Kitabı oxu: «Der Amok-Insasse: Die Psychothriller Parodie»
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Impressum
Dieses Buch ist eine Parodie
Zitat
Kapitel 0
Kapitel 49 - Das Ende
Kapitel 1 - Der Anfang
Kapitel 2 - Phill Jerkoff
Kapitel 3
Kapitel 4 - Klax schlusfolgert
Kapitel 5 - Ein Jahr und viele, viele Tote später
Kapitel 6
Kapitel 7 - Dr. Volker Bieder
Kapitel 8 - Verfolgungsjagd ohne Verfolger
Kapitel 9 - Armes Hottehü
Kapitel 10
Kapitel 11 - Olga Jerkoff
Kapitel 12 - Phill Jerkoff
Kapitel 13 - Mariam Karkuffian
Kapitel 14 - Mariam Karkuffian
Kapitel 15 - Phill Jerkoff
Kapitel 16 - Freda, die Kontaktperson
Kapitel 17 - Mariam Karkuffian
Kapitel 18
Kapitel 19 - Strategie ohne Fantasie, Gruppentherapie
Kapitel 20 - Die Leiche der Peggy Melanome
Kapitel 21 - Mariam und der überaus attraktive Anwalt
Kapitel 22 - Intermezzo
Kapitel 23 - Phill macht Fortschritte
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31 - Phill Jerkoff und die kongeniale Idee
Kapitel 32 - Die Suche nach … ähm … tja, also …
Kapitel 33 - Verschwörung
Kapitel 34 - Mariam und Freda …
Kapitel 35 -Konfrontation
Kapitel 36 - Mariam Karkuffians Tagebuch
Kapitel 37 - Dr. Bieder und das Casting der neuen Belegschaft
Kapitel 38
Kapitel 39 - Horst Seenot und die Nudelpfanne
Kapitel 40 - Ohne Rubel geht die Olga in die Wolga
Kapitel 41 - Phill und die alte Liebe
Kapitel 42 - Günthers Teil der Geschichte
Kapitel 43 - Phill denkt nach
Kapitel 44 - Das Kapitel, in dem die Anstalt endlich verlassen wird
Kapitel 45 - Angriff ohne Widerstand
Kapitel 46 - Die Nacht, in der Klax verschwand
Kapitel 47 - Zurück auf dem Waldparkplatz
Kapitel 48 - Das Zeitalter der 3. Auflage
Titelseite - Ende
Zeitungsinterview mit dem Autor Bastian Litsek
Kreuzworträtsel
Malbuch
Über den Autor

Copyright © 2019 Bastian Litsek
Kontakt: Bastian.Litsek@emailn.de
Autoren-Zeichnung: Natalia Novakovic
Korrektorat: Claudia Heinen
Probeleser: Aki
Malbuch: Siham Agzoum
Covergestaltung: Olivia
ISBN: 9781797086071
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
Dieses Buch ist eine Parodie1
Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, ohne satirische Anspielungen, ist zufällig. Dieses Buch wurde weder von Droemer Knaur noch von Bastei Lübbe oder einer anderen Person oder Instanz, die mit Sebastian Fitzek in Verbindung steht, autorisiert oder anderweitig genehmigt.
Dieser Text versteht sich nach (§ 24 UrhG) als selbstständiges Werk, welches in freier Benutzung des parodierten Werkes geschaffen wurde. Persönliche Züge des Originals sind entfernt und unkenntlich gemacht worden, indem sie durch die des Autors Bastian Litsek ersetzt wurden. In Fachkreisen spricht man auch von einer Verschlimmbesserung.
Dieses Buch enthält Fußnoten.
Diese tauchen in Form von kleinen Zahlen auf, die hochgestellt sind. Durch das drücken auf selbige werden Sie sofort zu der entsprechenden Fußnote gebracht. Durch erneutes drücken der Zahl kehren Sie zurück zur entsprechenden Textstelle.
1 Eine humorvolle-satirische Nachahmung eines bekannten, in diesem Fall literarischen Werkes.*
* Fußnote, die: Anmerkung zu einer Textstelle, welche unter dem Text steht. Kann von der Unfähigkeit des Autors zeugen, sich klar auszudrücken.**
** Gar nicht wahr! Anm. d. Autors.
Jeder Mensch von Genie hat seine Verleumder.
Edgar Allan Poe
Marginalien
0.
Es war einmal vor einer gar nicht allzu langen Zeit in einem wunderschönen Bundesland. Da lebte eine Familie glücklich und in Frieden, bis ihre Kinder verschleppt, verkauft, versklavt und zuletzt teuer zurückgekauft wurden. Die Familie war verschuldet und die Rotzlöffel, die von ihren Eltern seit Längerem mehr geduldend als geliebt wurden, waren wieder da. Mit ihnen hohe Schulden und eine desaströse Aussicht in die Zukunft, die für alle, dank der Kinder, ruiniert war.
Eine Geschichte, die es in vielen Variationen gibt, leider. Das Geld und der Umstand sind verschieden, der Schuldige jedoch immer der gleiche.
Das „traumhafte“ Bundesland, in dem sich all dies ereignete, war Berlin. Und zu behaupten, dass es dort traumhaft sei, war in ungefähr so, als wenn man sagte, die Schwaben seien großzügig, die Bayern nicht im geringsten größenwahnsinnig und die Sachsen hätten sich noch nie beschwert. Ach und im Saarland könnte man übrigens wunderschön Urlaub machen.
Ja, dieses Buch beherbergt eine finstere Geschichte. Voller Niedertracht, Lug und Betrug. Verrat an allen Ecken und Enden. Sich liebend hintergehen einander, Totgeglaubte kommen plötzlich zurück, Handlungen nehmen verrückte Wendungen oder verlaufen ins Nichts. Kein billiger Trick wird ausgelassen, um ihre Aufmerksamkeit an dieses Buch zu binden und den Rest ihres Lebens in Vergessenheit geraten zu lassen.
Es gibt keine Arbeit mehr, zu der Sie gehen müssen.
Es gibt keine Rechnungen mehr, die Sie bezahlen müssen.
Es gibt keine Wäsche zu waschen, keine Lebensmittel einzukaufen, keine Telefonate zu beantworten und keine Fensterläden morgens hochzuziehen. Keine Gespräche mit anderen Menschen mehr zu führen, kein Grund zu trinken oder sich zu waschen. Schlaf ist unwichtig geworden. Es gibt nur noch eine einzige Sache in Ihrem Leben, die es verdient hat, von Ihnen berührt und beachtet zu werden, und die halten Sie in diesem Augenblick in den Händen. Es ist: Der Amok-Insasse.1
Hätte ich, der Autor, zum Beispiel oben erwähnt, dass es sich hierbei um ein Vorwort handelt, hätten Sie es bestimmt übersprungen. Doch jetzt haben Sie schon fast das ganze Ding gelesen. Darin liegt die Kunst eines guten Autors, nicht wahr? Ihnen den trivialsten Nonsens unter die Nase zu drucken und Sie dazu zu bringen, es wegzulesen, als hinge ihr persönliches Wohl davon ab, damit Sie sich am Ende wieder mal fragen: „Schon wieder die Nummer? Na ja, das Nächste kauf ich dann aber erst, wenn es als Taschenbuch rauskommt.“ Woraufhin mein nächstes Buch sofort als Taschenbuch erscheint und nie im Hardcover. So darf sich jeder auf seine Art und Weise listig vorkommen.
Wir Kreativen sehen in Ihnen übrigens viel mehr als nur die Person, welches das Geld herbeischafft, um uns damit zu belohnen. Sie, verehrter Leser, sind nicht nur da, um abzuliefern. Wir sind Ihnen zum Dank verpflichtet. Sie bezahlen unser Frühstück am Morgen und den Wein, den wir brauchen, sollte der kreative Saft, der uns von Natur einverleibt wurde, in schlechten Zeiten versiegen. Sie sind es, der unsere Miete bezahlt und dafür tagein, tagaus harte Arbeit leistet. Arbeit im Angesicht des eigenen Schweißes in der Hoffnung, dass irgendwer irgendwo irgendwann etwas hervorbringt, das Ihrem trögen Alltag Linderung verschafft, und Ihnen einen fantastischen Ausweg aus einer Existenz zeigt,
die Sie sonst für immer unterdrücken würde. Kommen Sie sich nicht auch manchmal vor wie ein Zahnrad im System, das jederzeit ausgetauscht werden kann? Der mächtige Daumen der oberen Zehntausend drückt sie zu Boden wie das Gewicht von zehn Öltankern. Aber daran können Sie etwas ändern! Sie, werter Leser, sind mehr als das. Viel mehr. Sie sind wertvoll und besonders. Einzigartig auf Ihre eigene Weise. Darüber hinaus verfügen Sie und Sie allein über eine besondere Kraft. Sie bestimmen darüber, welches Werk sich über die anderen sterblichen Mängelexemplare erhebt und aufsteigt, Gottes gleich in den Olymp der Bestseller. Diese Macht liegt allein bei Ihnen.
Wir Autoren hingegen? Wir sind das Gegenteil. Bescheiden und genügsam. Fast schon demütig mit jedem Schritt, den wir tun. Der exakte Gegensatz, wir sind Künstler (wie Sie an dem Zitat über diesem Kapitel unschwer erkennen können). Und Künstler zu sein, bedeutet nun mal, planlos vor sich hin zu schwafeln, zu malen und zu tröten, bis jemand wie Sie daherkommt, werter Leser, uns mit Ihrem Geld den Ritterschlag erteilt und sagt: „Ja, diesem Schaffen kann ich etwas abgewinnen und ich will es belohnen mit den Früchten meiner Arbeit.“ Dafür sei Ihnen gedankt. Gott vergelt’s, werter Leser, Gott vergelt’s tausendfach.
Lassen Sie uns zum Wesentlichen kommen. Der Unterhaltung, nach der es uns alle verzehrt.
Diese Geschichte spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. Es geht um … nein halt es geht um eine Frau mit Flugangst. Oder doch um jemanden in einer Irrenanstalt, der eine Therapie macht? Oder war es irgendwas mit einem Kauz, der Ohren sammelt? Nein? Nasen? Was soll das heißen, das Buch fängt mit diesem Kapitel erst an? Jetzt bin ich durcheinander gekommen. Na, mal schauen, was heute Abend so im Fernsehen kommt. Wird sich schon was zusammendichten lassen.
Zuletzt habe ich den Plot von Stirb Langsam und dem des zweiten Addams-Family-Films zu einem Jugendbuch kombiniert und wirklich kaum jemandem ist was aufgefallen. Ich arbeite bereits am dritten Band, den Namen der Reihe werde ich aber nicht verraten. Mein eigenes Fleisch ist mir zu lieb.
Doch lassen Sie uns nicht länger verharren.
Walten Sie Ihres großartigen Amtes. Lesen Sie!
Lesen Sie, bis Sie alles in sich aufgesogen haben. Bis Sie die Zusammenhänge erschlossen, die Geschichte verinnerlicht und Sie gelernt haben, die Protagonisten zu lieben und den Antagonisten von der tiefsten Stelle Ihres Herzens mit Verachtung und Hass zu strafen.
Tun Sie das, was Sie am besten können: Genießen Sie!
Unter Verzicht jeglicher Hochachtung, Ihr

PS: Und um Sie restlos zu verwirren, folgt jetzt das Ende des Buches, welches am Ende fehlt und zudem noch im falschen Genre spielt. Keine Sorge, es wird nichts verraten, was Ihnen den „Spaß“ verdirbt.
PPS: Oder doch?
PPPS: Im Ernst, das würde ich nie wagen.
PPPPS: Vertraue niemals einem professionellen Lügner.
1 Wenn Sie noch immer die Vorschau lesen und überlegen, das Buch zu kaufen, der Preis ist auch nicht ohne, beantworten Sie sich selbst diese Frage: Wollen Sie der eine sein, der am Ende nicht dabei gewesen ist? Ich bin mir sicher, Sie haben schon mehr Geld schlechter ausgegeben. Und die paar Euro? Kommen Sie, haben Sie sich nicht so. Manchmal tut es gut, sich etwas zu leisten.
49.
Das Ende
Weltraum
An Bord der Offlander
Erdumlaufbahn
Es ist kaum jemand da, um Rafal zu begrüßen. Normalerweise war ein großes Aufgebot üblich. Doch der kurze Zeitraum, in dem alles geplant werden musste, hatte jegliche prunkvolle Vorbereitungen unmöglich gemacht.
Auf dem Landedeck des gewaltigen Raumschiffs wartete normalerweise eine Mannschaft aus bewaffneten Soldaten und Führungskräften niedrigen Ranges, die in Formation einen Gang zum Inneren des Raumschiffs bildeten.
Das war hier nicht der Fall.
Nervös wartete Feldwebel Quartek auf die Ankunft der kleinen Kapsel, kaum zum Kampf ausgelegt, und doch würde sie hier unter Verfolgung eintreffen.
Er stand am Rande des blau-transparenten Schutzschilds, der die Atmosphäre innerhalb des Landedecks aufrechterhielt und zeitgleich Schiffen mit entsprechendem Zugangscode ermöglichte, zu landen. Ein Zugangscode, der gestohlen wurde. Vor ihm lag der Weltraum, der Planet Erde.
In der Ferne erkannte Quartek die Kapsel, wie sie von der Erde angeschossen kam. Ein Triebwerk stand in Flammen und ihr auf den Fersen war ein größeres Schiff. Ein stattlicher Kreuzer, wie ihn die Bruwaki benutzten, um zwischen Planeten Waren und Daseinsformen zu schmuggeln. Das größere Schiff feuerte mit seiner Gulaschkanone Laserkanone auf die Kapsel.
Die Ladung verfehlte die Kapsel nur knapp und raste auf den Schutzschild zu. Quartek sprang nach hinten. Eine Sekunde später krachte der zerstörerische Energieimpuls gegen den Schutzschild. Er flimmerte, eine Druckwelle war zu spüren. Der blau-transparente Schutzschild ließ kurz seine einzelnen pigmentartigen Bauteile erkennen, wurde dann aber wieder durchsichtig.
„Sir?“, piepste der Kommunikator, den Quartek in Händen hielt. „Sollen wir das feindliche Schiff unter Beschuss nehmen?“
Quartek rappelte sich auf, zog seine schwarze Uniform stramm und brüllte in den Kommunikator: „Nichts dergleichen werden Sie tun. Wir haben strenge Anweisungen vom Lord Commander, das Schiff passieren zu lassen.“
„Aber Sir.“
Er schleuderte den Kommunikator in eine Ecke und ging zu einer weißen Tafel an der Wand. Drückte zwei Tasten, die Tafel wich zur Seite. Waffen kamen zum Vorschein, große wie kleine.
Quartek nahm eine Klinge und versteckte sie an seinem Körper.
Unterdessen kamen die beiden Raumschiffe unaufhaltsam näher.
Er griff eine schwere Kanone, die er mit beiden Händen halten musste, und sprintete zur hintersten Ecke des Raumes.
Schon durchbrach die Kapsel den Schutzschild, prallte gegen den Boden und rutschte Funken sprühend, brennend bis ans Ende des Landedecks.
Vorbei am rennenden Quartek, welcher auf halber Strecke zur hintersten Ecke des Raumes überholt wurde.
Mit einem metallischen Kratzen kam die Kapsel auf dem Boden zum Stehen.
Endlich angekommen, nahm Quartek Position ein und richtete seine Kanone auf den Kreuzer, welcher sanft und unbeschadet hinter der Kapsel ins Landedeck schwebte.
Der Kreuzer fuhr sein Landegestell aus und setzte vorsichtig auf. Die Stoßdämpfer des Raumschiffs gaben sanft nach, als das Schiff aufsetzte.
Quartek zielte auf den Ausgang des Kreuzers.
Die Außenhülle der Kapsel wurde abgesprengt und knallte gegen die Wand.
In diesem Moment geschahen zwei Dinge.
Zum einen befreite sich Rafal aus seiner Kapsel.
Zum anderen zielte die Außenbordkanone des Kreuzers auf Quartek.
„Scheiße“, rief der humanoide Widaner, senkte die Waffe und kniff die Augen zusammen.
Der rote Plasmafeuerball schleuderte ihn gegen die Wand und verbrannte seinen Körper zu Asche. Lediglich die Klinge, mit der er sich ausgerüstet hatte, fiel zu Boden.
Weißer Rauch stieg aus der Mündung der Bordkanone des Kreuzers. Sie surrte und suchte sich ein neues Ziel.
***
Phill sprang vom Sitz und wollte aus dem Cockpit rennen. Er hatte ihn endlich, den Mann, der seine Tochter entführt hatte, die er nur mit Mühe und unter großen Verlusten hatte befreien können. Er wollte nicht mehr warten. Jetzt ging es um alles.
Mariam jedoch hielt ihn am Arm fest: „Nicht, du bist ihm nicht gewachsen!“, flehte sie.
„Er hat meine Familie bedroht, meine Tochter entführt, und jetzt wird es ein für alle Mal vorbei sein!“, sagte er und riss sich los.
„HALT“, schrie Mariam ihm hinterher. „Du kennst die ganze Wahrheit nicht!“
Phill Jerkoff wollte nicht auf sie hören. Er war Rafal Strawinsky bis hierher gefolgt und jetzt würde er es zu Ende bringen.
Das Scheusal würde hier und jetzt den Tod finden.
Phill griff sich beim Rausrennen einen Blaster und schob ihn in das Halfter an seinem Bein.
