Kitabı oxu: «Wettkampfkulturen»

Bent Gebert
Wettkampfkulturen
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-7720-8653-3 (Print)
ISBN 978-3-7720-0069-0 (ePub)
Inhalt
Vorwort
I Ausgangslagen
1 Zwischen Einfachheit und Vielfalt
2 Unbehagen in den historischen Kulturwissenschaften3 Aufgabenfeld (I): Produktiver Wettkampf, zerstörerischer Streit?3.1 Paradoxe Wettkämpfe: Perspektiven mediävistischer Literaturwissenschaft3.2 Grundlagen der Konfliktsoziologie3.3 Alternative Theorieangebote3.4 Zwischenbilanz
4 Aufgabenfeld (II): Vielfalt ohne ›diversity‹?
5 Aufgabenfeld (III): Diesseits der Kulturen?5.1 Zur Historisierung des Kulturkonzepts5.2 Pluralisierung als Prämisse5.3 (Wozu) braucht die Mediävistik Kulturbegriffe? Eine Stichprobe5.4 Angebote allgemeiner Kulturtheorien
6 Zielsetzungen: Wettkampfkulturen – Formen der Pluralisierung
7 Zur Textauswahl
8 Worum es (nicht) geht
II Theoretische Grundlagen
1 Wettkampf 1.1 Vorbemerkung 1.2 Kampf, Streit, Konflikt? Zum Verhältnis von mittelalterlicher und moderner Wettkampfsemantik 1.3 Wettkampf als Form: Ein Arbeitsvorschlag 1.4 Grenzen des Wettkampfs 1.5 Reduktion oder Steigerung von Komplexität? 1.6 Zwischenbilanz
2 Komplexität 2.1 Mediävistische Perspektiven 2.2 Transdisziplinäre Komplexitätsforschung: Anregungen und Risiken 2.3 Flechten und Falten 2.4 Kulturelle Komplexität 2.5 Komplexität durch Wettkampf 2.6 Formalisierung von Kultur?
III Studien
1 Vorspiel der Vervielfältigung: Zum älteren Hildebrandslied 1.1 Zwischen den Heeren 1.2 Vermutungswissen und Unterstellung: Hadubrands Latenzen 1.3 waltant got: Hildebrands Transzendenzen 1.4 Abgewiesene Gaben: Exposition von Kontingenz 1.5 Die doppelte Form des Wettkampfs 1.6 Vereinfachung
2 Seelenkämpfe 2.1 Streit um den Menschen (I): Allegorisierung und Externalisierung in der Psychomachia des Prudentius 2.2 Streit um den Menschen (II): Zur Anklageordnung der Vorauer Sündenklage 2.3 Internalisierung auf Zeit: Das Traumodell der Visio Philiberti 2.4 Der Streit in mir: Zur Klage Hartmanns von Aue 2.5 Wettkampfethik: Thomasin von Zerclære und die Habitualisierung der Unordnung
3 Unterlaufene Wettkämpfe: Zum Iwein Hartmanns von Aue3.1 Ein kompliziertes Herz3.2 Aufdecken3.2.1 bistûz Îwein, ode wer? Identität ohne Boden3.2.2 Anklagen3.2.3 Reflexion des Wettkampferzählens3.3 Verbergen3.3.1 Unsichtbarkeiten3.3.2 Vergessen, Verschwinden, Verkleiden3.3.3 Schlafen und Träumen3.4 Höfische Latenz3.4.1 Spuren und Spüren3.4.2 Herrschaft und Höfe, Hierarchien und Konkurrenzen3.4.3 Höfisches Erzählen als Latenzstrategem3.5 Kulturperspektiven
4 Entdeckungen: Das Nibelungenlied B4.1 Wettkampfparadoxien in Isenstein4.2 Konkurrenzen: Strukturen horizontaler Vervielfältigung4.2.1 Bettkämpfe4.2.2 Zukünfte4.2.3 triuwe4.2.4 Erzählgesten4.3 Hierarchien: Strukturen vertikaler Vervielfältigung4.3.1 Spuren4.3.2 Blicke4.3.3 Wissen4.3.4 Risiken4.3.5 Schichten4.4 Potenzierung4.4.1 Streitdialoge4.4.2 Dienen und helfen4.4.3 Deutungsräume4.5 Dynamisierung4.5.1 Rhythmen4.5.2 Kalküle4.5.3 Attraktoren4.6 Zusammenfassung4.6.1 Eine Frage der Dosierung4.6.2 Zeitkultur4.6.3 Selbstentdeckung
5 Wettkampfvergleiche: Konkurrenz und Serialität im Rosengarten zu Worms A5.1 Ein unwahrscheinliches Turnier5.2 Erzählte Vergleiche5.2.1 Unter Männern: Spielregeln für den Rosengarten5.2.2 Eine imaginäre Arena am Rhein5.2.3 Der Preis der Helden5.2.4 Kalkulierte Affekte5.3 Ordnungsschwierigkeiten5.3.1 Metaisierungen: Wohin führen die Wettkämpfe?5.3.2 Hermeneutische Aporien: Welchen Sinn haben die Reihenkämpfe?5.3.3 Gewalt-Spiele: Wie sind die Wettkämpfe zu bewerten?5.4 Erzählformen des Vergleichs5.4.1 Paare und Reihen: Figurenordnungen5.4.2 Schnittstellen von Komplexität und Einfachheit5.4.3 Was und wie misst die Serie?5.4.4 Verwickeln und Abwickeln: Formen des Vergleichens5.5 Pluralisierung durch Vereinfachung5.5.1 Arrangieren und Provozieren5.5.2 Spiegeleffekte5.5.3 Vom Problem zum Experiment5.5.4 Jenseits des Sagengedächtnisses5.5.5 Ökonomien
6 Wettkampfheiligung: Märtyrerlegenden von unzerstörbarem Leben6.1 Annäherung an einen Provokationstyp6.2 Analyseskizzen6.2.1 Zur Pantaleonslegende Konrads von Würzburg6.2.2 Vergleichsfälle (I): Von der Passio Pantaleonis zur Elsässischen Legenda aurea6.2.3 Vergleichsfälle (II): Andreas, Christophorus und der Wettkampf in der Welt6.3 Provokationen religiöser Form6.3.1 Vervielfältigung der Welt6.3.2 Oszillierende Werte6.4 Wettkampfheiligkeit als Pluralisierungsform
7 Wettkampf um Wissen: Heinrichs von Mügeln Der meide kranz7.1 Wissenschaftliche Streitkultur im Spätmittelalter7.1.1 Wissensinstitutionen in Bewegung7.1.2 Imaginäre Ordnungen: Wissensbilder7.2 Irritationen7.2.1 Kronen für alle? Ordnung und Unbestimmtheit des Wettstreits7.2.2 Spielräume wissenspolemischer Texte (I): Zum Anticlaudianus des Alanus von Lille7.2.3 Spielräume wissenspolemischer Texte (II): Zur Bataille des .VII. ars des Henri d’Andeli7.3 Reihen und Ränge7.3.1 Wissensschleifen7.3.2 Wiederholen und Wählen: Karl IV. als Wettkampfrichter7.4 Transgressionen7.4.1 Transzendenzen7.4.2 Einbrüche7.5 Kultureffekte7.5.1 Gott oder die Universität: Wettkampf von Wissensformen7.5.2 Unter Beobachtung7.5.3 Relativität7.5.4 Kippfiguren – kippende Formen
8 Wettkampfpolitik: Der Erzählzyklus der Sieben weisen Meister8.1 Komposition der Serie8.2 Spielregeln der Serie8.3 Argumentieren mit Exempeln?8.4 Wettkampf auf Zeit / Wettkampf mit der Zeit: Temporalisierung8.5 Erwartung und Abweichung8.5.1 Redundanzverstärkung8.5.2 Kunst der Störung: Modulationen8.5.3 Kunst der Wendung: Oszillationen8.6 Jenseits von Wahrheit: Politik des Exempelerzählens8.6.1 Übung und Ereignis: Balanceakte des Erzählens8.6.2 Zwischen Hören und Handeln8.6.3 Zwischen Schweigen und Reden
9 Nachspiel der Vielfalt: Zum jüngeren Hildebrandslied
IV Ergebnisse und Perspektiven
1 Formale Pluralisierung
2 Komplexitätstypen 2.1 Implikation 2.2 Explikation 2.3 Rekursion 2.4 Variationen
3 Kulturtheoretische Perspektiven 3.1 Einfalten und Ausfalten 3.2 Unbestimmte Ordnungen 3.3 Vielfalt vor der Diversität: Eine Schlussbemerkung
V Literaturverzeichnis
1 Textausgaben
2 Forschungsliteratur und Nachschlagewerke
Vorwort
Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 2017 von der Geisteswissenschaftlichen Sektion der Universität Konstanz als Habilitationsschrift angenommen. Für den Druck wurde sie überarbeitet.
Herzlich danken möchte ich Ludger Lieb, Michael Schwarze und Juliane Vogel für die Begutachtung der Arbeit und Anregungen aus vielfältigen Expertisen. Danken möchte ich gleichfalls meinen derzeitigen bzw. ehemaligen Konstanzer Kollegen Martin Baisch, Daniel Hütter, Norbert Kössinger, Michael Schwarze und Bernd Stiegler, die in Wettkampfbegegnungen auf dem Badmintonfeld, durch beflügelnde Gespräche und freundschaftliche Unterstützung den Fortschritt der Arbeit förderten. Burkhard Hasebrink hat mich mit ermutigendem Zuspruch, mit fachlichem wie persönlichem Rat seit vielen Jahren begleitet. Udo Friedrich, Burkhard Hasebrink und Susanne Köbele danke ich für die Aufnahme der Arbeit in die Bibliotheca Germanica und einlässliche, kritische Lektüren. Dankbar bin ich der Universität Konstanz für die Übernahme der Druckkosten durch den Young Scholar Fund sowie dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg für die Förderung des Forschungsprojekts, aus dem die Untersuchung hervorging. Viele haben mich von der Entwicklung des Projekts über dessen Ausarbeitung bis zu strapaziösen Korrekturgängen tatkräftig unterstützt: Luca Baumann, Lena Boehler, Elisa Fluk, Nico Kunkel, Céline Martins-Thomas, Martin Schneider, Pia Schüler und Philipp Sigg sei herzlich gedankt.
Die nachfolgenden Studien treten für eine mediävistische Literaturwissenschaft ein, die sich ebenso kritisch ihren theoretischen Grundlagen zuwendet wie ihren historischen Textgegenständen. Wie dieser Spagat produktiv gelingen kann, ist eine offene Frage – darüber und vieles mehr in kleinen und großen Gesprächen mit meiner Frau Eva diskutieren zu dürfen, bedeutet für mich ein großes Glück. Wettkampfkulturen leben, so will das Buch zeigen, von Überraschungen und Unbestimmtheit, die in Beziehungen intensiver Nähe erfahrbar werden. Daher widme ich es meinen Kindern Diana und Jonathan, die seine Entstehung an jedem Tag mit überraschendem Leben erfüllt haben.
Konstanz, im Dezember 2019 Bent Gebert
I Ausgangslagen
1 Zwischen Einfachheit und Vielfalt
»Mittelalterliche Geschichten handeln von Rittern, Prinzessinnen, Drachen, bösen Widersachern, Riesen und Zwergen«, bemerkt Armin Schulz lapidar in seinen Analysen zur Erzähltheorie, doch obwohl höfische Romane und Epen dazu immer wieder schematisch von Aventiure und Konfrontation, von Kampf und Liebe erzählten, erreichten sie bemerkenswerte »Komplexitätssteigerungen«.1 Ein solcher Eindruck trifft einen zweischneidigen Sachverhalt. Wer sich mit mittelalterlichen Erzählungen beschäftigt, kann kaum bestreiten, dass diese tatsächlich aus einem begrenzten Vorrat grundlegender Sujets und hochfrequenter Erzählkerne schöpfen.2 Ihre Protagonisten scheinen »alles andere als komplexe Charaktere«.3 Romane stützen sich auf ›einfache Formen‹, die z.B. dem Märchen ähneln,4 Epen und Kurzerzählungen greifen gleichermaßen zu Mustern und Erzählschablonen.5 Explizite produktionsästhetische Normen zielen auf Integration: Wenn die hochmittelalterliche Schulrhetorik etwa Bearbeitungsroutinen des Erweiterns und Kürzens empfiehlt, dann weniger zur Erzeugung origineller Sinnvarianten als vielmehr zum »Vereindeutigen des bereits Vorhandenen«.6 »Mittelalterliches Erzählen orientiert sich in großem Umfang an vorausgehenden Erzählungen«, deren Tradition durch Erneuerung gepflegt, deren »Grundmuster« als »konstantes Set von Wahrheiten« wiederholt und im »kulturellen Gedächtnis« gesichert werden.7
Andererseits bevorzugen mittelalterliche Geschichten zwar stereotype Elemente und einfache Basisschemata, kombinieren und variieren diese jedoch zu durchaus komplexen Erzählstrukturen und Figurenentwürfen, die mitunter hybrid oder gar brüchig wirken.8 Je nach Perspektive (und Kunst des Interpreten) scheint mittelalterliches Erzählen in seinem Dispositiv des Wiederholens und Erneuerns oft genug zwischen Einfachheit und Vielfalt zu schwanken.9 Kürzende Textbearbeitungen können nicht nur pointierend vereinfachen, sondern ebenso neue Sinnvarianten erzeugen,10 einstimmige Wissensbestände können in »plural fokalisierte[m] Erzählen« zugleich vielstimmig aufgeteilt werden.11 Auch lyrische Texte zielen auf »programmatische Steigerung von Komplexität« durch performative »Vielfältigkeit«, während sie gleichzeitig von »Standardisierung« ihres Themenvorrats ausgehen.12 Insgesamt nährt dies den Eindruck: »Wiederholung und Abweichung« scheinen gleichermaßen »zentrale Aspekte« der »mittelalterlichen Kultur« zu bilden, die sich schwer aufeinander reduzieren lassen.13 Und es scheint gerade dieses komplexe Zusammenspiel von Einfachheit und Vielfalt zu sein,14 das oft zu ebenso schwankenden Bewertungen der Modernität volkssprachlicher Literatur des Mittelalters verführt.15
Solches Schwanken ist der mediävistischen Literaturwissenschaft traditionell vertraut.16 Doch verdient es im Kontext kulturwissenschaftlicher Methodologie neue Aufmerksamkeit, insofern es auf grundsätzliche Schwierigkeiten der Kulturwissenschaften im Umgang mit historischen Texten verweist, deren Erzählformen zwischen Einfachheit und Komplexität changieren. Zu diesen Formen gehören nicht zuletzt auch Erzählmuster des Wettkampfs.17 Wenn höfische Romane geradezu obsessiv ritterliche Kämpfe umkreisen und dazu fortgesetzt Erzählschemata von Aventiure und Zweikampf durchspielen,18 erzeugen sie mittels einfachster Sujets und Erzählmittel oft Ergebnisse von schillernder Komplexität. Sie sind in ihren Voraussetzungen freilich reduktiv: Natürlich erzählen auch mittelalterliche Texte vom Zweikampf als Interaktion, bei der man gewinnt oder verliert; auch jenseits literarischer Inszenierung zielen z.B. mittelalterliche Gerichtskämpfe auf eindeutigen Ausgang der Wahrheitsfindung.19 Texte des hohen und späten Mittelalters stellen oft Zweikämpfe in den Mittelpunkt, deren Ausgänge irritierend offen bleiben, indem sie förmlich wuchern – und dies quer zu Sprach- und Gattungsgrenzen.20
Einen besonders eindrücklichen Fall dieser Art liefert in der deutschsprachigen Epik die Krone Heinrichs von dem Türlin (um 1230).21 Durch mehrdeutige Zugeständnisse ermutigt, hatte ein mysteriöser Ritter namens Gasozein die Königin Ginover zu vergewaltigen versucht, als die Aventiure zufällig den Musterritter Gawein zur Rettung herbeiträgt. Nach wenigen Reizworten fliegen die Ritter schemagemäß mit eingelegten Lanzen aufeinander: Beide mit gleichem zorn (V. 11872). Trotzdem bemühen sich die Aggressoren äußerst rücksichtsvoll umeinander. Nach dem ersten Waffengang pausieren Gawein und Gasozein einträchtig in ruowe miteinander (V. 11926), bis ihnen neue Kräfte zuwachsen. Sobald Gasozein sein Schwert entgleitet, lässt ihn Gawein bereitwillig die Waffe aufnehmen (V. 11958–11969) und hilft dem Gegner sogar wieder in den Sattel, als dieser entkräftet vom Pferd fällt (V. 11997–12006). Statt auf Sieg oder Niederlage zielt die Episode immer wieder auf Gleichstand: Jähzornig ersticht Gasozein sein ermüdetes Tier, woraufhin Gawein zum Ausgleich sein eigenes Pferd tötet (V. 12009–32). Wieder brechen beide erschöpft zusammen. Als Gawein schließlich als erster erwacht, eilt er sogleich Dâ hin, dâ sein geselle lak / Vnd noch seins slaffes phlak. / Den began er suoz wechen (V. 12212–12214). Obwohl Vergewaltiger und Beschützer also auf Zweikampfsieg und Niederlage des anderen zielen, suchen sie fürsorglich Symmetrie herzustellen. Dies nimmt geradezu intime Züge an (Gawein weckt Gasozein suoz) – und wird in auffälligen Wiederholungen erzählt. Insgesamt viermal brechen beide ohnmächtig zusammen und pausieren, sobald sich der Zweikampf asymmetrisch zu neigen droht, um sodann den Kampf fortzusetzen. Gawein und Gasozein verschlingen sich dabei in seltsamen Schleifen von Kooperation und Destruktion,22 welche die Kontrahenten im Widerstreit auf paradoxe Weise verbinden – in »strange loops«, wie man mit dem Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter sagen könnte.23 Schon Heinrich von dem Türlin hebt hervor, wie schwer diese Dynamik für die Beteiligten zu verkraften ist: Ginover, die umkämpfte Dritte, treibt solche Unfähigkeit zur finalen Entscheidung schier zur Verzweiflung (V. 12272–12289). Offenkundig: Solche Zweikämpfe kennen kein Finale, sondern höchstens Erschöpfungszyklen. Sie verleihen dem einfach strukturierten Erzählmuster vom Kampf auf Sieg und Niederlage durch paradoxe Verschlingungen eine Dynamik, die von keiner Figur mehr kontrolliert werden kann. Auch über die Szenenregie des Erzählers wächst sie hinaus. Zwar lenkt die Handlung die Freund-Feinde Gasozein und Gawein an den Artushof zurück, doch weder kann der offene Konflikt um Ginover gelöst werden, noch überhaupt stillgelegt werden. Ein unlösbarer Zweikampf verkettet sich dadurch mit einer Romanhandlung, die auch in vielen anderen Episoden schleifenförmig erzählt. Nicht nur für Richterfiguren wie König Artus werden dadurch Auflösungen schwierig. Auch ihrem Rezipienten verweigern solche Strukturen eindeutige Antworten, wie Justin Vollmann gezeigt hat:24 Wo solche Schleifen beginnen oder enden, wird schwierig zu ermessen, wenn Handlungsketten auf immer neue Wettkämpfe verweisen.25 Ausgestellt wird eine »reine Form: mehr oder weniger geordnete Zusammenhänge, die auf nichts verweisen außer auf sich selbst.«26
Die kooperierenden Feinde der Krone sind bekanntlich kein Sonderfall des spätmittelalterlichen Romans.27 Die nachfolgenden Analysen beleuchten, wie mittelalterliche Erzähltexte in verschiedensten Gattungs- und Diskurszusammenhängen paradoxe Kalküle des Wettkampfs gestalten, die vergleichbare Komplexitätsmuster hervortreiben. Aventiureromane entwickeln sie besonders häufig im Rahmen von Zweikämpfen. So führt etwa Hartmann von Aue den Gerichtskampf von Iwein und Gawein über mehrere Waffengänge und Pausen, die selbst dann noch fortwuchern, als der Gerichtskampf aus formaljuristischen Gründen bei Sonnenuntergang als entschieden gelten müsste:28 Tief im Herzen der Kämpfer aber treiben minne und haz unablässig Zuneigung und Aggression voran.29 Auch der Parzival Wolframs von Eschenbach verschränkt Aggression und Kooperation: vom Gruppenkampf der Artusritter gegen den tranceartig abwesenden Parzival über die Zweikämpfe Gawans auf dem Feld von Joflanze oder der unerkannten Brüder Parzival und Feirefiz bis zum alternierenden Wechsel umfangreicher Passagen, die bald Parzival, bald Gawan folgen.
Aber auch heldenepische Texte entwickeln ihre Kampfbeziehungen in dieser Spannung. Gemeinsam pausieren im Waltharius die Kontrahenten Gunther, Hagen und Walther miteinander, trinken, bespotten und rühmen sich gegenseitig für Verstümmelungen und andere Heldenleistungen; nach einer langen Sequenz von Siegen und Niederlagen balanciert die Erzählung damit einen Zustand aus, der Sieg und Niederlage aufschiebt.30 Selbst wenn Heldenepen ihre Antagonisten holzschnittartig gegenüberstellen, führt sie die Erzählung von Dietrichs Flucht in eine »Endlosschleife« von Kämpfen, die weder Anfang noch Ende zu haben scheinen.31 Ihre Dynamik treibt im Rosengarten zu Worms eine Duellserie voran, die aufwändige Bindungen zwischen Helden herstellt und zugleich tiefgreifend zerstört.32 Nicht immer wird diese Spannung textfüllend entfaltet, sondern kann ebenso episodisch zugespitzt werden. Zu solchen Situationen zählen nicht zuletzt höfliche Grußrituale, mit denen Helden noch den unbeherrschtesten Widersachern Runde um Runde entgegentreten.33 Wettkämpfe zeigen sich dabei als einfaches Muster mit komplexer Verkettungsstruktur, episodisch geschlossen und strukturell offen zugleich. Das reizt vielfach auch die Erzählinstanzen zu besonderen Übertragungen: Während etwa Sivrit den Jagdwettkampf in der 16. Aventiure des Nibelungenliedes triumphal beendet, habe die Jagd auf ihn selbst gerade erst begonnen – Daz jagt was ergangen und ouch niht gar.34
Wenn höfische Romane und Heldenepen diese Kampfdynamik von Schließung und Öffnung besonders häufig mit Signalen von Kooperation und Verweigerung verbinden, lässt sich dahinter eine feudale Distinktionspraxis erkennen, in der Gewinn und Verlust von Ehre grundsätzlich auf wechselseitiger Anerkennung beruhen. Dagegen zeigen die vielfältigen Wettkampfszenarien religiöser Textsorten, dass paradoxe Schleifen keineswegs auf die soziale Logik adliger Selbstdarstellung beschränkt sind. Auch Märtyrerlegenden erzählen so zum Beispiel in unendlichen Kreisläufen von Glaubensdisputen, Foltern und Auferstehungen,35 in denen Heilige und ihre Widersacher sich nicht bloß auszuschalten suchen, sondern gegenseitig immer wieder Spielräume für Machtdemonstration eröffnen. Auch Legenden erzählen in vielen Fällen mittels agonaler ›loops‹ von Kooperation und Destruktion, die vermeintlich einfache Heilserwartungen in riskanter Weise aufs Spiel setzen.36 In vergleichbarer Weise stellen auch Wissensdiskurse des Spätmittelalters epistemische Ordnungen in Gestalt von Wettkämpfen zur Debatte, die weniger auf stabile Lösungen als vielmehr auf fortgesetzte Dynamik zielen.37 Die Beispielliste ließe sich jenseits narrativer Textsorten rasch weiter verlängern.38
Zwischen Einfachheit und Vielfalt eröffnen Wettkampflogiken dadurch Spielräume, die Grenzen und Möglichkeiten ihrer Kontexte experimentell zur Debatte stellen. Antikenromane wie der Eneasroman Heinrichs von Veldeke etwa entfalten im Rahmen von Kampf- und Liebesdarstellungen ein »konkurrierende[s] Nebeneinander von himmlischer und irdischer Handlungsmotivation«, das die Gründungsgeschichte römischer Herrschaft um Geschichten alternativer Liebesformen, religiöser Instanzen und politischer Stile erweitert.39 Ausgangspunkt der Untersuchung bildet dabei die Beobachtung, dass derartige Spielräume nicht schon von Konfliktsujets wie Krieg oder Zweikampf allein begründet werden. Sie entstehen in besonderem Maße, wenn ihre erzählerische Organisation erkennbar an konkurrierenden Darstellungsmodi arbeitet, die wie im Falle des Eneasromans etwa Motivationsarten, Semantiken und Diskurse umfassen. Vielfalt entsteht selbst in solchen agonalen Erzählarrangements, die Schwert und Lanze mit keinem Wort erwähnen. Wettkampf wird somit nicht bloß als Frage nach Motiven und Semantiken, sondern auch nach narrativen Formen von Interesse. Was aber sind dies für Erzählformen, die sich weniger dafür interessieren, wer gewinnt oder verliert, stattdessen aber von Wettkämpfen in unabschließbaren Schleifen sprechen?40 Welcher Kultur entspringen literarische Gegner wie Gawein und Gasozein, die einander im Zweikampf auszuschalten suchen, gleichzeitig aber bis zur Erschöpfung fördern und unterstützen?
Die Beschreibung der einzelnen Motive, die zu diesen Fragen gehören, mutet einfach an: Es geht um Regeln und Akteure agonaler Spiele in feudalen, religiösen und urbanen Erzählkontexten. Und auch an sozialtheoretischen Begründungen für die Exzessdynamik von Kampfformen fehlt es nicht.41 Doch scheinen mir die Schwierigkeiten bereits diesseits motivgeschichtlicher oder literatursoziologischer Einordnungen zu beginnen, sobald sich das Interesse überhaupt auf Spielräume der Vervielfältigung richtet. Sie verschärfen sich gerade in kulturwissenschaftlichen Beobachtungslagen, die sich disziplinärer und gegenstandsbezogener Pluralisierung verdanken. Das klingt zunächst wenig eingängig. Sind kulturwissenschaftliche Untersuchungen nicht besonders dafür sensibilisiert, Texte als Knotenpunkte pluraler Zeichenensembles zu begreifen, die auf Optionalität und Selektivität angelegt sind?42 Wenn die gegenwärtigen Kulturwissenschaften die Gegenstandsgrenzen von Einzeldisziplinen ebenso wie die methodischen Grenzen von Paradigmenfolgen weit hinter sich gelassen haben, gilt die »Tendenz der Kulturwissenschaften zum Pluralismus« heute als unhintergehbar.43 Kulturen wie Kulturwissenschaften, könnte man daher vereinfachend sagen, sind nur unter pluralistischen Vorzeichen zu haben.44
Immer deutlicher zeichnet sich jedoch ab, dass damit Gewinne und Schwierigkeiten zugleich erkauft sind. Als fruchtbar erwiesen sich kulturwissenschaftliche Öffnungen, wenn damit nicht nur Grenzen überschritten, sondern Beobachtungszonen angereichert wurden. Problematisch erwies sich diese Vervielfältigung, sofern nicht im selben Maß reflektiert wird, inwiefern die Gegenstandsbereiche solcher Pluralisierung standhielten. Dadurch wuchsen blinde Flecke zwischen Forschungsoptik und Gegenständen, die nicht nur die Beschreibungsleistungen kulturwissenschaftlicher Forschung ermöglichen, sondern auf unbehagliche Weise auch einschränken. Sie bilden den allgemeinen Anlass und die Ausgangslagen (Kap. I.3–5) der vorliegenden Studien.
Dass vormodernes Erzählen einfach und komplex zugleich erscheinen kann, ist also nicht bloß ein Spezialproblem für Mediävisten, sondern könnte nicht zuletzt auch mit Beschreibungsproblemen grundsätzlicher Art zu tun haben. Zumindest können jüngere Theoriediskussionen der Mediävistik den Eindruck nähren, dass kompakte Begriffe wie etwa das ›Leitkonzept der Alterität‹ diese Schwierigkeiten eher verdeckten als analytisch erhellten.45 Auch ließen sich gängige Merkmale komplexer Texte wie Reflexivität und Polyvalenz häufig nur unter deskriptiven Verwerfungen oder negativen Vorbehalten auf mittelalterliche Erzähltexte anwenden.46 Galten besonders komplexe Texte dementsprechend als ›Frühformen‹ von Reflexivität,47 als herausragende Beispiele der ›Dekonstruktion‹48 kultureller Spielregeln oder als literarische Arbeit ›vor dem Zeitalter der Literatur‹,49 so mussten solche Perspektiven mühsam gegen ästhetische Normen und literarhistorische Modernisierungsthesen anschreiben,50 die Komplexität eher zum Argument von Wertzuschreibung als zum Werkzeug präziser Textbeschreibung machten.51
Die folgenden Überlegungen stellen sich dieser Herausforderung im Kontext von Historisierungsschwierigkeiten, welche die kulturwissenschaftliche Mediävistik mit methodischen Prämissen der Pluralisierung übernimmt. Schwierig sind sie, weil sie keineswegs oberflächlich eingehandelt und insofern leicht verzichtbar wären, sondern gewissermaßen zur Arbeitsgrundlage mediävistischer Textwissenschaften gehören. Meine Arbeitshypothese ist demgegenüber einfach: Wenn mittelalterliche Erzählungen einfach und komplex zugleich erzählen, könnten Typen der Vervielfältigung in den Blick treten, die in diesem präzisen Sinne als nicht-kulturförmig zu betrachten wären, insofern sie einen spezifisch modernen Pluralismus des Kulturellen nicht teilen. Doch mit emphatischen Abgrenzungen dieser Art ist natürlich wenig gewonnen: Wie kann man solche Erzählungen zwischen Einfachheit und Vielfalt beschreiben, ohne dafür den Umweg über Negationen zu nehmen? Die komplexen Formen mittelalterlicher Wettkampferzählungen könnten hierzu exemplarische Anregungen liefern, um Pluralisierungsannahmen der mediävistischen Kulturwissenschaften zur Debatte zu stellen. Wie Kulturwissenschaften sich jenen Objekten stellen, die sich kulturwissenschaftlicher Pluralität widersetzen, könnte dann auch über die Mediävistik hinaus zu einer weniger unbehaglichen, dafür aber brisanteren Frage werden.52
2 Unbehagen in den historischen Kulturwissenschaften
Unbehagen artikuliert sich besonders in historisch orientierten Forschungszusammenhängen, die Pluralisierungskonzepte der Kulturwissenschaft entschieden aufgenommen haben.1 So ist auch die Mediävistik einerseits im Gefolge des ›cultural turn‹ gewohnt, von vormodernen Kulturen zumeist im Plural zu sprechen. Erforscht wurden etwa »Kulturen des Performativen«2 oder die »Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter«,3 um nur zwei prominente Forschungsverbünde des letzten Forschungsjahrzehnts zu nennen. Auch im Rahmen von Projekten und Tagungen dient der Plural der ›Kulturen‹ dazu, neue Sachbezüge vergleichend zu organisieren.4 Andererseits ist hinlänglich bekannt – dies ist im nachfolgenden Kapitel ausführlicher nachzuzeichnen –, dass der Kulturbegriff als historisches Pluralitätskonzept erst seit dem späten 18. Jahrhundert zur Verfügung steht, um Vielfalt von Gesellschaften und ihren symbolischen Ordnungen zu vergleichen.5 Statt auf ein generalisiertes, abstraktes Reflexionssymbol wie den Kulturbegriff stützt sich die historische Kulturtheorie daher eher auf Formen der Reflexion, die eng mit konkreten Artikulationen, Praktiken und Materialitäten verbunden scheinen.6 Kulturtheorien als explizite Theorien irreduzibler Verschiedenheit, so ein weitverbreiteter Konsens, suche man in der Vormoderne vergebens. Kultursoziologische Ansätze leiten daraus die These ab, dass die reflexive Beobachtung von Vielfalt ein spezifisch modernes Kennzeichen sei.7 Erst moderne Kulturbegriffe stellten die Anerkennung von »Diversität«8 und »Kontingenz«9 menschlicher Lebensformen und Symbolsysteme programmatisch in den Mittelpunkt. Die pluralistischen Prämissen der Kulturwissenschaften verdanken sich dieser modernen Beobachtungspraxis.10
Für vormoderne Literatur ist diese pluralistische Beobachtung keineswegs vorauszusetzen. Dies unterstreichen zum einen Studien der mediävistischen Literaturwissenschaft, die der Kultursemantik kritisch gefolgt sind. Kreuzzugsepischen Erzählungen wie dem Rolandslied bescheinigt etwa Peter Strohschneider eine normative Asymmetrie von Christen und Heiden, von Eigenem und Anderem, die sich von modernen Kontingenzperspektiven als vor-kulturelle Konfliktordnung abhebe.11 Wie Marina Münkler zum anderen anhand spätmittelalterlicher Reiseberichte demonstriert hat, erweisen sich deren Wissensordnungen wiederum als flexibel genug, um ethnische, anthropologische und soziale Fremdheitserfahrungen zu artikulieren und in Zeichensystemen der Ähnlichkeit zu verorten, ohne sie gänzlich zu ignorieren.12 Der kulturfunktionale Status mittelalterlicher Textlogiken und Semantiken ist daher von Fall zu Fall zu prüfen und lässt sich keineswegs aus Einzelstimmen generalisieren. Mit Blick auf die Forschung lässt sich zumindest festhalten: Zur großräumigen Epochensignatur scheint »Pluralisierung« nach allgemeiner Einschätzung kaum vor dem 15. Jahrhundert zu taugen. Erst mit dem »Entstehen konkurrierender Teilwirklichkeiten«13 in der Frühen Neuzeit wandeln sich »Erfahrungen epistemischer Irritation«14 zum dauerhaften »Pluralismus institutioneller Gefüge«15. Emphatisch zugespitzt heißt dies, erst seit der Renaissance von vielstimmigen Repräsentationsmöglichkeiten von Wirklichkeit auszugehen.16
Doch schon Texte des Hochmittelalters kreisen um alternative Ordnungen und führen vor, dass sich auch anders handeln, anders glauben und anders wahrnehmen lässt. Zunehmende Mobilität von Personen, Kreuzzüge, Reformbewegungen und Fernhandel vervielfältigen die Spannungen und Differenzen ökonomischer, religiöser, wissenschaftlicher oder juristischer Ordnungen ab dem 12. Jahrhundert rasant.17 Auch die mittelalterliche Gesellschaft Europas geht also aus geschichtswissenschaftlicher Sicht faktisch mit Vielfalt um, ihre gelebten Ordnungen sind keineswegs kohärent, einheitlich oder reduktiv.18 Und schon die Geschichtsschreibung des Mittelalters zeichnet solche Differenzen in Gestalt von »unendlich vielen Geschichten im Plural« auf, die kein Kollektivsingular ›der Geschichte‹ eint.19 Zu Recht unterstreichen daher auch literaturwissenschaftliche Studien: »›Die‹ mittelalterliche Kultur ist ein Konstrukt, das es in dieser Homogenität und Ganzheit niemals gibt und nie geben konnte«.20 Wo literarische Texte wie das Nibelungenlied zugleich kulturelle Selbstbeschreibungen liefern, erzählen sie nie von Alternativlosigkeit, sondern immer auch von der Optionalisierung sozialer Ordnung.21 Und selbst kreuzzugsepische Texte wie der Willehalm Wolframs von Eschenbach experimentieren mit symmetrischen Darstellungsformen,22 entfalten »komplexe Überlagerungen« und Hybridisierungsmöglichkeiten, wo die Konfrontation von Christen und Heiden einseitige Ausgrenzungen erwarten ließe.23
Dennoch symbolisiert die mittelalterliche Gesellschaft diese Vielfalt nicht im positiven Sinne als Diversität. Zwar verfügen mittelalterliche Theologen und Philosophen, Geschichtsschreiber und Juristen durchaus über differenzierte Begriffe, mit denen sie Vielfalt (lat. diversitas, varietas, pluralitas, multitudo und multiformitas, wörtl. auch multiplicitas), Verschiedenheit (z.B. variatio, disparitas) oder Vorgänge der Vervielfältigung (z.B. plurificatio) bezeichnen.24 Anknüpfend an die Differenztheorien platonischer und aristotelischer Tradition systematisierten diese Begriffe nicht nur metaphysische Wesensverschiedenheit und zahlenlogische Vielheit (diversitas numeralis), sondern ebenso die Vielfalt geschaffener Dinge (diversitas rerum), sie galten der Meinungsvielfalt (diversitas opinionum) bis hin zu geistigen Operationen des Unterscheidens (distinctio oder diversitas rationis). In der Regel blieben solche Begriffe von Vielfalt jedoch auf komplementäre Konzepte von Einheit oder Einfachheit zurückbezogen, die keineswegs ein wertneutrales Begriffspaar bildeten. Während Einheitskonzepten in logischer und ontologischer Hinsicht zumeist höhere Dignität zukam, galt Vielfalt als davon abgeleitet und abhängig. Von Boethius und Isidor von Sevilla über Thierry von Chartres und Thomas von Aquin bis zu Nicolaus Cusanus bestand weitgehender Konsens: Vielzahl geht aus Einheit hervor oder mündet in Einheit,25 die Vielfalt der Dinge verweist auf einheitliche Ordnung als Absicht ihres Schöpfers,26 Varietäten sind in der Einheit ihrer Gattung verbunden. Wenn die Einheit der Welt in Vielfalt erfahrbar ist (unitas in pluralitate), so betrachtet Nicolaus Cusanus dies nicht als Reichtum sondern als schrittweise Einschränkung.27 Im gesamten Mittelalter klingt in philosophischen und theologischen Argumentationen ein »Ressentiment« an, das diversitas geradezu topisch mit Falschheit, Verworrenheit und Zwietracht in Verbindung brachte, wie Stephan Meier-Oeser bilanziert: »Während die Assoziation der Einheit mit positiv verstandenen Korrelativbegriffen sich bis in die jüngere Vergangenheit weitgehend konstant durchhält, erscheint die Bewertung der [Vielheit] seit jeher als ambivalent.«28 Diesen Eindruck einer ambivalenten Begriffsgeschichte teilt auch die mediävistische Geschichtswissenschaft bis in jüngste Zeit:
Im Mittelalter selbst war der Begriff des Einen und der Einheit gegenüber der Vielheit deutlich positiver besetzt. Mit ihm wurde der Geist und die Seele assoziiert, die Wahrheit und die Güte, die Ordnung und das Ganze, Liebe und Frieden, die Ähnlichkeit und das Universum. Pluralitas und multitudo belasteten indessen vorwiegend ungünstige Konnotationen, durch die sie, und zwar schon seit der Antike, zur ›Einheit‹ in deutlichen Kontrast gerieten. Die negativen Entsprechungen der Vielheit lauteten auf Verworrenheit und Zwietracht, Falschheit, Andersheit, Teilbarkeit, Bewegung, Materie und so weiter. […] Trotz der unbestreitbaren Höherschätzung des Einen und der Einheit wussten die Philosophen und Theologen des Mittelalters, dass Vielheit natürlich gegeben und unvermeidlich ist. […] Die Verschiedenheit (diversitas) des Besonderen konnte durch ihre Differenz aber durchaus zur positiv bewerten ›Vielfalt‹ (varietas) führen, die mit Schönheit, ja Vollkommenheit verbunden wurde.29
Festzuhalten ist damit zweierlei. Zum einen fehlte es also keineswegs an systematischen Diskursivierungen von Vielfalt im Mittelalter, im Gegenteil: Selbst schwankende Bewertungen, die das asymmetrische Begriffspaar provozierte, bezeugen intensiv geführte Auseinandersetzungen um Vielfalt und Einheit. Der springende Punkt scheint mir jedoch zu sein, dass derartige Konzepte von diversitas kaum positiven Raum für Unbestimmtheit eröffneten – für »unaufgelöste Vielheit«,30 die nicht zugleich von Gesichtspunkten der Einheit bestimmt ist.31
Trotz reicher Debatten und systematischer Diskursivierungen plädieren Texte des Mittelalters selten für Relativismus oder Pluralismus der Ordnungen. Sie bleiben stattdessen weitgehend auf integrative Semantiken eingeschworen, die Erwartungen an logische, metaphysische oder funktionale Einheit mit sich führen.32 Die ältere geistesgeschichtliche Forschung hatte aus diesem Grund die mittelalterliche Gesellschaft vom »Princip der Einheit« her beschrieben,33 das zwar Übertragung, nicht aber Teilung und Vervielfältigung von Herrschaft zulasse.34 Für die jüngere Sozialgeschichte erwuchs daraus das Problem, offenkundige Diskrepanzen zwischen der »realen Vielfalt« mittelalterlicher Lebenswirklichkeiten und den »noch starrer geprägt[en]« Modellen typischer Lebensformen zu beschreiben.35 Beamte und Gelehrte, Handwerker und Kaufleute – sie und andere mehr bilden neue soziale Gruppen in Bewegung, ohne dass deshalb Ständeordnungen des Hoch- und Spätmittelalters vom traditionellen Grundmodell der dreigeteilten Gesellschaft abrücken.36 Wenn Zeitgenossen reflektieren, »daß es Lebensformen in der Mehrzahl geben müsse«,37 manifestiert sich die »Pluralisierung der Lebensformen« selten in mimetischer Abbildung veränderter Lebenswirklichkeiten; was öfter greifbar wird, sind »Widersprüche« ihrer textuellen Artikulation.38
Diese Widersprüche haben ihren Grund nicht zuletzt darin, dass Selbstbeschreibungen der mittelalterlichen Gesellschaft nicht gleichermaßen aus sämtlichen Sphären bzw. Schichten überliefert sind. Vorrangig werden sie von einer Schriftpraxis getragen, die religiösen Institutionen verpflichtet ist, wie Jan-Dirk Müller unterstrichen hat:
Man hat gelernt, die Pluralität und die Antagonismen der mittelalterlichen Kultur zu lesen. An der Dominanz der christlichen Religion, der geistigen Führungsmacht der Kirche und der Prägung der literarischen Kultur durch die schriftkundigen clerici besteht aber kein Zweifel.39
Noch die jüngste Forschung beschäftigen somit Widersprüche, Verwerfungen und Lücken zwischen hegemonialen Selbstbeschreibungen und den historischen Realitäten sozialer Vielfalt, die seit dem Hochmittelalter beschleunigt wachsen. Zwar lässt sich keineswegs mehr vertreten, »die abendländische Christenheit« wäre »regelrecht besessen von der Vorstellung einer notwendigen reductio ad unum in allen Bereichen und auf allen Ebenen«, womit »Vielfalt in die Nähe des Bösen« gerückt wird.40 Ebenso verkürzend wäre es, lediglich von einer Vielzahl »vormoderne[r] kleine[r] Gemeinschaften« auszugehen, »die für die meisten ihrer Mitglieder die Universen waren, in die das Ganze ihrer Lebenswelt eingeschrieben war«.41 Unübersehbar sind vielmehr die Diskrepanzen: Zwischen programmatisch artikulierten Einheitsansprüchen und realer Vielfalt klafft ein ›semantic gap‹.42
Diese Kluft ist nicht allein auf Überlieferungslücken zurückzuführen, sondern betrifft ein positives Darstellungsproblem von Vielfalt. Es prägt und belastet besonders solche Texte, die diese Kluft ausdrücklich zu überbrücken versuchen, wie ein berühmter Sangspruch Frauenlobs andeuten mag. Er wird oft als Stimme literarischer Gesellschaftsreflexion zitiert, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf die wachsende Vielfalt von Lebensordnungen antwortet:43
In driu geteilet waren
von erst die liute, als ich las:
buman, ritter und pfaffen.
ieslich [] nach siner maze <was>
gelich an adel und an art
dem andern ie. <war> stet der pfaffen sin?
Sie leren wol gebaren,
kunst, wisheit, aller tugent craft,
fride, scham und darzu forchte
die ritterlichen ritterschaft.
der buman hat sich des bewart,
daz er den zwein nar schüfe mit gewinn.
Nu pfaffe, werder pfaffe,
laz ander orden under wegen.
du stolzer ritter, schaffe,
daz ritterschaft dir lache,
nicht nim an dich ein ander leben.
du buman solt <nicht> hoher streben,
daz lere ich dich, durch fremdes prises sache.
Aufschlussreich ist Frauenlobs Spruch weniger dadurch, dass er konservativ für ein dreigliedriges ordo-Modell von buman, ritter und pfaffen plädiert. Ebenso wenig mag überraschen, dass hinter der Behauptung von geburtsständischer Gleichrangigkeit (ieslich nach siner maze […] / gelich an adel und an art) durchaus ungleichgewichtige Funktionszuweisungen der Berufsstände zum Vorschein kommen. Signifikanter ist der Spruch für das angesprochene Darstellungsproblem von Vielfalt, da er unaugesprochene Möglichkeiten voraussetzt: Angesprochen werden horizontale Konkurrenz (ander orden), Optionalität von Lebensformen (ein ander leben als wählbare Alternative) und vertikale Mobilität (hoher streben). Frauenlobs Spruch zeigt somit Spuren komplexerer sozialer Ordnung, als sie die propagierte Ständelehre auffangen kann.44 Doch bleiben sie allenfalls Implikaturen des Textes; statt als positive Differenzierungen erscheinen sie nur im Zerrspiegel von Negationen. Paradoxerweise gibt der Ständespruch also umso weniger von jener sozialer Pluralisierung preis, der er seinen mahnenden Impetus verdankt.
Für literaturwissenschaftliche Zugänge zur Vielfalt der Vormoderne heißt dies zweierlei. Erstens führt auch auf dem Feld der historischen Kulturtheorie kein direkter Weg von der Sozialgeschichte zur Literaturgeschichte. Zweitens zwingt dies zu Umwegen in der Wahl relevanter Texte: Wer nach literarischen Spuren historischer Pluralisierungsprozesse fragt, wird expliziten Gesellschaftsbeschreibungen – ob in Gestalt von Ständelehren,45 Religionsdialogen oder sozialkritischen Kurzerzählungen46 – kaum bevorzugte Aussagekraft zubilligen können als Texten zu anderweitigen Themen. Im Gegenteil: Explizite Gesellschaftsbeschreibungen wie Frauenlobs Spruch liefern Fälle kultureller Selbstbeschreibung, die »ein Übermaß an Vielfalt innerhalb der Semiosphäre zu vermeiden« suchen, indem sie traditionelle Integrationsmodelle beschwören.47 Je ausdrücklicher von Vielfalt die Rede ist, sei es begrifflich oder thematisch, desto weniger lassen sich diese Texte als positive Quellen beim Wort nehmen.
Literatur- wie Geschichtswissenschaft stellt dies vor die methodische Schwierigkeit, Vervielfältigung zu beschreiben, die gleichwohl auf Einheit bezogen bleibt. Sie führt zu schwierigen Befunden: »Europas Vielfalt wurde entdeckt, aber die je besonderen Kulturen und Lebenswelten fielen dabei nicht ganz auseinander«, konstatiert etwa Michael Borgolte.48 Ungelöst ist damit eine methodische Spannungslage: Unter pluralistischen Prämissen untersuchen historische Kulturwissenschaften die Artefakte und Selbstbeschreibungen vormoderner Gesellschaften, die Pluralismus zurückzuweisen scheinen, obwohl sie gleichwohl aus Prozessen und Bedingungen sozialer Vervielfältigung hervorgehen oder diese sogar vorantreiben. Und nach gegenwärtigem Stand stehen der Mediävistik keine Meistererzählungen zur Verfügung, um diese Spannung auf einfache Weise einzufangen.
Dies erzeugt Unbehagen. Wo es zur Sprache kommt, führt es nicht nur zu paradoxen Einschätzungen: »Die Entdeckung der Vielfalt stiftete Distanzbewusstsein und Nähe gleichermaßen«.49 Kontrovers scheint darüber hinaus, ob und welches Konzept von ›Kultur‹ die Darstellung klären könnte. Einerseits wird kritisch betont, »dass Europa in seiner Geschichte niemals eine Einheitskultur gewesen ist«.50 Dennoch reißen die Versuche nicht ab, nach der »gemeinsamen Identität […] einer gemeinsamen kulturellen Tradition« Europas im Mittelalter zu fragen.51 Zum Teil beruht diese Diskrepanz auf unterschiedlichen Forschungsparadigmen:
Die ältere, auf das christlich-lateinische Abendland beschränkte Sicht und die plurikulturale Perspektive auf Europas Mittelalter stehen weitgehend unverbunden nebeneinander, eine Debatte hat nicht stattgefunden und die Zukunft unseres Geschichtsbildes ist ungewiss.52
Doch beschränkt sich diese Diskrepanz nicht auf Forschungsperspektiven, sondern betrifft zugleich das Verhältnis zur Ebene ihrer Gegenstände. Zwischen den »gedachte[n] Einheiten«, die jede Forschung einführt, und der »Vielfalt europäischer Kulturen des Mittelalters«, die sich auf Objektebene finden, wachsen methodische Spannungen, die sich nicht restlos auflösen lassen.53
Einer solchen Diskussion kulturwissenschaftlicher Pluralisierungsannahmen haben sich die historisch orientierten Literaturwissenschaften bislang erst in Ansätzen gestellt.54 Wo etwa die höfische Literatur des Mittelalters als Praxis ›höfischer Kultur‹ an Einzeltexten untersucht wird, steht die Kulturalität mittelalterlicher Literatur selten zur Debatte.55 Darstellungen, die Bewusstsein »für die Pluralität historischer Lebenswelten« schärfen, lassen meist offen, was daraus für den Umgang mit Kulturen abzuleiten wäre, die ein diskrepantes, ambivalentes oder unbegriffliches Verhältnis zu Pluralität charakterisiert.56 Umso bemerkenswerter erscheint diese reflexive Lücke, wenn Forschungsdebatten durchaus das Problembewusstsein für zahlreiche Schieflagen und Inkongruenzen zwischen universalistischen und pluralistischen Diskursen geschärft haben – im Bereich der Altgermanistik betrifft das vor allem das schwierige Verhältnis von ›Geistlichem‹ und ›Weltlichem‹, von ›religiöser‹ und ›säkularer‹ Kommunikation im Mittelalter.57 Auch in dieser Debatte zeichnet sich ab, dass vormoderne Grenzverläufe des Religiösen nicht zuletzt auch die Pluralisierungsvorstellungen der Kulturwissenschaften selbst in diese Beobachtungsschwierigkeiten verwickeln. Immer drängender wird damit für die kulturwissenschaftliche Mediävistik das »Problem«, dass »trotz wachsender Einsicht in die Vielfältigkeit und Heterogenität mittelalterlicher Lebensverhältnisse, Wissensordnungen, Mentalitäten usw. […] deren gemeinsame Basis in der christlichen Religion nie bezweifelt [wurde]«.58
Die vorliegende Untersuchung möchte literaturwissenschaftliche Anregungen liefern, um eine solche Debatte offener als bisher zu führen. Ihre Fragestellung ist nicht nur mit Blick auf das europäische Mittelalter brisant: Wie gehen Gesellschaften, die sich nicht als Kulturen im modernen Sinne beschreiben, d.h. keine ›diversity‹-Konzepte generalisieren, in ihren Praktiken und Kommunikationsformen dennoch mit Vielfalt um? Wenn die folgenden Studien diese Frage exemplarisch an Erzähltexte des Mittelalters stellen, so schwingt darin also das grundlegende Problem der Beobachtbarkeit fremder Ordnung mit. Es mag sich im Falle historisch fremder Gesellschaften verschärfen, stellt jedoch auch eine prinzipielle Herausforderung gegenwärtiger Gesellschaftsbeschreibung dar. Erkenntnisgewinne wären dann weniger darin zu suchen, die historischen Einsatzstellen für Pluralisierungsprozesse einfach zurückzuverschieben (von der frühen Neuzeit ins Spätmittelalter, von der berüchtigten Hochphase höfischer Literatur um 1200 zurück zu frühen Texten?). Der springende Punkt scheint mir vielmehr bei den impliziten Erwartungen der Pluralisierungsdebatte selbst zu liegen. Warum ist es so schwierig, moderne Konzepte der Diversifizierung in die Vormoderne zurückzuverfolgen? Theorietraditionen der Anthropologie und Ethnologie haben dieses Reflexionsproblem mit Kulturbegriffen eher verdeckt als offengelegt.59 Für die nachfolgenden Studien folgt daraus methodische Vorsicht. Nichts zwingt zunächst einmal dazu, Einfachheit und Vielfalt als Alternativen oder gar als Dichotomie aufzubauen. Entsprechend wäre eher nach den Bedingungen zu fragen, unter denen Kulturwissenschaften alternative Ordnungen beschreiben. Will man den Wandel von Pluralitätsformen selbst beschreiben, verlangt dies, formale Beschreibungen zu entwickeln, die nicht schon den Prämissen einer spezifischen Pluralität unterstellt, nicht einem spezifischen Kulturbegriff verpflichtet sind. Wettkämpfe bieten ein besonderes Feld, auf dem sich dieser Wandel von Pluralitätsformen im vorbegrifflichen Feld studieren lässt. Und ein formales Interesse kann helfen, um deren Unterschiedlichkeit möglichst aufmerksam zu registrieren.
3 Aufgabenfeld (I): Produktiver Wettkampf, zerstörerischer Streit?
Wettkämpfe als kulturelle Formen zu begreifen, ist schon deshalb verführerisch, weil sie omnipräsent verbreitet sind. Und doch erschließt sich ihre kulturtheoretische Aussagekraft nicht ohne Weiteres. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass ihre basalen Differenzlogiken sich mit vielen Semantiken und Praktiken anreichern, die sie auf spezielle Kontexte abstimmen und dadurch binden. Für ihre Erforschung bedeutete dies nicht nur Differenzierungsgewinne. Denn oftmals prägen Wettkampfformen auch über solche Kontexte hinaus modellhafte Erwartungen; agonale Praktiken der griechischen Antike, des höfischen Mittelalters oder neuzeitlicher Märkte werden dann rasch zu kulturellen Leitmodellen schlechthin überhöht. Um den Blick nicht von vornherein zu verengen, sollen daher im Folgenden zunächst einige Aufgabenfelder genauer sondiert werden, auf die sich die Frage nach Wettkampfkulturen erstreckt. Auf diesem Weg sind drei Herausforderungen abzustecken, denen sich die Untersuchung stellen muss.
3.1 Paradoxe Wettkämpfe: Perspektiven mediävistischer Literaturwissenschaft
Eine erste Herausforderung stellt sich unmittelbar mit den paradoxen Figurationen von Kooperation und Aggression, zu denen höfische Romane zentrale Zweikämpfe verdichten. Ihre Spannung bildet an sich kein Spezifikum der europäischen Adelsliteratur: »gesellig[e]« und »antagonistisch[e]« Dimensionen prägen Wettkampfmuster in verschiedensten Zeiten und Gesellschaften.1 Die mediävistische Forschung hat derartige Paradoxien jedoch bislang eher entschärft, indem sie die Irritationen von Wettkämpfen vorrangig auf Konzepte von Einheit bezog, als Dynamik von Anerkennungsbeziehungen verstand oder gezielt nach ihrer Auflösung suchte. Dies verschärfte nicht nur die Frage, welche Relevanz man paradoxen Formen des Widerstreits zubilligt, sondern auch, wie man diese methodisch erfasst, ohne ihre Irritationspotentiale vorschnell zu harmonisieren.2 Drei Positionen der germanistischen Mediävistik geben dazu wichtige Anhaltspunkte.
Hatten ältere Motivgeschichten die Kämpfe höfischer Epik vor allem als Erkenntnisaufgaben für Figuren und Rezipienten verstanden,3 so lesen sie jüngere sozialgeschichtlich inspirierte Studien als Symbolisierungen adliger Distinktionspraxis nach höfischen Regeln. Für die stratifikatorische Adelsgesellschaft ist die Darstellung von Rang zentral, was im Mittelalter performative Beweise und wechselseitige Bestätigungen von Ehre einschließt, in denen gleichsam symbolisches Kapital angehäuft wird.4 In einem einflussreichen Ansatz hat Harald Haferland für dieses Interaktionsmodell den Begriff des Agon herangezogen.5 Die höfische Literatur spiele in ihren Wettkämpfen ein ›psychosoziales Schema‹6 durch, das die reale »Gewaltfähigkeit des Adels« zugleich auf wechselseitige Kooperation verpflichte:7
Der Wettkampf wird, was die gemeinsame Einhaltung von Regeln betrifft, ein Stück weit als gemeinsame kooperative Praxis behandelt. Dies tilgt etwas von jener Feindseligkeit, die zu jedem Kampf gehört. Sie wird umgefärbt, moduliert. […] Soweit erscheint der Wettkampf als kooperative Praxis.8
Im Interaktionssystem der Ehre stehe somit die »gemeinsame Einhaltung von Regeln« im Vordergrund, die besonders in Zweikämpfen zum Tragen komme und einseitige Gewaltakte zugunsten von Anerkennung zurückdränge.9 Doch bleiben paradoxe Spannungen auch in Haferlands Beschreibung präsent: »Feindseligkeit« gehöre »zu jedem Kampf«, Zweikämpfe folgen schließlich nur »ein Stück weit« der Kooperation. Paradox erscheinen auch die sozialen Strukturierungsgewinne, denen Haferlands systematisches Interesse gilt. So setzen Zweikämpfe als adlige Selbstdarstellungsformen einerseits horizontale Ebenbürtigkeit voraus, wie sie etwa in symmetrischen Wechselreden und ritualisierten Kampfabläufen zum Ausdruck kommt.10 Andererseits zielen sie aber auf vertikale Unterschiede, denn zu kämpfen heißt, den anderen überbieten zu wollen.11 Als Kreis von ununterschieden Gleichrangigen, die sich zu unterscheiden suchen, erweist sich die Wettkampfgesellschaft des Artusromans als zutiefst ambivalent.12 Besonders in höfischen Festszenen
erscheint die Festfreude bereits durch kleinere Störungen von innen her gefährdet: indem Schwierigkeiten dabei auftreten, die sozialen Imperative der Reziprozität und des Agons zugleich zu erfüllen. Das Verhältnis zwischen der virtuellen Gleichheit aller (Tafelrunde) und dem Gebot, dennoch festliche Ordnung auch agonal durch Hierarchisierung herzustellen, ist per se prekär, wenn nicht paradox.13
So allgemein dieser Forschungskonsens zur höfischen Epik geteilt wird, so häufig wird jedoch diese Spannung von Wettkämpfen in Analyse und Theoriebildung aufgelöst. Betonte Haferland vor allem die fairen Regeln, die »Störungen« und Gefährdungen zu zähmen vermögen, so rückt nur eine Seite dieses Verhältnisses in den Blick. Unterscheidet man außerdem den gewaltsamen »Ernstkampf« vom kooperativen »Wettkampf«,14 so bricht jenes Kontinuum in kategorische Teile auseinander, das viele Wettkämpfe der höfischen Epik spannungsvoll zusammenhalten und verdichten.15
Solche Verlagerungen und Unterscheidungen prägen nicht erst die kulturwissenschaftliche Wettkampfforschung, sondern sind, wie noch näher zu beleuchten ist, tief in der Streitsoziologie verwurzelt. Noch auf der Ebene theoretischer Reflexion kann man darin Reaktionen auf Paradoxien sehen, die verschoben, verdeckt oder unterscheidungstechnisch auseinandergelegt werden. Sie zielen darauf, die schwierigen Formen von Wettkämpfen in schlechte Konflikte (»Feindseligkeit«) und gute Wettstreite (»kooperative Praxis«) zu schlichten. Gawein und Gasozein, Iwein und Gawein und viele andere seltsame Wettkämpfer höfischer Romane verstricken sich jedoch in Zuneigung und Aggression zugleich, die oft in keinerlei Auflösungs- oder Erkennensszene harmonisiert werden.
