Kitabı oxu: «Buddha ohne Geheimnis»

Jhana Verlag im Buddha-Haus
www.buddha-haus.de oder www.jhanaverlag.de
Wir senden Ihnen gerne unseren Katalog zu.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.ddb.de abrufbar
Deutsche Erstausgabe 1986 im Theseus Verlag
Textgrundlage dieses eBooks ist die gedruckte Version des gleichnamigen Titels.
eBook-ISBN 978-3-931274-52-8
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
© Jhana Verlag, Uttenbühl 2014
Copyright eBook: © Jhana Verlag, Uttenbühl 2014
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden. Dies gilt auch für die Vervielfältigung, Übersetzungen, Microverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.
Korrektorat: Traudel Reiß
Covergestaltung: Jörg Hoffmann, jhpDESIGN
Satz und Layout: Claudia Wildgruber
Druck: Druckerei Steinmeier GmbH, Deiningen
Inhalt
Vorwort
I. Die vier Wohnstätten der Götter
1. Liebende Güte (mettā)
Liebende-Güte-Meditation
2. Mitgefühl (karunā)
3. Mitfreude (muditā)
4. Gleichmut (upekkhā)
II. Karma und Wiedergeburt
III. Vier Arten von Glück
IV. Die drei Tore zur Befreiung
1. Die vorstellungslose Befreiung
2. Die wunschlose Befreiung
3. Die substanzlose Befreiung
V. Der überweltliche Weg
VI. Die Zehn Vollkommenheiten
VII. Die fünf Hindernisse
VIII. Achtsamkeit
IX. Die Vier Edlen Wahrheiten
X. Die vier Nährstoffe
XI. Wie Prinz Siddhārtha zum Buddha wurde
XII. Geschichten und Legenden
1. Ānanda
2. Saṅgharakkhita und sein Neffe
3. Ein alter Mönch, der sich für erleuchtet hielt
4. Nanda
5. Devadatta
6. Kisā Gotamī
7. Die Nonne Khemā
Vorwort
Dieses Buch ist aus Dhamma-Vorträgen entstanden, die ich in einem zehntägigen Meditationskurs in Dicken (Schweiz) 1983 gehalten habe. Dazu kamen noch einige Vorträge aus einem Meditationskurs 1984 im Haus der Stille, Roseburg. Alle wurden auf Tonband aufgenommen, und ohne die unermüdliche, mit viel Liebe verrichtete Arbeit von Margot Unterberg wäre dieses Buch nie erschienen. Sie hat die Tonbänder transkribiert und in ein druckreifes Manuskript verwandelt. Dank gebührt auch Frau Hedwig Lauckner für ihre Anregungen und Korrekturen.
Allen meinen Schülern in den deutschsprachigen Ländern danke ich für die Aufmerksamkeit und das Interesse, mit denen sie mir zugehört haben. Ihre Fragen und persönlichen Erlebnisse haben geholfen, die Lehre des Buddha noch tiefer und schlichter zu erklären, so dass vielleicht mehr und mehr Menschen Zugang zu ihr finden können.
Wenn dieses Buch den Zweck erfüllt, das innere Auge für die Wahrheiten und Herrlichkeiten des Herzens zu öffnen, und den Weg ein wenig zeigt zu Glück und Frieden inmitten des vielfältigen Alltags, dann war es jeder Mühe wert. Wenn es gar einige Leser dazu bewegen sollte, zu einem Meditationskurs zu kommen oder einen Meditationslehrer aufzusuchen, dann sind alle meine Hoffnungen erfüllt.
Von Herzen, Ayya Khema,
Kemmenau, im November 1985
I
Die vier Wohnstätten der Götter
Jeder von uns hat vier wahre innere Freunde: Gefühlsregungen, auf die wir uns verlassen können. Sie heißen in Pāli,der Sprache des Buddha, die Vier Brahmavihāra, wörtlich übersetzt »die Wohnstätten der Götter«; denn wenn wir keine anderen Gefühle als diese vier in uns hegen, können wir den Himmel auf Erden haben. Nicht Unruhe oder gar Tragödien herrschen dann in unserem Herzen, sondern Frieden. Jeder hat den Samen dieser vier höchsten Emotionen in sich; aber von selber wachsen sie nicht. Wir müssen uns ständig bemühen, uns selbst zu erkennen, damit wir merken, wenn wir mit unseren Gefühlen vom richtigen Weg abgekommen sind. Am meisten müssen wir uns davor hüten, anderen die Schuld dafür zuzuschieben, dass wir nicht glücklich und zufrieden sind. Es geht nicht um Schuld, es geht um unsere Reaktionen.
Wenn wir diese vier Gefühle vervollkommnen und alle anderen durch sie ersetzen, ändert sich unsere Bewusstseinsebene. Das ist es nämlich, was wir im spirituellen Leben erreichen können und, ohne es genau zu wissen, auch erreichen wollen. Das Streben eines Menschen, der sich keiner spirituellen Praxis unterzieht, ist auf Überleben und Habenwollen von materiellen und ideellen Gütern sowie angenehmen Gefühlsregungen ausgerichtet. Da wir mit diesen Dingen auch die ständige Angst um sie haben, ist auf dieser Ebene nie Frieden zu finden.
1. Liebende Güte (mettā)
Der erste unserer vier inneren Freunde ist jene Art Liebe, die sich nicht auf einen Einzelnen richtet, sondern eine umfassende, universelle Liebe ist. Sie heißt auf Pāli mettā; das ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. »Liebende Güte« ist eine Formulierung ohne Stärke, ohne Kraft. Wir haben im Deutschen keine genaue Entsprechung zu dem Pāli-Wort. Unser Wort »Liebe« hat wenigstens Kraft, und jeder hat eine Vorstellung von seiner Bedeutung, aber leider im Allgemeinen eine falsche. Es kommt nun darauf an, sie in das umzuwandeln, was der Buddha unter mettā verstanden hat.
Bei »Liebe« denken die meisten an zwei oder doch nur ganz wenige Menschen: Mann und Frau, Eltern/Kind(er), einander eng Nahestehende; in zweiter Linie vielleicht noch an die Liebe zu Gott oder zu einem Ideal oder an Vaterlands-, Heimatliebe. Diese Art Liebe ist freilich nicht das, was der Buddha mit mettā gemeint hat. Denn unsere Art zu lieben ist verbunden mit Angst. Angst, Furcht hat man aber nur vor dem, was man hasst, nicht vor dem, was man liebt. Und was hasst man dabei? Die Möglichkeit des Verlustes. Unterschwellig weiß jeder, dass nichts bestehen bleibt; leider nur unterschwellig. Da uns am Beginn unserer Meditationspraxis die aufsteigende Einsicht in den ständigen Wandel erst einmal Angst einflößt, versuchen wir, vor ihr davonzulaufen, statt uns in sie zu vertiefen. Menschen sind schon seltsame Wesen! Statt uns selber auf den Grund zu gehen, benutzen wir unsere Geistesgaben, von denen wir ja reichlich viele haben, entweder zum Erfinden von Dingen, die uns das Leben angenehmer machen sollen, was sie letztendlich nie tun, oder dazu, uns in philosophische Gedanken zu verwickeln, von denen aber auch kein Ausweg zu erwarten ist. Wir füllen uns sozusagen mit etwas an, das nie erfüllt. Und da Liebe, die mit Angst verbunden ist, keine reine Liebe sein kann, haben wir die entsprechenden Resultate in uns und um uns herum. Diese Art Liebe ist auch mit der Erwartung verknüpft, der andere habe liebenswert zu sein, und zwar rund um die Uhr. Was absurd ist! Das kann nur der Erleuchtete fertigbringen, und von denen gibt es nicht sehr viele. Wir haben also Erwartungen, die unerfüllbar sind, und leben demgemäß in ständiger Enttäuschung. Wenn wir lieben, wollen wir wiedergeliebt werden. Selbst dort, wo es nicht um die übliche Zweierbeziehung geht, sondern um Liebe zu Idealen, haben wir immer Ziele und wollen wir etwas zurückbekommen.
Nichts von alledem ist mettā. Mettā ist eine Qualität des Herzens, wie Intelligenz eine Qualität des Geistes ist. Mit »Herz« meine ich natürlich das spirituelle, nicht das anatomische Herz. Sein Sitz ist in der Mitte des Brustkorbs, man kann es deutlich spüren. Wenn die liebende Güte stark wird, fühlt man dort Druck und Wärme, und man kann auch fühlen, wenn es sich öffnet. Wir haben die Samen in uns. Wenn wir sorgsam mit ihnen umgehen, den richtigen Weg einschlagen und, um beim Bild vom Gärtnern zu bleiben, das Unkraut beizeiten zupfen, kann auch Liebe, die herrlichste aller Blumen, voll zur Blüte kommen. Das ist freilich nicht so einfach, wie es sich anhört, und wird leider zu wenig praktiziert. Daran krankt die Menschheit, weil jeder Einzelne daran krankt. Es sind ja nicht »die da draußen« und »wir hier drinnen«. Wir sind die Menschheit, sind ein Muster davon – hoffentlich keines ohne Wert! In diesem Sinne an uns zu arbeiten, ist das ertragreichste, was wir überhaupt tun können.
Wie weite Kreise ein positiver Einfluss ziehen kann, hängt nur von der Reinheit ab, die jeder in sich selber geschaffen hat. Es wäre schon viel gewonnen, wenn er die eigene Familie erreichte, die Kollegen, Nachbarn, Freunde und Bekannten. Und die Reinheit wiederum ist abhängig von einer Liebe, die nicht nur uneigennützig ist, sondern auch vollkommen bedingungslos. Dagegen wird dann oft, zu Recht, eingewendet, man müsse demnach auch Schufte und Verbrecher lieben. Die Antwort darauf ist ganz einfach: »Ja«. Das bedeutet nicht, ihre Taten gutzuheißen oder unsere Urteilskraft einzubüßen und nicht mehr zu wissen, was gut und böse ist. Das wäre schrecklich! Es fällt sowieso vielen Menschen schwer, Gut und Böse auseinanderzuhalten. Aber da auch Schufte und Verbrecher Lebewesen sind, die leiden, so wie wir alle leiden, gibt es gar keine andere Wahl als Liebe und Mitgefühl.
