Kitabı oxu: «Keinen Seufzer wert»

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Über dieses Buch

Auf dem Schafberg bei Signau im Emmental wohnt der Bauer Res Schlatter, ein frömmlerischer wie geiziger Betbruder. Seit er Vater und Schwestern vertrieben hat, haust er allein. Im Februar 1860 erkundigt sich ein entfernter Verwandter bei ihm, ob ein Logis zu vergeben wäre.

Es ist der Wyssler Jakob, ein arbeitsloser Schuhmacher und Taglöhner mit Frau und drei Kindern. Schlatter fasst Vertrauen und geht darauf ein.

Aber bald beginnen Schwierigkeiten. Der Mietzins ist überrissen. Wyssler hat die versprochenen Geissen nicht mit­gebracht. Schlatter überlässt ihnen nur schlechtes Ackerland. Dauernd argwöhnt er, bestohlen zu werden, da können die hungernden Wysslers ja gleich das eine oder andere nehmen, er hält sie sowieso für Diebe. Geredet wird kaum, und so steigen die Spannungen im Haus bis ins Unerträgliche. Es endet ein Jahr später in Totschlag und öffentlicher Hinrichtung vor Tausenden von Zuschauern.

«Keinen Seufzer wert» ist ein eindringlicher Roman über weltverachtenden Glauben, über Engherzigkeit und Selbstgerechtigkeit und nicht zuletzt über die ­Katastrophe der Sprachlosigkeit.


Foto Robert Beyer

Barbara Lutz, 1959 in Dornbirn geboren, studierte Ethnologie in Wien und Bern. Arbeitete und forschte auf verschiedenen Kontinenten, in der Entwicklungszu­sammenarbeit und im Migrations­bereich. Barbara Lutz lebt bei Bern. Im Limmat Verlag ist von ihr der ­Roman «Russische Freunde» ­lieferbar.

Barbara Lutz

Keinen Seufzer wert

Roman

Limmat Verlag

Zürich

1861

Jüngst wurden im Emmental vier Erzverbrecher hingerichtet, ihrer schändlichen Taten wegen. Die Scheusale sind enthauptet worden, eines nach dem anderen, und Schaulustige in grosser Zahl verfolgten mit Schaudern das Ende der verwirkten Menschenleben.

Mehr als einer war die ganze Nacht unterwegs, um zeitig bei der Todesstätte einzutreffen. Ein reicher Bauer aus Lützelflüh kam mit seinen Leuten, für fleissiges Arbeiten zu danken und eine Freude zu bereiten. Ein Lehrer, welcher seine Schüler brachte, fand sich bereits am Abend vorher ein. Die Menschen haben sich zu Tausenden versammelt. Der Zwirbelstand an der Hauptstrasse mag ihr Warten verkürzt haben, amtlich bewilligt war dieser aber nicht.

Frühmorgens bei den ersten Sonnenstrahlen trafen die Verbrecher ein, am Ende eines langen Zuges. Viel Militär, Infanterie wie auch Dragoner, dazu Gendarmen waren aufgeboten. Der Scharfrichter und der Landjäger kamen vorab auf Pferden und trafen als Erste ein, gefolgt vom Statthalter, hoch zu Ross. In einer Kutsche erschienen die Herren Amtsschreiber und Weibel. Die erbarmenswürdigen Sünder hingegen, gefesselt und mit Geistlichkeit zur Seite, liefen zu Fuss zu ihrer Richtstätte.

Der Scharfrichter vollstreckte das Urteil mit sicherem Arm und grossem Geschick. Vier Köpfe fielen in die bereitgestellten Körbe.

Mit Grauen vernahm ich vom Verderben dieser Menschenleben. Was, fühlender Mensch, mag geschehen sein? Gar gerne wünschte man zu wissen, wer diese Sünder waren und welche Frevel sie begingen! Mit welchen Taten verwirkten sie ihr Leben?

Vernehmen Sie hier, was vorgefallen ist! Denn aus eingeweihter Quelle werden für Sie der Schurken schändliche Vergehen aufgezeigt, ihre herzlos schlimmen Gräueltaten enthüllt, wahrhaftig und getreulich. Das beklagenswerte Ende hingegen wird mit angemessen Schonung und für zartfühlende Seelen schicklich dargestellt.

Lasst also hören, wie sich das Unheil zugetragen hat. Es soll uns warnendes Exempel und lehrreiche Mahnung sein!

Hornung 1860

«Seit gestern wieder kalt, es liegt viel Schnee.»

Schlatter Res wartet, während die engen, steilen Buchstaben trocknen, klappt dann das Notizbüchlein zusammen und räumt es in die Tischschublade. Das Vieh versorgt, Tenne und Stall verriegelt, die Haustür verschlossen. Es sind ihm dies die liebsten Stunden des Tages.

Wenn die Ruhe andauert. Wenn nicht draussen plötzlich Schritte zu vernehmen sind und flüsternde Stimmen, nächtlicher Besuch.

Schlatter Res horcht in die Stille.

Selbst wenn sie kommen, wird er sich heute zu nichts verleiten lassen. Er wird nicht das Fenster öffnen, um hinauszubrüllen, sie sollen verschwinden. Nicht einmal hinter der Türe stehen, um zu lauschen, was draussen vor sich geht. Auch wenn sie sich ums Haus herumtreiben. Nehmen können sie ihm nichts, es wäre denn vom Brunnenwasser.

Am besten ist es, wenn er sie nicht bemerkt. Res lärmt absichtlich laut, hackt Holzspriesse, schleift seine Holzbodenschuhe flach über den Küchenboden und scheppert mit der Milchpfanne. Im Stehen trinkt er etwas warme Milch und isst ein Brot dazu. Ins Haus werden sie sich niemals wagen.

Res nimmt Mutters Gebetsheft und die Öllampe und setzt sich damit auf den kalten Ofentritt. Seit draussen untertags die Frühlingssonne scheint, lässt er das Heizen bleiben. Er streckt sein böses Bein auf der Ofenbank aus und reibt die verknoteten Adern, die an seinen weissen, mageren Waden hervorquellen. Aber sein Reiben verstärkt das lästige Ziehen. Dass er auf die Fünfzig zugeht, spürt er an solchen Tagen. Die Hose ist feucht vom Schnee, und an den Rändern klebt Mist.

«Die ganze Welt ist keinen Seufzer wert», Res blättert in Mutters Heft mit den Gebeten, «aber vom Morgen bis am Abend ist die Gnade da, mit jedem Morgen neu, und das Liebeserbarmen in Christo.» Wer den Herrn im Herzen trägt und danach lebt, ist den Menschen zuwider. Res weiss, auch anderen aus der Versammlung passen sie am Heimweg ab, bei ihm aber kommen die Vaganten bis zum Haus, seit er alleine wohnt. Seine Schwestern behaupten freilich, sie seien nur in seinem Kopf. Wohl, aber als er vor ein paar Wochen das Läufterli geöffnet und in die Nacht hinaus­gehorcht hat, kam ein Drecksklumpen geflogen. Res fürchtet sich vor jungen Burschen, Taglöhnern und durchziehenden Knechten.

«Kehre dich jetzt nur immer einwärts ins Herz zum Heiland, dort bekommst du alles, was du nötig hast.» Eine grosse Sehnsucht ergreift Res. Er kann den künftigen Glanz um sich fühlen und die Wärme spüren. Er wird Geborgenheit finden, denn sein Leben ist darauf ausgerichtet, dem Herrn zu gefallen.

Res klappt das Heft zu und geht über die Laube nach hinten in den Stall, um Wasser zu lassen. Während er seinen Strahl in den Schorgraben richtet, erhebt sich eine der beiden Kühe schwerfällig und sieht ihm dabei zu. Die Mütze in den Händen, betet Res daraufhin noch um das Wohl der Tiere und segnet sie. Schliesslich überprüft er ein letztes Mal Riegel und Schlösser, bevor er, zurück in der Stube, auf den Ofen steigt. Durch das Bodenloch zieht er sich hinauf in den Gaden, wo er schläft. Res taucht gerade seinen Kopf durch das Loch, als er im flackernden Licht der Öllampe eine Gestalt erblickt. Lang ausgestreckt liegt einer auf seinem Bett.

Res blinzelt, und die Gestalt ist weg. Immer wieder passiert ihm das, im Gaden, im Tenn oder im Stall, und er weiss nicht, ob es seine Augen sind.

Die ungewaschenen Laken, in die Res steigt, nachdem er die immer noch feuchte Stallhose, nicht aber das Hemd, ausgezogen hat, sind leer und kalt.

Den nächsten Tag verbringt Schlatter Res im Keller, vor sich einen klafterhohen Berg staubiger Kartoffeln. Er sitzt auf dem Melkschemel und nimmt die Knollen einzeln in die Hand, um Triebe wegzubrechen. Dass die jetzt keimen müssen, viel zu früh, der warme Jänner wird schuld sein. Das Licht aus der russigen Öllampe reicht kaum aus, um zu sehen, was er macht. Aber die Kellertür will er nicht offen halten, es gefrieren ihm sonst die Zwiebeln. Der Kartoffelhaufen ist heuer grösser als in manchem Jahr. Auch Äpfel sind noch viele, die bleiben aber nicht mehr lange gut.

Das Alleinsein macht Res nichts aus. Am liebsten sind ihm die Tage, an denen sich keiner zeigt. Nicht einmal den Nachbarn ist zu trauen, kaum kehrt er ihnen den Rücken, treiben sie sich auf seinem Land herum. Nachts laufen sie in den Obstgarten, um Äpfel und Birnen zu stehlen. Es nützt nichts, ihnen hinterher zu fluchen und zu drohen. Sie lachen ihm geradewegs ins Gesicht und behaupten, sie seien auf der Suche nach einem verirrten Kalb, wenn er sie hinterm Haus erwischt, wo sie Eier stehlen oder ein Huhn. Und wer weiss, wird eines Tages einer grob und tut ihm etwas an.

Trotzdem muss er sich in Kürze nach Gehausleuten umsehen, die ihm beim Zinsen helfen. Eine Verwandte aus Ursenbach hat fragen lassen, ob Platz wäre, und es sollte sich bald einer zeigen von deren Leuten.

Um die Mittagszeit tritt Res hinters Haus und blickt den Hang hinauf zum Wald, von wo er Stimmen hört. Am Horizont, zur Multenweid hin, sieht er eine fremde Gestalt über die Wiesen gehen. Die Fussstapfen auf dem Weg vom Graben zum Haus sind aber bloss seine eigenen. Hinter dem Stall haben die Schafe den Schnee zertreten und bräunlich gefärbt. Noch immer liegt Schnee und ist die Erde nass. Wenn sich jetzt aber bald einmal die Sonne durchsetzt, muss alle Arbeit auf einmal getan werden. Res geht in die Küche, wo er von der Milch und vom Mus nimmt und sich damit in seine Stube setzt.