Das hat auch seinen theoretischen Preis. Denn obwohl im agonalen Schema weitreichende Möglichkeiten zu kultureller Reflexion angelegt sind,16 wird fraglich, wem oder was solche Spannungen in höfischen Texten zugerechnet werden. Haferland schlägt dazu vier Bezugsmöglichkeiten vor, die stets Probleme von agonalen Formen offenlegen. So ließen sich ritterliche Zweikämpfe erstens als Praktiken psychosozialer »Involution« lesen, die Manifestationen von sozialer Konkurrenz »in das Verhalten und Handeln einer Person hinein[nehmen]«.17 Erhellend weist Haferland damit auf, dass das alternierende Schema des Wettkampfs nicht bloß als Abfolge sondern genauer als Einlagerungsstruktur zu analysieren ist, das Bezugnahme, Reaktion und Vertiefung miteinander verkettet. Aber binden Wettkämpfe diese Form stets an psychische Strukturen oder an personalen Habitus? Dies mag für Fälle gelten, die etwa agonale Selbstreflexion als Seelenkämpfe gestalten.18 In andere Richtung führen hingegen Zweikämpfe wie das Einleitungsbeispiel der Krone, die ihre komplexen Strukturen ganz an der Oberfläche der erzählten Handlung halten oder als Erzählschleifen gestalten, statt diese in Psychen einzulagern. Mit anderen Worten: Selbstbewusstsein und Selbstreflexion von Figuren bilden oft nicht die entscheidenden Größen, an denen sich Einfachheit oder Komplexität des Erzählens ab- und einzeichnen.19 Mit Haferland selbst wäre daher einzuwenden: Wenn das agonale Schema einer grammatischen »Tiefenstruktur« folgt,20 dann stellen psychosoziale Verdichtungen zwar eine mögliche Konkretisierung dar, doch gibt es andere (und womöglich häufigere) Formen, auf die mittelalterliche Literatur ihre Wettkämpfe bringt, ohne dazu auf die Psyche oder den Habitus von Figuren zuzugreifen.21
Zweitens rechnet Haferland die Komplexitätseffekte von Wettkämpfen tendenziell auf Einzelpositionen zurück. Ihre Spannungsmuster wandern so von der Ebene der Kultur zur Person, wenn der Agon zunächst »als Schema kultureller Identitätsbildung«, dann aber als Frage der Ehre fokussiert wird, die »Grenzen einer Person« markiere und »zur Bestätigung einer persönlichen Identität genutzt wird«.22 In Gestalt von Aventiuren stelle der Roman dieses Prinzip erzählstrukturell auf Dauer: »Personen erfahren sich selbst.«23 Spannungsvoll wächst dadurch die Differenz von Kultur und Einzelperson, wie Haferland einräumt: »Die höfische Öffentlichkeit läßt Ich-Ideale aufleben in einer Repräsentation, die nur schwer vom Ich, von der Person selbst eingeholt wird.«24 Scheinen höfische Wettkämpfe als personale Formung also zunächst griffig beschrieben, so werden damit Spannungen theorietechnisch nur verschoben. Denn im gespaltenen Begriff der Repräsentation kehrt Selbstdifferenz wieder (Ich-Ideale vs. Person selbst), die Identität entgegenläuft. Haferland zufolge beginnt das ›agonale Schema‹ somit zwischen »soziale[n] Situationen« und gesteigerter ›Selbsterfahrung‹ zu oszillieren, ohne dass der Beschreibungsrahmen höfischer Interaktion dafür besondere Erklärungsmöglichkeiten anböte.25
Damit ist drittens die Frage verbunden, ob Wettkampf angemessener als dezentrierende oder als zentralisierende Form erfasst ist.26 Als kooperative Interaktion scheint das agonale Schema zunächst ein dezentrales Zusammenspiel, das auf keine Einzelposition zu reduzieren ist. Mit Blick auf seine soziale Funktion adliger Rangdarstellung betont Haferland jedoch vor allem Bündelungseffekte: »Durch Zentrierung von Aufmerksamkeit strukturiert das agonale Schema Raum und Zeit«, was in der exklusiven Arena des Zweikampferzählens wie in der Inszenierung von Triumph gleichermaßen zum Tragen komme.27 An anderer Stelle hält Haferland hingegen fest: »Agonale Lenkung der Blicke und Zentrierung der Aufmerksamkeit hat es auch mit Koordinationsproblemen zu tun. Nicht jeder kann im selben Augenblick den Mittelpunkt abgeben.«28 Dies gilt genau genommen für jeden Wettkampf, der mindestens zwei Aktanten alternierend beobachtet, dabei aber sein Aufmerksamkeitszentrum fortwährend verschiebt. Regelmäßig führen Zweikämpfe die »Koordinationsprobleme« vor Augen, die sich daraus ergeben: Wettkämpfe oszillieren und bilden seltsame Schleifen, weil ihre Formen sich gerade nicht zentrieren, Akteure in der Beobachtung nicht nebeneinander fixieren lassen, sondern fortgesetzt alternieren. Auch das hat einen paradoxen Kern: Wettkämpfe scheinen ihre Helden besonders dann hervorheben zu können, wenn zugleich auch der andere in gesteigerter Intensität spürbar wird. Agonales Selbstgefühl ist so gesehen nie bei sich.29
Dies macht es jedoch schwierig, Wettkampf als »Nullsummenspiel« zu betrachten, das auf klarer Verteilung von Gewinnen und Verlusten beruht.30 Richtig ist, dass noch die verwickeltsten Wettkämpfe über die zweiwertige Codierung von Sieg und Niederlage anlaufen. Und ebenso ist zu beobachten, dass speziell Wettkämpfe mittelalterlicher Literatur ihre Gewinne und Verluste oft ausdrücklich berechnen und beziffern – mittels ökonomischer Metaphern31 oder symbolischer Zahlenspiele.32 Problematisch wäre es allerdings, daraus auf geschlossene Buchhaltung zu schließen: Wiederholungen, Ausdehnungen und Steigerungen unterstreichen vielmehr die Neigung vieler Wettkämpfe zu offenen Rechnungen. Sie ziehen andere Räume, andere Zeiten und andere Akteure hinein und vergrößern soziale Summen. Ihr exzessiver Charakter verweist auf offene Aggregation.33
Sollen Wettkämpfe zu dauerhaften Strukturen stabilisiert werden, ruft dies institutionelle Grenzziehungen und regulierende Richter auf den Plan. Gerade die Entscheidungscodierung von Sieg und Niederlage aber scheint neuerliche Öffnung, Erweiterung und Fortsetzung von Wettkämpfen oft anzutreiben. Auch diese Spannungen paradoxen Wachstums treten zurück, wenn man Wettkämpfe allein auf ihre Entscheidungen hin betrachtet. Die Annahme eines höfisch regulierten Kooperationsmodells übergeht somit eine Reihe von Aspekten, die für eine textnahe Kulturtheorie vormoderner Wettkämpfe fruchtbar sein könnten.
Wichtige Anregungen liefert auch Udo Friedrichs Studie zur »›symbolischen Ordnung‹ des Zweikampfs im Mittelalter«. Im Anschluss an Georg Simmel fragt Friedrich nach dem allgemeinen Vergesellschaftungsprinzip, das so unterschiedliche Konfliktformen wie Duelle und Zweikämpfe, Rivalität und Konkurrenz, Wettbewerb und Wettstreit verbindet. In textnahen Analysen verfolgt Friedrich dabei die »Spannung zwischen Disziplinierung und Entfesselung«, die auch in höfischen Zweikämpfen »auf komplexe Art durchgespielt« werde.34 Gerade in weitgefasster, vergleichender Perspektive zeigt sich somit die Spannung »eines allgemeinen Prinzips«, das in Kämpfen »Vergesellschaftung herstellt und zugleich bedroht«, indem es »den Gewaltcharakter von Vergesellschaftungsprozessen offen [legt]«.35
Dies macht Zweikämpfe tendenziell zu einem Modus von Reflexion: »Im Zweikampf führt der Adel sich seine kulturellen Leistungen vor Augen, diskutiert aber immer wieder auch deren Grenzen.«36 Von Gewalt als paradoxem Motor von Vergesellschaftungsprozessen verschiebt sich der Fokus damit auf Ordnungsleistungen und Grenzziehungen. Als Teil eines »Konfliktlösungsmodells« gelesen, verpflichtet dies Zweikämpfe auf »Bewältigung von Kontingenz« und »Aufrechterhaltung der Ordnung«.37 Reflexion wird damit gleichsam eine Ventilfunktion zugeschrieben: »In der höfischen Literatur wird der Zweikampf zum Medium der Reflexion komplexer sozialer und kultureller Probleme.«38
Auch in dieser Argumentation tritt das schillernde Phänomen des Kampfes damit auseinander in Probleme, die der Lösung bedürfen, und Zweikämpfe, die solche Lösungen bereitstellen oder zumindest reflektieren. Dann jedoch steht zu fragen: Falls Zweikämpfe tatsächlich ein ›Konfliktlösungsmodell‹ darstellen, weshalb leistet sich die höfische Literatur in großer Zahl Wettkämpfe mit aufwändig verschobenen oder verhinderten Lösungen (wie z.B. die Begegnung von Gawein und Gasozein in der Krone oder den Gerichtskampf von Gawan und Gramoflanz im Parzival), Wettkämpfe mit Schein-Lösungen (wie z.B. Artus’ Schlichtungsversuch zum Kampf von Iwein und Gawein oder ambivalente Gottesurteile wie in Gottfrieds Tristan) oder Wettkämpfe mit katastrophalen Auflösungen (wie z.B. im Nibelungenlied)? Zumindest aus Sicht einer Sozialgeschichte, die Gewalt tendenziell als Problemgeschichte thematisierte, geraten solche Kampferzählungen in die Schieflage, Grenzen zu verletzen und Lösungen geradezu zu verwehren.39
Doch formuliert Friedrich zugleich eine Reihe von Anregungen, mit denen sich die experimentellen Züge solcher Kampfmuster genauer erschließen lassen. (1.) Zweikämpfe experimentieren mit Offenheit, indem sie aus relativ einfachen Strukturvorgaben von Sieg und Niederlage zugleich »Spielräume« eröffnen, die in vielfältiger Weise zur »Projektionsfläche sozialen Sinns« dienen. Positionen werden im Zweikampf nicht zentralisiert und durchgesetzt, sondern in solchen Spielräumen ausgehandelt.40 (2.) Zweikämpfe zielen darüber hinaus auf Beobachtungsmöglichkeiten von Ordnung überhaupt.41 Denn sie liefern nicht nur ein »Medium kultureller Selbstdarstellung des Adels«, sondern »Versuchsanordnungen […], die kulturelle Muster reflektieren«.42 Was auf den ersten Blick als ein Interaktionsmuster der Durchsetzung erscheint, enthüllt sich so auf den zweiten Blick als eine operative Form von Kultur als Beobachtung von Beobachtungsbedingungen.43 (3.) Wenn Zweikämpfe Ordnung beobachten, erproben sie zugleich alternative Möglichkeiten: »Verschiedene Besetzungsoptionen können also in Spannung geraten und sich auf komplexe Art überlagern.«44 Wettkämpfe wären dann nicht bloß als Interaktionsmodell von Siegen und Verlieren zu begreifen, sondern als Frage von Formen,45 die durchgespielt, variiert und vervielfältigt werden können. Dementsprechend wären die unabschließbaren Fortsetzungspotentiale von Wettkämpfen als Hinweis zu lesen, dass auch höfische Romane mit offenen Möglichkeiten ihrer Ordnung rechnen.
Die nachfolgenden Studien schließen an diese Anregungen an. Mit Blick auf die mediävistische Forschung fällt jedoch ebenso auf, dass die zivilisierungstheoretische Vorstellung vom ›Konfliktlösungsmodell‹ des Zweikampfs selbst dann noch eine prominente Leitvorstellung darstellt, wenn sie als Negativfolie herangezogen wird. Für Viola Wittmann etwa treibe Wolframs Parzival das »Konfliktlösungsmodell […] an seine Grenzen«, indem die Kampfszenen des Romans dessen »Untauglichkeit in komplexen Situationen« wie dem Bruderkampf von Parzival und Feirefiz vor Augen führten, der konsequenterweise in Gewaltverzicht gipfele.46 Grundlegend bezweifelt Wittmann selbst, dass der Sinn solcher Zweikämpfe in »Ergebnisorientierung« nach Sieger und Besiegtem zu suchen sei.47 Alternativen sucht man dennoch vergebens: Statt bei der paradoxen Spannung anzusetzen, dass viele Kämpfe in Wolframs Parzival sowohl entscheidungsorientiert erzählt werden, als auch Entscheidungen verweigern, werden sie als problematische Reflexionen adliger Identität gelesen.
In anderen Gattungszusammenhängen haben Beate Kellner und Peter Strohschneider umrissen, wie eine solche Theorie ansetzen könnte.48 Ihr Vorschlag setzt bei der agonalen Kommunikation der Sangspruchdichtung an:49 So profiliere sich der Anspruch auf Meisterschaft in der paradoxen Spannung, dass Konkurrenten durch poetisch exponiertes Wissen einerseits zum Verstummen gebracht werden sollen, andererseits aber immer wieder zu Wort kommen müssen, um Bestätigung, Anerkennung und Fortsetzbarkeit von Kommunikation zu garantieren. Diese Wettkampfspannung reflektiert nicht nur die Poetologie des spätmittelalterlichen Meistersangs, der seine komplexer werdenden Liedformen mit agonaler Terminologie belegt.50 Von diesem Kommunikationsparadox her erschließen sich darüber hinaus auch komplexe Redestrategien, die Wissen und Poetik, Reden und Schweigen fortgesetzt potenzieren. Wie diese Spannung von ›Proliferation‹ und ›Destruktion‹ unmittelbar textgenerierend wirkt, belegen die umfang- und variantenreichen Arrangements des Wartburgkriegs. Nicht nur für den Bereich der Spruchdichtung ist dies einschlägig: Viele Wettkampfmuster basieren auf einfachen Formen, die Entfaltungs- und Verwicklungsmöglichkeiten sowohl anstoßen als auch begrenzen. Für eine Theorie von Wettkampfformen, die auch für Erzähltexte fruchtbar zu machen ist, liefert dieses Spannungsverhältnis einen wichtigen Fingerzeig.
Wie weit eine solche Theorie in kulturgeschichtlicher Hinsicht ausholen müsste und auf welche Gegenstandsfelder sie sich erstrecken könnte, ist hingegen eine offenere Frage. Die bisherigen Antworten der Mediävistik weisen in unterschiedlichste Richtungen, von Analysen spezifischer Felder bis zu Agonalitätskonzepten mit globalen Erklärungsansprüchen. Verdanken sich Wettkampfformen in erster Linie innerliterarischer Motivbildung,51 ästhetischer Muster52 oder speziellen Gattungskonventionen? Verweisen dialektische Zuspitzungen und Oppositionsstrukturen53 in literarischen Texte des hohen Mittelalters auf spezifische Erfahrungs- und Repräsentationsmuster besonderer Milieus wie etwa der ›höfischen Kultur‹ des Adels?54 Oder sollten wir Wettkampftexte eher als Produkte eines übergreifenden »mental habit of the Middle Ages« betrachten,55 einer allgemeinen »Neigung des Mittelalters« zu Kontrast, Konflikt und Streit?56 Kommt in ihnen gar eine »fundamentale Agonalität« zum Ausdruck, die für orale Gesellschaften überhaupt – und damit weit über das Mittelalter hinaus – charakteristisch ist?57 Zwischen solchen enger bzw. weiter gesteckten Prämissen äußern sich Stimmen, die literarische Wettkämpfe als historische ›Geschmacksvorlieben‹58 oder ›Moden‹59 bezeichnen. Will man sich nicht mit vagen Einschätzungen begnügen, so birgt die literaturwissenschaftliche Forschung also eine doppelte Gefahr: Wettkämpfe entweder zu eng zu fassen (z.B. als höfisches Interaktionsmuster) oder aber zu entgrenzen (z.B. in Richtung epochaler Muster).
3.2 Grundlagen der Konfliktsoziologie
Entkommt man dieser Schwierigkeit, wenn man sich einfach an Grundlagentheorien der Streit- und Konfliktsoziologie hält? Einige der angesprochenen Theorieprobleme – besonders im Blick auf die paradoxe Dynamik von Wettkämpfen – finden sich bereits in klassischen Positionen angelegt. So registriert etwa Georg Simmel1 äußerst feinfühlig, welche Spannungen Vergesellschaftungsprozesse des Streits begleiten. Doch ebenso deutlich zeigen sich die Schwierigkeiten, wie konvergierende und divergierende Bewegungen als Einheit zu fassen seien. Simmel sichtet dieses Problem an einem schillernden Spektrum von Kampfformen der unterschiedlichsten ›sozialen Kreise‹: von Rechtsstreitigkeiten und alltäglichen Aggressionen im Stadtleben bis zur Eifersucht von Ehepartnern, vom Kriegsverhalten der Indianer bis zu Disputen der Wissenschaft, von Rivalitäten unter mittelalterlichen Adelshöfen, Katholiken und Protestanten oder unter Künstlern bis zum biologischen Daseinskampf. Alle diese Fälle verbinde Nähe und Widerstreben, wie Simmel am Beispiel von Konkurrenten erläutert:
Man pflegt von der Konkurrenz ihre vergiftenden, zersprengenden, zerstörenden Wirkungen hervorzuheben und im übrigen nur jene inhaltlichen Werte als ihre Produkte anzugeben. Daneben aber steht doch diese ungeheure vergesellschaftende Wirkung: sie zwingt den Bewerber, der einen Mitbewerber neben sich hat und häufig erst hierdurch eigentlicher Bewerber wird, dem Umworbenen entgegen- und nahezukommen, sich ihm zu verbinden, seine Schwächen und Stärken zu erkunden und sich ihnen anzupassen […]. (S. 327)
Nicht nur triadische Relationen der Konkurrenz setzten solche Nähe voraus, im »Verweben von tausend soziologischen Fäden durch die Konzentrierung des Bewußtseins auf das Wollen und Fühlen und Denken der Mitmenschen« (S. 328). Ganz allgemein müssten jegliche »Gegner ein Gemeinsames haben, über dem sich erst ihr Kampf erhebt« (S. 310): »beiderseitige Anerkennung« der Akteure über gemeinsame Objekte des Begehrens (S. 306), institutionalisierte Streitordnungen und der »Zusammenschluß« (S. 360; 354–368) von disparaten Elementen zu Interessenseiten, Gruppen oder Parteien kennzeichneten jegliche Formen und Sphären des Streits. In strukturellem Sinne sieht Simmel darin »ein Gegeneinander, das mit dem Füreinander unter einen höheren Begriff gehört« (S. 284). Kampf tritt damit als paradoxe Beziehung hervor, die sich unter verschiedenen Aspekten näher bestimmen lässt, u.a.
als zirkulär gebaute, exzessive Dynamik;2
als »Verweben«, das innerhalb wie auch zwischen Streitenden Komplexität aufbaut (S. 328);
als Möglichkeit, Differenz zusammenzuführen und Intensitäten zu verstärken (S. 327, 329);
als Risiko, Relationen und Positionen sowohl zu fördern (S. 325) als auch zu zerstören (S. 289).
Für eine formale Beschreibung von Wettkämpfen liefert Simmel damit wichtige Gesichtspunkte. Ebenso grundlegend ist der Hinweis, dass Streit nicht bloß durch Außenabgrenzung die sozialen Relationen einer Gruppe verstärkt, sondern auch deren Binnenkohärenz durch interne Differenzen erhöht. Für den Zusammenhang von Wettkampf- und Kulturformen ist dies von systematischer Bedeutung, insofern Streit damit als paradoxes Muster der Komplexitätsbildung lesbar wird.3
Trotz ausdrücklicher Neigungen zum Paradoxen,4 trotz deskriptiver Sensibilität: Ebenso deutlich zeichnen sich aber Simmels Schwierigkeiten ab, die paradoxe Form des Streits »unter einen höheren Begriff« zu bringen. Mal bleiben seine suchenden Formulierungen vage (z.B. S. 284: »um zu irgend einer Art von Einheit […] zu gelangen«), dann greifen sie umso entschiedener zu metaphysischen Einheitskonzepten: »streitmäßig[e] Beziehungen« sieht Simmel demgemäß auf das Gesamt einer »Lebenseinheit« rückbezogen, deren »Verbindungen« – »unserem Verstande ungreifbar« – eine »mystische Einheit« bildeten (S. 291). Am häufigsten greift Simmel jedoch zum psychologischen Vokabular der Empfindungen, um paradoxe Zumutungen annehmbar zu formulieren: Verbindende und zerstörende Wirkungen des Kampfes mündeten in ein »Mischgefühl« (S. 293), das »Feinfühligkeit« erhöht (S. 328); auf Basis solcher Gefühle kämen Gruppen im Streit überein, ohne ihre Verbindung explizieren zu müssen (S. 310: »geheimes Sich-Verstehen der Parteien« im »stillschweigenden Pakt«). Umgekehrt zeigt Simmels Exkurs über die Regulierung von ökonomischer Konkurrenz, wie paradoxe Aspekte kategorisch unterbunden werden: Wie es das Leitbild des »›ehrlichen‹ Wettbewerb[s]« vorgebe, sei nur »lautere«, »rein[e]« Konkurrenz in vollem Sinne nützlich, die auf alle »irreleitenden« oder bloß schädigende Handlungen verzichte (S. 346f.). Destruktive Tendenzen, die sich aus der Nähe von Konkurrenzbeziehungen entspinnen können, grenzt Simmel somit aus. Aus paradoxen Dynamiken werden idealisierte Dichotomien von reiner und unlauterer Konkurrenz, von direktem und indirektem Streit.
Gerade diese kategorischen Abgrenzungen haben die Tradition der Konfliktsoziologie nachhaltig geprägt. Einflussreich knüpfte etwa Lewis Coser daran an, der Simmels Analysen kommentierte und in Richtung einer allgemeinen Konfliktsoziologie umarbeitete.5 Im Anschluss daran betrachtet auch Coser den Streit als konstruktiven Faktor sozialer Organisation (S. 19f., 35), da er Konfliktpartner füreinander sensibilisiere, Energien freisetze, Gruppen und Individuen in ihrer Identität bestätige. Und wie Simmel vermerkt auch Coser, dass dabei ambivalente Gefühlslagen von Hass und Begehren wachsen, die sich an gemeinsame Objekte und Regeln heften (S. 75–79). Noch entschiedener als Simmel jedoch weicht Coser destruktiven Tendenzen aus: Konflikte, die von Frustrationen angetrieben werden, Spannungen ableiten, Rache üben oder dritte Ersatzobjekte und Sündenböcke hineinziehen, gelten ihm als ›unecht‹, als ›echt‹ hingegen nur solche Konflikte, die offen zielorientiert verfolgt werden.6 Simmels Nebenbemerkung zum positiven Zielbezug des Streits rückt damit ins Zentrum der Konflikttheorie.
Exzessive Eigendynamiken und potenzierende Übergriffe werden damit weniger als konstitutive Momente von Kampfparadoxien beleuchtet, sondern als parasitäre Auswüchse von geringer Stabilität disqualifiziert, die es zu überwinden gilt. Sie kehren auf forschungsgeschichtlicher Ebene indes wieder: Während Coser etwa der frühen amerikanischen Soziologie ankreidet, Konflikt als strukturgefährdende Krankheit des Sozialen abzuwerten (so die Kritik gegenüber Talcott Parsons: S. 23–25, 29–31), grenzt Coser seinerseits Spuren der Destruktion aus. Statt auf eine paradoxiesensible Konflikttheorie zielt Coser somit darauf, paradoxe Spannungen zugunsten polarer Kontraste aufzulösen.
Dies stellte die Weichen für eine Soziologie, die Konflikte als Motoren der Stabilisierung betrachtet. »Der Konflikt dient dazu, die Identität und die Grenzen von Gesellschaften und Gruppen zu schaffen und zu erhalten«, fasst Coser bündig zusammen (S. 43; so auch S. 184), und »zum Anreiz bei der Einsetzung von Normen und Regeln und Institutionen« (S. 154). Wo gestritten wird, steht somit die Sicherung von Grenzen und Regeln auf dem Spiel. Aus dieser paradoxiefeindlichen Sicht leitet Coser eine folgenreiche Unterscheidung von Streit und Wettstreit ab: »In einem Wettstreit kann der Sieger bestimmt werden nach vorher festgelegten Kriterien, an denen die Kämpfenden gemessen werden. […] Im Streit dagegen stehen den Gegnern nicht von Anfang an solche Kriterien zur Verfügung« (S. 161). Im Rekurs auf Simmel und dennoch Simmels Interesse an paradoxen Einheiten zutiefst entgegengesetzt, begründete dies eine Forschungstradition, die schlechte Konflikte (grenzverletzend oder regellos) und gute Wettkämpfe (in Grenzen reguliert) gegenüberstellte. Weit über die Soziologie hinaus war diese Polarisierung attraktiv für zivilisationstheoretische Argumentationen, die Wettkämpfe bis heute vor allem als Kulturformen der Begrenzung und Pazifizierung werten: als »Transformation eines wilden, unkontrollierten Zustands der Gewalt in einen anderen Zustand […], in dem diese kanalisiert und produktiv nutzbar gemacht wird.«7 Unter regulierten Bedingungen gilt Streit daher als »Motor« fortschrittlicher Konfliktkultur.8
Die heuristische Leistung des Wettkampfkonzepts beschneidet dies erheblich. Auf mittelalterliche Wettkampferzählungen übertragen, verzerrt dies die Verhältnisse: obsessive Gegner wie Gawein und Gasozein in der Krone Heinrichs von dem Türlin wären in grandioser Weise als ›unecht‹ aufeinander fixiert zu betrachten; erzählerische Ambivalenz, wie sie Hartmanns Iwein in der Begegnung der Freund-Feinde Gawein und Iwein auskostet, wäre in höchstem Maße als ›uneigentlich‹ zu betrachten. Kategorische Unterscheidungen von Streit und Konflikt, Wettbewerb und Kampf etc. führen so gesehen in theoretische Sackgassen – oder aber in Paradoxien, die Gegner als verbunden zeigen, theoretische Abgrenzungen als durchlässig erweisen.9 Nur zögerlich lassen sich aktuelle Beiträge der Konfliktsoziologie auf diese Schwierigkeiten ein.10 Und auch mediävistische Studien vertiefen ihre Aporien eher, wenn man nach den Grenzen zwischen fairen Spielen und Ernstkämpfen,11 zwischen Gewaltvermeidung und deren Verstärkung sucht.12
Für eine historische Kulturtheorie des Wettkampfs sind dies gute Gründe, nicht schon vorab Wettbewerb, Wettstreit, Kampf, Konflikt oder Streit gegeneinander auszudifferenzieren, sofern dies Einsichten in die paradoxen Grundlagen agonaler Formen verstellt. Für ein solches formales Verständnis von Streit wirbt hingegen Dirk Baecker, demzufolge gerade das paradoxe Widerspiel von Anziehung und Distanz kulturelle Spielräume eröffnet:
Die Symbole der Tausch- und Kommunikationsmedien, so unsere These, stellen sicher, dass es ebenso attraktiv ist, sich auf eine entsprechend ausgezeichnete Handlung und Kommunikaton einzulassen, wie von ihr abzulassen. Das ist ihr Widerstreit.13
Ganz gleich, in welchen symbolischen Medien sie sich verdichtet: »Kultur als Widerstreit«14 motiviert auf paradoxe Weise dazu, sich einzulassen, aber jederzeit auch ablassen zu können. Gilt dies für alle agonalen Formen? Wettkämpfe, so wäre zu überlegen, könnten dafür nicht bloß verdichtete Einzelepisoden bereitstellen, die punktuell zur Debatte stehen. Sie könnten vielmehr die Anreize steigern, Widerstreit fortgesetzt auszubauen – auf sichtbaren Bühnen und zu umfangreichen Handlungsprogrammen.
3.3 Alternative Theorieangebote
Bekanntlich gibt es andere Theorietraditionen, die Streitparadoxien noch eingehender pflegen als mediävistische Literaturwissenschaft und Soziologie. Dazu gehören zum einen philosophische Stimmen von den Vorsokratikern bis zu Nietzsche, von Hegel bis zu Heidegger, die sowohl destruktive als auch produktive Aspekte des Streits beleuchten. Ebenso ließen sich poststrukturalistische Positionen ausführlicher bedenken, die auf die Dynamik unauflösbarer Konflikte als Quelle diskursiver Vielfalt verweisen.1 Mit Blick auf solche Ansätze wäre jedoch kritisch zu fragen, inwiefern sich philosophische Streitkonzepte der Antike oder Neuzeit in textanalytische Methoden übersetzen ließen, die mittelalterliche Streitformen angemessen erschließen und mit kulturtheoretischen Fragen vermitteln. Dass Widerstreit etwa Differenz wiederholt und variiert, ist grundsätzlich ernst zu nehmen, liefert jedoch kaum nähere Aspekte für die Analyse.2 Auch postmoderne Präferenzen für Unbestimmtheit sind an sich wenig erhellend. Denn viele der im Folgenden zu betrachtenden Wettkampferzählungen des Mittelalters halten so zum Beispiel an Konzepten der Einheit fest, indem sie Gegner im Zeichen von Freundschaft oder Verwandtschaft verbinden, indem sie Streit in starken Rahmen von Gerichtsprozessen, Ritualen oder anderweitigen Regelabläufen verorten. Was dabei ›vielfältiger‹ wird, erweist sich häufiger relationalen Spielräumen verpflichtet, als auf uneinholbare, inkommensurable Perspektivität zu dringen, wie sie der ›condition postmoderne‹ eignen mag.
Zum anderen ließe sich die Entfaltung von Wettkampfkultur auch im Rahmen von kulturgeschichtlichen Ansätzen erforschen, die von Jacob Burckhardt bis zu Aleida und Jan Assmann dem agonalen Streit eine integrative und kulturfördernde Wirkung zusprechen.3 Eine Kulturgeschichte des Wettkampfs könnte sich entlang großer Transformationsachsen bewegen, die vom sportlichen, religiösen und künstlerischen Agon der griechischen Antike über die römische Institution der Kampfspiele bis zu ihrer ambivalenten Aufnahme durch die christlichen Kirchenväter führen, die sich zwar kritisch von der weltlichen Wettkampfpraxis distanzieren, aber diese zugleich in Leitmetaphern christlicher Tugendlehre adaptieren. Kulturgeschichtlich könnte man nachzeichnen, wie das antike Erbe von Kampfspielen in verwandelter Gestalt militärischer Übungspraktiken durch das gesamte Mittelalter fortgetragen wird, im 12. Jahrhundert ritterliche Turniere als Bestandteil adliger Festkultur anregt4 und schließlich im Spätmittelalter zur Distinktionspraxis des Stadtbürgertums dient.5
Zweifellos bieten solche Etappen anschauliches Material für eine Geschichte des regulierten Kampfes zwischen Spätantike und früher Neuzeit. Doch drohen die großen Linien einer solchen Geschichte nur zu rasch die eigentlichen Spielräume kultureller Produktivität von Wettkämpfen zu überdecken. Ihre erstaunlichen, experimentellen und riskanten Lösungen zeichnen sich eher am Einzelfall ab. Zuletzt hegt auch die Kulturgeschichte ein ambivalentes Verhältnis zu Wettkampfphänomenen, die umso schärfere Abgrenzungen provozieren. »Der agonale Sieg ist der edle Sieg ohne Feindschaft der Sieg an sich«, erklärt schon Burckhardt;6 von »gutem (agonalem)« Streit als »Motor der Kultur« sei »böse[r] (aggressive[r]) Streit« zu unterscheiden, der »kulturzerstörend« wirke, so Aleida und Jan Assmann.7 Dass Wettkämpfe sowohl Vielfalt produzieren als auch zerstören, wird dann für jedes kulturgeschichtliche Lob des Agonalen zur unbehaglichen Zumutung.
3.4 Zwischenbilanz
Trotz umfangreicher und differenzierter Forschungstraditionen zu Widerstreit und Wettkampf sind somit grundlegende Fragen ungeklärt, die Wettkampf als heuristisches Konzept betreffen. Methodisch ungeklärt bleibt in der Regel, ob Wettkampf als Dynamik von Divergenz und Konvergenz auf Gegenstandsebene angesiedelt ist und / oder eine Zuschreibungsform zweiter Ordnung darstellt – ob also, mit Simmels Worten gesprochen, das »Gegeneinander« und »Füreinander« des Kampfs nur »begrifflich« oder »tatsächlich« als »Einheit« angesetzt sind (S. 284f.). Noch weniger ausgelotet sind zudem die Funktionen von Paradoxien, die Wettkämpfen ihre formale Dynamik verleihen. Wettkämpfe werden zwar häufig als Spannungen z.B. von Kooperation und Destruktion, von Proliferation und Begrenzung oder von Integration und Desintegration beschrieben, doch werden die Leistungen solcher Verschränkung vergleichsweise selten ausgeleuchtet. In der Regel gelten Wettkämpfe daher als ambivalente Konstellationen, deren positive oder negative Grenzwerte analytisch gegenübergestellt werden (guter Wettkampf, schlechter Streit), selten jedoch nach ihrer paradoxen Einheit befragt werden.
Für die Rekonstruktion von Wettkämpfen als kulturellen Beobachtungsformen kann man genau an diesen Stellen ansetzen, die einfache theoretische Ordnungswünsche in Probleme verwickeln. Wettkampferzählungen wären dann jedoch nicht als ›Probleme‹ zwischen Einfachheit und Vielfalt zu untersuchen. Sie wären vielmehr als Experimente zu betrachten, die Differenz vervielfältigen und gleichzeitig begrenzen. Die Frage ist dann: Von welchem Zuschnitt und welcher Dynamik sind diese seltsamen Spielräume?
4 Aufgabenfeld (II): Vielfalt ohne ›diversity‹?
Die Frage nach historischen Formen von Kulturalität führt zweitens zur Frage nach der Komplexitätsstruktur von Differenzmodellen des Wettkampfs. Auch hier eröffnet es neue Chancen, wenn man sich für verschiedene Formate von Vielfalt sensibilisiert. Versteht man Vielfalt als allgemeines Maß für irreduzible Differenz, so hält man sich zunächst offen, welche Ansprüche an formaler Kontextuierung damit verbunden sind – oder anders gesagt: ob solche Differenzen z.B. in mehr oder weniger engen Bezügen zusammengestellt, relationiert und ›verwoben‹ sind (im etymologischen Wortsinne von com-plexio und com-plicatio) oder eben aus solchen Bezügen entbunden sind. Versteht man den Begriff der Vielfalt also als Verhältnisse von Differenz und Kontext, lassen sich eine Vielzahl möglicher Spielarten profilieren. Als Diversität kann man so beispielsweise jene Fälle akzentuieren, in denen Differenzen nicht (oder zumindest weniger) unter den Zwang gestellt sind, in einem Zusammenhang miteinander verwoben, relationiert und dadurch von einer Form umfasst zu sein. Diversität ist damit ein Leitkonzept, das Vielfalt als »bloß[e] Verschiedenheit« auffasst: »ohne semantisch-axiologische […] Trennschärfe« und von normativen Zwängen eines Vergleichskontextes entlastet, aber dafür aus gemeinsamen Zusammenhängen gelöst.1 Mehr noch: Wo Vielfalt den Status von Differenz offen lässt, darf man im Namen von Diversität sogar davon absehen, ihren Kontext bestimmen zu müssen.2
Auf den ersten Blick sind dies feine Nuancen. Obgleich sich moderne Kulturbegriffe ausdrücklich auf Perspektiven der Diversität berufen, wird jedoch selten zwischen allgemeinen und besonderen Formansprüchen, zwischen verschiedenen Typen von Vielfalt und Diversität abgestuft. Wie selbstverständlich bevorzugt man Kulturvergleiche im Zeichen von Diversität, wenn man nach den Differenzen einer »heterarchisch geordneten Welt« jenseits von Einheitserwartungen fragt.3 Und nicht selten richtet sich das moderne Interesse an kultureller Diversität auch an Autoren des Mittelalters.4 Untersucht wurden Adaptationsprozesse romanischer und deutscher Hofkulturen,5 Konflikte von heroischen und höfischen Kulturmustern oder Hybridisierungen von religiöser und ritterlicher Kultur in Heiligenlegenden. Wo man nach Differenzlinien zwischen ›Geistlichem‹ und ›Weltlichem‹, ›religiöser‹ und ›säkularer‹ Kommunikation suchte, zeigen sich Differenzen konstitutiv verschränkt; an spätmittelalterlicher Literaturproduktion lässt sich die »Diversifikation städtischen Lebens« studieren.6 Ansätze dieser Art haben den Blick für Heterogenitäten und Eigenentwicklungen literarischer Diskurse des Mittelalters in hohem Maße geschärft. Doch verdeckt die Vielstimmigkeit theoretischer Konzepte kulturwissenschaftlicher Mediävistik mitunter Formate von Differenz, die auf Vervielfältigung, nicht aber auf Diversität zielen. Ausgeblendet werden dadurch beispielsweise Phänomene interner Vervielfältigung, die aus Formen der Selbst-Entgegensetzung hervorgehen.
Die mediävistische Forschung hat sie zumeist als Sonderfälle herausragender Gattungen oder Texte thematisiert, die in besonderer Weise Selbstreflexion forcieren, soziale Spielregeln dekonstruieren oder in Parodien zur Diskussion stellen. Gemeinsam ist solchen Fällen, dass sie die Vervielfältigung sozialer Kontexte und Kommunikationsformen nicht mittels negativer Ausgrenzungslogiken,7 sondern als internen Widerstreit organisieren. Die nachfolgenden Studien untersuchen solche Formen interner Komplexitätsbildung, mit der sich mittelalterliche Literatur ›in‹ ihren Welten »aus der Welt eines einsinnigen Sinns befreit«.8 Zu solchen Formen gehören nicht zuletzt auch Wettkämpfe, die diesseits von Diversitäts- oder Kontingenzperspektiven gleichwohl nach Darstellungsmöglichkeiten für Vielfalt suchen. Solche Möglichkeiten eröffnen nicht bloß Texte, die als besonders reflexiv, dekonstruktiv oder parodistisch gelten. Schwer sind jedoch die allgemeineren Formen solcher Vervielfältigung zu beschreiben, die gleichsam ›unterhalb‹ des Radars von expliziten Pluralismuskonzepten laufen, solange man modernen Diversitätserwartungen verpflichtet bleibt.
5 Aufgabenfeld (III): Diesseits der Kulturen?
5.1 Zur Historisierung des Kulturkonzepts
Besitzt das Mittelalter Kulturperspektiven? Eine solche Frage klingt entweder banal oder riskant. Banal, weil die Mediävistik ihre Gegenstände selbstverständlich als kulturelle Zeugnisse oder Artefakte beschreibt; riskant, weil in der Regel unausgesprochen bleibt, welcher spezifische Kulturbegriff jeweils in Anschlag gebracht wird und worauf dieser auf Objektebene genau gründet, wenn viele moderne Aspekte des Kulturbegriffs dem Mittelalter fremd sind.1 Dazu gehören nicht zuletzt Konzepte des kulturellen Pluralismus, die geradezu eine implizite Leitprämisse kulturwissenschaftlicher Forschung darstellen. »Die Beobachtung, dass die Lebensformen und Weltsichten der eigenen Gruppe nicht unbedingt auch diejenigen anderer Kollektive sind«, resümiert etwa Jürgen Osterhammel, »[…] steht am Beginn jeder möglichen Vorgeschichte der neuzeitlichen Kulturwissenschaften.«2 In einem wegbereitenden Essay hatte auch Uwe Steiner darauf hingewiesen, dass selbst begriffsgeschichtliche Lücken und Verschiebungen des Kulturkonzepts diesen pluralistischen Untersuchungsrahmen unberührt lassen:
Als Kultur noch nicht ›Kultur‹ genannt wurde, galt sie als das Ensemble der Formen, Techniken, Sitten, Gebräuche, Ideen, Werte, Konventionen usw., der natürlichen Entropie, den Annihilationskräften der natürlichen Zeit entgegenzuwirken und Stabilität zu erzeugen.3
So unscheinbar und geläufig die Metapher des Ensembles im Diskurs der jüngeren Kulturwissenschaften ist, so elegant übergeht sie die Frage, was Differenzwahrnehmungen von Ordnungen ›diesseits‹ von Kulturen organisierte. Frühe Ansätze vergleichender Kulturtheorie wie die Scienza nuova Giambattista Vicos beschäftigte hingegen ausdrücklich, wie die historisch unterschiedlichen Spielräume und Entwicklungen dieser Ensembles aufeinander zu beziehen seien. Noch Steiner hielt daher fest, dass Kultur ein Reflexionskonzept »historisch bedingter Kontingenz« benennt.4 Dieses Bewusstsein für historische Bedingungen und Formate von Kontingenz ist aus aktuellen Selbstbeschreibungen der Kulturwissenschaften nahezu verschwunden, die Kulturen »als immer schon pluralisiert«5 betrachten. Es ist schwer wiederzugewinnen, wenn man, getragen von politischen Motiven, kulturelle Sinnsysteme und Formen als immer schon vervielfältigt oder heterogen beschreibt.6 Dass es »›Kultur‹ nicht gibt, sondern nur ›Kulturen‹«, bildet so den Ausgangspunkt fast jeder kulturwissenschaftlichen Studie.7
5.2 Pluralisierung als Prämisse
Wie Andreas Reckwitz aufgearbeitet hat, ist diese Sicht zwar erst im 20. Jahrhundert gewachsen,1 hat sich jedoch über Disziplinengrenzen hinaus als allgemeiner Konsens verfestigt. Selten geht man noch hinter jene »kopernikanische Wende« zurück, die seit dem 18. Jahrhundert (namentlich verbunden etwa mit der Position Herders) nicht länger nach Einheitsrahmen oder nach normativen Maßstäben für Vergleiche sucht, sondern vornehmlich auf Differenz abstellt.2 Kultur bezeichnet seitdem die Kreativität, potentiell »alles mit allem [zu] verknüpfen«3 und durch Vergleiche fortwährend zu vervielfältigen.4 Wenn die »Anerkennung kultureller Diversität« einerseits den Raum von Beobachtungsmöglichkeiten erweitert und anreichert, geht damit andererseits die »Möglichkeit einer verbindlichen Weltrepräsentation« unwiederbringlich verloren.5 Kulturgewinne bedeuten in gewissem Sinn also Weltverluste.6 Und wenn moderne Theorien davon ausgehen, »daß Kulturen nur als Pluralität vorkommen«,7 scheinen Brücken diesseits der Pluralisierung für die Kulturwissenschaften weitgehend abgerissen.
Nüchtern lässt sich festhalten, dass damit ein blinder Fleck wächst, dem sich die Karriere der Kulturwissenschaften verdankt. Zum einen erlaubt er in historischer wie systematischer Hinsicht überraschende Vergleiche zu sehen, wo sich auf den ersten Blick keine Verbindungen zeigen. 8 Zum anderen aber wird gerade damit verdeckt, dass diese Vergleichsanstrengungen die Einheits- oder Differenzziehungen neu überformen, die entweder in den Objekten angelegt waren oder in historischen Perspektiven gezogen wurden. Dass kulturelle Beschreibungen auf Diskrepanzwahrnehmungen beruhen, tritt als ethnographisches Problem tendenziell in den Hintergrund. Wo aktuelle Forschungen im historischen Rückblick auf derartige Diskrepanzen stoßen, wachsen nicht immer die Reflexionsanstrengungen,9 sondern häufig auch Unsicherheiten. Steht etwa die »[c]ultural heterogeneity« und »hybridity« mittelalterlicher Literatur zur Debatte, verzichtet man entweder darauf, leitende Konzepte von Kultur zu historisieren,10 oder man appliziert kurzerhand moderne Konzepte kultureller Vielfalt auf Texte der Vormoderne.11
Vereinfacht könnte der Verdacht daher lauten: Wer von vormodernen Kulturen im Plural spricht, neigt zu der retrohistorischen Unterstellung, mittelalterliche Gesellschaften und ihre Literaturen kennten ebenfalls die Diversität von Ordnung. Wie aber lassen sich Kulturen beschreiben, »die weit entfernt davon waren, sich selbst als Kulturen zu verstehen«?12
In ihrer Zuspitzung mag eine solche Formulierung provozieren. Doch schärfer als bisher könnte sie dafür ein Problem konturieren, das in der mediävistischen Forschungspraxis weitgehend diffus mitläuft und allenfalls am Rande artikuliert wird. In diesem Sinne attestiert etwa Tobias Bulang der Sangspruchforschung einen »blinden Fleck«, wenn diese in jüngerer Zeit vor allem die »Redevielfalt« und »Pluralität verfügbarer Rollen und Typen« in den Vordergrund stelle:
»Passen« solche Interpretationen nicht wiederum nahtlos in eine Gegenwart, die sich als pluralistisch erfährt und in ihren soziologischen Selbstbeschreibungen (mit denen Philologen oft gut vertraut sind) diese Pluralität bis in die Fassung des Individuums selbst hineinverlagert?13
Bulangs vorsichtige Frage trifft ein Kernproblem der Historisierung, das weit über die Sangspruchdichtung hinaus von Bedeutung ist, insofern die Neigung zu pluralistischen Objekten eine tiefliegende, aber selten ausgesprochene praxeologische Prämisse darstellt. Vielfalt wird zum besonderen Problem, sofern damit nicht bloß ein kulturwissenschaftlicher Forschungsrahmen eröffnet wird, sondern sich zugleich kulturtheoretische Erkenntnisinteressen daran knüpfen. Auch mediävistische Studien äußern sich in solchen Fällen oftmals schillernd mehrstimmig. Im selben Atemzug werden einheits- bzw. differenzorientierte Konzepte nebeneinander aufgerufen, wenn von Kultur als Rahmen für »verschiedene Erzählgemeinschaften« von »Adelskultur« und »klerikale[r] Kultur« die Rede ist, aber auch vom »europäisch-christlichen Kulturraum« insgesamt.14 Debatten zu den Grenzverläufen religiöser und säkularer Ordnungen im Mittelalter werden von Unbestimmtheit begleitet,15 ob von Kultur (eher) im Singular oder im Plural zu sprechen sei, welche Beobachtungsposition für Differenz jeweils einzunehmen ist, wenn von der »geistlich-weltlichen Mischkultur des Mittelalters«16 oder von Kontaktphänomenen »innerhalb der mittelalterlichen Kultur(en)«17 gesprochen wird. Handbücher zur »Medieval Culture« suchen gleichermaßen umfassende Rahmen abzustecken (»fundamental aspects and conditions of the European Middle Ages«), wie sie umgekehrt die kulturelle Vielfalt von Sport, Medizin oder Papsttum vorstellen.18 Wieviel Pluralismus die Forschungsaufgaben der Mediävistik verlangen oder ertragen, ist demnach eine heikle, aber eher latente Frage.
Es sei betont: Wenn der kulturwissenschaftliche Blick aus Differenzwahrnehmungen menschlicher Ordnungen entspringt, welche die Einheit des Menschen gleichzeitig unterstellen und in Frage stellen,19 gibt es zu dieser Spannung keine einfache Alternative. Doch vielleicht lassen sich die Unsicherheiten offener angehen, die von Gesellschaften diesseits moderner Kulturperspektiven ausgehen. Freilich sind die Pluralitätserfahrungen historischer Lebens- und Kommunikationswirklichkeiten als solche unzugänglich. Oder in den Worten Peter Strohschneiders: Informationen über mittelalterliche Kultur findet die Mediävistik in der »Beobachtung der Selbstbeobachtungen mittelalterlicher Texte«,20 ohne dass sie dafür auf die historischen Prozesse solcher Beobachtung selbst zugreifen könnte. Als Objekte greifbar sind nur jene textuellen Arrangements, die ermöglichten, Unterscheidungen auf neue Weise zu treffen, die aber ebenso schriftlich überliefert worden sein mögen, ohne dass diese Angebote nachweisbar angenommen wurden oder gar über ihre Kontexte hinaus die mittelalterliche Gesellschaft zu prägen vermochten.21
Weder um eine Ideen- noch eine Sozialgeschichte der Vielfalt geht es den nachfolgenden literaturwissenschaftlichen Untersuchungen, sondern darum, einen kulturellen Möglichkeitsraum literarischer Texte zu vermessen, der von Diskontinuitäten, unterschiedlichsten Selektionsinteressen und ungleichartigen Überlieferungsbedingungen geprägt ist. Kein Weg führt zur Vergangenheit des Mittelalters zurück, der nicht über mehrfache Schichtungen und Verschiebungen von Pluralisierungswahrnehmungen führte; und nichts gibt dabei Anlass, Wettkampf als Idealmodell vormoderner Kultur zu romantisieren.22 Insofern gehören die folgenden mediävistischen Textanalysen – wie jede historisch orientierte Kulturwissenschaft – zum Kreis von Gegenwartswissenschaften, deren Interesse und Problem sie teilt, wie fremdartige Kulturformen zu relationieren sind.
Genau dafür sind Wettkämpfe von systematischem Gewicht. Denn damit geht es nicht bloß um die oft wiederholte Einsicht, dass Erzählmuster der kulturellen Selbstbeobachtung dienen können.23 Vielmehr halten Wettkämpfe in ihren ausgeprägt formalen Zügen24 etwas von jenen Selbstbeobachtungsmöglichkeiten diesseits der Kulturen fest. Indem sie Ordnung und Abweichung dynamisch aufeinander beziehen und Beobachter anziehen, werden sie als Formen der Vervielfältigung lesbar, die nicht auf ein spezifisches Maß oder explizite Begriffe von Pluralität fixiert sind. In dieser Hinsicht sind Wettkämpfe nicht nur als kulturelle Elemente,25 sondern mehr noch als kulturelle Formen von Bedeutung.
Schon im Mittelalter schien es attraktiv, Aushandlungen gesellschaftlicher Ordnung immer wieder auf »agonale Bühnen« zu bringen, um Differenzen sichtbar zu machen.26 Soziologische Ansätze von Georg Simmel bis zu Niklas Luhmann betrachten daher Streit als Vorläufer jener Vergleichspraxis, die in der Neuzeit schließlich das Kulturkonzept übernimmt.27 Dies macht Wettkämpfe für kulturwissenschaftliche Fragestellungen besonders einschlägig, die sich für Spielräume von Kontingenzpraktiken interessieren, die auch ohne begriffliche Zuspitzungen auskommen.
5.3 (Wozu) braucht die Mediävistik Kulturbegriffe? Eine Stichprobe
Ein erster Schritt zur Historisierung besteht darin zu fragen, welche Kulturbegriffe implizit oder explizit ins Spiel kommen, wenn Streit und Wettkampf untersucht werden. Die mediävistische Literaturwissenschaft verfügt über ein breites Repertoire von Kulturkonzepten, das die Pluralisierung der Kulturwissenschaften auch in ihrem Begriffsinstrumentarium bezeugt. Es reicht von traditionellen Einheitskonzepten (die z.B. ›mittelalterlicher Kultur‹ oder einem ›Kulturraum‹ gelten) über Semantiken des Pflegens spezifischer Ordnungen (z.B. ›höfische Kultur‹, ›Manuskriptkultur‹) bis hin zu Kontingenzperspektiven (die von Kulturen stets im Plural sprechen: ›hybride Kulturen‹ etc.). Doch nicht immer ist dabei nachvollziehbar, aus welchen Voraussetzungen diese Konzepte entspringen. Manche Konzepte, die programmatisch mit mittelalterlichen Streitgedichten verbunden wurden – man denke etwa an Michail Bachtins Idee karnevalesker ›Volkskultur‹ –, entpuppen sich bei näherer Hinsicht als unhaltbar für die Vormoderne, da sie zuallererst modernen Ideologien verpflichtet sind.1 Kritisch ist daher zu fragen: Wie weit ist nach derzeitigem Stand der Forschung reflektiert, ob geläufige Kulturbegriffe mittelalterlichen Texten adäquat sind? Und welche Chancen und Grenzen sind der historischen Rückübertragung solcher Konzepte vorgezeichnet, auch wenn sie ursprünglich nicht an Texten des Mittelalters gewonnen wurden?
Eine aktuelle Bestandsaufnahme – sozusagen den ›state of the art‹ – repräsentiert das von Christiane Ackermann und Michael Egerding herausgegebene Handbuch zu »Literatur- und Kulturtheorien in der Germanistischen Mediävistik«.2 Der Sammelband ist nicht nur deshalb aufschlussreich, weil er eine beachtliche Reihe methodischer und theoretischer Paradigmen aufführt, die für die aktuelle Diskussion der mediävistische Literaturwissenschaft produktiv sind. Er ist auch deshalb besonders einschlägig, weil seine Beiträge eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturbegriffe3 aufrufen und an exemplarischen Textanalysen veranschaulichen, die zugleich repräsentativ für die Begriffspraxis der mediävistischen Literaturwissenschaft insgesamt gelten können.
Es ist hier selbstverständlich nicht das Ziel, sämtliche Beiträge zu referieren. Ich beschränke mich stattdessen darauf, einige Positionen ausführlicher vorzustellen, an denen sich das Spektrum geläufiger Kulturbegriffe und deren methodischer Stellenwert abschätzen lassen. Konzepten der Kultur kommt dabei wichtige Bedeutung zu, indem sie Untersuchungsrahmen abstecken, Erwartungen an Dimensionen von Unterschiedlichkeit wecken und somit auch den Blick der Textanalyse lenken. Dies gilt allen voran etwa für Ansätze des ›New Historicism‹, die sozialgeschichtliche und literatursoziologische Fragen zur historischen »Poetik der Kultur« umschreiben (S. 387).4 Im Unterschied zu sozialgeschichtlichen Unterscheidungen von Text und Kontext ist »der historisch-kulturelle Hintergrund eines Textes nicht fraglos gegeben, sondern […] selbst ein ›Interpretandum‹«, wie Claudia Lauer festhält (S. 384). Kultur als »geschichtliche Umgebung« (ebd.) wird damit nicht nur auf Gegenstandsebene verortet, sondern als textförmig betrachtet: Wenn man »Kultur« als »Gewebe« von Texten betrachtet (S. 385, Roland Barthes; vgl. auch S. 386f.), die von gemeinsamen »Kulturkräfte[n]« (S. 385) und »Kulturprozess[en]« (S. 386) dynamisch durchzogen sind, lässt sich ihre allgemeine »Poetik der Kultur« mit literaturwissenschaftlichen Mitteln beschreiben (S. 387). »Literatur und Kultur« werden so engstens verwoben, ohne doch unterschiedslos identifiziert zu werden (S. 386). Kritisch ist jedoch festzuhalten, dass der ›New Historicism‹ trotz seiner grundsätzlich weiten Ausrichtung die kulturhistorischen Erkenntnisinteressen der Mediävistik nur begrenzt fördern konnte. Denn viele kulturpoetische Untersuchungen bevorzugen »Pluralität« und »Heterogenität« des dargestellten Materials, um eher ihre eigene Konstruktionsarbeit zu inszenieren, weniger aber um spezifische Eigenschaften des Objektfeldes herauszustreichen (S. 387). Zudem habe etwa die Altgermanistik eigene Methoden hervorgebracht, die weitaus differenzierter der »Rekonstruktion zeitlich ferner und kulturell fremder Kontexte« (S. 388) Rechnung tragen als Stichworte wie »Kultur als Text« oder »Zirkulation sozialer Energie« (S. 388f.). Entsprechend kommt die Differenz von »Literatur und Kultur« denn auch weniger als Analyseinstrument zum Sangspruchdichter Boppe selbst zum Tragen (S. 391–399), als vielmehr um Beobachtungen nochmals zu reformulieren (S. 400f.).
Auch Performativitätstheorien bringen unterschiedliche Kulturbegriffe u.a. der Sprachphilosophie und Linguistik, der Sozialwissenschaften und Ritualforschung, der Kunst- und Theaterwissenschaft zusammen.5 Als gemeinsamen Fluchtpunkt machen Ulrich Barton und Rebekka Nöcker aus, dass das weitverbreitete Verständnis von Kultur als Kontext (z.B. S. 422) einen praxeologischen Akzent erhält. In diesem Sinne zielen Performativitätstheorien auf die »Ausführungs-, Vollzugs- und Aufführungsdimension […] kultureller Praktiken« (S. 407; zu »kulturellen Praktiken« oder »Kulturpraktiken« vgl. auch S. 414, 416, 421). Das Praxiskonzept der Kultur lässt sich freilich vielfältig ausfächern. Je nachdem, ob sich das Erkenntnisinteresse auf strukturelle, ästhetische oder soziale Aspekte von Vollzügen richtet, lässt sich von »Darstellungskultur« (S. 407, 417) und »Kultur als Aufführung« (S. 410) sprechen oder nach dem »Aufführungscharakter von Kultur« (S. 410), der »kulturelle[n] Wirkung des Texts« (S. 421, vgl. auch 422) oder der »kulturelle[n] Konstitution« z.B. von Identität (S. 415) und der »kulturerzeugende[n] Wirkung des alltäglichen Lebens« (S. 417) fragen. So heterogen die zusammengeführten Disziplinen und Theorien sind, so unterschiedlich fallen auch die Leitverständnisse von Kultur aus, die diese mit sich bringen. So zielen etwa die Ritualtheorien Victor Turners / Arnold van Genneps auf geprägte Transformationsmuster zwischen »sozio-kulturellen Status- und Identitätsbereichen« (S. 414), während andere Theorien »Kultur« als spezifischen Bereich gegenüber »Justiz, Kirche, Militär, Sport« hervorheben (S. 417) oder spezifische Bereiche des Pflegens beleuchten (z.B. S. 420: »Emotionskultur«; S. 421: »literarisch[e] Kultur«). Aber auch ganz unspezifisch lasse sich eine »performative Sichtweise auf Kultur« (S. 410) einnehmen (so auch S. 407: »Perspektiven auf Kultur«). Obwohl die mediävistische Literaturwissenschaft allgemein an den »kulturwissenschaftlichen« Performativitätsbegriff anschließt (bes. S. 424–428), tritt der Kulturbegriff argumentativ in den Hintergrund, sobald ein konkretes Fallbeispiel wie das geistliche Spiel in den Blick tritt (S. 423–445). Statt umfassender Praxiskonzepte bezeichnet ›Kultur‹ dann enger oder weiter gezogene sozialgeschichtliche Kontexte, von der »höfischen Minne-Kultur« (S. 428, Anm. 129; vgl. auch S. 431) bis zur »antike[n] Kultur«, aus der das Theater hervorging (S. 435).
Ähnlich lassen sich Kulturbegriffe auch im Bereich der historischen Emotionsforschung nutzen, um von großen Einheiten bis zu Mikroperspektiven abzustufen.6 In globaler Betrachtung gilt etwa compassio als charakteristisch für die »Kultur des Mittelalters« insgesamt (S. 71), die sich mit anderen »Kulturen« als großen sozialhistorischen Einheiten vergleichen lässt (S. 74). Solche Perspektiven können »interkulturell« und »kulturübergreifend« vergleichen (S. 74, 81), aber auch sektoriell unterschiedliche »kulturelle Felder« wie Wissensordnungen, soziale Praktiken oder Künste aufeinander beziehen (S. 68). Schließlich schärft der Kulturbegriff den Blick gerade für abweichende, veränderliche und begrenzte »kulturelle Bedingungen« (S. 74, 76), die je nach sozialem Kontext »kulturell[e] Voraussetzungen« schaffen (S. 81), unter denen z.B. Höfe oder Klöster unterschiedliche »Emotionskulturen« ausprägen (S. 67, 69). Die Frage, wie »kulturell spezifisch« Gefühle inszeniert und erfahren werden, markiert dann den Gegenpol zu globalen und »universell[en]« Perspektiven (S. 74). Somit ermöglicht der Kulturbegriff, Forschungsobjekte wie Emotionen im Singular wie im Plural, unter den Gesichtspunkten von Einheit wie von spezifischer Unterschiedlichkeit zu thematisieren: »[I]n einer Kultur« (S. 80) können dann unterschiedliche »Kulturen« erforscht werden, und dies unter zeitlichen, räumlichen, sozialen, phänomenologischen u.a. Vorzeichen.
