Kitabı oxu: «Franz Kafka»

Şrift:

Bernd Oei

Franz Kafka: Mein Leben ist Zögern vor der Geburt

Grenzgänger zwischen Philosophie und Poesie

Bernd Oei

Franz Kafka

Mein Leben ist Zögern vor der Geburt

Literaturwissenschaft

Impressum

Texte: © 2021 Copyright by Bernd Helmert

Umschlag: © 2021 Copyright by Belinda Helmert

Verantwortlich

für den Inhalt: Bernd Oei

Malerstr. 63

28207 Bremen

kontakt@berndoei.de

Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Inhalt

Prolog 7

I. Biografie oder Leben am Abgrund 10

I. 1. Vor dem Ausbruch der Krankheit 10

I. 2. Die gelöste Verlobung 15

I. 3. Fieberträume oder die Agonie des Verstummens 19

I. 4. Das Vater - Sohn Verhältnis 21

I. 5. Die Frauen Kafkas 28

I. 6. Das literarische Umfeld (Prager Kreis) 35

I. 7. Die Rolle des Judentums 38

I. 8. Gleichnischarakter von Tieren 43

II. Tagebücher 46

II. 1. Selbstinterpretation 46

II. 1. 2. Schreiben als physischer Prozess und Reinigung 48

II. 3. Der Kampf um Gott mit Pascal 52

II. 4. Selbstgespräche 53

II. 5. Träume 58

II. 6. Verwandlung in Zeit-und Raum 60

III. Komparatistik mit Zeitgenossen 64

III. 1. Robert Walser, „Jakob von Gunten“ 64

III. 2. Ernst Weiß, „Die Galeere“ 69

III. 3. Franz Werfel, „Der Abituriententag“ 72

IV. Komparatistik mit Vorläufern 76

IV. 1. Heinrich von Kleist 76

IV. 2. Sören Kierkegaard 83

V. 3. Friedrich Nietzsche 94

IV. 4. E. T. A. Hoffmann 101

V. Philosophische Stimmen 116

V. 1. Albert Camus 116

V. 2. Dieter Leisegang 118

V. 3. Walter Benjamin 122

V. 4. Theodor Adorno 126

V. 5. Hannah Arendt 131

V. 6. Martin Heidegger 134

V. 7. Jaques Derrida 138

V. 8. Jean Francois Lyotard 140

V. 9. Gilles Deleuze 142

V. 10. Michel Foucault 143

V. 11. Roland Barthes 144

V. 12. Georges Bataille 148

V. 13. Maurcie Blanchot 149

VI. Romane 153

VI. 1. Amerika 153

VI. 2. Der Prozess 169

VI. 3. Das Schloss 191

VII. Erzählungen 212

VII. 1. Das Urteil 212

VII. 2. Ein Landarzt 218

VII. 3. Die Verwandlung 225

VII. 4. In der Strafkolonie 236

VII. 5. Die Sängerin Josefine oder das Volk der Mäuse 245

Epilog 252

Literaturverzeichnis 255

1 Prolog

Ungeduld erschien ihm als größtes aller Laster und so erklärte er sein Zögern zu einer Tugend. Ihn verstehen zu wollen, hieße ihn vom Ende her denken zu können. „Was zuerst in Erinnerung kommt, wenn man darüber nachdenkt, was für Geschichten Kafka eigentlich erzählt, sind Geschichten vom Ende. Es ist der Untergang einer Welt, der da erzählt wird, das Verslöschen und Verschwinden des Menschlichen.“1

Über Kafka ein Buch zu schreiben, scheint vermessen oder trivial; denn alles über ihn erscheint bereits gesagt. Die Motivation, es dennoch zu wagen, erfolgte aus drei Gründen: erstens gehört er in die Reihe der „Grenzgänger“ – sowohl aufgrund der selbstzerstörerischen Leidenschaft für das Schreiben und der Unmöglichkeit, einer bestimmten Epoche oder Weltanschauung zuzuordnen, als auch aufgrund seiner Vorliebe zu anderen Grenzgängern Kierkegaard, Nietzsche, Kleist, Dostojewski und Flaubert. Zweitens wird in folgender Monografie das Leben nicht als bestimmendes, sondern ergänzendes Erklärungsmodell herangezogen. Drittens spiegelt das Buch Kafka philosophische Reflexionen und philosophische Kommentare über den Autoren. Dabei tritt das Zusammenspiel von Form und Inhalt hervor.

Vieles von ihm blieb Bruchstück und als Fragment erscheint nicht nur sein Leben, sondern die durch den Weltkrieg auseinanderfallende Epoche. Da Kafka keine für ihn tauglichen Vorbilder findet, schafft er sich auf künstlerische Weise eine eigene Sprache und damit Identität; er erfindet sich selbst. Reale Welt des Lebens und ideale Welt des Schreibens interagieren in Kafkas Fall wie Traum und Erwachen.

Um die Jahrhundertwende bietet Prag ein einzigartiges Kaleidoskop diverser Ethnien und poetischen Nährboden. Zum Prager Kreis gehören so unvereinbare Poeten wie Rilke, Werfel, Winder, Meyerink, Kisch, Weiß. Brod und Janowitz. Symptomatisch für sein unstetes Wesen ist, dass es Kafka meist nur zu Kuraufenthalten verlässt und dabei neunmal innerhalb meist desselben Stadtviertels seine Wohnung wechselt.

Bezeichnend erscheint auch der Tod Kafkas: erstens aufgrund seiner Krankheit in Unfähigkeit, sich zu artikulieren, zweitens außerhalb Prags. Kurt Krolop hält fest, dass er nach eignen Erfahrungen bei Kriegsende als Deutscher in der Tschechoslowakei seiner Ausweisung, hätte man ihn gefragt, sofort zugestimmt hätte, weil ihm eine eigene Identität, ein halbwegs eigenständiges, selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich schien.2

Erst mit 30 Jahren bekennt er sich zu seinem künstlerischen Schaffen, dennoch bleibt Kafka übermäßig von Familie und seinen von Bindungsängsten geprägten Beziehungen zu Frauen geprägt. Der Wunsch nach einer Verwandlung und der Zwang, zu beobachten oder die eigene Handlungsweise zu rechtfertigen, stehen auch literarisch im Vordergrund.

Das erste Kapitel beleuchtet perspektivisch das enigmatische Werk, teilweise aus analytischer Außenperspektive und partiell aus poetischer Introspektion. Die an seinen Tagebüchern orientierten Abschnitte zollen Kafkas Umfeld und seiner von Angst und Zögern geprägten Empfindungen Tribut.

Im zweiten Teil der Studie rückt der Einfluss der von Kafka rezipierten Autoren in den Fokus. Dies stiftet Vergleichsmöglichkeiten zur zeitgenössischen Literatur und vier, von Kafka selbst hervorgehobenen, Einflussquellen und Lesegewohnhei-ten. Wer Kafkas Schriften wenig kennt, wird sich vielleicht verloren fühlen oder aber Anreiz finden, sie (neu) kennenzulernen. Um es mit Susan Sontag zu formulieren: Kafka erzeugt eine „Sackgasse des Glücks.“ Sich selbst finden heißt auch immer gegen sich denken zu lernen. Schreiben wohnt die Doppelexistenz des Konstruierens und Destruierens inne.

Die anschließende Komparatistik mit Walser, Weiß und Werfel dokumentiert, dass Entfremdung, Identitätskrise und Gewalt die Epoche prägende Leitmotive für die Kunst sind, aber auch, welche disparaten Formen der Kritik, Ablösung aus den Ruinen des Denkens und Erneuerung – von Robert Musil als „das tausendjährige Reich“ bezeichnet des dafür vorliegen.

Wie alle „Grenzgänger“ beschäftigt sich auch Kafka mit Philosophie als existenzielle Fragekunst und wird gleichsam von Philosophen als Beispiel für eine literarische Form der Daseins-bewältigung angeführt. Diesen Umstand trägt der vierte Ab-schnitt Rechnung, der die poetischen Wurzeln Kafkas zum Gegenstand hat. Dabei kommt der von Kleist thematisierten Ver-störung und Geschlechterkampf eine bedeutsame Rolle zu. Kierkegaards Entweder Oder - Haltung steht am Beginn einer sich von systemischem Denken ablösenden und die Spannung zwischen Ästhetik, Ethik und Religion zum Mittelpunkt des individuellen Daseinsentwurfes erhebenden Denkart. Nietzsche als Meister der Metabole, der Paradoxie und der ewigen Wiederkehr des Zweifels liefert Nährboden für Kafkas Parabeln.

Im fünften Abschnitt gewähren Stimmen von Philosophen eine Synopsis über die Vieldeutigkeit Kafkas in Abhängigkeit einer gewählten Leseperspektive und Methodik. So vergleicht der Strukturalist Roland Barthes Kafka mit Flaubert, einem seiner Vorbilder aufgrund ihrer Relation von Ordnung und Chaos und den von ihnen betriebenen physischen Aufwand des Schreibens: „Für den, der sich bemüht, seinem Inneren Ausdruck zu verschaffen, ist Kunst nicht etwas Geisteswissenschaftliches, sondern etwas Körperliches wie der Fingerabdruck.“3

Das Kapitel sechs untersucht die drei Romane Kafkas et, um neben einer Sprachanalyse gesondert die Aspekte Erotik, Religion, Sozialkritik, Psychologie und Philosophie zu eruieren und eine textnahe Exegetik vorzunehmen.

Das siebte Kapitel verfährt nach gleichem hermeneutischem Muster mit fünf ausgewählten Erzählungen mit repräsentativen Charakter unter mindestens vier Perspektiven.

Es wäre ein weiterer Mythos zu behaupten, Kafka als nicht wahrgenommenes Genie zu stilisieren. Er wurde bereits zu Lebzeiten veröffentlicht und übersetzt, erhielt einen kleinen Literaturpreis, Einladungen zu Lesungen und besaß als in Prag einen Kreis Bewunderer. So notiert der gleichfalls in Prag aufgewachsene Rainer Maria Rilke: „Ich habe nie eine Zeile von diesem Autor gelesen, die nicht auf das eigentümlichste mich angehend oder erstaunend gewesen wäre.“4

Einige wie Tucholsky erkennen früh seinen Genius, dennoch steht er im Schatten anderer, deren Namen heute häufig vergessen sind. Kafka ist im nietzscheanischen Wortsinn ein „Unzeitgemäßer“. Sein Begriff „Pathos der Distanz“ trifft dessen Einsamkeit und Fremdheit in der Welt. Im Zeitalter unmittelbar von und nach dem Ersten Weltkrieg erweisen sich Menschen zunehmend unfähig und unwillig, sich auf intime Beziehungen einzulassen. Nietzsche nennt es die höchste Aufgabe der Kunst, den Menschen von seiner Scham zu erlösen, und dies trifft in besonderem Maße auf Kafka zu. Leben und Werk sind vielleicht nicht trennbar, doch das eine monokausal auf das andere zurückzuführen oder zu deuten, wird der Kunst nicht gerecht. Den Abschluss bildet der Epilog mit dem Erkenntniswert Kafkas, der selbst nicht erkannt sein wollte

1 I. Biografie oder Leben am Abgrund

1 I. 1. Vor dem Ausbruch der Krankheit

Er ist allein. Vielleicht gewollt, denn nur so kann er schreiben. Er lebt nur für seine Idee. Die Technik ist im Grunde das Sittliche der Poesie - nicht weit vom Neutrum entfernt. Er hat die Geliebte gehen lassen. Die Dialektik des Imaginären zwingt ihn dazu. Im Zustand des Glückes lässt sich nicht schreiben und im Begehren nicht mehr der Text bewältigen. Nein, das Schreiben duldet keine Rivalin, es muss das einzige Brennen unter der Haut bleiben! „Mein Roman ist der Felsen, an dem ich hänge, und ich weiß nichts von dem, was in der Welt vorgeht.“5

Der Traum geht singend in das Tägliche über, ein Lied haust im nächtlichen Fieberwahn, doch lässt der Lärm der Straßen die Melodie verstummen und es sterben die Klänge in stündlichem Rauschen. Er fühlt unsagbare Angst vor dem Schreiben und fürchtet die Nacht, den Schlaf, den Kontrollverlust; die Angst vor dem Kontrollverlust zehrt seine Seele auf. Seine Existenz wiegt nicht mehr als der leichte Stoß Papier, den schreibt. Wenn der Vater kommt, wird er seine Worte vom Tisch nehmen wie das schwere Buch, das der Vater so achtlos bei Seite legt. Ich habe jetzt und hatte schon heute Nachmittag ein großes Verlangen meinen ganzen bangen Zustand ganz aus mir heraus zu schreiben und ebenso wie er aus der Tiefe kommt in die Tiefe des Papiers hinein.

Franz schreibt diese Worte mit seinem Blute, dass sich der Ausdruck in den Leib einschleicht, in den Atem einweicht. Er wird das Leben bald tragen wie einen unendlichen feuchten Raum, dessen Schalen vielleicht auf der Haut trocknen. Nein, es ist nicht sinnlos zu schrieben, wie der geschäftige Vater meint, denn wir brauchen Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück. Ein Unglück, das so schmerzt wie der Tod jener, die wir einst liebten. Ja, Poesie muss wie eine Axt sein für das ganze gefrorene Meer in uns, um die Eisstücke zu zerhauen. Die Schollen werden uns tragen müssen zu neuen Ufern. Schreiben ist wichtig, doch wenn ich etwas sage verliert es sofort seine Wichtigkeit, erst aber durch das Schreiben vermag es auch eine neue Bedeutung gewinnen.

Franz weiß nicht, ob er noch träumt oder schon schläft, das Licht erreicht zögerlich seine zuckende Pupille, es ist immer ein wenig Lärm und Geruch um ihn herum, so viele leben in dem engen Haus, und der Vater scheint nie wirklich zu ruhen. Sein langer Schatten schmeckt nach dem Ginster auf dem Fenster-brett, es ist als könnte er dem Verlöschen des Körpers zusehen. Die Welt hörte auf, wenn sein Ich nicht mehr existierte, freilich nicht stofflich, doch als Erlebnis bliebe die Farbe ohne das sie betrachtende Auge unsichtbar.

Tagsüber hat er im Büro Aktenberge gesichtet, brennende Kopfschmerzen, weil er nicht durchschlafen kann, Ich und Es sind im permanenten Tanz und Tausch miteinander. Im Leben macht Franz Kompromisse, im Schreiben nicht. Die Welt ist ohnehin reich an Unvollkommenem. Tatsächlich, in Liebe und Lust liegt ein entsetzliches Geheimnis und so entstehen innere Räume, aus denen wir sprechen; gläserne Träume werden zu Stahl. „Unsere ganze Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Ich und das ist ihr Fluch – doch aus Begeisterung und Liebe fließt alles Schöne.“6

Was könnte schöner sein als das Lächeln einer Frau, für die Einbildungen das tägliche Brot ist. Die Frauen haben ein Talent. dafür, sich mit verschiedenen Tugenden zu putzen und diese fremd zu führen. Doch diejenigen, die wirklich Schiffbruch in der Liebe erleiden, sind nicht unglücklich zu nennen, es sind immer die Unentschlossenen und Halb-Verzagten, die besonders leiden. Auch Felice ist rätselhaft und oft gewinnt sie durch ihren Makel an seltener Schönheit wie ihr Nacken, den er sanft küssen möchte. Für Frau und Kind nützlich zu sein und sich zu opfern, darin liegt das bürgerlich verordnete Glück. Doch welch Privileg haben die anderen, die einen Anfang zu machen wissen - er weiß, es bedürfte der Entschlossenheit dazu. Die meisten in seiner Zeit haben keine Überzeugungen, bloß noch Meinungen, die sie wie die Kleider wechseln, bevor sie abgetragen sind. Was, wenn er seiner verbrauchten Bekleidung enthoben, neu zu atmen lernte in aufrechtem Gang? Unbeschreibliches Staunen liegt in seinem Schweigen geborgen, jenem Bauch des Seins, der den Blick hat für den silbernen Schatten gleich jener Schneeflocke, die im schrägen Winkel niederfällt und die Haut kühl benetzt.

Es ekelt ihn vor dieser Welt aus Mängeln, den Menschen, die wie Wetter-fahnen sind und den nächtlichen Stürmen im Wasserglas. Für Franz existieren keine eindeutigen Wahrheiten, die Lüge ist wahrhaftiger. Was es gibt, sind Gesetze, denen er sich niemals ganz zu nähern wagt, weil dies der völligen Unterwerfung gleichkäme. Er sieht sich einem Labyrinth, das ihn den Ausgang verbietet. Der liebe Gott als letzter Ausweg musste sterben, weil es überfällig war, dass die Tradition verbrannte. Es braut sich ein Krieg zusammen, in dem alles zu Boden sinken wird wie eine überreife faulende Frucht. Niemals packt uns das Mitleid so heftig wie beim Anblick der Schönheit, die vom verderblichen Atem der Unzucht berührt ist. Die Schönheit verträgt nur Tugend und Reinheit und deshalb muss er für sich bleiben gleich einer Monade, die sich selbst zur Geburt bringt.

Der fast Dreißigjährige hat das Grübeln erfunden, es ist mit ihm geboren oder hat auf den Säugling gewartet. Sein Leben sorgt dafür, sich mit verschiedenen Tugenden zu putzen und diese fremd zu führen. Doch diejenigen, die wirklich Schiffbruch in der Liebe erleiden, sind nicht unglücklich zu nennen, es sind immer die Unentschlossenen und Halb-Verzagten, die besonders leiden. Auch Felice ist rätselhaft und oft gewinnt sie durch ihren Makel an seltener Schönheit wie ihr Nacken, den er sanft küssen möchte. Für Frau und Kind nützlich zu sein und sich zu opfern, darin liegt das bürgerlich verordnete Glück. Doch welch Privileg derjenigen, die einen Anfang zu machen wissen, es bedürfte der Entschlossenheit dazu. Die meisten seiner Zeit haben keine Überzeugungen, bloß noch Meinungen, die sie wie die Kleider wechseln, bevor sie abgetragen sind. Was, wenn er seiner verbrauchten Bekleidung enthoben, neu zu atmen lernte in aufrechtem Gang? Unbeschreibliches Staunen liegt in seinem Schweigen geborgen, jenem Bauch des Seins, der den Blick hat für den silbernen Schatten gleich jener Schneeflocke, die im schrägen Winkel niederfällt und die Haut kühl benetzt.

Es ekelt ihn vor dieser Welt aus Mängeln, den Menschen, die wie Wetter-fahnen sind und den nächtlichen Stürmen im Wasserglas. Für Franz existieren keine eindeutigen Wahrheiten, die Lüge ist wahrhaftiger. Was es gibt, sind Gesetze, denen er sich niemals ganz zu nähern wagt, weil dies der völligen Unterwerfung gleichkäme. Er sieht sich einem Labyrinth, das ihn den Ausgang verbietet. Der liebe Gott als letzter Ausweg musste sterben, weil es überfällig war, dass die Tradition verbrannte. Es braut sich ein Krieg zusammen, in dem alles zu Boden sinken wird wie eine überreife faulende Frucht. Niemals packt uns das Mitleid so heftig wie beim Anblick der Schönheit, die vom verderblichen Atem der Unzucht berührt ist. Die Schönheit verträgt nur Tugend und Reinheit und deshalb muss er für sich bleiben gleich einer Monade, die sich selbst zur Geburt bringt.

Der fast Dreißigjährige hat das Grübeln erfunden, es ist mit ihm geboren oder hat auf den Säugling gewartet. Sein Leben gleicht der „Beschreibung eines Kampfes“ und die einzige Rettung, die Ehe, ist doch zugleich sein Tod. Nun hat er Felice kennen gelernt und schwankt wie das Schiff auf hoher See in seinem Traum. Amerika. Vielleicht ist sie die Richtige, vielleicht sollte er den Schritt mit ihr aus der Enge des Hauses, der väterlichen Umklammerung wagen und weit fort ziehen. In diesem August haben sie sich in der Wohnung des Freundes Max kennen gelernt. Er kann ihren Augen nicht mehr ausweichen, wie er es früher bei den anderen Frauen getan hat. Seine wachsenden Verlangen nach ihr erscheint ihm wie Gogols Nase, die ihrem Herren entlaufen ist und diesem zuruft: Sie irren, mein Herr, ich existiere an sich.

Beziehungen zwischen ihr und ihm, eine Unmöglichkeit. Be-ziehungen generell. Er wird sie ins Unglück stürzen, ihre Erwartungen enttäuschen und sie wird ihn von der eigentlichen Arbeit abhalten. Vielleicht aber wächst er, weil er es muss, hinaus aus der Enge seines Büros und des nächtlichen Zimmers, vielleicht ist das Verlieben und Verloben nicht alles ein hoffnungsloser Fall. Wenn er nur gesund bliebe und sich ein wenig erholte! Ein Urlaubsgesuch ist gestellt, Urlaub steht ihm zu, das Gesetz schreibt dies vor. Ein anderer Ausweg: der Krieg. Er hört die blutigen Arme an die Tür pochen, das Land fliegt dem Schlachtfeld sehnsuchtsvoll entgegen, wofür hätten die Gardisten sonst Jahrzehnte im Dreck gelegen und vor Prag Manöver einstudiert?

Hüte dich vor Leidenschaften, so hat es ihm der Vater gesagt. Auch scheint seine Ehe ihm aufgetragen zu sein, der Mutter aufgezwungen so-gar. Es gibt nichts Schrecklicheres als die Ehe, diesen Kampf zweier Körper um eine Seele, höhnisch lacht der Vater, als er sich mit einer Silbe verrät. Er solle sich doch zu den Bordellen begeben, wenn er das Fleisch reden höre.