Der Weg von Steinen hinauf zum Schafberg ist beschwerlich, die Strasse schlickig und steil. Wyssler Jakob ist seit gestern unterwegs, den Weg von Ursenbach hierher hat er zu Fuss gemacht. Nun keucht er am steilen Hang. Je näher er dem Schafberg kommt, umso ungeduldiger wird er. Jakob sucht ein Logis für sich und seine Familie. Bei Schlatter Res, der alleine auf dem Schafberg wohnt, sei Platz vorhanden.

Merkwürdig nur, denkt Jakob, während er zügig bergan steigt, dass seine Frau den Schlatter Res erst jetzt erwähnt hat. Ein Verwandter, der allein einen Hof bewirtschaftet und Mietsleute sucht. Als ob sie in den vergangenen Jahren, Hungerjahre allesamt, nicht auch schon froh gewesen wären um ein günstiges Logis.

Jakob denkt auch an die Stille gestern Abend in der Stube von Schlatter Res’ Schwestern, als er sich nach deren Bruder erkundigt hat. Die drei alten Jungfern wohnen mit ihrem greisen Vater in Signau, und Jakob hat bei ihnen übernachtet. Es heisst, der Schlatter Res habe sie mitsamt dem eigenen Vater aus dem Haus gejagt und nach Signau in Miete getrieben. Davon war gestern Abend aber nicht die Rede, als er mit den Frauen in ihrer engen Stube sass. Man sprach über die Verwandtschaft im Allgemeinen. Dann hat sich Jakob nach dem Weg auf den Schafberg erkundigt und gefragt, was ihn dort erwarte. Daraufhin die Stille. Die Schwestern blieben zum Bruder wortkarg, bis auf Maria, die ihn zänkisch nannte. Als sie das sagte, beobachtete sie Jakob aus den Augenwinkeln.

Ob zänkisch oder nicht, Jakob braucht eine Wohnung für seine Familie und Arbeit für sich selbst.

Auf dem erdigen Weg voller Pfützen rächt sich die ungeflickte Naht an seinen Schuhen. Wasser dringt ein und nässt die Socken. Obschon der Vormittag weit fortgeschritten ist, sieht Jakob in der Düsterkeit des Waldes kaum bis zur nächsten Wegkehre. Trübe ziehen sich die Bäume über ihm zusammen und es tropft ihm auf Kopf und Kragen. Als er hochsieht, fliegt eine Schar Krähen auf. Er muss den Schlatter dazu bringen, ihm die Wohnung zu geben. Während Jakob sich den steilen Weg hin­aufmüht, beschleicht ihn Furcht, mit dem alten Mann nicht handelseinig zu werden. Das unsichere Gefühl in seinem Magen kommt aber bestimmt auch vom Hunger.

Jakob erreicht die Höhe und gelangt endlich auf freies Gelände. Hier oben, nur wenige Schritte hinter dem Altschloss, weitet sich der Blick. Jakob bleibt stehen und besieht sich die Gegend, Hügel, Schwenden und bewaldete Kuppen, Bauernhöfe mit rauchenden Kaminen. Jemand schlägt Holz. Der Tag ist kühl und wolkenverhangen, aber die Weiden am Wegrand tragen erste Kätzchen. Jakob geht die Bergkuppe entlang weiter, bis er unter sich im steilen Gelände den Schafberg erblickt. Umgeben von Wald drückt sich der Hof an einen abschüssigen Hang. Jakob sieht Weideland, Pflanzungen, Obstbäume. Hier also wohnt Schlatter Res, allein im Bauernhaus, das eine Familie samt Magd und Knecht aufnehmen könnte. Er hat recht getan, hierher zu kommen. Gottlob hat die Frau vom Schafberg gesprochen. Als er über die Wiesen zum Haus hinuntersteigt, drückt eine blasse Sonne durch die Wolken. Es wird sich zum Guten wenden.

Rund ums Haus ist alles still, und schüchtern klopft Jakob an die Haustür. Nichts regt sich. Während er nochmals klopft, ruft er laut, ob einer da sei. Schliesslich öffnet er die Tür um einen Spalt, die Küche ist leer.

«Jemand zu Hause?», fragt er in die Stille.

Von der anderen Hausseite her ist ein leises Geräusch zu vernehmen, ein Kratzen aus der hinteren Stube. Laut grüssend betritt Jakob die Küche und bleibt stehen. Als keiner kommt, geht er vorsichtig weiter und streckt schliesslich den Kopf in die Stube.

Ein alter Mann sitzt dort im Dämmerlicht. Miss­trauisch starrt er Jakob entgegen, während er ungerührt etwas aus einer Schüssel löffelt. Jakob grüsst und bleibt im Türrahmen stehen.

Schlatter sagt nichts, er isst weiter. Jakob betritt die Stube und lehnt sich an den Rand der Ofenbank.

«Es ist wegem Logis?», fragt Schlatter schliesslich in die Stille.

Jakob bejaht. Als nichts mehr folgt, setzt er sich auf den Ofen, die Kutte auf den Knien.

«Von Verena der Mann? Von Hirschis Verena?»

«Genau der. Wyssler Jakob.»

Schlatter schiebt sich einen kleinen, halbgefüllten Löffel Mus in den Mund und saugt dem leeren Löffel hinterher wie ein Kalb an Zitzen. So kann es dauern, bis die Schüssel leer ist. Jakob legt die Kutte neben sich und zieht sich die schlammverspritzten Schuhe aus. Er stellt sie unter die Ofenbank und drückt die Füsse in ihren nassen Socken gegen den warmen Stein. Schlatter mustert ihn und beobachtet jede seiner Bewegungen.

«Schuhmacher, der Beruf?», fragt Schlatter. Jakob bejaht und schiebt den löchrigen Schuh mit dem Fuss noch etwas nach weiter hinten, unter den Ofen.

«Seid ihr zahlreich?», will Schlatter nun wissen.

«Ich und die Frau, dann deren Tochter aus erster Ehe und unsere eigenen zwei Kinder.»

Darauf sagt Schlatter nichts. Er trinkt von der Milch und kratzt endlich die Musschüssel leer. Schliesslich steht er auf.

«Eine Stube, ein Gaden und ein Anteil Küche sind zu haben», sagt er knapp und bedeutet Jakob, ihm zu folgen.

Die Küche, finster und verrusst, geht quer durch das ganze Haus. Von ihr aus gelangt man in die beiden Stuben, in die leer stehende und in Schlatters eigene. Die zu vermietende Stube liegt auf der Morgenseite und somit näher beim Hauseingang. Jakob schaut sich den leeren Raum an, er ist düster und niedrig, aber recht geräumig. Der grosse Trittofen aus Sandstein wird vom Küchenherd aus beheizt, man wird von der Kochwärme etwas abbekommen, ohne selbst feuern zu müssen.

Zurück in der Küche schielt Jakob nach den Gerätschaften. Verschiedene Sägen, ein Beil und eine Axt, Sicheln, Gertel und mehrere Messer sind an den Wänden aufgehängt. Ein Holzkübel, Kochtöpfe und Kessel auf dem Herd, alles ist vorhanden, wenn auch schmutzig und alt.

Auf Schlatters Seite führt eine Tür von der Küche hinaus auf eine Laube und zur Treppe zum oberen Stock. Ein Schleifstein lehnt dort an der Wand.

Schlatter steigt mit Wyssler zu den Gaden hinauf. Im Gaden, der zur Miete steht, befindet sich ein Bett.

Respekt und Ehre für Wysslers beklagenswerte Lage und Schlatter Reslis sonderbares Los! Doch wünschte man die Schandtat zu kennen, welche der Scharfrichter jüngst mit kaltem Eisen sühnte.Es ist, Gott sei’s geklagt, auf dem Schafberg nämlich ein Leichnam entdeckt worden, ein Jahr nur nach Jakobs erstem Gang dorthin.

Am Freitag, den 15. Hornung letzthin, lag auf dem Schafberg ein Toter im Tenn und zwar unter dem Reiteloch, durch welches er gefallen schien. Namentlich am Kopfe stark verblutet, war er mit geflickter, halbleinener Hose, mit wollenen Stümpfen und einem zwilchenen Rock bekleidet, das Gilet und ein zerrissenes, beschmutztes altes Hemd oben auf der Brust in Blut getränkt. Der Tote trug keine Schuhe, doch lagen Holzbodenfinken neben ihm.

Am selbigen Abend noch wurde Gemeinderat Röthlisberger gerufen, den Tatort zu versiegeln, und umgehend erstattete Landjäger Ambühl Anzeige beim Regierungsstatthalteramt in Langnau. Weil die Sache dringend schien, wurde sogleich ein Augenschein vorgenommen, will heissen, am Sonntag nach der Tat. Die Herren Notar Lanz von Langnau, stellvertretender Amtsrichter, und Johannes Lüthi, Aktuar, verfügten sich hierfür auf den Schafberg. Aufgeboten wurden zudem die Doktoren Stettler und Hodel, Arzt und Wundarzt in Langnau und mithin sachverständig, den Toten zu untersuchen.

Es sind somit hervorragende Herren mit der Aufklärung des Sachverhalts betraut: War es ein Unglück? Machwerk von Menschen? Mord?

«Und von was wollt ihr leben?»

Schlatter steht auf der Laube und überragt den Wyssler um einen Kopf. Er sieht hager und verbraucht aus, aber auch zäh. Wyssler Jakob, um fast zehn Jahre jünger, wirkt klein und gedrungen neben ihm. Er fühlt sich müde, er hat heute noch nichts gegessen. Jakob starrt den steilen Hang mit den vom Vieh ausgetretenen Pfaden hinab und studiert an einer Antwort herum. Unten am Waldrand stiehlt sich ein Fuchs aus dem Gestrüpp. Die Sonne hat sich durchgesetzt, die Schneefelder und das feuchte Gras glitzern. Schliesslich wiederholt Jakob, er sei Schuhmacher.

Der Fuchs hat sich vom Gestrüpp auf die Wiese hinausgewagt und läuft vorsichtig geduckt über ein Schneefeld. Weiter hinten drängen sich die Schafe gegen den Stall.

«Zwei Geissen würde ich mitbringen», fährt Jakob fort, weil Schlatter schweigt, «so haben wir eigene Milch. Kräftige und junge Geissen, der Kauf ist schon so gut wie ausgehandelt. Heute ist die Geissmilch weit herum begehrt. Die Leute verlangen überall danach, sogar die Ärzte loben sie. Was wir im Haus nicht brauchen, wird verkauft.»

Schlatter starrt ihn aus reglosen Augen an und rührt sich nicht. Je unwohler Jakob sich unter dem strengen Blick fühlt, desto mehr redet er. Noch einmal schwärmt er von den Geissen, die jung und rüstig seien und die er trächtig auf den Schafberg bringen will. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtet er den Schlatter. Von den Geissen scheint dieser angetan, auch wenn er es nicht zu erkennen gibt.

