Kitabı oxu: «Das Raunen und Tuscheln der Wüste»

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Gertrude Bell, geboren 1868 in Washington bei Newcastle, war Historikerin, Archäologin, Sprachwissenschaftlerin, Übersetzerin, Politikerin und Spionin – und eine großartige Schriftstellerin. Als Tochter des Stahlmagnaten und liberalen Politikers Thomas Hugh Bell in eine der reichsten britischen Familien geboren, schloss sie 19jährig in Oxford ihr Studium der Neueren Geschichte ab. Sie lernte Arabisch, Persisch und Türkisch und begann ab 1892 den Orient zu bereisen. Von 1915 bis 1925 hatte die »Königin der Wüste« als Beraterin von Winston Churchill eine Schlüsselrolle in der Neuordnung des gesamten Nahen Ostens inne. Über ihre Reisen nach Persien, Syrien, Irak und Palästina schrieb sie zahlreiche und sehr erfolgreiche Bücher. Sie starb mit 58 Jahren in Bagdad.

Ebba D. Drolshagen hat in Frankfurt/Main, Chicago und Oslo studiert und seither zahlreiche Romane und Sachbücher aus dem Englischen und Norwegischen übersetzt. Daneben ist sie Autorin mehrerer Sachbücher, darunter Wie man sich allein auf See einen Zahn zieht (corso 2015) und Gebrauchsanweisung für Norwegen (Piper 2014).

Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Berlin. Sie ist die Herausgeberin der Reihe DIE KÜHNE REISENDE.

Zum Buch
»IN DIESER WÜSTENDÄMMERUNG WACH ZU WERDEN WAR, ALS WÜRDE MAN IM HERZEN EINES OPALS ERWACHEN …«

Gertrude Bell

Als Gertrude Bell im Januar 1905 zu einer ihrer Reisen in den Nahen Osten aufbrach, wollte sie dort vor allem byzantinische und römische Ruinen studieren.

Wie sich später herausstellen sollte, traf sie damit die Vorbereitungen für ihre spätere Mission als Beraterin der englischen Regierung, bei der es um die Neu aufteilung des Nahen Ostens ging. Mit ihrer Karawane und einigen wenigen einheimischen Bediensteten drang sie in den Wüsten und Bergen Syriens, Palästinas und des Libanon in Gebiete vor, die vor ihr noch kaum ein Europäer, geschweige denn eine Frau betreten hatte. Selbstbewusst suchte sie den Kontakt zu Scheichs und Stammesführern, unter deren Schutz es ihr gelang zwischen den rivalisierenden Stämmen hin und her zu reisen. Sie lauschte den Geschichten von Schafhirten, saß mit Soldaten am Lagerfeuer, in den schwarzen Zelten der Beduinen und den Besuchszimmern der Drusen.

Sie überschritt geographische und soziale Grenzen, setzte Konventionen außer Kraft, denn »die Engländerinnen sind sonderbar. Es gibt auf der Welt vermutlich keine größeren Sklaven der Konventionalität als sie, aber wenn sie mit ihr brechen, dann ganz und gar.« – So stand es 1907 in einer Rezension dieses Buches in der New York Times.

DIE KÜHNE REISENDE

Gertrude Bell

Das Raunen und
Tuscheln der Wüste

Eine Reise durch das alte Syrien

Aus dem Englischen und mit einem Vorwort

von Ebba D. Drolshagen


Die Reihe Die Kühne Reisende

wird herausgegeben von Susanne Gretter

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Abbildungen und Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

Titel der Originalausgabe:

The Desert and the Sown. Travels in Palestine and Syria

Die Übersetzung folgt der Ausgabe von Dover Publications, Inc.,

Mineola, New York 2008 / William Heinemann, London 1907

© by Edition Erdmann in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2015

Der Text basiert auf der Ausgabe Edition Erdmann, Wiesbaden 2015

Lektorat: Susanne Gretter, Berlin

Covergestaltung: Karina Bertagnolli, Weimar

Bildnachweis: Duris – Lebanon, Gertrude Bell on horseback in foreground. A_340,

Date: 6/1900. Credit: Gertrude Bell Archive, Newcastle University

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0523-0

www.verlagshaus-roemerweg.de


Gertrude Bell, 1909 in Babylon vor ihrem Zelt

INHALT

»ENGIÄNDERINNEN SIND SONDERBAR« Vorwort von Ebba D. Drolshagen

VORWORT DER AUTORIN


I VON JERUSALEM NACH SALT
II VON SALT NACH TNEIB
III VON TNEIB NACH NAJEREH
IV VON DJEBEL EL’ALYA NACH SALCHAD
V SALCHAD
VI VON SALCHAD NACH DAMASKUS
VII DAMASKUS
VIII VON DAMASKUS NACH HOMS
IX VON HOMS NACH HAMA
X VON HAMA NACH APAMEA
XI VON APAMEA NACH ALEPPO
XII VON ALEPPO NACH BASUFAN
XIII VON BASUFAN NACH ANTIOCHIA
XIV ANTIOCHIA

GLOSSAR

EINLEITUNG

»Engländerinnen sind sonderbar.

Es gibt auf der Welt vermutlich

keine größeren Sklaven der Konventionalität als sie,

aber wenn sie mit ihr brechen, dann ganz und gar.«

The New York Times (in einem Artikel über Gertrude Bell)

Gertrude Bell, heißt es, sei eine für ihre Zeit überaus ungewöhnliche Frau gewesen. Das ist nicht ganz zutreffend: Gertrude Bell war ein überaus ungewöhnlicher Mensch – und das wäre sie auch heute noch.

Sie war aus dem Stoff, aus dem man im Europa des 19. Jahrhunderts Abenteurer und Forscher machte: hochintelligent, wissensdurstig, draufgängerisch, furchtlos, zielbewusst, ehrgeizig, energisch, selbstsicher und sehr wohlhabend. Außerdem, und das ist nicht gering zu schätzen, hatte sie eine eiserne Kondition. Aber sie war eben auch eine Frau. Das machte ihre Zeitgenossen im viktorianischen England ratlos und führte zu Bemerkungen wie der, sie sei »eine bemerkenswert kluge Frau mit dem Verstand eines Mannes«. Es ist nicht sicher, ob das als Kompliment gemeint war.

Als sie 1868 in eine der reichsten und fortschrittlichsten Familien Englands hineingeboren wurde, schien ihr Lebensweg als höhere Tochter vorgezeichnet: Eine nicht allzu anspruchsvolle Schulbildung, eine standesgemäße Heirat, dann Kinder, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Enkel. Bald aber zeigte sich, dass Gertrude kein fügsames Mädchen war, sondern wild, sportlich, kratzbürstig und sehr wissbegierig. Da ihre Eltern sehr modern dachten, durfte sie, gegen die damaligen Gepflogenheiten, mit fünfzehn Jahren das Mädchen vorbehaltene Queen’s College in London besuchen. In Briefen nach Hause beschwerte sie sich, dass sie nicht allein ins Museum gehen dürfe (»Wäre ich ein Junge, ginge ich jede Woche«), und ihre Zeit mit albernen Handarbeits- und Klavierstunden vertue, wo es doch so viel Wichtiges zu lesen und lernen gebe.

Sie wollte, wie sie ihrem Vater schrieb, »wenigstens eine Sache von Grund auf wissen und können. Dieses dilettantische Lernen bin ich leid. Ich möchte mich ganz in etwas vertiefen.« Und so begann sie als Siebzehnjährige in Oxford zu studieren, das Frauen in den Vorlesungen nur als Gasthörerinnen duldete und ihnen keine akademischen Grade verlieh. Dennoch schloss sie das Studium der Neueren Geschichte in zwei statt drei Jahren ab und das als erste Frau in Oxfords Geschichte mit der höchsten Auszeichnung. Sie sollte in ihrem Leben noch oft »die erste« oder »die einzige Frau« sein, schließlich wurde sie sogar zur mächtigsten Frau ihrer Zeit.

Es ist vielleicht verständlich, dass ein Ausnahmetalent wie sie andere Frauen »uninteressant« fand, und auf die »netten kleinen Ehefrauen« herabsah. Ab 1908 kämpfte sie aktiv gegen das Frauenwahlrecht, weil sie meinte, dass Frauen nicht politisch denken können, und die Suffragetten in der Wahl ihrer Kampfmittel vulgär fand. Der eigentliche Grund dieser Gegnerschaft war allerdings, dass sie den Standpunkt und die Privilegien ihrer eigenen Klasse vertrat: Damals durften in England nur reiche Männer wählen, darum hätte das Wahlrecht für Frauen auch allen besitzlosen Männern das Wahlrecht beschert.

Nach dem Examen in Oxford war es das Wichtigste für die Zwanzigjährige, einen standesgemäßen Ehemann zu finden. Doch all ihre Vorteile – sie hatte grüne Augen und rotblondes Haar, war elegant und lebhaft, konnte schwimmen, fechten, rudern, spielte Tennis und Hockey –, wogen einen gravierenden Makel nicht auf: Sie galt als »Oxfordy«, also zu gebildet und zu selbstbewusst, ja überheblich. Das verdarb sie so gründlich für den Heiratsmarkt, dass selbst ihre große Mitgift nichts auszurichten vermochte. Keiner hielt um ihre Hand an, es sollte nicht erstaunen, wenn sie möglichen Kandidaten deutlich gezeigt hätte, wie langweilig sie sie fand.

Unmittelbar nach dem Abschluss in Oxford reiste sie in Begleitung einer Verwandten nach Bukarest, wo ein Onkel Botschafter war, und besuchte von dort aus Konstantinopel. Reisen gefiel ihr offenbar sehr, denn kaum hatte sie drei Londoner Ballsaisons absolviert, ohne sich verlobt zu haben, fuhr sie 1893 nach Teheran, wohin der Onkel inzwischen versetzt worden war. Dort verliebte sie sich in den Diplomaten Henry Cadogan, doch ihre Eltern verboten die Heirat, weil der junge Adlige mittellos, hoch verschuldet und überdies spielsüchtig war. Gegen ihren Vater lehnte Gertrude Bell sich niemals auf, und sie gehorchte auch hier. Das Paar beschloss zu warten, bis Cadogan im diplomatischen Dienst aufgestiegen und eine akzeptable Partie geworden war. Doch kaum ein Jahr später starb er an den Folgen eines Unfalls.

Gertrude war sehr unglücklich nach London zurückgekehrt, aber Teheran hatte sie begeistert. Sie konnte schon so gut Persisch, dass sie die Gedichte des Dichters Hafiz ins Englische übersetzte, und sie schrieb ein Buch über Teheran, Persian Pictures, das 1894 zunächst anonym erschien.

In den folgenden Jahren lernte sie Deutsch und Französisch und beschäftigte sich intensiv mit Archäologie, sie lebte mehrere Monate in Berlin, 1897 und 1902/03 machte sie mehrmonatige Weltreisen, die erste mit ihrem Bruder Maurice, die zweite mit ihrem Bruder Hugo.

1899 begann sie die Erregung der Gefahr zu suchen. Sie wurde eine der bedeutendsten Alpinistinnen ihrer Zeit, die 2633 Meter hohe Gertrudspitze im Berner Oberland ist nach ihr benannt. Ihren ersten Berg, den 3.983 Meter hohen La Meije, bestieg sie in Unterwäsche, weil sie keine Hosen hatte und der bodenlange Wollrock sie zu sehr behinderte. 1901 harrte sie mit ihren beiden Bergführern in einem Schneesturm dreiundfünfzig Stunden angeseilt auf einem Felsvorsprung aus, im August 1904, kurz nach ihrem 36. Geburtstag, bestieg sie das Matterhorn. Danach kletterte sie nur noch gelegentlich.

1899 besuchte sie den deutschen Generalkonsul Friedrich Rosen und seine Frau Nina in Jerusalem. Sie kannte die beiden aus Teheran, wo sie Gertrude für die persische und arabische Kultur, die Wüste und den Orient begeistert hatten. Nun halfen sie ihr, als sie im März 1900 ihre ersten mehrtägigen Ausflüge in die Wüste unternahm – allein, nur von einigen Dienern begleitet. Auf dem Weg wurde sie zweimal von schwer bewaffneten Beduinen bedroht, was sie in ihrem Journal mit dem Satz kommentierte: »Glaube nicht, dass ich je so einen großartigen Tag erlebt habe.«

Sie war der Wüste, ihren Menschen, dem Orient und seiner Geschichte verfallen, und sie begann, Arabisch zu lernen. Vielleicht hatte sie erkannt, dass sich einer wohlhabenden, kühnen und unverheirateten Frau dort Möglichkeiten und Freiheiten boten, die in England undenkbar waren: In London gab es für Unverheiratete wie sie nur die Rolle der netten Tante ihrer Neffen und Nichten. Im Orient hingegen konnte sie so unabhängig und selbstbestimmt leben, wie sie es als Studentin erträumt hatte.

Sie sehnte sich nach einem sinnvollen Lebensinhalt, nach Neuem, nach Wissen und auch nach Gefahr. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte sie im Orient forschen und zugleich in London eine Familie haben können, die auf sie wartete. Als Frau war ihr das verwehrt, und einen Beruf gab es für jemanden wie sie nicht. Das bedeutete auch, dass sie ein Leben lang von ihrem Vater finanziell abhängig war.

Bell eignete sich über viele Jahre jenes historische, geographische und archäologische Wissen an, das sie als Frau durch ein reguläres Studium nicht hatte erwerben können. Als sie im Januar 1905 zu ihrer ersten großen Expedition aufbrach, war sie eine ernst zu nehmende Archäologin und Ethnologin.

Auf dieser Reise, die sie in dem vorliegenden Buch beschreibt, durchquerte sie als erste Europäerin allein die syrische Wüste, begleitet von Maultiertreibern, einem Koch, einem oder mehreren Soldaten sowie einem einheimischen Führer. Fünf Monate lang ritt sie auf dem Pferd zu den byzantinischen und römischen Ruinenstätten des alten Syriens bis Konya in Kleinasien, an vielen Orten waren nur wenige Europäer (und nie eine Europäerin) gewesen. Die Reise durch das unwegsame, nicht kartographierte Gelände war nur möglich, weil Rosen sie überzeugt hatte, im Herrensattel zu reiten. Dabei trug sie weite Hosenröcke mit einer Art Schürze, die herabfiel, sobald sie vom Pferd stieg, und die »Hose« verdeckte.

Damals gehörte der gesamte Nahe Osten zum Osmanischen Reich, doch im Vielvölkerstaat gärte es überall. Darum wollten die Türken beispielsweise verhindern, dass Bell das Gebiet der kriegerischen und aufständischen Drusen durchquerte. Sie aber wollte das unbedingt und ignorierte die Anweisungen der osmanischen Verwaltungsbeamten, nicht einmal, nicht zweimal, sondern ständig.

An Bell fasziniert, wie mühelos sie vom Londoner Salon zu Beduinenzelten wechselte, wie offenbar selbstverständlich sie sich mit Scheichs und Bettlern gleichermaßen unterhalten konnte. Getrieben von einer umfassenden Neugier und einer tiefen Achtung vor der Würde des Menschen, begegnete sie jedem, den sie traf, vorbehaltlos und mit echtem Interesse. Furchtlos folgte sie der Einladung Fremder, sie in deren Haus zu begleiten, es scheint, als habe sie damit nur gute Erfahrungen gemacht. Wer sich pompös aufführte, konnte ihrer Verachtung sicher sein – in seiner Gegenwart aber blieb sie immer höflich, immer zuvorkommend, wahrte immer die Sitten.

Grund dafür war auch, dass sie die mächtigen Männer brauchte: Nach dem Gesetz der Wüste waren Frauen unantastbar, dennoch wurde sie auf ihren Reisen mehrfach überfallen und ausgeraubt. Ohne den Schutz der Scheiche, Stammesfürsten oder türkischen Beamten hätte sie sich nicht durch die gefährlichen Landstriche bewegen, manchmal nicht überleben können. Geschickt erwies sie allen ihre Ehrerbietung, Scheiche verschiedener Stämmen nahmen sie gastfreundlich und höflich auf und bewirteten sie. Diese Stämme waren oft auf den Tod verfeindet, doch ihr gelang es, sich aus diesen Rivalitäten völlig herauszuhalten. Sie trank mit allen starken Kaffee, rauchte mit allen schwarze Zigaretten (Bell war zeit ihres Lebens eine starke Raucherin), und war bald der einzige Außenseiter, der diese Stämme nicht nur auseinanderhalten konnte, sondern jeden Fürsten persönlich kannte und wusste, wer mit wem verfeindet, wer mit wem verbündet war. Und je mehr dieser Männer sie persönlich kannte, umso sicherer konnte sie sich bewegen.

Alle Reisen waren anstrengend und entbehrungsreich. Manchmal ritt sie auf einem Pferd oder Kamel zwölf Stunden durch Schneestürme, Wolkenbrüche, sengende Sonne und eisigen Gegenwind, durch Schlammlöcher, über Geröllwüsten, wacklige Brücken und in die Bergwand gehauene Pfade. Widrigkeiten wie Insekten, ungenießbares Wasser oder eintöniges Essen erwähnt sie nur beiläufig, Fragen der Körperhygiene gar nicht, aber man kann sich vorstellen, wie schwierig das in einer reinen Männergesellschaft gewesen sein muss.