Strategisch setzen auch geschlechtergeschichtliche Ansätze auf dieses Pluralisierungspotential von Kulturbegriffen. Einerseits haben Regulationskonzepte von Pflege und Ordnung (vgl. S. 317), von Norm und Abweichung dazu beigetragen, binäre Genderoppositionen in den Gesellschaften Europas fest- und fortzuschreiben, denen sich Andreas Kraß zuwendet.7 Auch die Mediävistik erforscht solche Normierungsrahmen, wenn sie etwa Ideale und Ausdrucksformen erotischen Begehrens innerhalb der »höfische[n] Kultur« (S. 332) untersucht; auch die Diskursgeschichte stützt sich auf die rahmende Kraft von Kulturkonzepten, wenn sie mit Michel Foucault »in der westlichen Kultur« (S. 333) epochale Dispositive der Sexualität, ihre Regeln und Brüche verfolgt. Gleichzeitig bieten praxeologische Kulturverständnisse aber auch Ansatzpunkte, um Geschlechtsidentitäten als »kulturelle Konstrukte« zu enthüllen und somit ihre Natürlichkeit zu durchkreuzen (S. 327). Für die Beispiellektüre zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke sind diese Begriffspotentiale vor allem im Ausgangspunkt (S. 333–335), weniger aber in der Auswertung von expliziter Bedeutung (insgesamt S. 333–343).
Ausdrücklich bezieht Andrea Sieber die »kulturelle Semantik« und »kulturell[e] Attribuierung« in ihre Lektüreskizze zum Nibelungenlied ein (S. 114–132), das sie unter Gesichtspunkten der Gendertheorie Judith Butlers beleuchtet.8 Auch für die historische Genderforschung liefert der Kulturbegriff ein argumentatives Instrument, um Geschlechtsidentität als Bündelung von »Pluralitäten« zu enthüllen (S. 108), die historischem und sozialem Wandel unterliegen (S. 104). Mit dem Stichwort der »Kultur« weitet sich somit das Sichtfeld (S. 105): auf die prägenden »kulturelle[n] Bedingungen« (S. 107), den »normativ-kulturellen Konstruktionsprozess« (S. 106) von Geschlechtsidentitäten, aber ebenso auf die Medien, Resultate und Ausdrucksformen solcher Identitäten (S. 103, 105, 118, 130). Der Kulturbegriff verbindet damit Voraussetzungen und Ergebnisse sozialer Prägung von Geschlecht.
Eine solche Zirkularitätsannahme gilt in semantischer Hinsicht auch für die historische Lesbarkeit von Metaphern, wie Udo Friedrich ausführt.9 Metaphern besitzen ein »kulturelles Fundament« (S. 173), insofern sie im »Spielraum kultureller Beziehungen« gebildet (S. 186), im »Rahmen« (S. 191) des »kulturellen Wissens« (S. 202 u.ö.) abgerufen und auf spezifische »kulturell[e] Kontexte« (S. 192f., 197, 201) bezogen werden; ihre Verwendungsbedingungen werden wiederum im »kulturelle[n] Archiv« gespeichert (S. 194) und im »kulturelle[n] Gedächtnis« (S. 195) gepflegt. Der Kulturbegriff bezeichnet also zum einen, dass sprachliche »Orientierung« (S. 169) und soziale »Umwelt« (S. 180) miteinander verklammert sind und daher »Gesellschaften« (S. 181; S. 174: »ganz[e] Kulturen«) und deren Ausrichtung umfassend prägen (z.B. S. 199: »Agrarkultur«). Zum anderen gehen diese Rahmenbedingungen in die sprachlichen Analogiebildungen und Verarbeitungsgewohnheiten jener Gruppen ein – als »kulturell aufgeladen[e] Tropen« (S. 173) und »kulturell[e] Semantiken« einer Epoche (S. 197) eröffnen Metaphern dann Zugänge zum historisch und sozial variablen Commonsense, womit »kulturell« geradezu synonym für »topisch« stehen kann (S. 191). Doch geht Friedrich noch einen Schritt weiter, indem er auch Kulturkonzepte in die historische Erforschung von Metaphern einbezieht. Wenn Differenz und Ähnlichkeit sprachlicher Konzepte »je nach kulturellem Kontext« (S. 185) verschieden modelliert und wahrgenommen werden können, dann versprechen Metaphern zugleich Zugänge »zu kulturtheoretischen Konzepten vergangener Epochen« (S. 180) – etwa zur »Differenz von Natur und Kultur« (S. 182, 193, 201 u.ö.) in Sprachtheorien und Metaphernpraxis antiker und mittelalterlicher Rhetorik. Das Konzept der Metapher und das Konzept der Kultur verbindet dann ein reflexives Verhältnis, demzufolge sich nicht nur Metaphern historisch lesen lassen, sondern auch historisch und funktional unterschiedliche Kulturmodelle entziffert werden können (S. 187–189). Selbst explizite Kulturtheorien enthüllen dann metaphorische Züge (S. 180f.).
Auch der historischen Narratologie sind Hartmut Bleumer zufolge kulturelle Perspektiven eingeschrieben, insofern ihre Kategorien zwischen »Dynamik« und »Fixierung« changieren (S. 215).10 Statt auf universal anwendbare Begriffe verweise dies auf wechselseitige Abstimmungen von Narration und soziohistorischen Kontexten. Nicht nur welche Motivationsarten dominieren, hänge von »kulturellen Implikationen« ab (S. 220): Die kulturwissenschaftliche Erzählforschung beschäftige darüber hinaus, mit welchen »kulturellen Vorprägungen der Verknüpfungsmodalitäten« zu rechnen ist (S. 238, vgl. auch S. 246), welche »kulturell eingespielten Erzählmuster« (S. 235) oder Zeichenbegriffe als »kulturell« verfügbar vorauszusetzen sind (S. 239). Das Konzept der Kultur wird damit als regulierender, generativer und erwartungssteuernder Rahmenbegriff aufgerufen, der unterschiedlich weit gezogen werden kann: vom »kulturelle[n] und historische[n] Zusammenhang«, in dem ein literarischer Text spezifisch verortet ist (S. 214), bis zum globalen Horizont, der etwa »in vormodernen Kulturen des Erzählens« das Erzählen grundsätzlich »stärker symbolisch organisiert« erweise als im Vergleich zu neuzeitlichen Erzählstandards (S. 243). Auf Beschreibungsebene trägt der Kulturbegriff damit mehrere Funktionen: Er lenkt heuristisch die Kategorienbildung historischer Erzählforschung (wonach ist zu fragen, wenn Analysen dem historischen Gegenstand adäquat sein sollen?), er stellt deskriptive Einheiten für die Analyse bereit (etablierte Muster, Motive, Verknüpfungstypen) und fächert Vergleiche in synchroner Hinsicht (zwischen verschiedenen Kontexten) und in diachroner Hinsicht (zwischen historisch variierenden Standards) auf. Gleichwohl bleibt der Kulturbegriff eher im Hintergrund (so auch in der Beispielanalyse zum Armen Heinrich, S. 252–265), weniger diskutiert zumindest als Möglichkeiten und Schwierigkeiten, das narratologische Begriffsinventar zu historisieren.
Annette Gerok-Reiter und Franziska Hammer beziehen in ihrem Beitrag zur »Raumforschung« den Kulturbegriff auf Prozesse und Bedingungen der ›Verräumlichung‹.11 Dies schließt grundsätzlich an kultursemiotische Positionen an, die auf den »kulturellen Bezugsraum[]« von Texten und ihre »kulturell[e] Ordnungen« (S. 487) verweisen. Kultur tritt damit zum einen als Rahmen der »außertextuellen Referenz« in den Vordergrund. Daran knüpfen sich zum anderen zahlreihe Begriffsvarianten, die auf produktive Verschränkung verweisen: Texte prägen ihren »Kulturraum« und sind an der »Entwicklung kultureller Topographien« beteiligt (S. 489), sie greifen nicht nur auf die »Kulturtechnik der Repräsentation« zurück, sondern sind selbst Teil von Prozessen der »Kultivierung«, die »kultivierten Raum« zuallererst hervorbringen (S. 488–494). Werden die konzeptuellen Prämissen dynamisch-relationaler Raumtheorien auf diese Weise besonders dicht mit Kulturbegriffen verflochten, so tritt diese Begriffsarbeit im Zuge der Textarbeit in den Hintergrund. Zwar werden Spezifika der Raumdarstellung mittelalterlicher Texte benannt (S. 497–499), doch vom Kulturbegriff gänzlich entkoppelt. Die abschließende Analyseskizze zum Tristan verzichtet daher fast konsequent (ausgenommen S. 500: »Adelskultur«) auf den Kulturbegriff.
Was zeigen diese Stichproben? Auf der einen Seite belegen sie die ungebrochene Konjunktur des Kulturbegriffs in seinen zahlreichen Facetten.12 Die mediävistische Forschung verfügt über ein breites Begriffsrepertoire, in dem Rahmenkonzepte wie ›Kultur als Kontext‹ (von Praktiken, Bedeutungsproduktion, sozialen Zusammenhängen etc.)13 besonders prominent sind, die wiederum von regionalen bis zu globalen Einheiten skaliert werden können (»höfische Kultur«, »Kultur des Mittelalters«, »vormoderne Kultur« etc.). Wie selbstverständlich nimmt die Forschung in Anspruch, »kulturwissenschaftliche« Beschreibungen und »kulturgeschichtliche« Einordnungen zu erarbeiten, selbst wenn dabei gelegentlich Legitimierungsansprüche der ›kulturellen Archivpflege‹ mitschwingen.14 Kulturbegriffe werden aufgerufen, um Forschungsfelder zu differenzieren und Perspektiven umzubesetzen.
Auf der anderen Seite zeigen sich gerade daran unübersehbare Lücken der Begriffspraxis. Zwar verfügt die Mediävistik über eine Vielzahl von Kulturbegriffen, doch wird deren Pluralisierung selten explizit diskutiert. Bezeichnet ›Kultur‹ ein programmatisches Leitkonzept – oder eher ein Repertoire begrifflicher Alternativen und theoretischer Akzente? Dass nicht bloß diverse, sondern selbst widersprüchliche Varianten gelegentlich in ein und derselben Forschungsperspektive zusammenlaufen, bleibt jedenfalls in der Regel unkommentiert. Wie in vielen Disziplinen kennzeichnet den Kulturbegriff auch in der germanistischen Mediävistik eine oft ›weiche‹ Verwendung – eher als assoziationsreiche Prämisse denn als analytischer Terminus, eher implizit mitlaufend als explizit thematisiert. Dadurch wächst die Kluft zwischen Ansätzen auf der einen Seite, die besonders ausgiebig Kulturbegriffe aufrufen (insbesondere bei sozialgeschichtlicher oder ethnographischer Orientierung),15 und solchen Argumentationen auf der anderen Seite, die Kulturperspektiven nur streifen oder stillschweigend voraussetzen.16 Während Kulturbegriffe zur Kartierung fast aller Forschungsfelder dienen, scheinen sie für die Analyse weitgehend verzichtbar: Beschreibungs- und Erklärungsleistungen gehen kaum von übergreifenden Kulturkonzepten, sondern in der Regel von (textwissenschaftlichen) Spezialtheoremen aus.17 Die Historizität des Kulturkonzepts wird so als Arbeitsgrundlage meist vorausgesetzt, seltener aber in die Untersuchungsarbeit selbst einbezogen.18 Selbst bei der Bewertung von Ergebnissen fällt das Stichwort der ›Kultur‹ kaum so prominent, wie es zur Einführung von Forschungsfragen dient. Argumentationslogisch tritt es damit von der Objektstelle des historischen Erkenntnisinteresses in den Rang einer Prämisse zurück, die eher disziplinären und theoretischen Einordnungen als analytischen Aufgaben dient.
Dieser Befund ist weder neu noch kontrovers, sondern spiegelt eine normalisierte Begriffspraxis der Kulturwissenschaften, die ihre Begründungsdebatten weit hinter sich gelassen hat. Wozu leistet sich die mediävistische Literaturwissenschaft dann aber (weiterhin) ein derart vielgestaltiges Konzept wie Kultur, wenn konkrete Textanalysen zumeist davon Abstand nehmen? Wozu investiert die Mediävistik differenzierte Aufmerksamkeit für anzitierte Kulturbegriffe, wenn sie diese kaum interpretativ ausmünzt? Das Argument der Kultur hat dadurch einen geisterhaften Status bekommen: Aufdringlich und ungreifbar, vielbeschworen und selten genutzt, scheint der Kulturbegriff auf eigentümliche Weise unverzichtbar und überschüssig zugleich geworden.
5.4 Angebote allgemeiner Kulturtheorien
Fraglich ist mehr denn je, wie sich das Pluralisierungspotential von Kulturkonzepten methodisch in die Beschreibung vormoderner Texte einbringen lässt. Wenig deutet derzeit darauf hin, dass Vorschläge hierzu aus dem Kreis allgemeiner Kulturtheorie zu erwarten sind. Begriffsgeschichtliche Bestandsaufnahmen und Überblicke zu Leitkonzepten der Kulturwissenschaften fallen meist ernüchternd aus – auch über die bereits betrachteten Darstellungen (s.o. Kap. I.5.1) hinaus. Mediävistisch einschlägige Stichworte werden in der Regel ohne Hinweise zur Vormoderne umrissen.1 Wo historische Perspektiven angedeutet werden, beschränken sich diese, teilweise mit Rückgriffen auf antike Grundlagen, vorzugsweise auf die Neuzeit.2 Begriffsgeschichten von »Kultur« setzen vorzugsweise seit dem 16. Jahrhundert an3 oder richten ihr Augenmerk auf das »Zeitalter von Globalisierung«.4 Wird die »Notwendigkeit einer transparenten Bestimmung des zugrunde gelegten [Kulturbegriff]s« betont, bleibt in der Regel offen, welche Vorläuferkonzepte in Gesellschaften vor dem 18. Jahrhundert zur Verfügung stehen.5 Gelegentlich werden Kontinuitäten unterstellt, deren Entwicklung oder Lücken jedoch nicht genauer beleuchtet werden: Theorien kultureller Semiotik ließen sich etwa »bis Cicero zurückverfolgen«, setzten aber »im engeren Sinn […] bei E. Cassirer« ein;6 Semantiken der ›Pflege‹ reichten von religiösen Kulten der Antike bis zu neuzeitlichen Praktiken der Kultivierung.7 Kulturperspektiven der Vielfalt werden der mittelalterlichen Gesellschaft sogar pauschal abgesprochen, wenn man allein auf die (vermeintliche) Dominanz religiöser Normen verweist oder umgekehrt den Buchdruck zur Epochentechnologie überhöht, welche erst ab dem 16. Jahrhundert die »Vielfalt der Kulturen explodieren« lasse.8 Unschwer ist hinter solchen Argumentationen vor allem das Interesse an modernen Umgangsweisen mit Differenz zu erkennen (was auch immer ›modern‹ im jeweiligen Zusammenhang heißen mag).9 Kulturtheoretisch ist das Mittelalter jedoch weitgehend in ein Dunkelfeld gewandert, das entweder marginalisiert wird oder im Namen alter Großthesen Erwähnung findet.10
Insgesamt erweckt dies nicht nur den Eindruck ungleicher Aufmerksamkeit, sondern bezeugt gravierende Verschiebungen zwischen Kulturtheorie und historischer Erforschung. So sehr Arbeiten der kulturwissenschaftlichen Mediävistik bestrebt sind, Ideen und Begriffe der allgemeinen Kulturtheorie zu importieren, so wenig scheint diese interessiert, ihre Ansätze zu historisieren. Umgekehrt käme keiner mediävistischen Untersuchung in den Sinn, ihre Gegenstände nicht als kulturelle Größen zu betrachten – doch was ›kulturell‹ dabei präzise heißt, erhellt sich allenfalls im Rahmen von Einzelstudien, kaum jedoch in übergreifender Reflexion. Wie vergangene Kulturen zu beschreiben sind, die sich selbst nicht mit generalisierten Kulturbegriffen belegen, wird demnach weder vom Theoriediskurs der Mediävistik noch von Kulturtheorien zufriedenstellend beantwortet. Anhand von mittelalterlichen Erzählformen des Wettkampfs wollen die vorliegenden Studien einen Vorschlag in diese Richtung erarbeiten.
6 Zielsetzungen: Wettkampfkulturen – Formen der Pluralisierung
Das Thema der Arbeit lässt sich einfach benennen: Es geht um narrative Vervielfältigung einfacher Formen des Wettkampfs. Doch zeigten die Vorsondierungen zugleich eine Reihe von Schwierigkeiten, die einfache Fragen und Antworten verwehren:
1 Einfachheit und Vielfalt besitzen nicht nur weitverzweigte Begriffsgeschichten und lassen sich auf verschiedenste Dimensionen von Erzähltexten beziehen, sondern können Formen auf unterschiedlichste Weise bestimmen. Während klassische Komplexitätsannahmen Einfachheit und Vielfalt als Pole gegenüberstellen oder als Skalierungsstufen verstehen, erzeugen mittelalterliche Erzählungen vielfach Phänomene, die auf seltsame Weise einfach und vielfältig zugleich erscheinen.
2 Formen von Einfachheit und Vielfalt unterliegen dabei historischem Wandel und reflektieren ihrerseits den historischen Wandel von Differenzierungspraktiken. Wenn die Organisation von Vielfalt in der Neuzeit mit Kulturbegriffen gebündelt wird, zeichnet sich an Verhältnissen von Einfachheit und Vielfalt zugleich die Genese von Kulturalität ab. Während kulturwissenschaftliche Forschungen diese Prozesse häufig an Diversitäts- und Kontingenzperspektiven messen, drohen dahinter die Vervielfältigungsformate vormoderner Kulturalität zu verschwinden.
3 Die Frage nach den Selbstbeschreibungen mittelalterlicher Kulturalität führt damit unweigerlich zur Frage, inwiefern die Neigungen der modernen Kulturwissenschaften zu offenem Pluralismus und irreduzibler Vielfalt gerade die historischen Spielräume solcher Vervielfältigung verdecken, wenn nicht sogar verzerren. Auch in der Mediävistik verführt die Frage nach Einfachheit und Vielfalt zu unbehaglichen Übertragungen, die vormoderne Literatur entweder auf implizite Modernisierungsperspektiven verpflichten oder umgekehrt zur (oft ebenso pauschalen) Überzeichnung ihrer Alterität führen.
4 Einfachheit und Vielfalt verschränken und potenzieren sich in Formen, unter denen Wettkämpfe in der mittelalterlichen Literatur besonders prominent sind. Ihr Verhältnis ist in vielen Fällen paradox: Einfache Oppositionsstrukturen verbinden sich in Schleifen, Rekursionen, Verschiebungen und Wiederholungen zu schwierigen Komplexen, die sich in unterschiedlichsten Gattungszusammenhängen finden. Wie sich im Blick auf klassische Ansätze der Streitsoziologie, aber auch angesichts der mediävistischen Forschung zu Agonalität zeigte, bereiten jedoch gerade diese paradoxen Umschläge von Einfachheit in Komplexität, von klar bestimmter in unbestimmte Ordnung hartnäckige Theorieprobleme.
Daraus ergeben sich neue Wege. Wenn viele Kulturbegriffe Bedingungsrahmen oder Praktiken des Vergleichens bezeichnen – wo lassen sich diese Bedingungen und Praktiken auch diesseits der Begriffe finden? Methodisch suchen die nachfolgenden Studien nach Antworten, indem sie mit sorgfältigen Beschreibungen von Einzeltexten und ihren Erzählformen ansetzen, ihre formalen Züge schrittweise abstrahieren und diese Einzelbefunde vergleichen. Die Analysen verfolgen dabei drei aufeinander aufbauende Fragen:
1 Wettkampfanalytische Fragestellung: Welche Formen von Vielfalt produzieren Erzählungen, die mit der Erzählform des Wettkampfs experimentieren?Wenngleich Wettkämpfe besonders eindrückliche Motive und Semantiken darbieten, lässt sich ihre funktionale Leistung der Vervielfältigung eher an ihren Formen ablesen, die viele Ebenen prägen. Die folgenden Untersuchungen legen dafür ein formales Verständnis zugrunde, das Wettkampf als einfache Potenzierungsstruktur versteht, die zwischen Einheit und Differenz oszilliert und dabei Komplexität aufbaut.1 In textnahen Analysen ist zu untersuchen, zu welchen Gestalten volkssprachige Erzähltexte diese allgemeine Form konkretisieren und modifizieren, auf welchen narrativen Ebenen diese Formen wirksam werden (Handlungsstrukturen und Figuren, Erzählinstanzen und Diskursebene),2 welche Reichweiten diese Formen im Textzusammenhang entfalten und schließlich, welche Stabilität sie dabei entwickeln oder welche Transformationen sie dabei durchlaufen. Im ersten Schritt werden damit Wettkampfnarrative erschlossen, die sich nach den genannten Parametern höchst unterschiedlich zeigen – von den Wettkämpfen heldenepischer Texte und Artusromane bis zu Heiligenlegenden und religiösen Erzähltraditionen vom Seelenkampf, von ›artes‹-Dichtungen im Umfeld scholastischer Disputation bis zum Erzählwettstreit mittels Exempeln. Höchst unterschiedlich sind auch die narrativen Effekte zu bestimmen, die im Einzelnen aus der Spannung von Wettkampfformen hervorgehen: Paradoxien von Divergenz und Konvergenz können offen hervorgetrieben werden und in Krisen und Blockaden, Auflösungen oder Abbrüche münden – aber ebenso verdeckt und überlagert werden, auf verschiedene Erzählebenen oder andere Kontexte verschoben werden. Solche und andere Möglichkeiten, die den Umgang mit Differenzzusammenhängen vielfältiger machen, gilt es an prägnanten Fallbeispielen zu erkunden.
2 Komplexitätstheoretische Fragestellung: Welche Komplexitätstypen lassen sich auf dieser Grundlage einzeltextübergreifend aufweisen?Zweitens ist auszuwerten, inwiefern diese Befunde gemeinsame Profile oder Züge erkennen lassen. Welche Einsichten in die Komplexitätstypik von Erzählungen sind zu gewinnen, die bislang meist nach Stoffen und Sujets, Überlieferungszusammenhängen oder Gattungsreihen getrennt erforscht wurden? So experimentiert etwa Hartmanns Iwein ebenso mit Komplexitätstypen der Einfaltung wie das Nibelungenlied; Märtyrerlegenden ›von unzerstörbarem Leben‹ wickeln Komplexität in seriellen Formen ab, an denen prinzipiell auch heldenepische Reihenkampferzählungen wie der Rosengarten zu Worms arbeiten. Aber handelt es sich dabei um dieselben Typen von Komplexität, die durch Wettkampf gebildet werden?
3 Kulturtheoretische Fragestellung: Welche formalen Strukturierungsmöglichkeiten zur Kommunikation von Vielfalt stellen diese Komplexitätstypen zur Verfügung?Wettkämpfe strukturieren Komplexität mittels unterschiedlicher Funktionen, Anordnungen und Tiefen ihrer agonalen Formen. Sie entfalten dabei hohe Attraktions- und Gravitationskräfte, die Akteure und Beobachter rasch hineinziehen und in diese Strukturen einbinden – darin liegt ihre sozialisierende Wirkung, die Kulturformen und Wettkampfformen verbinden. Doch erschöpft sich ihr Potential zur Bildung kultureller Formen nicht auf Ebene von Einzeltexten oder literarischen Typen, sondern erschließt sich durch abstrahierende Vergleiche.In diesem Sinne soll in einem dritten Auswertungsschritt versucht werden, einige formale Eigenschaften jener Komplexitätstypen hervorzuheben, die Wettkampferzählungen für die Kommunikation von Vielfalt entwickeln. Natürlich kann es – schon aus methodischen Gründen – nicht darum gehen, solche formalen Züge zu einer Kulturtheorie des Mittelalters überzugeneralisieren. Doch versprechen Formen des Wettkampfs wichtige Hinweise, wie einfachere oder vielfältigere Unterscheidungen aufeinander bezogen wurden, ohne dafür explizite Kulturperspektiven vorauszusetzen.
7 Zur Textauswahl
Wenn das Erkenntnisinteresse somit letztlich auf Kulturformen im Medium von Wettkampferzählungen zielt, kann sich diese Sondierung nicht von vornherein auf spezifische Motivlinien, Semantiken oder Gattungsreihen beschränken. Vielmehr ist die Textbasis diachron und interdiskursiv so breit anzusetzen, dass ersichtlich werden kann, wie eingeführte Differenzen und Grundoperationen des Wettkampfs in ganz unterschiedlichen Textsorten und unterschiedlichen Phasen der mittelalterlichen Literatur entfaltet werden konnten. Mit welchem Spektrum von Wettkampfformen ist in volkssprachlichen und lateinischen Erzähltexten des Mittelalters grundsätzlich zu rechnen?
Ich wähle dafür ein Corpus von Texten, das nicht im engeren Sinne als repräsentativ zu verstehen ist, sondern dieses Spektrum in seiner Breite zuallererst anhand exemplarischer Stichproben sichtbar machen soll. Ihre Auswahl ist nicht klassifikatorisch begründet, weil nach derzeitigem Forschungsstand keine tragfähige Typologie von Streit- oder Kampfformen vorauszusetzen ist, sondern formale Aspekte mittelalterlicher Wettkampftypen im Gang der Untersuchung erst erarbeitet werden sollen. Und schließlich bilden die gewählten Beispiele keine experimentelle Gruppe im strengen Sinne, da sie keineswegs zufällig gewählt sind, sondern alle Texte ausgeprägt daran arbeiten, ihre Wettkämpfe zu komplexen Ordnungen zu vervielfältigen. Narrative Texte spiegeln dies in besonderer Weise, da sie widerstreitenden Formen ausführlichen Raum geben und zugleich in zusammenhängenden Sequenzen verknüpfen.1
Um allzu engen Zirkelschlüssen, aber auch Übergeneralisierungen einzelner Wettkampfmodelle zu entgehen, versucht die Textauswahl einen möglichst großen zeitlichen Längsschnitt vom 9. bis zum 15. Jahrhundert zu ziehen:2 vom frühmittelalterlichen Heldenliedfragment (älteres Hildebrandslied) bis zur Heldenballade (jüngeres Hildebrandslied); von höfischer Epik (Iwein, Nibelungenlied) und Didaktik (Welscher Gast) des 12. und 13. Jahrhunderts bis zu Märtyrerlegenden, artes-Dichtungen (u.a. Heinrich von Mügeln, Der meide kranz) und Exempelsammlungen (Sieben weise Meister) des Spätmittelalters. Die gewählten Texte entstammen dabei nicht nur verschiedenen Diskursen – von religiöser Anthropologie (Psychomachia des Prudentius, Vorauer Sündenklage, Visio Philberti) über höfische Liebe und Ethik (Hartmann, Thomasin) bis zu Wissenschaftsdebatten (Alanus von Lille, Heinrich von Mügeln) und politischer Übung (Sieben weise Meister). Berücksichtigt werden Texte, die möglichst unterschiedliche Grade diskursiver, intertextueller oder materieller Verflechtung spiegeln: von überlieferungsstarken Knotenpunkten und einflussreichen Erzähltraditionen (Nibelungenlied, Narrative des ›Seelenkampfs‹, Sieben weise Meister) bis zu Experimentalfällen, die extreme Wettkampfmöglichkeiten ausloten, aber auch erhebliche Anschlussprobleme aufwarfen und in der Überlieferung z.T. isoliert stehen (Der meide kranz, Hartmanns Klage). Aus methodischen Gründen gehen die nachfolgenden Studien somit bewusst von einem möglichst breiten und heterogenen Corpus aus, um die formale Vielfalt von Wettkampferzählungen diesseits von Einflussbeziehungen zu sondieren. Angestrebt sind exemplarische Stichproben, die sich zwanglos fortführen und erweitern lassen.
Ihre (weitgehend) chronologische Anordnung könnte freilich den Eindruck erwecken, dass Wettkämpfe das mittelalterliche Erzähluniversum unausgesetzt beschäftigten. Doch halten sich die Fallstudien zurück, aus exemplarischen Stichproben diachrone Entwicklungen abzuleiten – ob nun als Einflussgeschichte von Ideen, Motivlinien oder Diskursen der Pluralisierung. Denn zum einen drohen solche Konstruktionen zu überdecken, dass Erzählversuche der agonalen Vervielfältigung oft heterogen und unabgestimmt,3 mitunter wie Störungen ihrer pragmatischen Rahmungen oder Gattungskontexte wirken – und daher nicht selten Anschlussprobleme oder Parallelfassungen provozierten, die ganz andere Richtungen einschlagen. Zum anderen verführt gerade die weite Verbreitung von Wettkampfformen rasch dazu, spezifische Modelle zu globalen Kulturmustern zu überhöhen.4 Gegenüber solchen paradigmatischen Entgrenzungen z.B. von ›höfischer‹ zu ›mittelalterlicher Agonalität‹ schlechthin gehen die folgenden Studien auf kritische Distanz, indem sie den Blick für agonale Entwürfe und Spielräume möglichst genau am Einzelfall zu schärfen versuchen. Skepsis ist dabei auch gegenüber eingespielten Axiologien geboten, die komplexen Erzählphänomenen zumeist bevorzugte Aufmerksamkeit und Wertschätzung beimessen, während einfache Erzählformen als anspruchslos verdächtigt werden. Daher gelten die Lektüren nicht nur vermeintlich komplexitätsorientierten Texten, die wie das Nibelungenlied B auch von der Forschung bevorzugt sind, sondern auch Vereinfachungen des Wettkampferzählens, die wie der Rosengarten zu Worms bis heute unter dem Verdikt ermüdender Schemaliteratur stehen.
8 Worum es (nicht) geht
Gegenstand und Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit lassen sich damit genau einkreisen. Zu untersuchen ist, welchen Beitrag mittelalterliche Erzählformen des Wettkampfs für die Entwicklung von Vielfalt leisten. ›Wettkampfkulturen‹ gehören in diesem Sinne zu den Versuchen mittelalterlicher Gesellschaften, diesseits von Diversitäts- oder Kontingenzperspektiven gleichwohl Darstellungsmöglichkeiten für Vielfalt zu entwickeln. Wettkampferzählungen zeigen davon nur einen Ausschnitt – es gibt andere Motive, Semantiken und Logiken mehr, mit Differenz umzugehen –, doch bieten sie einen besonders produktiven, risikofreudigen und daher aufschlussreichen Objektbereich.
Er ist für die mediävistische Forschung bis heute schwer zu fassen. Denn nicht nur gilt es, unreflektierte Übertragungen moderner Kulturbegriffe einzuklammern. Auch ist zu berücksichtigen, dass im Mittelalter kein Begriffsäquivalent für unbestimmte Vielfalt zur Verfügung steht. Erzählformen, die wie Wettkampf kulturfunktional wirksam sind, zeigen sich instabil und experimentell; obwohl ihre Texte keineswegs randständig sind, bilden sie keine zusammenhängenden Diskurse, Gattungen oder Traditionen.1 Aus diesem Grund strebt die folgende Untersuchung weder eine Gattungs- noch eine Kulturgeschichte von ›Wettkampf im Mittelalter‹ an, deren Grundlagen erst noch zu legen sind. Ihr Ziel sind allenfalls Vorstudien, die eine solche Geschichte vorbereiten. Dafür sind Fallstudien fruchtbar, die ein möglichst breites Spektrum von Wettkampfformen in prägnanten Momenten erkunden, in denen Vielfalt ›diesseits von Kulturkonzepten‹ greifbar wird. Um sie zu erschließen, setzen alle Analysen erstens auf der Ebene konkreter Erzählarrangements mittelalterlicher Wettkämpfe an. Sie fragen zweitens nach typischen Formen, die daraus hervorgehen, und suchen drittens allgemeinere Gesichtspunkte anzugeben, unter denen man ihre Komplexität kulturtheoretisch auswerten kann. Während die textnahen Beschreibungen auf erzähltheoretische Analysekategorien zurückgreifen und hermeneutische Lektüren erarbeiten, wagt dieser letzte Schritt formale Abstraktion, um die Einzelstudien an Grundfragen der Kulturtheorie anzuschließen.
II Theoretische Grundlagen
1 Wettkampf
»Es gibt wohl keine Seele, der der formale Reiz des Kampfes […] ganz versagt wäre […].« (Georg Simmel)1
1.1 Vorbemerkung
Um Pluralisierungspotentiale mittelalterlicher Wettkampferzählungen beschreiben zu können, bedarf es einer Arbeitsdefinition, die formal zielsicher, aber heuristisch offen genug angelegt ist, um historisch fremde Kulturformen zu erfassen. Wie lässt sich ein solcher Ausgangspunkt gewinnen, dem nicht schon eine moderne Form von Pluralismus – und damit eine spezifische kulturelle Differenztypik – eingeschrieben wäre? Sollte man dafür eher historischen Beschreibungen oder modernen Forschungsperspektiven folgen? Einen Vorschlag zu diesem methodischen Spannungsfeld möchte ich im folgenden Kapitel in drei Schritten entwickeln. Dazu möchte ich zunächst kurz mittelalterliche und moderne Vorschläge in Erinnerung rufen, die ein vielgestaltiges Feld von Kampfformen differenzieren. Schon die Art ihrer Differenzierung, so wird sich zeigen, gibt wichtige Fingerzeige im Hinblick auf die historische Alterität vormoderner Wettkämpfe (Kap. II.1.2). Daran anschließend möchte ich in einem zweiten Schritt ein differenztheoretisches Modell skizzieren, das aus modernen Theoriezusammenhängen der mathematischen Logik schöpft. Trotz seiner systematischen Abstraktion hält sich dieser Ansatz offen genug, um die historischen Unterscheidungslogiken mittelalterlicher Wettkampferzählungen einfangen zu können, für deren formale Aspekte er in besonderer Weise sensibilisiert (Kap. II.1.3). Eine formale Arbeitsdefinition könnte somit helfen, möglichst textnahe, präzise Analysen von Wettkämpfen mit der übergreifenden Frage nach Formen des Unterscheidens zu vermitteln, denen das weitergehende kulturtheoretische Erkenntnisinteresse dieser Arbeit gilt. Trotzdem haben auch Wettkampfkulturen ihre Grenzen, die in aller Kürze anzusprechen sind – und dies nicht nur als Phänomene der Komplexitätsbildung (II.1.4), sondern dementsprechend auch als Forschungskonzept (II.1.5).
1.2 Kampf, Streit, Konflikt? Zum Verhältnis von mittelalterlicher und moderner Wettkampfsemantik
Wie weit kann man sich von der historischen Semantik leiten lassen, um die kulturellen Dimensionen von Wettkämpfen ermessen zu können? Aus unterschiedlichen Disziplinen hat die mediävistische Forschung in diese Richtung gefragt.1 Erforscht wurde ein breites Spektrum agonaler Formen im Mittelalter, das von Kampf und Krieg, Streit und Konflikt über Rivalität und Konkurrenz bis zu Wettbewerben und Disputen reicht.2 Dies weckt Wünsche nach Differenzierungen: Sind nicht destruktive Kollektivkämpfe wie Krieg von Spielformen des Wettkampfs abzugrenzen?3 Unterscheidet sich nicht auch im Mittelalter gewaltsame Konfliktaustragung von jenem »zweckfrei[en] Tun« des Vergleichs,4 das Jacob Burckhardt als Kennzeichen des künstlerischen Agon betrachtete, der jegliche »Kolonialisierung des Anderen« vermeide?5 Wenn in mediävistischen Zusammenhängen vom Agonalen die Rede ist, werden Streit und Konflikt dadurch nur zu oft in Gegensatz zum Freiheits- und Reflexionsraum der Kunst gebracht. Entweder handelt man sich damit jedoch historisch unangemessene, zumindest schwierig auszuräumende Konnotationen der Autonomieästhetik ein –6 oder man muss gerade jene emphatischen Wirkungszuschreibungen des Künstlerischen abschwächen, denen sich das Konzept des Agonalen zuallererst verdankte.7 Könnte es dann nicht Auswege eröffnen, auf strukturelle Minimalkriterien des Wettstreits zurückzugreifen? Auch für Streitgedichte des Mittelalters ist schließlich davon auszugehen, dass sie mindestens zwei Sprecherpersonen dialogisch in Beziehung setzen und deren Positionen wechselweise miteinander konfrontieren.8 Allerdings: Das spezifische Konfliktprofil und seine Dynamik erfassen strukturelle Minimalkriterien meist nicht näher. Erweitert man an dieser Stelle den Blick von kulturgeschichtlichen und philologischen Ansätzen zu soziologischen Traditionen der Streit- bzw. Konflikttheorie, stößt man auf jüngere Angebote, die vor allem zwischen dem Streitverhalten individueller Akteure und sozialen Konflikten, zwischen personaler Rivalität und systemischer Konkurrenz unterscheiden. Weitere Anregungen könnten darin bestehen, kämpferische Interaktion und Kommunikation hinsichtlich ihrer symbolischen Mittel und normativen Bezüge, hinsichtlich der Grade ihrer Ritualisierung (Schemata und Scripts des Wettkampfs) und Aspekte ihrer Institutionalisierung (Regeln und Rahmungen des Wettkampfs) zu differenzieren.9 Innerhalb der Theorietradition der Soziologie verdanken sich solche und andere analytische Gesichtspunkte jedoch ihrerseits Diskussionsverschiebungen, die für das Interesse an vormodernen Wettkampfformen nicht unerheblich sind. Während Georg Simmel noch in erster Linie ein Kontinuum von paradoxen Streitformen aufzuzeigen versuchte, bemühte sich die an Simmel anschließende Tradition eher um Trennung und Ausdifferenzierung von Sphären, die Simmels Pionierarbeit als verbunden betrachtete. Im Unterschied zu jüngsten Beiträgen zur Konflikttheorie bietet Simmels wegweisende Studie hingegen keinen trennscharfen Begriff des Streits.10
Grundlegender als die Frage, welche Merkmale vormoderne Wettkämpfe auszeichnen, könnte daher vielleicht sein, inwiefern eine Definition distinktiver Merkmale überhaupt historisch angemessen sein könnte. Weshalb aber sollte sich die Untersuchung dann an den Wettkampfbegriff halten, wenn dieser doch in der Neuzeit zunehmend an regelgeleitetes, in hohem Maße koordiniertes oder gar kooperatives Verhalten in herausgehobenen Arena-Situationen denken lässt?11 Kurzum: Fasst der Titel ›Wettkampfkulturen‹, so griffig er zunächst klingen mag, nicht höchst Ungleichartiges zusammen, das entschieden zu differenzieren wäre?
Damit sind nicht nur Etikettierungsprobleme aufgerufen, die man leicht mit dem Hinweis entkräften könnte, dass ›Wettkampf‹ ebenso wenig wie ›Kultur‹ zum Vokabular volkssprachlicher Texte des Mittelalters gehört und daher als Forschungskonzept eingeführt werden kann. Wie jedoch Beate Kellner und Peter Strohschneider in einer grundlegenden Studie zur »Poetik des Krieges« zeigen konnten, nutzt etwa die Sangspruchdichtung Metaphern des kriegens durchaus, um ihren textuellen Status und Bedingungen ihrer Reproduktion zu reflektieren.12 Es gibt also durchaus Bezüge zwischen Objekt- und Untersuchungsbegiffen; volkssprachliche Wettkampfbezeichnungen verweisen durchaus auf reflexive Potentiale, auch wenn diese meist nicht begrifflich zugespitzt,13 sondern öfter performativ inszeniert, narrativ entfaltet oder imaginativ vor Augen geführt werden. Zugleich verdeutlichte die Studie von Kellner und Strohschneider: Auch Annäherungen über die historische Semantik münden in jenes methodische Spannungsfeld, auf dem Selbstbeschreibungen mittelalterlicher Texte und mediävistische Fremdbeschreibungen auseinander laufen. Deutlich wird dies, sobald Kellner und Strohschneider die volkssprachliche Poetik des kriegens im Rückgriff auf Konzepte der »Agonalität« und »Dialogizität« erläutern: Literarischer kriec erzeuge im Zusammenwirken aggressiver und kooperativer Dimensionen paradoxe Spannungen zwischen Abbruch und Fortsetzung, die Wettkampfkommunikation auszeichne.14 Für eine Kulturtheorie der paradoxen Produktivität von Wettkämpfen sind solche Überlegungen ohne Frage attraktiv. Doch lassen sie die Frage offen, wie das »Selbstbeschreibungsvokabular« der Objektebene mit Konzepten der wissenschaftlichen Fremdbeobachtung methodisch zu vermitteln ist.15 Denn sofern die ›Poetik des Krieges‹ gerade nicht an Begriffen historischer Texte selbst zu fassen ist, dann ist diese Lücke kaum auf dem Weg historischer Begriffssemantik zu schließen. Schwer jedenfalls ist sie durch moderne Strukturbegriffe wie ›Agonalität‹ und ›Dialogizität‹ zu füllen, die jeweils eigenen Explikationsbedarf aufwerfen und in eigene Theoriekontexte führen.
Weiter könnte es führen, die Frage nach vormodernen Wettkampfsemantiken gezielt um die Inszenierungsmodi, Erzählformen und Bildentwürfe volkssprachlicher Wettkampfliteratur zu erweitern. Auch dabei ist Vorsicht gegenüber ›großen Erzählungen‹ geboten. Kaum wird man etwa moderner Streitkultur pauschal eine höhere Komplexität unterstellen dürfen;16 vormoderne Kampfkulturen entwickeln ebenfalls vielfältige Varianten, die auf verschiedene symbolische Ressourcen zurückgreifen, Normen stabilisieren, soziale Rahmen reflektieren und Formen verfestigen, ohne schlicht auf Reduktion zu zielen. Keineswegs wirken vormoderne Wettkampfmuster vornehmlich ordnungskonservativ. Im Gegenteil: Eindrücklich bezeugen etwa die zahlreichen Wettkampferzählungen isländischer Sagas, wie offene Rechtslagen und Fragen gesellschaftlicher Ordnung im Zuge der Kolonisierung flexibel über Wettkampfrituale ausgehandelt wurden.17 Weder lässt sich aus dominanten Wettkampfformen wie z.B. wettbewerblicher Konkurrenz schließen, gegenwärtige Gesellschaften seien von Wettkampf generell dichter durchdrungen;18 noch wird Wettkampf erst in der Moderne zum Sonderthema sozialer Selbstbeschreibung.19
Während moderne Streitsphären von Politik, Wirtschaft, Recht oder Kunst distinkte Kommunikationsformen des Kampfes ausprägen, überlappen sich in Texten des Mittelalters soziale Streitsphären und Streitformen in vielfältiger Weise.20 So unterscheidet etwa die im gesamten Mittelalter einflussreiche Enzyklopädie Isidors von Sevilla im XVIII. Buch zwar zahlreiche Formen vom Krieg (bellum) bis zum spielerischen Wettkampf (ludus), schreitet dabei jedoch insgesamt ein lückenloses Kontinuum ab, das von Kriegen und Zweikämpfen über Bindeglieder wie Kampfspiele (ludicra) bis zu Brett- und Ballspielen reicht.21 Isidors kompendienartiger Überblick gilt somit einem durchaus differenzierten, aber eben nicht kategorisch getrennten Feld von Kampftypen, die miteinander in ›familienähnlicher‹ Beziehung verbunden sind. Ebenso demonstrieren literarische Inszenierungen gattungsübergreifend: Selbst wenn Kämpfe auf Leben und Tod ausgefochten werden, können sie als regelgeleitete Wettbewerbe gestaltet sein.22 Auch das Vokabular des Streitens volkssprachlicher Texte umfasst ein breites Spektrum von bewaffneten Konflikten über verbalen Schlagabtausch bis zum spielerischen Messen.23
Daher suchen die nachfolgenden Studien nicht einzelne Sphären und Formen kategorisch abzugrenzen, sondern Typen der Komplexität zu bestimmen, die mittelalterliche Erzähltexte auf diesen eigentümlich überlappenden Feldern entwickeln. Nur bedingt helfen dafür Ordnungsvorschläge der modernen Streitsoziologie weiter, um diese Vielfalt in ihrer historischen Alterität zu erkunden. Erfordert ist vielmehr ein Ansatz, der einerseits die spezifisch ausgearbeiteten Arrangements von Wettkampferzählungen erschließt, andererseits aber auch typische Züge von Wettkampfkomplexität hervorhebt, die unter der anschaulichen Fülle wechselnder Motive, Semantiken und Gattungskonventionen andernfalls verdeckt blieben. Fasst man diese Züge als Formen mittelalterlicher ›Kampf‹-Kultur zusammen, könnte dies die falsche Erwartung wecken, es gehe damit vornehmlich um destruktive Interaktion. Spricht man hingegen von ›Wettkampfkultur‹, muss man sich von modernen Erwartungen lösen, die nach besonders kooperativen, regelgeleiteten Mustern fahnden. Unter diesem Titel wagen die nachfolgenden Studien also ein begriffliches Risiko, das aber aufschlussreich in der Sache sein könnte. Denn auch die zu untersuchenden Texte gehen es ein. Obwohl etwa mittelhochdeutsche Heldenepen zwischen blutigem Ernstkampf und reglementierten Schaukämpfen unterscheiden, werden beide Formen oft engstens miteinander verflochten: Was etwa im Rosengarten zu Worms als Wettkampfspiel inszeniert ist, bewerten seine Akteure selbst als Blutvergießen, Mord und Totschlag.24 Höfische Texte wie das Nibelungenlied oder Hartmanns Iwein unterscheiden ernste Konflikt- von spielerischen Kampfszenen, um ihre Grenze zu durchbrechen, unscharf zu machen oder ineinander umschlagen zu lassen. Wenn die folgenden Untersuchungen dies unter dem Begriff des ›Wettkampfs‹ versammeln, geht es somit vor allem um Aspekte dynamischer Relationierung, den die ›Wette‹ aufruft:25 In Frage stehen Praktiken des Vergleichens unter Differenzbedingungen, die Positionen aufs Spiel setzen, indem sie diese ins Spiel bringen.26 Und diese Praktiken prägen ein breites Spektrum, das vom »freundschaftlichen Austausch« bis zu »Formen offensiver Handlungen« reicht,27 spil und strît gemeinsam umfasst.
1.3 Wettkampf als Form: Ein Arbeitsvorschlag
Einen Ansatzpunkt für eine Arbeitsdefinition liefert die Beobachtung, dass selbst einfach strukturierte Wettkämpfe für Betrachter rasch komplex werden – darin liegt ihr allgemeines Faszinationspotential. Dennoch werden sie von Akteuren selbst oft als einfach beschrieben: Wettkämpfe fokussieren beispielsweise Aufmerksamkeit, intensivieren dadurch Erlebnisse, verdichten Raum und Zeit in intensiven Vollzügen und blenden vielerlei aus, was über das Wettkampfgeschehen hinaus sozial relevant sein könnte.1 Wettkämpfe drängen zu Fortsetzung und Wiederholung, indem sie in ihre Entfaltung hineinziehen: Wer bloß die Aufforderung zum Kampf zur Kenntnis nimmt, demonstriert etwa die Erzählung vom Rosengarten zu Worms, ist unversehens in den Wettkampf verstrickt.2 Dennoch werden sie durch einfache Logiken des Siegens und Verlierens vorangetrieben, die asymmetrische Endzustände anstreben: Krieg und Zweikampf, die größte wie die kleinste Gestalt von Wettkämpfen, führt z.B. Isidor von Sevilla schlicht auf »zwei Seiten von Kämpfenden« zurück, von denen »der eine Sieger wird, der andere besiegt«.3 Ein Modell, das solchen Zügen von Wettkämpfen Rechnung tragen will, ohne sich von vornherein auf spezifische Typen, Rahmen oder Akteure zu verlegen, muss somit komplexe Varianten zulassen. Potenziale zur Fortsetzung müssen ebenso berücksichtigt werden wie Faktoren, die Wettkämpfe stillstellen oder stabilisieren.
Dazu greife ich erstens ein grundlegendes Muster auf, das der Philosoph und Ethnologe Marcel Hénaff als »Prinzip der Alternanz« beschreibt. Es ist der Rechtsgeschichte4 oder der Literaturwissenschaft als »agonale Struktur von Schlag und Gegenschlag«5 vertraut:
Es besteht eine doppelte Dynamik der Reaktion. Einerseits handelt man, nachdem man einen Schlag erhalten hat, oder einfach als Antwort auf die Handlung des anderen. Beim Spiel führt dies zur Regel des Jeder der Reihe nach (so heißt beim Schachspiel zweimal hintereinander ziehen soviel wie betrügen). Andererseits enthält die Logik der Aufeinanderfolge Aktion / Reaktion die Fähigkeit zur unendlichen Erzeugung von Bewegung: Die Vendetta könnte nie aufhören, das Ballspiel bis zur Erschöpfung weitergehen, der Krieg sich unablässig von Neuem entzünden.6
Dass dies nicht nur Interaktions-, sondern auch Kommunikationsmuster vieler Wettkämpfe prägt, liegt auf der Hand.7 Einerseits ordnen viele mittelalterliche Streitdialoge ihre Redeabfolge nach dem Alternanzprinzip:8 »Also seczt der clager je ein cappittel vnd der Tot das ander bis an das ende«, wie Johannes von Tepl seinem Rede-krieg zwischen Bauer und Tod vorausschickt.9 Das Alternanzprinzip formiert die Dilemmastruktur von Gattungen wie dem altfranzösischen ›jeu-parti‹,10 die zwei Streitpartner im Wechsel gegeneinander verbindet. Andererseits beschränkt sich Alternanz als Grundprinzip keineswegs auf den regelmäßigen Wechsel bloß zweier Seiten: Viele Wettkämpfe vollziehen sich natürlich weniger geordnet, weniger abgestimmt und weniger einfach rhythmisiert, als es Hénaffs Paradigma des regelgebundenen Schachspiels nahelegt.
Um diese Beobachtungen in einem Modell zu verbinden, das konkrete Textanalysen und kulturtheoretische Abstraktion vermittelt, greife ich zweitens auf die formale Theorie des Unterscheidens zurück, die George Spencer-Brown 1969 unter dem Titel »Laws of Form« skizzierte. Außerhalb ihrer mathematisch-logischen Theoriezusammenhänge ist sie durch Niklas Luhmann bekannt geworden, der sie als maßgeblichen Baustein seiner Theorie sozialer Systeme einfügte, doch scheint mir ihr Anregungspotential vor allem diesseits systemtheoretischer Anverwandlung wertvoll und neu bedenkenswert. Für die vorliegende Untersuchung genügt es, ihre wichtigsten Grundzüge zu vergegenwärtigen.11 Allgemein gilt: Wer beobachtet, trifft eine Unterscheidung (›distinction‹), wobei aktual je eine Seite dieser Unterscheidung im Unterschied zur anderen Seite hervorgehoben wird (›indication‹). Jeder Akt des Bezeichnens erzeugt somit eine Form in einem zugehörigen Kontext, einem Raum, in dem Verschiedenes beobachtet werden kann, während von allem anderen abgesehen wird. Für diese dreistellige Operation, die Unterscheidung, Bezeichnung und Raum verbindet, führt Spencer-Brown das berühmt-berüchtigte Hakensymbol (
) ein. Es fasst in symbolischer Abstraktion die Aufforderung zusammen, zum Zweck des Bezeichnens eine Unterscheidung in einen (andernfalls unmarkierten, unverletzten) Raum einzutragen und auf dessen Innenseite (also in den Kontext der etablierten Unterscheidung) hinein zu überschreiten, zu ›kreuzen‹; Spencer-Brown nennt daher das Operationssymbol von Unterscheidung und Bezeichnung insgesamt ›cross‹.12 Damit entsteht eine zweiseitige Form, deren Außenseite im Akt der Unterscheidung selbst unmarkiert bleiben muss – auch wenn sie natürlich zum Anlass neuer Anschlussoperationen werden kann, die gerade diese Außenseiten hervorheben und damit bezeichnen.
Sowohl im Hinblick auf Wettkämpfe als auch im Hinblick auf kulturelle Vergleichsformen ist dies ein wichtiger Gedanke, verdeutlicht Spencer-Brown damit doch die kontextbildende Kraft von Differenz. Bezeichnungen etikettieren nicht einfach vorgängige Verhältnisse, sondern rufen Relationen zuallererst hervor und kartieren ihr Terrain. Wann immer in den nachfolgenden Textanalysen also von ›Seiten‹ oder ›Kontexten‹ einer Unterscheidung die Rede ist, die Wettkämpfe konstituieren oder überschreiten, macht dieser Grundgedanke darauf aufmerksam, dass Erzählakte nicht einfach bestehende semantische Kontexte abrufen, sondern aktiv skizzieren, heranziehen und ordnen. Spencer-Browns Unterscheidungstheorie versucht somit, eine pragmatische Konstruktionsaufforderung schrittweise zu entfalten: »Draw a distinction.«13 Unterscheiden vollzieht eine Handlung, die zuallererst anlaufen muss, aber ebenso verweigert werden kann. »There can be no distinction without motive«.14 Pragmatisch leistungsfähige, sozial attraktive Formen wie Wettkampf richten sich speziell darauf ein, ihre Beobachter über solche Aktivitätsschwellen hinüberzuziehen, aus Reserve und Abstand in agonale Formbildungsprozesse zu verwickeln. Wer Wettkämpfe beobachtet, wird rasch zum Teilnehmer. Die Schleifen mittelalterlicher Zweikampfdarstellungen sind die Extremgestalt solcher Handlungsaktivierung.
Allgemein lassen sich Wettkämpfe als Formen der Beobachtung begreifen, die durch Bezeichnungen etwas hervorheben und im Kontext konkurrierender, d.h. durch Unterscheidung abgesetzter Bezeichnungen fortlaufend wiedereinführen. Sofern sich Wettkämpfe also nicht im einmaligen Schlagabtausch erschöpfen, lassen sie ihre Variablen rekursiv alternieren. Will man dies mit den Mitteln von Spencer-Browns Formkalkül darstellen, sind Wettkämpfe daher als sog. ›re-entry‹-Funktionen zu begreifen,15 welche die Form ihrer Unterscheidung fortlaufend in sich wiedereinführen: [[Wettkampf.ABB]]
Eine solche Grundform mit zwei Variablen (a, b) erfasst paradigmatisch die Differenzdynamik geordneter Zweikämpfe. Vollständig betrachtet fasst sie folgende Aspekte zusammen:16
»Wettkampf« als zu bestimmende Größe, die sich durch den Ausdruck rechts des Gleichheitszeichens bestimmt;
das Gleichheitszeichen, das die Ausdrücke beider Seiten als äquivalent bezeichnet und ihren Zusammenhang als Setzung einer Theorie ausweist. Beide Seiten sind dadurch nicht als identisch aufzufassen, sondern lediglich zu verbinden;17
Variablen (»a« und »b«) für Bezeichnungen, die im Falle von Zweikämpfen auf zwei Positionen beschränkt sind, aber im Falle komplexerer Relationen nicht auf zwei beschränkt bleiben müssen;18 welche Figuren, Ereignisse oder sonstige narrativen Hervorhebungen damit im Einzelfall bezeichnet sind, ist in der Analyse von Wettkämpfen zu konkretisieren;
das Hakensymbol (), Spencer-Browns »mark of distinction«, d.h. die Anweisung, eine Unterscheidung zu treffen, indem eine Grenze mit zwei Seiten in einem Raum gezogen wird, welche auf eine Seite hin überschritten wird, um eine Position hervorzuheben;19
das schleifenförmige Hakensymbol (), das den Wiedereintritt der Unterscheidung von Bezeichnungen in den Raum dieser Unterscheidung selbst markiert (›re-entry‹) und damit dynamische Potenzierung einleitet – eine »Fähigkeit zur unendlichen Erzeugung von Bewegung«.20 Die Formel wird dadurch zur Funktion, die ihre Variablen alternierend in sich einführt: Wettkämpfe arbeiten sich formal gesehen in sich hinein, indem eine Position in den Kontext der anderen einspringt usf.;21
zuletzt der ›unmarked state‹ rechts des ›re-entry‹-Symbols, der darauf aufmerksam macht, dass die Wahl einer Bezeichnung zwecks Kontextuierung einer weiteren Bezeichnung ihrerseits die Außenseite einer Form mitlaufen lässt. Wettkämpfe machen zwar ihre Umgebung vergessen und schaffen ›insuläre Konzentration‹ – Gegner von Heldenepen treten in den kreiz,22 die isländische Sagaliteratur des Mittelalters bezeichnet ritualisierte Zweikämpfe als hólmganga, die wörtl. ›auf die Insel gehen‹, und betont damit das Prinzip der Eingrenzung,23 das jegliches Außen abblendet.24 Trotzdem vollziehen sich Zweikämpfe nie im luftleeren Raum, sondern sind stets beobachtete Ordnung.25
Gleichwohl: Eine solche Notationsweise führt literaturwissenschaftliche Analysen wenig weiter, wenn sie die phänomenale Dichte literarischer Texte, ihre Deutungs- und Wirkungsmöglichkeiten ignoriert.26 Die nachfolgenden Lektüren verzichten daher darauf, mit formalen Symbolen zu rechnen. Doch hilft eine formale Vorklärung zur Entwicklung von Fragen, die das Untersuchungsmaterial zielgerichtet erschließen. Quer zu Gattungen und Diskursen, Stoffen und Motiven ließe sich so zum Beispiel fragen: Was heben Wettkampferzählungen hervor und wie etablieren, verfestigen oder überschreiten sie Unterscheidungen? In welche Kontexte schreiben sie ihre Differenzen ein, welche Kontexte bringen sie neu hervor? Welche Dynamik charakterisiert Wettkampferzählungen – welche narrativen Prozesse sorgen für rekursive Vertiefungen, welche für Abbrüche oder Begrenzungen von Wettkämpfen? Inwiefern tragen Wettkämpfe dazu bei, Kämpfer, umkämpfte Objekte oder Kampfkontexte zu bestimmen – oder inwiefern sorgen sie für unbestimmte Größen? Jede dieser Fragen eröffnet aufschlussreiche Zugänge zum kulturellen Potential von Wettkampfformen; und jede dieser Fragen setzt bei unterschiedlichen Teilaspekten des Arbeitsmodells an.
Formal könnte man damit auch das Verhältnis von Kampf, Wettkampf und Zweikampf als Reihe zunehmender Spezifizierung fassen: Versteht man Kampf im weitesten Sinne als Einführung und Durchsetzung von Differenz (ganz gleich in welchem Kontext), so kennzeichnet Wettkampf zusätzlich die fortlaufende Umbesetzung solcher Differenz innerhalb eines gemeinsamen Kontextes, wobei die Seiten der Unterscheidung dynamisch überschritten und dadurch unablässig neu relationiert werden; Zweikämpfe spezifizieren diese Dynamik weiter, indem sie eine bestimmte Zahl von Aktanten festlegen.
Darüber hinaus fängt ein formales Arbeitsmodell viele Gesichtspunkte ein, welche die Erforschung von Wettkampfbeziehungen disziplinenübergreifend beschäftigen. So bringen sich etwa Wettkampfformen in Schwingung, indem sie Bezeichnungen und Markierungen fortgesetzt alternieren lassen. Wettkämpfe lagern staffelförmig ineinander ein, was sie im Wechsel fortwährend unterscheiden. Sie ordnen Zug um Zug, doch werden solche Züge nur im Kontext des je vorhergehenden Zuges getroffen und beschrieben. Sollen dabei nicht bloß lose Ereignispunkte aufblitzen, müssen Bezeichnungen dabei aufeinander Bezug nehmen. Fehde-Erzählungen bilden auf diese Weise charakteristische Rhythmen aus,27 Sangsprüche fügen sich zu umfangreichen Strophenkomplexen, die im selben Maße einander voraussetzen, wie sie sich voneinander abzusetzen suchen.28 Wettkämpfe werden umso komplexer, je tiefere Räume dadurch erschlossen und durch Unterscheidung und Kontextuierung aufrechterhalten werden.