«Man muss schauen, ob das nicht mehr einträgt als die Schafe», wirbt Jakob weiter. «Zwei Geissen zu Beginn, vielleicht auch drei. Wer weiss, vielleicht willst auch du später Geissen. Ein Gitzi von den unseren kann ich dir überlassen im nächsten Frühling.»

Als er geendet hat und von Schlatter nichts kommt, wendet Jakob sich ab. Die Unterarme auf die Holzbrüstung gestützt, blickt er den Hang hinunter und wartet. Ihm scheint, dass Schlatters Augen vorhin etwas zu glänzen begonnen haben.

«Futter und einen Platz im Stall für eine oder zwei Geissen, das könnte man in einen Akkord schon hineinnehmen», meint Schlatter nach einer Weile. «Aber von zwei Ziegen hat noch nie eine Familie gelebt. Wie kann ich da wissen, ob du später zinst?»

Jakob fängt noch einmal an, nun etwas ruhiger. Von seiner Arbeit als Schuhmacher, von der Frau, die gut nähen kann und manchmal Flachs annimmt. Er selber sei bei den Bauern gefragt als Taglöhner, auch hier in der Gegend werde es das eine oder andere Mal an kräftigen Händen mangeln.

Was er wirklich möchte, denkt Jakob, während er spricht, wäre Arbeit bei der Eisenbahn unten im Tal. Oder sonst in Steinen oder in Signau, überall werden Felder trockengelegt und Bäche reguliert. Denn das Taglöhnern bei arroganten Bauern und zuunterst am Tisch eine schlechte Suppe Essen kennt er nur zu gut. Seine ganze Kindheit hindurch ist er verdingt gewesen. Hingegen wenn Res selber Hilfe benötigte hier im Haus, das wäre etwas anderes. Jakob blickt der Laube entlang zum Stall und findet, dass allein doch kein Wirtschaften sein kann auf diesem Hof. Aber vorläufig sagt er lieber nichts. Er weiss nicht, wie Res über die Sache denkt.

Schlatters wässrige Augen sind abwartend auf ihn gerichtet geblieben. Deshalb spricht Jakob schliesslich vom Bruder der Frau, den sie als Bürgen stellen können. Endlich nickt Schlatter zustimmend.

«Wir können schauen, ob wir einig werden.»

Sie gehen zurück ins Haus und in Schlatters Stube, wo Jakob ein Stuhl am Tisch angeboten wird. Vorsichtig nimmt er auf der Kante Platz und faltet seine Hände sittsam auf den Knien. So einer wie Res, der einem lächerlich scheint mit seinem finsteren Gehabe und hölzernen Getue, will ernst genommen werden. Man denkt, der merkt nicht viel, schwerfällig, wie er tut. Gerade so einer ist aber vielleicht empfindlich.

Wenn Wyssler einen Anteil Stall und Heu für die Geissen brauche, so wäre das schon zu richten, sagt Schlatter nun. Er könnte einen Platz im Stall freimachen und auf der Heubühne finde sich ein Winkel für einen Einschlag Heu. Von sich aus kommt Schlatter auf Obstbäume zu sprechen. Acht Apfel- und drei Birnbäume stehen in der Hostet. Man könne ein paar Bäume in den Akkord aufnehmen, wenn Wyssler das wünsche. Für 25 Franken wolle er ihm alles überlassen, und zwar Stube, Gaden, Anteil Küche, Pflanzland, Anteil Stall und Bühne.

Die Sache scheint gewonnen, auch wenn der Mietzins unverschämt ist. Jakob sagt, der Handel sei ihm so recht.

Es ist ein ganz anderes Gehen den Berg hinab, und dass die Füsse dabei nass werden, kümmert Jakob nicht. Erleichtert und zufrieden zieht er aus und springt geschickt von Stein zu Stein. Er weiss, an den meisten Orten, wo er hinkommt, mag man ihn. Und manchmal kann er recht gut reden wie eben vorhin mit dem Schlatter, der bestimmt nicht einfach zu gewinnen ist. Der Schlatter hat nicht nur einen Akkord versprochen, sondern auch gemeint, er könnte beim Kauf der Geissen helfen. Der Vorschlag von den Geissen hat ihm gefallen. Dreissig Franken, überlegt Jakob, bräuchte er für zwei Geissen, aber auch die Übersiedelung wird kosten. Er wird den Schlatter um fünfundvierzig Franken bitten. Dazu braucht er Res’ Vertrauen, der Bürge im Rücken wird helfen, trotzdem muss er sich bei ihm anstellig machen. Zu lügen braucht er nicht, er ist kein fauler Mensch und auch kein Taugenichts. Gleichwohl, in Ursenbach gäbe ihm keiner das Geld, man weiss dort viel zu gut, er ist ein armer Schlucker.

Mit Res wird auszukommen sein, man muss nur wissen, wie ihn nehmen. Guter Dinge macht Jakob nochmals bei Schlatters Schwestern halt, nur um zu melden, Resli sei wohlauf. Auch wenn sie Jakob, als er in ihrer Stube steht, etwas skeptisch mustern, die alten Frauen freuen sich gewiss, dass einer sie besucht.

Hat Jakob also Aussicht auf anständiges Logis im Hause eines Vetters, bei dem vorhanden ist, was es zum Leben braucht? Welch günstiger Beginn, doch sei der Tote nicht vergessen, der auf dem Schafberg lag, nur kurze Zeit danach.

Von Amtes wegen untersuchte Richter Ingold das Geschehen, bestrebt zu klären, was auf dem Schafberg vorgefallen war. Sorgfältig wurden die Örtlichkeiten nach Spuren abgesucht, Aufklärung zum Toten fand man nicht. Es wurde deshalb, wer zu der Sache Auskunft geben konnte, nach Langnau einbestellt und daselbst einvernommen. Auch zeigte manch einer von sich aus an, was er zum Schafberg wusste – oder zu wissen glaubte, und war es nur vom Hörensagen.

Des Weiteren vernahm Landjäger Ambühl, oftmals in amtlichen Geschäften unterwegs, auf seinen Gängen etliches Gerede. Was an Gerüchten zu ihm drang und was bekannt war zu den Leuten, hinterbrachte er alsdann dem Richter.

März 1860

Die Frühlingssonne wärmt Res den Rücken, während er Pfähle, die er im Herbst zur Seite gelegt hat, spitzt. Er hat die düstere Stube gern verlassen. Wer kann, werkt nun im Freien und gönnt der winterbleichen Haut die Sonnenstrahlen. Aus der Ferne sind Menschenstimmen zu vernehmen, die heute harmlos klingen. Bevor Res das nächste Holz zur Hand nimmt, streckt er für einen Augenblick den Rücken. Mit dem Zaun will er warten, bis Wyssler da ist. Der sollte nächstens kommen und kann ihm zur Hand gehen. Zu zweit, mit einem, der den Pfahl gerade hält, und einem, der zuschlägt, geht die Sache schneller.

Res denkt jetzt ab und zu an Wyssler. Ausser der Mutter hat er nur wenige Menschen neben sich geduldet, aber auf den Wyssler freut er sich. Seine zutraulich blickenden braunen Augen, so einer wird nicht frech und verspottet einen nicht. Res wischt Schneereste vom Holz, bevor er den nächsten Pfahl in die Hand nimmt. Der Wyssler ist keiner, der aufbegehrt oder seinen Meister nicht kennt. Gut möglich allerdings, dass er im Glauben wenig standhaft ist. Allerorten nimmt der schädliche Einfluss zu, nicht nur in der Stadt, wo die Radikalen längst das Sagen haben. Auch in Signau unten ist die ­Sache bös.

Dem Wyssler jedenfalls, wenn er dereinst gekommen ist, kann Res im Glauben eine Stütze sein.

Meist ist es während der Arbeit, dass ihm der neue Gehausmann in den Sinn kommt, es gibt vieles, was vier Hände besser bewerkstelligen als zwei. Man weiss zwar nicht, was der Wyssler taugt, aber einen Taglöhner im Haus zu haben, wird die Sache vereinfachen. Res stellt sich vor, wie sie gemeinsam das Land abschreiten, um die nächste Arbeit zu besprechen. Das hat Res früher mit dem Vater gemacht, doch diesmal ist er der Meister.

Res lehnt die fertigen Zaunpfähle gegen die Schopfwand. Er muss sich an einem Holz verletzt haben, seine Knöchel sind aufgeschürft, Res wischt sich das Blut an der Hose ab. Zum Schluss liest er auf, was an Holzschnitzeln liegen geblieben ist. Das Bücken fällt ihm schwer, schon den ganzen Winter über hat ihn ein Ziehen im Bein geplagt. Noch ist es so kalt, dass die Späne im Schatten am Boden festgefroren sind.

Später, als Res sich im eisigen Brunnenwasser Harz von den Händen kratzt, kommt ihm der Wyssler grundlos in den Sinn. Er denkt an den Sommer und wie der Wyssler vielleicht neben ihm stehen wird. An einem warmen Sommertag, wie sie sich waschen hier am Brunnen, ihre verschwitzten Oberkörper und Gesichter.

Am Abend schliesst Res den Wyssler Jakob in seine Gebete ein.

Es ist Sonntag, und sonntags besucht Res die Versammlung auf der Mutten. Heute aber ist ein derart heftiger Sturm mit nassem Schnee und Graupeln über das Haus gefegt, dass er zu Hause geblieben ist. Er hat für sich alleine gebetet und leise seine liebsten Lieder gesungen. Seine Stimme klingt dünn und schmal in der Stille der Stube, aber ihm gefällt der dürftige Klang bald besser als die gelärmten Psalmen an der Versammlung. Res bleibt auf der Ofenbank sitzen, das Gesangbuch und Mutters Heft mit Belehrungen auf dem Schoss.

Seit bald dreissig Jahren geht er zum Gebetskreis auf der Mutten. Und doch trauert er manchmal dem Tannenthaler nach, dem Liechti Hansueli, dessen Versammlungen er als Bub besucht hat. Gmeinschaftli haben die Leute ihren Kreis um Liechti genannt, und so hat es sich auch angefühlt. Solange die Mutter lebte, ging man dorthin. Als sie starb und ein harter Winter folgte, meinte der Vater, für die kurzen Sonntage sei der Weg zu weit. Ohne die Mutter hätten die Schwestern jetzt viel zu tun. Stattdessen besuchte man forthin eine Versammlung von frommen Menschen auf der Mutten, was näher lag.

Die Mutter hat manches vom Tannenthaler Gesagtes notiert, dessen Innigkeit im Glauben Res bis heute oft vermisst. Kein anderer konnte die Gewissheit vom Wunder, das Gott an den Menschen vollbringt, besser erklären als der Tannenthaler, der schliesslich vom Herrn dazu berufen wurde. Res stösst auf eine Stelle in Mutters Gebetsheft. Der grösste Fehler, liest Res dort nicht zum ersten Mal, sei, dass man zu wenig eingekehrt lebe. Dass man auch in den Versammlungen noch zu viel in den menschlichen Geschwätzen und Ansichten bleibe. Der Herr würde den weit grösseren Segen schenken, wenn man fester und eingekehrter wäre.