Dr. Bieder kam gerade die Leiter empor, von der aus er die Bordkanone bemannt hatte.
„Was haben Sie vor, Jerkoff?“
Phill rannte an ihm vorbei.
Ihm war alles egal.
Er hatte genug verloren, um bis aufs letzte Blut zu kämpfen. Seine Frau, seinen Sohn. Seine Familie. Und auf der Suche nach dem Mörder seines Sohnes seinen Verstand. Es interessierte ihn nicht mehr, was Mariam getan hatte. Alles, was er noch wollte, war den zur Rechenschaft zu ziehen, der die Fäden dieses schaurigen Theaters gezogen hatte.
Phill rannte die sich noch absenkende Rampe des Kreuzers herunter. Den letzten Abstand sprang er zu Boden, zog den Blaster und schlich vorsichtig voran. Das Landedeck war voller Rauch. Auf ihrer Flucht von der Erde hatten sie das linke Triebwerk der Kapsel erwischt.
Mariam Karkuffian kam hinter ihm aus dem Kreuzer. Sie hielt sich ihren Bauch und stützte sich an der Wand ab.
Dr. Bieder hatte sich mit einem Bogen bewaffnet, der Laserpfeile verschoss. Bereit, Phill zur Seite zu stehen.
Lange musste Phill nicht suchen, da war er. Im Rauche des abgewrackten Raumschiffs, in dem er versucht hatte, seinem Schicksal zu entkommen. Rafal Strawinsky.
Der Umhang seines Widersachers wehte im Wind. Droiden waren dabei, das brennende Triebwerk der Kapsel zu löschen.
„Bleib stehen“, schrie Phill ihn an.
„Willst du es so beenden?“, fragte Rafal und hielt die Hände auf. „Soll es so sein Ende finden? Mit dem Schuss einer Laserpistole?“
„Du hast den Tod verdient, du Schwein“, sagte Phill. Und er meinte es auch.
„Das mag sein“, sagte Rafal und lief in einem linken Halbkreis.
Phill lief in einem rechten Halbkreis.
Die beiden behielten sich im Auge.
Kalkulierend. Abschätzend. Abwartend. Immer bereit, den ersten Zug vor dem anderen zu machen.
„Mir war klar, dass es irgendwann zu einer Konfrontation kommen musste“, sagte Rafal. Er warf seinen Kopf nach hinten und grinste. „Du warst äußerst einfach zu manipulieren, du und deine Frau. Sogar deine Tochter hat mir jedes einzelne Wort geglaubt.“
Irgendwo heulte eine Sirene auf.
„Wir haben dir vertraut“, schrie Phill über den Lärm hinweg.
Rafal erwiderte alles mit einem genussvollen Grinsen. Reue war in seinem Gesicht nicht zu erkennen.
„Und jetzt willst du mich töten, Phill Jerkoff? Glaube mir, mein Tod wird dir keine Linderung verschaffen. Ich habe Dutzende Leben gelebt. War glücklich und habe mir immer das genommen, was ich wollte. Was hätte ich schon zu bedauern, wenn du mich jetzt niederstreckst?“
Nein, dachte sich Phill. Das wirst du mir nicht nehmen. Nicht die Genugtuung, dir in die Augen zu sehen, wenn das letzte bisschen Leben erlischt und ich derjenige bin, der dir die Pupillen weitet.
„Ein Duell“, rief Rafal und warf seinen Umhang so zur Seite, dass sein Oberschenkelhalfter zum Vorschein kam.
Phill steckte seine Laserpistole in das Halfter und spreizte die Finger.
„Bereit?“, fragte Rafal.
„Willst du, dass ich uns von drei runterzähle? Ein Countdown?“
„Das wird nicht nötig sein …“
Phill riss seine Laserpistole aus dem Halfter, zielte und gab aus der Hüfte zwei Schüsse ab.
Alles ging so schnell, dass Rafal gar nicht verstand, worauf er sich eingelassen hatte.
Zwei lilafarbene Plasmageschosse krachten nacheinander in Rafals Brust, direkt in die Mitte.
Er ächzte. Die Wunde dampfte.
Phill steckte seine Laserpistole wieder weg und ging auf Rafal zu, welcher am Boden kauernd, mit einer zitternden Hand seine Brust abtastete. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz.
Er wusste, das Unausweichliche stand ihm bevor. Er konnte nichts mehr tun, um seinen eigenen Tod aufzuhalten. All die Arglist und Heimtücke, all die Intrigen, welche er über Jahre hinweg gesponnen hatte, um sich glaubwürdig erscheinen zu lassen, und mit der er auch das Vertrauen von Phills Frau erschlichen hatte. Mit all dem war es jetzt vorbei.
Rafal sah seinem Vollstrecker entgegen.
Phill blickte ihn mit kalten Augen an. Jetzt war er es, der keine Reue zeigte. Alles, was er noch wollte, war, dem Schöpfer seiner Pein beim Sterben zuzusehen.
„Du musst gewusst haben, dass es nur so enden kann“, sagte Phill.
Rafals Unterlippe zitterte.
Der Saum seines Umhangs war vom Dreck des Fußbodens leicht grau geworden.
„Weißt du, Phill, da ist eine Sache …“, sagte er und schluckte eine Mischung aus Blut und Schleim herunter, „die du nie herausgefunden hast. Es wundert mich, dass es dir Mariam nie gesagt hat“, er grinste. Ein einzelner dünner Faden Blut lief ihm aus dem Mund. Sein Herz war zerstört, was noch übrig war, pumpte Blut durch Adern, die von der Hitze der Einschusswunde versiegelt worden waren. Ein Schwall trat aus seiner Brust hervor und lief herunter.
„Ich bin es gewesen, der …“
Phill zog die Waffe und feuerte einen Schuss.
Rafals Kopf wurde nach hinten gerissen. Auf seiner Stirn ein kreisrundes schwarzes Einschussloch.
„Nimm dein Geheimnis mit ins Grab“, sagte Phill, ließ die Laserpistole in seiner Hand kreisen und steckte sie zurück ins Halfter.
Er drehte sich um und ging.
Er war hier fertig.
Rafal knallte hinter ihm Kopf voraus auf den Boden.
Die Sirene lärmte noch immer. Rauch stieg vom gelöschten Wrack der Kapsel auf.
Dr. Bieder schulterte seinen Bogen und folgte Phill Jerkoff zurück ins Innere des Kreuzers.
Mariam schaute betrübt auf den Leichnam von Rafal Strawinsky. Andächtig strich sie über ihren Bauch. Das Schicksal hatte sich wiederholt.
Die Rampe des Kreuzers hob sich und Mariams Gesicht verschwand.
Phill wendete das Schiff und feuerte mit den schwachen Seitenkanonen auf die Schutzschildgeneratoren im Inneren des Landedecks. Der Schutzschild brach zusammen.
Keiner an Bord sagte ein Wort.
Dr. Bieder erhob schließlich die Stimme: „Ich könnte einen Bissen vertragen, ihr nicht auch? Zumindest einen Kaffee.“
„Ich kenne da ein tolles Restaurant am Ende der Milchstraße“, sagte Mariam.
Phill legte den Hebel des Hyperantriebs um. Licht zuckte und zappelte. Das Schiff explodierte vom Fleck ins Unbekannte.
Dann waren sie verschwunden.
1.
Der Anfang
Mensch, hier ist es mal angenehm.
Dafür, dass Mariam gerade die Bruchbude eines Serienmörders betreten hatte, war der erste Eindruck mehr als positiv. Hier und da gab es kleine Fenster, durch die Licht nach innen fiel, die Möbel und das Dekor waren im Lagom-Stil gehalten, umso komischer, da das Haus von außen den Eindruck einer heruntergekommenen Jagdhütte erweckte, und alles war bis aufs letzte Detail geputzt, verziert und mit Liebe dorthin gesetzt, wo es sich befand. Eine rundum einladende Atmosphäre, wäre da nicht der Zweck ihrer Besichtigung: Das hier war ein Tatort, an dem sich grauenvolle Dinge zugetragen hatten.
Der Polizist lief voraus, die Kellertreppe hinunter. Dass sie vorausgehen sollte, hatte für Mariam überhaupt keinen Sinn ergeben, daher hatte sie den Polizisten gebeten, sich korrekt zu verhalten und diese illegale Tatortbesichtigung gefälligst mit einer Fremdenführung, wie es sich gehörte, voranzugehen. Man ging ja auch nicht auf Stadtrundfahrt und erklärte sich die Sehenswürdigkeiten selbst.
Der Keller war wesentlich weniger einladend. Der Geruch von verwesendem Fleisch und getrocknetem Blut stieg ihr in die Nase. Mariam kannte diesen Geruch nur zu gut.
Anfangs hatte sie sich noch gewundert, dass sich ein Beamter des deutschen Staates dazu hinreißen ließ, der Mutter eines Opfers einen noch blutigen Tatort zu zeigen. Aber was hatte er schon zu verlieren außer Beruf, Pension, seinen Ruf und seine Selbstachtung. Und was konnte Mariam schon zustoßen, abgesehen von einem seelischen Trauma, das sie für immer sozial und mental verkrüppelte? Oder wie es der Zufall wollte, dass sie dem Killer persönlich in die Hände lief. Man wusste nie bei der Kompetenz der Gendarmerie dieser Tage. Im Tatort fanden die Ermittler den Killer innerhalb von 90 Minuten. Im wahren Leben brauchte es dazu so viele Hinweise von außen, dass der Mörder längst an Altersschwäche verstorben war oder so dement, dass er keiner Anklage mehr standhielt.
Sie bemerkte, wie der Polizist kurz davor war, an ein Heizungsrohr zu stoßen. Doch sie sagte nichts.
„Aua“, rief der Mann, als er geräuschvoll mit seiner Birne gegen das Rohr prallte.
„Bin ich aber froh, dass Ihnen das passiert ist“, sagte Mariam. „Tut weh was?“
„Wieso froh?“, sagte der Polizist, blieb am Ende der Treppe stehen und drehte sich um.
„Na, Sie haben sich hier den Schädel angeschlagen. Das sagt mir, Sie waren auch noch nie hier. Als Sie mich gestern Abend angerufen haben und mir angeboten haben, mich zum Tatort zu bringen, war ich schon stutzig. Wer macht denn so was aus freien Stücken? Als Sie dann noch in dem Fiat Panda vorgefahren sind und das in einer derart abgetragenen Uniform, da habe ich mir gedacht: ‚Ne Mariam, der Mann will dir nichts Gutes.‘ Aber dass Sie sich hier die Birne anschlagen wie ein Idiot, der noch nie hier war, das sagt mir, Sie sind echt.“
„Na, da bin ich aber beruhigt“, grummelte der Polizist mit dem Namen Herbig und ging weiter.
Mariams Stimmung blieb ungetrübt. Sie hatte fünf Kinder und war insgeheim etwas enttäuscht, dass nur eines davon entführt worden waren. Aber immerhin das nervigste und jüngste, das Baby. Man musste es im Leben nehmen, wie es kam. Was hätte sie dafür gegeben, wenn jemand sich ihr fünfzehnjähriges Pubertätsmonster namens Tobias gegriffen hätte. Den ganzen Tag dröhnte Black Sabbath aus seinem Zimmer.
Die Decke des Kellers war recht hoch, was das Rohr von gerade eben nur noch komischer wirken ließ. Mariam begutachtete den Polizisten. Er war größer als sie und auch stärker. Darüber hinaus wies er die für einen Mann üblichen Schwachstellen auf. Wie hatte ihre Oma immer gesagt? Ein Tritt in die Eier und ein Schlag in den Nacken hat noch jeden Mann unterworfen, der seinen Platz nicht kennt: zu ihren Füßen kauernd.
Mariam trug immer ein Rohr in ihrer Handtasche bei sich. Das Metall war effizienter, wenn es zur Konfrontation mit Weichteilen und Nacken kam. Benutzt hatte sie es auch schon ein paarmal. Seit Ewigkeiten wollte sie sich ein neues, längeres holen, das besser in der Hand lag.
Mariam wusste, dass Kinder generell beliebt waren wie Schnitzel oder lange Wochenenden, und wer etwas Schlechtes über sie sagte, gerne mal krumm angeschaut wurde. Gesellschaftlich gesehen war ein Kind immer was Gutes. Selten fielen Sprüche wie: „Du schwanger? Beantragt das Kind dann auch gleich Hartz IV, wenn es geboren ist?“ oder „Dem Fachkräftemangel werdet ihr zwei Idioten mit eurem Sprössling nicht gerade entgegenwirken.“ Man beglückwünschte Leute zu ihrem Segen, dessen Kehrseite ja bekanntlich ein Fluch war. Mariam jedoch wusste, dass nicht alle Kinder gleich viel wert waren. Eine Meinung, die sie aber, seit sie sich in ihrem Kopf geformt hatte, für sich behielt.
In diesem Keller hatte sich ein perfider Kranker einen wahren Zwinger seiner Psychose eingerichtet. Der Killer, wie sie wusste, liebte Kinder. Hier sah es aus wie in einem nicht sonderlich geräumigen Kindergarten. Der Boden war ein Buchstabenteppich, bei dem man die Buchstaben herausnehmen konnte. In der Mitte ein Tisch mit Brettspielen. Mariam spürte, wie ihr die Galle hochkam. Sogar eine Leseecke und eine Kiste mit Bauklötzen waren vorhanden. Überall waren Leichen von Kindern verstreut, welche in Position gesetzt wurden wie ausgestopfte Jagdtrophäen. Ein Kind, das Bauklötze auftürmte, ein anderes, welches ein Buch verkehrt herum versuchte zu lesen. Die Haut der Kinder erinnerte an Wachs.
„Wieso sind denn die Leichen noch da, Herr Herbig?“, fragte Mariam.
„Ähm das ist so, die Spurensicherung …“, begann er, sich ein Lügenlabyrinth zurecht zu bauen, „die brauchen recht lange, da sie neu sind. Genau. Und die kommen später wieder, denn … Arbeit ist Arbeit, aber Gewerkschaft ist Gewerkschaft und … äh. Die sind Mittagessen?“, sagte er fragend und hob die Hände in einer fragwürdigen Geste. „Mein Punkt ist, Sie dürfen hier eigentlich gar nicht rein und ich tue Ihnen einen riesigen Gefallen.“
„Indem Sie mir die Leiche meines Kindes vor Augen führen?“
„Genau“, sagte er, schnipste mit dem Finger und lächelte.
„Und Sie glauben, dass ich Ihnen glaube, dass Sie glauben, dass ich hier im guten Glauben bin, dass Sie sind, wer Sie vorgeben zu sein?“, sagte Mariam und umklammerte ihre Handtasche.
Polizist Herbig war irritiert. Sein mickriges Hirn schien die Option noch hin und her zu wälzen, ob das Gesagte für ihn positive oder negative Konsequenzen haben könnte.
„Also, wo ist das Baby?“, fragte Mariam und zog den Rotz hoch wie jemand, der heute auch noch anderes vorhatte. Und das hatte sie.
Herbig löste ein Absperrband mit der Aufschrift: „VORSICHT GLAS“ von einem Brutkasten, der auf einem Wickeltisch stand. „Das andere war gerade aus. Wir haben aber bereits VORSICHT POLIZEI nachbestellt“, sagte er, während er das Absperrband „VORSICHT GLAS“ abwickelte.
„Sicher doch“, sagte Mariam und schaute sich im Raum um. Da war die Uniform eines Bademeisters, die eines Postboten und auch die eines Müllmanns. Der Mörder schien sich gerne zu verkleiden. Welche Kinder er allerdings als Müllmann abfischen konnte, war ihr ein Rätsel.
Sie erinnerte sich, dass ihr Baby verschwunden war, nachdem sie mit ihrer Kindermannschaft beim Baden gewesen war. Irgendwelche Pakete waren auch gekommen und der Müll am Morgen abgeholt worden. Es konnte jeder und alle gewesen sein. Vielleicht hätte sie den Säugling nicht den Müll heraustragen lassen sollen. Aber schon ihre Oma hatte gesagt, wer krabbeln und schreien kann, kann auch arbeiten. Normalerweise dauerte es ewig, bis das Baby die vier Treppenetagen runtergekullert war, der Müllsack, den sie ihm dabei mit einer Schnur an den Körper band, half bei der Beschleunigung und beim Bremsen des Aufpralls. Es war eine durchdachte Sache, immerhin war sie kein Scheusal.
Was sie an diesem Verschwinden fuchste, war das Ungewisse. Sie plagte die Angst, dass das verschwundene Balg zu jeder Tageszeit wieder auftauchen konnte und sofort wieder, wie es alle Kinder taten, Forderungen stellte. Hunger, langweilig und Will-haben schien das Mantra jedes Menschen in ihrem Haushalt, der noch mit Heranwachsen beschäftigt war.
Polizist Herbig ging vor dem Brutkasten in Position.
„Sind Sie sicher, dass Sie das sehen wollen?“, fragte der Polizist. Er hatte die Hände schon an dem Tuch, das den Blick auf den Brutkasten versperrte (jedoch den Brutkasten erahnen ließ). „Ich nehme mir hier karrieregefährdende Freiheiten, wissen Sie? Noch nicht mal die Bildzeitung durfte bisher hier rein.“
„Wissen Sie was?“, sagte Mariam und ging wieder Richtung Treppe, „warum sich unnötig den Schlaf rauben.“ Sie ging. Diesen Anblick konnte sie sich ersparen.
Da hatte der Polizist einen sinnvollen Einwand hervorgebracht.