Die Funktion des ›re-entry‹ legt solche Aspekte dynamischer Rekursion offen. Ihre paradoxen Unterscheidungen machen Wettkämpfe anziehend und irritierend zugleich, schwer abzulehnen und leicht fortsetzbar. Zwar lässt sich in jedem Schritt temporär bestimmen, welche Werte einzelnen Figuren, Handlungen und Zuständen (etwa: im Rahmen der Axiologie eines Textes) zugeschrieben werden, doch wird die gesamte Form des Wettkampfs unbestimmbar – sie entfaltet einen ›imaginären‹ Charakter (›imaginary state‹), der zwischen verschiedenen Zuständen oszilliert.29 Wettkämpfe rufen daher pulsierende Frequenzmuster hervor, die für Serien- und Reihenkämpfe eine ebenso wichtige Rolle spielen wie für das serielle Erzählen insgesamt.30 Weichen Wettkämpfe dafür nicht nur in die Zeitdimension aus, sondern halten nachdrücklich an der Raumdimension ihrer Unterscheidungen fest, so weicht deren eindeutige Bestimmung auf – es enstehen Arrangements mehrschichtiger Unterscheidungen. Grenzen treten in den Blick, die fortgesetzt verletzt, unterlaufen und nachgezogen werden. Dies schärft den Blick auch für räumliche Dynamiken von Komplexität. So erzählen zum Beispiel höfische Romane fasziniert von unterlaufenen Unterscheidungen – mit einer extravaganten Raummetapher spricht etwa Hartmanns Iwein von einer ›Trennwand im Herzen‹, die befreundete Feinde vor Gefühlsverwirrung schützen solle.31 Wenn Wettkämpfe Spielräume der Vervielfältigung eröffnen, so wäre der Raumcharakter solcher Metaphern also durchaus beim Wort zu nehmen.
Methodisch heißt dies, dass solche Spielräume nur in der Spannung zwischen konkreten Textbeschreibungen und abstrakter Formanalyse zu rekonstruieren sind. Daher sollte das Plädoyer für formale Perspektiven nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Potentiale von Wettkampfmustern nur dann ermessen lassen, wenn man zugleich ihre je unterschiedlichen generischen, diskursiven, semantischen und narrativen Bedingungen berücksichtigt – in einlässlichen, textnahen Lektüren. Diese Spannung teilt die vorliegende Arbeit mit älteren Ansätzen, allen voran dem Vorschlag Rainer Warnings, die Frage nach basalen Textstrukturen mit hermeneutischen Beschreibungen zu vermitteln.32 Auch die Untersuchung von Wettkampfformen nähert sich vielfach der Analyse von ›Strukturen‹ an; auch die Beschreibung ihrer Komplexität mag an strukturalistische Begriffe erinnern. Trotz solcher Anklänge gilt es jedoch – ebenfalls im Sinne Warnings – möglichst genau die spezifischen Textgestalten in den Blick zu nehmen. Auch wenn die Arbeit also von Grundoperationen des Wettkampfs ausgeht, zielt ihr Interesse nicht auf strukturale Universalien, sondern auf historische Ausprägungen, Dynamiken und Veränderungen eines höchst flexiblen Arrangements; nicht Tiefenstrukturen von binären Oppositionen oder die invariante Erzählgrammatik von Konfliktsujets, sondern paradoxe Erzähloberflächen gilt es zu erschließen.
Wenn die nachfolgenden Lektüren dazu durchweg bei auffälligen, problematischen Gestalten ansetzen, zu denen die entscheidungsorientierte Interaktionsform des Wettkampfs getrieben wird, so bleiben sie gleichwohl zurückhaltend, sie als sozial- oder funktionsgeschichtliche ›Problemlösungen‹ zu deuten.33 Denn zum einen lässt sich nur teilweise rekonstruieren, auf welche außerliterarischen Interessen- und Problemlagen mittelalterliche Wettkampferzählungen reagierten.34 Statt also die formale Bearbeitung von Agonalität mit einzelnen Kontexten kurzzuschließen, konzentrieren sich die nachfolgenden Studien darauf, vor allem die Textgestalten des Wettkampfs zu beschreiben, bevor vorsichtig nach Kontexten solcher Komplexitätsangebote zu fragen ist. In jedem Fall bleibt dabei zu fragen, inwiefern Wettkampferzählungen als Antworten zu verstehen sind – und inwiefern sie explorative Spielräume ›auf Vorschuss‹ eröffnen. Wie die Fassungs- und Überlieferungsgeschichte der untersuchten Texte dokumentiert, ließen sich auch diese formalen Spielräume ihrerseits beantworten oder verwerfen.
Was ist damit vorläufig für den Begriff der Form festzuhalten? Beziehungen von ›Komplexität‹ und ›Einfachheit‹ lassen sich von verschiedenen Formkonzepten her anpeilen, die den Literaturwissenschaften ein breites Begriffsrepertoire zur Verfügung stellen: von konkreten Texttypentheorien ›einfacher Formen‹ (André Jolles) und narratologischen Aspekten von ›Erzählformen‹ über strukturalistische Analysekategorien poetischer ›Selektion‹ und ›Kombination‹ (Roman Jakobson, Roland Barthes) bis zu Formbegriffen maximaler Ausweitung, die jegliche Art geordneter Muster von Elementen umfassen (Caroline Levine).35 Wenn die nachfolgenden Analysen die differenztheoretischen Überlegungen Spencer-Browns aufgreifen, streben sie eine theoretische Mittelposition an. Sie ist einerseits weit ausgerichtet: Demnach verweist der Begriff der ›Form‹ auf Prozesse des Unterscheidens, die Differenzen hervorbringen und Hervorhebungen ermöglichen – ganz gleich in welcher Gestalt, mit welchen Effekten und Dynamiken. Im Hinblick auf Erzähltexte lässt ein derart weites Verständnis zunächst offen, auf welchen Ebenen (und mit welchen narratologischen oder rhetorischen Begriffen) sich Formen greifen lassen – von Figuren und Handlungen über Redemuster und Erzählmodi bis zu Diskursmustern. Ebenso wenig beschränkt der Vorschlag die Zahl seiner Variablen: Während zwei Aktanten typischerweise die Form von Zweikämpfen, Duellen oder ›Streitgedichten‹ ausfüllen, lässt sich die Form je nach Kontext mit weiteren Variablen anreichern, substituieren oder wieder reduzieren. Wenn Spencer-Brown darauf zielt, die allgemeinen Grundlagen von Formbildungsprozessen zu erfassen,36 gibt ein formales Wettkampfmodell allenfalls allgemeine Gesichtspunkte an die Hand, mit denen die konkrete Beschreibungs- und Interpretationsarbeit erst beginnt.
Andererseits ist ein differenztheoretisches Formverständnis nicht zu weit gefasst – es ist in besonderer Weise geeignet, Zusammenhänge von Wettkampf und Kultur hervorzuheben, die auf paradoxen Unterscheidungslogiken basieren. So potenziert die Einlagerungsstruktur von Wettkämpfen die wechselseitige Bezugnahme von Beobachtern,37 die aufeinander reagieren, indem sie füreinander Spielräume bilden, diese verändern und fortlaufend mit Bestimmungen anreichern. Wettkämpfe machen dadurch auf Dynamiken der Re-Positionierung von Beobachtern aufmerksam, die sich fortlaufend aufeinander beziehen.38 Auch diese Beobachterreflexion begleitet die Diskursgeschichte des Wettkampfs von der Spätantike bis zum Spätmittelalter. Für frühchristliche Apologeten wie Tertullian sind Wettkampfpraktiken vor allem unter den Augen Gottes zu beurteilen.39 Mittelalterliche Turnier- und Rangstreiterzählungen motivieren Wettkämpfe ausgehend von markanten Beobachterfiguren,40 entwickeln sie vor Richtern, die von ihren Formen ergriffen und nicht selten überfordert sind.41 Gerade solche Beurteilungskrisen enthüllen mehrfache Ordnungen und unsichere Zurechnungen, wie sie moderne Kulturkonzepte programmatisch in Anspruch nehmen.
Zweitens macht das Arbeitsmodell mit seinem räumlichen Verständnis von Unterscheidungen darauf aufmerksam, in welcher Richtung solche Komplexität entsteht.42 Welche Seiten werden vertieft, auf welche Alternativen ausgegriffen? Wie näher zu untersuchen ist, neigen viele Wettkampferzählungen eher dazu, umstrittene Kontexte zu vertiefen und Beobachter zu involvieren, als sich zu metaisierender Reflexion aufzuschwingen. Das schließt einerseits an Befunde an, nach denen Kampfdarstellungen als körpergebundene Reflexionsformen der Vormoderne lesbar sind,43 verweist andererseits aber auch auf die speziellen Tendenzen von Wettkämpfen, ihre Akteure zu verwickeln und Beobachter zu involvieren.44 Wettkampfszenen des höfischen Romans arbeiten sich so gesehen in ihre Medien und Kontexte förmlich hinein. Folgt man solchen Vorüberlegungen in Richtung formaler Kulturtheorie, klingen solche Reflexionswirkungen gelegentlich tautologisch: »Der Widerstreit macht Beobachter beobachtbar, wenn auch, nach wie vor, nur anhand ihrer Beobachtungen […]«.45 Mittelalterliche Streiterzählungen hingegen entdecken dies weder auf dem Wege begrifflicher Abstraktion noch durch Selbstreflexion von Beobachtern – sondern indem sie ihre Beobachter in jene Spielräume der Unterschiede hineinziehen, die sie eröffnen.
1.4 Grenzen des Wettkampfs
Trotz aller Dynamik: Wettkämpfe gelangen aus den verschiedensten Gründen an ihr Ende. Ressourcen, Kapazitäten und Motivation für Fortsetzungen können sich erschöpfen;1 materielle Infrastrukturen können überfordert zusammenbrechen;2 Gewalt kann Formbildung jäh unterbrechen, institutionalisierte Regeln können die Verkettungsdynamik von Kämpfen stoppen.3 Auch vor dem formalen Abschluss von Wettkämpfen können sich alternative Ausweichmöglichkeiten anbieten, um aus Wettkämpfen auszuscheren. Solche Abbruchbedingungen sind stets in Rechnung zu stellen. Jedes Interesse an der Komplexität von Wettkämpfen stößt auf solche einfachen Zustände.4
Aus ihrer formalen Anlage heraus scheinen Wettkämpfe jedoch Fortsetzbarkeit zu begünstigen, nicht fixierte Unterschiede.5 Oder pointiert gesagt: Wenn Wettkämpfe von Potenzierungsstrukturen vorangetrieben werden, können sie nicht ›einfach‹ enden – sie benötigen begrenzende Abbruchprozeduren. Auch dies ist aus alltäglichen Kommunikationszusammenhängen bekannt: Man beharrt auf einer Position, einigt sich auf ein Ergebnis oder verweigert nächste Schritte – und muss dafür weitere Einsätze investieren. Je nach Kontext und Streittypik bieten sich dafür unterschiedliche Lösungen, doch gehen sie auf wenige Operationen zurück:
(1.) Insistieren: Wettkämpfe können abbrechen, indem sie ihre Werte wiederholen, ohne Differenzen erneut umzubesetzen. In diesem Fall schrumpfen Wettkämpfe zu einfachen Formen, die keine weiteren Kontexte erschließen, indem sie alternative Hervorhebungen und Seitenwechsel aktiv ausschließen. Insistieren bedeutet nach dieser Transformation: Die Form wird zwar rekursiv fortgeführt, bleibt so gesehen produktiv, doch erlischt ihre Wettkampfstruktur.
(2.) Blockieren: Umgekehrt enden Wettkampfformen, die den Zustand ihrer Variablen festhalten, ohne diese erneut zu reproduzieren. Während insistierende Verhaltensweisen rasch die Wettkampfform auflösen und mit repetitivem Aufwand vergessen machen, bewahren Blockaden einen Strukturzustand der Wettkampfrelation. Siege basieren in diesem landläufigen Sinne auf formalen Blockaden.
(3.) Stabilisieren: Eine dritte Art der Begrenzung entwickeln Wettkämpfe, die ihre Form auf Gedächtniseffekte umstellen, also die Werte ihrer Variablen festhalten und wiederholen. Formal betrachtet kombinieren sie Momente des Insistierens (indem sie die Form reproduzieren) mit Momenten des Blockierens (indem sie Werte festhalten). Stabilisierte Wettkämpfe sichern dadurch nicht bloß Relationen als Ergebnisse, sondern stellen diese für weitere Formbildung zur Verfügung. Das Ende des Kampfes wird dadurch beispielsweise zum Beginn von Tradition.
1.5 Reduktion oder Steigerung von Komplexität?
Siegen, so bemerkt schon Aristoteles lapidar über das Streitgespräch, »kann nicht mehr als einer«.1 Scholastische Disputationen bieten eine Vielzahl an Argumenten auf, um schließlich eine eindeutige Antwort festzusetzen.2 Für Thomas Hobbes zielen Wettkämpfe darauf, den anderen zu töten, zu unterwerfen und gesellschaftlich auszulöschen.3 Neigen Wettkämpfe also nicht eher dazu, Differenz gewaltsam zu vereinfachen statt zu vervielfältigen? Sind Vergleichsperspektiven nicht allenfalls Nebeneffekte von Strategien, die eigentlich auf Dominanz und Ausschluss des anderen zielen?4 Weshalb sollten sich dann ausgerechnet Wettkampfformen für Experimente der Pluralisierung anbieten?
Diese Ambivalenz lässt sich so wenig ausräumen, dass man geradezu von ihr ausgehen sollte.5 Denn einerseits wirken Wettkämpfe reduktiv, insofern sie Differenz in gemeinsamen Formzusammenhängen integrieren und unterwerfen. Darin tritt ein grundsätzlich zerstörerischer Zug zutage. Andererseits wirken Wettkämpfe der Reduktion von Differenz entgegen, insofern sie fortgesetzt Asymmetrien unterwandern, Bezeichnungen und Werte oszillieren lassen und dadurch in hohem Maße Beobachtungswechsel befördern. Auch in vormodernen Texten lässt sich die Fülle von Wettkämpfen kaum übersehen, die entweder krasse Reduktionen erzwingen oder aber fortwuchernde Dynamiken freisetzen. Einiges spricht also dafür, diese Spannung nicht als Defizit, sondern geradezu als Leistungsprofil von Wettkämpfen zu verbuchen: Sie bilden Formen von hoher Anziehungskraft, die fortlaufend Redundanzen aufwerfen, überprüfen und vereinfachen.6 Wettkämpfe verhandeln Identität, indem sie Relationen dynamisieren und Unterscheidungen aufs Spiel setzen – selbst dann, wenn dieses Spiel auf Ausschlüsse und Asymmetrien zielt.7 Diese Spannung prägt auch Wettkampfformen des Mittelalters. Einflussreiche religiöse Texte entwerfen Allegorien des Widerstreits, die Verhältnisse der Vielfalt zugleich als Gefahr der Zerstörung werten.8 Gott schmücke die Welt wie ein Gedicht mit unzähligen Gegensätzen (opposita), doch solle der Mensch diese Vielfalt auf die alles begründende Leitdifferenz von Gott und Welt zurückführen.9 Zwischen einfachen und komplexen Antworten changieren nicht zuletzt auch die Entwürfe kultureller Selbstbeschreibungen, die höfische Texte mittels Wettkampfformen erzählen. Man sieht sie genauer, wenn man von einseitigen Festlegungen und Entwicklungserwartungen ›von Einfachheit zu Komplexität‹ absieht.10
1.6 Zwischenbilanz
Das Arbeitsmodell ist damit im Kern umrissen. Die nachfolgenden Studien fragen danach, wie narrative Texte des deutschsprachigen Mittelalters Unterscheidungen produzieren, diese alternieren lassen und dabei komplexe Bezeichnungsräume organisieren. Auch Abgrenzungen sind damit gezogen: Nicht relevant für die Erzählgeschichte agonaler Pluralisierung sind solche Fälle, in denen Differenzen entweder nur vertieft oder nur entgrenzt werden. Ein zweites Ziel des Abschnitts bestand darin, mit Hilfe dieses formalen Wettkampfmodells heuristische Fragen anzuregen. In welche Richtungen entwickeln Wettkämpfe ihre Differenzen? Welche erzählerischen Mittel investieren sie, um Bezeichnungen zu dynamisieren? Welche Effekte, welche Stabilität rufen sie hervor? Und welche Arten von Unbestimmtheit gewinnen Wettkampferzählungen aus ihren formalen Arrangements? Die folgenden Analysen stellen diese Fragen an die Erzähltexte selbst.
2 Komplexität
[…] ubi pluralitas ibi discordia […] (Wilhelm von Ockham)1
Wettkämpfe, so lautet die Hauptthese der Arbeit, begünstigen die Entstehung von Komplexität selbst dann, wenn sie von einfachen Strukturen ausgehen oder einfachen Zuständen zustreben. Damit bleibt als letzter theoretischer Baustein zu sondieren, was unter Komplexität zu verstehen ist. Einschlägige Überblicke führen die Breite an Begriffsangeboten, aber auch deren Klärungsschwierigkeiten rasch vor Augen:2
Komplexität ist nicht leicht zu definieren, zumal es zahlreiche miteinander konkurrierende Definitionen gibt. Bewährt sind die Definitionen von Komplexität als Überforderung des Beobachters durch ein Phänomen, das viele heterogene Elemente in wechselnden und sich im Zeitablauf ändernden Relationen untereinander aufweist, zugleich Einheit und Vielfalt, zugleich Unordnung und Regelmäßigkeit aufweist und offenbar dank Selbstorganisation in der Lage ist, Probleme seiner Reproduktion zu lösen, ohne dass der Beobachter in der Lage wäre, nachzuvollziehen, wie es das tut.3
Eine solche Einschätzung ist charakteristisch für Untersuchungen, die sich auf den Komplexitätsbegriff einlassen. Einerseits lässt sich die Vielzahl »konkurrierende[r] Definitionen« kaum ignorieren. Andererseits zwingt dies oft zur pragmatischen Konzentration auf Gesichtspunkte, die sich im jeweiligen Forschungskontext »bewährt« haben – ob für Fragen soziologischer Netzwerkforschung, der Biologie adaptiver Systeme oder der Erforschung von ›artificial intelligence‹. Trotz hoher transdisziplinärer Anschlussfähigkeit werden dadurch selten die theoretischen Anregungen ausgeschöpft, die der Begriff der Komplexität aus verschiedenen Disziplinen gewinnt.
2.1 Mediävistische Perspektiven
Wenn Studien der mediävistischen Literaturwissenschaft von Komplexität sprechen, stehen zumeist Abgrenzungen gegenüber einfacher strukturierten Phänomenen zur Diskussion. Romane wie Kurzerzählungen stützen sich auf ›einfache Formen‹, stereotype Elemente und narrative Schemata, kombinieren, variieren und hybridisieren diese jedoch zu Strukturen, die Handlungsverknüpfungen mehrdeutig und Figuren brüchig machen, Alternativen ausstellen oder gar für unentscheidbare Zurechnungsmöglichkeiten sorgen.1 ›Komplexität‹ liefert eine hermeneutische Vokabel, um »Überlagerung der Bedeutungen« zu bezeichnen, die etwa in höfischen Romanen den Eindruck von »Uneindeutigkeit des Sinns«2 verstärkt oder in zyklischen Reihen von Heldenepen zur »Sinnkomplexion«3 einfacher Basisplots führt. Kombination und Wiederholung werden als Verfahren komplexen Erzählens gehandelt.4 Dialoge gelten als komplex, wenn sie »ein gesteuertes und zugleich unkalkulierbares Wechselspiel« inszenieren und damit für Emergenzeffekte sorgen.5 Auch religiöse Textsorten wie Legenden pendeln zwischen einfacher Pragmatik und rhetorischen Überschüssen des Erzählens,6 geistliche Spiele changieren zwischen liturgischer Heilsvermittlung und wuchernden Abweichungen.7 In allen diesen Fällen sind Zuschreibungen von Komplexität prominent, wie eine ausführlichere Bestandsaufnahme nachweisen könnte.
Dass viele Texte komplex sind, gilt als ausgemacht. Selten ist dabei jedoch geklärt, was ›komplex‹ in analytischer Hinsicht genau heißt. Obwohl seit langem alteritäre Logiken mittelalterlichen Erzählens erforscht werden,8 hat die Mediävistik ausgewiesene Komplexitätstheorien kaum aufgenommen. Wo ausdrückliche Stichwortgeber in Anspruch genommen werden – von André Jolles’ »Einfachen Formen« bis zur Systemtheorie Niklas Luhmanns –, werden Komplexitätsbegriffe zwar zitiert, doch meist ohne deren Prämissen zu diskutieren, im Hinblick auf spezifische Gegenstandsbereiche mittelalterlicher Literatur zu modifizieren und im Kontext jüngerer Debatten zu aktualisieren.9 Dass ein Text ›komplex‹ sei, liefert also seltener ein analytisches Argument, häufiger dafür ein normatives Wertprädikat: Erzählungen gelten dann als besonders interessant, wenn sie zu einer »komplexeren Textordnung« führen als andere Fälle;10 diskussionswürdig wird eine Wiedererzählung im Vergleich zu anderen Adaptationen, wenn sie eine besonders »komplexe Verhandlung« ihres Themas anregt.11 Auch im Verhältnis von Objekt- und Beobachtungsebene bezeichnet der Komplexitätsbegriff vor allem schwierige Konstellationen, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen.12 Doch wodurch sich diese Komplexität genauer auszeichnet, darüber besteht – jenseits von Hinweisen auf Schemata und Muster – gründlicher Dissens und viele Einzelantworten.13
Oberflächlich betrachtet scheint die literaturwissenschaftliche Rede von Komplexität somit oft ähnlich unscharf wie der Begriff der Kultur. Doch während dieser häufiger überbestimmt wird, d.h. in verschiedenartigsten Varianten aufgerufen und mit verschiedenartigsten Aspekten besetzt wird, bleibt das Argument der Komplexität öfter unterbestimmt. Es stellt weder den Rahmen für Textanalysen noch ein geschärftes Analysewerkzeug bereit, sondern beschließt häufig Argumentationszüge, statt diese weiter zu erhellen. Nicht selten artikuliert das Stichwort der Komplexität gewissermaßen »Seufzer« über die Grenzen der Beschreibbarkeit – oder beschwört ein solches »Flair der Intransparenz und der Unbestimmbarkeit« geradezu als Auszeichnung.14
Mit starken Wertungen ausgestattet, aber mit schwachen Analyseaufgaben belastet, wirken Komplexitätszuschreibungen dadurch auf eigentümliche Weise programmatisch und vage zugleich. Selbstverständlich ist die Mediävistik damit im Kreis der Kulturwissenschaften nicht allein.15 Präferenzen für ›komplexe Texte‹ wurzeln allgemein in normativen Wertungen, die literarischen Texten ein erhöhtes Maß an »Vielschichtigkeit und Komplexität« zuschreiben.16 Und selbstverständlich benötigt jede Wissenschaft solche geltungsstarken, aber unsauberen Begriffe, um Forschungsfelder mit Relevanz auszuzeichnen und gleichzeitig ihre Zugriffsmöglichkeiten zu begrenzen. Problematisch wird es jedoch, wenn zentrale Phänomene zu unterbelichteten Stellen werden. Für die Frage nach narrativer Vervielfältigung bezeichnet der Komplexitätsbegriff keine periphere, sondern eine solche zentrale Leerstelle in der mediävistischen Diskussion. Welche Anregungen könnten helfen, diese Leerstelle zu füllen?
2.2 Transdisziplinäre Komplexitätsforschung: Anregungen und Risiken
Ein möglicher Weg wäre, Verhältnisse von Komplexität und Einfachheit auf Kernfragen zu literarischen Gattungen, Epochen und Medien zurückzubeziehen – und schillernde Wertzuschreibungen konsequent auszuklammern. Ein riskanterer, aber möglicherweise lohnenderer Schritt wäre es, über die literaturwissenschaftliche Diskussion hinaus Disziplinen und ihre Forschungsstände genauer zur Kenntnis zu nehmen, die seit längerem explizite Komplexitätstheorien pflegen und analytisch verwenden. Damit kommt eine Vielzahl von Leitdefinitionen aus Informatik, Sozial-, Natur- und Ingenieurswissenschaften ins Blickfeld, die sich keineswegs unbesehen importieren lassen. Denn je nach Gegenstandsbereich unterscheiden sich schon die Definienda erheblich: Ökonomie, Physik und Biologie etwa untersuchen die Dynamiken ›komplexer Systeme‹, »in which large networks of components with no central control and simple rules of operation give rise to complex collective behavior, sophisticated information processing, and adaptation via learning or evolution.«1 Selbstorganisation, Intelligenz und Effekte unvorhersagbarer Emergenz gehören zu den Kernmerkmalen, die auch Komplexitätstheoreme zur ›artificial intelligence‹ in den Mittelpunkt stellen.2 Die Informatik bezeichnet mit dem Komplexitätsbegriff »den Aufwand von Zeit, Beschreibung und Größe des Computerprogramms zur Berechnung einer Funktion bzw. eines Problems«,3 verwendet das Konzept also als Rechenmaß von Prozeduren. Netzwerkanalysen und Systemtheorie betrachten eine »Menge von Elementen« als »komplex«, »wenn auf Grund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann«.4 Keine Basisdefinition ist jedoch bislang gefunden, die alle Felder der Komplexitätsforschung transdisziplinär umgreift.5 Allenfalls lassen sich verschiedene Typen von Komplexität greifen: Messen kann man etwa die Entropie komplexer Phänomene, ihren algorithmischen Informationsgehalt, ihre logische Struktur oder thermodynamische Tiefe, ihre Berechnungskapazität und statistische Eigenschaften, ihre fraktalen Dimensionen und Hierarchiegrade u.v.m.6 Folgt man diesen Ansätzen auf ihre jeweiligen Gebiete, wird rasch deutlich, dass der Komplexitätsbegriff nicht bloß auf unterschiedliche Größen angesetzt wird (z.B. auf Verhalten und Programme, auf strukturelle Kapazitäten und rechnerische Eigenschaften), sondern auch als Theorieinstrument höchst unterschiedlichen Aufgaben dient (z.B. der Rekonstruktion und Exploration, der Beschreibung und Bewertung). Trotz theoretischer Schärfung sind solche Begriffsverwendungen schwer in literaturwissenschaftliche Zusammenhänge zu übertragen, wenn man nicht zugleich die mathematischen, statistischen oder technischen Implikationen offenlegt, die solche Anregungen mit sich bringen. Ausgewiesene Komplexitätstheorien stellen dann vor die (neuen) Aufgaben, sich mit Rechnen und Statistik, empirischen Experimenten und künstlicher Intelligenz beschäftigen zu müssen, ohne dass ausgemacht wäre, dass ihre Epistemologien überhaupt auf literarische Objekte anwendbar sind. Keineswegs wird man jedenfalls Theoreme unbesehen übernehmen können, die an kollektiven intelligenten Systemen, biologischer Evolution oder Modellen des adaptiven Problemlösens entwickelt wurden.7
Statt Definitionen zu übernehmen, könnte man dazu einen weiteren Schritt zurückgehen und prüfen, wie fruchtbar die grundsätzlichen Fragen für literaturwissenschaftliche Zwecke sind, auf die Komplexitätstheorien antworten. Seth Lloyd zufolge sind drei Dimensionen besonders einschlägig, um Komplexität zu bemessen: »1. How hard is it to describe? 2. How hard is it to create? 3. What is its degree of organization?«8 Zweifellos vereinfachen solche Fragen die Auseinandersetzung erheblich, indem sie den Komplexitätsbegriff überterminologisch handhabbar machen – doch geben sie für die Analysearbeit wenig an die Hand. Vielleicht empfiehlt sich daher, nach Anhaltspunkten zu suchen, die sich auf mittlerer Ebene konkretisieren lassen.9 In diesem Sinne könnte es fruchtbar sein, zu beschreiben, in welchem Maße Wettkämpfe
reduzible oder irreduzible Differenzen erzeugen,10
diese mit Bestimmungen versehen oder aber unbestimmt lassen,11
ihre Ordnungen vertiefen oder aber neue Strukturen entwerfen12
und inwiefern dieses Ergebnis messbar ist, d.h. inwiefern die Frage nach dem »Maß« von Komplexität auf bestimmbare Größen oder Funktionen führt.13
Für die Untersuchung von Wettkampferzählungen liefert dies präzise Gesichtspunkte, an denen sich die nachfolgenden Analysen orientieren.
2.3 Flechten und Falten
Lassen sich damit auch die Erwartungen schärfen, worin die Vielfalt von Wettkampfkulturen bestehen könnte, als nur von bloßer Vielzahl möglicher Unterschiede auszugehen? Die vorliegende Arbeit schlägt dazu vor, den Begriff der Komplexität beim Wort zu nehmen, wie die Informatikerin Melanie Mitchell erinnert: »The word complex comes from the Latin root plectere: to weave, entwine. In complex systems, many simple parts are irreducibly entwined, and the field of complexity is itself an entwining of many different fields.«1 Com-plexio meint dementsprechend, Teile in einem Zusammenhang zu verweben oder zu flechten, ohne deren Elemente und Relationen reduzieren zu können (»irreducibly«). Wenn Mitchell auch die Forschungspraxis als ›verflochtene‹ Felder betrachtet, wird das assoziative Übertragungspotential der vestimentären Metapher offenkundig. Es erschöpft sich nicht im Wortspiel, sondern verweist auf eine reiche Begriffsgeschichte, die Komplexität als ›Verknüpfen‹ und ›Verweben‹ beschreibt.2 Ihr entspringt auch der Begriff der ›Faltung‹, der auf »Unterscheidungen« zielt, »die das Unterschiedene gleichzeitig als Identisches kennzeichnen«.3 Wie das ›Verweben‹ akzentuieren ›Falten‹ nicht nur Differenz, sondern setzen einen Stoffbegriff voraus, der auf mediale Einheit aufmerksam macht. Soziologische Konflikttheorien sprechen so zum Beispiel von ›Einfaltung‹ (›folding-in‹), wenn sie die Assimilation außenstehender Personen in eine Gruppe bezeichnen.4 Aber auch Streit kann ein Interaktionsmedium sein, in dem sich Streitende »[v]erweben«.5
Man muss also keineswegs die Emphase poststrukturalistischer Philosophien für irritierende Faltungen (›pli‹) teilen, um den analytischen Wert von Komplexitätsmetaphern anzuerkennen. Denn: »Bei Faltungen muß gefragt werden, wie die Entfaltung jeweils vonstattengeht, wie also die Unterschiedenheit des Identischen oder die Identität des Unterschiedenen gehandhabt werden soll.«6 Wenn Wettkämpfe solche formalen Einheiten des Unterschiedenen erzeugen, wäre ihre Komplexität darin zu bestimmen, wie diese gefaltet, d.h. unterschieden wird.
Wie ergiebig sind diese Gesichtspunkte für mittelalterliche Wettkampfkulturen? Nur kurz ist daran zu erinnern, dass sie sich keineswegs auf Differenzdenken und Sozialtheorien der Moderne beschränken. Sie sind schon dem Mittelalter geläufig, und dies nicht nur auf dem Höhenkamm spekulativer Theologie, sondern selbst in einfachsten Texten. Jacobus de Voragine etwa greift die Metapher des Faltens u.a. in seiner Silvester-Legende auf, um die interne Komplexität der Trinität handgreiflich zu veranschaulichen:
Et accipiens purpuram imperatoris tres ibi plicas fecit dicens: »Ecce uidete tres plicas«. Et explicans ait: »Ecce quia tres plice sunt unus pannus, ita tres persone sunt unus deus.« 7
(Und er nahm den Purpurmantel des Kaisers, faltete ihn dreimal und sprach: »Seht hier die drei Falten.« Daraufhin erläuterte er: »Seht, dass die drei Falten ein einziges Tuch sind. So sind auch die drei Personen ein Gott.«)
Theologische Differenzspekulationen setzen auf die Metapher des Faltens, um ein komplexes Modell substantieller Einheit zu illustrieren. Anders als im Falle Gottes gilt für Wettkampfformen jedoch keineswegs, dass diese Komplexität nur auf interne Differenz verweist: Werfen Falten grundsätzlich Seiten auf, stehen prinzipiell zwei Richtungen offen, um weitere Differenzen aufzuwerfen; ziehen Wettkämpfe prinzipiell an, können ebenso unterschiedliche Stoffe verwoben werden. Daher fragen die nachfolgenden Analysen sowohl nach Einfaltungen (Formen interner Differenzierung) als auch nach Ausfaltungen (Formen externer Differenzierung) und damit nach der Pluralisierung grundsätzlicher Richtungen, in denen Komplexität anwachsen kann.
Offen ist ebenfalls, in welchen ›Stoffen‹ literarische Wettkämpfe diese Differenzen produzieren, wenn damit nicht nur Themen und Motive, sondern Kontexte und Medien im weiten Sinne gemeint sind. Wie die untersuchten Texte demonstrieren, reichen solche Kontexte und Medien von konkreten bis zu abstrakten Einheiten, von Wettkämpfen in Seelen, Körpern und Herzen über Kampfplätze und Arenen bis zu allegorischen Zeichenräumen und narrativen Stimmen. Sie alle werden von Wettkämpfen formal bearbeitet: Entsprechend bemisst sich die Komplexität agonaler Seelen und Herzen, Arenen und Allegorien daran, wie viele Unterscheidungen diese auf welchen Seiten einsetzen; und die spezifischen Qualitäten solcher Entwürfe lassen sich danach genauer beschreiben, inwiefern diese durch literarische Mittel als (un)reduzierbar, (un)bestimmt oder (un)gerichtet ausgewiesen werden.
Zugleich hält die Leitmetapher des Faltens aber auch die Grenzen des analytischen Anspruchs bewusst. Wenn die nachfolgenden Studien nach Formen des Wettkampferzählens fragen und dabei immer wieder von ›einfalten‹ und ›ausfalten‹ sprechen, beschreiten sie Wege der Lektüre und Interpretation. Komplexitätstheoretische Leitfragen können diesen Weg präziser abstecken, ändern aber nichts an seiner hermeneutischen Ausrichtung.
2.4 Kulturelle Komplexität
Welche kulturtheoretischen Einsichten kann man aus diesen methodischen Vorüberlegungen für Wettkampferzählungen des Mittelalters ableiten? Es scheint verführerisch, von dem skizzierten differenztheoretischen Verständnis von Vielfalt auf die »Komplexität des kulturellen Zusammenhangs« zu schließen,1 in den Texte »eingebettet« sind und der ihre spezifischen Selektionen und Konfigurationen wiederum »steuert«.2 Sozialhistorisch wie ethnographisch orientierte Ansätze führt dies von Texten zu Kontexten des »kulturelle[n] Umfeld[s]«,3 kultursemiotische Ansätze zur allgemein geteilten Grammatik von Zeichen.4 Ebenso bekannt sind jedoch die Verschiebungen, die direkte Kurzschlüsse zwischen Text- und Kulturbegriffen verwehren. Texte rufen nicht nur soziale Logiken ihres ›kulturellen Umfelds‹ in eigenen Arrangements ab,5 sondern selegieren, evaluieren und modifizieren diese anders als die »sog. ›wirkliche‹ Welt«.6
Nicht nur Literatur- und Geschichtswissenschaft, auch Kultur- und Komplexitätstheorien betonen diese Differenz zwischen Einzelobjekten und größeren Ordnungen, versuchen sie aber gleichzeitig zu überbrücken. So dient etwa das Konzept der ›Selbstähnlichkeit‹ dazu, Beschreibungen komplexer Strukturen zwischen Mikro- und Makroebene zu vermitteln,7 und es wird ebenso ins Feld geführt, um Diskrepanzen zwischen kultureller Praxis und begrifflicher Analyse zu vermitteln.8 Rekursive Schleifen (›loops‹) und Muster (›patterns‹) sind beliebte Strukturen, um kognitive, mediale und soziale Komplexität zu verbinden.9 Da Wettkämpfe in hohem Maße auf Muster bezogen sind, wären sie privilegierte Ansatzpunkte, um an ihnen die formale Komplexität von Kultur zu bestimmen.
Die bisherigen Vorüberlegungen stimmen jedoch vorsichtig. Wie diese Komplexität auszuwerten ist, steht und fällt mit dem Kulturbegriff, der weniger eine Prämisse als vielmehr den Erkenntnisgegenstand einer Kulturwissenschaft der Vormoderne darstellt. Zu bezweifeln ist darüber hinaus, dass sich »ästhetische Komplexität« analytisch eindeutig bestimmen ließe, wenn die »Verwebungsdichte möglicher oder aktualisierter Relationen zwischen den Elementen« gerade im Falle mittelalterlicher Texte von schwer zu rekonstruierenden Rahmen- und Rezeptionsbedingungen abhängt.10 Vorläufig festzuhalten ist lediglich, dass Aspekte des Unterscheidens und Vergleichens zu den weit geteilten (wenngleich nicht universalen) Merkmalen von Kulturkonzepten gehören. Wenn sich die Arbeit also offenhält, welche Formen von Kulturalität mittelalterliche Wettkampferzählungen zu erkennen geben, dann wäre nach den vorangegangenen Überlegungen allenfalls zu fragen, inwiefern diese Vergleichspraxis als (un)reduzierbar und (un)bestimmt entworfen wird, wie und wodurch sie Differenz und Abweichung kreiert, in welchem Maße Ergebnisse konstatiert oder (neu) kalkuliert werden. Nicht alle Aspekte von Wettkämpfen sind also relevant, um deren kulturelle Komplexität zu rekonstruieren, sondern im engeren Sinne nur die Eigenschaften von Unterscheidungen, die das Unterschiedene in Beziehung setzen.
2.5 Komplexität durch Wettkampf
Auch außerhalb der historischen Kulturwissenschaften sind zahlreiche Vorschläge zu finden, die Wettkampf und Kultur engführen. Man hat in »gutem (agonalem) Streit« einen »Motor von Kultur« gesehen,1 Kultur schlechthin als »Widerspruchsmuster«2 beschrieben oder paradox »als Widerstreit gegen die Gesellschaft in der Gesellschaft«.3 Will man Zusammenhänge zwischen Wettkampfformen und Komplexitätsbildung differenzierter beschreiben, könnte man auf Merkmale komplexer Systeme zurückgreifen, die ebenso viele Wettkämpfe charakterisieren:4 Sie (1.) aggregieren Aktanten, (2.) fokussieren bestimmte Dimensionen und heben hervor, (3.) bilden Konstellationen, die Anderes sind bzw. andere Eigenschaften besitzen als die Summe ihrer Akteure, (4.) vollziehen sich über wechselweisen Austausch, (5.) sorgen für Differenzen und Grenzen, (6.) erfordern oder erzeugen Strategien und (7.) rekombinieren oder erzeugen Handlungen. Gleichwohl sind solche und andere Merkmalslisten mit Vorsicht zu behandeln, sofern sie auf Komplexitätsmodelle für adaptives Problemlösen, soziale Interaktion usw. zurückgehen.
Dies gilt auch für die Streitsoziologie, aus der sich weitere Leitmotive wie etwa die strukturelle Unterscheidung von Subordination und Koordination gewinnen lassen. Schon Georg Simmels »Soziologie des Streits« bietet feinsinnige Strukturbeschreibungen agonaler ›Verwebung‹. So fänden sich in Hofgesellschaften des 13. Jahrhunderts etwa »Versammlungen von Edelleuten«, die nicht nur dem Interesse des Fürsten z.B. in Verwaltungsaufgaben dienten, sondern auch selbständige Interessen »gegen den Fürsten« verfolgten; »Interessengemeinschaft« und »oppositionelle Bewahrung […] fanden sich in diesen Gebilden nicht nur ungesondert nebeneinander, sondern ineinander«.5 Während Simmel die verschiedenen Sphären des Streits sonst zumeist als Dynamiken von Näherung und Distanzierung charakterisiert (»Konvergenz und Divergenz in den menschlichen Beziehungen«6), hebt er damit horizontale und vertikale Strukturmöglichkeiten sozialer Komplexität hervor, die einander überlagern können. Für eine formale Betrachtung von Wettkämpfen könnte es fruchtbar sein, diesen Gedanken über Simmels Fallbeschreibung hinaus zu tragen: Wettkämpfe allgemein vervielfältigen ihre Form, indem sie zwei Arten von Differenzstrukturen kombinieren und variieren, die unterordnende (subordinierende) und nebenordnende (koordinierende) Beziehungen aufbauen. Das ist auch der Forschung zu Streitgedichten bekannt, die Relationen untergeordneter bzw. gleichrangiger Sprecher inszenieren.7 Doch führt es meines Erachtens weiter, damit nicht einzelne soziale Sphären oder Kommunikationstypen zu unterscheiden, sondern ›vertikalisierende‹ und ›horizontalisierende‹ Züge, mit denen jede Streitform operiert. Subordinationen entstehen, sobald Bezeichnungen dem Kontext einer konkurrierenden Bezeichnung unterstellt werden, d.h. in deren Raum eingetragen werden; dynamisch reproduziert wird diese subordinierende Struktur, wenn Wettkampfformen zu fortlaufenden Umbesetzungen veranlassen, die konkurrierende Bezeichnungen wiederum in den Kontext der Gegenseite eintragen usw. Auch mehrgliedrige Unterscheidungsgefüge, die durch ›re-entries‹ den Wettkampf potenzieren, folgen so gesehen subordinierender Logik. Wettkämpfe vervielfältigen und rekontextualisieren damit solange Unter- und Überordnungen, bis diese in einfachen Werten festgehalten werden – sei es in Gestalt von Entscheidungen und Rangfolgen, Siegen und Auszeichnungen, Einschlüssen und Ausgrenzungen. Koordinierende Strukturen entstehen hingegen durch Reihung von Bezeichnungen oder Teilformen, die nicht in unterschiedene Räume eingelagert werden, sondern identische Kontexte besetzen. Koordinationen können Wettkämpfe auf diese Weise stabilisieren und begrenzen, aber auch mit Positionen anreichern und durch serielle Wiederholung vervielfältigen.
Diese Prinzipien von subordinierender Differenzierung und koordinierender Kontextuierung, so einfach sie sind, machen Wettkampf nicht nur zur anspruchsvollen Beobachtungsform für Interaktion. Auch kognitive Prozesse greifen auf sie zurück: Intelligente Systeme verdanken ihre Fähigkeit, komplexe Muster zu erkennen, einerseits einem hierarchischen Funktionsaufbau, andererseits der Prozessierung von Informationen mittels Wiederholungsschleifen.8 Reflexive Kognitionseffekte wie Bewusstsein setzen ebenfalls hierarchische Ordnungen voraus, mit denen Feedback-Strukturen kategorisiert werden können, während sie zugleich Operationen aneinanderreihen.9 So weit sich dies auf den ersten Blick von literarischen Wettkämpfen entfernt – es könnte neues Licht auf jene seltsamen Fälle werfen, in denen z.B. die Zweikampfdarstellungen höfischer Romane ausgeprägte Asymmetrien zwischen Kontrahenten herstellen, die einander zu unterwerfen suchen. Formale Parallelen zu kognitiven Strukturen könnten damit eine weitergehende Hypothese anregen: Könnten schleifenförmige Wettkämpfe darauf hinweisen, dass mittelalterliche Texte ihre Kampfdarstellungen nicht nur als Reflexionsmedium nutzen,10 sondern mittels Wettkampfkomplexität im kognitiven Sinne rechnen?11 In diese Richtung weisen nicht zuletzt auch die ausdrücklichen (bisweilen sogar exzessiven) Berechnungen mittelalterlicher Wettkämpfe. Sie beschränken sich keineswegs auf Schach- oder Zahlenkampfspiele, die Differenzen von Macht- und Wissensansprüchen ins Spiel bringen,12 oder auf das Aufrechnen und Gegenrechnen von Fehdeerzählungen. Wenn Romane und Epen ihre Kampfsequenzen häufig mit Metaphern des Zoll- oder Zinsengebens, des Zahlens, Zurückzahlens oder Überzahlens mittels Kampf oder sogar als Prozentrechnung beschreiben,13 dann kommt in solchen Metaphern ein kalkulatorischer Zug zum Vorschein, der über höfische Distinktion oder talionistische Buchhaltung weit hinausgeht.14 Wettkämpfe errechnen und verhandeln in solchen Fällen komplexe Unterscheidungen, die sich mit einem mathematischen Differenzkalkül des Wettkampfs möglicherweise besonders gut erfassen lassen.
2.6 Formalisierung von Kultur?
Solche Fragen betreten in der kulturwissenschaftlichen Wettkampfforschung wie in der mediävistischen Literaturwissenschaft Neuland. Spencer-Brown entwirft eine Differenztheorie, die sich auf kurze, prägnante Formeln beschränkt. Um sie aufschlussreich mit komplexen Erzählungen in Verbindung zu bringen, sind daher Übersetzungsleistungen erforderlich. Es kann somit weder darum gehen, Erzählungen auf Grundformeln zu bringen, noch kulturelle Phänomene auf Unterscheidungsmuster zu reduzieren. Angestrebt wird vielmehr eine Bezugsebene, auf der sich formale Aspekte von Erzählphänomenen prägnant hervorheben lassen, die unter den verschiedenen Vorzeichen ihrer Stoff-, Motiv- und Gattungszusammenhänge leicht aus dem Blick geraten könnten. Mit ihrer Hilfe lassen sich formale Aspekte agonaler Differenzstruktur bestimmen und vergleichend aufeinander beziehen, die in der hermeneutischen Erschließung von Einzeltexten oft isoliert bleiben.1 Betrachtet man Kultur als Frage nach den Erzeugungs- und Ordnungsformen von Vielfalt, bedarf es eines Arbeitsmodells, das ihre formalen Aspekte möglichst präzise erfasst. Im Rückblick auf bestehende Theorieangebote wird jedoch deutlich, wie schwer dies den Kulturwissenschaften besonders dann fiel, wenn es um die Kulturformen (historisch) fremder Gesellschaften geht.
Dies zwingt keineswegs zu Reduktionismus. Die folgenden Textanalysen stellen weder die poetischen Fakturen und ästhetischen Wirkungspotentiale von Wettkampferzählungen in Abrede, noch leugnen sie ihre diskursiven Verflechtungen. Wenn die Poetik, Ästhetik und Diskurse von Wettkampftexten angesprochen werden, so konzentriert sich die Arbeit gleichwohl auf jene formalen Dimensionen, die für die vergleichende Frage nach kultureller Vielfalt im Mittelalter aufschlussreich sind.
Zumindest im ersten Schritt führt ein Wettkampfmodell, das auf den Differenzkalkül Spencer-Browns zurückgreift, hierzu auf ungewohntes Terrain. Doch vielleicht kommt gerade dieser Ansatz den schwierigen Erzählphänomen ›zwischen Vielfalt und Einfachheit‹ näher, von denen die Arbeit ausging. Mittelalterliche Erzählungen beschreiben ihre Pluralisierung zumeist nicht als Überschreitung ihrer selbst, sondern als Eigenkomplexität und Vertiefung – noch die entschiedensten Variationen gelten als Entfaltung einer materia oder werden als Selbstmitteilung von Aventiure inszeniert, um nur an zwei prominente Semantiken des höfischen Romans zu erinnern. Die binäre Kontrastlogik des Strukturalismus stieß bei solchen Selbstbeschreibungen an Grenzen, insofern sie eindeutige Zurechnungen von Differenzen verlangte.2 Ihre Analyse erfordert stattdessen ein Instrumentarium, das Komplexität ebenfalls als Selbstvervielfältigung darstellen kann. Genau darauf zielt Spencer-Browns Versuch, komplexe Operationen ausgehend von nur einem symbolischen Basisoperator (›cross‹) herzuleiten.3 In Zusammenhängen der mathematischen Logik reagierte dies auf Probleme, die hier ebenso wenig aufzurollen sind wie die Fachrezeption von Spencer-Browns Angebot. Doch wäre ein Kalkül der Selbstdifferenz besonders aufschlussreich, wenn damit Affinitäten mittelalterlicher Kultur zu interner Komplexität genauer beschrieben werden könnten, die Verbindungen von Wettkämpfern so eindrücklich als Selbstverhältnisse entwirft.
III Studien
1 Vorspiel der Vervielfältigung: Zum älteren Hildebrandslied1
Die Frage nach literarischen Spielräumen der Pluralisierung setzt nicht erst bei Texten an, die soziale Vielfalt zum Thema machen oder repräsentieren – Reiseberichte, Ständelehren oder Religionsgespräche wirken sogar besonders reduktiv, sofern sie Komplexität mit schematischen Darstellungen und eingespielten Deutungsmustern begrenzen. Erzählungen vom Aufeinandertreffen der Religionen unterbieten dann nicht selten moderne Erwartungen an kulturelle Reflexion.2 Das nachfolgende Kapitel setzt daher diesseits von Semantiken und Themen der Pluralisierung an: Welche medialen und formalen Bedingungen ermöglichen grundlegend, Vielfalt zu entwickeln und literarisch auszustellen? Solche Möglichkeiten verdanken sich nicht erst Veränderungen sozialer Wirklichkeiten im Hochmittelalter, sondern fächern sich auf, sobald mündliche Erzähltraditionen in schriftlichen Speichermedien aufgezeichnet werden, die Alternativen festhalten und reflektieren. Dass besonders Wettkampferzählen solche Alternativen hervorlockt, entdeckt als einer der frühesten Texte in der deutschen Literatur das Hildebrandslied.3
1.1 Zwischen den Heeren
Schwierige Lagen kennzeichnen bereits den medialen Ort des Heldenliedes in seinem Überlieferungskontext. Auf den Außenblättern der 830 / 840 in Fulda entstandenen Bibelhandschrift Ms. theol. 54, UB Kassel, fol. 1r und 76v, findet sich jener berühmte Streitdialog zweier Krieger überliefert, die sich anerkennen, ohne sich zu erkennen.1 Nach einem ganzen Lebensalter der Trennung stehen sich Hildebrand und Hadubrand, Vater und Sohn, als Vorkämpfer zwischen den Heeren unerkannt unter Waffen gegenüber.2 In dieser gespannten Lage voll »rituelle[m] Ernst«3 halten sich beide an heldenepischen Komment: Der Ältere fragt nach Namen und Herkunft, der Jüngere gibt Auskunft.4 Sein Vater sei mit Dietrich vor der Verfolgung durch Odoaker geflohen, während die Familie zurückblieb; nach allen Berichten, die dem jungen Hadubrand zu Ohren gekommen sind, sei der Vater jedoch nicht mehr am Leben. Hildebrand hingegen ruft Gott zum Zeugen – niemals hätten sich Verwandte derart nah gegenübergestanden – und bietet dem Sohn Ringe an, um den Kampf versöhnlich abzuwenden. Der aber weist das Geschenk argwöhnisch ab: Der List eines alten Hunnen werde er nicht verfallen, schließlich wisse er doch, dass sein Vater tot sei. Wieder wendet sich Hildebrand zu Gott und beklagt das Geschick, das ihm alternativlos scheint: Entweder muss er nun seinen Sohn oder dieser ihn selbst töten. In der Kampfschilderung bricht das Liedfragment nach 68 Versen ab.
Doch nicht nur die äußere Handlungssituation führt die Vorkämpfer in eine Zwischenlage. Zwischenlagen spiegelt auch die Form ihrer Reden selbst, welche die Wettkampferzählung entwickelt.5 Denn das Hildebrandslied spaltet und verdoppelt den Streitdialog zwischen Vater und Sohn in komplexer Weise. Obwohl Figurenreden und Erzählinstanz auf kollektives Sagenwissen zurückgreifen, finden sie keinen einfachen Verständigungshorizont. Wettkampf entpuppt sich dadurch als dynamische Form der Vervielfältigung, die unaufgelöste Kontingenz produziert.
1.2 Vermutungswissen und Unterstellung: Hadubrands Latenzen
Liest man die Begegnung als Kampf von Verwandten, die sich trotz größter Nähe höchstens asymmetrisch erkennen und infolgedessen nicht anerkennen können, so mochte dies die ältere germanistische Forschung zwar tragisch stimmen,1 vereinfacht aber alle Fragen, die den kurzen Text so befremdlich machen. In der Begegnung zwischen Vater und Sohn scheinen nämlich sichere Antworten zunächst zu fehlen. Hadubrand misstraut dem Fremden, der vorgibt, sein engster Verwandter zu sein. Wissen über seinen Vater, dessen Flucht vor Odoaker an der Seite des Ostgotenkönigs Theoderich und dessen Tod besitzt der Sohn nur aus dem Mund des kommunikativen Gedächtnisses: dat sagetun mi usere liuti, / alte anti frote, dea erhina warun (V. 15f.). Diese »Autoritätsinstanz des Stammes« aber schwankt,2 denn Hadubrand ergänzt sein persönliches Nichtwissen über den abwesenden Vater auch mit Nachrichten von Seefahrern aus der Ferne. Dass solche »Anreihung fremden Wissens […] zweifelhaft [bleibt]«,3 gibt Hadubrand selbst mit schwankenden Modi der Gewissheit zu erkennen. Hält er dem Fremden zunächst mit indikativischer Überzeugung entgegen, dass Dietrich ja an seinem Vater einen treuen Gefolgsmann verlor (V. 23f.), so nimmt er solche Gewissheit sogleich zur bloßen Vermutung zurück: ni waniu ih, iu lib habbe (V. 29) – »Nicht glaube ich, daß er noch lebt.« Autoptische Überzeugung oder die Evidenz verlässlicher Zeugen aber bleiben dem Sohn, unter allen Schichten von Heldenberichten, verborgen.4 Statt kollektiv verbindlichem Wissen akzentuiert der Text das Vermutungswissen des Sohnes.
Auch bei seinem Gegner vermutet Hadubrand verborgene Schichten. Den goldenen Armreif, den ihm der Fremde möglicherweise zur Bekräftigung verwandtschaftlicher Nähe darbietet, verspottet er als täuschenden Köder:
du bist dir alter Hun, ummet spaher,
spenis mih mit dinem wortun, wili mih dinu speru werpan.
pist also gialtet man, so du ewin inwit fortos.
(V. 39–41)
Du bist, alter Hunne, voller Tücke,
willst mich mit Worten ködern, deinen Speer nach mir werfen.
Du bist so alt geworden, weil du stets Arglist gebraucht. (Übers. Haug)
Mit seiner Skepsis liegt der junge Mann richtig – und irrt zugleich. Als Goldschmiedearbeit vom Hunnenhof (V. 34f.) bezeugt die Gabe tatsächlich indexikalisch den fremden Exilraum der Dietrichsage; und insofern diese Sage vom Verrat trügerischer Verwandter erzählt, der Dietrich und Hildebrand ins Hunnenreich treibt, ist es nur folgerichtig, fortan Gaben im Namen von Verwandtschaft zu misstrauen. Doch Hadubrand überdehnt gleichzeitig die metonymische Aussagekraft der Gabe, wenn er sein Gegenüber kurzerhand zum Hunnen deklariert. Sein Verdacht klärt nichts: Dass Dietrichs Flucht nach Osten (V. 22) auch den Vater ins Exil zum Hunnenhof führte, bleibt zwischen den beiden unausgesprochen. Derartige Leerstellen blockiert Hadubrand vielmehr, indem er sie dem Gegner selbst als Hinterlist zuschreibt. Außerdem hätten Seefahrer von Hildebrands Tod erzählt (V. 42–44) – ein Rekurs auf unverlässliches Sagenwissen,5 dem sich die Erzählinstanz zu Beginn als grundlegender Informationsquelle unterstellt hatte (V. 1).
Die Herausforderung des Fremd-Vertrauten beantwortet Hadubrand somit mit einem Reaktionsmuster, das man als Latenzstrategie bezeichnen kann, insofern es unbestimmte Differenz zu kompakten Unterstellungen transformiert. Diest verspricht Vereinfachung: Es entlastet von epistemischer Komplexität, wenn man sich Vorzeitgedächtnis und Hörensagen durch Dritte unterstellt, ohne deren Glaubwürdigkeit oder Konsistenz zu problematisieren.6 Es entlastet aber auch von komplexerem Interaktionsbedarf, wenn Hadubrand alle Unbestimmtheit seinem Gegenüber pauschal als List zuschiebt, die ihre Hintergründe im Dunkeln zu halten versucht. Formal betrachtet zielt beides auf Unterordnungsverhältnisse, indem Hadubrand sich vorausgehenden Zeitzeugen oder Informanten aus der Ferne unterstellt, wie er dem Gegner ein Täuschungskalkül unterstellt.
Diese Strategie hebt sich umso auffälliger ab, als das Hildebrandslied auf Ebene seiner Textpoetik die Unbestimmtheiten fortwährend gegenbesetzt und hervorhebt. Geradezu aufdringlich hämmert etwa die Erzählinstanz über Patronyme ein (V. 7, 14), dass hier ein sunufatarungo (V. 4), eine Sohn-Vater-Verbindung zur Debatte steht,7 während eine solche Verbindung auf Figurenebene gerade nicht zu geteiltem Wissen und Ausgleich führt, die Freundschaftsgabe gerade nicht zu verbindenden Dingen wird. Zugleich unterstellt das Heldenlied mit seiner rudimentären Informationsvergabe wie selbstverständlich, »dass der Hörer von all den Personen, von denen die Rede ist […], schon einmal gehört hat«.8 Die Ordnung des Sagenwissens, die in heldenepischer Dichtung oft allseits verfügbar scheint, bildet damit Erzählschichten, die sowohl transparent als auch opak erscheinen.
1.3 waltant got: Hildebrands Transzendenzen
Hadubrands Strategie der Unterstellung hebt sich auch deshalb ab, weil Hildebrand strategisch anders kommuniziert und handelt. Doch greift er in andere Richtung aus. Während die Latenzstrategie des Sohnes dazu neigt, die Komplexität möglicher Vorgeschichten einzulagern, lagert der Vater jeglichen Begründungsbedarf aus – in berühmten, aber religionsgeschichtlich schwierig einzuschätzenden Transzendenzbezügen.1 Auch diese Transzendenzgesten haben zunächst epistemische Implikationen. Statt nämlich auf das Sagenwissen seines Sohnes mit nur einem Wort korrigierend einzugehen, bekräftigt Hildebrand lediglich seine Sippenzugehörigkeit durch einen Schwur zu Gott »oben im Himmel«:
»wettu irmingot«, quad Hiltibrant, »obana ab hevane,
dat du neo dana halt mit sus sippan man
dinc ni gileitos.«
(V. 30–32)
»Ich rufe als Zeugen«, sprach Hildebrand, »Gott oben im Himmel,
daß du doch niemals mit einem so nah Verwandten
einen Streit geführt hast.« (Übers. Haug)
Hadubrand indes locken solche Schwüre kaum aus der Reserve. Ganz im Gegenteil zieht er auch transzendente Zeugen in das latente Täuschungskalkül hinein: Bei Gott zu schwören, könnte nur ein neuer Zug der List sein. Ein zweites Mal, nur umgekehrt greifen die Strategien ineinander, als Hildebrand dann doch in eher kryptischer als signalhafter Anspielung an das Vorwissen des Sohnes anknüpft: Wohl kaum habe der Junge die Mühen der Verbannung ertragen müssen. Doch wieder wendet sich Hildebrand von solchen Aufdeckungsmöglichkeiten jäh ab (V. 49): »welaga nu, waltant got«, quad Hiltibrant, »wewurt skihit.[«] Auch über diesem Vers türmen sich Forschungskontroversen. Ausführlich hatte die ältere Forschung darüber debattiert, ob hier der christliche Gott über germanische Schicksalsauffassung hereinbreche.2 Hält man sich hingegen textnah an die Formen solcher Transzendenzbezüge, lässt sich erkennen, dass auch Hildebrand mit diesen Wendungen jegliche Unbestimmtheiten der Interaktion ausräumt – ist das Geschehen mit solchen Worten als wewurt gefügt, hat der Streitdialog keine Möglichkeiten mehr zu verhandeln, sondern bloß noch Wirklichkeit abzuwickeln, zu der es keine Alternativen gibt.3 Sogleich sind die Schwerter zur Hand. Während Hadubrand also komplexe Differenz auf Latenz herunterrechnet, rechnet sie Hildebrand zu Transzendenzen hoch. Beide Gesten bleiben auf die Figurenebene begrenzt und werden dadurch eigentümlich ausgestellt: Statt eines umfassenden Gottesurteils, das eben zur Zeit der Aufzeichnung des Textes in Fulda zur Diskussion stand, präsentiert das Hildebrandslied somit Bearbeitungsformen in der Rede von Streitfiguren, die auf Kontrast angelegt sind.