Am Ende eines solchen Tages schrieb sie Briefe an ihre Eltern, 1.600 sind erhalten, des Weiteren detaillierte Journaleinträge, die Grundlage ihrer Bücher und wissenschaftlichen Aufsätze waren. Vor allem aber traf sie abends die örtlichen Würdenträger, sei es, dass sie sie in ihrem eigenen Lager empfing, sei es, dass sie sie in deren Zelten oder Häusern besuchte. Sie beschrieb die Begegnungen und Ereignisse ihrer Reisen geistreich, witzig, mitunter spitzzüngig, registrierte mit großer Aufmerksamkeit politische Stimmungen, Machtstrukturen, Allianzen. Und sie vergaß nichts.

Wie bei der Lektüre aller Abenteuerberichte, wundert man sich auch bei Bell darüber, dass sie darauf brannte, diese Härten und Entbehrungen zu wiederholen. Tatsächlich unternahm sie nach 1905 weitere Nahost-Expeditionen, jede ehrgeiziger und gefahrvoller, mit mehr Begleitern und Lasttieren als die vorherige. Seit der zweiten Expedition hatte sie zwei persönliche Zelte, eines zum Schreiben und Empfang der Gäste, das zweite mit ihrem Bett und einer Segeltuch-Wanne – »mein einziger Luxus«. Sie führte neben leinenen Reitröcken, Baumwollblusen und Pelzmänteln auch Abendkleider mit; zwischen Spitzenunterröcken versteckte sie die Gastgeschenke für wichtige Gastgeber: Ferngläser und Pistolen. Selbst bewirtete sie ihre Gäste an Klapptischen, die mit Damast, silbernen Kerzenständern, Kristallgläsern und einem Wedgwood Service gedeckt waren.

Das alles diente keineswegs nur ihrer Bequemlichkeit. Die Mächtigen der Wüste kannten nur Freund oder Feind, eine Frau wie Bell konnten sie nicht einschätzen. Sie sprach fließend Arabisch und brauchte nie einen Dolmetscher, war mit den Sitten des Landes vertraut. Eine große Karawane wie die ihre beeindruckte die Männer, denn sie signalisierte Bedeutung und Wohlstand. Bell trat auf wie eine Königin der Wüste. So wurde sie auch bald genannt: Khatun. Man ging besser vorsichtig mit ihr um, möglicherweise war sie eine mächtige Verbündete.

Sie stellte sich als Frau niemals dümmer als sie war, und kleidete sich immer elegant. Ihren Status als Engländerin nutzte sie strategisch. Einerseits weigerte sie sich, Zelte oder Häuser durch den Eingang der Frauen zu betreten, andererseits hatte sie Zugang zu den Frauengemächern, wo sie auch Klatsch und Informationen hörte, die die arabischen Männer niemals erzählt und europäische Männer niemals gehört hätten. Sie verschleierte sich grundsätzlich nicht, was mitunter zu Schwierigkeiten führte. 1920 schrieb sie aus Bagdad an ihre Mutter: »Bis vor Kurzem waren wir völlig von [den Schiiten] abgeschnitten, denn ihre Glaubenssätze verbieten es, eine unverschleierte Frau anzusehen, und meine Glaubenssätze erlauben es nicht, mich zu verschleiern ... Auch der Versuch, über die Frauen Freundschaft zu schließen, misslingt – wenn sie mich sehen dürften, würden sie sich vor mir verschleiern, als sei ich ein Mann. Wie Du siehst, bin ich für das eine Geschlecht zu weiblich und das andere zu männlich.«

Sie bestand darauf, von den Männern als Ebenbürtige behandelt zu werden, die meisten Araber lösten dieses Dilemma, indem sie Bell zum »Mann ehrenhalber« ernannten. Sie selbst erwähnt selten, dass sie sich als Frau in einer Gesellschaft bewegt, in der Frauen nahezu unsichtbar waren.

Als Frau fiel es ihr auch leichter, als arglose Archäologin aufzutreten, der Politik völlig egal war. Doch schon der Bericht ihrer ersten Expedition zeugt nicht nur von einem umfassenden und fundierten Wissen der Archäologie, Geographie und Geschichte des Nahen Ostens, sondern auch seiner politischen Spannungen und Allianzen. Der plaudernde Ton lässt ihre Texte weniger fundiert erscheinen, als sie es tatsächlich sind, denn ihr Beitrag zur Archäologie des Nahen Ostens ist beträchtlich. Dazu gehört auch, dass sie mit zwei mitgeführten Plattenkameras 7.000 Fotographien machte, die heute als Quelle bedeutsam sind, weil sie den damaligen Erhaltungszustand antiker Stätten dokumentieren.

1909 bereiste sie Mesopotamien (den späteren Irak), 1911 erneut Syrien. Die forderndste Expedition führte 1913/14 auf Kamelen in das sagenumwobene, gefürchtete Ha’il (im heutigen Saudi-Arabien). Zwanzig Jahre lang war kein Europäer mehr dort gewesen, nicht alle früheren Reisenden waren lebend zurückgekehrt. Die 2.500 Kilometer-Strecke durch die Wüste war so gefährlich, dass weder die Osmanen noch die Engländer bereit waren, sie zu schützen. Sie beschloss, auf eigene Gefahr zu reisen, entging dem Tod mehrmals nur knapp und kam auch an die Grenzen ihres Frauseins: »Es ist mühsam, Frau zu sein, wenn man in Arabien ist.« Diese tollkühne Expedition dauerte sechs Monate und war unter Archäologen und Ethnologen bald legendär.

Als sie im Mai 1914 körperlich völlig erschöpft nach England zurückkehrte, brachte sie kostbare Informationen über die Machtverhältnisse in Arabien mit. Dieses Wissen sowie ihre genaue Kenntnis der Clanstrukturen, die sie in den zehn Jahren ihres Reisens zusammengetragen hatte, sollten in den folgenden Jahren den gesamten Nahen Osten prägen.

Auf dieser Reise hatte sie neben dem normalen Journal ein Tagebuch für Richard Doughty-Wylie geführt. Sie war dem britischen Konsul und seiner Frau 1907 in Konya begegnet, doch erst 1912, bei einer erneuten Begegnung, verliebten sie sich ineinander. Sie wechselten leidenschaftliche Briefe, aber mit Rücksicht auf seine Karriere konnte oder wollte er sich nicht scheiden lassen.

Nach vier gemeinsam verbrachten Tagen Ende 1914 schrieb sie ihm: »Ich kann nicht schlafen, ich kann nicht schlafen. Es ist ein Uhr am Sonntagmorgen. Ich habe versucht zu schlafen, mit jeder Nacht wird es unmöglicher. Du, Du, Du stehst zwischen mir und jeder Ruhe; aber fern von Deinen Armen gibt es keine Ruhe. Du nennst mich Leben, Du nennst mich Feuer. Ich entflamme, und ich werde verzehrt.« Auch diese Liebe endete unglücklich. Doughty-Wylie fiel im April 1915 bei der Schlacht von Gallipoli. Bell war 46 Jahre alt. So weit bekannt, hatte sie weder mit ihm noch einem anderen Mann jemals eine sexuelle Beziehung.

Das Osmanische Reich war im Ersten Weltkrieg ein Verbündeter des Deutschen Kaiserreichs und somit ebenfalls Kriegsgegner Großbritanniens und Frankreichs. Diese beiden Staaten hatten starke Interessen in der Gegend, die Engländer wollten neben Syrien auch Mesopotamien – den späteren Irak – kontrollieren, um den Weg nach Indien frei zu halten und den Zugriff auf das persische Öl zu sichern, dessen künftige Bedeutung sie klarer einschätzten als die Franzosen. Es stellten sich zwei Fragen: War es möglich, die deutschen und türkischen Truppen in einen Aufstand der Araber gegen Konstantinopel zu verwickeln und so zu schwächen? Und was würde mit Arabien geschehen, falls das Osmanische Reich zusammenbrach?

England begann 1915 die Möglichkeiten eines arabischen Aufstands zu sondieren und aktiv zu unterstützen. Es dämmerte den Zuständigen schon bald, dass sie Bell als Beraterin brauchten, um die Araber gegen das Osmanische Reich zu einigen. Sie kannte alle wichtigen arabischen Stammesfürsten persönlich, stand mit allen gut. Sie hatte die entlegensten Wüstenregionen bereist, einige der Landkarten stammten von ihr.

1915 wurde sie im Rang eines Majors nach Kairo geschickt, der erste weibliche Offizier im britischen Nachrichtendienst. Dort begann ihre Zusammenarbeit mit dem zwanzig Jahre jüngeren T. E. Lawrence, der zu Lebzeiten als Lawrence of Arabia zum Mythos werden sollte. Als sie sich 1911 bei Grabungen im Süden der Türkei kennenlernten, war Bell schon berühmt; ihr erstes Urteil über ihn lautete: »Ein interessanter Junge. Wird ein Reisender.« Beide waren 1,65 m groß, formidable Reiter, Wüstenfanatiker, die Paradiesvögel unter den Briten in Kairo. Sie wurden Freunde.

Lawrence war Verbindungsmann zu den Aufständischen und entwickelte mit ihnen Taktiken des Angriffs, Bells Aufgabe war es, die einflussreichen Personen des Nahen Ostens dazu zu bewegen, sich dem Aufstand anzuschließen. Eine Frau in ihren Reihen schätzten die Militärs nicht, einer schrieb, offenbar kurz vor dem Herzinfarkt: »Zur Hölle mit dieser aufgeblasenen dummen Quasselstrippe, dieser eingebildeten, überschwänglichen, flachbusigen, mannweibischen, herumzigeunernden, hinternwackelnden, Blödsinn blökenden Ziege.« Aber sie lernten, sie zu respektieren, denn »Miss Gertrude Bell weiß über die Araber und Arabien mehr, als praktisch jeder andere lebende Engländer oder auch Engländerin.«

1917/18 siegte die arabische Rebellion dank massiver britischer Unterstützung; im Herbst 1918 gingen England und Frankreich daran, das osmanische Herrschaftsgebiet unter sich aufzuteilen. Die regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen waren zu stark, um die Bildung neuer Kolonien in Betracht ziehen zu können, es mussten andere Lösungen gefunden werden, die den Einfluss von Frankreich und England nicht gefährdeten.

Im Rahmen dieser Umwälzungen zog Bell 1917 nach Bagdad, ihre Lieblingsstadt; hier lebte sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem eigenen Haus, legte einen Garten an, umgab sich mit Tieren. Sie beriet die englische Regierung bei der Gründung des Iraks, verhandelte mit den Stammesfürsten, empfahl mögliche Regierungsmitglieder, baute Faisal zum irakischen König auf. Und sie skizzierte den Grenzverlauf des neuen Staates. Winston Churchill, damals Kolonialminister, berief 1920 in Kairo eine Konferenz ein, bei der England diese und weitere Details des künftigen irakischen Staatsgebildes festlegte. Bell war auch hier wieder die einzige Frau, ein berühmtes Foto zeigt die Konferenz-Teilnehmer auf Kamelen vor der Sphinx, Bell zwischen Churchill und Lawrence.

Mit dem Abstand von einem Jahrhundert fallen in Bells Büchern, Briefen und Journalen zwei Dinge auf: Ihr idealisiert-romantisches Bild vom Beduinen als edlem Wüstenkrieger, und ihre Überzeugung, dass Englands Regierungsform allen anderen weit überlegen und somit für alle Völker dieser Erde erstrebenswert sei. Bell und Lawrence teilten diese Ansichten, sie wollten eine arabische Unabhängigkeit bei unbedingter Sicherung der englischen Hegemonie. Weil die Briten die kurdische Provinz Mossul als Puffer gegen die Türkei und Russland brauchten, zwangen die Beschlüsse von Kairo die ehemaligen osmanischen Provinzen Bagdad, Mossul und Basra und die dort lebenden, seit Jahrhunderten verfeindeten Schiiten, Sunniten und Kurden in einen Staat. Nicht nur der Nahe Osten leidet bis heute unter den Folgen dieser unheilvollen Entscheidung.

Als die Staatsgründung vollbracht war, kehrte Gertrude Bell zur Archäologie zurück: Sie wollte, dass die Zeugnisse der jahrtausendealten mesopotamischen Zivilisation im Land blieben. Darum gründete sie das Irakische Nationalmuseum (damals das Archäologische Museum Bagdad) und entwarf ein Antikengesetz, das die Ausfuhr von Grabungsfunden streng kontrollierte. Das Museum wurde im Juni 1926, wenige Wochen vor Bells Tod, eröffnet.

Die Bagdader Jahre waren hektisch. Sie lebte so rastlos, wie sie es immer getan hatte, arbeitete zu viel, magerte ab, das Klima machte sie krank. Bell war in Bagdad eine geachtete, ja verehrte Persönlichkeit, jetzt aber empfand sie das Leben als einzige Frau unter Männern als sehr fordernd. Deprimiert schrieb sie an ihren Vater: »Es ist zu einsam, mein Leben hier, ich kann nicht weiterhin immer allein sein. Vor allem die Nachmittage, nach dem Tee, lasten schwer auf mir.« Nach der Staatsgründung spürte sie, dass sie entbehrlich wurde. Es gab keine neuen Ziele, und eine Umsiedlung nach England kam nicht in Frage. Sie wusste, dass die Londoner Gesellschaft sie trotz ihrer großen Verdienste nicht respektierte – für sie war und blieb Gertrude Bell eine Außenseiterin, genauer: eine exzentrische alte Jungfer.

Es kamen weitere Schläge: sie hatte mehrmals schwere Lungenentzündungen, das Bell-Vermögen war aufgrund der Wirtschaftssituation so geschrumpft, dass sie sich Sorgen um die Finanzierung ihres Alters machen musste, ihr jüngster Bruder starb an Typhus.

Am 12. Juli 1926, zwei Tage vor ihrem 58. Geburtstag, fand ihr Dienstmädchen sie morgens tot im Bett. Sie starb an einer Schlafmittelvergiftung. Die irakische Regierung ordnete ein Staatsbegräbnis an, in einem langen Trauerzug folgten hohe Vertreter Großbritanniens und des Iraks ihrem Sarg, der mit den Flaggen beider Staaten bedeckt war. Sie wurde auf Bagdads britischem Friedhof beigesetzt.

Im Archäologischen Museum Bagdad gab es eine Bronzebüste von Gertrude Bell, die seit der Plünderung des Museums im Jahre 2003 verschwunden ist, eine Plakette würdigte auf Arabisch und Englisch ihre Verdienste. Der Text beginnt mit den Worten:

GERTRUDE BELL

Derer die Araber immer mit Achtung und Zuneigung

gedenken werden

Schuf dieses Museum 1923.

Die übrige Welt, auch England, vergaß sie schnell. T. E. Lawrence wurde noch zu Lebzeiten in mehreren Biographien heroisiert, was er selbst übrigens strikt ablehnte, und 1962 durch den mit sieben Oscars ausgezeichneten Spielfilm Lawrence of Arabia endgültig weltberühmt. Ein Spielfilm über Gertrude Bell kam erst 2015. Er dreht sich nicht, wie eine Filmbesprechung in der Wochenzeitung DIE ZEIT kritisierte, um »Bells außergewöhnliche Rolle als Wissenschaftlerin, Ethnologin, Pionierin, Geheimdienstmitarbeiterin und schließlich als Politikerin auf Augenhöhe mit Winston Churchill«, sondern vor allem um ihre tragisch gescheiterten Liebesbeziehungen.

Gertrude Bell war aus dem Stoff, aus dem man im Europa des 19. Jahrhunderts Abenteurer und Forscher machte. Aber sie war eben auch eine Frau. Manche Menschen macht das bis heute ratlos.

Ebba D. Drolshagen

Literatur

Howell, Georgina, Queen of the Desert. The Extraordinary Life of Gertrude Bell. London 2006.

Lukitz, Liora, A Quest in the Middle East. Gertrude Bell and the Making of the Modern Iraq. London 2006.

»Gertrude Bell«. In: Wikipedia. (Abgerufen: Mai 2015) http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gertrude_Bell&oldid=140820631

Queen of the Desert (2015) Spielfilm von Werner Herzog.

Der liebste Freund ist ihm die unbekannte Ferne,

wo über ihm die Mutter aller Sternmyriaden reist

dort reist auch er.

Taabata Sharran

Für A. C. L.

DER DAS HERZ DES OSTENS KENNT

VORWORT

Wer es wagt, der bereits umfangreichen Reiseliteratur einen weiteren Band hinzuzufügen, muss, so er nicht Wissenschaftler oder Politiker ist, dafür eine Entschuldigung haben. Meine Entschuldigung habe ich formuliert, sie ist ausführlich und, wie ich hoffe, auch überzeugend. Ich wollte weniger von einer Reise berichten, als von den Menschen, denen ich begegnet bin und die mich auf meinem Weg begleitet haben, ich wollte zeigen, in welcher Welt sie leben und wie sie sie sehen. Ich lasse sie, wenn immer möglich, besser selbst sprechen, deshalb habe ich ihre Geschichten mit dem Verlauf meiner Wege verknüpft. Ich gebe wieder, was die Schafhirten und Soldaten mir erzählten, um die gemeinsamen Wegstunden zu verkürzen, Gespräche, die am Lagerfeuer, in den schwarzen Zelten der Araber und den Besuchszimmern der Drusen geführt wurden, und nicht zuletzt auch die etwas vorsichtigeren Äußerungen, die türkische und syrische Beamte machten. Ihre Staatskunst besteht darin, durchaus scharfsinnig darüber zu spekulieren, was aus einem Zusammenprall unbekannter Kräfte entstehen könnte, deren Stärke und Absichten sie nur vage erahnen. Sie schöpfen ihr Wissen aus anderen Informationsquellen und messen mit anderen Maßstäben als wir es tun, sie nähern sich einem Problem, das sich ihnen stellt, mit anderen Erfahrungen als wir.