Wie schamvoll ist da sein Blick zu Boden gesunken. Erdulden muss er des Vaters laute Stimme und sein verzagtes Zittern über das lächerliche Reinheitsbehagen. Er fühlt sich schmutzig und wäscht die Hände, als hätten sich die wühlenden Finger verräterisch in Felices Fleisch geschlagen. Nächtlich träumt er von fallenden Messern, Fleisch in Stücke schneidenden Apparaturen, so gierig ist er, dass er morgens stets hungrig erwacht.

Morgendlich steht ein Becher Milch auf dem Nachttisch für ihn bereit, dann hustet er Schleim aus seiner Lunge ab, die Räume ungeheizt und kalt, gar nicht gut für die bereits stechende Brust. An ihnen hängt wohl ein besonderes Gewicht der Weltuhr, deren Zeiger die Verbindung von Eltern und Kind sind. Das Gleichgewicht darf nicht zerstört werden, es sind heilig blutige Bande.

Manchmal vernimmt er eine Stimme des Widerstands, der Mensch sei nicht zum Nutzen der Gesellschaft oder der Familie wegen, sondern nur um seiner selbst willen auf der Erde. Franz, wer bist du, hat sie ihn gefragt und zärtliche Briefe geschrieben, die ihn in seiner Einsamkeit aufspüren. Es ist doch möglich, über Gefühle adäquat zu schreiben und so zu seinem tiefsten Ich zu finden. Der Chandosbrief7 irrt. Meine Sprache ist nicht verloren, sie umkreist nur die Mitte dessen, was sie zu sagen sucht. Er hat sich dieser Aufgabe angenommen, denkt sich das Innen und das Außen eine gemeinsame Kraft verbunden wie Lebens- und Todestrieb. Er will zu Felice und damit das Ende seiner bisherigen Existenz. Mein Leben ist das unendliche Zögern vor der Geburt; Vielleicht bedeutet Existieren nur Akzeptanz des Unverständlichen. Jede Stunde heimlich dem Schicksal gestohlen. „Wir können uns in die Überwelt des noch Ungeborenen hinein tragen, wenn wir die konkrete Welt überwinden. Aber zentnerschwer hängt der sichtbare Himmel über uns und lässt unseren Kopf nicht durch die materiellen Wolken hindurch.“8

Seltsam fallen die Tage dahin in bleierner Schwere vollendeter Monotonie. Selten erreicht seine Gangart ein scharfes Allegro, nun gehen Sie schon, ruft Franz dem Kafka zu, verbunden mit einer müd gewordenen Telefonschnur, gestern hätten ihm ihre verhaltene Antwort nutzen mögen und mehr noch die ungestellte Frage, doch heute denkt er nur noch an das Amt, den unaufgeräumten Bürotisch, das Leben hinter den Zahlen verschwindend, noch nicht in ihnen aufgehend und den lamentierenden Vater, der den Nachteil nicht ganz schließender Wände der schlecht beheizten Wohnung beklagt. Für einen Ausweg ist es längst zu spät, also wird er sich weiter gedulden müssen.

Am Ende geht es doch nur um eines: „in gesteigerter Erlösung vergessen - sein wie all ihre Brüder.“9 Der Künstler muss blind sein für alles, was ihn umgibt, um sehend zu werden für das Besondere, das in allem ist. Wie mit einem Sprunge muss er im Inneren atmen hören und flüstern die Gänge, die Wände und selbst noch das letzte Ohr. Diesen unerträglichen Geräuschen muss er standhalten, auch die vergitterten Fenster muss er als seine Freiheit begreifen lernen. „Die Grundschwäche der Menschen besteht nicht etwa darin, daß er nicht siegen, sondern daß er den Sieg nicht ausnützen kann.“ Die gegebene Freiheit ist schon keine mehr, nur die selbst errungene, sich abverlangte tägliche Mühe darf als solche gelten.

Er horcht auf. Stille auf dem Gang. Schwere Schritte, die Stiefel seines Vaters, auf dessen Grund er schwankend wird. Ist die Erinnerung noch präsent, an das Unglaubliche, das ihn durch die Gitterstäbe seines hölzernen Bettgestells für immer von der atmenden Sorglosigkeit abgetrennt hat? Ist es nicht eigenartig, welche Gefühle die Einsamkeit umschließt und in Selbstverlassenheit sich senkt wie ein blauer Federkiel, der mit Blut ge-schrieben die Maschinerie der Gedanken schmierte, keinen Platz

lassend für andere Bilder als das Grauen. Der Vater geht in die Küche, Dort wird er sehen, dass sein Sohn die für ihn zubereitete Speise nicht angerührt hat, er wird lächeln über die Ängste seines schwächlichen und stets ein wenig kränkelnden Sohnes, der es nicht über seine leichenblassen Lippen brachte, von angegrautem Brot zu essen oder sich von einer bereits angeschnitten und vom Alter befleckten Frucht zu nehmen.

Sein gedankliches Kreisen um den Vater gleicht dem Kreisen um einen Turm, das ein anderer Sohn Prags beschrieb. „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise Jahrtausende lang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“10

Er sucht die Stille, ist kein guter Redner, aber ein umso besserer Beobachter und Zuhörer, ein Genießer der Ästhetik des Schweigens. „Die erzählende Prosa von Kafka und Becket wirkt verwirrend, denn sie scheint den Leser dazu aufzufordern, ihr hochgradige symbolische und allegorische Bedeutungen zuzuschreiben, und weist dabei diese Zuschreibungen zugleich zurück.“11

1 I. 2. Die gelöste Verlobung

Entzweit, schon zum zweiten Male - wie einst Kierkegaard und Strindberg vor ihm. Aus ihm würde kein Werther werden, so viel war sicher. „Besserer Zustand, weil ich Strindberg („Entzweit“) gelesen habe. Ich lese ihn nicht, um ihn zu lesen, sondern um an seiner Brust zu liegen. Er hält mich wie ein Kind auf seinem linken Arm. Ich sitze dort wie ein Mensch auf einer Statue. Bin zehnmal in Gefahr, abzugleiten, beim elften Versuche sitze ich aber fest, habe Sicherheit und große Übersicht. Der ungeheure Strindberg. Diese Wut, diese im Faustkampf erworbenen Seiten.“12

Gelebte Ambivalenz! Verzweifelter Krieg gegen das ge-schlechtliche Keuchen und Zittern, jenes entwürdigende Stoßen und Brabbeln, Seufzen und Quieken, wo sich stets Elementares und Dämonisches begegnen. Des Mannes Verhältnis zum Weibe ist es, „worin die Polemik gegen moderne Emanzipationsideen die geringste Rolle spielt und eine desto größere der ewige mythische Todhass der Geschlechter. Es gibt in keiner Literatur eine teuflischere Komödie als seine Eheerfahrungen, als seine Verfallenheit an das Weib und sein Grauen vor ihm, seine heilig monogame Verehrung und Verklärung der Ehe und sein völliges Unvermögen, es darin auszuhalten.“13

Entzweit einsam. Schon die Titel eine Verheißung nach Untergang, dem Inferno aller Geschichten des Ehestandes. „Im ersten Jahr wurden natürlich eine Menge von Illusionen über die Ehe als einen Zustand absoluter Seligkeit zu Grabe getragen; im nächsten Jahr kam das Kind, und nun lies ihnen die Mühsal des Lebens nicht mehr viel Zeit zu Grübeleien übrig.“

Felicitas, mit herb männlichen Zügen und energischem Gesicht Dame passt nicht zum viel zu ernsten Kind, das Franz nun einmal ist. Die Vermittlungs- und Schlichtungsversuche der Freunde vermögen den gordischen Knoten nicht zu lösen. Wie gotische Kathedralen stehen sie sich gegenüber, schweigend, aber nicht schweigsam genug. Sieht sie nicht, dass alles, was er ihr zu sagen hat, in den Briefen bereits gesagt ist? Hier hat er die Zeit, exakt zu formulieren, bis das Gefühl sich entschwindelt hat. „Wir müssen neu anfangen“ lautet seine Botschaft, die er an

Felice sendet. Seine Liebe gleicht dünn gestreichelten Umrissen, übervorsichtigem Annähern und leisem Verteidigen der jüngst eroberten Stelle. Sie nur in Briefen zu umarmen ist auf Dauer unmöglich, aber nichts kann schöner sein als das erste Verlangen. Durch das als Verhör empfundene Gespräch im Askanischen Hof ist der Unschuld letzter Zeuge bloß gestellt. Er wird es lebenslang seine Inquisition heißen und das Urteil seinem Prozess einverleiben. Er ist zu müde, um alles einzusehen.

In jenem Berliner Hotel, am 12. Juli 1914, fügt sich seinen traumatisierten „Forschungen eines Hundes“14 ein weiteres Mosaik seines Zögerns hinzu. Kindlich böse Worte verlassen dort ihren zärtlich der Unschuld beraubten Mund. Vorwürfe, so lange versteckt und heimlich unter ihrem Herzen genährt, genug gewachsen, um ihn zu prügeln. Sie schien das Ver-trauen oder die Geduld in seine künstlerische Existenz verloren zu haben. Das feste Unverrückbare zwischen ihnen ward schwankend geworden. Eine Seite in seinem Tagebuch fehlt seither, da er es nicht erträgt, das Geschriebene bei sich zu er-halten. Erst nach mehrfachem Erbrechen sendet er ihr folgende Zeilen. „So wenig ich sein mag, niemand ist hier, der Verständnis für mich im Ganzen hat. Einen haben, der dieses Verständnis hat, etwa eine Frau, das hieße Halt und auf allen Seiten haben, Gott haben.“15

Gott zu finden ist schwer, der Ausbruch des Krieges fällt da schon leichter. Er fühlt nur die Last in der Lust nach dem der flüchtig einander suchenden und fliehenden Geschlechter. Da er nicht eingezogen, sondern für untauglich befunden wird, fühlt sich Franz um das Recht der Selbstbehauptung betrogen. Er formuliert eine Petition an die Geschäftsleitung, doch er gilt als unverzichtbarer Bestandteil des Unternehmens, einer zu Fleisch gewordenen Akte. Sein Vater glaubt, vom Krieg profitieren zu können und erwirbt eine Fabrik. Für einen wie ihn erscheint das schlimmer als Krieg, denn dessen Logik ist klar und bedarf keiner Entscheidungen. Er fällt in Depression, will der Versicherungsanstalt kündigen, tagelang liegt er nur im Bett, eine Verwandlung greift in ihm ein und durch.

Er will ausziehen, sich endlich von der Familie lösen, er hasst die ihn nährende und zugleich fesselnde Sicherheit. Die Versicherungsanstalt ködert ihren Angestellten mit Beförderung. Er fühlt sich schuldig, wagt nicht, seine Kündigung abzugeben. Der Krieg macht ohnehin all seine Pläne zunichte. In den Tod darf er nicht, er ist zum Leben verurteilt. Seiner Entlobung folgt der drohender Bankrott des Vaters, Eruption der blutigsten Schlachten, köstliche Katastrophen für den Liebhaber des Untergangs und Tragödiendichter. Verzweifeltes Verlangen nach intimen Momenten, Inseln des Glücks, Wonnen der Behaglichkeit staut sich, findet kein Echo, verliert sich im Raum.

Gespenster regieren Prag, Gespenster und Beamte, die bleiben dürfen am behaglichen Herd. Er fühlt sich wie ein Käfer, zertreten und nutzlos, am Boden kriechend, zornig und doch noch immer um Vorsicht und Rücksichtnahme bemüht. Getrennt von der Gewöhnlichkeit und dem unentbehrlichen Ritual, mit Freunden im Kaffee die geheiligte Poesie zu besprechen. Sie alle dienen nun an der Front: Werfel und Weiß sogar mit ihn beängstigender Begeisterung. Alle sind weit weg entschwunden, räumlich und gedanklich.

Die stille und treue Ottla, die geliebte Schwester, wandelt zum ersten Mal und unverhofft für den älteren Bruder auf Amors Wegen, zerreißt den heilige Bund zweier einsamer Seelen. Ein Fremder hat sich auf die Schwelle gestellt. Tscheche, Beamter, in Zahlen aufgehende Rechenmaschine und damit kein wirklicher Mensch, kein Nachbar, an dessen Tür er klopfen will. Er versteht es wohl, sie sucht einen mächtigeren Bündnispartner für ihre Rebellion, die er selbst oft versucht, aber nie erprobt hat. Der Bankbeamte flößt selbst dem autoritären Vater Respekt ein, jeder Zorn prallt an der Rechenmaschine ab, Ottla zieht aus. Widerspenstigkeit und bewusster Wille haben die entschlossene Tat gezeitigt, zu der er sich nie hat aufraffen können. Er bleibt zurück, allein und seiner mächtigsten Waffe beraubt, dem Entrinnen zu ihr, der zärtlich gehüteten Schwester. Sie ist dem „hei-matlichen Rudel“ entlaufen und auf das Land gezogen, von wo aus sie die Familie mit Milch, Obst und Gemüse versorgt. Was bleibt, ist das stumpf-sinnige Nebeneinander von stummen Schreien auf nächtlichem Flur. Franz vermisst Ottla, ihr wissendes Lächeln, ihre heimlichen Botschaften, das verständige Zuhören. Ein fremder Verführer hat das einst misstrauische Mädchen abgelenkt vom geschwisterlichen Weg.

Sein Leiden wird fruchtbar für das Schreiben. August1914, wie die Massen hysterisch aufschreien, Blut mit Eisen und Dampf fordern und die heilig ernüchterte Schläfe unter blass-blauen Schatten der Lider zuckt. Wenig später sieht er sich Ott-la, seiner Auserwählten treuesten Zuhörerin, vielleicht der Ein-zigen, die zwischen den Zeilen zu lesen versteht, beraubt. Die Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Land“ entsteht. Es hätte die seine werden sollen, doch die ihre ist es geworden. Der unentschlossene, weil unglückliche Bräutigam Raban flüchtet vor traurigem Regen in Tagträume und die tröstliche Vorstellung, die schwere Zeit im Winterschlaf als großes Insekt zu verbringen. Er schickt seinen abgelösten Körper auf die Reise zur Braut, aufs Land, auf dem Ottla nun wohnt. Geschichten des Verkriechens und Eingrabens gibt es viele bei Kafka. „Ich suche mir ein gutes Versteck und belauere den Eingang meines Hauses.“16 Neunmal wechselt er die Wohnung im selben Quartier.

Täglich steigt in sein Haus hinab mit verwelkenden Gesten wie in ein Grab. Allnächtlich verliert sich in den Gassen Prags

die dem anthroposophischen Labyrinth eines weit verzweigten Höhlenbaus gleichen. Der Mensch als zoologischer Garten. In-sekt, Hund, Schakal, Affe, Dachs. Wer ist er wirklich oder doch alles zugleich? Er will sein Haus nicht mehr verlassen, wie ein toter, wie Jäger Gracchus, der zur Unzeit heimgetragen wird und nicht begreifen mag, dass er schon lange an seiner Angst gestorben ist. Der Jäger hat sich auf das Lauern eingerichtet, das verendende Tier, seine Beute, seinen Tod. Er möchte sein „Leben in der Beobachtung des Eingangs zu verbringen und immerfort mir vor Augen zu halten und darin mein Glück zu finden, wie fest mich der Bau, wäre ich darin, zu sichern imstande wäre.“

Er vergräbt sich, seine Wut und seine vertagte Lebenslust. Inzwischen hat er sich daran gewöhnt, sein Leben im Konjunktiv zu führen. Ist es überhaupt noch seine Existenz oder nicht schon längst die eines anderen, den er zu beobachten einfach nicht zu unterlassen vermag?

1 I. 3. Fieberträume oder die Agonie des Verstummens

Kierling, Klosterneuburg, Niederösterreich. Die andere Seite des Mondes. Zerstörtes Gewebe, wohin man auch blickt. Süßlicher Geruch des Todes beim Ausatmen. Fortwährender Durst, ins Unerträgliche gesteigert, wenn andere trinken. Ein Glas Wasser vor seinen Augen, unerreichbar von eigener Hand zu trinken und höllische Schmerzen, es Tropfen für Tropfen zu leeren. Es geht alles langsam, rückwärts, sprachlos. „Ich kämpfe, niemand weiß es …ich erfülle meine täglichen Pflichten. ... Natürlich kämpft jeder, aber ich kämpfe mehr als andere. Etwas ist allerdings anders…ich rede vom Freigelassen-sein, es ist nur ein Erklärungsversuch aus Not.“17

Max sitzt an einem Ende des Bettes, Dora an dem anderen. Die letzten Zeugen eines unwürdigen Zuckens. Die Lungentuberkulose, der Kehlkopf geschwollen, zum hässlichen Pfeifen und Röcheln verdammt, ein lebendig Begrabener, ein spindeldürrer Verwesender. Max repräsentiert die dem Patienten verschlossene Welt des praktischen Tuns, des Erfolgs und des Glücks, das sich mit beiden Händen packen lässt. Er hat geschafft, wozu Franz nie in der Lage gewesen ist, Heirat und Kinder, das Schreiben läuft wie von selbst neben seinem Beruf her, seine Lesungen weisen kaum Lücken im Publikum auf. Dora, diese kraftvolle Frau, fünfzehn Jahre jünger als der Siechende, die nichts kennt außer den kommenden Sommer und die Liebe zum einfachen Leben, selbst ihn weiß sie noch mit lächelnder Gebärde zu streicheln. Das väterliche Veto, sie sei eine nicht standesgemäße Erscheinung, für ihn ein Donnerschlag, hat sie nicht einmal betrübt. Wenn sie mitleidet, so tut sie es still und nicht vorwurfsvoll, da er sie mittellos zurück lassen wird auf dieser Welt. In vielem gleicht der todkranke Franz dem Hungerkünstler und Mäusesänger aus seinen letzten Erzählungen. Er ist abgemagert, besteht nur noch aus Schatten und Schmerz. Lieber wären ihm die Morphiumspritze und der folgende gläserne Schlaf als das unwürdige Stammeln.

Max bringt die Korrekturfahnen zum „Hungerkünstler“, auch wenn er weiß, die frisch gedruckten Blätter wird ein anderer riechen, so will er sein Werk vollenden. Ein Todgeweihter bittet darum, diese letzte Qual zu lassen. Eine Träne quillt verstohlen, aus seinem scheuen Augenwinkel hervor, als würde sie sich ihrer Geburt schämen. „Wie ich zu essen anfing, senkte sich im Kehlkopf irgendetwas, worauf ich wunderbar frei war.“18

Vor dem Gesetz kämpfen alle nur einen Kampf, denn es gibt keinen Selb-ständigen im Krieg mit sich selbst. So steht es auch in der Erzählung vom „Bau der chinesischen Mauer“, die doch die Mauer aller Menschen ist. Was macht uns mehr zu Brüdern als das Bewusstsein von Leid und Schmerz, wenn seltsam sich schmiegen die Lippen an Staunen? Dora schenkt ihrem Verlob- ten ein dem Vergessen abgerungenes Lächeln, das sich an keiner Welle bricht. Ob er sich vor dem Sterben fürchtet, fragt sie mühelos beinahe, es und er antwortet ihr, unterbrochen von rotem Husten, mit einem Satz aus dieser Erzählung: „Den Glauben muss man richtig verteilen zwischen den eignen Worten und den eigenen Überzeugungen.“19

Führen Frage und Antwort noch zueinander oder trennen sie nur was im Schweigen noch Vereinigung finden? „Früher be-griff ich nicht, warum ich auf meine Frage keine Antwort be-kam, heute begreife ich nicht, wie ich glauben konnte, fragen zu können…“20 Dora glaubt, einem Sterbenden dürfe man keinen Wunsch abschlagen, doch dies ist falsch. Man darf ihn nicht länger belügen, das genügt. Max zittert beim Anblick seines schwächlichen Körpers und glaubt doch an Rettung durch ein Wunder. Denn wen Gott liebt, den züchtigt er, aber den vernichtet er nicht. Max glaubt an das unsterbliche Talent hinter der gebrechlichen Fassade, er hat es immer gesagt, der Franz ist unvergleichlich, doch wer schenkt seiner weltgewandten Zunge Ge-hör schenken? Seine Schwellungen am Kehlkopf, Tod durch Ersticken, das ist umso vieles realer als träumerische Poesie. In seinen kalten braunen Augen, in denen noch ein Duft des letzten Herbstes liegt, flüstert er ihm zu: „Es gibt kein Haben, nur … ein nach letztem Atem nach Ersticken verlangendes Sein.“ Gedulde doch noch ein wenig, antwortet der Freund, du wirst wieder gesund, wirst schon sehen, und glücklich. Franz aber lächelt boshaft in sich hinein. Was ihn glücklich macht, besitzt auch die Kraft hat, ihn zu zerbrechen.

1 I. 4. Das Vater - Sohn Verhältnis

Viele der in den Tagebüchern ausführlich niedergeschriebenen Träume beziehen sich auf den allmächtigen Vater. Einer davon handelt vom Versuch des Vaters, aus dem Fenster zu springen und dem des Sohnes, ihn zurückzuhalten. „Aus Bosheit streckt er sich noch weiter hinaus … Ich denke daran, wie gut es wäre, wenn ich meine Füße mit Stricken an irgendetwas Festem anbinden könnte, um nicht vom Vater mitgezogen zu werden. Allerdings müsste ich, um das zu bewerkstelligen, den Vater wenigstens ein Weilchen lang loslassen.“21

Dieser Traum ist an Symbolkraft wie die Aussage in der Niederschrift an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen: Kafka vermag seinen Vater nicht loszulassen; gerettet will er von ihm ohnehin nicht werden und zugleich fürchtet der Sohn, durch den Vater in einen Abgrund gerissen zu werden. Omnipotenz und Ohnmachtsgefühle wachsen mit jeder leidvollen Erfahrung.