Die Qualität des Herzens, das lieben kann, ist eine Qualität, die einem Sicherheit gibt. Man fühlt, dass man sich auf sich selber verlassen kann, weil man genau weiß, wie man reagieren wird: nicht mit Wut, Ärger, Angst, Ablehnung, Aufregung, Widerstand, sondern mit Liebe – was auch geschehen mag. Dann hat man im eigenen Herzen die einzige Sicherheit gefunden, die es gibt. Alles Materielle ist ja durch und durch unsicher und einem ständigen Wandel unterworfen. Aber liebende Güte können wir so in uns stabilisieren, dass sie unwandelbar wird: Unser Verhalten ist dann ganz unabhängig davon, wer vor uns steht – ob er uns tadelt, droht, Böses antut –, weil wir eingesehen haben, dass jede andere Reaktion als die aus liebender Güte uns selber unglücklich macht. Wir wären ja Narren, wollten wir uns vorsätzlich unglücklich machen. »Wären«? Leider hat der Buddha erkannt: Wir alle sind Narren. Aber wir können uns ändern! Und das ist ja wohl auch der Grund, warum Sie zu einem Meditationskurs wie diesem gekommen sind.
Der Feind von Liebe ist Hass. Das sieht jeder ein und bedarf keiner Erklärung. Aber der nahe Feind von Liebe ist Zuneigung, und das ist schwer zu erkennen. »Nah« heißt er, weil er der Liebe zum Verwechseln ähnlich ist. Zuneigung ist aber mit Anhaften verwoben. Wir halten uns an dem, dem wir zugeneigt sind, fest, und dadurch halten wir auch das Objekt unserer Zuneigung fest. Aber jegliches Anhaften ist eine große Bürde!
Der Buddha sprach von elf Vorteilen, die der genießt, der mettā im Herzen hat:
Er geht glücklich schlafen, hat keine Alpträume, wacht glücklich wieder auf. Wer nämlich den ganzen Tag über niemals ein Gefühl von Hass, Ärger, Unsicherheit, Angst, Neid in sich gehabt hat, der kann nur glücklich einschlafen, denn sein Geist ist ruhig und glücklich. Woher sollten da Alpträume kommen? Was den Tag zuvor geprägt hat, ist auch der erste Gedanke beim Aufwachen.
Ferner wird einer, dem Liebe das Herz füllt, von Lebewesen aller Art geliebt.
Viele suchen seine Nähe – seien es Menschen oder Tiere oder andere Wesen.
Er wird von den Devas1 beschützt, hat sozusagen einen Schutzengel.
Da er nichts Schlechtes denkt, spricht, tut, wahrnimmt und fühlt, widerfährt ihm in der Regel auch nichts Böses. Unsere Gedanken geben uns die Richtung, und sie sind von unseren Gefühlen bestimmt. Wenn die Gefühle rein, warm und liebevoll sind, sind es die Gedanken auch.
Sein Geist ist schnell konzentriert, er kann also gut meditieren. Die Läuterung der Gefühle bringt die Klarheit des Geistes.
Wer mettā im Herzen hat, habe eine »gute Gesichtshaut« – eine merkwürdige Übersetzung, es ist wohl eher der Gesichtsausdruck gemeint; wer liebevolle Gefühle hegt, sieht natürlich viel schöner aus als einer, der voller Hass ist. Wir brauchen in unserer Wut nur in den Spiegel zu schauen. Unsere Gefühle stehen uns buchstäblich im Gesicht geschrieben.
Er stirbt einen unverwirrten Tod.
Das heißt, ein Mensch, der im Leben liebende Güte praktiziert hat, wehrt sich nicht voller Angst gegen das Sterben. Wer viel mit Sterbenden zu tun hat, weiß, dass für die meisten Menschen Sterben eine schwere Zeit ist. Wir sprechen ja auch vom »Todeskampf«, vom »Ringen« mit dem Tod. Nur wenige können ruhig sterben. Liebende Güte ist dabei der springende Punkt. Die kann man sich aber nicht noch rasch zulegen, wenn die letzte Stunde bereits geschlagen hat; wann das sein wird, weiß keiner – Grund genug, sich ab sofort in liebender Güte zu üben!
Wer es darin zur Vollendung gebracht hat, kann eine Wiedergeburt in den höchsten Brahma-Bereichen erwarten. Aber das ist Zukunftsmusik. Ich messe dem keine Bedeutung bei, denn die Hauptsache ist, was sich in diesem gegenwärtigen Leben abspielt. Natürlich hat alles Einfluss auf die Zukunft, aber da sich unsere Gedanken und Gefühle ja jede Sekunde ändern, ist nicht die Zukunft in Betracht zu ziehen, sondern der Moment des Praktizierens. Und der ist jetzt.
Liebende Güte wird auf zwei Wegen geübt: durch Meditation und durch unser Verhalten.
Ich habe in Australien einmal mit einer Frau gesprochen, die Kurse in Kommunikation gibt. Ist es nicht absurd, dass wir erst lernen müssen zu kommunizieren? Sie sagte mir, dass Worte nur 7% der Kommunikation ausmachen. Die restlichen 93% liegen in Tonfall, Lautstärke, Mimik, Gestik, Körpersprache. Wer Liebe empfindet, braucht also keine Worte, um sie mitzuteilen. Er muss nicht die Runde machen und jedem versichern: »Ich liebe dich« – das wäre lächerlich und unglaubwürdig. Glaubwürdig ist allein das liebevolle Verhalten, und das überträgt sich von Herz zu Herz. Einsamkeit, die große Not unserer Zeit, ist Ausdruck mangelnder Liebe unter den Menschen. Wer keine Liebe empfinden kann, sollte sich immer wieder selber einen Ruck geben; wohin man die Gedanken richtet, dorthin kommt mit der Zeit auch das Gefühl. Der Verstand, das bewusste Drandenken kommt einem dabei zu Hilfe. Wir sollen ja den Verstand weder ablegen noch gering schätzen, er ist notwendig, und er kann uns auch auf die richtige Bahn lenken. Das ist der Grund, weshalb der Buddha Lehrrede um Lehrrede gehalten hat. Die Wahrheit, die hinter den Worten steht, lässt sich fühlen. Genauso ist es, wenn wir aus puren Vernunftgründen handeln: Im rechten Tun liegt Wahrheit, und die können wir fühlen. So bekommen wir mit der Zeit auch ein Gefühl für liebende Güte.
Das Gleiche gilt für die Mettā-Meditation auf der Grundlage der Liebende-Güte-Betrachtungen:
Möge ich frei sein von Feindseligkeit,
möge ich keinem Wesen Leid zufügen,
möge ich frei sein von Schmerzen in Geist und Körper,
möge ich fähig sein, mein eigenes Glück zu behüten.
Mögen alle Wesen frei sein von Feindseligkeit,
mögen alle Wesen einander kein Leid zufügen,
mögen alle Wesen frei sein von Schmerzen in Geist und Körper,
mögen alle Wesen fähig sein, ihr eigenes Glück zu behüten.
Manche sagen, ganz zu Recht, sie fühlten nichts: »Ich denke es nur«. Wenn man trotzdem weiterübt und immer wieder den Wahrheitsgehalt erkennt, kommt auch das Gefühl auf. Wenn man dagegen nur oberflächlich dahinplappert und gar nicht sieht, dass es wahr ist, wünschenswert und der Weg zum Glück, kommt es natürlich nicht.
Wenn wir bedingungslos lieben, verkleinert sich unser Ich – und um nichts anderes dreht sich die Lehre des Buddha –, bis es eines Tages so klein geworden ist, dass wir es als Gespinst, als Illusion, als gar nicht existent erkennen. Und wenn das »Ich« etwas kleiner wird, verschiebt sich auch der Punkt, wo es steht: nicht mehr genau im Mittelpunkt; es rutscht ein bisschen zur Seite, und andere Menschen rücken ins Zentrum.
Zur Zeit des Buddha gab es einen Mönch, der bei seiner täglichen Almosenrunde immer diese liebende Güte übte. Er stand ganz ruhig vor einem Haus, wie es üblich ist, ohne etwas zu sagen, schaute die Leute nicht einmal an, was gleichfalls der Tradition entspricht, und wartete, ob etwas in seine Almosenschale gegeben werde. Wenn das geschah, strahlte er von seinem Herzen Dankbarkeit und Liebe zu dem Geber aus, von dem er gar nicht wusste, wie er aussah, ob Mann oder Frau, jung oder alt; es ging nur um das Lebewesen, das etwas Gutes getan hatte. Auf diese Weise wurde er erleuchtet. Die Läuterung des Herzens ist der Weg zur Erleuchtung, ohne sie geht es nicht. Der Verstand ist zwar hilfreich und notwendig, aber das Herz fühlt. Und Erleuchtung, vor allem der Moment der Erleuchtung, wird erst gefühlt und dann verstanden. Es ist erkanntes Erleben.
Der Buddha hat drei Arten zu lieben unterschieden. Der erste Schritt ist, für die Menschen um einen herum Wohlwollen und Freundschaft zu empfinden. Anders ist ein Miteinander gar nicht denkbar. Der zweite, ein Gefühl von Hilfsbereitschaft in sich aufkommen zu lassen und seine Mitmenschen als Teil seiner selbst zu betrachten. Die höchste Form aber ist, alle Menschen zu lieben, als wären sie die eigenen Kinder. Man weiß zwar, dass Menschen Dummheiten und Schlechtigkeiten begehen, aber keine Mutter, die den Namen verdient, hört auf, ihr Kind zu lieben, bloß weil es sich schlecht benimmt. Dann würde niemand mehr geliebt, denn jeder benimmt sich hier und da schlecht. Wir alle sind ja nichts anderes als ausgewachsene Kinder. Erwachsen werden heißt innerlich wachsen. Wir können unser Herz als Garten ansehen: Unkraut gedeiht allemal besser als Blumen. Wenn man im Herzensgarten nicht täglich jätet, überwuchert allmählich das Unkraut die Blumen und erstickt sie schließlich; allenfalls ihre Wurzeln und ein paar verstreute Samen bleiben übrig. Jeder muss sein eigener Gärtner sein. Es gibt nichts Besseres zu tun! Dazu braucht man weder Beruf noch Familie aufzugeben, im Gegenteil, jede Konfrontation mit anderen Menschen ist eine Chance. Am dankbarsten müssen wir demjenigen sein, der ganz besonders scheußlich zu uns ist: Er gibt uns nicht nur eine erstklassige Gelegenheit, uns in mettā zu üben, sondern lässt uns auch gewahr werden, wie weit wir noch vom Ideal, jedem als Mutter zu begegnen, entfernt sind. Am Ideal, an der Richtlinie, scheint es den meisten Menschen auf der Welt zu fehlen; sie wissen gar nicht genau, was das Gute ist. Unser Geist kann mit einem Zauberkünstler verglichen werden. Vermutlich haben Sie es in der Meditation schon selber gemerkt: Er kann hervorzaubern, was er will. Wir können Gut und Böse ununterbrochen durcheinander bringen, wie ein Zauberkünstler, der, statt sich den Hut auf den Kopf zu setzen, Kaninchen aus ihm hervorzieht. Daher sind die Richtlinien, die uns der Buddha gegeben hat, so wertvoll; sie zeigen uns, wohin wir zu gehen haben, und geben uns praktische Hilfsmittel an die Hand, dort auch hinzugelangen.