1.4 Abgewiesene Gaben: Exposition von Kontingenz
Insgesamt profiliert der heldenepische Streitdialog damit eine doppelte Wettkampfform. Zweimal alternieren nach knapper Einleitung die Wechselreden zwischen Vater und Sohn; und zweimal prallen gegenläufige Strategien aufeinander, die Differenzen gegeneinander verschieben – in Richtung latenter Einlagerungen (Hadubrand) oder transzendenter Auslagerung (Hildebrand).1 Beide Richtungen prägen in der Formgeschichte von Wettkampfkommunikation nicht nur prominente Modelle von langer Dauer aus, an die auch viele spätere Texte des Mittelalters anknüpfen, die z.B. von ›Kämpfen mit dem Freund‹2 oder gottesgerichtlichen Zweikämpfen3 erzählen. Analytisch aufschlussreich könnte es ebenso sein, das komplementäre Verhältnis solcher Modelle zu berücksichtigen. Latenz heißt in funktionaler Hinsicht, Unterscheidungen derart zu unterstellen bzw. in einen Raum hineinzustellen, dass sie potentiell rekonstruierbar, aber aktual entzogen sind.4 Solche Einschlüsse zielen einerseits auf Sicherung von Komplexität durch Einschluss;5 andererseits sensibilisiert ihre potentielle Erhaltung im Gegenzug dafür, verborgene Differenzen auch in Kontexten zu entdecken, hervorzuholen und buchstäblich zu produzieren, die sich erklärtermaßen einfach geben. Wenn agonale Logik ihre Differenz grundsätzlich alternieren lässt,6 könnte man somit festhalten, dass Hadubrand die Grundform des Wettkampfs nach innen hin erweitert, um ihre Komplexität kurzerhand Hildebrand zu unterstellen. Transzendenz hingegen bedeutet, Außenverhältnisse zu markieren – sei es durch Ausrichtung auf Unverfügbares, das als Kontext herangezogen wird, oder durch Akte der Überschreitung, die in einen Kontext einbrechen. Im Sinne solcher transzendenter Grenzüberschreitungen erweitern Hildebrands Gottesbezüge die Wettkampfform nach außen, ohne sie dadurch bestimmen zu können, wie seine notorisch vagen, mehrdeutigen Formeln zeigen.
Vage bleibt dieser Ausgriff im Rahmen des gesamten Streitdialogs keineswegs. Denn Transzendenzgesten treten Latenzvorwürfen nicht einfach als unbestimmte Alternativen, sondern als komplementäre Formen gegenüber. Oder näher am Text formuliert: Der Streitdialog, in dem sich zwei asymmetrisch verkennen, bedient sich Formen der Differenzverarbeitung, die symmetrisch aufeinander abgestimmt sind. Dass Hildebrand und Hadubrand engstens aufeinander bezogen scheinen und doch aneinander vorbeireden können, hat hierin seinen formalen Grund. Dies verbindet sich auch mit anderen Dimensionen der formalen Abstimmung, die der Forschung länger bekannt sind: Nicht nur greifen die Redeanteile alternierend ineinander, sondern wachsen bzw. schrumpfen in chiastisch ausgeklügelter Abfolge.7 Auch die Schriftpoetik des Dialogs streicht also seine agonale Symmetrie heraus, während er von Asymmetrien erzählt.
So geordnet dieses Arrangement erscheint, es birgt eine unwahrscheinliche Konfiguration, die sich auf verschiedenen Ebenen leicht auflösen ließe. Um mit einer keineswegs abwegigen Handlungsalternative zu beginnen: Hildebrand und Hadubrand hätten einfach kurz bei ihren Heeren nachfragen können, wie etwa Chroniken von fränkischen Bruderkriegen zu berichten wissen; oft sind es die Gefolgsleute, die entscheidende Informationen zur Konfliktlösung liefern. Zweitens ließen sich dialogische Vertiefungen oder Bezugnahmen erwarten: Denn ebenso häufig wie Täuschungsvorwürfe die Darstellung von Zweikämpfen durchziehen, finden sich eingehendere Antworten als bloße Schwüre – von der Fredegar-Chronik bis zur Heldenepik des Spätmittelalters.8 Es betrifft drittens alternative Wirkungen der Dinge: Gaben können vor der Schlacht abgelehnt werden, aber auch symbolischen Ausgleich oder Unterwerfung herbeiführen und dadurch gemeinsame Ordnung (ganz gleich welcher Form) stiften. Zahlreiche Wege zur Vereinfachung wären also denkbar. Wodurch werden die Wettkampfprinzipien der Latenz und der Transzendenz dann aber voneinander unterschieden und miteinander in Geltung gehalten? Wodurch ermöglicht und provoziert das Hildebrandslied diese doppelte Formbildung? Die wenigen überlieferten Verse diskutieren diesen Punkt nicht explizit. Doch kann man ihn mit jenem heuristischen Argument rekonstruieren, das Jan-Dirk Müller als ›Spielregel‹ von Texten beschrieb, die widersprüchliche oder unwahrscheinliche Ordnungen miteinander konfrontieren, ohne sie in stimmiger Handlungsführung oder einheitlichen Darstellungsnormen aufzulösen.9 Fragt man also danach, was das Hildebrandslied ausschließen muss, um seine Konfrontation derart abzustimmen, lassen sich zwei Regeln entziffern, die das Geben und Nehmen regulieren. Erstens: Gemäß heroischem Komment gibt der Ältere nie zuerst seinen Namen preis.10 Zweitens: Vom Gegner nimmt man keine Geschenke an.11 Während die erste Beschränkung verhindert, dass Hildebrand sich bereits zu früherem Zeitpunkt und unabhängig von schillernden hunnischen Armreifen als Sippenmitglied ausweist, unterdrückt die zweite Beschränkung eine friedliche Aussöhnung im Medium der Gabe. Gedächtnis und Gaben, die doch so aufdringlich hervortreten, müssen also auf Figurenebene geradezu ostentativ zurückgehalten und begrenzt werden. Das Lied erweckt dadurch den Eindruck, Hildebrand und Hadubrand verkennten einander gezielt, indem sie Identifizierungsangebote eröffnen und verweigern.12
Auch das hat formale Aspekte. Das betrifft zum einen Latenzen, die sich prinzipiell aufdecken lassen.13 Doch auffälligerweise hält Hildebrand die Möglichkeit ausgeschlossen, latentes Sippenwissen aufzudecken, über das er durchaus detaillierter verfügt, wie er unterstreicht. Hadubrand möge ihm nur einen Namen nennen, so wisse er alle anderen zu nennen, denn er kenne jedermann:
ibu du mi ęnan sages, ik mi de odre uuet,
chind, in chunincriche: chud ist mir al irmindeot.
(V. 12f.)
Wenn du mir einen nennst, kenn ich die andern;
in diesem Königreich, junger Mann, sind mir alle Großen bekannt.
(Übers. Haug)
Genau dies aber tut der Vater nicht: Das Versprechen vollkommenen Erkennens bleibt uneingelöst.14 Statt mit Auskünften zum ausgedehnten Sippennetz antwortet Hildebrand mit einem kompakten Geschenk, das seine huldi (V. 35) vor Gott bezeugen soll. Angedeutet und abgewiesen wird damit die Alternative, sich mit genealogischem Vorwissen zu akkreditieren.15 Auch Hildebrands zweite Apostrophe wiederholt dies: Zwar erinnert ihn die Rüstung seines Sohnes kurz an seine eigene Vasallengeschichte, doch bricht Hildebrand erneut ab. Angedeutet wird ein zweites Mal die Möglichkeit, latentes Wissen aufzudecken und direkt zu beantworten, was ein zweites Mal auf Transzendenz ausgelegt wird.
Umgekehrt verwehrt der junge Hadubrand Transzendenz – im strukturellen Sinne also alles, was unerwartet auf ihn hereinbricht. Gaben soll man mit dem Speer empfangen, Spitze gegen Spitze, wie er »verblendet« in V. 37f. entgegenhält.16 Weder die Transzendenz der Gabe lässt dies kommen,17 noch gewährt es irgendeine Atempause, in der sich die mehrschichtige Verknüpfung von Schenkendem und Empfangendem überhaupt näher verhandeln ließe, die da auf ihn hereinbricht.18
Einen derart profilierten Kontrast von angedeuteten Alternativen und Ausschluss wird man zwar als planvoll, aber kaum mehr als tragisch auffassen können.19 Anders als vergleichbare indoeuropäische Wandersagen vom Vater-Sohn-Kampf aus Unwissen stellt das Hildebrandslied somit überdeutlich die Kontingenz der Streitkommunikation heraus,20 in der das eigenartige Verkennen der Figuren nur durch selektive Beschränkungen gewonnen wird,21 die für heldenepische Konfrontationen keineswegs üblich sind. Formal betrachtet kann man die Wettkampfbedingungen des Hildebrandsliedes also vielleicht noch prägnanter fassen: Latenz und Transzendenz dürfen im Streit zwar nebeneinander treten, nicht aber ineinander greifen, um das labile Strukturgleichgewicht nicht aufzulösen. Während der Vater nichts aufdecken darf, kann der Sohn nichts annehmen. Das Hildebrandslied unternimmt alles, um solche Kurzschlüsse zu verhindern.
Dazu ist es nötig, andere Regeln der Heldenepik außer Kraft zu setzen. Um es lapidar zu sagen: Helden erkennen einander sofort, spätestens im Kampf – verglichen mit Täuschungs- und Verkleidungshandlungen höfischer Erzählungen verlangen Heldenepen jedenfalls weitaus anspruchslosere Schritte der Identifizierung.22 Verkennen wird dann zur unwahrscheinlicheren, künstlicheren Gattungsoption, die rasch zusammenfallen kann. Die Hildebrand-Figur ist für solche Markierung von Künstlichkeit und ihrer Auflösung ein besonders beliebter Kandidat der Heldenepik, wie das Epos von Alpharts Tod in einer ähnlichen Situation illustriert. Auch hier begegnen sich unerkannt Verwandte im Zweikampf. Ähnliche Vorzeichen – Ausweglosigkeit auf der einen Seite, Täuschungsvorwürfe auf der anderen Seite – finden jedoch rasche Auflösung:
»Du salt mych laßen leben! Ich bins, din ohem Hilbrant.«
[…]
»Solt ich den hye finden? Das yst nit war und yst gelogen.
Du wylt dich da myt frysten, drutgeselle myn,
dych hylffet nit din lyste, ys muß dyn ende sin,
der großen ungenoden«, sprach der rytter gut[.]
[…]
»Neyn ich, uff myn truwe«, sprach Hyldebrant,
»es must dych umber ruwen, slug mych din hant.
Bynt myr den helm von den augen so zuhant
und syech myr under dye augen, so werde ich dyr bekant!« 23
Genau dieser Aufforderung kommt der Junge nach: Er sach im under die augen, er wart im schyer bekant (V. 533.). Weder insistiert der Jüngere auf Verdacht und Täuschungsvorwürfen, noch hält der Ältere am heroischen Komment fest – in nur einem Vers schaltet das Heldenepos des 13. Jahrhunderts auf heroisches Erkennen. Auch das jüngere Hildebrandslied bevorzugt im 15. Jahrhundert einen Kurzschluss zum ›happy ending‹ der Anerkennung. Im literaturgeschichtlichen Rückblick wird an solchen Beispielen sichtbar, wie das frühmittelalterliche Heldenliedfragment solche Lösungen gerade zu vermeiden sucht.
Das ältere Hildebrandslied bevorzugt andere Möglichkeiten, um die Differenz von Latenz und Transzendenz aufrechtzuerhalten. Nicht der Horizont von Figuren – etwa ihr Wissen: was ahnen bzw. verdrängen beide voneinander? – ist dafür entscheidend.24 Ihre Einheit verdichtet sich vielmehr dingsymbolisch in Gestalt goldener Armreifen, die Hildebrand dem Sohn bietet, ohne dass sie die Seiten wechseln, sondern auf der Grenze bleiben. Auch formal fungieren sie als Grenzobjekt mit gegenläufigen Verweisungsrichtungen: Als Hunnenschmuck halten sie für Hadubrand latent eine fehlende Geschichte bereit; als Freundschaftsgabe oder Unterwerfungsaufforderung25 begleitet sie Hildebrand mit einem transzendenzorientierten Schwur. Aber weder die Gaben dürfen die Seite wechseln, noch die Formen, in denen der Wettkampf die Gegner gegenüberstellt. Zwischen den Heeren und zwischen den Speerspitzen bleiben die Armreifen somit im wahrsten Sinne des Wortes ›Zwischen-Dinge‹, die den Raum der Differenz in zwei Richtungen offenhalten.26 Die abgewiesenen Alternativen der Konfliktauflösung finden in den abgewiesenen Gaben ihr Pendant. Beide akzentuieren Kontingenz als Möglichkeitsüberschuss, der zwischen den Heeren entsteht, ohne ineinanderzufallen, harmonisiert oder aufgelöst zu werden, so flüchtig auch von ihnen nur die Rede ist.
1.5 Die doppelte Form des Wettkampfs
Welche kulturtheoretischen Einsichten lassen sich daraus gewinnen? Die Frage verführt zum begriffsgeschichtlichen Sprung. Etwas als kulturell zu begreifen, heißt spätestens seit dem 18. Jahrhundert explizit, stets mehr als nur eine Perspektive, mehr als nur einen Wertungsmaßstab, mehr als nur eine Ordnung in Rechnung zu stellen, sobald es zu vergleichen gilt.1 Kulturbegriffe verweisen so gesehen auf Beschreibungspraktiken der ›Verdopplung‹,2 deren Komplexität rasant wächst, seitdem der Buchdruck die Speichermedien für Vergleiche revolutionär erweitert.3 Wettkampf ist für diese Vergleichspraxis besonders produktiv, weil widerstreitende Formen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich konkurrierende Perspektiven, Wertungen und Ordnungen in ihrer Verschiedenheit entdecken: »Der Widerstreit macht Beobachter beobachtbar«, wie Dirk Baecker systemtheoretisch zuspitzt,4 woraus moderne Kulturtheorien den Schluss ziehen, die »Kontingenz«5 von Lebensformen und symbolischen Ordnungen in den Mittelpunkt zu stellen.
Freilich: Erst die Neuzeit bringt dies auf solche Begriffe. Doch lassen sich Kulturperspektiven der Kontingenz bereits in frühesten Fällen volkssprachlicher Verschriftung im Mittelalter greifen, die neue, besonders irritationsfreudige Stufen für Vergleiche eröffnen.6 Das Hildebrandslied exponiert solche Kontingenz, indem es innerhalb weniger Verse Alternativen aufwirft, die sich nicht herunterkürzen lassen – selbst dann nicht, wenn man weiß, wer Recht oder welche Vorgeschichten hat, welche Kampfentscheidung stoffverwandte Texte favorisieren.7 Diese Wirkung wird zum einen von der Form des Dialogs getragen, der sich eben nicht normativ auf Einheit des Verstehens oder das Kommunikationsziel der Verständigung reduzieren lässt.8 Das verstärkt das Hildebrandslied zum anderen, indem beide Reden gezielt inkommensurabel werden. So hat etwa Hartmut Bleumer gezeigt, dass Ordnungskonkurrenz bis in die unterschiedlichen Erzählweisen und Auffassungen über Zeichen hineinstrahlt, die Hildebrand und Hadubrand trennen.9 Uta Störmer-Caysa hat ergänzt, dass auch in zeitlicher Hinsicht keinesfalls von einem »Kontinuum«, sondern allenfalls von »unterschiedliche[n] Blickpunkte[n]« zu sprechen ist, deren Wissenshorizonte bis zuletzt unverbunden bleiben.10 Höfische Zweikämpfe bahnen hier konvergentere Lösungen, die Figuren und Handlungswelten verbinden, wie Harald Haferland und Udo Friedrich in grundlegenden Studien unterstrichen haben:11 Für Zweikämpfer des Artusromans wäre es eine gâbe grôz zu wissen, wer der ander wære, so wird Hartmann programmatisch im Iwein formulieren.12 Das Hildebrandslied aber verzichtet auf solche Konvergenz. Statt eines Waffengangs oder heroischer Aristien kostet das Fragment aus, wie ein Dialog zwei Anordnungsmöglichkeiten des Kampfes – Täuschungskalküle und Kampf vor Gott – miteinander konfrontiert und für einen Moment in der Schwebe hält. Kulturperspektiven eröffnet das Hildebrandslied also nicht dadurch, dass zwei Figuren nach heroischen Regeln planvoll aneinander vorbeireden, sondern indem davon in doppelter Weise erzählt wird. Infrage gestellt wird damit zwar keineswegs die grundsätzliche Lösbarkeit des Konflikts, wohl aber die einfache Rahmbarkeit von Differenz.
1.6 Vereinfachung
Wie in einer Art Miniaturszenario experimentiert das Hildebrandslied mit grundlegenden Optionen, die für die Erzählgeschichte des Wettkampfs im Mittelalter leitend werden: Latenzen und Transzendenzen, Ein- und Auslagerungsstrategien, aber auch semantische Konzepte von List und Fügung prägen maßgeblich die Versuche, Differenz mit narrativen Mitteln zu vervielfältigen. Was das Heldenlied des 9. Jahrhunderts gleichsam als Vorspiel aufscheinen lässt, etabliert sich in Erzähltexten des Hochmittelalters zu stabileren und umfangreicheren Typen.
Im älteren Hildebrandslied jedoch ist dieser Moment flüchtig, denn rasch löst sich die Konstellation in eine weitaus einfachere Form auf. Während der Verkennensdialog die Komplexität der Anerkennung steigert, bringt sie Hildebrands Reizrede (ab V. 50) auf das ungleich simplere Muster eines Rechtskampfes zwischen Alt und Jung.1 Dem sekundiert schließlich auch die Erzählinstanz, indem sie Akteure und Vorgänge im Kollektivplural verschmelzen lässt (V. 63–68): Lanzen und Schwerter fliegen, Schilde bersten. Der verwickelte Streitdialog weicht einer schematischen Handlungssequenz, die nichts mehr kontingent lässt: Unbestimmte Differenzen von Kalkülen und Kontexten werden gelöscht, Figuren kondensiert. Solcher Kampf experimentiert nicht länger mit Vielfalt, sondern kriecht in die formularische Poetik traditioneller Heldenepik zurück,2 welche die Grundform des Wettkampfs auf den gemeinsamen Rhythmus von Angriff und Verteidigung beschränkt.3 Hier, am Nullpunkt der Vereinfachung, bricht das Fragment denn auch ab. Offen bleibt zwar der Ausgang des Waffengangs, aber seine Möglichkeiten sind einfach strukturiert, wenn nicht sogar von Sagenerwartungen eindeutig bestimmt: Das ›sowohl – als auch‹ zwischen den Heeren wird zum ›entweder – oder‹ der Entscheidung.4 Die Erzählliteratur des hohen Mittelalters wird ihre Kampferzählungen zu längeren Formen ausbauen, in denen solche Zwischenräume wachsen, bevor Reduktionen greifen oder Entscheidungen fallen.
2 Seelenkämpfe
Vervielfältigung prägt nicht bloß äußere Konfrontationen oder Verhältnisse zur Außenwelt. Auch Innensphären und Selbstverhältnisse nutzt die volkssprachliche Erzählliteratur zur »Ich-Vervielfältigung«,1 als Bearbeitungsfeld pluraler Ordnungsmöglichkeiten von Selbstbezügen. Unbestimmtheit fungiert dabei nicht nur als Herausforderung für stabile Abgrenzungen oder als Gefährdung von eindeutiger Zugehörigkeit, sondern oftmals als produktive Konstitutionsbedingung von Identität. Im Rahmen seiner allgemeinen Netzwerktheorie beschreibt Harrison White diesen Zusammenhang als Turbulenz: »Identities emerge from turbulence seeking control from within social footings that can mitigate uncertainty.«2 Im Hinblick auf Wettkampferzählungen erweisen sich agonale Selbstverhältnisse als besonders turbulent, wenn mittelalterliche Texte dafür die Seele des Menschen aufs Spiel setzen.
Ihre Anordnungen sind keineswegs voraussetzungslos. Schon die stoische Ethik und die (neu)platonische Anthropologie betrachten den Menschen vom Widerstreit zwischen Körper und Psyche geprägt, in permanentem Kampf gegen Vorurteile und affektive Verstrickungen. Schon die Antike favorisiert einen Habitus besonnener Selbstkontrolle, der sich auf dem Wege agonistischer Übungen »zwischen sich und sich« gewinnen und festigen lasse.3 Unter christlichen Vorzeichen schließt das lateinische Mittelalter an diese Vorgaben an und interpretiert das Leben als umfassenden Wettkampf (1 Cor 9, 24–27; ebenso einflussreich auch 2 Tim 2,5).4 Einflussreich für die Sünden- und Bußordnungen beschreibt etwa Gregor der Große in seinem Hiob-Kommentar das Herz des Menschen belagert von Lastern, die sich sogleich vervielfältigten (multitudinem proferunt), indem sie – einmal hineingelangt – weitere ›Heere‹ (exercitus) hineinließen.5 Militärische Metaphern des Kampfes und der Belagerung dienen Gregor dazu, eine Sündenordnung zu arrangieren, deren geordnete Reihe zu Wucherung und Vervielfältigung neigt. Das ganze Leben verwandele sich in einen geistigen Ringkampf vor den Richteraugen Gottes, wie Hrabanus Maurus in seiner Allegorese der Wettkampfpraxis der Antike festhält.6
Volkssprachliche Literaturen knüpfen an solche Modelle und ihre agonalen Leitmetaphern nicht nur an,7 sondern entwickeln deren Streitordnungen experimentell weiter.8 Diese Experimente werden besonders greifbar, wenn Kämpfe um bzw. in der Seele mit narrativen, imaginativen und dialogischen Mitteln verstärkt werden. Wie die Forschung bislang aufgewiesen hat, zeigen volkssprachliche Texte jedoch insgesamt wenig Interesse, das Begriffsfeld lateinischer Seelenlehre systematisch zu übernehmen oder anthropologische Probleme stringent auszudiskutieren. Wo mittelhochdeutsche Texte vom Kampf in der Seele erzählen, kommen zwar Figuren mit »komplexe[m] und vielgestaltige[m] Innenleben« in den Blick, doch mit »ambivalente[m] Ergebnis«. So nachdrücklich sie den Diskurs über innere Ordnung vertiefen, so schwach scheint die Ordnungsleistung ihrer Begriffe: »Warum bildet die mittelhochdeutsche Literatur eine ganze Fülle von Begriffen zur Bezeichnung innerer Vorgänge und Sachverhalte aus, die in ihrer Verwendung aber kaum differenziert und oft sogar gegeneinander austauschbar sind?«9
Wenn man dies nicht bloß als Begriffsschwäche volkssprachlicher Literatur ankreidet, welche positiven Angebote lassen sich in Seelenkampftexten greifen, die Formen des Selbstbezugs organisieren? Welche erzählerische Arbeit setzt dort an, wo begriffliche Systematisierungen des Selbst enden? Ausgehend von diesen Fragen setzt sich das folgende Kapitel zum Ziel, zwei Transformationen herauszuarbeiten, die für die Vervielfältigung von Selbstverhältnissen entscheidende neue Wege eröffnen. Von Anthropologien der Spätantike, die Selbstverhältnisse strikt an externe Ordnungen rückbinden, entkoppeln sich im Mittelalter Latenzmodelle innerer Kämpfe, die auf paradoxe Weise als unzugänglich, intransparent und in bemerkenswertem Maße unbestimmt erscheinen, während sie gleichzeitig kommunikativ vermittelt, intensiviert und in Dialogformen verhandelt werden, die unter extremen Bestimmungsszwängen stehen. Formen »der Nicht-Identität, der Differenz, des Widerspruchs« lockern dabei Rückkopplungen an religiöse oder soziale Zurechnung, ohne sich deshalb außerhalb dieser Rahmen zu stellen.10 Dies eröffnet neue Möglichkeiten, um Binnenkomplexität zu verstetigen: Indem innere Kämpfe fortlaufend Widerspruchsordnungen reproduzieren, machen sie das Ich zum Medium unabschließbarer Selbstkulturierung. Was vor dem Hintergrund theologischer Seelenlehren als »unsystematisch«11 erscheint und begriffliche »Widersprüche«12 aufwirft, so lautet die These, verweist auf ein desto größeres Interesse an Dynamiken, die aus paradoxen, unscharfen und widersprüchlichen Unterscheidungen komplexe Relationen gewinnen.
Wie die folgenden Analysen zu exemplarischen Seelenkampftexten der Spätantike, des Frühmittelalters bis an die Schwelle zum 14. Jahrhundert unterstreichen wollen, verlaufen diese Entwicklungen keineswegs einsträngig oder kommunikationsgeschichtlich linear. Einerseits lassen sich zwischen lateinischen und volkssprachlichen Texten robuste Kontinuitäten ausmachen, die sich gleichermaßen im textübergreifenden Modellcharakter der Psychomachia des Prudentius greifen lassen wie in Übersetzungen einflussreicher Einzelfälle wie der Visio Philiberti,13 die ins Französische, Englische, Italienische, Niederländische und Deutsche führen. Andererseits spiegeln solche Reihen auch markante Umbesetzungen von Wettkampfinstanzen und Wettkampfkonfigurationen sowie Überlagerungen unterschiedlicher Formen, die weit über den Kreis christlicher Anthropologie hinaus greifen. Im Licht beider Perspektiven zeichnet sich damit eine Arbeit am agonalen Erzählen ab, die Kampfformen des Selbst sowohl vervielfältigt als auch mit Leitmodellen und Texttraditionen verbindet. Mit den verschiedenen Beispielen werden zugleich auch unterschiedliche Stoßrichtungen greifbar: Dient Wettkampf zunächst dazu, Ordnung gewaltsam herzustellen und durchzusetzen, so experimentieren Texte des Hochmittelalters umgekehrt damit, mittels Wettkampf gezielt Unordnung zu produzieren und zu sichern. In dieser Spannbreite entwickelt die Erzählliteratur des Mittelalters damit symbolische Ressourcen der Anthropologie und Ethik, die menschliches Handeln in komplexen Spannungslagen zwischen Ordnung und Zerstörung verorten.
Auch diese Spannung wird maßgeblich von antiken Autoren thematisiert. Platon zufolge liegen Psyche und Körper in fortwährendem Kampf. Auch die stoische Ethik betrachtet das menschliche Leben als bios polemos; Marc Aurel etwa empfiehlt, sich durch Gedanken an unverschämte, missgünstige Gegenspieler mental zu trainieren.14 Für die Kulturgeschichte des Widerstreits sind dies aufschlussreiche Belege, insofern antike Seelenkämpfe zumeist Aufstiegsbewegungen anregen, die das Selbst wie auch interpersonale Beziehungen transzendieren und sozusagen auf überindividuelle Außenseiten zielen.15 Allerdings sind diese Außenseiten keineswegs unbestimmt: Statt in Kontingenzräume führen agonale Konzepte und Techniken des Selbst vielmehr zu übergreifender Ordnung – zur Sphäre von Ideen oder in Richtung des kosmischen nous. Wettkampf und Widerstreit sind dafür vor allem als Formen der Rückversicherung relevant, die umgreifende Kontexte und Umwelten erschließen; Streit im Menschen verweist zugleich auf Streitordnungen um den Menschen.
Mit der Psychomachia des Prudentius soll diese Erzählform zuerst an einem Text vorgestellt werden, der eine wirkungsmächtige Brückenposition zwischen Anthropologien der Spätantike und des Mittelalters begründet.16 Noch im 12. Jahrhundert – so ist am Fall der Vorauer Sündenklage zu zeigen – dient Wettkampf einem Transformationsprozess, um problematische Selbstverhältnisse auf externe Konflikte rückzuübersetzen. Genau diese Bearbeitungsrichtung kehren Texte um, die Widerstreit gezielt nach innen lenken. Selbstverhältnisse werden damit nicht nur zum Gegenstand verstärkter räumlicher Differenzierung (wie in der Klage Hartmanns von Aue), sondern auch in ihrer Zeitdimension variabel ausgearbeitet, von temporären Spielräumen der Selbstgegenübersetzung (wie in der Visio Philiberti) bis zur dauerhaften Verstetigung eines Wettkampf-Ich (wie im Welschen Gast des Thomasin von Zerclære).
2.1 Streit um den Menschen (I): Allegorisierung und Externalisierung in der Psychomachia des Prudentius
Vielfalt beginnt, wo Anthropologien der Spätantike und des Mittelalters die Differenz von Körper und Geist als Kampfbeziehung ausleuchten. So betrachtet Prudentius die menschliche Natur als unruhige duplex substantia (V. 909),1 weil der Mensch von innerem Kampf zerrissen werde, der Geist in Gefangenschaft des Körpers liege:
[…] Feruent bella horrida, feruent
ossibus inclusa, fremit et discordibus armis
non simplex natura hominis; nam uiscera limo
effigiata premunt animum, contra ille, sereno
editus adflatu, nigrantis carcere cordis
aestuat, et sordes arta inter uincla recusat.
(V. 902–907)2
Wird Zwiespalt damit als anthropologische Prämisse gesetzt,3 so ist er nicht einfach hinzunehmen, sondern zu überwachen, zu durchleuchten und zu gestalten. In diesem Sinne beginnt die Psychomachia mit einem Aufruf zur militärischen Selbstintervention:
uigilandum in armis pectorum fidelium,
omnemque nostri portionem corporis,
quae capta foedae seruiat libidini,
domi coactis liberandam uiribus
(Praefatio, V. 52–55)4
Christliche Selbstbeobachtung verlangt demnach in platonisch-paulinischer Tradition, Teile und Aspekte des Körpers zu unterscheiden und Kräfte ›im eigenen Haus‹ zu sondieren, um das Irritationspotential sinnlicher Affekte auszuräumen. Wenn Prudentius dazu aufruft, mit Christi Hilfe »aus der Tiefe der Brust« jene Sünden zu vertreiben, die durch innere Unordnung (turbatis sensibus intus seditio) verursacht würden (V. 5–8), so wird damit Selbstbefreiung als umfassendes Ordnungsprogramm proklamiert. Laster und Tugenden werden als Zerstörungsrisiken konfrontiert, die Pflege innerer Ordnung verlangen (V. 11–13).
Der poetische Weg, den die Psychomachia dazu einschlägt, zielt darauf, dieses kriegerische Selbstverhältnis zu figurieren und zu intensivieren. Gestaltungen von Tugenden und Lastern gelte es rhetorisch vor Augen zu führen,5 indem mit ekphrastischen Mitteln nacheinander sieben Duelle bzw. Gruppenkämpfe imaginiert werden: Glaube (fides) überwältigt Polytheismus (cultura deorum, V. 21–39), Keuschheit (pudicitia) das Begehren (libido, V. 40–108), Geduld (patientia) den Zorn (ira, V. 109–177); Hochmut (superbia) bringt sich durch eine übersehene Falle der Hinterlist selbst zu Fall und wird vor den Augen einer ganzen Schlachtreihe mäßigender Tugenden (Gerechtigkeit, Ehrbarkeit, Nüchternheit, Fasten, Scham und Einfachheit) schließlich durch die Demut (mens humilis) niedergestreckt (V. 178–309); Genusssucht (luxuria) wird mitsamt ihrem Gefolge (Scherz, Leichtfertigkeit, Liebe, Prahlerei, Verfeinerung, Zwietracht und Lust) durch die Nüchternheit (sobrietas) vernichtet (V. 310–453); und selbst wenn der Geiz (auaritia), begleitet von daraus entspringenden Übel und Sorgen, den Anschein sparsamer Tugend erweckt, wird er von der Hilfsbereitschaft (operatio) im Verein mit der Vernunft (ratio) getötet (V. 454–628). Verwirrung scheint nahezu ausgeräumt, störte nicht ein letzter Anschlag der Zwietracht (discordia) die Eintracht (concordia) im Feldlager der Tugenden. Durch Zusammenwirken aller Tugenden wird auch dieses letzte Störpotential vereitelt (V. 665–725).
Das dominierende Prozessschema der Selbstimagination liefert somit der Zweikampf. Zunächst dreimal wiederholt, wird die Konfrontation binärer Differenz sodann viermal zu Konfigurationen erweitert, die Haupttugenden bzw. Hauptlaster mit ihren jeweiligen Verbünden zu Schlachtreihen (acies) versammeln. Das zweiseitige Abgrenzungsschema wird dadurch fortgeführt, zugleich aber für interne Cluster- und Reihenbildung geöffnet, was als Antwort auf die Ordnungsprobleme der Vorrede ermöglicht, Tugenden und Laster auszuspinnen und gleichwohl zu binden. Prinzipiell öffnet sich der Kampf damit für Aggregations- und Variationsmöglichkeiten, während er an einfacher Raumdifferenz festhält.
Diese Staffel- und Erweiterungssequenz beschließt das römisch konnotierte Militärbild vom Feldlager der Tugenden, in dem nach Ansprache des Glaubens (fides) ein edelsteingeschmückter Tempel um den Altar des Herzens errichtet wird (ara cordis, V. 844f.). Im imaginierten Außenraum wird damit ein Zentrum der Innenreflexion installiert, das die agonale Wiederholungsschleife nicht nur formal beendet, sondern die Tugenden aus hierarchisierenden Wettkämpfen in eine Anordnung der Koordination überführt. Zugleich wird der serielle Puls der Wettkampfbeschreibung stabilisiert: Zwar boten die Kämpfe für das Selbst schon zuvor ein Beobachtungsfeld,6 doch erst der Sieg der Tugenden verleiht ihm eine Imaginationsarchitektur der Dauer (V. 728–887).7
Betrachtet Prudentius also Verwirrung und Ordnungsstörung als zentrale anthropologische Herausforderung, so führt die Psychomachia dagegen scharfe Abgrenzungen ins Feld, die bestimmen und sichern. Sie führen nicht nur zu extremer Reduktion und Schematik in der Zweikampfdarstellung und zu ›monströser‹ Überzeichnung von Lastern,8 sondern prägen ebenso den Verlauf der Kämpfe und schließlich die Überwindung des Kampfzustandes. Der Preis solcher Abgrenzungen ist Gewalt. Bis zum Risiko paradoxer Verwicklungen von Tugenden und Lastern steigern sich die Aggressionen zu drastischen Bildern von eigener Intensität:9 Glaube quetscht dem Vielgötterglauben mit Fußtritten die Augen aus dem Kopf (V. 32f.); Demut streckt triumphierend das blutüberströmte Haupt des Hochmuts empor, das obendrein von der Hoffnung verhöhnt wird (V. 282–287); Nüchternheit zerschmettert mit einem Stein den Kiefer des Genusses, der die Splitter qualvoll hervorwürgt (V. 421–426). Ziel des literarischen Seelenkampfes ist somit nicht nur, das Selbst des Menschen als ordnungsbedürftigen Raum präsent zu machen. Agonale Reizreden und hyperbolische Bilder zielen vielmehr darüber hinaus, eine Ordnung gewaltsamer Abgrenzung mit aller Intentisität vor Augen zu stellen.10
Doch offenbaren zentrale Begriffe und Metaphern zugleich, wie riskant diese Imaginationsstrategie angelegt ist. Abgrenzungen erweisen sich als instabil und dynamisch, wenn etwa das Herz wechselweise als gefangenes Organ (Praefatio, V. 14; V. 10, 514), als Waffe gegen die affektiven Verstrickungen des Körpers (V. 52) oder als Haus (casa, domus) angesprochen wird, in dem der Kampf zu führen (V. 62, 68) und das schließlich als Tempel zu weihen ist (V. 843f.). So wichtig die Verräumlichung des kriegerischen Schauplatzes für die Psychomachia ist, so variabel scheint dieser konfiguriert, wenn nicht nur der Körper, sondern ebenso das Herz als Kerker bezeichnet wird. Nacheinander greift Prudentius zu Innenraummetaphern (Kerker) und Außenraummetaphern (campus des Krieges, castrum der Tugenden etc.) und hält dadurch die anthropologische Orientierung der Allegorie offen. Wird verwirrte Ordnung eingangs als Kernproblem ausgerufen, so liefert die Psychomachia keine scharf gezogene, stabile Ordnung von Begriffen des Körpers, des Geistes und des Herzens.11 Wie wird die Ordnung des Selbst dann aber hergestellt? Ich setze dafür nochmals bei der dreigliedrigen Textstruktur an, die (1.) Vorrede und Eingangsgebet, (2.) Kampfbeschreibung von Tugenden und Lastern und (3.) das Schlussgebet zyklisch miteinander verbindet. Ihr korrespondiert ein dreischrittiges Erzählverfahren, das zweimal die Grenze zwischen Innen und Außen des Menschen kreuzt und beide Seiten bearbeitet:
(1.) Bearbeitung des Innenraums. Die Vorrede verortet zunächst den Konflikt detailliert innerhalb des Menschen, indem sie den Blick von zeitlich früheren, äußeren Kriegen nach innen lenkt: Abraham habe vorbildlich gezeigt, wie gegen die weltlichen Völker zu kämpfen sei (V. 9); an ihm solle ein kriegerischer Geist (bellicosus spiritus) sich im Kampf gegen die Monster orientieren, denen das Herz diene (Praefatio, V. 13f.). Auch Loth liefert ein Exempel der Befreiung aus sklavischer Kriegsgefangenschaft (V. 15–49). Die figura (V. 50) solcher Vorbilder solle sich in unserem Leben widerspiegeln: Der Körper in all seinen Teilen sei aus der Fessel der Begierde zu befreien, damit Christus in das ›kleine Haus des schamhaften Herzens‹ eintreten könne (Praefatio, V. 62: paruam pudici cordis intrabit casam). Zweifach betont auch das Eingangsgebet den Körper als Schauplatz dieses Kampfes: Die Sünden seien mit bewaffnetem Geist (mens armata) »aus der Tiefe unserer Brust« (V. 6: nostri de pectoris antro) zu vertreiben; als »guter Führer« werde Christus »im besetzten Körper« (V. 14: obsesso in corpore) mit Schwadronen (turmas) gegen die Entehrung des Herzens kämpfen und siegen. Typologische Vor-Bilder des Kampfes verlagert Prudentius somit zunächst in Körper und Herz des Menschen hinein, die zu umkämpften Orten werden.
(2.) Bearbeitung des Außenraums. Der narrative Hauptteil des Textes projiziert diesen Kampf über vier Etappen in den Außenraum. Unvermittelt erzählt er eine Serie von drei Duellen, deren Ort zunächst unbestimmt bleibt, da äußere oder innere Referenzen fehlen. Als vier weitere Kampfbegegnungen das Szenario vom Duell zu Gruppenkämpfen ausweiten, treten solche Referenzen hinzu, womit sich ein Außenraum abzeichnet: Der Überblick fällt auf einen ausgedehnten Kampfplatz (vgl. V. 260f.: belli / planitiem; vgl. V. 637: campus) mit Fallgruben und Reihen verschiedener Reiterschwadronen (V. 109–112, 178–182, 195, 241), die sich gegenseitig beobachten und bekämpfen. Bezüge auf das ›Haus‹ des Körpers / Herzens unterbleiben weitgehend (V. 217–219) und kehren sich geradezu um, wenn die Laster im »Kerker« ihrer Körper zugrunde gehen (V. 595). Nach anfänglicher Einlagerung stülpt sich der Kampf damit metaphorisch nach Außen,12 indem die Erzählform staffelartig Tugenden als Formationen aufreiten lässt und verräumlicht.
Die letzten Gruppenkämpfe dehnen diese äußere Raumordnung maximal aus. Auf der einen Seite schwingt sich Demut nach ihrem Sieg zum Himmel, während die anderen Tugenden weitere bella […] terrena ausfechten (V. 305–309). Auf der anderen Seite unterwirft Geiz alle Völker der Welt (V. 480f.: per populos […] uictrix / orbis): »was ganze Zeitalter erstreben, die Unruhe der Welt und rasende Geschäftigkeit, geht auf uns zurück«.13 Das Schlachtfeld greift am Ende auf kosmische Dimensionen (caelum, mundus; vgl. auch V. 587) aus.
Mit dem Schlussbild des Feldlagers (castrum) greift Prudentius Stichworte14 des römischen Militärwesens auf, um den äußeren Kampfraum nochmals zu variieren. Auf einem Hügel in der Mitte des Lagers, von wo aus der Blick weit über das Land gleitet, errichten die Tugenden einen Friedenstempel und weihen ihn der Eintracht:
[…] scissura domestica turbat
rem populi, titubatque foris, quod dissidet intus.
ergo cauete, uiri, ne sit sententia discors
sensibus in nostris […]15
(V. 756–759)
Innere Ordnung des Selbst wird nach platonischem Vorbild somit auf politische Ordnung übersetzt, die Außen-innen-Differenz des Menschen (foris /intus) zur Frage der öffentlichen Ordnung (res populi) erhoben. Dass diese Ermahnung sich statt an die Tugenden mit größtenteils weiblichem Genus an unbestimmte uiri richtet, unterstreicht an dieser Stelle den externalen Übertragungsanspruch der Psychomachia zusätzlich.
(3.) Rückbindung an den Innenraum. Der Text bleibt bei diesem Schritt der Externalisierung nicht stehen. Denn mit einem Appell an politische Eintracht wendet sich die Ansprache der fides zurück an das Herz: Gott nehme niemandes Gabe an, der insgeheim in unruhigem Herzen seinen Nächsten hasse (inpacati sub pectoris […] antro, V. 772–774). Auch die Beschreibung der Tempelausstattung sucht den Geist nun explizit zurück zum Herz lenken (V. 841: uocat in praecordia sensus). Das Schlussgebet (ab V. 888) schließt den Kreis noch weiter, indem es zur Anthropologie des inneren Widerstreits zurückkehrt. Wie zu Beginn erinnert Prudentius an die Kontamination des Herzens mit Lastern (V. 890: nam cor uitiorum stercore sordet) und fleht die Hilfe Christi für den inneren Kampf herbei. Die narrative Imagination von Sieg und Ordnung, so extrem sie durchgesetzt scheinen, wird damit schließlich auf Streit und Unordnung zurückgestellt, der Außen- in den Innenraum zurückgenommen.
Ergebnis dieses Dreischritts von Internalisierung, Externalisierung und Re-Internalisierung ist eine anthropologische Ordnung, die Selbst- und Fremdreferenz in einer dynamischen Pendelbewegung koordiniert. Die Natur des Menschen wird dadurch keineswegs dauerhaft vereinfacht oder konzeptuell gezähmt, im Gegenteil: die duplex substantia (V. 909) des Menschen wird im Widerstreit umso intensiver erfahrbar. Wenn diese Ordnung vom Herzen / Körper zur Welt umschlägt, knüpft die Erzählung jedoch korrespondierende Bezüge, die das innere Haus mit dem äußeren Heereslager und schließlich mit sozialer Ordnung überhaupt (domestica) metaphorisch verbinden. Ordnung sucht Prudentius damit weniger durch ein bloßes Reduktionsverfahren als vielmehr durch ein dynamisches Wechselspiel von Vereinfachung und Rückkopplung. In dieser Perspektive müssen Unbestimmtheiten und Umkehrungen (von zentralen Begriffen wie Herz und Kerker bis zur Gewaltdarstellung) weniger als Begriffsschwächen, Inkonsistenzen oder gar Widersprüche erscheinen – sie befördern vielmehr die Bewegung dieser Übertragungsverhältnisse. Spannung wird dadurch nicht gelöst, sondern im wörtlichen Sinne ausgetragen: Nicht auf normative Verinnerlichung zielt eine solche Form des Wettkampferzählens, sondern auf Rückkopplung individuell empfundener Unbestimmtheit an äußere Rahmen der (politischen und religiösen) Bestimmung.
Aufräumen und Ausräumen: Kampf-Allegorien gegen den latenten Streit. Wenn der Mensch damit als Schnittstelle von interner und kosmischer Widerspruchsordnung inszeniert wird,16 so zielt diese Inszenierung letztlich jedoch nicht auf unendlichen Kampf, sondern auf Stabilität. Daher mündet die Psychomachia, trotz aller transgressiven Gewalt, in einer Begrenzungsszene des Wettkampfs. In den Worten der Concordia klingt dies als explizites theologisches Programm an: pax belli exacti pretium est pretiumque pericli / […] / nil placitum sine pace deo (V. 770–772) – »Friede ist der Lohn des vollendeten Krieges und der Gefahr« und »nichts erfreut Gott ohne Friede«. Kampf wird damit zwar zur notwendigen Bedingung für Frieden erhoben, aber eben nur zur Durchgangsform, die zu überwinden ist.17 Wie der Text durchgehend unterstreicht, ist Krieg gleichwohl unverzichtbar, um die verworrene Form des Menschen zu ordnen;18 effektiver als auf dem Schlachtfeld poetischer Imagination lässt sich das innere Haus kaum aufräumen. Aus diesem zugleich verstärkten und begrenzten Streitverständnis resultiert an vielen Stellen der Psychomachia eine ambivalente Einschätzung des strukturellen Inneren. Wird die Sichtbarkeit des anthropologischen Konflikts auf der einen Seite bekräftigt, so gilt Verborgenes auf der anderen Seite als verdächtig: Heimlicher Zorn befördere Irrlehren (V. 759f.), so mahnt Concordia nach der vereitelten Intrige der Zwietracht; wer sich an Gott wende, während er Zorn und Hass in sich verborgen trage, gleiche dem Wolf im Schafsfell, der wie die Häretiker Photinus und Arianus grausamen Schaden anrichte. Da Verborgenes grundsätzlich zur Ordnungsstörung neige, verbinden sich Gefährdungen häufig mit Bezeichnungen von Latenz (gehäuft etwa V. 791: latere; V. 794: occultare, V. 797: furtiua manus). Bis zum Schlussgebet warnt der Text vor versteckten Gefahren (V. 891) in der Dunkelheit des Herzens (V. 893, 906).
Wo also liegt der Schauplatz des Kampfes, welche Raumordnung intendiert der Text? Während die ältere Forschung die Psychomachia vorrangig als Gestaltung eines ›inneren Kampfes‹ (bellum intestinum) las, hat erst die jüngere Forschung deren diffizile Raumordnung wahrgenommen. So plädierte etwa Katharina Philipowski dafür, statt nach Disjunktionen zwischen Innen und Außen eher nach der Form ihrer Verbindung zu fragen: In letzter Konsequenz entwerfe die allegorische Konstruktion weder Innen- noch Außenräume, sondern einen »utopischen Raum der bereits vollzogenen Aufhebung der Spaltung zwischen Körper und Seele«.19 Aber verstärkt die Inszenierung von Tugend- und Lasterkämpfen nicht geradezu extreme Spaltungen? Und steigern die Gewaltbilder der Kämpfe nicht vielmehr Ordnungsprobleme von Körperlichkeit, statt diese utopisch zu überwinden? Hält man sich an die Transformationsschritte, die Vorrede und Eingangsgebet, Narration und Schlussgebet vollziehen, zeigt sich eher ein dynamisches Raumverfahren: Innen wird veräußerlicht und wieder verinnerlicht. Ihre Differenz wird dadurch weder aufgehoben noch utopisch entgrenzt, sondern mehrfach hin- und hergelagert. Veräußerlichung wird dabei als imaginativer Bestimmungsmodus zur Ordnung eines Konflikts beschrieben, der auf der Innenseite verworren – latent – weiterläuft.
Die zentrale Projektionsform, um Latenz auszuräumen, liefert für Prudentius die Allegorie.20 Denn sie ermöglicht zum einen, verschachtelte Differenzverhältnisse auszufalten: Neigen Körper und Geist im Inneren des Menschen dazu, Ordnung zu verwirren, veräußert die allegorische Figuration von Tugenden und Lastern ihre Differenz zu krasser Opposition auf dem Kampffeld. Die schematische Konfrontation der Psychomachia reagiert so gesehen auf einen Ordnungsbedarf, der Latenz externalisiert und damit ausräumt. Zum anderen führen Allegorien strukturell stets weiter über sich hinaus,21 indem sie etwa zu weiteren Zeichenkomplexen überleiten oder generell zum Wechsel zwischen Signifikanten und Signifikaten einladen. Wenn Prudentius von Anfang an den Kampf der Seele auf alttestamentarische Vorbilder wie Abraham, Loth und Melchisedech bezieht, öffnen sich weitere ›Wege‹ (Praefatio, V. 1: credendi uia) und ›Strecken‹ (Praefatio, V. 50: praenotata est linea), über die verräumlichte Differenz zugleich typologische Zeitbezüge schlagen kann. Konsequent berufen sich die Tugenden nach jedem Sieg auf biblische Exempel. Allegorien produzieren dadurch Meta-Allegorien:22 Sie führen nicht nur heilsgeschichtlich über sich hinaus, sondern wenden sich mit moralisch-adhortativer Rede an den Rezipienten. Die Erzählung vom inneren Streit potenziert damit Auslagerungen in räumliche, zeitliche wie auch kommunikative Dimensionen.
Die Pendelbewegungen von Innen nach Außen und zurück, die das Raumprogramm der Psychomachia bestimmen, finden somit im Erzählverfahren der fortgesetzten Allegorisierung ihre formale Entsprechung. Sie zielen darauf, Unordnung zu Unterscheidungen zu stabilisieren, ohne den Unruhegrund auszulöschen, von der die Anthropologie der Rahmenpartien spricht. Unsichtbarkeit und Unzugänglichkeit im Menschen sollen zwar verstärkt sichtbar werden (durch allegorische Figurationen und bildliche Intensivierung), indem sie gezielt aus der Einschlussform herausgeholt werden, die den Menschen bezeichnet – gänzlich ausräumen lassen sie sich nicht. Zentrale Transformationsleistung der Psychomachia ist, diese Spannung zwischen latenter Unordnung und transzendentem Ordnungsverlangen als Selbstverhältnis zu imaginieren.
2.2 Streit um den Menschen (II): Zur Anklageordnung der Vorauer Sündenklage
Für die gesamte Seelenkampf-Literatur des Mittelalters lieferte die Psychomachia des Prudentius ein maßgebliches Grundlagenmodell. Doch selbst wo Texte andere Wege einschlagen, erweist sich die Strategie der Externalisierung als Standard anthropologischer Reflexion. Dies zeigt die in der Vorauer Handschrift 276 aus dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts überlieferte Sündenklage. Ihren pragmatischen Rahmen bildet die Selbstanklage. Flehend wendet sich das Ich an Sancte Maria, die als Fürsprecherin zu einer Gerichtssituation vor Gott ›geladen‹ wird: zuo miner helve wis geladet (V. 8–10).1 Ausführlich wird die Gottesmutter für ihre Mitwirkung am Auferstehungs- und Erlösungswerk Christi gepriesen, um Hilfe für die eigene Rettung und Auferstehung zu erbitten (V. 188). Denn aus eigenem Verschulden (V. 11: von minen sculden) sei alle Ehre verloren, die Gott an Seele und Körper des Menschen gewendet habe (V. 196–201), das Ich dem Teufel und drohenden Höllenqualen überantwortet (V. 233).
Über die Mittlerin Maria wendet sich das Ich zu Gott (ab V. 291), wobei es sich exemplarisch verallgemeinert: Die Welt mit ihren Verführungen hat mir armen getan / also vil manegem man (V. 421f.). Reumütig zählt es sämtliche Todsünden auf, die es von Geburt an begangen habe (V. 463–558). Ähnlich der Psychomachia, wenngleich selbstverschuldet, sieht auch das Ich der Sündenklage den Menschen in gefährlicher Unordnung: Seit Adams Fehltritt seien alle Menschen (wir) in einen Schlangengarten der Sünde geworfen (V. 70–76).
Befreiung sucht die Sündenklage, indem sie Ordnungsansprüche nach dem Modell hierarchischer Rechtsbindung schrittweise überträgt. Statt auf das Selbst richtet sich die Anklage nun auf einen Erbstreit mit dem Teufel: nu gip [= Gnaediger herre] mir geleite / heim zuo minem erbe, / daz wil mir <der> tievel wergen (V. 726–728; ebenso V. 733f.). Während Sünde wie Buße eigene Handlungsentscheidung und Aktivität voraussetzen (V, 11–13 und V. 339), betont das Ich in solchem Bemühen um Rechtsschutz nun vor allem Passivität und Abhängigkeit. Einerseits vom Teufel gefesselt (V. 233) und von der Welt betrogen (V. 423f.), sieht es sich andererseits gegenüber Gott als Diener ohne eigenständigen Rechtsstatus: ja chouftest du mich armen / mit din selbes bluote (V. 430f.); nu ist ouch billich unde reht, / daz du enphahest dinen armen choufchneht (V. 638f.). Aller Kaufmannssemantik zum Trotz ruft diese Übertragungsgeste die Rechtslogik feudaler Gesellschaftsordnung auf, welche die Abhängigkeit des unterstellten Subjekts zugleich an Schutzpflichten des Vormunds koppelt. Treffend apostrophiert das Ich daher Gott als voget aller armen (V. 731).
Wie konsequent diese Vertretungslogik die Sündenklage durchzieht, zeigt die Schlusspartie (V. 729–858), die den Gerichtskampf in ein kämpferisches Selbstverhältnis transformiert. Wenn das Ich gegen die Ansprüche des Teufels um Leib und Leben kämpfen müsse (V. 735: sol aver ich ein kampf mit ime vehten), dann geschützt durch den Panzer (V. 775: chamfwat) christlicher Tugenden (V. 751–774). Zielte Prudentius darauf, Differenz im Inneren des Menschen auszuräumen, schließt die Vorauer Sündenklage dieses Innen metaphorisch ab: Zum Schutz vor den Pfeilen des Teufels erbittet das Ich von Gott ein brustsloz (V. 755) der Tugenden. Kampf- und siegesgewiss wird der Gegner als hunt verwazen (V. 771, 786) verhöhnt, zugleich aber die Abhängigkeit des Menschen im Rahmen rechtlicher Vertretung akzentuiert: des hilf du mir, threhten, / daz ich armer an im gesige (V. 736f., Herv. B.G.; vgl. auch V. 731).
Im Vergleich zur Psychomachia werden damit grundsätzliche Kontinuitäten des Leitmodells der Externalisierung erkennbar, aber auch Umbesetzungen. Schon Prudentius wendet sich in Eingangs- und Schlussgebeten an den Beistand Christi; wie sein Kampfszenario von Tugenden und Lastern überträgt auch die Sündenklage mit der Wendung an Maria als vogedinne (V. 250) bzw. an Gott als höchstem voget (V. 731) eine Selbstanklage in ein Außenverhältnis; in beiden Fällen wird der Kampf um die Ordnung im Menschen zum Kampf um den Menschen ausgelagert und um tragende Instanzen erweitert.2 Auch die Sündenklage prägt somit ein markanter »Formtrieb«,3 der von innen nach außen greift. Doch werden dabei sowohl Verfahren als auch Bezugsrahmen umbesetzt, die diese Externalisierung prägen: Statt allegorischer Bildintensität und Distinktionsverschärfung verlagert die Rechtslogik der Sündenklage eine Selbstklage (lamentatio) zur Fremdanklage (accusatio) des Teufels; statt latente Selbstverhältnisse in kosmische oder politische Umwelten zu projizieren, überträgt das Selbst dabei die Unordnung des Kampfes an seinen Vormund. Transzendenzorientierte Rückübertragungen stützen sich dabei maßgeblich auf rechtliche Logik.
2.3 Internalisierung auf Zeit: Das Traumodell der Visio Philiberti
Diese Ausrichtung von Streitkommunikation kehren Erzählungen um, die Seelenkämpfe weniger als Ordnung sondern vielmehr als Verstrickung des Selbst entwerfen. Damit entstehen neue Konsistenzen, aber auch neue Komplexitätsformen, die statt auf Außen- in Innenseiten entwickelt werden. Sie erschließen damit das Wettkampfsubjekt als Raum komplexer Selbstverhältnisse.
Von Entwicklungen zu sprechen, wäre aus mehreren Gründen vorschnell. Zum einen bedarf es weiterer überlieferungs- und diskursgeschichtlicher Grundlagenstudien, um die Traditionsübergänge von lateinischen und volkssprachlichen Seelenkampf-Texten umfassend zu rekonstruieren. Zum anderen scheint die Frage nach Entwicklungslinien problematisch, weil einige der fruchtbarsten Experimente zugleich längste Dauer und größte Verbreitung zeigen.
Das in der lateinischen Literatur des Mittelalters prominenteste, von über 166 Handschriften bezeugte und in zahlreiche Sprachen übersetzte Experiment dieser Art bildet ein kurzer Streitdialog des 12. Jahrhunderts, in dem die Seele eines kürzlich Verstorbenen vor dessen Körper tritt. Nach seinem Erzählrahmen ist der Visionsbericht als Visio Philiberti bekannt.1 Eine Seele beschuldigt darin den mit ihr zeitlebens verbundenen Körper, beide durch üble Neigungen (V. 36: ad scelera)2 drohenden Höllenqualen ausgeliefert zu haben: Per te nobis misera est in inferno sedes (V. 24). Was immer den Körper in der Welt verlockt habe – materieller Besitz, Ansehen bei Freunden und Verwandten –, all dies sei mit dem Tod hinfällig. Der Körper antwortet mit einem Gegenvorwurf: Wenn Gott ihn zur Dienerin der Seele erschaffen habe, weshalb habe diese dann ihre Führungsrolle als domina vernachlässigt und so viele Übertretungen gestattet?3 Nichts vermöge der Körper ohne die belebende Seele (V. 122: Caro sine spiritu nihil operatur); wenn diese ihn zu züchtigen versäumt habe (V. 120: caro nam per spiritum debet edomari), trage sie daher Mitschuld (V. 132f.). Dies räumt die Seele zwar ein (V. 159), doch nicht ohne dem Körper seine Schwäche vorzuhalten: Allen Disziplinierungsversuchen durch die Seele habe er sich widersetzt, um desto bereitwilliger den Verlockungen der Welt nachzugeben (V. 151–154). So lange ringen die Streitpartner um Fragen der (Mit-)Verantwortung und (Teil-)Schuld und verwünschen einander, bis die Seele schließlich von zwei gehörnten Dämonen gefangen und in die Hölle gezerrt wird. Verspätete Reue verfängt nicht – schreckerfüllt erwacht das Ich aus seiner Traumvision und schwört allen materiellen und sozialen Verlockungen der vergänglichen Welt ab (V. 305–312).