„Hey Moment!“, rief der Polizist und kam ihr hinterher. „Wollen Sie denn nicht wissen, ob es Ihr Kind ist, das da tot in dem Kasten liegt?“
„Woher wissen Sie überhaupt, dass da ein totes Kind drin liegt?“
„Weil ich schon mal hier war.“
Er war also doch schon mal hier. Was für ein kausaler Depp, dachte sich Mariam.
„Leute wie Sie werden zur Erstbesichtigung eines Tatorts gerufen? Streifenpolizisten?“
„Na ja, äh …“
„Na gut“, sagte Mariam und kam die Treppe wieder runter. „Jetzt haben wir den Sprit verfahren, jetzt schauen wir uns das Elend auch an. Uff!“, rief sie und gestikulierte dem Polizisten, sich zu beeilen.
Herbig begann zu erklären: „Der Täter hat viele Jahre in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet, konnte aber kein Blut sehen und hat in den Kindergarten gewechselt. Bis er auf eine private Kindertagesstätte umgesattelt hatte und Pflegekinder betreute, für nicht mal schlecht Geld, will ich anmerken. Zahlt alles der Staat.“
„Hab ich aus Versehen eine Frage gestellt, an die ich mich nicht erinnern kann?“, sagte Mariam schnippisch. „Versuchen Sie nicht, mit irgendwelchen diffusen Alltagstatsachen Abscheu zu erzeugen. Auch ein Mörder muss für sein Geld arbeiten, er ist ja kein Dieb. Weg mit dem Tuch, du Zeitverschwender.“
„Wollt ja nur sagen …“
„Genug haste gesagt. Weg damit.“
Der Polizist nickte und hob das Tuch an.
In dem Brutkasten lag der steife Körper eines toten Kindes. Eingebettet in Katzenstreu. Maden krochen dem toten Säugling aus dem Mund.
Mariam trat näher und kniff die Augen zusammen.
„Dieses Kind“, sagte sie und zeigte auf den Kadaver, „ist von dunkler Hautfarbe. Sehe ich vielleicht aus wie eine Afrikanerin?“
Mariam war käsebleich, als hätte sie ihr Lebtag die Sonne nur auf Bildern gesehen.
„Oh“, sagte der Polizist.
„Es ist ja nicht so, als ob ich noch nie etwas mit einem schwarzen Mann gehabt hätte, aber ein Balg ist daraus noch nie hervorgegangen. Man wird doch zumindest ab und an, selbst in einer missratenen Ehe, Spaß haben dürfen, ohne morgens die Konsequenzen aus dem Bett treiben zu müssen, oder?“
„Mein Fehler“, sagte Herbig. Er öffnete die Tür, hastig auf der Suche nach der richtigen Leiche. Hinter der ersten lag ein toter Mann mit einem Pfeil in der Brust.
„Mist“, murmelte Herbig. Er machte eine Tür daneben auf. Darin lag das VFB-Maskottchen, Fritzchen. Ermordet. An seiner Brust heftete ein Zettel „Es grüßt der Fanblock“. Der Kopf des Maskottchens war mit Gewalt entfernt worden und lag in dessen Schoß.1 Sofort riss Herbig noch eine Tür auf. „Habs gleich, ehrlich.“ Darin stand ebenfalls ein Brutkasten. Er riss das Tuch zurück. Drunter lag ein totes weißes Baby. Erleichtert gab er den Weg frei und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Bitte sehr“, sagte er, als hätte er die letzte Brezel im Regal gefunden.
„Sie sind mir einer“, sagte Mariam und kam näher. Wieder ein Kadaver in Katzenstreu. Auch hier hatten die Maden schon ihr Camp Zero aufgeschlagen und arbeiteten sich durch den Körper. Mariam holte tief und schmerzhaft Luft. Kein Zweifel. „Das ist meine Klara“, sagte sie mit zitternder Stimme, „tot … Warum das Katzenstreu?“, fragte sie irritiert.
„Es saugt die Flüssigkeit auf, die der Kadaver absondert.“
„Und dann?“
„Wie meinen Sie das und dann?“
„Na, um sie zu konservieren, reicht das wohl nicht aus“, sagte die Frau sachlich und ernst, „und los wird man sie so auch nicht. Was ist denn das für eine Art? Dass mein jüngstes Kind von einem derartigen Schlamper umgebracht wird“, sagte sie und schluchzte, „des geht mir jetzt schon nahe.“
Sie zog langsam den Rotz hoch, um ihrer tiefen Betroffenheit Ausdruck zu verleihen. Tränen liefen ihr die Wangen runter.
„Ich bin mir sicher, der Mann hat sich sehr viel Mühe gegeben“, sagte der Polizist und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Ach Mühe, Mühe“, sagte sie und schüttelte seine Hand ab. „Nichts dergleichen hat er! Da hätte er ihren kleinen Körper mal in Rohrreinigungsmittel aufgelöst, das geht viel besser als Salzsäure, wissen Sie?“
„Tatsächlich?“
„Wollen Sie etwa hier neben meinem toten Kind meine Worte infrage stellen?“, schluchzte Mariam mit einem Anfall von Hysterie in der Stimme. Noch eine Träne lief ihr die Wange herunter.
„Aber nein“, sagte der Polizist. Irgendwas übermannte ihn. Er wischte ihr die Tränen mit dem Zeigefinger von der Wange und begann, daran zu lutschen.
„Haben Sie einen an der Klatsche?“, fragte Mariam angeekelt.
Schnell zog der Polizist den Finger aus dem Mund.
„Es gibt keinen Grund zur Sorge“, beteuerte er.
„Denn Sie sind ja da, oder wie?“
„Korrekt.“
„Haben Sie das VFB-Maskottchen ermordet? Wie kommt das überhaupt hier nach Berlin?“
„Ich bin gebürtiger Schwabe.“
„Aha! Sie gestehen.“
„Natürlich.“
„Wie viele Leute haben Sie schon ermordet?“
Der Mann dachte nach: „Zwölf … nein dreizehn. Na, es ist ja auch egal“, sagte er und grinste wie jemand, der bald alle Preise im Baumarkt um einen Cent anheben würde. „Die Zahl steigt sowieso ständig. Gleich wird sie wieder steigen“, sagte er und sein Grinsen nahm infernale Züge an.
Er griff unter den Brutkasten und zog eine Axt hervor.
Das dauerte etwas, denn die Axt war zu gut festgeklebt.
Mariams Blick fiel auf die scharfe Klinge, welche im einfallenden Licht reflektierte.
„Wenn ich mit Ihnen fertig bin“, sagte der Mann und ging auf Mariam zu.
Sie wich zurück.
„Kommen Sie hinter Tür Nummer vier.“ Der mordlustige Polizist blieb stehen. „Ich bin übrigens gar kein Polizist“, sagte er.
„Na, was für eine Überraschung“, sagte Mariam und rollte mit den Augen, „das war mir spätestens dann klar, als ich in Ihrem Fiat Panda die Rechnung des Kostümverleihs im Handschuhfach gefunden habe. Hätten Sie mal nicht an der Tanke gehalten, um zu pinkeln. Aber ich hab mir halt gedacht: Ne Mariam, das schauste dir jetzt mal an und ganz wehrlos bist du ja auch nicht.“
„Was soll ich sagen? Ich brauche ein ordentliches Klosett, um meine Notdurft zu verrichten. Und Ihnen werde ich die Axt zwischen die Augen hauen.“
„Wollen Sie mir nicht davor noch ein Bild malen?“
„Ahhh“, schrie Herbig und schleuderte die Axt in Mariams Richtung.
Das Beil krachte in das Holz der Treppe und blieb darin stecken.
„Daneben. Aber machen Sie sich nichts draus. Sie konnten bestimmt noch nie gut werfen. Und das auf weniger als zwei Meter Entfernung. Seien Sie mal stolz auf alles, was Sie bisher erreicht haben. Denn jetzt ist Schluss.“
Mariam griff hinter sich und zog mit einem Ruck die Axt aus dem Treppengeländer. Die vom Schock geschwächte Mutter war schlagartig verschwunden. An deren Stelle trat eine Amazone. Die Muskeln ihres dünnen Körpers spannten sich an. Sie war ihm vielleicht körperlich unterlegen, aber geistig hatte Mariam die Oberhand.
Sie schleuderte das Beil zurück zum Absender. In der Schule war sie immer die Beste im Speerwurf gewesen.
Knirschend bohrte sich das Metall in Herbigs Oberkörper. Direkt in die Brust. Die halbe Klinge war in seinem Brustkasten verschwunden.
„Na, wie gefällt es Ihnen, einfach so ermordet zu werden?“
Blut rann Herbig aus dem Mund und über die Brust.
Mariam ging um ihn herum, zog das Rohr aus ihrer Handtasche und schlug ihm mit Schwung ins Genick. Er ging hart zu Boden und landete dabei auf dem Beil, das sich tiefer in seinen Brustkasten bohrte.
Blut breitete sich über dem Buchstaben-Teppich aus.
„Irgendwelche letzten Worte?“, fragte sie und setzte einen Fuß auf seinen Rücken, um ihm den Rest zu geben.
„Das hab ich mir … irgendwie anders …“
Mariam trat zu. Das Beil bohrt sich durch Herbigs Brustkasten hindurch und trat auf der anderen Seite wieder hervor. An der blutigen Klinge hing ein Fleischfetzen.
„So mein Freund“, sagte Mariam und klatschte abschließend in die Hände. „Verarschen lass ich mich nämlich nicht. Irrglauben soll ja schon tödlich gewesen sein.“
Herbig röchelte.
Mariam beugte sich zu ihm herunter und riss ihm den Kopf an den kurzen Haaren in den Nacken. Seine Augen rollten zur Seite, als er versuchte, sie anzusehen. Noch war er nicht tot. „Du bist übrigens meine Nummer zwanzig. Glückwunsch Herbig, du bist eine runde Zahl.“
Sie ließ seinen Kopf los, der zu Boden ging. Direkt auf den Buchstaben H.
Mariam blickte sich im Raum um.
Das Kind, welches gerade noch leblos sein Buch gelesen hatte, drehte langsam seinen Kopf in ihre Richtung. Die wächserne Haut knackte und knarzte, und das bis eben noch totgeglaubte Kind fing an zu pfeifen. Ein nettes Liedchen, und nach und nach stimmten alle mit ein. Sogar das tote Fritzchen im Schrank wackelte im Takt mit dem Schwanz.
Mariam traute ihren Augen nicht.
Was wurde hier gespielt?
1 Wenn Sie ein großer VFB-Fan sind, ist es halt Uli Hoeneß vom FC Bayern oder sonst irgendeine Fußballgaleonsfigur. Stellen Sie sich nicht so an!
2.
Phill Jerkoff
Die alte Dame verreckte langsam und qualvoll, und dafür schien sich der kleine fette Mann überhaupt nicht zu interessieren.
Phill war gerade falsch herum mit dem Rettungswagen in eine Einbahnstraße gefahren, weil er so im vertrackten Verkehrssystem von Berlin schneller ans Ziel kam. Blöd nur, wenn ein kleiner fetter Mann mit einer Frau neben sich, die wirklich nur eine Prostituierte sein konnte, einem entgegengefahren kam und so den Weg versperrte. Die Frau hatte türkisfarbenen Lidschatten, rote Bäckchen, viel zu große Brüste in einen Push-up-BH gezwängt und trug eine rote Lederjacke. Die allseits bekannte Uniform der Berliner Prostituierten. Wie alle ihrer Art war auch auf ihrer Lederjacke eine Nummer eingraviert, damit ihr Zuhälter sie per Drohne einfacher überwachen konnte.
Phill hielt sich das Telefon ans Ohr, um mit der sterbenden Dame zu reden, die vor wenigen Minuten den Notruf verständigt hatte. „Können Sie mich noch hören?“, fragte er die Frau.
„AUS DEM WEG, DU QUERULANT!“, schrie das Dickerchen hinter der Frontscheibe seines alten rostigen Golfs dazwischen. „DIE STVO GILT AUCH, WENN JEMAND GERADE DABEI IST, ZU STERBEN.“
Phill war fassungslos.
„Jaaaa“, krächzte die Dame.
„Wie geht es Ihnen?“
„Meine Brust tut so schrecklich weh“, krächzte sie, klang dabei aber, wie er fand, normal für jemanden, der gleich fällig war. Wie Phills Oma, die er letzten Monat ins Altersheim abgeschoben hatte, weil der Platz dort billiger war, als ihr weiterhin Essen auf Rädern vom Roten Kreuz kommen zu lassen. Die Annonce in der Zeitung, wodurch er auf den Heimplatz aufmerksam geworden war, war unter Sonstiges und hatte verkündet: „WIR BEHÜTEN RENTNER JEDEN BAUJAHRS. KEIN EXPORT.“ Bisher schien es ihr dort zu gefallen. Nicht dass er je danach gefragt hätte. Und was das Essen anging? Schmecken konnte sie eh schon lang nichts mehr, geschweige denn, sich an etwas erinnern, das länger als sechzig Sekunden zurücklag.
Er sprach wieder zu der Sterbenden am Telefon: „Versuchen Sie, langsam und gleichmäßig zu atmen. Bleiben Sie wach, Sie dürfen die Augen nicht schließen, sonst sind Sie so gut wie tot.“
Stille am anderen Ende der Leitung. Da war er wohl etwas zu ehrlich.
„Liegen Sie auf dem Boden?“, fragte er und versuchte, den Neueinstieg ins Gespräch.
„Nein, ich sitze im Sessel meines Mannes. Der ist vor drei Jahren verstorben, wissen Sie. Er hat bei Künzers gearbeitet und dort die Gewinde gedreht, in die später bei den Bohrmaschinen der Bohrer gespannt wurde. Ach, er war ein guter, mein Heinrich. Ich habe hier ein Foto“, sagte sie.
„Äh“, sagte Phill und hielt sich das Handy vom Ohr weg, als hätte ihm die alte Dame über ihr Wählscheibentelefon ein Bild gefaxt.
„Wie geht es ihr?“, fragte Phills Schichtkollege Amra.
Vor ihnen begann der kleine fette Mann, in seinem Golf zu hupen. Hinter dem Golf stauten sich weitere Autos. Es war auch ein Irrglaube, anzunehmen, dass, wenn man in Berlin falsch herum in eine Einbahnstraße fuhr, nur ein einziges Fahrzeug dadurch behindert wurde.
Phill arbeitete die Leute der beliebigen Reihenfolge nach ab.
„Sie scheint soweit in Ordnung, schwafelt irgendeinen Mist. Wahrscheinlich nur ein Schlaganfall.“
„Hey!“, sagte die Frau und beschwerte sich, „das habe ich gehört.“
„Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind bald bei Ihnen.“
„Freut mich, dass Sie es so eilig haben, dass Sie mich sogar während der Anfahrt zuquatschen. Müssen Sie nicht fahren?“
„Mein Kollege fährt.“
„Komm, Phill, ich schnapp mir das Nötigste und renne zu ihr“, schlug Amra vor. „Ihre Wohnung ist am Ende der Straße, ich kann das Haus praktisch sehen.“
Phill nickte. Sein Kollege sprintete davon.
Er hatte es nicht weit. Die Frau musste am Anfang der Einbahnstraße leben, die sie zugegebenermaßen inzwischen schneller erreicht hätten, wenn sie um den Block gefahren wären. Phill ärgerte sich. Manchmal war eine Abkürzung eben doch nur die dumme Idee eines Klugscheißers, der glaubte, alles besser zu wissen.
Alleine im Wagen krabbelte er auf den Fahrersitz. In diesem Moment stieg der kleine fette Mann aus seinem silbernen, verbeulten und verrosteten Golf (aber mit Automatik) und riss sich das Hemd mit einem RATSCH vom Leibe.
„KOMM DA RAUS AUS DEINER SCHEIßKARRE. ICH REIß DICH IN ZWEI TEILE UND FAHR DEN MISTKARREN SELBER WEG.“
Phill stieg aus und ging auf den kleinen fetten Mann zu. Der stellte schnell fest, wo das Problem lag, wenn jemand mit einem Meter sechzig Körpergröße jemandem mit 1,88 m versuchte, in die Augen zu blicken. Der Nacken fing fast sofort an zu schmerzen.
„Tja äh also“, sagte der kleine fette Mann.
Phill beherrschte sich: „Wenn Sie bitte zurücksetzen würden.“
Hinter dem Golf setzte ein wildes Gehupe ein. Es war Feierabendverkehr und die Autos stauten sich zu Massen. Er sah Amra an den Autos vorbeirennen und an einer Haustür haltmachen. Der Rettungssanitäter klingelte wie wild überall, schrie Post und wurde prompt eingelassen.
„Hmmm“, machte Phill.
„Komm schon, Mann“, sagte der kleine fette Mann. „Die Julia, die bei mir im Auto sitzt, ist echt teuer. Wir wollten zum Chinesen ans Büfett und dann einen Film schauen.“
„Ist das nicht eine Prostituierte?“, fragte Phill verdutzt.
Der kleine fette Mann zuckte mit dem Kopf und verfiel in einen schnippischen Ton: „Na Klebeband kann man ja auch vielseitig einsetzen. Und beim McDonalds gibt es auch Salat. Seien Sie doch nicht so eindimensional.“
Phill warf einen Blick auf die Frau. Ihr Ranzen war beachtlich.
„Die sieht aber aus, als könnte sie ordentlich was wegfressen“, sagte er leise.
„Eben“, flüsterte der kleine fette Mann.