Die Lehrrede von der liebenden Güte (Karanīya-Mettā-Sutta2)
Die vermutlich bekannteste Lehrrede des Buddha ist das Satipatthāna-Sutta, die Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit. Beinahe genauso bekannt ist das Karanīya-Mettā-Sutta, die Lehrrede von der liebenden Güte. Sie hat eine ganz interessante Entstehungsgeschichte. Diese Lehrrede ist im Suttanipāta enthalten, der ältesten Überlieferung der Worte des Buddha. Die Lehrrede von der liebenden Güte kam so zustande: Eine Gruppe von Mönchen hatte den Buddha um Rat gefragt, wie sie mit ihrer Meditation vorwärts kommen könnten. Es war eine Gruppe, mit der der Buddha ganz und gar nicht zufrieden war: laut, übermütig, von schlechtem Benehmen. Er schickte sie in den Wald; dort sollten sie sich einen Platz zum Meditieren suchen und die ganze Regenzeit über (drei Monate) bleiben und sich danach wieder bei ihm melden. Die Mönche zogen los und fanden einen Platz, der ihnen zusagte, unter schönen großen Bäumen der Art, die in Asien häufig vorkommt: Ihre Wurzeln liegen über der Erde und sehen aus wie Wände, oft bilden sie auch einen Kreis. Wenn man sich in ihre Mitte setzt, hat man eine kleine »Hütte« mit einem Dach aus Blättern und Zweigen um sich. An einer solchen Stelle ließen sie sich nieder. Aber Tag und Nacht wurden sie gestört. Früchte und Zweige prasselten auf sie nieder, statt der erwarteten Waldesstille war ringsum Getöse, und ständig passierten kleine Missgeschicke, ging etwas verloren oder entzwei, sie konnten also nicht in Ruhe meditieren. Nach einer Woche machten sie kehrt und schilderten dem Buddha die merkwürdigen Vorkommnisse. Er erklärte sie ihnen: Sie hätten sich an einem Platz niedergelassen, wo viele Devas in den Bäumen leben, und diese mit ihrem Lärm und rücksichtslosen Betragen gestört, so dass die Devas sie verjagen wollten. Aber wenn sie jetzt bei ihm das Karanīya-Mettā-Sutta lernten und oft für die Devas rezitierten, würden die besänftigt sein und sie in Ruhe lassen. Aber sie dürften das Sutta nicht bloß auswendig lernen und runterbeten, sondern müssten es beherzigen. So taten sie es, die Devas beruhigten sich und ließen sie ungestört im Wald meditieren.
Dieses Sutta hat in allen buddhistischen Ländern großen Anklang gefunden und wird in den meisten Tempeln und Klöstern mindestens einmal, sehr oft zweimal täglich rezitiert. In Sri Lanka zum Beispiel kann es wohl jeder Buddhist auswendig. Die Sutten sollen rezitiert werden, aber man soll sie auch Wort für Wort verstehen und in die Tat umzusetzen suchen. Leider begnügen sich viele damit, sie zu kennen, ohne sie zu praktizieren. Hierzulande haben wir dieses Problem nicht – wir kennen sie gar nicht erst. Dem möchte ich abhelfen.3
Mettā-Sutta
Wem klar geworden,
dass der Frieden des Geistes
das Ziel seines Lebens ist,
der bemühe sich um folgende Gesinnung:
Er sei stark, aufrecht und gewissenhaft,
freundlich, sanft und ohne Stolz.
Genügsam sei er, leicht befriedigt,
nicht viel geschäftig und bedürfnislos.
Die Sinne still, klar der Verstand,
nicht dreist, nicht gierig sei sein Verhalten.
Auch nicht im Kleinsten soll er sich vergehen,
wofür ihn Verständige tadeln könnten.
Mögen alle Wesen glücklich sein
und Frieden finden!
Was es auch an lebenden Wesen gibt:
ob stark oder schwach,
ob groß oder klein,
ob sichtbar oder unsichtbar,
fern oder nah,
ob geworden oder werdend –
mögen sie alle glücklich sein!
Niemand betrüge
oder verachte einen anderen.
Aus Ärger oder Übelwollen
wünsche man keinem irgendwelches Unglück.
Wie eine Mutter mit ihrem Leben
ihr einzig Kind beschützt und behütet,
so möge man für alle Wesen und die ganze Welt
ein unbegrenzt gütiges Gemüt erwecken:
ohne Hass, ohne Feindschaft,
ohne Beschränkung nach oben, nach unten
und nach allen Seiten.
Im Gehen oder Stehen, im Sitzen oder Liegen
entfalte man eifrig diese Gesinnung:
dies nennt man Weilen im Heiligen.
Wer sich nicht an Ansichten verliert,
Tugend und Einsicht gewinnt,
dem Sinnengenuss nicht verhaftet ist –
für den gibt es keine Geburt mehr.
Die Lehrrede beginnt damit, dass der Buddha sagt: Wer zum Frieden gelangen will, muss das Heilsame üben. Dieser Ausspruch ist insofern bemerkenswert, als er bedeutet, dass man sich im Heilsamen üben und eine Geschicklichkeit darin erwerben kann und muss. Man ist also nicht entweder ein guter oder ein böser Mensch und muss nicht notwendigerweise heilsam oder unheilsam handeln, weil man einen so beschaffenen Charakter hat oder die Umstände es von einem verlangen. Dann nennt er fünfzehn Eigenschaften, die man kultivieren muss, um Frieden zu finden. Sie beginnen auf einer weltlichen Ebene, führen dann aber über sie hinaus. Das ist das Interessante an dieser Lehrrede wie an so vielen anderen. Sie fangen an mit weltlichen Dingen – wie wir die Welt erleben, in ihr reagieren, etwas besser machen können – und zeigen den ganzen Weg zum Nibbāna. Auch das Mettā-Sutta erklärt ihn ganz genau. Was kann man mehr verlangen? Weiter nichts, als ihm dann auch zu folgen, indem man sich nämlich die fünfzehn Fähigkeiten zu Eigen macht. Wer Frieden in seinem Herzen finden will, der sei:
Erstens stark, kraftvoll:
körperlich gesund und willensstark.
Zweitens aufrecht, aufrichtig:
»Aufrichtig« heißt, man sagt die Wahrheit, ist offen und ehrlich sich selber und anderen gegenüber; »aufrecht«, man hat den Mut zur eigenen Überzeugung und steht für sie – ohne Ereiferung und ohne Groll – gerade, eine seltene und sehr wertvolle Eigenschaft. Die meisten fürchten, sie können mit ihrer Umgebung nur dann in Harmonie leben, wenn sie deren Meinung teilen. Wer aufrecht ist, ist auch zuverlässig, man kann in jeder Situation auf ihn bauen, nicht nur, wenn sowieso alles glatt geht. Wer zuverlässig für andere ist, ist es natürlich auch für sich selber. Er kennt seinen Weg und wird nie zum Opportunisten.
Drittens gewissenhaft und gerade:
geradeaus, geradezu. Das bedeutet nicht, man solle andere mit seiner Meinung traktieren, sondern sich von seinem Weg nicht abbringen lassen, unbeirrbar geradeaus gehen, nicht auf Ab- und Umwegen. Ein Mensch von geradem Wesen beschönigt und rechtfertigt sich nicht, er zeigt sich, wie er ist. Er ist liebevoll, aber legt es nicht darauf an, liebenswert zu sein.
Viertens nicht stolz:
Stolz hat eine Qualität von Härte. Man ist zum Beispiel stolz auf sein Besitztum, Wissen und Können, auf seine gesellschaftliche Position, mit einem Wort: auf sein »Ich«. Ein stolzer Mensch ist unbelehrbar.
Zur Zeit des Buddha gab es einen Brahmanen mit dem Spitznamen »Steifstolz«. Er war verrufen für seinen Stolz, und er war steinreich. Niemals hat er sich vor jemandem oder etwas verbeugt, was in Asien sehr seltsam ist. Er ist nie vor den Göttern in die Knie gegangen, hat nie einem Lehrer oder anderen Menschen Achtung oder Höflichkeit bezeugt. Zur allgemeinen Verblüffung erschien er eines Tages, um dem Buddha bei einer seiner Lehrreden zuzuhören. Kaum hatte der Buddha geendet, ging »Steifstolz« auf ihn zu und verbeugte sich. Der Zuhörerschaft blieb der Mund offen vor Staunen. »Steifstolz« erklärte dem Buddha, er akzeptiere ihn ab sofort als Lehrer, aber schließlich habe er einen Ruf zu verlieren. Ob der Buddha, wenn er ihn künftig auf der Straße treffe, als Gruß auch gelten lasse, wenn er statt einer Verbeugung den Hut lüfte. Der Buddha war einverstanden. »Steifstolz« behielt seinen Spitznamen bis an sein Lebensende.
Innere Steifheit ist auch ein Merkmal von Stolz. Ein solcher Mensch lässt nichts an sich heran und in sich herein, das sein mächtiges Ego gefährden könnte. Je größer das Ego ist, desto leichter stößt es an, desto weiter ist man vom inneren Frieden entfernt.
Fünftens jemand, mit dem man leicht sprechen kann:
der freundlich und zugänglich ist, nicht aufbraust, nicht gleich Rechtfertigungen und Entschuldigungen zur Hand hat, nicht rechthaberisch auf seiner Meinung herumreitet und mit jedem Wort sein Ego zur Schau stellen will, sondern jemand, der gut und voller Mitgefühl zuhören kann, der beseelt ist von innerem Frieden. Innerer Unfrieden nämlich sucht ein Ventil, er plagt einen ja, man will ihn loswerden, und so entlädt er sich unter anderem in Wortgefechten und führt zu Zank und Streit. Einer, mit dem leicht zu sprechen ist, wird sich auch weder besser noch geringer als andere dünken.
