Kitabı oxu: «Helmut Schön»
Bernd-M. Beyer
HELMUT SCHÖN
Eine Biografie
VERLAG DIE WERKSTATT
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Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen
ISBN 978-3-7307-0317-5
Inhalt PROLOG: An einem Tag in Brüssel KAPITEL 1: Früher Lorbeer 1915 bis 1934: Kindheit und Karrierebeginn EXKURS: Helmut Schön und seine Lehrmeister KAPITEL 2: Höhenflug und harter Boden 1935 bis 1941: Die Zeit bei der Nationalmannschaft KAPITEL 3: Krönungen in Kriegszeiten 1940 bis 1944: Titel mit dem Dresdner SC EXKURS: Helmut Schön und der Untergang des alten Dresden KAPITEL 4: Der stille Dissident 1945 bis 1950: Trainer in der DDR KAPITEL 5: Auf Wanderschaft 1950 bis 1952: Intermezzo in Westberlin und Wiesbaden KAPITEL 6: Länderspiele gegen den Lehrmeister 1952 bis 1956: Verbandstrainer im Saarland KAPITEL 7: Im Schatten des »Chefs« 1956 bis 1964: Assistent von Sepp Herberger KAPITEL 8: Erste Bewährung 1964 bis 1966: Amtsübernahme und Vizeweltmeisterschaft EXKURS: Helmut Schön und die Dopingfrage EXKURS: Helmut Schön und Herbergers Zorn KAPITEL 9: Im Fokus der Kritiker Europameisterschaft 1968 und Weltmeisterschaft 1970 EXKURS: Helmut Schön und die Medien KAPITEL 10: Traummonate Die Europameisterschaft 1972 EXKURS: Helmut Schön und die Stasi KAPITEL 11: Auf dem Gipfel Die Weltmeisterschaft 1974 EXKURS: Helmut Schön und Volkes Stimme KAPITEL 12: Am Ende eine Enttäuschung Europameisterschaft 1976 und Weltmeisterschaft 1978 EXKURS: Helmut Schön, Oberst Rudel und die Junta KAPITEL 13: »Ein großer Trainer« 1978 bis 1996: Ruhestand und Bilanz ANHANG Danksagung Biografische Daten zu Helmut Schön Helmut Schöns Länderspiele Literatur und Quellen Personenregister
PROLOG
An einem Tag in Brüssel
Am 18. Juni 1972 krönte sich die deutsche Nationalmannschaft mit dem Gewinn der Europameisterschaft. Es war der Abschluss einer Serie rauschhafter Spiele, die Ende April in London ihren Anfang genommen hatte. Dort im Wembley-Stadion hatten die Deutschen, dirigiert von Günter Netzer und Franz Beckenbauer, eine Partie abgeliefert, die nicht nur von »L’Équipe« zum »historischen Ereignis« erklärt wurde. Mit extrem offensiver Ausrichtung, spielerischer Raffinesse und raschen Positionswechseln hatten sie die Engländer schwindelig gespielt und 3:1 gewonnen. Es begann, was Helmut Schön später »Traummonate für mich als Trainer« nannte. In den folgenden Länderspielen konnten die überforderten Gegner den variantenreichen deutschen Angriffen wenig mehr entgegensetzen als Härte. Zwar endete das Rückspiel gegen das »Mutterland« des Fußballs nur 0:0, doch der Spielverlauf war so, dass der sonst zurückhaltende »Kicker« titelte: »Von Englands Ruhm blieb nur die Asche«.
Die Spiele gegen England bildeten nach damaligem Modus das Viertelfinale der Europameisterschaft; die Endrunde in Belgien umfasste lediglich Halbfinale und Endspiel. Zwischendurch überrannte die Nationalelf in einem Freundschaftsspiel zur Eröffnung des Münchner Olympiastadions das starke sowjetische Team mit 4:1. Alle vier Treffer erzielte Gerd Müller in der zweiten Halbzeit. Im EM-Halbfinale am 14. Juni war Gastgeber Belgien eine etwas härtere Aufgabe, aber der 2:1-Sieg dank zweier Müller-Tore hochverdient.
Vier Tage später das Endspiel im Brüsseler Heyselstadion, erneut gegen die Sowjetunion. Die »Sbornaja« war durch die vorangegangene Demütigung in München gewarnt, praktizierte eine Art Catenaccio und setzte drei Mann auf Müller an. Die konnten den »kleinen Dicken« tatsächlich in Schach halten – allerdings nur bis zur 28. Minute: Beckenbauer dribbelte aus der eigenen Hälfte, passte zu Netzer, der donnerte das Leder gegen die Latte. Heynckes schoss den Abpraller Torhüter Rudakow an die Fäuste, Müller staubte ab. Es folgte eine Demonstration all dessen, was Fußball so atemberaubend macht: Spielwitz, Tordrang, technische Kabinettstückchen. »Wenn eine Mannschaft so spielt«, gestand der russische Trainer Alexander Ponomarjow neidlos, »dann muss das jeden Trainer erfreuen, wenn’s auch wehtut«.
Auf der rechten Seite drängten mit Uli Hoeneß und Jupp Heynckes zwei ausgewiesene Torjäger, links gesellte sich zu den Offensivkräften Erwin Kremers und Herbert Wimmer – »Hacki« erzielte das 2:0 nach herrlichem Spielzug – noch Paul Breitner als stürmender Verteidiger. Das Prunkstück aber bildete die mittlere Achse mit Beckenbauer, Netzer und Müller. Der »Kaiser« irritierte mit seiner Lässigkeit zuweilen nicht nur den Gegner, sondern auch die eigenen Mitspieler, der »große Blonde« sorgte mit seinen angeschnittenen Pässen für Staunen, und Müller machte die Tore – auch das 3:0 in der 57. Minute, auf Zuarbeit seines Vereinskollegen »Katsche« Schwarzenbeck. Selbst diesen defensiven Haudegen hatte es nicht hinten gehalten, er war mit dem Ball übers gesamte Spielfeld marschiert und überließ nur den Abschluss dem Goalgetter.
Schlusspfiff und Eintrag in die Geschichtsbücher. »Ein neues Wunderteam« hatte die Brüsseler Tageszeitung »La Libre Belgique« beobachtet, der französische »France Soir« sah »ein großartiges Schauspiel totalen Fußballs« und »L’Équipe« eine »Rehabilitierung des Offensivfußballs, der Spielfreude und der Freude am Ball«. Der italienische »Corriere dello Sport« pries ein »Schauspiel der Kraft, Spurtschnelligkeit, Fantasie und Genialität« sowie den Beginn »eines neuen Zeitabschnitts im Fußball«. Und die konservative englische »Times« bekannte: »Es ist eine Freude, den Deutschen zuzuschauen.« 40 Jahre später resümierte der Fußballautor Uli Hesse im Magazin »11Freunde«: »Das Lob aus dem Ausland [bekam] 1972 auch deshalb so ekstatische Züge, weil das schöne Spiel von einer Mannschaft gezeigt wurde, von der man es nicht erwartet hatte. […] Ohne Zweifel war kein DFB-Team im Ausland je so beliebt wie die Europameister von 1972, bis die heutige Mannschaft vor die Weltöffentlichkeit trat.« Und sich in Brasilien aufmachte, unter ihrem Trainer Joachim Löw Weltmeister zu werden.
1972 wurde vieles von dem vorweggenommen, was später der Klinsmann’schen und Löw’schen Fußball-»Revolution« zugeschrieben wurde – insbesondere, dass über den Fußball rund um den Globus ein verändertes, »leichteres« Bild der Deutschen transportiert würde. 1954 war das nicht so gewesen. Das »Wunder von Bern« wirkte vor allem nach innen. Es trug damals, so der Zeithistoriker Arthur Heinrich, »erheblich dazu bei, dass die Demokratie von den Westdeutschen angenommen wurde«. Fußball funktionierte dabei auch als Verdrängungsmechanismus – »und mit der Weltmeisterschaft 1954 hat Sepp Herberger ihn allen Deutschen zum Geschenk gemacht. Sie nahmen es nur allzu gerne an« (Herberger-Biograf Jürgen Leinemann). Das Ausland schaute eher skeptisch darauf, ob der Titelgewinn großdeutsche Wiedergänger beflügelte, doch abgesehen von einigen Verbalausrutschern insbesondere des DFB-Präsidenten Peco Bauwens (»Repräsentanz besten Deutschtums«) passierte da nicht viel; die offizielle Bonner Politik hielt sich auffallend zurück.
Zugleich (re)produzierte Herbergers WM-Elf die ominöse Tradition der »deutschen Tugenden«, die irgendwo angesiedelt sind zwischen »Willenskraft«, »Härte«, »Gemeinschaftsgeist« und der Fähigkeit, sich auf ein Turnier zu fokussieren. Davon war 1972 keine Rede. Es gab keine echte Turniersituation, keinen mythischen »Geist von Spiez«, keinen unbeugsamen Kampfeswillen. Auf dem Rasen agierten mit spielerischer Eleganz elf Individuen, die sich auf ein 90-minütiges gemeinsames Zusammenwirken verständigt hatten. Das »Wunder«, das sie schufen, erwuchs nicht primär aus dem errungenen Sieg, sondern aus der Schönheit ihres Spiels. Bern 1954, so formulierte es Arthur Heinrich, hatte für einen »enormen Zugewinn an Selbstbewusstsein« gesorgt und somit die Voraussetzungen geschaffen, die Demokratie »sich zu eigen zu machen und schließlich deren Liberalisierung in Angriff zu nehmen«. Brüssel 1972 zeigte die Früchte dieser Liberalisierung, zeigte das Potenzial an Kreativität und (Spiel-)Freude, das daraus entstehen konnte. Es markierte damit eine Zäsur, die nicht kleiner ist als jene von 1954.
Nur wenige zeitgenössische Kommentatoren wie »Kicker«-Chefredakteur Karl-Heinz Heimann verwiesen 1972 auf Helmut Schöns großen Anteil am wundersamen Auftritt der Deutschen: »Für die junge Spielergeneration unserer Tage […] ist er genau der richtige Mann.« Mit der Europameisterschaft gewann Schön als Bundestrainer den ersten großen Titel, aber erfolgreich war er schon vorher. 1966, zwei Jahre nach dem Amtsantritt, wurde seine Elf in England Vizeweltmeister, besiegt nur durch das »Wembley-Tor«, das keines war. Vier Jahre später, bei der WM in Mexiko, gab sich seine Mannschaft allein Italien geschlagen – in einem Halbfinale, das als »Jahrhundertspiel« in die WM-Annalen einging. Dem EM-Sieg von Brüssel würde der Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Land folgen, zwei Jahre später ein nur durch Elfmeterschießen verlorenes EM-Finale.
Gemessen an diesen Platzierungen, ist Helmut Schön bis heute der erfolgreichste Nationaltrainer der Welt. In die Annalen des deutschen Sports schrieb er sich zudem als meisterhafter Spieler ein sowie durch den bemerkenswerten Umstand, dass er als Nationaltrainer in allen drei Nachfolgestaaten des 1945 untergegangenen Deutschen Reiches amtierte: in der DDR, dem Saarland und der Bundesrepublik. Dennoch ist sein Name im deutschen Fußballgedächtnis merkwürdig blass geblieben, nicht vergleichbar mit dem Rang, den der »genialische« Sepp Herberger, der charismatische Franz Beckenbauer oder der akribische Tüftler Joachim Löw mit ihren Titelgewinnen einnehmen. Deren Anteil an den Erfolgen ihrer Mannschaften wird höher bewertet, vermutlich, weil sie, anders als Schön, keine selbstbewussten Starensembles zu dirigieren hatten. Ob das ihre Aufgabe wirklich schwieriger machte (und die Schöns leichter), sei dahingestellt.
Eine der Fragen, die dieses Buch zu beantworten versucht, ist somit die nach Schöns Beitrag zu den Erfolgen seiner Mannschaft. War er nur der Moderator, der seine Weltstars bei Laune halten musste? Oder war er der psychologisch geschickte Stratege, der seinen Anteil an den diversen Triumphen lediglich durch eigene Bescheidenheit in der Öffentlichkeit kleinhielt?
Als »zögerlich« und »entscheidungsschwach« beurteilte ihn mancher Kritiker in Westdeutschland, als »arrogant« und »selbstherrlich« charakterisierten ihn die Spitzel der ostdeutschen Stasi, bei denen er freilich als »Republikflüchtling« ohnehin mies beleumundet war. Als Reichstrainer in Nazizeiten strich Sepp Herberger den Nationalspieler Helmut Schön aus seiner Elf, weil er ihn für »zu weich« hielt, während Schöns Heimatverein, der Dresdner SC, den Stürmer als einen zuverlässigen Garanten für den zweimaligen Gewinn der Deutschen Meisterschaft ansah. Das Urteil über ihn war oft widersprüchlich. Er selbst trug dazu bei durch einen in Fußballerkreisen eher untypischen Hang zur leisen Redensart und zum Schöngeistigen. Die Nationalelf zwecks Zerstreuung ins klassische Theater zu schleppen, war jedenfalls auch in den siebziger Jahren ein kleiner Anachronismus.
Helmut Schön suchte nicht den Konflikt, doch blieb er sich auf zurückhaltende Art auch in schwierigen Zeiten selber treu. Diese Eigenschaft durchzog sein ganzes Leben und all die gesellschaftlichen oder politischen Umbrüche, die er dabei durchschritten hat. Zum Fußball zog es ihn wider alle Skepsis des Vaters, und auf dem Platz setzte er sich als eleganter Techniker durch, obwohl er verletzungsanfällig war und die Zuschauer sächselten: »E dierekter Lewe is es ja nich.« Den Nazis verweigerte er das klare Bekenntnis, das von einem Sportidol wie ihm erwartet wurde. Aus der DDR floh er, weil er sich mit einer zentral verordneten Sportpolitik nicht arrangieren mochte. Einer neuen Spielergeneration, die für Herbergers »Elf Freunde«-Philosophie nur ein müdes Lächeln übrighatte, begegnete er mit mildem Liberalismus, auch wenn der plakative Hedonismus der Generation Netzer seinen konservativen Idealen eines sportlichen Altruismus gründlich zuwiderlief. Als während der WM 1974 seine Mannschaft um Siegesprämien feilschte, hätte er beinahe den Büttel hingeworfen. Nicht, weil er den Spielern das Geld missgönnte, sondern weil er solche Art Schacherei verabscheute.
In einer Branche, in der zunehmend Lautsprecher den Ton angaben, blieb er nachdenklich und zurückhaltend. Siegerposen lagen ihm nicht, die Gebote eines Fairplay sah er dagegen als selbstverständliche Verpflichtung. Nach dem EM-Triumph von Brüssel fiel ihm vor allem ein: »Mein besonderer Dank gilt auch der russischen Mannschaft, die sich als fairer und anständiger Verlierer erwiesen hat.«
KAPITEL 1
Früher Lorbeer
1915 bis 1934: Kindheit und Karrierebeginn
50.000 Zuschauer drängten sich am 28. September 1930 im Ostragehege, dem Heimstadion des Dresdner Sport-Clubs. Die kürzlich eingeweihte große Holztribüne auf der Gegengeraden war hoffnungslos überfüllt, ebenso die moderne steinerne Haupttribüne und die Stehränge rings um das Spielfeld. Vor dem Anpfiff kreiste ein Flugzeug über dem Stadion, zeigte Loopings, Turns und Rollen. Unten marschierte eine Militärkapelle über den Rasen.
Die Dresdner Fußballbegeisterten waren gekommen, um die deutsche Nationalmannschaft gegen Ungarn spielen zu sehen. Vor allem aber waren sie gekommen, um ihren »König Richard« zu erleben – Richard Hofmann, den Stürmerstar des Dresdner SC, von dessen Taten im Nationaldress man Wunder berichtete. Nur wenige Monate zuvor hatte er beim sensationellen 3:3 gegen England in Berlin alle deutschen Treffer erzielt. Und das, obwohl er noch im März einen schweren Autounfall erlebt und dabei die rechte Ohrmuschel verloren hatte. Seither spielte er mit einer Ohrenklappe.
Zunächst wurden die Hoffnungen der Dresdner Zuschauer enttäuscht. Zur Halbzeit lagen die Deutschen mit 0:3 zurück, und kurz nach Wiederanpfiff hätten die Ungarn beinahe das vierte Tor geschossen. Doch dann kam der Auftritt von »König Richard«. Mit wuchtigen Schritten zog er an mehreren Gegenspielern vorbei, drang in den Strafraum ein und schoss unhaltbar ein. Das Publikum brüllte vor Freude, und das Spiel drehte sich. Nun stürmten die Deutschen ununterbrochen nach vorne und erzielten vier weitere Treffer. 5:3 hieß es am Ende. Tausende strömten nach dem Schlusspfiff den Rasen, feierten ihre Idole und trugen sie auf Schultern zu den Umkleidekabinen.
Unter den begeisterten Zuschauern im Ostragehege befand sich ein 15-jähriger, hochaufgeschossener, spindeldürrer Schlaks. Helmut Schön hatte als Ballholer hinter einem der Tore gestanden und aus nächster Nähe miterlebt, wie Nationaltorhüter Willibald Kreß drei Gegentreffer passieren lassen musste. Umso begeisterter war er, als Richard Hofmann mit seinem flachen Schuss ins lange Eck die Wende einleitete. »Seit diesem Tag, seit diesem Tor«, so erzählte Schön später, »schwärmte ich für Richard Hofmann«.
»Mein Idol«, so nannte er ihn und hielt ihn noch vier Jahrzehnte später für »einen der größten und bekanntesten Spieler, die Deutschland je besessen hat«. Da hatte Helmut Schön bereits, als Assistent oder Chef, solche Größen wie Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer oder Günter Netzer trainiert. »König Richard« vergaß er über sie nicht. Dessen Qualitäten kannte er genau, denn an des Königs Seite hatte er seine größten Erfolge als Spieler gefeiert.
Spielfeld Struvestraße
Richard Hofmanns Auftritt gegen Ungarn war nicht das erste Länderspiel, das der junge Helmut miterlebte. Schon als Fünfjähriger wurde er – offenbar ohne elterlichen Segen – von seinem sieben Jahre älteren Bruder Walter ins Fußballring-Stadion der Dresdner Neustadt geschleppt, wo im Mai 1921 die Nationalelf gegen Österreich antrat. 25.000 Zuschauer quetschten sich in die kleine Spielstätte, auf den Rängen herrschte ein gefährliches Gedränge. Der kleine Helmut wurde vom großen Bruder hochgestemmt, damit er überhaupt etwas vom Spiel sehen konnte; er bestaunte vor allem die Paraden des berühmten Torhüters Heiner Stuhlfauth vom Nürnberger »Club«. Nach dem Spiel, so berichtete Schön in seinen 1970 erschienenen Erinnerungen, wurde er »als kleiner Steppke in einer schiebenden und drängenden Masse eingekeilt und war nahe daran, zerdrückt und überwalzt zu werden«. Erst als neben ihnen eine Bretterwand zusammenbrach, konnten Helmut und Walter sich aus dem Chaos retten.
Nun hatte Helmut die Begeisterung für den Fußball gepackt. Sein Spielfeld wurden Fahrbahn und Gehweg der Struvestraße, an der die elterliche Wohnung lag. Noch fuhren nur wenige Autos auf der Straße, und so konnte sich eine Horde Jungs aus der Nachbarschaft treffen, um Mannschaften auszuhandeln, Passanten zu umdribbeln und Doppelpässe zu schlagen, die von vollgepackten Einkaufsnetzen zurücksprangen. Als Tor diente der Raum zwischen einer Haustür und der Laterne davor. An guten Tagen brachte einer der Jungs einen Lederball mit, ansonsten wurde aus Stofflumpen eine Kugel gebastelt. Solche Begleitumstände schulten Technik, Reflexe und Spurtkraft. Die Antrittsschnelligkeit war nicht nur zur Balleroberung gefragt, sondern auch dann, wenn die Kugel unabsichtlich gegen eines der vielen Schaufenster rauschte und man fliehen musste.
Die Struvestraße lag in einer gutbürgerlichen Wohngegend der Dresdner Seevorstadt. Entstanden war sie Mitte des 19. Jahrhunderts als Ausdehnung des Stadtkerns nach Süden; sie mündete damals in Dresdens vornehme Einkaufsmeile, die Prager Straße. Die meisten Häuser zählten vier oder fünf Stockwerke: ein Geschäft im Erdgeschoss, darunter eine Souterrainwohnung für weniger begüterte Mieter, darüber eine Büroetage. Nach oben gab es eine soziale Schichtung: In Stockwerk zwei und drei lebten meist gutbürgerliche Familien, im vierten Handwerker oder Witwen.
Die Schöns waren zwei Jahre nach Helmuts Geburt dorthin gezogen, in eine geräumige Wohnung im zweiten Stock des Hauses Nummer 38. Am 15. September 1915, als mitten im Ersten Weltkrieg sein jüngster Sohn geboren wurde, war Vater Anton Schön bereits 57 Jahre alt und hatte eine längere berufliche Laufbahn hinter sich. Er entstammte einer bäuerlichen Familie aus Altgersdorf in Schlesien. Dass er im überwiegend evangelisch orientierten Dresden Fuß fassen konnte, verdankte er ausgerechnet seiner katholischen Religionszugehörigkeit. Sein Enkelsohn, Dr. Stephan Schön, berichtet darüber, was er aus den familiären Überlieferungen erfuhr: »Das sächsische Königshaus hing dem katholischen Glauben an und damit auch viele der am Hof dienenden Menschen. Diese achteten darauf, ihrerseits katholisches Personal zu beschäftigen. Die Dresdner Bevölkerung war überwiegend evangelisch, so dass junge Menschen aus dem katholischen Schlesien gefragt waren. Eben auch mein Großvater, der etwa um 1885-89 in einem katholischen Haushalt eine Dienerposition erhielt. Dort war er lange beschäftigt.«
Helmut Schön selbst berichtete in seiner Autobiografie »Fußball«, sein Vater sei zum Kammerdiener – also eine Art Privatsekretär – von Adeligen aufgestiegen und habe als Butler eines englischen Aristokraten auch Englisch gelernt. Offensichtlich erwarb er dabei so viel Wissen und gesellschaftliche Kontakte, dass er sich schließlich als Antiquitätenhändler selbstständig machen konnte. In den politisch turbulenten und wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war das nicht einfach. Wie überall in Dresden sah man auch vor Schöns Geschäft in der Lüttichaustraße Kriegsinvalide und Arbeitssuchende vorbeigehen. Wer den Laden betrat, wollte meist aus Geldnot Antiquitäten verkaufen, nicht einkaufen; die zahlende Kundschaft bildeten Touristen oder Geschäftsleute aus England und Amerika. Anfang der zwanziger Jahre, so erzählte es Helmut Schön, musste manches Mal ein kleiner Perserteppich gegen Kartoffeln oder Butter eingetauscht werden, doch oft genug gab es nur Kohlrüben zum Mittagessen.
Langsam ging es aufwärts. Die Berufsbezeichnungen im Dresdner Adressbuch markieren den sozialen Aufstieg von Anton Schön: 1918 noch als »herrschaftlicher Diener« geführt, avancierte er 1920 zum »Partiewarenhändler«, 1927 zum »Altwarenhändler«, 1933 zum »Kunst- und Antiquitätenhändler« und 1938 zum »Kunsthändler«.
1902 hatte Anton Schön die damals 22-jährige Ida Güttler geheiratet, die als Hausmädchen arbeitete und aus der Lausitz stammte; ihr Vater war ein Tuchscherer, also Arbeiter in einer Textilmanufaktur. Anders als ihr Mann war sie evangelisch getauft. Ein Jahr nach der Hochzeit bekam Ida eine Tochter, Helene, der die beiden Brüder folgten: 1908 Walter und sieben Jahre später Helmut. Seine Mutter schilderte Helmut Schön als »schöne, gütige, liebe Frau«, von der er offenbar die Körperlänge geerbt habe. In der Struvestraße führte sie einen Haushalt, dessen Räume vollgepackt waren mit barocken Kommoden, Biedermeier-Schränken und Orientteppichen, dazu Porzellanschmuck, alte Stiche und Ölgemälde an der Wand. Anton Schön mochte sich von manchem Glanzstück seiner Warensammlung nicht trennen und brachte es lieber nach Hause mit. Ab und zu fiel dort allerdings ein Schmuckteller den Fußballversuchen seiner Söhne zum Opfer.
Es waren keine wohlhabenden, aber doch gut situierte Verhältnisse, in denen Helmut Schön und seine beiden Geschwister aufwuchsen. Darauf deutet auch die Nachbarschaft im Haus Struvestraße 38 hin. Im Jahr 1928 beispielsweise lebte in der Etage über den Schöns ein Professor Otto Schmid, der als »Musikschriftsteller« geführt wurde. In der gleichen Etage wie Familie Schön wohnte seit Jahren schon ein Max Wollf. Helmut Schön erinnerte sich, dass der damals 50-jährige Wollf »praktisch zur Familie« gehört habe, und bezeichnete ihn als »Untermieter«. Einen einfachen »möblierten Herrn« jedoch darf man sich unter ihm nicht vorstellen. Max Wollf war Verlagsdirektor der größten Dresdner Tageszeitung, der liberal-konservativen »Dresdner Neuesten Nachrichten«.
Sein Bruder, Prof. Julius Ferdinand Wollf, fungierte seit 1903 als Chefredakteur dieser Zeitung und hielt zudem einen kleinen Gesellschaftsanteil an deren Verlag. Julius Wollf galt als renommierter Theaterkritiker, der unter anderem einen intensiven Briefwechsel mit Gerhart Hauptmann führte. Er bewohnte eine Villa in der Palaisstraße, die später Franz-Liszt-Straße hieß. Die Brüder Wollf entstammten einer jüdischen Familie aus Koblenz. Mit Sorge dürften die beiden die politische Entwicklung in Dresden beobachtet haben. In der einstigen Hochburg der Sozialdemokratie – 1919 erreichte die SPD hier bei den Reichstagswahlen über 50 Prozent der Stimmen – grassierte zunehmend der Antisemitismus. 1928 mit 1,8 Prozent noch eine Splitterpartei, erzielte die NSDAP danach sprunghafte Wahlerfolge. Vier Jahre später hatte sie bereits die SPD überflügelt.
In der Familie Schön war Politik nur sehr selten ein Thema. Der Vater interessierte sich nicht sonderlich für das Politische; aus Überzeugung wählte er die bürgerlich-katholische Zentrumspartei, die im evangelischen Dresden allerdings keine Rolle spielte. Dass er seinen Sohn Helmut aufs Bischöfliche St.-Benno-Gymnasium schickte, hatte ebenfalls mit seiner katholischen Orientierung zu tun, auch wenn das Religiöse in der Familie offenbar keine allzu große Rolle spielte. Kein Verständnis besaß Anton Schön für politische Radikalität jeglicher Couleur. Kommunisten hielt er für Menschen, die »den anderen Leuten alles wegnehmen«, wie sein Sohn Helmut schrieb. Mit den Nazis aber wollte er erst recht nichts zu tun haben.
Von Dresdensia …
Vater Schön hegte große Vorbehalte gegen die fußballerische Leidenschaft seiner Söhne. Dabei besaß der Fußball in Dresden eine vergleichsweise lange bürgerliche Tradition. Bereits 1873 hatten Engländer den Dresden English FC gegründet, der anfangs vermutlich Rugby und später Fußball »ohne Aufnehmen des Balles mit der Hand« praktizierte und damit einiges Aufsehen erregte. Die »Leipziger Illustrierte Zeitung« wunderte sich seinerzeit über das seltsame Spiel, »bei dem Bälle mit dem Fuße fortgeschleudert werden«, und über die Spieler, die »in einem Costüm« auftraten, »und zwar zur Unterscheidung in verschiedenen Farben«.
Junge Männer aus gutbürgerlichem Haus waren die ersten Deutschen, die den Engländern nacheiferten. Zum Arbeitersport wurde der Fußball erst nach dem Ersten Weltkrieg, weshalb Vater Schöns Vorurteil gegenüber dem »Proletensport« nicht ganz zutraf. Offensichtlich hielt er aber ohnehin nicht viel von sportlicher Betätigung, gleich in welcher Disziplin.
Wenn er seinen jüngsten Sohn mal wieder beim Fußballspielen erwischte, pfiff Anton Schön laut auf vier Fingern und lotste ihn umgehend nach Hause. Mehr Verständnis fand der Junge bei der Mutter, die sich allerdings um das allzu oft ruinierte Schuhwerk sorgte.
Bei schlechtem Wetter kickte Helmut gemeinsam mit Bruder Walter zu Hause in der großen Küche, bei großer Hitze badete er manchmal in der Elbe, ansonsten schlich er sich fast täglich hinaus zum »Bäbbeln«, wie man in Sachsen das Fußballspielen nannte und noch nennt. Stundenlang übte er zu dribbeln oder angeschnittene Flanken zu schlagen. Jeder Ball faszinierte ihn, er kickte mit Kugeln aus Stoff oder Gummi genauso herum wie mit filzenen Tennisbällen. Selbst mit den kleinen Tischtenniskugeln spielte er gerne, die bearbeitete er allerdings nicht mit dem Fuß, sondern fachgerecht mit dem Schläger – in dieser Disziplin brachte er es »nebenbei« noch zu lokalen Meisterehren.
Wenn er doch mal am Schreibtisch saß und die Schularbeiten erledigt waren, tauchten seine Gedanken ein in eine eigene Fußballwelt, von der er später in seiner Autobiografie erzählte. In jenem »Sundland« gründete er Fantasievereine, die er Fantasiemeisterschaften austragen und um Fantasiepokale konkurrieren ließ. Sogar eine »Stammtischrunde des FC Wacker« gab es in dem erträumten »Sundland«, in dem ein mächtiger »Sport-Diktator« über den Spielbetrieb wachte. Reportagen über das fiktive Geschehen schrieb der damals 13-jährige Helmut in einer Kladde nieder, als Autor vermerkte er einen gewissen »B. C. Fine«. »B« stand für »bright«, »C« für »courage« – übersetzt also »hell« und »Mut«. Zum verschlüsselten Vornamen passte der Nachname: »fine«, ins Deutsche übertragen: »schön«.
Natürlich sammelte er auch die Bildchen, die den Zigarettenpackungen beilagen und berühmte Fußballer zeigten. Manchmal stand Helmut mit anderen Jungs vor einer der Dresdner Zigarettenfabriken, und sie schrien im Chor: »Bilder! Bilder!« So lange, bis dann tatsächlich eine Handvoll Sammelbildchen aus dem Fenster geworfen wurde. Richard Hofmann war natürlich begehrt, ebenso der Hamburger Adolf Jäger. Oder Matthias Sindelar, der »Papierene« aus Wien: »So wie er wollte ich immer sein, technisch, elegant.« Anschließend wurde so lange getauscht, bis eine ordentliche Mannschaft beisammen war; die legte Helmut abends in richtiger Aufstellung auf den Tisch und dachte darüber nach, auf welcher Position er die Elf noch verstärken könnte.
Das Spielen in der Struvestraße verlagerte sich bald auf die nahegelegene Parkanlage namens »Bürgerwiese«, wo bei gutem Wetter Dresdens Bürger flanierten. Dort trafen sich die Jungs der umliegenden Viertel, allesamt in kurzen Hosen, die ärmeren barfuß, die besser gestellten in Kniestrümpfen und Schuhen. Wenn Helmut Schön dazustieß, hieß es nicht selten: »D’r Meester kommt!« Wie er selber mutmaßte, galt die Anerkennung nicht nur seinen Spielkünsten, sondern vor allem der Tatsache, dass er mittlerweile stolzer Besitzer eines Lederballs war. Dieses Privileg sorgte für einige Anerkennung bei den Gleichaltrigen.
Allerdings war das gute Stück gefährdet. Ältere Jungs schnappten sich gerne solch einen wertvollen Lederball und rückten ihn manches Mal nicht mehr heraus. Zuweilen tauchte auch ein Schutzmann auf und konfiszierte das Spielgerät. Ihr Spielfeld nannten die Jungs daher auch »Polizeiwiese«.
Mit zehn Jahren trat Helmut Schön dem Verein seines Stadtteils bei, dem SV Dresdensia, bei dem vor allem Leichtathletik betrieben wurde. Dessen erste Fußballmannschaft spielte überregional keine Rolle, doch neben Schön ging ein weiterer bekannter Fußballer aus seinen Reihen hervor: Simon Leiserowitsch, der zwischen 1913 und 1928 als Leistungsträger von Tennis Borussia Berlin für Furore sorgte und zum Vorbild des großen Hertha-Stars »Hanne« Sobeck wurde. Leiserowitsch, der als Sohn einer jüdischen Familie in der Dresdner Altstadt geboren worden war, kehrte nach seinen aktiven Berliner Jahren für einige Zeit als Funktionär zur Dresdensia zurück.
Ein anderes Vereinsmitglied, das später Prominenz erlangte, war mit Helmut Schön gleichaltrig und ihm bereits damals als »Kommunist« vorgestellt worden: Horst Sindermann, der spätere DDR-Ministerpräsident. Schön und Sindermann spielten des Öfteren in einer Mannschaft, so auch im Mai 1930 beim 5:0-Sieg der »1. Knaben« gegen Zittau. Über das Spiel hieß es in den Vereinsmitteilungen der Dresdensia: »Schön erzielt mit prächtigem Kopfball, für den Torwächter unhaltbar, den 2. Treffer.«
Da Vater Anton der Kickerei weiterhin skeptisch gegenüberstand, musste sich der kleine Helmut mit Hilfe seiner Mutter heimlich auf den Weg zum Training oder zu Wettspielen machen. »Harmlos pfeifend«, so berichtete er in seinen Erinnerungen, sei er die Treppe heruntermarschiert; seine Mutter habe dann aus dem Fenster die Tasche mit den Sportsachen in den Hof fallen lassen. Später wurde auch der Vater eingeweiht und überredet, sich ein Spiel seines Sohnes anzuschauen. Der junge Helmut spielte nicht gut, da seine eigenen Schuhe völlig zerschlissen waren und er in fremden Tretern auflaufen musste. Vater Schön, der vom Fußball keine Ahnung hatte, fand das Spiel dennoch gelungen.