Res mag diese Stelle. Es erwächst nun einmal nichts Gutes daraus, wenn sich die Menschen zusammentun zu Oberflächlichkeit und unnützem Geschwätz. Selbst der Besuch von Versammlungen ist nicht wichtig. Seine einsam gesungenen Psalmen gelten gleichviel.

Der Sturm hat nachgelassen, und vom Dach rutscht nasser Schnee. Ab und zu ist aus dem Gebälk ein lautes Knacken zu vernehmen in der stillen Stube. Res holt das ­Rechenheft aus der Schublade, öffnet es und streicht es glatt. Er war gestern in Signau, der Berger schuldete ihm vom Korben. Res notiert den Franken fünfzig im Heft. Berger sagte, im Schangnau hinten sei ein Wolf bemerkt worden. Und der Föhnwind soll vor ein paar Tagen im Oberland derart heftig getobt haben, dass allerorten Ziegel durch die Luft geflogen seien. In Ringgenberg habe der Wind einen Einspänner mit drei Personen entführt und samt Inhalt auf einem benachbarten Feld abgesetzt. Leute seien umgeworfen worden und Kinder wie Kegel über die Strasse gerollt.

Bevor er Bergers Geld zum anderen in den Gänterlischaft gibt, rechnet Res aus, was er besitzt. Was er in den anderen Verstecken beiseitegelegt hat, weiss er im Kopf. Der Wyssler kommt Res in den Sinn und dass er dessen Familie noch nicht kennt. Er wird sich bessere Verstecke ausdenken müssen, bevor die Leute da sind. Der Amtsersparniskasse bringt er sein Geld nicht, auch wenn ihm mancher dazu rät.

Es ist kühl in der Stube und, obschon erst Nachmittag, wird es bereits wieder düster. Als Res sich mit Schuhen, die er putzen und fetten will, an den Tisch setzt, braucht er Licht. Gestern in Signau haben sie zudem von einem Mord bei Delsberg gesprochen. Eine Tochter fand am Morgen früh ihre Eltern tot in ihren Betten vor. Der Vater lag in seinem Blut, im Schlaf erschlagen. Die Mutter, die sich wohl noch verzweifelt gewehrt hat, erwürgt daneben. Und zwischen den toten Eltern das jüngste Kind, zweieinhalb Monate alt, mit Blut bedeckt, aber ­ruhig schlafend. Tausendzweihundert Franken seien geraubt worden.

Wenn er sich bloss im Wyssler nicht getäuscht hat, denkt Res und versucht, sich dessen Gesicht vorzustellen, das ihm nun nicht einfällt. Wenn er sich nur nicht geirrt hat, als er dem Wyssler Geld gab.

Als am Abend der Stall besorgt und die Türen verriegelt sind, fühlt Res sich schwach und krank. Er hat, wie so oft, zu essen und zu trinken vergessen. Beim Beten bittet er den Herrn, er möge ihn vor Schaden schützen, und denkt dabei an Wyssler.

Res notiert noch den Verlauf des Wetters, lässt dann Schuhputzzeug und alles auf dem Tisch liegen und kriecht hinauf in den Gaden und in sein Bett.

Es bäumt sich in der Nacht der Wind noch einmal auf, und heftige Sturmböen rütteln an Fenstern und Dach. Res wacht auf und stolpert in die Küche. Im Schopf draussen hat sich etwas gelöst, das jetzt gleichförmig gegen die Holzwand schlägt. Res, der nachts das Haus nie verlässt, öffnet für einen Augenschein die Küchentür. Sofort bläst ihm ein Windstoss das Licht aus und zerrt an den Kleidern.

Am nächsten Morgen bemerkt er als Erstes den vom Sturm entwurzelten Apfelbaum. Es ist der dritte, den er verliert. Schon im letzten Winter ist ein Birnbaum umgestürzt, und einen zweiten tat er um, weil er nur noch dürre Äste trug. Die Schwestern in Signau unten werden Äpfel und Birnen wünschen im Herbst. Damit wird nichts. Was es heuer an Äpfeln und Birnen gibt, bleibt bei ihm.

Vor dem Haus liegen Schindeln am Boden. Obwohl sich der Wind noch nicht ganz gelegt hat und trotz der Nässe holt Res die Leiter und steigt, mit einem Hammer und Nägeln ausgerüstet, aufs Dach. Nach ein paar vorsichtigen Schritten auf dem glitschigen Untergrund verspürt er Schwindel. Es ist das Alter, sein Gleichgewicht ist nicht mehr gut. Res lässt sich auf die steifen Knie sinken, die schmerzen. Schlimmer ist, dass Hände und Beine zu zittern begonnen haben. Langsam und vorsichtig schiebt er sich zur Leiter zurück, achtsam, die Schindeln nicht aus ihrer Verankerung zu lösen. Als er endlich mit dem Fuss die Leiter berührt, stösst er sie versehentlich weg. Sie kippt ein Stück zur Seite, und einen Moment lang befürchtet Res, dass sie fällt. Unter Verrenkungen bringt er sie mit dem Fuss zurück in eine gerade Position. Jetzt bräuchte er einen, der unten hält. Warum ist der Wyssler nicht hier? Für so etwas bräuchte er den Wyssler. Vom dem aber hat er seit Wochen nichts gehört.

Zitternd klettert Res Sprosse um Sprosse hinunter. Als er unten ankommt, ist er dankbar und wütend zugleich. Er hat noch nicht einmal feststellen können, wo das Dach beschädigt ist. Und wenn er sich in diesem Wyssler getäuscht hat? Er hat ihm Geld gegeben. Und nun seit damals keine Nachricht.

Die Schwestern Schlatter erschienen auf Citation im Untersuchungsrichteramt. Sie deponierten auf Befragen, was sie zum Schafberg wussten. Von Untersuchungsrichter Ingold zu Wyssler einvernommen, sagte Schlatter Maria, was ihr an diesem nicht gefiel: Man habe den Wyssler früher nämlich nicht gekannt. Im Frühling sei derselbe, welcher der Schwiegersohn einer Schwester ihres Vaters sei, erstmals zu ihnen gekommen und wollte zum Bruder auf den Schafberg. Beim Zurückgehen habe er gesagt, es gefalle ihm auf dem Schafberg sehr – zumal seien dort auch viele Sachen, habe er gemeint. Kurz, er habe nicht genug zu rühmen gehabt. Es sei ihr aufgefallen, dass Wyssler viel von Schlatters Sachen sprach.

Schlatter Maria betrachtete die Sache von Anfang an mit Argwohn: Dem Res sei nicht zu trauen und von dem Wyssler wisse man zu wenig. Als Schlatter später kam, er habe Akkord geschlossen und Wyssler Geld gegeben für den Kauf von Geissen, sei nicht nur sie überaus verwundert gewesen. Was brach­te er just Wyssler, einem Hungerleider, so viel Vertrauen entgegen?

Einige Zeit später, an einem Morgen im späten März, kommt die Schlatter Anna auf den Schafberg. Als Res die Schwester über die Wiese auf das Haus zukommen sieht, rechnet er fest damit, endlich Nachricht von Wyssler zu erhalten. Die Übersiedelung, geplant auf Anfang April, ist fällig, und noch immer ist ihm kein Datum ­genannt worden. Aber die Anna kommt nur, um nach ihrem Pflanzland zu sehen. Als sie verneint, Nachricht von Wyssler zu haben, schwellen die Adern an Res’ Schläfe zornig an, sein Kopf verfärbt sich rot. Die Anna kennt das und macht sich schnell davon.

Res bebt, als er ihre Gestalt davoneilen sieht. Er hat diesem dahergelaufenen Wyssler, dem doch von Weitem der Hungerleider und Vagant anzusehen ist, vertraut. Hat ihm blindgläubig alles überlassen, was er diesen Winter mit Holzen verdient hat. Was nützt da ein Akkord, den er auf Wysslers Hausrat abgeschlossen hat, wenn dieser sich nicht zeigt? Was nützt ihm ein Bürge im fernen Ursenbach?

Ein fauler Baum kann unmöglich gute Früchte tragen. Mit mehr Kraft, als es die steifen Glieder vermuten lassen, tritt Schlatter nach einem Brett. Ein Huhn, das dahintersass, fliegt erschrocken auf. Das Geld wird er nicht wieder sehen, den Wyssler auch nicht.

Die Anna ist längst zurück im Tal, als Res, noch immer zitternd vor Zorn, in den zugigen Keller geht. Er hebt ein paar Kartoffeln auf und dreht sie nach allen Seiten um. An ein Aussetzen ist vorläufig nicht zu denken, die Erde ist viel zu nass dazu. Und nun drohen die Kartoffeln ein zweites Mal zu keimen, Res flucht vor sich hin. Kaum ein paar Wochen ist es her, dass er Stunden damit zugebracht hat, die Keime abzubrechen.

Auch für das Kartoffelsetzen hat Res auf Wysslers Hilfe gehofft. Den Mist hat er bereits alleine ausgetan, eine elende Arbeit ohne Ross. Ein solches besitzt er nicht, und sowieso liegt der Acker heuer an einer steilen Stelle.

Res’ Zorn ist so gross, dass er Mühe hat zu atmen. Seine Wut gilt dem Wyssler, von dem er sich Hilfe versprach. Ein jeder Baum an seiner Frucht erkannt, laut verflucht Res den Wyssler mit harten Worten.

Es wird Abend, bis Res sich beruhigt. Er setzt sich an den Tisch und hält Gott um Gnade an. Man soll sich dem Herrn treu überlassen. Meine Schwäche hält die Sache nicht auf. Endlich findet Res zu trostreichen Gedanken und zur Ruhe, nach der er sich sehnt. Schliesslich dankt er dem gütigen Gott, dass er ihn bis dahin an Seele und Leib bewahrt hat, und bittet um Erkenntnis und Reue über die begangenen Sünden. Manchmal lässt er sich ablenken in seinen Gedanken an Gott. Wenn ihn die Wut packt, ist es am schlimmsten. Res betet mehrmals am Tag, nur nicht immer innig genug, wie heute Nachmittag, als er zornig war. Es kann ihm auch passieren, dass er während des Gebets an seiner Wirtschaft herumstudiert oder am Geld. Und manchmal überfällt ihn die Masslosigkeit. Er hätte Anken verkaufen können, statt ihn selbst zu brauchen. Sei mir um Jesu Willen gnädig und verzeihe.

Schliesslich denkt Res, dass er, wenn Gott das so will, den Wyssler doch noch dem Herrn zuführen kann. Res weiss, dass es immer Gnade braucht, damit ein Sünder Einkehr hält. Wenn nur der Wyssler endlich käme, er hat das Logis doch so dringend gewollt? Warum bloss erhält er seit Wochen keinen Bescheid? Res glaubt wieder daran, bei Wyssler gute Anlagen erkannt zu haben. Ganz bestimmt spürt Wyssler die Sehnsucht nach Erlösung, die jeder Mensch in sich trägt, der auf sein Herz hört.