In einem anderen Traum sieht er seinen Vater als Redner, dessen an eine Predigt erinnernder Monolog das Publikum zu überzeugen versucht. Die Rede ist schlecht, die Idee nicht originell, der Durchfall bei den Zuhörern vorprogrammiert, da „er es weder von der Originalität noch der Brauchbarkeit seiner Idee überzeugt hat.“ Am Ende sitzt der Vater allein und auf dem Boden, fühlt sich aber noch immer im Recht. Kafka füllt nur die Lücken im Publikum als ein hilfloser Beobachter in gelähmter Passivität des Leidens.

Die Situation zu Hause bleibt stets angespannt, die Mutter schweigt, der Vater ist laut, grob, autoritär und gibt seinem Erstgeborenen zu verstehen, dass er mehr Entschlossenheit und Männlichkeit von ihm erwartet. Er argumentiert mit Sätzen aus der Tori, gegen die sich der Sohn nicht wehren darf und mit seiner entbehrungsreichen Zeit, gegen die er sich nicht wehren kann. Von klein auf sieht sich der Sohn mit Schuldgefühlen bela-den, da er es nicht nur besser haben soll, sondern auch muss, um das bitterste Los auf Erden ist zwischen ihnen entbrannt, ein Duell, das der Sohn nicht gewinnen kann, weil er nur Anwalt, der Vater aber der Richter ist.

Zunehmend gewinnt die Monotonie an Raum. „Trostloser Abend heute in der Familie … Vor Langeweile dreimal im Badezimmer hintereinander mir die Hände gewaschen.“22 Besonders nach den Zerwürfnissen träumt Kafka schlecht und schreibt am folgenden Tag nichts. Er hasst die peinlich bürokratische Sorgfalt an sich selbst, die ihn zu sehr an den Vater erinnert, die väterlich „abergläubischen Vorsichtmaßregeln“, doch er ist seines Blutes. Kafkas Selbstaussagen zufolge fürchtet er sich vor dem Vater, besonders „wenn er vom Letzten, von Ultimo sprach.“ Sein Leben erscheint ihm abgezirkelt, zweck- und bedeutungslos, aufgegangen in Zwang und Ritual, manchmal Hass. „Ich habe geradezu mich in Haß gegen meinen Vater geschrieben.“23 Er träumt von einem Windhund - Esel, der aus-sieht wie der Vater, nur etwas kleiner. Im Fremden spiegelt sich die Erweckung des höheren Selbst. Vielleicht ist der Vater dazu da, ihn anzutreiben, ein besserer Mensch zu werden.

Hermann Kafka bringt eine traurige Geschichte mit in die Familie: den Selbstmord seiner Mutter, die sich in der Elbe er-tränkt, weil sie über den Tod ihres Mannes nicht hinwegkommt und glaubt, des Überlebens schuldig zu sein. Das Gefühl, kein Recht auf Leben zu haben, überträgt sich auf Enkel Franz. Er leidet unter der Minderwertigkeit, von schweren Gewichten behangen unterzugehen, ist ihm nicht fremd.

Zwei Selbstaussagen Kafkas verdeutlichen eine, an Autismus grenzende, Isolation: „Ich bin ein verschlossener, schweigsamer, ungeselliger, unzufriedener Mensch … Ich lebe unter meiner schließlich hat er nicht so gelitten wie der Vater. Ein Zweikampf meiner Familie fremder als ein Fremder ... Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.“ „Wo finde ich Rettung? Zu meiner Befreiung wäre ein Hammer nötig, der mich vorher zer-schlägt.“

Für das bürgerliche Familienleben fehlen ihm Talent, Neigung, Ehrgeiz und Willenskraft. Als ihn der Vater zur Mitarbeit und einer finanziellen Beteiligung in seiner Asbestfabrik nötigt, schreibt er: „Wenn ich mich töten sollte, hat gewiß niemand Schuld … Ich gehöre hinunter, ich finde keinen anderen Aus-gleich.“ Früh gewinnt er die Überzeugung, den Vater nicht überleben, nicht gegen ihn gewinnen zu können und steht unter dem Bann des erdrückend dominanten Vaters. Das störrisch-eigenwillige Verhalten Kafkas gleicht der „Verweigerung der Erwartung und der Eingliederung in bürgerliche Ordnung“.

Er empfindet seine Existenz als Unglück, das mit stetem Zweifel und scharfem analytischen Verstand einhergeht. Wie weit Selbstmordfantasien ihn suizidal gefährden oder verdrängte Mordlust am Vater sind, bleibt ödipale Spekulation, doch sind Selbstanklagen unübersehbar; Kafkas Essstörung scheint auf die väterlichen Tiraden beim Mittagstisch zurückzugehen; die Geräuschempfindlichkeit auf das cholerische Temperament des Vaters. Der Patriarch weiß mit seinem hypersensiblen, scham-vollen Sohn nichts anzufangen. Er drängt ihn, ein Bordell auf-zusuchen, damit er nicht krank werde und um nicht aus sexueller Not zu heiraten. Ihm droht das Schicksal des ewigen Junggesellen. Die väterliche Autorität ist Fleisch gewordene Gesetz.

Brief an den Vater

Mehrfach schreibt Kafka seinem Vater einen Brief zur Aus-sprache, doch er schickt keinen von ihnen ab. Sein als Erzählung veröffentlichter Brief (1919) wird daher meist als biografischer Beleg gewertet, doch es bleibt ein Kunstwerk, ein Kunstgriff zwischen stilisierter Fiktion und Erinnerung, in dem der Sohn Kläger und Verteidiger zugleich ist, eine typische Haltung Kafkas gegenüber einer realen und doch imaginierten Erscheinung des Vaters. Publik wurde der Brief erst 1952, da Kafka ihn als Vertrauensbeweis 1920 seiner Geliebten Milena übergab. Auf Umwege geriet er spät in die Hände des Nachlassverwalters Max Brod. Von den vielen Themen, die Kafka darin unmittelbar nach seiner zweiten aufgelösten Verlobung (mit der unstandesgemäßen Julie) aufgreift, sind einige paradigmatisch, insbesondere die Selbstanklage.

Das Thema der Schuld klammert die singulären Bereiche, denn offensichtlich sieht sich der Sohn sowohl mit Fremd- als auch Selbstvorwürfen konfrontiert. Das erste Sujet betrifft das Kräfteverhältnis. „Ich wäre glücklich gewesen, Dich als Freund, als Chef, als Onkel, als Großvater, ja selbst als Schwiegervater zu haben. Nur eben als Vater warst Du zu stark für mich … Deine äußerst wirkungsvollen, wenigstens mir gegenüber niemals versagenden rednerischen Mittel bei der Erziehung waren: Schimpfen, Drohen, Ironie, böses Lachen und – merkwürdiger Weise – Selbstbeklagung …“24

Schuld ist ein großes Wort, größer noch als ein Grab es tragen kann. So sieht sich der Sohn täglich mit Fremd- als auch Selbstvorwürfen konfrontiert. Das erste Sujet betrifft das Kräfteverhältnis. „Ich wäre glücklich gewesen, Dich als Freund, als Chef, als Onkel, als Großvater, ja selbst als Schwiegervater zu haben. Nur eben als Vater warst Du zu stark für mich … Deine äußerst wirkungsvollen, wenigstens mir gegenüber niemals versagenden rednerischen Mittel bei der Erziehung waren: Schimpfen, Drohen, Ironie, böses Lachen und – merkwürdiger Weise – Selbstbeklagung …“

Es ist wie ein Spaziergang kurz vor der „Hochzeit auf dem Lande“, einer Hochzeit, die nie stattfindet: um den Namen der Braut zu vergessen, muss man sie erst geheiratet haben. Offensichtlich hat der Vater seinem Sohn auch durch die Schilderung seiner Armut ein schlechtes Gewissen (erfolgreich) eingeredet. Der Zwang sich zu vergleichen spielt eine Rolle in ihrem Verhältnis. Dies gilt nicht nur für Gesetz und Autorität, sondern auch zu einem Wunsch; und vor allem bezieht es sich auf die Gegenüberstellung der väterlichen (Kafka) und der mütterlichen (Lewy) Linie. Die Ambivalenz und Suche nach Identität spiegelt sich in der Familienherkunft und charakterlichen Gegensätzen.

Kafka betont seine Ängste und wie schwer es ihm fällt, sich von diesen als Erwachsener zu lösen. Als Beispiel führt er an, wie ihn der Vater, um seine Nachtruhe zu gewährleisten, in der Nacht auf den kalten Vorzimmerflur stellte, weil er als Kind so laut schrie. Blicke und Gesten verdeutlichen Ohnmacht; Blicke, die ihn als Kind vernichteten und selbst als Erwachsener schwer demütigen „oft mit beherrschendem Gefühl der Nichtigkeit“.

Neben dem Komplex seiner Inferiorität und seiner Scham, dem väterlichen Wunschbild eines Sohnes nicht zu entsprechen, thematisiert Kafka das Recht zu strafen. Wenn der Vater das Gesetz verkörpert, dann spielt das Recht, es einzusehen, anzufechten oder zu umgehen, eine zentrale Rolle. Der Sohn schildert den Vater als gnadenlos in seinem Urteil und zudem, weit wichtiger, als undurchschaubar in seinen Begründungen.

Hermann Kafka scheint keine politische, religiöse, nicht einmal eine private Meinung zu haben; alle sind ihm verdächtig und schuldig. Nichts schien ihm eindeutig zu ge- oder zu missfallen. „Das bezog sich auf Gedanken so gut wie auf Menschen … man war gegen dich vollständig wehrlos.“. Im Haus Kafkas herrscht das Recht des despotischen Patriarchen, dem alles erlaubt ist und dem Gehorsam zu leisten ist. Kafkas eigene Solidarität mit den vermeintlich Schwächeren leitet sich daraus ab. Problematisch ist jede Form der Kommunikation: „Ich konnte nicht auswählen. ich mußte alles nehmen. Und zwar, ohne et-was dagegen vorbringen zu können, denn es Dir von vornherein nicht möglich, ruhig über eine Sache zu sprechen…“

Das Recht und die Rechtfertigung, frei entscheiden zu dürfen, bleiben ein Scheinrecht für den Sohn, der das Reden verlernt und mit ihm das fließende Sprechen. Alles im Hause ist nicht geborgen, sondern fremd, nicht vertraut, sondern erkämpft. Der Vater hat Macht, der Sohn ist sein „Erziehungsergebnis“ und betont: „Du verstärktest nur, was war, aber du verstärktest es so sehr, weil Du eben mir gegenüber sehr mächtig warst und alle Macht dazu verwendetest.“ Vielleicht erklärt dies den Titel von Kafkas: „Beschreibung eines Kampfes“: „Ich war bald erledigt; was übrig blieb, war Flucht, Verbitterung, Trauer, innerer Kampf.“

Die Alternativen bilden Gehorsam und Auflehnung oder Flucht. „Man wurde ein mürrisches, unaufmerksames, ungehorsames Kind, immer auf eine Flucht, meist eine innere, bedacht.“ Eine Form der Flucht, sogar die wichtigste in Kafkas Augen neben dem Schreiben, ist die Ehe. „In Wirklichkeit wurden die Heiratsversuche der großartigste und hoffnungsreichste Versuch, Dir zu entgehen, entsprechend großartig war dann allerdings auch das Misslingen.“

Die Ehe hat mindestens widersprüchliche Aspekte für Kafka: er bewundert sie als höchste Ehre, verbunden mit der Eigenständigkeit, auf den eigenen Füßen stehen zu können. In seinen Aphorismen, die zeitgleich mit dem Brief entstehen, schreibt er: „Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken.“25

Erst mit der Ehe ist das Terrain gegen das Väterliche abgesteckt. Da sie nicht erfolgt, fühlt sich Kafka minderwertig und isoliert. Der Bau der chinesischen Mauer erinnert an Gefangenschaft, Gefühl des Ausgeliefert-Seins und der Starre bis zur Versteinerung. Andererseits betrachtet Kafka die Ehe als einen Kampf gegen die eigene Schwäche, Entscheidungen zu treffen. Die Verantwortung für eine Frau soll ihn gleichsam erhöhen, ihn befreien aus dem alten Kleid kindlichen Verhaltens. Ferner beinhaltet Ehe die Anerkennung der Sexualität, mit der Kafka seine Probleme hat, wie das Verhältnis zu den Frauenbekanntschaften nahe legt. Aufgrund des väterlichen diametralen Sittenkodexes sind keine zweideutigen Liebschaften zulässig, folglich kann er nur im Ehestand seine Scham überwinden.

Viertens bildet die durch Krankheit bedingte physische Schwäche für Kafka einen Makel, gleichzeitig befreit sie ihn von konkurrierenden Bedürfnissen. Erst als Ehemann fühlt Kafka sich dem Vater ebenbürtig. Ob dieser ihn als Ungeziefer beschimpft, was in „Die Verwandlung“ geschieht, bleibt spekulativ. Über den direkten Bezug der Formulierung „Tod durch Ertrinken“ in „Das Urteil“, das die Entlobung und eine Verfehlung des Sohnes zum Gegenstand haben, bestehen kaum Zweifel.

Ausführlich schildert Kafka in seinem Brief, wie er als Sechzehnjähriger eine Bemerkung des Vaters so auffasst, dass Geschlechtsverkehr stets geheim wie unter einem Stigma erfolgen müsse. Als peinlich empfindet er die Weisung, ins Bordell zu gehen, notfalls mit dem Vater zusammen, damit er ihm mit einer unüberlegten Vermählung aus sexueller Not keine Schan-de mache. Den negativen Höhepunkt der Einmischung liefern sein Forcieren der Hochzeit mit Felice (auch ein Grund, die Verlobung zu lösen) und das anschließende Veto gegen Julie. Die ausdrücklich tiefste Demütigung er-fährt Kafka mit den sinngemäß wiedergegebenen Worten: „Sie hat wahrscheinlich irgendeine ausgesuchte Bluse angezogen, wie das Prager Jüdinnen verstehen und daraufhin hast Du Dich natürlich entschlossen sie zu heiraten. Und zwar möglichst rasch …“26

Schuld ist das häufigste Wort und damit Leitmotiv Kafkas. Die Furcht, die Kinder zahlen den Vätern die eigene Schuld heim oder erben die Schuld der Väter ist auch für Kierkegaard, der wichtigsten Inspirationsquelle. Seine Lektüre bleibt zwischen 1916 und 1921 neben der von Kleist stets präsent. Es sind die Jahre, in denen er sich wie der Däne gegen die Ehe und gegen die Verpflichtung der Nachkommenschaft entscheidet. Kafka fühlt sich diesem Druck nie gewachsen. Wie Kierkegaard, der unter der Furcht eines Familienfluchs leidet, hält er sich für unzureichend, eine eigene Familie zu gründen.

Sein bevorzugtes Goethes ist nicht zufällig „Hermann und Dorothea“, das vom Konflikt zwischen Vater und Sohn handelt, der, ausgelöst wird durch die Weigerung des Vaters, Hermann die Brautwahl zu überlassen. Der Sohn wird dazu verurteilt, über den Vater hinaus zu streben oder zu sterben, was geschieht.

Um Abstand von seinem Vater zu gewinnen, geht er viel allein spazieren. Einige Seltsamkeiten Kafkas erklären sich aus seinem Ohnmachtsgefühl, etwa die Abneigung gegen Regen, weil er sich diesem mehr oder minder schutzlos ausgesetzt fühlt.

In zahlreichen kurzen Erzählungen, meist Parabeln, be-schreibt Kafka zudem seine Flucht vor dem Vater unverschlüsselt. „Der plötzliche Spaziergang“ etwa besteht nur aus einem einzigen Satz, beginnend mit „Wenn man sich am Abend end-gültig entschlossen zu haben scheint“27 - ein Widerspruch in sich. Der Gedanke beschreibt wie häufig ein Dilemma, das auf eine Entscheidung drängt „… und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht …“

Kafka beschreibt die „schon unerwartete Freiheit“ auf der Gasse als ein Bedürfnis nach schneller Veränderung, dem Kreis der Familie zu entgehen; „dann ist man für diesen Abend gänz-lich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenslose ab-schwenkt, während man selbst, ganz fest, … sich zu seiner wah- ren Gestalt erhebt.“ In wenigen Worten hat Kafka mit einer Kleinigkeit schon alles über den Zwang gesagt. Die Kreisbewegung (hermeneutischer Zirkel) führt zu seiner Beschäftigung mit Erkenntnissystemen, die redlichen Willen zur objektiven Wahrheitsfindung mit mathematischer Präzision bekunden.

Einer seiner Aphorismen ironisiert den Anspruch auf objektives Erkennen aus der Subjektivität heraus: „Ein Philosoph … glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also z. B. auch die eines sich drehenden Kreisel genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen … war die kleines Kleinigkeit wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb beschäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel.“28

Er meint, das Leben der anderen zu leben und sich selbst dabei zu entfremden, so, als würde man sich als Erwachsener immer mehr vom eigenen Kern entfernen. Atemzüge eines Sommertages später sind wir in die unförmige Masse der anderen aufgegangen. „Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst: das hat seinen guten Grund. Wir haben nie nach uns gesucht … Bei solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht „bei der Sache“: wir haben eben unser Herz nicht dort — und nicht einmal unser Ohr! …: wer sind wir eigentlich? … Wir bleiben uns eben notwendig fremd, wir verstehen uns nicht, wir müssen uns verwechseln…“29

1 I. 5. Die Frauen Kafkas

Felice Bauer

Kafka lernt die vier Jahre jüngere Berlinerin Felice Bauer (ihr Vater ist wie Kafka Versicherungsvertreter) August 1912 in Prag kennen. Seine erste Bemerkung über sie notiert er am 13. August, wo er sie als unscheinbar, „knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug“ wenig vorteilhaft beschreibt. Sie arbeitet als Prokuristin und Messerepräsentantin für eine Firma, die Diktiergeräte vertreibt, „Lärmtrompeten des Nichts“. Er empfindet sich als zu schwächlich, ungebildet und unrein für einen Flirt. Seinem Tagebuch vertraut er an, er müsse sich sein Glück erst durch Leid erarbeiten. Insgesamt fünf Jahre währt ihre physische Beziehung, wenn man die wenigen Treffen zwischen zwei Ver- und zwei Entlobungen so nennen will. Die letzte Zusammenkunft ereignet sich Weihnachten 1917.

Möglich, dass er sich zu einer Ehe zwingen will und vergeblich auf das Verliebtsein wartet. Möglich ist auch Versagens-angst und Impotenz, erfahren ist der junge Mann nicht. Angst erweist sich mit Scham als zentrales Lebensgefühl Kafkas, bei-des bleibt mit Schuld verbunden. Die biblische Verleugnung der Frau erwähnt Kafka als Mythos mehrfach in seinen Tage-büchern, als ob er seine Schwäche durch das Alte Testament zu rechtfertigen suchen würde. Dafür spricht auch seine in Briefen wie Tagebüchern anklingende Reue, seine Selbstverurteilung, in „Das Urteil“ und „Der Prozess“, die Kafka nach der Auflösung der ersten Verlobung 1912 niederschreibt aus dem Gefühl der Sünde heraus (wie er selbst sagt). Nach der zweiten Entlobung 1917 entstehen die Erzählungen „Ein Landarzt“ und „In der Strafkolonie“, die thematisch mit ihnen konvergieren.

Kafka wird während seiner Verlobung von Gewaltfantasien in seinen Träumen heimgesucht, wie aus Tagebüchern als auch Briefen an Felice hervorgeht. Als Beispiel dafür dient die nicht veröffentlichte und Fragment gebliebene Erzählung vom 22. Juli 1916. Sie beginnt mit den Worten: „Sonderbarer Gerichtsgebrauch. Der Verurteilte wird in seiner Zelle vom Scharfrichter erstochen, ohne daß andere Personen zugegen sein dürfen.“30

Die Erlaubnis zum geheimen Töten kommt auch in anderen Geschichten vor, ebenso wie die der Dialog von Henker und Opfer, die in bestem Einvernehmen zur Hinrichtung schreiten, solange dabei nur die Form gewahrt bleibt. So sagt der Verurteilte: „Gerade weil es unmöglich ist, ist dieser sonderbare Gerichtsgebrauch eingeführt worden.“ Gebiss, Geräusche und Gerüche verraten ihm mehr als ihr lockendes Versprechen.

In allen genannten Erzählungen kommt der Verurteilte gegen ein übermächtiges Naturgesetz nicht an, sein Urteil steht fest und eine Rebellion ist zwecklos. Zwei Aussagen belegen, dass der Zusammenhang von schuldhafter Geburt und schuldhaftem Leben ein kafkaeskes Leitmotiv ist, das auf Bindungs-angst beruht. „Der Anblick des Ehebettes zu Hause … kann mich bis zum Erbrechen reizen, kann mein Inneres nach außen kehren, es ist, als wäre ich nicht endgültig geboren, käme immer wieder aus diesem dumpfen Leben in diese dumpfe Stube zur Welt, müsse mir dort immer wieder Bestätigung holen … noch an meinen Laufen wollenden Füßen hängt es wenigstens, sie stecken noch im ersten formlosen Brei… und kann doch ohne verrückt zu werden gegen das Naturgesetz nicht revoltieren, also wieder Haß und nichts als Haß. Du gehörst zu mir, …ich kann nicht glauben, daß um irgendeine Frau mehr und verzweifelter gekämpft worden ist als um Dich in mir.“31

Elias Canetti behandelt das Beziehungsdrama in „Der andere Prozess. Kafkas Briefe an Felice“ (1984) als eine „Geschichte des fünfjährigen Sich Entziehens“. Er sieht sich zugleich als ein Opfer und Verurteilter, aber auch als Täter. Sein Zögern stellt bei den strengen jüdischen Konventionen Felice und ihre Familie auf eine harte Geduldsprobe: „Wesentlich durch meine Schuld trägt sie ein Äußerstes an Unglück … In Kleinigkeiten hat sie Unrecht… im Ganzen aber ist sie eine unschuldig zu schwerer Folter Verurteilte.“ Ihre Beziehung bleibt Stückwerk, ein Anfang ohne wirklich „vorwärts zu kommen“.32

Kafka fühlt sich doppelt verurteilt: zur Krankheit und zu-gleich zum Leidensstifter für seine Familie, deren Hoffnungen er nicht erfüllt. Zweifellos reagiert sein Körper somatisch auf die Beziehungsproblematik; er ist häufig nach einem Treffen mit ihr krank oder erkrankt bei ihrem bevorstehenden Besuch, den er damit vertagen kann. Über allem steht die Unmöglichkeit, sich fest zu binden oder eine endgültige Entscheidung zu treffen.