Auch Bruder Walter kickte zunächst bei Dresdensia, später als Student beim VfB Leipzig, bis eine schwere Knieverletzung seine Laufbahn beendete – ein Leiden, mit dem Helmut Schön ebenfalls noch zu tun haben sollte. Walter betreute fortan die erste Mannschaft der Dresdensia und sorgte dort auch für den ersten Einsatz seines jüngeren Bruders. Weil Helmut durch starke Leistungen in der Jugendmannschaft aufgefallen war, durfte er mit nur 15 Jahren bei einem Freundschaftsspiel der »Ersten« mitwirken. Bei der Partie in Bautzen schoss der Debütant sogar das einzige Tor, doch den vollen Spesensatz erhielt er trotzdem nicht: Drei Mark gab es statt der fünf, die die anderen Spieler einsteckten. »Mehr gibt’s nicht. Dafür bist du noch viel zu klein«, beschied ihm der große Bruder.
… zum Dresdner SC
Im gleichen Jahr, 1930, wechselte Schön zum größeren und erfolgreicheren Dresdner SC. Seine Mitschüler am St.-Benno-Gymnasium hätten ihn dazu gedrängt, erzählte er oft, denn die seien allesamt Mitglieder oder Anhänger des DSC gewesen. Auch dass Dresdensia ihr altes Spielgelände habe verlassen müssen und die Jugendmannschaft deshalb auseinandergefallen sei, führte Schön als Grund an.
In einem nachgelassenen Manuskript von 1950 erzählte er allerdings noch eine spannendere Episode, die ihn zum Vereinswechsel bewogen habe: Mit seiner Dresdensia-Jugendmannschaft spielte Schön eines Tages gegen die DSC-Jugend, in deren Stadion am Ostragehege. Die Gäste gewannen hoch. Beeindruckter Zeuge der Begegnung war DSC-Trainer Jimmy Hogan. »Er gab mir nach dem Spiel anerkennende Worte und fragte mich, ob ich richtig trainieren würde. Da ich verneinen musste, sagte er nur: ›Schade!‹ Mehr nicht, aber dieses eine Wort genügte, um mir einen großen Ansporn zu geben und eventuell den Weg zu ihm und seinem vielgepriesenen Training zu finden.« Der Engländer Hogan besaß ein gewaltiges Renommee. Er hatte bereits die berühmte österreichische Nationalelf und anschließend mit MTK Budapest eine der stärksten Vereinsmannschaften des Kontinents trainiert und dabei große Erfolge erzielt.
Durch seinen Beitritt zum Dresdner SC konnte der junge Schön noch zwei Jahre lang beim großen Hogan in die Lehre gehen, bevor der Weltenbummler 1932 Dresden wieder verließ und in die neue französische Profiliga wechselte. Der englische Trainer mit der schottischen Fußballphilosophie bevorzugte gute Techniker. »Vielleicht war der Umstand, dass ich als sogenannter Straßen-Fußballer keine Schwierigkeiten mit der Ballbehandlung hatte, ein Grund dafür, dass er mich offensichtlich ins Herz schloss«, schrieb Schön 1970 in seinem Buch »Immer am Ball«. Hogan arbeitete eng mit dem jungen Leichtathletik-Trainer des DSC zusammen, Woldemar Gerschler, der für die körperliche Fitness der Kicker sorgen sollte. Gerschler war ein ebenso moderner wie wissenschaftlich arbeitender Trainer und einer der Ersten, der das Intervalltraining praktizierte. Aus seiner Schule stammte der Weltklasseläufer Rudolf Harbig, der später über 400 und 800 Meter mehrere Weltrekorde aufstellte. Dem erst 26-jährigen Gerschler legte Hogan den jungen Schön besonders ans Herz: »Das wird ein Spieler für die erste Mannschaft. Zeige ihm, wie man richtig läuft!«
Jimmy Hogan selbst konzentrierte sich darauf, Balltechnik und taktische Kniffe zu vermitteln. Die richtige Schusstechnik wurde ebenso geübt wie sauberes Tackling. Hogan war mittlerweile 50 Jahre alt, doch noch immer spielend dazu in der Lage, seine Schützlinge mit eigenen Ballkünsten zu beeindrucken. Schön: »Seine hervorragende Ballkontrolle veranlasste uns, immer wieder zu üben, um den Ball genauso zu beherrschen wie er.« Auch in anderer Hinsicht nahm der junge Kicker den Trainer zum Vorbild. Rauchen war für Hogan tabu, Alkohol nicht immer: »Ich habe nichts dagegen, wenn du am Abend vor dem Spieltag ein großes Glas dunkles Bier trinkst, dann schläfst du gut, und es schadet dir nicht!« An diese Empfehlung, so Schön, habe er sich immer gehalten. Und noch als Bundestrainer seinen Spielern den gleichen Rat gegeben.
Hogans ausgezeichneter Ruf als Trainer trug wesentlich dazu bei, dass er im Sommer 1929 Richard Hofmann nach Dresden locken konnte. Hofmann hatte seine Laufbahn bei Meerane 07 begonnen, wo er auch zum Nationalspieler aufstieg. Auf dem Platz war er eine beeindruckende Erscheinung. Er fegte dynamisch durch die gegnerische Abwehr, gleichermaßen technisch versiert, durchsetzungsstark und gesegnet mit einer legendären Schusskraft. Jimmy Hogan sagte über ihn: »Er ist eigensinnig, er weiß, was er will. Wenn Richard einen Ball sieht, dann kann ihn nichts mehr aufhalten. Wenn er schießt, dann möchte ich nicht der Torwart sein, der den Ball halten muss.«
Es existieren diverse Anekdoten über Hofmann; sie handeln von zerrissenen Netzen und zerbrochenen Torpfosten. Helmut Schön erzählte eine Geschichte über Hofmanns Dickköpfigkeit: Wie er sich der Anweisung von Reichstrainer Otto Nerz widersetzte, sein völlig zerschlissenes Schuhwerk gegen ein neues auszutauschen. 1929 war das, vor dem Länderspiel gegen Schweden. Als Nerz auf seiner Anweisung beharrte, schnappte Hofmann ihn beim Schlips und drohte lautstark mit seiner Abreise, »wenn Se nicht aufheern«. Der Stürmer durfte seine alten Latschen anziehen, und er schoss damit sechs Tore, von denen drei allerdings nicht anerkannt wurden.
Dass der Dresdner SC einen renommierten Trainer wie Jimmy Hogan und einen begehrten Nationalstürmer wie Richard Hofmann für sich gewinnen konnte, bewies deutlich, dass der Verein große Ambitionen besaß. Hogan war nicht billig: Laut dem Dresdner Autor Peter Salzmann verdiente er beim DSC monatlich 1.500 Mark. Über die dafür notwendige finanzielle Ausstattung schien der Verein zu verfügen.
1898 war der DSC von elf Männern gegründet worden, die zwar noch jung, aber großenteils schon etabliert waren. Einige von ihnen entstammten dem Pionierklub Dresden English FC, fünf weitere dem Konkurrenten Neuer Dresdner FC. In der Vereinschronik zum hundertjährigen Bestehen heißt es über die DSC-Gründer: »Die würdigen Herren im Schnurrbart – in erster Linie Handwerker, Geschäftsleute, Militärs, Bankiers und Unternehmer aller Schattierungen – waren fußballversessen und hatten ein Ziel vor den Augen: Der DSC sollte schnell von sich reden machen.«
Lange Zeit bildete der Verein lediglich eine regionale Macht, er wurde bis zum Ersten Weltkrieg regelmäßig ostsächsischer Meister und hatte danach erst einmal Mühe, sich gegen lokale Konkurrenten wie Guts Muts Dresden zu behaupten. Allerdings blieb er mitgliederstark – in den dreißiger Jahren soll er an die 2.000 Mitglieder gezählt haben –, wurde modern geführt und erfreute sich der Unterstützung starker Mäzene, auch weil er neben dem Fußball noch andere Sportarten anbot. Unter anderen kam bedeutsame finanzielle Hilfe von der Radebeuler Arzneimittelfabrik Madaus, vom Dresdner Modehaus Esders sowie von weiteren mittelständischen Unternehmen.
Bereits 1919 wurde ein Stadion für 20.000 Zuschauer errichtet. Es lag am Ostragehege, benannt nach einem ehemaligen Tiergarten in der Nähe des früheren Dorfes Ostra, westlich der Dresdner Altstadt. Auch als Elbhochwasser die Anlage schwer schädigte und 1928 die alte Haupttribüne abbrannte, konnte der finanzkräftige Verein die Folgen schultern. Nun ging es auch sportlich wieder steil bergauf, insbesondere nach der Ankunft von Jimmy Hogan und »König Richard«.
Das erste Spiel im DSC-Dress
Noch als jugendlicher Zuschauer erlebte Helmut Schön, wie der Dresdner SC zum nahezu unangefochtenen Spitzenteam von Sachsen und zu einer der bekanntesten Vereinsmannschaften im Deutschen Reich avancierte. In dem Jahr, als Schön sich den DSC-Junioren anschloss, 1930, besiegte die erste Mannschaft im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft Titelverteidiger SpVgg Fürth mit 5:4 und zog ins Halbfinale ein. Zwar unterlag man dort Holstein Kiel, doch die Dresdner hatten ihre Qualitäten bewiesen und wurden als Team der Zukunft gehandelt.
Zum hoffnungsvollen Erbe, das Jimmy Hogan in Dresden hinterließ, gehörte auch die Jugendarbeit. Viele junge Talente waren wie Helmut Schön zum DSC gewechselt, weil sie bei »Good old Jimmy«, wie Hogan bald genannt wurde, lernen wollten. Das zahlte sich aus. Alle DSC-Jugendmannschaften spielten Anfang der dreißiger Jahre in ihrer Klasse erfolgreich, wobei sich Schön, wie der »Dresdner Anzeiger« lobte, in der Mittelstürmerposition als »ein sehr guter Torschütze« hervortat. Begonnen hatte er in der DSC-Jugend allerdings als Mittelläufer, wie er 1937 einer anderen Zeitung verriet, »und nur durch den Zufall, daß in einem Spiel der Mittelstürmer zu ersetzen war, kam ich auf diesen meinen Stammplatz, der mir ja auch am besten liegt«.
Schön gab sein Debüt in der ersten Mannschaft am 26. August 1933 in einem »Gesellschaftsspiel«, wie Freundschaftsspiele damals genannt wurden. Ursprünglich hatte eine ägyptische Meistermannschaft am Ostragehege gastieren wollen, doch die Ägypter sagten kurzfristig ab, und als Ersatz wurde die Elf von Sparta Karlsbad geholt.
Die Dresdner nutzten das Spiel, um zwei Nachwuchsspieler zu testen, einer von ihnen war der 17-jährige Helmut Schön. So stand er plötzlich neben dem großen Richard Hofmann im Sturm, und um ihn herum Nationalspieler wie Karl Schlösser, Friedrich Müller oder Georg Köhler. Das Tor der Dresdner hütete seit Neuestem Nationalkeeper Willibald Kreß, der kaum weniger populär war als »König Richard« und wegen seines eleganten Auftretens auch »der schöne Willibald« genannt wurde. Nationalmannschaftskollege Hofmann hatte den Frankfurter nach Dresden gelotst, nachdem Kreß eine einjährige DFB-Sperre wegen verbotener Zahlungen hatte abbrummen müssen. Die Zeitschrift »Fußball« nannte ihn »das neue Idol der Dresdener Fußballjugend«.
Dass er in diesem edlen Spielerkreis die Schlüsselrolle des Sturmführers bewältigen sollte, dürfte den jungen Helmut Schön ebenso stolz wie nervös gemacht haben. Der »Dresdner Anzeiger« berichtete ausführlich über seinen Auftritt: »Der zweite Neuling war Mittelstürmer Helmut Schön. Seine Aufgabe war schon schwerer, denn hier gilt es vor allem, sich mit den Nebenspielern zu verstehen und ihnen ein wirklicher Führer zu sein. Schön ist technisch recht gut durchgebildet und fügte sich nach einigem verständlichen Lampenfieber recht gut in das Ganze ein. Vor allem verstand er sich mit Hofmann bestens.«
Vor der Begegnung hatte Richard Hofmann den jungen Debütanten beiseitegenommen und ihm eingeschärft: »Lass den Ball laufen und mach dir nichts daraus, wenn’s mal schiefgeht.« »Ja, Herr Hofmann«, hatte Schön geantwortet, worauf »König Richard« ihn aufforderte, gefälligst »Du« zu ihm zu sagen. Schön gestand später: »Ich habe einen knallroten Kopf bekommen.«
In den Tagen nach dem Spiel, das der DSC locker mit 5:0 gewann, sammelte Helmut Schön Zeitungsartikel darüber und klebte sie in eine Kladde ein, die er in sauberem Sütterlin überschrieb: »Meine Spiele in der DSC-Liga!« Besonders stolz war er auf einen Bericht, bei dem sein Porträtfoto abgedruckt und daneben zu lesen war: »Der neue Ligaspieler des DSC, Schön, schoß gegen Sparta Karlsbad 2 von 5 Toren. Der noch junge Spieler bedeutet für den mitteldeutschen Fußball eine sehr begrüßenswerte Verstärkung.«
»Imposante Neuformung«
Inzwischen hatten die Nazis die Macht im Deutschen Reich übernommen. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler ernannt, nachdem seine NSDAP eine Koalition mit der Deutsch-Nationalen Volkspartei gebildet hatte. Am gleichen Montag hieß eine Schlagzeile der örtlichen Presse: »DSC wieder Gaumeister«, aber die stand nur hinten im Sportteil, denn die Titelseiten wurden von der Politik beherrscht.
Zwei Tage später, am Mittwochabend, veranstaltete die SA gemeinsam mit dem »Stahlhelm«, der Kampftruppe der Deutschnationalen, einen großen Marsch durch Dresden. Mit tausenden Fackelträgern und mehreren Musikzügen wollte man demonstrieren, dass eine neue Zeit angebrochen war, eine Epoche, die tausend Jahre währen sollte. Eine Stunde lang dauerte der Vorbeizug der Kolonnen. Der Marsch endete am Rathausplatz, wo sich laut »Dresdner Anzeiger« eine »unübersehbare Menschenmenge« versammelt hatte.
Unter den Zuschauern, die teils fasziniert, teils angewidert die Szenerie beobachteten, befanden sich auch Ida und Helmut Schön. Der Junge hatte seine Mutter überredet, trotz des nasskalten Winterwetters mit zur Kundgebung am Rathaus zu gehen. Nun stand sie kopfschüttelnd neben ihm, zitterte vor Kälte und klagte: »Und zu so etwas muss ich mit.«
Als Ida Schön nach Hause kam, fühlte sie sich schwach und krank. Aus der Unterkühlung entwickelte sich eine Grippe, von der sie nicht mehr genesen sollte. Sie starb Ende März, im Alter von nur 52 Jahren.
Helmut Schön schilderte den »verhängnisvollen Spaziergang« eindringlich in seiner Autobiografie. Beim Lesen wird deutlich, welchen Einschnitt der Vorfall in seinem Leben bedeutete. »Noch heute«, bekannte er dort, »mache ich mir deswegen Vorwürfe«. Umso mehr muss es ihn als Jugendlichen bewegt haben. Wie er darüber hinwegkam, dazu schrieb er nichts. Aber es ist zu vermuten, dass der Fußball ihm dabei half.
Ein Reich der Freiheit, eine eigene Welt, losgelöst von der gesellschaftlichen Realität, wie sie sich der junge Schön am Schreibtisch erträumt hatte, bildete der Sport jedoch unter dem NS-Regiment weniger denn je. Schon in der Weimarer Zeit war er stark weltanschaulich geprägt gewesen. Die Kirchen hatten ihre eigenen Sportorganisationen, ebenso die sozialistische Bewegung. Deren Arbeitersportgruppen waren politisch so explizit gewesen, dass sie sich noch einmal aufgespalten hatten: in den SPD-nahen Arbeiter-Turn- und Sportbund sowie die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit, die der KPD nahestand. Beide Verbände wurden nun von den Nazis verboten.
Der DFB hatte sich demgegenüber als unpolitisch definiert, was insofern stimmte, als seine Mitglieder grundsätzlich allen politischen und religiösen Strömungen anhängen konnten. Doch auch dort wurde um ein grundlegendes Verständnis des Sports gestritten: Weltoffene Kosmopoliten, die Sport als Mittel der Völkerverständigung erachteten, standen auf der einen Seite; deutschnationale, teils völkische Ideologen, die den Sport als Mittel zur »Wehrhaftmachung« des Volkes sahen, auf der anderen. Letztere bildeten die Mehrheit der Führungskräfte um den DFB-Präsidenten Felix Linnemann, weshalb die Nazis kaum auf Widerstand stießen, als sie auch den Fußball der »Neuordnung des deutschen Sports« unterwarfen. Die Regionalverbände wurden bald aufgelöst, der DFB als »Fachamt Fußball« dem »Deutschen Reichsbund für Leibesübungen« eingegliedert und das Führerprinzip durchgesetzt.
Auch Dresdner Sportvereine beeilten sich, den neuen politischen Verhältnissen zu huldigen. Der traditionsreiche Dresdner Ruderverein schaffte sich ein neues Paradeboot an, das »Adolf-Hitler-Achter« getauft wurde »zu Ehren des Kanzlers«. »Turnen und Sport stehen im Dienst von Volk und Vaterland«, hieß es Anfang März balkendick im »Dresdner Anzeiger«, und nach den letzten halbwegs freien Reichstagswahlen sollte sich zeigen, was damit gemeint war. Am 5. März 1933 holte die NSDAP reichsweit 43,9 Prozent der Stimmen (Wahlkreis Dresden-Bautzen: 43,6 Prozent), was zur Fortführung der Hitler-Koalition ausreichte. Ab jetzt wurde durchgegriffen.
Mitte April verbreitete der (noch existierende) DFB eine Erklärung, nach der »Angehörige der jüdischen Rasse« fortan »in führenden Stellungen« von Vereinen und Verbänden nicht mehr tragbar seien. In Dresden ging der örtliche »Kommissar für Leibesübungen«, Sturmführer Arno Schiefner, noch einen Schritt weiter. Er proklamierte am 24. April im »Dresdner Anzeiger«: »Ich erwarte von allen dem Dresdner Hauptausschuß für Leibesübungen angeschlossenen Verbänden, daß sie ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Beschlüsse ihrer übergeordneten Stellen den Arierparagraphen analog der Deutschen Turnerschaft annehmen und durchführen. Dieser Paragraph der Deutschen Turnerschaft verpflichtet alle Vereine, alle jüdischen Mitglieder aus ihren Reihen auszuschalten. Der Angriff der Juden wird nicht durch den Glauben, sondern durch das Blut bestimmt. Jude ist, wer von jüdischen Eltern stammt. Es genügt, daß ein Teil der Großeltern jüdischen Blutes ist. Eine Selbstverständlichkeit ist, daß Marxisten nicht in die deutschen Leibesübungen treibenden Verbände gehören.«
Diese Forderungen Schiefners gingen deutlich über das hinaus, was zu jener Zeit seitens der NS-Oberen oder des DFB verlangt wurde, und setzten die Dresdner Vereine erheblich unter Druck.
Nur eine Woche später saß Sturmführer Schiefner als Ehrengast im Großen Saal des Gewerbehauses, wo der Dresdner SC einen großen Festakt beging. Gefeiert wurden das 35-jährige Bestehen des Vereins und die Erfolge sowohl in der mitteldeutschen Meisterschaft wie im mitteldeutschen Pokal. Als Ehrengast waren auch der ehemalige DFB-Vorsitzende Prof. Ferdinand Hueppe anwesend sowie diverse Verbandsvertreter. Vor den versammelten Honoratioren und Vereinsmitgliedern legte der DSC-Vorsitzende Hermann Püschel ein deutliches Bekenntnis zum Hitler-Regime ab: »Mit Liebe und Begeisterung«, so zitierte ihn der »Dresdner Anzeiger«, »stelle sich der DSC. rückhaltlos hinter die Bewegung der nationalen Erneuerung und erachte die Mitarbeit als hohe Pflicht.« Im Saal hingen neben DSC-Fahnen auch Hakenkreuzflaggen.
Als die Vereinszeitung im Januar 1934 auf das zurückliegende Jahr blickte, war aus dem »Vorsitzenden« Püschel bereits der »Vereinsführer« Püschel geworden, der zum Jahreswechsel »ein ersehntes, deutsches Erwachen« pries: »Da schätzen wir deutsche Sportler uns besonders glücklich, daß wir mithelfen dürfen an dieser machtvollen, imposanten Neuformung, die als Grundlage eine durch sportliche Uebung gestählte, in Kameradschafts- und Gemeinschaftssinn herangewachsene deutsche Jugend benötigt.« Im Inneren des Heftes, das auch eine Anzeige des örtlichen Nazi-Hetzblattes »Der Freiheitskampf« samt Hitler-Porträt aufwies, wurde stolz verkündet: »Es verschafft mir eine besondere Genugtuung, sagen zu können, daß alle die programmatischen Neuerungen, die durch die Gliederungen des Sportes in das nationalsozialistische Programm bekanntgemacht wurden, fast ausschließlich in unserem Klub schon bisher zur Anwendung kamen. Es gab somit Hemmungen zur Durchführung dieser Maßnahmen überhaupt nicht.« Ob damit auch ein Ausschluss von Juden aus dem Vereinsleben gemeint war, geht daraus nicht hervor.
Bedauerlicherweise ist die politische Geschichte des DSC während der NS-Zeit noch nicht erforscht. Die Quellenlage ist dürftig, fast alle Dokumente wurden im Krieg zerstört, das Vereinsarchiv ebenso wie die meisten Unterlagen in den amtlichen Archiven. Nach Angaben des Sächsischen Hauptstaatsarchivs sind lediglich die formal gehaltenen und wenig aussagekräftigen Eintragungen im Vereinsregister erhalten. Ihnen ist zu entnehmen, dass der Dresdner SC am 18. April 1935 eine neue Vereinssatzung beschlossen habe. Über deren Inhalt wird nichts ausgeführt, doch es ist anzunehmen, dass sie einen Arisierungsparagrafen enthielt.
Es gibt einige (recht vage) Hinweise, dass der Verein vor 1933 Juden gegenüber zumindest keine ablehnende Haltung einnahm. So kam 1926 Trainer Lori Polster (selbst kein Jude) vom jüdischen Verein Bar Kochba Dresden, um die DSC-Fußballmannschaft zu betreuen. Vom DSC wechselte er später zu Tennis Borussia Berlin, das für seine relativ hohe Zahl jüdischer Mitglieder bekannt war und wo er noch dem gebürtigen Dresdner Simon Leiserowitsch begegnet sein dürfte.
Am Zaun des Ostrageheges sowie in den Programmheften des DSC sah man zudem viele Jahre den Davidstern. Es handelte sich dabei um das (allerdings farbenfroh gestaltete) Firmenlogo der Dresdner Tabakfabrik Bulgaria, die vom jüdischen Geschäftsmann Salomon Krentner gegründet worden war und einige Zeit als Sponsor des Vereins wirkte. 1933 befand sich die Firma allerdings bereits im Besitz des Reemtsma-Konzerns – übrigens genauso wie die neben dem Ostragehege gelegene Tabakfabrik Yenidze, deren Gebäude kurioserweise einer riesigen islamischen Moschee nachgestaltet war.
Mäzen Bulgaria war auch an einem Skandal beteiligt, der Richard Hofmann um eine weitere Karriere in der Nationalmannschaft brachte. Im Herbst 1932 hatte »König Richard« sich im DFB-Trikot für ein Werbefoto mit einer »Bulgaria Sport«-Zigarette in der Hand ablichten lassen und dafür Geld kassiert – ein klarer Verstoß gegen die sehr engstirnigen Amateurrichtlinien des DFB, für den er später noch bestraft wurde. Die Anzeige erschien auch im gedruckten »Winter-Trainingsplan« 1932/33 des DSC. Über einem lächelnden Hofmann, der selig auf seinen Glimmstängel blickt, prangte das Bulgaria-Firmenlogo mit dem Davidstern. Die Werbeaktion dürfte den DSC-Verantwortlichen im Zuge der »imposanten Neuformung« doppelt peinlich gewesen sein.
Nach der Machtübernahme der Hitler-Regierung wurde zumindest die offizielle Haltung des Dresdner SC eindeutig, wie die Äußerungen von »Vereinsführer« Püschel bewiesen. Auch Veranstaltungen wie das »Opferspiel«, das im August 1933 zugunsten der »Hitler-Spende Opfer der Arbeit« durchgeführt wurde, zeugen von baldiger Anpassung an die neuen politischen Verhältnisse. Die TV-Journalisten Dirk Bitzer und Bernd Wilting berichten zudem, Ministerialrat Erich Kunz, der erste Leiter des Gaues 5 des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen, sei »ein altes DSC-Mitglied« gewesen. Gemeinsam mit dem sächsischen »Reichsstatthalter« Mutschmann habe er bei DSC-Spielen oft auf der Tribüne des Ostrageheges gesessen.
Martin Mutschmann war eine der schlimmsten Figuren der oberen NSDAP-Hierarchie. Nachdem er seinen einstigen Förderer Gregor Strasser verraten hatte, stieg er zum Leiter des NSDAP-Gaues Sachsen, zum Reichsstatthalter (eine Art oberster Verwaltungschef) sowie 1935 auch zum Ministerpräsidenten Sachsens auf. Mehr regionale Machtfülle ging kaum. Außerdem fungierte Mutschmann als Verleger der Dresdner Morgenzeitung »Freiheitskampf«, die schon vor Hitlers Machtübernahme gegen »Juda-Verräter« und »Rote Mordpest« hetzte. Mit einer Auflage von über 100.000 Exemplaren war sie zeitweilig die größte Tageszeitung Dresdens. Der für seinen Jähzorn gefürchtete Mutschmann plädierte früh für »judenreine« Wohnbezirke in Dresden und für brutale Maßnahmen gegen politisch unliebsame Personen; zuweilen ging er persönlich mit der Pistole auf Menschenjagd. Bei Kriegsende befahl er Durchhalten »bis zum Letzten«; wer weiße Tücher aus dem Fenster hängte, riskierte sein Leben. Nach seiner Festnahme 1945 wurde Mutschmann durch ein sowjetisches Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Bis dahin aber waltete er als Sachsens Diktator: ein Fußballfreund, der – auch des eigenen Ruhmes wegen – einen nach ihm benannten regionalen Pokal auslobte und von einem gigantischen Stadion am Ostragehege fabulierte, in das 100.000 Zuschauer passen sollten. Es blieb beim ebenso vagen wie größenwahnsinnigen Plan.
»Liebling aller Zuschauer«
Nach dem Spiel gegen Karlsbad kam Helmut Schön erst einmal nicht zu weiteren Einsätzen in der ersten Mannschaft. Es waren Wochen, in denen der DSC vor allem in hochkarätigen Freundschaftsspielen seinen Anspruch demonstrierte, zur deutschen Elite zu zählen. Wiens Austria mit dem berühmten Matthias Sindelar unterlag man noch mit 4:7, den amtierenden Deutschen Meister, Fortuna Düsseldorf, besiegte der DSC glatt mit 4:1, und gegen Bayern München, Meister von 1932, gab es ein 0:0. Alle Spiele fanden vor großem Publikum im Ostragehege statt, und der junge Schön wird am Rand gesessen und geschaut haben, was es von den großen Stars zu lernen gab.
Irgendjemand musste jedoch dem DFB-Trainerstab in Berlin davon berichtet haben, welch ein Talent dort in Dresden heranreifte. Später vermutete ein »Kicker«-Bericht (von 1964) als mögliche Zuträger den Konditionstrainer Woldemar Gerschler sowie Nationalspieler Georg Köhler. Jedenfalls flatterte Helmut Schön im Herbst 1933 die Einladung für einen zehntägigen Olympia-Nachwuchskurs ins Haus. Zur Vorbereitung auf die Spiele, die drei Jahre später in Berlin stattfinden sollten, suchte die NS-Sportführung nach jungen, förderungswürdigen Talenten. 500 Sportler aller Disziplinen kamen Ende September im Deutschen Stadion von Berlin zusammen, darunter etwa 40 Fußballer. Zum ersten Mal begegnete Schön dort Sepp Herberger, es war der Beginn einer jahrzehntelangen, wechselhaften Beziehung. Noch war der damals 36-jährige Herberger Assistent von Reichstrainer Otto Nerz, der für den Lehrgang ein strapaziöses Programm ausgearbeitet hatte. Morgens um halb sieben begannen Training und körperliche Übungen, die sich über den ganzen Tag erstreckten; abends gab es Vorträge etwa zum Thema »Die deutsche Sportpresse vor und nach dem Umschwung«.
Anschließend verfasste Schön über seine Erlebnisse einen kreuzbraven Zeitungsartikel: »Wohl wurden unsre Kräfte stark in Anspruch genommen, wohl meinten anfangs manche, das sei zuviel. Aber alles wurde überstanden, keiner ist gestorben, sondern jeder lernte verstehen, warum er eigentlich nach Berlin gerufen war, und ertrug freudig auch die größten Strapazen. Unsre Führer waren uns leuchtende Vorbilder, und willig und gern machten wir unter ihnen mit. […] Der stämmige Fußballer, der sehnige Leichtathlet, der breite Schwimmer, alle lernten sich unterordnen und gehorchen. […] Unvergessen werden uns die Minuten bleiben, in denen der Reichskanzler bei uns weilte und uns bei der Arbeit zuschaute.«
Wer weiß, ob der 18-jährige Schüler dies selbst so formuliert hat. Möglich ist es. Als gestandener Erwachsener urteilte Schön später über seine Eindrücke vom »Führer«: »Eigentlich war ich nur neugierig. Ich stammte eben aus einem typischen ›unpolitischen‹, bürgerlichen Elternhaus der Weimarer Republik. Richtig ernst genommen hatte man diesen Hitler nie.« In der Fußballwelt des jungen Schön war so jemand nicht vorgesehen, weder wurde er gebraucht, noch störte er sonderlich.
Den nachhaltigeren Eindruck hinterließ bei Schön offensichtlich die äußerst positive Kommentierung seiner Spielkünste in einigen Sportzeitungen. Am Ende des Olympia-Lehrgangs, am 7. Oktober 1933, hatten die talentiertesten Fußballer in zwei Mannschaften gegeneinander gespielt. Auf dem legendären Platz der Berliner Hertha, der »Plumpe«, gewann Schöns Truppe mit 4:3; drei der vier Siegtore hatte der Dresdner beigesteuert. Der süddeutsche »Fußball« vergab an sechs der 22 Akteure die Note »gut«, auch an Schön, dem die Zeitung »ausgezeichnete Ballverteilung« attestierte.
Geradezu euphorisch berichtete der Reporter der Berliner »Fußballwoche«: »Liebling aller Zuschauer war gleich der lang aufgeschossene, blonde Mittelstürmer Schön (Dresdner Sportklub), ein Spieler, welcher in seiner ganzen Art unserem Franke stark ähnelt, nur ist Schön offenbar noch mitten im Wachstum und das bedeutet natürlich – abwarten! Aber Schön macht herrliche Sachen. Er stand nicht nur immer weit vorne, um dann vielleicht allein mit dem Ball loszuziehen, nein, seine Hauptstärke war seine fast vorbildliche Ballverteilung. Ein großes Talent!«
Es gab in den folgenden Jahren noch viele Lobeshymnen auf den Stürmer Schön. Aber auf diese erste war er so stolz, dass er sie nicht nur ausschnippelte und in seine Kladde klebte, sondern viel später in all seinen publizierten Erinnerungen, denen von 1964, von 1970 und von 1978, abdrucken ließ. In voller Länge.
In den dreißiger Jahren waren die Fußballberichte der Zeitungen noch nicht so umfangreich und personenbezogen wie heute. Daher ist es bemerkenswert, dass Helmut Schön bereits bei seinen ersten Auftritten so hervorgehoben wurde. Den Beobachtern mag er in verschiedener Hinsicht aufgefallen sein. Zunächst einmal war es seine jugendliche Gestalt: Mit einer Körpergröße von knapp 1,90 Metern überragte er meist alle Mitspieler, doch im Grunde schien er noch viel zu dünn und schlaksig für einen Leistungssportler. Beeindruckend war offenbar seine Spielweise, die für ein so junges Talent erstaunliche Übersicht und Spielintelligenz erkennen ließ. Schließlich wurde oft die Empathie hervorgehoben, mit der er zu Werke ging und die auch aus den Fotos spricht, die aus jener Zeit existieren: Da spielte einer mit purer Freude; einer, der sich nicht nur über ein Tor oder einen Sieg freute, sondern auch über einen gelungenen Spielzug oder das technische Kabinettstückchen eines Mitspielers. Es gibt beispielsweise ein unscharfes Foto, auf dem man Richard Hofmann gekonnt einen hohen Ball annehmen sieht, und hinten schaut der junge Schön zu und lacht aus vollem Herzen.
All diese Elemente finden sich auch in den Berichten über seinen ersten Pflichtspieleinsatz in der ersten Mannschaft, der am 15. Oktober 1933 stattfand. Die Dresdner waren zu Gast beim wichtigsten Konkurrenten in der neu geschaffenen Gauliga Sachsen, dem Polizeisportverein Chemnitz. Der Zufall wollte es, dass an diesem Wochenende die NSDAP des Kreises Chemnitz eine Tagung abhielt, weshalb diverse Nazigrößen im Stadion saßen, darunter Reichsstatthalter Mutschmann. Was wiederum dazu führte, dass dieses Spiel in der Presse zusätzliche Aufmerksamkeit erfuhr.
Beim DSC hatte der langjährige Mittelläufer, Georg Köhler, seinen Abschied angekündigt, und auf der Suche nach einem Nachfolger war der Verein noch nicht fündig geworden, weshalb experimentiert wurde. In Chemnitz übernahm Richard Hofmann die Rolle des Lenkers im Mittelfeld, daher wurde sein Platz im Sturm frei, und Helmut Schön erhielt seine Chance. Vor Ort weilte auch ein Berichterstatter der überregionalen Fachzeitung »Fußball«, der von Hofmanns Mittelläufer-Qualitäten nicht so recht überzeugt war, seinen Text aber fortsetzte: »Andererseits darf sich der D.S.C. nach dem Chemnitzer Großtreffen unbedingt zu seinem vor einigen Wochen für die Repräsentation seiner Farben bestimmten Junior Schön beglückwünschen, der als Sturmführer seine Vorzüge einmal mehr in helles Licht zu setzen verstand, so daß er auch auf seine Nebenleute mitreißend wirkte« (die, muss man hinzufügen, allesamt gestandene DSC-Größen waren wie die Nationalspieler Sackenheim und Schlösser).