„Schon verstanden. Passen Sie auf. Sie helfen mir mit Ihrem Golf, diesen ekligen kleinen Fiat 500 vom Gehsteig direkt gegen die Hauswand zu schieben. Dann kann ich da parken und der Weg ist frei. Dann können Sie weiter und ich auch. Fall Sie sich aber Sorgen um Ihr Fahrzeug machen, muss ich sagen: Ihr Auto ist weniger wert als Ihre weibliche Begleitung da.“
Der kleine fette Mann musterte Phill von Kopf bis Fuß. „Ist das Ihre Art? Wildfremde Leute zu beleidigen, welche sich mit ihrer käuflichen Dame einen schönen Abend machen möchten? Nicht mal bitte gesagt haben Sie.“
„Bitte bitte, mit Zucker obendrauf“, sagte Phil.
In diesem Moment schlängelte sich ein Motorrad an ihnen vorbei, welches prompt eine Fehlzündung hatte. Der Knall war Mark und Bein erschütternd laut. Die Scheiben des Rettungswagens vibrierten. Die Plastikplane, die dem Golf als Rückfenster diente, flatterte.
Phill schnappte sich den kleinen fetten Mann und sprang zur Seite: „DECKUNG!“, rief er.
Und schon liefen in seinem Kopf die Bilder ab. Er war zurück im Irak mit seiner Einheit der Bundeswehr. Damals hatte er sich von seinen Kameraden entfernt, weil er pinkeln wollte. Phill hatte nur kurz an eine Tür geklopft, um die Benutzung der Bedürfnisanstalt zu erfragen. Und wer hatte geöffnet? Ein Terrorist! Er hatte ihn sofort erkannt. Ein Typ mit langem Bart, einer AK47 in der Hand und einem T-Shirt mit dem Symbol des IS.
Ein Massaker brach los.
Das Haus war voll gewesen von Terroristen und Phill tötete jeden einzelnen von ihnen. Zwischendurch machte er nur kurz halt, um zu urinieren. Schloss natürlich dabei die Tür ab, damit niemand ihn störte oder etwas wegguckte. Die letzten drei bösen Terroristen musste er mit seinem Messer erledigen, da die wunderbare Waffe, welche ihm zur Verfügung gestellt worden war, keine Kugeln mehr hatte.
Er selbst sah sich als Held, wie er auf dem Dach stand in Blut und Gedärmen getöteter IS-Terroristen. Clint Eastwood würde einen Film über ihn drehen. Man würde ihm einen Orden verleihen und eine Backware nach ihm benennen.
Doch die oberste Heeresleitung der Bundeswehr sah das etwas anders. Und wie sich später herausstellte, waren auch nicht alle im Haus Terroristen gewesen, aber egal.
Er wurde strafversetzt.
Von der Bundeswehr ins Forstamt von Berlin. Der einzige Wald der Welt, in dem mehr Betrunkene und Junkies unterwegs waren als Hirsche und Wildschweine. Man entriss ihm seinen Revolver und sein Maschinengewehr, zwang ihn, seine Uniform abzugeben, und verfrachtete ihn in ein Jankerl mit Sauer XT. Einem Jagdgewehr. Nur eine blöde Patrone konnte das Ding verschießen, dann musste er an irgendeinem Hebel ziehen.
An den Dackel hatte er sich bis heute nicht gewöhnt.
In seiner Freizeit arbeitete er als Rettungssanitäter. Der Grund war tiefgründig: Phill hatte schon immer wissen wollen, wie es sich anfühlte, wenn jemand starb, für dessen Tod man nicht persönlich verantwortlich war.
„HALLO?“, schrie es aus seiner Hosentasche.
Der kleine fette Mann krabbelte von ihm herunter, um sich ein frisches Hemd aus seinem Kofferraum zu holen.
„Werden Sie mir helfen?“, fragte Phill.
„Jaja, geht schon klar“, sagte der kleine fette Mann.
Gemeinsam schoben sie den Fiat 500 gegen die Wand und zerquetschten ihn, so gut es ging. Phill parkte ein und die wartende Karawane wütender Berliner (ein wirklich geduldiges Volk) zog Kohl und Bierdosen werfend an dem Rettungswagen vorbei. Der Letzte verewigte sich sogar mit einem Graffiti auf der Seite des Rettungswagens, das lautete: EIN-BAHN-STRA-ßE! Auch Silben trennen konnten sie, die Berliner. Ein Volk so vielschichtig wie ein Marmorkuchen.
Phill war froh, dass die Sache zumindest einmal unblutig ausgegangen war, und schlenderte Richtung Haus der Patientin.
Ach und neben der alten Frau lag übrigens auch noch ein Baby im Sterben, das lustigerweise der alten Frau gehörte. Das diente zwar nur dazu, Ihnen vorzugaukeln, es gäbe noch groß was herauszufinden, was ja auch so ist, aber lesen Sie bitte trotzdem noch ein Kapitel, anstatt ins Bett zu gehen oder endlich mit dem Hund rauszugehen, dem das Pippi schon zu den Augen rauskommt. Auch Ihre Kinder und deren Essen kann noch warten (sind doch eh zu dick, oder?). Es ist gerade so schön spannend. Oder etwa nicht? Sollte ich erwähnen, dass der Atem des besagten Babys rasselte wie eine kaputte Heizung? Es möchte eines Tages Tierarzt werden, hatte pfirsichweiche zarte Haut und würde nie und nimmer seine eigene Mutter töten, sobald es alt genug war, um ein Messer zu halten. Oder etwa doch?
Würde Amra das Baby ohne Phill retten können? Schaffte es Phill mit seiner gemütlichen Gangart noch ins Haus, damit die alte Frau ihm ein Sahnebonbon anbieten konnte, bevor sie starb? Bereuen Sie jetzt schon, dieses Buch gekauft zu haben?
Bleiben Sie dran.
Gleich geht es weiter!
3.
7 Stunden 59 Minuten und 12 … 13 … 14 Sekunden später
„Du wirst es dir ansehen“, sagte die Stimme aus dem Dunkeln.
Phill saß in seinem Bürostuhl im Keller und starrte bis gerade eben noch auf seinen Laptop-Bildschirm.
Er war vertieft in idiotische Nachrichtenartikeln mit Schlagzeilen wie: „Frau geht aufs Klo, was dann passiert, werdet ihr nicht glauben“ oder „Mann mit Kind auf Spielplatz erwischt“. Klickte man auf die dummen Dinger, ging es um eine Frau beim Stuhlgang oder einen Vater, der sein Kind auf der Schaukel anschubste. Jegliche Form von ernstem Journalismus im Internet war längst ausgestorben und zu Sensationslockfallen verrottet. Ein Video ohne Brüste im Vorschaubild brauchte schon den Segen mehrerer Götter und des Weihnachtsmanns, um Klicks zu erhalten.
Plötzlich war sie hinter ihm.
Diese Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien. Sie säuselte und flüsterte. Zu leise, damit verständlich war, was sie wollte, und zu laut, um sie zu ignorieren.
Und Phill wusste, wenn er sich jetzt umdrehte, würde ihn irgendetwas angreifen.
Ein kalter Schweißtropfen rann ihm den Nacken hinunter und erinnerte ihn daran, ja, es war mal wieder Zeit zu duschen.
Die Temperatur im Raum schien eisig kalt und der Geruch leicht modrig. Es war fast so, als würden Bücher, die lange im Keller lagerten, einen merkwürdigen Geruch annehmen. Phill fragte sich: Warum habe ich diesen dicken Pullover angezogen, wenn ich ihn eh nur voll schwitze?
Mit einem Satz drehte er sich herum, sprang aus dem Stuhl und schlug dem auf ihn zurennenden Angreifer direkt ins Gesicht.
„AUA“, schrie sein Sohn Klax und ging hart zu Boden.
„Oh Analgulasch …“, fluchte Phill und kniete sich zu seinem Sohn nieder, „das war ein Reflex. Tut mir furchtbar leid, Klax.“
„Du hast gesagt, man soll nicht Scheiße sagen.“
„Außer wenn ich dir direkt in die Fresse schlage, dann ist das erlaubt. Außerdem war es ein Synonym.“
„Okay“, murmelte Klax und hielt sich die Nase. Blut begann daraus zu fließen und tropfte auf den Schlafanzug seines Sohnes.
„Ach komm, blute hier doch nicht alles voll“, sagte Phill und versuchte, das Blut mit einem gebrauchten Taschentuch aufzuwischen, „ich hab echt schon genug andere Sorgen.“
„Tut mir leid, Papa“, sagte Klax nasal.
„Na, da kannst du ja nichts dafür. Auch wenn du dich nicht so hättest anschleichen sollen.“
„Anschleichen?“, fragte er, „ich hab laut gerufen und bin auf dich zugerannt. Soll ich vielleicht noch auf einen Topf einschlagen?“
„Guter Punkt“, sagte Phill. „Tut mir leid, ich bin leicht zu erschrecken. Na, was wolltest du mir denn zeigen?“
„Habs vergessen. Muss es holen.“
Sein Sohn trottete schlaksig davon. Phill ließ den Kopf hängen, immer noch in den Knien, und stand auf. Plötzlich erschien seine dicke osteuropäische Frau Olga im Türrahmen. Einst eine bildhübsche Frau, wie man sie sonst nur erträumen konnte, doch nach zwei Kindern, Jahren der Ehe und das Leben mit einem Mann, der für weniger zu gebrauchen war als ein Römertopf, hatte sie sich zu einer dicken und frustrierten Frau gemausert, deren Verdruss und Enttäuschung sich in ihrem Körperbild manifestiert hatten.
„Ich habe gesehen, Kind hat blutende Nase“, sagte sie in einwandfreiem Duden-Deutsch.
„War ein Unfall.“
„Unfall, ja? Letztens hast du unsere Tochter beim Ballett abgesetzt und bist davongefahren.“
„Ich dachte, man macht das so, wenn die Kinder ihren Hobbys nachgehen? Hinfahren, abholen und dafür bezahlen oder … äh … sie fördern oder wie das heißt.“
„Svetlana tanzt seit zwei Jahren nicht mehr. Sie spielt Basketball. Sie ist vier Kilometer weg von ihrer Ballettschule durch den Schnee gelaufen, um zur Halle zu kommen.“
„Schnee?“
„Wir haben Winter.“
„Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“
„Und das mit deiner sonst so perfekten Auffassungsgabe. Ich gehe jetzt wieder. Wenn Kind später noch blutet, es bekommt Transfusion von Papa. Kapisch?“
Phill schluckte. Er wünschte, sie würde es nicht ernst meinen, doch dazu kannte er sie zu gut. Sie hatte ihn quasi mit sich zwangsverheiratet. Bevor er Nein sagen konnte, hatte sie schon zwei Kinder von ihm zur Welt gebracht, war mit ihm nach Deutschland zurückgekehrt und zusammengezogen. Er war sich bis heute nicht im Klaren, was er von dieser Beziehung erwartete, jemals wollte oder wieso er dieses eine Mal in seinem Leben nicht einfach in die andere Richtung gerannt war. Und dabei hatte es so viele Gelegenheiten gegeben. Sogar der Pfarrer hatte gefragt, ob er sich sicher war, „das“ heiraten zu wollen. Doch dann wieder der Borschtsch, den Olga kochte, war ziemlich gut und sie selbst ein exzellenter Partner an Brettspielabenden. Wenn wieder Pärchenabend war, sägten sie alle gnadenlos ab, unter anderem, weil viele der deutschen Pärchen nicht über eine Verdauung verfügten, welche mit Olgas Borschtsch und den rauen Mengen billigen Kräuterschnaps umgehen konnte, die dann flossen.
Klax kam wieder ins Zimmer. In seinen Händen hielt er ein Raumschiff aus Star Trek – Next Generation.
„Was hast du denn da Schönes?“, fragte Phill und beugte sich zu seinem Sohn herunter.
„Frag doch nicht so blöd, Papa. Du hast es mir gekauft und mit mir die Serie über Netflix geschaut. Und das, obwohl ich erst in der dritten Klasse bin und die Serie so brutal ist.“
Phill sog energisch Luft ein. Nicht einer seiner stolzesten Momente als Vater. Doch es war entweder Star Trek – The Next Generation oder direkt Breaking Bad.
„Das ist das Raumschiff der Borg“, erklärte Klax, „Captain Picard ist auch an Bord. Und Geordi und Mama und bald auch du, Papa. Denn Widerstand ist zwecklos“, sagte er mit kindlicher Stimme, „und egal, wie sehr wir uns lieb haben, die Borg verfolgen uns bis ans Ende des Universums, um uns Drähte in den Körper zu stecken und uns Batterien in den Hintern zu schieben. Bis wir alle tot sind.“
„Sehr äh … sag mal, schaust du die Serie noch immer?“
„Aber klar doch. Star Trek ist meine Lieblingsserie, schon immer gewesen.“
Der Kleine war echt pfiffig. Irgendwann würde er merken, dass es einen im Nachhinein in den Hintern beißen konnte, der Cleverste zu sein.
Phill dachte, er wäre clever gewesen, schnell zu der alten Patientin zu kommen. Das Baby, das der Frau gehörte, welche die älteste Mutter der Welt sein musste, hatte auch überlebt. Stellte sich raus, es hatte den Fehler gemacht, eines der Kaffee-Sahne-Bonbons zu essen, das die Olle ihm andrehen wollte. Amra hatte das Bonbon aus dem Rachen des Babys gezogen und die Alte in den Krankenwagen verfrachtet. Wäre Phill auf dem Weg ins Krankenhaus nicht über das große Schlagloch gefahren, hätte ihr Amra auch nicht die Infusionsnadel zwischen die Augen gerammt und die Dame hätte überlebt. Aber Schwamm drüber, spätestens in einem Jahr wäre die eh kalt gewesen. Das Baby würde sich über den Platz in der Wohnung freuen, selbst wenn es noch nicht so gut verdiente. Gerade in Berlin einen WG-Bewohner zu finden, war auch nicht das Schwerste der Welt.
„Und was willst du mit deinem Raumschiff machen?“, fragte Phill und stupste seinen Sohn gegen die blutverkrustete Nase.
„Aua“, schrie Klax und schlug die Hand seines Vaters weg.
„Oh Mist entschuldige.“
„Mama sagt immer, in einer Welt, in der du Rettungssanitäter bist, hofft sie auf einen schnellen Tod, wenn sie mal dringend einen Arzt braucht.“
„Sagt sie das? Mama macht gerne mal einen Witz. Jetzt verrats mir schon, Klaxi, was machen wir mit dem tollen Raumschiff?“
„Wir machen gar nichts. Ich gehe jetzt rüber ins Nachbarhaus und versuche, Hannah zu assimilieren.“
Hannah war die Tochter ihrer Nachbarin. Klax war wie besessen von ihr. Manchmal saß er wie ein unkastrierter Hund auf dem Balkon und heulte vor Geilheit den Mond an. Schon komisch, wie verrückt die Hormone bei manchen Leuten spielen konnten.
„Klaxi, ich glaube, das lassen wir.“
„Der einzige Grund, warum ich zu dir gekommen bin, Vater, ist, weil ich dir sagen wollte, dass du nichts tun kannst, um mich aufzuhalten. Jetzt aber, da du mir die Nase blutig gehauen hast, sage ich dir Folgendes: Schlafe besser mit einem offenen Auge, denn man weiß nie, wann ich mich entscheide, mit dem Feuerzeug zu spielen“, seine Kinderaugen funkelten Phill an wie zwei Perlen des Wahnsinns. Das Kind würde es noch weit bringen. CSU-Parteivorsitzender oder eine Diktatur in einem kleinen Land war mit Sicherheit für Klax im Bereich des Machbaren.
Sein Sohn drehte sich um und verschwand aus der Tür.
Kinder sind wie Weihnachtsgeschenke, wenn man erwachsen ist, dachte Phill, meistens entpuppt sich alles als nutzloser Plunder und wehe man ist nicht begeistert. Er setzte sich zurück an seinen Laptop. Phill musste noch eine E-Mail an seinen Chef schreiben, in der er begründete, wieso es nötig war, einen voll ausgestatteten Krankenwagen als Rammbock zu benutzen, um einen einzigen gotzigen Fiat 500 aus der Welt zu schaffen. Den Vorwand, dass Menschenleben auf dem Spiel standen und Sachschäden somit kollateral waren, ließ sein Chef nicht mehr durchgehen.
Prompt fiel ihm etwas ein. Das Passwort, das Klax wissen musste! Ein Sicherheitswort, das ihn vor Entführungen schützen sollte, quasi ein menschliches Sicherheitssystem.
Er schrie die Treppe zum Haus hinauf: „Klax, wie lautet das Passwort?“
Zu spät. Klax schlug gerade die Haustür hinter sich zu.
„Na, was kann einem kleinen Kind schon passieren, das nachts in Kreuzberg alleine von Haus zu Haus läuft“, sagte Phill zu sich selbst und fing an, seine E-Mail zu tippen.
Unterdessen lief Klax Gefahr, für immer aus seinem bisherigen Leben gerissen zu werden.1
1 Spielen Sie hier bitte einen dramatischen Tusch ab. Auf YouTube wird sich sicher etwas finden lassen.
Merken Sie schon, wie die Spannung steigt? Sie können es bestimmt kaum abwarten, weiterzulesen oder das Buch wegzulegen. Je nachdem, aus welchem Holz Sie geschnitzt sind. Aber wie jemand, der aufgibt, sehen Sie mir nicht aus. Habe ich recht?
4.