Inspiriert von Kierkegaard schreibt er mehrfach Pro und Contra Positionen ihrer Beziehung auf, spricht vom notwendig-gen „Sprung“ in eine ungewisse Zukunft, die am Ende aus-bleibt. Ihre Entlobung erscheint ihm in einem Traum in Gestalt zweier vor einem Wagen gespannten und von gepeitschten Pferde; dieser Traum erinnert an die wilden Rosse in „Ein Landarzt“ (1917), der unmittelbar nach der zweiten Entlobung entsteht. Kafka stellt sich auch hier vor ein fiktives Gericht, klagt an, verteidigt und anerkennt seine Schuld, der Protagonist stirbt. Er diagnostiziert sein „glattes Unvermögen zum Leben“. Vor diesem Hintergrund erscheint auch seine Lektüre Strindberg und Kierkegaard bedeutsam, da beide die Ehe als Tragödie auffassen. Wie sie fasst Kafka das missglückte Verhältnis von Mann und Frau als Erbsünde auf, den auch „Der Prozeß“ vergegenwärtigt. Kafka steht vor dem Dilemma zwischen der Pflicht, eine Familie zu gründen und Künstler zu sein.

Schon bald gerät der Dreißigjährige in einen Gewissenskonflikt: soll er mit ihr seine bürgerliche Existenz zementieren oder als freier Schriftsteller nach Berlin ziehen? „Ich konnte damals nicht heiraten, alles in mir hat dagegen revoltiert, sosehr ich F. immer liebte. Es war hauptsächlich die Rücksicht auf meine schriftstellerische Arbeit, die mich abhielt, denn ich glaubte die Arbeit durch die Ehe gefährdet.“

Die Frage der Ehe bedeutet zugleich eine Entscheidung gegen die künstlerische Existenz. Kafka erkennt in der Beziehung zu Felice ein großes Unglück für beide: „Ich bin an F. verloren … Ich würde mich auf der Gehaltsleiter fortschleppen und immer trauriger und einsamer werden, solange ich es eben überhaupt aushielte.“ Indes, er möchte sich ihr nicht zumuten oder auslie-fern und tut es dennoch. Die erste Verlobung findet am 1. Juni 1914 statt, auf der bereits am 12. Juli die Entlobung folgt. Hin-tergrund bilden Indiskretionen und Vorwürfe der gemein-samen Freundin Grete Bloch im Berliner Hotel „Askanischer Hof“ ihr vorläufiges Ende. Die Frauen werfen ihm vor, er sei unschlüssig, untreu und unzuverlässig. Diese Inquisition löst ein Trauma in ihm aus, da sie die bereits vorhandenen Selbstvor-würfe intensiviert. Kafka unterliegt fortan einem starken Gewohnheitszwang. Er müsste ihr zuliebe „ein anderer Mensch werden“ und ahnt oder befürchtet, sie könnte ihn nicht genug lieben: „Ich hatte … selbst in der Zeit unseres herzlichsten Verhältnisses oft Ahnungen und durch Kleinigkeiten begründete Befürchtungen, daß F. mich nicht so sehr lieb hat …“

Über Briefkontakt nähert sich das Paar Mai 1916 wieder an. Unter anderem unternimmt es eine Reise nach Budapest; die glücklichste Zeit ereignet sich wohl kurz darauf in Bad Kar-stadt, sehr wahrscheinlich kommt es dort wohl auch zum ersten Intimverkehr. Die zweite Verlobung erfolgt im Juli 1917, wird aber bereits im Dezember erneut aufgelöst. Ein von Kafka er-wähnter Grund dafür ist, dass er in der glücklichen Zeit mit Felice unproduktiv bleibt. Einträge wie: „In der Zeit mit F. nichts geschrieben“ belegen dies. In dieser Hinsicht empfindet er sie als bedrohlich, da sie sich hartnäckig aufdrängt und ihn von der Arbeit abhält. Ehe und Schreiben bleiben unvereinbar Rivalen.

Rationale Gründe für Kafkas Zögern gibt es mehrere, doch die entscheidenden sind wohl irrational: die Angst vor ihn überforderten Neuerungen und das Minderwertigkeitsgefühl, sexuell unzureichend für die Anforderungen einer Ehe zu sein. Existenzängste, Abneigung vor der bürgerlichen Familienidylle und Bequemlichkeiten des Junggesellenlebens, seine Tuberkulose halten ihn davor zurück, den letzten entscheidenden Schritt zu gehen. „Es ist kennzeichnend, dass Kafka immer wieder von Gespenstern, von der Angst spricht, die sich damals zuerst gezeigt hätten, und von der unschuldigen Unschuld der vorhergehenden Zeit, von einem Niemandsland, einem Schweben dem Nichts.“ Er vermag die Zukunft nicht vorherzusagen, empfindet aber eine „Unverträglichkeit des Augenblicks und des gegenwärtigen Zustandes.“ Schon bei der ersten Entlobung prophezeit Kafka, Felice werde einen reichen Geschäftsmann, vermutlich Bankdirektor heiraten und dann glücklicher sein als mit ihm, den Verworfenen. 1919 heiratet sie tatsächlich den Teilhaber einer Berliner Bank. Eine weitere, sich selbsterfüllende, Prophezeiung.

Kafka hat Probleme, sich zu entscheiden und verpflichtend zu binden; er empfindet Nähe und Familienhausstand als unerträgliche Belastung und glaubt, zwischen Ehe und Künstlertum wie Kierkegaard wählen zu müssen - entweder bürgerliches Leben oder Literatur. Seine schwere Lungenerkrankung liefert einen Vorwand, nicht heiraten zu müssen und auch aus dem ungeliebten Beruf zu fliehen. Daraus leitet Kafka den Anspruch ab, es unbedingt schaffen zu müssen und scheitert aus seiner Sicht.

Julie Wohryzek

Die 1891, gleichfalls in Prag geborene Tschechin Julie verliert ihren ersten Verlobten im Ersten Weltkrieg; sie ist freizügig und emanzipiert und nicht familiär eingebunden wie Felice. Ihre Beziehung scheitert jedoch am hartnäckigen Widerstand Hermann Kafkas, vermutlich aufgrund ihrer liberalen. Lebensweise.

Eine Korrespondenz ist nicht erhalten, nur eine Skizze von ihrem Portrait aus der Hand Kafkas. Er beschreibt seine Braut dem besten Freund, Max Brod, gegenüber auch als humorvoll, kindlich, mit einem Hang zu Schelmereien und operettenhaft inszenierten Lustspielen. Laut Stach tut ihre Heiterkeit seinem ernsten Wesen gut, ihre Frivolität mag den Schüchternen und Schambesetzen anziehen und die Lebensgier in ihm wecken.

Kafka lernt die Achtundzwanzigjährige Januar 1919 während eines Kuraufenthaltes in Schlesien kennen. Julies erster Verlobter, ein überzeugter Zionist ist an der Front gestorben; Kafka wird aufgrund seiner fortgeschrittenen Tuberkulose nicht eingezogen. Die rasche Verlobung erfolgt wohl mehr als Trotz gegenüber dem Vater denn als ernst gemeinter Heiratsplan. Die zweite Theorie verweist auf Kafkas ausgeprägte Angst vor einer ausgeprägten weiblichen Libido.

Neben seiner eigenen persönlichen Unfähigkeit führt Stach auch jene Probleme der beiden Familien an, die durch eine Ehe mit dem mittellosen „Paria-Mädchen“ zusammengeführt würden. Die Vorstellung, mit ihren Angehörigen an einem Tisch sitzen zu müssen, löst Befremdung bei ihm aus. Es klingt, als würde Kafka in seiner Erzählung „Er“ (1920) sein Alter Ego durch die dritte Person Singular ersetzen: „Er lebt nicht wegen seines persönlichen Lebens, er denkt nicht wegen seines persönlichen Denkens. Ihm ist, als lebe und denke er unter der Nötigung einer Familie … für die er aber nach irgendeinem ihm unbekannten Gesetz eine formelle Not-wendigkeit bedeutet. Wegen dieser unbekannten Gesetze kann er nicht entlassen werden.“ 33

Tagebuch-Einträge zu ihrer gemeinsamen Zeit sind spärlich. „

Auf Dauer passen seine Zwänge und ihre Unbekümmertheit nicht zueinander. Offiziell löst Kafka die Beziehung, die er mit einem „dunklen Weg“ umschreibt, weil er mit Milena in engeren Kontakt getreten ist. Anders als Felice nimmt Julie die Trennung ohne sichtliche Kränkung auf. Wie viele Frauen sozial niederer Herkunft erträgt sie still ihre Leiden. Im zweiten Weltkrieg teilt sie das Schicksal mit allen anderen jüdischen Frauen, mit denen Kafka ein Verhältnis hat; sie wird deportiert und August 1944 Opfer der faschistoiden „Endlösung“ in Ausschwitz.

Milena Jesenská

Milena Jesenská ist gleichfalls Pragerin und gilt zu Lebzeiten als Frau der Bohème; sie unterhält Affären während ihrer Ehe, verdient eigenes Geld und studiert zudem als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit Medizin. Noch minderjährig hat sie eine skandalöse Beziehung zu dem verheirateten Literaten Ernst Pollak und wird aufgrund von „krankhaftem Fehlen moralischer Begriffe“ von ihrem Vater in die Psychiatrie eingeliefert. Mit ihr könnte Kafka noch einmal seinen Vater provoziert haben wollen, andererseits findet er bei ihr tiefes literarisches Interesse. Ihrer Energie, Leidenschaft und Vitalität zeigt sich der zerbrechliche Versicherungsangestellte nicht gewachsen: „Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt“, schreibt ihr Kafka am 24. 1. 1922. Längst hat er sich von Milena getrennt.

Sie lernen sich im April 1920 in Meran kennen, einem der vielen Kuraufenthalte für den unheilbar an Tuberkulose erkranktem Kafka. Wie sich herausstellt, ist die dreizehn Jahre jüngere Frau verheiratet mit dem Pollak, den Kafka flüchtig kennt. Auch steht die Journalistin schon länger in Kontakt zu Max Brod und Franz Werfel; sie ist zum Zeitpunkt ihrer Liebschaft durch ihre Artikel als Autorin bekannter als Kafka.

Das hasserfüllte Verhältnis zum Vater könnte die beiden verbunden haben. Kafka gibt ihr als seiner Vertrauten seine Tagebuchnotizen, so dass Brod bei der posthumen Veröffentlichung des Gesamtwerkes eine nicht zu schließende Lücke vor-findet. Außerdem schenkt er 1920 Milena auch seinen berühmtesten „Advokaten“ – „Brief an den Vater“. Vielleicht haben sich ihre Gegensätze, offene Rebellion und stilles Leiden, angezogen.

1923 unternimmt Milena einen missglückten Selbstmordver-such. Doch wie alle anderen Frauen in seinem Leben überlebt sie Kafka noch lange. Es ist posthume Tragik, dass ihr eigenes Wirken heute im Schatten ihrer Beziehung zu dem Schriftsteller steht, mit dem sie eher Freundschaft und Bewunderung als Leidenschaft verbindet.

Am 6. Juni 1924 verfasst sie einen Nachruf auf Kafka, den viele auch heute noch für den gelungensten Nekrolog bezeichnen, weil sie den Autor nicht mystifiziert. Zu den jüngsten Biografien ihn zähl Reiner Stachs „Kafkas erotischer Mythos“, der die Relation von Schreiben und Frauen würdigt unter Einbezug des reichhaltigen Briefverkehrs der beiden.

Dora Dymant

Kafka wird älter, die Frauen an seiner Seite jünger. Dora Dymant, verschiedentlich auch wie der Edelstein geschrieben, entstammt einer orthodoxen ostjüdischen Familie und wird Schauspielerin. 1898 nahe Lodz geboren, lernt der bereits schwer von einer Krankheit gezeichnete Kafka im Juli 1923 im Ostseebad Müritz kennen, wo sie als Betreuerin der Ferienko-lonie des Berliner Jüdischen Volksheims arbeitet.

Kafkas Vater versucht erneut die unstandesgemäße Beziehung zu einer Proletarierin zu unterbinden. Der todgeweihte Kafka wagt den Absprung, von dem er ein Leben lang geträumt hat. Er verlässt Prag, um seine Ersparnisse mit ihr aufzubrauchen. Von Ende September 1923 bis März 1924 wohnt Dora er mit ihm unter finanziell extrem schwierigen Bedingungen in drei immer dürftiger werdenden Zimmern in wilder Ehe zusammen. Sie ist damit die einzige Frau, mit der Kafka zusammen gelebt hat. Eine erotische Beziehung ist es wiederum nicht. Durch ihre Pflege entstehen noch einige Erzählungen und wahrscheinlich verbrannte Manuskripte, Versuche, „Das Schloss“ zu beenden.

Im April 1924 begleitet sie Kafka, der inzwischen nicht nur an TBC, sondern zudem unter Kehlkopftuberkulose leidet, zu-nächst nach Prag, dann nach Wien. Auch während seiner letzten Wochen in einem Sanatorium in Kierling betreut sie ihn.

Der Umzug in das böhmische Sanatorium beinhaltet eine Kapitulation und bezeichnet Max Brod als den anstrengendsten Tag seines Lebens. Über die Agonie Kafkas berichten nur Zeugen-aussagen der Freunde Kafkas Klopstock und Brod. Seine Entkörperlichung, das Dahinschwinden und Sichauflösen indes ist belegt. Er kann kein Fleisch mehr kauen, die Schrift wird erst unleserlich, die Stimme versagt. Der Entkräftete kann weder sprechen noch schreiben. Dora hingegen ist robust, vital, jung und physisch äußerst präsent. Ihr Anblick tröstet und schmerzt.

Als es zu Ende geht, im Sanatorium Kierling, liest sie ihn vor, eigenes, aber auch fremde Literatur. Geräusche sind immer noch der prägendste Sinneseindruck für den Schriftsteller. Hat er früher unter dem Lärm gelitten, der rohen Stimme des Vaters, dem Verkehrslärm einer Großstadt oder dem Gebell der Hunde unter offenem Fenster (und es muss offen sein, um schreiben zu können), so leidet er nun darunter, selbst stimmlich zu versagen. Kaum noch ein menschlicher Ton dringt über seine Lippen. Zu allem tritt die Furcht, sinnlos gelebt, versagt zu haben. Die Anerkennung fehlt, gerade jetzt, wie wichtig wäre ihm ein wenig Resonanz auf das Geleistete, das er selbst so stark in Zweifel zieht wie kein anderer. Kafkas letzte Geschichten „Der Hungerkünstler“, „Josefine, die Sängerin“ und „Der Bau“ sind das Geleistete die letzten Erzählungen und enthalten auch eine Rückschau auf. Paradigmatisch erscheint, dass es über einen eingebildeten unsichtbaren Feind (Geräusche) und von einem Verbarrikadieren handelt. Das Geräusch wird zum Gegner, dem eigenen Atemholen. „Es ist das eigene Lebensgeräusch ... welche die perfekte Stille seiner Schöpfung nicht stört.“34

Rückblende. „Der Kübelreiter“ (1917) bleibt dem extrem kalten Kriegswinter geschuldet. In einem Tagebucheintrag kommentiert Kafka die Schwebezustände als Kampf zwischen Hoffen und Bangen, ausgelöst vom Gefühl der Nutzlosigkeit gegen-über der Welt. Die Erzählung handelt von einem zaghaften Bemühen um Kohle, das am Ende scheitert am Egoismus der Kohlehändlerin. „Alle Vorzüge eines guten Reittieres hat mein Kübel; Widerstandskraft hat er nicht; zu leicht ist er; eine Frauen-schürze jagt ihm die Beine vom Boden.“35 Die Erzählung kann gedeutet werden als Parodie auf die weibliche Abweisung, in der sich die väterliche Schroffheit widerspiegelt, aber auch ungestilltes Verlangen nach menschlicher, fraulicher Wärme.

1 I. 6. Das literarische Umfeld (Prager Kreis)

Max Brod

Seinen engsten Freund lernt Kafka Oktober 1902 während sei-nes Studiums der Rechte an der Deutschen Universität in Prag kennen. Laut Brod ergreift der junge Kafka bei der Diskussion die Partei Nietzsches, während Brod Schopenhauer verteidigt. Dabei soll dem humorvollen Kafka die Misanthropie Schopen-hauers verdrießt haben. Der um neun Monate jüngere Brod reüssiert bereits 1906 durch Veröffentlichungen eigener Romane, Essays und Dramen. Er gilt als Wunderknabe und bleibt zu Lebzeiten Kafkas bekannter als dieser. Mehrere Tagebucheintragungen belegen, dass Kafka sich schämt, seinem Freund gegenüber einzugestehen, dass er schreibt und sich überwinden muss, diesem seine Texte auch zu zeigen. Aus ihrer Freundschaft heraus entwickeln sich Lese-abende und bis zuletzt schätzt Kafka Brods Meinung. In seinem Testament verfügt er, einen Großteil seines für unfertig befundenen Werks zu verbrennen, dennoch vertraut er sie dem einzigen Freund an, der bedingungslos an sein Talent glaubt. Max Brod, den man als Haupt des Prager Kreises bezeichnet, weil er zahlreiche Künstler Prags fördert, ist heute hauptsächlich als Publizist und als Chronist Kafkas bekannt.

Die Gespräche in Prager Kaffeehäusern sind in den Tagebüchern Kafkas verbürgte Inspirationsquelle seines Schaffens. Meist ist Brod der einzige, der eine Geschichte von ihm laut vorlesen darf. Als Vizepräsident des jüdischen Nationalrates nach dem Ersten Weltkrieg besitzt Brod zudem maßgeblichen Anteil an der spät erfolgten politischen Auseinandersetzung Kafkas mit Judentum und Zionismus. Brod ist unzweifelhaft die Stütze in Kafkas unendlichen Selbstzweifeln. Er erkennt nicht als einziger das höhere Talent anderer, aber er allein fördert es uneigennützig. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass Kafka über Brod Felice Bauer, die wichtigste Frau in seinem Leben kennen lernt.

Franz Werfel

1910 macht Kafka durch ihn auch die Bekanntschaft mit dem sieben Jahre jüngeren Franz Werfel und beginnt er mit dem Schreiben der Reisetagebücher. Seine ambivalente Beziehung zu dem zeitgenössisch erfolgreichsten Autor des Prager Kreises ist in den Tagebüchern gut dokumentiert. So räumt Kafka in einer Notiz vom 1913 ein, neidisch auf den Erfolgsverwöhnten zu sein. Als Werfel Alma Mahler kennenlernt, sieht Kafka, was es bedeuten kann, die richtige Frau an seiner Seite zu wissen. In ihrer Selbstsicherheit und rigorosen Art, nichts zu bereuen, als- Muse fördert sie zahlreicher Künstler mit unterschiedlichen Talenten. Psychisch erscheint der Lebe- und Genussmensch Werfel in allem der ästhetische Gegenentwurf zum Grübler Kafka.

Im Gegensatz zum aufgeschlossenen und selbstverliebten Weltmann liebt Kafka die Anonymität in den Arbeiterquartieren von Berlin, wohin-gegen ihn das zufällige Zusammentreffen mit dem Kollegen im Prager Altstadtviertel verstört. Werfel greift in seinem Künstlertum zahlreiche Stoffe aus der Musik oder anderen Kulturen (z. B. Armenien in „Die vierzig Tage des Musah Dagh“) auf, zudem beschäftigt er sich frühzeitig mit seinen jüdischen Wurzeln und erfindet sich künstlerisch stets neu. Kafka hingegen bleibt immer Kafka, sich und seinen Erzählungen treu, experimentiert nicht, holt sich Inspiration bei böhmischen Volksmärchen, kaum von der Antike.

Werfel liebt das Reisen, Kafka verlässt Prag nur kurz und der Krankheit geschuldet. Aber gerade Werfels Empathie und pointierte Aussagen geben dem Leser heute einen tiefen Ein-blick in Kafkas Seele. Werfel gelingt, woran Kafka zerbricht: die Ablösung von der Familie, namentlich dem tyrannischen Vater.

Mit dem Kontakt zu Werfel beginnt auch Kafkas Theater-leidenschaft für eine ostjüdische Schauspieltruppe, die bis 1912 in Prag gastiert. Er verliebt sich unglücklich in die verheiratete Hauptdarstellerin und will mit ihr über Nacht aus Prag fliehen. Vielleicht spiegelt sich diese verpasste Gelegenheit zum erotischen Abenteuer in all den verheirateten Frauengestalten seiner Literatur.

Ernst Weiß

Der um ein Jahr ältere Weiß aus Brünn trifft zum ersten Mal Kafka am Juli 1913. Weiß führt Kafka in Berlin ein, der Traum. von einem unabhängigen Leben als Berufsschriftsteller erhält ein Gesicht. Wie der Schauspieler Lewy zeigt er sich von Kaf-kas Steifheit und Distanz enttäuscht oder missversteht dessen Schüchternheit als Arroganz, interpretiert seine Scham als Gleichgültigkeit. Zahlreiche Bekanntschaften Kafkas zerbrechen an diesem Missverständnis.