Der Neue war der Mann des Tages, erzielte das erste Tor und gab die Vorlagen für beide weiteren Treffer des DSC, der das Spiel 3:2 gewann. Unter den 20.000 Zuschauern befanden sich 700 Dresdner, die mit dem Sonderzug angereist waren. Nach dem Schlusspfiff riefen sie den Zeitungsreportern zu: »Nu fahr’n m’r vergniegt heeme.«
Während der »Fußball«-Korrespondent den Debütanten Schön uneingeschränkt lobte, blieb der Berichterstatter des »Dresdner Anzeigers« zurückhaltender: »DSC. nahm für dieses so bedeutende Treffen den Junior Schön auf den so bedeutenden Posten des Mittelstürmers, vielleicht etwas früh für den schmalen, hochaufgeschossenen Jungen. Aber seine feinen, schulgerechten Vorlagen, verbunden mit Hofmanns Energie als Mittelläufer, retteten in den dramatisch bewegten, drangvollen Viertelstunden Vorsprung, Sieg und Punkte. […] Schade, daß der sympathische 17-jährige [sic] Schön so früh in die ›Knochenmühle‹ des Punktkampfes hineingenommen wurde. Für so anstrengende Aufgaben fehlt ihm doch wohl noch etwas Puste.«
Die Sorge, das junge Talent könne zu früh »verheizt« werden, trieb einige Wochen später auch den »Fußball« um. Sein Berichterstatter schrieb vom »befähigten Junior Schön, dem hoffentlich nicht zu viel von der DSC.-Leitung zugemutet wird«. Allerdings wurde Schön nicht bei jedem Spiel eingesetzt und zwischendurch immer mal wieder geschont. In der Vereinszeitung beeilte man sich zu versichern: »Wir werden Schön immer wieder in geeigneten Spielen einsetzen, wobei wir uns selbstverständlich bewußt sind, daß zwischen solchen Spielen entsprechende Ruhepausen liegen müssen.«
Um die Deutsche Meisterschaft
Schöns erste Trophäe, gewonnen im Dezember 1933, trägt keinen schönen Titel. Es handelte sich um den »Mutschmann-Pokal«, vom Reichsstatthalter ausgelobt für eine Art sächsischer Pokalrunde. Im Finale, das in Anwesenheit Mutschmanns im Ostragehege stattfand, beendete der DSC mit einem glatten 6:1 den Siegeszug der zweitklassigen Dresdner Sportfreunde, die zuvor überraschend VfB Leipzig und Polizei Chemnitz ausgeschaltet hatten. Schön spielte Mittelstürmer und musste anschließend mithelfen, des Statthalters protzigen Pokal wegzuschleppen, der laut »Fußball« »in seiner Form lebhaft an den heißumkämpften ›Pokal der Arbeit‹, den Pokal unseres sportverständigen und sportbegeisterten Führers«, erinnerte.
Der DSC gewann in Schöns Debüt-Saison 1933/34 auch die Gauliga Sachsen und war damit qualifiziert für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, die in vier Vorrundengruppen ausgetragen wurde. Der DSC musste gegen Borussia Fulda, 1. FC Nürnberg und Wacker Halle antreten. Im ersten Spiel gegen Fulda wurde Schön noch geschont, doch er war dabei, als es im April zum Altmeister 1. FC Nürnberg ging. Der »Fußball«, der in Süddeutschland seine größte Lesergemeinde hatte, kündigte ihn dem Publikum als Attraktion an: »Nürnberg wird sich über den Mann, wenn er nur seine Normalform mitbringt, sehr wundern.« Mittelstürmer Schön erreichte mehr als seine Normalform und erzielte beim 2:1-Sieg gleich beide Dresdner Tore. Seine Treffer waren »Glanzleistungen an Ballführung und Situationsbeherrschung«, wie der »Fußball« urteilte. Auch der »Deutsche Fußballsport«, amtliches Organ des DFB, lobte ihn: »Besonders ihr junger Mittelstürmer ließ die früheren Besetzungssorgen im Sturm vermissen. Er schoss zwei sehr schöne Tore.«
Spätestens dieses Endrundenspiel bedeutete wohl den endgültigen Durchbruch für den Youngster. Noch mehr als drei Jahrzehnte später, im Mai 1968, erinnerte sich Torhüter Willibald Kreß bei einer öffentlichen Veranstaltung an Schöns damaligen Auftritt: »Wir hatten Stürmer-Sorgen. Es blieb uns nichts anders übrig, als auf die Jugendmannschaft zurückzugreifen. Da gab’s so einen langen, schlaksigen Kerl – den ließen wir kommen. Und dieser lange Bursche ließ zweimal die gesamte Nürnberger Hintermannschaft stehen, spielte auch noch Torwart Köhl aus und spazierte mit dem Ball ins Tor. Das war beinahe unverschämt.«
Dank seiner beiden Treffer konnte Gymnasiast Schön auch sein Taschengeld aufbessern. Der Wirt des DSC-Vereinslokals hatte für jedes Tor dem jeweiligen Schützen 20 Mark versprochen. Da es nur einen Torschützen gab, wollte der gute Mann auch nur 20 Mark zahlen, doch Richard Hofmann, so erzählte es Schön, sorgte »für klare Verhältnisse«, und der Schüler war um 40 Mark reicher.
Trotz des überraschenden Auswärtssieges reichte es in der Endrunde 1934 nicht zum Gruppengewinn. Die Nürnberger konnten sich durch einen Sieg im Rückspiel knapp durchsetzen; nur aufgrund eines besseren Torquotienten erreichten sie das Halbfinale. (Die heute gültige Tordifferenz hätte für den DSC gesprochen.) Auch dort kam der »Club« weiter, doch im Endspiel verlor er gegen die kommende Übermannschaft, den FC Schalke 04, der damals seinen ersten nationalen Titel holte. Die Dresdner trösteten sich im Ostragehege mit einem Freundschaftsspiel gegen Real Madrid, das mit seiner Torhüterlegende Ricardo Zamora anreiste. Schön, Hofmann, Kreß und Co. bekamen beim 0:3 eine Lehrstunde erteilt.
Im Verlauf einer einzigen Spielzeit war Schön vom Nachwuchstalent nicht nur zum Stammspieler aufgestiegen, sondern gleich zu einem der Leistungsträger und Stars des Dresdner SC. Der »Fußball« glaubte sogar, der »ungemein begabte Mittelstürmer Schön« sei derzeit »der bedeutendste D.S.C.ler«. Eine atemberaubende Karriere – schließlich ging er noch immer aufs Gymnasium und war noch immer einer, der respektvoll zu den älteren Teamkollegen aufsah. Den »Fußball«, der in München erschien, las der junge Mann anscheinend nicht – in seiner Kladde gibt es jedenfalls keine Ausschnitte daraus. So verpasste er womöglich auch die Ausgabe vom 18. Dezember 1934, in der die Fachzeitschrift ihm ein persönliches Porträt widmete – eine Ehre, die selten vorkam.
»Sachsens Olympiakandidat Helmuth Schön zählt bestimmt zu den jüngsten Stars des deutschen Fußballreiches«, begann der ausführliche Artikel (in dem Schöns Vorname, wie künftig noch oft, falsch geschrieben wurde). Im Rückblick auf dessen Werdegang wurde betont, Schön sei kein »Gezogener«, also kein von einem anderen Verein Verpflichteter, »wie so viele andere Größen der Gegenwart«. Es folgte eine Aufzählung der »hervorragenden technischen Anlagen dieses Jungen. […] Es zeichnen ihn in allererster Linie vollendete Körperbeherrschung, Täuschungsvermögen, sichere Ballführung, uneigennützige Ballabgabe und ein grundgesunder Schuß aus allen ›Lebenslagen‹ aus. […] Persönlich ein überaus bescheidener, frischer, nicht angekränkelter Junge, so steht Schön in den Reihen der Olympiakandidaten des Reiches.«
So liest sich die Ouvertüre zu einer großen Karriere.
EXKURS
Helmut Schön und seine Lehrmeister
Schon als Junge schwärmte Helmut Schön für Matthias Sindelar, und diese Bewunderung hielt sich. Den Stürmerstar der Wiener Austria und der österreichischen Nationalmannschaft, des »Wunderteams«, nannte er auch später noch ernsthaft »mein Vorbild«. Die beiden glichen sich schon von der Statur her: schlank, hoch gewachsen und wenig robust. Auch die Spielweise von Schön und Sindelar wies Parallelen auf: Beide glänzten durch technische Eleganz und Dribbelstärke, besaßen Spielübersicht und bewiesen zudem Torgefährlichkeit.
Als der »Fußball« im Dezember 1934 auf die »papierene Verfassung« der »langen Latte« Schön hinwies, war dies wohl keine zufällige Anspielung auf den berühmten »Papierenen« Sindelar. Auch dem westdeutschen Sportjournalisten Willi Busse fiel die Ähnlichkeit auf. Er beobachtete den jungen Schön in einem Spiel der Gau-Auswahlen von Sachsen und Mittelrhein im Oktober 1934 und schwärmte: »Die Leistung dieses jungen Talents grenzte bereits an fußballerische Vollendung. […] Er spielte wie Sindelar! Mit Fuß und Kopf fehlerlos. Schnell in der Bewegung, mit technischen Einlagen wie Sindelar, als er den hoch heranfliegenden Ball virtuos zu dem zehn Meter weiter entfernten Chemnitzer Erwin Helmchen abrollen ließ. Ob Schön hart genug ist, um im Nahkampf seine Künste anzubringen? Er hat es nicht nötig, sich in körperliche Zusammenstöße einzulassen, weicht ihnen aalglatt aus.«
Es war der langjährige Chefredakteur der Berliner »Fußballwoche«, Ernst Werner, der dieses Zitat 40 Jahre später, im Januar 1976, noch einmal hervorkramte und kommentierte: »Kaum ins zwanzigste Lebensjahr eingetreten, mit Sindelar, den man seines leichten Gewichtes wegen den ›Papierenen‹ in Wien nannte und der trotzdem einer der brillantesten, erfolgreichsten Mittelstürmer aller Zeiten wurde, verglichen zu werden, das war ein Gipfellob für Schön.«
Der Missionar: Jimmy Hogan
Helmut Schön dürfte der Vergleich aus einem ganz anderen Grund gefallen haben: Sindelar galt zu seiner Zeit als der populärste Repräsentant des »Donaufußballs«. Fußball-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling nennt als Merkmale dieses Stils »präzises Flachpassspiel, gute Technik und geschicktes Stellungsspiel. Außerdem wurde – mehr als in England und Schottland – dem Individualismus Raum gelassen.«
Entwickelt hatte sich der »calcio danubiano« durch das Wirken britischer Trainer, die ab der Jahrhundertwende auf dem Festland Anstellungen suchten. Einige von ihnen propagierten das kraftvolle englische Kick-and-rush, andere die technisch anspruchsvollere schottische Spielweise, die mehr auf Kurzpass-Kombinationen angelegt war. Der bedeutendste von ihnen, laut dem Taktikexperten Jonathan Wilson sogar »der einflussreichste Trainer aller Zeiten«, war Jimmy Hogan. Der aus dem nordenglischen Burnley stammende Sohn irisch-katholischer Einwanderer spielte eine Weile für den FC Fulham, dessen damaliger Trainer das schottische Spiel bevorzugte. Hogan übernahm diese Philosophie, sah jedoch auf der Insel keine Möglichkeiten, seine Vorstellungen als Trainer zu verwirklichen, da die englischen Vereine sich zu dieser Zeit wenig für eine systematische Schulung ihrer Profis interessierten. So wurde er zum Entwicklungshelfer auf dem Kontinent.
Ab 1910 half er in Wien mehrfach Hugo Meisl dabei, dessen österreichische Nationalelf auf wichtige Spiele vorzubereiten. Diese Zusammenarbeit sehen die Meisl-Biografen Andreas und Wolfgang Hafer als »die Geburtsstunde jener Spielweise, die man später als ›Scheiberln‹ bezeichnete und die als besonderes Merkmal der Wiener Spielweise in den 1920er und 1930er Jahren gilt. Tatsächlich handelte es sich dabei im Wesentlichen um eine Variante des schottischen Kurzpassspiels, allerdings um eine kunstvolle, denn beim ›Scheiberln‹ ging es darum, den Ball möglichst ›einen halben Zentimeter unter der Grasnarbe‹ zu halten. Ein extremes, schnelles Flachpassspiel also, das den Gegner verwirren musste.«
Im Ersten Weltkrieg als »feindlicher Ausländer« vorübergehend interniert, kam Hogan schließlich nach Budapest und übernahm die Betreuung des Hauptstadtvereins MTK. Binnen Kurzem gelang es ihm, MTK, in dessen Reihen viele Juden mitspielten, zur führenden Mannschaft auf dem Kontinent zu machen. MTK-Gastspiele waren ungemein begehrt; der FC Bayern beispielsweise ließ sich im Juli 1919 klaglos mit 1:7 abbügeln. 12.000 Münchner schauten zu, für damalige Verhältnisse eine sensationelle Zahl. Die MTK-Elf verkörperte als erste Mannschaft den sich herausbildenden »Donaufußball«, der nicht nur erfolgreich war, sondern für Zuschauer deutlich attraktiver als Kick-and-rush.
Nach einigen weiteren Trainerstationen sowie einer erfolgreichen Rückkehr nach Budapest nahm Hogan 1927 das Angebot des Verbandes Mitteldeutscher Ballspielvereine an, im gesamten Verbandsgebiet Schulungskurse durchzuführen. Eindrucksvoll berichtet Jonathan Wilson darüber, wie Jimmy Hogan, der nur schlecht Deutsch sprach, die Verbandsoberen von seiner Kompetenz überzeugte: Als sein holpriger Vortrag zunächst Irritationen auslöste, zog der Referent kurzerhand seine Spielkleidung an und demonstrierte barfuß auf der Bühne sein technisches Können sowie seine Schusskraft. Die hölzerne Täfelung der Seitenwand musste dran glauben, die Verbandsherren waren tief beeindruckt und engagierten ihn auf der Stelle.
Ab 1928 übernahm Hogan gleichzeitig auch das Training beim Dresdner SC und blieb dort vier Jahre. Weil ihm die politische Situation in Deutschland Sorge bereitete, ging er 1932 nach Frankreich. Wenig später landete er dann doch wieder in Wien und war nun wesentlich beteiligt, als Hugo Meisls Nationalmannschaft, die inzwischen als »Wunderteam« Triumphe feierte, gegen England mit Bravour bestand. Zwar verloren die Österreicher in London mit 3:4, beeindruckten jedoch durch eine technisch brillante Vorstellung, mit Sindelar an der Spitze. Auch als die Engländer 1936 zum Gegenbesuch nach Wien kamen, betreute Hogan die Österreicher. Seine Schützlinge besiegten die Gäste aus dem »Mutterland« des Fußballs sensationell mit 2:1; beide österreichischen Treffer wurden von Sindelar vorbereitet. An solche Spiele dachte Helmut Schön, als er noch 1978 bekannte: »Ich war immer ein Liebhaber des guten österreichischen Fußballs der dreißiger und vierziger Jahre gewesen.« Zwar wurde diese Epoche vor allem mit der Person von Österreichs »Verbandskapitän« Hugo Meisl verbunden, doch auch dessen Enkel betonen in ihrer großen Meisl-Biografie die inspirierende Rolle des Engländers.
»Wo immer er sich gerade aufhielt, propagierte Hogan einen technisch versierten Fußball und trug so dazu bei, dass der englische Fußball vom europäischen Festland bald überholt wurde«, erläutert Jonathan Wilson. Hogans Lehren wirkten befruchtend für ganze Generationen von Kickern in Österreich, Ungarn, der Tschechoslowakei und Deutschland. Vor allem ehemalige MTK-Spieler wie Alfred Schaffer, Jenö und Kalman Konrad, Richard Dombi oder Dori Kürschner sorgten als Trainer für die Verbreitung des »Donaustils«. Stark beeinflusst davon wurden eine Reihe Wiener Teams sowie der FC Bayern, bei dem gleich vier ehemalige MTKler als Trainer wirkten. Auch der berühmte »Schalker Kreisel« der dreißiger Jahre könnte auf Hogans Schule zurückzuführen sein. Als der Engländer 1974 starb, erklärte der damalige DFB-Generalsekretär Hans Paßlack, Hogan sei der Begründer des »modernen Fußballs« in Deutschland gewesen.
Den DSC führte Hogan in seiner Dresdner Zeit dreimal zur mitteldeutschen Meisterschaft, 1930 ins Halbfinale um die »Deutsche«. Doch nicht diese Erfolge machten seine Wirkung aus, und auch nicht ausschließlich der von ihm bevorzugte Spielstil. Vor allem predigte er die generelle Notwendigkeit eines systematischen und durchdachten Trainings, was in der damaligen Zeit noch nicht selbstverständlich war. Er übte Schusstechniken ein, die beispielsweise auch dem dünnbeinigen Schön zu einem ordentlichen »Bums« verhalfen, er lehrte Körpertäuschungen und Abspieltricks (»nach rechts schauen, nach links abspielen«) und brachte seinen Spielern bei, in Zweikämpfen Fouls zu vermeiden.
Wie erwähnt, bezog er auch Leichtathletiktrainer Woldemar Gerschler mit ein, um die Laufleistungen seiner Kicker zu verbessern. Der damals noch junge Gerschler stieg später zum Reichstrainer sowie nach dem Krieg zum Dozenten am Institut für Leibesübungen in Freiburg auf. Helmut Schön über die Zusammenarbeit von Fußball-und Leichtathletiktrainer beim Dresdner SC (in einem Manuskript von 1950): »Gerschler führte damals das Konditionstraining für die Senioren durch, während Jimmy Hogan sich fast ausschließlich um die fußballtechnischen Belange widmete. […] Sein pädagogisches Geschick brachte es fertig, uns mit allen Geheimnissen der Fußballtechnik so vertraut zu machen, daß wir kaum noch Schwierigkeiten mit dem Ball kannten.« Zudem legte er viel Wert auf einen geschickten Masseur, den er im Mechaniker (!) Kurt »Lille« Kühn fand.
Eines Tages erschien Hogan mit Enrico Rastelli zum Training am Ostragehege. Rastelli galt als größter Balljongleur seiner Zeit und zeigte den staunenden DSC-Jungs, was man mit einem Fußball alles anstellen kann: zum Beispiel ihn hoch in die Luft köpfen und mit der Ferse aufnehmen – zwischendurch aber noch einen Salto vollführen. Als der Ballartist dann ein Trainingsspielchen mitmachte, zeigte sich allerdings rasch die Grenze seiner Kunst: Von Gegnern bedrängt und von Mitspielern gefordert, nutzten ihm seine schönen Tricks nicht viel. Hogans Lernziel war erreicht: Er hatte demonstrieren wollen, dass es nicht reicht, am Ball alles zu können.
Als Hogan vom Dresdner SC wegging, hatte er »diesen Club erst zur wirklichen Klasse geformt«, wie Schön in seinen Erinnerungen schrieb. Zwei Jahre nur währte die gemeinsame Zeit der beiden beim DSC, aber noch als arrivierter Bundestrainer dachte Schön »voller Dankbarkeit« an Hogan, und »sein markanter Kopf mit dem grauen Haar ist mir auch jetzt vor Augen, wenn ich über ihn schreibe«. Die Erinnerung an ihn dürfte Schön in seinem Faible für einen technisch anspruchsvollen Fußball bestärkt haben. 1938 trafen sich Schön und Hogan noch einmal in Berlin, am Rande eines Länderspiels Deutschland gegen England. Der Engländer freute sich über die Erfolge seines einstigen Schützlings, worüber Schön »sehr stolz« war. Danach verloren sie sich aus den Augen, doch, so Schön, »geblieben ist meine Verehrung für ihn«.
Der Gentleman: Georg Köhler
Hogan hinterließ in Dresden ein nachhaltig wirksames Erbe. Nach einem einjährigen Engagement des ehemaligen Schalke-Trainers Hans Sauerwein 1932/33 setzte man beim DSC auf Übungsleiter, die in Dresden unter Hogan gespielt hatten und von ihm geformt worden waren. Neben Richard Hofmann, der zeitweilig als Spielertrainer tätig war, wirkte vor allem der langjährige Mittelläufer und fünffache Nationalspieler Georg »Schorsch« Köhler als Vereinscoach; er führte die Mannschaft um Helmut Schön zwischen 1940 und 1944 zu ihren großen Erfolgen in Meisterschaft und Pokal.
Über den Trainer Georg Köhler ist wenig überliefert, über den Spieler und Menschen etwas mehr. Der im Februar 1900 geborene Dresdner schloss sich bereits mit neun Jahren dem DSC an. 1925 erreichte er mit ihm die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft und debütierte in der Nationalelf. Der englische Fußballpionier William Townley nannte ihn einen »begnadeten Spieler mit seltener Bescheidenheit«. Diese Charakterisierung trifft es recht gut. Köhler zeichneten Kopfballstärke und Spielübersicht aus, er »setzte Glanzpunkte, ohne vordergründig für die Ränge glänzen zu wollen« (Townley). Helmut Schön bezeichnete ihn als einen »königlichen Beherrscher des Mittelfeldes« und schilderte zugleich Köhlers außergewöhnliche Fairness und Zurückhaltung auf dem Platz: »Sein sportliches Verhalten verleitete seine Mitspieler manchmal zu der Bemerkung, dass er nach einem Tritt gegen sein rechtes Bein den Gegner eingeladen habe, auch noch das linke zu treffen.«
In seinem Buch »Fußballheimat Dresden« beschreibt Peter Salzmann den »Schorsch« Köhler als einen »aus tiefstem Herzen Humanisten und Sportler« und zitiert dessen Leitmotiv: »Wer Fußball spielt, muß zur Freundschaft fähig sein. Deshalb ist das Wort ›Gegner‹ grundfalsch; besser ist: Kontrahent.« Eine Anekdote über Köhler geht so: Bei einem Gastspiel des berühmten Vereins Peñarol Montevideo vor 40.000 im Ostragehege bekamen die Dresdner einen zweifelhaften Strafstoß zugesprochen. Köhler schob den Ball vom Elfmeterpunkt sanft in die Arme des uruguayischen Torwarts und vergab damit absichtlich eine Siegchance. Als sich seine Mitspieler empörten, erklärte der »Schorsch« ungerührt: »Der Elfmeter war unberechtigt.«
Mit seinem Mannschaftskameraden Richard Hofmann pflegte Köhler in höflicher Form und »per Sie« während des Spiels Fehler zu erörtern. Als Trainer stand er dann mit Anzug und Krawatte am Spielfeldrand. Nicht nur dieses Outfit hatte er von seinem Vorgänger Hogan übernommen, sondern auch die Zusammenarbeit mit Leichtathletiktrainer Woldemar Gerschler. Helmut Schön schrieb 1970, er habe dem »großen Sportsmann und beliebten Kameraden« Köhler »sehr viel zu verdanken«. Mag sein, dass er damit die Titel meinte, die er als Spieler unter dem Trainer Köhler gewann. Möglicherweise aber stärker noch dessen Vorbildfunktion in Sachen Fairness.
Über unsportliches Verhalten Helmut Schöns als Spieler ist praktisch nichts bekannt. Er selber reklamierte für sich, sich an die zentrale Verszeile des alten DSC-Vereinsliedes zu halten: »Im Glück stets bescheiden, im Unglück aber stark.« Die einzig bekannte Anekdote, die eine Unfairness Schöns auf dem Platz dokumentiert, stammte von ihm selbst: Als 19-Jähriger sei er bei einem Meisterschaftsspiel in Chemnitz vom gegnerischen Mittelläufer »etwas unsanft, aber doch korrekt« zu Fall gebracht worden. »Ich schrie, als hätte ich ein verrostetes Messer im Rücken, und sauste in gekonntem Gleitflug in den Strafraum, mit der Absicht, einen Strafstoß herauszuschinden.« Doch der Schiedsrichter fiel auf die Schwalbe nicht herein und lachte den Missetäter aus. Der beschämte Schön verkniff sich fortan solche Schauspielerei.
In diesem Fall war ein Schiedsrichter der »Lehrmeister«. Doch hat wohl vor allem der höfliche »Schorsch«, zu Schöns aktiver Zeit die graue Eminenz der DSC-Fußballer, bei solchen Lernprozessen als Vorbild gedient. Vielleicht hat er durch sein Gentleman-Verhalten dazu beigetragen, dass der Spieler wie der spätere Bundestrainer Schön sportliche Fairness predigte und verkörperte. Vergessen hat ihn Schön jedenfalls nicht. Im Februar 1960, in seiner Zeit als Herbergers Assistenztrainer, schickte er Köhler zu dessen 60. Geburtstag ein Päckchen und im Namen des DFB ein Glückwunschtelegramm nach Dresden.
Die Reichstrainer: Otto Nerz und Sepp Herberger
Zum Olympia-Lehrgang 1933 wurde Schön noch von Reichstrainer Otto Nerz eingeladen; als er vier Jahre später sein erstes Länderspiel absolvierte, war Nerz faktisch von Sepp Herberger abgelöst worden. Nerz’ Verhängnis hieß Magnar Isaksen und war jener norwegische Stürmer, der mit seinen beiden Toren die deutsche Nationalmannschaft aus dem olympischen Turnier 1936 kickte. Als ein Grund für die Niederlage wird das überharte Training vermutet, das Nerz vor dem Spiel angeordnet hatte. Nach seiner Blamage unter den Augen des »Führers« schwand die Autorität des Reichstrainers beträchtlich.
1926 hatte Nerz als erster hauptamtlicher DFB-Cheftrainer sein Amt angetreten, um die erschreckenden Organisationsdefizite rund um die Nationalelf zu beheben. Das »vom Fußball besessene Arbeiterkind«, so der Autor Hardy Grüne, »führte in Deutschland nicht nur viele taktische Neuheiten ein, sondern setzte zudem auf moderne Trainingsmethoden, achtete auf die körperliche Fitness seiner Spieler und legte Wert auf die bis dato völlig vernachlässigte medizinische Betreuung der Aktiven«.
Nerz sah sein Vorbild im englischen Fußball und dort vor allem im Modernisierer Herbert Chapman. Der erfolgreiche Arsenal-Coach professionalisierte die Arbeit englischer Vereinsmanager erheblich. Vor allem aber gilt er als Vater des W-M-Systems. Nach einer Lockerung der Abseitsregel (zwischen Angreifer und Torhüter musste nur noch ein Gegenspieler stehen statt zuvor zwei) sowie der dadurch ausgelösten Torflut tüftelte Chapman ab 1925 an einer besseren Defensivstrategie. Er fand sie, indem er den bisher offensiv ausgerichteten Mittelläufer zurückbeorderte, um mit ihm als »Stopper« die bislang nur zweiköpfige Verteidigung zu verstärken. Dafür wurde der bisher aus fünf Stürmern bestehende Angriff umgruppiert; beide Halbstürmer ließen sich fortan zurückhängen. Es entstand eine 3-2-2-3-Anordnung, oder besser gesagt: Die Formation entsprach in der Offensive einem »W«, das vor einem »M« aus Abwehr und Mittelfeld stand – das W-M-System.
Die gute alte »Schottische Furche«, das offensive 2-3-5, war damit passé, was von Fußballästheten wie dem Österreicher Willy Meisl heftig bedauert wurde. Taktikexperte Jonathan Wilson kommentierte den Konflikt: »Es ist nun mal eine traurige Wahrheit, dass diejenigen, die gewinnen wollen, sich auch unattraktiver Methoden bedienen. […] Die Österreicher hätten es trotz ihres ästhetischen Bewusstseins wohl ebenso getan, wäre ihnen der Faschismus nicht zuvorgekommen. Goldene Zeitalter sind nun mal nicht für die Ewigkeit bestimmt.«
Auch in Deutschland war das von Nerz importierte W-M-System nicht unumstritten; vor allem einige süddeutsche Vereine, die sich am »Donaufußball« orientierten, zögerten mit der Umstellung. Doch da Nerz in dieser Frage die volle Rückendeckung der DFB-Spitze besaß, setzte sich die neue Philosophie allmählich durch. In Dresden nahm Georg Köhler, ein Mittelläufer des alten, offensiven Schlages, laut Schön zu jenem Zeitpunkt seinen Abschied, »als sich der DSC gleichfalls zur Einführung des Stopper-Systems entschloß«; das war vermutlich im Jahr 1934.
Etwa zu dieser Zeit hatte Helmut Schön eine zweite direkte Begegnung mit Otto Nerz. Er profitierte von dessen System der Nachwuchsförderung und war zu einem Kurs der Nationalelf geladen worden, zu dem sich neben den etablierten Größen wie Paul Janes, Hans Jakob oder Fritz Szepan auch junge Talente ohne Länderspielerfahrung einfanden. Als es zu einem Übungsspiel zwischen A-Team und Youngstern kam, saß Schön zunächst auf der Bank. Plötzlich hörte er den Ruf: »Bärschl! Mach dich fertig und geh aufs Feld!« Am autoritären Tonfall und dem Ausdruck »Bärschl« – was wohl »Bürschchen« heißen sollte – war unschwer Otto Nerz zu erkennen. Schön sollte für den verletzten Mittelstürmer der Nachwuchs-Elf einspringen. Unglücklicherweise hatte er vergessen, die abgelaufenen Stollen seiner Fußballschuhe zu ersetzen, und da es in Strömen regnete, rutschte er nun mehr über den Platz, als dass er lief. Nerz belehrte ihn daraufhin, »daß ein Fußballspiel nicht mit dem Anpfiff beginnt, sondern daß auch eine entsprechende Vorbereitung dazu gehört«.
In dieser kurzen Episode, bei der auch Sepp Herberger zugegen war, sah dessen Biograf Jürgen Leinemann eine symbolträchtige Situation, »die an diesem Vormittag 1934 drei Generationen von Nationaltrainern zusammenführte – die Betreuer der deutschen Elf von 1926 bis 1978, mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher Fußballgeschichte verdichtete sich in diesen drei Personen.«
Allerdings dürften die unmittelbaren Einflüsse des Fußballlehrers Nerz auf den Spieler und späteren Trainer Schön eher gering gewesen sein. In gewisser Weise vermittelten sie sich über Sepp Herberger, denn der übernahm und verfeinerte noch den Nerz’schen Perfektionismus, Länderspiele und Turniere vorzubereiten. In dieser Tradition standen bis heute nahezu alle DFB-Cheftrainer. Allerdings schaffte Herberger den Kasernenhofton seines Vorgängers ab und gewährte den Spielern auf dem Platz mehr Freiräume. Tobias Escher vom Taktik-Blog »spielverlagerung.de«: »Er verbannte das kämpferische Element nicht, forderte aber im Angriff mehr Kreativität. Herberger baute seine Mannschaft stets um einen genialen Kopf. Einen Spielmacher, um den sich das Spielgeschehen gruppierte. Dieser Spielmacher war die rechte Hand Herbergers auf dem Platz. Eine Autorität neben der Trainerautorität – genau das wollte Nerz immer vermeiden.«
Auch der Bundestrainer Schön installierte, wann immer es ging, einen Spielmacher als verlängerten Arm auf dem Platz und berief sich dabei ausdrücklich auf die Tradition seines Vorgängers. Wie noch ausgeführt wird, favorisierte er dabei allerdings einen deutlich kooperativeren Modus als Herberger. Dessen Führungsstil war zwar weniger militärisch geprägt als der Nerz’sche, blieb aber patriarchalautoritär. Herberger verstand sich nun einmal so, wie seine Spieler ihn auch nannten: als »Chef«. So sah ihn damals auch der Nationalspieler Schön. Herbergers Anweisungen hatten für ihn Gesetzeskraft, und nicht im Traum wäre es ihm eingefallen, dem Trainer mit taktischen Vorschlägen zu kommen.
In seiner verhältnismäßig kurzen Länderspielkarriere zwischen 1937 und 1941 dürfte Helmut Schön von Herbergers taktischer Neuerung profitiert haben, den Angriff variabler zu gestalten. Alle fünf Angreifer sollten dazu in der Lage sein, die Positionen zu tauschen, alle mussten sich am Kombinationsspiel beteiligen, der Mittelstürmer sich nicht allein als Vollstrecker sehen, sondern auch als Vorbereiter. Tobias Escher: »Herberger taufte seine Spielidee ›Wirbel‹: flexible Positionswechsel, die den Gegner überraschen und verwirren sollten.« Das entsprach dem Spielverständnis von Schön, der gerne mal als nomineller Mittelstürmer, mal als Halbstürmer auflief und während des Spiels vor allem mit Richard Hofmann die Rollen tauschte.
Als Helmut Schön damit im Verein die großen Erfolge einfuhr, hatte er sich längst vom gehorsamen Befehlsempfänger zum eigenständigen Kopf auf dem Platz entwickelt. Vielleicht half ihm dabei sogar die frühzeitige Ausmusterung durch den Reichstrainer Herberger nach nur 16 Länderspielen. Da er mit dessen Allgewalt nicht mehr konfrontiert war und im eigenen Verein ein autoritär gepolter Trainer nicht existierte, besaß Helmut Schön mehr Freiräume und stärkeren Einfluss auf die Spielweise seiner Mannschaft. »Führereigenschaften« erkannte bei ihm Otto Nerz, als er 1943 im »Kicker« das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft kommentierte. Etwas weniger im Stil der Zeit war dieser Beitrag übertitelt: »Schön wieder Drehpunkt der Dresdner Elf«. Gemeint war dasselbe: Schön bestimmte die Taktik und den Rhythmus des Dresdner Spiels. Von einem Trainer am Seitenrand war in dem ganzen seitenlangen Artikel nicht die Rede. In gewisser Weise hatte ihn offenbar Schön bereits ersetzt.