Klax schlussfolgert
Keine Ahnung, rief sich Klax das Passwort in Erinnerung, welches ihn vor Entführern, Pädophilen und alten Leuten mit Großeltern-Komplexen retten sollte.
Ursprünglich hatten seine Eltern sich das so gedacht: Wenn ein Fremder vorgab, seine Eltern hätten ihm erlaubt, mit ihm mitzugehen, sollte er sie nach dem Passwort fragen.
Leider, und das war selbst Klax mit seinen acht Jahren bewusst, waren die beiden nicht mal halb so schlau, wie sie annahmen, sondern eher gerade mal ein Drittel so intelligent wie eine auf der Weide grasende Milchkuh. Denn wie irgendeine erfundene Phrase einen fremden Perversen davon abhalten sollte, Klax seiner Päderasten-Trophäensammlung hinzuzufügen, war ihm ein Rätsel. Noch dazu war das Passwort nicht sonderlich gut gewählt, sodass Klax sicher war, dass ein Fremder es im Notfall erraten konnte. Schon die Frage „Wie lautet das Passwort“ forderte das eigentliche Passwort geradezu heraus, ausgesprochen zu werden.
Was ihn an der Dummheit des Mannes, welcher ihm als Vater diente, am meisten störte, war die Tatsache, dass der so viel Zeit damit verbrachte, seiner Dummheit nachzugehen wie andere Leute einem Hobby. Er stürmte irgendwelche Terroristen-Hochburgen und verlor dafür seinen Job, musste eine lange Forstwirtausbildung machen und verbrachte jede freie Minute im Rettungswagen, um, wie er sagte, „die Brötchen zu verdienen“. So ein großer Fan von Brötchen war Klax gar nicht, er wäre viel lieber mit seinem Papa in dem schönen Rettungswagen durch die Gegend gefahren und hätte dabei das Blaulicht eingeschaltet.
Doch weit gefehlt.
Wenn sein Vater zu Hause war, verbrachte er die Zeit vor dem Computer, um „den Bürokratie-Scheiß zu erledigen“ oder weinte nachts im Badezimmer, wobei er immer wieder den gleichen Satz wiederholte: „Womit hab ich das alles verdient? Womit hab ich das alles verdient?“
Klax war froh, dass es in so einem missratenen Kinderleben noch Hannah gab. Die lebte nebenan, war achtzehn Jahre alt, hübsch sowie wohlriechend und spielte bei ihm auch gerne mal den Babysitter. Sie hatte auf ihn aufgepasst, seitdem er ein Baby war. Er durfte sich abends immer noch an sie kuscheln und wenn er Angst hatte, schlief sie mit ihm im Bett. Das war ganz nett, aber viel lieber hätte er sie als Freund anstatt als weiteren Erwachsenen, der mit ihr in der Babysprache redete und ihn knuddelte.
Schnell bemerkte er, dass es draußen im Winter doch recht kalt war. Denn anders als im reichen Bayern war in Berlin noch nicht im gesamten Bundesland die Fußbodenheizung verlegt worden. Er tapste in seinem Schlafanzug das Treppenhaus hinunter und hielt sich dabei am Geländer fest. Unten trat er in das gelbe Licht der Straßenlaternen.
Er schaute auf. In Baden-Württemberg standen bestimmt längst LED-Lampen, aber nicht in Berlin-Kreuzberg. Hier durfte man froh sein, dass es keinen Nachtwächter gab, der umherging, um die Kerzen in den Straßenlampen zu entzünden und dabei laut rief: „ALLES IST IN ORDNUNG“, während im Schatten der gelöschten Lampen geraubt, geplündert und entsprechende Wahlplakate aufgehängt wurden.
Unter einer der Laternen stand eine aufreizende Dame. Rote Lackstiefel, rote Lederjacke. Viel Make-up, wenig Niveau. Ihre Jacke trug die Nummer #4672.
„Guten Abend Trixie“, sagte Klax im Vorbeigehen. Er winkte ihr aus seinem mit kleinen Monden bedruckten Schlafanzug zu.
„Meine Jüte“, stammelte die Prostituierte und hustete, „wat en kleener Bub wie du hier draußen tut zu diese Uhrzeit, des is mich ja en Rätsel.“
Klax stolperte auf Trixie zu.
„Was haste denn da in dein Rucksack?“
„Das Raumschiff der Borg.“
„Aso“, sagte Trixie und aschte ab. „Des geht da rein wie? Is aber sehr kompakt.“
„Mama hat gesagt, ich soll dir das hier geben“, sagte er und zog einen Fünfzigeuroschein aus seiner Hosentasche.
„Och Jung, is das lieb“, sagte sie und steckte sich den Fuffie in ihren Slip, wo zwei kleine Hände danach griffen, um ihn erst auf Echtheit zu überprüfen und dann sicher zu verstauen. Einen Fünfhunderter hätte ihr Höschen sofort wieder ausgespuckt. „Wenn du ma wüsstest, wat du da tust, wenn de mir Jeld bringst, kleiner Klax.“
„Mama sagt, Bringschulden sind Ehrenschulden.“
„Det is richtig, Jung, hörste auf deine Mama. Da soll der en oder andre schon von jescheit geworden sein, nich?“
Ein Auto hielt neben Trixie.
„Scheer dich, Klax, uff zu dene Hannah. Die berechnet dir hoffentlich noch nix.“
„Ne, ich bin doch so süß, da muss ich nirgends was zahlen“, sagte er und stiefelte davon. Kurz vor Hannahs Haustür traf er auf einen Mann, der ziemlich verschwitzt war. Merkwürdig, denn überall lag Schnee und er fror, dass er schon langsam anfing zu zittern.
„Hey Kleiner“, sagte der Mann lüstern.
„Meine Eltern sagen, ich darf nicht mit Fremden reden“, erklärte Klax und wollte an ihm vorbei, um auf Hannahs Klingel zu drücken.
„Mein Name ist Svenson Jokel. Ich bin dreifach geschieden, liebe Schokolade mit Nuss, fand den letzten Star-Wars-Film scheiße. Ich wohne im Filibuster Weg zwei hier in Berlin und bin auf der Suche nach …“
„Ist ja ein toller Trick“, sagte Klax und schmatzte mit den Lippen.
„Jetzt, da wir uns kennen“, wollte Svenson seine Masche fortsetzen.
„Fahren wir zu dir, wo du mich mal so richtig von hinten zum Eis essen einlädst, was?“, Klax’ Stimme hatte sich verändert. Er klang nicht mehr wie ein kleiner Junge, sondern älter, reifer. Der Blick, den er dem Kerl zuwarf, war reserviert für Amateure, die mit einem Profi sprachen.
Svenson schaute verdutzt drein.
„Wie lautet das Passwort?“, fragte Klax wieder in kindlicher Stimme.
„Öh … Keine Ahnung?“, sagte Svenson.
Klax klatschte sich mit der Hand ins Gesicht und schüttelte den Kopf. „Eine Welt voller Idioten“, murmelte er leise.
„Sag mal, hättest du Lust …“
Klax fiel ihm wieder ins Wort. Er nahm seinen Rucksack vom Rücken. „Helfen Sie mir mal kurz?“, fragte er und drückte dem nächtlichen Triebtäter den Rucksack in die Hand. Dann zog er das Raumschiff der Borg daraus hervor, holte aus und machte aus Svensons Familienjuwelen Rührei.
Der Mann griff sich in den Schritt und fiel Kopf voraus fiepend hinten über. Dick und Doof hätten Applaus geklatscht, wären sie Zeuge gewesen.
Klax nahm Svenson seinen Rucksack aus den Händen. „Einen schönen Abend noch.“
„Danke“, hechelte der mit dem letzten bisschen Luft in seiner Lunge.
Er setzte den Rucksack leer auf und stellte das Borgraumschiff vor sich ab. Dann klingelte er bei Hannah.
Ihre liebliche Stimme ertönte blechern aus dem Lautsprecher neben dem Klingelschild.
„Ja?“
„Guten Abend Hannah.“
Sie lachte. „Guten Abend Klax. Was kann ich für dich tun?“
„War in der Gegend und ich hab da was, das ich dir unbedingt mal zeigen muss.“ Das Wort unbedingt zog er unnötig in die Länge.
„Was ist es denn?“
„Ein Raumschiff.“
„Na dann komm mal hoch, kleiner Raumfahrer.“
Die Tür surrte und mit dem Borgraumschiff in beiden Händen arbeitete sich Klax die Treppen hoch. Klopapier sei dank waren es nicht so viele. Hannah und ihre Eltern wohnten in der zweiten Etage. Einem merkwürdigen Gesetz nach schienen ansonsten alle, die man besuchen wollte, immer im obersten Stockwerk zu wohnen, nur damit man möglichst viele Treppen zu laufen hatte und es sich zweimal überlegte, ob man überraschend zu Besuch kam.
Und da stand sie in der Tür. Hannah. Enge Jeans und weiße Sneakersocken. Als Oberteil einen warmen Pullover, den ihr vielleicht ihre Oma gestrickt hatte. Sie lächelte und zeigte dabei ihre Zahnspange.
„Guten Abend“, sagte Klax noch mal und kam zum Stehen.
Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Der ein oder andere Fruchtzwerg war in letzter Zeit definitiv zu viel gewesen. „Schau mal, was ich hab“, sagte er und hob das Raumschiff an.
„Wow, was ist das denn?“
„Es ist das Raumschiff der Borg.“
„Aus Star Trek?“
„Genau. Kennst du die Serie?“
„Klar. Wir haben auch Netflix.“
„Wollen wir vielleicht eine Folge zusammen anschauen? Es ist zwar schon längst über meine Bettzeit hinaus, aber ich bin aufgewacht und konnte nicht mehr schlafen. Star Trek hilft mir immer beim Einschlafen.“
„Tut mir leid, Klax, aber es ist schon recht spät. Bist du etwa alleine hier rübergekommen?“
„Ja, meine Eltern macht das nix aus. Mama ist zu betrunken und Papa googelt gerade, wieso Fingernägel nur in eine Richtung wachsen oder irgend so einen Piepes.“
„Piepes“, wiederholte Hannah und kicherte. „Selbst wenn es deinen Eltern egal wäre, Klaxi, meine sind gerade nicht zu Hause.“
Klax ließ das Raumschiff fallen und lehnte sich mit einer Hand cool gegen den Türrahmen. „Umso besser“, sagte er und wackelte mit den Augenbrauen, „dann schauen wir gleich zwei Folgen. Wenn die Mäuse aus dem Haus sind, tanzen die … äh … wie ging das noch mal?“, er versuchte, sich an das Sprichwort zu erinnern.
„Leider ist mein Freund heute da.“
„HANNAH, VERDAMMT, WAS MACHST DU DA SO LANGE“, schrie einer aus der Wohnung.
„Du solltest besser gehen“, sagte Hannah.
Doch schon war es zu spät.
Ein Teenager in einer Badehose, der das Oberteil einer Postbotenuniform trug und dazu noch die stinkenden Handschuhe eines Müllmanns kam hinter Hannah zum Vorschein. Seine Haare waren lang, wild und ungewaschen.
„Na, wen haben wir denn da?“, fragte der Kerl.
„Das ist Mike“, stellte Hannah ihren Freund vor.
„Der Gartenzwerg kommt wie gerufen“, sagte Mike und griff nach Klax.
„Wie lautet das Passwoooooo…“
Weiter kam er nicht. Mike hatte ihn in die Wohnung gerissen. Denn, was Klax nicht wusste, war, dass seine angehende Freundin einen bösen Fetisch für ungezogene Jungs hatte, und Mike war einer von der besonders schlimmen Sorte.
Und Klax war nur ein weiterer Name in einem noch nicht geschriebenen Wikipedia-Artikel über die Opfer des PostbotenBademeisterMüllmannMeuchelMörders vom Wannsee.
Hannah rollte mit den Augen und knallte die Tür zu.
Armer kleiner Klax.
Er würde weder Trixie noch seine Mutter je wiedersehen.
5.
Ein Jahr und viele, viele Tote später
Phill Jerkoff saß vor seinem Fernseher und tat, was Leute gemeinhin tun, wenn sie vor einem Bildschirm saßen und ihr Hirn geistig über eine Wäscheleine hing:
Er glotzte dumm drein.
Gerade lief ein Bericht über die Serienkillerin Mariam Karkuffian, die mindestens einen erwachsenen Mann und vier Kinder ermordet haben sollte. Unter anderem vielleicht auch seinen Sohn Klax, der vor einem Jahr spurlos verschwunden war. Zumindest deutete einiges darauf hin, oder es ließ sich zumindest bequem in die Handlung hineindichten.
Das Einzige, was von ihm zurückgeblieben war, war das olle Borgraumschiff, das Phill seither über eBay Kleinanzeigen für 200 € als „Raumschiff vom Mordfall Klax Jerkoff“ verkauft hatte.
Sein Sohn war in der Nacht vor einem Jahr verschwunden, hatte früh Morgens das Haus verlassen, und ward nie mehr gesehen. Er und seine Frau hatten keine Mühe gescheut, ihn zu suchen. Sie waren gleich einen Tag danach, schließlich nützte es nichts, unausgeschlafen jemanden zu suchen, runtergegangen, um nachzusehen, ob Klax vor dem Haus stand. Da war er aber nicht. Ihn anzurufen, ergab keinen Sinn, denn Klax besaß kein Smartphone, und jegliche Versuche, ihn zu suchen, wurden so lange auf später vertagt, bis die Polizei klingelte und sachkundige Beweise lieferte, dass Klax tot war und man den Mörder gefunden hatte: Mariam Karkuffian. Man hatte seine Leiche in einem ihrer Folterkeller gefunden, oder zumindest etwas, das gut seine Leiche hätte sein können. Da die Sache recht eklig und prekär war, erkannte man die naheliegendste Vermutung als absolute Wahrheit an, machte früh Feierabend und ließ den lieben Herrgott einen guten Mann sein.
Seine Frau Olga hatte Phill verlassen und ihre Tochter, deren Namen er schon längst vergessen hatte, mitgenommen.
Ihm war ein langer Bart gewachsen. Sein Haupthaar reichte ihm die Schultern herab. Er sah aus wie ein Obdachloser, der zu etwas Geld gekommen war, und roch auch so.
„Du musst es dir ansehen“, sagte eine Stimme aus dem Dunkeln.
Ihm gefror das Blut in den Adern. Sein Penis kroch innerhalb der Vorhaut zurück in seinen Körper und versteckte sich hinter seiner Blase. Da war jemand im Raum. Hatte er schon wieder die verdammte Tür offen gelassen? Wie damals, als er Klax die Nase blutig geschlagen hatte? War Klax etwa wieder da?
Wehmütig dachte er zurück an diese schönen Zeiten.
Seine Frau und seine Tochter fehlten ihm kein bisschen. Doch sein Sohn, der irgendwie unterhaltsam war und wusste, welche Biermarke er vom Kiosk bevorzugte, der fehlte ihm durchaus. Ein Gaffel Kölsch schmeckte einfach anders, wenn es ein Achtjähriger ungefragt mit dem Geld aus Mamas Brieftasche für seinen Vater kaufte, um ihn damit zu überraschen.
„Wer ist da?“, rief Phill unsicher.
„Ich bins nur“, sagte ein Mann und trat aus dem Schatten der Wand. „Der Wahnsinn.“
„Sehr witzig, Horst“, sagte Phill. „Was machst du denn hier?“
Horst Seenot war Phills Exschwager. Der Bruder seiner Exfrau, Olga. EX-KGB-Agent und inzwischen ehemaliger BND-Mitarbeiter, der sich als Kommissar oder Privatdetektiv oder jemand, der den Leuten die Socken vom Wäscheständer klaute, sein Geld verdiente. So richtig hatte Phill das nie verstanden. Hauptsächlich, weil es ihn nicht interessierte.
„Was gibt’s Neues?“, fragte Phill, der viel lieber mit einem Menschen redete, als in ein doofes Display zu schauen. Den Fernseher schaltete er aus. Ein Kunstgriff, der heutzutage leider größtenteils in Vergessenheit geraten war.
Sofort ging der Fernseher von alleine wieder an.
„Verflixtes Aldi-Teil“, murmelte Phill. Ein Nachrichtensprecher flimmerte über den Schirm, über den ja gar nichts flimmern konnte, denn es war ein LCD-Bildschirm und keine Röhre, aber egal. Es klang halt so schön. Also flimmerte er, der Nachrichtensprecher.
„Die Serienmörderin Mariam Karkuffian ist heute aus der Haft in die geschlossene Psychiatrie verlegt worden. Sie wurde vor sieben Monaten von ihrem ältesten Sohn verraten, dem sie nicht erlauben wollte, auf das Konzert einer Black-Sabbath-Coverband zu gehen. Mariam ist verantwortlich für den Tod zahlreicher Kinder und sonstiger Menschen. Genaue Details und ob das alles nur von der Polizei, die keine Lust hatte, in großem Umfang zu ermitteln, so hingedreht wurde, ist uns nicht bekannt. Frau Karkuffian wird in die von Dr. Volker Bieder finanzierte und betreute Klinik in Berlin-Tegel verlegt. Dr. Bieder selbst ist Chirurg und nach eigenen Angaben Hobby-Psycho- und Proktologe. Er sagte, man müsse in den menschlichen Abgrund blicken, völlig egal, wie tiefschwarz er sei oder an welchem Ende er sich befinde, um eine Seele, die erkrankt ist, wieder zu heilen.“
„Wieso hat eine psychiatrische Anstalt einen Chirurgen?“
„Vielleicht verletzen sich die Insassen oft?“, merkte Horst Seenot an.