Der Orientale ist wie ein sehr altes Kind. Viele Wissenszweige, die uns grundlegend und unverzichtbar scheinen, sind ihm unbekannt; von wenigen Ausnahmen abgesehen, scheint es ihm unnötig, dieses Wissen zu erwerben, und der praktische Nutzen einer Handlung ist selten Teil seiner Erwägungen. In unserem Sinn des Wortes ist er nicht praktischer als ein Kind. Andererseits handelt er immer und bei allem nach Verhaltens- und Moralgesetzen, die an den Anfang der Zivilisation zurückgehen. Diese Traditionen sind unverändert, weil auch die Lebensweise, zu der sie gehören und aus der sie entstanden, noch keine wichtigen Veränderungen erlebt hat. Davon abgesehen, ist er wie wir: die menschliche Natur erfährt östlich des Suez keine grundlegende Wandlung, Freundschaft und Seelenverwandtschaft mit Menschen aus diesen Gegenden sind keineswegs unmöglich; sie sind in mancherlei Hinsicht sogar einfacher als in Europa.

Man stellt nämlich fest, dass im Orient die Lebensformen nicht so stark durch künstliche Fesseln eingeengt sind; es herrscht eine größere Toleranz, weil es eine größere Vielfalt gibt. Die Gesellschaft ist durch Kasten, Sekten und Stämme in zahllose Gruppen aufgeteilt, und jede folgt ihrem eigenen Gesetz. Die Regeln mögen uns sonderbar erscheinen, für einen Orientalen sind sie die schlüssige und befriedigende Erklärung für jede Eigentümlichkeit. Ein Mann kann sich, so er will, in der Öffentlichkeit bis zu den Augen verhüllen oder bis auf einen Lendenschurz entkleiden: Niemand wird das kommentieren. Warum auch? Folgt er doch, wie alle, nur seinem Gesetz. Daher kann ein Europäer die entlegensten Gegenden kreuz und quer bereisen, ohne dass man ihm besondere Neugier oder gar Kritik entgegen bringt. Man wird dem Neuen mit Interesse lauschen, man wird seinen Ansichten aufmerksam folgen, aber keiner wird ihn für merkwürdig oder verrückt halten oder auch nur seine Ansichten abtun, weil er andere Gewohnheiten und Denkweisen pflegt als jene, mit denen er gerade zusammen ist. Adat-hu: So ist es bei ihm Brauch.

Ein Europäer ist daher gut beraten, sich bei den Orientalen nicht einschmeicheln zu wollen, indem er ihre Sitten nachäfft, es sei denn, er beherrscht sie so gut, dass er als einer der Ihren gelten kann. Er soll die Gesetze der anderen achten, sich selbst aber strikt an die seinen halten, das sichert ihm die größte Achtung. Für eine Frau ist das die erste und die wichtigste Regel, denn eine Frau kann sich niemals wirklich verbergen. Wenn man weiß, dass sie einem bedeutenden und geachteten Haus entstammt, das zudem einen untadeligen Ruf genießt, ist ihr höchstes Ansehen sicher.

Keines der Länder, die ich bereist habe, ist für Reisende jungfräuliches Terrain, einige Gegenden wurden allerdings noch nicht oft besucht, sie sind nur in kostspieligen und schwer erhältlichen Werken beschrieben. Solche Orte habe ich kurz dargestellt. In den nordsyrischen Städten habe ich auch jene antiken Ruinen beschrieben, die auch dem flüchtigen Betrachter ins Auge fallen. In Syrien und am Rand der Wüste steht viel Forschungsarbeit aus, dort gibt es noch viele schwierige Probleme zu lösen. De Vogüé, Wetzstein, Brünnow, Sachau, Dussaud, Puchstein und Kollegen, die Teilnehmer der Princeton Expedition sowie andere haben einen guten Anfang gemacht. Wer erfahren möchte, wie unermesslich reich dieses Land an antiken Baudenkmälern und Schriftzeugnissen einer weit zurückliegenden Epoche ist, sei auf deren Werke verwiesen.

Meine Reise endete nicht, wie dieser Bericht, in Alexandretta, aber in Kleinasien widmete ich mich im Wesentlichen der Archäologie. Die Ergebnisse meiner dortigen Arbeit konnten, dank des freundlichen Entgegenkommens ihres Herausgebers Monsieur Salomon Reinach, als Essayreihe in der »Revue Archéologique« erscheinen, wohin sie viel besser passen als in dieses Buch.

Ich kenne weder die Menschen noch die Sprache Kleinasiens gut genug, um diesem Kontinent wirklich nahe zu kommen, möchte aber, trotz der recht flüchtigen Bekanntschaft, dem türkischen Bauern meine Hochachtung ausdrücken. Er ist mit vielen Tugenden gesegnet und nennt viele gute Eigenschaften sein Eigen, seine Gastfreundschaft übertrifft alle diese Eigenschaften noch.

Ich habe mich auch bei weniger bedeutenden Personen sehr bemüht, sie mit ihrem tatsächlichen politischen Rang in Verbindung zu bringen. Im direkten Umgang erscheinen sie oft gar nicht unwichtig, und ich war immer dankbar, wenn mir jemand einen Hinweis darauf gab, welcher Art ihre Beziehungen untereinander waren. Es liegt nicht in meinem Interesse, die Herrschaft der Türken zu rechtfertigen oder zu verdammen. Ich habe lange genug in Syrien gelebt, um zu wissen, dass diese Regierung alles andere als eine ideale Verwaltung ist; ich habe aber auch gesehen, wie viele Unruhe stiftende Elemente sie in Schach hält, und kann ermessen, wie schwierig die Aufgabe ihrer Beamten ist. Ich glaube nicht, dass es eine Regierung gibt, die alle zufrieden stellen könnte; dieses erstrebenswerte Ziel wird selbst in weniger zersplitterten Ländern kaum je erreicht.

Als Engländerin bin ich überzeugt, dass unsere Regierung Syrien unter seine Obhut hätte nehmen sollen, unsere Aussichten auf Erfolg wären größer gewesen als die eines nur halbwegs vernünftigen Sultans. Wir haben schon lange akzeptiert, dass uns diese Aufgabe nicht übertragen werden wird, doch bedauerlicherweise haben wir mehr als das getan: Wir haben uns damit abgefunden, dass im ganzen türkischen Herrschaftsgebiet unser ehemals großer Ruf leidet und schwindet. Wir wollten nicht die Verantwortung für ein offizielles Eingreifen übernehmen, aber wir haben die unverantwortlichen, heftig vorgetragenen Proteste zugelassen, die nur auf Gefühl basieren und die ich mich nicht scheue, ignorant zu nennen. Daher macht unser Umgang mit den Türken den Eindruck von Unentschlossenheit, worin diese verständlicherweise Hinterlist vermuten, der sie mit Feindseligkeit begegnen. Ich bin der Ansicht, dass solche Gefühle, gepaart mit einer tief sitzenden Furcht vor einem großen Asiatischen Reich, das auch Ägypten und die Meere beherrscht, die Hohe Pforte veranlasst haben, sich bei der ersten Gelegenheit offen gegen britische Forderungen zu stellen. Ob das an einer schlichten Fehleinschätzung lag, welchen gravierenden Stimmungswechsel das nach sich ziehen würde, oder ob das in der Hoffnung auf Unterstützung aus dem Ausland geschah, ist unerheblich. Das Ergebnis jedenfalls ist beklagenswert, und wenn ich die Lage richtig einschätze, liegt das alles nur daran, dass England in Konstantinopel über keinen Einfluss mehr verfügt. Die bedeutende Stellung, die wir innehatten, nimmt nun ein anderer ein, dabei sollten wir doch in der Lage sind, die uneindeutige Politik des Yildiz Kiosk zu lenken. Die größte mohammedanische Macht kann es sich nicht leisten, dass ihre Beziehungen zum Khalif des Islams so inkonsequent und so wenig entschlossen geregelt werden, und wenn uns die Unbeugsamkeit des Sultans im Tabah-Konflikt vor Augen führen würde, wie weit uns die Zügel bereits entglitten sind, hätte der Konflikt seinen Sinn erfüllt. Unsere Position am Mittelmeer, das Wohlwollen, mit dem man uns, wie ich glaube, auf türkischem Herrschaftsgebiet begegnet und die Erinnerung an eine sehr lange Freundschaft sollten es uns aber möglich machen, den einmal verlorenen Platz wiederzuerlangen.

Fragen wie diese sprengen aber den Rahmen des vorliegenden Buches. Und so schließt meine apologia mit den Worten, mit denen jeder orientalische Schriftsteller sie begonnen hätte: »Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Gütigen!«

Mount Grace Priory

North Yorkshire, England

I
VON JERUSALEM NACH SALT

Wer in einem komplizierten sozialen Gefüge aufgewachsen ist, erlebt selten einen Moment solch überschwänglicher Freude wie am Beginn einer kühnen Reise. Die Pforte des ummauerten Gartens springt auf, die Kette am Eingang zum geschützten Raum wird heruntergelassen, unsicher blickt man nach rechts und links, wagt den Schritt über die Schwelle und da ist sie: die unermessliche Welt. Eine Welt des Abenteuers und der Wagnisse, verdunkelt von tobenden Stürmen, gleißend in grellem Sonnenlicht, in jeder Senke eines jeden Berges lauern offene Fragen und nicht zu stillende Zweifel. In diese Welt musst du allein eintreten, ohne die Freunde, die in Rosengärten wandeln, du musst den Purpur und das feine Leinen ablegen, die den Arm beim Kampf behindern, du bist ohne Dach, ohne Schutz, ohne Besitztümer. Statt der Stimme des klugen Beraters spricht die Stimme des Windes; das Peitschen des Regens und das Beißen des Frostes werden dir ein schärferer Ansporn sein als Lob und Tadel, die Erfordernisse des Augenblicks sprechen mit einer Autorität, die allen wohlfeilen Weisheiten fehlt, die der Mensch nach Gutdünken annimmt oder verwirft. So also verlässt du die Abgeschiedenheit und kaum hast du den Pfad betreten, der das Rund der Erde umläuft, spürst du, wie der Held im Märchen, die Eisenringe zerspringen, die um dein Herz geschmiedet waren.

Der 5. Februar begann stürmisch. Der Westwind fegte vom Mittelmeer herein, raste über die Ebene, wo die Kanaaniter die widerspenstigen Bergbewohner Judäas bekriegt hatten, übersprang die Hürde des Gebirges, das die Könige von Assyrien und von Ägypten nicht überwinden konnten. Jerusalem rief er die Kunde vom kommenden Regen zu, raste an den unfruchtbaren Osthängen hinab, übersprang leichtfüßig das tiefe Bett des Jordans, und verschwand über den Hügeln von Moab in die Wüste. Die Meute der Stürme jagte ihm nach, ein kläffendes Rudel, übermütig ostwärts drängend.

Niemand, in dem das Leben pulsierte, konnte an einem solchen Tag im Hause bleiben, ich aber hatte gar keine Wahl. In der grauen Winterdämmerung waren die Maultiere losgezogen, auf ihrem Rücken trugen sie meine gesamte weltliche Habe – zwei Zelte, eine Feldküche und Vorräte für einen Monat, fotographische Utensilien, einige Bücher und vor allem einen Satz guter Landkarten, das alles war von so geringem Luxus, dass selbst der genügsamste Reisende kaum weniger haben dürfte. Die Maultiere und die drei Maultiertreiber hatte ich aus Beirut mitgebracht, sie waren mir lieb genug, um sie auf die weitere Reise mitzunehmen. Die Männer stammten aus dem Libanon. Zwei, Vater und Sohn, beide Christen, kamen aus einem Dorf oberhalb von Beirut. Der Vater war ein alter, zahnloser Mann, er saß rittlings über den Maultierkisten, murmelte unablässig vor sich hin, Segnungen und fromme Sprüche, dazu Beteuerungen der Ergebenheit gegen seine gnädigste Frau Auftraggeber, womit seine Anstrengungen, zum Wohle aller beizutragen, erschöpft waren. Der Greis hieß Ibrahim, sein Sohn Habib war ein junger Mann, zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt, dunkel, aufrecht und breitschultrig, mit einem Profil, um das ihn jeder Grieche beneidet hätte, und einem furchtlosen Blick unter schwarzen Brauen. Der Dritte war Druse, ein großer, schlaksiger Mann, unverbesserlich träge, auf seine bescheidene Weise ein Spitzbube, der es allerdings verstand, meinen gerechten Zorn über gestohlenen Zucker und fehlende Piaster mit einem flehenden Blick zu entwaffnen, die Augen weit geöffnet und glänzend wie Hundeaugen. Er war gierig und recht stumpfsinnig, Fehler, die bei einer Ernährung aus trockenem Brot, Reis und ranziger Butter vermutlich kaum vermeidbar sind; als ich ihn zwischen seine Erzfeinde steckte, verrichtete er lustlos seine Arbeit, trottete hinter seinem Maultier und seinem Esel her, und wirkte dabei genau so unbeteiligt und abwesend wie schon in den Straßen von Beirut. Sein Name war Muhammed. Der letzte Mann der Karawane war Mikhail, der Koch, ein Christ aus Jerusalem, dem seine Religion nicht sehr schwer auf der Seele lag. Er war mit Mr. Mark Sykes gereist, der ihm folgende Beurteilung gegeben hatte: »Er versteht wenig vom Kochen, es sei denn, er hat dazugelernt, seit er zu mir kam, aber es scheint ihn niemals einen Deut zu interessieren, ob er lebt oder getötet wird.« Als ich Mikhail das übersetzte, überfiel ihn ein kaum unterdrückter Lachanfall, ich engagierte ihn auf der Stelle. Das war ein recht unzulänglicher Grund, aber nicht schlechter als die meisten anderen. Im Rahmen seiner Fähigkeiten diente er mir gut, er war ein kleiner Mann, empfindlich und stolz, immer bereit, einer möglichen Beleidigung zuvor zu kommen, mit einer großen Vorstellungsgabe, die sich in den drei Monaten unserer Bekanntschaft nie erschöpfte. Seine Anstellung bei Mr. Sykes endete, nachdem sie auf dem Vansee zusammen in Seenot geraten waren. In den Jahren seither hatte Mikhail manches andere gelernt, er machte sich aber leider nie die Mühe, mir die Geschichte dieses Abenteuers zu erzählen, als ich einmal darauf anspielte, nickte er allerdings und sagte: »Wir waren dem Tod so nah wie der Bettler der Armut. Aber wie Eure Exzellenz wissen, kann man nur einmal sterben«, während er mich andererseits ständig mit Berichten über Touristen bombardierte, die erklärt hatten, dass sie ohne seine Kochkünste Syrien weder bereisen konnten noch wollten. Er hatte eine unheilvolle Schwäche für Arak, und nachdem ich von Schmeicheleien bis zur Jagdpeitsche alles versucht hatte, um das zu unterbinden, trennte ich mich an der kilikischen Küste abrupt von ihm, durchaus mit einem Bedauern, das nicht seinen zähen Ragouts und kalten Pfannkuchen galt.

Ich wollte die verlassene Straße nach Jericho unbedingt allein entlang reiten, wie ich es früher getan hatte, wenn ich in die Wüste aufbrach. Aber Mikhail meinte, das sei mit meiner Würde unvereinbar, und ich wusste, dass selbst sein ständiges Plappern der Straße ihre Einsamkeit nicht würde nehmen können. Um neun Uhr saßen wir im Sattel, umrundeten ernst Jerusalems Mauern, ritten in das Tal von Getsemani hinunter, am Garten Getsemani vorbei und zum Ölberg hinauf. Hier rastete ich, um auf die befestigte Stadt zu schauen, keine Vertrautheit kann den Glanz dieses Anblicks schmälern. Sie lag unter einem tiefen Himmel, grau in grauer und steiniger Landschaft, doch von der Hoffnung und dem unstillbaren Sehnen vieler Pilgergenerationen erleuchtet. Das menschliche Streben, das blinde Tasten des gefesselten Geistes nach einem Ort, wo alle Bedürfnisse gestillt werden, wo die Seele Frieden findet – das ist es, was diese Stadt wie ein Heiligenschein umgibt; und dieser Heiligenschein ist teils brillant, teils erbärmlich, von Tränen glänzend und von vielen Enttäuschungen matt. Der Westwind drehte mein Pferd, schicke es im Galopp über den Kamm des Berges, zur Straße hinunter, die sich durch Judäas Wildnis schlängelt.