Wie die Zusammenfassung spiegelt, ist der Dialog einfach strukturiert. Innerhalb der Rahmenverse des Visionsberichts vervielfältigt der Streitdialog die Wettkampfform durch ingesamt fünf Wechsel von Anklage-, Verteidigungs- und Schmeichelreden zwischen Seele und Körper.4 Abgesetzt durch den erzählten Auftritt der Dämonen fügt sich daran ein weiterer einfacher Wechsel von Gebet und Verhöhnung zwischen Seele und Teufeln, bevor sich mit dem Visionsrahmen die gesamte Erzählform schließt. Die Visio Philiberti fügt somit in eine Erzählform der einfachen Ein- und Auslagerung (Visionsrahmen – Binnendialog – Visionsrahmen) eine potenzierte Form der Einlagerung (Streitdialog) und eine nebengeordnete Teilform (Invektive von Dämonen und Seele) ein. Vor dem Hintergrund der zuvor betrachteten Fälle besteht somit ein diskursgeschichtlich neuer Schritt darin, den Konflikt vor allem auf der Innenseite der Form des Subjekts zu vervielfältigen.
Gleichwohl steigert die Visio wirkungsvoll ihre Komplexität, indem sie die Teile ihrer Wettkampfform sowohl miteinander koppelt als auch voneinander löst. Die Abfolge von Schlafen, Träumen und Erwachen ruft ein psychonarratives Leitmodell auf, das diese Dynamisierung des Selbst paradox rahmt: Wer schläft, wird zum inaktiven Objekt der Wahrnehmung, doch wer dabei träumt, ist als mentales Subjekt der Imaginationsarbeit aktiv gefordert.5 Gerade dadurch begünstigt der Traum eine »Vielfalt imaginativer Variationen«: Zwar bleibt der Schläfer derselbe, doch entwirft er sich selbst als ein anderer.6
Dieses Widerspiel und seine produktiven Effekte möchte ich anhand einer Bearbeitung der Visio näher beleuchten, die der Wiener Arzt und Dichter Heinrich von Neustadt um die Wende zum 14. Jahrhundert anfertigte.7 Sie belegt nicht nur die Resonanz des Visionstextes in der deutschsprachigen Literatur des Spätmittelalters, sondern verstärkt insbesondere durch erweiternde Bearbeitung das Verstrickungspotential des inneren Wettkampfs.
(1.) Entkopplungen. Einerseits berichtet die Visio Philiberti von zahlreichen Ablösungen. Zu Beginn löst sich der Geist geradezu sprunghaft aus dem schlafenden Körper: Der geist wart im verzuecket, / Daz er quam in einen twalm (V. 8f.). Im Traum wiederum hört dieser einen geist, der sich vom Körper gelöst hat und wider kehrt (V. 17).8 Auch im Streitdialog steht diese Trennung zur Debatte, wenn die Seele nach ihrer ersten Rede mit Aufbruch droht und der Körper dies bekräftigt:
[Seele zum Körper:]9
Ich mag niht lenger mich gesparn,
Ich m uo z ietze von hinnen varn.
(V. 171f.)
[Körper zur Seele:]
Ich wil nit reden me mit dir:
Sele min, nuo var von mir!
(V. 247f.)
Auch die Bezeichnungen der Wahrnehmungs- bzw. Sprecherinstanzen tragen dazu bei, Erzählrahmen und Binnendialog tendenziell zu entkoppeln und in ein unbestimmtes Schwebeverhältnis zu bringen. Berichtet der narrative Visionsrahmen zunächst, wie ein geist (lat. spiritus) die Klage eines geistes beobachtet habe, so löst sich der Streitdialog von seinem Rahmenbegriff: Ab der Doppelformel lip und sele (V. 163) adressieren sich die Konfliktpartner als sele (lat. anima) und lip, corper und fleisch (für lat. corpus).10 Auch den anthropologischen Entwurf prägt in seinem thematischen Kern ein Problem der Ablösung. Körper und Seele sind zwar in Schuld verbunden, aber nicht in der drohenden Strafe. Anders als bei Tieren habe Gott die menschliche Seele gerade nicht unlöslich mit dem Körper verbunden, wodurch sie auch mit diesem zusammen vergehen müsste, sondern vielmehr ablösbar geschaffen, weshalb sie Qualen in der helle loch (V. 430) zu fürchten habe. Das Argument der Unabhängigkeit der Seele richtet sich damit in provokanter Weise gegen deren Schöpfer: Nu we mir, daz ich ie wart / Gotes geschepfede nach der art / Daz ich mensche bin gewesen! (V. 415–417). Ablösung befördern, inhaltlich wie formal, schließlich auch die intervenierenden Teufel am Ende des Dialogs, indem sie die Streitpartner, zuvor in mehrfachen Wiederholungen verstrickt, jäh trennen und den Streitdialog begrenzen.
(2.) Kopplungen. Andererseits verstärkt der Text verschiedene Kopplungen, welche Erzählform und Instanzen durchgängig verbinden. Dies zeigt gleich zu Beginn die Rahmenerzählung, die erzählendes Ich und Selbstinstanzen des Streitdialogs aufeinander bezieht. Gleitend verschiebt sich die Referenz: Im Traum werde der geist eines schlafenden Mannes entrückt (V. 5–9), der eine Stimme klagen hört (V. 10–15), die zunächst different klingt (V. 14: fremede). Umstandslos fährt der Bericht fort, wie der geist zu einem jüngst verstorbenen Körper zurückkehre (V. 16–20). Erst mit der belauschten Klage erschließt sich diese Differenz, die gleichwohl rückbezogen bleibt: Der Alterität akustischer Wahrnehmungsbeschreibung treten Pronomina zur Seite, die Identität des grammatischen Subjekts nahelegen. Hört der Geist des Träumenden also im Traum sich selbst oder einen anderen? Die gleitende Referenz der Anfangspartien verwischt diese Unterscheidung strategisch. Träumendes und streitendes Subjekt werden auf diese Weise lose gekoppelt.11 Darauf greifen auch die schließende Rahmenpartien zurück, die das Ich des Träumers als beobachtenden Geist re-identifizieren und die Vision als eigenes Widerfahrnis des Subjekts werten: Wie ist mir suender geschehen / Daz ich diz wuonder han gesehen! (V. 567f.)12
Auch innerhalb des Streitdialogs bleibt die Seele trotz angedrohtem Aufbruch fortgesetzt beim Körper und verwickelt sich in das gemeinsame Streitgespräch: Est gut daz ich noch blibe / Umb diese rede schiere / Und mit dir dispuotiere (V. 250–252). Die Form der disputatio,13 reduziert auf die Grundgestalt argumentativer Wechselrede, koppelt so die Gegner performativ umso fester aneinander, je entschiedener sich diese voneinander abzusetzen behaupten. Obgleich Gott die Seele zur Herrscherin (V. 202: frauwe) über den Körper als ihrem diener (V. 200) bestimmt habe, seien beide im Leben aufeinander angewiesen, wie der Körper mehrfach unterstreicht. Nicht nur Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsvermögen habe Gott der Seele verliehen, sondern auch die Kraft der Belebung (V. 345–348); ohne die Seele sei der Körper also zu keinerlei Tätigkeit in der Lage, nicht einmal überlebensfähig (V. 223–226). Wenn beide miteinander nach dem Tod leiden müssten (so erwartet es die Seele: V. 160–163), dann deshalb, weil beide schon im Lebenszusammenhang als organische Einheit verbunden gewesen seien (so bestätigt es der Körper: V. 387f.). Gegenläufig zu den Entkopplungswünschen der Seele betont somit der Körper eher die funktionale Kopplung und Interdependenz beider.14
Solcher Kopplung verleihen die Teufel am Ende der Vision im wahrsten Sinne des Wortes Substanz. Sie schlagen Eisenhaken ›tief in die Seele‹ (V. 501), zerren sie zu einem Höllenfeuer, wo sie ihr Haut und Bauch aufschlitzen, kochendes Blei und Kot einflößen und die Augen verätzen:
Sie warn an der martel snel:
Sie zarten ir abe daz fel
Die siten und den r ue cke,
Daz ir nirgen st ue cke
Bi einander bliben waz.
(V. 521–525)
Das Folterprogramm verleiht der Seele auf diese Weise einen metaphorischen Körper,15 den auch die lateinische Visio explizit benennt (V. 286: a toto corpore pellem abstraxerunt). Umgekehrt hatte auch die Seele zuvor dem Körper basale Fähigkeiten zur Selbstlenkung zugesprochen: Stets sei dessen sin (V. 276) auf irdische Angelegenheiten gerichtet gewesen, weshalb er nun [u]z bitterlichem hertzen (V. 358) bereue.
Dies führt in Ansätzen zu paradoxen Überkreuzungen von Körper und Seele, wie sie Seelenkämpfe wie die Klage Hartmanns von Aue in den Mittelpunkt rücken. Als entscheidende Neuerung gegenüber externalisierenden Modellen der Seelenkampf-Tradition sucht die Visio Philiberti die Streitpartner nicht einfach zu scheiden. Systematisch zielt der Text vielmehr auf ein Selbstverhältnis loser Kopplung, das zwischen funktionaler Differenz und Einheit, hierarchischer Subordination und reziproker Koordination fortgesetzt oszilliert – bis auch hier Teufelsfiguren den Abbruch erzwingen.
(3.) Verstrickungen – Konsistenzgewinne im Widerstreit. Das Selbst des exemplarischen Menschen, das sich im Traum kurzzeitig vervielfacht, sieht sich damit als Widerstreit von eigenständigen und abhängigen Instanzen. Der mittelhochdeutsche Text bringt diese Kommunikationsbeziehung der Selbstbegegnung auf den Begriff: Ich han die wort verstricket dir (V. 173, Herv. B.G.) – im Streitdialog markieren Geist, Seele und Körper nicht bloß gegenstrebige Positionen, sondern verflechten diese miteinander. Wenn Streit generell kommunikative Verbindlichkeit schafft, so verschiebt sie das Kampfmodell des Selbst in zweifacher Weise. Er führt einerseits zu Verlusten von externer Rückversicherung und Feedback: Statt auf imaginative, heilsgeschichtliche oder soziale Außenräume auszugreifen,16 schließen sich Selbstbezüge als Kommunikationskreislauf ein und destabilisieren ihre Fremdreferenz. Dementsprechend sieht sich die Seele von ihrem Schöpfer verlassen, während sie mit dem verfluchten Streitpartner des Körpers umso enger verbunden ist (V. 413–430).
Dies eröffnet andererseits neue Gewinne an interner Konsistenz. Statt disjunktive Ordnung im Menschen vorzustellen, wie es das Leitmodell der Psychomachia unternimmt, kostet der Visionsdialog umgekehrt aus, den rehten orden (V. 288) anthropologischer Grenzziehungen zu verwirren. Die Rahmenerzählung der Traumvision wie auch der Streitdialog produzieren Übergriffe, die formal gesehen Eingriffe in die Gegenseite der Unterscheidung bedeuten und die Form des Selbstverhältnisses in sich fortlaufend überkreuzen. Seele und Körper klagen einander an und gehen aufeinander ein, betrachten sich als Gegner und Partner zugleich, als geselle in der Hölle (V. 51), die gemeinsames Leiden teilen (wir beide: V. 68, 77, 292; vgl. auch V. 160: mit mir liden); während jeder dem anderen Übertretung ankreidet, erkennen sie einander als zugehörig an (V. 142: armer corper; V. 433: arme sele min); bald beschimpfen sie wüst die Verfehlungen des anderen, dann überhäufen sie sich – im deutschen Text konsequent fortgeführt – mit performativen Höflichkeitssignalen (während der Körper die Seele als ›Herrin‹ adressiert, siezt diese zurück: Ir lip [V. 253], Her lip [V. 443]). Rasch kommen beide überein, dass statt pauschaler Schuldzuweisungen beide Seiten als belastet, beide als ›teilweise‹ miteinander verstrickt zu betrachten sind und daher beide ›teilweise‹ im Recht sind:
[Körper:]
Ein teil mag sin wol wesen war,
Daz ander nit als umb ein har
(V. 185f.)
[Seele:]
Du hast ein teil doch war gesagt:
Ez ist der warheit auch wol glich,
Schuldig bin ein teil ich.
(V. 262–264)
Auch dies verstärkt paradoxe Verschränkungen der Wettkampfform: Trennung fordert abwägende Perspektiven, die Anthropologie der Hierarchie (Herrschen und Dienen) betont zugleich Momente der Koordination.
Komplexität erhöht diese Überkreuzungsstruktur, indem sie Grenzverletzungen in verschiedene semantische Räume einzeichnet. Unter Vorzeichen der Macht erscheint das Selbst dadurch als Herrschaftsverband mit unscharfer Abgrenzung von Kompetenzen und Gewalt,17 in rechtlicher Perspektive als Komplizenschaft mit beiderseitiger Teil-Schuld. Die mittelhochdeutsche Bearbeitung geht über die lateinische Vorlage noch hinaus, indem sie außerdem Konnotationen erotischer Verführung verstärkt: Der Seele hält der Körper vor, ihm wie eine Herrin dem Diener nach dez fleisches site (V. 232–234) nachgegeben zu haben. Auch die Seele konzediert Verführbarkeit: doch zuge mich / Mit suezzer truegenheit an dich (V. 289f.). Macht, Recht und Begehren stellen damit drei semantische Felder, um das Selbst als Unterschiedenheit in Einheit zu dynamisieren.
Der Dialog stellt diese Dynamik des Widerstreits in seinen strukturellen Mittelpunkt. Weder geht es strenggenommen um die psycho-physische Konstitution des Menschen (der Visionstext ist weder medizinischer noch theologischer Traktat), noch etwa darum, nach dem Muster des Prudentius Ordnung herzustellen. Unordnung menschlicher art (V. 416) wird vielmehr verhandelt und dadurch ausgeformt.18 Verschiedene Meta-Signale bezeichnen diesen Wettstreit. So eröffnet den Streitdialog etwa die etablierte Wettkampfmetapher des Schachspiels;19 provokant klagt die Seele über das widerstrebige Arrangement mit dem Körper; auch die Wirkungsabsicht des gesamten Textes zielt primär auf mentale Beunruhigung, die erst sekundär zur Ruhe führe:20
Ich han ez darumb furbraht:
Vil lihte git ez andaht.
Wer es in gnaden lesen h oe rt,
Sin gemuete wirt zerstort
Und gewinnet da von ruwe
Und lihte dugent n ue we.
(V. 587–592, Herv. B.G.)
Was die Vision für den Rezipienten als mentalen Ruhezustand anpeilt, ist textintern der Konsistenzgewinn einer unruhigen Modellperson. Während der lateinische Text am Ende nur knapp mit einem Konversionsgebet auf das Rahmen-Ich zurückschließt (V. 305–312), weitet Heinrichs Bearbeitung die Reaktion des erwachenden Ich auf vierfachen Versumfang aus (V. 563–592) und gestaltet über die Redewiedergabe des Stoßgebets hinaus aus, wie die Traumvision zur Gedankenrede verarbeitet wird. Die Streitpartnerschaft verflochtener Gegner verfestigt somit auf narrativer Ebene des Traumberichts das Selbstverhältnis zu einem Ich, das dem unbestimmten Schläfer des Textauftakts (V. 5: ein selig man) konkretere Kontur verleiht. Wenn die Heidelberger Handschrift inseriert, der abschließende Rahmenbericht sei Dez meisters rede (fol. 56), greift dies eine Personalsemantik auf, mit der die Streitpartner ihre schwankende Ordnung absteckten: meisterschaft (V. 277) hatte die Seele reklamiert, um ihre Dominanzansprüche zu bezeichnen, die am Körper scheiterten, wie sich umgekehrt der Leib auf gelehrte meister (V. 339) der Herrschaftstheorie beruft, um seine Sicht zu untermauern. Meisterschaft bezeichnet damit eine paradoxe Streitbeziehung, die sich schließlich in der Rahmenperson des ›Meisters‹ bündelt – die lateinische Überlieferung der Visio verwendet an dieser Stelle den Begriff des auctor. Seine Identität erwächst aus der Turbulenz des Wettstreits.21
Dieses Konsistenzangebot trägt die Vision schließlich auch an den Rezipienten heran, indem sie diesen in ihre Anredestrukturen zu verstricken sucht. So reiht die erste Anklagerede der Seele anaphorische Vorwürfe, die über den Fiktionsrahmen weit hinausgreifen:
Du bist in den tornen niht
Die man mit quader steinen siht;
Du bist nit in dem palas
Da din wirtschaft inne waz;
Du lijst uf dem blozen bret
Dar uf man dich zu grabe dret.
(V. 33–38 etc.)
Wo ist n uo der wingart berg?
Wo sint n uo die vorwerg?
Wo sint n uo die palast,
Die torne die du gemaht hast?
Wo sint die golt ringelin?
Wo sint die guldin vingerlin?
Wo ist din gut, du veiger sot,
Daz dir lieber waz dann Got?
(V. 87–94 etc.)
Dass diese Kaskaden strategisch auf den Rezipienten zielen, wird an Vorwürfen deutlich, die gegenüber dem fiktionsinternen Körper tendenziell widersinnig, als allgemeine Vergänglichkeitsmahnungen hingegen stimmig zu lesen sind: Du muost vor war ein spise sin / Den maden und den wormen, / Die dir den lip zerstormen (V. 104–106). Nicht dem Körper, sondern dem Menschen (und dies schließt den Modellmenschen der Rahmenerzählung ein!) wird der Körper zerfressen.
(4.) Streit auf Zeit – Begrenzungen von Latenz. Diese Konsistenzbildung durch Widerstreit wird dem Innen des Selbst zugerechnet. Explizit vermerkt die lateinische Visio, das träumende Ich wähne sich beim Erwachen wieder außer sich versetzt (V. 306: extra me positus). Wenn Verstrickungen dieses Ich verfestigen, so ist der Streit von vornherein zeitlich begrenzt: Streiten kann die Seele nur, wenn und solange sie Zeit hat (V. 139: dum tempus habeo), das Gespräch muss daher rasch geführt werden (V. 251: schiere). Wenn die plötzlich intervenierenden Teufel diese Begrenzung eintreiben, wird der Streitdialog keineswegs transformiert, sondern krass abgebrochen, das Formergebnis unvermittelt auf die Rahmenperson zurückgespielt.
Die Visio Philiberti verstärkt damit latente Strukturbildung, begrenzt diese jedoch zugleich. Vervielfältigend wirkt dabei weniger ihre thematische Drohkulisse – z.B. dass man weder im Kloster noch auf der Adelsburg vor innerem Konflikt sicher sei (V. 450–457) –, sondern vielmehr die Formperspektive innerer Selbstverstrickung mit temporären Haltepunkten. Die Form des Wettkampfs produziert einen alternierenden Streitdialog, der in den Kontext eines Traumes ein- und schließlich auf die Erzählebene des erwachenden Ich ausgelagert wird. Vorgebildet ist damit eine neue Form von Selbstverhältnissen, die besonders für plurale Personenentwürfe bedeutsam wird, wie sie auch die höfische Epik des 12. Jahrhunderts entdeckt:22 Ihr Ergebnis sind Verhältnisse der Selbstdifferenz durch Wettkampf, die mit Krisen und Konversionen nicht einfach abgelegt sind, sondern Paradoxien in sich speichern, die jederzeit wieder dynamisch hervorbrechen können. Symbolische Innenräume – vom Herz bis zum Traum – stehen dafür in langer diskursgeschichtlicher Tradition. Doch wird im Hochmittelalter ein besonderes Interesse greifbar, diese Innenspeicher als Medien der Vervielfältigung zu nutzen.
2.4 Der Streit in mir: Zur Klage Hartmanns von Aue
Früher als Heinrichs Bearbeitung der Visio, doch systematisch aufbauend auf Modelle wie die Streitvision ist die Klage Hartmanns von Aue anzusetzen. Ihr Experiment1 geht dahin, die widerstreitende Innensphäre noch weiter von Außenreferenzen abzukoppeln und gleichzeitig das Verstrickungspotential der Wettkampfform zu vertiefen. Hartmanns unikal im Ambraser Heldenbuch überlieferter Streitdialog entwirft den Menschen im »inneren Kampf« mit sich selbst und hält ihn auf Dauer »auf dem inneren Schauplatz der Wahrnehmung« des Widerstreits.2 Der Streit auf Zeit wird ein êwiger strît (V. 900) des Selbst.3
Voraussetzung dafür schaffen fundamentale Irritationen, welche die nach außen gerichtete Kommunikationsbeziehung erschüttern, nach innen wenden und dort sich selbst gegenübersetzen. Hartmann konfrontiert in Gestalt von Herz und Körper zwei Streitpartner, deren Zusammenspiel grundlegend gestört erscheint:4 wir sîn niht rehte zesamen geweten, so beklagt sich das Herz,
wan wir ziehen niht gelîche.
man solde uns wærlîche
von ein ander scheiden;
daz kæme uns rehte beiden.
(V. 908–912)
Solcher Wunsch, doch besser getrennt zu werden,5 entspringt nicht bloß einem unbalancierten Ordnungsproblem im Nachklang des Sündenfalls, wie die ältere Forschung diskutierte;6 der Dissens zwischen Herz und Körper betrifft nicht bloß die Modellperson des verliebten jungelinc (V. 7), der wenige Verse darauf fiktionsintern als von Ouwe her Hartman konkretisiert wird (V. 29),7 dessen geistig-physische Einheit durch die Erfahrung unerwiderter Liebe aus dem Lot geraten ist. Störungen – gestörte Unterordnungen8 wie gestörte Nebenordnungen – greifen auf allen Ebenen der Klage um sich, wie im Folgenden zu zeigen ist.
Dies setzt bei der Problemschilderung verweigerter Beziehung an, von der Hartmanns Dialog ausgeht. Mit der abweisenden Dame wird, gewissermaßen als Rollenzitat des Minnesangs, zunächst die Dimension des ›alter‹ als unzugänglich erlebt: ich enweiz, konstatiert der Körper, war umb si mir niht ist guot (V. 98). Für den Fall, dass die Umworbene doch noch seinem Willen nachkomme, habe der Jüngling seinen Kummer zu verbergen gesucht. Dies habe ihn in die Latenz eines Selbstgesprächs getrieben:
er klagete sîne swære
in sînem muote
und hete in sîner huote,
sô er beste kunde,
daz ez ieman befunde.
(V. 24–28)
Zum Selbstgespräch wird der Seelenkampf also, weil ›in sich‹ leichter zu artikulieren ist, was nach außen auszusprechen in ungleich höheres Risiko der Verweigerung führen müsste. Liebe als riskante Kommunikation wird zur Artikulation sich selbst gegenüber. Doch verwickelt solches Reden um des Schweigens willen in neue, nämlich paradoxe Anstrengungen (V. 31: durch sus verswigen ungemach). Denn in sich entdeckt sich nun auch das ›ego‹ als unzugänglich, sobald es die Selbstbeziehung dialogisiert, also die bloße Artikulation in eine Auto-Kommunikationsbeziehung zu verwandeln sucht.9 Auch voreinander wissen Körper und Herz nicht, was der andere erkennt (z.B. V. 480f.) oder beabsichtigt (z.B. V. 521–524), sie bezichtigen sich der Lüge und Verirrung, herrschen sich gegenseitig an, doch zu schweigen (vgl. 316–319; 654, 804 u.ö.), um dafür jeweils umso ausführlicher das Wort an sich zu reißen. Obgleich eine sêle als »lebensspendende[s] Prinzip« beide vereine (V. 1034f.),10 betont der weitaus häufigere Klammerbegriff psychophysischer Einheit zugleich ihre Trennung: Uns dienet niht gelîcher muot (V. 945, Herv. B.G.). Das Problem äußerer Unerreichbarkeit des Anderen, von dem sich der Jüngling in den inneren Streitdialog zurückzog, schachtelt sich in diesen ein und potenziert Gestalten der Isolation. Aus der Gesellschaft ziehe sich der Körper ganz allein dorthin zurück, dâ nieman ist wan mîn (V. 381); während der Körper schläft, wacht das Herz wiederum einsam in Sorgen (V. 695–701). Intransigenz ermöglicht und stimuliert damit Wechselreden, in denen sich Selbstinstanzen gegenübersetzen und zugleich fortlaufend eng aneinander anschließen. Ihren Höhepunkt findet dies in stichomythischer Rede (V. 1168–1268), die darauf basiert, dass beide engstens miteinander sprechen, doch ohne den Wissenshorizont des anderen zu besitzen.11 Semantisch gipfelt sie in der Kampflogik der Fehde: Statt an ihrer friuntschaft funktionaler Interdependenz festzuhalten (V. 421, vgl. schon ab V. 59), beschreiben sie ihren Konflikt als Blutrache (V. 385–393) und wünschen sich gegenseitig den Tod (V. 41, gemeinsamer Suizid: V. 71; ehrenhafter Freitod: V. 396f.) – doch ohne ihre Kommunikation je zu unterbrechen.
Wie die folgende Analyse in vier Schritten nachzeichnet, liegt darin ein produktives Paradox,12 das die Form der Latenz innovativ ein- und ausfaltet, ohne sich zu blockieren. (1.) Hartmann verstärkt dafür Szenarien kommunikativer Kontingenz, (2.) welche der Streitdialog als Selbstbeziehung im strukturellen Sinne unterläuft. (3.) Formal betrachtet verwandelt solches Erzählen eine geschürte Krisenerfahrung der Kontingenz in eine Kommunikationsbeziehung der Latenz, die zwar Probleme zuspitzt und Lösungsangebote generiert, aber genau genommen weder problematisch noch lösungsorientiert funktioniert. Bis heute begründet dieses Doppelprofil sowohl Reiz wie Schwierigkeiten des kurzen Textes, der einerseits programmatische Aussagen, aber ebenso fortwirkende Dissonanzen bietet. (4.) Statt eines ethischen oder erkenntnistheoretischen Programms13 führt solche latente Verinnerlichung zu keiner festen Position: Wenn die Klage mit einem Lob der stæte schließt, wird dies angestoßen von der Dynamik eines Wettstreits, der statt auf Erkenntnis oder Ordnung auf permanente Fortsetzung zielt.
(1.) Von Unsicherheit zur Schweigekunst: Kontingenzverstärkung. Noch vor alle Fragen der anthropologischen Organisation und Seelenkonzeption stellt die Klage ambivalente Erfahrungen mit kommunikativer Kontingenz.14 Die Gedanken sind frei (V. 132; vgl. auch 1049) – doch ist damit im Umkehrschluss grundsätzlich zu bezweifeln, je verlässlich auf Absichten und Erfahrungsdimensionen des Kommunikationspartners schließen zu können. Nicht bloß an Zurückweisung leide das Rahmen-Ich, so rekapituliert der Körper zu Beginn des Dialogs, sondern vielmehr an den uneinschätzbaren Intentionen seiner Dame: ir muot ze fremder wîse stât (V. 112) – ouwê daz sî mir niht enseite / wes sî von mir geruochte (V. 194f.). Unverhoffte Widerstände der Dame gehören selbstverständlich zum topischen Argumentationsschatz des Liebesdiskurses, den die höfische Lyrik des Hochmittelalters kultiviert (und bes. V. 88f. und 113 zitieren). Und dass Innen- und Außenreferenzen sich weder kommunikativ noch ästhetisch decken müssen, weist weit über die höfische Literatur des Mittelalters hinaus.15 Aber Hartmann verdoppelt diese grundsätzliche Kontingenz zu einem komplexeren Kalkül, das der Körper zu einem allgemeinen Krisenszenario der ungewisheit ausweitet (V. 227, insgesamt V. 217–286).16 Es umfasst sämtliche Akteure des Kommunikationsspiels Liebe, nämlich auch die Frau könne grundsätzlich nicht wissen, ob der Wahrheit entspreche, was Männer mit eiden (V. 223) beschwörten. Schlecht sei es denjenigen Frauen ergangen, die im Vertrauen auf Liebeserklärungen (V. 231: ûf stæter minne wân) den Wünschen von treulosen Männern mit schlechten Absichten folgten, welche sie nach erreichtem Ziel lieblos fallen ließen, während diese sich öffentlich ihres Erfolgs rühmten. Exempel solchen Betrugs (bilde, V. 267) verstärkten leit (V. 228), indem sie allseits um sich greifen: einerseits als schlechter Anreiz für Männer, auf den Spuren des Teufels ebenfalls Frauen zu betrügen (V. 250f.;17 V. 265–271); andererseits als warnendes Beispiel für Frauen, jeder Aussage als lügelicheit (V. 282) zu misstrauen und sich aller Interaktion zu entziehen. Das Leitwort der stæte bringt diese Krisengeschichte von enttäuschtem kommunikativen Vertrauen (V. 231) zu permanenter Täuschungsfurcht in Kommunikation auf den Begriff.18 Liebeserfahrung liefert somit zwar den Anlass, nicht aber den Problemgrund solch allgemeiner »Erkenntnisunsicherheit«, die im Anspruch von Intimkommunikation allenfalls besonders intensiv erfahrbar ist.19
Entscheidend für das Wettkampferzählen der Klage sind die Verstärkungseffekte dieses Kreislaufs. Sie gehen von der Stimme des Körpers aus, der die kommunikative Unerreichbarkeit der Dame als Kontigenz für beide Seiten reflektiert. Wie nimmt die Dame meine Äußerungen wahr, wenn grundsätzlich zu bezweifeln ist, ob solchen Äußerungen innere Einstellungen entsprechen?20 Was kann ich dann überhaupt sagen (V. 301)? Doch läuft der Zweifel nicht nur vom ›ego‹ zum ›alter‹. Schon die Eingangsverse der Klage leiten daraus auch umgekehrt ab: Wenn Frauen artikuliertes Begehren als lügelicheit betrachten, d.h. als prinzipiell kontingent misstrauen, und sich infolgedessen zurückziehen, wie lassen sich dann noch Chancen zum Gelingen wahren? Das Exempel der Anderen inkorporiert Hartmann im wahrsten Sinne des Wortes als eigene Sorge (vom ›alter‹ ins ›ego‹):21 des kreftigônt die sorgen mîn, / wan so fürht ich daz sî [= meine Dame, B.G.] mirz ouch tuo (V. 290f.). Jeder Versuch, die Dame der eigenen Absichten zu versichern – nach innen zu bringen, wie der Körper sagt (V. 106) – riskiert neuerliches Scheitern: dâ mite hân ich sî verlorn (V. 110). Um dieses Risiko zu entschärfen, entscheidet sich das Rahmen-Ich zu schweigen und stattdessen in sinem muote zu klagen.22 Im Unterschied zur öffentlich artikulierten herzeklage (V. 288), die den Kreislauf des Misstrauens nur wiederholen würde, wählt die Klage den Weg in narrative Latenz, die paradoxerweise ausstellen kann, was sie als verborgen erklärt.
Hartmann bezeichnet diese Redeform als list (V. 307), weil sie dadurch neue Komplexitäten kommunikativer Selbstbeziehung bahnt – »Unerreichbarkeit« der Dame und Vertiefung des Ich sind zu Textbeginn interdependent.23 Das Narrativ vom Kampf in der Seele wird damit zu einer autokommunikativen Latenzform zweiter Stufe, welche die Kontingenz der täuschungsanfälligen äußeren Rede zur Kontingenz verborgener Gedankenrede verpuppt.24 Dass dieses Erzählen unter den Bedingungen doppelter Kontingenz einem einzigen Kalkül entspringt, unterstreicht Hartmann mit einem polysemen Einheitsbegriff,25 der schon zu Beginn des Streitdialogs unübersteigbare Differenz markiert: Der muot der Dame sei ze fremder wîse entzogen (V. 112; vgl. auch V. 97), wie auch der Körper den muot seines Begehrens vor ihr verheimlicht (V. 99; vgl. auch V. 134 u.ö.).
Doch weder steht damit ein bloß theoretisches Kommunikationsproblem in Rede noch eine bloß negative Fassung von Ungewissheit menschlicher Existenz, wie sie die Seelenkampfliteratur vom Früh- bis zum Spätmittelalter durchspielt,26 sondern eine dialogische Produktionsform im erzählerischen Rahmen. Ihre Produktivität zeigt sich nicht nur daran, dass die Reflexionen über kommunikative ungewisheit den Übergang vom Rahmen-Ich zum Streitdialog von Körper und Herz herstellen. Auch systematisch lässt sich von hier aus der experimentelle Zug der Klage genauer rekonstruieren. Wenn höfische Kommunikation um 1200 in besonderer Weise von doppelter Kontingenz fasziniert und belastet ist, so wird die Form der inneren Klage als Ausweg lesbar, die radikale Kontingenz des Anderen zu respektieren, ohne auf Kommunikation verzichten zu müssen.27 Grundlage bieten Gestaltungsfreiräume der literarischen Adressierung und erzähltechnischen Konventionen: An die Stelle des / der Anderen als Adressat von Kommunikation setzt die Klage Selbstinstanzen, die bald synekdochisch das Gesamtselbst repräsentieren, bald als partikulare Streitpartner von begrenztem Eigenhorizont argumentieren;28 statt den Weg der Kommunikation über die ungewisheit epistemischer Diastase laufen zu lassen, eröffnet literarische Psychonarration den Blick in den vermeintlich unerreichbaren muot.29 Beides ist paradox: Inszeniert werden sowohl der »Ausfall der Kommunikation« als auch der »Prozess der unmittelbaren Artikulation des muotes«.30 Diskursgeschichtlich betrachtet verändert sich damit das Herz von einer Gesamtrepräsentation des inneren Menschen zu einem Du, zum ›alter‹ im ›ego‹, mit dem sich autokommunizieren lässt.31 Formal betrachtet entwirft Hartmann mit dem Herzen eine Differenz, die sich selbst ausschaltet, indem sie in ihrem eigenen Raum wieder auftaucht – Herz und Körper verstehen einander und reden zugleich aneinander vorbei.
Es ist also im Prinzip zutreffend, der Klage eine gezielte Komplexitätssteigerung zu attestieren, aber wenig erhellend, dies hermeneutisch als »zunehmende Vertiefung der Einsicht in das Problem [der höfischen Liebe]« zu verstehen.32 Denn der Problemkreislauf – doppelte Kontingenz von Kommunikation, Differenz und Einheit des Selbst – wird nicht eingesehen, sondern nur ein- und ausgefaltet. Latenz verdoppelt sich und »vertieft« dadurch die Form des Erzählens.
(2.) Konsistenz aus Kontingenz: zur Wettkampfform des Dialogs. Der Streitdialog faltet dieses Problem zunächst in die mentale Innensphäre des Rahmen-Ich hinein (›in‹ den muot) und häuft auf diesem Weg paradoxe Binnendifferenzen an, was sowohl für die Modellperson als auch für die Struktur des Gesamttextes gilt. Für die Streitpartner heißt dies konkret, dass sich Herz und Körper nicht argumentativ ausweichen, sondern in wechselseitigen Anklagen, Zuschreibungen und Forderungen ineinander verwickeln und unterlaufen.33 Für den Textaufbau heißt dies: Achtmal lässt Hartmann ausgedehntere Reden von Körper und Herz alternieren, wobei dieser Raum in seinem strukturellen Zentrum nochmals durch weitere 53 (hemi-)stichomythische Redewechsel untergliedert wird (V. 1168–1268).34 Korrespondierend zum Prolog und zum Erzählrahmen (V. 1–16; 17–32) beschließt die Klage eine strophische Ich-Rede (V. 1645–1914), die sich als Werbungsrede eines Unglücklichen (V. 1739) an seine Frouwe (V. 1845) mit deutlichen Rückbezügen zum ersten Rahmenteil ausweist, aber ebenso Bezeichnungen35 und Bilder36 der Latenz aus dem Streitdialog aufgreift.37 Insgesamt setzt Hartmann also die dreiteilige umschließende Form fort, wie sie von der Psychomachia bis zur Visio Philiberti die Erzähltradition des Seelenkampfes prägt, überträgt jedoch erstens Wettkampfdifferenzen der erzählten bzw. beschriebenen Interaktion in das Kommunikationsmedium des Dialogs. Zweitens staffelt sich dieser Streitdialog höchst differenziert in die Form des muot hinein.
Der Widerstreit entwickelt zugleich Strukturen, um die Konsistenz dieser komplexeren Form zu erhöhen, indem er propositionale Äußerungen und phatische Signale überkreuzt.38 Symmetrieachse dieser Struktur bildet die erste stichomythische Passage der Klage (ab V. 1168). In einer ersten Serie von Anklagen werfen Körper und Herz einander vor, ihre Aufgabenbereiche verletzt zu haben: Durch Fehlurteile und trügerische Zukunftshoffnungen habe das Herz als Ratgeber versagt (V. 75–86), während der Körper auf eigene Faust handle und unbelehrbar nur kurzwîle (V. 673) und Bequemlichkeiten suche (V. 860), statt beharrliche Mühen des Minnedienstes auf sich zu nehmen. Im Rahmen der Rechtsfiktion, die Hartmanns (An-)Klagedialog mit aufruft,39 verstricken sich beide in Vorwürfen und Schuldzurechnungen: Ob der Körper grundsätzlich auf die Urteilskraft des Herzens angewiesen und damit verleitet worden sei oder ob umgekehrt die Weisungskompetenz des Herzens von der Vitalität, den Sinnesdaten und der physischen Handlungsmacht des Körpers abhänge – darüber besteht gründlicher Dissens. Dennoch wird ihr Streit von phatischem Konsens getragen: Trotz aller Vorwürfe reden sich Herz und Körper mit partnerschaftlichen Zueignungsformeln an,40 demonstrieren einander ihr Interesse, Dialog und Kooperation fortzusetzen.41 Selbst Beschimpfungen und Rachephantasien erweisen sich als symmetrisch, wenn nicht nur der Körper androht, mit einem Messerstich beider Leben zu beenden (V. 67–71), sondern sich auch das Herz wünscht, sein Recht in einem Faustkampf gewaltsam durchzusetzen:
wære ich gewaltic über dich
sô dû bist über mich,
daz ich hende hæte,
dîn leben wære unstæte;
ich tæte dir vil schiere schîn
daz ich unschuldic welle sîn
des kumbers den ich von dir hân.
der müese dir ze leide ergân.
(V. 527–534)
Hartmann verstärkt Anreden und Appelle, bis ihr phatischer Konsens auf die propositionale Ebene durchzugreifen beginnt: Überraschend erinnert der Körper an das Band der Seele als gottgeschaffenem Grund unauflöslicher Einheit (V. 1025–1060, wiederum gipfelnd in einer Zueignungsformel: wan mîn dinc ist daz dîn), wofür das Herz im Gegenzug die vil guote wandelunge (V. 1154) des zuvor als unbelehrbar Gescholtenen lobt. Herz und Körper, Richter und Vollstrecker, scheinen sich damit »auf einen Konsens einzupendeln«,42 der den Wettkampf beendet.43
Bei diesem Einverständnis über wechselseitige funktionale Angewiesenheit von Körper und Herz bleibt die Klage indes nicht stehen. Vielmehr »entzündet sich die Diskussion aufs Neue«.44 Wurde der thematische Dissens der Auftaktreden von Kooperations- und Konsenssignalen getragen, so stülpt das stichomythische Wechselspiel von Frage und Antwort nun Aussage- und Äußerungsbeziehung um. Statt eines harmonischen Musterdialogs replizieren Herz und Körper einander bissig, z.B.
[Körper:] herze, waz gap dir den gewalt?
[Herz:] ›lîp, dîn üppic frâge tuot mich alt.‹
(V. 1175f.)
[Herz:] ›waz ist daz dir unsanfte tuot?‹
[Körper:] dû maht wol selbe wizzen waz.
(V. 1178f.)
[Herz:] ›kunde ich, lîp, ich hulfe dir.‹
[Körper:] dû solt âne dige helfen mir.
(V. 1185f.)
Konsens im Sachproblem – körperlichem Liebesleiden ist durch Rat des Herzens abzuhelfen – wird also in einer Redeform verhandelt, die wiederum ihren phatischen Dissens bewusst inszeniert. In chiastischer Umkehrung von propositionalem Zusammenspiel und kommunikativem Gegenspiel bildet der Dialog neuerlich Streitkonsistenz.
Umgekehrt zur früheren Umschlagsbewegung verstärkt sich auch dieser kommunikative Dissens wieder und durchdringt Konsenssignale (V. 1264–1268), bis das zuvor Erreichte aufgelöst wird. Dies veranschaulicht die allegorische zouberlist (V. 1275), zu der das Herz unmittelbar im Anschluss ermuntert.45 Beliebt bei Gott und der ganzen Welt (V. 1346) könne sich der Körper machen, wenn er acht Kräuterarten in einem Gefäß mische – nämlich die Tugenden der Freigebigkeit, Beherrschung, Bescheidenheit, Treue und Beständigkeit, Sanftmut und Zurückhaltung sowie Tapferkeit, die ohne jeden Vorbehalt oder Zwietracht (V. 1322: âne haz) ›innen‹ im Herzen zu tragen seien.46 Gezielt greift der Kräuterzauber des Herzens also zu jenem vaz, das auch Hartmanns Iwein zum zentralen metaphorischen Modell latenter Differenz erhebt. Doch in der Klage scheitert eine Latenz-Metapher, die jegliche Differenz auszuräumen sucht. Kaum ausgesprochen, wird sie sogleich kassiert. Da sie Seelenheil und Leben gefährdeten, seien Zauber grundsätzlich abzulehnen –
durch daz suln wir in lâzen;
daz er sî verwâzen!
und sül dir gelingen,
daz erwirp mit rehten dingen.
(V. 1367–1370)
Zurecht hat die Forschung über den Sinn eines Tugendrezepts gerätselt, das mit großem ernest (V. 1263) vorgetragen, doch in seiner semiotischen Konstruktion entwertet wird.47 Entscheidend scheint mir, dass die ›revocatio‹ nicht bei der vermeintlichen Zauberempfehlung Halt macht. An den Grenzen des Sagbaren lässt sie nämlich selbst den beredten Ratgeber verstummen: ich enweiz waz ich dir sagen sol, schließt das Herz, wan dû tuo rehte unde wol (V. 1372). An keiner anderen Stelle wendet sich der sonst so selbstbezügliche Text vom Dialog zur »Ethisierung«: Wo der Streit zu enden scheint, verweist er, in ehrwürdigem Vokabular, doch angesichts seines anfänglichen Problembewusstseins fast naiv, auf tugendgeleitete Praxis. Will man darin keine Ironie hören, sondern diese Schlusswendung ernst nehmen, kann man darin eine potenzierte, nun positivierte Stufe des Schweigens erkennen, die den gesamten Streitdialog auf das Anfangsproblem zurückführt: Was kann man nach einer solchen Tugendempfehlung noch sagen? Negativ zeichnet sich mit dem Kräuterzauber jedoch auch ab: Die Form der Latenz gräbt sich so tief in ihre Problemverhandlung ein, bis sie an die Grenzen auch der latenten Kommunikationsform stößt. Wie mit Blick auf die strophischen Schlusspassagen zu zeigen sein wird, bereitet die Klage gerade damit ihren Ausstieg aus der Form der Latenz vor.
Der Dialog von Herz und Körper hält sich vorerst in der Form des Wettkampfs. Ausführlich bekräftigt das Herz seine Empfehlung, den muot durch Zurückhaltung und beständigen Abstand gegenüber der Dame zu beherten (V. 1543). Jede Übereilung schade: Wer allzu rasch Neues begehre, den strecke der Beständige im ritterlichen Zweikampf mit bluotigen sporn nieder (V. 1564). Vertieft sich das Lob der stæte in einem Wettkampfvergleich, so verfängt sich das Herz erneut in der Klage über das, was von Anfang an durch Argumente nicht zu überwältigen war – die Zurückhaltung der Damen gegenüber Latenz:48 Ohne ersichtlichen Grund zögerten Frauen oft gegenüber denjenigen, die sie zu Liebhabern wählten, so lange, bis nicht mehr zweifelsfrei zu erkennen sei, was tatsächlich geschehen oder nicht geschehen sei.49 Während das Herz also im Anschluss an das Tugendrezept wortreich über der wîbe muot (V. 1572) aufzuklären versucht, demonstriert es doch nur, wie vergeblich alle Ratschläge bleiben. Verfolgt man allein die propositionale Struktur des Dialogs, so steht das Ausgangsproblem doppelter Kontingenz, dass der muot des Anderen nicht einsehbar sei, so offen wie zu Beginn – allen anthropologischen Grenzziehungen und Aufgabenverteilungen zum Trotz. Entsprechend kontert auch der Körper wie eingangs mit antagonistischen Signalen: Herze, ich hœre dich klagen / daz dû wol möhtest verdagen (V. 1593f.) – si [= die Frauen, B.G.] ennement dich niht ze râtgeben, / jâ bist dû ze rihtære / in vil unmære (V. 1606–1608). Ein letztes Mal vertieft sich der Streitdialog, der mit guoter lêre (V. 1612) allein nicht auszuräumen ist: wis stæte, daz der beste list (V. 1615). Den letzten Anlauf, den die Klage zur Verfestigung von stæte unternimmt, fällt daher nicht argumentativ, sondern performativ aus.
Für den Streitdialog bedeutet dies, dass Wettkampf zwar als Lösungsverfahren für ein Problem latenter Differenz anläuft, ja sogar auf ethische Lösungsempfehlungen zuläuft, sich jedoch sogleich wieder perpetuiert, sobald diese argumentativ ausgeräumt scheint. Wettkampf bildet dadurch Konsistenz, dass Propositionen und phatische Akte sich chiastisch überkreuzen. Insgesamt vertieft die Klage damit eine Paradoxierungsstruktur. Auf konzeptueller Ebene entwirft sie Herz und Körper als »problematisch differenzierte Einheit«, die das Leitmodell des anthropologischen Dualismus weit hinter sich lässt;50 das Selbst als Streitordnung wird ungleich komplexer entfaltet als die Allegorie der Psychomachia. Zu dieser Überkreuzung trägt bei, dass Herz und Körper in ihrem Redeverhalten insbesondere jene Eigenschaften in Anspruch nehmen, die sie ihrem Gegenüber als distinktiv zuschreiben – das Herz argumentiert hoch affektiv, der Körper denkt und geht mit sich selbst zu Rate (z.B. V. 140–142, 1490),51 beide reklamieren für sich die Besinnungsinstanz des muotes.52
All dies macht Hartmanns Dialog, um es nochmals zu betonen, zu einem schwierigen, wenn nicht gar widersprüchlichen Text, wenn man seine Aussage- und Kommunikationsstruktur gegeneinander ausspielt. Trotz ihres argumentativ-disputativen Redecharakters verweigert die Klage jegliche systematisch durchgehaltene Lösung.53 Ihr dialogisches Selbstverhöltnis entwirft keinen normativen Entwurf anthropologischer Ordnung,54 der die Unsicherheitserfahrungen kommunikativer Kontingenz ausräumen könnte. Stattdessen unterläuft und wiederholt das Streitgespräch fortgesetzt Differenz:
Jeder Argumentationsversuch der Gesprächspartner, jede Entwicklungsstufe des Dialogs ist geprägt von der Ambivalenz des herze-lîp-Verhältnisses, das problematischer Zwiespalt und einstudiertes Zusammenspiel zugleich ist. […] Der Dialog von herze und lîp bringt aus diesem Grund zu keinem Moment der Rede zwei klar trennbare, miteinander konkurrierende Standpunkte hervor, sondern immer eine Verschränkung der Positionen.55
Statt Ordnung oder Balance bewirkt solcher Streit fortgesetzte Verwerfungen der Selbstbeziehung: »In Hartmanns Klage erweisen sich Innen-Ich und Außen-Ich allen eleganten allegorischen und sentenziösen, geistlichen Lösungsangeboten zum Trotz als nicht aufeinander abbildbar.«56 Gerade dadurch, dass Hartmann Semantiken des Seelenkampfes und religiöser Anthropologie allusorisch ausbeutet, lockt die Klage mit Lösungen, die sich kaum isolieren, nur im Widerstreit propositionaler, formaler und kommunikativer Ebenen greifen lassen. Ergebnis dieses Arrangements ist eine Gesprächsform, welche die Streitpartner mit jeder Schleife komplexer, d.h. auf immer tieferen Ebenen verbindet.57 Sie ist nicht zuletzt deshalb als innovativ in der Diskurstradition von Seelenkämpfen zu betrachten, weil sie diese Paradoxien keineswegs verschleiert, sondern gezielt anspricht und ausspielt. Körper und Herz verwickeln sich mittels Reden immer tiefer in die Problemstellung offener Rede, der mit Argumenten nicht mehr beizukommen ist.
Besonders sensibel haben Susanne Köbele und Ellen Strittmatter den Spannungen nachgespürt, die ein solches »gesteuertes und zugleich unkalkulierbares Wechselspiel« aufwirft.58 Sie machen gleichermaßen fraglich, die Strukturbildung der Klage auf ein normatives Erkenntnismodell zu reduzieren oder Diskursen anzuhängen, die Hartmann vage und wie aus weitem Abstand zitiert. Weder dürfte es den Unordnungen gerecht werden, den Streitdialog als Plädoyer für geordnete Wahrnehmungsvorgänge zu lesen.59 Noch dürfte es das paradoxe Wechselspiel von Kongruenz und Differenz erklären, wenn man die Reden von Herz und Körper als »Konfliktsituation« betrachtet, »die das Denken an seine Grenzen führt«,60 aber in scheinbar »vollständige[r] Restituierung der personalen Einheit« im Schlussgedicht mündet.61 Ist die Frage nach Makroproposition oder Intention des Textes dann überhaupt geeignet, den windungsreichen Redewettkampf der Klage zu erfassen? Entfaltet werden Redeformen, die nie letztgültig fixiert, sondern nur abgelöst scheinen, befördert vom »ständige[n] Umstülpen« jeglicher Position.62 Selbst affirmative Partien, die wie Ordnungsappelle, Ratschläge oder Tugendspiegel ausgeprägt intentionalistisch und auktoriell anmuten, werden von affektiven Entgleisungen und Umschwüngen gebrochen, die den Streitdialog eher emergent als kontrolliert vorantreiben.63
Näher kommt es diesem Textbefund, wenn man die Dynamisierung der Form des Wettkampfs selbst als produktives Ergebnis betrachtet. Natürlich wird damit weder die Ordnung des Ich gesichert noch ein Minneproblem gelöst.64 Doch die Klage lenkt wiederholt den Blick auf diese Produktivität, wenn etwa das Herz empfiehlt, die innere Einstellung einerseits zu verfestigen (V. 1543: beherten), andererseits aber zu bewegen (V. 1154: wandelunge, V. 1248: wandel).65 Konsistenz gewinnt diese Wettkampfform, indem sie nicht nur Reden fortgesetzt alternieren lässt, sondern damit zugleich Wechsel zwischen propositionaler, kommunikativer oder sprecherbezogener Fokussierung verbindet. Nachdrücklich hat die jüngere Forschung auf die Differenzierungsdynamik hingewiesen, die dadurch wächst: Herz und Körper treten sowohl körperlich als auch unkörperlich hervor, bezeichnen sich als zusammengehörig und unterschieden, artikulieren die Möglichkeit wie auch die Unmöglichkeit ihrer Trennung.66 Bezieht man dies auf das Rahmenproblem der Klage zurück, kann man somit festhalten: Intern kann sich der kommunikative Formenaufbau fortsetzen, den die nach außen gerichtete Unsicherheitsvermutung abzuschnüren drohte; fortsetzen kann sich damit aber auch die Differenz des strît, die im muot des Rahmen-Ich ihren äußeren Halt findet.
Vielfältige Formen der Koordination und Subordination spielen die Streitpartner metaphorisch durch:67 Herz und Körper beschreiben sich interdependent, indem sie einander als Partner und friunt (z.B. V. 121, 421, 978), als Ratgeber (z.B. V. 1253) und ausführendes Organ (z.B. V. 1010f.), als Nuss mit Schale und Kern (V. 449–464)68 oder als Haus und Bewohner (V. 57f.) beschreiben. Andererseits suchen sie ihre Differenz zu hierarchisieren, indem sie sich als Richter (V. 417, 1607) und Rächer (V. 69–71), als Herr und Diener (z.B. V. 82, 425, 1061–1074), als Wasser im Feuerkessel (V. 465–484), als Lehrer und Schüler (V. 1252) und generell als gewaltsam (V. 527f.) oder abhängig (V. 535–570) voneinander behaupten. In rascher Folge verketten sich damit horizontale und vertikale Ordnungsoptionen, die auf keinen stabilen Nenner zu bringen sind. Gerade ihre Instabilität aber ermöglicht, Latenz nicht bloß zunehmend zu vertiefen, sondern auch wieder auszufalten.
(3.) Der Streit in mir: Einfaltung und Entfaltung von Latenz. Auch für ihre latente Beziehung finden die Streitpartner der Klage traditionsreiche Bilder. So vergleicht der Körper seine insgeheimen Sorgen mit gefährlichen Tiefenströmungen, die verborgen unter dem Meeresspiegel ze bœsem wehsel für daz leben aufsteigen (V. 364–376); das Herz wohne im Körper wie in einem Haus (V. 57), liege in der Brust physisch eingeschlossen (V. 64f., 448), geschützt wie der Kern in der Schale der Nuss (V. 451–464). Ohne Hilfe des Körpers könne sich das Herz weniger Hoffnungen machen als Blumen unter der Schneedecke im März, die wenigstens die Mittagssonne am Leben erhalte (V. 821–849). Viele der metaphorischen Kerne legen poetologisch-hermeneutische Spuren (z.B. Schale / Nuss;69 Hoffnung der Blumen auf den Mai) und führen zu Diskursen, die ebenfalls mittels Wettkampflogiken strukturiert sind.70 Der Wettkampf der Klage indes scheint keine Lösung zu erreichen. Kaum dass beide Streitinstanzen ihre Kooperationsbereitschaft signalisiert haben – [›]nû solt dû, lîp, hin ze ir / unser fürspreche sîn.‹ / das tuon ich gerne, herze mîn (V. 1642–1644) –, wiederholt der anschließende strophische Frauenpreis jene Klagen und Aporien, von denen der Streitdialog ausging. Mag der Dialog also zumindest rudimentär an das Argumentationsverfahren der disputatio anknüpfen,71 so lässt er die zu erwartende determinatio gerade offen.72 Welchen Sinn hat dann die betonte Arbeit an Differenzen des Verbergens und Einschließens?
Ihre Leistung wird ersichtlich, wenn man Latenz als formale Struktur der Vervielfältigung analysiert, die nicht nur entzieht, sondern dabei spezifische Spielräume eröffnet. Kurz sei daher an die eingangs skizzierten Vorüberlegung erinnert. Latenzbeziehungen enstehen demnach durch doppelte Funktionszusammenhänge, die alternierende Unterscheidungen sowohl aufdecken als auch verbergen können.73 Auch Hartmanns Klage macht von beiden Möglichkeiten Gebrauch. Vor allem die erste Hälfte des Streitdialogs deckt auf, dass der Kampf im muot nicht bloß von einfacher Differenz oder Einschachtelung ausgeht (die etwa das Herz im Körper verortet), sondern ihre Unterscheidung fortlaufend rekursiv wiederholt. Diese Formbildung erfolgt insgesamt im Kontext des Körpers, der zu Beginn des Dialogs die Stimme des jungen Mannes übernimmt. Zu ihrer Einfaltung trägt bei, dass sowohl Herz als auch Körper für sich ebenfalls Innenseiten produzieren, wie sie der muot für die Rahmenperson eröffnet. Mit der Metapher der Tiefenströmung reklamiert etwa der Körper eine verborgene Eigensphäre, die ebenfalls als muot bezeichnet wird. Umgekehrt sieht sich auch das Herz noch weiter verborgen als nur unter körperlicher Oberfläche, wenn es sich mit Blumen unter der Schneedecke vergleicht und dabei dem Körper die Rolle der Sonne zuweist. So kurz derartige metaphorische Operationen aufleuchten, in allen Fällen vervielfältigen Körper und Herz dadurch Innenseiten, in welche wiederum die Reden und Bezeichnungen des Streitpartners eintreten können. Auch dies zielt weniger auf stabile Ordnung als auf fortlaufende Reorganisation, die Innenseiten vertieft.
Zwar wird also der Kampf als unbeobachtbar im Innern postuliert (V. 31: verswigen ungemach), doch verschreibt sich der Dialog genau dieser Beobachtung des Unbeobachtbaren. Als »Ort einer intellektuellen Auseinandersetzung« schlechthin trägt der Begriff des muot diese paradoxe Einschachtelung.74 Er bezeichnet einerseits die gesamte Form, indem er den gesamten Gesprächsraum konstituiert (V. 25). Andererseits bezeichnet er die uneinsehbaren Grenzen, die Herz und Körper fortlaufend ziehen, unterlaufen und nachziehen; indem Hartmann vom muot im muot erzählt (V. 140, 208, 662, 916 u.ö.), bringt er somit die mentale Einheit von Opposition und Zusammengehörigkeit auf den paradoxen Begriff.
In formalem Sinne wird damit das Selbst als Kulturierungsraum entworfen – als Serie ineinander gestaffelter Räume, die einander bedingen, aber sich kommunikativ zugleich autark abgrenzen (bis hin zu Rückzugsphantasien, V. 380f., oder zur Komik unmöglicher Tötungswünsche), die füreinander intransparent sind, obgleich sie sich als interdependent begreifen. Angesichts solcher paradoxen Innengrenzen überrascht es nicht, dass auch der für die Latenzarchitektur zentrale Begriff des muot ebenfalls ambivalent konnotiert ist. Einerseits betrachtet das Herz den muot ganz allgemein als eigene Domäne, über die es herrsche (V. 916); andererseits muss es anerkennen, dass dem Körper nicht einfach rehte[r] muot (V. 580) aufzudiktieren ist, sondern dieser sich auch selbst orientiert (wenn auch zum Schlechten, V. 243: bœser muot), dass der Körper unbeweglich in Bequemlichkeit verharren (V. 860) oder unbelehrbar bleiben kann (V. 815: vil lêre ich an dir verlôs). Auch das Herz konstatiert daher: Uns dienet niht gelîcher muot (V. 945). In verwirrend dichter Abfolge reiht der Dialog somit muot als Gesamtmedium, als rationales Vermögen des Menschen und als variabel auszuprägende Haltungen (vgl. insbes. V. 1130–1144). Während der Begriff der Seele nur sporadisch fällt und keinen nennenswerten Beitrag zur Organisation von Latenz leistet, setzen Bezugnahmen auf den muot umso größere Unterscheidungsleistungen in Gang; den muot aufrecht zu erhalten, erfordert Mühen (vgl. V. 781–800 u.ö.) – dâ hœret arbeit zuo (V. 613) – und dies gilt auch für den Rezipienten. Gemessen an diesem Anspruch wird verständlich, dass ein vergleichsweise differenzarmes Modell der Selbsthaltung, wie es der Kräuterzauber âne haz im Herzen anbietet (V. 1322), letztlich folgenlos verworfen wird.
Sofern sie nicht blockieren, erzeugen Paradoxien Bewegung – »Kippkalküle« prägen daher besonders die Argumentationsstruktur des Streitdialogs.75 Trotzdem vertieft Hartmann diese Dynamik nicht grenzenlos, sondern nimmt schließlich auch Differenzen zurück; wie jeder Dialog einmal enden muss,76 schließt auch der Streitdialog von Herz und Körper. Ab der stichomythischen Mittelachse beginnt die Klage, ihre Paradoxien zu restabilisieren. Äußerlich weist darauf schon der Verfahrenswechsel hin, der die Autokommunikation zwischen Herz und Körper zu einem äußeren Kommunikationsakt vereinfacht, der sich an die Dame richtet. Die Gelenkstelle bezeichnet der Streitdialog explizit mit einem letzten stichomythischen Wechsel: [›]nû solt dû, lîp, hin ze ir [= der Dame] / unser fürspreche sîn.‹ / daz tuon ich gerne, herze mîn. (V. 1642–1644). Aber wer spricht nun? Ohne Frage der Körper, der somit die Latenzform zu einer Stimme verdichtet.77 Und doch ist nicht so einfach anzugeben, wer spricht.78 Denn die Rede speichert zugleich Metaphern und Differenzen, die aus dem Streit mit dem Herzen gewonnen wurden bzw. direkt auf diesen zurückgehen. Betont werden innere Haltungen und Intentionen (V. 1729), das Herz als ›brennender Abgrund‹ des Begehrens (V. 1656, 1809), als Innenraum der Klage (V. 1740), der Sorge (V. 1787) und der Zweifel (V. 1829). Aufgerufen werden ebenso jene Bilder der Latenz, mit denen Herz und Körper den Streitdialog vertieft hatten. Das Ich schwimme gleichsam tief im Meer, weit vom Ufer entfernt, und wolle wegen seiner Sorgen tief in die Fluten gehen:
jâ lebe ich sam ich swande
über tiefen sê dan man hât
verre unz ze sande
(V. 1762–1764)
wan des tiefen meres fluot
mit sîner breiten flüete,
swie in vil selten ieman wuot,
für disen kumber ich in wüete.