„Da reicht doch ein normaler Arzt, bei allem anderen: ab ins Krankenhaus. Das ist bekloppt. Man baut doch auch keinen Bestatter neben ein Altersheim, nur weil dort jemand sterben könnte.“
„Das würde sogar einen morbiden Sinn ergeben“, sagte Horst.
Recht hatte er. Phill überlegte. Der Nachrichtensprecher im Fernsehen wartete brav mit dem Weiterreden, bis die beiden Herren sich ausgesprochen hatten. „Es würde ja auch kein Kinderpsychologe“, setzte Phill erneut an, „seine Praxis neben einem Kindergarten eröffnen und Flyer an die Eltern verteilen: ‚Ist Ihr Kind schon ungeniert traumatisiert? Vertrauen Sie mir und lassen Sie es bei mir behandeln, ich werde es verwandeln und gibt es Beschwerden, wird mir was unterstellt, gibt’s zurück das Geld!‘“
„Irgendwie ergibt das auch Sinn.“
„Tut es nicht, Horst. Du warst schon immer ein schlechter Lügner.“
Der Nachrichtensprecher schaute ertappt von seinem Smartphone auf und bemerkte, dass er weiterpalavern konnte: „Ah es geht weiter. Dr. Bieder unterstellte der Serienmörderin Schizophrenie sowie bipolar zu sein und beides gleich praktisch zu einer Schizoaffektiven Störung zu vereinen. Ferner erwähnte er, Frau Karkuffian sei generell gelangweilt, antriebslos, Ich-bezogen und bestimmt auch Opfer einer Induzierten Wahnhaften Störung, welche durch den Wahnsinn eines Lebenspartners oder Ehepartners ausgelöst wird, mit der Trennung aber wieder verschwindet. Besonders Letzteres merkte Dr. Bieder als interessant an, da er mit einem Fachartikel mehr als ein Jahr auf Ärztetagungen teure Reden halten könnte. Man müsse aber sehen, was man aus der Frau alles rausschlagen könne, so seine Worte. Frau Karkuffian soll sich momentan nicht so gut fühlen, da sie von einer Mitinsassin im Gefängnis eins mit der Pinkelpfanne über den Kopf bekommen hat. Was uns hier im Sender allen furchtbar leidtut.“
„Mir nicht“, brummelte Phill.
„Der Pressesprecher der Polizei gab an, froh zu sein, aus dem Redakteursdasein beim Privatfernsehen in eine derart gute Beamtenstelle gewechselt zu haben, und merkte ferner an, dass Frau Karkuffian vehement darauf bestand, dass der Arzt Dr. Bieder schuld an ihrer Misere sei. Er habe ihr eine Gerätschaft in den Kopf getackert, die ihr Befehle schickt und welche mit einer SIM-Karte versehen ist, damit sie jederzeit erfolgreich ferngesteuert werden kann. Detaillierte Baupläne des Geräts sowie eine Kopie des SIM-Karten-Vertrags wurden nicht als Beweismittel in den Fall einbezogen, weil ein Praktikant die Kiste, in der die Sachen verstaut waren, verloren hat.“ Der Nachrichtensprecher holte Luft. „Angeblich, so mutmaßte der Pressesprecher, könne Mariam Karkuffian noch für weitere Morde verantwortlich sein. Da man momentan aber eh schon genug zu tun habe, so der diensthabende Ermittler, werde man vorerst keine Fragen mehr stellen und keine weiteren Leichen suchen. Und jetzt zum Sport!“
Der Fernseher ging von allein wieder aus. Was Phill kein bisschen unheimlich war.
„Erinnerst du dich an deinen Sohn Klax, der verschwunden ist?“, fragte Horst und ignorierte die Details des Nachrichtensprechers, welche die Handlungsweichen für den Rest dieses Buchs gestellt hatten.
„Sicher. Als wäre er mein eigen Fleisch und Blut gewesen.“
„Also äh die Polizei wird aufhören, nach ihm zu suchen.“
„Verständlich“, sagte Phill. „Ressourcen sind begrenzt und um ehrlich zu sein, hab ich aus dem Kinderzimmer längst einen Raum für meine Dego-Mäuse gemacht.“
„Degos sind keine Mäuse, sondern eine Art Meerschweinchen. Nur süßer.“
„Was willst du, Horst?“, fragte Phill energisch. „Bist du hierhergekommen, um mir das zu sagen?“
„Nein. Pass auf, jetzt wird es kompliziert. Die Frau, die unter Umständen den Mörder ermordet hat, der diverse Kinder und das VFB-Maskottchen1 ermordet hat, hat vielleicht auch etwas mit der Entführung deines Sohnes zu tun.“
„Na und?“
„Genau die Frau wird jetzt auf das Anraten von Dr. Herbert Torfstecher in eine eigentümliche psychiatrische Klinik verlegt.“
„Was ist denn das für ein komischer Name?“
„Na, er wollte sich wohl beweisen, dass in ihm mehr steckt als ein Landschaftsgärtner und ist Arzt geworden. Auf jeden Fall hat Mariam Karkuffian behauptet, sie habe aus gutem Grund gemordet und würde nicht verstehen, was der Quatsch eigentlich solle. Sie würde Kinder und Menschen nur dann blutrünstig meucheln, wenn diese ihre Kriterien
erfüllen, welche Hand und Fuß besitzen, Sinn ergeben und überhaupt wäre es ihr viel zu blöd, Staatsgelder derart zu verschwenden. Man solle sie vergasen oder erschießen oder was man sonst so mit Mördern in Ländern macht, denen Gift zu teuer ist und die jeglichen Strom importieren müssen.“
„Woher weißt du das alles?“
„Hat mir ein Kollege erzählt. Es sind Auszüge aus ihrer Aussage. Man hat sie letztens neu befragt, bevor sie endgültig verlegt wird.“
„Ein wenig verrückt klingt sie schon.“
„Ein wenig? Die ist total krank im Kopf. Wer weiß. Vielleicht hat sie deinen Sohn entführt und hält ihn irgendwo versteckt? Könnte aber auch sein, sie hat ihn in einem anderen Bundesland ausgesetzt und er lebt jetzt in irgendeiner kirchlichen Jugendeinrichtung, der arme Steppke. Wie ich dich kenne, hat dein Kind wieder kein Halsband getragen und einen Chip hat Klax wohl auch nicht in den Nacken implantiert bekommen.“
„Ne, das war uns damals zu teuer.“
„Für die eigenen Kinder ist nie etwas zu teuer, Phill! Ich selbst habe sechs und bin froh um jedes einzelne.“
Stille schlich sich in die Unterhaltung. Und niemand flüsterte dazwischen. Dann brachen beide Männer in Gelächter aus.
„Kannst echt froh sein. Du bist wieder Single, Phill, und hast keine Verpflichtungen.“
„Ja, ich kann mein Glück kaum fassen“, sagte er und wischte sich eine Lachträne aus den Augen. „Frau weg, Kinder weg. Keiner will Geld von mir und ich hab ein ordentliches Sümmchen mit Bildern und Storys von Klax verdient, während der Medienrummel angehalten hat. Schon ziemlich aufdringlich diese Parasiten von der Presse, aber ich nehme es ihnen nicht übel. Als Blutsauger muss man auch überleben. Aber, Horst, komm, warum bist du wirklich hier?“, fragte Phill.
„Du erinnerst dich, dass Hannah und ihr Freund etwas mit dem Verschwinden deines Sohnes zu tun haben?“
„Haben sie das? Das ist mir neu. Um ehrlich zu sein, bin ich nicht unbedingt das, was man als Blaupausen-Vatermaterial bezeichnet. Mehr so Güteklasse ‚kein Kondom mehr im Haus, aber lass mal trotzdem bumsen‘.“
„Tja ha…“, sagte Horst gedankenverloren, „wenn nur noch die Dummen sich vermehren, wird die Welt untergehen. Aber egal“, sagte er und gewann seine Konzentration zurück. „Wir haben die beiden gefunden. Hannah und Mike.“
„Aber ihr habt aufgehört, nach Klax zu suchen?“
„Richtig.“
„Hä?“
„Wir haben wichtige Informationen erhalten.“
„Ne du, das will ich alles gar nicht wissen. Mir geht’s hier gut mit dem Degos und meinem Fernseher. Bin glücklich arbeitslos und Hartz-IV-Empfänger. Der Staat zahlt die Wohnung, mein Bier und nebenher verdiene ich was, indem ich im Altersheim Pornos an die Opas verhöker, die die eh nie angucken können, weil keiner von denen Ahnung hat, wo genau man den USB-Stick hineinstecken muss, damit die Tittenfilmchen abgespielt werden.“
„Ich habe noch eine Erkenntnis für dich.“
„Raus damit.“
„Ich werde die Suche nach Klax persönlich fortsetzen.“
1 Oder Uli Hoeneß vom FC Bayern beziehungsweise Ihre selbst eingefügte Fußball-Figur, Sie erinnern sich? Nein? Na auch egal …
6.
„Ach komm, Horst“, sagte Phill und gestikulierte seinem Exschwager, es bleiben zu lassen. „Lass ma gut sein“, wehrte Phill ab. „Ich beleidige dich nur ungern, aber deine Inkompetenz scheint geradezu grenzenlos zu sein. Dein Karrierelebenslauf sieht noch schlimmer aus als meiner. Schau dich doch an in deinem Trenchcoat und Hut mit Krempe. Wie oft musst du Columbo gucken, damit du am nächsten Tag weißt, was du zu tun hast?“
„Ich verbitte mir diese Anschuldigungen“, fuhr ihn Horst Seenot streng an. „Ich will dir helfen. Und außerdem musste ich mir die Columbo-DVDs kaufen, seitdem ZDF Info die Folgen nicht mehr wiederholt.“
„Hast du keinen Blu-Ray-Player?“
„Einen was?“
„Egal“, sagte Phil.
Es war bereits Nachmittag und Phill steckte noch immer in seinem besten Anzug. Das Einzige, was noch sauber war. In der Ecke lag ein riesiger Haufen an ungewaschener Wäsche. Er war inzwischen zwar arbeitslos und etwas verbittert, wie ein Schwein stinkend im eigenen Saft sitzen wollte er dennoch nicht. Das hielt er für ein Klischee. Trotzdem versuchte er, nicht allzu fröhlich zu wirken, was, wie er wusste, gesellschaftlich nicht gebilligt wurde. Denn wenn man ein Kind verlor und auf die Nachfrage nach dem werten Befinden mit „besser als je zuvor“ reagierte, hielten einen die Leute schnell für verrückt. Und wer wusste, wo Phill dann landete. Er hatte keine Lust, dass ein Fremder mit der Macht, seinen Geisteszustand zu beurteilen, ihn für immer irgendwo einsperren konnte. Deshalb hatte er sich eine Krücke geschaffen. Ein DIN-A0-Poster. Groß drüber die Aufschrift „Das ist Klax“. Ein Pfeil zeigte auf ein Bild darunter. Die Bildunterschrift lautete: „Vermisst seit UNBEKANNT.“ Phill war schon immer schlecht mit Details wie Tagen und Uhrzeiten. Darunter stand noch: „Du liebst ihn und vermisst ihn.“
Manchmal stand er vor dem Poster und las den Text nach, um sich zu erinnern. Dann konnte er auch wahrheitsgetreu zu allen sagen, die fragten: „Ich schaue mir jeden Tag sein Bild an. Ich liebe und vermisse ihn.“
Und da soll mal noch jemand behaupten, er wäre ein Trottel.
„Wenn du nicht willst, dass ich dir bei der Suche helfe“, sagte Horst Seenot, „dann halt nicht.“ Trotzig verschränkte er die Arme und schaute in eine andere Richtung.
„Alte Schmollbacke“, sagte Phill und pikte ihn in die Rippen. „Was ich aber wirklich dringend brauche, ist die Leiche des Kleinen.“
„Du willst ihn begraben, trauern. Ich verstehe schon, die fünf Phasen durchlaufen.“
„Quatsch. Für die Versicherung. Ohne Todesurkunde keine Prämie und die wird erst ausgestellt, wenn seine Leiche gefunden wurde.“
„Wie bitte?“, fragte Horst entsetzt.
„Olga und ich haben eine Lebensversicherung für Kinder abgeschlossen. Ist der neuste Schrei. Kostet nur 100 € im Jahr und wenn jemand dein Kind ermordet oder psychisch derart vergacklemmert, dass es nur noch sabbernd in der Ecke hockt und mit den Bauklötzen das Wort ‚töten‘ bildet, gibt’s Geld.“
„Ich verstehe, für die Beerdigung und Therapie. Vielleicht um das Kinderzimmer für ein Adoptivkind neu einzurichten. Eine makabere Idee, aber ein hilfreicher Schritt auf dem Weg zurück ins Normale.“
„Auch alles Quatsch. Will mir von dem Geld eine Korvette kaufen. Wollte schon in meinen Jugendjahren so ein Ding, aber dann wurde deine Schwester schwanger und meine Träume sind bei der Geburt mit der Soße, die daneben dem Baby aus ihr rausgeschwappt ist, weggespült worden.“
„Du willst dir ein Kriegsschiff kaufen?“
„Warum sollte nur ein Staat mit einem eigenen Militär so etwas besitzen? Ich habe schon immer eins haben wollen, seitdem ich Waterworld gesehen habe.“
„Es ist mir ein Rätsel, wieso meine Schwester dich verlassen hat“, sagte Horst in sarkastischem Ton.
„Mir nicht. Sie wollte schon seit einer Weile zurück nach Russland und versuchen, die UDSSR wieder aufzubauen. Ich will gar nicht wissen, wie oft sie Lenins Biografie gelesen hat. Am Ende landet sie bestimmt in irgendeinem Arbeitslager. Wenigstens ist sie dann unter Gleichgesinnten.“
„Hast du eigentlich die Zeitungen mal durchgeblättert?“
„Schon. Hab aber irgendwann aufgehört. Mir ist schleierhaft, wer diesen Papiermüll kauft, nur um den Cartoon zu lesen. Ich hol mir immer alte Comics aus den eBay Kleinanzeigen.“
„Dann kennst du gar nicht die Geschichte von Herbig, dem Mörder, den die potenzielle Mörderin deines Sohnes getötet hat.“
„Ne? Und was heißt hier potenziell. Die hat Klax auf dem Gewissen, ist doch logisch. Die Puzzleteile passen ineinander wie bei äh …einem Puzzle.“
„Scheinbar war Mariam besessen vom Töten. Sie hat Flugblätter nach Eheberatungen verteilt. ‚Wie man ihn kalt macht und damit wegkommt‘. Sogar einen eigenen YouTube-Kanal hat sie gehabt, in dem sie verschiedene Methoden des Tötens und der Leichenbeseitigung vorgestellt und an einer Beispielperson demonstriert hat.“
Phill nahm sein Smartphone zur Hand und suchte unter den Kanälen, dem das LKA Berlin folgte, den YouTube Channel von Mariam Karkuffian. Im ersten Video stach sie einen Fahrkartenkontrolleur mit einem Messer nieder, zerteilte ihn mit einer elektrischen Säge in der Badewanne und wies darauf hin, dass man beim Morden auch auf das Budget achten müsse. So ein Mehrfachmord könne ins Geld gehen. Immerhin müssten Messer scharf sein und die Leiche müsse man effektiv verschwinden lassen. Natürlich sei auch die Inflationsrate zu beachten, wenn man um die Jahreswende herum morde, dann sei da der Strom und die Kosten für große Gefrierschränke im Sommer. Phill hätte sich nie träumen lassen, dass es derart aufwendig war, jemanden umzubringen.
„Nett“, sagte Phill und klickte auf die Videoempfehlung, welche ihm nach der Anleitung zu Mord vorgeschlagen wurde. Eine Lesung von Sebastian Fitzek.1
„Das ist doch total verrückt, oder?“, fragte Horst Seenot.
„Aber ich kann dir noch was viel Verrückteres zeigen“, sagte Phill. „Warte hier.“
Phill verließ den Raum. Nebenan zog er sich nackt aus und schlüpfte in einen Slip mit Spitze, Stiefel, eine Jeans und setzte sich einen ausgestopften BH auf. Drüber kamen eine Jeansbluse und auf seine Nase eine Brille mit großen runden Gläsern. Fehlte nur noch die Perücke mit schulterlangen grauen, geriffelten Haaren. Mit einer Winchester dazu trat er ins Wohnzimmer. In voller Travestie.
„Was um alles in der Welt“, sagte Horst und sprang vom Sofa auf.
„Ich bin Jamie Lee Curtis aus dem neuen Halloween-Film von 2018.“
„Und warum?“, fragte Horst entgeistert.
„Klax und ich wollten ins Kino. Weil ich aber nicht zum dritten Mal Incredibles 2 anschauen wollte, haben wir uns Halloween reingezogen.“
„Verdammt, Phill, was denkst du dir bei so was? Der Kleine hat nächtelang nicht schlafen können.“
„Korrekt. Die Michael-Meyers-Puppe mit Maske, die ich in seinen beleuchteten Kleiderschrank gestellt habe, tat ihr Übriges. Bis ich mich verkleidet habe und durch die Tür den bösen Boogeyman erschossen habe.“
„Irgendwie glaube ich“, sagte Horst und betatschte seinen
Kropf am Hals, „dass die Liebe zum Kommunismus nicht
der einzige Grund ist, warum dich meine Schwester verlas-sen hat. Ich muss dir noch was zeigen.“
„Was für ein eindrucksvoller Tag“, sagte Phill und stützte sich auf die Winchester.