Der Ahne: Richard Girulatis
Als Helmut Schön dann tatsächlich Trainer geworden war, ging er ganz unmittelbar durch Herbergers Schule, zunächst 1950 in einem Lehrgang, zwischen 1956 und 1964 als dessen Assistent. Er hat, wie noch gezeigt wird, Herbergers Einfluss nie geleugnet, sondern im Gegenteil die Kontinuitäten in der Trainerarbeit mehrfach hervorgehoben. Zuweilen hat er auch an Jimmy Hogan erinnert, einmal aber an einen noch älteren Lehrmeister. Das war 1975 auf einem Trainerkongress, der in List auf Sylt stattfand. Dort hielt Schön ein Referat, und ausgerechnet zum Thema »Die Zukunft im modernen Fußball« pries er die Lehren des »Vaters aller deutschen Fußballtrainer«.
So bezeichnete Sporthistoriker Erik Eggers in einem ausführlichen Porträt Richard Girulatis, der mit seinem 1919 erstmals erschienenen Lehrbuch »Fußball. Theorie, Technik, Taktik« die Grundlagen für das Trainerwesen in Deutschland schuf. Der Sohn eines Schmiedes, 1878 in Berlin geboren, gründete als 14-Jähriger mit anderen sportbegeisterten Jugendlichen den Berliner Thor- und Fußballclub Union 92, der 1905 Deutscher Meister wurde. Zu diesem Zeitpunkt weilte Girulatis in den USA, wo er auch das Sportsystem an den Universitäten studierte und sich Fachkenntnisse aneignete, die im Deutschen Reich damals kaum anzutreffen waren. Nach seiner Rückkehr war er bei den Vereinen daher ein begehrter Mann. Mit Tennis Borussia Berlin feierte er bald sportliche Erfolge. Auch der DFB sicherte sich seine Dienste; unter anderem sollte er die deutsche Elf auf die für 1916 in Berlin geplanten Olympischen Spiele vorbereiten. Einige Kurse fanden statt, dann verhinderte der Erste Weltkrieg weitere olympische Aktivitäten.
Nach dem Krieg war Girulatis vor allem als Dozent an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin tätig, wirkte aber zwischendurch immer auch praktisch als Trainer bei Spitzenvereinen wie Hertha BSC und Hamburger SV. In der NS-Zeit zog sich der überzeugte Sozialdemokrat aus dem Fußball zurück, weil er bei der Politisierung und Arisierung des Sports durch die Nazis nicht mitmachen wollte. Für ihn hatte, wie Erik Eggers zitiert, der Sport »frei von jeder nationalen Überhebung« zu sein. Die Nachkriegspraxis, ehemalige NSDAP-Mitglieder wieder in Amt und Würden zu heben und »solche Leute sofort nach ihrer Entnazifizierung wieder auf die deutsche Jugend loszulassen, wie z.B. Herberger«, mochte er nicht verstehen. Er selbst wirkte in der Bundesrepublik eher im Hintergrund am Wiederaufbau einer seriösen Fußballlehrerausbildung mit.
In seinem mehrfach aufgelegten und überarbeiteten Lehrbuch empfahl Girulatis ein wissenschaftlich fundiertes Training, Übungen für Technik und Kombinationsspiel sowie seriöse Spielvorbereitung. Helmut Schön, der sich schon als Spieler für Trainings- und Taktiklehren interessiert haben muss, dürfte Girulatis’ Bestseller wohl gelesen haben. Manches davon hat er jedenfalls verinnerlicht – so sehr, dass er sich noch 1975 daran erinnerte.
Das, was er in seinem Vortrag zum »modernen Fußball« besonders hervorhob, war ein Credo, das er selbst als Trainer schon oft formuliert hatte – ansonsten allerdings, ohne den alten Lehrmeister dabei zu erwähnen. Jetzt tat er es: »Ich denke in diesem Zusammenhang immer an einen unserer ersten Kollegen, nämlich Girulatis, der 1921 in seinem Lehrbuch einige Sätze niedergeschrieben hat, die auch heute noch Gültigkeit haben und das erstrebenswerte taktische Ziel einer Mannschaft sein sollten. Girulatis versteht unter Taktik im Fußball die Fähigkeit und die Absicht, das eigene Spiel durchzusetzen und das Spiel des Gegners im Keime zu ersticken. Damit ist eigentlich alles über Angriff, Abwehr und taktische Auffassung des Spiels gesagt. Wir sprechen so oft davon, dass wir unser Spiel den Gegebenheiten und dem Gegner anpassen sollten. Viel besser ist es, wenn wir vorweg gehen und mit unseren Mannschaften unser Spiel dem Gegner aufzwingen. Soll er sehen, wie er mit uns fertig wird.«
In gewisser Weise hätte das auch Joachim Löw sagen können. Oder Sepp Herberger. Es gibt taktische Überlegungen, die zeitlos sind. Wie auch der wichtigste Lehrsatz des Richard Girulatis, den fast alle Fußballer kennen, ohne zu wissen, von wem er stammt: »Elf Freunde müsst ihr sein, um Siege zu erringen.«
KAPITEL 2
Höhenflug und harter Boden
1935 bis 1941: Die Zeit bei der Nationalmannschaft
Vor den Osterferien, mit denen seinerzeit das Schuljahr endete, bestand Helmut Schön 1935 am Bischöflichen St.-Benno-Gymnasium die Abiturprüfung. Das Zeugnis wies überwiegend gute Noten aus. »Sehr gut« hieß es in Religion, Französisch, Englisch und Geschichte; »genügend« gab’s in Mathematik, Chemie und Zeichnen, im Turnen erstaunlicherweise nur ein »Gut«. Auch als Schüler an der realgymnasialen, also neusprachlichen Abteilung hatte er das damals obligatorische Latein gelernt; an das eine oder andere lateinische Zitat erinnerte er sich später gerne.
Warum Schön unmittelbar nach dem Abitur eine Lehre bei der Sächsischen Staatsbank absolvierte, erschließt sich nicht so recht; echtes berufliches Interesse war es wohl nicht. Möglicherweise gewährte die Bank dem Sportler, der inzwischen lokale Prominenz erlangt hatte, besonders günstige Arbeitsbedingungen. Er sei »wie eine zoologische Attraktion« zwischen den Abteilungen herumgereicht worden, erzählte Schön in seiner Autobiografie. Gelernt habe er fast nichts, auch wenn er am Ende das Diplom als Bankkaufmann erhielt. Sein Gehalt wuchs während der drei Lehrjahre von 28 auf 58 Mark.
Vom Fußball leben konnte ein Gauligaspieler jedenfalls nicht. Schön berichtete, er habe pro Spiel eine Entschädigung von fünf Mark erhalten und für eine Trainingsteilnahme drei Mark, wobei zwei- bis dreimal die Woche trainiert wurde. Allerdings gab es das Geld nicht in bar, sondern als Essensgutschein für das Vereinskasino. Den konnte er sich manchmal vom Wirt auszahlen lassen.
In der Presse hielt die Begeisterung über Schöns Fußballkünste an. Der »Kampf«, eine regionale »Illustrierte Sport-Wochenschrift«, rühmte seine »unnachahmlich elegante Art«, als der Dresdner SC im Oktober 1934 den VfB Leipzig 7:2 schlug; fünf Treffer stammten von Schön, damals noch Abiturient. Die Zeitung setzte ein Foto des Jungen auf die Titelseite. Man diskutierte, wann mit der ersten Berufung zur Nationalelf zu rechnen sei.
Zunächst allerdings musste Helmut Schön erste Rückschläge verkraften. Im Dezember 1934, bald nach der Gala gegen Leipzig, zog er sich eine nicht näher bezeichnete Verletzung zu, für deren Behandlung er sich in ein Sanatorium begeben musste. Als er auf den Platz zurückgekehrt war, verlor er bald seinen Sturmpartner. Die Werbeaufnahme, für die Richard Hofmann eineinhalb Jahre zuvor mit der »Bulgaria Sport« in der Hand posiert hatte, trug diesem nun eine Sperre »auf Dauer« ein, sprich: für immer. Das Verfahren gegen Hofmann, das zunächst zu versanden schien, mündete in eine absurd drakonische Strafmaßnahme, verhängt durch die ideologischen Gralshüter des Amateurismus an der DFB-Spitze, die offenbar demonstrieren wollten, dass sie zum Durchgreifen entschlossen waren. Immerhin traf es mit »König Richard« einen der populärsten Fußballer im Deutschen Reich. Und einen der erfolgreichsten Nationalspieler: Mit seinen damals 24 Toren in 25 Länderspielen war er mit Abstand der beste Torschütze der Nationalelf; der zweitbeste kam lediglich auf 14 Treffer.
Im Nationaltrikot sollte Hofmann nicht mehr auflaufen, auch wenn beim Länderspiel gegen die Tschechoslowakei Ende Mai 1935 im Dresdner Ostragehege 65.000 Zuschauer »Hofmann frei« skandierten, während der DFB-Fachamtsleiter Felix Linnemann peinlich berührt auf der Tribüne saß; die Zeitungen berichteten ganz offen darüber. Die unbefristete generelle Spielsperre wurde allerdings wieder aufgehoben. Nach eineinhalb Jahren, im Oktober 1936, durfte Hofmann wieder für den Dresdner SC spielen. 25.000 Zuschauer erlebten sein Comeback gegen den Planitzer SC im Ostragehege. »Heut strömten sie alle herbei, um Richard Hofmann bei seinem ersten Auftreten zu sehen«, berichtete der »Fußball« und bescheinigte ihm »eine recht verheißungsvolle Partie«: »Richard Hofmann erwies sich immer noch als der stärkste Stürmer der Dresdner Rotschwarzen.« Diese Zuschreibung fiel insofern eindeutig aus, als in diesem Spiel, wie die Zeitung beklagte, mit Helmut Schön »einer der begabtesten Spieler, die je beim DSC. waren«, wieder einmal verletzt ausgefallen war.
Das leidige Knie
Verletzungen, vor allem Probleme mit dem Knie, begleiteten Helmut Schön fast seine gesamte Karriere über und verhinderten insbesondere größere Erfolgserlebnisse in der Nationalmannschaft. Zwischen den erwähnten Zwangspausen im Dezember 1934 und im Oktober 1936 lagen zwei weitere: Schon im Herbst 1935 hatte Schön verletzungsbedingt bei einigen Ligaspielen gefehlt und eine mögliche Berufung ins Adlerdress verpasst. Als er genesen war und sich im Februar 1936 Hoffnungen machen durfte, am Testspiel der Nationalelf gegen Spanien und anschließend am olympischen Turnier teilzunehmen, erhielt er von Reichstrainer Otto Nerz einen unterkühlten Brief, in dem es u.a. hieß: »Leider traf ich Sie bei meinem Besuch in Dresden nicht in der Verfassung an, die für die Nationalmannschaft notwendig ist. Ich sah Sie bandagiert, und nach dem Spiel erklärten Sie mir, dass Sie verletzt waren. […] Nach Spanien kommen Sie nun nicht mit. Das geht nicht. Darüberhinaus möchte ich Ihnen sagen, dass Sie andauernd und oft verletzt sind. Es kommt wohl daher, dass Sie Ihre Verletzungen nicht ausheilen.« Ein rauer, unpersönlicher Ton durchzog den Brief; der junge Schön fühlte dennoch Stolz darüber, denn das Schreiben schien ihm Beweis dafür, tatsächlich zum engeren Kreis der Nationalspieler zu gehören.
Vorerst aber verhinderte der Meniskusschaden am linken Knie, den er sich im Februar 1936 in einem Ligaspiel gegen den VfB Leipzig zugezogen hatte, jeden weiteren Einsatz auch für den Verein. Schön entschloss sich zu einer Operation im Sanatorium von Hohenlychen, das damals als Vorzeigeklinik insbesondere für Sportler galt. Laut Otto Nerz hätte aus Hohenlychen-Patienten eine komplette Nationalelf rekrutiert werden können. Auch Nazigrößen wie Heinrich Himmler und Rudolf Heß ließen sich dort behandeln.
Schön wurde am Innenmeniskus des linken Knies operiert, ein seinerzeit schwerwiegender Eingriff mit langwierigen Folgen. Erst im Mai 1936 kehrte er nach Dresden zurück; an eine Teilnahme an den Olympischen Spielen, die Anfang August begannen, war natürlich nicht mehr zu denken. Den Dresdner SC vertraten in Berlin u.a. Rudolf Harbig (Sechster über 800 Meter und Bronze mit der 4 x 400-Meter-Staffel), Luise Krüger (Silber im Speerwerfen) sowie Käthe Krauß (Bronze über 100 Meter). Dem jungen Helmut Schön blieb ein Negativerlebnis erspart: die 0:2-Niederlage der deutschen Fußballer gegen Norwegen. Im Juni hatte er bereits wieder das Training aufgenommen – zu früh, wie sich am 18. Oktober 1936 zeigte. Wiederum bei einem Ligaspiel in Leipzig, dieses Mal bei TuRa, streikte sein linkes Knie, als er sich nach dem Ball streckte. Erneut musste er für zwei Wochen nach Hohenlychen. Schön resümierte in einem Rückblick 1970: »Wenn ich damals gewußt hätte, was ich heute weiß, wäre ich gewiß vernünftiger gewesen. Ich habe für dieses voreilige Spielen bitter büßen müssen.«
Das Schreiben seiner Victoria-Krankenversicherung vom Dezember 1936, in dem diese eine Entschädigung ablehnte, verdeutlichte die bereits zu diesem Zeitpunkt immense Vorschädigung des Patienten: »Das linke Knie von Herrn Schön ist vielmehr durch die früheren Verletzungen und die Operation derart geschwächt gewesen, dass die nicht ungewöhnliche Bewegung beim Fussballspielen am 18.10., die ein normales Knie nicht weiter berührt hätte […], hier einen neuen Erguss hervorgerufen hat.« Dieses Mal folgte eine Zwangspause bis Mai 1937, und es sollte nicht die letzte bleiben. Fortan spielte Helmut Schön fast durchgängig mit einer Bandage am linken Knie.
Wie sehr er seinem Dresdner SC nach Verletzungen fehlte, bewiesen die Kommentare im Fachblatt »Fußball«. Drei Beispiele: »Der Tormacher Schön […] ist durch die beim letzten Leipziger Spiel wieder auftretende Knieverletzung auf lange Zeit seinem Verein verloren. Mit ihm hätte m.E. das heutige Spiel wohl einen anderen Ausgang genommen« (Oktober 1936). »Das Fehlen eines Hellmuth [sic] Schön wurde wieder einmal allzu deutlich und schmerzlich für den zahlreichen Anhang des DSC. sichtbar« (Dezember 1936). »Der feine Ballkünstler Schön pausiert schon seit Monaten, mit seinem Wiedermitwirken wird der DSC. wesentlich gewinnen« (April 1937). Und als er endlich wieder auf den Platz zurückgekehrt war, frohlockten die »Dresdner Neuesten Nachrichten«: »Ob der Dresdner Sport-Club am Sonntag ohne seinen großartigen Mittelstürmer Helmut Schön auch gegen Guts Muts gewonnen hätte? Das darf bezweifelt werden« (Oktober 1937).
Dresdner Mannschaftsstützen
Die Formulierungen verraten, dass es bei den Dresdnern in dieser Zeit sportlich nicht sonderlich gut lief. Den Erfolg von 1934 in der Gauliga Sachsen konnten sie vorerst nicht wiederholen: 1934/35 und 1935/36 wurde der Verein Zweiter, 1936/37 und 1937/38 gar nur Vierter. Die Mannschaft spielte oft stark, aber zu unstet, vor allem, nachdem ihr langjähriger Mittelläufer Georg Köhler endgültig aufgehört hatte. Er war ein Spielmacher alter Schule gewesen, offensiv ausgerichtet, in seiner Spielweise vergleichbar mit dem legendären Hans Kalb vom Nürnberger »Club«, der seine Laufbahn bereits 1933 beendet hatte. Wie Kalb mochte sich auch Köhler nicht mit der defensiven Rolle als »Stopper« abfinden, die dem Spieler mit der Nummer fünf im modernen W-M-System zugedacht war. Es dauerte lange, bis die Dresdner diese Position stark besetzen konnten. »Schorsch« Köhler selbst war es, der als DSC-Trainer 1938 den 19-jährigen Walter Dzur holte. Das Talent erwies sich als entscheidender Stabilisator in der Defensive und als wichtiger Baustein für die anschließenden Erfolge in Meisterschaft und Pokal.
Einen konstanten Rückhalt bildete über viele Spielzeiten dagegen Torhüter Willibald Kreß. Sein Mitspieler und Trainer Köhler nannte ihn einen »Jahrhundert-Fußballer, der keinerlei Angst kannte und den Stürmern lehrte, was Verzweiflung ist«. Nachdem die Dresdner Zuschauer 1934 Real Madrid beim Gastspiel im Ostragehege gesehen hatten, befanden sie, ihr Torhüter sei nicht weniger stark als der »Königliche«, und tauften Kreß den »Dresdner Zamora«.
Kreß schulte seine Reflexe gelegentlich auch als Handball-Torhüter; zugleich bevorzugte er eine recht modern anmutende Interpretation seiner Rolle im Tor. In der Tradition des legendären Heiner Stuhlfauth versuchte er, gefährliche Situationen frühzeitig zu antizipieren und durch Herauslaufen zu unterbinden. Helmut Schön sah ihn »praktisch als elften Feldspieler« – wobei im Unterschied zu den heutigen Ausflügen eines Manuel Neuer das damalige »Herauslaufen« sich auf den Strafraum begrenzte.
Während die Mannschaft vor Dzurs Ankunft mit dem defensiven »M« ihre Probleme hatte, funktionierte das offensive »W« umso besser. Mit wechselnden Flügelpartnern ließen sich mal Schön, mal Hofmann als Halbstürmer zurückhängen, während der jeweils andere als Mittelstürmer agierte. Ihr Zusammenspiel klappte offensichtlich reibungslos, zumal es auch persönlich zwischen ihnen stimmte. Bei allen Lobeshymnen, die über ihn niedergingen, war Schön nicht der Mann, die Autorität des Älteren infrage zu stellen. Nicht umsonst nannte er ihn den »Wegbereiter meiner Laufbahn«. Richard Hofmann wiederum war offenbar keiner, der Schön dessen Talent und Erfolge missgönnte. Noch im Alter schwärmte er vom jugendlichen Elan seines Sturmpartners, als er 1973 dem »Kicker« (nostalgisch leicht verklärend) erzählte: Schön »war ein Rastelli, drei Mann hat er ausgespielt und sich noch mit dem Tormann unterhalten, in welche Ecke er den Ball zaubern sollte«.
Das gute Einvernehmen zwischen den drei prominentesten DSC-Akteuren Kreß, Hofmann und Schön zeigte sich auch in den Trainings-Sondereinheiten, die das Trio sich freiwillig auferlegte. Helmut Schön in einem Buchbeitrag von 1960: »Nur allzu gut kann ich mich noch daran erinnern, daß unser Platzwart mehrfach ungeduldig wurde, wenn Richard Hofmann, Willibald Kreß und ich lange nach Beendigung des offiziellen Trainings immer noch köpften, passten und schossen und unsere Übungen kein Ende nehmen wollten.« Und über die Kooperation während des Spiels: »Richard machte mir mit seinem feinen und doch kraftvollen Spiele den Weg frei, und ich konnte oftmals Lorbeer ernten, der eigentlich ihm gebührt hätte.«
Die Zuschauer mochten Schöns Künste, auch wenn sie sich manchmal die vielzitierte Erkenntnis zuraunten: »E dierekter Lewe is es ja nich.« Denn in Spielen, bei denen der Gegner zwei Verteidiger auf ihn ansetzte, die ihn eng deckten, konnte Schön auch schon mal abtauchen. Er war nun mal kein kompakter Reißer wie Hofmann. Meist aber konnte er glänzen. Der »Kicker« ließ sich 1964 erzählen, dass bei Schöns Kabinettstückchen »die Leute im Ostragehege anerkennend die Luft durch die Zähne zogen: ›Guggemada, de Scheen‹«.
Regionale und überregionale Zeitungen nahmen Anteil an den Leidensgeschichten, die ihm das Knie eintrug, und beobachteten interessiert seine körperliche Entwicklung. »Diese neueste Aufnahme zeigt, dass der schlanke Bursche etwas kräftiger geworden ist«, stellte im August 1937 der »Fußball« fest. Helmut Schön war mittlerweile fast 22 Jahre alt und hatte an Muskulatur deutlich zugelegt. Ein Körpergewicht von 78 Kilo maß die Zeitung dem Spieler zu, was »in gutem Verhältnis zu seiner Größe von 1,85 m« stehe (korrekt waren: 1,86 m), und urteilte: »Gewiß wirkt Schön noch schlank, doch sein gut trainierter Körper ist von beachtlicher Härte.«
Das Foto, das der »Fußball« kommentierte, war bei einem Freundschaftsspiel des Dresdner SC gegen Bayern München entstanden, den Deutschen Meister von 1932. Die Münchner waren mit ihren Stammspielern um Goldbrunner, Bergmaier und Simetsreiter angereist, doch im Ostragehege erlebten sie eine beschämende 0:6-Niederlage. Verantwortlich dafür war vor allem Helmut Schön, der nach monatelanger Verletzungspause schrittweise wieder zu alter Hochform gefunden hatte. Der »Fußball« beschrieb seinen Auftritt: »Der lange Schön vom DSC. gestaltete diesen Kampf zu einem persönlichen Triumph. Nicht allein seine fünf Tore, sondern die feine Art seiner Spielauffassung und kunstvolle Ballbehandlung stempelten ihn zur markantesten Erscheinung auf dem Spielfeld.«
»Glanzvolles Debüt« im Nationaltrikot
Seit seiner Teilnahme am Olympiakurs 1933 war Schön immer mal wieder zu Auswahlspielen eingeladen worden. Es begann mit einer Berufung in die Dresdner Stadtauswahl, die im März 1934 zu einem Städtevergleich nach Berlin reiste. Im Mai 1935 fuhr Schön mit einer Jugendauswahl unter Assistenztrainer Sepp Herberger zu zwei Länderspielen auf den Balkan; in Sofia wurde er bei einer 0:2-Niederlage gegen Bulgarien »bei sengender Hitze« und »auf einer Sandwüste« als Mittelstürmer eingesetzt. Zwei Tage später gab es eine weitere Niederlage: 3:4 in Belgrad gegen Jugoslawien. Helmut Schön veröffentlichte anschließend im »Kampf« einen etwas zerknirschten Artikel über die Reise.
Erfolge dagegen verbuchte er im Reichsbundpokal, der jährlich zwischen den Gaubereichen ausgetragen wurde. Im Oktober 1935 lieferte er drei Treffer beim 5:1 seiner Sachsen-Auswahl gegen Pommern, im November folgte ein 7:3 gegen Baden und im Januar 1936 das Halbfinale gegen Brandenburg/Berlin. Vor 25.000 Zuschauern in Chemnitz erzielte Schön beide Tore zum 2:0-Sieg, durch den die Sachsen das Endspiel gegen die Auswahl des Südwest-Gaus erreichten. Fürs Finale war er nominiert, konnte aber nicht mehr teilnehmen – wegen seiner Meniskusverletzung, die ihn im Olympiajahr auch um die ersehnte Berufung in die A-Nationalmannschaft brachte.
Zu dieser Zeit stand Helmut Schön bereits in Sepp Herbergers Liste als einer von 30 Namen im »Spielerkreis Ende 36/37«. Ebenso bewies ihm ein Rundschreiben von Otto Nerz, dass er in dessen Planungen noch eine Rolle spielte. Nach der Niederlage beim olympischen Turnier hatte Nerz schrittweise seine Kompetenzen an Sepp Herberger abtreten müssen, blieb aber vorerst als DFB-Referent für die Nationalelf zuständig. Eine Abschrift seines Schreibens, das recht ungemütlich im Ton der Zeit gefasst ist, findet sich in Schöns Nachlass beim DFB: »Kameraden! Wichtige Aufgaben liegen dicht vor uns. Da heißt es, gerüstet zu sein! Ich bitte Euch alle, dafür zu sorgen, daß Ihr bereit seid, wenn der Ruf an Euch ergeht! Scharfes Konditionstraining (Laufen und Kopfspiel) ist besonders notwendig, denn es wird viel von Eurer Kraft und Ausdauer abhängen. Die Weltmeisterschaft des nächsten Jahres zwingt zu besonderer Sorgfalt in der Auswahl! Seid bereit! Heil Hitler! Nerz«.
Scharfes Training aber konnte Schön kaum leisten. Während er am Knie laborierte, bauten Nerz und Herberger die Nationalelf um und fanden jene Aufstellung, die nach einem berauschenden 8:0 gegen Dänemark im Mai 1937 als »Breslau-Elf« berühmt wurde: der wuchtige Hans Jakob im Tor, davor die Verteidigung mit dem schussgewaltigen Paul Janes, dem kantigen Reinhold Münzenberg sowie dem nervenstarken Ludwig Goldbrunner als Stopper. Die beiden Schweinfurter Albin Kitzinger und Andreas Kupfer beherrschten zuverlässig das defensive Mittelfeld. Beim Offensiv-»W« agierten die Schalker Kreisel-Spieler Rudi Gellesch und Fritz Szepan als zurückhängende Spitzen; Ernst Lehner und »Ala« Urban, ein weiterer Schalker, wirbelten außen. Auf der Mittelstürmerposition spielte der Waldhöfer Otto Siffling variantenreich, indem er sich manchmal zurückfallen ließ, um Räume zu öffnen. Klarer Spielmacher und für Schön der »Feldherr« auf dem Platz war Fritz Szepan.
Ihre Galavorstellung sicherte dieser Elf eine überragende Popularität, zumal ihr im Oktober 1937 in Berlin die Revanche gegen Norwegen gelang: Mit 3:0 wurde die Olympia-Blamage von 1936 ein wenig relativiert. Für neue Nationalmannschafts-Kandidaten war es nun schwer geworden. Helmut Schön: »Für uns ›Zuschauende‹ war es klar, dass ein Platz in dieser Mannschaft nur noch durch den Ausfall eines der Stammspieler frei werden konnte.« Er blieb in Wartestellung. Anfang Oktober 1937 erhielt er erneut ein Schreiben von Otto Nerz, der ihn bei einem Spiel beobachtet hatte und ihm bescheinigte, er habe seine Sache »recht gut gemacht«. Allerdings monierte Nerz: »Sie laufen nicht schnell genug auf den Flügel in Stellung! Vielleicht fehlt es an der Schnelligkeit, vielleicht an der Ausdauer, vielleicht an beidem!« Die örtliche Presse tat währenddessen ihr Bestes, das Talent dem Reichstrainer anzudienen. Die »Dresdner Neuesten Nachrichten« am 11. November 1937: »Er [Schön] dürfte also wohl einmal geeignet sein, den Sturm der deutschen Ländermannschaft erfolgreich anzuführen.«
Nur kurz darauf ergab sich eine Chance. Es stand ein Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft 1938 an, Gegner in Hamburg war Schweden. Vier Tage davor hatte Herberger in Frankfurt ein Testspiel zwischen seiner A-Mannschaft und einer Nachwuchsauswahl angesetzt, bei der Schön auf halbrechts spielte. Die Youngster verloren 0:2, doch nach dem Spiel, so berichtete Schön, »nahm mich Sepp Herberger zur Seite: ›Helmut, gut gespielt, Sie spielen am Sonntag in Hamburg halbrechts!‹« Schön dachte zunächst an einen Scherz: »Das glaube ich Ihnen nicht.« »Aber ich glaub’s!«, antwortete der Trainer etwas mürrisch. Ihm war Albin Kitzinger aus der Breslau-Elf mit Knieverletzung ausgefallen; dafür sollte Rudi Gellesch nach hinten rücken und dessen halbrechte Position Helmut Schön übernehmen.
Der überraschte Stürmer bat darum, noch einmal nach Dresden zurückzukehren; er wollte die aufregende Nachricht erst einmal zu Hause verarbeiten. Beim gemeinsamen Training im Ostragehege beruhigte ihn der erfahrene Richard Hofmann: »Helmut, so ein Länderspiel ist ooch nischt anderes als ein Punktspiel! Trau dir was zu, schieß, wenn du kannst, und spiel wie bei uns! Es wird schon hinhauen!«
Währenddessen wurde die Kunde seines Debüts in der Presse verbreitet. Der »Dresdner Anzeiger« meldete die Berufung per Schlagzeile, und der »Fußball« schickte seinen Dresdner Korrespondenten los; die Ausgabe vom 16. November 1937 zeigte erstmals ein großes Foto des 22-jährigen Schön auf der Titelseite und brachte im Innenteil ein langes Porträt: »Im Klubheim des DSC. treffen wir auf Schön. Er gehört zu den Spielernaturen, die sofort durch ihr Auftreten und ihre Erscheinung Sympathie erwecken. Schmales, noch fast jungenhaftes Gesicht, klare Augen.« Es folgte ein Loblied auf Schöns technische und taktische Fähigkeiten, und: »Unvollendet wäre eine Beschreibung seiner Spielerpersönlichkeit, würde man nicht die ausgesprochen feine ritterliche Art seines Spiels kennzeichnen. Wenn er auch seine anfangs sehr sensible Art abgelegt hat und jetzt viel forscher als früher kämpft, so bleibt doch nach wie vor seine vornehme Spielweise ein hervorragender Wesenszug.«
Als sich der Hochgelobte wieder auf den Weg gemacht hatte und im Hamburger Mannschaftsquartier angekommen war, steckte Herberger ihn in ein gemeinsames Zimmer mit Hans Jakob, der für seine Seelenruhe bekannt war. Der fast 30-jährige Keeper sah amüsiert zu, wie der junge Kollege neue Schnürsenkel in seine Fußballschuhe zog und vor Nervosität kaum die Löcher fand.
Das Spiel im Altonaer Stadion am 21. November 1937 brachte einen klaren 5:0-Erfolg und ein »glanzvolles Debut« (»Fußball«) von Helmut Schön, der zwei Treffer beisteuern konnte. Das Fachblatt vermutete, dass Schön vor allem dadurch glänzen konnte, dass Herberger seine Elf kein starres System spielen, sondern Raum zur Improvisation ließ: »Ein Talent wie Schön wäre vermutlich im strengen WM-System viel weniger zur Geltung gekommen.«
Ähnlich wie bei seinem Pflichtspieldebüt im Verein hatte Schön keine Mühe, sich neben seinen erfahreneren Mitspielern zu behaupten und durch technische Glanzstücke aufzufallen. Sein Treffer zum 5:0 wurde als schönstes Tor des Spiels gepriesen: Eine Flanke von Urban stoppte er mit der Brust, legte sich das Leder mit dem rechten Fuß vor und schmetterte es mit dem linken per Dropkick ins Tor. Der »Fußball«: »Daß der Dresdner in seinem ersten Spiel zum erkorenen Liebling der Massen wurde, sagt genug.«
Euphorisch und voll lokalem Stolz berichtete der »Dresdner Anzeiger«: »Die besondere Entdeckung des Hamburger Kampfes war Schön, den man den besten und erfolgreichsten deutschen Angriffsspieler nennen darf, ohne Szepan hintan zu stellen. Schön ist sozusagen ein vollkommener Fußballspieler, nicht nur technisch ganz ausgezeichnet, sondern mit einer fabelhaften Übersicht sowie mit gesundem Torinstinkt begabt und damit wohl der Stürmer, der schon lange gesucht wurde.« Ähnlich plädierte der »Fußball«: »Fazit: immer, wenn die deutsche Mannschaft den augenblicklichen Stil spielt, darf, ja soll Schön dabei sein!«
Jener Korrespondent, der ihn schon vor dem Länderspiel porträtiert hatte, fing ihn auch nach dem Abpfiff ab: »Wieder steht man dem großen Jungen gegenüber.« Und der soll das folgende gestelzte Statement vorgetragen haben: »Wenn Dr. Nerz und Linnemann und andere maßgebliche Persönlichkeiten mit mir zufrieden gewesen sind, so erfüllt mich das mit Genugtuung. Aber gern nehme ich ihre gutgemeinten Ermahnungen an und will mich mit allen Kräften bemühen, zu lernen und mich zu verbessern.« Gut möglich, dass der Autor dachte, dem aufstrebenden Nationalspieler mit diesem devoten Tonfall einen Gefallen zu tun. Ebenso möglich ist es aber, dass der Debütant selbst mit solcher Wortwahl nach dem erfolgreichen Einstand seine Bescheidenheit demonstrieren wollte.
In seiner späteren Trainerzeit mögen die eigenen guten Erfahrungen, die Helmut Schön als junger Spieler mit seinen Premieren sowohl im Verein wie in der Nationalelf machte, eine Rolle gespielt haben. Wie noch zu lesen sein wird, vertraute er als Bundestrainer erstaunlich oft in wichtigen Pflichtspielen jungen Debütanten oder Spielern mit ganz geringer Länderspielerfahrung. Er selbst hatte schließlich erlebt, wie gut das funktionieren konnte.
Das Sturmtalent hatte sich in Hamburg für weitere Einsätze empfohlen, und Schöns Weg zur WM 1938 in Frankreich schien geebnet. Doch das Glücksgefühl dauerte nur eine Woche. Am 28. November geschah das nächste Unglück, erneut in Leipzig – diesmal in einer Partie gegen Fortuna. In seine Liga-Kladde schrieb Schön: »In diesem Spiel verknackste ich mir mein linkes Knie wieder und suchte am 3. Januar 1938 Hohenlychen auf.« Einem Reporter gestand er seinerzeit, er habe befürchtet, ein steifes Bein zurückzubehalten. Der behandelnde Arzt berichtete am 24. Januar an Schöns Arbeitgeber, der Patient sei »seit 3 Wochen hier in stationärer Übungsbehandlung wegen einer Kniegelenksbinnenverletzung. Leider hat sich herausgestellt, daß der abgerissene Meniskus nicht mehr zur Anheilung gekommen ist, weshalb ich ihn heute operativ entfernen musste. Schön hat den Eingriff gut überstanden. Er wird noch 6 Wochen hierbleiben müssen.« Bei seiner Entlassung am 26. Februar 1938 gab die Klinik dem Patienten schriftlich mit auf den Weg: »Sportverbot 6 Monate«.