Behüte mich diese bevorstehende Nacht vor allem Übel. Amen. Res steht auf, um Stall und Tenn zu verschliessen.

Maimonat 1860

Die Abreise Wysslers verzögert sich um etliches. Zuerst sind dringende Schulden zu begleichen, sodass das von Schlatter vorgeschossene Geld bald nicht einmal mehr für den Umzug reicht. Jakob muss neues Geld auftreiben. Mehr als einmal kommt Notiz von Schlatter, es ­solle Bescheid gegeben werden, wann man übersiedle. Jakob antwortet nicht. Den ganzen Frühling über bangt er, ob der Umzug gelingt.

Als er gegen Ende Mai das Geld für die Reise beisammenhat, ist an eine Geiss nicht mehr zu denken. Es ist ein armseliges Zeug, was er auf dem Fuhrwerk zusammenzurrt, damit möchte keine Braut durchs Dorf fahren. Und trotzdem sieht Jakob nicht unzufrieden auf seine Ware, die doch immerhin ein Hausrat ist. Ein Tisch, das Bett, die Wäschetruhe, Körbe und Säcke ragen hoch über den Wagen hinaus. Verena und Jakob Wyssler und auch die zehnjährige Annelies laufen neben dem Fuhrwerk her. Die beiden Jüngsten sitzen hinten auf dem Karren und halten sich fest. Die Wege sind schlecht.

Es ist der 24. Mai, der Donnerstag vor Pfingsten. Sie übersiedeln viel später als erhofft.

Verena hat ihren Vetter Res zum letzten Mal gesehen, als sie ein Kind war, und sie hat ihn nicht gemocht. Dann aber ist Wyssler mit seinen Berichten gekommen, und er hat nur Gutes erzählt. Egal, was die Leute sagten, er könne nichts Ungerades finden am Schlatter. Ihr Mann ist ein Fantast und viel zu arglos, aber froh ist Verena doch, das elende Leben in Ursenbach hinter sich zu lassen. Sie freut sich auf eine eigene Stube und dass sie sogar einen Obergaden haben werden.

Inzwischen ist der Sommer im Anzug. Viel zu lange hat Schnee gelegen. Man begann, sich vor Überschwemmungen zu fürchten und auch, dass die Saat Schaden nehme. Jetzt aber steht alles prächtig, und die Bäume sind in voller Blüte. Das Maiwetter ist sonnig und warm.

Die Gegend um den Schafberg wirkt freundlich in der Frühlingssonne, wie die Verheissung von einem friedvollen Leben. Rund um die verstreut liegenden Höfe blühen unzählige Apfelbäume. Jakob sagt, sie werden fünf Obstbäume nutzen können und Pflanzland sowieso. Sogar die Jüngste, die immer wieder weint wegen des groben Gerüttels auf dem Wagen, spürt die Vorfreude, als das Fuhrwerk beim Altschloss die Höhe erreicht und in Richtung Schafberg wendet.

Nur eines bleibt, der Wyssler muss Arbeit finden, denkt Verena. Am Willen fehlt es ihm nicht, und auch als Schuster taugt er durchaus. Er ist nicht faul, nur verschafft sich Jakob keine Geltung. Ein anderer hätte längst etwas gefunden, auch wenn es viele sind, die Arbeit suchen. Es mangelt ihm an Entschlossenheit, und mehr als einer hat für erhaltenes Schuhwerk nie bezahlt. Aber wenn Verena sieht, wie gut der Jakob die Annelies mag, die doch nur seine Stieftochter ist, ist sie versöhnt. Es gibt nicht viele, die ein fremdes Kind bei sich behalten würden. Selbst wenn sie kaum über die Runden kommen und öfter hungrig bleiben, noch nie ist ihr Jakob damit gekommen, die Annelies zu verdingen.

Die letzten Meter müssen sie zu Fuss gehen. Der breite Weg endet vor einem abschüssigen Graben, den man auf einem schmalen Pfad durchquert. Direkt dahinter befindet sich das Haus. Die Tür ist zur Hälfte geöffnet, als sie sich über den Vorplatz nähern.

Schlatter Res erwartet sie in der Küche, stehend. Zögernd treten Wysslers ein. Schwer zu sagen, ob der säuerliche Geruch vom alten Mann oder von der Küche ausgeht. Es riecht nach abgestandener Fleischbeize und ranziger Milch. Die kleinen Kinder verstecken sich hinter Verenas Röcken, und Annelies bleibt in der Nähe der Tür. Verena hat kaum Erinnerungen, aber der Vetter ist alt geworden. Dabei ist er nur um wenige Jahre älter als sie selbst. Er mag auf die fünfzig zugehen, ist mager und bleich und scheint vor Erregung leise zu zittern. Dem finsteren Blick, mit dem er sie aus seinem aufgebracht und wirr wirkenden Gesicht anstarrt, kann sie nicht standhalten. Sie tritt zur Seite und ist froh, als Schlatter und ihr Mann die Küche verlassen, um nach den Pferden zu sehen und den Wagen abzuladen. Draussen herrscht Res ihren Mann an, der etwas Begütigendes erwidert. Nun ist sie froh um den nachgiebigen Charakter ihres Mannes, der sich lieber unterzieht, als Streit zu riskieren.

Verena sieht sich um. Es stinkt. Sie geht durch die Küche, an Schlatters Stubentür vorbei. Die Küche ist ekelhaft dreckig. Kessel und Pfannen, Herd, Tisch und Wände sind mit klebrigem Schmutz und Russ überzogen. In einer verbeulten Pfanne, halb voll mit Mus gefüllt, tummeln sich die Fliegen. Mit einer matten Armbewegung scheucht Verena sie fort. Fliegen hat es überall, aber jetzt im Mai schon so viele, der Herd ist übersät mit toten ­Insekten. Langsam betritt sie die Stube, wo Staub liegt. Wenigstens ist der Raum gross, etwas Sonne scheint her­ein und beleuchtet ein Quadrat auf dem Boden. Verena setzt sich auf den kalten Trittofen. Annelies kommt, die zwei kleinen Kinder vor sich hertreibend, herein.

«Sie haben vom Mus genommen», sagt Annelies.

Verena zuckt mit den Schultern. «Sieht man’s?»

Annelies schüttelt den Kopf. «Man muss die Küche put­zen.»

Verena reagiert nicht, sondern schaut zu den beiden Kindern hinüber, die schüchtern bei der Tür stehen geblieben sind. Sie geht an den Kindern vorbei hinaus, um den Männern beim Abladen des Hausrats zu helfen. Je eher man den Kutscher entlässt, umso weniger muss man ihm geben. Annelies nimmt einen Reisbesen und macht sich daran, zuerst ihre neue Stube und dann die Küche zu fegen.

Danach lädt Schlatter die Neuangekommenen in seine Stube ein. Er wirkt besänftigt, auch wenn er sie nicht willkommen heisst, jedenfalls nicht mit Worten.

Befangen und steif sitzen Wysslers in seiner engen Stube um den Tisch. Das mittlere Kind drängt sich auf der Eckbank gegen die Mutter, und Annelies hält die Jüngste auf dem Schoss. Die Kleinen sind übermüdet von der langen Reise.

Bisher hat Schlatter nur mit Jakob gesprochen, ganz so, als ob die Frau und die Kinder nicht da wären oder als ob er mit deren Ankunft nicht gerechnet hätte. Verena ist deshalb überrascht, als Schlatter die erste Frage an das Mädchen, an die Annelies, richtet.

«Ihr werdet wohl im Gaden schlafen?», fragt Schlatter die Zehnjährige mit Blick auf das müde Kind auf deren Schoss. Annelies wagt nicht zu antworten, und auch die anderen Kinder sehen ihn nur lange und schüchtern an.

«Wir haben bloss ein Bett, das für die Stube. Der Schwager wird uns später eines überlassen, er will’s dann bringen», antwortet Wyssler für das Mädchen. Jakob weiss, dass im gemieteten Gaden ein Bett steht, das dem Schlatter gehört, wagt aber nicht, geradeheraus darum zu bitten.

«Es hat im Gaden ein Bett. Ihr könnt es brauchen, für diese Nacht», sagt Schlatter.

Annelies nickt, erhebt sich mit den beiden Kleinen und verschwindet, um die Kinder schlafen zu legen. Verena und Jakob sehen sich aus den Augenwinkeln an. So ist denn das gelöst, und Zudecken für die Kinder werden sich finden. Den ganzen Winter über mussten sie mit nur einem Bett ausgekommen. Es wird ihnen gut gehen hier.

Verena hätte einen Schluck Milch vertragen oder auch Schotte oder gar ein Glas Gebranntes, aber Res bietet ihnen nichts an. Stattdessen spricht er von ihren ­Effekten und dass er davon eine Liste erstellen wolle. ­Offenkundig haben die beiden Männer vorhin, als sie draussen beim Wagen waren, etwas besprochen wegen der Schulden, die sie beim Schlatter haben. Dann kommt Schlatter aufs Melken zu reden. Wyssler Verena soll das übernehmen, für zwei Mass Milch die Woche.

Verena nickt. Heute Abend schon will Res sie einweisen. Mehr wird nicht gesagt. Steif sitzen Wysslers am Tisch, und als das Schweigen fortdauert, erheben und bedanken sie sich und gehen hinüber in ihre eigene Stube.

So ist die erste Begegnung mit dem einsamen Sonderling recht günstig vonstattengegangen! Nur sei hier angemerkt, was namentlich auch Richter Ingold schon bald zu Ohren kam: Es führte der Schlatter Res wirklich eine höchst unreinliche und unordentliche Knabenwirtschaft! Dem Haushalt fehlte die Magd, die Wirtschaft lag im Argen. Zwar zahlte Res die Zinsen akkurat, indes liess er das Heim verkommen.

Kann man, die Frage sei gestattet, an einem solchen Orte beieinander friedvoll hausen ohne Zwist?

Es wird wenig gesagt, während Wyssler den Hausrat in ihre Wohnung trägt und Annelies und Verena die Küche putzen. Später hilft Verena Res im Stall und lässt sich ­erklären, wie sie fortan das Melken zu besorgen hat. Schlatter steht hinter ihr und beobachtet sie, während sie die Milch aus den Zitzen zieht und in den Kübel zwischen ihren Knien schäumen lässt.

Alles in allem, auch wenn der Schlatter nicht gerade freundlich war, so scheint er doch anständig, denkt Ve­rena, als sie sich schliesslich abends in ihre neue Stube zurückzieht. Zu Annelies, die eifrig Wasser in die Küche geschleppt und geputzt hat, benahm er sich beinahe nett. Die Annelies hat ihre Scheu vor dem alten Mann am schnellsten verloren, die beiden scheinen sich gewogen. Nur als sie sich daranmachte, Holz in die Küche zu bringen, hat Schlatter sie unerwartet grob angeherrscht, er wolle das selber besorgen. Niemand hat begriffen warum, aber Annelies liess sich von seiner heftigen Art nicht beeindrucken.