„Die ist doch nicht geladen?“, fragte Horst.
„Keine Ahnung, hab ich am Hauptbahnhof bei einem Kerl gekauft, der Waffen aus dem Kofferraum vercheckt hat.“
„Auf jeden Fall“, sagte Horst und griff in seinen Trenchcoat, „hat man das hier letztens in Mariams Zahnputzbecher im Gefängnis gefunden.“ Er hob die Figur eines Borgs hoch.
„Verdammte Scheiße“, schrie Phill, ließ die Winchester fallen und ging auf die Figur los. Ein Schuss löste sich und Glas splitterte.
„Die verdammten Sammelfiguren waren im Borgschiff. Natürlich“, sagte er und drehte die Figur in seiner Hand umher. „Es hat ihr nicht gereicht, meinen geliebten Faxe zu töten.“
„Klax“, korrigierte ihn Horst mit kalter Stimme, „Faxe ist ein Bier. Dein Sohn heißt Klax.“
„Hat dieses Scheusal von einem Mensch auch noch die Figuren mitgehen lassen. Damit war das Raumschiff so gut wie nichts mehr wert. Schlappe 200 Euro, aber auch erst, nachdem ich es ‚Mörder Raumschiff‘ genannt habe. Vielleicht kann ich den Deal noch geradebiegen. Wo sind die anderen drei Figuren?“
„Man hat nur die eine gefunden.“
„In ihrem Zahnputzbecher?“
„Richtig.“
„Dann schaut in ihren Nachttisch und in ihr Klo. Klemmt ihr die Pobacken auseinander und lasst Dr. Bieder seinem Hobby nachgehen. Mir egal, findet die Dinger.“
„Ich glaube nicht, dass das irgendwen außer dir interessiert“, sagte Horst, „verstehst du denn nicht, was das bedeutet?“, bangte er, gehört zu werden, „Mariam ist tatsächlich der Mörder deines Sohnes. Na ja, oder es war Herbig, den sie wiederum getötet hat. Auf jeden Fall hat sie danach die Leichen verschwinden lassen, in ihrer Gründlichkeit.“
„Dass sie ihn umgebracht hat oder der andere Kerl, ist doch schon ein alter Hut“, sagte Phill, winkte ab und lud die Winchester durch. Eine Patrone flog ins Zimmer. „So was. Deswegen hat der Kerl also gesagt, die Munition gibt’s pour rien.“
„Das ist Französisch für umsonst.“
„Und so was am Berliner Hauptbahnhof.“ Phill kratzte sich mit dem Lauf der Winchester an der Nase. „Horst?“
„Ja?“
„Was würdest du mit dem Mörder deines Kindes machen?“
„Zu Tode foltern“, sagte der wie aus der Winchester geschossen.
„Nett. Aber ich glaube, ich würde Mariam lieber dazu bringen, mir die anderen Sammelfiguren zu geben und mir zu verraten, wo Brax’ Leiche liegt.“
Horst kniff die Augen zusammen und senkte den Kopf, genervt seufzend.
„Ups. Das war schon wieder der falsche Name, oder?“, sagte Phill. „Bitte entschuldige, ich hab das Poster mit seinem Bild heute noch nicht so oft gesehen. Ich wills immer vors Klo hängen oder besser noch hinter die Tür vom Klo, aber du weißt ja, gute Vorsätze sind keine handfesten Taten. Wenn ich die Leiche habe, kann ich mir die Korvette kaufen, und wenn der Sammler, dem ich das Raumschiff vertickt habe, die Figuren noch will, gleich noch das schöne Kriegsschiff volltanken.“
„Laut dem größtenteils sinnentleerten Geschwafel in der Klinik“, setzte Horst Seenot an.
„Klinik?“, fragte Phill.
„Der gegenwärtige Aufenthaltsort der Mörderin deines Sohnes.“
Phill hob einen Finger. „Potenziellen Mörderin.“
„Sie soll weiterhin Videos aufnehmen, die noch nicht veröffentlicht worden sind. Mit dem Smartphone, das sie einem Wärter abgenommen hat und unter ihrer linken Brust versteckt.“
„Bäh“, machte Phill und streckte die Zunge raus, „weniger Details bitte. Wenn du mir jetzt sagst, wo sie das Ladekabel versteckt, schmeiß ich dich raus.“
„In einem der Videos soll ein Kind in einem Schlafanzug mit Monden darauf im Hintergrund auftauchen. Hat Klax nicht so einen getragen, als er verschwunden ist?“
„Ah, und du bist hier, um mir das alles zu sagen? Wirkt eher wie ein Vorwand, um mich zu motivieren. Warum greift ihr der Guten nicht unter die linke Titte und schaut euch das Video an?“
„Mach du doch!“
„Ich?“
„Ja du.“
„Na gut“, sagte Phill in vollem Jamie-Lee-Curtis-Kostüm. „Mal sehen, ob sie mich in die Anstalt lassen, in die Mariam bald verlegt wird.“
1 Der Algorithmus irrt sich niemals. Also seien Sie vorsichtig.
7.
Dr. Volker Bieder
Dr. Bieder saß am Schreibtisch und überlegte, wo er sich heute Abend volllaufen lassen würde. Als Alkoholiker war man immer am Planen. Und wie beim Einkaufen für ein Festtagsessen fehlte immer das eine oder andere. Er überlegte noch kurz, auf der Heimfahrt beim Feinkostladen zu halten, um eine Flasche Wild Turkey für einen Fear und Lothing in Las-Vegas-Themenabend mitgehen zu lassen. Durch den Diebstahl schmeckte der Schnaps nur noch süßer. Äther hatte er schon zur Genüge in der Anstalt geklaut. Mescalin war auch da und Adrenalin ließ er sich eigens vom Schweinebauer liefern. Er wollte gerade den Rest seines Biers leer trinken (von Wasser hielt er nicht viel, er schwamm gerne darin, es zu trinken wäre ihm im Leben nicht in den Sinn gekommen), als das Telefon läutete.
„Isch hab“, setzte er an und räusperte sich, „ich habe gesagt heute keine Anrufe mehr.“
„Aber es ist Ihr Bruder“, sagte die Sekretärin vor seinem Büro. Er hatte sie erst vor Kurzem eingestellt und genoss es, sie Briefe von Hand an einer Schreibmaschine vervielfältigen zu lassen. Auch ihr Outfit hatte er selbst entworfen und vorgeschrieben. Die Vorschrift lautete: Ein Rock, der mindestens bis über die Knie ging, Strumpfhose, biedere schwarze Schuhe und dazu eine bis oben hin zugeknöpfte hässliche Blümchenbluse. Die Haare waren im Dutt zu tragen, wozu sich die Frau Anfang zwanzig extra Verlängerungen hatte einflechten lassen müssen.
Er hatte schon immer ein Faible für Frauen gehabt, die wussten, wie man versteckte, wonach es sich zu frohlocken lohnte.
„Ich wusste gar nicht, dass ich einen Bruder habe?“, fragte er.
„Jetzt ruft es Sie auf jeden Fall an.“
„Na geben Sie mal her, Peggy.“
Es knackte in der Leitung.
„Wer spricht da?“, forderte Dr. Bieder.
„Hier ist Phill Jerkoff“, sagte die Stimme.
Ach du Kacke, dachte er sich. Der Vater eines der Kinder, die meine Patientin Mariam Karkuffian ermordet hat.
„Willkommen bei Dr. Bieder, Psycho- und Anal-yse“, gluckste er lachend. „Ihre Bestellung bitte.“
„Ich muss Sie etwas fragen.“
Dr. Bieder fiel auf, dass die Stimme des Mannes merkwürdig blechern klang.
„Haben Sie Ihr Telefon auf Lautsprecher gestellt?“
„Ja. Ich wollte dieses Gespräch aufzeichnen, falls Sie etwas Belastendes von sich geben, und hab es zuerst mit einer App probiert. Hat nicht funktioniert. Habs mit einem Anruf bei der Auskunft getestet. Na ja, also viele Versuche später läuft jetzt der alte Kassettenrekorder meines Sohnes mit. Darum der Lautsprecher.“
„Ich verstehe. Wir alle erreichen unsere Ziele auf unterschiedlichstem Wege. Aber sagen Sie, Herr Jerkoff, haben Sie auch eine Kassette eingelegt?“
„Ja und das war gar nicht so einfach. Wo gibt’s heute schon noch so was? Mir ist da die alte Tanke eingefallen, am Stadtrand. Musste ’ne Stunde hin und zurück fahren, der hat noch Kassetten zum Aufzeichnen verkauft. So ein Murks sag ich Ihnen.“
„Warum haben Sie kein zweites Smartphone als Diktiergerät verwendet? Dann wäre alles gleich digital aufgezeichnet.“
Stille am anderen Ende der Leitung.
„Das sagen Sie mir jetzt …“
„Sicher. Einfach kurz den Nachbar gefragt oder einen Freund oder Verwandten, der vor Kurzem erst bei Ihnen war.“
„Das war wirklich hilfreich.“
„Natürlich, ich bin Arzt. Die Leute kommen mit ihren Problemen zu mir. Das ist mein Beruf. Also, was kann ich für Sie tun?“
„Der Fernseher hat gesagt, dass Mariam Karkuffian mit einer Pinkelpfanne gehauen wurde.“
„Korrekt. Wir werden sie deswegen gleich operieren.“
„War die Verletzung schlimm?“
„Es ist eine Kopfverletzung, Herr Jerkoff, und ich fürchte, dabei sind die Batterien des Geräts äh … ich meine, ist es zu einem internen Schaden gekommen, den wir uns genauer ansehen müssen. Sind ja aus Edelstahl diese Bettpfannen. Da rummst es schon ordentlich im Oberstübchen.“
„Und deswegen wird gleich operiert, ja?“
„Natürlich. Ich bin Chirurg. Wenn Sie nur was gegen die Kopfschmerzen hätte haben wollen, wäre sie mal besser in eine Apotheke eingewiesen worden anstatt in meine Anstalt. Ist heute Abend endlich angeliefert worden die gute Frau. Sehr interessantes Objekt.“
„Na, dann strengen Sie sich mal an.“
„Ach, das ist nur eine kleine Knopfzelle, die gewechselt werden muss. Keine Sorge. Aber woher überhaupt die Sorge?“
„Sie muss unbedingt überleben.“
„Hätte nicht gedacht, dass wir da einer Meinung sind.“
Das Freizeichen ertönte.
Phill Jerkoff hatte aufgelegt.
„Komisch“, sagte Dr. Bieder und legte auch auf. „Wie unhöflich.“
Er nahm seine Porsche-Schlüssel aus der Schublade, gönnte sich noch eine halbe Flasche Whiskey, und enthielt sich beim Rausgehen jeglichen Blick auf seine Sekretärin.
Sein Mentor hatte einst gesagt: „Bier und Wein sind für Piloten. Schnaps ist das Öl für das Getriebe eines Mediziners.“
Und diesem Rat wollte Dr. Bieder auch treu bleiben.
8.
Verfolgungsjagd ohne Verfolger
Nachdem sein Exschwager die Wohnung verlassen hatte, erreichte Phill der Anruf, dass alles noch heute Abend stattfinden würde.
Horst hatte tatsächlich einen Weg gefunden, ihn in die Psychiatrie zu schleusen. Er hatte die Anweisung erhalten, in einer Stunde vor seinem Haus zu stehen. Nur er, kein Gepäck. Man würde ihn vor Ort eh neu einkleiden und entlausen. Entsprechende Stellen könnten potenziell aus Sicherheitsgründen auch enthaart und gebleicht werden.
Da war er also, Phill, und stand vor seiner Haustür. Er hatte ein Taxi erwartet oder gar Horst, der in seinem rostigen alten VW Jetta vorfuhr. Nichts dergleichen.
Ein Polizeiwagen donnerte mit gut hundert Sachen aus der Fünfzigerzone neben seinem Haus, rutschte um die Kurve, zwang den Gegenverkehr zum Abbremsen und wendete mit quietschenden Reifen. Die Mercedes E-Klasse kam vor ihm zum Stehen.
Die Tür wurde aufgeworfen.
Er erkannte Horst auf der Rückbank.
„Steig ein, wenn du bescheuert genug bist, dich hierauf einzulassen“, rief er.
Phill stieg samt Winchester zu Horst auf die Rückbank. Er trug noch immer das verquere Outfit aus dem letzten Kapitel.
„Los geht’s“, sagte Horst und klopfte dem Fahrer auf die Schulter. Der trat das Gaspedal durch und donnerte davon. Das Blaulicht wurde zwischen den Häuserwänden umhergeworfen.
Horst hielt sich fest.
Phill tat es ihm gleich. Sie schossen mit 150 Sachen durch Berlin-Kreuzberg, immer am Abbremsen und Gas geben. Neben dem Fahrer saß seine Kollegin mit einer Google-Maps-Karte, immer mal wieder sagte sie Dinge wie: „115 Meter scharf rechts. Dreihundert Meter dann links.“
Der Fahrer knallte die Bremse rein, kurbelte das Lenkrad herum und trat das Gaspedal wieder durch. Man hätte meinen können, sie wären im Auftrag von Leben und Tod unterwegs.
„Wir wissen, dass Dr. Bieder demnächst Mariam Karkuffian operieren muss“, fing Horst an und wurde von links nach rechts geworfen, das Einzige, was ihn davon abhielt, wie wild durch die Gegend zu fliegen, war der Haltegriff über dem Fenster.
„Sind wir deswegen so schnell unterwegs?“, fragte Phill.
Der Fahrer bremste von 120 auf fünfzig ab.
Ein nicht angeschnallter Polizeiteddybär flog vom Rücksitz gegen die Windschutzscheibe. Die Beifahrerin öffnete das Fenster und warf den Bär auf die Straße.
Der Fahrer lenkte ein und erteilte dem Verbrennungsmotor sofort wieder den Befehl, auf hundert zu beschleunigen. Phill und Horst wurden in die Sitze gepresst.
„Nein“, sagte Horst, „die Geschwindigkeit dieser Fahrt dient lediglich der Dramaturgie der Situation. Theoretisch hätten wir auch mit der Stadtbahn zur Anstalt fahren können. Das hier macht aber mehr her.“
„VORSICHT“, schrie die Beifahrerin und zeigte auf ein Kind vor ihnen.
Der Polizist bremste. Trat sogar mit einem zweiten Fuß die Bremse nach. Mit quietschenden Reifen kam der Wagen zum Stehen. Der Rotzbengel zeigte ihnen den Mittelfinger und nuckelte weiter an seinem Tetra Pak Kakao.
„Puh“, machte Phill. „Das war knapp“, sagte er und beobachtete den Jungen, der um die zwölf sein musste.
Ein schwarzer Van kam ebenso rasant wie ihr Fahrzeug angeschossen, hielt neben dem Jungen, öffnete die Schiebetür. Ein Mann mit Skimaske packte den Jungen, zog ihn ins Innere und setzte an seiner statt einen verwirrt dreinblickenden Hund auf die Straße. Mit durchdrehenden Reifen raste der schwarze Van davon.
„Es hat mich schon immer gewundert, wieso man in Berlin mehr Straßenhunde als Kinder sieht“, sagte Phill. „So was.“
„Dafür haben wir jetzt keine Zeit“, sagte Horst und klopfte dem Kutscher wieder auf die Schulter.
Der Motor röhrte. Die Tachonadel zuckte wie unter Stromstößen. Der Mercedes preschte weiter, als würde hinter ihm Roland Emmerich die Zerstörung der zivilisierten Welt per CGI einläuten.
„Pass auf, Phill. Du bist ein ehemaliger Soldat, solltest den Stress, der auf dich zukommt, daher gewöhnt sein. Wir hatten ursprünglich vor, dich unter der Identität eines Toten einzuschleusen, doch das wäre etwas riskant. Zu viele Stellen, an denen etwas hätte durchsickern können, und da du Torfkopf eh schon mit Dr. Bieder telefoniert hast, gehst du als du selbst.“
Phill nickte.
„Du wirst drinnen eine Kontaktperson haben.“
„Ihr habt noch mehr Leute in der Anstalt?“
„Na ja, nicht wirklich. Wir haben mal das Münztelefon dort angerufen und dem Erstbesten, der ran ging, einen Vorschlag gemacht.“
„Es gibt dort noch ein Münztelefon?“
„Erzähl ich gerade oder du?“, fuhr ihn Horst energisch an, während sie von links nach rechts geschüttelt wurden.
„Tschuldige“, sagte Klax’ Vater kleinlaut.
„Ihr Name ist Freda und sie ist unberechenbar. Eine Konifere Koryphäe auf dem Gebiet der Verrückten.“
„Und die soll wofür gut sein?“
„Sie ist deine Kontaktperson.“
„Zu dir?“
„Nein, dafür haben wir in einem Buch in der Bibliothek, in Enid Blytons Unter dem Roten Dach, ein Smartphone versteckt. Mit Powerbank, eine große, also mach dir keine Gedanken, wenn du damit das Internet besuchst, wenn dir langweilig wird.“
„Sehr gut. Aber wozu brauche ich dann Freda?“
„Du wirst es erkennen, wenn es so weit ist.“
„Aha“, machte Phill skeptisch.
„Denk dran, dich da rauszuholen, ist recht einfach. Dich wieder reinzubringen, weil du zu früh Hilfe geschrien hast, nicht. Das ist eine Psychiatrie, kein Bahnhof. Du kannst nicht kommen und gehen, wie es dir beliebt, also äh in diesem Beispiel bist du der Fahrgast, verstanden? Die Züge kommen und gehen wirklich, wie sie wollen.“
„Verstanden.“
Der Mercedes wurde langsamer.
