sein Glas erhebend, und sprudelt dann unaufhaltsam heraus, was ihm auf der Seele liegt. „Ja, ich bin auch unversehens in einen Kriminalroman geraten! Ein Diebstahl, jawohl! Man hat mir heute 5000 Franken aus meiner Brieftasche gestohlen!“
„Was du nicht sagst! Dir?“ Jules taut aus seiner eisigen Zurückhaltung auf und starrt den Freund an, der nun ohne Unterbrechung den Hergang erzählt.
„Ich bin einfach verzweifelt!“ schließt er erregt. „Wenn ich mein Geld nicht wiedererhalte ...“
„Nun, nun, die Polizei wird schon ...“
„Ach, die Polizei! Vielleicht gelingt es ihr, den Dieb zu fassen. Aber das Geld wird er längst verjubelt haben. Und darauf kommt es an! Ich muß die 5000 Franken haben! Ich muß! Mein Leben ... nein, das ist zuviel gesagt ... aber meine ganze Zukunft hängt davon ab!“
„Um Himmels willen, Henry! Hast du etwa ...?“
Heitinger errötet unter dem entsetzten Blick des Freundes. „Nein, so nicht, lieber Jules. Ich habe selbstverständlich nicht das Geld unterschlagen. Wie könnte ich das? Mit unserer Kassenabteilung hab’ ich doch nichts zu tun. Aber ich brauche das Geld, Herrgott, Mensch, versteh’s doch! Ich brauche es! Gib mir einen Rat! Sag mir, wie ich bis ... bis übermorgen mir 5000 Franken verschaffen kann!“
„Ich würde an Ihrer Stelle zum Beispiel Herrn Roulac totschlagen und ihm sein Sündengeld abnehmen“, scherzt Fréjolle rauh.
Jules Bernard schüttelt ärgerlich den Kopf zu dem dummen Witz und streicht nachdenklich sein Kinn. „Hör mal, Henry, das wäre eine Möglichkeit! Ich meine, was Herr Fréjolle da sagt, ist natürlich nur ein Scherz, aber — wenn du dich wirklich mal an Herrn Roulac wendetest!“
„Du bist nicht klug, Jules! Herr Roulac wird sich gerade mit einem Darlehn von lumpigen 5000 Franken abgeben!“
„Er selbst gewiß nicht. Aber ... hm, du bist in der Lage, das Geld in monatlichen Raten zurückzahlen zu können? Notfalls mit — sagen wir mal — erheblichen Zinsen?“
„Das bin ich! Du weißt, was ich monatlich beziehe, und meine Stellung ist ungekündigt. Außerdem werde ich bald durch meine Erfindung einen viel größeren Betrag erhalten, vielleicht auch eine besser bezahlte Stellung bei Pollin.“
„Dann kann ich dir helfen. Herr Roulac überläßt es mir, einen kleinen Teil der flüssigen Gelder neu anzulegen. Nur bei den großen Sachen bestimmt er selber, was zu geschehen hat. Er wird es mir nicht abschlagen, wenn ich ihn bitte, mit dem Darlehn einem Freund aushelfen zu dürfen. Sagen muß ich es ihm allerdings, denn er verlangt stets genaue Auskunft über Namen, Firmen, Bonität und so weiter. Dafür ist er Geschäftsmann.“
„Das wäre herrlich, Jules!“ Henry fällt dem Freunde fast um den Hals und jubelt so laut, daß sich an den Nebentischen die Köpfe wenden. „Du meinst wirklich, daß du das in ein, zwei Tagen regeln kannst?“
„Unbesorgt. Komme übermorgen in mein Büro, dann ... Aber hallo! Siehst du denn nicht? Das ist doch Fräulein Herta, die da kommt!“
Ernüchtert folgt Henry dem Blick des Freundes und sieht in der Tat Herta Friebel sich von der Tür her durch die Enge quetschen, dem Vater Joulon die Hand über die Theke hinstreckend und nach links und rechts lachend die scherzenden Begrüßungsworte ihrer Bekannten erwidernd. Herta! Mit einemmal wird Henrys strahlendes Gesicht wieder müde und sorgenschwer. Wenn man es ihr nur sagen könnte! Mehrmals schon hat er einen Anlauf dazu genommen, war entschlossen, sich ehrlich und offen mit ihr auszusprechen. Aber die ersten Worte sind ihm jedesmal in der Kehle steckengeblieben. Herta hat so eine Art, einen anzuschauen mit ihren klaren, sicheren Augen ...