Am Fuße des ersten Abstiegs liegt eine Quelle, die Araber nennen sie Ain esh Shems, Sonnenbrunnen, die Christen haben sie Apostelbrunnen getauft. Wer im Winter dort vorbeikommt, wird fast immer russische Bauern sehen, die auf ihrem beschwerlichen Weg den Jordan hinauf hier rasten. Jahr für Jahr strömen sie zu Zehntausenden ins Heilige Land, überwiegend alte Männer und Frauen, die ein Leben lang geknausert und gespart haben, bis sie etwa dreißig englische Pfund zusammen hatten, die sie nach Jerusalem führen würden. Von den entlegensten Ecken des russischen Reiches gehen sie zu Fuß an das Schwarze Meer und reisen von dort als Deckpassagiere auf schmutzigen russischen Kähnen. Ich bin mit 300 von ihnen von Smyrna nach Jaffa gereist und war der einzige Passagier mit Kabine. Es war mitten im Winter, stürmisch und kalt für alle, die an Deck schliefen, auch wenn sie Schaffellmäntel und gefütterte Stulpenstiefel trugen. Aus Gründen der Sparsamkeit hatten meine Mitreisenden ihren Proviant mitgebracht, einen Laib Brot, ein paar Oliven, eine rohe Zwiebel, daraus bestand ihr tägliches Mahl. Morgens und abends versammelten sie sich zum Gebet vor einer Ikone, die an der Kombüse hing, der Klang ihrer Litanei stieg, zusammen mit dem Stampfen der Schraube und dem Klatschen der Gischt, gen Himmel. Die Pilger erreichen Jerusalem vor Weihnachten und bleiben bis nach Ostern, um ihre Kerzen am heiligen Feuer entzünden zu können, das am Morgen der Auferstehung aus dem Heiligen Grab hervorbricht. Sie wandern zu Fuß an alle heiligen Stätten und übernachten in großen Herbergen, die die russische Regierung für sie erbaut hat. Viele sterben an Unterkühlung, Erschöpfung oder wegen des ungewohnten Klimas; aber in Palästina zu sterben, ist die größte Gnade, die der Himmlische Vater ihnen gewähren kann, denn dann ruhen ihre Gebeine friedlich im Heiligen Land und ihre Seele fliegt direkt ins Paradies. Man begegnet diesen sehr einfachen Reisenden auf jeder Landstraße, geduldig trotten sie unter brennender Sonne und eisigen Winterregen, bekleidet mit Pelzen aus ihrer Heimat, in der Hand einen Stab aus Rohr vom Jordanufer. Sie fügen dieser Landschaft, die so voll schwermütiger Poesie ist, einen grellen Klang von Pathos hinzu. Ich habe in Jerusalem eine Geschichte gehört, die das Wesen dieser Pilger besser beschreiben kann als seitenlange Schilderungen. Ein Einbrecher war auf frischer Tat ertappt und nach Sibirien geschickt worden, wo er viele Jahre Sträfling war. Als seine Zeit vorüber war, kehrte er geläutert zu seiner alten Mutter zurück und sie reisten zusammen ins Heilige Land, damit er für seine Sünden Buße tun konnte. Nun muss man wissen, dass sich zur Pilgerzeit das Gesindel aus Syrien in Jerusalem einfindet, um sie in ihrer Einfalt zu betrügen und zu Almosen zu nötigen. Einer dieser Vagabunden bettelte den russischen Büßer an, aber der hatte selbst nichts. Der Syrer, zornig über die Weigerung, schlug den andern zu Boden und verletzte ihn so schwer, dass er drei Monate im Spital bleiben musste. Als er genesen war, kam der russische Konsul zu ihm und sagte: »Wir haben den Kerl, der dich fast getötet hat; vor deiner Abreise musst du gegen ihn aussagen.« Aber der Pilger antwortete: »Nein, lasst ihn gehen. Auch ich bin ein Verbrecher.«

Hinter der Quelle war die Straße leer, und obwohl ich sie gut kannte, berührte mich ihre unglaubliche Trostlosigkeit auch dieses Mal wieder. Kein Leben, keine Blumen, die nackten Stängel der letztjährigen Disteln, die kahlen Berge, die steinige Straße. Und doch hat Judäas Wildnis den Feuereifer der Menschen geschürt. Von dort kamen grimmige Propheten, die einer Welt, die sie weder kannten noch verstanden, mit Untergang drohten; die Täler sind voll von Höhlen, in denen sie hausten; in einigen leben noch heute hungernde, abgemagerte Asketen, die an einer Art von Frömmigkeit festhalten, gegen die der gesunde Menschenverstand wenig auszurichten vermag. Vor Mittag erreichten wir die Karawanserei, auf halben Weg nach Jericho, der Legende nach ist dies der Ort, wo der Gute Samariter den Mann am Wegesrand fand. Ich ging hinein, um vor dem tobenden Wind geschützt zu essen. In der Gaststube saßen drei Deutsche, offenbar Handlungsreisende, schrieben Ansichtspostkarten und feilschten mit dem Herbergswirt um den Preis nachgemachter Beduinenmesser. Ich lauschte ihrem unsinnigen, vulgären Reden, es würde für viele Wochen das letzte Mal sein, dass ich eine europäische Sprache hörte, aber ich trauerte der Zivilisation nicht nach, die ich nun verließ. Östlich der Karawanserei fällt die Straße ab und überquert ein trockenes Flussbett, das Schauplatz vieler Tragödien war. Früher warteten dort, von der Uferböschung verborgen, Beduinen auf die vorüber ziehenden Pilger, um sie auszurauben und zu ermorden. Vor fünfzehn Jahren war die Straße von Jericho ebenso gesetzlos wie das Land jenseits des Jordans heute. In den letzten zehn Jahren hat sich der sichere Streifen um einige Meilen nach Osten erweitert. Endlich erreichten wir den Gipfel des letzten Hügels, vor uns lagen das Tal des Jordans und das Tote Meer, dahinter die dunstigen Moabiter Berge, das Grenzgebiet zur Wüste. Zu unseren Füßen lag Jericho, ein unromantisches Dorf mit baufälligen Hotels und Hütten, in denen die einzigen Araber hausen, die der Tourist je zu Gesicht bekommt, eine niedere Rasse, halb Araber, halb Negersklaven. Ich ließ mein Pferd bei den Maultiertreibern, die wir am Hang eingeholt hatten – »Möge es Gott gefallen, dass es Euch wohlergeht« – »Ehre sei Gott! Wenn es Eurer Exzellenz wohlergeht, sind wir zufrieden« – und ging den Hügel hinunter ins Dorf. Aber Jericho konnte an diesem ersten, wunderbaren Reisetag nicht unser Ziel sein. Ich wollte Touristen, Hotels und Ansichtskarten unbedingt hinter mir lassen. Zwei weitere Stunden und wir wären am Jordanufer, an der Holzbrücke, die vom Okzident hinüber führt in den Orient. Dort könnten wir an einem geschützten Platz lagern, an kleinen Lehmhügeln, in einem Dickicht aus Schilfrohr und Tamarisken. Ein kurzer Halt, um Futter für die Pferde und die Maulesel zu kaufen, dann ritten wir durch den schmalen Streifen Ackerland, der Jericho umgibt, in den Ghor, das Tal des Jordan.

Die Straße nach Jericho ist ausgesprochen karg, das Jordantal aber hat eine Unmenschlichkeit, die bösartig anmutet. Hätten die Propheten des Alten Testaments ihren Bannfluch so gegen das Jordantal geschleudert, wie sie Babylon oder Tyros verfluchten, es gäbe keinen besseren Beweis für ihre Prophezeiungen; aber sie schwiegen, und unsere Fantasie muss zu den flammenden Visionen von Sodom und Gomorra Zuflucht nehmen, zu den düsteren Legenden von Laster, die nicht nur durch unsere Kindheit spukten, sondern auch die Kindheit der semitischen Stämme heimsuchten. Auf diesem tiefsten Punkt der Erdoberfläche lastet eine schwere, stickige Atmosphäre, über uns stürmte der Wind in Gegenden, wo Menschen frische Luft atmeten, in diesem Tal aber war es so luft- und leblos wie am Grund des tiefen Meeres. Wir bahnten uns den Weg durch das niedrige Buschwerk des dornigen Sidrbaumes, der Christusdorn, dessen Zweige der Sage nach zur Dornenkrone geflochten wurden. Es gibt zwei Arten des Sidrbaums, die Araber nennen sie zakum und dom. Aus dem zakum gewinnen sie ein Heilöl, der dom trägt eine kleine, dem Holzapfel ähnliche Frucht, die zu einem einladenden Rotbraun reift. Sie ist die Frucht des Toten Meeres par excellence, sie ist schön anzusehen und hinterlässt auf den Lippen einen Geschmack sandiger Bitterkeit. Die Sidrs wurden weniger, bis sie schließlich ganz verschwanden, dann war vor uns nur noch eine ausgetrocknete Lehmfläche, auf der nichts Grünes mehr wuchs. Sie ist von gelber Farbe und hat giftig grau-weiße Salzflecken: das Auge begreift augenblicklich, fast unbewusst, ihre Lebensfeindlichkeit. Als wir dort entlang ritten, gerieten wir in einen schweren Regenguss. Die Maultiertreiber blickten ernst, selbst Mikhails Gesicht wurde lang, denn vor uns lagen die Erdharzgruben der Genesis, die Pferde und Maulesel nur bei absoluter Trockenheit durchqueren können. Der Regen war nach wenigen Minuten vorbei, doch das hatte genügt. Plötzlich hatte der harte Lehm die Konsistenz von Butter, die Pferde sanken bis zum Fesselgelenk ein, mein Hund Kurt wimmerte, wenn er die Pfoten aus dem gelben Leim zog. Dann kamen wir zu den Harzgruben, dem befremdlichsten Merkmal dieser unheimlichen Landschaft. Eine Viertelmeile westlich des Jordans – auf der Ostseite des Flusses ist dieser Streifen erheblich schmaler – löst sich die flache Ebene plötzlich in eine Reihe steiler, durch schmale Rinnsalen getrennte, Schlammbänke auf. Sie sind nicht hoch, dreißig, höchstens vierzig Fuß, aber die Kämme sind so scharf und die Seiten so steil, dass der Reisende beim Weg über sie hinweg und um sie herum äußerste Vorsicht walten lassen muss. Durch den Regen waren die Seiten glatt wie Glas, selbst zu Fuß war man ständig in Gefahr zu straucheln. Mein Pferd stürzte, als ich es führte; zum Glück geschah das zwischen zwei Hügeln, es konnte sich unter den erstaunlichsten Verrenkungen wieder aufrichten. Als ich meine Karawane aus den Harzgruben herauskommen sah, entfuhr mir ein rasches Dankgebet; hätte es weiter geregnet, wären wir stundenlang gefangen gewesen, denn wenn ein Reiter in eine dieser schlammigen Gruben hineinfällt, muss er dort warten, bis das Loch wieder trocken ist.

Am Flussufer war Leben. Der Boden war mit frischem Gras und gelben Tausendschön bedeckt, das rostfarbene Kleid der Tamariskensträucher ließ erste Anzeichen von Frühling erkennen. Ich trabte zu der großen Brücke mit dem seitlichen Gitterwerk und dem Balkendach, es ist das inspirierendste Bauwerk der Welt, denn es ist das Wüstentor. Und da lag auch der Platz, wie ich ihn in Erinnerung hatte, mit kurzem Gras bedeckt, von hohen Ufern geschützt und, dem Himmel sei Dank!, leer. Wir hatten uns wegen dieses Brückenkopfes Sorgen gemacht. Gerade zu jener Zeit zog die türkische Regierung alle verfügbaren Truppen zusammen, um den Aufstand im Jemen niederzuschlagen. Die südsyrischen Regimenter marschierten über diese Brücke in Richtung Amman, wo sie in Eisenbahnzüge verladen und mit der Hedschasbahn zur damaligen Endstation Maan bei Petra verfrachtet wurden. Von Maan aus mussten sie einen furchtbaren Marsch durch eine Sandwüste zurücklegen, bis zur Spitze des Golfes von Akabah. Hunderte von Männern und tausende Kamele starben, ehe sie dort ankamen, auf der ganzen Strecke (sagen die Araber) gibt es nur drei Brunnen, einer davon liegt etwa zwei Meilen abseits der Straße, wer das Land nicht kennt, wird ihn nicht finden.

Wir schlugen die Zelte auf, banden die Pferde an und entzündeten aus Tamarisken- und Weidenzweigen ein gewaltiges Freudenfeuer. Die Nacht war bewölkt und völlig still, in den Hügeln regnete es, bei uns nicht – die jährliche Niederschlagsmenge im Jordangraben beträgt wenige Zentimeter. Ganz allein waren wir allerdings doch nicht. Die türkische Regierung erhebt nämlich von allen, die die Brücke überqueren, eine kleine Gebühr, daher ist dort ein Wächter stationiert. Er lebt in einem Lehmhüttchen am Brückentor, ein oder zwei zerlumpte Araber aus dem Ghor teilen seine Einsamkeit. Einer war ein grauhaariger Neger, der Holz für unser Feuer sammelte und zum Dank den Abend mit uns verbringen durfte. Er war ein fröhlicher Geselle, dieser Mabuk, und tanzte vergnügt ums Lagerfeuer, ganz unbeschwert von der Tatsache, dass kein zweiter Mensch auf Gottes weiter Erde so missgestaltet sein konnte wie er. Er erzählte uns von den Soldaten, dass sie in Lumpen zur Brücke kamen, dass ihnen die Stiefel von den Füßen fielen, und das am ersten Tag des Marsches! Außerdem waren sie halb verhungert, diese armen Kerle. Am Morgen war ein Tabur (900 Mann) durchgekommen, wir hatten die Redifs, die türkische Miliz, gerade verpasst – für morgen wurden weitere erwartet. »Maschaallah!«, sagte Mikhail, »Eure Exzellenz sind vom Glück begünstigt. Erst entkommt ihr den Schlammgruben, dann den Redifs.« »Gott sei gepriesen«, murmelte Mabuk. Von diesem Tag an galt als ausgemacht, dass ich unter einem glücklichen Stern reiste. Von Mabuk hörten wir den ersten Wüstenklatsch. Unentwegt sprach er von Abdullah Ibn Rasheed, dem jungen Führer der Schammar, dem sein mächtiger Onkel als unbequemes Erbe Land in Zentralarabien hinterlassen hat. Zwei Jahre lang hatte ich nichts mehr aus Nejd gehört; wie stand es um Ibn Saud, dem Herrscher von Riyadh, Ibn Rasheeds Rivalen? Was war mit dem Krieg, den sie gegeneinander führten? Mabuk hatte viele Gerüchte gehört; Männer hatten gesagt, dass Ibn Rasheed in großer Not sei, vielleicht, wer weiß?, waren die Redifs auf dem Weg nach Nejd und nicht nach Jemen. Und hatten wir schon gehört, dass die Ajarmeh den Scheich der Sukhur ermordet hatten, und dass, sobald der Stamm von den Weiden im Osten zurückkehre … Es waren die uralten Geschichten von Blutrache und Kamelraub, das Raunen und Tuscheln der Wüste – ich hätte vor Freude weinen können, das alles wieder zu hören. An meinem Lagerfeuer herrschte an jenem Abend ein Babel arabischer Sprachen, Mikhail sprach die vulgäre, gänzlich würdelose Sprache Jerusalems, Habib, atemberaubend schnell, einen Dialekt des Libanons, Muhammed das gedehnte, langsame und monotone Beirutisch, und der Neger sprach etwas, das der virilen, schönen Sprache der Beduinen ähnelte. Auch die Männer staunten über die Unterschiede in ihrer Sprache, einmal wandten sie sich zu mir und fragten, welche die richtige sei. Ich konnte nur antworten, »Das weiß Gott allein!, denn Er ist allwissend!«, was mit Lachen quittiert wurde. Ich gestehe allerdings, dass ich mich dabei nicht ganz wohl fühlte.

Der nächste Tag begann windstill und grau. Grundsätzlich sollten zwischen meinem Aufwachen und dem Aufbruch der Maulesel anderthalb Stunden liegen, manchmal brachen wir zehn Minuten früher auf, manchmal, leider!, etwas später. Ich verbrachte die Zeit im Gespräch mit dem Brückenwächter, der aus Jerusalem stammte. Meinen mitfühlenden Ohren vertraute er seine Sorgen an, die üblen Tricks, mit denen die osmanische Regierung ihn zu betrügen pflege, und die furchtbare Last der Existenz in der Hitze des Sommers. Und der Lohn!, wenig mehr als nichts! Seine Einnahmen waren allerdings höher, als er einzuräumen bereit war, denn später entdeckte ich, dass er mir für jedes meiner sieben Tiere nicht zwei, sondern drei Piaster berechnet hatte. Es ist einfach, mit Orientalen im besten Einvernehmen zu sein, und wenn ihre Freundschaft einen Preis hat, ist er meist sehr niedrig. Also überschritten wir den Rubikon für drei Piaster pro Kopf und nahmen die nördliche Straße nach Salt. Die südliche führte nach Madeba in Moab, die mittlere nach Heshban, wo Sultan ibn Ali id Diab ul Adwan lebt, Scheich aller Belka-Araber und ein wahrer Schurke. Die Ostseite des Jordangrabens ist erheblich fruchtbarer als die Westseite. Von den schönen Hängen des Ajlun fließt genug Wasser, um die Ebene in einen Garten zu verwandeln, aber es gibt keine Wasserspeicher und die Araber der Adwan-Stämme begnügen sich damit, ein wenig Getreide anzubauen. Noch blühte nichts, Ende März aber verwandelt sich der östliche Ghor in einen bunten, wunderbaren Blütenteppich. Wegen der Gluthitze in diesem Tal ist nach einem Monat alles vorbei, die Pflanzen haben nur diesen einen Monat, um zu knospen, zu erblühen und ihre Samen auszustreuen.