(V. 1803–1806)
Die Preisstrophen zitieren den Bildbereich der Tiefe und variieren gleichzeitig seine Aussagerichtung – Latenz wird nun programmatisch bejaht. Gleiches gilt für den Jahreszeitentopos der Blüte: Klagte das Herz im Streitdialog, wie eine Blume unter einer Schneedecke zu leiden, die vor der sumerzît (V. 825) aufgehe, so behauptet das Ich im Frauenpreis ungleich selbstbewusster, nichts auf des sumers bluot zu geben (V. 1789), wenn sich die Dame nicht ihm zuwenden wolle. Die Schlussstrophen kondensieren somit ein »Gesamt-Ich«79 im Rückgriff auf Bezeichnungen und Bilder der Latenz, die neu akzentuiert werden. Auch den Wettstreit im Innern bezieht dieses Ich als ganzes auf sich (V. 1655).
Damit lässt sich die funktionale Leistung des Streitdialogs genauer ermessen. Um es deutlich zu sagen: Hartmann bietet keinerlei Lösung an für die thematische Aporie,80 die der strophische Schluss nochmals in Erinnerung ruft: Weshalb sollte die Dame gelouben mînem munde, der beteuert, von grunde des Herzens zu lieben (V. 1657–1660)? Obwohl sich Herz und Körper explizit auf gemeinsame Lösungsstrategien zu annehmbarer Minnekommunikation einigen, setzen die Schlussstrophen davon nichts um – sondern fallen im Gegenteil auf jene Werbungsrhetorik zurück, deren Glaubwürdigkeitsdefizite eingangs entlarvt wurden.81 Auch der erklärte Eid verschafft dem Frauenpreis keinen neuen Rückhalt, sondern die Dynamik eines latenten Wettkampfs, der zunächst eingefaltet, d.h. potenziert wird, bevor er wieder ausgefaltet, d.h. in seiner Differenzordnung zurückgenommen wird. Negativ gesagt zielt die Latenzstrategie der Klage darauf, ein Kommunikationsproblem temporär zu blockieren, indem es internalisiert wird; das Streitgespräch liefert dafür seit der Antike ein etabliertes ›kryptisches‹ Verfahren, das empfiehlt, Absichten und Ziele zeitweise zu verbergen.82 Der strophische Schluss bietet in dieser Sicht umso weniger eine inhaltlich überzeugende Lösung, als er lediglich nach innen gestaute, vervielfältigte Differenzen nach außen wendet und vereinfacht.83
Positiv betrachtet aber bietet der Text eine Transformationsdynamik an, die zwei Bewegungsrichtungen einschlägt: Beginnt die Klage damit, den muot der Modellperson als Differenzordnung aufzudecken, so verbergen die Schlussstrophen diese Differenz, ohne sie zu löschen. Als Wechselform erhöht Latenz somit die Komplexität der Stimme gerade dadurch, dass Innen- und Außenkommunikation der Klage nur als labile Transformationsdynamik, nicht aber als Bestimmungsverhältnis aufeinander bezogen sind. Dies könnte erklären, weshalb Forschungsversuche letztlich erfolglos blieben, die Problemlösung des Binnendialogs oder die Sprecherinstanz des Dialograhmens zu identifizieren. Verleiht dies den Preisstrophen etwas Unentscheidbares, so ist ihre Stimme keineswegs nebulös: Der, der am Ende spricht, erweist sich anschließend als komplexer;84 auf dieses Wahrnehmungsangebot zielt die Vervielfältigung durch inneren Streit.
Dazu ist nötig, Differenz zu verdecken, ohne sie zu annullieren. Deshalb führt der Weg der Schlussstrophen nicht über Negationen, um etwa die Unterscheidung von Herz und Körper zu widerrufen, sondern führt zu ihrer Externalisierung. Dies leisten insbesondere religiöse Diskurszitate, die in der ersten Hälfte des Streitdialogs den Konflikt von Herz und Körper als Orientierungsproblem zwischen Gott und Teufel einordnen: Betrügerische Männer wünscht der Körper zum Teufel (V. 250), denn Frauen zu verführen, sei eine werltwünne, die Gott bestrafen möge (V. 277f.); formelhaft bittet der Körper das Herz um Nachsicht durch got (V. 407, 413); umgekehrt mahnt auch das Herz zu Gottvertrauen und warnt vor Gottes Strafen und der Verführungskraft des Teufels (V. 807–820);85 Gott habe beiden eine gemeinsame Seele verliehen, die zum Heil zu bewahren sei, um nicht dem Teufel überantwortet zu werden (V. 1034–1060). Je tiefer sich der Streitdialog eingräbt, desto seltener fallen derartige Bezüge. Nach dem stichomythischen Wortgefecht sind sie nahezu verschwunden.86 Die Schlussstrophen jedoch greifen wieder verstärkt auf solche Referenzen zurück, die sie auf geringem Versumfang verdichten: Während der Teufel nach Schaden trachte, halte sich das Ich in seiner Rede an Gott (V. 1683–1687) und bittet die Dame um ihres Schöpfers willen um Zärtlichkeiten (V. 1721–1725) – Verweigerung aber wäre Sünde (V. 1783, so auch V. 1875f.); Gott möge das Ich vor Sorgen behüten (V. 1788). Mit der Schlussformel unterstellt das Ich seine Seele und seinen Körper ganz der Verfügung der Dame (V. 1911f.). All dies verbindet die Klage mit prominenten Modellen von Seelenkämpfen – von Tugendkatalogen (Psychomachia) über Anklage- bzw. Gerichtsordnungen zwischen Gott und Teufel (Vorauer Sündenklage) bis zu Spaltungsphantasmen, die wieder auf die traditionelle Doppelformel von anima und corpus zurückgreifen (Visio Philiberti). Doch tragen derartige Bezüge kaum so weit, den gesamten Text in einen moraltheologischen Kontext zu transportieren,87 so punktuell und unverbunden bleiben sie gegenüber der Diskussionsstruktur des Wettkampfdialogs. Auch untereinander scheinen Verweise auf die Seele – vom gotteslästerlichen Schwur bis zur orthodoxen Ermahnung – auffällig unabgestimmt: »Die Seele ist daher ohne weiteres ambivalent einsetzbar, als ironieverdächtige Hyperbel ebenso wie als theologisch gewichtiges Argument«.88
Religiöse Diskurszitate liefern dadurch allenfalls bewegliche Bruchstücke, keinesfalls aber feste Ankerpunkte, um den Kampf im Menschen nach außen zu stülpen.89 Dennoch tragen sie dazu bei, Differenz zurückzunehmen, genauer: die Differenz der Streitpartner insgesamt wieder in äußere Kontexte zu befördern. Noch als semantische Spurenelemente verhelfen Bezüge auf Gott, den Teufel oder die Seele dazu, die Schlussstrophen in strukturellem Sinne zu externalisieren: Sie bringen die Form, die der Streitdialog intern vervielfältigt hatte, in den Kontext von Redeordnungen zurück, welche die gesamte Modellperson umgreifen.
(4.) Verstetigung. Die Klage bezeichnet diese doppelte Transformation selbst als Stabilisierung. In diesem Sinne rät das Herz zur stæte:
grîf vil stæticlîchen zuo,
als der dâ beherten wil
durch miete ûz unz an daz zil,
und kum niht gâhes an sî,
daz ir dîn gewerp bî
unstæticlîchen wone.
dâ erkennet sî dich vone
in stæticlîchem muote;
des vergiltet dir diu guote.
(V. 1542–1550)90
Auch die Schlussempfehlung der Streitpartner antwortet auf das Ausgangsproblem also paradox: Nicht Lösungsannäherung ermöglicht die Erkennbarkeit des Innen, sondern beständig gehaltene Distanz. Hält man sich an den präskriptiven, unwidersprochenen Gestus solcher Aussagen, könnte man in dieser lêre eine Textintention hören (bes. V. 1614).91 Aber handelt es sich dabei um ein Programm?92 Postuliert die Stimme des Herzens die Leitvokabel eines »ritterlichen Tugendsystems«, wie es Wolf Gewehr durch akribische Rückgriffe auf die lateinische Terminologie geistlicher Tugendlehren nachzuweisen versucht hatte?93
Tatsächlich genießt das Konzept der Stetigkeit metapoetischen Status. Doch bezeichnet es weniger einen »Normbegriff«94 als eine konkrete diskursive Praxis. Die Klage entwirft dazu das aufwändige Arrangement eines latenten Wettkampfs, der interne Konsistenz zwischen Instanzen begünstigt, die sich agonal verstetigen. Je für sich schreiben sich die Streitpartner solche Beständigkeit zu: Permanent sorge sich das Herz und ›schlafe niemals‹ (V. 691–694); trotz Morddrohungen bekennt sich auch der Körper zu unendlicher Qual (V. 398). Wie es für beide unmöglich ist, unvermittelte Einheit zu erzwingen, gelingt es weder praktisch noch argumentativ, Trennlinien zu ziehen. Wie die Metaempfehlung des Herzens treffend benennt, verstetigen sich die Streitpartner also in dieser ›mittleren Distanz‹ des offenen Problems: nah, aber unterschieden. Einen Raum für diese Nahdistanz eröffnet der Dialog im muot.95 Konsistenz gewinnt das Ich also nicht durch eine gefestigte Position – darin liegt, so meine ich, die experimentelle Zumutung der Klage –, sondern durch die Dynamik.
Als ethisches Programmwort tritt stæte damit hinter die diskursive Praxis der Verstetigung zurück. Entsprechend nehmen die Schlussstrophen den Begriff zurück, um an seiner Stelle eher Argumente und Bilder zeitlicher Beständigkeit zu projizieren:
Sît ich dîn künde ie gewan,
sô bist dûz alters eine
der ich mir ze frouwen gan
(V. 1735–1737)
ich wæne ê wazzer unde walt
und diu erde verbrinne
– daz ist zuo dem suontage gezalt –
und uns der tage zerinne,
möhte ich werden alsô alt,
ê ich von dir die sinne
benim, swie lützel ez noch galt,
ich diene umb dîne minne.
(V. 1831–1838)
Ist daz ich mînen langen wân
nâch heile volbringe
den ich nâch dînen minnen hân
[…] (V. 1861–1863)
Aus dem Zusammenhang gerissen klingt dies nach konventionellen Elementen der Minnewerbung. Im Kontext der Transformationsbewegung, die den aufgedeckten Widerstreit in die verbergende Rede des Gesamt-Ich überführt, lässt sich dies jedoch als signifikante Verflüssigung lesen: Nach der Einfaltung des inneren Streitzustandes gewinnt die Klage jene kommunikative Außenrichtung zurück, die zu Beginn durch Zweifel blockiert schien. Man kann dies als Analogon einer Tugendprobe verstehen,96 sollte aber nicht übersehen, dass nicht Zustände, sondern allein der Prozesscharakter des Wettkampfs dieses kommunikative Potenzial regeneriert. Nicht als normativer Bezugspunkt oder vermeintliche Einsicht in richtige ›Werte‹ hilft stæte Kontingenz zu überbrücken, so wäre dann zu folgern, sondern als eine diskursive Praxis fortgesetzten Streits, der seine Konsistenz zusammenfasst. Die Strophenstruktur der Schlussrede hebt in ihren identischen Kreuzreimen dieses Konsistenzinteresse auch formalästhetisch hervor.
Hartmanns Klage spielt damit, diese latente Streitkomplexität nicht bloß ganz allgemein zur Stimme eines jungen Mannes zusammenzufassen, sondern zugleich als Autorperson des Textes zu deklarieren. Schon die Einleitung lässt grammatisch in der Schwebe, Hartmann entweder als Parallelfall oder sogar als Erfahrungsträger der latenten Klage zu identifizieren:97
daz waz von Ouwe her Hartman,
der ouch dirre klage began
durch sus verswigen ungemach.
sîn lîp zuo sînem herzen sprach:
[…] (V. 29–32)
Die Auftaktrede des Körpers greift den Namenszusatz, gleichsam eponym für den Sprechakt des Klagens und durch Initiale im Ambraser Heldenbuch hervorgehoben, unmittelbar auf: Ouwê, herze und dîn sin (V. 33). Auch die Schreibung des Heldenbuchs selbst nähert Klage und Autor lautlich wie graphemisch einander an.98 Ähnlich wie Heinrichs von Neustadt Übertragung der Visio Philiberti oder die Mariendichtung Heinrichs von Mügeln ermöglicht auch die Wettkampfordnung von Hartmanns Klage, ihre Konsistenzgewinne zu einer Autorperson zu kondensieren.
Damit öffnen sich weitere Wirkungsebenen von Wettkampfformen, die bis zur Formung ihrer Autorreflexion ausgreifen. Ein gemeinsamer Zug scheint ihr Verlängerungsinteresse zu sein. Statt auf ewigen Frieden, wie ihn die Erzähltradition der Seelenkämpfe seit Prudentius ersehnte,99 zielt Hartmann auf Ausweitung und Vertiefung des Kampfes. Die Klage demonstriert, dass »Täuschung, Verstellung und Verkennen« nicht bloß »komplexe und vielschichtige Erzählmotive« höfischer Literatur bilden.100 Vielmehr erzeugt und sichert ihre Ein- und Ausfaltungsdynamik eine Komplexität literarischer Kommunikationsinstanzen, die begriffsgeschichtlichen Interessen weitgehend verborgen blieb. Hartmanns vergleichsweise kürzerer Text geht damit über eine komplizierte Minnereflexion weit hinaus, als die man die Klage lange verstand und marginalisierte. Ihre Arbeit zielt vielmehr auf Vervielfältigung des Selbst nach Innen, die unter erhöhtem Kontingenzbewusstsein der Rede neue Redemöglichkeiten generiert.
2.5 Wettkampfethik: Thomasin von Zerclære und die Habitualisierung der Unordnung
Die Liebeserfahrung, von der Hartmanns Vervielfältigung des Selbst ausgeht, bewog die Forschung, Resonanzen der Klage vornehmlich im Minnesang zu suchen.1 Systematische Anschlussstellen sind zahlreich zu greifen: Unerfülltes Liebesbegehren treibt das Ich in kämpferische Spaltungsphantasien zwischen herze und lîp (Friedrich von Hausen);2 Kontingenz von Kommunikation wird nicht nur als Ausdrucksproblem beklagt, sondern vervielfacht die Rollen erlebender und ästhetischer Ich-Artikulation (Heinrich von Morungen);3 Unordnungen von Seele, Herz und Körper werden zum Argument für neue Sprachspiele der Liebe (Walther von der Vogelweide).4 Aber auch narrative Reflexionen führen Experimente mit latenter Vervielfältigung fort, die weit über den Liebesdiskurs hinausreichen.
Einen besonders aufschlussreichen Fall stellt der Welsche Gast (1215 / 1216) Thomasins von Zerclære dar,5 der das Latenzmodell des Seelenkampfes zur Selbstbeschreibung höfischer Ethik adaptiert.6 Um die Verstetigung des höfischen Habitus zu illustrieren, greift auch Thomasins Lehrdichtung im VI. Buch (V. 6799–8470) zu traditionsreichen Allegorien des Kampfes. Wer Heil im Jenseits erwerben wolle, der müsse schon im Diesseits permanent kämpfen – mit der Fahne der Tugenden gegen das Teufelsheer der Laster (V. 7369–7384):
swenn wir tuon ihtes unreht,
der tiuvel uns ân den schilt s lecht.
sô sul wir danne kêren dar
der guoten gedanke breite schar
unde suln daz unreht lâzen,
sô muoz danne der vînt verwâzen
von uns in der helle gluot.
(V. 7373–7379)
Thomasins Appell bezeugt zweierlei, sowohl das externale Modell des Seelenkampfes als auch neue Züge der Interiorisierung. Zum einen führt die Frage des richtigen Lebens auf den Spuren der Psychomachia zu einem imaginären Kampfplatz zwischen Teufel und Gott, irdischer Verführung und jenseitigem Gericht, Hölle und Himmel. Hatte das VI. Buch mit einer Reihe alttestamentarischer Exempel von Mühsal und belohntem Gottvertrauen eröffnet (Joseph, Moses, David), so führt Thomasin wenige Verse später vier Schlachtverbände von Lastern vor Augen, denen sich jeder edel rîter guot (V. 7385) zu stellen habe:
Nu nemt war, edel rîter guot,
wie sich dort machet Übermuot
wider iuch mit ir schar:
ir solt sî undermachen gar.
[…] (V. 7385–7388)
Sich umbe, edel rîter guot,
und merke waz Girescheit tuot.
si wâsent sich mit ir gesint.
[…] (V. 7395–7397)
Seht ir niht der Unkiusche schar
diu sich dort hât gewâfent gar?
in ir schar vert Leckerheit,
Vrâz und ouch Trunkenheit.
[…] (V. 7401–7404)
Diu trâkeit hât ouch ir schar
gewâfent und bereitet gar.
(V. 7411f.)
Laster, die sich sofort wuchernd zu vervielfältigen drohen (z.B. V. 7398–7400), sind mit besonderer Aufmerksamkeit zu bekämpfen: nu wer dich, edel rîter, wer! (V. 7466). Dem dichotomen Differenzmuster entsprechend hält ihnen Thomasin die allegorische Montur eines Ritters entgegen, der mit der Fahne der Weisheit, dem Schwert des Rechts, dem Schild der Klugheit, in der Rüstung der Sicherheit und dem Helm des Glaubens gegen diese anreitet. Dem Pferd der Hoffnung solle er die Sporen der Tapferkeit geben, fest im Sattel der Beständigkeit und das Zaumzeug der Keuschheit fest in der Hand, den Speer der Demut gegen die Untugenden gerichtet (V. 7470–7500). Umbesetzungen sind nicht von der Hand zu weisen: Konfigurierte Prudentius eine Oppositionsstruktur von Tugenden und Lastern, so werden Tugenden zur Montur des Subjekts verwandelt: »Der ritterliche Protagonist muss die übermächtig wirkenden Lasterscharen vielmehr allein bestehen, was die Spannng beträchtlich erhöht.«7
Gleichwohl setzen die Beschreibungstechniken, die Thomasin in dichter Folge aufbietet, grundsätzlich das Leitmodell veräußerlichter Seelenkämpfe fort, wie es die Psychomachia vorgeprägt hatte: Aufzählung und Clusterbildung von Tugend- und Lasterbezeichnungen, allegorische Beschreibung der Rittergestalt, evidenzorientierte Anweisungen8 und vorwiegend externe Raumdeixis9 stülpen das Kampfszenario imaginär nach Außen. Auch Thomasins heilsgeschichtliche Typologie der Kampfaufforderung,10 seine Denunziation teuflischer Angriffe vor gotes geriht (V. 7657, 7671 u.ö.) und die nachdrückliche eschatologische Zielperspektive11 knüpfen an die Tradition von Kampfordnungen an, die den Menschen im Widerstreit ›aus sich heraus bringen‹12 und dadurch letztlich Widerstreit zu ordnen, zu überwinden und auszuschalten suchen. Medial verstärkt wird diese externe Oppositionsstruktur von Bildprogrammen, die Tugenden und Laster in Reihenkämpfen einander gegenübersetzen und asymmetrisch ordnen.13
Gegenläufig dazu zeigt die zitierte Passage des VI. Buches aber auch, wie Thomasin diese externalen Modellvorgaben mit innovativen Beschreibungen und Mustern kombiniert, wie sie Hartmanns Klage entwickelt hatte: Auch der Welsche Gast zielt auf Verstetigung, Latenz und Vervielfältigung der Wettkampfform. Diese Ausweitungen setzen bereits bei der Sozialreferenz des Wettkampfszenarios an, das sich zunächst an adlige edel rîter guot wendet, dann aber ihre Rittersemantik und die Beschreibungen von Lastern und Tugenden auf jeden ausdehnt, der nur ethische Vollkommenheitsansprüche an sich stelle (Herv. B.G.):
Swer rîter heizet ode ist,
der sol sich ze dirre vrist
ze wer bereiten harte wol.
ein ieglîch biderbe man sol
beidiu an alter und an jugent
sich wâfen gegen der untugent.
(V. 7419–7424)
Auch an vielen anderen Stellen pendelt Thomasins Lehrschrift gleichsam zwischen elitärer Begrenzung und Entgrenzung ihres impliziten Adressaten (swer, man, wir etc.).14 Wie die zitierte Definition zugleich spiegelt, wird auch die Zeitdimension gedehnt. Was die Allegorie von Lastern und Tugenden als präsentisches, punktuelles Kampfgeschehen vor Augen stellt (V. 7457: nu tuo war; 7466: nu wer dich etc.), zeichnet Thomasin zufolge eine lebenslange Aufgabe vor (an alter und an jugent, V. 7434, nochmals V. 7704 u.ö.), genauer: eine Aufgabe, die in jedem Moment neu zu bewältigen sei (V. 7648: zaller stunde, V. 7478: zaller vrist), die andauerndes Bemühen fordert (V. 7803: tac unde naht), ganz gleich swie lange (V. 7427). Entworfen wird damit eine Zeitstruktur der »Dynamisierung«,15 die durch Akte kämpferischer Unruhe auf Permanenz zielt. Während die natürliche Welt auf Makroebene ihre Struktur durch unablässigen Wettkampf der Elemente gewinne (V. 2420: der strît wirt alle tage getân), bilde sie auch der Mensch auf Mikroebene in sich täglich neu. So nachdrücklich Thomasin also die Ethik des Wettkampfs auf ihr transzendentes Telos verpflichtet, so beharrlich dehnt sich solcher Wettkampf im Diesseits: swer wil êwiclîchen leben, / der muoz vehten zaller vrist (V. 7528f.). Während Prudentius mit dem finalen Triumph der Tugenden, die schließlich Gott einen Siegestempel errichten, das eschatologische Ende des Kampfes betont, zeigt sich Thomasin vielmehr an der fortwährenden Spannung eines unabsehbaren Kampfes interessiert, der paulinische bzw. augustinische Lebensentwürfe fortschreibt.16 In gewisser Weise basiert auch dies auf einem Trägerdiskurs. Wie Hartmanns Klage den Kampf ausgehend vom Minnediskurs verstetigt hatte, verstetigt ihn Thomasin mit den Mitteln religiöser Semantik zum bellum continuum.17 Das allegorisch-überzeitliche Modell des Seelenkampfs wird dadurch nicht bloß temporalisiert. Vielmehr wird die dichotome Grundstruktur eben jenes Entscheidungsmodells aufgelöst und auf Dauer gestellt, das die Konfrontation von Tugenden und Lastern eindringlich aufruft:18 Das ganze Leben steht ›unter Waffen‹ (V. 7556). Übung und Bewährung statt raschen Siegen und Niederlagen – der Seelenkampf wird zum Trainingsplatz normativer Habitualisierung ausgebaut.19
Eine zweite einschneidende Veränderung der Erzähltradition zeigt sich im Hinblick auf die Medien, in denen sich normative Orientierung verwirklicht. Von der werlde als Handlungsraum schwenkt der Blick nach innen: Gut zu leben heißt, der guoten gedanke breite schar in den Kampf zu führen (V. 7376). Ritterschaft bestehe daher nicht im Zerbrechen von Lanzen (V. 7445f.), sondern in mentalen Dispositionen gegen Verlockungen der werlde: Gegen Vergnügungslust, körperliches Begehren und hämische Meinung helfen Klugheit, Glaube, Ehrfurcht, Gottesliebe und Hoffnung. Von diesen dianoetischen und kontemplativen Tugenden wendet sich Thomasin dann jedoch wieder nach außen, indem er zu Handlungen in der Welt rät. Zum richtigen Leben gehöre, ze tuon (V. 7788) zu haben, und zwar nicht nur mit Vergnügungen, sondern mit Rat und Tat (V. 7814): sô sol er tac unde naht / arbeiten nâch sîner maht / durch kirchen und durch arme liute (V. 7803–7805). Zielt die allegorische Imagination darauf, den Wettkampf zu internalisieren, so führt ihre Auslegung zurück auf ein äußeres Handlungsprogramm der vita activa. Diese Übersetzung spielt Thomasin fortgesetzt in beide Richtungen durch: Wer seinen täglichen Tätigkeiten und Pflichten mit Freude nachgehe, beweise guoten sin (V. 7849) und guote[n] wille[n] (V. 7844), im Diener solle man stets auch den Menschen ehren (V. 7868–7870), denn selbst im Unfreien ließen sich Seele und gedanc, der beste Teil im Menschen, nicht bezwingen (V. 7878–7880). Daraus folgen soziale Maximen: Seiner Frau wohlgesonnen und Angehörigen vertraulich zu begegnen, stehe dem Ritter gut an (V. 7831–7834). Immer rascher wechseln interne und externe Perspektiven, bis sich beide Richtungen zusammenschließen: der man hât einen vrîen muot / der gerne tuot daz er tuot (V. 7851f.). Die Innen-Außen-Differenz der Wettkampfform wird zur Kippfigur.
Zusammenfassend ergibt das eine spannungsreiche Mischung. Thomasin greift unübersehbar die Tradition externaler Seelenkämpfe samt ihrer ordnungsorientierten, auf Veräußerung inneren Streits gerichteten Teleologie und ihre allegorisch-ekphrastischen Darstellungstechniken auf, öffnet im Gegenzug jedoch die Wettkampfform für dynamische Wechsel. Vorbildliches Verhalten verdankt sich einerseits internalisierten Dispositionen und mentalen Akten (gedanken), muss andererseits aber auch beharrlich verkörpert und in konkreten sozialen Handlungsvollzügen realisiert werden (tuon); Tugend bedarf einerseits teleologischer Zielbestimmung (V. 7697f.: ze got […] / durch die rehten güete), andererseits aber fortgesetzter Übung, die unbestimmt ausgedehnt ist. Anspruch solcher Tugendlehre ist einerseits die exklusive Identitätsbildung (ritter), andererseits maximale Ausweitung jenseits von Standesgrenzen oder spezifischen sozialen Kontexten (biderbe man). Insgesamt zeigt sich damit eine Form, die zwischen Reduktion und Vervielfältigung der Differenzen von Seele und Körper, aber auch zwischen Abschluss und Iteration ihrer Zeitstruktur sowie Eingrenzung und Entgrenzung ihrer Subjekte pendelt. Auch dies kann man als Latenzzusammenhang im funktionalen Sinne interpretieren: Thomasins Ethik entwirft im Wechselspiel von begrenzenden und entgrenzenden Wettkampfformen ein normatives Leitbild, das sich in medialer, zeitlicher oder akteursbezogener Hinsicht entweder ausgesprochen einfach und verdichtet zeigt oder aber als komplex und widerstreitend enthüllt.
Innovativer als die Tugend- und Lasterkataloge, die Thomasin konventionell zitiert, ist also die Form des ethischen Selbstverhältnisses, in welche sie das VI. Buch einbettet. Innen- und Außenseiten, verborgene und aufgedeckte Komplexität des Modellsubjekts werden fortgesetzt wechselbar – Hartmann und, in noch kürzerer Gestalt, auch die Visio Philiberti hatten dies im Grunde genommen nur zweimal vollzogen. Das Latenzmodell wird damit zu einer Art Scharniermechanismus, um zwischen Innen und Außen, Verbergen und Aufdecken des Subjekts zu wechseln.
Schon im Abschnitt über den Wettkampf zeitigt das neue Unruhe. Denn mit der Beweglichkeit der Form erhöhen sich auch die Möglichkeiten, Identität als Differenzordnung aufzudecken. Zentrale Attribute und Vorgänge, die Thomasin dem Prozess normativer Habitualisierung einschreibt, neigen dadurch zur Spaltung. So z.B. das Konzept von arebeit / müe: Einerseits nämlich sei der Kampf gegen Laster vil müelîch (V. 7552, 7648 u.ö.), der Mensch habe die Mühsal als eigene Last infolge des Sündenfalls zu tragen (V. 7639–7642), weshalb man sich auch im Alltag unablässig um gute Handlungen bemühen müsse (V. 7804: arbeiten); andererseits solle man den Kampf im Zeichen der Tugend gerade nicht als grôz müe betrachten (V. 7431). Gleiches gilt für Bezeichnungen und Bewertungen des Kampfes: Einerseits sei strît das Ergebnis von Lastern (V. 7204) und seit dem Fehltritt Adams ein lästiges Übel der ›conditio humana‹, von der erst die Gnade Gottes erlöse (V. 7597–7630), während Konflikte im Diesseits die menschlichen Gemeinschaften zerreißen; andererseits gelange der Mensch nur mit dem strîte gegen Laster zurück zu Gott (V. 7697–7704). Statt Unordnung im Menschen auszuräumen, wie es die zitierte Erzähltradition externaler Seelenkämpfe anstrebte, gewinnen Thomasins bilde nur um den Preis latenter Unordnung ihr vorbildliches Profil.
Wo ausdrücklich gezählt wird (gegen fünf äußere Verlockungen helfen drei innere Tugenden; Buch VII: fünf Fähigkeiten innerhalb des Körpers richten sich auf fünf Dinge außerhalb etc.), ist die Unordnung nicht weit.20 Sie ist tatsächlich nicht auf die expliziten Wettkampfpassagen des VI. Buchs beschränkt, sondern prägt den Welschen Gast insgesamt. Von Anfang an begegnen Zurechnungsprobleme: Grundsätzlich könnten Körper innere Zustände und Emotionen zu erkennen geben, weshalb auch Laster und Tugenden an spezifischen Gebärden ablesbar seien (V. 912–926). Allerdings nur in Grenzen: Leider tröge sehr oft der Schein, weil viele Menschen ihre wahren Gefühle listig zu verbergen verstünden (V. 927–946). Weder stellt Thomasin also die Koppelbarkeit von Innen und Außen, muot und lîp grundsätzlich in Frage, noch spielt er ihre Kontingenz herunter, sondern betont beides: Habitualisierung bewegt sich damit von Anfang an in einem instabilen Spannungsfeld von sehen und heln. Tugend wird somit zu einer Form der Latenz, die natürliche Anlagen aufdeckt und aktualisiert, aber nicht voraussetzungslos oder gegen schlechte Grundlagen erzeugt werden kann.
Doch auch diese fortlaufende Differenzierungsdynamik der Latenz hat ihre Grenzen. So scheinen aus Transzendenzperspektive jederzeit Unterbrechungen möglich, wie Thomasin an anderer Stelle vermerkt: Niemand könne seine Gedanken (muot) vor Gott geheim halten (V. 3494–3502), latente Traumgedanken des Kampfs beende Gott mit dem Erwachen (V. 3483–3488). Im alltäglichen Zusammenleben aber drohen permanent Täuschung und Verstrickung, die eine Latenzperspektive des permanenten Kämpfens befördert.
Thomasin diskutiert dies ausführlich am Begriff der stæte, die er als Kardinaltugend und Voraussetzung aller anderen Tugenden bestimmt (V. 1707–2528).21 Sorgsam arbeitet er ihn aus Negationen heraus. Beständigkeit erkenne und erlange nur, wer sich von Unbeständigkeit abkehre, weshalb zunächst über unstæte zu sprechen sei (V. 1821–1836). Mit einer paradoxen Definition unterstreicht Thomasin, dass sein Diskurs der Vorbildlichkeit weniger auf trennscharfe Bestimmungen zielt. Es geht vielmehr darum, Verschränkungen zu entwirren: unstæte ist stæte an boesen dingen (V. 1839). Darin klingt erstens eine beunruhigende Einschätzung von Vielfalt an. Unbeständige wollten immer Verschiedenes, morgens dies und abends anderes, vor allem aber immer mehr (V. 1875–1893). Beständigkeit hingegen verlange Reduktion: swer stæt wil sîn, der sî an einem (V. 1894). Vereinfachung durch Begrenzung auf eine Domäne aber falle zweitens von Natur aus besonders schwer: Jedes Ding habe seinen Platz in der Welt, nur der Mensch könne seinen orden nicht halten (V. 2611–2614). Arme wollten reich werden, Diener herrschen und Mächtige bedürften Helfer und Ratgeber, die sie wiederum in Konkurrenz und Neid verstrickten. Der Machtlose verwickele sich in Kämpfen nächtlicher Racheträume, in denen er seine wehrlosen Feinde niedermetzele (V. 3455–3482), und der Ehrgeizige träume von ruhmvollen Turnieren im muot. Mit negativem Unterton spricht Thomasin in diesen Fällen von Traumlatenzen, welche die Gothaer Handschrift, vor allem aber die ältere Heidelberger Handschrift als vergleichsweise grob geordnete, clusterartige Kämpfe illustrieren.22
Auf allen Ebenen der Gesellschaft entfache dies Kampf: Städte, Länder und Reiche gerieten deshalb in Unordnung. Mit der gesamten christlichen Erzähltradition der Seelenkämpfe sieht Thomasin dahinter heilsgeschichtliche Ursachen: Über Adam, der nicht nur Urahn des inneren Kampfes, sondern ebenso der Unbeständigkeit ist (V. 2529–2578), werden allgemeine Menschheitsgeschichte und individuelle ethische Perspektive verbunden. Thomasins Wettkampfordnung der Tugend basiert damit nicht nur erzählerisch, sondern auch diskursiv, semantisch und genealogisch auf einer latenten Anthropologie der Unordnung.
Das Modell des Seelenkampfes entwirft den Menschen damit komplexer, aber auch ambivalenter. Thomasin lobt Latenzbeziehungen keineswegs einseitig, sondern verachtet Lüge und Intrige (so etwa prononciert im Buch II) – und formuliert zugleich eine Ethik, die sich Latenz in strukturellem Sinne anverwandelt. Eine solche Darstellungsstrategie, die je nach Perspektive zu Vereinfachung und Vervielfältigung einläd, schuf ein bewegliches Angebot zur sozialen Pluralisierung von Vorbildlichkeit, welche sich in feudalen wie bürgerlichen, in säkularen wie geistlichen Kontexten adaptieren ließ.23 Doch bereits um 1215 spiegeln Thomasins Diskurs der stæte und seine latente Form des Wettkampfs Kippfiguren von Verinnerlichung und Veräußerlichung, mit denen die höfische Erzählliteratur arbeitet. Protagonisten wie Hartmanns Gregorius bilden ihre Identität, indem sie zwischen Veröffentlichung und Verheimlichung »latenten Vorwissen[s]« oszillieren;24 und wie Thomasin den Ehrgeiz am Beispiel eines Mannes geißelt, der aus Ruhmsucht allein in sînem muot Turniere ausrichtet (V. 3809–3854), inszeniert auch Hartmann die Prätention höfischer Identität mittels Latenzphantasmen, die im Wechsel zwischen Innen und Außen prekäre Geheimzonen bilden. Wie das folgende Kapitel näher beleuchtet, vertieft besonders Hartmanns Iwein solche Geheimzonen der Latenz.
3 Unterlaufene Wettkämpfe: Zum Iwein Hartmanns von Aue
Nicht nur didaktische Texte wie Thomasins Welscher Gast beschäftigt die Frage, wie sich Identität mittels Kampf verstetigen und gleichzeitig dynamisieren lässt. Auch fiktionale Artusromane kultivieren seit dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts das Erzählen vom Kampf als komplexe Form von Inkorporierungsvorgängen, welche ihre normativen Dispositionen nicht nur verfestigen und einüben, sondern gleichzeitig – und mitunter sogar gegenläufig – deren Irritierbarkeit verstärken. Im Blick auf die ersten deutschsprachigen Adaptationen der Gattung galt das Forschungsinteresse jedoch lange Zeit den sozialen Normen und ethischen Perfektionsansprüchen von Zielzuständen, zwischen denen Krisen und Bewährungswege der ritterlichen Protagonisten allenfalls vermitteln. Während der Erec-Roman in diesem Sinne als Problemgeschichte sozialer Trägheit gelesen wurde, die ihren Tiefpunkt im verligen des Herrschers findet, galt der Iwein als komplementäre Kritik pflichtvergessener Rastlosigkeit, die zum versitzen im Sattel führe:1 Nachdem der Held durch aggressives Zweikampfverhalten âne zuht (V. 1056)2 und exzessive Turnierfahrten das Ideal ritterlicher Kontrolle bis in den Wahnsinn überschreitet, finde Iwein erst über den mühevollen Weg selbstloser Hilfstaten zurück in die höfische Gesellschaft – und damit zu einem maßvollen Habitus von Mitleid und Schonung, der Ehre und Minne kontrolliert ausbalanciere.3 Streit galt in dieser Perspektive als dysfunktional, während man den ritualisierten ritterlichen Kampf als Mittel der Konfliktlösung, Pazifizierung und Integration betrachtete.4
Diese Leitvorstellung höfischer Selbstkontrolle und Befriedung hatte Bruno Quast grundsätzlicher Kritik unterzogen: Statt Wildheit und Gewalt auszuschalten, lerne Iwein vielmehr, Gewaltpotentiale über die liminale Phase eines sozialen Dramas (Victor Turner / Arnold van Gennep) zu inkorporieren; höfische Kultur, so Quast, nehme Gewalt damit in sich hinein.5 Auch über den Iwein-Roman hinaus hat die mediävistische Erzählforschung seitdem den Blick für zahlreiche Hybridisierungsprozesse von Identität und interne Gewaltpotentiale höfischer Kultur geschärft.6 Revidiert ist damit die ältere Gattungserwartung, die den Artusroman als affirmatives Instruktions- und Reflexionsmedium von Vorbildlichkeit verstand.7
Auch wenn normative Interpretamente fragwürdig geworden sind und die Forschung vom damit eng verknüpften Strukturmodell des ›Doppelwegs‹ abgerückt ist, wurden einige seiner Basisannahmen nicht ersetzt. Hierzu gehört zum einen das Prozessschema der Entwicklung: Was auch immer Erec und Iwein aus- oder einüben, erleiden oder reflektieren, so die Prämisse, es fügt sich – trotz punktueller Kontingenz der Ereignisverknüpfung für die Protagonisten – zu einem linear gerichteten Weg.8 Es braucht kaum betont zu werden: »Mittelalterliche Erzählung ist Zeitkunst, zum sukzessiven Hören bestimmt.«9 Auch der Artusroman kann auf sequentielle Handlungsabfolge nicht verzichten, seine narrative Informationsvergabe erfolgt im Nacheinander. Doch ebenso auffällig sind in Hartmanns Iwein Momente, die sich linearer Organisation sperren. Dies betrifft nicht bloß den vermeintlichen Lernprozess entlang des Doppelwegs, der für den Iwein zu Recht problematisiert wurde.10 Dies betrifft nicht nur den quasi-mythischen Raum des Quellenreichs, in dem Raum und Zeit eher zyklisch als linear erscheinen.11 Und es betrifft nicht nur Hartmanns Vorliebe, seine Figuren in Dilemmasituationen eher ›perplex‹ zu verstricken, als sie daraus wiederum zu lösen.12 Es betrifft – noch grundlegender – die Prozessförmigkeit der Erzählung überhaupt. So konfrontiert der Roman zum Beispiel mit einer Geschehensordnung, die zwar von Aufbruch und Rückkehr des Helden zum Artushof, von Rückzugs- und Reintegrationsbewegungen in die höfische Gesellschaft geprägt ist, dies jedoch kaum mit trennscharfer Phasenstruktur unterlegt, wie sie das Prozessschema fordert: Während etwa die Schwellenphase der Identitätsbildung unendlich gedehnt erscheint, fehlen andere Phasen gänzlich oder durchkreuzen die Abfolge im Nacheinander.13 Trotz seiner Hilfeleistungen für andere erscheint Iwein »kein aktiv Suchender oder ein Ziel Verfolgender« zu sein, wie Jan Mohr anmerkt, »Identität und Selbstbewusstsein« werden im Erzählprozess allenfalls »aggregativ aneinander[ge]fügt«.14 Selbst Iweins Löwe, Symbol des liminalen Übergangs und damit des Prozesscharakters schlechthin, wird zwar markant eingeführt, dann aber mit auffällig unscharfen Enden ausgeblendet. Hartmanns Iwein erscheint damit als Entwicklungsroman, der seine eigene Linearität staut, ja sogar vielfach durchkreuzt.
Eine zweite grundlegende Prämisse der Artusromanforschung hat Annette Gerok-Reiter darin ausgemacht, diese Entwicklungslogik auf Individualisierungsprozesse zu beziehen, genauer: auf die historische Genese von Subjekten, die sich im Zuge von Bewusstsein reflexiv entdecken.15 Im Horizont mittelalterlicher Anthropologie konstituiert sich Individualität durch Negationen, nämlich »primär über die Kategorien der Nicht-Identität, der Differenz, des Widerspruchs, des Gegensatzes, der Ab- und Ausgrenzung«.16 Mittelalterliche Erzählungen verorten soziale Identität daher zumeist innerhalb von Kollektiven (Inklusion), wohingegen individuelle Helden eher experimentell ausgekoppelt werden (Exklusion).17 Rationale Reflexion spielt dafür keine leitende Rolle: »Selbsterkenntnis führt somit keineswegs zwingend zur Entdeckung der unverwechselbaren, individuellen Persönlichkeit, sondern zunächst zur Entdeckung des Höchsten und Allgemeinsten in sich selbst.«18 Fragwürdig erscheint somit, die narrative Fokussierung des Artusromans auf zentrale Figuren als selbstbezügliche Bewusstseinsgewinne verbuchen zu wollen.19 Fruchtbarer sei stattdessen zu fragen, so Gerok-Reiter, welche »Konstitutionsbedingungen von Individualität in mittelhochdeutscher Epik« auserzählt werden, die »diesseits der Entwicklungslogik des modernen Subjekts« angesiedelt sind.20 Für Romane wie Hartmanns Iwein kann dies heißen, grundlegender nach narrativen Negationsmustern als Bedingung für individuale Figurenentwürfe zu suchen, ohne diese vorschnell auf Bewusstseinskonzepte von Reflexion, Einsicht oder Lernen zu beziehen.21 Zu diesen komplexitätssteigernden Negationsmustern gehört im Iwein nicht zuletzt die Erzählform des unterlaufenen Wettkampfs.
3.1 Ein kompliziertes Herz
Wettkämpfen kommt für diese Perspektiven besondere Bedeutung zu, scheinen sie doch erzählerische Linearität und Reflexion zu begünstigen, gleichzeitig aber zu brechen. Dies veranschaulichen besonders deutlich Zweikampfszenen wie der Gerichtskampf zwischen Iwein und Gawein, in dem die soziale (Re-)Integrationsgeschichte des Helden ihren Höhepunkt und der Roman ein selbstbezügliches Muster findet.1 Schon seine Ausgangslage ist verwickelt, denn die verwandten Ritter treffen stellvertretend für zwei in Erbstreitigkeiten verfeindete Schwestern aufeinander. Trotz größter Nähe erkennen sich die Zweikämpfer nicht, da Iwein nach geraumer Abwesenheit von der Hofgesellschaft inkognito als Löwenritter auftritt, Gawein aber in fremder Rüstung verborgen erscheint, um seine Parteinahme vor der Artusgesellschaft zu verbergen (V. 6884–6894). Verwandte bekämpfen sich, Freunde prallen im Rechtsstreit als Feinde aufeinander, beide verhüllen sich in fremder ritterlicher Identität – Hartmanns Erzähler reizen solche Verflechtungen, um das Wettkampferzählen im wahrsten Sinne des Wortes doppelbödig werden zu lassen.2 Tief im Herzen der Freunde wohnten zugleich Zuneigung und Feindschaft auf engstem Raum in einem Gefäß:3
[E]z dunchet die andern unde mich
lîhte unmugelich
daz iemer minne unde haz
ensamt sô besitzen ein vaz,
daz minne bî hazze
belîbe in dem vazze
zwâre ob minne unde haz
nie mê besâzen ein vaz,
doch wonte in disem vazze
minne bî hazze
sô daz minne noch haz
gerûmden gâhes daz vaz.
(V. 7015–7026)
Zuneigung und Aggression, minne unde haz (V. 7021) bleiben somit nicht an der Oberfläche des Figurenbewusstseins, sondern nisten sich in den Innenraum des Herzens ein. Den impliziten Rezipienten des Romans provoziert dies prompt zum Widerspruch, dem Hartmann ebenfalls eine agonale Stimme verleiht:4 ich wæne, friunt Hartman, / dû missedenchest daran (V. 7027f.) – ein Irrtum, denn zu eng sei ein Herz für solches Beieinander, Zuneigung und Feindschaft müssten sich ausschließen. Der Erzähler kontert daher mit einer zweiten Unterscheidung:
ir herze was ein gnuoc engez vaz,
dâ wonte ensamt inne
haz unde minne.
si hât aber underslagen
ein want, als ich iu wil sagen,
daz haz der minne niene weiz.
si tæte im anders als heiz
daz nâch schanden der haz
muese rûmen daz vaz;
und rûmet ez doch froun minnen,
wirt er ir bî im innen.
(V. 7044–7054)
Hartmann formuliert eine Doppelhypothese: Zuneigung und Feindschaft müssten sich ›einheizen‹, bis eine das Chaos im Herzen verließe – wenn nicht eine dünne Trennwand ihr Beisammensein in der Einheit des Herzens durch Differenz ihrer Kammern verbürgte.
Wie die Forschung unterstrichen hat, hebt die umständliche Digression des Erzählers auch die Kampfschilderung auf eine eigentümlich »formale Ebene« der Reflexion.5 Aber was leistet diese metaphorische Konstruktion? Einerseits lässt das Bild der Herzkammern jenen Widerstreit von persönlicher Affinität und Rivalität für die Figuren latent werden, der beide von Romanbeginn spannungsvoll als Partner und Konkurrenten am Hof verbunden hatte (vgl. V. 907–918). Während andere Artusromane wie etwa der Parzival Wolframs von Eschenbach derartige Ambiguitäten von Musterrittern durch narrative Neben- oder Nacheinanderordnung gleichsam horizontal aus dem Weg räumen oder zumindest distanzieren, arrangiert sie Hartmann mit der Geheimkammer des Herzens verborgen ineinander. Voraussetzung dafür ist eine Wand des Un-Wissens, wie der Erzähler herausstreicht: [D]iu unkunde was diu want / diu ir herce underbant (V. 7055f.).6 Für den Fortgang der Erzählung ist dies unmittelbar relevant. Denn die Herzkammern sichern zumindest für die nächsten Schritte die Erzählbarkeit des Gerichtsfalls, indem sie paradoxe Verflechtungen der Figuren tieferlegen und ihnen Chaos verbergen: »Der Erzähler bewältigt das Paradox«, wie Klaus Grubmüller konstatiert.7 Auf der Oberfläche des Kampfes stürzen Iwein und Gawein nun als Feinde, nicht aber zugleich als Freunde aufeinander. Erzählerisch kann der Zweikampf damit ohne Ambivalenzen für die Figuren anlaufen (ab V. 7075).8
Umgekehrt sieht es für den Rezipienten aus, für den Irritationen und Handlungsspannung wachsen.9 Denn die Metapher der Herzkammern speichern genau genommen die Paradoxie von Sympathie und Gewalt, die der Wettkampf aufwarf, nur umso tiefer in sich ein. Nicht nur klanglich drängt Hartmanns fünfmaliger Reim von haz / vaz darauf, sich für diesen Innenraum zu interessieren. Auch semantisch verdichtet das Herz zahlreiche Konflikte von minne und haz, die über den Erbstreit der Schwarzdorn-Schwestern und die Freund-Feinde im Stellvertreterkampf aus sämtlichen Teilen der Erzählung zusammengeführt werden: von Iweins Beziehung zu Gawein im Distinktionsmilieu des Artushofs (das gleichermaßen Bewunderung und Ehrkonkurrenz hervortreibt) über die Ambivalenz der ›leicht getrösteten Witwe‹ Laudine gegenüber dem Mörder ihres Mannes (die von Rachewünschen zur opportunen Liebeszusage umschwenkt) bis zu Lunetes jähem Umschlag von Anerkennung zur Anklage Iweins und schließlich dem Aventiureweg des Helden (der aggressiven Selbsthass in solidarisch ausgeübte Gewalt überführt). In unterschiedlichem Grad der Übereinstimmung kann der Rezipient solche und weitere Handlungsbezüge mit der übercodierten Leitunterscheidung von minne und haz im abschließenden Zweikampf verbinden, die tief im Herzen eng beieinanderliegen. Und selbst der metaphorische Raum des Herzens führt frühere Figurenbeziehungen des Romans zusammen, die wie z.B. Iwein und Laudine über die Minnesemantik des Herztauschs verbunden waren.
Doch verdeutlicht das erzählerische Arrangement ebenso deutlich, dass eine Metapher derartige ambivalente Figurenbeziehung allenfalls temporär verdichten und einlagern kann. Indem der Erzähler besonders ihre explosive Nähe (ensamt, bî) und labile Architektur problematisiert,10 potenziert sich die Spannung widerstreitender Affekte – bis sie schließlich gewaltvoll aus dem Herzen hervorbricht. Je länger die Kämpfer einander Widerstand leisten, desto größer wächst ihr Wunsch zu wissen, wer der andere sei (V. 7374f.). Anfangs eingelagert im Herzen, bricht solche Latenz des Nichtwissens schließlich auf. Zwei Schleifen dehnen daraufhin den Zweikampf – man kämpft vom Morgen bis zum Mittag und pausiert, nimmt den Kampf vom Nachmittag bis zur Nacht auf und pausiert erneut11 –, bis die Aggression versiegt (V. 7365). Am zweiten Zweikampftag fühlen sich die Ritter im wahrsten Sinne des Wortes ›überlastet‹. Und dies nicht nur durch die gleichrangige Kampfkraft des Gegenübers, sondern ebenso durch die latente Sorge, einander als Feinde begegnen zu müssen, wie Gawein gesteht:
wir sîn in gelîchen sorgen.
mîn herce ist leides uberladen,
daz ich ûf iuwern schaden
iemer sol gedenchen.
(V. 7454–7457)
Als beide ihre Namen aufdecken (nicht nur Gawein [V. 7471], sondern auch Iwein weiß sich überraschend unkompliziert zu nennen [V. 7483]), muss die Feindschaft das Herz verlassen, wie der Erzähler herausstreicht (V. 7491–7494). Doch wuchern die strukturellen Verflechtungen des latenten Wettkampfs weiter fort, wird die Herzmetapher von Nähe und Trennung fortgeführt. Von wessen Herz ist eigentlich die Rede – Iweins, Gaweins oder, verstanden als eine Art übergreifender Modellrede, beider? Der Erzählerexkurs lässt dies in der Schwebe;12 zwar spricht Gawein von gemeinsam geteilter Sorge, doch nur von seinem Herzen (min herce). Auch die Handlungen der Kämpfer werden stets nur im Plural geschildert, »so dass ein vages Bild des Kampfes entsteht«.13
Auf Handlungsebene sind die latenten Paradoxien des Kampfes trotzdem keineswegs getilgt. Im Kampf hatten sich die Gegner ihre absolute Gleichrangigkeit bewiesen, doch ein Gerichtskampf verlangt Entscheidung – aller Freundschaftsgesten zum Trotz.14 Und so bietet Iwein wortreich seine Unterwerfung an: Da Gawein ihm stets zuvor Ehre erwiesen habe, wolle nun er sich freiwillig zu Dienst verpflichten (V. 7523–7566). Gawein aber hält dagegen: Ein derart großmütiges Freundschaftsangebot könne er nicht annehmen, vielmehr wolle er sich als sigelôse[n] ergeben (V. 7567–7578). Iwein legt nach und insistiert – selbst wenn Gawein ein gänzlich Fremder wäre, sei es an ihm, sich zu unterwerfen (V. 7579–7587)! –, was Gawein abermals verweigert (V. 7588–7590). Vom Kampf mit Lanzen und Schwert wechseln beide zum strît mit Worten. Noch bevor König Artus den Ausgang des Gerichtskampfes festsetzen kann, verfangen sich Gawein und Iwein wieder in paradoxen Stricken von affektiver Zuneigung und symbolischer Konkurrenz, wem scham und êre zuzuschieben seien.15 Wieder werden dadurch soziale Bezüge durch schwierige Negationen vervielfältigt: hie was zorn âne haz (V. 7642).16 Trotz solcher Beteuerung aber spiegelt das Wortgefecht zwischen Iwein und Gawein, wie das Wissen um Nähe nur neuerlich befeuert. Und wie in zahlreichen Zweikämpfen zieht auch Hartmanns Freundschaftskampf noch in seinem Nachgefecht auffällig lange Schleifen, wie der Erzähler hervorhebt: sus werte under in zwein / âne lôsen lange zît / dirre friuntlîche strît (V. 7590–7592). Betrachtet die Iwein-Forschung den Kampf gemeinhin als beendet,17 könnte man also geradezu umgekehrt sagen: Sobald sich die Freund-Feinde erkennen, wächst der Streit über den regulierenden Rahmen des rituellen Waffengangs hinaus.
Die ausgeprägten Metakommentare der gesamten Passage unterstreichen, dass es dem Roman gezielt auf diese Schleifenkonstruktion von Innerem und Äußerem, erzählter Interaktion und Wettkampfkommunikation ankommt. Hartmann nutzt dabei das mehrfache Strukturierungspotential der Herzmetapher zwischen religiöser und körperlicher Semantik, um konträre Emotionen in räumliches Nebeneinander zu überführen (in Hartmanns Worten: minne bî hazze zu lagern, V. 7019 und 7024). Oder formal zugespitzt: Einschluss wird möglich, der doch Differenz garantiert; Subordination im Innenraum und Koordination im Nebeneinander werden kombinierbar.
Die Mikropoetologie der Herzmetapher eröffnet einen besonderen Zugang zur Wettkampfstruktur des Iwein, weil sie eine besondere Arbeit an interner Differenz zu erkennen gibt. Dies bestätigt auch ein kurzer Blick auf Hartmanns Vorlage. Zwar prägt schon Chrétiens de Troyes Yvain die Behältermetaphorik vor: Beim Kampf der Freunde fänden Liebe und Hass wundersamerweise in einem Gefäß (veissel) zusammen wie in einer Herberge (ostel) mit vielen Räumen und Geheimkammern (chanbre celee).18 Chrétiens Raumvergleich ordnet die Oppositionsbeziehung so zwar nebeneinander und unzugänglich, doch erst Hartmann deklariert diesen Raum als Innenraum des Herzens und modelliert damit Einlagerung, die als labil ausgewiesen wird. Entsprechend stärker prägen die deutsche Bearbeitung dynamische Wechsel von Ein- und Auslagerung: Während Chrétien die Paradoxie des Widerstreits in der Erzählerstimme bündelt und argumentativ entfaltet,19 lässt sie Hartmann von der Außenhandlung (Rechtsstreit der Schwestern, Gerichtskampf der unerkannten Freunde) ins Subjektinnere (Herzmodell) und wieder zurück in den Raum äußerer Wahrnehmung wandern (Unterwerfungsdialog). Auch Chrétien erzählt vom Waffen- und Rededuell der Freunde in Schleifen. Doch Hartmann ergänzt, dass dabei Aggressionen aus dem verborgenen Gefäß wieder heraufsteigen (V. 7491–7494). Erzählt der französische Roman vom Ehrproblem verwandter, gleichrangiger Artusritter mittels Wiederholungsstrukturen, so könnte man also zusammenfassen, zieht Hartmann diese Probleme in bzw. aus der Latenz. In beiden Fällen erhält die Episode sowohl dank ihres Umfangs wie ihrer erzählerischen Gestaltung große Aufmerksamkeit. Sie kann daher als eine Schlüsselszene gelten, die dreierlei offenlegt:
(1.) In erster Linie verdeutlicht sie die fortgesetzte Komplexitätsbildung des Wettkampferzählens: Zwar geben Rechtsstreit und Gerichtskampf die Unterscheidungslogik von Sieg und Niederlage und damit den Bedarf einer asymmetrischen Entscheidung vor, doch stößt dies allenfalls die Dynamik eines Zweikampfs an, der gleichsam unbegrenzt fortläuft und dabei Innen- und Außenrelationen ineinander übersetzt. Dass sich dieser Prozess nur unter größtem Aufwand und nur durch äußere Faktoren, nicht aber aus seiner eigenen Logik heraus unterbrechen lässt, zeigt der befremdliche Ausgang der Kampfzyklen. Gegliedert werden sie nur von Erschöpfungspausen, nicht durch ein formales Ende.20 Wie kann König Artus dann als Gerichtsherr jene Entscheidung herbeiführen, die der Rechtsfall der Schwarzdornschwestern nun einmal braucht (V. 7649–7652)? Artus stellt bekanntlich eine simple Falle, indem er jene Klägerin aufruft, die durch ir ubermuot das Erbteil ihrer Schwester unterschlage – und die Schuldige tappt prompt hinein, indem sie dem Aufruf folgt (V. 7660: ich bin hie). Auf den gesamten Roman betrachtet, fügt sich dieses Manöver in die Reihe sprachlicher Listen ein, die auf vorschnellen Zusagen beruhen. Was liegt also näher, als die Beweiskraft unbedachter Worte zu bestreiten, wie es die ältere sogleich Schwester tut?21 Artus aber verweist auf die Faktenlage des Gerichtskampfes: ez giht mîn neve Gâwein / daz er den sic verlorn habe (V. 7696f.), was alle anerkennen müssten. Ein eigenartiger Urteilsspruch: Hatte nicht Iwein dasselbe zuerst von sich behauptet? Und weshalb muss der Richter dafür an den Konsens der Verurteilten appellieren? Wenn Fangfrage und Verplappern der Beschuldigten den Gerichtskampf durch ein Trickmuster zu umgehen versuchen, indem sie sein Ergebnis völlig überflüssig machen, so legt die willkürliche Urteilsbegründung offen, dass der Gerichtskampf selbst gerade kein Ergebnis förderte. Seine Komplexität löst sich stattdessen in unscharfen Enden auf, die durch Taschenspielertricks nur kurz zu überdecken, nicht aber endgültig zu fassen oder festzustellen sind.22 Solche ›unscharfen‹ Enden prägen den Roman über den Gerichtskampf hinaus.23 Sie sind für die höfischen Ordnungsgaranten des Romans von größter Bedeutung, weil Artus aufgrund ihrer Unschärfe den Gerichtskampf zwischen Iwein und Gawein zugleich als überflüssig behandeln und als entscheidungsrelevant erklären kann.