Wieder einmal sollte Helmut Schön auf diese Art ein großes Turnier verpassen: nach dem olympischen 1936 nun die WM-Endrunde. Auch dieses Mal blieb ihm ein vorzeitiges blamables Ausscheiden erspart: Deutschland scheiterte in der ersten Runde an der Schweiz. Dennoch wäre er in Paris sicherlich gerne dabei gewesen. Gefehlt hatte er bereits am 8. Dezember 1937 beim Halbfinalspiel seines DSC im Vereinspokal, das als »schwarzer Tag« in die Klubannalen einging. Gegen Fortuna Düsseldorf, die am Ende 5:2 gewann, standen zeitweilig nur sieben Dresdner auf dem Platz. Die übrigen waren verletzt oder wegen Attacken auf den Schiedsrichter vom Platz gestellt. Auch das Gastspiel des berühmten Rapid Wien im Ostragehege am 30. April 1938 versäumte er. Nach der 0:3-Niederlage schrieb der »Dresdner Anzeiger«, mit Schön würde die Mannschaft »bestimmt eine ganz andere Linie erhalten. Das weiß zu seinem Leidwesen keiner so genau wie Köhler, der Mannschaftsbetreuer.«
Nach seinem nunmehr dritten Hohenlychen-Aufenthalt binnen zwei Jahren hätte Helmut Schön sich bis Ende August 1938 schonen müssen, auch im Training. Daran hielt er sich natürlich nicht. Der Rekonvaleszent setzte, wie er in einem Tagebuch notierte, auf Selbstmotivation: »Die vielen Sportfotos aus den Zeiten guter Erfolge, die erhaltenen guten Kritiken wurden hervorgekramt und unbewußt habe ich mir damit immer wieder den Ansporn gegeben, alles zur Gesundung zu tun, um wieder zu den besten Leistungen zu kommen.«
Um seine geschwächte Beinmuskulatur zu stärken, fuhr er viel mit dem Fahrrad. Oder er setzte sich auf einen Tisch, hängte ein Bügeleisen an das linke Bein und hob und senkte es langsam. Letztendlich machte er zu viel zu früh: Mitte August stand er schon wieder in der DSC-Elf. In seinen Erinnerungen von 1970 berichtete Schön über seinen Fehler: »Bei aller Freude, künftig wieder mitspielen zu können, vergaß ich jedoch die guten Vorsätze, die ich nach meiner letzten Operation gefaßt hatte. Ich spielte wieder zu zeitig.«
Emigration in den Fußball
Mittlerweile hatten die Nationalsozialisten ihre Machtpositionen weiter gefestigt. Im Zusammenhang mit der Einverleibung Österreichs als »Ostmark« fanden am 10. April 1938 Reichstagswahlen statt, bei denen nur eine nationalsozialistische Einheitsliste zugelassen war, die angeblich über 99 Prozent der Stimmen erhielt. Gauleiter und Reichsstatthalter Martin Mutschmann schwadronierte im Dresdner Tanzlokal »Weißer Adler« vor 2.000 Nazifunktionären über die »jüdische Weltpest«.
Die Beziehungen des Dresdner SC zu den örtlichen Machthabern gestalteten sich offenbar weiterhin gut. Jedenfalls konnte der Verein zu seinem 40-jährigen Bestehen im April 1938 eine günstige Vereinbarung mit der Stadt Dresden aushandeln: Der DSC übernahm Grund und Boden des Ostrageheges auf 99 Jahre in Erbpacht. Bis dahin – so die Darstellung im DSC-Jahrbuch 2007 – hatten ihm zwar die Stadionanlagen gehört, nicht aber das Grundstück, auf dem sie standen. Zum Jubiläum gab der Verein eine Werbebriefmarke heraus, auf der statt des traditionellen Klublogos – der rot-schwarzen Fahne – das Abzeichen des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL) prangte, der Reichsadler mit Hakenkreuz. Der NSRL hatte den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen abgelöst und bildete die Dachorganisation sämtlicher Turn- und Sportvereine. Anbiedernd hieß es in der Jubiläumsfestschrift des DSC: »Von festlicher Freude bewegt, entbieten wir in Verehrung und Dankbarkeit ergebenen Gruß dem Schöpfer und Wahrer deutscher Macht und Größe, dem Schirmherr des deutschen Sportes, unserem Führer Adolf Hitler.«
Die Sympathien, die im DSC für die Nationalsozialisten gehegt wurden, erfassten allerdings nicht die wichtigsten Spieler des Vereins, obwohl die Nazis sich darum bemühten. Helmut Schön berichtete 1979 in einer Fernsehsendung darüber, dass ihm und seinen Kameraden eine NS-Mitgliedschaft angetragen worden sei: »Wir sind nicht gezwungen worden, aber es ist uns immer wieder nahegelegt worden.« Er selbst trat ersatzweise in den »Reichskolonialbund« ein, den er in seiner Autobiografie »eine harmlose Organisation« nannte: »Wir hatten ja keine Kolonien mehr.« Tatsächlich handelte es sich beim Kolonialbund um eine von den Nazis formal unabhängige, aber stark beeinflusste politische Gruppierung, die offiziell für die Wiedererlangung deutscher Kolonien warb. 1938 zählte die Organisation bereits über eine Million Mitglieder und wuchs in den folgenden Jahren auf mehr als zwei Millionen. Der starke Anstieg mag ein Indiz dafür sein, dass manche Mitgliedschaft ähnlich motiviert war wie die von Schön: nämlich als Vehikel, um leichter eine NSDAP-Mitgliedschaft zu umgehen.
Allerdings wurde Schön (laut seiner Autobiografie von 1978) als Nationalspieler besonders intensiv bearbeitet, der nationalsozialistischen Partei beizutreten. Zunächst legte ihm Kurt Gruber, ab 1936 Sportführer im Gau Sachsen, ein Aufnahmeformular vor, das Schön ihm aber unausgefüllt zurückschob. Danach bestellte ihn – und seinen Mannschaftskameraden Willibald Kreß – ein hoher SS-Funktionär namens Laake in sein Büro und forderte die beiden Spieler auf, der SS beizutreten. Schön und Kreß entzogen sich dem Ansinnen mit allerlei Ausflüchten.
Helmut Schön machte später nicht den Versuch, sich deswegen zum Widerstandskämpfer zu stilisieren. Er sei nie jemand gewesen, der gegen den Strom geschwommen sei, bekannte er in seiner Autobiografie. Aber es sei auch »falsch zu sagen, ich hätte mich mit geschlossenen Augen treiben lassen«. Die familiäre Prägung half ihm, sich der nationalsozialistischen Ideologie zu verweigern: »Mein Vater, meine zwölf Jahre ältere Schwester, mein Bruder, sie alle waren total ›contra‹. […] Eine Mitgliedschaft in der SS hätte den Bruch mit dem Elternhaus bedeutet.« Öffentlich habe er seine Ablehnung in Form politischer Witze geäußert: »am liebsten im vollen Club-Casino«. Von einem untergeordneten Gestapo-Mann erfuhr Schön nach dem Krieg, dass ihn die Witzeleien auf die schwarze Liste der Geheimen Staatspolizei gebracht hätten.
Bestärkt wurde Schön in der Ablehnung einer NS-Mitgliedschaft möglicherweise auch durch die Tatsache, dass er sich damit in guter Gesellschaft befand: Auch für die weiteren Schlüsselspieler des Dresdner SC – Willibald Kreß, Richard Hofmann und Walter Dzur – sowie für DSC-Trainer und -Urgestein Georg Köhler finden sich im Bundesarchiv keinerlei Hinweise auf die Mitgliedschaft in einer nationalsozialistischen Organisation. DSC-Nationalspieler Herbert Pohl beteuerte im hohen Alter noch (in einem Brief von 2005 an Jens Genschmar, den Leiter des Dresdner Fußballmuseums): »Wir waren fast alle keine Anhänger der Nazis.« Man bewahrte auf dem Rasen des Ostrageheges eine Nische politikfreier Idylle – unbeschadet der Tatsache, dass der Verein und seine Spitzenspieler gerade mit steigenden Erfolgen durchaus zu wertvollen Versatzstücken nationalsozialistischer Propaganda avancierten. An der politischen Instrumentalisierung populärer Spieler änderten ihre Distanz zum Regime und die Flucht in eine Parallelwelt letztlich nichts.
Zwar zählten Fußballer generell nicht zu den nationalen Sportidolen des NS-Reiches, wie der Historiker Matthias Marschik feststellt. Dieses Terrain war Sportarten vorbehalten, die jene »Helden« hervorbrachten, »die den deutschen ›Übermenschen‹ verkörpern konnten«: Boxer, Flieger oder Autorennfahrer. Doch im Fußball gab es die »local heroes«, denen die Nazis durchaus politische Freiräume, materielle Vergünstigungen und sogar gewisse Widerständigkeiten zugestanden. Denn den Machthabern war bewusst, so Marschik: »Die Massenkultur des modernen Fußballs bezieht ihre Anziehungskraft nicht zuletzt daraus, dass der Sport als unpolitisches Terrain konstruiert wird.« Im Gegenzug wurden allerdings Bekenntnisse erwartet: beispielsweise der »Deutsche Gruß« vor und nach den Spielen oder systemkonforme Interviews wie jenes, das Helmut Schön nach seiner Länderspielpremiere ablieferte.
Auch das Hakenkreuz trugen die Spieler des Öfteren auf der Brust, da es, wie erwähnt, Bestandteil des NSRL-Abzeichens war. Bei Länderspielen ohnehin, aber auch im Vereinsrahmen. Zwar schrieb Helmut Schön in seinen Erinnerungen, die DSC-Spieler hätten es »meisterhaft umgehen« können, das Verbandsabzeichen zu tragen, doch diese Erinnerung ist nicht ganz korrekt. Sie trugen es – vermutlich zwingend vorgeschrieben – bei ihren nationalen Endspielen, sie trugen es beim Marsch zum 40-jährigen Vereinsjubiläum 1938 durch Dresden, und einige trugen es, wie auf Fotos ersichtlich, bei Sammelaktionen für das Winterhilfswerk. Da auf diesen Fotos sowohl Spieler mit Vereinsfahnen-Logo wie solche mit Verbandsabzeichen zu sehen sind, erfolgte das Tragen des Hakenkreuzes in diesem Fall offensichtlich freiwillig. Schön übrigens zählte zu den Spielern, die die traditionelle »Fahne« bevorzugten.
Doch sich solchen Regeln generell zu entziehen, wäre gleichbedeutend gewesen mit einem Verzicht auf die Karriere als Fußballer. Für Schön vermutlich ein undenkbarer Schritt, vor allem in seiner persönlichen Situation. Er hatte nach dem Abitur kein Universitätsstudium antreten können, da sein Vater finanziell nicht in der Lage war, beiden Söhnen eine Hochschulausbildung zu finanzieren. Doch selbst als ein reicher Gönner ihm später das Stipendium für ein Medizinstudium anbot, lehnte Schön ab: Ihm war der Fußball wichtiger. Aus Leidenschaft wie auch als Bezugspunkt innerer Emigration.
Nach seiner Banklehre hatte Schön im Oktober 1937 eine Stelle als kaufmännischer Angestellter bei der Arzneimittelfirma Dr. Madaus in Radebeul angetreten. Madaus war auf pflanzliche Pharmazeutika spezialisiert; 1938 gelang dem Unternehmen die Einführung des Immunstimulanzmittels Echinacin. Schön war im Außendienst tätig, er sollte bei Ärzten und Apothekern für die Madaus-Produkte werben. »Das machte Helmut Schön auch im Umkreis von Dresden. Er war ja bekannt wie ein bunter Hund, schon damals, mit 22 Jahren«, berichtete Dr. Udo Madaus, Sohn eines der Firmengründer, 2015 in einer Fernsehdokumentation von Steffen Jindra. »Die Stärke von Schön war seine Persönlichkeit. Er war ein lustiger Typ, er war intelligent, er wusste sich zu benehmen, also das stimmte alles. Er stammte ja aus einer guten Familie. Solche Leute brauchte man.«
Eine im Sächsischen Staatsarchiv aufbewahrte Personalkontokarte von 1939 weist für Schön ein monatliches Gehalt von 200 Mark aus, das im September 1939 auf 350 Mark anstieg. Den interessantesten Vermerk auf dieser Karte fand ein Archiv-Mitarbeiter an deren rechtem oberem Rand. In dünner Bleistiftschrift war dort diskret vermerkt: »Arbeitszeitausfall dch. Sport bezahlen.« Selbst mehrtägige Fahrten zu Nationalmannschaftseinsätzen wurden, wie der Firmeninhaber persönlich bestimmte, nicht als Urlaubstage gerechnet. Die Firma Madaus, bei der auch Schöns Freund und Mitspieler Herbert Pohl beschäftigt war, zählte ganz offensichtlich zu jenen Unternehmen, die den Dresdner SC und seine Spitzenspieler in vielerlei Hinsicht großzügig unterstützten.
Licht und Schatten in der Nationalelf
Der »Anschluss« Österreichs ans Deutsche Reich hatte Sepp Herberger ein neues Potenzial hochtalentierter Spieler erschlossen. Bei der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich musste er auf politische Weisung eine Mannschaft antreten lassen, die streng paritätisch aus deutschen und österreichischen Spielern zusammengesetzt war – eine absurde Rechnung, die nicht aufging. Die Wiener Fußballschule ließ sich nicht so einfach in das von den Deutschen praktizierte W-M-System integrieren. Herberger überstand die Erstrunden-Pleite und behauptete sich als Reichstrainer – »listig, schlau, opportunistisch, giftig, bockbeinig« (so sein Biograf Jürgen Leinemann). Nun musste er tüfteln und experimentieren. Eine Maßnahme bestand darin, im Berliner Olympiastadion zwei »großdeutsche« Auswahlmannschaften gegeneinander antreten zu lassen – eine davon mit stärkerem Wiener Einschlag. In dieser Elf durfte Helmut Schön, der aufgrund seiner Verletzung die WM in Frankreich verpasst hatte, dank (allzu) rascher Genesung mitwirken. Er überzeugte und gehörte wieder zum Nationalmannschaftskader.
Im September 1938 absolvierte Schön vor 65.000 Zuschauern in Chemnitz gegen die polnische Nationalelf sein zweites Länderspiel. Bei den Polen spielte ein Stürmer mit, der kurz zuvor beim WM-Turnier mit vier Treffern gegen Brasilien für Furore gesorgt hatte: Ernst Willimowski. Er sollte drei Jahre später, dann im deutschen Nationaltrikot, zu Schöns Konkurrent und Nachfolger auf der Position des Halbstürmers werden. Während Willimowski wegen seines Engagements für die deutsche Nationalelf im Polen der Nachkriegsjahre als Kollaborateur galt, erlangte Schöns direkter polnischer Gegenspieler von Chemnitz, Wladyslaw Szczepaniak, große Popularität. Wie der Journalist Thomas Urban berichtete, spielte er unter deutscher Besatzung »für eine Untergrundmannschaft in Warschau und wurde eine der großen Figuren des ›verbotenen Fußballs‹«. Szczepaniak überlebte den Krieg und durfte beim ersten Länderspiel 1947 die polnische Nationalelf als Kapitän anführen.
Bei seinem zweiten Auftritt im Nationaltrikot konnte Helmut Schön ähnlich stark beeindrucken wie bei seinem Debüt. Er agierte in einem neu formierten Sturm halblinks an der Seite der Wiener Wilhelm Hahnemann, Hans Pesser und Josef Stroh sowie des Neuendorfers Jupp Gauchel. Hinten dagegen stand der »rein deutsche« Abwehrblock der Breslau-Elf um Paul Janes. Schön erzielte den 2:1-Führungstreffer – per strammem Schuss aus 20 Metern – und bereitete alle weiteren deutschen Tore zum 4:1-Endstand vor. »Schön entschied buchstäblich dieses Spiel für Deutschland«, schrieb der »Fußball« und fuhr höchst anschaulich fort: »Dieser spindeldürre, junge Mann mit den langen, spinnenartigen Beinen und dem feingeschnittenen Schädel stellt einen ganz anderen Fußballertyp dar, als er bisher in unserer Nationalelf vertreten gewesen ist. […] Schöns Rückkehr in die Reihen unserer Nationalen enthebt die Betreuer der Nationalelf jedenfalls mancher Sorgen.«
Eine Woche später gelang auch gegen Rumänien in Bukarest ein 4:1, wieder stand Schön mit den drei Wienern auf dem Platz, doch bemängelte Friedebert Becker im »Kicker« das mangelnde Zusammenspiel der Stürmer: »Er [Schön] wurde nur stiefmütterlich mit Vorlagen bedacht. Und typisch ist, daß er sein Krafttor im Anschluß an ein mißglücktes Solounternehmen Strohs erzielte. […] Im Sturm spielt heute eben alles mit Vorliebe allein.« Ganz anders hatte Schön selbst das Spiel in Erinnerung, schon weil »ich das große Vergnügen [hatte], einmal in einer ausgesprochen wienerisch spielenden Mannschaft zu stehen, was ich mir schon lange gewünscht hatte. […] Nach und nach setzte sich unser Spiel durch, und wir ›scheiberlten‹ nach Wiener Art.« Eine österreichische Zeitung habe danach getitelt: »Ein neues Wunder-Team ist erstanden!«
Nach dem Spiel gegen Belgien, im Januar 1939, war auch Reichstrainer Herberger von der Vorstellung seines Dresdners begeistert: »Schön war unser Bester«, schrieb er in einem Rapport an DFB-Führer Felix Linnemann, während er in seinen persönlichen Notizen eine Einschränkung machte: »Schön: schön! Gefahr der Übertreibung seiner Kunststückchen.« Und für weitere Spiele hielt Herberger fest: »Schön kommt wieder zum Einsatz, weil er 1. der Geeignetste ist den jungen Kräften Führer zu sein, Führer der zwei schnellen Halbstürmer! Und weil er auch No. 1 ist für den Führerposten in der Olympiamannschaft.«
Einen echten Gradmesser für das tatsächliche Niveau des deutschen Fußballs bildete allerdings erst die Partie gegen den zweifachen Weltmeister Italien, die Ende März 1939 in Florenz stattfand. Herbergers Elf verlor nach gutem Spiel mit 2:3, und der »Fußball« sah in der Leistung der deutschen Stürmer den Beweis, »daß uns seit Sindelars Tod ein Klassemittelstürmer fehlt«. Die Kritik galt auch Schön: »Der große Regisseur, der mitreißende Gestalter, den viele in ihm erwartet hatten, war er nicht.« Helmut Schön selbst führte seinen schwachen Auftritt auf »falschen Ehrgeiz« zurück: Er habe sich bei der Anreise im schlecht geheizten Zug eine Bronchitis geholt, diese aber verschwiegen, weil er unbedingt spielen wollte. Ein fataler Fehler: »Mehr als einmal merkte ich, dass meine Luft nicht ausreichte.«
Gut fünf Monate später begann Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg, und Sportzeitungen wie der »Fußball«, die sich ansonsten politisch meist zurückhielten, ergingen sich in pseudo-patriotischem Getöse: »Mutig und entschlossen, zu jedem Opfer bereit, geht er [der deutsche Sportsmann, d.A.] den Weg, den der Führer aufzeigt.« Das für den 24. September angesetzte Länderspiel in Ungarn sollte als Beweis vermeintlicher Normalität dienen, als Beleg dafür, »daß das von kriegerischen Gegnern angegriffene Deutschland selbst im Abwehr- und Verfolgungskampf mit den Waffen in der Hand noch überschüssige Lebenskraft und Tatendrang für friedlich-kulturelle Aufgaben mobil machen kann« – eine überaus perverse Verdrehung der Realitäten.
In Wahrheit bedeutete der Kriegsbeginn »einen Schock, der sich nicht nur in den Spielen der Vereine, sondern auch in der Nationalelf auswirkte« (Schön). Eine völlig indisponierte deutsche Elf ging in Budapest mit 1:5 unter; der »Dresdner Anzeiger« verteidigte immerhin den Auftritt des Sohnes der Stadt: »Schön hatte es in der Mitte sehr schwer, da Szepan nicht die erhoffte Verstärkung war.« Ansonsten habe man »eine Kundgebung herzlicher und wahrer Freundschaft« erlebt und ein »wahrhaft ritterliches Spiel«.
Reichstrainer Herberger sah die Sache realistischer und notierte in sein Tagebuch: »Diese drei Wochen Krieg hatte alle und alles, was an Leistungsvermögen vorhanden war, narkotisiert.« Kleinlaut verkündete der »Fußball«: »Unter solchen Umständen ist schon allein die Reise der deutschen Elf nach dem Ungarland eine Tat.«
Dennoch setzte die DFB-Führung alles daran, unter Kriegsbedingungen möglichst viele Länderspiele durchzuführen; allein 1939 folgten nach Ungarn noch vier weitere Begegnungen. Gegen die Slowakei im Dezember spielte Helmut Schön an der Seite des Fürthers Hans Fiederer, der später als leitender Redakteur im »Kicker« Schöns Werdegang als Bundestrainer wohlwollend verfolgen sollte. Es war kein gutes Spiel der Deutschen, trotz eines 3:1-Sieges. Der »Kicker« tadelte, dass die Chemnitzer Zuschauer ihre Nationalspieler auspfiffen und »daß in diesem Falle ausgerechnet noch ein Spieler besonders zu leiden hatte, der sonst gewissermaßen Idol der Fußballmassen war, ein Spieler, dem man oft zujubelte«. Gemeint war Helmut Schön, der mit »Schön raus!«-Rufen bedacht wurde, was möglicherweise der innersächsischen Rivalität zwischen Chemnitz und Dresden geschuldet war.
Doch auch Herberger notierte enttäuscht: »Meine Hoffnung, dass er sich […] zu einer guten Leistung aufraffen würde, ging nicht in Erfüllung. Schön ist ein Weichling! Auch in Form wird er seine Vordermänner der ersten Garnitur (Binder, Conen, Hahnemann) nicht verdrängen können.« Das harsche Urteil »Weichling« sollte fortan Herbergers Sicht auf Helmut Schön mitprägen. Allerdings rechnete er ihn Ende 1939 weiterhin zum »Kernstück der kommenden Elf« für Olympia 1940 und die Weltmeisterschaft 1942 – zwei Turniere, die jedoch wegen des Weltkriegs ausfielen.
Insgesamt brachte es Helmut Schön im Jahr 1939 auf acht Länderspiel-Einsätze, spielte dabei zweimal als Mittelstürmer und sechsmal als Halbstürmer, sowohl rechts wie links, und erzielte acht Treffer. Der »Fußball« bewertete ihn in seiner Bilanz als »der vielseitigste Spieler«. Der Wiener Traditionsverein Vienna machte dem 24-Jährigen nach dessen eigener Darstellung ein »wirklich verlockendes Angebot«, doch Schön mochte Dresden nicht verlassen, schon gar nicht, nachdem der Krieg ausgebrochen war.
An der Seite von Fritz Walter
Trotz weiterhin hervorragender Leistungen im Verein kam Helmut Schön 1940 in der Nationalmannschaft kaum noch zum Zuge, sicherlich aufgrund Herbergers Vorbehalten. Es war das Jahr, in dem Fritz Walter als Mittelstürmer entdeckt wurde und sehr schnell auf dieser Position als gesetzt galt. Herberger experimentierte mit unterschiedlichen Halbstürmern, vor allem mit dem Wiener Hahnemann und dem Stuttgarter Edmund Conen. Erst im November gegen Dänemark war Helmut Schön wieder dabei, vermutlich nur deshalb, weil Conen verletzt ausfiel. Erstmals spielte er dort an der Seite von Fritz Walter, mit dem er sich nach eigener Einschätzung »blind« verstand. Vielleicht auch deshalb, weil ihre Persönlichkeiten ähnliche Züge aufwiesen: Wie der junge Schön wirkte Fritz Walter im persönlichen Umgang schüchtern, bescheiden und zurückhaltend, während er auf dem Platz mit seiner genialen Spielkunst beeindruckte und dominierte.
Nach dem Dänemark-Spiel wurde beiden allerdings vorgehalten, sie hätten ihrem Wiener Sturmkollegen Franz Binder keine Vorlagen geliefert und zu eigensinnig agiert. Dafür resultierte das einzige Tor des Spiels aus einer gelungenen Koproduktion: Fritz Walter ahnte, dass Schön links in Richtung Tor starten würde, und legte ihm quer durch den Strafraum den Ball vor. »Schön schoß das Siegtor«, überschrieb zufrieden der »Völkische Beobachter« seinen Bericht, der Normalität vortäuschte, wo es keine gab. Denn in Wahrheit stand die Begegnung auf dem Hamburger Victoriaplatz »Hoheluft« ganz im Zeichen des Kriegsgeschehens. In den beiden Nächten vor dem Spiel hatte es in der Hansestadt Fliegeralarm gegeben, britische Flugzeuge griffen insbesondere das Hafenviertel an – eine unmittelbare Antwort auf die Verwüstungen, die in den Tagen zuvor 440 deutsche Bomber im englischen Coventry angerichtet hatten; über 560 Bewohner waren dort umgekommen und mehr als 4.000 Häuser zerstört worden. In Hamburg zählte man 26 Todesopfer.
Die Gäste, die aus dem bereits von den Deutschen besetzten Dänemark anreisten, gerieten bei ihrer Ankunft in den Alarm und beobachteten schon vom Zug aus das Sperrfeuer der deutschen Flak. Dem »Kicker« berichtete Schön nach dem Krieg: »Die Spieler, auch die dänischen, hockten entweder im Luftschutzkeller des Hotels oder angezogen im Zimmer. Die Stimmung war denkbar schlecht.« Die deutschen Spieler konnten laut Bericht des »Fußball« »erst lange nach Mitternacht die Betten aufsuchen. […] Unter solchen Umständen ist noch nie ein deutsches Länderspiel ausgetragen worden.« Mit 28.000 Zuschauern war der Victoriaplatz dennoch ausverkauft.
Insgesamt standen Helmut Schön und der fünf Jahre jüngere Fritz Walter zwischen November 1940 und Oktober 1941 fünfmal nebeneinander in der Nationalmannschaft. Als sie 16 Jahre später wieder gemeinsam ein Länderspiel absolvierten, war Walter bereits der »alte Fritz« und Weltmeister-Kapitän, während Schön als Sepp Herbergers Assistent auf der Bank saß.
Im März 1941 gegen die Schweiz rutschte Schön erneut erst durch den Ausfall Conens in die Mannschaft, doch funktionierte die Zusammenarbeit mit Fritz Walter ähnlich gut wie gegen Dänemark. In der 11. Minute: Walter lenkte den Ball per Hacke »blind« zum vorstürmenden Schön – 1:0. Unmittelbar nach dem Schweizer Ausgleich, 22. Minute: wieder ein kluger Pass von Walter auf Schön – 2:1. In der 54. Minute: Schön schickte Walter – 4:1. Zuvor hatte Schön per Kopf auch die Vorlage zum 3:1 gegeben, das der Düsseldorfer Stanislaus Kobierski erzielte. Zufrieden notierte Sepp Herberger: »Helmut gut! Auch kämpferisch besser entwickelt«, und er nannte sein neues Sturmduo »ein gutes Paar!«.
Den Höhepunkt der Zusammenarbeit Schön/Walter bildete jedoch das Länderspiel gegen die starken Ungarn. Es fand am 6. April 1941 in Köln statt – am gleichen Tag, an dem Hitlers Wehrmacht in Jugoslawien und Griechenland einmarschierte. Unterstützt wurde sie auch von ungarischen Truppen, denn unter dem autoritär regierenden Staatschef Miklos Horthy war das Land im November 1940 an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten.
Ungarns Fußballer waren mit ihrem »Donaufußball« viele Jahre stilprägend und erfolgreich gewesen. Inzwischen hatten sie sich dazu entschlossen, auf das W-M-System umzustellen, zum Zeitpunkt des Länderspiels jedoch »dieses System noch nicht richtig absorbiert« (Schön). Die Deutschen wiederum spielten ein flexibles W-M, bei dem Schön als Halblinker zurückhing und hinter den vier Spitzen agierte. Im »Kicker« schrieb dessen damaliger Redakteur und späterer Herausgeber Friedebert Becker: »Wie eine Mühle, so mahlte dieser kreiselnde Innensturm, dessen ›Kopf‹ fraglos Schön gewesen ist. Nicht ganz im Tempo seiner Nebenleute zieht er nach Szepans Art von hinten die Fäden, dribbelt, spielt frei, überschaut und erfasst alles und – – legt die Bälle haargenau in die Lauflinie seiner Nebenleute.«
Besonders gut funktionierte das Zusammenspiel mit Kobierski und mit Fritz Walter, der einmal mehr Journalisten und Zuschauer zu Beifallsstürmen hinriss. Becker: »Was Walter heute vorführte, erinnerte an die größten Spiele, die wir jemals von deutschen Mittelstürmern sahen.« Den schönsten Treffer allerdings erzielte Helmut Schön: Der ungarische Torhüter wehrte eine Ecke ab, Kobierski auf linksaußen hob den Ball halbhoch zu Schön, der mit dem Rücken zum 16 Meter entfernten Tor stand. Schön erwischte das Leder mit einem perfekten Fallrückzieher; als er am Boden liegend Jubel aufbranden hörte, wusste er, dass er getroffen hatte. Später war es für ihn »mein schönster Treffer« der Karriere; Becker nannte das Tor »phantastisch«, Fritz Walter »das schönste aller schönen Tore dieses Tages«.
Dem deutschen Angriffswirbel hatten die Ungarn schon bald nichts mehr entgegenzusetzen; ihr wenig erprobtes System fiel vor allem in der Defensive auseinander. Am Ende verloren sie mit 0:7; neben dem geschilderten fünften Treffer hatte Schön auch noch den siebten erzielt. Sowohl beim »Kicker« wie beim »Fußball« zierte anschließend ein Foto des Dresdners die Titelseite. Fritz Walter bezeichnete die Begegnung in seinen Erinnerungen als »Spiel der Superlative«, und Helmut Schön verglich sie in seiner Autobiografie mit jenem legendären 3:1, das Beckenbauer, Netzer und Co. 1972 auf den Rasen des Wembley-Stadions zauberten. Er ergänzte den Vergleich mit einem vielsagenden Hinweis darauf, dass »damals Günter Netzer seinen größten Tag hatte«. Zwischen den Zeilen mochte stehen: »so wie ich gegen Ungarn«.
Deutlicher hat sein einstiger Nationalmannschaftskollege Hans Fiederer, als er drei Jahrzehnte später für den »Kicker« arbeitete, die Verbindung zwischen den Spielertypen Netzer und Schön hergestellt. Er schrieb über Netzers Wirken auf dem Platz: »In der ganzen Anlage, im Aufbau seines Spiels, ist er mit dem jungen Helmut Schön zu vergleichen.« Zumindest trug Netzer jene »10« auf dem Rücken, die auch Schöns Position als halblinker Stürmer markierte, doch ein »Zehner« spielte 1972 im 4-3-3 natürlich eine andere Rolle als im W-M-System von 1941. Schön wie Netzer agierten am Ball technisch stark und besaßen große taktische Übersicht, doch weitere Ähnlichkeiten wirken etwas konstruiert. Angebrachter erscheint, von der Statur wie von der Spielweise her, der bereits zitierte Vergleich mit Matthias Sindelar, dem Genie des österreichischen Fußballs.
Mit den Siegen gegen die Schweiz und Ungarn schien sich in Herbergers Team eine neue feste Sturmreihe herausgebildet zu haben: mit dem Innentrio Hahnemann, Walter und Schön, mit Kobierski als Linksaußen sowie dem Wiener Franz Hahnreiter auf dem rechten Flügel. Doch schon im »Rückspiel« gegen die Schweizer gab es für diese Formation einen ersten Rückschlag; die Eidgenossen konnten sich für die 2:4-Niederlage vom März mit einem 2:1-Erfolg in Bern revanchieren. Ausschlaggebend war laut »Fußball« das »eiserne Abwehrspiel« der Schweizer, während die deutsche Offensive Kritik erntete, inklusive Schön, »der langsam war«.
In seinen privaten Notizen bemängelte Sepp Herberger geradezu wütend »Helmut Schöns fehlende innere Härte gegenüber schweren Aufgaben. […] Schön ist ein Nervenbündel!! Nicht einmal das Ballstoppen gelingt ihm in solchen Augenblicken höchster Aufregung.«
Die Niederlage ereignete sich ausgerechnet an Hitlers Geburtstag, dem 20. April. Kurz darauf belehrte Propagandaminister Joseph Goebbels seinen Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, es dürfe »vor allem kein Sportaustausch gemacht werden, wenn das Ergebnis im Geringsten zweifelhaft sei«. Niederlagen stellten die Funktion der Länderspiele infrage, der Bevölkerung eine positive Ablenkung vom Kriegsgeschehen zu bieten.
Neben der neutralen Schweiz, Spanien und Schweden fanden sich als Länderspielgegner ohnehin nur noch Staaten, die mit Deutschland verbündet oder von ihm abhängig waren. Im Juni 1941 waren dies Rumänien und Kroatien. In beiden Spielen fehlte Helmut Schön, der durch die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, die er mit dem Dresdner SC bestritt, stark belastet war. Wieder machte ihm sein Knie zu schaffen; das Halbfinale hatte er nur stark bandagiert und im Schongang durchstehen können, zwischendurch wurde er minutenlang behandelt.
Sein Ausfall bot Ernst Willimowski die Chance zum Debüt im reichsdeutschen Trikot. Der 22-fache polnische Nationalspieler und gebürtige Oberschlesier hatte nach der Besetzung Polens die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und war zum Polizei SV Chemnitz gewechselt. Zugleich trat er eine Stelle bei der Polizei an – laut Sporthistoriker Diethelm Blecking »auch ein Versuch, der drohenden Einberufung in die Wehrmacht zu entgehen«. Mit 24 Jahren konnte der Ausnahmestürmer gegen Rumänien sein erstes Länderspiel für Deutschland absolvieren und schoss an der Seite von Fritz Walter gleich zwei Tore. Auch zwei Wochen später gegen Kroatien war er mit einem Treffer erfolgreich.