Eine Gruppe Mönche wurde auf einem Waldspaziergang von Räubern überfallen. Sie wollten einen von ihnen als Geisel nehmen, um ein hohes Lösegeld zu erpressen, und der Mönchsälteste sollte ihn bestimmen. Der aber schwieg. Das brachte den Anführer der Räuberbande in Rage, und er herrschte ihn an: »Antworte! Wen willst du mitschicken? Wenn du nicht antwortest, nehmen wir dich!« Der Mönch erwiderte: »Wenn ich einen nenne, hieße das, ihn geringer als die anderen zu bewerten. Wenn ich mich selber wähle, bewerte ich mich geringer. Ich kann keinen bewerten.« Dem Räuberhauptmann verschlug diese Antwort die Sprache, und schließlich nahm er keinen als Geisel.
Sechstens sanft und milde allen Lebewesen gegenüber:
das heißt, nicht aggressiv. Seit wir nicht mehr in Höhlen leben und mit Keulen aufeinander losgehen, toben wir unsere Aggressivität eher in Worten als in Tätlichkeiten aus, vor allem aber in Gedanken. Folglich muss sich Milde erst einmal in den Gedanken einnisten, um sich dann im Sprechen und Handeln kundzutun. Der Geist muss milde sein, und das heißt: keinem Wesen Harm zufügen, ob Mensch oder Tier oder Pflanze – auch sich selber nicht. Man fügt sich selber nämlich sehr viel Harm zu, wenn man Negatives in sich hereinlässt, wenn man stolz ist, in irgendeiner Weise aggressiv, voller Ablehnung, Widerstand und Unfrieden. Und das ist zu spüren.
Siebtens leicht befriedigt:
Zufrieden sein, das deutsche Wort macht es sinnfällig, führt zum Frieden. Es gibt kaum einen Menschen, der restlos zufrieden ist, jeder trägt sein Päckchen dukkha4 mit sich und hält auch noch daran fest, ist irgendwie mit seinem dukkha verhakt. Es gibt ihm Ich-Bestätigung: »Das ist mein Problem, mit dem bin ich wenigstens etwas interessanter, ohne Problem bin ich zu unscheinbar!«
Dazu eine nicht buddhistische Anekdote: Bei einem Erdbeben kamen viele Menschen ums Leben und erschienen nun vor den himmlischen Toren. Petrus ließ sie ein und forderte sie auf, es sich recht gemütlich zu machen, jeder solle sein Sorgenpäckchen vor sich hinstellen und sich wohlfühlen. Sorgen brauche man hier oben nicht mit sich herumzutragen. Er komme gleich wieder und werde dann jedem seinen Platz zuweisen. Er holte das große Buch, in dem ein jeder drinsteht, warf einen Blick hinein – und fing an, Entschuldigungen zu stottern: Sie alle seien aus Versehen in den Himmel gekommen, es sei noch gar nicht ihre Zeit, er müsse sie leider, leider wieder auf die Erde schicken. Aber da sie nun diese Ungelegenheiten gehabt hätten, stelle er ihnen frei, einfach irgendeines dieser Sorgenpäckchen mitzunehmen, es brauche nicht das eigene zu sein. Aber alle nahmen ihr eigenes wieder mit. »Gehört mir! Ist meines!«
Zum Zufriedensein gehört, dass man versteht loszulassen. So wie es ist, ist es, und schwierige Situationen treten nur auf, weil wir sie als Prüfung brauchen; hätten wir unsere Lektion schon gelernt, wären wir gar nicht in sie hineingeraten. »Leicht zufrieden zu stellen« bedeutet das innere Gefühl von Zufriedenheit und die Anspruchslosigkeit gegenüber äußeren Umständen. Wir müssen zum Beispiel nicht unbedingt und überall so wohnen, essen, arbeiten, reisen, wie wir es gewohnt sind. Sehr viele Menschen sind von äußeren Umständen bis zur Unbeweglichkeit abhängig; sie gehen gar nicht erst dorthin, wo sie ihren gewohnten Komfort nicht vorfinden würden.
Es bezieht sich ferner auf den Umgang mit Menschen; je weniger Vorurteile, Wünsche, Erwartungen einer hat, desto leichter ist er zufrieden zu stellen – einschließlich der Erwartungen an sich selber; am engsten muss ich schließlich mit mir zusammenleben. Und wenn wir mit diesem einen, den wir »Ich« nennen, keinen Frieden halten können – woher soll dann Frieden kommen? Das Wort »Frieden« wird ja für alle möglichen, sogar reaktionäre Demonstrationen benutzt und oft missbraucht. Wer will denn den Frieden? Der friedlose Mensch will den Frieden! Wenn er dem Dhamma5 folgt, dann wird er Frieden finden. Und je mehr Frieden einer im eigenen Herzen hat, desto mehr Menschen um ihn herum kann er erreichen, desto weiter kann dieser Frieden ausstrahlen.
Eng zusammen mit leicht zufrieden zu stellen hängt achtens bedürfnislos sowie neuntens genügsam:
Wer leicht zufrieden zu stellen ist, begehrt weder neue Sachen noch neue Sinnesbefriedigungen, solange das, was er hat, seinen Zweck erfüllt. Er muss also auch nicht Zeit, Geld und Gedanken darauf verwenden, sich Neues zu beschaffen. Der Genügsame hat Achtung vor der Arbeit, die in einen Gegenstand hineingesteckt worden ist, und behandelt ihn respektvoll, bis er endgültig ausgedient hat.
Wir schneiden zum Beispiel aus unseren aufgetragenen Mönchs- und Nonnenroben noch verschiedene Tücher heraus, so auch eins zum Daraufsetzen. Wenn es dafür dann nicht mehr taugt, tut es noch als Fußlappen seinen Dienst. Man versucht in buddhistischen Klöstern alles bis zum Letzten zu verwenden.6
Zehntens nicht in zu viel Aktivitäten verwickelt:
Sonst hat man keine Zeit für sich selber, keine Zeit für Meditation und Kontemplation und kann unmöglich Liebe im Herzen entwickeln und in sich selber Frieden finden. Aber viele haben Angst davor, mit sich allein zu sein, sich einmal wirklich kennen zu lernen. Ihre Ruhelosigkeit ist ein Zeichen dafür, dass sie keinen Frieden in sich gefunden haben, und müsste eigentlich ein Anstoß sein, ihn umso nachdrücklicher zu suchen, statt der Ruhelosigkeit nachzugeben. Sie kann sich auch als Kummer und Leid äußern, als Aggression und Widerstand. Für die Flucht in Aktivitäten gibt es im Eng- lischen ein treffendes Wort: »workaholic«. Wir nennen es »Arbeitssucht«.
Elftens jemand, dessen Sinne beruhigt sind:
Man will, was man mit den Sinnen wahrnimmt, nicht gleich besitzen, braucht nicht zu vergleichen, ob das, was man hat, minderwertiger ist als das, was man sieht, braucht sich nicht zu erregen, wie schön/gut oder wie scheußlich etwas aussieht, klingt, riecht, schmeckt, sich anfühlt. Die Sinne sind beruhigt, und Ruhe bedeutet Frieden, und Frieden bedeutet Glück.
Sehen ist übrigens die stärkste Sinnesfunktion; was wir sehen, macht uns am meisten zu schaffen. Das steckt auch hinter dem Anschauungsunterricht: Der Text dringt viel stärker ein, wenn er bebildert ist.
Zwölftens klug, von klarem Verstand:
Wir sind ja nicht von Natur aus klug oder dumm. Intelligenz kann man kultivieren. Ohne ein verstandesmäßiges Erfassen der Lehre wird sich keiner der Mühsal unterziehen, sie zu praktizieren. Intelligenz hilft uns, Dinge zu durchschauen. Und wenn wir verstehen, was mit uns los ist, haben wir schon den ersten Schritt zur Änderung getan.
Dreizehntens nicht dreist, nicht angriffslustig:
Auch Angriffslust hat ihren Ursprung in eines jeden Menschen Herz. Weil wir im eigenen Herzen unsicher sind, fühlen wir uns in Gefahr – in Ego-Gefahr. Das Ego fühlt sich so unsicher, weil es nichts anderes ist als eine Illusion und ständig Hilfen braucht, um sich auf den Beinen zu halten und Bestätigung zu finden. Bleibt das aus, fühlen wir uns gefährdet und reagieren zunächst mit Selbstverteidigung, und wenn das nichts nützt, mit Angriff. Diese Angriffslust, die unseren eigenen Frieden zunichte macht, kann nur durch Weisheit ausgemerzt werden. Bis dahin können wir sie wenigstens kontrollieren und vermindern, indem wir achtsam sind und immer wieder sehen, wie wenig sie uns hilft, im Gegenteil, wie sie uns jedesmal in eine noch gefährlichere Position hineindrängt. Denn wer angreift, muss damit rechnen, selber angegriffen zu werden. So geht es bei jedem Krieg. Und solange der Krieg im eigenen Herzen nicht ausgefochten und endlich der Frieden besiegelt ist, ist Frieden in der Welt eine wahnwitzige Illusion. Der Friede im Herzen ist jedem Individuum möglich und auch von vielen erreicht worden. Frieden in der Menschheit ist noch nie erreicht worden. Dass wir da etwas Neues schaffen könnten, ist unwahrscheinlich. Man darf nicht sagen »unmöglich«, das wäre zu stark, aber »unwahrscheinlich« kann man wohl sagen.
Der Buddha hat Angriffslust mit einer Krähe verglichen. In Asien sind Krähen sehr dreist. Wir haben auf unserer Insel in Sri Lanka Krähen, die den Katzen nicht nur das Futter stehlen, sondern gleich mitsamt dem Napf wegschleppen, und die Katze steht wehrlos daneben. – »Die Männer sind wie Krähen«, heißt es in diesem Gleichnis des Buddha, »sie schauen immer auf ihren eigenen Vorteil. Und die Frauen sind wie Schlingpflanzen, die suchen einen starken Baum, um den sie sich winden können, um Halt zu finden.« Beide müssen ihre Gepflogenheiten ablegen, um wachsen und eines Tages dem Leid entrinnen zu können.