(2.) Reflektiert wird dieser Umstand nicht. So eindringlich Erzähler und Figuren auch wünschen, aufzudecken und zu erkennen (V. 7370–7375, 7427 etc.), so lebt die Szene vor allem von Verdeckung und Verkennen – eine Zumutung für die Praxis öffentlicher Konfliktführung.24 Motivlich setzt dies ein, wenn Rüstungen und Emotionen der Kämpfer dafür sorgen, daz sî dâ wâren unerchant (V. 7517–7522), und setzt sich diskursiv fort, wenn Iwein die Nacht dafür lobt, Sieg und Niederlage aufzuschieben.25 Strukturgewinne spielt der Zweikampf frei, indem er zunächst gerade nicht offen legt, sondern verbirgt; und selbst als die Zweikämpfer sich namentlich zu erkennen geben, hindert sie dies nicht, den Wettkampf in dialogischer Form fortzusetzen. Mit seiner Herzmetapher vertieft der Erzähler somit ein Wettkampfmuster des latenten Nicht-Wissens, das Abgrenzungen zunächst zu sichern scheint, aber im nächsten Schritt nur umso tiefer verwirrt. Diese Dynamik bleibt natürlich nicht verborgen, weder für die intradiegetischen Zuschauer noch für den Rezipienten. Trotzdem erscheint der Zweikampf wie ein Emergenzphänomen. Ein tapferer Mann hasst keinen tapferen Gegner, wenn dieser ihm auch Schaden zufügt – Daz wart an in zwein wol schîn, bekräftigt Hartmann das Wettkampfparadox (V. 7369), unmittelbar bevor Iwein und Gawein ihre Identität enthüllen. Das aber heißt: Keiner der Figuren für sich genommen ist diese paradoxe Form in vollem Maß bewusst oder verfügbar. Vielmehr zeigt sich im literarischen Zweikampf (schîn), was mehr ist als die Summe der Akteure. Das wirft im wahrsten Sinne des Wortes narratives Kapital ab, wie sich wiederum im Vergleich zu Chrétien zeigt. Dass gleiche Gegner wie Iwein und Gawein einander nichts schuldig bleiben, ihr Kampf aber trotzdem Überschüsse produziert, vergleicht Hartmann (sechsfach ausgedehnter als seine Vorlage26) mit Leihen und Schulden, Rückzahlungen und Zinserträgen (V. 7143–7227). Was als lebensweltlicher Scherz befremden könnte (Artusritter als Kaufleute?), ist ein komplexitätstheoretisch sensibler Vergleich: Wie die Form des Zweikampfs allgemein ihre Gegner einander zurechnet, so lassen sich latente Wettkämpfe im Besonderen nur durch weitere formale Investitionen aufdecken, nicht aber in einem punktuellen Zustand oder Bewusstseinsakt bündeln. Dies ist für den gesamten Roman von Bedeutung, dessen Protagonist zu keinem Erzählzeitpunkt soziale Motive, Verpflichtungen oder Identität zu bündeln und bewusst zu halten vermag.
(3.) Paradigmatisch ist der Gerichtskampf zwischen Iwein und Gawein schließlich für ein Wettkampferzählen, dessen untergründige Paradoxien über sich hinaus wuchern.27 Im Widerstreit von Verbergen und Enthüllung entwickelt der Zweikampf zwei Schleifen von je drei Wendungen, bevor Artus eingreift. Gleichzeitig ist die gesamte Episode Teil einer Erzählstruktur, die ebenfalls mehrfach aus- und einlagert. In zwei Gerichtskämpfe – um Lunete und sodann im Erbstreit der Schwarzdorntöchter – werden Aventiuren mit Wettkämpfen gegen Riesen eingelagert. Zweimal taucht Iwein damit in Binnenerzählungen hinein und wieder auf, um sich dem Gerichtskampf abschließend zu stellen. In zeitlicher Hinsicht werden dadurch Handlungsaufschub und Erwartung gedehnt,28 in formaler Hinsicht werden Wettkämpfe in die Kontexte übergeordneter Wettkämpfe komplex eingeordnet.29 Für die ältere Forschung erwuchsen daraus Fragen an die Schemavariationen des Doppelwegs. Entscheidender für die Fragestellung dieser Arbeit ist jedoch die Beobachtung, dass der Iwein-Roman auch in seiner Makrostruktur ähnlich mit Ein- und Auslagerungsbeziehungen experimentiert, wie sich offener Streit der Schwestern zum paradoxen Wettstreit im Herzen der Gerichtskämpfer verpuppt, von wo er wieder zur öffentlichen Konkurrenz um Ehre hervorbricht, die schon zu Romanbeginn die Erzählrunde der Artusritter bestimmte.
Iweins Wettkampf mit Gawein markiert somit Ausgangs- und Schlusspunkt des Aventiurewegs zugleich. Traditionell hatte ihm die Forschung daher ein hohes symbol- und erzählstrukturelles Gewicht beigemessen, ohne seine Entwicklungsrichtung grundlegend infrage zu stellen. Könnte die paradoxe Form des latenten Kampfes, auf die Hartmanns Bearbeitung besonders hinweist, damit den Roman ebenfalls grundlegender prägen, als thematisch orientierte Lektüren zu zeigen vermochten? Mehrfach unternimmt der Iwein-Roman schließlich Versuche, die Unterscheidungskraft von Kämpfen in komplexem Nebeneinander einzulagern und wiederum Differenzen auseinander zu stellen, also koordinativ und subordinativ zu ordnen. Dadurch entsteht eine Reihe experimenteller Relationen, die je nach Zugriff übereinander und nebeneinander erscheinen können: Im Blick auf die Identität des Protagonisten, die sich als ritterlicher Habitus phasenweise über die schmutzige Haut der Wildheit schichtet, Iwein aber ebenso in metonymischer Gestalt seines Löwen zur Seite steht; in den Sphären männlicher bzw. weiblicher Landesherrschaften des Artus- bzw. Laudine-Hofs, die sich nebeneinander behaupten, Iwein jedoch in Priorisierungsprobleme verwickeln; aber auch auf Ebene übergeordneter Erzählschemata, die Iweins Fristversäumnis, Flucht und Rückkehr in die höfische Welt nebeneinander als Rechtsbrecherroman (Volker Mertens), Erlösergeschichte und Feenmärchen lesbar machen (Ralf Simon), die zugleich von der Desintegration und Reintegration der ritterlichen Person in die höfische Kultur handeln (Bruno Quast). Hartmanns zweiter Artusroman scheint an solchen Kombinationen von horizontalen bzw. vertikalen Strukturen zu arbeiten, die ineinandergreifen können, sich aber ebenso nebeneinander stellen lassen. Wie weit trägt es für die Erforschung des Romans, eine dieser Lektürehypothesen zu bevorzugen?
Die folgende Analyse sucht stattdessen zu erweisen, dass Hartmanns Iwein eine spezielle »Komplexitätstoleranz« gegenüber solchen Strukturfragen auslotet:30 im Erzählen von Wettkämpfen, die zwar nacheinander dargeboten, auch gelegentlich verschachtelt werden, unter formalen und funktionalen Gesichtspunkten jedoch weder auf Linearität noch auf Fixzustände zielen. Vielmehr erlaubt der agonale Erzählmodus der Latenz, zwischen geringeren oder größeren Komplexitätsgraden hin- und herzuwechseln, Vielfalt aufzudecken oder zu verbergen. Für biographisch fundierte Erzählkonzepte wie für Konfliktlösungserwartungen des Artusromans liegt darin zum einen die Zumutung, Identitäten weniger als Fortschritte von Krisenbewältigung, Lernwegen und Einsicht zu betrachten, sondern als komplexe Inkorporierungsdynamiken des Ein- und Ausschließens (von Beginn an verbirgt Iwein seine Pläne und Verpflichtungen in sich, V. 2962, die er nach dem rhetorischen Muster des Selbstgesprächs ausführlich mit dem Rezipienten teilt);31 zum anderen konfrontiert Hartmanns Iwein mit ritterlichen Kämpfen, die soziale Ordnung nicht schärfen und disambiguieren, sondern bis zuletzt verunsichern. Die Form der Latenz macht derartige Komplexität skalierbar: Sie wird erträglich, indem sie Unterscheidungen aufdeckt und vervielfältigt, aber ebenso zu kondensieren, zu verdecken und scheinbar zurückzunehmen vermag. Weil diese Vervielfältigung von Identität auf einer Erzählkunst der Dosierung beruht, bezeichne ich sie im Folgenden als ›höfische Latenz‹.
Ich rekonstruiere dieses Experiment in drei Schritten, indem ich zunächst einen Blick auf Vervielfältigungsstrategien des Romans werfe. Sie prägen verschiedene Motive, Handlungen und Erzählerkommentare, die verborgene Differenzen aufdecken: Sie enthüllen die Schichten von Iweins Körper, öffnen sich geradezu bodenlos in der Frage nach der Identität des Löwenritters; sie werden in öffentlichen Anklageszenen artikuliert und in Gerichtskämpfen inszeniert, aber auch im strît des Erzählers mit frou minne auf Diskursebene verdoppelt, der Iweins latente Doppelverpflichtung als Artus- und Laudineritter offenlegt. In einem zweiten Schritt ist anschließend zu fragen, welche Gegenbewegungen diese Kämpfe und Differenzen wiederum verbergen. Drittens prägen Aufdecken und Verbergen nicht nur die Ebene der Wahrnehmung, sie erschöpfen sich weder in rhetorischer Imaginationssteuerung noch in der Problematisierung von Erkennensvorgängen, wie sie die Forschung registrierte.32 Ihr Zusammenspiel, so die Synthese, etabliert vielmehr Transformationsbeziehungen der Latenz, die in umfassendem Sinne Figuren und ihre Relationen, erzählte Entwicklungen wie auch den Erzählprozess selbst zwischen Einfachheit und Komplexität changieren lassen.
3.2 Aufdecken
3.2.1 bistûz Îwein, ode wer? Identität ohne Boden
Das ›komplizierte Herz‹ verbindet die Zweikämpfer Iwein und Gawein nicht erst am Ende des Romans. Schon von Beginn treiben Iwein Inferioritätsgefühle gegenüber dem Vorzeigeritter Gawein an, die Brunnenaventiure vor Artus und allen Rittern auf eigene Faust zu suchen. Nur mit dem Rezipienten teilt Iwein im Soliloquium diese Furcht vor dem Konkurrenten, der gewiss bei der Vergabe der Herausforderung bevorzugt würde:
er gedâhte »ichn mac daz niht bewarn,
und wil der kunech selbe varn,
mirn werde mîn rîterschaft benomen.
mir sol des strîtes fur chomen
mîn her Gâwein.
wan des ist zwîfel dehein,
alsô schiere so er des strîtes gert,
ern werdes fur mich gewert.[«]
(V. 911–918)
Der Bericht von Kalogreants Scheitern wandert so in Iweins Herz, wo er insgeheim den rivalisierenden Wunsch entzündet, dem öffentlich regulierten Wettkampf der Artusritter zuvorzukommen. Den Roman eröffnet somit gleich zu Beginn eine Potenzierungsstruktur unterlaufener Wettkämpfe. Und ganz wie im Schlusskampf treibt auch die Initialaventiure voran, dass Iwein seinen Konkurrenten nicht bloß zu übertreffen sucht, sondern seinen Verwandten und Mentor zugleich anerkennt (min her Gâwein). Während die öffentliche Aventiureerzählung gleichermaßen Aufmerksamkeit und Spott über einen Kampf anzieht, die nicht aus der Welt zu schaffen sind, eröffnet der geheime Wettkampf alle Optionen, das Resultat zu verbergen oder aufzudecken (V. 941–944). Mit diesem Latenzkalkül bricht Iwein auf.
Was Iwein nach dem Wettkampf an der Gewitterquelle erlebt, häuft verdeckende Schichten über dieses geheime Kalkül der êre. Denn keine einzelne Zäsur einschneidender Schuld stürzt Iwein in die Krise, sondern eine dichte Folge – vom heimlich vollzogenen Bruch mit der königlichen Heeresfolge und Landfriedensbruch in der Zeit des Gottesfriedens über die Tötung des fliehenden Askalon bis zu Pflichtversäumnissen als neuer Landesherr des Brunnenreichs und zur Übertretung ehelicher Terminzusagen. Volker Mertens bilanziert:
Iwein hat Frau und Land durch schwere und leichtere Rechtsverstöße gewonnen. Daher erscheint es als übergeordnete Gerechtigkeit, daß er im zweiten Teil wegen des Versäumnisses seiner Pflichten von Laudine verstoßen wird, den Verstand verliert und erst einen mühsamen Lernprozeß absolvieren muß, bevor er wieder zurückkehren kann.1
Genau genommen begeht Iwein keine singuläre Verletzung, sondern akkumuliert zahlreiche »Rechtsverstöße«. Weder sind alle auf ein übergreifendes Entwicklungsschema bezogen, wie die Rede von Krise, »Lernprozeß« und Rückkehr insinuiert; noch lassen sich alle auf Laudine als Zentrum eines ›Feenmärchens‹ um Tabu und Transgression hinordnen.2 Vielmehr verzweigt sich Iweins latenter Wettkampf mit Gawein rasch zu komplexen Differenzen, die ihn gegenüber dem Artushof und seinen Rittern, gegenüber dem Quellenreich und den Disziplinierungsansprüchen ritterlicher Gewaltausübung problematisch verstricken. Der Iwein-Roman überhäuft damit seinen Protagonisten mit Relationen, ohne dass dieser sich je enthüllt hätte.
Eine solche Entblößung geschieht erst, nachdem Iwein zum Landesherrn an der Seite Laudines erhoben wurde und auf ritterlicher Turnierfahrt an der Seite Gaweins öffentlichen Ruhm eingefahren hat.3 Lunetes öffentliche Anklage4 am Artushof ebenso wie seine Selbstvorwürfe treiben Iwein aus der höfischen Gesellschaft fort und in ein unbestimmtes Irgendwohin (ettewâ), wo sich Iwein ganz dem betäubenden herceleide (V. 3197) hingeben kann und niemer gehôrte maere / war er bechomen waere (3219f.). Dieser Latenzraum der wilde (V. 3238) ist der Wald, wo Iweins tobesuht5 (V. 3233) Schicht um Schicht seiner Identität abträgt. Und dies ganz konkret: er brach sîne site und sîne zuht / und zart abe sîn gewant, / daz er wart blôz sam ein hant. (V. 3234–3236) Iwein reißt sich die Kleider vom Leib und damit jene Schichten, welche die religiöse Anthropologie des Mittelalters als Habitus der Seele deutet.6
Hartmanns handgreiflicher Vergleich (›nackt wie eine Hand‹) akzentuiert die Entblößung als rasende Reduktion, die alle höfischen Einzeichnungen und Formen zurücknimmt.7 Umso erstaunlicher ist daher, dass die Damen von Narison in dem verwilderten, schmutzigen Körper trotzdem Iwein wiedererkennen:8
nû iach ein iegelîch man
wie er verlorn wære:
daz was ein gengez mære
in allem dem lande,
unz daz si in erchande
von einer schult und doch niht gar.
si nam an im war
einer der wunden
diu ze manigen stunden
an im was wol erchant
und si nande in zehant.
(V. 3372–3382)
Obwohl Iwein komplett verschwinden wollte, kursieren gerade über sein Verschwinden Geschichten; obwohl er sich von allen Hüllen entblößt, die seine ritterliche Identität manifestieren, gibt gerade dies den Blick auf seine Wunde frei, das heroische Erkennungszeichen des Kampfes schlechthin. Iweins Körper scheint damit eine unhintergehbare Identitätsgrundlage zu bilden, verlässlicher als das narrative Gedächtnis und unauslöschlich eingekerbt, um Wiederkennen zu ermöglichen. Wenn ihm die lindernde Zaubersalbe wieder zu tastendem Selbstbezug verhilft – bistûz Îwein, ode wer? (V. 3509) –, so artikuliert »das Ich des Sprechenden das Ich des nackten, sichtbaren und präsenten Körpers«, wie Mireille Schnyder pointiert.9
Doch Hartmann ist wenig an der Integrität dieses reduzierten Körper-Ichs gelegen. Als die Wohltäterinnen prächtige Kleider bereitlegen (vgl. V. 3453–3456; 3584–3596), schichtet Iwein über seine geschwärzte Haut rasch eine höfische Haut: Als er bedacte die swarzen lîch, / dô wart er einem rîter gelîch (V. 3595f.). Iweins Identität wird dadurch komplexer ›re-investiert‹ (Andreas Kraß), als sie zuvor erschien, indem nun latente und manifeste Oberflächen sich mehrfach schichten. Erscheinung, die soziale Zugehörigkeit verbürgen könnte, wird dadurch zu unsicherem Schein, der höchstens Ähnlichkeit gewährt (einem rîter gelîch). Iwein wird zum Schichtwesen.10
Doch auch in umgekehrter Richtung unterhöhlt Hartmann das vermeintliche Fundament des Körpers. Dies verdeutlicht, nach langen Aventiureketten, der Gerichtskampf mit Gawein, der das Herz der Zweikämpfer als Ort untergründiger Konkurrenz ausleuchtet. Lange zuvor produziert schon Iweins tobesuht unverfügbare Schichten nach innen, die Herz und Körper diskrepant scheiden:
mîn herze ist dem lîbe ungelîch:
mîn lîp ist arm, daz herce rîch.
wie stet ez sus umbe mîn lebn?
ode wer hât mir gegebn
einen lîp sus ungetânen?
(V. 3575–3579)
Diese Inkongruenz wird sich mit dem Aventiureweg Iweins zwar verwandeln, aber niemals schließen. Der vermeintliche Kern seiner Person vervielfältigt sich zu sichtbaren und unsichtbaren Schichtungen.
Wer also ist Iwein? Die Antwort, die aus dieser Spannung heraus entsteht und in sechs Wettkämpfen entfaltet wird, lautet in der Romanwelt einfach: der rîter mit dem leun (V. 5263; vgl. V. 5079, 5502 u.ö.). Das ist nur scheinbar und nicht für alle Figuren als »Preisgabe der alten Identität« zu verstehen,11 denn Lunete gegenüber gibt sich Iwein durchaus zu erkennen.
Der Löwenritter wird vielmehr zum Undercover, das seine paradoxe Konkurrenzbeziehung zu Gawein durch eine Reihe von Verschiebungen verdeckt. Zuerst werden die mehrfachen Schichten auf Iweins Haut im konkreten Sinne abgewaschen. Auf der Burg Narison reinigt man den Ritter unz in diu wilde farwe verlie (V. 3696), Iwein wird sauber: ›wilde‹ Aspekte überträgt und verstärkt die folgende Aventiure dafür auf den Löwen, der als beständiger Begleiter Iweins die vormals vertikale Schichtung von Ordnung und Wildheit in das horizontale Nebeneinander von Herr und Tier überführt (vgl. V. 3696f., 3883, 3921, 4002).12 Wenn Iwein mehrfach den Löwen als Visitenkarte ausgibt, betont selbst die grammatische Form ihr koordinatives Verhältnis (der Ritter mit, bî dem Löwen): daz ein leu mit mir sî: / dâ erchennet er mich bî (V. 5125f.; 5293, 5496f., 7762). Gegenüber der Differenz von Interiorität (herze) und Exteriorität (lîp) von Identität symbolisiert der Löwe ein Drittes.13
Nur oberflächlich kann die horizontale Relation jedoch darüber hinwegtäuschen, dass auch der Löwe weiterhin auf Latenz bezogen bleibt. So deutet es Iwein selbst bei der ersten Begegnung mit dem Tier: Wie Lunetes Anklage ihn in herceleid stürzt (und das Leitwort verfolgt Iwein weiter: V. 5478), so wolle sich der Löwe ebenfalls vor herceleide (V. 4003) über den vermeintlichen Tod seines Herrn selbst töten. Für Iwein figuriert der Löwe somit von Anfang als Selbstzuschreibung emotionaler Latenz, die Inneres veräußerlicht. Und auch der Handlungsgang prägt für diese Latenz ein eindrückliches Bild, das den latenten Zweikampf von Iwein und Gawein besiegelt. Als beide ihre Rüstungen ablegen – alle Aggression scheint verraucht, man will zur Erholung schreiten –, bricht plötzlich der Löwe aus:
[N]û was der leu ûz chomen,
als ir ê habt vernomen,
dâ er in geslozzen wart,
und iagte ûf sîns herren vart,
dô sî in zuo in sâhen
dort uber velt gâhen.
dô flôch man unde wîp
durch behalten den lîp,
unz daz der her Îwein sprach
»ern tuot iu dehein ungemach;
er ist mîn friunt und suochet mich.«
(V. 7727–7739)
Der Ausbruch des Löwen führt nicht nur zusammen, was zusammengehört – er führt nochmals in einer Ausbruchsszene ein wildes Aggressionspotential herauf, das eingeschlossen war. Befremdlich wirkt allerdings der Kommentar des Erzählers: Von einem Einschluss war ja gar nicht die Rede gewesen, sondern nur davon, dass Iwein seinen Begleiter zurückließ, um ihn nicht beim Kampf dabei zu haben (V. 6902–6904). Was beiläufig ausgeblendet schien, bricht nun als Eingeschlossenes hervor. Noch nach dem Ende des Waffengangs zielt der Erzähler auf Effekte der Latenz, die verborgen werden und hervorbrechen kann.
Sie bleiben erhalten – und in strukturellem Sinne unverfügbar. Dies spiegelt die handschriftliche Varianz der Überlieferung, die über die Grenzen der menschlich-animalischen Partnerschaft uneins ist.14 In seiner Analyse war Bruno Quast zu dem Schluss gelangt, dem Löwen als Träger mehrschichtiger Identität sei bei der »Schlußeinkehr bei Laudine […] ein für allemal ein Ende bereitet«.15 Tatsächlich geben die verschiedenen Redaktionen des Romans selbst darauf unterschiedliche Antworten: Während der Iwein der Handschrift A (UB Heidelberg, cpg 397) gleich bei der ersten Begegnung betont, Herr und Tier seien niemals voneinander gewichen unze sie beide sciet der dôt (V. 3881f.), verzichtet Handschrift B (UB Gießen, Nr. 97) auf diese Verse zugunsten eines ›fading out‹:16 Zusammen mit seinem Löwen begibt sich Iwein ein letztes Mal zur Gewitterquelle (V. 7805), doch bleibt offen, was mit diesem geschieht – nur Iweins Eponym bleibt von ihm zurück (V. 7927). Im Kontext der Befreiungsepisode fiel es der Forschung leicht, den Löwen als ethisches Symboltier einer ›Treue bis zum Tod‹ zu deuten. Für die Identität des Helden wirft die Variante von A jedoch das Problem auf, dass die latente Spannung von Aggression und Zuneigung, die der Löwe metonymisch verkörpert, nicht bloß auf eine Entwicklungsetappe begrenzt wird. Unendliche Kontinuität oder unscharfe Begrenzung – in beiden Fällen sperrt sich das Latenzsymbol des Löwen, nicht unähnlich den latenten Wettkampfschleifen zwischen Iwein und Gawein selbst, gegen ein prozessuales Ende.
3.2.2 Anklagen
Gleichwohl: Die Romanhandlung erzählt von vielen konkreten Versuchen, Iweins Latenz aufzudecken. Im fensterlosen Raum zwischen den Burgtoren beslozzen und gevangen (V. 1129), wohin er dem tödlich verwundeten Gegner gefolgt war, beginnen die Burgbewohner nach dem Mörder ihres Herrn zu suchen. Iwein richtet sich auf Widerstand bis zum Letzten ein – michn vindet niemen âne wer (V. 1171) –, da öffnet sich eine Geheimtür in diesem Zwischen- und Innenraum. Lunete, Dienerin Laudines, eilt dem Eingeschlossenen zur Hilfe, indem sie ihm einen Zauberring schenkt:
swer in hât in blôzzer hant,
den mac niemen al die frist,
unz er in blôzzer hant ist,
gesehn noch vinden.
sam daz holz under der rinden
sît ir zwâre verborgen.
irn durfet niht mêr sorgen.
(V. 1204–1210)
Hartmanns Gebrauchsanweisung ist eigenwillig gerahmt: Wer den Ring in ›nackter‹ Hand halte,1 den verberge er wie die Rinde das Holz. Der Vergleich betont dadurch einen Umschlag:2 Der Ring macht nicht einfach unsichtbar, sondern bedeckt und verdeckt, was zuvor offen und bloß lag – ein Latenzzauber verhüllender Schichtung.3
Lunetes Unsichtbarkeitsgeschenk verdankt sich einer früheren Begegnung, die ebenfalls im Zeichen von sozialer Unsichtbarkeit stand. Bei einem früheren Botengang zum Artushof wurde die Dienerin ignoriert (V. 1186f.: daz mir dâ nie dehein man / ein wort zuo gesprach), wegen ihrer Unvertrautheit oder Unzugehörigkeit zum Hof (unhofscheit) schlichtweg übersehen. Mit Ausnahme Iweins:
herre, dô gruozt ir mich
und ouch dâ niemen mêre.
do erbuot ir mir die êre,
der ich iu hie lônen sol.
(V. 1194–1197)
Nicht ohne Grund bringt Lunete die Frage der êre zur Sprache, war doch Iweins Kampf um Distinktion am Artushof von Anfang an als ein Anerkennungsproblem höfischer Öffentlichkeit verhandelt worden,4 die Iweins geheimer Aufbruch und vorgezogener Wettkampf mit dem Brunnenherrn unterläuft. Lunete bietet Iwein somit nicht bloß Hilfe, sondern ihren Teil zum Handel: Verbergen (des Mörders im Burgtor) für früheres Aufdecken (Lunetes in der Hofgesellschaft).
Dass genau dieser Zusammenhang im Zentrum steht, wird szenisch ausgekostet, wenn daraufhin die Burgbewohner den Innenraum durchstöbern, rasend vor Wut über den vermuteten Zauber: Iwein ist da, aber nicht zu finden, obwohl er doch rehte under in ist (V. 1245, vgl. auch 1274–1276, 1371–1380). Dafür decken nun Iweins Blicke die trauernde Witwe auf, die sich dem aufgebahrten Askalon nähert. Laudines Klagegebärden manifestieren nicht bloß ir hercen beswærde (V. 1321–1323), sondern entblößen gleichzeitig einen begehrenswerten Körper: swâ ir der lîp blôzzer schein, / dâ ersach si der herre Îwein (V. 1331f.) Gerade in vollkommener gesellschaftlicher Entblößung al eine bî dem grabe trauernd (V. 1598) erscheint sie dem verborgenen Iwein besonders anziehend.
Den Beobachter Iwein zieht dies machtvoll in den Raum der Sichtbarkeit zurück. Doch spalten sich dabei seine Motive: Ebenso stark wie die erotische Attraktion bannt ihn das ritterliche Kalkül der Ehre, das handgreiflich-sichtbare Beweise des Wettkampfsieges verlangt (V. 1519–1532, 1726–1730).5 Iwein entdeckt sich daher nur über einen komplizierten Stufengang. Partiell verborgen begleitet er die Aufbahrung Askalons, die zumindest seine Gegenwart aufdeckt (auch Laudine vermutet die Latenz eines ›unsichtbaren Geistes‹, V. 1391, 1397); partiell entzogen, nämlich sinnlich eingeschränkt verfolgt Iwein das Begräbnis, während er Laudine nur hören, nicht aber sehen kann (V. 1447), bevor Lunete ihm ein Fenster öffnet; partiell nur eröffnet Iwein dieser gegenüber seine widerstreitenden Ambitionen um Ritterehre und Liebe, die ihn paradox zur herceminne gegenüber seiner Feindin zwingt (V. 1541f.; 1731–1736). Vorerst aber sitzt Iwein räumlich verborgen (V. 1691) und gevangen (V. 1706), bevor ihn Lunete unerkannt in einen komfortableren Nebenraum bringt. Erst ein langes Vermittlungsgespräch zwischen Herrin und Confidente ebnet die Bahn, die völlige Entdeckung sichert.6 Doch so rasch sich Laudine durch die strategischen Vorzüge Iweins trösten lässt, so sehr Iwein von Liebe überwunden, sich Laudine gevangen gibt (V. 1737; Körper und Herz: V. 2239–2244) – betretenes Schweigen trennt beide bei der ersten Begegnung. Wieder ist es Lunete, die verborgen gehegte Gefühle und Absichten hervorlockt, indem sie provozierend an Iweins Schuld erinnert (V. 2256–2281) und so die Kaskade löst. Verbergen und Entbergen bestimmen damit die Figurendynamik von Laudine, Lunete und Iwein von Anfang an. Die Profile von Hartmanns Figuren sind oft diskutiert worden.7 Für die hier verfolgten Fragen ist jedoch entscheidend, dass Latenzoperationen des Verbergens und Aufdeckens die Figuren zu einer triangulären Wettkampfrelation verbinden, die »mit Iweins Unsichtbarkeit die Problematik von Wahrnehmung und Erkennen entfaltet«.8
Ihre dynamischen Umschläge begünstigen paradoxe Effekte. So betont Hartmann schon an dieser Stelle, dass dabei Zuneigung und Aggression aufeinanderprallen – zwischen Iwein und Lunete, die ihre Absichten voreinander verbergen, aber auch zwischen Iwein und Laudine, die dadurch in jenen Widerstreit von Liebe und Feindschaft zueinander treten, der von anfänglicher Konkurrenz bis zum Schlusskampf mit Gawein das komplizierte Herz Iweins antreibt. Deutlich wird damit: Nicht die Frau,9 sondern der männliche Ritter wird zum Dreh- und Angelpunkt dieses Latenzgefüges. Und es scheint diese Latenzordnung zu sein, die den Roman hartnäckiger als irgendeine Identitätsstufe oder Lernkurve des Helden durchzieht.
Mehrfach wechselt die Erzählung dabei die Zugriffsrichtung auf diese Ordnung, wie schon die Burghofszene nacheinander verschiedene Seiten des Dreiecks hervorhebt, dann wieder in den Beobachtungshintergrund zurücktreten lässt. Der Kommunikationsmodus des Klagens und Anklagens trägt wesentlich dazu bei, solche Wechsel herbeizuführen. Auch sie erstrecken sich über den gesamten Roman. Unter spöttischer Lizenz beginnen sie mit den Redewechseln der Artusrunde, die Kalogreants Schande hervorbringen. Nachdem sich Iwein aus dem Raum höfischer Sichtbarkeit verborgen davongestohlen hat, decken Laudines Klagen um Askalon diesen schrittweise auf; macht ihre Anklage zunächst die Kopräsenz des Mörders dingfest, so klagt sich Iwein in einem Soliloquium in sînem muote paradox an, indem er seine Liebe zur Feindin geißelt (V. 1610–1690); doch auch am Artushof fürchtet Iwein spöttische Anklage (daz Key / in niemer geliezze frî, V. 1531f.), sollte er keinen manifesten Beweis des Kampfsieges vorweisen können (V. 1527–1533). An der Klage Laudines entdeckt Iwein wiederum ihre Schönheit (V. 1599–1608). Mit gleichsam gerichtlicher »Beweisführung«10 interveniert Lunete zugunsten Iweins und macht im stichomythischen Schlagabtausch jenen Entscheidungsprozess explizit, der zuvor nur unausgesprochen dem Einverständnis von Herrin und Confidente zugrunde lag (V. 1789–1792). Als Anklägerin Iweins tritt Lunete am Artushof in Erscheinung, womit sie die fallengelassenen Aufgaben des Artusritters als Herr des Quellenreichs und seine ausgeblendete triuwe-Bindung in Erinnerung ruft.11 Noch den Romanschluss inszeniert Hartmann als Manöver des Aufdeckens. Wie bei seinen früheren Aufbrüchen vom Artushof verbirgt sich Iwein ein drittes Mal auf seiner Rückkehr zur Gewitterquelle:
Mit sînem leun stal er sich dar,
daz sîn niemen wart gewar
dâ zehove noch anderswâ,
und machte chuombers weter dâ.
(V. 7805–7808)
Laudine klagt mehrfach: über die erneute Bedrängnis, die das Unwetter für das herrscherlose Land heraufbeschwört (V. 7846: nû sî dir mîn nôt geclagt), sodann über Iweins Achtlosigkeit (V. 8077–8096).12 Der gerichtliche Rahmen, in den die Aussöhnung gestellt wird – Lunete nimmt ihrer Herrin eine förmliche Zusage von Zuneigung ab, der Iweins Schuldbekenntnis (V. 8102–8109) und Sühnefeststellung folgen (V. 8136) –, bindet Iwein und Laudine nicht nur aneinander (dazu genügte der Schwur). Er bringt vielmehr eine Spannung in den Vordergrund, die der gesamte Aventiurezyklus des Löwenritters zurückgedrängt, durch Hilfsbereitschaft eher symbolisch vereinfacht als verhandelt hatte: die Schwierigkeit nämlich, mehrseitige Aufmerksamkeit (V. 8081: ahte) nicht zu verlieren, sobald Handlungskalküle im Verborgenen verlaufen.13 Klagen decken auf, doch zielte schon die Bahrprobe vor der Leiche Askalons auf Unsicherheiten, die auf asymmetrische Räume der Beobachtung verweisen.14 Noch das merkwürdige Schlusstableau (V. 8020: ein wunderlîch geschiht) führt vor Augen, dass der Roman weniger von Versäumnissen seines Protagonisten15 erzählt als vielmehr vom permanenten Gleiten zwischen Wahrnehmbarkeit und Unsichtbarkeit.
3.2.3 Reflexion des Wettkampferzählens
Frau Minne sucht strît. Sie bekriegt, überwindet und nötigt nicht nur Iwein dazu, seiner Todfeindin in herceminne zu verfallen (V. 1537–1543). Im Unterschied zur Vorlage Chrétiens belagert sie auch Hartmanns Erzähler als Dialogpartnerin in einem langen Streitgespräch über den Abschied zwischen Iwein und Laudine. Hätten sich beide einvernehmlich vor Artus getrennt? Frau Minne widerspricht:
»dune hâst niht wâr, Hartman.«
»frouwe, ich hân.« si sprach »nein.«
der strît was lanc under uns zwein,
unz sî mich brâhte ûf die vart
daz ich ir nâch iehnde wart.
er fuorte daz wîp und den man
und volget im doch dewederz dan,
als ich iu nû bescheide.
si wehselten beide
der herzen under in zwein,
diu frouwe und her Îwein:
im volget ir herze und sîn lîp
und beleip sîn herce und daz wîp.
(V. 2982–2994)
Gegen den konventionellen Topos vom Herztausch, demzufolge jeder des Anderen Herz im Körper trage,1 verwehrt sich der Erzähler sogleich mit ironischem Einwand: Hätte dann nicht Laudine fortan Turniere bestreiten müssen, während Iwein verzagt zurückbleiben und dâ heime daz hûs bewarn sollte (V. 2995–3006)? Auch dies weist Frau Minne scharf zurück und gebietet Schweigen:
si sprach »tuo zu den munt.
dir ist diu beste fuore unchunt.
dichn geruorte nie mîn meisterschaft:
ich bin ez minne und gibe die kraft,
daz ofte man unde wîp
habent herzelôsen lîp
und hânt ir kraft doch deste baz.«
(V. 3013–3019)
Angesichts eines solchen Wunders, dass dem herzelôsen lîp von Mann und Frau trotzdem unverminderte Kräfte innewohnten, kann der Erzähler nur verstummen:
Dô ne getorst ich frâgen furbaz,
wan swâ wîp unde man
âne herce lebn chan,
daz wunder daz gesach ich nie.
doch ergienc ez nâch ir rede hie.
(V. 3020–3024)
Schon hier beginnt das Herz zwischen metaphorischem Topos und physiologisch konkretisiertem Organ auf jene Weise zu oszillieren, wie der Innenraum auch die Wettkampflatenz zwischen Iwein und Gawein später doppelt fassen wird. Und schon Frau Minne entfaltet jene Paradoxierungslust (Verlust des Herzens verleiht desto größere Kraft), die Hartmanns zentrale Latenzmetapher charakterisiert.2 Hier, unmittelbar vor dem Wendepunkt, der Iweins ritterlichen Triumph vergessen macht, eröffnen die rabiaten Negationen des herzelôsen lîp eine gigantische Leerstelle.3 Zwar behauptet sich die Erzählinstanz überzeugt, entäußert sich faktisch jedoch von jeglichem Mehr- und Eigenwissen, das Hartmanns auktoriale Selbstreferenz suggerieren mag (V. 2974).4 Von der Personifikation des Liebessujets dementiert, kann der Erzähler im wahrsten Sinne des Wortes nur noch nachsprechen (V. 2986: daz ich ir nâch iehnde wart), was die Aventiure vorgibt: ichn weiz ir zweier wehsels niht, / wan als diu âventiure giht (V. 3025f.).
Man kann dies, bei allem inszenierten Dissens, als Selbstbeglaubigungsstrategie des fiktionalen Erzählens lesen. Und wie viele Fälle der höfischen Epik unterstreichen, sind Selbstbegegnungen des Erzählens keineswegs ungewöhnlich. Aventiure konstituiert eine Unterscheidung, die im Unterschiedenen selbst begegnen kann: Sie bezeichnet so zum Beispiel die Einheit der Wettkampfhandlung höfischer Romane, in der die Aventiure wiederum als handlungslenkende Instanz oder Informationsquelle angesprochen werden kann. Die formale Relation des ›re-entry‹, die in solchen Fällen offenkundig wird, muss dabei keineswegs irritierend wirken. Sie kann umgekehrt sogar das Wiedererzählen stabilisieren, indem Spannungen von fremder und eigener Rede gebunden werden. Hartmanns Streitdialog mit Frau Minne hingegen macht mit dem Herzen die »Unergründbarkeit« der Erzählquelle durchaus auffällig,5 die der Erzähler weder ausfüllen noch aufdecken kann, wenn er stattdessen angefahren wird zu schweigen. Gerade dadurch aber lenkt der Dialog mit solchen Negationen die Aufmerksamkeit nur umso stärker auf alles, was sich verborgen und entzogen hält.
3.3 Verbergen
Sofern höfisches Erzählen nicht nur Probleme reflexiv zur Debatte stellt, sondern komplexe Handlungsspiele auch implizit einübt, die den höfischen Habitus ihrer Protagonisten bilden, verbirgt der Artusroman nicht selten die Komplexität seiner Übungsstruktur.1 Gleichwohl reizen besondere Erzählstellen und Figuren dazu, deren implizite Logik explizit aufzubrechen und diskursiv zu verhandeln, kontrastiv zu spiegeln oder komisierend zu überzeichnen.2 Wissensgewinne führen den Artusritter in solchen Fällen nicht etwa zur geradlinigen Lösung dank Reflexion, sondern decken verborgene Kalküle auf: »[J]e größer die Bewußtheit hinsichtlich der Komplexität einer Situation und die für sie geltenden Richtlinien, desto geringer gestaltet sich der Handlungsspielraum«.3 Dies gilt auch für Hartmanns Iwein, der nicht nur Verborgenes aufdeckt,4 sondern ebenso dazu tendiert, das Verbergen selbst zu zeigen.
3.3.1 Unsichtbarkeiten
Der Roman erzählt davon in verschiedenen Episoden mit thematischen Hinsichten. Das größte Gewicht kommt dabei sozialen Dimensionen des Verbergens zu, die sowohl Figuren miteinander verbinden (Iwein / Artusritter; Iwein / Laudine) als auch in ihrem Selbstbezug prägen (Iwein und sein Löwe). Stets dienen Wettkämpfe dazu, Figuren und Figurenbeziehungen als unsichtbare zu inszenieren. Unsichtbar sind zuallererst die Anfänge der Wettkampferzählung am Artushof. Handlungskonkurrenz um Ehre geht Erzählkonkurrenz der Artusritter voraus, die sich während der Absenz des Königspaars mit Geschichten unterhalten.1 Während Kalogreant von einer früheren Aventiure mit peinlichem Ausgang berichtet, tritt unbemerkt (daz es ir deheiner wart gewar) Königin Ginover als Zuhörerin hinzu (V. 99–104). Die Erzählsituation unter Gleichrangigen ist augenblicklich hierarchisch gestört,2 woraufhin der erzählende Ritter verstummt, reflexhaft aufspringt. Solche Zuvorkommenheit reizt Keie, der die Erzählrunde bis dahin verschlafen hatte, zum ironischen Gegenschlag: Während Kalogreant seine entehrende Erzählung vor den Ohren der Königin lieber verschweigen will (V. 217–221, nochmals unterstreichend V. 795–798), bittet Keie diese zu schweigen und will selbst schweigen, damit Kalogreant nur ungestört erzählen könne, was er erst angeschnitten hatte (V. 188, 223–229). Was Kalogreant aus Scham über seinen ritterlichen Misserfolg zehn Jahre verschwiegen hatte, muss er nun offenbaren.3 Der Roman initiiert seine erste Aventiure somit im Wettkampfmodus diskursiver Beschämung, die Spannungen »im Inneren« der Artusrunde hervorkehrt und verstärkt.4 So handelt denn auch Kalogreants Bericht ausdrücklich von der scham (V. 756, 765f.) einer Wettkampfniederlage, nach der Kalogreant in Ermangelung seines Pferdes den Harnisch und damit symbolisch den Habitus des Ritters ablegen musste (V. 779f.).5 Interessanterweise setzt der Roman also nicht mit einer Erzählsituation an, die Artusritter sozial sichtbar machte; geselliges Amüsement am Pfingstfest des Artushofs schafft allenfalls einen Motivationshintergrund, nicht aber den hinreichenden Anstoß der Entdeckung. Verschlafen und Unaufmerksamkeit (Artus verpasst die Aventiureerzählung, auf die er so erpicht war), unbemerkte Intervention (Ginover) und aggressives Schweigen (Keie) erst erzwingen eine Erzählung, die besser verschwiegen wäre (Kalogreant). Dass die monströse Begegnung und das Desaster am Quellenreich, von denen sie berichtet, den Artusritter in den Wald als Schweigeort führten,6 vervollständig diese Reihe der Latenzsituationen.
Hartmanns Iwein entfaltet seine latente Wettkampferzählung somit im Zeichen von Scham. Diese konditioniert das Verhältnis von Sprechen und Schweigen dadurch gegenläufig; statt Beschämendes zu verschweigen, nötigt beschämendes Schweigen, verborgene Ausgangspunkte zu enthüllen. Erst diese Ausgangslage lockt auch beim Zuhörer Iwein den Wunsch hervor, die Sache selbst zu versuchen. Aktiviert wird damit ein allgemeines Muster der Aventiure, das Aktion und Narration im höfischen Roman oft zyklisch verbindet: Indem Handeln erzählt, die Erzählung wiederum zum Handlungsanstoß wird, verschlingen sich Interaktion und Kommunikation des Wettkampfs mehrfach ineinander, übersetzen und reproduzieren sich gegenseitig.7 Aber auch der spezielle Wettkampfmodus der Scham übersetzt sich in diesem Fall auf Iwein und Gawein, reproduziert sich im verschwiegenen, weil nur mit dem Rezipienten geteilten Selbstgespräch über ein geheimes Konkurrenzkalkül, das Sieg und Niederlage unter Ausschluss der Artusöffentlichkeit erstreiten und kommunikativ beherrschen will.8 Und so wie Iwein die Konkurrenz mit Gawein im Verborgenen verfolgt,9 verbirgt sich auch Gawein. In fremder Rüstung öffentlich unkenntlich (V. 6884–6894: wol verholn)10 werden die verwandten Artusritter doppelt unsichtbar, füreinander wie für andere Augen.
Auch Iweins Weg dorthin verläuft über Stationen der Unsichtbarkeit. Heimlich bricht der Held auf, ohne jemanden etwas von seinem Aventiureversuch wissen zu lassen. Entgleitet der Artusritter somit zum einen der Sichtbarkeit des Artushofs, so kann er am Hof Laudines ebenfalls nur unsichtbar erscheinen: Dank Lunetes Ring wird Iwein »gewissermaßen ein magisch Nicht-zu-Findender«.11 Auch die rettende Unsichtbarkeit verdankt sich einem Anfang, der in sozialer Unsichtbarkeit gründet: Mit Ausnahme Iweins sprach niemand mit Lunete, als diese im Auftrag Laudines an den Artushof kam. Was die Dienerin mangelnder Bekanntheit am fremden Hof (ihrer unhofscheit, V. 1189) zuschreibt, war ein sozialer Ausschluss, der die Anwesende wie abwesend behandelte.
Auch nachfolgende Etappen, die Iweins Beziehungen vervielfältigen bzw. wieder reduzieren, bringen Aspekte sozialer Unsichtbarkeit zur Geltung. Unsichtbar verborgen (V. 1691) wächst Iweins Begehren, während er magisch und räumlich separiert Laudine beobachtet. So kompliziert Iweins eingeklemmte Lage im Burgtor ist, so kompliziert sind die Relationen arrangiert, welche die Beteiligten aufeinander verweisen (V. 1305–1690): Obwohl die Burgbewohner mit gezückten Schwertern jeden Winkel des Torinnenraums durchstöbern, vermögen sie sam die blinden (V. 1293) den Schuldigen nicht aufzudecken (V. 1274–1277: wer hât uns benomen / diu ougen und die sinne?); Lunete erteilt Iwein Anweisungen und Zauberring, die der Bedrängte nur zu bereitwillig übernimmt; Laudine spürt und schließt auf den unsihtech geist (V. 1391), den die Leiche Askalons indiziert etc. Gemeinsamer Zug dieser Beobachtungsverhältnisse ist zum einen, dass sie höchst einseitig ausgerichtet sind, aber unsicher bleiben. Auffällig unterstreicht zum anderen das Wortfeld des Sehens in der Szene, wie Hartmann diese Verhältnisse als Beziehungen der Unsichtbarkeit akzentuiert.12
Iweins Schamreaktion auf seine Anklage am Artushof setzt diese Perspektive fort. Er wünscht aus dem Sozialraum zu verschwinden:
nâch einem dinge iâmert in,
daz er wære ettewâ
daz man noch wîp enweste wâ
und niemer gehôrte mære
war er bechomen wære.
(V. 3216–3220)
Noch in ihren Negationen gibt eine solche Ausstiegsphantasie allerdings zu erkennen, dass Iwein sich nicht einfach annulliert, sondern sich verschwunden wünscht, d.h. in seiner Abwesenheit anwesend sein will. Seine ritterliche Existenz wird so nicht spurlos getilgt, aber Nachfragen (die sich sogleich erheben: V. 3242) und Hörensagen sollen ins Leere laufen.
Solche ›gezeigte Unsichtbarkeit‹ entspringt nicht etwa poststrukturalistischer Paradoxierungslust, sondern unmittelbar Hartmanns Text. Denn rasch nach Iweins unbemerktem Verschwinden beginnt man eben von diesem Verschwinden zu erzählen:
nû iach ein iegelîch man
wie er verlorn wære:
daz was ein gengez mære
in allem dem lande
(V. 3372–3375)
Landauf, landab läuft die Geschichte von Iweins Verschwinden, so dass es der Dame von Narison nicht schwerfällt, dem verwilderten Artusritter nachzuspüren. Natürlich beeilt sich Hartmann, die Unwahrscheinlichkeit solcher Entdeckung durch das klassische Gnorisma einer Narbe zu plausibilisieren (V. 3378–3382).13 Gleichwohl setzt das mære von Iweins Verschwinden einen allgemeinen Erwartungshorizont, in dem das Körperzeichen der Narbe nur noch den Ausschlag zu geben braucht. Narratologisch gewendet schafft Unsichtbarkeit somit paradigmatische Kohärenz der Figur:14 Man findet Iwein umso leichter, als man sich von dessen Verschwinden erzählt. Die Geburt des Löwenritters leitet somit ostentative Unsichtbarkeit ein; und noch der Heilungsprozess selbst vollzieht sich unter dieser Bedingung.15
Unsichtbar ausgeblendet wird schließlich auch die metonymische Partnerschaft zwischen Iwein und seinem tierischen Begleiter, die zur sozialen Identitäts- und Erkennungsmarke des Löwenritters wird. Der Iwein-Roman enthält zwei Aussagereihen, die das Ende dieser Konfiguration unscharf werden lassen. Einerseits betont der Erzähler schon bei der Befreiung des Löwen, dass dieser seinen Wohltäter beharrlich begleite, was die Heidelberger Iwein-Handschrift A (cpg 397) durch Zusatzverse bis zum Tod ausweitet:
er antwuorte sich in sîne pflege,
wander in sît alle wege
mit sînem dienst êrte
und volget im swar er chêrte.
und gestunt im ze aller sîner nôt,
unze sie beide sciet der dôt.
(V. 3877–3882)
Unmissverständlich formuliert der Iwein A also: Iwein und sein Löwe bleiben permanent sichtbar. Dies entspricht wörtlich der Romanvorlage Chrétiens, der an späterer Stelle gleichfalls festhält:
Mes avuec lui son lion ot
Qui onques an tote sa vie
Ne vost leissier sa conpaignie.
(V. 6530–6532)
»[…] doch hatte er seinen Löwen bei sich, der sein ganzes Leben lang nicht von ihm lassen wollte.« (Übers. Ilse Nolting-Hauff)16
Andererseits erzählt der Roman mehrmals vom Verschwinden des Löwen. Zum Gerichtskampf erscheinen Iwein und die Schwarzdorntochter ausdrücklich allein:
der leu fuor niht mit in zwein.
den heter underwegn lân;
ern wolde in niht zem kampfe hân.
(V. 6902–6904)
Kaum scheint der Gerichtskampf beigelegt, da bricht der Löwe hervor:
[N]û was der leu ûz chomen,
als ir ê habt vernomen,
dâ er in geslozzen wart,
und iagte ûf sîns herren vart,
dô sî in zuo in sâhen
dort uber velt gâhen.
[…]
dô verstuonden si alrêrst sich
daz ez der degn mære
mit dem leun wære,
von dem sî wunder hôrten sagen
und der den risen het erslagen.
(V. 7727–7744)
Angesichts der früheren Behauptung unausgesetzten Beistands (A) kann dieser Ausbruch überraschen: Ebenso auffällig, wie der Löwe zuvor weggeschlossen wurde, bricht er aus diesem ominösen Einschluss hervor, als der Zweikampf latente Paradoxien der Konkurrenz entfesselt und in jenem offenen Rangstreit eskalieren lässt, den König Artus mit seinem Urteilsspruch allenfalls sistieren kann. In symbolischer Verdichtung verkörpert der Löwe somit jene Manifestation von Latenz, welche der Zweikampf diskursiv und metaphorisch komplexer entfaltet. Wenn man Iwein fortan als Artus- und als Löwenritter zugleich betrachten kann (V. 7740–7744, 7762), verdankt sich dies nicht bloß seinem permanenten Begleiter, sondern einem Tier, das präsent und verborgen auftritt.
Ähnlich irritierend verläuft wenige Verse später das Ende des Löwen im Text. Er begleitet Iwein bis zur Quelle (V. 7947–7950), wo auch Laudine den rîter mit dem leun erwartet (V. 8015) – darauf basiert Lunetes List, die Doppelidentität des Ankömmlings erst bei der Begegnung ›face to face‹ zu enthüllen. Dennoch wird der Löwe fortan mit keinem Vers erwähnt. Im Gegenteil: Auch die Personalreferenz gilt, ungeachtet Lunetes doppeltem Spiel, ausschließlich Iwein. Ähnlich hatte sich Hartmann schon zuvor in der Harpin-Episode entschieden, den Löwen auszublenden, obwohl er handlungslogisch präsent bleibt.17 Vor dem Hintergrund der Treuebehauptung wird Iweins Löwe somit zu einem Symbol der Permanenz, das mehrmals signifikant verschwindet.
Sieht man von der Schlusslist ab, wird dies für keine Figur zur Überraschung: Iwein und der Löwenritter sind integriert, ohne dass dies nennenswert diskutiert würde. Welche Bedeutung kommt dann aber der Spannung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zu, die in den Überlieferungsvarianten der Iwein-Fassungen A und B zum Tragen kommt? Sie gibt eine spezifische Spannung von linearer und non-linearer Organisation zu erkennen, die bislang noch nicht aufgearbeitet ist, weil sie nicht als offenes Problem verhandelt wird, wie etwa Lunete die Versäumnisse Iweins ankreidet. Der älteren Forschung galt Iweins Löwe vornehmlich als Symbol karitativer oder rechtlicher triuwe, in deren Zeichen der Löwenritter, von seinem Egoismus geheilt, nun Hilfsaventiuren zugunsten Dritter auf sich nehme.18 In jüngerer Zeit verschob sich die Aufmerksamkeit von ethischen Perspektiven auf das Selbstreflexionspotential höfischer Kultur, das Iweins wilder und gleichzeitig vorbildlicher Begleiter bündelt. Breite Einigkeit besteht in dieser Hinsicht, dass Iweins Löwe als Prozesssymbol höfischer Identitätsbildung zu lesen sei, die Gewalt und Animalität nicht ausschließe, sondern inkorporiere. Iwein und sein Löwe bilden in diesem Sinne eine höfische Isotopie:
Iweins Wildheit, im faktischen wie im symbolischen über das Löwenattribut vermittelten Sinn, ist unhintergehbare Voraussetzung für die Reintegration in die höfische Kultur, für den Prozess seiner Akkulturation.19
Der Ritter und sein Tier wurden dabei nicht einfach als redundante Verdoppelung von Tugenden, sondern als liminale Figuration betrachtet, die Leitdifferenzen von Natur und Kultur, Exzess und Disziplinierung als symbolische Einheit unlöslich koppelt.20 Der Löwe wird damit erstens als Reflexionsmedium einer kulturellen Differenzpraxis lesbar, die ihre Ausschlüsse experimentell in sich hineinnimmt, um nochmals Quast zu zitieren:
Höfische Kultur definiert sich aber nicht zuletzt von ihren Rändern her, durch Grenzziehungen zum Nicht-Höfischen. […] Doch das starre Schema von Innen und Außen, Eigenem und Anderem wird hier [in Hartmanns Iwein] zugunsten eines oszillierenden Ineinander preisgegeben.21
Der Artusroman setzt somit gezielt jene Grenzziehungen aufs Spiel, denen sich das höfische Disziplinierungsprogramm zuallererst verdankt – und destabilisiert dessen konstitutive Unterscheidung von Innen und Außen.22 Dies heißt für Iweins Löwe: Sofern der tierische Begleiter ein Drittes gegenüber der einfachen Opposition von Exteriorität und Interiorität verkörpert,23 den ritterlichen Habitus seines Herrn wesensmäßig teilt und diesem doch nur äußerlich zugehört, kann auch die Grenze zwischen beiden verwischen und scheinbar verschwinden. Wie Wildheit im höfischen Habitus aufgehoben bleibt, auch wenn sie scheinbar überwunden wird, so kann auch Iweins Löwe von der Bildfläche verschwinden und trotzdem »aufgehoben« bleiben24 – er wird latent.
Latenz aber ist Teil eines Funktionszusammenhangs, dessen reversible Operationen des Aufdeckens bzw. Verdeckens sich nicht auf eine lineare Prozessrichtung festlegen lassen, sondern diese vielmehr verunsichern, kontingent werden lassen.25 Auch wenn dies nicht dramatisch hervorgekehrt wird, beginnen Figuren oder Dinge damit zu kippen. Nicht nur Iweins Löwe, sondern auch andere Objekte der Latenz wie Lunetes Zauberring zeigen sich in diesem Sinne grenzunscharf, wenn man ihnen nachspürt, womit sie den Erzählhintergrund mit nicht fokussierten Möglichkeiten anreichern und den linearen Handlungszug aufweichen.26
Richtungsannahmen von Entwicklungsprozessen, die das Modell des ›sozialen Dramas‹ ebenso voraussetzte wie das ältere Strukturkonzept des Doppelwegs, läuft dies tendenziell entgegen. Auf der einen Seite schien das Ende des Löwen mit dem Abschluss einer liminalen Übergangsphase erklärbar, in der Höfisches und Wildes zwischenzeitlich koexistieren. Mit der Bewältigung von Krise und liminalem Zustand werde das Übergangssymbol obsolet: »Daß der Löwe bei Iweins Wiederbegegnung mit Laudine seine Funktion eingebüßt hat, ist als Hinweis auf das Ende der liminalen Phase zu werten.«27 Gegen dieses vermeintliche Ende aber wendet sich Hartmanns früherer Hinweis, der Löwe stehe Iwein beharrlich zur Seite.
Auf der anderen Seite beschäftigt den Roman die grundsätzliche Arbeit an der Kulturform der Selbstdifferenz, wie Quast zu bedenken gibt: »wie läßt sich das konstitutiv Andere der eigenen Kultur denken?«28 Diese Arbeit verfestigt sich bis zum Romanschluss zu keiner einfachen Form, sondern behält eine Unruhe, die sich – wie Iweins Löwe – durch Einschluss nicht bändigen oder löschen, sondern nur halten und speichern lässt. Will man Iweins Geschichte als Entwicklungsweg oder als »Prozess der Akkulturation« beschreiben, so konfrontiert noch der Erzählschluss mit Figurenbeziehungen, die allenfalls partiell reintegriert sind.
In symbolischer Verdichtung führt Iweins Löwe diese beiden Perspektiven der linearen Entwicklung und der non-linearen Oszillationsbewegung spannungsvoll zusammen.29 Ohne Frage verknüpft der Roman die »Identitätsproblematik« des Helden mit Reflexionen höfischer Kultur,30 doch bereitet es der Forschung erhebliche Schwierigkeiten, dass sich weder beides im Rahmen eines Prozessmodells vereinen lässt, noch von einem solchen vollständig absehen lässt.31 Diese Spannung, so meine ich, lässt sich überzeugender einholen, wenn man beide Richtungen berücksichtigt, die sich daraus entspinnen. Iweins Löwe ließe sich demnach nicht nur als Symbol einer Funktion der Latenz lesen, die zwischen An- und Abwesenheit wechselt. Er verweist darüber hinaus auf die Leistung einer solchen Erzählfunktion der Latenz, die Komplexität einerseits in nichtlinearer Form von Einschlüssen aufdeckt, die wieder ausgelagert werden, die andererseits solche Komplexität aber auch verschwinden lassen kann, ohne sie dauerhaft auszuschalten. Sowohl der Eindruck einer ›Figurenentwicklung‹ als auch die einfach zu erzählende ›Geschichte versäumter und gelernter Fürsorge‹ gehen aus diesem Wechselspiel hervor, obwohl der Erzählzusammenhang als ganzer weder Entwicklungs- noch Lernweg ist. Iweins Löwe verkörpert diese zweiseitige Erzählfunktion, indem er Kurzschlüsse zwischen Figurenebene und der formalen Reflexion von Einschlüssen herstellt: Gerade dann wird das Tier eingeschlossen, als der Gerichtskampf zwischen Gawein und Iwein latente Einschlüsse explizit zum Thema macht; und er bricht gerade dann hervor, als König Artus die Schleifen von unterlaufenem Gerichtskampf und latenter Konkurrenz notdürftig vereinfacht hatte.
Zwischen Vereinfachung und Pluralisierung höfischer Identität entwickelt der Roman somit eine Erzählform, die beides changierend vermittelt und zum zentralen Bezugsmodus erhebt. Ihre polaren Möglichkeiten prägen nicht zuletzt auch Iweins Begegnungen mit Laudine, die sämtlich im Zeichen merkwürdiger Unsichtbarkeiten stehen. Wenn Iwein und Laudine sich erstmals wiederbegegnen, erkennt diese jenen nicht (V. 5456–5458); ausdrücklich wundert sich Laudine, wie es sein könne, dass sie ihn noch nie gesehen, nicht schon längst von ihm gehört habe (5507–5520).32 Unbemerkt reiten Iwein und Lunete schließlich in die Burg Laudines, die merkwürdig ausgestorben wirkt (V. 8020: wunderlîch geschiht). In sämtlichen Etappen der linearen Krisen- und Rehabilitierungsgeschichte des Helden bilden wiederholte Unsichtbarkeiten die Voraussetzung, um zu befreien, zu enthüllen und neu zu binden. Komplexe Einlagerungen verwandelt die Erzählstrategie der Latenz so immer wieder zur linearen Geschichte.
Wie Gert Hübner analysiert hat, ist dies nicht nur eine Frage der dargestellten Welt und ihrer ›histoire‹, sondern ebenso der narrativen Informationsvergabe des ›discours‹. Auch dies gehört zur Erzählform der Latenz: Obwohl Hartmanns Iwein verschiedene Wissens- und Werthorizonte von Figuren nebeneinander führt, macht die Erzählung allein die Innenwelt Iweins zugänglich, für die anderes Figurenbewusstsein opak bleibt.33 Erzählte Alternativhorizonte bleiben auf Ebene des Erzählens somit latent.
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