Ein zerlumpter Araber zeigte uns den Weg. Er war hier, weil er sich den Redifs hatte anschließen wollen, ein wohlhabender Einwohner von Salt hatte ihm fünfzig Liras gegeben, damit er als sein Ersatzmann einzieht. Aber an der Brücke musste er feststellen, dass er zu spät kam, sein Regiment war vor zwei Tagen vorbei gezogen. Das tat ihm leid, er wäre gern in den Krieg marschiert (außerdem würde er vermutlich die fünfzig Liras zurückgegeben müssen), aber seine Tochter werde sich freuen, sagte er. Sie habe geweint, als er fort ging. Er blieb stehen und zog einen seiner Lederschlappen aus dem Schlamm.

»Im nächsten Jahr, wenn es Gott gefällt«, sagte er, als er mich wieder eingeholt hatte, »fahre ich nach Amerika.«

Erstaunt betrachtete ich die halbnackte Gestalt. Die Schuhe fielen ihm von den bloßen Füßen, das zerrissene Gewand glitt von der Schulter, er trug die Kopfbedeckung der Wüste, ein mit einem Kamelhaarseil befestigtes Tuch.

»Sprichst du Englisch?«, fragte ich.

»Nein«, antwortete er ruhig, »aber in einem Jahr habe ich das Geld für die Reise zusammen, denn bei Gott, hier ist kein Fortkommen!«

Ich fragte ihn, was er in den Vereinigten Staaten tun wolle.

»Kaufen und verkaufen«, sagte er; »und wenn ich 200 Liras gespart habe, komme ich zurück.«

Diese Geschichte hört man überall in Syrien. Jahr für Jahr brechen Hunderte auf, und wohin sie auch kommen, überall finden sie Landsleute, die ihnen helfen. Sie bieten auf der Straße billige Waren an, schlafen unter Brücken, ernähren sich von einer Kost, die niemand aus freien Stücken zu sich nehmen würde. Sobald sie um die 200 Liras haben, kehren sie in die Heimat zurück, damit sind sie in den Augen ihres Dorfes reiche Männer. Östlich des Jordans wandern nicht so viele aus, aber einmal hielt ich in den Hauranbergen einen Drusen an, um ihn nach dem Weg zu fragen, und er antwortet mir in reinstem Yankee-Englisch. Ich hielt mein Pferd an, während er mir seine Geschichte erzählte, am Ende fragte ich ihn, ob er zurückgehen werde. Er stand knietief in Schlamm und Schneematsch, sah auf die Steinhütten seines Dorfs: »Und ob!« antwortete er, und als ich mich abwandte, rief er mir ein fröhliches »So long!« nach.

Nach einem zweistündigen Ritt erreichten wir die Berge und nahmen den Weg durch ein enges, gewundenes Tal, das mein Freund, nach dem gleichnamigen Stamm, Wadi el Hassaniyyeh nannte. Es war voller Anemonen, weißem Ginster (die Araber nennen ihn Rattam), Zyklamen, Traubenhyazinthen und wilden Mandelbäumen. Für Pflanzen ohne Nutzen, so schön sie sein mögen, hat das Arabische keine Namen; sie sind alle hashish, Gras; andererseits benennt und unterscheidet ihre Sprache noch das kleinste Pflänzchen, sofern es von Nutzen ist. Der Weg, wenig mehr als ein Ziegenpfad, stieg langsam an. Unmittelbar bevor wir in den Nebel eintauchten, der den Berggipfel einhüllte, sahen wir unter uns im Süden das Tote Meer, es lag unter dem grauen Himmel wie eine riesige Milchglasscheibe. Um vier Uhr nachmittags erreichten wir bei typischem Bergwetter mit nassem, dahinjagendem Nebel Salt. Der Boden rund um das Dorf war sumpfig, hier war der Regen gefallen, der in der Nacht über uns hinweggezogen war. Ich zögerte, das Lager aufzuschlagen, weil ich auf eine trockenere Unterkunft hoffte. Als erstes suchte ich das Haus von Habib Effendi Faris, denn ich war nach Salt gekommen, um ihn zu besuchen, auch wenn ich ihn nicht kannte. Für die Fortführung meiner Reise war ich völlig von seiner Unterstützung abhängig und hoffte sie wegen folgender Verbindung zu bekommen: Er war mit der Tochter eines aus Haifa gebürtigen Predigers verheiratet, Abu Namrud, und dieser würdige alte Mann war ein enger Freund von mir. Seine Familie stammt aus Urfa am Euphrat, aber er hatte lange in Salt gelebt und kannte die Wüste. Er sollte mich Grammatik lehren, aber den überwiegenden Teil der Unterrichtsstunden verbrachte ich damit, seinen Geschichten über die Araber zu lauschen – und über seinen Sohn Namrud. Dieser arbeitete mit Habib Faris zusammen, einen Namen, den jeder Araber der Belka-Hochebene kannte.

»Solltet Ihr jemals in die Wüste wollen«, hatte Abu Namrud gesagt, »geht zu meinem Sohn.« Also ging ich zu Namrud.

Man musste nicht viel herumfragen, um zu erfahren, wo Habib Faris’ Haus lag. Ich wurde herzlich empfangen, Habib war nicht da und Namrud fort (verließ mein Glück mich?) Aber ob ich nicht hereinkommen und mich ausruhen wolle? Das Haus war klein, die Kinder zahlreich; während ich mich noch fragte, ob die schlammige Erde vielleicht doch das bessere Bett sei, kam ein prachtvoller, alter Mann, ganz arabisch gekleidet, griff die Zügel meines Pferdes, und erklärte, dass niemand anders als er mich bewirten werde. Dann führte er mich fort. Ich ließ mein Pferd an der Karawanserei, erklomm eine lange, schlammige Treppe und stand schließlich in einem gepflasterten Innenhof. Yusef Efendi eilte voran und öffnete die Tür zu seinem Gastzimmer. Fußboden und Diwan waren mit dicken Teppichen bedeckt, in den Fenstern war Glas (auch wenn viele Scheiben zerbrochen waren), an der Wand stand eine europäische Chiffoniere: Das war mehr, als ich erhofft hatte. Binnen Minuten hatte ich mich eingerichtet, trank Yusefs Kaffee und aß meinen eigenen Kuchen.

Yusef Effendi Sukkar (Friede sei mit ihm!) ist Christ und einer der reichsten Männer Salts. Er ist wortkarg, aber als Gastgeber sucht er seinesgleichen. Er servierte mir ein hervorragendes Mahl, und als ich gegessen hatte, bekam Mikhail die Reste. Mein Gastgeber hatte für mein körperliches Wohl gesorgt, aber meine Ängste hinsichtlich meiner Weiterreise konnte oder wollte er mir nicht nehmen. Zum Glück kamen just in diesem Augenblick Habib Faris und seine Schwägerin Paulina, eine alte Bekannte, sowie einige weitere Würdenträger. Alle wollten sich unbedingt ›die Ehre geben‹, weil sie auf einen Abend mit Gesprächen hofften. (»Bei Gott dem Herrn! Die Ehre ist ganz die Meine!«) Wir setzten uns und tranken den bitteren schwarzen Kaffee der Araber, der jeden Nektar übertrifft. Die Tasse wird mit einem »Geruhet anzunehmen« gereicht, man gibt sie, geleert, mit einem gemurmelten »Mögest du leben!« zurück. Während man nippt, ruft jemand, »Auf doppelte Gesundheit!«, worauf man »Auf Euer Herz!« entgegnet. Als die Tassen ein- oder zweimal herumgegangen und alle erforderlichen Höflichkeitsformeln gesprochen waren, machte ich mich daran, meine Aufgabe für diesen Abend zu lösen. Wie konnte ich ins Drusengebirge kommen? Die Regierung würde mir vermutlich die Erlaubnis verweigern und in Amman, am Anfang der Wüstenstraße, gab es einen Militärposten. In Bosra kannte man mich, ich war ihnen vor fünf Jahre durch die Finger geschlüpft, ein zweites Mal würde mir das wohl kaum gelingen. Habib Faris dachte nach, schließlich schmiedeten wir beide einen Plan. Ich sollte am nächsten Tag nach Tneib, seinem Ackerland am Rand der Wüste, reiten; dort würde ich Namrud antreffen, er würde einen der großen Stämme benachrichtigen. Von ihnen eskortiert käme ich sicher durch die Berge. Yusef hatte zwei kleine Söhne, sie lauschten mit großen Augen, am Ende des Gesprächs brachte mir einer der beiden eine ausgerissene Zeitungsseite mit einer Landkarte von Amerika. Daraufhin zeigte ich ihnen meine Landkarten, erzählte ihnen, wie groß und wie schön die Welt sei, bis sich um zehn Uhr die Gesellschaft auflöste. Yusef begann, die Decken für mein Bett auszubreiten, erst da sah ich meine Gastgeberin. Sie war eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, groß und blass, das Gesicht ein perfektes Oval, die großen Augen wie Sterne. Sie trug ein arabisches Gewand, schmal und dunkelblau, das sich beim Gehen um ihre nackten Fesseln fing, ein tiefblauer Baumwollschleier war mit einem roten Band um ihre Stirn gebunden und fiel ihr über den Rücken, fast bis zum Boden. Wie es bei den Beduinenfrauen Sitte ist, waren ihr mit Indigo auf Wangen und Hals feine Muster tätowiert. Sie brachte Wasser und goss es über meine Hände, bewegte sich lautlos durch den Raum, eine dunkle und würdevolle Gestalt, als sie alle Aufgaben erledigt hatte, verschwand sie so still wie sie gekommen war. Ich sah sie nie wieder, und ich dachte an die Zeilen des Dichters, den man in Mekka in Haft gehalten hatte: »Sie trat ein und grüßte mich, dann erhob sie sich, um Abschied zu nehmen, und als sie meinen Blicken entschwand, folgte ihr meine Seele.« Niemand sieht Yusefs Ehefrau. Er mag Christ sein, doch seine Ehefrau hält er in größerer Abgeschiedenheit als jede Muslima. Vielleicht, wer weiß, tut er gut daran.

Der Regen schlug gegen die Fenster, ich legte mich auf die Decken und hörte Mikhail sagen: »Maschaallah! Eure Exzellenz sind vom Glück begünstigt.«

II
VON SALT NACH TNEIB

Salt ist eine wohlhabende Gemeinde mit über 10.000 Seelen, die Hälfte Christen. Es liegt in einem reichen, für seine Trauben und Aprikosen berühmten Landstrich, seine Gärten wurden schon im vierzehnten Jahrhundert vom arabischen Geographen Abul Fida erwähnt und gepriesen. Auf einem Hügel über den dicht gedrängten Hausdächern liegt die Ruine einer Festung, ich weiß nichts Näheres über sie. Die Bewohner halten ihre Stadt für sehr alt; die Christen behaupten, Salt sei eine der ersten Glaubensgemeinden gewesen, der Legende nach soll sogar Christus selbst hier das Evangelium gepredigt haben. Die Äste der Aprikosenbäume waren noch kahl, und doch spürte ich, als ich durch das Tal ritt, eine Atmosphäre freundlichen Wohlstands. Begleitet wurde ich von Habib Faris, der auf seinem Pferd mit mir geritten war, um sicherzugehen, dass ich den richtigen Weg fand. Er selbst besaß einige dieser Aprikosenhaine und Weinberge, und er, der angenehme Mann, lächelte erfreut, als ich sie lobte. Wer hätte an einem solchen Morgen nicht gelächelt? Die Sonne schien, am Boden glitzerte Reif, die Luft hatte jene perlende Transparenz, die klare Wintertage nach einem Regenschauer haben können. Ich sage das nicht nur, weil mich ein allgemeines Gefühl von Wohlwollen beschwingte: die Christen von Salt und Madeba sind intelligente und fleißige Menschen, die Lob verdienen. Seit meinem letzten Besuch waren fünf Jahre vergangen, in denen sie die Grenze des kultivierten Landes um die Breite eines zweistündigen Ritts nach Osten verschoben haben. Dies bewies die Qualität des Bodens so unwiderlegbar, dass der Sultan, als die Hedschasbahn eröffnet wurde, einen großen Landstrich im Süden für sich beanspruchte, der bis Maan reichte. Er will ihn in eine Chiflik verwandeln, eine königliche Farm. Das wird ihn und seine Pächter reich machen, denn er mag ein mittelmäßiger Herrscher sein, aber er ist ein guter Landwirt.

Eine halbe Stunde hinter Salt verließ Habib mich und übergab mich der Fürsorge seines Knechts Yusef, ein kräftiger Mann, der neben mir her lief, die Holzkeule über der Schulter (die Araber nennen sie Gunwa). Wir kamen durch breite Täler, baumlos, unbewohnt, fast unbewirtschaftet, die die Belka-Ebene umgeben, und passierten den Eingang zum Wadi Sir, der, immer durch Eichenwälder, bis ins Jordantal führt. Auch hier auf den Höhen würden Bäume wachsen, wenn die Köhler sie nur stehen ließen, wir kamen durch einige Eichen- und Schwarzdornwäldchen, aber ich würde an der herrlichen Landschaft östlich des Jordans nichts ändern wollen. Ein oder zwei Generationen später wird hier Getreide stehen, überall sind Dörfer, das Wasser des Wadi Sir dreht Mühlräder, vielleicht gibt es bald sogar Straßen. Dann werde ich – gelobet sei Gott! – nicht mehr hier sein, um das zu sehen. So lange ich lebe, wird das Hochland jene wunderbare Landschaft bleiben, die Omar Chajjam besingt: »Ein schmales Band gesäten Grüns, trennt Wüste hier von Ackerland.« Es wird menschenleer sein, vereinzelte Schäfer ausgenommen, die mit einer langläufigen Flinte ihre Herde bewachen. Und wenn mir, selten genug, ein Reiter begegnet, der in diesen Bergen unterwegs ist, und wenn ich ihn frage, woher er kommt, wird er weiter antworten: »Möge deine Welt weit sein! Ich komme von den Arabern.«

Dorthin waren wir unterwegs: zu den Arabern. In der Wüste gibt es keine Beduinen, alle Zeltbewohner sind ’Arab (mit leichtem Rollen des Gutturalanlauts), und es gibt auch keine Zelte, sondern Häuser – wenn eine genauere Bezeichnung nötig ist, sagen sie ›Fellhaus‹, normalerweise aber nur ›Haus‹, und übergehen damit souverän jede andere Bedeutung als eines Daches aus schwarzem Ziegenfell. Auch wer zwischen Mauern lebt, kann in gewisser Weise ’Arab sein. Die Männer von Salt gehören zu den Stämmen der Belka-Ebene, das sind die Abadeh, die Da’ja, die Beni Hasan und einige andere, die zusammen die große Gruppe der Adwan bilden. Zwei mächtige Gruppen machen sich hier die Herrschaft über die syrische Wüste streitig, die Beni Sakhr und die Anazeh. Zwischen den Sukhur und den Belka herrscht traditionell eine, allerdings durch bedauerliche Zwischenfälle getrübte, Freundschaft. Das mag der Grund sein, warum man in dieser Gegend sagt, die Anazeh seien den Beni Sakhr zwar zahlenmäßig überlegen, aber bei weitem nicht so mutig wie sie. Mit einem der Söhne des Talal ul Faiz, Herrscher der Beni Sakhr, bin ich sehr flüchtig bekannt. Ich habe ihn vor fünf Jahren hier in dieser Ebene kennengelernt, das war aber einen Monat später als jetzt, um diese Zeit zieht sein Stamm von den heißen östlichen Weidegebieten zum Jordan. Damals ritt ich in Begleitung eines tscherkessischen Saptieh von Madeba nach Mschatta, die Deutschen hatten die reliefgeschmückte Fassade dieses wunderbaren Bauwerks noch nicht abgenommen. Überall auf der Ebene sah man Herden und die schwarzen Zelte der Sukhur, als wir hindurch ritten, preschten drei Reiter heran, mit finsteren Mienen, bis an die Zähne bewaffnet, bedrohlich anzusehen. Sie wollten uns aufhalten und riefen uns von weitem einen Gruß zu, doch als sie den Soldaten sahen, machten sie kehrt und ritten langsam zurück. Der Tscherkesse lachte. »Das war Scheich Faiz«, sagte er, »Talals Sohn. Wie Schafe, wallah! wenn sie einen von uns sehen, sind sie wie Schafe!« Die Anazeh kenne ich nicht, weil ihre üblichen Winterorte näher am Euphrat liegen, aber bei aller Achtung vor den Sukhur glaube ich doch, dass ihre Rivalen die wahren Aristokraten der Wüste sind. Ihr Herrscherhaus, die Beni Shaala, trägt den stolzesten Namen, ihre Pferde sind die besten in ganz Arabien. Selbst die Schammar, Ibn Rasheeds Volk, wollen sie haben, um ihre Zucht zu verbessern.