Die vorletzte der fünfzehn Eigenschaften, die uns zum Herzensfrieden und damit zum Glück führen, ist, die Gier zu bezähmen, die, von den Sinnen geschürt, instinktiv hochkommt, und zu erkennen, dass alles Wollen Leiden bedeutet. Das Wollen kommt aus dem Gefühl der Unzufriedenheit. Nicht die Erfüllung unserer Wünsche und momentane Beruhigung der unruhigen Sinne bringt uns zum Frieden, sondern die Herzensläuterung und das Fallenlassen aller Wünsche, die unser Herz in Aufruhr halten.
Und die letzte ist schließlich, sein Handeln an den fünf Tugendregeln auszurichten.7
Wenn wir uns von den rund 17.500 Lehrreden des Buddha lediglich auf diese eine wirklich einlassen, können uns endgültiger Herzensfrieden und Geistesklarheit zuteil werden, die uns zum höchsten Heil führen. Sich auf diese Lehrrede einzulassen bedeutet, dass wir uns bemühen müssen, uns ihre Anleitungen einzuprägen und deren Bedeutung fürs eigene Leben zu erforschen und sie schließlich, nachdem wir sie als wahr erkannt haben, zu praktizieren.
Liebende-Güte-Meditation: Frieden einatmen, Liebe ausatmen
Bitte, lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem, schließen Sie die Augen. Und nur noch atmen. Mit dem nächsten Atemzug atmen Sie Frieden ein und füllen sich ganz mit Frieden von Kopf bis Fuß, nur mit Frieden füllen. Nehmen Sie den Frieden irgendwoher, von der Natur, vom Mond, von der Sonne, von einem großen See, von den Wolken, von den Bäumen. Es hat nichts Platz in Ihnen als Frieden.
Beim nächsten Atemzug atmen Sie Liebe aus und umhüllen Sie sich mit einer weichen Wolke aus Liebe. Atmen Sie Frieden ein und Liebe aus. Füllen Sie sich mit Frieden und umhüllen Sie sich mit Liebe.
∗
Jetzt lassen Sie diesen Frieden zu dem Menschen gehen, der Ihnen am nächsten sitzt, füllen Sie ihn mit Frieden und umhüllen Sie ihn mit Liebe.
∗
Jetzt lassen Sie diesen Frieden und diese Liebe zu allen gehen hier im Raum, damit Sie eins werden mit ihnen. Umhüllen Sie alle mit Liebe und füllen Sie alle mit Frieden. Umarmen Sie alle mit Liebe, so dass alle eingebettet sind in einer Wolke von Liebe.
∗
Jetzt lassen Sie den Frieden zu Vater und Mutter gehen, ob sie noch am Leben oder schon gestorben sind. Füllen Sie sie mit Frieden und umhüllen Sie sie mit Liebe. Atmen Sie Frieden in sie hinein, von Herzen zu deren Herzen, und umhüllen Sie sie mit Liebe. Geben Sie diese Liebesgabe, um sie glücklich zu machen.
∗
Jetzt denken Sie an die Menschen, die Ihnen am nächsten stehen, mit denen Sie zusammenleben oder die Ihnen am liebsten sind. Lassen Sie Frieden und Liebe zu diesen Menschen gehen. Erwarten Sie nicht, dass diese Liebe zurückgegeben wird. Geben Sie nur, ohne etwas zu erwarten.
∗
Jetzt denken Sie an all Ihre guten Freunde, füllen Sie diese mit Frieden und umhüllen Sie sie mit einer Wolke aus Liebe. Nehmen Sie sich fest vor, dass sie wirklich diese Liebe fühlen, zeigen Sie ihnen, dass sie wirklich geliebt sind.
∗
Jetzt denken Sie an all die Menschen, die Sie kennen, die Sie irgendwann und irgendwo kennen gelernt haben. An Ihre Nachbarn, an Ihre Arbeitskollegen oder an die, die Sie irgendwann getroffen haben. Machen Sie alle diese Menschen zu Ihren Freunden. Umhüllen Sie sie mit Liebe und füllen Sie sie mit Frieden. Nehmen Sie sie wirklich in Ihr Herz. Es gibt keine Fremden, es gibt nur fehlende Liebe.
∗
Jetzt denken Sie an irgendeinen Menschen, mit dem Sie Schwierigkeiten gehabt haben. An jemanden, der Ihnen nicht liebenswert erscheint. Seien Sie sich klar darüber, dass es sich hierbei nur um Ihre Reaktionen handelt. Auch diesen Menschen mit Frieden füllen und mit Liebe umhüllen. Auch diese Menschen suchen ihr Glück, wie jeder andere auch. Auch sie leiden wie jeder andere.
∗
Jetzt denken Sie an all die vielen, vielen Menschen, deren Leben viel schwieriger ist als unseres. Die krank sind, die im Krankenhaus sind, die im Flüchtlingslager sind, in Ländern, wo Krieg und Unterdrückung herrschen, an die Hungrigen, die Verfolgten, die Blinden, die Obdachlosen, unzählige Menschen, öffnen Sie Ihr Herz ganz weit, dass sie alle hineinpassen, als ein Teil Ihres eigenen Lebens. Versuchen Sie ihnen Frieden und Liebe zu geben und sehen Sie, dass wir alle zusammengehören.
∗
Jetzt denken Sie an alle Lebewesen, die diesen Erdball bevölkern, auf dem Land, im Wasser, in der Luft. So klein wie Ameisen, so groß wie Elefanten und alle Lebenwesen dazwischen. Verschiedene Farben, Rassen, Formen, Sprachen, Glauben und Gebräuche, aber alle suchen nach dem Glück. Fühlen Sie sich einmal als Mitglied dieser Riesenfamilie. Haben Sie Gefühle der Zusammengehörigkeit mit all dem, was lebt auf diesem Erdball. Umarmen Sie alle mit Liebe, füllen Sie alle mit Frieden. Ermöglichen Sie das Einssein aller Kreaturen und Pflanzen.
∗
Jetzt lenken Sie die Aufmerksamkeit wieder auf sich selber. Die Zufriedenheit, die von der rechten Anstrengung kommt, lassen Sie hochkommen, und lassen Sie alles zum Frieden werden. Das Glück, das vom Lieben kommt ohne anzuhaften, und die Freude, die vom Geben kommt, ohne etwas zu erwarten, lassen Sie hochkommen. Diese Gefühle in sich hochkommen lassen und sich damit ganz durchtränken. Mit Zufriedenheit, Glück und Freude. Beim nächsten Einatmen Frieden in sich einatmen, beim nächsten Ausatmen Liebe ausatmen und sich damit ganz umhüllen wie mit einer weichen Wolke. Frieden einatmen und sich damit füllen, Liebe ausatmen und sich damit umhüllen.
Mögen alle Wesen glücklich sein.
2. Mitgefühl (karunā)
Der zweite unserer vier Freunde ist Mitgefühl (karunā), sein ferner Feind, das liegt auf der Hand, ist Grausamkeit. Der nahe Feind ist abermals zum Verwechseln nahe: Mitleid.
Mitleid ist eine Gefühlsregung, bei der wir uns selber für intakt halten und überzeugt sind, nur der andere leide, und deshalb tut er uns Leid. Bei Mitgefühl dagegen wissen wir, was es heißt zu leiden, und können mitfühlen mit anderer Menschen Leid. Wir fühlen uns eins mit ihnen, unbekümmert darum, wer sie sind, welcher Hautfarbe, Herkunft, Nationalität, ob sie zu uns passen oder nicht, das Gleiche tun, denken und glauben wie wir – die kann man sowieso mit der Lupe suchen! Der tiefe Unterschied zwischen Menschen tritt erst auf, wenn einer den Noblen Achtfachen Pfad gegangen ist und für einen Augenblick Nibbāna gesehen hat, also – in buddhistischer Terminologie – ein »Nobler« geworden ist, im Gegensatz zum »Weltling«. Zwischen Weltlingen gibt es keinen wirklichen Unterschied, und der zwischen Weltling und Noblem ist auch insofern unerheblich, als jeder Weitling ja die Möglichkeit in sich hat, ein Nobler zu werden.
Aus Mitgefühl erwächst bedingungslose Liebe. Auch sie braucht natürlich das Verstehen, dass es in Wirklichkeit gar nicht »ich« und »du«, »wir« und »sie« gibt, sondern einfach nur menschliche Lebewesen, wie ich eines bin. Jegliche Entfremdung und Abgrenzung geschieht aus Angst. Sie ist nur zu überwinden, wenn wir immer weiter und tiefer ihrer Natur nachgehen und ergründen, woher sie rührt. Es steckt in jedem Menschen eine tiefe und irrationale Angst vor dem Tod. Irrational deshalb, weil wir Angst vor etwas haben, das in jedem Fall eintreten wird. Darum ist es so wichtig, sich mit dem Tod bekannt zu machen und anzufreunden und ihn so zu sehen, wie er wirklich ist.
Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe keinen Tod, jemand garantierte Ihnen noch 5.000 Jahre irdischen Lebens. Würden Sie sich darüber freuen? Vermutlich nicht. Und doch hat jeder Angst vor dem Tod. Jeder! Wer von sich meint, er habe nur Angst vor dem Tod seiner Lieben, nicht vor seinem eigenen, stelle sich mitten auf eine Autobahn; man kann als gegeben annehmen, dass er dabei Todesangst empfinden würde. Diese Angst vor dem Tod zeigt sich in einer ständigen Angst vor kleinen Toden, nämlich den kleinen Toden des Ich, die wir alle kennen: dass unser Ich herabgemindert, nicht anerkannt, nicht geliebt und gelobt wird, nicht erwünscht ist, dass uns jemand beschimpft, kritisiert, zur Rede stellt, wegläuft – Angst, die uns dazu bringt, uns von den Menschen zurückzuziehen. Wir manövrieren uns in eine künstliche Vereinsamung hinein, in eine Leere, in der wir nicht einen einzigen Augenblick glücklich sein können, es sei denn, wir begnügten uns mit dem trügerischen Glück der Sinnesvergnügungen. Obwohl es uns selber unglücklich macht, lassen wir nicht davon ab, das zu tun, was alle Länder tun: Grenzen zu errichten und sie zu verteidigen, um uns zu schützen – Grenzen um den einen Einwohner »Ich«. Grenze bedeutet Waffen und scharfe Kontrollen davon, dass nur Befugte ins Land kommen. Und beim kleinsten Zwischenfall werden sofort Angriffsmaßnahmen getroffen, bis dahin heißen sie »Verteidigungsmaßnahmen«. Die Länder der Welt spiegeln die Menschen der Welt wider, so wie jeder Einzelne von uns die ganze Menschheit widerspiegelt. Wir verteidigen also unsere Grenzen, um uns, den Insassen, zu schützen. Aber wenn wir pausenlos mit Verteidigung befasst sind und diese Grenzen stets als unsere betrachten, sind wir nie mit Mitgefühl, Miterleben befasst. Zusammensein geschieht dann nie, wir sind immer allein. Unsere Abkapselung als fixe Idee zu erkennen, die uns daran hindert, glücklich zu sein, und an ihrer Beseitigung zu arbeiten, bringt mehr und mehr Mitgefühl. Aber es kommt nicht von selber, wir müssen wirklich an uns arbeiten.
Liebende Güte und Mitgefühl sind die beiden Empfindungen, an denen es im menschlichen Miteinander am meisten fehlt. Das heißt nun nicht, wir sollten Liebe und Mitgefühl mit dem Vorsatz entwickeln, andere zu beglücken, das wird dann die natürliche Folge sein; uns selber bringt es Glück und innere Stärke, die nicht mehr von außen bedingte Basis für Ruhe und Frieden. Solange Ruhe und Frieden jedoch davon abhängen, was andere Leute machen, oder von unseren schwankenden Gefühlen, solange sind wir in einem Sklavenverhältnis. Ein Sklave ist immer seinem Herrn ausgeliefert. Leider sind wir uns darüber im Allgemeinen gar nicht im Klaren. Wir sprechen von »Women’s Lib«, von Frauenbefreiungsbewegung, und inzwischen auch schon von Männerbefreiungsbewegung; sprechen von Befreiung aus Gewalt-, Feudal-, totalitärer Herrschaft. Selbstverständlich ist es gut, wenn Gerechtigkeit herrscht. Aber Freiheit kommt davon nicht. Freiheit kann nur im eigenen Herzen sein. Wir sind erst dann frei, wenn wir ein Glück erleben, das unabhängig ist von dem, was um uns herum geschieht. Es ist noch nie einem Menschen gelungen, dass alles um ihn herum nach seinen Wünschen war. Das gibt es nicht! Auch der Buddha wurde angefeindet, verleumdet; Jesus gekreuzigt. Glück aber – und es gibt keinen, der es nicht sucht –, kann man finden: in der Herzensreinheit. Denn Liebe und Mitgefühl sind reine Empfindungen. Sie sind jedem möglich. Das meint der viel zitierte Ausspruch »Wir haben alle Buddha-Natur«. Ja, wir haben die Möglichkeit der Reinheit. Wir müssen uns nur darum bemühen. Dabei ist von großem Wert, ein Ideal vor Augen zu haben, an dem wir uns ausrichten können. Aber nicht anbeten! Das bringt nichts, es verleitet bloß dazu, weiter nichts zu tun. Dem Ideal dankbar sein, Respekt vor ihm haben, es lieben – das öffnet das Herz. Der Buddha als Ideal hat nur einen Sinn: den der Nachahmung.
Aus Mitgefühl mit den Göttern und Menschen hat der Buddha in den 45 Jahren seines erleuchteten Lebens Tag für Tag gelehrt, auch wenn er krank war. Rund 17.500 Lehrreden sind überliefert. Es heißt, er habe jeden Morgen das »Netz« seines Mitgefühls ausgeworfen, um darin einen Menschen zu »fangen«, dem er an diesem Tag helfen könnte. Gemeint ist seine Hellsicht, mit der er sehen konnte, wer seine Hilfe nicht nur brauchte, sondern aus ihr auch Nutzen ziehen würde. Oft war er dazu stundenlang unterwegs, und immer ging er zu Fuß, denn er wollte sein Gewicht nicht den Zugtieren aufbürden.
3. Mitfreude (muditā)
Sie ist das beste Gegenmittel gegen Depressionen. Wer oft depressiv oder missgestimmt ist, leidet in Wahrheit nur an der Unfähigkeit zur Mitfreude. Aber wir neigen ja dazu, den Grund für unser Leiden in den Umständen zu suchen, die uns entweder zustoßen oder mangeln. Natürlich wäre es töricht zu erwarten, dass wir selber pausenlos Erfreuliches erleben. Aber jeder kennt genügend Menschen oder hat die Chance, welche kennen zu lernen, mit den heutigen Kommunikationssystemen sogar weltweit, denen irgendetwas Freudiges widerfahren ist. Auch hier: Wenn wir die Grenzen fallen lassen zwischen uns und anderen und uns als Teil eines Ganzen fühlen, können wir, wie des anderen Leid, auch seine Freude als unsere eigene empfinden. Das verkleinert unser Ego.
In Nordostthailand besuchte ich einmal ein kleines Dorf; an dessen Tempel ist eine besondere Glocke angebracht, die nur geläutet wird, wenn einer im Dorf etwas Erfreuliches erlebt hat, zum Beispiel eine gute Ernte, die Geburt eines Kindes, ein günstiges Geschäft, einer hat sein Dach neu gedeckt. Was immer es sein mag, worüber sich einer freut: Er geht diese Glocke läuten. Und alle Bewohner – es ist ein sehr kleines Dorf, jeder kann die Glocke hören – kommen aus ihren Häusern und sagen sādhu! sādhu! sādhu! das heißt gut gemacht! Derjenige, der die Glocke geläutet hat, hat gutes Karma gemacht, weil er den anderen Grund zur Mitfreude bot. Und die, die sādhu rufen, haben gleichfalls gutes Karma gemacht, weil sie sich mit ihm gefreut haben. Das ganze Dorf hat also Anteil an dem Glück, das einem von ihnen zufällt.
Hierzulande gibt es solche Glocken nicht. Wir müssen unsere eigenen Glocken läuten: uns erinnern. Und das ist auch die Funktion eines Lehrers: zu erinnern. Alles, was ich sage, weiß man sowieso; wäre dieses Wissen nicht in uns, stünde es uns so fern wie zum Beispiel eine Fremdsprache, die zu erlernen uns zu schwer vorkommt. Die Herzenssprache ist keine Fremdsprache. Die Herzenssprache ist jedem eigen, jeder kann sie verstehen, ganz gleich, welche andere Sprache er spricht. Aber wir müssen erinnert werden. In der Hitze des Gefechts vergessen wir immer all das, was wirklich wichtig ist. Weil wir nicht genügend Achtsamkeit haben. Achtsam sein heißt nicht nur, auf sich selber aufzupassen, sondern auch zu verstehen, was man mit sich anfangen soll.
Der ferne Feind der Mitfreude ist Neid; der nahe Feind Heuchelei. Sie ist üblich in unserer Gesellschaft. Wir sagen nicht immer, was wir denken, und bilden uns noch ein, wir seien glaubwürdig, der andere merke es nicht. Der merkt es sehr wohl! Man erkennt nämlich die Schwingungen, die einer »sendet«. Man muss es uns nicht eigens sagen, wir erfassen sofort, wenn jemand wütend ins Zimmer kommt; wir spüren, ob einer liebevoll neben uns sitzt oder ständig auf einem Ärger rumkaut. Nicht nur für andere, auch für uns selber ist unsere Heuchelei durchsichtig, wenn wir es nur wissen wollen; wir ertappen uns dann selber bei einer Lüge – wieder einmal waren wir nicht zuverlässig.
Nehmen wir einmal an, unser Nachbar habe den Hauptgewinn in der Lotterie gewonnen. Wir gehen ihm gratulieren, das gehört sich schließlich. Wir kommen an seiner Garage vorbei – zwei Mercedes und ein Boot, Donnerwetter! Kaum öffnet unser Nachbar die Wohnungstür, stechen uns nagelneue Möbel und kostbare Teppiche in die Augen. Neid steigt auf: »Der braucht das viele Geld doch gar nicht! Warum passiert mir sowas nie?« Dabei schütteln wir ihm die Hand und gratulieren ihm »herzlich« zu seinem großen Glück.
Ein Elefantentrainer klagte einmal dem Buddha: Wenn er es mit Elefanten zu tun habe, wisse er genau, was die vorhaben. Die Menschen aber, mit denen er es zu tun habe, machten das Gegenteil dessen, was sie sagen.
Der Buddha gab ihm Recht: »Der Elefant lebt körperlich im Dschungel, aber der Mensch lebt im geistigen Dschungel.«
4. Gleichmut (upekkhā)
Der ferne Feind von Gleichmut ist Unruhe, Sorge, Aufregung. Beim nahen Feind aber ist der Unterschied sehr schwer zu erkennen; es ist die Gleichgültigkeit. Sie ist genau das Gegenteil von Gleichmut. Sie kennt weder Liebe noch Mitgefühl, sondern verstärkt die Grenzpfosten, den Stacheldrahtverhau um unser Ich: »Mir ist ganz egal, was ringsum passiert, ich will es gar nicht erst wissen, lasst mich in Ruhe, stört mich nicht!« Der Gleichgültige hat keine Empfindung dafür, Teil eines Ganzen zu sein. In Gleichgültigkeit steckt Kälte, aber auch Härte. Denn wer sich ängstlich vor allem hütet, das ihn ins Herz treffen und ihm weh tun könnte, muss verhärten. Gleichmut bedeutet aber nicht Unterdrückung unserer Gefühle; dann lernten wir sie ja nicht kennen, würden uns innerlich verkrampfen und wären unfähig zu lieben. Gleichmut unterdrückt die Gefühle nicht, aber er drückt sie auch nicht aus. Er erkennt sie und weiß dank dem inneren Klarblick sofort, dass er ihnen nicht mit Widerstand, Unruhe, Anhaften oder Leidenschaft antworten muss. Gleichmut ist die durch Übung erworbene Fähigkeit, auf Gefühle mit Weisheit und Verständnis zu reagieren. Er beruht auf der durch Meditation gewonnenen Einsicht, dass nichts so bleibt, wie es ist, es sich also gar nicht lohnt und sinnlos ist, sich aufzuregen. Das bedeutet nicht, unsere Urteilskraft einzubüßen, im Gegenteil, sie wächst mit dem Gleichmut. Ohne Gleichmut sind wir unser eigener Feind; ob wir nach außen oder lediglich im Inneren negativ reagieren: Wir schaden uns selber, machen uns selber unglücklich.