Mit Weiß teilt er die Ablehnung Wiens (der Residenzstadt) und die Begeisterung für Berlin. Sie haben literarische Vorlieben, besuchen häufig gemeinsam das Theater Prags. Andererseits verhält sich Kafka reserviert gegenüber Ärzten („Ein Landarzt“ erweist dies paradigmatisch) und vertraut dem Naturheilverfahren, u. a. auch den auf Nacktheit und Abhärtung schwörenden Kneipianern, die der konservative Mediziner Weiß strikt ablehnt. Auch in der Kriegsfrage scheiden sich ihre Geister; Kafka lehnt ihn kategorisch ab, Weiß ersehnt ihn geradezu. Zwischenzeitlich überwerfen sich beide und verkehren auf der Anrede „Sie“. 1921 nehmen sie noch einmal Kontakt auf.

Karl Kraus

Der böhmische, 1874 geborene Schriftsteller Kraus gilt als ers-tes Vorbild des jungen Kafka, der mehrere Lesungen in Prag von ihm besucht. Von Freundschaft kann keine Rede sein, zu schüchtern und unbekannt ist Kafka zu Lebzeiten, zudem ge-hört er der Wiener Literaturszene der Sezession (u. a. Schnitzler) an kommt es nicht. In seiner Zeitschrift „Die Fackel“ erwähnt Kraus Kafka kein einziges Mal, obwohl er sein Werk zweifellos zur Kenntnis nimmt und ihn in einem Brief ausdrücklich als Dichter bezeichnet, was einer Auszeichnung gleichkommt. Kraus hat wie Brod zudem ein untrügliches Gespür für außer-gewöhnliche Begabungen. Kafkas einziger Versuch der Kontaktaufnahme bleibt ohne Erfolg, aufgrund der Feindschaft der beiden führenden Schriftsteller untereinander.

November 1917 hält Karl Kraus in Wien eine Gedenkrede für den befreundeten Lyriker Franz Janowitz, der an der italienischen Front gefallen ist und mit dem auch Kafka lose bekannt ist. Max Brod verlegt in Arkadia sechzehn Gedichte des noch völlig unbekannten Janowitz, der posthum zum Mitglied des Prager Kreises aufsteigt. Kraus und Brod halten sich beide für die Entdecker des Toten und geraten aneinander. Kafka verfasst auf Drängen Brods einen diplomatischen Brief an Hans Janowitz, den Bruder des Toten und Bekannten von Kraus und bittet diesen um Weiterleitung seines Briefes zu Händen von Karl Kraus. Nach Monaten erreicht Kafka die Antwort mit der Mitteilung, Kraus würde keinesfalls eine Erklärung Brods entgegennehmen und insofern auch keinen Brief von Kafka. Die Loyalität zu seinem Freund nötigt Kafka zur Distanz gegenüber.

Etwas näher steht er dann Egon Kisch, den er August 1913 kennenlernt und auf dessen Frage nach seinem Interesse er nach Überlieferung Stachs antwortet: „Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur.“

1 I. 7. Die Rolle des Judentums

Die väterliche Familie entstammt ostjüdischem und tschechi-schem, die Mutter westjüdischem deutschem Judentum. Geborgen fühlt sich Kafka weder von der einen chassidischen noch der anderen, askanasischen Linie. Vom Judentum entwurzelt, eignet er sich das Hebräische selbst mühsam an, wie Brief an Milena Mai 1920 bezeugt „… alles muss erworben werden, nicht nur die Gegenwart und Zukunft, auch noch die Vergangenheit.“36

Im Prag seiner Zeit herrschen verschiedene Formen des Antisemitismus vor, mitunter blicken die erfolgreichen Juden auf die orthodoxen herab, zudem spaltet der Zionismus die Gemüter. Selbstironie bis hin zur Selbstverleugnung erleben viele westjüdische Familien, deren ökonomischer und sozialer Status stark differenzieren. Erfolgreiche Kaufleute sind um Erhaltung von Prestige und Dynastien mehr besorgt als um den Glauben, der nur noch rituelle Form auf-weist. Von seinem Selbstverständnis gegenüber Zionisten, ist sich Kafka seiner Wurzeln bewusst, aber politisch oder religiös im engeren Sin ist er nicht, und lässt sich künstlerisch nicht einengen.

Sein Vater verlangt von ihm nur den formalen Eindruck wie den regelmäßigen Besuch der Synagoge und der Mikwa. Langsam, doch kontinuierlich nähert er sich dem Hebräisch und den Inhalten der Kabbala an, als suche er darin eine Identität.

„Bei Kafka ist kein kabbalistisches System zu erkennen, wohl aber eine Fülle von gemeinsamen Grundgedanken“.37 In dem Gleichnis vom Türhüter spielen Öffnung und Verschlossenheit die dominante Rolle, entweder als Ein- bzw. Ausgang in eine andere Welt wie in „Der Prozeß“ oder in „Das Schloss“, als Raum zwischen dem Realen und dem Irrealen („Die Verwand-lung“, „Amerika“) oder zwischen Freiheit und Zivilisation („Bericht an eine Akademie“). Manchmal werden Türen delokalisiert („Jäger Gracchus“, „Der Bau“), sie gehen aus dem Leim („Der Landarzt)“ oder tauchen an unvorhersehbaren Orten („Das Schloss“) auf.

Verfahren und Untersuchungen herrschen nahezu überall vor, latent fürchtet jeder die Stunde des (jüngsten) Gerichts. „Man muß sich außerdem fürchten vor dem Gericht, das jeden Gang und jede Stunde über den Menschen angespannt ist“. So beginnt der Text des von Kafka bevorzugt gelesenen Rabbiners de Vidas aus dem 17. Jahrhundert aus dem Talmud. Jeden Tag und nicht nur am Ende des Lebens halten seelische außerweltliche Kräfte Gericht über den Menschen. Alles ist ein Zeichen. Daher kann ein Urteil, vermittelt über Gesandte (Gerichtsdiener) jederzeit beginnen, wie es in „Der Prozess“ geschieht. Es handelt sich um ein sakrales Welt-gericht, das nur pro Forma die Kleidung eines säkularisierten Landgerichtes trägt.

Im jüdischen Glauben existieren himmlische Gerichte, die bereits in das Schicksal im Diesseits der Menschen eingreifen. Für die mythologisch-kosmisch orientierte Kabbala wesentlich ist der Grundgedanke an die Einheit allen Seins, vergleichbar dem hellenischen Pantheismus und Stoizismus. Die intelligible Welt wird untergliedert in mehrere Welten, zwischen denen Führer oder Fürsprecher (meist in Gestalt von Engeln) kommunizieren und Türhüter die jeweiligen Sphären bewachen, vergleichbar Dantes „Göttliche Komödie.“ Die Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits ist transparenter und durchlässiger als im Christentum, die platonische Seelenwanderung Bestandteil der Kabbala. Die Himmelsreise führt durch mehrere Tore und fordert verschiedene Prüfungen.

Dass Kafka sich gegenüber dem imaginären Gericht auf-grund seiner Entlobung, des Junggesellenstatus und der Nicht-eignung für die väterlichen Pläne leer, schuldig und unter Rechtfertigungszwang fühlt, ist mehrfach belegt. Gerade „Der „Prozess“ fällt mit seiner ersten intensiven Lektüre ostjüdischer Schriften zusammen. Der jüdische Philosoph Scholem weist in „Judica“ darauf hin, dass jedes Individuum sein eigenes Schicksal und daher seine eigene Thora besitze – ein mit dem noch älteren ägyptischen Totenbuch gemeinsamer Gedanke. Die Tür ist daher nicht nur Symbol des Übergangs von einer in die andere Welt und Chiffre des Wandels, sondern zugleich Aufforderung den eigenen Weg zu erkennen und ihm zu folgen. Unter dem religiösen Aspekt ist Kafkas Gleichnis eindeutig codiert.

Das Kafka vertraute „lurianische Traktat“ betont die Seelen-reise und legt das Verhalten gegenüber den Türwächtern genau fest. Es verwundert daher kaum, dass bereits die ersten wissen-schaftlichen Interpreten (Heinz Politzer, Gerhard Kurz) sich hauptsächlich auf das Türstehergleichnis in Verbindung mit der Kabbala konzentrieren. „Das Thema vom Gang durch die Tore der Hallen des Gesetzes bildet ein wichtiges und zentrales Stück, beschreibt es doch das Ziel, auf welches das menschliche Da-sein ausgerichtet ist und die Instanzen, welche die Erlaubnis für diesen Gang in die Thora geben.“

Kafkas Selbstkommentar „Mein Schreiben gleicht einer Form des Betens“ (1912) sollte dennoch nicht als religiöses Bekenntnis gedeutet werden. Interpretationen wie die Scholems, Bubers oder Brods, die Kafka zum Propheten oder theosophischen Weltdeuter stilisieren, sind ebenso eindimensional wie ein hermetisch biografischer oder existentialistischer An-satz. Doch strenge Gesetze und mystische Verwandlungen, irrationale Deutungen der Kabbala entsprechen Kafkas persönlichem Naturell und bestätigten ermutigen ihn, seinen Weg in dieser Richtung fortzusetzen. Seine Auseinandersetzung mit dem Chassidismus ist nicht mit Beeinflussung oder gar Übernahme aller Gedanken ins poetische Werk gleichzusetzen. Die Deutung seines Schicksals als eine persönliche Strafe oder Auf-forderung, an der Krisis zu wachen, ist Kafkas Naturell bereits angelegt. Den Blutsturz, verbunden mit der chronischen Lungenkrankheit - von ihm als „die Wunde“ bezeichnet - deutet er als Schicksalsbestimmung.

Tür und Art des Durchgangs, Warten, Öffnen, Schließen von Pforten geben Aufschluss über den eigenen Willen und den Grad der Willensfreiheit. Der Freie ist dem Gebunden übergeordnet, gerade deshalb gehen die Welt des Profanen und die Welt des Sakralen in einander über: „Je tiefer man durch die Gerichtshierarchien hinabsteigt, desto ähnlicher werden sie der irdischen Welt, so dass die untersten Gerichte sich von der Welt überhaupt nicht mehr unterscheiden.“

Die himmlischen Gerichte sind das Unbewusste oder das Übergeordnete Regulativ, das Es in der Psychoanalyse Freuds. Im Talmud gibt es eine Stelle, die lautet: Wenn der Mensch krank ist, schaut man in seine Prozessakten. Auch die Frage zwischen Schuld und Unschuld wird von den himmlischen, von Türen voneinander getrennten Sphären, unterschiedlich gewogen und beurteilt.

Das zweite Beispiel für Kafkas Nähe zur Thora stiftet die Rolle der Frau und Eros. Unabhängig von seiner psychischen Disposition, mit der Ehe nicht fertig zu werden, seiner Scheu vor sexuellem Kontakt und dem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber weiblicher Sinnlichkeit (die heimliche Lust), existiert auch im Talmud eine Warnung vor fleischlichen Begierden und besonders vor der Macht des Sexuellen. Kafkas Einträge, sowohl über Zoten und Promiskuität als auch, weit wichtiger, über biblische Stellen der Propheten, die Rolle des Mannes be-tonend (insbesondere das ein kinderloser Mann darin nichts gilt), sind chassidisch gefärbt. Kafka kommentiert in seinen Tagebüchern Träume: Kafka kommentiert in seinen Tagebüchern akribisch Träume: „Heute Mittag …lag auf mir der Oberkörper einer Frau aus Wachs. Ihr Gesicht war über dem meinen zurückgebogen, ihr linker Unterarm drückte meine Brust. Solches wäre von einem Kabbalisten gewiß als der Besuch von Lilith oder einer ihrer Unterdämoninnen gedeutet worden.“38

Wer die höchste Stufe des Bewusstseins Gottes erreichen will, muss büßen und dies über den Umweg der tiefsten Demütigung, der größten Sünde, die jeweils individuell in der eigenen Seele festgeschrieben steht. Folglich kann man „In der Strafkolonie“ als ein ins Fleisch eingeschriebenes Gesetz als das sexuelle Begehren und Übergehen einer sittlichen Grenze wer-ten. Auffällig ist, dass in allen drei großen Romanen und mancher Erzählung Frauen immer Helfer und gewissermaßen auch Ausweg für den suchenden Mann sind, ebenso wie Gewaltfantasien (am deutlichsten in Ein Landarzt) eine mögliche Rettung vereiteln. „Diese heilige weibliche Gestalt aus der reinen Seite der zehn göttlichen Sefirot wird nun ihrerseits den Gerichtsfunktionen zugehörig gedacht…“39

1 I. 8. Gleichnischarakter von Tieren

Kafkas Interesse an Fabeln ist allgemein verbürgt. Von den vielen Parabeln, in denen Tiere menschliche Verhaltensformen allegorisieren, hat nur „Schakale und Araber“ (1917) die Kafka ausdrücklich auf Wunsch für die von Martin Buber herausgegebene Zeitung „Der Jude“ anfertigt, einen politisch-jüdischen Hintergrund. Auf den ersten Blick erscheint die Parabel anti-semitisch, denn die Peitschen schwingenden arischen Herren sind Araber und die feigen, auf einen Propheten wartenden und ihrer Gier nach für sie abfallendem Fleisch unterworfenen Schakale sind deutlich mit Juden konnotiert. Sie halten sich dennoch nicht unbegründet ob ihrer Leidensfähigkeit für das auserwählte Volk und besitzen hündische Ehrfurcht vor der Rasse. So verweigern die hungrigen Schakale den Verzehr von Hammelfleisch. Schakale gelten auch als unrein und gierig; das Sujet, die Bedrohung eines Volkes durch eine andere Rasse.

In „Der Bau“ gräbt ein Biber auf der Suche nach absoluter Sicherheit, fühlt sich aber durch rasselndes Geräusch in seiner Existenz bedroht und bewacht den Bau schließlich von außen, so dass sich die Funktion des Schutzes ins Gegenteil verkehrt. Es liegt nahe, das Geräusch als selbstverursachten Atem zu deuten, da es von überall herkommt und an keiner Stelle intensiver ist als an einer anderen. Zudem bietet der monologisieren-de Biber seinem imaginären Feind bereits den Kompromiss an, der sich leicht als Assimilation aufdrängt.

In „Bericht an eine Akademie“ lehnt der Affe Rotpeters den „Ausweg“, der Freiheit ausdrücklich ab. Durch Assimilation und sogar Dressur überlebt das eingesperrte, äußerst intelligente Tier – den arttypischen Geruch hat es jedoch verloren und Affen ängstigen ihn mehr, als dass er sich mit ihnen verbrüdert.

„Die Sängerin Josephine“ fordert neben der Bewunderung ihres Gesangs, der sich als gewöhnliches Mäusepfeifen heraus stellt, unbedingt Respekt für ihre Kunst. Sie fordert Unmögliches, denn was das hart arbeitende Mäusevolk an ihr schätzt, ist die Inszenierung, der Ritus, das vermeintliche Wunder. Jede Geschichte legt in Form eines Tieres eine charakteristische Ver-haltensweise des Judentums bloß (Politzer), doch wesentlicher ist die Entfremdung ihres eigentlichen Ziels.

„Eine Kreuzung“ erzählt von einem Erbstück zwischen Lamm und Katze. Grözinger erkennt darin den assimilierten Westjuden wieder - laut Scholem ohnehin der Schlüssel zum Werkverständnis Kafkas. Dabei „vollzieht sich das göttliche Gericht am Menschen als die Strafe der Seelenwanderung, hebräisch Gilge. Zu ihr werden solche menschlichen Seelen verurteilt, deren Sünde nicht im Purgatorium tilgbar ist oder die ihre seelische Vollendung noch nicht erlangen konnten.“

In der Kabbala weiß das Tier von seiner vormenschlichen Existenz analog Platons Seelenwanderungslehre im „Haiden“, den Kafka las. Unter anderem wird dort der sich wie ein Esel benehmende Mensch in nächster Erscheinung als Esel wieder geboren und weiß um seine Eseleien, da ein zentrales Moment der platonischen Ideenlehre die Wiedererkennung ist. Kafka kennt Platons Schrift und vergleicht sie mit dem Chassidismus, wie aus seinen Tagebuchnotizen hervorgeht. Unter anderem beschreibt „Der Advokat“ ein stufenweißes Sichtfortbilden der menschlichen Seele durch Wiedergeburt, die auch durch tierische Existenzformen führt. Ob Kafka daran glaubt bleibt ungewiss, der literarische Einfluss hingegen evident.

„Der Jäger Gracchus“ (1917) stellt einen Sonderfall dar, bereits sein Name für einen Vogel (Dohle) und damit ein Selbstbild Kafkas(Rabe) steht. Betonung erfährt das Todesmotiv durch die Tauben; „die Tauben fliegen vor mir her“ – in der babylonischen Tradition sind sie Totenwächter – galten. Zentral ist die Schuldfrage an seinem Absturz bei der Jagd nach Glück („glücklich war ich“) durch eine verborgene Schuld. Eros und Tod werden durch die Kleidung konnotiert: „in das Totenhemd schlüpfte ich wie ein Mädchen ins Hochzeitskleid“.40 Das Motiv der Seelenwanderung und Verwandlung verkörpert ein Insekt: „Ich bin, antwortete der Jäger, immer auf der großen Treppe, die hinaufführt. Auf dieser unendlich weiten Freitreppe treibe ich mich herum, bald oben, bald unten, bald rechts, bald links, immer in Bewegung. Aus dem Jäger ist ein Schmetterling geworden.“

Die Parabel folgt nicht der Tradition von Fabel oder Märchen, sondern im Zusammenhang mit jüdischer Liturgie, da Gesänge den Weg der Seele durch das Totenreich auf einem Kahn be-gleiten. „Niemals haben die Berge solchen Gesang“.

Die vermeintliche Schuld des abgestürzten Jägers ist das Töten von Wild, das sich wie ein Gleichnis auf den Krieg, die Störung der natürlichen Ordnung, deuten lässt: „Alles ging der Ordnung nach.“ Laut dem Propheten Maimonides gelangt die Seele eines Frevlers in ein unterirdisches Purgatorium und in Abhängigkeit ihrer Sünden verbleibt die Seele dort oder durchwandert mehrere tierische Existenzformen, bis sie wieder im Menschen geboren wird. Hat sie stark gesündigt, wird sie in niederen Tierformen wie Insekten wiedergeboren. Die skurrile Parabel inkludiert diverse Paradoxa, darunter: „ich hatte gerne gelebt und war gern gestorben“.

Ein Beispiel dafür, wie er die Bilder Goethes transformiert, liefert dessen Schlussvers aus Faust II „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis / Das Unzulängliche / Hier wird's Ereignis“, das Kafka variiert: „Das einzig Bleibende ist das Vergängliche“. Der Gedanke der kontinuierlichen Diskontinuität entspricht Zenons Paradox von der ruhenden Bewegung: „Der fliegende Pfeil ruht.“ An einem Ort kann keine Bewegung sein; folglich ist Verwandlung selbst entweder Zeit oder Raum.

Einfacher formuliert: „Verbringe nicht die Zeit mit der Suche nach einem Problem, vielleicht ist gar keines da.“41

Es gibt keine Entwicklung, aber vorhersehbare misslungene Geschäftswege; keinen Ausweg, nur Sisyphos-Arbeit; „man muß die Last weiter tragen.“

1 II. Tagebücher

1 II. 1. Selbstinterpretation

Kafka schreibt an Ernst Rowohlt, August 1912, dass selbst bei größter Übung und Sorgfalt, das Schlechte an seinem Schreiben nicht unmittelbar auffällt, aber nur auf dem ersten Blick sich der Kritik entziehe. Zweifellos hat er von den wenigsten seiner Versuche etwas gehalten. „Die verbreitetste Individualität der Schriftsteller besteht ja darin, daß jeder auf ganz besonderer Weise sein Schlechtes verdeckt.“42

Da Kafka auch festhält, dass sein Verlangen nach tieferem Schlaf einem metaphysischen Todesbedürfnis entspricht, sind seine Geschichten immer auch vom Aspekt der Erlösung des Eros vom Thanatos her zu betrachten. Sätze wie: „Bin ich als große Masse in meinen schmalen Wegen endgültig festgerannt?“ künden von seiner panischen Furcht vor der Antriebslosigkeit: „schreckliche Ruhe stört nur die Erfindungskraft … Ich werde schwer aufzuschütteln sein und bin doch unruhig.“ Andererseits leidet der Autor unter Geräuschen.

Es überrascht daher wenig, dass Kafkas Geschichten immer Verwandlungen sind, sie stürzen von einem Bild ins nächste, lassen kaum Spielraum für eine klare intellektuelle Positionierung. Die Metaphern bewegen sich, um mit Rilkes erster Elegie zu sprechen wie „Dinge, seltsam sie lose zu sehen, so flatternd im Raum.“ Mögen sich beide Schriftsteller stilistisch auch noch so widersprechen, so umkreisen sie doch beide das Phänomen der Ordnung des Seins ebenso wie das der gewohnten Sprache, die mehr verdeckt als sie enthüllt.