Aus den tief eingeschnittenen, den Ghor überragenden Bergen kamen wir in eine flache Hügellandschaft, die von kleinen antiken Ruinenstätten geradezu übersät war. Eine lag am Eingang des Wadi Sir. Eine Viertelstunde, bevor wir dorthin kamen, waren wir auf viele Fundamente samt einem großen Wasserbecken gestoßen, das die Araber Birket Umm el ’Amud (Becken der Mutter der Säule) nennen. Yusef sagte, der Name leite sich von einer Säule ab, die früher einmal mitten im Wasser gestanden habe; ein Araber habe darauf geschossen und sie zerbrochen, die Bruchstücke lägen am Boden des Beckens. Der Siedlungshügel von Amereh oder Tell, um ihn mit dem heimischen Namen zu bezeichnen, ist ruinenbedeckt, etwas weiter, in Yadudeh, sahen wir am Rand des Wasserbeckens steinerne Grabmale und Sarkophage. Überall in diesem Grenzland der Wüste finden sich solche Zeugnisse einer bevölkerungsreichen Vergangenheit, Dörfer aus dem fünften und sechsten Jahrhundert, als Madeba eine reiche, blühende christliche Stadt war, einige dürften noch älter sein, vielleicht vorrömisch.

In Yadudeh, dem Ort mit den Grabmalen, wohnte ein Christ aus Salt, er war der größte Kornproduzent der Gegend und lebte in einem sehr einfachen Haus am Gipfel des Tells. Auch er war einer dieser energischen neuen Männer, die darum kämpfen, die Grenzen des kultivierten Landes immer weiter hinauszuschieben. Hier verließen wir die bergige Landschaft und kamen an den Rand einer endlosen, mit spärlichem Grün bewachsenen Ebene. Hier und da gab es einen kegeligen Tell oder einen niedrigen Höhenzug – und dann wieder Ebene. Sie ist beruhigend anzusehen, nie monoton, in den Zauber des winterlichen Sonnenuntergangs gehüllt, weich gerundete Senken fangen den Nebel, weich schwellende Hügel das Licht, über allem ist die Himmelskuppel, die Wüste und Meer gleichermaßen überwölbt. Das erste Hügelchen war Tneib. Wir kamen nach neun Stunden an, es war 17 Uhr 30, die Sonne ging gerade unter, wir schlugen am Südhang die Zelte auf. Der ganze Abhang war ruinenübersät, niedrige Mauern aus grob behauenen, ohne Mörtel gelegten Steinen, in den Fels gehauene Zisternen, einige mit Sicherheit nicht für Wasser, sondern Getreide bestimmt, wofür sie auch jetzt benutzt wurden, und ein offenes, mit Erde aufgefülltes Wasserbecken. Namrud war unterwegs, um einen benachbarten Bauern zu besuchen, aber einer seiner Männer brach auf, um ihn von meiner Ankunft zu informieren. Um zehn Uhr kehrte Namrud bei eisigem Sternenschein zurück, mehrfach beteuerte er seine Freude und versicherte, dass meine Wünsche sehr einfach zu erfüllen seien. So schlief ich von der kalten Stille der Wüste umhüllt ein, und wachte am folgenden Morgen in einer glitzernden Welt voll Sonnenschein und angenehmen Aussichten wieder auf.

Als erstes musste zu den Arabern geschickt werden. Nach einigen Überlegungen entschieden wir uns für die Da’ja, ein Stamm der Belka-Hochebene. Sie waren uns am nächsten und vermutlich auch am ehesten von Nutzen, also schickten wir einen Boten zu ihren Zelten. Den Morgen verbrachten wir damit, den Hügel zu erkunden und eine großen Menge Kupfermünzen zu begutachten, die unter Namruds Pflug aufgetaucht waren. Sie waren alle römisch, eine mit dem schwachen Konterfei Konstantins, einige älter, keine stammte aus der jüngeren byzantinischen Periode oder der Zeit der Kreuzzüge; diesen Münzen nach zu urteilen, war Tneib seit den Zeiten der arabischen Invasion verlassen. Namrud hatte die Nekropolis entdeckt, aber in den Gräbern war nichts zu finden, sie waren vermutlich schon vor Jahrhunderten geplündert worden. Sie waren in den Fels gehauen und ähnelten Zisternen. Dicht über dem Erdboden waren zwei massive Steinsäulen, dazwischen ein schmaler Durchgang, an den Seitenwänden einige unregelmäßige Vorsprünge, Stufen für jene, die hinabsteigen müssen, im unteren Raum Nischen, eine über der anderen, die wie Regale an den Wänden entlang laufen – so sahen sie aus. In der Nähe des Südhangs waren Grundmauern eines Bauwerks, das eine Kirche gewesen sein könnte. Ein mageres Ergebnis für einen ganzen langen Tag, darum ritten wir in der goldenen Nachmittagssonne zwei Stunden nach Norden in ein breites, von flachen Hängen gesäumtes Tal. Seine Ränder waren mit Ruinen gesäumt, nach Osten hin standen einige Mauerfundamente in der Mitte des Tals – Namrud nannte den Ort Kuseir es Sahl, das Schlösschen der Ebene. Unser Ziel waren Gebäude am westlichen Ende, Khureibat es Suq. Das erste, zu dem wir kamen, war klein (41 mal 39 Fuß und 8 Zoll, die größte Ausdehnung in Ost-West-Richtung) und halb im Boden versunken. Zwei Sarkophage davor ließen vermuten, dass es ehemals ein Mausoleum war. In der Westwand war ein Rundbogentor, der Bogen von einem flachen Relief verziert. In Höhe des Bogens verjüngten sich die Mauern um die Breite eines kleinen Rücksprungs, zwei Steinlagen höher umlief eine geschweifte Kranzleiste das Gebäude. Einige hundert Meter westlich des Kasr oder Schlosses (die Araber nennen die meisten Ruinen Schloss oder Kloster) stand die Ruine eines Tempels. Er war im Laufe der Zeit offenbar für andere Zwecke benutzt worden als für den, für den er ursprünglich gebaut worden war, denn die beiden Reihen von sieben Säulen waren von Mauerresten umgeben und am westlichen Ende der Kolonnaden gab es unerklärliche Querwände. Dahinter scheint ein doppelter Hof gelegen zu haben, noch weiter westlich lag ein ganzer Komplex zerfallener Grundmauern. Das Tor ging nach Osten, die Pfeiler trugen feine Steinmeißelungen: ein Band, eine Palmette, ein zweites glattes Band, ein Torus mit Weinranke, Perlschnur, Eierstab, auf der oberen Zierleiste schließlich eine zweite Palmette. Das Ganze erinnerte stark an Arbeiten in Palmyra – mit den Reliefs der Fassade von Mschatta konnte das allerdings nicht konkurrieren, auch war der Gesamteindruck nüchterner und den klassischen Vorbildern enger verwandt als es dort der Fall ist. Nördlich des Tempels, etwas erhoben, erwies sich eine weitere Ruine als ein zweites Mausoleum. Ein längliches Rechteck, aus großen Steinen sorgfältig und ohne Mörtel erbaut. Eine Treppe an der Südostseite führte in eine Art Vorraum hinab, er lag aufgrund des abfallenden Hügels an der Ostseite mit dem Erdboden auf gleicher Höhe. An der Außenwand des Vorraums standen Säulenstümpfe, vermutlich Überreste einer kleinen Kolonnade, die die Ostfassade schmückte. Längs der noch vorhandenen Mauern standen sechs Sarkophage, je zwei nach Norden, Süden und Westen. Unter den Säulenschäften lief beiderseits der Treppe ein Fries, er bestand aus einem kühnen Torus zwischen zwei Leisten, dieses Motiv zierte auch das Innere der Sarkophage. Die Stützmauer auf der Südseite zeigte zwei Vorsprünge, im Übrigen war das Bauwerk ganz schlicht, einige der im Gras liegenden Fragmente trugen allerdings ein fließendes Weinrankenmuster. Dieses Mausoleum erinnerte an eine in Nordsyrien verbreitet Art des Pyramidengrabs; ich kann mich nicht erinnern, so weit südlich schon einmal eines gesehen zu haben. Vielleicht ähnelte es einmal jenem wunderbaren Grabmonument mit säulenbestandener Vorhalle, das eines der Höhepunkte von Dana-Süd ist, die Weinranken-Fragmente waren vielleicht Teil des Gebälks.

Als ich kurz vor Sonnenuntergang zu meinen Zelten zurückkam, erfuhr ich, dass der Junge, den wir am Morgen losgeschickt hatten, auf dem Weg getrödelt hatte und, erschrocken über die vorgerückte Stunde, unverrichteter Dinge umgekehrt war. Das war ärgerlich genug, aber nichts im Vergleich dazu, wie sich das Wetter am folgenden Tag aufführte. Beim Erwachen stellte ich fest, dass die Ebene völlig in Nebel und Regen verschwunden war. Der Wind fegte uns den ganzen Tag von Süden entgegen, Sturm zerrte an unseren Zelten. Am Abend kam Namrud mit der Neuigkeit, dass Gäste in seine Höhle eingefallen seien. Ein oder zwei Meilen entfernt von uns standen Zelte der Sukhur, (der überwiegende Teil des Stammes befand sich noch weit im Osten, wo die Winter milder sind), und der heftige Regen war den männlichen Bewohnern zu viel geworden. Sie waren auf ihre Pferde gestiegen und nach Tneib geritten, Frauen und Kinder hatten sie allein zurückgelassen, sie mussten zusehen, wie sie durch die Nacht kamen. Ein wenig Gesellschaft nach diesem langen, nassen Tag schien verlockend, also schloss ich mich ihnen an.

Namruds Höhle läuft tief in den Berg hinein, so tief, dass sie möglicherweise bis in die Mitte des Tneib-Berges reicht. Der erste große Raum ist offenbar eine natürliche Höhle, nur die niedrigen Schlafplätze und die Futtertröge für das Vieh sind in den Fels gehauen. Ebenfalls in den Fels gehauen ist eine Öffnung, die in einen kleineren Raum führt, hinter dem, wie man mir versicherte, weitere liegen. Ich habe sie nicht in Augenschein genommen, die heiße, stickige Luft und die dichten Fliegenschwärme hielten mich von weiteren Erkundungen ab. Das wilde und ursprüngliche Bild, das die Höhle an jenem Abend bot, hätte selbst das abenteuerlustigste Gemüt zufrieden gestellt. In der Mitte der Höhle saßen zehn, zwölf Männer in regennassen, gestreiften Gewändern und roten Lederstiefeln um ein Reisigfeuer, in dessen Glut drei Kaffeetöpfe standen, unverzichtbar für jede Wüsten-Geselligkeit. Hinter ihnen kochte eine Frau Reis auf einem helleren Feuer, das ein Flackern auf die hintere Höhlenwand warf und Namruds Vieh beschien, das aus den Felskrippen gehäckseltes Stroh fraß. Man räumte mir im Kreis einen nahezu schlammfreien Platz ein und reichte mir eine Tasse Kaffee, dann ging das Gespräch weiter, es dauert so lange, wie ein Mann braucht, um fünf Mal seine arabische Pfeife zu rauchen. Es ging vor allem um die Missetaten der Regierung, denn der Arm des Gesetzes, besser gesagt: die gepanzerte Faust einer unfähigen Regierung, ist für die Wüstenränder eine ständige Bedrohung. Die war in diesem Jahr noch größer geworden, weil die Erfordernisse des Krieges zu einigen furchtbaren Maßnahmen geführt hatten.

Ohne Aussicht auf eine Entschädigung finanzieller oder sonstiger Art waren entlang der Grenzen Kamele und Pferde in großer Zahl requiriert worden. Die Araber hatten all ihre verbliebenen Tiere versammelt und fünf oder sechs Tagesreisen weit nach Osten getrieben, wohin die Soldaten nicht vorzudringen wagten, Namrud war dem Beispiel gefolgt und hatte nur das Vieh behalten, das er zum Pflügen brauchte. Ein Gast nach dem anderen ergriff das Wort, ihr hartes, gutturales Arabisch hallte von den Höhlenwänden wider. Bei Gott und Mohammed, seinem Propheten, ließen wir Verwünschungen auf die tscherkessische Kavallerie niederprasseln, auf dass die kräftigen Reiter in ihren Sätteln taumeln mögen! Hin und wieder neigte sich ein turbanumwickelter Kopf, dem die schwarzen, verfilzten Locken unter dem gestreiften Tuch um die Augen hingen, nach einem glimmenden Zweiglein für seine Pfeife, eine Hand streckte sich nach den Kaffeetassen, das Kochfeuer flammte unter frisch aufgelegtem Reisig auf, die plötzliche Helligkeit ließ die Fliegen summen und das Vieh unruhig werden. Namrud war nicht sehr erfreut darüber, dass sein gerade gesammeltes Feuerholz so rasch abnahm und seine Kaffeebohnen händeweise in den Mörser wanderten. (»Wallah! sie essen wenig, wenn es vom eigenen geht, aber viel, wenn sie Gäste sind, sie und ihre Pferde. Dabei ist das Korn in diesem Jahr knapp.«) Aber zwischen Jordan und Euphrat ist das Wort ›Gast‹ heilig, und Namrud wusste sehr wohl, dass er seine Stellung und seine Sicherheit weitgehend einer Gastfreundlichkeit verdankte, die er allen Besuchern gewährte, so ungelegen sie sein mochten. Ich trug meinen Teil zur Geselligkeit bei, indem ich ein Kistchen Zigaretten verteilte. Als ich aufbrach, war zwischen den Männern der Beni Sakhr und mir ein gegenseitiges Wohlwollen entstanden.

Der folgende Tag war kaum vielversprechender als der vorherige. Die Maultiertreiber waren entschieden dagegen, die schützenden Höhlen zu verlassen und ihre Tiere in der offenen Wüste einem solchen Regen auszusetzen. Also willigte ich widerwillig ein, die Abreise zu verschieben, schickte sie nach Madeba, drei Stunden entfernt, um Hafer für die Pferde zu kaufen, schärfte ihnen aber ein, keinesfalls zu sagen, woher sie kamen. Am Nachmittag klarte es etwas auf, und ich ritt Richtung Süden nach Kastal, einem befestigten römischen Lager, das auf einem Hügel liegt.

Diese Art Fort war an den Ostgrenzen des Reichs nicht ungewöhnlich, die Ghassanids bauten es auf die gleiche Weise nach, als sie die syrische Wüste besiedelten; es wird ja vermutet, dass Mschatta nur ein besonders schönes Beispiel für diesen Gebäudetypus ist. Kastal hat eine starke Befestigungsmauer, die nur von einem Tor im Osten sowie an den Ecken und Seiten von runden Bastionen durchbrochen ist. Im Inneren bilden parallellaufende Gewölbekammern einen Hof, der ganze Grundriss entspricht, leicht abgewandelt, dem von Kala’et el Beida in der Safa, aber auch der modernen Karawansereien.1 Im Norden liegt ein einzelnes Gebäude, vermutlich das Prätorium, die Wohnung des Festungskommandanten. Es besteht aus einer riesigen Gewölbekammer, die auf einen ummauerten Hof geht, an der Südwestecke steht ein Rundturm mit einer Wendeltreppe im Inneren. Das Turmäußere ist mit einem Fries geschmückt, der oben Laubwerk, unten gekehlte Triglyphen und dazwischen schmale leere Metopen zeigt. Die Mauerarbeit ist ungewöhnlich gut, die Wände sehr dick; angesichts solcher Verteidigungsanlagen, die es noch im letzten Winkel des Reiches gab, konnten die Einwohner Roms ruhig schlafen.

Als ich vor fünf Jahren nach Kastal kam, war es unbewohnt, das Land rundum aber nicht bestellt. Jetzt waren Fellachenfamilien in die zerfallenen Gewölbe eingezogen, und auf den ebenen Flächen unterhalb der Festung spross Getreide. Solche Veränderungen wärmen fraglos das Herz des Menschenfreundes, das des Archäologen lassen sie eisig erschauern. Nichts vernichtet so gründlich wie die Pflugschar, nichts zerstört so schnell wie der Bauer, der behauene Steine für seine Hütte sucht. Als weiteres Anzeichen der nahenden Zivilisation fielen mir zwei halb verhungerte Soldaten auf, Wächter der nahen Haltestelle der Hedschasbahn, die man, nach den wenigen Meilen davon entfernt im Osten liegenden Ruinen, mit dem Namen Mschatta geadelt hatte. Der Grund ihres Besuches war das magere Huhn, das einer der beiden in Händen hielt. Er hatte es den noch dünneren Gefährten im Festungshof entrissen, nach den Umständen fragt man besser nicht, Hunger kennt kein Gesetz. Mir war nicht daran gelegen, dass meine Anwesenheit in dieser Grenzregion den Behörden in Amman zu Ohren kam, daher brach ich recht rasch auf und ritt ostwärts nach Jiza weiter (oder Ziza, wie manche es nennen).

Die Regengüsse hatten die Wasserläufe der Wüste gefüllt, sie sind selten so tief und reißend wie der, den wir an jenem Nachmittag durchqueren mussten. Der Regen hatte auch das große römische Wasserbecken von Jiza bis zum Rand gefüllt, die Sukhur würden dort den ganzen kommenden Sommer Wasser vorfinden. Hier gab es viel mehr Ruinen als in Kastal, die Fundamente erstreckten sich über ein großes Areal, das muss eine große Stadt gewesen sein. Vielleicht war Kastal die Festung, die sie schützte, immerhin teilen Festung und Stadt den Namen Ziza, der in der Notitia erwähnt wird: »Equites Dalmatici Illyriciana Ziza«.