Gleichmut glättet die Wogen in unserem Inneren, die uns abwechselnd in die Höhe heben – »himmelhoch jauchzend« – und in die Tiefe stürzen lassen – »zu Tode betrübt«. »Glücklich allein … .«8 ist der Mensch, der das erfährt, wahrlich nicht. Denn dieses Auf und Nieder wie auf einer Wippe gibt ein Gefühl von Unsicherheit: Man weiß ja, dass jedem Auf ein Ab folgt und dass es weh tut, wenn die Wippe wieder auf den harten Boden aufschlägt. Gleichmut hält uns in der Mitte, wo es weder hinauf noch herunter geht. Das heißt nun nicht, er wäre freudlos, im Gegenteil; er ist begleitet von einer steten inneren Freude, die keine Wellen schlägt, sondern Wärme verbreitet, eine wohlige innere Wärme.9
Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sind die einzigen Gefühle, die uns nützen und helfen und die wir kultivieren müssen. Wenn wir sie zur Basis unseres Lebens machen, können wir alle anderen Emotionen leicht loswerden, denn die sind samt und sonders nichts anderes als Störenfriede: Sie stören unseren Herzensfrieden.
II
Karma10 und Wiedergeburt
Das Thema »Karma und Wiedergeburt« erfreut sich besonders bei intellektuellen Buddhisten großer Beliebtheit. Viele Menschen meinen, es lasse sich abstrakt abhandeln und habe mit ihrem täglichen Leben nichts zu tun. Aber da irren sie sich. Alles, was der Buddha gelehrt hat, betrifft uns ganz persönlich aufs Tiefste.
Die Lehre von Karma und Wiedergeburt stammt nicht vom Buddha; er hat sie aus den Veden übernommen, nachdem er selbst sie als richtig erkannt hatte. Aber er hat sie viel detaillierter und auch etwas anders erklärt als damals in Indien üblich, wo zwei Versionen im Umlauf waren: Die einen Lehrer setzten Karma mit Schicksal gleich: Man könne nichts daran ändern, so wie es sei, müsse man es hinnehmen, und alles sei schon vorherbestimmt. Die anderen behaupteten, es sei ganz egal, was man mache, es entstünden daraus sowieso keine Folgen. Der Buddha erkannte beide Dogmen als gefährlich falsch.
Er lehrte den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. »Karma, ihr Mönche, erkläre ich, sind die Absichten.« Karma kann wörtlich mit »Taten« übersetzt werden. Aber es sind die Absichten – das, was wir absichtlich denken, sprechen, tun –, die entsprechende Wirkungen zur Folge haben, je nachdem gute, mittelmäßige, schlechte oder neutrale. Sich hinzusetzen und zu meditieren zum Beispiel bringt wegen der guten Absicht gutes Karma, unabhängig davon, ob Konzentration aufkommt oder nicht. Oft genug sind wir uns über die wahren Motive unseres Handelns gar nicht im Klaren, trotzdem ist uns die Wirkung sicher. Karma ist etwas, das jeden in jedem Augenblick seines Lebens betrifft. Unser bisheriges Karma hat uns zwar zu einem bestimmten Punkt im Leben gebracht, aber jeden Moment haben wir von Neuem die Wahl, und die wiederum bringt unser neues Karma. Dank unseres Karma hatten wir überhaupt die Wahl, zu diesem Meditationskurs zu kommen oder nicht. Weit mehr Menschen wussten gar nichts davon, es war also nicht ihr Karma, vor dieser Wahl zu stehen. Dass wir gekommen sind, war gutes Karma. Jetzt, da wir hier sind, können wir wählen, ob wir bei der Meditation Zukunftsträumen oder Erinnerungen nachhängen oder den festen Entschluss fassen, uns zu konzentrieren. Wir können die Lehre, die wir hören, an uns vorbeiplätschern lassen oder aber uns bemühen, sie zu verstehen, ihr zu vertrauen, sie uns zu merken, tiefer in sie einzudringen, um am Ende ihr gemäß zu leben. Mit anderen Worten: Wir haben freie Wahl innerhalb der Grenzen unseres vorhergehenden Karma, also aufgrund der Möglichkeiten, die wir uns selber geschaffen haben. Jede richtige, gute Wahl bringt weitere Öffnungen, größere Möglichkeiten. Es ist, als wohnten wir in einem Haus mit vielen Türen und Fenstern. Wenn wir die richtige Wahl treffen, können wir durch viele Fenster hinausschauen und durch viele Türen hinausgehen. Wenn wir eine schlechte Wahl treffen, landen wir womöglich eines Tages in einer Gefängniszelle und müssen untätig abwarten, bis man uns hinauslässt. Das ist im übertragenen Sinne, unter Umständen aber auch ganz wörtlich zu verstehen. Wir wundern uns, wieso es manche Menschen so leicht haben, in der Welt herumzukommen, interessante Bekanntschaften zu machen, Außergewöhnliches zu erleben; und andere sitzen nur zu Hause und fühlen sich eingeengt. Das alles hat mit Karma zu tun. Es bedarf großer Achtsamkeit, unter der Fülle unserer Möglichkeiten, die zudem ständig zunimmt, immer gut zu wählen. Wir müssen jeden Augenblick auf der Hut sein. Nicht nur, wenn große Entscheidungen anstehen.
Es gibt natürlich auch neutrales Karma. Ob Sie sich ein grünes oder blaues Kleid kaufen, eine Wand rot oder gelb anpinseln, hat vermutlich keine nennenswerten Folgen. Zu mehr oder minder schwer wiegenden Ergebnissen führt alles, was Einfluss auf unser Leben hat, und am schwersten wiegen unsere stärksten Taten, zum Beispiel jemanden töten oder ein Kloster gründen.
In buddhistischen Ländern wird oft Gutes getan um der guten Folgen willen. Man spendet zum Beispiel einem Waisenhaus in der Hoffnung auf eine gute Wiedergeburt. Obwohl das, weil immer noch ich-bezogen, nicht der ideale Grund ist, ist es tausend-, ja hunderttausendmal besser, als die Tat bleiben zu lassen. Gutes nicht zu tun und darauf zu warten, dass einem eines Tages Großzügigkeit von selber zuwachse, ist genauso verfehlt wie abzuwarten, bis man eines schönen Morgens mit einem Herzen voll Liebe aufwache. Es bedarf eines Entschlusses. Die ideale Weise ist natürlich, Gutes zu tun um des Guten willen. Dazu sind aber die wenigsten Menschen imstande. Deshalb müssen wir unser eigener Behüter sein, durch Achtsamkeit auf die Gedanken. Wir machen Karma durch unsere drei »Tore«, die drei Möglichkeiten, mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten: unsere Gedanken, Worte und Taten. Die Taten sind zwar das stärkste, aber sie werden von den Gedanken geleitet; auf die müssen wir also am meisten aufpassen. Wenn uns der Gedanke schon entschwunden ist, dann auf die Worte und zuletzt auf die Tat.
Wer zum Beispiel in seiner Wut denkt: »Wenn dieser Mensch mir noch einmal in die Nähe kommt, bring ich ihn um! Ich kann ihn nicht ausstehen!« und es bei diesem einen Gedanken belässt, hat zwar schlechtes Karma des Gedankens gemacht, aber die Wirkung ist nicht weiter schlimm. Anders freilich, wenn er die Beherrschung verliert, öfters und öfters und schließlich aus Gewohnheit so denkt. Hat er diesen Gedanken nicht nur, sondern spricht ihn vor Zeugen auch aus, hat er schon viel stärkeres Karma gemacht, denn er hat den Gedanken durch Worte bestätigt, und andere wurden gewahr, was er im Sinn hat. Lässt er jetzt aber auf Gedanken und Worte die Tat folgen, dann zeigt sich die Wirkung sofort: Er kommt ins Gefängnis.
Bei großen Dingen dauert es oft lange, bis das ganze Maß ihrer Auswirkungen zutage tritt, einer sehr langsam wachsenden Pflanze vergleichbar. Bei kleinen Dingen bekommt man die Folgen sofort zu spüren. Ob Sie sich mit jemandem zanken oder ihm in Liebe begegnen – auf der Stelle fühlen Sie sich elend oder gut; das ist sozusagen »Instant-Karma«. Da unser Leben ja nicht aus wenigen schwergewichtigen Ereignissen besteht, vielmehr aus einer Unzahl kleiner Handlungen, sind sie es, auf die wir besonders aufpassen müssen. Sie sind das Erbe, das wir antreten, Sekunde für Sekunde. Dass Milliarden und Abermilliarden winziger Momente unser Leben ausmachen, entgeht den meisten Menschen. Sie lassen sie ungenutzt verstreichen oder reagieren instinktiv.
Wenn wir einmal das Gesetz des Karma – das ein Naturgesetz ist, dem jeder unterworfen ist –, nicht lediglich für eine interessante östliche Lehre halten, sondern in uns aufnehmen als etwas, das uns zutiefst betrifft, werden wir wohl von selbst vorsichtiger in unserem Denken, Sprechen und Handeln.
Was wir gewohnheitsmäßig denken, wird zu unserem Charakter. Und wie unser Charakter sich bildet, so machen wir Karma und so sind die Wirkungen, die wir im Leben erwarten können. Deshalb ist es so wichtig, immer und immer wieder liebende Güte in die Gedanken zu bringen, unabhängig davon, ob man konkret jemanden liebt oder nicht. Es gibt uns die Möglichkeit, unsere Gedanken- und Gefühlswelt umzuformen.
Stellen Sie sich vor, auf einem aufgeweichten Feldweg fahre ein Traktor hin und her, immer in derselben Spur. Jedesmal sinkt er ein bisschen tiefer ein, bis er schließlich im Schlamm stecken bleibt. Damit vergleichbar sind die Furchen in unserer Gedankenwelt. Wir sagen ja auch, jemand sei »festgefahren« in seinem Denken, seinen Meinungen. Die Lehre des Buddha und die Meditation verhelfen uns dazu, neu zu denken, anders als gewohnt zu denken und uns aus den engen Gängen althergebrachten Denkens herauszuarbeiten.
Karma bezieht sich also nicht, wie es fälschlicherweise oft verstanden wird, lediglich auf die vorhergehende und künftige Existenz. Es stimmt zwar, dass wir etwas mitbringen, und es stimmt auch, dass wir etwas mitnehmen. Am meisten aber berührt uns das Karma, das in diesem Leben geschieht. Die meisten Auswirkungen, die wir in diesem Leben zu spüren bekommen, stammen ohne Frage von Absichten, die wir in diesem Leben hatten. Wir brauchen uns also nicht, wie es inzwischen Mode geworden ist, über vergangene Leben den Kopf zu zerbrechen. Wir haben mit diesem gegenwärtigen Leben vollauf genug zu tun, ja sogar mehr, als viele verkraften können. Der Grund, warum frühere Leben unserem Gedächtnis im Allgemeinen nicht zugänglich sind, ist der, dass wir absichtlich vergessen. Wir haben genug dukkha in diesem Leben; noch das dukkha früherer Leben dazu zu wissen, wäre ein bisschen viel.