Kafka will keine Eindeutigkeit, er verwahrt sich gegen eine Auslegung, zumindest in der Prosa, gegen ein endgültiges Urteil. Sein Zögern ist charakteristisch für die eigene Existenz. Am 25. September 1912 gibt er an, vom Schreiben sich mit Gewalt zurückgehalten und sich ununterbrochen im Bett gewälzt zu haben. Es erscheint daher keineswegs zufällig, dass er seine erste Eigeninterpretation in direktem Zusammenhang mit „Das Urteil“ vornimmt. „Nichts kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“43

Er gesteht sich Gedanken an Freud ein hinsichtlich des männlichen Ödipuskomplexes. Er sagt, dass er sich vom Schreiben mit Gewalt zurückhalte, aus Angst, das könne eintreffen, was er zu Papier bringe. Schließlich habe bald nach „Das Urteil“ ein guter Freund tatsächlich sich in der Fremde verlobt und der Vater kurz vor einem geschäftlichen Ruin (Entlassung zahlreicher Angestellter) gestanden. Vier Monate später überarbeitet er die Erzählung und interpretiert sie, nachdem er sie vorgelesen und die Reaktionen der Freunde und der Geschwister erhalten hat. „Die Geschichte ist wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt aus mir herausgekommen …“

Kafka beschreibt die haptische Lust der Zeugung durch das Schreiben mit einer Hand, die zum Körper dringt und das genuine Gefühl, „den Vater in sich“ zu haben. In seiner internen Logik handelt es sich um Penetration, um das Eindringen von Fremden ins Eigene und um den Versuch, das Eigene dem Fremden zu injizieren, folglich, mit sich ins Reine zu gelangen.

Drei Punkte erwähnt Kafka: die Freundschaft als das wichtigste Bindeglied zum Vater, das sich umkehrende Machtverhältnis durch den fehlenden „Blutkreis“ - der Sohn ist substanziell für sich allein - und die an Goethes Wahlverwandtschaft erinnernde Verbindung der männlichen Charaktere. „Georg hat soviel Buchstaben wie Franz. Im Bendemann ist „mann“ vorweggenommen eine Verstärkung von Bende. Bende aber hat ebenso viele Buchstaben wie Kafka und der Vokal e wiederholt sich an den gleichen Stellen wie der Vokal in Kafka.“

Die Geschichte wäre ohne Bekanntschaft zu Felice Bauer, die den Autoren bereits stark beschäftigt und die er als Verrat an seiner Solidarität mit der Familie empfindet, gar nicht denkbar. „Frieda hat ebensoviel Buchstaben wie Felice ... Brandenfeld hat den gleichen Anfangsbuchstaben wie Bauer und durch das Wort Feld auch in der Bedeutung…“

Die beiden Einträge verdeutlichen Kafkas Vorliebe für Zahlen- und Buchstabenmagie und sein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater als auch zu seiner Braut, die den biografischen Hintergrund für seine Selbst-Verurteilung zum Tode implizieren. In die Zeit der ersten Trennung von Felice fällt auch die Arbeit an „Der Prozess“ und „Der Verschollene“, einem Romanfragment, das Brod posthum unter dem Titel „Amerika“ veröffentlicht. Darin wird der sechzehnjährige Karl von einem reifen Mädchen verführt und sanktioniert. Der Autor reflektiert den Bezug: „Roßmann und K, der Schuldlose und der Schuldige, schließlich beide unterschiedslos strafweise umgebracht, der Schuldlose mit leichterer Hand, mehr zur Seite geschoben als niedergeschlagen.“44

Auch Denken ist ein Prozess des Durchringens und gerade der Prozess der Vergegenwärtigung einer Schuld geht mit physischer Folter einher. Ein drittes Beispiel für eine Selbstanalyse liefert „In der Strafkolonie“. Dieser Erzählung geht ein Traum vom 4. Mai 1913 voraus. „Immerfort die Vorstellung eines brei-ten Selchermessers das eiligst und mit mechanischer Regelmäßigkeit von der Seite her in mich hineinfährt und ganz dünner Querschnitte losschneidet, die bei der schnellen Arbeit fast ein-gerollt davonfliegen.“

Repräsentativ sind exakte Beschreibung und Mordfantasie. Neben Gewalt- und Hinrichtungsvisionen, der Reflexion über den richtigen Schneidewinkel oder Haltegriff des Messers, tritt Kafkas Faszination an determinierten Abläufen in den Vordergrund: „Dieser Flaschenzug im Inneren. Ein Häkchen rückt vorwärts, irgendwo im Verborgenen, man weiß es kaum im ersten Augenblick, und schon ist der ganze Apparat in Bewegung. Einer unfaßbaren Macht unterworfen, so wie die Uhr der Zeit unterworfen scheint, knackt es hier und dort und alle Ketteln rasseln eine nach der anderen ihr vorgeschriebenes Stück herab.“

Hervorzuheben ist das Verb „scheint“ in Relation zur Substantivierung „im Verborgenen“, die in der Verallgemeinerung „man weiß kaum“ mündet und die an Seinsvergessenheit heranreicht. Solche Ausdrücke des Vagen verdeutlichen, dass Kafka nicht restlos davon überzeugt ist, dass dieses Naturgesetz so sein muss oder das mechanische Räderwerk apodiktisch seinen Zweck erfüllt. Vielmehr richtet er das Ganze auf die innere Befindlichkeit und Glaubwürdigkeit.

Auch Denken ist ein Prozess des Durchringens und gerade der Prozess der Vergegenwärtigung einer Schuld geht mit physischer Folter einher. Ein drittes Beispiel für eine Selbstanalyse liefert „In der Strafkolonie“. Dieser Erzählung geht ein Traum vom 4. Mai 1913 voraus. „Immerfort die Vorstellung eines brei-ten Selchermessers das eiligst und mit mechanischer Regel-mäßigkeit von der Seite her in mich hineinfährt und ganz dünner Quer-schnitte losschneidet, die bei der schnellen Arbeit fast ein-gerollt davonfliegen.“

1 II. 1. 2. Schreiben als physischer Prozess und Reinigung

„Womit entschuldige ich, daß ich heute noch nichts geschrieben habe?“ Dieser typische Kafka-Satz stammt vom 20.12. 1910. Er steht vor einem unsichtbaren Gericht, den Prozess macht er sich selbst. Das Schreiben ist eine unendliche Geburt. Es ist ein Schrei, dem ein Echo folgen müsste, eine Notgeburt. „Ich kann nicht mehr weiterschreiben“45 Der Mensch wiederholt sich, weil er muss und nicht weil er kann. Dies gilt umso mehr vom Zwang.

Schreiben gleicht einer Penetration, Eindringen, Vordrängen, Vorwärtsdrängen, Kampf. Unbestimmter Zwang, ja Verpflichtung zur Selbsterziehung. Unmöglichkeit, zu schlafen, jeden-falls nicht regelmäßig. „Meine Nerven erlauben es nicht, nach 1 Uhr schlafen zu gehen, denn dann schlafe ich überhaupt nicht mehr ein, der nächste Tag ist unerträglich und ich zerstöre mich …Eindringen kann ich scheinbar in die Welt nicht, aber ruhig liegen, empfangen.“

Kafka beobachtet sich selbst, argwöhnisch, stets schuldbewusst. Jeder Tag ist vergeudet, wenn er nicht schreiben kann. Schreiben kann er nur nachts, aber dann fehlt ihm der Schlaf und er kann nicht gut arbeiten am nächsten Tag. Alles scheint in Nebelwolken umhüllt, nur in der Ruhe liegt Selbstzufriedenheit und wann vermag Kafka zu ruhen? Jedes Gespräch empfindet er als Zuspitzung, Festigung und dauerhaften Zusammenhang mit einem nur ihm bekannten Gesetz, als dessen Angeklagter er sich empfindet. Er schreibt, um zu überleben. Eine physische Qual für seinen schwachen, lungenkranken Körper. Kopfschmerzen überfallen ihn ebenso häufig wie Fieber. „Die alte Unfähigkeit“ nennt er seine Gebrechen.

Ohne Schreiben vermag er nicht zu existieren - es bietet seine Existenzgrundlage, um nicht in Nutzlosigkeit zu enden, wie er sagt. Unaufhörlicher Zweifel; kaum ein Wort taucht häufiger in seinen Tagebüchern auf. „Ich will mich quälen, will meinen Zustand immerfort verändern, glaube zu ahnen, daß in der Veränderung meine Rettung liegt.“46

Eine Rettung, die kaum eine seiner literarischen Figuren erlangt. Eine Rettung, die keine Lösung, sondern lösen impliziert.

Fragen und Warten auf Antwort ist sinnlos, selbst das Urteil bisweilen. Einzig der Prozess ist interessant. Die Selbstaussage lässt sich vor allem auf das Schreiben beziehen, denn weder auf Anfang noch Ende kommt es an, sondern nur auf das „da-zwischen“. Genauso versteht Kafka den Traum: im Halb-wachen vermag er am besten zu denken, was in ihm verborgen ist. Schlaf und Fiktion sind nicht. Schlechter Schlaf bedeutet Traumlosigkeit, im Traum selbst aber vermag er sich nicht zu erinnern, zu deuten, zu fühlen. Er führt eine Reihe von Grün-den an, weshalb Napoleon scheitern muss, da-runter auch den Mangel an rechter Traumdeutung und an den Dolmetschern. Schreiben ist primär ein physischer Akt, wie Kafka mehrfach be-tont: „Ich schreibe bestimmt aus Verzweiflung über meinen Körper und über diese Zukunft mit diesem Körper.“47

Joseph Roth schreibt, Kunst und Alkohol sind zwei Formen, sich das Leben zu nehmen. Verzweiflung spielt eine große Rolle für das Schreiben Kafkas, da es mit seiner beruflichen Existenz einerseits unvereinbar bleibt, andererseits aber ihm die ökonomische Sicherheit die künstlerische Freiheit sichert. Kafka wird nur durch Schmerz und Enttäuschung inspiriert zu schreiben; ein glücklicher Kafka ist als Autor undenkbar. Eine typische Notiz ist: „Vom Strich angefangen mit Verzweiflung geschrieben … ich zur Vollendung des Unglücks so schlecht schreibe …weil ich so wenig Zeit habe, fast ganz unter Maxens Einfluß stehe …“

Neben Schmerz sind Scham und Verlegenheit Dauergäste in Kafkas Seelenleben. Offensichtlich leidet er an Minderwertigkeit und Schuldgefühlen. Dies gesteht er in seiner Selbstanalyse-se, zu dessen Zweck er das Tagebuch angelegt hat. Seine chronologisch nach Traumerfahrung geschriebene Prosa wird immer wieder durch körperliche oder seelische Leiden unterbrochen, gegen die er nur umso verzweifelter und schuldbewusster an-schreibt: „Heute Nachmittag kam der Schmerz über meine Verlassenheit so durchdringend und straff in mich, daß ich merkte, auf diese Weise verbrauche sich die Kraft, die ich durch dieses Schreiben gewinne und die ich zu diesem Ziel wahrhaftig nicht bestimmt habe.“48

Kafka schreibt nicht, vom Anfang (der Wurzel) aus, sondern „irgendwo gegen ihre Mitte“. Ihn hat die Erziehung (der Vater) geschadet, aber auch zum Schreiben gezwungen. Vieles ist folglich ambivalent und läuft auf ein Scheitern hinaus. Kafka thematisiert Literatur als ein Vergessen - Wollen, obgleich es dazu eines Erinnerns bedarf. Er ist überzeugt davon, nur im Schreiben anderen nützen zu können und gleichzeitig, dass er für seine Gabe leiden müsse und betrachtet die Büroarbeit als heilige Opfer, den-noch zögert er, sich als freier Schriftsteller von seiner bürgerlichen Existenzgrundlage zu lösen. „Doch dem Literaten vermag ich mich aus den verschiedenen Gründen nicht so hinzugeben und auszuliefern, wie es sein müsste. Meine Familie, meine Arbeit und zuletzt auch mein Charakter und die eingeschränkte Gesundheit hindern mich daran.“

An Pascals „Gedanken“ und den Jansenismus erinnert das Doppelleben des Prager Schriftstellers: Die äußere Pflicht ist der Beruf und das Familienleben, die innere das Schreiben und die Einsamkeit. Kafka schreibt sich seine Schuld stellvertretend „In der Strafkolonie“ in die Haut. Der Literat ist immer schuldig: entweder am vergessen oder am Aussprechen dessen, was er sagen will. Kafka vergleicht sein Schreiben mit zwei Maulwurfshügeln, vor denen er sitzt. Jeder Gedanke, wenn er zu Papier gebracht wird, gleicht einer Entscheidung für einen Ausweg. Der Maulwurf ist das Unter-irdische, aus dem das kreative Schreiben aufsteigt. Es gibt aber nur ein Loch, aus dem gute Ideen aufsteigen. „Das Gefühl des Falschen, das ich beim Schreiben habe, ließe sich unter dem Bild darstellen, daß einer von zwei Bodenlöchern auf eine Erscheinung wartet, die nur aus dem zur rechten Seite herauskommen darf … während aus der linken eine Erscheinung nach der anderen aufsteigt.“49

Kafka schreibt grundsätzlich allen Dingen einen Bedeutungscharakter zu, daher notiert er nahezu zwanghaft fast jede Bewegung und jedes Detail. Später überprüft er, ob er sich an alles zu erinnern vermag. Das Gesagte erscheint ihm dabei als flüchtig und unwesentlich, gleichzeitig fürchtet er, eine Silbe zu verlieren. Wie viele Literaten misstraut er dem Wort in seiner Eindeutigkeit, doch er unterliegt dem Zauber, es immer wieder neu zu versuchen, Inneres und Äußeres in Einklang zu bringen. Das Schreiben legt eine additive Ebene an, schafft etwas Neues, indem es anderes verdeckt: „Wenn ich etwas aufschreibe, verliert es die Bedeutung immer, gewinnt aber manchmal eine neue.“50

Inmitten einer äußerst produktiven Phase, notiert er melodramatisch: „Ich bin unfähig zu schreiben … wer erlöst mich?“ Kafka betont häufig den Aspekt der Selbstaufopferung für das Schreiben: „Was für Mühen es mich kostet, mich zu erhalten.“ Von Anfang an ist das Schreiben für Kafka ein Kampf gegen die äußere und innere Unordnung.

Er pflegt ein sehr spezielles, fast fetischartig anmutendes Verhältnis zu seinem Schreibtisch, der Gegenstand zahlreicher Eintragungen in sein Tagebuch ist. „Jetzt habe ich meinen Schreibtisch genauer angeschaut und eingesehen, daß auf ihm nichts Gutes gemacht werden kann. Es liegt hier so vieles herum und bildet eine Unordnung ohne Gleichmäßigkeit und ohne jede Verträglichkeit der ungeordneten Dinge, die sonst jede Unordnung erträglich macht.“51

1 II. 3. Der Kampf um Gott mit Pascal

Theosophie, schreibt Kafka, sei eine „Verbindung und Brücke zur Welt.“ Über das Pro und Contra führt Kafka wie ein Buch-halter akribisch Bilanz. Zu seinen Entscheidungsprozessen zieht er Kierkegaard und Pascal zu Hilfe. Dieser äußert in „Gedanken“ die Wette auf Gott, dass es besser sei, zu glauben, weil man nichts verliert, doch alles gewinnt, wenn man die Existenz eines Schöpfers und eines höheren Sinns als gesichert annehme. Pascal bezeichnet Gott als deus abscondituts, einen abwesenden Gott, der wie ein Regisseur das Geschehen auf der Bühne beobachtet. Vermutlich kennt Kafka

Hofmannsthals ästhetisches Manifest „Das Spiel in der Menge (1911) zu den Salzburger Festspielen. Seine Mysterienspiele beruhen auf der Vorlage von Pascals Zeitgenossen Calderon, dessen „Das große Welttheater“ dem passionierten Theaterbesucher Kafka bekannt ist. Hofmannsthals Poesie sucht, das mystische universelle Gesetz in Allegorien zu verdichten. Dieser Ansatz steht Kafkas Parabeln nahe; er erinnert an Pascals Gleichnis: „Die ganze sichtbare Welt ist nur ein unmerklicher Zug in der weiten Höhlung des Alls. Keinerlei Begreifen kommt ihr nahe. Wir können unsere Vorstellungen von ihr aufblähen über die letzten denkbaren Räume hinaus, was wir zeugen, sind, verglichen mit der Wirklichkeit der Dinge, Winzigkeiten.“52

An Pascal anknüpfend äußert Kafka: „Ist Gott ein theatralischer Triumphwagen, den man … mit Stricken aus der Ferne auf die Bühne zieht?“53 Seine Auseinandersetzung sowohl mit Christentum als auch der Thora ist motiviert von der Frage nach Rettung und Befreiung von einer als unerträglich empfundenen Schuld. Gott soll ihn aus der Nähe des Irrseins und aus der „Unfähigkeit, das Leben alleine zu ertragen“ erlösen.

Eine Frau an seine Seite empfindet er als störend. „Was ich geleistet habe ist ein Erfolg des Alleinseins“. Gegen die Heirat spricht, dass sich die Frau unterordnen muss. Dieser Fall ist sowohl bei Felice als auch den anderen selbstbewussten Frauen nicht gegeben. Zudem erscheinen die Frauen an Kafkas Seite zu weltlich bzw. zu wenig gefestigt im jüdischen Glauben.

Kierkegaards Fall, speziell seine Abhandlung über den „Sprung“ aus „Das Buch des Richters“ erscheint Kafka dem seinen wesensverwandt. „Er bestätigt mich wie ein Freund.“ Darin vermag sich der Gläubige nur durch einen Sprung in die Religion aus dem Dilemma zwischen Ästhetik oder Ethik zu befreien. Ehe wird als Zwangssystem empfunden. Kafka wähnt sich durch seine Zweifel gleich einem Baum verdorrt; eine Liebschaft vermehrt nur die eigenen Defizite; seine Askese begreift er als Buße für Charaktermängel. „Meine Unvollkommenheit ist wie eine abscheuliche Ehefrau oder ärmliche Verhältnisse. Sie steht wie ein müder Hund vor dem göttlichen unsichtbaren Gericht.“

Gleichzeitig schöpft er Kraft aus diesem permanenten Man-gel- und Hungerzustand: „Was ich jetzt noch bin, wird mir am deutlichsten in der Kraft, mit der die Vorwürfe aus mir herauswollen … Ich unterschätze mich und überschätze die anderen. Ich wiege sie und mich mit einem falschen Gewicht.“

Immer wieder stößt der Leser auf Selbstanklagen wie zu wenig geschrieben, geschlafen oder für sich gesorgt zu haben, Vorwürfe wie: „Schuld bin ich und das Bureau hat gegen mich die klarsten berechtigten Forderungen. Nur ist es eben für mich ein schreckliches Doppelleben, aus dem es wahrlich nur den Irrsinn als Ausweg gibt.“54 Der Begriff Ausweg ist zentral für Kafkas Auseinandersetzung mit Gott, zugleich ein Kampf gegen sich selbst, die bedingungslosen Annahme und Vertrauen fordert.

Die von Pascal uns Kierkegaard häufig verwendete Metapher Gewichts für Gewichtung und Abwägung taucht in verschiedenen Variationen auf; eine davon lautet: „Mein Glück, aber zugleich mein Unglück besteht aus Verwirrung“. Es entspricht Pascals Aussage vom klaren, doch nicht bewussten Gedanken.

1 II. 4. Selbstgespräche

Einer seiner letzten Eintragungen ins Tagebuch (14.11. 1922) ist eine häufig wiederholte Feststellung: „Sitze nachts beim Schreibtisch, bringe nichts zuwege.“ Da Kafka ausschließlich am Schreibtisch nachts schreibt, kommt dies einer Kapitulation gleich. Merkwürdig klingt der Kommentar von Nabokov: „Für den Dichter gibt es kein Gesetz. Er ist frei.“ Hat Kafka sich von seinen Zwängen frei geschrieben? Schließlich zeigt sich sein Leben erfüllt vom Funktionieren, von Gehorsam und Demut.

Die Erziehung hat ihn verdorben. Der beste Rat ist es, möglichst alles hinzunehmen, als schwere Masse sich zu erhalten. Er fühlt sich „fortgeblasen“, ist zu keinem unnötigen Schritt bereit.55 Geht in die Fabrik, weil es der Vater so will unter unsäglicher Beklemmung, dort zu versagen. Das schielende Mädchen am Ende der langen Reihe, vom Lärm eines Transmissionsriemens eingeholt. Beißender Gestank von Asbest, besser nicht atmen, im Takt der Maschinen mit festgehaltenem Gesichtsausdruck arbeiten, das genügt. Nur nicht auffallen. Der Aufseher mit dem lächelnden Hut in der Hand grüßt, das macht ihn nervös. Ein Mädchen in der letzten Reihe zieht ihren schmutzigen Rock nach oben, presst sie den kräftigen Kiefer zusammen, um seine schlechten Zähne nicht zu entblößen, ihre staubigen Haare fallen zittern auf den Unterrock. Er hat so lange nichts zu Papier gebracht, weil die Stechuhr ihn nicht schreiben lässt. Zu Hause

liest er mit übertrieben lauter Stimme aus der Zeitung vor, wie um gegen den Maschinenlärm zu protestieren. Besonders nachdrücklich verwendet er die Silben auf den Todesanzeigen, viele Fabrikarbeiter darunter, damit es der Vater auch merkt. Es wird wohl Krieg geben, dann mit noch mehr Nachdruck lesen. Er sollte nach Berlin gehen, Journalist werden, für das Proletariat schreiben. Unglücklich wäre er aber auch dort. „Mein Posten ist mir unerträglich, weil er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf, das ist der Literatur widerspricht.“56

Er ist häufig krank, leidet unter Herz- Schlaf- und Verdauungsstörungen. Gewaltfantasien. Er wartet auf so vieles: Stuhl-gang, Ende der Kopfschmerzen, Träume, Veröffentlichung, Beförderung, Verliebtsein in die Verlobte, nichts davon will sich einstellen, was befreit von der Last und dem körperlichen Gebrechen. Er liest jetzt viel, um zu lernen: Dostojewski, Hebbel, Flaubert, Kleist, Hauptmann, Goethe. Manchmal liest er laut für Freunde, manchmal still in sich hinein. Sitzt, wenn es ihm zu Hause zu eng wird, oft in Cafés, wo er sich immer mit Besseren vergleicht. Das Leben ist Kampf.