Ende einer Nationalmannschaftskarriere
Als am 5. Oktober zeitgleich zwei Länderspiele in Skandinavien stattfanden – eines gegen Schweden und eines gegen Finnland –, entschloss sich Herberger dazu, für Stockholm Schön und für Helsinki, wo eher eine B-Elf auftrat, Willimowski zu nominieren. Ursprünglich sollte in Helsinki ein starker DSC-Block spielen, mit Miller, Pohl, Dzur und Schubert sowie Schön als Mannschaftskapitän. Doch als der für Stockholm eingeplante Conen mal wieder ausfiel, disponierte der Reichstrainer neu. Während Willimowski beim 6:0 gegen Finnland mit drei Treffern glänzte, erlebte Schön ein 2:4-Debakel gegen Schweden. Auch ein persönliches. Er selbst konnte sich seine schwache Leistung nicht recht erklären, »denn ich hatte vor dem Spiel geglaubt, dass ich in bester Verfassung wäre«. Auch der »Fußball« rätselte: »Mit Schöns schwächerem Spiel konnte nicht von vornherein gerechnet werden.«
Härter und tiefer ging Sepp Herberger mit seinen Spielern ins Gericht. Nach der Niederlage notierte er: »Einige unserer Spieler sind nicht in der Kondition, die notwendig ist, um solche Gegner zu bezwingen! Der Krieg und seine Begleitumstände, der Dienst bei der Wehrmacht, Wachdienst, Nachtwachen, Fliegeralarm usf. beeinträchtigen natürlich ungünstig die Kondition der Spieler.« Zugleich müsse er allerdings »feststellen, dass diese Dinge auch anfangen, ein Zufluchtsplätzchen für faule Ausreden unserer Spieler zu werden«, wofür er als Beispiel unter anderem Fritz Walter nannte. Helmut Schön kritisierte er heftig in anderer Hinsicht: »Die Stürmer sind zu weich! Keine Kämpfer!! Gegen Schweden gewinnt man nur durch Kraft und Kampf, Schnelligkeit und Härte!! Schön ist gegen Mannschaften aus Skandinavien hinfort nicht mehr tragbar!« Und an den Rand notierte Herberger (möglicherweise nachträglich): »Schön in denkbar schlechter körperlicher Verfassung, dabei vorher geradezu heilige Versicherung, dass ich mich auf ihn verlassen könnte.«
An Schön wie an andere »liebe Sportkameraden« schickte Herberger kurz darauf einen Brief, in dem er vermehrten Trainingsfleiß einforderte: »Stockholm ist wieder einmal mehr die Bestätigung einer alten Lehre: Voraussetzung für den Sieg im Länderkampf ist höchste körperliche Leistungsfähigkeit! Wo es an Schnelligkeit und Ausdauer mangelt, nützt auch die beste Technik nichts!«
Helmut Schön dürfte sich direkt angesprochen gefühlt haben und antwortete am 20. Oktober mit einem langen Brief, in dem er sich bemühte, aus dem schwachen Auftritt gegen Schweden die Lehren zu ziehen:
»Lieber Herr Herberger! Ich […] versichere Ihnen, daß Ihre Zeilen auf einen fruchtbaren Boden gefallen sind. Sie können sich natürlich denken, daß ich mir wie vielleicht kein anderer nach dem Spiel in Stockholm Gedanken gemacht habe. Sehr hart hat es mich allerdings getroffen, daß mir fast allein die Schuld an dem schwachen Spiel unseres Sturms und damit an der Niederlage gegeben wird. Ich kann Ihnen versichern, daß ich mich vor dem Spiele ernsthaft vorbereitet habe, aber eben vielleicht doch noch nicht so, wie es hätte nötig sein sollen. Ich habe sofort nach dem Schwedenspiel begonnen, mein Training anders aufzubauen, um so mehr, als mein Knie augenblicklich in allerbester Verfassung ist und jedes harte Training verträgt. Seit voriger Woche trainiere ich wöchentlich dreimal, und zwar zweimal nur auf Kondition und einmal mit dem Ball. Ich glaube, daß es so richtig ist. Beim Admiraspiel haben Sie wieder meinen Einsatz beim Kopfballspiel bemängelt; auch hierauf richte ich mein besonderes Augenmerk. Ich glaube, lieber Herr Herberger, daß somit die allerbeste Gewähr gegeben ist, daß in den nächsten Wochen und überhaupt zukünftig wieder meine körperliche Verfassung, besonders was den körperlichen Einsatz im Spiele entspricht, die allerbeste ist.«
Mit dem »Admiraspiel« war das Halbfinale im Tschammer-Pokal gemeint, dem Vorläufer des heutigen DFB-Pokals. Das hatte Schön mit seinem Dresdner SC zwar mit 4:2 gewonnen und einen Treffer selbst beigesteuert, doch wurde anschließend in der Presse vermerkt, dass ihm sein Knie augenscheinlich wieder zu schaffen machte. Auch im folgenden Finale – von dem noch die Rede sein wird – kritisierte ihn Kommentator F. Richard im »Fußball«: »Den Dresdner Schön fand ich im Pokalfinale zu weich, zu weit hinten, zu schwach geworden im Torschuss.« »Zu weich« – dieses Adjektiv, das auch Herberger verwendet hatte, sollte künftig an Helmut Schön kleben bleiben, am Spieler wie am Trainer. Übrigens glich er auch darin dem berühmten Sindelar, über den der österreichische Verbandskapitän Hugo Meisl nach einem wichtigen Länderspiel geschrieben hatte: »Sindelar spielte technisch hervorragend, war aber vor dem Tor ein wenig zu weich.«
Die Kritik des bekannten Journalisten F. Richard an Helmut Schön erschien kurz vor dem Länderspiel gegen Dänemark, das am 16. November 1941 stattfinden sollte – ausgerechnet in Schöns Heimatstadion, dem Dresdner Ostragehege. Die Stadt fieberte ihrem ersten Länderspiel seit über sechs Jahren entgegen; die Kapazität des Ostrageheges war durch Zusatztribünen auf 42.000 erhöht worden. Kein Wunder, dass Schön darauf brannte, in diesem Spiel dabei zu sein. Seinen Brief an Herberger ergänzte er daher: »Sie werden nun sicher denken, er schreibt mir alles nur wegen des Dänemarkspieles in Dresden. Das stimmt zu einem großen Teile, denn das wird ja jedem Spieler einleuchten, daß es vielleicht nichts Schöneres geben kann, als die Farben seiner Nation in seiner Heimatstadt vertreten zu dürfen; über diesen Satz werden Sie sicherlich lächeln, aber er stimmt doch. Es ist also mein höchster Ehrgeiz, gerade in diesem Kampfe mitwirken zu können und mitzuhelfen, gerade gegen diesen Gegner uns für die Schwedenniederlage zu rehabilitieren, wenigstens zu einem großen Teile.«
Ans Ende seines Briefes setzte Schön übrigens ein »mit herzlichem Grusse« und verkniff sich das übliche »Heil Hitler«, das Herberger anfügte.
Zweifellos war sein Schreiben taktisch klug verfasst, aber genutzt hat es nichts. Wenn Herberger weiter an seinem Urteil festhielt, dass Schön gegen skandinavische Mannschaften »hinfort nicht mehr tragbar« sei, konnte er ihn gegen Dänemark nicht aufstellen. Er hatte das auch nicht vor, obwohl er ihn ins Aufgebot holte. An DFB-Führer Felix Linnemann hatte er schon am 16. Oktober eine Mannschaftsaufstellung geschickt, in der Schön nicht vorkam. Den Spieler ließ er zunächst im Ungewissen. Erst als ein plötzlicher Kälteeinbruch den Rasen im Ostragehege steinhart frieren ließ, nahm der Reichstrainer dies zum Anlass, Schön auf dessen Nicht-Berücksichtigung vorzubereiten: Solche Platzverhältnisse seien dem lädierten Knie besonders abträglich. Schön hoffte weiter: »Als ehrgeiziger Spieler wollte ich das natürlich nicht wahrhaben.« Doch am Tag vor dem Spiel kam die Entscheidung: »Also, Helmut, wir lassen es lieber. Der Boden wird Ihnen nicht liegen.«
»Die gesamte Fußballwelt schien über mir zusammenzustürzen«, erinnerte sich Schön später an seine Gefühlslage. Mit einigem zeitlichem Abstand behauptete er: »Trotz meiner Enttäuschung war ich dem Reichstrainer nicht gram, denn nach und nach sah ich ein, daß er nur seiner Überzeugung treu geblieben war, auch auf die Gefahr hin, daß er eine unpopuläre Entscheidung getroffen hatte.« Herberger-Biograf Leinemann, der diese Feststellung auch zitierte, glaubte dennoch: »Spätestens mit diesem Spiel war der Grundstein für die Animositäten und Querelen gelegt, die jahrzehntelang das Verhältnis zwischen Sepp Herberger und Helmut Schön, seinem späteren Nachfolger als Bundestrainer, beeinträchtigten.«
Von diesen Querelen wird noch ausführlich zu lesen sein, doch es erscheint sehr zweifelhaft, dass sie tatsächlich im November 1941 ihren Anfang nahmen. Zu stark bildete Sepp Herberger für Helmut Schön eine Autorität, die er vor 1964 – bis er selbst Bundestrainer wurde – nicht infrage stellte. Zudem hat sich Herberger in der unmittelbaren Nachkriegszeit so intensiv für den Trainer-Neuling Schön eingesetzt, dass es verwunderlich wäre, wenn 1964 alte Narben noch immer eine Rolle gespielt hätten.
Ohne Schön endete das Länderspiel gegen Dänemark mit einem 1:1. Ernst Willimowski hatte seinen Platz eingenommen, und als »local heroes« vom Dresdner SC spielten als linker Läufer Helmut Schubert sowie als Verteidiger Karl Miller. Deren Popularität reichte allerdings bei Weitem nicht an die Schöns heran: Schubert war erst ein Jahr zuvor vom Planitzer SC gekommen, während Miller nur infolge des Krieges beim DSC gelandet war; sein Heimatverein hieß FC St. Pauli.
So kann man ziemlich sicher sein, dass es unter den 42.000 Zuschauern im Ostragehege Unmutsäußerungen gab, trotz der Anwesenheit nationalsozialistischer Prominenz auf der Steintribüne, darunter Sportbereichsführer Kurt Gruber, der Schön einst in die NSDAP hatte drängen wollen. Jedenfalls weisen Presseberichte darauf hin: »Um die bestmögliche Aufstellung muß es ein ziemliches Hin und Her gegeben haben, denn erst gegen 23 Uhr wurden der Dresdner Presse unter tausend heiligen Schwüren der Verschwiegenheit die Namen der deutschen Nationalspieler gegen Dänemark verraten. Es braucht nicht vertuscht zu werden, daß diese für den Sportbereich Sachsen, für die Gaststadt und seinen Meister DSC. eine außerordentliche Enttäuschung bedeuteten. […] Eine solche Aufstellung hatte sich das fußballerische Dresden auf keinen Fall träumen lassen«, berichtete der »Fußball« etwas kryptisch.
Der örtliche »Dresdner Anzeiger« erwähnte den Namen Helmut Schön mit keinem Wort, deutete aber Proteste unter den Zuschauern an: »Murrend zog das Publikum davon. […] Tausende behaupteten, daß der komplette DSC. die Dänen geschlagen haben würde.« Eine direkte Kritik an der Nicht-Nominierung Schöns wagten die Zeitungen nicht, und auch der »Dresdner Anzeiger« relativierte brav die kritischen Stimmen: »Ob mit mehr DSC’lern das Ergebnis besser ausgefallen wäre? Zehntausende sind davon überzeugt, beweisen kann es keiner.« Und der »Kampf« wollte »ohne eigene Stellungnahme die Stimmung des abmarschierenden Publikums andeuten. Es hagelte nur so heftige Kritiken. Kein guter Fetzen blieb an den deutschen Fußballern. […] Ja mit dem DSC., da hätten wir selbstverständlich glatt gewonnen! Wir verzichten absichtlich auf Wiedergabe der nicht selten unparlamentarischen Aeußerungen, die herumschwirrten.«
Die Karriere des Nationalspielers Helmut Schön war damit zu Ende, fortan bevorzugte Sepp Herberger den robusteren Ernst Willimowski. Zwar hatte er seinen niedergeschlagenen Stürmer nach dem Dresden-Spiel noch getröstet: »Sie spielen noch viele Länderspiele!« Doch da hatte er entweder sich oder seinen Spieler getäuscht.
Ob Helmut Schön durch seine großen Erfolge als Vereinsspieler 1943 und 1944 wieder in die Nationalelf zurückgekehrt wäre? Man kann es nicht wissen. Im Herbst 1942 hatte Herbergers Mannschaft ihre letzten drei Auftritte, bevor die NS-Führung im Zuge der »totalen Kriegsführung« jeden internationalen Sportverkehr untersagte. In allen drei Spielen stand Ernst Willimowski neben Fritz Walter; gegen die Schweiz erzielte er vier Tore, gegen Kroatien zwei. Insgesamt brachte er es in nur acht Länderspielen auf 13 Treffer – eine Quote von sagenhaften 1,63 Toren pro Spiel. Fritz Walter juxte einmal, der Willimowski »schießt mehr Tore, als er Chancen hat«. Allerdings vollbrachte »Willi« diese Leistung kriegsbedingt vornehmlich gegen schwächere Gegner.
Betrachtet man nur Spieler, die über einen längeren Zeitraum in der Nationalmannschaft antraten, so gibt es dort bis zum heutigen Tag nur zwei, deren Quote über der »1« liegt, die also mehr Tore schossen, als sie Einsätze hatten: der unübertreffliche Gerd Müller mit 68 Treffern in 62 Einsätzen. Und Helmut Schön mit 17 Toren in 16 Länderspielen.
KAPITEL 3
Krönungen in Kriegszeiten
1940 bis 1944: Titel mit dem Dresdner SC
Die »Deutsche Sportillustrierte«, Einzelpreis 30 Pfennige, erschien im Februar 1942 mit einem glücklich dreinblickenden Paar auf der Titelseite; darunter stand: »Helmut Schön als Ehemann – Deutschlands erfolgreicher Nationalspieler Helmut Schön vom DSC hat in Dresden seine reizende Frau gefunden und kommt hier mit Frau Schön geb. Gräfe vom Standesamt.«
Die beiden hatten sich 1939 im Kasino unter der Tribüne des Ostrageheges kennengelernt. Die 21-jährige Annelies Gräfe war, so Schön, zuvor »mit unserem neuen Linksaußen verlobt« gewesen. Sie entschied sich dann aber doch für den Mittelstürmer. Schön selber, auch erst 23 Jahre alt, hatte »gerade eine Liaison mit der Wiener Tänzerin Nora aus dem Zentraltheater hinter mir«. Nun aber führte er seine Annelies zum Tanzen aus; sie trug einen schicken weißen Panama-Hut und bevorzugte Foxtrott und Tango.
Annelies Gräfe, die bei der Dresdner Filiale der Allianz-Versicherung angestellt war, stammte aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie. Ihr Vater Otto Gräfe, ein Reichsbahnbeamter, verhehlte vor 1933 nicht seine Ablehnung der Nationalsozialisten: »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!« Mutter Lina sah es wohl ähnlich. Als ihnen die Tochter von ihrer neuen Bekanntschaft berichtete, war die erste Frage der Eltern: »Der Schön? Hoffentlich ist der kein Nazi!«
Jedenfalls berichtete es Helmut Schön so in seiner Autobiografie. Demnach erlebte er selbst eine ähnliche Reaktion, als er seine Schwester einweihte. Helene war zwölf Jahre älter als er und pflegte (laut Schöns Sohn Stephan) ein liebevolles Verhältnis zu ihrem »kleinen« Bruder. Für Sport und Fußball interessierte sie sich nicht, sie unterhielt in der Dresdner Kulturszene Kontakte zu Künstlern, Wissenschaftlern, Schriftstellern und Zeitungsmachern. Helenes vorsichtige Frage zu Helmuts neuer Liebe: »Ist die Nazi?«
Das also war geklärt. Bald wurde Verlobung und am 15. Januar 1942 die Vermählung gefeiert. Die Hochzeitsreise führte das Paar ins Erzgebirge; als es von dort zurückkam, wurde es mit einer schlimmen Nachricht konfrontiert: Max Wollf hatte sich das Leben genommen.
Der Tod des Max Wollf
Max Wollf war mehr als ein Untermieter im Hause Schön gewesen; er war auch ein langjähriger Freund der Familie und hatte insbesondere den »Nachzügler« Helmut heranwachsen und populär werden sehen.
Die antisemitischen Gesetze der Nazis hatten ihn und seinen Bruder Julius Ferdinand um ihre leitenden Stellungen bei den »Dresdner Neuesten Nachrichten« gebracht. Julius Wollf hatte bereits am 31. März 1933, einen Tag vor den ersten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte, die Schriftleitung der Zeitung niederlegen müssen. Dass er sich schon vor Jahren hatte evangelisch taufen lassen, spielte für den NS-Rassenwahn keine Rolle. Die Brüder erlebten die täglichen Schikanen, denen Juden im »Dritten Reich« ausgesetzt waren. Sie mussten mitansehen, wie 1938 in der Reichspogromnacht auch die berühmte Semper-Synagoge den Flammen zum Opfer fiel; SS- und SA-Horden verhinderten, dass die herangerückte Feuerwehr den Brand löschte. Der endgültige Abriss der Ruine wurde der jüdischen Gemeinde dann auch noch in Rechnung gestellt.
Vor 1933 hatten Juden im kulturellen und wirtschaftlichen Leben der Stadt eine bedeutende Rolle gespielt. »So fanden sich zum Beispiel im Bankgewerbe und in der damals stark vertretenen Zigarettenindustrie viele jüdische Gründungen. An der Technischen Hochschule Dresden lehrten jüdische Wissenschaftler von internationalem Rang wie Richard Edler von Mises, Victor Klemperer, Gustav Eduard Kafka oder Harry Dember«, hieß es in einem von der jüdischen Gemeinde 1994 herausgegebenen Erinnerungsbuch.
Unmittelbar vor Hitlers Machtübernahme lebten rund 5.000 Juden in Dresden. Ihre Deportationen begannen im Herbst 1938; zugleich erlebte die jüdische Gemeinde den Exodus derer, die noch eine Möglichkeit zur Emigration gefunden hatten. Im Mai 1939 war der Bevölkerungsanteil auf 1.600 Juden geschrumpft, die nun immer massiveren Repressalien ausgesetzt waren: Zwangsarbeit, Umsiedlung in Judenhäuser, Tragen des gelben Davidsterns. Auch Max Wollf musste aus der Struvestraße 38 ausziehen. Laut Helmut Schön diente den Behörden als Vorwand, es könne ansonsten der Eindruck entstehen, er lebe in »Rassenschande« mit Schöns Schwester Helene. Max Wollf kam im Haus seines Bruders in der damaligen Palaisstraße (heutige Franz-Liszt-Straße) unter; Helene traf ihn manchmal heimlich im väterlichen Geschäft, um ihm Nahrungsmittel oder Geld zuzustecken.
Im Januar 1942 begannen für die Dresdner Juden die großen Transporte, über Riga oder Lodz in die Vernichtungslager. Der 62-jährige Max Wollf sah für sich wohl keinen Ausweg mehr. Er nahm sich am 20. Januar mit Tabletten das Leben. Fünf Wochen später wählten auch sein Bruder, Prof. Julius Ferdinand Wollf, sowie dessen Ehefrau Johanna den Freitod. Die drei Schwestern der Wollf-Brüder beschritten den gleichen Weg. Angesichts bevorstehender Deportationen begingen Klara (Juli 1942), Frieda (Juli 1942) und Rosalie (März 1944) Selbstmord. An alle fünf Geschwister Wollf erinnern heute Stolpersteine vor ihrem Geburtshaus Friedrichstraße 10 in Koblenz.
Für Helmut Schön hatte Max Wollf einen Brief hinterlassen. In seiner Autobiografie zitierte Schön beeindruckende Passagen daraus: »Mein lieber Helmut, empfange zu Deiner Vermählung meine allerherzlichsten Glückwünsche. Möge der Himmel Dir und Deiner Frau nur Gesundheit und Glück bescheren und in Eurer Verbindung sich alle Wünsche und Hoffnungen erfüllen, die Ihr damit verknüpft. Es ist für mich ein eigenartiges Gefühl, daß das Kerlchen von einst, das ich noch vor mir sehe und singen höre, heute ein Mann ist, der heiratet. Ich bitte Dich und Deine junge Frau, von mir ein Kommodchen anzunehmen und zur Erinnerung an mich ihm in eurer Wohnung Platz zu gewähren. […] Ich lasse es noch vom Tischler in einwandfreien Zustand bringen, und es wird fertig sein, wenn Ihr in Eure Wohnung einziehen könnt.«
Bei dem »Kommodchen« handelte es sich um eine schöne Barockkommode. Helmut Schön konnte sie auf seinem weiteren Lebensweg stets mit sich nehmen; sie stand schließlich auch in seinem Bungalow in Wiesbaden. Später hat sie sein Sohn Stephan übernommen und bezeichnet sie heute als »ein mir sehr kostbares Erinnerungsstück«.
»Eine herrliche Fußballzeit«
Angesichts solcher tragischer Erfahrungen wirkt es irritierend, wenn Helmut Schön in seinen Erinnerungen von 1970 formulierte: »Trotz des sinnlosen Krieges, der das Leben immer mehr beeinflusste, war es für uns Sportler eine herrliche Fußballzeit.« Die Gewaltherrschaft der Nazis thematisierte er 1970 – anders als in seiner Autobiografie von 1978 – überhaupt nicht. Von einer »herrlichen Zeit« konnte man wohl nur sprechen, wenn man die Welt des Fußballs von der Realität abkoppelte. Oder ihn als einen Fluchtraum vor den bitteren Geschehnissen betrachtete.
Tatsächlich bot der Fußball gerade einem Spitzenspieler wie Helmut Schön auch in schweren Zeiten positive Erlebnisse: Reisen zu großen internationalen oder Meisterschaftsspielen, sportliche Erfolgsmomente, Gruppenreisen mit dem Verein. DSC-Exkursionen führten Schön beispielsweise an den Wörthersee, in die Alpen oder nach Wien, Gastspieltourneen sogar bis Skandinavien.
Auch vor dem Kriegsdienst bewahrte ihn vorerst seine sportliche Prominenz. Sein Arbeitgeber, die Firma Madaus, besaß da so ihre Möglichkeiten, wie der Sohn des Firmengründers, Dr. Udo Madaus, 2015 in einer MDR-Dokumentation erzählte: »Als Arzneimittelfirma hatten wir eine große Bedeutung und konnten Mitarbeiter als ›u.k.‹ beantragen, ›unabkömmlich‹. Das haben wir am Anfang des Krieges getan, für Helmut Schön und für sechs andere DSC-Spieler.«
Udo Madaus, Jahrgang 1925, erlebte diese Zeit als Jugendlicher; seine Erinnerung mag auf Hörensagen beruhen, doch sie erscheint für die ersten Kriegsjahre plausibel, zumal sie in Schöns Erinnerungen zumindest für die eigene Person bestätigt wurde. Dessen Arbeitskollegen im Außendienst genossen keineswegs alle das »u.k.«-Privileg, etliche mussten an die Front, wovon Schön ungewollt profitierte: Durch Veränderung der Vertretungsgebiete stiegen seine Tantiemen erheblich; sein jährliches Grundgehalt von mittlerweile rund 8.600 Mark erhöhte sich 1942 dadurch um 50 Prozent. Allerdings wurde die Regelung nach einem Jahr wieder abgeschafft.
Offenbar verfügte Schön mittlerweile über ein vergleichsweise passables Gesamteinkommen, wenn man seine neue Wohnsituation zum Maßstab nimmt. Nach der Hochzeit hatte das Paar eine 92-Quadratmeter-Wohnung am Münchner Platz 16 bezogen, einem Eckhaus der Gründerzeit, im zweiten Stock und in gutbürgerlicher Umgebung. Als Vormieter der Schöns weist das Adressbuch einen Oberregierungsrat aus. Die Befreiung vom Waffendienst dürfte für Schön allerdings der wesentlichere Aspekt seiner Tätigkeit bei Madaus gewesen sein.
Wichtige Unterstützung im Bemühen, seine Mannschaft im Krieg zusammenzuhalten, erhielt der DSC vermutlich auch von Generalleutnant Karl Mehnert, dem Stadtkommandanten von Dresden. Der zweifache DSC-Nationalspieler Herbert Pohl berichtete in der ARD-Dokumentation »Stürmen für Deutschland«: Mehnert »hat das so gemanagt, dass wir immer schön zurückgehalten wurden, wenn es abging an die Front. Aber leider hat sich dann wohl die Bevölkerung geärgert oder beschwert über diese Bevorzugung von uns Sportlern, und dann kam ein Befehl vom Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Keitel. Da wurden viele Sportler namentlich aufgelistet, um sie zur kämpfenden Truppe zu versetzen.«
Tatsächlich entsprach es nicht unbedingt dem Willen der NS-Zentrale, prominente Sportler vom Kriegsdienst auszunehmen. Vielmehr sollten sie an der Front mit »Heldentaten« zum Vorbild werden. Herbergers Aktion »Heldenklau« wurde nachträglich so legendär, weil sie genau das Gegenteil bewirken sollte: nämlich Nationalspieler vor einem Fronteinsatz zu bewahren und sie für Länderspiele freizustellen. Auch auf lokaler Ebene arbeitete man oft in diesem Sinn. Helmut Schön erinnerte sich an die guten Beziehungen, die der DSC zu Wehrmachtsoffizieren unterhielt: »So konnten wir unseren Nationaltorwart Willibald Kreß immer wieder loseisen, wenn es um die Wurst ging.«
Zumindest in den ersten Kriegsjahren konnten DSC-Stammspieler also auf gewisse Vergünstigungen bei Einberufungen und Militärdienst hoffen. Helmut Schön selbst brauchte bis kurz vor Kriegsende keine Wehrmacht-Uniform anzuziehen. Davor bewahrte ihn auf eine eher kuriose Weise erneut der Fußball. Schöns Knie, das er so oft zu stark belastet und zu wenig geschont hatte, veranlasste die Musterungskommission dazu, ihn als »kriegsverwendungsunfähig« einzustufen. Dabei war der zuständige Arzt laut Schön kein Mann des Fußballs, im Gegenteil: Er kannte den Nationalspieler nicht einmal. Als er hörte, welch Prominenz er vor sich hatte, empfahl er Schön, mit der Kickerei aufzuhören: »Sonst kommen Sie nie zur Wehrmacht.« Ironisch kommentierte Schön in seinen Erinnerungen: »Wenn der Brave gewusst hätte, wie leid mir das tat …«
Mit einem Wackelknie fußballerische Triumphe zu feiern und zugleich dank dieses Knies vom Kriegsdienst befreit zu sein – solche Umstände mögen es erklären, warum Helmut Schön jene Jahre als »eine herrliche Fußballzeit« erlebte. Und warum er an gleicher Stelle die Formulierung fand: »Trotz der Unbilden des Krieges ging es im Fußball munter weiter.«
Auftakt einer Erfolgsserie
Anfangs also beeinträchtigte das Kriegsgeschehen das DSC-Personal vergleichsweise wenig; vielmehr wurden ihm unverhofft wertvolle Akteure als »Gastspieler« zugeführt. Dazu zählte vor allem der bereits erwähnte Karl Miller, der eigentlich für den FC St. Pauli spielte und als Soldat 1940 nach Dresden abkommandiert wurde. In seiner Dresdner Zeit spielte der Verteidiger zwölfmal für die Nationalelf. Eine weitere wichtige Verstärkung bildete der ebenfalls aus Hamburg stammende Gustav Carstens. In seiner Heimatstadt spielte er viele Jahre an der Seite des Idols Rudi Noack im HSV-Sturm, verlor seine Stärke, als Noack von den Nazis gesperrt wurde, und fand an der Seite Schöns wieder zu alter Qualität. Auch der bis dahin als Seitenläufer für den Planitzer SC spielende Helmut Schubert kam 1940 möglicherweise kriegsbedingt zum DSC.
Schon vor Kriegsbeginn hatte der Verein indirekt von Hitlers Expansionspolitik profitiert. Nachdem der »Führer« mit Billigung der europäischen Großmächte 1938 das Sudetenland »heim ins Reich« geholt hatte, zerfiel dort der bislang professionell geführte Fußball. Der Historiker Stefan Zwicker: »Die beiden damals größten Stars, Heinrich ›Heiner‹ Schaffer und Heiner Kugler vom Teplitzer FK, im März 1938 noch tschechoslowakische Nationalspieler, wechselten zum Dresdner SC, wo sie im Sturm gemeinsam mit […] Helmut Schön spielten.« Ebenfalls 1938 kam der bereits erwähnte junge Walter Dzur aus dem zuvor tschechischen Eger nach Dresden, und 1939 schloss sich Herbert Pechan dem DSC an; er war vorher als Verteidiger wie Schaffer und Kugler beim Teplitzer FK aktiv gewesen.
Derart personell verstärkt, stand der Verein vor den größten Erfolgen seiner Geschichte. Die Saison 1938/39 begann allerdings katastrophal, mit 0:8 Punkten und 0:8 Toren nach vier Spieltagen. »Auch mit Schön – verloren«, titelte der »Kicker« ratlos. Doch danach lief es reibungslos; selbst als Mittelläufer Dzur verletzt war, konnte ihn der vielseitige Schön mit »tadellosem Abwehr- und Aufbauspiel« (»Fußball«) ersetzen. Es waren die Monate, in denen er auch in der Nationalelf großartige Auftritte hinlegte. Am Ende der Saison gewann der DSC die Gaumeisterschaft und qualifizierte sich in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft nach einem Sieg über Fortuna Düsseldorf für das Halbfinale. Noch immer ersetzte Schön den verletzten Dzur und zeigte sich gegen Düsseldorf erneut als »Meisterstratege« (»Fußball«).
Überraschend schwach war hingegen seine Leistung, als er im Halbfinale gegen Schalke 04 auf die angestammte Mittelstürmerposition zurückkehren konnte. Vor 100.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion erzielte er immerhin ein Tor per Kopf. Da es am Ende 3:3 stand, musste das Spiel wiederholt werden. Dieses Mal setzten sich Ernst Kuzorra und Co. mit 2:0 durch. Während die Schalker im Endspiel Admira Wien mit 9:0 deklassierten, trösteten sich die Dresdner mit dem dritten Platz, den sie gegen den Hamburger SV erkämpften. Zwei Treffer beim 3:2-Sieg stammten von Helmut Schön.
Die folgende Saison stand zunächst ganz im Zeichen des Kriegsbeginns. Der »Dresdner Anzeiger« erschien nach dem 1. September mit allerlei hetzerischen Schlagzeilen (»Danzig war immer deutsch!« – »England will den Krieg!«), bevor die ersten Todesanzeigen in der Zeitung auftauchten: »Im Kampf für Deutschlands Freiheit gefallen«. Der 24-jährige DSC-Stürmer Hans König hatte derweil noch Glück, als er »beim Vormarsch in Polen« an Ferse und Hüfte nur leicht verletzt wurde. Er konnte in dieser Saison sogar noch in einigen Ligaspielen mitwirken.
Vorerst wurde der Gauspielbetrieb abgesagt, allerdings dekretierte der Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen: »Nichts darf zerschlagen werden im deutschen Sport an Organisation, an Fäden, die von Mensch zu Mensch führen, selbst wenn der eine an der Grenze auf Wacht steht und der andere Aufgaben in der Heimat erfüllt. Hier darf und soll der Sport als bindende Kraft wirken.« Es sollte also möglichst rasch weitergehen, und tatsächlich lief nach einigen Wochen der Spielbetrieb wieder an.
Souverän wurde der Dresdner SC sächsischer Gaumeister; das Rekordergebnis von 10:1 allerdings fuhr er im Mai 1940 in einem Freundschaftsspiel ein, das für Helmut Schön ein ganz besonderes war: Er spielte gegen seinen Bruder Walter, der in den Reihen seines alten Vereins Dresdensia stand.
Enger ging es in den Gruppenspielen um die Deutsche Meisterschaft zu. Der DSC setzte sich gegen Jena, Osnabrück und Eimsbüttel durch, Helmut Schön und Hans König erzielten die meisten Tore. Das bedeutete: Halbfinale gegen Rapid Wien. Diese Spiele wurden ansonsten auf neutralem Boden ausgetragen, weshalb die Dresdner höchst verärgert darüber waren, dass als »neutraler« Platz das Wiener Praterstadion bestimmt worden war. Schön: »Da wir uns benachteiligt fühlten, entstand eine Verbissenheit, die zu dem Entschluss führte, trotz allem unsere Klasse zu beweisen.«
Die bewies vor allem Schön selbst, der nach dem 2:1-Erfolg der Dresdner vom »Fußball« in den höchsten Tönen gelobt wurde: »der beste Mann auf dem Felde«, »der Glanzpunkt auf dem Felde«; »Schön zeigte eine Leistung, die schlechthin vollendet war«. Dabei spielte für Rapid einer der ganz großen Wiener Stars, Franz »Bimbo« Binder. Doch um den kümmerte sich »wie ein Gummiball« erfolgreich der um einen Kopf kleinere, aber sehr energische Mittelläufer Dzur. Den Sieg sicherte in der Verlängerung Richard Hofmann durch einen Gewaltschuss, der erst gegen den Torpfosten prallte und dann von einem Wiener Schienbein ins Tor sprang.
Zum ersten Mal stand der DSC damit im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Wie ein Jahr zuvor im Halbfinale traf man in Berlin auf die seinerzeit schier übermächtigen Schalker um Szepan, Kuzorra, Tibulski und Klodt. Trotz des Krieges traten beide Mannschaften nahezu in Bestbesetzung an; bei den Dresdnern fehlte lediglich Hans König im Sturm. Es wurde ein zähes Spiel, das von starken Defensivleistungen geprägt war. Helmut Schön sah sich einer engen Bewachung durch den Schalker Mittelläufer ausgesetzt: »Zweikämpfe zwischen Tibulski und Schön kehren immer wieder. Der Schalker setzt dabei seine ganze Kraft ein, und Schön versucht vergebens, sich von ihm zu lösen. Tibulski weiß zu genau, was seiner Mannschaft drohen kann, wenn Schön das ganze Repertoire seines technisch reifen Könnens auszuspielen vermag, darum lässt er ihm keine Minute Bewegungsfreiheit« (»Fußball«).