Mit Erleichterung schlüpft Verena unter die Laken zu ihrem Mann, hungrig zwar, aber voller Zuversicht. Umso mehr, als sie seit ein paar Tagen weiss, dass sie in Hoffnung ist. Mit einundvierzig muss es das Letzte sein, der Wyssler soll sie fortan in Ruhe lassen. Gottlob kann sie dem Kind, das unterwegs ist, nun ein Heim bieten. Die Wiege wird in der Stube stehen, wo die Eltern schlafen. Die anderen Kinder können sich das Bett im Gaden teilen. Mit der Milch von Schlatters Kühen, der Ernte aus der Pflanzung und den vielen Äpfeln werden sie gut über die Runden kommen. Wyssler wird Arbeit finden, und was er dann noch verdient, kann man zur Seite legen für nötige Anschaffungen. Warme Decken für die Kinder, bevor der nächste Winter kommt, und bessere Kleider.

Der erste Morgen auf dem Schafberg beginnt bös. Schwaches Tageslicht dringt durch die Fenster in die Stube, es mag fünf Uhr in der Früh sein, als Verena erwacht. Schlatter geht in Holzböden in seiner Stube umher. Er murmelt leise vor sich hin. Manchmal wird er etwas lauter, und ab und zu klingt es nach Gesang. Noch ohne richtig wach zu sein, weiss Verena, dass es ein Fehler war, hierherzukommen. Alle haben sie vor Res gewarnt. Was für ein unheimlicher Mann, wenn er nur den Kindern nichts antut. Sie hat den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als es im Gaden über ihr rumpelt und die Jüngste durch das Bodenloch überm Ofen gestrauchelt kommt.

Das erst zweijährige Kind ist mit Hunger aufgewacht und will durch das Loch zu den Eltern in die Stube hinunterklettern. Dabei rutscht es aus, und Verena sieht zu, wie das Mädchen auf den Ofen fällt und von dort aus auf den Stubenboden. Augenblicklich ist sie auf den Beinen. Das Kind schreit, es blutet. Verena packt es und hastet in die Küche, das Kind am Arm wimmert, aber Verena findet sich in der finsteren Küche nicht zurecht. Alles, was sie angreift, fühlt sich klebrig an, vielleicht wegen des Bluts der Kleinen. Da öffnet sich Schlatters Tür. Er hat in seiner Stube Licht.

Sie legt das Kind auf Schlatters Ofenbank, während er ihr zündet. Die Kleine hat eine Platzwunde am Kopf, klammert sich an Verena und weint. Endlich kommt Jakob, er bringt Wasser und bettet das Kind auf seinen Schoss. Es ist Jakob, der das Kind beruhigen kann, während Verena die Wunde mit Wasser reinigt und schliesslich den Kopf mit einem Stück Tuch von Schlatter verbindet.

Jakob wiegt weiter beruhigend das Kind, während Verena sich erschöpft an Schlatters Tisch setzt. Die dumpfe Angst vor Res beim Aufwachen – jetzt war sie froh um ihn. So langsam kommt Verena zu sich. Was für ein schlechter Anfang auf dem Schafberg, dieser Sturz, wenn nur dem Kind nichts bleibt. Plötzlich bemerkt ­Verena die aufgeschlagene Bibel, die auf dem Tisch liegt, und sie begreift. Res hat gebetet. Sein Gemurmel vorhin, es waren Gebete. Der alte Mann hält morgens Andacht. Sie hat gemeint, er spreche mit sich selbst. Sich um den Herrgott zu kümmern, ist nichts Schlechtes. Man weiss, Res ist ein Stündeler. Die Stündeler mag niemand, schon gar nicht solche, die anderen Vorschriften machen. Aber ihr gilt es eigentlich dasselbe, ob einer nun in der Kirche betet oder zur Versammlung geht. Und ein bisschen mehr an den Herrgott zu denken, schadet nicht, auch ihr nicht und den Kindern.

Das Mädchen ist vom Weinen müde geworden. Unter nassen Wimpern hält es die Augen geschlossen und reibt das feuchte Näschen an Jakob, der es nun in ihre Stube zurückträgt. Res zieht sich indessen den Tschopen an und geht ins Tenn, Verena folgt ihm mit dem Melkkübel. Um den Stall zu öffnen, muss Res durch die Futterlöcher hindurch eine Latte lösen. Auf den Zehenspitzen seiner mageren Beine stehend, beugt er sich weit nach vorne, auf zitternden und verkrampften Gliedern. Verena fürchtet jeden Moment, dass er kopfüber in die Krippe fällt. Bei solchen Verrenkungen kann sie ihm nicht helfen, anfassen will sie ihn lieber nicht.

Res wartet einen knappen Schritt hinter Verena auf die Milch. Sie stemmt ihre Stirne gegen den warmen Kuhbauch und versucht, ihn zu vergessen, während sie ruhig den Milchstrahl abwechslungsweise von links und von rechts in den Kübel lenkt.

Res, überlegt sie, der etwas älter ist als sie, lernte den Hunger gewiss schon in der Wiege kennen. Im Jahre 1816, erzählt man sich doch, war die Not der Leute besonders schlimm. Die Ernten blieben gänzlich aus, die Menschen assen Gras statt Brot. Res’ Geiz wird dannzumal entstanden sein, wie auch sein sonderbares Wesen. Er wird für alle Zeiten den Hunger im Bauch behalten haben.

Auch später war Res ein ausgesprochen magerer Bub von ungesunder Farbe. Zudem bewegte sich der Vetter seltsam steif und war sehr langsam im Begreifen, erinnert sich Verena. Ob sein Gehör schon damals schlecht war? Die Natur habe Schwächen in ihm angelegt, darunter einen Groll auf alle und den Jähzorn, hiess es von Res. Jedenfalls war der alte Schlatter nicht glücklich über seinen Sohn. Dass Res die Schule ordentlich besuchte und lesen und schreiben lernte, verdankt er seiner Mutter.

Res wuchs gewiss freudlos und abgesondert auf. Dass er darüber etwas komisch wurde, verwundert nicht. Ob es wohl stimmt, dass er bisweilen anderen unzugängliche Dinge hört und sieht? Auch das sagte man von ihm.

Kaum ist Verena mit Melken fertig, wird ihr der Kessel von Res entrissen. Im Schopf verteilt er die Milch auf eine Bränte für die Käserei und einen grossen Krug.

Ein leeres Glas in der Hand kommt Jakob dazu und berichtet, die Kleine sei eingeschlafen. Während Schlatter Res noch mit Umschütten beschäftigt ist, taucht Jakob sein Glas in die Milch und trinkt es gierig leer. Auch Verena hat seit ihrer Ankunft nichts gegessen und würde es gerne ihrem Mann gleichtun. Als sie aber Schlatters Gesicht sieht, lässt sie es bleiben.

Hastig hievt sich dieser die Bränte auf den Rücken und verschwindet, in den Händen den Krug, an den Schultern die Bränte, im Keller. Die schwere Käsereimilch trägt Res somit die Treppe hinunter und wieder hoch. Verena und Jakob sehen sich an. Er will nichts bei ihnen stehen lassen ohne seine Aufsicht.

«Hast du den Verstand verloren? Dich einfach so zu bedienen?», fragt Verena Jakob, «du hättest fragen müssen. Es ist seine Milch.»

«Aber gemolken hast bereits zweimal du. Die Abrede ist, dass wir dafür Milch kriegen. Er kann ja das Glas abziehen von den zwei Mass Milch für uns.»

«Er wollte die Milch messen, bevor du nimmst. Noch draussen, halb im Stall, zugreifen. Das gehört sich nicht. Nicht vor ihm. Hättest warten können.»

«Du kannst dir ja vorstellen, dass ich Hunger habe.»

Verena nickt. Sie kehrt ins Haus zurück und ruft nach Annelies, die sich noch nicht aus der Stube gewagt hat. Das Mädchen soll Feuer machen. Später muss Jakob dürre Äste aus Schlatters Wald holen, damit sie eigenes Holz haben. Res wird wohl nichts dagegen haben, dass sie vorläufig die nötigen Scheiter von seiner Beige nimmt. Schliesslich kommt ihm die Glut im Ofen zugute, wenn er von der Käserei zurückkehrt und frühstücken will. Verena geht hinaus zum Brunnen, um den Melkkübel zu waschen.

Einige Tage später arbeitet Res auf der Bühne über dem Stall. Es muss hier Ordnung geschaffen werden, bevor das warme Wetter beginnt und es plötzlich losgeht mit Heuen. Res schiebt getrocknetes Gras vom vorigen Winter vor die Futterlöcher. Heu und Emd, beides ist noch vorhanden, dabei hat er sich bis vor Kurzem Sorgen gemacht, das Futter werde knapp.

Mit dem Vater hat er darüber früher manchen Wortwechsel gehabt. Der Vater gab den Tieren viel zu viel, mehr als sie fressen mochten. Beständig waren sie deshalb hintereinander her. Dabei weiss man nie, ob es auch im nächsten Sommer genug Heu einzufahren gibt. Manch einer war schon froh um altes Heu, auch wenn es nicht mehr duftet. Der Mensch soll mit Gottes Gaben sorgsam umgehen, das gilt doch auch fürs Gras.

Dem Wyssler hat er Futter versprochen für zwei Ziegen, nur wann die Geissen kommen, weiss man nicht. Sobald Res an das vorgeschossene Geld denkt, wird er wütend. Das Geld ist weg, und Geissen sind doch keine da. Die Wysslers haben es sich wohl gut gehen lassen mit seinem Geld. Brot, Fleisch, Kaffee, Res will sich nicht ausmalen, was sie damit angestellt haben. Wenigstens hat er nun von Wysslers Effekten eine Liste, auch wenn sie nur armseliges Zeug besitzen. Laut Akkord hat Wyssler seinen Hausrat für die Schulden als Garantie gegeben. Von was die Wysslers leben wollen? Solche Hungerleider im Haus zu haben gefällt Res nicht.

Wenn einer in Armut absackt wie der Wyssler, dann niemals ohne eigenes Verschulden. Wie eine Krankheit wuchert das Elend in solchen Familien und verdirbt die Menschen. Obschon der Wyssler vermutlich kein schlechter Mensch ist. Aber er lebt in grossem Elend, von dort ist es zum Diebstahl kein weiter Weg, auch nicht zur Trunksucht. Res denkt, dass die Frau dem Wyssler schadet. Zwar haben alle brav gearbeitet, seit sie auf dem Schafberg sind, auch die Frau. Aber Res spürt, Verena wird aufbegehren früher oder später, sie sieht nicht aus wie eine, die von sich aus gern entsagt. Zu gierig blickt sie nach seinem Anken, als ob sie ihn darum bitten wollte und es doch nicht wagt. Den kleinen Kindern hat sie den masslosen Blick bereits vererbt. Mit dem sehen sie ihn an, wenn er Milch trinkt.