Es gibt hier auch ein sarazenisches Kal’ah, eine Festung, die Soktan, ein Scheich der Sukhur, wie Namrud berichtete, wiederherstellte und mit einer für die Wüste ganz unbekannten Pracht ausstatten ließ. Dann war sie allerdings an den Sultan gegangen, weil sie auf dem Land steht, das er sich für seinen Landsitz ausgesucht hatte. Seither verfällt sie. Die Hänge dahinter sind voller Fundamente, darunter eine Moschee, deren Mihrab auch noch weit im Süden zu erkennen war. Zu Ibrahim Pashas Zeiten war Jiza ägyptische Garnison, es waren im Wesentlichen seine Soldaten, die die Zerstörung der antiken Bauten vollends übernahmen. Bevor sie kamen, berichteten die Araber, waren viele Gebäude, darunter christliche Kirchen, noch vollständig erhalten. Auf dem Rückweg folgten wir dem Eisenbahndamm und sprachen über die möglichen Vorteile, die dem Land aus der Eisenbahnlinie erwachsen könnten. Namrud äußerte Zweifel. Beamten und Soldaten misstraute er samt und sonders. Tatsächlich hatte er guten Grund, diese offiziellen Räuber zu fürchten. Deren Raubgier konnte er nicht durch seine Gastfreundschaft mildern, die Araber hingegen hatte er sich auf vielfache Weise zu sehr verpflichtet, als dass sie ihm ernstlich hätten schaden wollen. Im Jahr zuvor hatte er einige Wagenladungen Getreide mit der Bahn nach Damaskus geschickt. Ja, ein solcher Transport war einfacher und auch schneller als mit Kamelen, sofern die Waren ankamen; für gewöhnlich aber waren die Säcke bei ihrer Ankunft in der Stadt so viel leichter als beim Aufladen, dass jeder Gewinn dahin war. Vielleicht würde das ja einmal besser werden – wenn auch die Lampen, Polster und all die anderen Einrichtungsgegenstände der Wüsten-Bahn, von den nackten Bänken abgesehen, an dem Platz blieben, für den sie angefertigt und gekauft worden waren.

Wir sprachen auch über Aberglauben und Ängste, die das Herz des Nachts befallen. Es gibt Orte, sagte er, die jeder Araber nach Einbruch der Dunkelheit meide – verhexte Brunnen, denen sich kein Durstiger zu nähern wagt, Ruinen, wo kein Müder Schutz suchen würde, Senken, die für den allein Reisenden kein guter Lagerplatz sind. Was fürchteten sie? Jinneh! Nun, wer wusste schon zu sagen, was der Mensch fürchtet? Er selbst hatte einmal einen Araber fast zu Tode erschreckt, als er im schwachen Licht der Morgendämmerung völlig nackt vor ihm aus einem Tümpel stieg. Der Mann rannte zu seinen Zelten und schwor, einen Jinn gesehen zu haben, man dürfe die Tiere nicht zum Wasser hinunter lassen, denn dort hause er. Daran hielt er fest, bis Namrud kam, lachte und die Geschichte aufklärte.

Wir kehrten nicht direkt ins Lager zurück. Für diesen Abend hatte mich Scheich Nahar von den Beni Sakhr zum Abendessen eingeladen, das war der Scheich, der am Vorabend in Namruds Höhle gewesen war; wir besprachen das lange und entschieden schließlich, dass es mich nicht kompromittieren würde, die Einladung anzunehmen.

»Grundsätzlich gesprochen«, erläuterte Namrud, »solltet Ihr aber immer nur die Zelte bedeutender Scheiche besuchen. Sonst fallt Ihr Leuten in die Hände, die Euch nur wegen Eurer Gastgeschenke einladen. Nahar – nun ja, er ist ein ehrlicher Mann, wenn auch ein Meskin …«, diese Bezeichnung deckt alle Formen leiser Verachtung ab, ob ehrbare Armut, Schwachsinn oder erste Anzeichen einer gewissen Lasterhaftigkeit.

Der Meskin empfing mich würdevoll wie ein Fürst und geleitete mich zu dem Ehrenplatz auf dem zerschlissenen Teppich, er lag zwischen dem viereckigen Loch im Boden, das als Kochstelle dient, und der Abtrennung zwischen Männer- und Frauenbereich. Wir hatten unsere Pferde an eines der langen Zelttaue gebunden, die diesen leichten Behausungen eine solch bewundernswerte Stabilität verleihen, der Blick schweifte von der Stelle, wo wir saßen, gen Osten über die weite Hügellandschaft – die sich in Wellen hob und senkte, als atme die Wüste in der hereinfallenden Nacht leise ein und aus. Die windabgewandte Seite eines arabischen Zeltes steht immer offen, damit Luft hereinkommt, dreht der Wind, nehmen die Frauen die Zeltwand herunter und bringen sie an anderer Stelle wieder an, so bekommt das Haus binnen weniger Augenblicke eine andere Blickrichtung und wendet sich vergnügt der besseren Aussicht zu. Es ist so klein, so zart und dabei so fest verankert, dass die Stürme ihm wenig anhaben können; das dichte Gewebe der Ziegenfell-Planen quillt bei Feuchtigkeit auf und wird dicht, erst bei Dauerregen mit Sturm sickern kalte Rinnsale in die Behausung.

Die Kaffeebohnen waren geröstet und gemahlen, die Kaffeetöpfe simmerten in der Glut, da kamen aus dem Osten drei Reiter und machten am offenen Zelt Halt. Es waren untersetzte, breitschultrige Männer, die Gesichtszüge auffallend unregelmäßig, die Zähne standen vor, sie froren und waren regendurchnässt. Man machte ihnen im Kreis um das Feuer Platz, sie streckten die Hände in die Wärme, die Unterhaltung wurde ohne Unterbrechung geführt, denn es waren nur Männer der Sherarat, die heruntergekommen waren, um in Moab Korn zu kaufen. Die Sherarats sind zwar einer der größten und mächtigsten Stämme und die berühmtesten Kamelzüchter, aber sie haben schlechtes Blut, kein Araber aus der Belka würde sich durch Heirat mit ihnen verbinden. Sie haben keine festen Weideplätze, selbst während der Sommerdürre ziehen sie durch die innere Wüste, dabei ist es ihnen gleichgültig, wenn sie mehrere Tage hintereinander kein Wasser haben. Das Gespräch an Nahars Feuer drehte sich um meine Reise. Ein Neger der Sukhur, ein gewaltiger Mann mit klugem Gesicht, wollte mich gern als Führer ins Drusengebirge begleiten, räumte aber ein, dass er umdrehen und fliehen müsse, sobald er das Gebiet dieser tapferen Bergbewohner erreicht habe, die Drusen und die Beni Sakhr lagen immer im Streit miteinander. Die Negersklaven der Sukhur werden von ihren Herren gut behandelt, denn die kennen ihren Wert, und sie genießen in der Wüste einen guten Ruf, weil etwas vom Glanz des großen Stammes, dem sie dienen, auch auf sie fällt. Ich war halb geneigt, sein Angebot zu akzeptieren, auch wenn das bedeutet hätte, dass ich mich beim ersten Drusendorf eventuell um einen toten Neger würde kümmern müssen, als meine Überlegungen durch die Ankunft eines weiteren Gastes unterbrochen wurden. Es war ein junger Mann, hoch gewachsen, mit schönem, zarten Gesicht, der Teint fast weiß, die langen Locken fast braun. Als er sich näherte, erhoben sich Nahar und die anderen Scheiche der Sukhur, um ihn zu begrüßen, bevor er das Zelt betrat, küsste ihn jeder auf beide Wangen. Auch Namrud stand auf und rief ihm entgegen:

»Alles gut? Gebe es Gott! Wer ist bei dir?«

Der junge Mann hob die Hand und sagte:

»Gott.«

Er war allein.

Ohne der übrigen Gesellschaft größere Beachtung zu schenken, musterte er kurz die drei Scheiche der Sherarat, die am Eingang saßen, wo sie Hammel und Joghurt aßen, sowie die fremde Frau am Feuer, dann ging er mit einer gemurmelten Begrüßung in den hinteren Bereich des Zeltes. Nahars Frage, ob er essen möchte, verneinte er. Der junge Mann war Gablan, er stammte aus der Herrscherfamilie der Da’ja und war ein Verwandter des regierenden Scheichs. Er hatte, wie ich später erfuhr, gehört, dass Namrud für einen Fremden einen Führer brauchte, Neuigkeiten reisen in der Wüste schnell, und war gekommen, um mich zum Zelt seines Onkels zu bringen. Keine fünf Minuten nach seiner Ankunft flüsterte Nahar Namrud etwas zu, daraufhin neigte dieser sich zu mir und sagte, da wir bereits gegessen hätten, sollten wir jetzt zusammen mit Gablan aufbrechen. Es überraschte mich, dass diese Abendgesellschaft ein so jähes Ende nehmen sollte, war aber klug genug, nicht zu widersprechen, und als wir über Namruds Felder und die Hügel von Tneib galoppierten, erfuhr ich den Grund. Die Da’ja und die Sherarat waren auf den Tod verfeindet. Gablan hatte mit einem Blick die Herkunft der anderen Gäste erkannt und sich schweigend in die Tiefen des Zeltes zurückgezogen. Er würde unter keinen Umständen vom selben Hammelgericht essen wie sie. Nahar erkannte (wer hätte das nicht?), wie heikel die Situation war, wusste aber nicht, wie die Männer der Sherarat sie deuteten. Und so hatte er uns, aus Angst vor einem Unglück, fortgeschickt. Am folgenden Morgen hatte sich die Atmosphäre (metaphorisch, nicht buchstäblich) geklärt, aufgrund des strömenden Regens saßen die Todfeinde den ganzen Tag in der Höhle, friedlich um Namruds Kaffeetopf versammelt.

Der dritte Regentag war mehr, als die menschliche Geduld ertragen konnte. Ich hatte bereits vergessen, was es hieß, nicht klamm zu sein, warme Füße und trockenes Bettzeug zu haben. Gablan war am Morgen eine Stunde lang bei mir, um zu erfahren, was ich von ihm erhoffte. Ich erklärte, dass ich mir nichts anderes wünschte, als dass er mich durch die Wüste führen und zum Fuß der Berge bringen werde, ohne dass ich einen Militärposten zu Gesicht bekam. Gablan dachte einen Augenblick lang nach.

»Verehrte Lady« sagte er dann, »glaubt Ihr, Ihr werdet mit Soldaten in Konflikt geraten? Denn dann nehme ich mein Gewehr mit.«

Ich antwortete, dass es nicht meine Absicht sei, der gesamten Kavallerie des Sultans den offenen Krieg zu erklären, sondern vielmehr hoffte, ein solches Zusammentreffen mit etwas Vorsicht vermeiden zu können. Aber Gablan war der Ansicht, eine Kugel beflügelte jedes Vorhaben und beschloss, das Gewehr aufjeden Fall mitzunehmen.

Da ich am Nachmittag nichts anderes zu tun hatte, sah ich zu, wie die Sherarat von Namrud Korn kauften. Sah man davon ab, dass ich gar nicht dorthin passte, und dass seither mehrere tausend Jahre vergangen waren, dann hätten diese Männer auch die Söhne Jakobs sein können, die nach Ägypten gekommen waren, um sich mit ihrem Bruder Joseph über das Gewicht eines Sacks Getreide zu zanken. Das Getreide lagerte in einer trockenen, in den Fels gehauenen Zisterne, aus der es, wie Wasser, in goldgelb gefüllten Eimern heraufgezogen wurde. Zur besseren Konservierung wurde es mit der Spreu aufbewahrt, daher musste es als erstes am Beckenrand gesiebt werden, was nicht ohne wortreiche und zornige Diskussionen ablief. Nicht einmal die Kamele waren still, sobald die Araber sie mit den vollen Säcken beluden, beteiligten sie sich mit Grunzen und Blöken am Streit. Die Scheiche der Sukhur und der Sherarat saßen im Nieselregen auf Steinen, murmelten, »Gott! Gott!«, riefen »Er ist gnädig und barmherzig!« Nicht selten wurde gesiebtes in ungesiebtes Korn zurück geschüttet, dann entstand eine Szene wie die folgende:

Namrud: »O nein! O nein! Unglückseliger Knabe! Möge dein Haus zu Staub zerfallen! Möge das Unglück dich heimsuchen!«

Beni Sakhr: »Beim Angesichte aller Propheten Gottes! Gelobt sei sein Name!«

Sherarat (in gedämpftem Chor): »Bei Gott! und bei Mohammed, seinem Propheten! Friede sei mit ihm!«

Eine barfüßige, in Schaffelle gehüllte Person: »Kalt, o je so kalt! Wallah! Regen und kalt!«

Namrud: »Schweige, Bruder! steig ins Becken hinunter und zieh das Getreide hoch. Dort ist es warm.«

Beni Sakhr: »Gelobet sei Gott der Allmächtige!«

Chor der Kamele: »B-b-b-b-b-b-dd-Gru-u-u-u-nzzz.«

Kameltreiber: »Seid still, Verfluchte! möget ihr im Schlamm stürzen! Möge Gottes Zorn auf euch herabregnen!«

Sukhur (alle zusammen): »Gott! Gott! Beim Lichte seines Angesichts!«

In der Abenddämmerung ging ich zum Zelt meiner Leute. Dort fand ich Namrud vor, er zischte Mordpläne in das Feuer, auf dem mein Abendessen köchelte.

»Als ich noch jung war«, sagte er (das war nicht lange her), »konnte man den Ghor nicht in Frieden durchqueren. Aber ich hatte ein Pferd – Wallah! was konnte das Pferd laufen! Es brachte mich zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang von Mezerib nach Salt, immer im gleichen Schritt. Und ich war mit den Ghawarny (den Bewohnern des Ghor) gut bekannt. Einmal musste ich im Sommer nach Jerusalem – ich hatte keine Wahl! Ich musste also reiten. Der Jordan war niedrig, ich ging durch eine Furt, damals gab es noch keine Brücken. Als ich am anderen Ufer war, hörte ich Schreie und das Pfeifen von Kugeln. Ich versteckte mich über eine Stunde lang in den Tamariskenbüschen, erst als der Mond tief stand, ritt ich leise weiter. Aber da, wo die Erdharzgruben anfangen, scheute mein Pferd, ich blickte zu Boden, auf dem Pfad lag ein Mann, nackt und von Messerstichen übersät. Er war sehr, sehr tot. Und wie ich so auf ihn hinab sehe, preschen sie aus den Erdharzgruben auf mich zu, zehn Reiter, und ich allein. Ich flüchte in das Dickicht und feure meine Pistole ab, zwei Mal, aber sie umringen mich, werfen mich vom Pferd, fesseln mich, dann setzen sie mich wieder aufs Pferd und führen mich fort. Und als sie an ihrem Rastplatz ankommen, beraten sie, ob sie mich jetzt töten sollen, und einer sagt: ›Wallah! machen wir ein Ende.‹ Er kommt näher und sieht mir ins Gesicht, es dämmerte schon. Und er sagt: ›Das ist Namrud!‹.

Er kannte mich, ich war ihm einmal zu Hilfe gekommen. Da banden sie mich los und ließen mich gehen, und ich ritt nach Jerusalem.«

Eine Geschichte folgte der anderen, die Maultiertreiber und ich lauschten mit atemloser Spannung.

»Die Araber haben gute Sitten und schlechte Sitten«, sagte Namrud, »aber es gibt viele gute. Wenn sie zum Beispiel eine Blutfehde beenden wollen, kommen die Feinde im Zelt dessen zusammen, dem Unrecht zugefügt wurde. Der Herr des Zeltes zieht sein Schwert, wendet sich nach Süden und malt einen Kreis in den Sand, dabei ruft er Gott an. Dann nimmt er einen Streifen von der Zeltwand und etwas Asche aus dem Herd, wirft alles in den Kreis und tippt sieben Mal mit seinem Schwert auf den Strich. Der Täter springt in den Kreis und ein Verwandter seines Feindes ruft laut: ›Ich nehme den Mord, den er begangen hat, auf mich!‹ So ist der Frieden wieder hergestellt.

Werte Dame! die Frauen haben viel Macht im Stamm, und die jungen Mädchen sind sehr geachtet. Wenn ein junges Mädchen sagt: ›Ich will den und den zum Gatten‹, dann muss er sie heiraten, sonst fiele Schande auf sie. Und wenn er schon vier Ehefrauen hat, muss er sich von einer trennen und statt ihrer das Mädchen heiraten, das ihn erwählt hat. So ist es Sitte bei den Arabern.«

Dann sah er meinen drusischen Maultiertreiber an und sagte:

»Muhammad! Mich plagt eine Sorge. Die Zelte der Sukhur sind nah, und zwischen den Beni Sakhr und den Drusen hat es noch nie Frieden gegeben. Wenn sie von dir wüssten, würden sie dich töten, sie würden dich nicht nur töten, sie würden dich bei lebendigem Leibe verbrennen. Weder die Lady noch ich könnten dich schützen.«

Das warf ein düsteres Licht auf den Charakter meines Freundes Nahar, der mir als Zeichen der Gastfreundschaft einst ein Tuch geschenkt hatte. Die kleine Schar am Feuer schaute erschrocken, aber Mikhail war der Lage gewachsen.

»Das soll Eure Exzellenz nicht bekümmern«, sagte er und servierte ein Gemüsegericht. »Bis wir das Djebel el-Druz erreicht haben, ist er Christ, und so lange heißt er nicht Muhammad, sondern Tarif, denn das ist ein Name, wie ihn die Christen tragen.«

So hatten wir den verblüfften Muhammad bekehrt und getauft, noch bevor die Rippchen aus der Pfanne auf den Teller kamen.