„Sind wir da?“, fragte Phill. Er konnte durch die verdunkelten Scheiben kaum etwas sehen.
„Nein, wir gehen etwas essen.“
Ein gelbes „M“ leuchtet plötzlich durch die schwarze Scheibe.
„Wie?“, fragte Phill, „McDonalds?“
„Was hat denn sonst abends um die Uhrzeit noch offen? Es geht schon auf Mitternacht zu. Du wirst froh drum sein. Dein größtes Problem da drin wird nicht die mentale und körperliche Folter, die schlechten hygienischen Umstände, die anderen Patienten oder der Dauer besoffene Chirurg, welcher die Anstalt leitet, sondern das furchtbare Kantinenessen. Glaub mir, nach einer Woche wird dein Verstand Land unter anmelden. Ich weiß nichts Genaueres, oder ich habs wieder vergessen, Quintessenz ist, das Essen da drin könnte unter Umständen nicht sooo toll sein.“
„Da hätte ich wirklich andere Sorgen.“
Tüten wurden ins Auto gereicht. Niemand hatte Phill gefragt, was er wollte. Die Polizistin vor ihm reichte ihm wortlos ein Happymeal. Er öffnete es und fing an zu essen. Horst biss in einen Royal mit Käse.
„Ich habe etwas aus meinem persönlichen Drogenkoffer dabei“, sagte Horst, „damit du schön zugedröhnt wirkst, wenn du bei der Anstalt ankommst.“
Phill winkte mit einer Hand ab und schleuderte dabei ein paar Pommes in den Fußraum.
„Oh“, machte er.
„Egal“, brummelte der Fahrer mit einem Cheeseburger in der Gosche. Die abenteuerliche Fahrt ging schon weiter. Sie schossen dahin wie eine Rakete, die versuchte, die Schallmauer zu durchbrechen.
„Die Tabletten werde ich nicht brauchen“, sagte Phill. „Da habe ich eine bessere Idee“, er lehnte sich vor zum Fahrer.
„Bringen Sie mich zum nächstbesten Gestüt. Diese Situation erfordert vier Hufe und einen Sattel!“
Der Polizist nickte, wendete mit einer Vollbremsung mitten auf der Straße und heizte den Wagen unter Verlust von Reifengummi in die andere Richtung.
Am Ende ihrer halsbrecherischen Fahrt war der Tank leer, die Reifen abgefahren und die Bremsen glühten wie Eisen im Feuer.
Doch Phill bekam, was er wollte.
Einen Gaul.
9.
Armes Hottehü
Während sich irgendwo zu Halloween ein Psychopath mit Benzin übergoss, in einen Elternabend platzte und sich mit den Worten „Schaut mal, was ich kann!“ anzündete, ritt Phill Jerkoff gemächlich auf die psychische Heilanstalt von Dr. Bieder zu.
Der Gaul, den er sich besorgt hatte, sollte eigentlich morgen früh geschlachtet werden und trug den Namen Till der Träge. Sie kamen zwar nicht sonderlich schnell voran, doch voran kam er.
Sein Schwager hatte ihm geraten, er sollte dort auftauchen und schön den Bekloppten markieren. „Kassengelder hat noch keine vernünftige Anstalt abgelehnt“, so Horsts Worte, „selbst wenn sie dich in die Besenkammer sperren, nur um dich abrechnen zu können.“
Aufgrund dessen hatte Phill das einzig Richtige getan. Er war in vollem Jamie-Lee-Curtis-Outfit losgegangen, hatte sich noch einen Cowboyhut besorgt sowie Till den Trägen und ritt durch Berlin bis zu der Irrenfarm draußen in ländlicher Gegend (sehr präzise, nicht wahr). Dabei hatte er den Fehler gemacht, davon auszugehen, ein Pferd wäre ein Langstrecken-Tier. Weit gefehlt. Der halb blinde Ackergaul, den man ihm als Reitpferd erster Klasse verkauft hatte, war schon nach der Hälfte der Strecke vom Galopp in den Trab und jetzt zum Schritt übergegangen. Die ungeschlachtete Salami schlappte dahin in der Hoffnung, dass es bald vorbei war.
Und das war es auch!
Phill konnte die helle Schrift am Eingang der Anstalt bereits lesen. Eine Beleuchtung so prunkvoll wie die eines alten Theaters verkündete den Namen der Einrichtung „Dr. Bieders Hilarious House of Madness.“
Die Gruselbahn, in der jeder mitspielen durfte, der versichert war.
Sein Schwager, immerhin jemand, der viel Polizeifunk hörte und auch Polizist sein könnte, war oder gewesen war, hatte ihm gesteckt, dass Mariam im Hochsicherheitstrakt eingesperrt war. Also war alles, was er tun musste, da drin einen Feueralarm auszulösen oder mit einem Terroranschlag zu drohen, und schon würden sie das Gebäude räumen.
Letztere Idee hinkte zwar etwas, da er sich dafür theoretisch nicht als Verrückter inhaftieren lassen musste, doch wie oft bekam man im Leben schon die Chance, einfach mal zu machen, ohne die Konsequenzen zu spüren.
Till der Träge zuckelte dahin.
Phill hatte schon immer ein Pferd haben wollen. Der Wunsch reihte sich gleich hinter dem ein, eine Korvette zu besitzen, welcher daraus erwachsen war, dass Phill in seinem Leben bisher doppelt so viele Runden Schiffe versenken gespielt hatte als jeder normale Mensch.
Vor dem rechteckigen riesigen Gebäude, über das es kaum mehr zu sagen gab, denn es hatte wie jedes andere Haus auf dem Planeten Türen, Toiletten und Fenster, erstreckte sich ein großer Rasen mit einem Springbrunnen. Gerade war Phill dabei, sich zu überlegen, wo er am besten seinen vierbeinigen Freund parken sollte, als sich ein Garagentor öffnete und ein Porsche herausgeschossen kam.
Der Fahrer kam mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zu.
„HEY“, schrie Phill, „BIST DU BESOFFEN ODER WAAAAAAA…“
Der Porsche rammte den Gaul.
Phill wurde durch die Luft geschleudert.
Dr. Bieders Kopf knallte gegen das Lenkrad und die Airbags sprangen an (den Drink in seiner Hand verschüttete er nicht).
Das Pferd jedoch fungierte wie eine massive Wand aus Fleisch, das dem enorm schnellen Objekt, das es getroffen hatte, keinen wirklichen Widerstand bot. Seine Beine brachen wie morsche Zweige und die Schnauze rammte es durch die Frontscheibe ins Innere des Wagens.
So kam es, dass Dr. Bieder einem höchst irritierten Ackergaul in die Augen sah, der ihm den letzten Atemzug seines Pferdelebens ins Gesicht blies und dabei dachte: Karotte.
Phill rappelte sich auf und versuchte erfolglos, sich die Schürfwunden vom Körper zu klopfen. Die Perücke saß noch immer, nur den Hut hatte er eingebüßt. Er ging zurück zu seinem Pferd. Beim Anblick des toten Tiers drehte sich ihm der Magen um. Der Bauch war aufgeplatzt und Gedärme quollen dampfend auf den kalten Asphalt der Herbstnacht.
„Verfluchte Spesenadel“, rief Phill und hielt sich den Arm gegen den Gestank vor die Nase. Ohne weiter zu zögern, griff er nach der Winchester hinten am Pferd und lud sie durch.
Eine volle Patrone flog aus dem Lauf auf den Boden, aber es war einfach cooler, wenn die Waffe dieses Ritsch-Ratsch-Geräusch machte.
„Um Siegfrieds willen, Mann“, sagte der Arzt besorgt. Er trug einen Nadelstreifen-Anzug und sein Gesicht war ausgezehrt, wie es nur harter Alkohol und ein unendlicher Geldvorrat schafften, der einem über viele Jahre über jede Dummheit hinweg geholfen hatte. „Ist Ihnen etwas passiert?“, fragte er. „Haben Sie Durst?“, legte er nach und zeigte auf seinen Whiskey mit Eis, den er noch immer in der anderen Hand hielt.
„Wer sind Sie?“, forderte Phill ein.
„Dr. Bieder“, sagte er und zeigte auf die Leuchtreklame, „das hier ist mein kleines Scheusal.“
„Oh“, sagte Phill und senkte die Waffe.
Schnell, tu was Verrücktes, flüsterte ihm sein Unterbewusstsein zu. Er dachte daran, sich Haare auszureißen, damit ihm das Blut aus den Wunden schoss und über das Gesicht lief. Das kam ihm dann aber doch zu bescheuert vor. Außerdem tat so was weh, und Schmerzen waren nicht sein Ding.
Er richtete die Winchester auf den Pferdekopf und drückte zweimal ab.
BANG!
Ritsch-Ratsch
BANG!
Dann warf er die Waffe auf den Rasen, hielt beide Hände in die Höhe und rief „Ich ergebe mich und möchte gestehen“, sagte er und stand da.
Dr. Bieder beobachtete alles stillschweigend und nippte an seinem Drink.
„Sagen Sie werter Herr“, fragte er, ging um den Porsche herum, holte etwas Scotch aus dem Handschuhfach und füllte sein Glas nach, „Sie sind nicht zufällig Privatpatient?“
„Wie es der Zufall will, ja.“
„Ich glaube, dass ich Ihnen helfen kann“, sagte Dr. Bieder mit einem Tonfall, wie ihn nur Magnaten bekommen, wenn sie einen baldigen hohen Zahlungseingang für eines ihrer Konten witterten.
Phill wollte antworten, da wurde die Unterhaltung jäh unterbrochen. Ein Blitzlicht erhellte die Nacht. Gleich noch eines. Irgendwer schoss Fotos von den beiden und ihrem Unfallszenario.
Dr. Bieder machte einen Schritt nach vorne, trat gegen die Winchester, sodass sie in die Luft flog, fing sie am Repetierhebel auf, lud eine Patrone in den Lauf und schoss, ohne auch nur zu blinzeln, zwei Kugeln in Richtung Blitzlicht.
„Aua!“, schrie eine Stimme.
Ein Fotograf sprang aus dem Gebüsch und gab Fersengeld.
Dr. Bieder legte auf ihn an, doch der Mann war zu schnell. Er rannte, als wäre Robert Murdoch persönlich hinter ihm her.
„So ein Mist“, sagte Dr. Bieder und senkte das Gewehr. „Das steht schon morgen in der Super Illu.“
Er drehte den Kopf zu Phill. „Die sind einfach zu vertreiben, aber bald schon werden die Pressevertreter in Scharen hierher zurückkehren.“ Dr. Bieder schulterte die Winchester. „Kommen Sie mit mir. Wir besorgen Ihnen ein Zimmer. Wer sind Sie eigentlich?“
„Phill Jerkoff“, sagte der und ließ sich auf die Beine helfen.
Dr. Bieder erstarrte. „Der Vater des toten Kindes, mit dem ich gerade eben telefoniert habe?“
„Das ist bereits mehrere Stunden her“, korrigierte ihn Phill.
„So was“, sagte Dr. Bieder erstaunt und nahm einen Schluck Whiskey-Scotch-Mischung. „Muss vor dem Losfahren eingeschlafen sein. Merkwürdig“, sagte er und trank das Glas leer. Schwungvoll feuerte er es ins Gebüsch und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.
„Lassen Sie uns reingehen“, sagte er. Gemächlich liefen sie auf die Anstalt zu. „Wer hat Sie geschickt? Die Polizei?“
„Ach, es ist eine Mischung aus Versicherungsangelegenheiten, Neugier und am Ende geht es um Geld.“
„Ach, das gute alte Geld. Es ist wie mit den Frauen. Oder waren es Kinder? Man kann nicht mit ihnen leben, aber ohne sie schon.“
„Stimmt es, dass Sie viele berühmte Insassen behandeln?“
„Oh ja. Wir sind aber keine von diesen Star-Kliniken. Manch einer tut so, als hätte er Karl Gustav dem Großen persönlich die Ohren geputzt“, seine Stimme nahm comichafte Züge an, „diese Anstalt beherbergt einige der brutalsten Geisteskranken aller Zeiten. Pfffft“, machte er und machte eine abweisende Geste. „Das Potenzial eines Irren liegt nicht in der Ausprägung seines Wahnsinns, sondern was er damit anfängt. Man kann auch nur ein klein wenig wahnsinnig sein, und daraus viel machen.“1
Er zog einen Flachmann aus seinem Jackett und nahm einen Schluck. Wortlos reichte er ihn an Phill weiter, der
zugriff. „Wissen Sie, die meisten Leute, die in einem Hotel zur weichen Birne untergebracht sind, sind alles handelsübliche Irre.“ Er begann, an den Finger abzuzählen: „Alleinerziehende Väter, Politiker, die bei der Wahl gescheitert sind und fleißig an ihrem eigenen Wikipedia-Artikel arbeiten, weil keiner ihre Memoiren will, und natürlich irgendwelche schwachsinnigen Autoren oder Schauspieler, die nur kurz Nachforschungen anstellen wollten, dann aber doch auf Dauer bleiben, weil sie sich bei uns wohler fühlen als in Freilandhaltung.“
„Gibt es denn gar niemand Berühmten?“, fragte Phill, nahm einen Schluck Schnaps. Es brannte in seinem Mund und er wollte meinen einen Hauch Duschgel rauszuschmecken. Er schluckte das Gesöff schweren Notes gerade so runter und reichte den Flachmann zurück.
„Gut, oder?“, fragte Dr. Bieder. „Hab ich in der Therapiebadewanne gebraut. Und ja, wir haben da schon ein paar Sonderkandidaten. Da wäre der Buchprüfer. Er fesselt seine Opfer nackt an Händen und Füßen. Lässt sie dabei frei im Raum stehen. Dann rechnet er deren letzte Steuererklärung auf ihrem Körper nach, dabei ritzt er die Zahlen mit einem Skalpell ein. Bei einer Abweichung, die zu hoch ist, schlitzt er ihnen nach und nach die Arterien auf. Wer überlebt, ist für immer grotesk tätowiert. Dann wäre da noch der Zahnarzt.“
„Was hat der verbrochen?“
„Er ist nur ein normaler Zahnarzt. Recht unbeliebt auch unter den Patienten. Weigert sich, eine Betäubungsspritze zu verwenden. Hat mir einmal eine Krone gesetzt. Bezahlt werden wollte er in Reichsmark. Musste auf einen Flohmarkt, um die Währung zu beschaffen. Solange war er im Hungerstreik. Spinnt echt der Kerl. Gehört eingewiesen.“
Phill wollte etwas sagen, belehrte sich aber selbst eines Besseren. Der Kerl war professioneller Alkoholiker. Gerade zauberte er wieder einen neuen Flachmann aus seinem Jackett. Dieser hier war rot. Er zog ihn in einem Schluck leer, nahm sich den linken Schuh ab und klappte vorne die Spitze beiseite, um daraus zu trinken.
„Sie würden sich wundern, wo an meinem Körper ich überall Alkohol versteckt habe.“
„So so“, sagte Phill.
„Und Sie wollen den potenziellen Mörder Ihres Sohnes umbringen?“
„Nein nein“, versicherte Phill und gestikulierte widersprechend mit den Händen.
„Da bin ich aber froh“, sagte Dr. Bieder. „Der Papierkram wäre die reinste Hölle. Wenn Sie jemals irgendwen umbringen wollen, haben Sie bitte genug Anstand und warten Sie, bis wir Sie aus der Ballaballaburg wieder entlassen haben, ja?“
„Ich verspreche es.“
„Können Sie gerne. Sie werden es mir auch noch unterschreiben müssen. Ein Haftungsausschluss.“
„Haben Sie Kinder, Dr. Bieder?“
„Ich? Himmel nein. Habe mir mit dem Doktorat die Leitungen kappen lassen. Menschen haben auf mich schon immer sonderbar gewirkt, müssen Sie wissen. Ich sehe in ihnen keine Personen mit Werten und individuellen Wünschen.“
„Sondern?“
„Potenzial, Herr Jerkoff, Potenzial“, sagte er und klopfte Phill auf den Rücken.
Sie hatten die Treppe zur Haupttür der Anstalt erreicht. Dr. Bieder sprang im Zickzack die Treppe empor, öffnete die gigantischen Flügeltüren und wies Phill an, einzutreten. Als der Arzt die Türen wieder hinter Phill zuzog, konnte er beobachten, wie irgendwer den toten Gaul mit der Kettensäge zerteilte, um ihn wegzuschaffen. Wahrscheinlich der Hausmeister.
Ja, Pferde waren nun mal große Tiere und da kein Bagger zur Hand war, der es hätte anheben können, musste Gustavo zur guten alten Stihl greifen und das Fleisch des toten Tieres von Hand in die hauseigene Schlachterei schleppen. Daraus machte man für Tage und Wochen Eintopf, Steak und Buletten. Dem Fleischwolf war egal, welches Tier er zermalmte.
Nach dieser langen Erklärung war Gustavo mit dem Zerteilen fertig und wuchtete sich einen Schenkel von Till dem Trägen über seine Schulter.
„Ja“, sagte Dr. Bieder, „so ist das Leben. Wir alle haben einen Zweck zu erfüllen. Und ich weiß auch schon, welcher der Ihre sein wird, Herr Jerkoff.“
Er drehte sich um.
Doch Phill war längst verschwunden.
1 Welch wahre Worte …
Pulsuz fraqment bitdi.