Res muss husten. Das staubige Heu kratzt im Hals und brennt in den Augen. Seine eigenen Ersparnisse wird er in Zukunft gut bewachen müssen.

Auf dem Heuboden verteilt liegen noch einige Halme, die Res nun liegen lässt. Über die Leiter steigt er hin­ab ins Tenn.

Gewiss stand auch damals auf der Reite, dem Korngarbenboden überm Tenn, das Bodenloch gefährlich offen!

Der Krähenbühl, Knecht bei Haldimann, hat Richter Ingold zugetragen, was er vom Grunder Hans, Knecht in der Multenweid bei Salzmann, weiss, welchem es die Jungfrau Steiner berichtet hat: Der Schlatter halte das Reiteloch absichtlich offen, das sei den Schelmen so gebeizt. Als die Elisabeth Steiner nämlich einmal auf dem Schafberg auf die Bühne ging, habe Schlatter zu ihr bemerkt, sie solle sich in Acht nehmen, das Reiteloch sei offen. Sie habe damals im Sommer geholfen, die Hühner in den Stall zu jagen, und sei deswegen auf die Bühne gegangen. Der Schlatter besitze zehn à elf Hühner, erzählte Jungfrau Steiner, und glaube immer, wenn nur ein Huhn über die Bühne gehe, es seien Schelme oben: Denen zur Überraschung stehe das Reiteloch weit offen.

Am Pfingstabend sitzt Verena mit dem Rücken an die Holzwand gelehnt in der halbdunklen Küche. Von draussen hört sie Res’ Schritte, er nähert sich dem Haus. Res war wohl bei seinem Betkreis, er kommt in sonntäglicher Besinnlichkeit zurück, ganz versunken und nachdenklich schlüpft er in die Holzbodenfinken.

Res betritt die Küche und geht an Verena vorbei direkt in seine Kammer. Wenig später ist er zurück, doch scheint er Verena noch immer nicht bemerkt zu haben. In sich gekehrt, schlurft er ruhig zum Herd. Dort steht seit dem Morgen, seit Res das Haus überhastet verlassen hat, ein Topf mit gesottenem Anken. Es geschieht selten, dass Res etwas vergisst. Alles sperrt er sofort weg, in seinen Schaft, in den Speichergaden, in die Kammer, in den Keller.

Verena hat den Topf nicht angerührt. Niemand hat ihn angerührt. Verena auf ihrem Fensterplatz macht sich bemerkbar, sie will aufstehen.

«Masshalten wird vom Herrgott belohnt und nicht das Nehmen. Nehmen von dem, was einem nicht gehört», sagt Res laut vor sich hin. «Aber ihr habt heute wohl einen Festsonntag gehalten.»

Wortlos verlässt Verena die Küche, in der Kammer lehnt sie sich gegen den kalten Ofen. Keine Messerspitze Anken hat sie dem Topf entnommen. Inzwischen poltert Res draussen wie gewohnt herum. Aber dann zu den Stündelern rennen, deren Gebet ja gerade einmal für den Heimweg reicht und bis in die Kammer.

Verena Wyssler keucht den Hang hinauf. Annelies muss sich mässigen, um nicht davonzuziehen, ständig um Schritte voraus. Früher war die Mutter füllig und weich, in den Jahren, als Annelies noch auf ihren Schoss kroch. Stämmig ist die Mutter immer noch, aber seit dem letzten Winter ist sie mager geworden um ihre groben Knochen. Nun bleibt sie stehen, fächelt sich Luft in den Ausschnitt, räuspert von tief unten Schleim weg und sieht nochmals den Hang hoch.

Auch wenn ihr der Aufstieg beschwerlich fällt, die Mutter ist froh, das Haus zu verlassen.

Oben am Grat zeichnet sich die Silhouette eines ­Mannes ab, der sie beobachtet. Verena wendet sich wieder dem Berg zu und stapft los, Annelies folgt. Mutters ­Waden, die unter dem hochgeschürzten Rock hervorblitzen, sind drahtig und überzogen von einem Netz feiner roter Adern. Der Mann ist wohl einer von Salzmanns Knechten. Salzmann heisst der Bauer in der Multenweid, ein Nachbar.

Seit den heftigen Gewittern an Pfingsten ist es wieder kühl und nass geworden. Als sie auf dem Grat ankommen, grüssen sie den Mann.

«Das war ein steiler Hang», meint die Mutter und setzt sich, indem sie dem Fremden zulächelt, ins feuchte Gras. Aus den Augenwinkeln bemerkt Annelies, dass sie Anstalten macht, sich hinzulegen. Sie lässt es aber bleiben, sitzt nur nach hinten auf die Arme gelehnt schwer atmend da. Unbehaglich bleibt Annelies stehen. Schon, weil sie nicht, was die Mutter nicht zu stören scheint, den restlichen Weg mit einem feuchten Rock zurücklegen will.

Nach einer Weile sagt die Mutter, sie hätten unten bei Schlatter Quartier bezogen. Sie deutet in Richtung Haus, in dem sie jetzt wohnen. Der Mann nickt.

«Grunder Hans», sagt er schliesslich.

Als die Mutter wieder zu Atem gekommen ist, setzt sie sich gerade hin und blickt sich um. Plötzlich beginnt sie zu kichern, zuerst leise glucksend, dann immer offener, unbekümmert. Annelies kann nicht feststellen, worüber sie lacht. Der Mann bleibt gleichfalls ungerührt. Annelies schämt sich. In den Mundwinkeln der Mutter zeigen sich ihre Zähne, wie bei den Lefzen eines Hunds. Nun streicht sie sich den Rock glatt und schaut dem Knecht gerade ins Gesicht, der sofort wegsieht. So benimmt sich die Mutter, wenn sie sich beliebt machen will. Annelies stellt sich weiter abseits hin.

Auf der gegenüberliegenden Talseite zieht eine Kuhherde zur Tränke, einzelne Tiere bewegen sich gemächlich, andere schnell. Der Mann scheint die beiden Frauen vergessen zu haben, er blickt den Kühen nach.

Als das Gelächter geendet hat, beginnt die Mutter Fragen zu stellen. Sie will Auskunft über Felder und Tiere und wem diese gehören. Der Mann bleibt wortscheu, seine Antworten kommen zögerlich. Wenn sich die Mutter nur stillhalten würde, statt sich ungehörig anzubiedern bei fremden Leuten.

«Wo wollt ihr hin?», fragt Grunder schliesslich.

«Wir gehen um Saatkartoffeln, die Schwester in Röthenbach will uns geben, was sie noch hat.»

«Kartoffeln wollt ihr setzen?» Annelies weiss, was Grunder meint. Bald Brachmonat und die Erdäpfel noch nicht im Boden.

«Wir sind halt jetzt erst umgezogen», erklärt die Mutter.

Grunder sagt nichts, und eine Weile lang schweigen alle. Annelies hat sich sowieso kaum gerührt und nichts gesprochen. Sie betrachtet den Weg vor sich. Endlich verabschiedet sich der Knecht mit einem knappen Gruss.

Vielleicht ist es gar nicht Mutters Art. Vielleicht verstellen sich die anderen, wenn sie sich so bedächtig und gemessen geben. Vielleicht ist dieser Knecht ein bigotter Stündeler, so wie man es von Schlatter sagt. Sie selbst mag es eigentlich, wenn die Mutter lacht, ob es nun ei­nen Grund gibt oder nicht. Aber viele Leute mögen es nicht, das war schon immer so. Und die Mutter hört nicht auf, wenn keiner einstimmt.

Der Knecht hat rechtschaffen gewirkt. Wie man sein sollte, denkt Annelies, wie man wohl sein sollte und wie die Mutter es nicht ist.

«Was denkst du, ist Salzmanns Knecht auch ein Stündeler?», fragt sie später die Mutter, als sie weitergehen. Verena bleibt stehen, überrascht zuerst und dann entrüstet. Nur weil einer nicht lärmt und angibt, weil einer ein ernsthafter Mensch ist, erwidert sie und weist die Tochter zurecht. Die Mutter redet sich richtiggehend ausser Atem, während sie alle Frommen und Pflicht­getreuen verteidigt und die Tochter ermahnt. Dass sie selbst den anderen manchmal als anstössig gilt, weil sie so unbekümmert und mit einem nassen Abdruck auf ihren Gesässbacken ausschreitet, merkt sie nicht.

Der Grunder wurde nach Langnau zitiert, zu berichten, was er weiss. Es befand sich dieser nämlich am fraglichen Abend, den 15. Hornung letzthin, auf dem Schafberg.

Er habe, sagte Grunder vor dem Richter, an jenem Abend ­weder den Schlatter noch den Wyssler angetroffen, sondern nur fremde Männer vorgefunden. Es sei zwischen halb à neun Uhr ­gewesen, dass er, auf dem Schafberg angekommen, daselbst zwei­mal bei der Haustür geklopft habe. Während er noch wartete, seien zwei ihm unbekannte Mannspersonen oberhalb der Bühnen­brücke hindurch gegen den Hausecken hinabgegangen. Wer diese Männer waren, wisse er nicht zu sagen. Aus Angst, es möge etwa etwas Unrichtiges vorgefallen sein, habe er sich sogleich entfernt.

Das ist, was der auf Citation erschienene Grunder Johann, des Johannes und der Elisabeth, geb. Salzmann, Sohn von Vechigen, Knecht bei Salzmann Peter in der Multenweid, geb. 1839, ledig, Soldat der 23. Füsilier-Companie des 30. Bataillon in Langnau, beim Richter auf geeignete Fragen deponiert hat.

Verena erkennt die Schwester von Weitem, sie winkt und juchzt ihr zu, während sie mit Annelies den Weg zum Haus hinuntersteigt. Die Schwester arbeitet mit ihren zwei Töchtern im Garten. Als sie Verenas Rufe hört, legt sie die Hacke hin und winkt zur Antwort mit den Armen.

Fast gleichzeitig treffen sie auf dem Vorplatz ein. Die Schwestern umarmen sich, Annelies begrüsst die Cousinen mit einem Handschlag. Die Besucherinnen werden hinters Haus gebeten zu einem Tisch auf der Laube. ­Verenas Schwester Magdalena holt aus dem Keller einen Krug mit kühler Schotte und füllt daraus zwei Gläser. Durstig greift Verena nach dem Getränk.

Die Frauen setzen sich hin, Verena lockert ihr Hemd und atmet seufzend aus. Der Weg hierher nach Mühleseilen, einem Weiler der Gemeinde Röthenbach, war weit.