1Brünnow und Domaszewski haben in Bd. II ihres großartigen Werkes »Die Provincia Arabia« bewundernswerte Grundrisse und Fotographien der Festung veröffentlicht. Als ich Kastal besuchte, war dieser Band noch nicht erschienen.

III
VON TNEIB NACH NAJEREH

Am Morgen des 12. Februar, ein Sonntag, stürmte es noch, aber ich beschloss, aufzubrechen. Die in Tneib verbrachten Tage waren nicht vergebens gewesen, hatten sie mir doch die seltene Gelegenheit geboten, den Alltag auf einer dieser entlegenen Farmen Stunde um Stunde mitzuerleben. Aber meine Gedanken waren schon vorausgeeilt, und ich brannte darauf, ihnen zu folgen. Ich hatte sie wohl eingeholt, als Gablan, Namrud und ich die Hufe unserer Pferde auf den Schienen der Hedschasbahn klingen hörten und wir uns der offenen Wüste zuwandten. Wir ritten nach Ostnordost, im Süden, gar nicht weit entfernt, lag Mschatta. Wer dessen Schönheit mit eigenen Augen gesehen hat, wird es nicht ertragen, die geplünderten Mauern noch einmal zu besuchen. Aber man sollte nicht vergessen, dass Einiges für den Abbau der Fassade spricht, auch wenn das fraglos ein Akt des Vandalismus war. Wäre man ganz sicher gewesen, dass die Ruinen dieses Wüstenschlosses für immer blieben, wo sie seit einem Jahrtausend und länger stehen, dass, von winterlichen Regenstürmen abgesehen, nichts sie beschädigen würde: Man hätte sie unangetastet in dieser Hügellandschaft stehen lassen müssen, der sie ein solches Maß an fragiler und wunderbarer Schönheit verliehen. Aber die Eisenbahn rückt heran, neues Leben strömt in die Ebene, weder syrische Fellachen noch türkische Soldaten würden Mauern verschonen, deren Steine ihnen von Nutzen sein könnten. Darum mögen alle, die das unbeschädigte Mschatta kennen, dankbar und ohne allzu tiefes Bedauern daran zurückdenken.

Namrud und Gablan redeten pausenlos. Spät am Vorabend waren noch zwei Soldaten am Höhleneingang vorstellig geworden und hatten, nachdem man sie eingelassen hatte, eine eigenartige Geschichte erzählt. Sie hatten, sagten sie, zu den Truppen gehört, die der Sultan von Bagdad geschickt hatte, um Ibn Rasheed gegen Ibn Saud zu unterstützen. Dieser, berichteten sie, habe sie Schritt für Schritt bis an die Tore von Ha’il, Ibn Rasheeds Hauptstadt, zurückgedrängt. Als sich die beiden Heere so gegenüberstanden, sei Ibn Saud mit einigen Begleitern zum Zelt seines Feindes geritten und habe die Hand auf die Zeltstange gelegt, so dass dem Fürst von Schammar keine andere Wahl blieb, als ihn einzulassen. Dann seien sie an Ort und Stelle zu einer Einigung gelangt. Ibn Rasheed habe alle Gebiete bis ein oder zwei Meilen vor Ha’il an Ibn Saud abgetreten, die Stadt selbst und das Land nördlich davon, wozu auch Jof gehörte, aber behalten. Und er habe Ibn Sauds Herrschaft über Riyadh und die dazu gehörenden, ausgedehnten Machtbereiche anerkannt. Die beiden Soldaten hatten sich nach Westen durch die Wüste geschlagen, die meisten ihrer bewaffneten Kameraden seien gefallen, die anderen geflohen. Das war die mit Abstand authentischste Nachricht, die mir je aus Nejd zu Ohren gekommen war, ich habe Grund zu der Annahme, dass sie im Wesentlichen zutreffend war.2 Ich habe viele Araber nach Ibn Rasheeds Charakter befragt, die Antwort lautete fast immer: »Shatir jiddan« (»er ist sehr schlau«), gefolgt von »majnun« (»aber verrückt«). Ich hatte ihn als kühnen und hitzköpfigen Mann erlebt, rastlos, von geringer Urteilskraft, und nicht stark, möglicherweise nicht grausam genug, um den aufsässigen Stämmen seinen Willen aufzuzwingen, die sein Onkel Muhammad unter der Knute der Furcht gehalten hatte (die Geschichte dieses Krieges war eine Aneinanderreihung von Verrat durch die eigenen Verbündeten). Aber Ibn Rasheed ist, falls das Urteil der Wüste über ihn zutrifft, zu stolz, um sich den Bedingungen des gegenwärtigen Friedens zu beugen. Er ist überzeugt, dass die englische Regierung Ibn Saud gegen ihn bewaffnet hat. Diese Annahme stützt er auf die Tatsache, dass der Scheich von Kuwait, der unser Verbündeter sein soll, dem heimatlosen und verbannten Ibn Saud half, wieder in dem Land Fuß zu fassen, das seine Ahnen einst regiert hatten. Das sei in der Hoffnung geschehen, den Einfluss des Sultans an der Grenze zu Kuwait zu schwächen. Die Probleme begannen aber möglicherweise damit, dass Ibn Rasheed bereit war, eine Freundschaft mit dem Sultan einzugehen, eine Freundschaft, die der Welt durch Schammari-Stuten in Konstantinopel und junge Tscherkassinnen in Ha’il mitgeteilt wurde. Was das Ende von all dem angeht, so kann man nur sagen, dass Kriege in der Wüste kein Ende haben. Noch der geringste Zwischenfall kommt der Hitzigkeit irgendeines jungen Scheichs entgegen.

Die Ebene, durch die wir ritten, war nahezu unbesiedelt und für ein ungeschultes Auge ohne besondere Merkmale. Aber kaum je legten wir mehr als eine Meile zurück, ohne eine Stelle zu passieren, die mit einem eigenen Namen bezeichnet war. Wer arabischen Gesprächen lauscht, staunt über den großen Reichtum an Namen. Wenn man fragt, wo ein bestimmter Scheich seine Zelte aufgeschlagen hat, erhält man sofort eine präzise Antwort. Die Landkarte ist leer, und auch die Landschaft um das Lager herum ist leer. Eine kleine Erhebung, ein großer Stein, Reste einer Ruine, insbesondere natürlich jede noch so geringfügige Vertiefung, wo es winters oder sommers Wasser geben könnte – all dies sieht das Auge des Nomaden als Zeichen. Wer mit Arabern reitet, wird zum einen bald verstehen, warum es in der vorislamischen Dichtung vor Namen wimmelt, und zum anderen, dass zu den allermeisten Namen kein fester Ort gehört, denn der gleiche Name taucht hundertfach auf. Wir kamen zu einem kleinen Hügel, Gablan nannte ihn Thelelet el Hirsheh, wenig später zu einem weiteren, noch kleineren, der Theleleh hieß. Dort brachte Gablan sein Pferd zum Stehen und deutete auf einige feuergeschwärzte Steine am Boden.

»Dies«, sagte er, »war einmal meine Feuerstelle. Hier stand vor vier Jahren mein Lager. Dort drüben war das Zelt meines Vaters, der Sohn meines Onkels schlug das seine am Fuße des Hügels auf.«

Ich hätte mit Imra’alqais oder einem anderen der großen Dichter aus dem Zeitalter der Unwissenheit unterwegs sein können, deren Oden in ihrem hohen Ton solche Fragen umkreisen. Immer geht es darum, dass im Wüstenleben alles im ewigen Wandel ist.

Die Wolken überschütteten uns mit Regen, wir verließen Theleleh und bewegten uns sehr gemächlich nach Osten (ein reisender Araber bewegt sich selten schneller als im Schritttempo). Wie es seine Art war, verkürzte Namrud uns die Zeit mit Geschichten.

»Werte Dame«, sagte er. »Ich werde Euch eine Geschichte erzählen, die Arabern wohlbekannt ist, Gablan hat sie sicher schon gehört. Es war einmal ein Mann, jetzt ist er tot, aber seine Söhne leben noch, der eine Blutfehde hatte. Nachts überfiel ihn sein Feind mit vielen Reitern, sie trieben sein Vieh, seine Kamele und seine Pferde fort, nahmen seine Zelte und alles, was er besaß. Und er, der ein reicher und hoch geachteter Mann gewesen war, besaß kaum noch das Nötigste. Also ging er, bis er zu den Zelten eines Stammes kam, der weder Freund noch Feind seines Volkes war, am Zelt des Scheichs legte er die Hand auf die Zeltstange und sagte: ›Werter Scheich! Ich bin Euer Gast!‹ (Ana dakh’lak, das sind die Worte dessen, der Gastfreundschaft und Schutz sucht). Der Scheich erhob sich und bat ihn hinein, ließ ihn am Feuer sitzen und behandelte ihn mit Freundlichkeit. Er gab ihm Schafe, ein paar Kamele und Stoff für ein Zelt, der Mann ging fort und das Glück war mit ihm, zehn Jahren später war er so reich wie zuvor. Noch einmal zehn Jahre später aber befiel das Unglück den Scheich, der einmal sein Gastgeber gewesen war, nun war er es, der alles verlor: ›Ich werde zu den Zelten des So-und-So gehen. Er ist jetzt reich und wird mir helfen, wie ich ihm geholfen habe.‹ Als er zu dessen Zelt kam, war der Mann fort, aber sein Sohn war da. Der Scheich legte die Hand auf die Zeltstange und sagte: Ana dakh’lak, und der Sohn des Mannes antwortete: ›Ich kenne Euch nicht, aber da Ihr Schutz verlangt, kommt herein. Meine Mutter wird Euch Kaffee bereiten.‹ Also trat der Scheich ein. Die Frau rief ihn an ihre Feuerstelle und machte ihm Kaffee, aber es gilt bei den Arabern als Beleidigung, wenn der Kaffee von den Frauen zubereitet wird. Während er an der Kochstelle der Frauen saß, kehrte der Herr des Zeltes zurück, sein Sohn ging ihm mit der Nachricht entgegen, dass der Scheich gekommen sei. Er antwortete: ›Wir behalten ihn über Nacht, weil er unser Gast ist, aber bei Morgengrauen schicken wir ihn fort, wir wollen nicht in seine Fehden hineingeraten.‹ Dann wiesen sie dem Scheich eine Ecke des Zeltes zu und gaben ihm nichts als Brot und Kaffee, am Morgen baten sie ihn, zu gehen. Sie schickten zwei Reiter mit, die ihn einen Tag lang begleiteten, so ist es bei den Arabern Brauch, wenn jemand um Schutz gebeten hat und in Furcht um sein Leben weiterzieht. Dann überließen sie ihn seinem Schicksal, sollte er doch verhungern oder seinen Feinden in die Hände fallen. Aber eine solche Undankbarkeit ist selten, Gott sei gelobt, darum wird uns diese Geschichte immer in Erinnerung bleiben.«

Wir näherten uns einigen Erhebungen, die fast die Bezeichnung Hügel verdient hätten. Diese Hügel bildeten einen weiten Halbkreis nach Süden, in deren schützendem Rund Fellah ul’Isa seine Zelte aufgeschlagen hatte. Als ich beim Stamm der Da’ja war, beherrschten sie die ganze Ebene unterhalb des Amphitheaters von Djebel el’Alya und auch das Land im Nordwesten zwischen den Bergen und dem Fluss Zerka. Mujemir, der junge Scheich, lagerte im Norden, in der Ebene nach Süden seine beiden Onkel, Fellah ul’Isa und Hamud, Gablans Vater. Hamud traf ich nicht an, er war unterwegs, um nach einer Herde zu sehen, Gablan gab seinem Pferd die Sporen und ritt vor, um unsere Ankunft anzukündigen. Als wir vor dem großen Scheichszelt ankamen, trat ein weißhaariger Mann heraus, um uns willkommen zu heißen. Es war Fellah ul’Isa, mein Gastgeber. Der Scheich war in der ganzen Belka für seine Weisheit bekannt, seine Autorität ging weit über jene hinaus, die der Patriarch eines Herrscherhauses über seinen eigenen Stamm ausübt. Sechs Monate zuvor hatten ihn die Drusen, die nicht im Rufe stehen, freundschaftlich mit arabischen Scheichen zu verkehren, als hochgeehrten Gast empfangen. Darum, meinte Namrud, sei er der beste Berater für meine Reise. Wir saßen in seinem Zelt, bis der Kaffee zubereitet war. Die Zeremonie beanspruchte eine volle Stunde und geschah in ehrwürdiger Stille, unterbrochen nur vom Geräusch des Stößels, der die Bohnen im Mörser zerstieß. Das ist Musik in den Ohren der Wüste und übrigens keine einfache Aufgabe. Als der Kaffee getrunken war, kam die Sonne heraus, ich ritt mit Gablan und Namrud in die Hügel nördlich des Lagers, um einige Ruinen zu besichtigen, von denen die Araber berichtet hatten.

Die Djebel el’ Alya ist ein hügeliges Hochland, das sich über viele Meilen erstreckt und gegen Norden und Nordosten langsam abfällt. Die Gebirgskette verläuft von West nach Südost; sie steigt jäh aus der Ebene auf, auf dem Kamm liegen mehrere Ruinen, von denen ich zwei besichtigte. Es handelte sich offenbar um eine Reihe von Forts, die eine Grenze schützten, es gab aber keinerlei Inschriften, man kann also nur vermuten, dass die Anlage ghassanidisch war. Das erste Ruinenfeld lag direkt oberhalb von Fellah ul’Isas Lager, es könnte jenes Kasr el Ahla sein (die Da’ja kennen den Namen nicht), das auf der Karte des britischen Palestine Exploration Fund unweit der Hadsch-Straße vermerkt ist. Wenn es das war, dann liegt es allerdings vier oder fünf Meilen weiter östlich als auf der Karte angezeigt, und die korrekte Schreibweise des Namens wäre Kasr’el ’Alya. Ein kleiner Tell war von Mauerresten umgeben, die nicht näher bestimmbare Ruinen umschlossen. Etwa drei bis vier Meilen weiter nach Osten, am Eingang zu einem flachen Tal auf der Nordseite des Djebel el’Alya, stießen wir auf ein großes Wasserbecken, etwa 120 mal 150 Fuß. Es war äußerst sorgfältig aus Hausteinen erbaut und halb mit Erde gefüllt. Weiter oben, der Spitze des Hügels zu, lag eine Ruinengruppe, die die Araber El Muwaggar Qasr Al Muwaqqar nennen.3 Es muss ein Militärposten gewesen sein, denn es handelte sich offenbar um die Ruinen kleiner Wohnhäuser, was auf eine Siedlung hinweist. Im Osten lag ein Gebäude, nach Meinung der Araber ein Stall. Der Grundriss war allerdings der einer Kirche, mit drei parallelen Schiffen, das Mittelschiff war von den Seitenflügeln durch Arkaden getrennt, auf beiden Seiten standen noch jeweils sechs Bögen, Rundbögen, die auf gemauerten Säulen ruhten. Auf der Innenseite der Säulen befanden sich Löcher, durch die man Seile zum Anbinden von Tieren hätte führen können. Es ist also durchaus möglich, dass man zwischen den Bögen einmal Pferde eingestellt hatte. Über die drei Schiffe wölbte sich eine fassbogenförmige Decke, Mauern und Gewölbe bestanden aus kleinen, mit sprödem, zerbröckelndem Mörtel verbundenen Steinen. Einige hundert Meter nordwestlich davon fanden wir eine Zisterne, groß, offen und leer, mit gemauerten Seitenwänden und mehreren Stufen in einer der Ecken. Die größte Ruine lag etwas weiter nordwestlich, fast auf dem Gipfel; die Araber nennen sie Kasr, sie war vermutlich eine Festung oder Kaserne. Der Haupteingang geht gen Osten; wegen des abschüssigen Geländes wurde die Fassade durch einen Unterbau aus acht Gewölben getragen, über ihnen befinden sich Spuren von drei, möglicherweise vier Toren, die nur über Treppen erreichbar gewesen sein können. Zu beiden Seiten des Haupteingangs hatten kannelierte Säulen gestanden, einige waren noch vorhanden, die Fassade war mit Säulen und einem Gesims geschmückt. Fragmente lagen noch am Boden, daneben auch Kapitelle verschiedener Art, alle im korinthischen Stil, viele wichen allerdings stark von der klassischen Form ab. Einige Friese wiesen einfache Rankenornamente auf, wie ein Kleeblatt an jedem Außenbogen eines gewundenen Stängels; andere wiederum waren torusförmig und mit dem Schuppenmuster des Palmenstamms bedeckt. Die Fassade war vierzig Schritte breit; dahinter lag ein Vorraum, der durch eine Kreuzmauer von einem quadratischen Innenhof abgetrennt war. Dieser Hof war so ruinenübersät und von Gras überwuchert, dass ich nicht ausmachen konnte, ob er einmal von Räumen umgeben gewesen war. An jeder Seite der acht parallelen Gewölbe lag eine weitere Gewölbekammer, es waren also insgesamt zehn; aber die beiden zusätzlichen Kammern trugen vermutlich keinen Oberbau, denn die dicken Seitenwände des Vorraums ruhten auf den Außenmauern der acht mittleren Gewölbe. Deren Mauern bestanden aus viereckigen Steinen und Geröll, durch Mörtel verbunden.

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