Wir brauchen nur auf unser bisheriges Dasein zurückzublicken, um ganz deutlich zu sehen: War bei großen, wichtigen Entscheidungen der Entschluss gut, war es das Ergebnis auch und umgekehrt. Ein jeder Entschluss, der sich im Nachhinein als nicht heilsam erweist, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Lehre fürs nächste Mal. Es hat keinen Sinn, darüber nachzugrübeln und sich dafür zu tadeln. Denn, so sagt der Buddha, der Mensch, der das Karma gemacht hat, ist nicht derselbe, der die Resultate bekommt, aber auch kein ganz anderer. Es ist wie bei einem Fluss; Baumstämme, die irgendwo hineingeworfen werden, treiben auf demselben Fluss bis zur Mündung; aber man kann nicht sagen, sie seien noch an derselben Stelle und berührten noch dasselbe Wasser wie beim Hineinwerfen; sie schwimmen ja im Fluss. Und der kann überhaupt nur »Fluss« genannt werden, weil er ständig fließt, sonst wäre es ein Binnengewässer. Genauso wir. Nur weil sich ständig alles in uns ändert, können wir »Mensch« genannt werden, sonst wären wir ein menschlicher Leichnam. Also kann unmöglich derselbe Mensch, der das Karma gemacht hat, auch das Karma-Resultat bekommen und derselbe Mensch wiedergeboren werden. Was wiedergeboren wird, sind die Karma-Resultate. Und der Mensch, der sie bekommt, ist jener Stelle im Fluss vergleichbar, an der ein Stück Holz – weil es hineingeworfen wurde – angekommen ist.
Karma ist ein vollkommen unpersönlicher Prozess. Es hat Kontinuität, aber keine Individualität: Wie ein roter Faden läuft Karma durch unser jetziges und die vergangenen und zukünftigen Leben.
Ich bin der Eigentümer meines Karma11, das heißt: seiner Resultate. Und das bedeutet: Ich muss die volle Verantwortung für mich übernehmen, darf meine Defekte nicht anderen Menschen oder den Umständen ankreiden. Zweifellos ist es viel bequemer, die Schuld außen abzuladen – »die schwere Jugend, die lieblosen Eltern, der schwierige Partner, die harten Zeiten, Sorgen im Geschäft, die Regierung, das Wetter …« –, statt innen genau hinzuschauen. Die Eltern für unsere Schwierigkeiten verantwortlich zu machen, ist ein Zeichen von Blindheit, denn nicht sie haben uns, wir haben sie gewählt. Unser eigenes Karma bestimmt, wohin wir in unserer Geburt kommen, wir suchen uns den Platz aus: Wir werden von unserem Karma geboren. Das besagt ferner, dass wir es unserem Karma zu verdanken haben, wenn wir als Mensch geboren werden – was eine erstklassige Geburt ist! Leider sind die wenigsten imstande, dieses seltene Privileg zu erkennen und zu würdigen.
Als der Buddha einmal mit seinen Mönchen am Meeresufer spazieren ging, gab er ihnen folgendes Gleichnis: »Stellt euch vor, ihr Mönche, dass eine blinde Schildkröte in allen Weltmeeren umherschwimmt, desgleichen ein hölzernes Joch. Diese blinde Schildkröte kommt alle hundert Jahre nur ein einziges Mal an die Oberfläche, um Luft zu schnappen. Haltet ihr es für möglich, dass sie jemals ihren Kopf durch das hölzerne Joch stecken wird?« – »Nein, Herr, das ist ganz unmöglich! Ganz ausgeschlossen ist es, dass die beiden einmal zur selben Zeit an derselben Stelle sein sollten.« – »Unmöglich ist es nicht, ihr Mönche; es ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Und dieselbe Unwahrscheinlichkeit besteht für die Wiedergeburt als Mensch.«
Nun gar als ein Mensch geboren zu werden, dessen Glieder und Sinne intakt sind und der nach dem Guten sucht, nannte der Buddha eine der sechs Seltenheiten, die es auf der Welt gibt.
Wenn wir also meditieren und uns bemühen, die Buddha-Lehre zu verstehen, ist wohl anzunehmen, dass wir nach dem Guten suchen. Wir gehören also zu einer winzigen Minorität von Menschen, die sich auf eine Stufe emporgearbeitet haben, die nicht nur Privilegien, sondern auch Verantwortung bedeutet. Unser Privileg ist, nicht hungern und frieren zu müssen, von fundamentaler Existenznot befreit zu sein – eine große Seltenheit auf diesem Erdball, auf dem die Mehrzahl aller Menschen ums nackte Überleben kämpfen muss. Unsere Pflicht ist es, wirklich den Weg des Guten zu gehen und die Naturgesetze – in diesem Fall das Naturgesetz des Karma – als unsere eigenen anzunehmen. Jeder, der den Weg des Guten geht, hilft dadurch anderen. Aber wir können anderen erst dann helfen, wenn wir uns selber geholfen haben. Das Gute in der Welt hält sich mit dem Bösen ungefähr die Waage, mal überwiegt das eine, mal das andere. So wie wir mit uns umgehen, so geht auch die Welt mit uns um.
Karma kann zwar nie gelöscht werden, aber es kommt unter Umständen nicht zur Auswirkung, weil wir ihm keine Chance dazu bieten. Haben wir zum Beispiel weit zurückliegendes schlechtes Karma, wandeln aber unsere Lebensweise ganz zum Guten, dann kann es sein, dass das alte schlechte Karma einfach ohne Wirkung abstirbt; es verjährt.
Wer seine Abende in Kneipen zubringt, gerät dort möglicherweise einmal in eine Schlägerei. War er in einem früheren Leben selber gewalttätig, wird er in diesem vielleicht das Opfer.
Wenn er in solchem Milieu gar nicht erst verkehrt, sondern, um den Gegenfall anzunehmen, in einem Kloster lebt, ist es höchst unwahrscheinlich, dass ihm dort einer mit der Bierflasche den Kopf einhaut, also das alte Karma zum Tragen kommt.
Karma gehört zu den vier Bereichen,12 die der Buddha nicht vollständig erklärt hat: Es sei zu verzwickt, als dass wir es mit unserem unzulänglichen Geist erfassen könnten, sei so verwoben wie ein Spinnennetz, bei dem sich auch weder Anfang noch Ende erkennen ließen. Wenn wir einmal den Geist so erzogen haben, dass er erleuchtet ist, werden wir es wissen.
Der Buddha, als vollkommen Erleuchteter, konnte das Karma anderer Menschen erkennen, das sie in ihre gegenwärtige Situation gebracht hat, und auch die Auswirkungen auf ein weiteres Leben.
Ich möchte Ihnen dazu die Geschichte von Mallikā13 erzählen: Sie war die Tochter eines Blumenbinders und Girlandenflechters, stammte also aus einer ganz niederen und armen Kaste. Eines Tages war sie mit zwei Freundinnen im Blumengarten vor dem Stadttor verabredet, um für ihren Vater Blumen für seine Girlanden zu holen. Jede nahm sich ihr Mittagessen mit, aber mehr als ein bisschen Reisbrei war es für Mallikā nicht. Unterwegs begegnete sie einem Mönch von so eindrucksvoller Gestalt und so strahlendem Gesicht, dass sie nicht anders konnte, als den Reis, ihre einzige Nahrung für diesen Tag, in seine Almosenschale zu geben. Der Mönch ging weiter und lächelte. Dieser Mönch war der Buddha, das wusste Mallikā aber nicht. Hinter ihm ging Ānanda, sein Vetter und Betreuer. Er wusste, dass ein Erleuchteter nicht ohne Grund lächelt, und fragte ihn: »Herr, wieso lächelst du?« – »Mallikā wird morgen Königin dieses Landes.« Ānanda stutzte: »Du musst dich irren, Herr, sie kommt aus einer ganz niederen Kaste, sie ist die Tochter eines Blumenbinders. Es ist unmöglich!«
»Du wirst sehen, Ānanda. Warte nur ab. Sie hat eine Gabe gegeben aus ihrem Herzen; und sie gab alles, was sie hatte. Davon kommen große Resultate.«
Mallikā hatte inzwischen den Blumengarten erreicht. Glück über ihre Gabe erfüllte ihr das Herz, und sie fing an zu singen. Wie sie da so zwischen den Blumen saß und sang, kam der König Pasenadi, sein Pferd am Zügel führend, in den Garten, allein und ganz niedergeschlagen, denn er hatte gerade eine Schlacht verloren. Da hörte er die schöne Stimme und ging ihr nach … und verliebte sich auf den ersten Blick in Mallikā. Er fragte sie nach ihrem Namen und ob sie verheiratet sei und schließlich, ob sie seine Frau werden wolle. Sie willigte ein, und so ritt er mit ihr nach Hause zu seinen Eltern, und am nächsten Tag wurde Hochzeit gefeiert. Die wundersame Begebenheit sprach sich in dem kleinen Land – die Königreiche waren damals alle recht klein, eher Herzogtümern vergleichbar – schnell herum, und prompt versuchten alle Leute, auch Gaben zu geben – da es doch offensichtlich zu solch traumhaften Wirkungen führen konnte.
Mallikā war nicht nur eine sehr schöne, sondern auch kluge Frau und auf das Wohl ihrer Landeskinder bedacht. Eines Tages ging sie zum Buddha; sie denke schon lange vergeblich über etwas nach, das sie ihn nun fragen wolle:
In diesem Land, in dem sie versuche, den Menschen durch soziale Einrichtungen das Leben leichter zu machen, treffe sie viele Frauen, und alle seien ganz verschieden voneinander, obwohl sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort lebten. Manche nämlich seien schön, klug, reich und gesund; manche hässlich, klug, reich und gesund; andere hässlich, dumm, reich und gesund; wieder andere hässlich, dumm, arm und gesund; und einige seien sogar hässlich und dumm und arm und krank. Sie finde keine Erklärung dafür. Der Buddha antwortete ihr mit der so genannten Formel für die Karma-Folgen:
Pulsuz fraqment bitdi.