«Jetzt wohnt ihr also beim Vetter im Schafberg, beim Resli?», fragt Magdalena und springt gleichzeitig erschrocken auf. Sie wird von einer Hornisse verfolgt, die sie fuchtelnd zu vertreiben versucht. Marianne, die ­ältere ihrer Töchter, zieht sich das Tuch vom Kopf und schlägt damit nach dem Insekt, bis es zu Boden fällt.

«Ihr wohnt nun also beim Res?», wiederholt Magdalena ihre Frage, als sie wieder sitzt. Sie will wissen, wie es dort aussieht und ob man sich mit Res vertragen kann. Verena beginnt zu berichten. Auf dem Weg, der am Haus entlangführt, treibt ein Nachbarsbub ein Schwein vorbei. Als die Mädchen es erblicken, können sie nicht an sich halten, und Marianne fällt der Tante ins Wort. Sie muss davon erzählen, dass das Schwein gestern um ein Haar geschlachtet worden wäre. Völlig reglos sei das Tier im Stall gelegen, man hat gedacht, es wäre tot. Als aber der Bauer mit einem grossen Messer kam, sprang die Sau auf und schleckte am Trog herum.

«Der Bendicht wird auf Stör sein?», erkundigt sich Verena, sobald das Gelächter verklungen ist, nach dem Mann ihrer Schwester.

Magdalena nickt und schenkt Schotte nach. Zu einer Antwort kommt auch sie nicht, weil ihre beiden Mädchen nun vorführen, wie das scheintote Schwein beim Anblick des Messers aufwacht. Ihre Darstellung ist so komisch, dass sich Annelies vor Lachen verschluckt und man ihr auf den Rücken klopfen muss.

Als schliesslich die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht sind, verschwinden die beiden Frauen im Keller, um nach den Saatkartoffeln zu sehen. Annelies bleibt bei den Cousinen, die ihr, rittlings auf der Bank sitzend, ein Spiel mit Steinen zeigen. Die Marianne, die bald zwölf wird, ist eigentlich zu alt, um sich so breitbeinig zu zeigen, und Annelies muss daran denken, dass Marianne als Uneheliche zur Welt kam. Auch wenn ihre Mutter inzwischen den Aegerter Bendicht geheiratet hat, so ist sie doch eine vaterlose Waise. So hinsetzen sollte sie sich deshalb nicht.

Die Frauen kommen mit einem grossen Korb Kartoffeln aus dem Keller zurück und Annelies hilft der Mutter, sie auf die Hutten zu verteilen.

«Bis zu elf Franken kostet ein Sack nun in der Stadt», sagt Magdalena. Über das Bezahlen haben sie noch nicht gesprochen.

«Bei solchen Preisen vermag man keine Kartoffeln zu kaufen», meint Verena bloss.

Sie einigen sich auf acht Franken, die später zu bezahlen sind.

Auf dem Heimweg ist die Mutter aufgekratzt und gesprächig. Annelies würde sich gerne nach Mariannes Vater erkundigen. Die Mutter hat nie mit ihr darüber gesprochen, und auch jetzt wagt Annelies nicht zu fragen.

«Bei Aegerters reden alle gleichzeitig. Sie setzen sich nie wirklich hin, dauernd springt jemand auf», sagt Annelies stattdessen.

Die Mutter stimmt dem zu.

«So war es früher auch bei uns daheim.»

Manch einer im Dorf bemängelte diese Fröhlichkeit, wenngleich nur hinter vorgehaltener Hand. Verena hat die tadelnden Blicke nicht vergessen und wie ihr, beiläufig höchstens und mit einem kurzen Lachen, bedeutet wurde, das Vergnügen gelte etwas viel bei ihnen. Dabei hat sich der Pfarrer nie beklagt. Diesem war wichtiger, dass ihr Glaube in seinem Sinne blieb. Mit Stündelilaufen oder übertriebener Frömmigkeit jedenfalls gaben sie – die Hirschis, wie Verenas Leute hiessen – dem Pfarrer keinen Grund zu Sorge.

Man hatte einen kleinen Hof, der gottlob ihrer war und für den man nicht zu zinsen brauchte, erinnert sich Verena. Nur gaben die winzigen Äckerlein, die Geissen und das Garnspinnen zum Leben nicht genug. Der Vater ging deshalb mit Besen, sobald es Winter wurde.

Vom Vater wurde wüst geredet. Wenn er mit seinen Besen komme, schicke man besser die Männer an die Tür, um zu märten, nicht die Frauen. Die Sache abgehandelt, solle man vor dem Haus warten, bis er von Grund und Boden sei, es gebe redlichere Leute als den Hirschi. Deshalb galt auch sie, obschon sie tüchtig war und anzupacken wusste, von vornherein als liederlich. Die Nachbarinnen gaben es ihr zu verstehen, nur manche Männer waren etwas milder.

Viel besser erging es Verena später im Bädli Rohri­moos. Sie fand Anstellung dort und holte ihre Schwester Magdalena nach. Es war eine gute Zeit für zwei junge Mädchen, das Bettenmachen und Bödenschrubben in der sauberen Herberge gefiel ihnen besser als dreckige Kartoffeln auszugraben, wie sie es von zu Hause kannten. Und auch, dass man allseits beliebt war und gern gesehen. An jedem Abend gab es Spiele, oft auch Musik, der Wein floss nicht zu knapp dabei. Auch wenn Verena selbst bloss Dienstmagd war und da, um andere zu bedienen, wenn spät in der Nacht in der Gaststube gesungen wurde, gehörte sie dazu. Was dann zählte, war eine schöne Stimme und ein fröhliches Gesicht. Sie hatte beides, weiss Verena.

Bis heute meint sie oft, wenn sie recht lustig sei, so sei sie gern gesehen. Dabei hat sie doch längst gelernt, das zählt im Leben nicht. Mariannes Vater, ein reicher Bauernsohn aus Madiswil, liess Magdalena sitzen, so hübsch und lustig diese damals war. Als ihn die Lage zum Handeln zwang, schien ihm etwas Gerede besser als eine mittellose Braut.

Sie selber hat daraus gelernt, als sie die jüngere Schwester schwanger sah von einem, der sich nicht mehr zeigte. Verena nahm sich den Mann rechtzeitig. So schnell, dass sie vergass, ihn sich gut anzuschauen. Ihr erster Mann, Annelies’ Vater, war arm, dazu ein durstiger Geselle und wenig zuverlässig. Auch nach der Heirat hielt er es weiter lustig, nur fortan ohne sie. Weshalb die Leute nicht unrecht hatten, als sie sagten, sie habe über seinen frühen Tod nicht viel getrauert. Gottlob gleicht Annelies dem Vater nicht.

Es ist später Nachmittag, als die beiden Frauen aus Röthenbach zurückkehren, ihre Hutten gefüllt mit Kartoffeln. Als Verena hinter Annelies die Stube betritt, bemerkt sie, dass sich dort etwas verändert hat. Auch Annelies ist überrascht mitten im Raum stehen geblieben. Verena sieht ihre Tochter an.

«Dein Spinnrad und die Stabellen», sagt Annelies.

Verena nickt. Aber auch das Trögli, die beiden kleinen Truhen und das Schustertischlein, sogar die defekte Stubenuhr fehlen. Bis auf den Schaft, den Tisch und das tannene Bett ist der Raum leer.

«Er wird doch nicht – er wird doch nichts verkauft ­haben?»

Die beiden Frauen sehen sich ratlos an, beunruhigt.

«Soll ich den Vater suchen?», fragt Annelies. Verena nickt. Annelies hat die Stube noch nicht verlassen, als dieser auftaucht.

«Er hat es in Verwahrung genommen. Für das geborgte Geld.»

Jakob lehnt an der Ofenbank und sieht zu Boden.

«Was soll das heissen? Er? Der Schlatter? Wir brauchen die Sachen!»

«Alle unsere Effekten seien die fünfundvierzig Franken nicht wert, die wir ihm schulden, sagt er. Er wolle sie zur Sicherheit in Verwahrung nehmen. Sobald wir das Geld haben, können wir alles wieder auslösen, zum gleichen Preis. Er wird nichts weggeben oder verkaufen.»

«Und wie sollen wir ohne Hausrat leben? Wie willst du Schuhe machen ohne Werkzeug? Wo sind die Sachen?»

Wie soll ich schustern, wenn ich das Leder nicht vermag, denkt Jakob, da brauche ich auch kein Werkzeug. Er sieht einer verirrten Biene zu, die an der Fussbank entlangkrabbelt.

«Er hat die Dinge in seinen Speichergaden gestellt.»

Jakob blickt Verena zum ersten Mal an. Einen Moment lang schweigen beide. Jakob bückt sich und langt nach einem Schuh, um die Biene zu erschlagen.

«Du hast ihm aber nichts unterschrieben? Dass wir ihm die Dinge überlassen müssen?»

Jakob antwortet nicht. Schliesslich wissen beide, dass er nicht lesen und nicht schreiben kann.

«Schlatter sagt, wir können die Sachen benützen, wenn wir sie brauchen. So ist es abgemacht. Er will sie nur in Verwahrung haben. Er will sie bei sich halten, damit wir nichts davon verkaufen. Es ist, weil wir keine Geissen gebracht haben. Er hat mir das Geld doch für die Geissen gegeben.»

«Dann muss ich in Zukunft beim Schlatter um Erlaubnis bitten, wenn ich spinnen will?»

«So wird es nicht sein. Wir müssen mit ihm reden. Zuerst wollte er alles nehmen, sogar die Sachen in der Küche. Ich habe ihm erklärt, dass das nicht geht, nicht die Dinge, die du täglich brauchst. Die Wiege hat er uns auch dagelassen.»

«So. Reden müssen wir mit ihm.»

Verenas Fassungslosigkeit ist Wut gewichen, Wut auf den Schlatter und auf ihren Mann. Dass dieser sich aber auch niemals wehrt, dass er ein jedes Mal nachgibt. Bis wann will er es schaffen, dem Schlatter die fünfundvierzig Franken zurückzuzahlen? Er wird es nicht schaffen. Nicht jetzt. Nicht im Herbst. Nicht einmal bis zum Winter.

Ohne ihren Mann weiter zu beachten, verlässt Verena die Stube und geht auf die Suche nach Schlatter. Eine halbe Stunde später sind Spinnrad und Schusterwerkzeug wieder auf ihrem Platz. Obwohl sie eben gerade mit dem Schlatter richtig Streit gehabt hat, ist Verena zufrieden. Sie haben Schulden bei Schlatter und wohnen in seinem Haus, aber das ist kein Grund, klein beizugeben. Nicht bei einem, der beständig den Herrn in seiner Rede führt. Und schliesslich melkt sie ihm die Kühe.

Jakob sitzt derweil am Tisch und schabt mit dem Fingernagel Russ von der Lampe. Den Jakob wird sie in Zukunft immer wieder daran erinnern müssen, dass der Stuhl, auf dem er sitzt, nicht mehr ihm gehört. An solche Dinge denkt der nämlich lieber nicht.

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9783038551188
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