Eine abgebrochene Erzählung am 7. April 1914 handelt von seinem masochistischen Ringkampf mit einem körperlich überlegenen Zimmernachbarn. In „Der Verschollene“ unterliegt Karl Klara, dem Stubenmädchen, im Ringkampf. Er weiß um seine physische Gebrechlichkeit, härtet sich ab, bei offenem Fenster im Winter, fast nackt. Am selben Tag notiert er in sein Tagebuch: „Es ist, als wäre irgend-wo in einer Waldlichtung der geistige Kampf…vielleicht suchen mich die Blicke der Kämpfer durch das Walddunkel, aber ich weiß nur so wenig und Täuschendes von ihnen.“

Kafka schreibt merkwürdige Sätze in eigentümlich unverwechselbaren dissoziativen Bildern wie „plötzlich und endlos einströmende Sonne.“ Bei der Versicherung gilt er als unentbehrlich, der Vater hält ihn für einen Versager.

Er trägt die Ruhe und Sauberkeit anderer Menschen in sich, wäscht sich fort in seinem Verlangen und kehrt zurück an den Platz, der ihm bestimmt ist, an seinem Schreibtisch, die Akten, das Abendbrot. Er denkt vom „verkehrten Ende“ aus. Seit er „Der Verschollene“ unvollendet lies, beginnt er immer mit dem Schluss. Ein Anfang kann nur gelingen, wenn der Schluss besorgt ist.

Kafkas Selbstanalyse erlaubt ein Urteil über seine Psyche, Gewaltfantasien, erotische Triebunterdrückung, aber auch seinen Schreibstil; zumal er exakten Beschreibungen der Dingwelt einen nicht logisch erscheinenden Sinn entgegen- oder beistellt. Konjunktiv und Indikativ werden vertauscht, Attribute wie beinahe, fast, ein wenig, wahrscheinlich erinnern an die Vergeblichkeit des Versuchens oder Beweisens, Dominanz der Illusion, das Ausgeliefertsein den Träumen und Fantasien gegenüber. „Nur wer ein gutes Gedächtnis hat, kann so viel Fantasie wie Kafka entwickeln“57 (Nabokov).

Fasziniert von Gesten, legt Kafka eine Handlung in sie hinein und wo er Handlungen beschreibt, so wirkt sie als eine Gebärdensprache. Dies macht die im Sammelband 1913 veröffentliche Geschichte „Unglücklichsein“ deutlich, in der ein Kindergespenst ungeklärter geschlechtlicher Identität aus der Wand des Icherzählers hervortritt und mit seinen Fingern „wie verrückt“ an ihr reibt. Der Dialog nimmt skurrile Züge an über die Bedeutung der offenen oder geschlossenen Tür. Gedanken des Erzählers wirken wie vorausempfundene Realität aufgrund der Furcht vor einem nächtlichen Besuch einer Frau. Seine Geschichte steht mutmaßlich in Zusammenhang mit der 1911 gleichfalls abrupt endenden Erzählung „Das Unglück eines Junggesellen“, in der die Geste sich an die Stirn schlagenden Hand dominiert.

Im Anschluss an „Unglücklich sein“ heißt Kafka in seinem Tagebuch die Verlobung ein Verbrechen, „weil ich versucht ha-be, den Himmel aufzubrechen … Alles was ich täte, wäre kleinlich … ich falle beinahe sinnlos und es ist das Beste.“58

Die Gebundenheit an die Familie, die Abhängigkeit vom Vater – erst Winter 1916/1917 bewohnt Kafka im Goldenen Gässchen Nr. 22 ein winziges Haus für sich allein – und der drohende Bankrott der Asbestfabrik lösen Ängste, vermutlich auch Neurosen in ihm aus. Verständigung scheint ausweglos „Nur die mit einem bestimmten Leiden Behafteten verstehen untereinander.“ Nicht nur das Zitat, sondern den ganzen Brief Dostojewskis vom 11. April 1880 schreibt er ab, der mit dem Satz beginnt: „Das gesellschaftliche Leben geht im Kreis vor sich.“ Wo das Leben des Russen beginnt und wo das des Pragers endet, ist schwer zu sagen. Die Stimmen Fremder erscheinen manchmal treffender als die eigene. Wer in der Prag Kafkas acht Wohnungen besichtigt, die immer in der Nähe der Sankt Niklas Kirche liegen, merkt ganz genau, was eine Kreisbewegung ist: bis auf das Arbeitszimmer in der Alchimistengasse kommt der Schriftsteller nie aus seinem angestammten Wohnviertel heraus. Er lebt in einer symbolischen Sackgasse mit „vergitterten Blick auf den Park“, der an Rilkes Gedicht „Der Panther“ denken lässt.

Es gibt traurige Sätze, Gleichnisse, Aphorismen über die Wehr- und Aussichtslosigkeit wie der Eintrag vom 24. Juni 1914: „Im Grab der Eltern liegt immer auch der Sohn begraben.“ Makaber realistisch wirkt dies, wenn man daran denkt, dass Kafka diese Zeilen bei Ausbruch des ersten Weltkrieges niederschreibt. Obwohl er den Krieg missbilligt, fühlt er sich schuldig , dass er als einer der wenigen in der Versicherungsanstalt zurückbleibt, während Kameraden an der Front scharen-weise fallen oder gebrochen zurückkehren. Im Café wird es täglich stiller und leerer, nur Frauen und alte Männer trinken. Anlässlich der Rekrutierung von Werfels und Weiß notiert er „Neid und Hass gegen die Kämpfenden“.

Eine Reihe obskurer Geschichten entstehen, die er nicht vollendet und nicht veröffentlicht sehen will. Etwa die einer jungen Mutter, die ihr Kind aus Verzweiflung mit der Krawatte des Vaters erstickt, der im Krieg gefallen ist. Seine Arbeit bei einer Versicherung bringt mancherlei Tragödie auf seinen Schreibtisch. Wer man die Zukunft vorzeitig weckt, bekommt eine schreckliche Gegenwart. Franz sitzt im Café Savoy mit Max seinem helleren Schatten, der sagt, ein Dichter erzeugte Rätsel und keine Lösungen wie ein Anwalt, der Kafka als gelernter Jurist auch ist. Max erzählt von den jüdischen Schauspielern, dem zuletzt, seit es Krieg ist, die nichtjüdischen Zuschauer fehlen, so dass er begonnen hat, Judenwitze zu machen. Franz beobachtet, wie Max beim Essen seinen linken Zeigefinger leicht abgespreizt hält, als würde er sich vor einem darin schwimmenden Käfer ekeln. Sein Mundwinkel sinkt nach unten, beschreibt eine sichelförmige Bewegung, wenn er lacht. Er notiert: Steife Halsmuskulatur. Wangen wie Selchfleisch. Neigt den Kopf immer ein wenig vor, wenn er Zuspruch erwartet. Gelenkige Sehnen, als ob sie aufbegehrten oder sich zum Sprung strafften. Er schmeckt Speichel im Mund, vielleicht ist der faulige Geruch ein gutes Zeichen, Dichter stinken, schreibt er. „Ist es nicht Schuldbewusstsein, das mir den Verstand schärft?“59

Die letzten Augenblicke des Wachseins sind wie Appell, mehr noch, wie ein Recht zu schreiben. Und dieses Recht be-nutzt er eilig. Er schreibt, um Ordnung in sich zu schaffen, denn Schreiben unterliegt Gesetzen. „Eine kleine Unordnung meines Inneren fängt an, sich herzustellen und nichts brauche ich mehr, denn Unordnung bei kleinen Fähigkeiten ist das Ärgste.“

Gutes Schreiben ist wie Aufräumen und Sauberkeit, es verrät Selbsterkenntnis. Die Erfindung von Charakteren gleicht einer chirurgischen Handlung, sie muss ab und zu ins Stocken geraten, aber nicht so, dass der Patient stirbt. Eine Handlung fragt nicht nach dem Charakter. Manchmal ist es Franz, als hätten seine Gedanken Beine oder Max verfügte über die Gabe von seinen geschlossenen Lippen abzulesen. Er hat eine Freistellung vom Krieg, die Versicherung und die Krankheit schützen ihn.

Du musst dir eine Meinung erlauben, Franz. Eine Frage des Selbstvertrauens sagt er, dass du noch nicht hast. Es ist zu laut geworden im Saal. Ob auf seiner Zungenspitze die reine Natur der Worte abzupflücken ist? Nein, sagt Franz, er habe eine durchaus gute Verdauung, sie finde sich nur manchmal nicht ein. Schräg gegenüber von seinem Platz in Café spielt ein Kind mit den reizvollen Beinen der Mutter. Sie lässt es gewähren, zieht seinen Blick auf sich und die flüchtige Begegnung ihrer Augen gibt ihm die Bedeutung, dass sie auf ihn warten wird, bis der Krieg vorbei ist. Dann gleitet ihr Blick auf den Schopf des Kindes herab. Er notiert: „Für Erwachsene ergibt sich doch stets die kindliche Überzeugung, daß einem Kind bei seinen Eltern nichts geschehen kann und daß sich die wirklichen Sorgen so nahe an der Erde nicht vorfinden, sondern auf Gesichtshöhe der Erwachsenen.“ Es sind nur wenige Männer im Café und vielleicht wird das spielende Kind bald eine Halbwaise sein.

Max liest in Franz das Begehren, aufzustehen und mit der Frau am Nachbartisch ein Gespräch zu beginnen. Aber er sieht es ihm auch an, er wird wieder alleine Spazieren gehen, bevorzugt im Regen, aus Angst, jemanden zu begegnen. „Ich werde mich an mein fortwährendes Versagen gewöhnen müssen.“

Ein Mann ohne Weib ist ja gar kein Mensch, so steht es im Talmud. Wie soll er die Zukunft mit seinen viel zu ungelenken Armen empfangen? Vergangenheit heißt, es in der seelischen Rumpelkammer zu ertragen. Er muss einen Grund finden, weshalb er überleben darf, fern der Gräber Verduns.

1 II. 5. Träume

Sprache kleidet Gedanken, die Träume für uns denken. Kafka träumt viel und präziser als man es gewöhnlich niederzuschreiben vermag, so dass er selbst geneigt ist, sie für halbe Fiktionen zu halten, wenn er von Trancebewusstsein nach dem Erwachen spricht. Seine Aufzeichnungen bestehen aus stetem Wechsel nacherzählter Träume und Prosa an, so dass Ebenen ineinanderfließen. Wenn er einen Theaterbesuch wie „Auf der Galerie“ beschreibt, liest er sich dies wie eine Fortsetzung seines Traums von einer Reiterin. Bühne, Dekoration, Gesten und Kleidung der Schauspieler werden mit solcher Präzision geschildert, wie sie kaum einem erinnerten Traum entsprechen. Andererseits bleibt die Handlung seiner Erzählungen oft vage, schemenhaft, diese Transparenz akzentuiert dunklen Reichtum seiner Fantasie. „Es hatte dies keinen Zweck, als womöglich die ganze Dekoration zu zeigen, da sie nun schon einmal in solcher Vollkommenheit da war ...“60

In seinem Traum, der so typischer für ihn ist, da er die Bühne und bekannte Gestalten aus dem Alltag mit aufnimmt, kommt es zu gleichfalls charakteristischen Verfolgungs- und Gewaltszenen, wie sie in Kafkas Träumen als auch Prosa üblich sind. Interessant sind Bemerkungen wie „Unter ihnen war ein bekanntes Mädchen, ich weiß aber nicht welches“, weil sie ihre eigene Logik entfalten. Theater-Träume sind häufig, wiederholen sich. Im Zirkustraum vermengen sich Publikum und Schau-spieler, während Kafka diese Existenzen ausdrücklich für unvereinbar erklärt. Auffallend ist auch die Integration von Pferden, Nacktheit und Jagdelementen in beiden Träumen. Obligatorisch sind die exakten Beschreibungen von Objekten und die Adynata – der gewollten Unmöglichkeit einer Aussage: „ein Herr … geht ruhig wieder zu seinem Platz, in dem er versinkt. Ich verwechsle mich mit ihm und neige das Gesicht ins Schwarze.“

Kafka träumt nicht nur, er deutet seine Träume auch und führt sie auf etwas Reales zurück, wie im Fall der Verwechslung mit seiner Opernbesuch „Sulamith“ von Goldfaden, in der eine Stelle lautet: „Awigail versinkt dort unten im Weingarten Jerusalems“. In seinen Selbstanalysen, die Träumen stets folgen, spricht Kafka davon, dass sein Nachahmungstrieb nichts Schauspielerisches habe und an anderer Stelle, dass er doch gerne Schauspieler wäre, damit er nicht schreiben müsste. In diese scheinbare Anatomie passt seine Behauptung, einen Widerwillen gegen Antithesen zu haben; gleichzeitig räumt er aber auch ein, nur so zu Entschlüssen kommen zu können. „Ich und Max müssen doch grundverschieden sein.“

Da er als Haupthindernis seines Fortschreitens den körperlichen Zustand betrachtet, integriert Kafka auch viele Krankheiten in seine Träume, u.a. abgestorbene Glieder oder die exakte Beobachtung einer Exekution. Als Vegetarier gesteht er Heiß-hunger auf Fleisch ein und träumt bisweilen Berge von Fleisch zu vertilgen, auch kannibalische Träume sind darunter. Im Kannibalismus wirkt die Angst vor der Kastration und dem Verschlingen werden von dem anderen Geschlecht nach. Es ist zugleich eine Abwehrreaktion vor zu viel Nähe und Angst vom anderen kolonialisiert zu werden. Vor allem aber ist es eine Grenzüberschreitung, der einen Strafkodex nach sich zieht.

Zwischen 1912 und 1913, als er seinem Vater in der Fabrik assistieren muss, hat Kafka auffällig viele Träume von maschinellen Anlagen. Die getaktete Zeit wird zur Manie, „Der Heizer“ entsteht. Kafkas Faszination an determinierten Abläufen und Apparatur fließen „In der Strafkolonie“ ein. Erotische Träume verraten seine Bindungsangst, dass die Frau als „Überfall“ empfindet. Beispiel dafür liefert eine dem Traum nachempfundene Erzählung des Herrn Liman Februar 1913.

Ein Geschäftsreisender findet sein angestammtes Hotel ausgebrannt vor und will mit der Kutsche weiterfahren. Dies weiß der Hotelier zu verhindern, indem er unter anderem nach Fini ruft und Liman so lange mit absurden Vor-schlägen festzuhalten versteht, bis das Mädchen heraus-kommt. Felice und Fini mit beginnen mit dem gleichen Buchstaben. Fini erobert sich den Platz an der Seite Herrn Limans in der Kutsche trotz dessen Protestes. Die typisch erotische Anspielung lautet: „und ordnete zuerst flüchtig ihre Bluse und dann gründliche ihre Frisur. “61

Direkt vor der dem Traum folgenden Erzählung trägt Kafka eine Begegnung mit Felice Bauer ein und hält darin Kleidung und Frisur akribisch fest. Nicht unwesentlich ist sein Kommentar, Verlobungen und Heirat kämen Geschäftsabmachungen gleich, die seiner Lebensweise zuwiderlaufen. „Ich bin an F. verloren“. Kafka kehrt von ihr aus Berlin nach Prag zurück.

Während seiner Arbeit am „Prozeß“ träumt Kafka wieder-holt von seiner eigenen Beerdigung. 1920 erscheint das im Roman unberücksichtigt gebliebene Kapitel „Der Traum“ in „Ein Landarzt“ (Prager Tagblatt). Josef K. trifft auf seinen unvollendeten Grabstein und stört den Künstler bei der Ausführung der Namensgravur. Kurz zuvor hat er Kleists Anekdote „Der Griffel Gottes“ gelesen, in der ein Blitz die Grabinschrift verstümmelt. Auch dieser Traum endet mit einer Selbstauslöschung, dem Fall ins Grab und der Vollendung der Gravur endet, mit den Worten: „Entzückt von diesem Anblick erwachte er.“

1 II. 6. Verwandlung in Zeit-und Raum

Metabole bezeichnet den in der äußeren Gestalt sichtbar gemachten inneren Wandel. Für kaum einen Schriftsteller hat das Wort der Metapher Verwandlung so eine tragende Bedeutung wie für Kafka. Zunächst die charakterliche Ebene: obschon er voller Zwänge und Gewohnheiten steckt, behauptet ironisierend: „Ich besitze eine starke Verwandlungsfähigkeit, die niemand bemerkt hat.“62 Kafka glaubt, sich beim Schlafen verstellen zu können, so dass für einen Beobachter ein falscher Eindruck von Seelenruhe entstehen könnte. Er spricht von einem fischartigen Gefühl und dass er sich vom echten Schlaf zurückgewiesen fühle. Seine Insomnie führt er auf nächtliches Schreiben zurück. Schlaf und Traum werden dadurch verändert. Umgekehrt gilt auch: ohne seine Träume schriebe er anders.

Einzig Dichten verändert die Welt. Das Gewöhnliche, dem er sich zugleich verpflichtet fühlt, ekelt ihn, ebenso wie alle äußeren Pflichten, die er mit Widerwillen erfüllt. Doch er braucht diesen Zwang als Widerstand, um sich durch das Schreiben in einen anderen verwandeln zu können: „Nachwehen von Bewegung, Traurigkeit, die grundlos aufsteigt und den Körper schwer macht, seines Lichtes beraubt. Wut, von der nur ein scharfer Dampf im Kopf zurückbleibt.“

Schreiben und Träumen interagieren; es besteht eine Verbindung zwischen seiner verhassten Alltagswelt, den psychosomatischen Leiden, dem Zwang zur Selbstanalyse und Beobachtung seiner Umgebung. Eigen- und Fremdbild wandeln sich permanent. Metaphern bilden sein Unbewusstes ab. An- und Entspannung vermag bereits ein Geräusch auszulösen. Er weiß früh um seine Krankheit und den physischen Verfallsprozess, den er akribisch notiert, etwa, wenn er über seine Migräne herausfindet, wie sie von der einen Schädelhälfte in die andere wandert gleiche einem Mantel, der abwechselnd die Schläfe wärmt.

Besuche im Café Savoy oder im Theater beeinflussen Kafkas Träume und diese seine Metaphern. „Auf der Galerie“ ist ein dokumentiertes Beispiel für die Selbstreflexion der Künstlerexistenz in Abhängigkeit eines Traumes. Im ersten Bild ist die Kunstreiterin kränklich, im zweiten vital gezeichnet. Die Transformation einer Person in verschiedene Persönlichkeiten bildet ein Muster Kafkas, u. a. auch in „Die Verwandlung“.

Prag ist bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein besonderer Schmelztiegel einzigartiger künstlerischer Experimente und Illusionismus. Wie blühend die künstlerische und märchenreiche Vielfalt war, bekunden Kafkas Reisetagebücher. Er findet Paris fade, langweilig und einfallslos deklarieren. Die Stadt inspiriert ihn nicht, sie wird eine Enttäuschung der „Bilderlosigkeit“. Er verbringt die Nächte lieber im Hotel mit Träumen.

Die Bilder wandeln sich permanent: so wandert Kafka in „Beschreibung eines Kampfes“ topografisch durch das nächtliche Prag und beobachtet die Schlafenden, fürchtet, ihren Schlaf zu stören und wendet sich wie ein Einbrecher auf Fußspitzen gehend, dem Ausgang zu. Er trifft auf ein Bett, in dem das Laken (er beschreibt es exakt) nicht richtig zugeschlagen ist. Er will es ordnen, da wendet sich die Schlafende ihm zu. Es ist eine Prostituierte, aber der Träumende will nur ihr Knie streicheln und wundert sich, dass man für das Schönste nicht bezahlen muss. Unmittelbar vorher hat er Flauberts Bordellszene aus „Die Erziehung des Herzens“ gelesen – sie handelt von einem nicht vollzogenen Bordellbesuch eines Sechzehnjährigen.

Die Formulierung „daß mein Durchgehen förmlich gar nichts gelte“63, mit dem der Träumende von dem physischen Durchschreiten des Schlafsaales das Bild in die Seelenlandschaft, die Begegnung mit der Prostituierten beschreibt, verdeutlicht den szenischen Aufbau seiner Ebenen, die den Wandel schichten.

Kafkas Meinung nach sollte eine gute Erzählung den Leser in eine Geschichte hinein,- aber nicht aus ihr herausführen. „Von jeder Geschichte ergeben sich Zusammenhänge … er überblickt sie alle… muß aber aus Rücksicht… verschweigen. Alles Erklären tötet die Neugier.“ Eine gelungene Erzählung gleicht einem Labyrinth. Kafka hat ein Synonym für sich gefunden.

Manche seiner Beobachtungen wandeln sich in der Syntax und stehlen sich so in die Romane ein. Der Notiz eines Gesprächs mit einem geschwätzigen Anwalt aus der Versicherung: „Ich wundere mich über die Schlechtigkeit des Gerichts“ folgt die Explikation, warum das so sein muss: „das Gericht ist über-lastet“. Logik und Irrationalität erfahren eine Engführung, eine Überschneidung von Stimmen und Parallelwelten, der äußeren und der inneren.

Die Schlussfolgerung jedoch ist absurd: Akten verschwinden, Zeugen werden nicht gehört, mitunter werden Anklage-punkte erfunden. „Der Prozess“ ist keinesfalls ein Gerichtsroman, sondern er wandelt reale Bilder in surreale Traumlandschaften und damit metaphysische Botschaften über die Beschaffenheit von Zeit und Raum. Die Transformation verzichtet auf Erklärung, Szenen und Bilder werden wie im Theater von Akt zu Akt gestaltet. Das hinterlässt Ratlosigkeit. Kafka will die Erwartung des Lesers brechen und ihn zum Zeugen an Unerklärlichem zu machen. Der Wandel betrifft auch das Recht selbst, einschließlich das Recht auf es Wandel. Gesetze werden zum Inbegriff prozessualer Veränderungen. Die Zuordnung Zuschauer- Akteur ist im Fluss wie die zwischen Richter und Täter, Anwalt und Verteidiger.