»Spielt doch endlich Fußball«, riefen viele der 90.000 unzufriedenen Zuschauer. Ein Treffer von Ernst Kalwitzki entschied das unansehnliche Spiel schließlich zugunsten der Schalker. Die DSC-Spieler erhielten als Vizemeister dennoch eine Einladung zum Festbankett im Dresdner Rathaus. In dem Schreiben von Oberbürgermeister Dr. Hans Nieland, einem SS-Brigadeführer, wurden die Gäste angesichts kriegsbedingter Lebensmittelknappheit aufgefordert: »An Marken bitte ich mitzubringen: 100 gr Fleisch, 100 gr Brot und 20 gr Butter.«
Zweifacher Pokalsieger
Spätestens mit Beginn der Saison 1940/41 galt die Mannschaft des Dresdner SC den Zeitungen als »die Elf Helmut Schöns«, eine Zuschreibung, die zuvor meist noch Richard Hofmann oder beiden gemeinsam gegolten hatte. Doch Hofmann war inzwischen 34 Jahre alt, Schön dagegen mit seinen 25 Jahren im besten Alter. Seine Länderspielerfahrungen und seine Spielintelligenz hatten ihn zur Führungspersönlichkeit reifen lassen, die sich für Fragen von Taktik und Training interessierte. Nach 1945 würde er einen fast nahtlosen Übergang ins Amt eines Spielertrainers finden.
Es wäre interessant zu wissen, wie die Absprachen zwischen dem in der Presse selten erwähnten Trainer Georg Köhler (mit dem Schön vor 1935 ja noch zusammengespielt hatte), dem souveränen Senior Hofmann und dem gewitzten Spielmacher Schön abliefen. Köhlers Präsenz war eingeschränkt, weil er, anders als das Duo Hofmann/Schön, Kriegsdienst leisten musste. Vorstellbar ist, dass Helmut Schön damals ein fruchtbares Kommunikationsmodell zwischen Trainer und Führungsspielern erlebte, das er selber dann als Bundestrainer praktizieren würde: ein Modell, in dem der Trainer zwar die Verantwortung und letztendlichen Entscheidungen trägt, in dem die Kommunikation aber weitgehend gleichberechtigt abläuft.
Schöns allgegenwärtige Präsenz auf dem Platz wird in den Presseberichten zum Pokalfinale 1940 deutlich. Wenn sie hier zitiert werden, dann nicht, um ein weiteres Mal lange Loblieder auf den Spieler Schön zu singen, sondern weil seine Spielweise darin anschaulich dargestellt wird. Im »Fußball« war zu lesen: »Führer in diesem Angriff ist nicht [der nominelle Mittelstürmer, d.A.] Machate, sondern Schön, der auch ständig die Verbindung mit den Außenläufern, ja, mit der eigentlichen Abwehr aufrecht erhält. Es war auch heute keine Seltenheit, daß der lange Helmut im eigenen Strafraum auftauchte: besonders bei Eckbällen des Gegners macht er sich auf diese Weise sehr nützlich. Wenn er dann, den Ball gefühlvoll am Fuß, nach vorne eilt, mit unnachahmlicher Eleganz einen oder zwei Nürnberger umspielte und den Ball genau dahin zirkelte, wo er für den Gegner am gefährlichsten wurde, dann jubelten die Massen, weil es eben doch nichts Begeisternderes gibt als solch vollendete Beherrschung von Ball und Körper im schnellsten Lauf und unter dem härtesten Einsatz des Gegners! […] Neben einem solchen Klassespieler muß das Außenstürmerdasein eine Wonne sein.«
Ähnlich sah ihn im gleichen Spiel der »Kicker«: »Die verhängnisvolle Neigung zum blendreichen Einzelspiel, die ihn den Platz in der Nationalmannschaft kostete, ist überwunden. Schön spielt, denkt, kämpft wieder für die Mannschaft. Und schon entfaltete sich in diesem gereiften Spiel seine vielbewunderte Kunst des ›unsichtbaren‹ Abspiels aus dem Fußgelenk in schnellem Zick-Zack-Lauf, seine unvergleichliche Spielübersicht, seine Denkgewandtheit und der Zauber seiner Klein-Klein-Technik.«
Angesichts der Lobpreisungen ist zu ahnen, dass der DSC das Finale siegreich bestritten hatte. Der nach dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten benannte Vereinspokal – kurz: Tschammer-Pokal – wurde seinerzeit übers Jahr ausgespielt, mit dem Endspiel im Dezember. Die Dresdner hatten sich im Halbfinale erneut mit Rapid Wien messen müssen, dieses Mal allerdings auf dem heimischen Terrain des Ostrageheges. Das 3:1-Resultat wirkt eindeutiger, als es im Spiel zuging. Schön verletzte sich schon in der 20. Minute bei einem Zusammenprall am Kopf und spielte nur benommen weiter. In der Pause wurde die Wunde genäht, und er konnte erst verspätet wieder auf den Platz, wo seine Elf dann prompt wieder überlegener spielte und die beiden entscheidenden Treffer erzielte.
Im Finale wartete am 1. Dezember Altmeister 1. FC Nürnberg, der gewöhnlich in den gleichen Farben spielte wie die Dresdner: rotes Hemd, schwarze Hosen. Eine Regelung für diesen Fall gab es seinerzeit noch nicht, also verständigten sich die Teams auf einen Kompromiss: Die »Clubberer« durften ihre roten Hemden tragen (aber weiße Hosen), die Dresdner ihre schwarzen Hosen (aber weiße Hemden). Allerdings überlisteten sie die Nürnberger, indem sie sich unter die weißen Hemden noch die gewohnten roten anzogen.
Der »Trick« wirkte, vor 60.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion gewannen die Dresdner mit ihrem hochgelobten »Zauberer« Schön nach Verlängerung 2:1 und damit endlich den langersehnten ersten nationalen Titel ihrer Vereinsgeschichte. Im Tor stand der bewährte Kreß, in der Abwehr ließen Karl Miller und der Ur-Dresdner Heinz Hempel – schon sein Vater spielte für den DSC – die Nürnberger Stürmer nicht zur Entfaltung kommen. Walter Dzur agierte wie eine Art moderner »Sechser«: Er sicherte »das berühmte Dresdner Bollwerk« (»Fußball«) und belebte zugleich das Angriffsspiel mit Steilpässen. Von der DSC-Stammelf fehlten Heiner Kugler sowie (vermutlich verletzungsbedingt) Richard Hofmann, der durch Fritz Machate ersetzt wurde.
Als der Dresdner SC ein Jahr später seinen Pokaltitel verteidigte, waren Kugler und Hofmann wieder dabei; ansonsten trat die Elf unverändert an. Keine Selbstverständlichkeit, denn seit dem Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion – dem »Unternehmen Barbarossa« – hatte die Zahl der Kriegsabstellungen noch einmal beträchtlich zugenommen, und nur ganz wenige DSC-Spieler waren wie Schön noch vom Kriegsdienst befreit.
1941 mussten sich die Dresdner im Halbfinale erneut mit einer Wiener Mannschaft auseinandersetzen, dieses Mal mit Admira, die sie im Ostragehege vor 28.000 Zuschauern mit 4:2 besiegten. Schön spielte von Verletzungen gehandicapt. Die Wiener hatten statt im gewohnten Weiß im Schalker Königsblau auflaufen müssen, weil bei dieser Partie Szenen für den Film »Das große Spiel« gedreht wurden und das Drehbuch es so erforderte. Der Streifen um Liebes- und Ballspiele wurde ein Kassenschlager.
Im Endspiel traf der DSC Anfang November auf den wahrhaftigen Angstgegner Schalke 04, eine Aussicht, die Helmut Schön nach eigener Erinnerung »bedrückte«. Doch dieses Mal schlug man Szepan, Kuzorra und Co. mit deren eigenen Mitteln: Die Dresdner spielten »schalkerisch«. »Sie ›zauberten‹ und ›kreiselten‹«, begeisterte sich die Berliner »Fußballwoche« für die DSC-Stürmer. Helmut Schöns Leistung wurde unterschiedlich beurteilt. Wie erwähnt, fand ihn F. Richard im »Fußball« »zu weich, zu schwach«, räumte aber ein: »Andere fanden gerade in diesem Spiel seine Aufbau-Arbeit ganz hervorragend.« Damit war auch ein Kollege im eigenen Blatt gemeint, der geschrieben hatte: »Schön war ein Mannschaftsspieler, wie er im Buche steht, ohne jeden egoistischen Ehrgeiz. […] In der zweiten Hälfte opferte er sich buchstäblich in der Abwehr auf.« Auch dem »Kicker« zufolge »imponiert uns an Schöns technisch glitzerndem Spiel, daß er wieder ganz im Wirken für die Mannschaft aufgeht, kein Effekthaschen, kein Einzelspiel, alles für den DSC«.
Bereits in der achten Minute hatte Kugler einen Hofmann-Steilpass zur 1:0-Führung verwandelt. Ihre drückende Überlegenheit konnten die Dresdner zunächst nicht in weitere Tore ummünzen, stattdessen erzielte Kuzorra nach kurzem Dribbling bald nach der Pause den Ausgleich. Doch schon zwei Minuten später holte Carstens mit einer feinen Einzelleistung die Führung zurück; bei diesem 2:1 blieb es.
Den Pokalsieg zu wiederholen, war in diesem – allerdings noch recht jungen – Wettbewerb zuvor noch keinem Verein gelungen. Dazwischen lag für Schön auch noch der Gewinn des seinerzeit recht populären Reichsbundpokals, den Auswahlmannschaften der verschiedenen Gaue austrugen. Sachsen gewann das Endspiel in Chemnitz vor 30.000 Zuschauern mit 2:0 gegen Bayern. Die sächsische Auswahl bestand faktisch aus einer um Ernst Willimowski erweiterten DSC-Mannschaft; der gebürtige Schlesier stürmte in der Mitte, Schön auf halblinks, und der Treffer zum 2:0-Endstand entsprang einer der vielen gelungenen Koproduktionen der beiden.
Zwar zählte der Dresdner SC nun seit Jahren zu den deutschen Topteams, musste aber mit dem Makel leben, im wichtigsten Wettbewerb, der Deutschen Meisterschaft, bisher gescheitert zu sein. Auch in der zurückliegenden Saison 1940/41 hatte man das Endspiel verpasst, weil das Halbfinale gegen den alten Bekannten Rapid Wien 1:2 verloren gegangen war. Dieses Mal hatte man sich auf tatsächlich neutralem Boden in Beuthen getroffen. Schön war schon angeschlagen ins Spiel gegangen, verletzte sich Mitte der ersten Halbzeit nochmals am Knie, musste einige Minuten lang behandelt werden und wäre wohl ausgewechselt worden, wenn es seinerzeit möglich gewesen wäre. Immerhin siegten die Dresdner im Spiel um den dritten Platz gegen den VfL Köln 99.
Fußball und Frontdienst
Trotz der verpassten Meisterschaft und noch vor der Pokalverteidigung blickten die Dresdner im Sommer 1941 auf die erfolgreichste Saison ihrer Geschichte zurück. Insgesamt hatten sie 43 Spiele ausgetragen, davon 40 gewonnen und nur eines – das gegen Rapid – verloren. Neun Spieler hatten an mindestens 30 Partien mitgewirkt, was angesichts der Kriegsumstände beachtlich war. Erfolgreichster Torschütze war Fritz Machate, der 1940/41 in 35 Spielen 56 Tore erzielt hatte. Helmut Schön hatte in 27 Begegnungen mitgespielt und 22-mal getroffen. »Ihm sieht man die Strapazen dieses für den DSC so erfolgreichen Jahres vielleicht am meisten an«, bemerkte der »Fußball«.
Fritz Machates Einsatzzahl ist umso bemerkenswerter, als er zu jenen Spielern aus der »friedensmäßigen Besetzung« (»Fußball«) gehörte, die im Sommer 1941 an der Front standen. Allerdings war er der einzige der sieben aufgeführten »Frontsoldaten«, der regelmäßig zum Einsatz kam. Hans König beispielsweise lief nur noch ganz selten auf, und der zur Marine versetzte Hans Kreische lag verletzt im Lazarett.
Solche Zahlen sind allerdings schwer zu bewerten, weil die Angaben unterschiedlich ausfielen und nicht immer klar ist, ob mit »Frontsoldaten« alle zum Kriegsdienst eingezogenen Spieler gemeint waren oder nur die tatsächlich an der Front stehenden. Bereits im März 1940 hatte der Verein selbst in seinem Rundbrief »an alle feldgrauen DSCer!« berichtet, zehn Spieler des Ligakaders seien »zur Wehrmacht einberufen« worden und »Mannschaftsführer Georg Köhler steht ebenfalls an der Front«. Ein knappes Jahr später, im Januar 1941, meldete der »Kicker«, nahezu alle Spieler der ersten DSC-Mannschaft trügen die Uniform. Vom Spiel einer »Dresdner Wehrmachtself« berichtete er: »Es war beinahe die richtige DSC.-Elf, nur Helmut Schön fehlte, er war der einzige Zivilist in der Mannschaft.« Letzteres galt aber auch für Richard Hofmann, mit seinem vorgerückten Alter und der fehlenden Ohrmuschel. Als Einkäufer einer Maschinenfabrik, deren Besitzer aktives DSC-Mitglied war, genoss er die rettende Einstufung als »unabkömmlich«.
Als sich Anfang Januar 1942 der frisch gekürte Pokalsieger mit dem amtierenden Deutschen Meister maß – Dresdner SC gegen Rapid Wien, eine Art früher Supercup –, fehlten laut »Fußball« von 22 Stammspielern beider Mannschaften 14, also mehr als die Hälfte. Für die DSC-Elf muss man diese Aussage relativieren. Hier konnten die gesamte Verteidigung sowie die Läuferreihe in Bestbesetzung antreten, lediglich im fünfköpfigen Sturm mussten vier Spieler ersetzt werden. Dazu zählten allerdings auch Hofmann und Schön, die wie erwähnt keine Soldaten waren; Hofmann war gesperrt, Schön verletzt. Letztendlich reduzierte sich bei diesem Spiel der kriegsbedingte Ausfall auf lediglich zwei DSC-Akteure.
Insofern ist die folgende Aussage des »Fußball« lediglich eingeschränkt korrekt: Rapid und dem DSC sei »nur widerfahren, was Hunderten von deutschen Fußballvereinen vor ihnen schon passiert war, und wovon künftig wohl keine deutsche Sportgemeinschaft verschont bleiben wird. Die Forderungen der Front gehen allem anderen voran, ihnen hat auch unser Sport seinen Tribut zu zollen.« Die nachfolgende Passage demonstriert den propagandistischen Zweck dieser Aussage sowie des Spiels selbst: »Nun erst recht! Rapid und der DSC. haben soeben ein leuchtendes Beispiel gegeben: Sie haben ihre beiden Begegnungen nicht etwa abgesagt, sondern auch unter den erschwerenden Bedingungen durchgeführt.«
Schön selber schrieb in seinen Erinnerungen von 1970 über die Situation der Mannschaft in den späteren Kriegsjahren, es habe auch bei wichtigen Spielen manchmal Aufstellungsschwierigkeiten gegeben. »Zum Glück hatten wir es aber im Lauf der Zeit verstanden, zu den militärischen Dienststellen und den unmittelbaren Vorgesetzten unserer Spieler einen guten Kontakt herzustellen, so daß es manchmal gelang, den einen oder anderen wenigstens kurzfristig beurlauben zu lassen. Wir sind damals darob beneidet worden, und es gab viele ›Querschüsse‹. So griff man besonders den Freund unserer Mannschaft, den Dresdner Stadtkommandanten General Mehnert an und warf ihm vor, daß er uns zu viele Vorteile gewährt hätte. Das stimmte aber nicht.«
Letztendlich sah sich der neue »Vereinsführer« des Dresdner SC, Alwin Weinhold, im Februar 1942 zu einer ausführlichen Stellungnahme genötigt, dass die Spieler von Spitzenvereinen keineswegs bevorzugt behandelt würden: »Genannt wird vielfach als Beispiel die Bombenbesetzung bei Schalke 04, die fast in friedensmäßiger Besetzung spielen. […] Den DSC. kümmert dies nicht, er ist stolz, dass seine Tschammerpokalsieger jetzt den Ruf zur Front erhalten haben.« Nach Weinholds Zusammenstellung standen sechs Stammspieler seit Kriegsbeginn an der Front, und seit November 1941 weitere fünf. Nur Helmut Schön, Heinz Hempel, Heiner Kugler und Hans Kreische waren demnach als Stammspieler voll verfügbar; der gesperrte Hofmann wurde unterschlagen. Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt 700 DSC-Mitglieder zum Frontdienst eingezogen worden, 26 von ihnen »auf dem Feld der Ehre geblieben«, wie der »Vereinsführer« sich ausdrückte.
Welche Lücken der Krieg zeitweise in die Reihen der DSC-Spieler schlug, zeigte sich ebenfalls im Februar 1942 bei einem Ligaspiel: Zum VfB Leipzig konnten lediglich noch zwei Spieler der Pokalsiegerelf vom November 1941 mitreisen. Die Dresdner Fußballanhänger selber hatten ohnehin eine klare Wahrnehmung der Verhältnisse. Der »Fußball« zitierte sie seinerzeit so: »Im Ostragehege sagt man: Überall hat man die Wolljacken für unsere Soldaten abgegeben. Wir gaben die Kerle, die drin stecken, dazu.«
Geschwächt wurde der Dresdner SC nicht nur durch die zunehmenden Fronteinsätze seiner Stammspieler. Hart traf ihn auch die Entscheidung des NSRL, dass die starken Hamburger »Gastspieler« Karl Miller und Gustav Carstens nicht mehr für den DSC auflaufen durften. Ebenso legte die Luftwaffe zunehmend Wert darauf, dass »ihre« Soldaten nicht bei den Heimatvereinen, sondern bei den neu gegründeten Luftwaffensportvereinen aktiv wurden. Ihren einstigen Mitspieler Miller sahen die Dresdner auf dem Rasen bald als Gegner wieder.
Die zahlreichen Ausfälle kosteten den Verein in der Saison 1941/42 die Gaumeisterschaft in Sachsen, die dieses Mal der SC Planitz einfuhr. Im Tschammer-Pokal war sogar schon in der ersten Regionalrunde Schluss; im April 1942 verlor eine Art B-Mannschaft überraschend beim unterklassigen SV Bischofswerda. Die Tatsache, dass der DSC als Titelverteidiger nicht für die Hauptrunde gesetzt war, bietet bis heute zu Verschwörungstheorien Anlass. Im offiziellen »Jahrbuch 2007« des neu gegründeten Dresdner SC verweist der Autor auf die Weigerung einiger Spieler, in die NSDAP einzutreten, um dann fortzufahren: »Und dies sollte kurzfristige Folgen haben. Die Fußballwelt schaute staunend und ungläubig auf Bischofswerda. Als Titelverteidiger wurde dem DSC doch tatsächlich auferlegt, sich für den Pokal über eine eigens vorgeschaltete Zwischenrunde erst qualifizieren zu müssen.«
Ähnlich argumentierte ein »Oldie 88«, Jahrgang 1928, im Mai 2015 in einem Kommentar auf der Internetseite der »Sächsischen Zeitung«: »Für den Pokal 1942 wurde der DSC als Titelverteidiger auf Befehl von ›oben‹ nicht gesetzt. Grund: Die Spieler hatten die Beitrittserklärungen zur sog. NSDAP nicht unterschrieben, ohne Stellung dazu zu nehmen. Damals der Öffentlichkeit verschwiegen. Auch Mutschmann schwieg wutentbrannt. Als der einmal ein Spiel besuchte, sollte die Mannschaft Haltung annehmen und einen berüchtigten ›Gruss‹ zeigen. Man nahm ihn jedoch ›nicht wahr‹.«
Festzuhalten bleibt: Die Tatsache, dass mit Schön und Hofmann zwei ganz wichtige Stützen der DSC-Mannschaft vom Stress des Militärdienstes und der Fronterlebnisse befreit waren, bildete zweifellos einen sportlichen Vorteil. Ebenso der glückliche Umstand, dass ihre Heimatstadt Dresden bis in den Herbst 1944 hinein von Luftangriffen verschont blieb. Ansonsten gilt: Zwischen Mutmaßungen um großzügig freigestellte Spieler und der Behauptung, im Pokalwettbewerb aus politischen Gründen benachteiligt worden zu sein, öffnet sich bis heute ein weites Feld widersprüchlicher Spekulationen.
Herbergers Beobachtungen
Auch Reichstrainer Sepp Herberger hatte sich Gedanken um die Verbindungen des Dresdner SC zum Militär und zur NSDAP gemacht. In einem kurzen Manuskript, das offenbar nach 1945 entstand, nannte er den DSC einen »Verein, der sich bester Beziehungen zu hochgestellten Persönlichkeiten bei Wehrmacht und Partei rühmen konnte«. Er kritisierte, dass zumindest einer der Dresdner Nationalspieler – er nannte Herbert Pohl – sich »prahlend und spöttelnd« über die »glänzenden Bedingungen« in Dresden geäußert hätte.
Und Herberger schilderte einen Vorfall, der sich bereits Ende 1939 ereignet hatte: Bei einem Pokalspiel im Ostragehege hatte er »General Mehner [gemeint ist Mehnert, d.A.], den Kommandeur des Generalkommandos in Dresden zum Nachbarn. Er war bekannt als eine dem DSC wohlgeneigte Persönlichkeit. In der Reihe hinter uns sass [ein] Mann namens Gruber, von berufswegen ›alter Kämpfer‹, der im Reichsbund für Leibesübungen zu einem hohen Sportfunktionär avanciert war (oder wenigstens so tat) und der in dieser Funktion auf allen Sportplätzen des Sportgaues Sachsen lautstark und auffällig seine Visitenkarte abgab. Er hatte offenkundlich eine recht salzige Leber … [gemeint ist wohl: Kurt Gruber, Führer im Sportgau Sachsen, war alkoholisiert, d.A.]. Ich vermag heute nicht mehr zu sagen, welcher der 22 Spieler ihn so stark beeinflusst hatte, erinnere mich aber um so besser des Augenblickes, wo sein Kopf zwischen uns beiden auftauchte und an meinen Nebenmann gewandt sagte: ›Herr Mehner, der fehlt uns noch.‹ Er machte gar kein Geheimnis aus dem, was er mitteilte. Ich hatte dabei das Gefühl, dass es dem Herrn General peinlich war, alle hatten es gehört. Gruber war in einem Normalzustand. Diese guten Beziehungen hatten offenbar über die ganze Dauer des Krieges festen und wirksamen Bestand.« Anders sei nicht zu erklären, dass der DSC zu wichtigen Begegnungen weiterhin mit seiner Stammbesetzung auflaufen konnte.
Beinahe hätte die diversen Gerüchte um Frontberufungen oder Freistellungen von DSC-Spielern nach dem Krieg sogar bewirkt, dass Sepp Herbergers Berufung zum Bundestrainer gescheitert wäre. 1949 tauchte beim – noch in Neugründung befindlichen – DFB der Brief eines ehemaligen DSC-Mitglieds auf, in dem ein harter Vorwurf erhoben wurde: Herberger habe für das Oberkommando der Wehrmacht Listen erstellt mit Spitzenspielern, die zum Fronteinsatz abgestellt werden sollten. Dies sei »uns im Dresdner Sportclub hinreichend bekannt« gewesen. Herberger habe konkret dafür gesorgt, dass Fritz Machate, der 1942 für einen Trainingskurs freigestellt worden war, diesen Kurs nach nur wenigen Tagen wieder verlassen musste. Dazu habe er wörtlich erklärt: »Ich werde schnellstens dafür sorgen, dass Machate wieder an die Front kommt!« Beim DFB war man irritiert, Herberger bangte um seine Berufung. Zufällig ergab sich eine Gelegenheit, Fritz Machate selbst zu befragen. Der sprach den ehemaligen Reichstrainer von jedem Verdacht frei: Niemals sei ihm der Gedanke gekommen, dass er durch Herberger zurück an die Front geschickt worden sei. Es handele sich »um eine ganz gemeine Denunziation«.
Endlich Deutscher Meister
Helmut Schöns sportliche Karriere als Spieler stand größtenteils im Schatten des Weltkrieges, und für seinen größten Erfolg, den zweifachen Gewinn der Deutschen Meisterschaft, gilt dies ganz besonders. In der Mannschaft, die 1943 das Finale bestritt, standen fünf Obergefreite, drei Unteroffiziere und drei Zivilisten: der 37-jährige Richard Hofmann, der mit Knieproblemen ausgemusterte 32-jährige Heiner Kugler sowie der 28-jährige Helmut Schön.
Außenläufer Herbert Pohl spielte einarmig, er hatte Anfang des Jahres an der Ostfront den linken Arm verloren, durch die eigenen Leute, nämlich beim Angriff deutscher Sturzkampfbomber. Das Programmheft fürs Endspiel nannte ihn einen »vorbildlichen Fußballkämpfer«, und das war er in besonderer Hinsicht: Pohl stammte laut Wikipedia aus einer kommunistisch geprägten Familie und hatte mit der Kickerei im linken Arbeitersportverein Freital begonnen. Mit 15 Jahren stieg er dort bereits in die erste Mannschaft auf, doch zwei Jahre später verboten die Nazis den Verein. Der junge Pohl ging zunächst zur kleinen Sportvereinigung Dresden-Löbtau, 1937 dann zum DSC. Sepp Herberger berief den ehemaligen Arbeitersportler 1941 zweimal in die Nationalelf. Zusammen mit Walter Dzur und Helmut Schubert bildete Pohl bei den Dresdnern die seinerzeit wohl stärkste Läuferreihe einer deutschen Vereinsmannschaft, die es insbesondere verstand, schnell aus der Abwehr heraus auf Angriff umzuschalten. Nachdem er trotz der Amputation wieder Fußball spielen konnte, gestattete ihm der DFB per Ausnahmeregelung, mit nur einer Hand einzuwerfen. Die Presse attestierte ihm trotz des Handicaps eine »überlegene Ballführung«.
Zivilist Schön machte sich unterdessen an der Heimatfront nützlich. Seine vielfältigen Kontakte führten ihn manches Mal in die Zigarettenfabrik Greiling, jenes Werk, vor dem er als Kind einst um Sammelbildchen gebettelt hatte. Nun organisierte er dort stangenweise Zigaretten. Die Glimmstängel wurden gegen Lebensmittel eingetauscht, die dann der Mannschaft zugutekamen.
1942/43 hatte der DSC souverän die Sachsen-Meisterschaft erspielt, mit 36:0 Punkten und einem sagenhaften Torverhältnis von 136:4. Allein Helmut Schön hatte 50-mal ins Netz getroffen. Allerdings waren diese Ergebnisse stark von den Kriegsverhältnissen verzerrt und zweistellige Resultate keine Seltenheit. Sportlust Zittau beispielsweise wurde mit 12:0 aus dem Ostragehege gefegt; Schön traf sechsmal, Hofmann fünfmal.
Dabei musste Helmut Schön immer wieder mit den üblichen Knieproblemen kämpfen, dies galt auch fürs Achtelfinale in der Endrunde gegen Eintracht Braunschweig: »Schön ging schon als verletzter Mann ins Rennen«, meldete die mittlerweile »gemeinsame Kriegsausgabe« von »Kicker/Fußball«. Nach dem Zusammenprall mit einem Gegenspieler hinkte Schön mühsam zur Seitenlinie, um sich behandeln zu lassen. Er spielte dann vorsichtig als Rechtsaußen weiter. Im folgenden Viertelfinale gegen den SV Neufahrwasser fehlte er ganz. Beide K.o.-Spiele wurden dennoch souverän mit jeweils 4:0 gewonnen.
Mittlerweile hatte die 6. Armee in Stalingrad kapituliert und Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast den »totalen Krieg« ausgerufen. Noch aber schien es der NS-Führung opportun, den Fußballbetrieb zur Ablenkung vom Kriegselend weiterzuführen. Über die insgesamt 100.000 Zuschauer, die zu den Achtelfinalspielen gekommen waren, urteilte »Kicker/Fußball«, nun »Amtliches Organ des Reichsfachamtes Fußball im NS-Reichsbund für Leibesübungen«: »Sport-Festtage lähmen nicht den totalen Kriegseinsatz. Sie liefern ihm vielmehr unabschätzbare Energien.«
Für das Blatt schrieb mittlerweile Dr. Otto Nerz, der ehemalige Reichstrainer. Er amtierte inzwischen als Professor und Direktor an der Deutschen Hochschule für Leibeskultur. Neben Fachaufsätzen verfasste er auch Zeitungsartikel, zuweilen mit antisemitischem Einschlag. Auch das Halbfinale, das der Dresdner SC gegen Holstein Kiel mit 3:1 gewann, beobachtete er und überschrieb den Beitrag mit: »Schön wieder Drehpunkt der Dresdner Elf«. Im Text hieß es: »Schön ist wieder der große Stürmer. Nur schade, daß Schön nicht ganz fest in den Knien ist. Er ist ein überragender Spieler, der fast alle Eigenschaften des großen Stürmers in sich vereinigt: Ballführung, Kopfspiel, Schuß, Zusammenspiel und Führereigenschaften sind gleichmäßig entwickelt. Dabei ist er immer ritterlich.«
Zum Endspiel gegen den FV Saarbrücken konnten die Dresdner eine starke Elf aufbieten, mit Kreß im Tor, Pechan und Hempel in der Verteidigung sowie der bewährten Läuferreihe Pohl, Dzur und Schubert. Im Sturm stellten Kugler, Schaffer, Hofmann und Schön bewährte und eingespielte Kräfte dar. Auch der ehemalige Stammspieler Fritz Machate wäre dank Fronturlaub einsetzbar gewesen, doch als Linksaußen tauchte an seiner Stelle ein ungewohnter Name auf: Franz Erdl. Der Gastspieler aus Wien, ein dreifacher österreichischer Nationalspieler, war der einzige Neuzugang in der Dresdner Stammelf dieser Saison. Der Soldat war nach einem Jahr Ostfront nach Dresden versetzt worden, und sein Stammverein Vienna Wien hatte Helmut Schön brieflich darum gebeten, sich um ihn zu kümmern. Nun brachte Erdl das Kunststück fertig, zwei Meisterschaftsendspiele hintereinander für verschiedene Vereine zu bestreiten: 1942 für Vienna, 1943 für den DSC.
Der Wiener Stürmer war es auch, der in der 55. Minute die Dresdner in Führung brachte, nach einer Vorlage von Schön. Danach hatten die Saarbrücker der klaren Überlegenheit des DSC nichts anderes entgegenzusetzen als extreme Härte, die sie beim Publikum Sympathien kostete. Schubert und Kugler erzielten die weiteren Tore, und »das Ergebnis hätte schließlich noch höher ausfallen können«, wie Beobachter Nerz urteilte. Die knapp 90.000 Zuschauer pfiffen nur einmal empört: als der Schiedsrichter gegen Pohl auf »Handspiel« entschied. Den kriegsversehrten Spieler hatte der Lederball am verbliebenen Armstumpf getroffen.
Von den Kriegsumständen ist in den Zeitungsberichten über das Spiel ansonsten nicht die Rede. Doch das Frontgeschehen war auch im Stadion präsent, als vor dem Anpfiff des verstorbenen Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten sowie der gefallenen Soldaten gedacht wurde. »90.000 erheben den Arm zum stummen Gruß, während das Musikkorps das Lied vom guten Kameraden spielt«, berichtete der »Dresdner Anzeiger«.
Zu Hause in Dresden gab es einen großen Empfang für die siegreiche Mannschaft mit ihrer Meistertrophäe, der großen »Viktoria«. »Eine erwartungsvolle, nicht zu übersehende Menschenmenge« (so der »Dresdner Anzeiger«) drängte sich erst vor dem Bahnhof und später vor dem Rathaus; dazwischen marschierten die Spieler »unter Vorantritt eines SA.-Musikzuges« durch die Prager Straße. »Vereinsführer« Weinhold, Oberbürgermeister Dr. Nieland sowie diverse SS-und SA-Größen hatten sich eingefunden, Reichsstatthalter Martin Mutschmann ließ Glückwünsche übermitteln. Viel war die Rede von »eisernem Willen« und einer »in sehr schweren Kämpfen zusammengeschmiedeten Einheit«.
Die Fachzeitschrift »Kicker/Fußball« sah wiederum den »klugen Taktiker« Schön als Kopf der Meisterelf: »Wir freuen uns, Helmut Schön und seine Kameraden zum wundervollen, so lange ersehnten Erfolg beglückwünschen zu können.« Schön selbst betonte später, »daß wir diesen großen Triumph besonders einem Manne schuldeten: Richard Hofmann«, den er als »spielerisches und moralisches Rückgrat« der Dresdner Mannschaft ansah. »König Richard«, nunmehr seit 15 Jahren in den Diensten des DSC, galt auch immer noch als dessen populärster Spieler; ihn feierten die Zuschauer am lautesten, er (und nicht Kapitän Hempel) bekam den mächtigen Meisterkranz umgehängt, und ihm war es vorbehalten, in den wichtigsten Momenten die »Viktoria« durch die Gegend zu schleppen.
Titelverteidigung statt Double
Viele erwarteten nun vom Dresdner SC, dass er den Erfolg schaffte, der vor ihm nur dem FC Schalke 04 gelungen war: das Double aus Meisterschaft und Pokal. Beinahe wäre es dazu auch gekommen, die Dresdner gelangten im Pokal bis ins Halbfinale, das am 17. Oktober 1943 gegen den »Luftwaffensportverein« LSV Groß-Hamburg ausgetragen wurde. Der LSV hatte sich mehrere prominente Spieler gesichert, darunter den Ex-Dresdner und Ur-Paulianer Karl Miller, den 41-maligen Nationalspieler Reinhold Münzenberg, dessen Heimatverein eigentlich Alemannia Aachen war, sowie den sechsfachen Nationaltorhüter Willy Jürissen, der ansonsten für Rot-Weiß Oberhausen spielte.
Das Spiel fand in Hamburg statt, das durch alliierte Bombenangriffe bereits verheert war. Anfang August hatte die »Operation Gomorrha« einen Feuersturm ausgelöst, dem über 30.000 Menschen und ein Großteil des alten Häuserbestandes zum Opfer gefallen waren. Von einer Busrundfahrt durch die schwer getroffenen Stadtteile kehrten die Dresdner verstört in ihr Hotel zurück, der entsetzte Heiner Schaffer musste sich übergeben. Die Verwüstungen waren so enorm, dass Schön in seinen Erinnerungen später der Überzeugung war, der Bombenangriff habe wenige Tage vor dem Spiel stattgefunden – es lagen jedoch über zwei Monate dazwischen.
Das Halbfinale ging 1:2 verloren, das Double gab es nicht, doch ist anzunehmen, dass die meisten Spieler dem keine größere Bedeutung mehr zumaßen; zu sehr prägte der Krieg das Geschehen. In den »Feldpostbriefen«, die der Verein den an der Front stehenden DSC-Mitgliedern zuschickte, musste er schließlich auch den »Heldentod« des Herbert Pechan mitteilen, Mitglied der 1943er-Meisterelf.
Der Spielbetrieb wurde immer mehr zur absurden Lotterie. Spiele mussten abgesagt oder wegen eines Luftangriffs unterbrochen werden, an eine geordnete Aufstellung von Mannschaften war kaum noch zu denken. Wie stark der Zufall regierte, zeigen zwei Resultate aus der Gauliga Sachsen: Als der DSC im November 1943 beim Chemnitzer BC antrat, fehlte neben Schön die gesamte Läuferreihe Dzur, Pohl, Schubert. Das Spiel ging 1:3 verloren. Beim Rückspiel im Januar 1944 dagegen konnte der DSC mit den meisten Stammspielern antreten und gewann 7:0.
Für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1944 qualifizierten sich Vereine, die zu regulären Zeiten nie dort gelandet wären – STC Hirschberg beispielsweise, der FC Mühlhausen oder Borussia Fulda. Eben diese Borussen wurden prompt zum Opfer der Dresdner, die mit 9:2 Toren siegten; sieben Treffer gingen auf Schöns Konto. Weitere Gegner des DSC auf dem Weg ins Finale waren der First Vienna FC sowie der Nürnberger »Club« mit dem jungen Max Morlock. Wieder einmal hoben die Zeitungskommentatoren hervor, dass die Siege vor allem Schöns Verdienst waren. »Als Sabeditsch Schön vernachlässigte, siegte DSC«, überschrieb der »Kicker/Fußball« seinen Spielbericht zum Viertelfinale gegen Vienna. Und über das Halbfinale gegen Nürnberg hieß es: »Schöns Regie macht das DSC.-Spiel. Seine ausgeklügelte, doch auch zögernde Spielweise prägt den Stil der Elf. Überraschende Kombinationen und explosive Einzelleistungen warten auf ihre Gelegenheit, und dass sie gelingen, zeigt eben den Deutschen Meister.«
Als Favorit für den 1944er-Meistertitel galt allerdings die Retortentruppe des LSV Groß-Hamburg, die ebenfalls das Endspiel erreichte. Gegen den LSV hatten die Dresdner nicht nur im Vorjahr das Pokal-Halbfinale verloren, sondern im Frühjahr zudem ein Freundschaftsspiel im Ostragehege mit einem frustrierenden 1:5. Nach der Begegnung hatten die Gäste ihre Gastgeber zum Abendessen eingeladen – aus ihren reichhaltigen Luftwaffenbeständen hatten sie eine üppige Auswahl mitgebracht.
»Uns allen«, so Schön, »war klar, dass diese Spielsaison die letzte vor dem Zusammenbruch sein würde«. Der Noch-immer-Zivilist setzte alles daran, seine Kameraden noch einmal für den gemeinsamen Erfolg zu motivieren: Raucher sollten den Tabakkonsum einschränken (»ab Donnerstag keine Zigarette mehr«), vor Punktspielen ausreichend geschlafen werden (»um halb elf ins Bett«).
Ob es an diesen Mahnungen lag oder doch eher an der Tatsache, dass der DSC noch einmal einen Großteil seiner Stammelf zusammenbringen konnte – jedenfalls wurde das Finale am 18. Juni 1944 in Berlin sportlich zu einer klaren und einseitigen Angelegenheit. Acht Spieler der Dresdner Finalmannschaft von 1943 waren auch dieses Mal dabei. Den an der Front gefallenen Verteidiger Pechan ersetzte Fritz Belger, seit zwei Spielzeiten beim DSC. Rudi Voigtmann, der ein Jahr zuvor vom Planitzer SC gekommen war, spielte für Heiner Kugler als Rechtsaußen. Und mit Fritz Machate war für den Wiener Erdl ein alter Dresdner in die Mannschaft zurückgekehrt.
Mit einer Mannschaft, die sich im Ganzen ziemlich gut und lange kannte, überfuhren die Dresdner ihre Luftwaffen-Gegner mit einem klaren 4:0. In seinem Kommentar für den »Kicker/Fußball« hob Otto Nerz auch für dieses letzte große Spiel die Rolle von Helmut Schön hervor: »Technisch waren beide Mannschaften durchaus auf der Höhe und wohl auch beinahe gleichwertig. Wieder mit der Einschränkung, daß nur ein Schön auf dem Felde war. Schön war der Führer der DSC.-Mannschaft, von ihm ging die geistige Vorbereitung fast aller vier Tore aus.«
Dr. Friedebert Becker, inzwischen Redaktionschef der Fachzeitung, griff die neuerlichen Vorwürfe auf, der DSC habe von der großzügigen Freistellung seiner Spieler profitiert: »Das 4:0 im Schlußakt duldet kein Wenn und Aber. Wir hören das Wenn aus Schalke, das Aber aus Nürnberg, das Wenn aus Wien, das Aber von hier und dort: daß der DSC das Glück habe, nahezu mit einer Friedenself zu spielen, daß seine Spieler nicht in dem Maße wie Kameraden anderer Gebiete dem Luftterror zu trotzen haben, daß…« Becker setzte die klaren Ergebnisse des DSC in der Endrunde dagegen und schloss: »28 Tore in 5 Spielen! Solche Serie verwischt alle Wenns.«
Allerdings: Selbst die »Dresdner Zeitung«, kriegsbedingter gemeinsamer Nachfolger des »Anzeigers« und der »Neuesten Nachrichten« und ansonsten lokalpatriotisch gefärbt, konnte sich zu dieser Thematik einen kleinen ironischen Hieb nicht verkneifen: »Wie es die DSC.-Leitung fertiggebracht hat, diese Fülle von Spitzenkönnern auf den Rasen zu stellen, mag ihr Geheimnis bleiben, und wir wollen auch nicht neugierig sein.«
Die Titelverteidigung war sicherlich ein sportlicher Erfolg und auch verdient, denn der Dresdner SC hatte in den vergangenen sechs Saisons fast immer oben mitgespielt: 1939 Dritter in der Meisterschaft, 1940 Vizemeister und Pokalsieger, 1941 erneut Pokalsieger und Meisterschaftsdritter, 1943 Meister und Pokalhalbfinalist, 1944 erneut Meister.
Zugleich aber war der Triumph von 1944 die trostloseste aller Deutschen Meisterschaften. Nicht nur, weil alle Meisterschaftsrunden unter dem Hakenkreuz mit dem Makel behaftet waren, dass die NS-Diktatur einen Teil der Bevölkerung vom aktiven Sport ausschloss: Juden vor allem und politische Widerständler. Nun kamen auch noch die Umstände der letzten Kriegsphase hinzu. Aus Sorge vor Fliegerangriffen wohnten die Mannschaften außerhalb Berlins und hatte man den Spieltermin vorher nicht angekündigt. Das Olympiastadion bevölkerten dann vornehmlich Soldaten, Verwundete und Rüstungsarbeiter, ausverkauft war es dennoch nicht. Vom Stadion aus wurde ständig Kontakt zum Luftgaukommando Berlin gehalten, um notfalls evakuieren zu können. Laut Schöns Erinnerungen von 1970 hatten die Nazis das Gerücht gestreut, die englische Luftwaffe wolle das Stadion während des Spiels bombardieren. Die Spieler allerdings waren »der Meinung, daß die Engländer dem Fußballsport viel zu sehr verbunden wären, um ein gefülltes Stadion mit Bomben zu belegen«.
Die Schlagzeilen der Zeitungen am folgenden Tag gehörten nicht dem Spiel, sondern dem Kriegsgeschehen: »Harte Kämpfe in der Normandie«, »London-Bombardement fortgesetzt«, »Erbitterte Kämpfe in Italien«.
An einen großen Bahnhof in der Heimatstadt wie noch im Vorjahr war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken. Die »Dresdner Zeitung« wusste: »Die Dresdner Fußballgemeinde beglückwünscht unseren Meister von ganzem Herzen, auch wenn sie sich diesmal (siehe Optik des Krieges) nicht mit Fahnen und Trompeten zum Empfang am Bahnhof einfinden wird.«
Immerhin gab es einen Empfang im Rathaus, auf dem Oberbürgermeister Nieland versprach, die zweifachen Deutschen Meister mit dem »neugeschaffenen Sportring« zu ehren. Einige Monate später musste er den Spielern mitteilen, »dass durch die kriegsbedingten Verhältnisse die Herstellung des Ehrenringes bislang nicht möglich gewesen ist«.
Nicht nur der Krieg entwertete die beiden Meistertitel des Dresdner SC. Alle anderen Klubs, die zwischen 1920 und 1944 die Meisterschaft errungen haben, bestehen heute noch als große Traditionsvereine: der Nürnberger »Club«, der Hamburger SV, Bayern München, Fortuna Düsseldorf, Hannover 96, die SpVgg Fürth, Hertha BSC, Rapid Wien und natürlich Schalke 04. Sie alle spielen aktuell zumindest in der 2. Bundesliga. Allein der Dresdner SC ist die große Ausnahme – eine Folge der DDR-Sportpolitik, die ein Wiederaufleben des Klubs nach dem Krieg nicht zuließ (wie im nächsten Kapitel zu lesen ist). Die großen Erfolge des DSC sind damit zu einer fast vergessenen historischen Episode geworden.
Kriegsende
Helmut Schön musste sich Schmähungen gefallen lassen. In der Partie gegen den Lokalrivalen Guts Muts Dresden, einer der letzten vor der endgültigen Einstellung des Spielbetriebs, hörte er Sprechchöre der gegnerischen Fans: »Schön k.v.! Schön k.v.!« Gemeint war: Schön sei »kriegsverwendungsfähig«. Eine deftige Anspielung auf sein Zivilistendasein mitten im »totalen Krieg«.
Schön hatte, wie er selbst bekannte, »nicht das Zeug zum Helden«: »Ich wollte nicht zu denen gehören, deren Namen jetzt, mit einem Eisernen Kreuz verziert, Seiten um Seiten der Zeitungen füllten«, in den Todesanzeigen nämlich. Im Oktober 1944 wurde er dann doch noch eingezogen, als Grenadier zur motorisierten Artillerie in Chemnitz; dort lernte er »so nützliche Dinge wie Autofahren und den Deutschen Gruß im Vorbeigehen am Vorgesetzten«. Allerdings, so Schön, habe sein Arbeitgeber Madaus nach drei Wochen seine Freistellung erwirkt, denn er hätte den Versand lebenswichtiger Medikamente zu organisieren. Fortan beschränkten sich seine militärischen Aktivitäten darauf, manches Mal als »Luftschutzleiter« die Nacht über im Radebeuler Werk zu bleiben.
Mittlerweile war Sohn Stephan geboren worden, die junge Familie wohnte noch immer am Münchner Platz 16. Von den ersten Luftangriffen im Herbst 1944 blieb das Gebäude verschont. Und glücklicherweise überstand es auch die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, als schwere Bomberangriffe und ein anschließender Feuersturm nahezu das gesamte alte Dresden auslöschten. Fast 25.000 Menschen starben, die meisten verbrannten oder erstickten in ihren Häusern und Luftschutzkellern. Die Wohnung in der Struvestraße, in der Helmut Schön aufgewachsen war, existierte nicht mehr; die ganze Struvestraße existierte nicht mehr, ebenso fast die gesamte Altstadt. Stark betroffen war auch der Stadtteil Südvorstadt, zu dem der Münchner Platz gehörte, doch Annelies, Helmut und Stephan Schön hatten Glück: Sie selbst und ihre Wohnung blieben unversehrt. Im folgenden Exkurs wird ausführlicher davon berichtet.
Auch Schöns Vater und Annelies’ Eltern überlebten das Inferno; sie blieben nach dem Krieg in Dresden wohnen. Anton Schön lebte dort bis zu seinem Tod 1949, als fast 92-Jähriger. Enkel Stephan erinnert sich: »Ich habe mit ihm noch ein paar schöne Spaziergänge gemacht und durfte dabei seinen Spazierstock hinter mir herziehen.«
Das Kunst- und Antiquitätengeschäft, das bei den Luftangriffen ebenfalls stark zerstört worden war, übernahm der ältere Sohn, Helmuts Bruder Walter. Er übersiedelte nach dem Tod des Vaters nach Düsseldorf, wo er das Geschäft weiterführte. Walter Schön starb 1982.
Auch Helmut Schöns Schwester Helene überstand den Krieg. Sie arbeitete danach als Sekretärin eines Physikinstituts in Dresden, später in der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof. Als Rentnerin übersiedelte sie Anfang der siebziger Jahre nach Wiesbaden in die Nähe von Helmuts Familie. Helene Schön starb im Jahr 1987.
Das Ostragehege hatte den alliierten Bomberpiloten als Orientierungspunkt beim Anflug auf die Innenstadt gedient. Das Stadion wurde getroffen, aber nicht zerstört. Die Steintribüne war lädiert, das Spielfeld eine Kraterlandschaft, die Holztribüne von mehreren Brandbomben durchschlagen; in den kommenden strengen Wintern würde sie manchem Anwohner als Brennholz-Ressource dienen. »Hier kann kein Fußball mehr gespielt werden«, dachte damals Helmut Schön, als er die schweren Beschädigungen betrachtete. Doch der Fußball kam schneller zurück als gedacht.
Die sowjetischen Truppen besetzten Dresden am 8. Mai 1945, am gleichen Tag, an dem Nazi-Deutschland endgültig kapitulierte. Schon wenige Wochen später ordnete der sowjetische Stadtkommandant, Oberst Gorochow, ein offizielles Fußballspiel an: Auswahlmannschaften der Altstadt und der Neustadt sollten am 17. Juni gegeneinander spielen. Die vier »Zivilisten« des alten DSC, Schön, Hofmann, Hempel und Pohl, traten an für eine »Altstadt«, die es nicht mehr gab.
EXKURS
Helmut Schön und der Untergang des alten Dresden
»Es war geradezu ein schwebendes Stadtgebilde, eine prachtvolle Komposition vor allem des Barock und Rokoko, aber auch klassizistischer Bauten und der Konstruktionsformen des industriellen Zeitalters, alles miteinander versöhnt und verbunden in einem Stadt-Organismus aus Kirchen und Palästen, Brücken und Terrassen, Parks und Alleen, Gassen und Gärten, ein Gemeinwesen voll alter Kunst und neuem Leben, wie man es sich harmonischer nicht denken konnte.«
So elegisch beschrieb Helmut Schön in seiner Autobiografie ein Stadtbild, das nur noch Erinnerung war.
In den Tagen und Nächten des 13., 14. und 15. Februar 1945 wurde Dresden das Ziel verheerender Bombenangriffe durch britische und US-amerikanische Flugzeuge. Diese Form brutaler Kriegsführung hatte erstmals die deutsche Luftwaffe im spanischen Bürgerkrieg praktiziert; berüchtigt wurde der verheerende Angriff der »Legion Condor« auf die baskische Stadt Guernica am 26. April 1937. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs bombardierte die deutsche Luftwaffe zunächst Städte vor allem in Polen, den Niederlanden und England, bevor alliierte Bomber den Horror nach Deutschland zurückbrachten. 1940 wurden die ersten deutschen Städte angegriffen, in den Jahren 1942 und 1943 folgten die großen Flächenbombardements, bei denen die Innenstädte unter anderem von Hamburg, Köln und Hannover nahezu vollständig zerstört wurden. Zehntausende starben.
Dresden blieb lange verschont; bis zum Herbst 1944 lag die Region außerhalb der Reichweite alliierter Bomber. In den Straßen der Innenstadt drängten sich durchziehende Menschen, hier trafen sich die Pferdefuhrwerke der westwärts strebenden Flüchtlingstrecks mit Infanteriekolonnen und dem Nachschub für die Ostfront. Als Verkehrsknotenpunkt und letzte intakte Garnisonsstadt musste Dresden mit Luftangriffen rechnen; doch das Inferno, das am 13. Februar 1945 folgte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen.
Helmut Schön erlebte und überlebte den Feuersturm. In seiner Autobiografie hat er eindringlich von seinen Erlebnissen berichtet; Auszüge aus dieser Schilderung werden im Folgenden abgedruckt. Die Zahl von 135.000 Toten, die Schön darin nannte, entsprach dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung (1978); teilweise kursierten noch erheblich höhere Opferzahlen. Die neuere Forschung hat ermittelt, dass diese Angaben auf übertriebenen Meldungen der nationalsozialistischen Propaganda beruhten. Eine von der Stadt Dresden berufene Historikerkommission kam nach langwierigen Ermittlungen zu dem Ergebnis, dass durch die Luftangriffe zwischen 18.000 und 25.000 Menschen starben. Doch auch dies ist eine entsetzlich hohe Zahl.
Helmut Schön hat nichts darüber geschrieben, in welcher Weise ihn die Erlebnisse in seinem späteren Leben innerlich verfolgt haben. Doch dass sie ihn nur schwer losließen, dessen ist man sich sicher, wenn man seinen Bericht gelesen hat.
An diesem 13. Februar hatte ich als »Luftschutzleiter« meiner Firma in Radebeul Dienst. Jeder kam mal ran. Ich mußte also die Nacht im Werk verbringen, konnte nicht zu meiner Frau nach Dresden hinein.
Wir hörten in einem Kellerraum der Firma den sogenannten Drahtfunk. Er meldete: »Schwere angloamerikanische Bomberverbände im Anflug auf Nürnberg und Leipzig«. Dann wurden Planquadrate durchgegeben, in denen sich die Bomber befanden. Viele Deutsche hatten sich damals eine Landkarte mit diesen Planquadraten organisiert, um jede Nacht genau zu wissen: Kommen wir diesmal ran? Wann geht es wieder los mit dem Alarm? Der Drahtfunk war auf Langwelle leicht abzuhören.
»Wetten, diesmal erwischt es uns«, sagte einer der Kollegen.
»Na, die biegen doch noch ab«, meinte ein anderer.
»Die Richtung ist so verdächtig … Vielleicht kommt heute Nacht Leipzig dran. Aber wahrscheinlich wollen die bis rauf nach Berlin«, meinte ich. »Es sieht trotzdem mulmig aus. Hoffentlich lassen nicht so ein paar Idioten aus lauter Nervosität bei uns was fallen. Ich werde mal lieber meine Frau anrufen.«
Ich telefonierte mit Annelies. Sie hörte ebenfalls Drahtfunk. »Hört sich ganz schön blöd an, was? Die größte Bomberflotte, die jemals deutsches Reichsgebiet angeflogen hat, haben sie gesagt. Wie gut, daß Stephan draußen bei den Großeltern ist.« Sie wohnten am Stadtrand.
Trotz bedenklicher »Luftlage«, wie man damals sagte, waren wir uns der wirklichen Gefahr nicht bewußt.
Meine Frau hatte sich für diesen Abend vorgenommen, einmal gründlich alle Strümpfe zu stopfen. Sie saß auf der Couch, hatte die Strümpfe fein säuberlich neben sich gelegt und hörte beim Stopfen Radio. […]
Meine Frau dachte sich schon, daß es Alarm geben würde und sie in den Luftschutzkeller müßte. Aber das beunruhigte sie nicht besonders. Sie war auf alles vorbereitet. An diesem 13. Februar hatte Annelies die Wintersachen zusammengepackt. Der Winter war vorbei, das spürte man. Da konnte nicht mehr viel Kälte kommen. Die großen Koffer standen fix und fertig auf der Diele. Sie wollte sie am nächsten Tag raus zu Stephans Großeltern bringen und die Frühlings- und Sommersachen von dort abholen.
Dann heulten die Sirenen: Alarm. Sie nahm die Koffer und ging hinunter in den Keller. Es war kurz nach zehn Uhr abends.
Es war ein Luftalarm wie jeder andere, und alle Deutschen waren inzwischen daran gewöhnt, Nacht für Nacht. Diese Gewohnheit der Gefahr gab uns Sicherheit für den Augenblick.
Vierzehn Kilometer von meiner Frau entfernt, draußen in Radebeul, lief ich hinaus ins Freie, weil ich es vor Ungeduld nicht mehr aushielt. Es war viertel nach zehn. Mit ein paar Kollegen setzte ich mich ins Pförtnerhäuschen unserer Firma. Wir starrten nach Süden, wo Dresden lag.
Plötzlich schrie einer von uns auf.
»Da! Da! Die Weihnachtsbäume …«
Unheimlich langsam, unheimlich schön sanken Garben von Leuchtkörpern durch das Dunkel hinunter und erhellten den Himmel über Dresden. So traumhaft und friedlich es aussah, so furchtbar erschien es uns. Wir wußten: Es sind Markierungslichter für die alliierten Bomberflotten.
»Das ist der Tod von Dresden«, sagte einer.
Ein unheimliches, gedämpftes, orgelndes Brummen erfüllte die Nacht: das Motorengeräusch der amerikanischen »Fliegenden Festungen«.
Es wurde immer heller über Dresden. Wir hörten keine Detonationen, nicht das Krachen jener riesigen Bomben, die man »Luftminen« nannte. Der Wind stand gegen Dresden, wir hörten nichts – und das war viel schlimmer. Die Alliierten praktizierten wieder ihre Vernichtungs-Technik, mit der sie schon Hamburg und Berlin weitgehend verheert hatten: Sie warfen Abertausende von Brandbomben, die an sich harmlos aussahen, gut einen halben Meter lange, armdicke Stäbe. Aber diese Brandbomben setzten Dachstühle in Brand. Die Brände vereinigten sich, heizten sich gegenseitig auf, erzeugten durch enorme Hitzegrade einen Feuersturm, der 200 Stundenkilometer und mehr erreichen konnte und ganze Stadtviertel wie Zunder wegbrannte.
Ich versuchte, Annelies telefonisch zu erreichen. War unser Haus getroffen, abgebrannt? Die Leitung war tot. Aber ein Bruder unseres Chefs, Hans Madaus, erreichte uns: »Unser Haus brennt. Kommt, so schnell es geht.«
Wir nahmen einen kleinen Lastwagen und fuhren am Stadtrand entlang. Dresden brannte lichterloh. Ich mußte nicht weinen. Ich war nicht außer mir vor Verzweiflung. Ich fühlte mich nur angespannt zum Zerreißen. Später erfuhr ich, daß die Innenstadt in sieben Kilometern Länge und vier Kilometern Breite ein einziges Inferno war. Aus ihm ist kaum ein Mensch entkommen.
Der Brand der Madaus-Villa war halb so schlimm. Ein Kollege wollte den Laster zurück nach Radebeul fahren und setzte mich unterwegs ab. Ich hatte nur eines im Kopf: »Was ist mit Annelies, steht das Haus noch?«
Hätte ich gewußt, wie es ihr in diesem Augenblick ging, ich hätte Gott auf Knien gedankt. Ein paar Entwarnungssirenen hatten geheult, lang, einförmig, winselnd. Die Leute im Keller Münchner Platz 16, der Apotheker, der Kohlengroßhändler, meine Frau, hatten ihre Koffer genommen und waren wieder hinaus in ihre Wohnungen gegangen.
Annelies erzählte mir später alles: »Bei uns oben waren nur ein paar Scheiben kaputt, in der Diele. Ich habe im Treppenhaus noch Scherben zusammengefegt und dann zwei alten Damen geholfen, ihre Koffer hinaufzutragen. Ich sah, daß es ringsum brannte. Drei Häuser am Münchner Platz standen in Flammen. Aber – das ist wohl das merkwürdigste an menschlichen Reaktionen im Krieg, in einer Katastrophe – ich nahm das apathisch hin. So war das nun mal. Ich habe mich in aller Ruhe ausgezogen, mein Nachthemd angezogen und mich ins Bett gelegt. Keine Vorsichtsmaßnahmen. Nicht: angezogen aufs Bett, weil ja jeden Augenblick wieder Alarm sein konnte … Nein, ich bin sofort eingeschlafen.
Ein Donnern, ein Poltern an der Wohnungstür weckte mich, ich wußte überhaupt nicht, was los war. Im Nachthemd öffnete ich. Draußen stand mein Vater, mit entsetztem Blick, wirrem Haar.
›Annelies! Komm! Die Bomben! Der zweite Angriff! Du musst sofort in den Keller!‹
Zweieinhalb Stunden nach dem ersten Angriff hatte eine zweite Welle von Bombern Dresden angeflogen. Jetzt krachten Sprengbomben in das Flammenmeer. Ich hatte das alles nicht gehört und weiter geschlafen.
Mein Vater war aus Sorge um uns mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren, gleich nach der ersten Entwarnung. Dann gab es wieder Alarm, und er erreichte mit Müh’ und Not noch unseren Luftschutzkeller. Er schleppte mich in den Keller und übernahm dort unten gleich das Kommando. Man merkte, daß er im Ersten Weltkrieg Husar gewesen war. Mit seinem bestimmten Ton beruhigte er die Frauen, die laut weinten. Er tröstete die alten Leute, die nur noch jammerten.
Auf einmal knallte es furchtbar. Das Licht im Keller ging aus. Eine Schauspielerin, die in unserem Haus wohnte, begann laut zu beten.
Da brüllte mein Vater: ›Alles niederknien! Mund halten!‹ Keiner sagte mehr ein Wort.
Es war totenstill. Vaters Anweisung hatte Sinn. Durch das Niederknien und Schließen des Mundes wollte er uns so gut wie möglich vor den Folgen des Luftdrucks schützen, falls eine Bombe in nächster Nähe explodierte …«
Zur gleichen Zeit hetzte ich durch die brennende Stadt, in Richtung Münchner Platz. Als die Sirenen wieder aufheulten, war ich gerade am Neustädter Markt, wo das schöne Denkmal von August dem Starken steht. Da fielen schon die ersten Bomben. Ich konnte mich gerade noch in einen öffentlichen Luftschutzraum quetschen. Hier waren ein paar hundert Menschen zusammengepfercht.
Wir hörten, wie der Einschlag der Bomben immer näher kam: Die Erde bebte. Der Putz fiel uns auf die Köpfe. Frauen schrien. Kinder kreischten. Plötzlich brachen Steine aus der Wand des Luftschutzraums. In einer Mauerlücke tauchten, völlig grau bestäubt, mehrere Frauen mit Kindern auf. Sie hatten einen Mauerdurchbruch aufgebrochen, um zu uns zu kommen.
Die Bomben schlugen weiter ein. Neben mir saß eine Frau, die bei jeder Explosion ihre Hand in mein Bein krallte.
Ich bin ganz ehrlich: In diesen Minuten war ich vor Angst fast von Sinnen. Es ist wohl allen so gegangen. Als die Explosionen abnahmen, breitete sich eine grauenhafte Stille im Luftschutzraum aus. Die Menschen stierten vor sich hin ins Nichts.
Ich wollte hier raus. Ich bin losgesaust, über die Augustus-Brücke, Richtung Schloß. Es brannte wie eine Fackel. Feuer, überall Feuer. Brennende Häuser fielen zusammen. Auf den Straßen lagen Frauen, schwarz verkohlt oder ausgetrocknet wie ägyptische Mumien. Sie hatten Kinder im Arm: Aschenbündel. Alle tot, verbrannt, in den wahnwitzigen Hitzegraden des Feuersturms in Sekundenbruchteilen mumifiziert. Skelette lagen da. Daß es sich um Männer handelte, sah man noch an der Gasmaske vor dem Gesicht.
Die Luft war von einem furchtbaren Geheul erfüllt: Der Sog des Feuersturms erzeugte den unbeschreiblichen Ton.
Je näher ich unserem Haus kam, um so mehr würgte mich die Angst: Brennt da auch alles? Dann kam der Münchner Platz. Unser Haus stand.
Es war wie ein Wunder: vor hundert Metern noch Flammenwände und hier alles in Ordnung.
Ich taumelte auf unser Haus zu. In diesem Augenblick öffnete sich die Haustür, und meine Frau trat mir entgegen. Sie sah mich an, als wäre ich ein Gespenst. Sie glaubte, ich wäre draußen in Radebeul.
Wir fielen uns in die Arme. Die Nachbarn und der Vater meiner Frau hatten begonnen, die Möbel aus dem Haus zu schaffen und auf die Straße zu stellen. Zwei alte Luftschutzwarte kamen und sagten:
»Ja, auch unser Haus brennt!«
»Was denn? Ich sehe doch nichts!«, antwortete ich.
»Oben auf dem Boden!«
Ich bin hinaufgerast. Tatsächlich hatte das Feuer vom Nebenhaus auf unseren Dachstuhl übergegriffen. Aber es brannte nur in einer Ecke. Ich habe in die Flammen hineingeworfen, was ich zu fassen bekam, Sand und alte Decken. Nach einer Viertelstunde war das Feuer erstickt. Das Haus Münchner Platz 16 steht heute noch.
Am nächsten Tag kam der nächste Angriff. Es war um die Mittagszeit. Diesmal gab’s nur Sprengbomben. Wir hatten immer noch nichts von meinem alten Vater gehört. Wir wußten nicht, ob mein Elternhaus in der Struvestraße überhaupt noch stand. Wir gingen hin, als die Sirenen Entwarnung gaben.
Das Haus war ein Trümmerhaufen. Wir fragten nach meinem Vater. Ja, man hatte ihn gesehen, aber er sei dann verschwunden …
Vater war tot, das schien mir sicher. Wie sollte ein siebenundachtzigjähriger Mann aus dieser Hölle entkommen sein?
Fünf Tage lang brannte Dresden. Dennoch benahmen wir uns, als wäre alles fast wieder normal. Wir waren gehorsame Bürger des Chaos, zogen zu unseren Schwiegereltern am Stadtrand um, hatten unseren Stephan wieder. Ich fuhr jeden Tag mit dem Rad zur Firma nach Radebeul und zurück. Ich mußte immer an Vater denken. Jeden Tag habe ich bei der Rückkehr gefragt: »Habt ihr etwas von Vater gehört?« Nichts.
Drei Tage waren vergangen, da radelte ich wieder nach Hause. Mich überkam ein ganz seltsames Gefühl. Während ich in die Pedalen stampfte, sprach in mir eine Stimme im Rhythmus des Tretens: »Der Vater lebt – der Vater lebt – der Vater lebt.«
Da kommt mir schon meine Frau entgegen. »Helmut …«, schreit sie. Ich werfe das Rad weg und rufe: »Du brauchst mir gar nichts zu sagen: Der Vater lebt!«
»Ja …« Wir haben zusammen geweint. Ich weiß nicht, woher ich meine Gewißheit hatte.
Ich ging in die Wohnung hinein. Da saß er. Er hatte rote Augen. Sie waren ganz entzündet von dem vielen Feuer, das er gesehen hatte und durch dessen Hitze er gegangen war.
Meiner Frau hatte er inzwischen seine Geschichte erzählt: »Du weißt ja, daß Vater nie geglaubt hat, die Engländer würden Dresden bombardieren. Darum ist er beim Alarm auch im Bett geblieben. Dann schlug es in der Nähe ein, und ein brennendes Fensterkreuz fiel Vater auf die Bettdecke, aufs Gesicht. Du siehst ja, er hat die Schramme da … Dann ist er doch raus und runter in den Keller. Aber als die erste Entwarnung kam, ist er losgelaufen, in Richtung Bürgerwiese. Da hat er seinen Ehering vergraben, unter einem Baum im Großen Garten. Warum, weiß ich nicht.
Er muß dann Tag und Nacht durch Dresden geirrt sein.
›Ich bin über die heißen Steine gelaufen‹, hat er erzählt. ›Über die heißen Steine, in die Hofkirche …‹ Auch die Hofkirche war schwer beschädigt. Dort hat er wohl, mitten im Inferno, gesessen und gebetet.
Das Furchtbarste, was er sagte, war: ›Überall waren Neger! Tote Neger! So viele tote Neger …‹ Er meinte die schwarzverkohlten Leichen. Er war sehr verwirrt.
An einem Vormittag haben ihn Bekannte dann irgendwo in der Innenstadt gefunden. Er saß auf einem Bordstein und starrte vor sich hin.«
Meine Frau schluchzte. Wir waren gerettet. Aber mindestens 135.000 Menschen lagen tot überall auf Dresdens Straßen. Als keine Bomber mehr kamen, ging ich in die Innenstadt. Die berühmte Prager Straße war abgesperrt. Ich traf dort einen Bekannten, einen Hauptmann in Uniform. Der stand da wie gebrochen. Er sagte: »Helmut, ich muß jetzt wieder hier rein. Aber ich kann nicht mehr. Und ich muß trotzdem den Leuten sagen: Ihr müßt!«
Sie trugen die Leichen zusammen und schleppten sie zum Altmarkt. Dort, wo die Kreuzkirche stand, wo der Kreuzchor gesungen hat, wurden an die 30.000 Leichen gestapelt und dann mit Flammenwerfern vernichtet. An gigantische Zahlen waren wir gewöhnt, auch was die Opfer des eigenen Landes betraf. Das war abstrakt. Jetzt konnte man die Wirklichkeit sehen: 30.000 einzelne, fürchterlich umgekommene Menschen.
Ich ging nach Hause. Es war regnerisch. Überall sah der graue Vorfrühlingshimmel durch die ausgebrannten Fassaden, die leeren Fenster. […]
Ein paar Monate später, der Krieg war aus, die Russen waren da, geschah etwas, was mich bis heute tief bewegt und mir wie ein Zeichen erscheint. Der Flieder blühte in der Bürgerwiese so schön wie lange nicht, es war Sommer. Vater ging eines Tages in den Anlagen spazieren. Im Großen Garten hat er zielsicher an einer bestimmten Stelle mit dem Spazierstock im Boden gestochert. Es glänzte – da lag sein Ehering.
Er hat ihn sich wieder angesteckt. Er hatte sich selbst wieder – die Hoffnung, daß es doch noch etwas Schönes auf der Welt gab.
Pulsuz fraqment bitdi.