„Da seid ihr ja!“ Herta begrüßt kameradschaftlich Jules Bernard, nickt dem Freund vergnügt zu und läßt sich Herrn Fréjolle vorstellen. Die Enge am Tisch beginnt fürchterlich zu werden. Henry spürt dicht neben sich die Wärme des Mädchens und wird immer verlegener.
„Hast du mich etwa gesucht, Herta?“
Sie nickt und nimmt einen Strohhalm zwischen die Lippen, während der Kellner dienstfertig ein neues Getränk bringt. „Bewundere deine Kombinationsgabe, Henry. Ich dachte mir nämlich, daß du heute abend irgendwo in der Gegend zu finden sein würdest.“
Henry versteht den Spott. Ohne Geld kann man nicht in Paris herumbummeln. Da begnügt man sich mit der alten Kneipe. Er zwingt seinen Mißmut herunter und bietet höflich Zigaretten an.
„Du hast bis jetzt Überstunden gemacht?“
„Ja. Unser süßer, dicker Chef hatte pfundweise Arbeit. Übrigens ist er schuld, daß ich dich suchte. Ohne das hätte ich dich natürlich nicht in deinem Vergnügen gestört. Du kennst ja unseren Vertrag. Paragraph eins: Persönliche Freiheit.“
„Ach, Herta! Einmal muß ja doch ...“ Henry beißt sich auf die Lippen und bricht ab. Hier vor den anderen kann er unmöglich eine Aussprache mit Herta herbeiführen. „Also Pollin will etwas von mir?“
„Ja, er läßt dir sagen, daß deine 5000 Franken sich wieder eingefunden haben.“
„Ah!! Man hat den Dieb erwischt!?“
„Den Dieb nicht, aber das Geld. Was dir bedeutend lieber sein dürfte. Der alte Legard, das Faktotum von Pollin, hat dein Geld unten im Geräteverschlag gefunden. Es ist durch den Treppenschacht da runtergewirbelt worden.“
„Großartig! Die beste Lösung! Gratuliere, lieber Henry!“ Jules Bernard schlägt dem Freunde herzlich auf die Schulter, und selbst Herr Fréjolle lächelt erfreut. Nur Henry selber starrt mit offenem Munde seine Freundin an. Klug sieht der Erfinder des plastischen Objektivs gerade nicht aus.
„Aber ... das ist doch ... Wie kann denn das Geld aus meiner Brieftasche da heruntergefallen sein?“
„Du hast es natürlich gar nicht in die Tasche gesteckt, kleiner Dummrian.“
„Aber ja! Ganz bestimmt! Das kann doch Kassierer Aubert bezeugen!“
Herta hebt mit einer bildschönen Bewegung die Schultern und sieht den Freund aus ruhigen, klaren Augen an. „Hör mal, lieber Henry, ich möchte dir den Rat geben, dich nicht so sehr auf diese Behauptung zu versteifen. Pollin ist überzeugt davon, daß ihr euch geirrt habt, du und Aubert. Ich vermute, er will davon überzeugt bleiben. Die Hauptsache ist doch, daß du dir morgen beim Chef deine Fünftausend abholen kannst. Oder irre ich mich darin?“
„Aber natürlich ist das die Hauptsache!“ lacht Jules froh. „Henry war schon ganz verzweifelt über den Verlust. Wir sprachen eben davon, da kamen Sie!“ Er intonierte aus Tosca: „Sie kam wie eine Gottheit!“
„Göttinnen gibt’s mir zu viele, mein lieber Jules. Ich lege keinen Wert darauf, da eingereiht zu werden.“ Herta bläst sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn und legt ihre Arme um Henrys und Jules Schultern. „Habt ihr hochwichtige Aussprachen hier? Nicht? Dann zahlt und kommt mit rüber ins ‚Rococo‘. Ich will mit Ihnen tanzen, Jules!“
Pulsuz fraqment bitdi.