Es existieren zwei Formen von Unruhe; die eine beflügelt (Angst), die andere lähmt (Furcht). Kafkas Lähmung besteht in der Furcht vor äußerem Wandel wie Umzug oder wechselnde Geschäftsaufgaben oder Schmutz. Er nimmt Zuflucht zu Ritualen, deren Sinn in der Wiederholung besteht wie Händewaschen. Die ihn motivierende Angst betrifft den inneren Wandel: „Ich bin verdeckt von meinem Beruf, meinem eingebildeten oder wirklichen Leiden … wie Kinder, die sich in den Schnee hinlegen, um zu erfrieren. Nur im Weglaufen konnte ich mich erhalten, aber nur im Wandel bleiben.“64

Eine signifikante Form des Wandels betrifft Kafkas Umgang mit der Zeit. Sie spielt in fast allen Geschichten zweifach eine Rolle: erstens durch direkte oder indirekte Nennung, wie in „Der Prozess“ die Turmuhr und K. Zeitirrtum in der Kirche oder die lebenslange Wartezeit des Besuchers vor dem Türwächter. Zweitens durch Bruch mit der Erzählebene, das Ineinandergreifen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. „Was die Zukunft an Umfang voraus hat, ersetzt die Vergangenheit an Gewicht und an ihrem Ende sind beide nicht mehr zu unterscheiden.“ Die innere Zeiterfahrung koppelt er an Räume, so werden Stunden zu Zimmern oder der Keller zur Mitternacht.

Es fällt auf, dass die Zukunft räumlich, die Vergangenheit mit Schwere beschrieben wird, die Bilder folglich zwei Ebenen enthalten. Weiter in der Notiz: „So schließt sich fast dieser Kreis, an deren Rand wir entlang gehen. Nur dieser Kreis gehört uns ja, gehört uns aber nur so lange wir ihn halten. Rückten wir nur einmal zur Seite in irgend einer Selbstvergessenheit, in einer Zerstreuung, einen Schrecken, ein Erstaunen, eine Ermüdung, schon haben wir ihn in den Raum verloren.“

Der Kosmos als auch die Zeit in Expansion und Kontraktion wird durch die neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse (die Kafka immer verfolgte) neu ausgelegt. Kafka interagiert mit verschiedenen Ebenen und wandelt das Bild innerhalb eines größeren Gebildes (Idee), das er entwickelt.

Wandel besteht auch innerhalb der Sprache wenn sie Ich, Zeit- und Raumerfahrung verknüpft: „Ich bin ja wie aus Stein, wie mein eigenes Grabdenkmal bin ich, da ist keine Lücke für Zweifel oder für Glauben, für Liebe, Widerwillen … nur eine vage Hoffnung lebt, aber nicht besser, als die Inschriften auf den Grabdenkmälern.“65 Die Metapher Lücke verbindet örtliche und temporale Funktionen: ohne Materie (Inschrift) und ohne Schwerlast (Stein) zu sein, Denkmal ist Grabmal und zugleich Metapher für Zweifel. Unmittelbar auf den Traumeintrag folgt die Bemerkung: „Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum.“ Und: „Meinem Schreiben haftet Leichengeruch an.“

Kafka fasst sein Innenleben in ein Kaleidoskop von Metaphern, die sich wechselseitig erhellen und nicht als Absolutes stehen. Einzelne Erzählungen stehen zumeist im Zusammenhang mit dem Gesamtwerk, zu dem auch die Tagebücher als literarisches Experiment zählen. Für Kafka existieren weder Anfangs- noch Endpunkt, sondern Durchgang, Störung, Neuanordnung. Daher setzen seine Geschichten unmittelbar ein und enden abrupt. Kafka erzeugt im Denken „Selbst-Kannibalismus“ (Sontag). In diesen Verwandlungen regiert der Sinn für das Vergebliche wie die Lösung eines Problems, das gar nicht existiert. „Für solche Störungen müssen eigentlich gar keine Gründe vorhanden sein in den heutigen Verhältnissen entscheidet hier oft ein Nichts.“66

1 III. Komparatistik mit Zeitgenossen

1 III. 1. Robert Walser, „Jakob von Gunten“

Die Jahrhundertwende bringt durch Frank Wedekinds „Mina Haha“ (1903) das Genre des Institutsromans in Verbindung mit Sexualität auf. Robert Musil geht in „Die Verwirrung des Zöglings Törleß“ (1906) über den klassischen Bildungs- oder Erziehungsroman hinaus, thematisiert Sadismus, Autoritätshörigkeit, Zwangshandlung und Homosexualität an einer k. u. k. Knaben-schule. Heinrich Manns „Professor Unrat“ (1905) spielt im vergleichbar wilhelminischen Kaiserreich mit nahezu identischem Sujet. Franz Werfel verlegt „Die Abiturientenprüfung“ (1928) in eine Kleinstadt zur Zeit der Donaumonarchie vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“ (1909), den Rüdiger Campe dem Genre des Institutionsromans zurechnet, beschreibt das Berliner Internat Benjamenta für angehende Hausdiener, das der Autor 27-jährig besucht hat.

Kafka ist einer der wenigen begeisterten Leser, der den modernen Aspekt darin erkennt67 und in seinen Tagebuchnotizen bejaht. Der Stil ist sachlich prägnant, zugleich dunkel und geheimnisvoll, entfremdend und bisweilen bedrohlich, Walser verlässt trotz seiner exakten Beschreibung die reale Ebene; der Text in Tagebuchform wirkt als Parabel. Es ist einer der wenigen Werke, die einen Kafkas Stil vorwegnehmen.

Im Fokus steht die verhinderte oder verweigerte Entwicklung des Weltverneiners Jakob; er stammt aus gutem Haus, will aber „eine Null sein“. Er entsagt den Privilegien, indem er sich freiwillig einer offensichtlich schlechten Schule mit autoritärem Führungsstil unterwirft. Seine „Entsagung“ vollzieht sich keineswegs heroisch, sondern trotzig-ernüchternd konträr zu Goethes „Wilhelm Meister“, den auch Kafka aufmerksam studiert. „Ich entwickle mich nicht“ oder „klein sein und bleiben“ lauten Jakobs Devisen. Er ist „gern unterdrückt“ und „kann nur in den unteren Regionen atmen.“ Einzig zum Mitschüler Kraus knüpft Jakob intimeren Kontakt, hinzu tritt sein erotisches Verhältnis zur Schwester des Direktors der Benjamenta.

Kafka vergleichbar ist Walsers juristisch-kühler Ton, die sachlich -detaillierten Beobachtungen, die mit Traum oder mystischen Visionen alternieren, Selbstanalysen durch rigide Introspektion des Erzählers, der sich dem Versuch einer Objektivierung entzieht. Jakob verdinglicht sich zu einer Sache. Die labyrinthische Schreibweise, Desorientierung, Bewusstsein für das Defizit und Verbarrikadieren als Vergleichsmomente an. 68

Schon der Beginn macht auf die absurde Situation aufmerk-sam: „Man lernt hier sehr wenig.“ Die Lehrer schlafen oder schweigen, der Unterricht besteht nur aus Gehorsam, Wiederholung und Geduld. Man spricht vom inneren Erfolg der Selbstunterdrückung bei der Dienerschaft, die nicht mehr begehrt, als unauffällig die Geschäfte ihrer Herren auszuführen. Geschäftigkeit und Bürokratisierung des Knabeninstituts entsprechen den mysteriösen Abläufen in Kafkas „Schloß“ und im „Prozess“.

Vier Punkte erscheinen dabei markant hinsichtlich des Zeit-geistes, die sich in den Institutionen, beschrieben durch Musil, Mann, Werfel und Kafka wiederfinden. Zum ersten die Lust, in der Masse zu verschwinden, die Anonymität der Großstadt, die mit Vereinsamung und bewusster (gesuchter) Bindungslosigkeit einhergeht. Jakob bereitet es Freude zu lügen, dementsprechend schwer fällt ihm der Lebensbericht, den er formal bemeistert. Damit verbunden ist die Suche nach Unterwerfung - man ahnt, dass dem Zerfall der Monarchie nur ein weiteres despotisches System folgen kann und wird - gesucht wird nicht die eigene Meinung, Verantwortung oder wenigstens Befreiung von der Bevormundung, sondern ganz im Gegenteil, Abhängigkeit und strenge Regulierung durch das Gesetz. Die Freiheit, so Jakobs seelische Führerin Benjamina, „ist etwas Winterliches, Nicht - lange - zu Ertragendes ... Man muß tapfer ins Unvermeidliche hineingehen.“69

Nur die Beschreibungen der realen Welt erscheinen grotesk absurd, die psychologischen Zwänge sind durchaus realistisches Portrait der Jahrhundertwende. Die Mischung von Theater, Rollenverhalten und Berufserziehung einerseits sowie Pflichten und Träumen Jakobs andererseits verbinden die bei-den Sphären Kants, das Reich der Zwecke und der Freiheit, das zwecklos oder reiner Selbstzweck ist.

Die zweite Gemeinsamkeit besteht die freiwillige Entfremdung aus dem natürlichen Leben. Walser stellt die Ordnung in Frage, etwa Religion oder der Metaphysik, sowohl hinsichtlich der Glaubwürdigkeit als auch des Nutzens. Er unterwirft sich aus Gewohnheit ohne Hoffnung auf Gnade: „Die Natur ist mir schon als ganz klein als etwas Himmlisch- Entferntes vorgekommen. So kann ich die Natur entbehren. Muß man denn nicht auch Gott entbehren? Das Gute, Reine und Hohe irgend, irgendwo versteckt in Nebeln zu wissen und es ganz leise, ganz still zu verehren und anzubeten … daran bin ich gewohnt.“

Im Institut Benjamina entfällt für längere Zeit der Religionsunterricht, und angesichts eines schlafenden Pfarrers er-kennt Jakob die schwindende Die Bedeutung der Religion: „Religion, sehen Sie, taugt heute nichts mehr. Der Schlaf ist religiöser als all Ihre Religion. Der Schlaf ist religiöser als all Ihre Religion. Wenn man schläft ist man Gott vielleicht noch am nächsten.“

Diese visionäre Stelle ist, da sie mit Durchschreiten von Räumen und Wartesälen verknüpft wird und Jakob zuletzt auf das Anklopfen vor den Türen verzichtet, vergleichbar mit Kafkas Parabel vom Türsteher. Der neue autoritäre Gott erscheint als die profane Inkarnation des Dieners: „Kraus ist ein echtes Gottes-Werk, ein Nichts, ein Diener.“

Auch Kafka betont in „Das Schloß“ die Suche nach den Herren, die Lust des Sich-Anbiederns, Kriechens und Gehorchen-Wollens. Ein Aufbegehren findet nicht statt, das Sich - Fügen, Geschehen - Lassen und Bewundern der Gesetze triumphieren. So verkörpert der autoritäre und gewaltbereite Direktor Gottes omnipräsente Verbote: „Gott ist auch hier. Er ist überall.“

Das dritte Vergleichsmerkmal besteht in dem erotischen Verhältnis zu unerreichbaren Frauen. Jakob träumt nach seiner Begegnung mit Fräulein Benjamina von einem unerreichbaren Glück. „Glück, sieh, es schwindet. Das Licht zerfällt, so Jakob, du sollst kein lang anhaltendes Glück haben.“

Abgesehen von Jakobs Lust an der Unterwerfung und Demütigung, besonders gegenüber dem Direktor, die derjenigen von K. und Josef K. ähnelt, genießt es der Zögling auch, seiner Lehrerin niemals auf Augenhöhe begegnen zu dürfen. Stattdessen entwickelt er erotische Fantasien, zumal sie ihn in verbotene Kammern führen. Wie im „Schloß“ der Landvermesser die Frauen nur benutzt, um Zugang zu einer ihm verschlossenen Welt der „inneren Gemächer“ zu erhalten, ist Jakob auch nur an ihrem Status interessiert, nie an der Person selbst

Das unberührte Fräulein wird umso menschlicher, je stärker sich ihr der bevorzugte Schüler Jakob ihrer zu entziehen versucht: „Ich weiß gar nicht, wie es hat kommen können, daß ich mich dir gegenüber so aller Vorgesetztengewalt entkleidet habe. Du lachst mich wohl heimlich aus. Leise gesagt: Hüte dich da. Du mußt wissen, mich packen Wildheiten an … Sage, du fürchtest dich wohl gar nicht ein bißchen?“

Mittels der Furcht regieren die Mächtigen über die Ohnmächtigen. Das gesamte Verhältnis zwischen Herr und Dienerschaft wird damit zementiert und die Geschwister konkurrieren nicht nur um Jakob, sondern eigentlich um Macht durch Furcht. Auch der Direktor gewinnt Jakob lieb und schärft ihm nach gewährten Zärtlichkeiten immer wieder ein, ihn doch fürchten zu müssen.

Vordergründig handelt es sich um Zuckerbrot und Peitsche, doch tiefgründig um die Unsicherheit, welche dem Glauben bzw. der Macht überirdische Kraft verleiht. „Das Glück dient, das ist die Moral“ formuliert Fräulein Benjamina und lebt es vor, indem sie, um Jakob zu dienen für ihn stirbt.

Das vierte vergleichbare Motiv bietet die Ambivalenz des Themas Wille zum Gehorsam. Jakob sagt, er könne alles verehren und jedem gehorchen, wenn er es nur wolle. Sein Wille ist insofern autonom, indem er sich anheftet und laut Nietzsche sich selbst zu befehlen und zu gehorchen lernt. Zwei Welten kollidieren im pädagogischen Konzept des Instituts: die Fähigkeit der Selbstverleugnung durch rigorose Anpassung und die Kraft des Urteilens über andere durch Selbstvergottung.

Der Nihilist Jakob erzeugt keine Werte, er missachtet jegliche gesellschaftlich überlieferte Tradition. Er will mit aller Macht seinen Stolz und das Herrenmensch-Rollendenken überwinden. Gewalt, Zwang und masochistische Lust an der Erniedrigung führen bei ihm zu der „freiwilligen Knechtschaft“ (Rousseau) Die Schüler des Internats unterwerfen sich den Freuden der Pflicht; Sklaven genannt als solche behandelt und dressiert. Für sie gibt es nichts Höheres als die Achtung der Gesetze: „Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden bösen Eindrücken.“

Kafkas Geschichten stellen zwei Formen des Gesetzes gegenüber: den inneren und den äußeren Raum analog der inneren und der äußeren Zeit. Die beiden Sphären berühren sich nur in Gestalt des Zwangs, der in Walsers Roman entweder patriarchalisch-autoritär (Direktor) oder geheimnisvoll-erotisch (Fräulein Benjamina) konnotiert ist, zudem Bewunderung für maßlose Selbstaufgabe (Krause) beinhaltet. Eine Kommunikation auf Augenhöhe besteht in keiner der drei Konstellationen. Fräulein Benjamina stirbt laut Selbstaussage, weil sie keine Liebe gefunden hat und auch Jakob sich als unwürdig erwiesen hat. Die Motive der Selbstauslöschung und des Vorwurfs eines unausgesprochenen Mangels oder Schuld sind identisch.

Als letzter Schüler wird Jakob wird dazu gezwungen, das Internat nun zu verlassen. Jakob erklärt, nie Kind gewesen und der Direktor nie Vater gewesen zu sein. Das lässt eine wörtliche, eine figürliche oder eine Gleichnis förmige Deutung zu. Ver-Standings, Mitgefühl oder Solidarität bleiben in dieser, von Gesetzen geprägten Welt, fremd; sie werden ausdrücklich bestraft. Die Entmenschlichung führt zu Heimlichkeiten wie einem verstohlenen Lächeln und libidinösen Begehren nur in Träumen. Gefühle und Dialoge finden kaum statt.

Der Direktor ist mehr ein Vorsteher, Wächter und Gralshüter, denn eine fass- oder charakterisierbare Person. Über seinen Charakter erfährt der Leser nur, dass er gerne straft. Er ist Jakobs Gott, mit dem er das Institut verlässt: „Jetzt will ich an gar nichts mehr denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird bei mir sein ... Gott geht mit den Gedankenlosen.“

Neben der drückenden Atmosphäre und des befremdeten, weil gleichzeitig logisch und alogischen Stils überrascht auch die Vergleichbarkeit einzelner seltener Motive wie „Die Gehilfen“ oder das Sich Verirren auf Gängen oder seltsam anmuten-de „Verhöre“. Auffallend ist das Neben- statt Nacheinander der Gründe und Folgen, also das Durchbrechen von Kausalketten. Dies führt zu einem Abbau der Hierarchie zwischen Apodiktischem und Fatalismus. „Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide, und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Da-seins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden.“

Kryptische, weil zweideutige und sich wechselseitig in ihren Aussagen aufhebende Sätze Walsers sind nahezu identisch mit dem Stil Kafkas. Die gebrochene Teleologie nimmt das Subjekt aus einem vertrauensvollen Kontext heraus, es entwurzelt jede Form von Sicherheit, wofür paradigmatische Zeit und Raum stehen. Zum Ausdruck kommt das durch Bergson innerlich und Einstein äußerlich veränderte Zeitbewusstsein durch die Dynamisierung des Zweikoordinatensystems in eine Dreidimensionalität. Traum und Erlebnis werden nicht mehr getrennt oder er-scheinen als Spiegelbilder. Michel Foucault spricht von der „Epoche des Raumes“ als eine „Topografie des Begehrens“ und bezieht sich dabei auf Kafka. Utopie und Untergang bilden Parallelwelten. Der Traum verweist bei beiden Autoren auf ein irdisches Paradies oder verdrängte Sexualität bzw. Todestrieb.

1 III. 2. Ernst Weiß, „Die Galeere“

Als praktizierender Arzt infiziert er sich mit TBC, genest und wird für kriegstauglich befunden In seinen Tagbuchnotizen notiert Kafka, dem Debütroman (1913) fehle es an Form, er sei zu sehr konstruiert: „Man muß durch das Konstruktive, welches den Roman wie ein Gitter umgibt, den Kopf einmal durchgesteckt haben, dann aber sieht man das Lebendige wirklich bis zum geblendet werden." 70

Kafka, den Naturwissenschaften gegenüber aufgeschlossen, interessiert sich für „Die Galeere“ aus drei Gründen. Zum einen werden das Leben des Erfinders und die Auswirkung der Röntgenstrahlen thematisiert, zum anderen erweist sich der Forscher Erik als unfähig, mit Frauen und seinen erotischen Bedürfnissen umzugehen, zum dritten zentriert Weiß die Selbstbeobachtung körperlicher Vorgänge auf nahezu mechanische Art.

Der Roman handelt von lange unterdrückter Sexualität des jungen Arztes Erik, der sein Verlangen vornehmlich über Gewalt kompensiert; Eros bedeutet für ihn „Bestie des Geschlechts“. Erik weist eine „ideeliche Verbundenheit“71 mit Kafka auf. Analog führt Weiß die Entscheidungshemmung und die sexuelle Orientierungslosigkeit hauptsächlich auf den Vater-Sohn-Konflikt zurück. Daraus erfolgen die mangelnde soziale Integrationsfähigkeit und das Fremdsein in der Welt. Weiß schreibt über die Grundidee seines Romans: „Es sind Menschen aneinander gebunden ... Der Held ... ist der brutalste Egoist. Daraus folgt seine Vereinsamung ... Aus dieser flieht Erik in den Tod".72

Die Vereinsamung wird mit der Thematik des Opfers verknüpft. Erik opfert sein bürgerliches Glück und die eigene Gesundheit gegenüber der Forschung. Er sieht sich einer Idee verpflichtet, die er für bedeutsamer hält als das eigene Leben. Die Radikalität seiner Hingabe an die Strahlenforschung wirkt gewiss faszinierend auf Menschen, die sich um die Ablösung von der Familie und dem Beruf mühen.

Geschildert wird das Schicksal eines aus dem bürgerlichen Leben ausbrechenden Protagonisten mit autobiografischen Zügen. Möglicherweise hat Kafka dem damaligen Freund in der Person des Advokaten und Sophisten Huld in seinem Roman „Der Prozeß“ ein Denkmal gesetzt.

Erik ist wie Gottfried Benns Figur Rönne in „Gehirne“ (1915) ein Anti-Held der Moderne: sachlich, kühl, distanziert, unnahbar sogar, unmoralisch bisweilen - ein Vivisekteur, der die Seele mit einem Skalpell aufschneidet und den Leib mit „körperlichem Widerwillen“ begegnet. Weiß widmet der ausführlichen Beschreibung von Körperhaltung und Kleidung große Aufmerksamkeit.

„Die Galeere“ setzt mit exaktem Zeit- und Ortsangaben ein; es folgen Vorlieben Eriks, die sich auf das Beobachten und Sezieren beschränken. Auch. Diese Momente, vom Äußeren ins Innere zu gehen wie ein Chirurg, ist formal auffällig und mit dem Begriff Expressionismus nur undeutlich umrissen; viele Motive, wie das Schweigen, das Tragen einer Maske, die Verstellung und das Auflauern machen Kafkas und Weiß Stil vergleichbar. Die stilistische Gemeinsamkeit beruht vielleicht auch auf die Epoche des Untergangs (Motiv des Prager Kreises). Reden und Glauben begegnet man mit zunehmender Skepsis. Beide Autoren betonen das Siechtum und das Krankmachende als Symptom der Zeit. Die Haltung des Protagonisten verrät Todeswunsch; der Thanatostrieb ist auch Kafkas Antihelden zu Eigen. Unerbittlichkeit, die metallene Härte, mit der Erik dem Leben und den Frauen begegnet, erinnert an Isolation.

Pulsuz fraqment bitdi.

56,85 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
390 səh.
ISBN:
9783753174839
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar