Kitabı oxu: «Joseph Roth - Letzter Donauwalzer»
Bernd Oei
Joseph Roth: Letzter Donauwalzer
Grenzgänger zwischen Philosophie und Poesie, Nr. 4
Bernd Oei
Joseph Roth
Letzter Donauwalzer
Literaturwissenschaft
Impressum
Text: © 2021 Bernd Oei
Umschlag: © 2021 Belinda Helmert
Verantwortlich
für den Inhalt: Bernd Oei
Malerstr. 63
28207 Bermen
kontakt@berndoei.de
Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Inhaltsverzeichnis
Prolog: Verbrannte Freiheit ist wie Alkohol 5
1. Zeitgeist und Biografie 11
2. Erzählungen 33
2. 1. Der blinde Spiegel 33
2. 2. Stationschef Fallmerayer 38
2. 3. Triumph der Schönheit 41
2. 4. Die Büste des Kaisers 44
2. 5. Der Leviathan 48
2. 6. Die Legende vom heiligen Trinker 54
3. Frühe Romane (vor 1930) 60
3. 1. Das Spinnennetz 60
3. 2. Hotel Savoy 70
3. 4. Die Flucht ohne Ende 106
3. 5. Rechts und Links 121
3. 6. Der stumme Prophet 136
4. Späte Romane (nach 1930) 157
4. 1. Hiob 157
4. 2 . Radetzkymarsch 176
4. 3. Tarabas: Ein Gast auf dieser Erde 201
4. 4. Beichte eines Mörders 216
4. 5. Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters 235
4. 6. Die Kapuzinergruft 255
4. 7. Die Geschichte von der 1002. Nacht 275
Epilog: Der Himmel brennt 300
Prolog: Verbrannte Freiheit ist wie Alkohol
Fortschreitender Untergang. Die bittere Kunst des Abschiednehmens. Gekannt haben ihn viele, bewundert manche, wirklich geliebt haben ihn nur wenige. Stefan Zweig gehört zu ihnen. Er wirft Rosen auf sein Grab in 1, 5 km südöstlich von Paris, der Stadt seiner letzten Zuflucht1 und verfasst einen Nachruf, der Zeugnis von Betroffenheit und liebevollem Verständnis für sein Werk ablegt. Roth ist am 23. Mai 1939 zusammengebrochen, als er vom Suizid von Ernst Toller, einem seiner Leidensgenossen, im amerikanischen Exil erfährt. Viele bringen sich damals aus Verzweiflung über den unaufhaltsamen Erfolg der Faschisten um. Roth trinkt sich langsam zu Tode. In wenigen Jahren altert er so rasch, dass ihn selbst Bekannte für seinen Vater halten. Ohne Hochprozentiges kann er nicht schreiben und ohne zu schreiben nicht leben. Als man ihn in Spital Necker bringt, um eine Lungenentzündung zu diagnostizieren, ahnt man nicht, wer er ist oder was er ist: der abrupte Entzug, begleitet von Delirium Tremens, besorgt den Rest; Joseph Roth stirbt mit 44 Jahren an trunken-gebrochenem Herzen.
Am 30. Mai, dem Tag seiner Beerdigung, regnet es. Anders als beim Kaiser: „An jenen Sommermorgen regnete es grundsätzlich nicht und oft leiteten sie einen Sonntag ein.“2 Es ist auch kein Sonntag, sondern Dienstag.
Zweig, ein anderer Grenzgänger ahnt, dass er Roth bald nachfolgt. Er spricht von einem Menschen, der ein „getretenes Herz“ hat, das nicht abzustumpfen will. Menschen mit Karamasowischen Blut in den Adern – Roth stammt aus Galizien – trinken sich zu Tode. Ihre Frauen werden wahnsinnig oder schizophren. „Roth kann man nicht helfen. Seine Narrheit ist ein Faß ohne Boden.“3
Der staatenlose, von der Gestapo gesuchte Roth bleibt Österreicher, das heißt ohne Nationalität, denn die Habsburger Donaumonarchie war ein Reich, ein Vielvölkerstaat, ein europäisches Haus. Er identifiziert sich mit einem seiner berühmtesten Reportagen Juden auf Wanderschaft. Heimat kennt keinen Ort oder Platz, nur Verbundenheit mit der k. u. k. Monarchie und die gibt es schon lange nicht mehr. Er hat nicht nur einen Krieg, sondern eine Welt verloren. Zerrissenheit ist sein zweites Ich. Zuletzt lebt er als Schriftsteller isoliert, von finanziellen Zuwendungen Zweigs abhängig.
Sein weitblickender und tiefer Sinn, vor allem der politische Sachverstand, wird erst nach seinem Tod entdeckt, obschon sein Sprachgenie schon zu Lebzeiten Legende ist. Erfüllt von Frömmigkeit, der nichts Moralisierendes anhaftet. „Keine menschliche Tugend hat in dieser Welt Bestand, außer einer einzigen: der echten Frömmigkeit. Der Glaube kann uns nicht enttäuschen, da er uns nichts auf Erden verspricht. Der wahre Gläubige enttäuscht uns nicht, weil er auf Erden keinen Vorteil sucht.“4
Das Leben in Agonie. Er sieht die Apokalypse als einer der ersten voraus, nachdem er bereits als junger Schriftsteller, als Journalist und Korrespondent der Frankfurter Zeitung (FZ) ganz Europa gesehen hat. Sein Landsmann, geborener Schicklgruber aus Braunau, ist fünf Jahre vor ihm geboren. Roth hat in dem Führer, diesem Messias der Verblendeten stets den leibhaftigen Satan gesehen und ist an dem Zuspruch, den er aus aller Welt erhält, zerbrochen. Drei Jahre nach seiner Emigration 1933 mental ausgebrannt, wie tot: „Es gibt für mich...kein Thema, das mir gestatten würde, einen Artikel mit einem Mindestmaß von Zuversicht zu schließen… Nun, an diesen Rest des europäischen Gewissens glaube ich nicht.“5
In Roth begegnen wir einem Autor, der seine Gabe Gottes uneigennützig in den Dienst der Menschen stellt. „Durch den Humanismus über den Nationalismus in die Bestialität.“6 Am Ende, das schon sehr zeitig bei ihm beginnt, sieht Roth keinen Sinn mehr in seiner Leidenschaft für das Menschliche im Menschen. Schon lange haben sich seine Figuren, die Trottas voran, resignativ ergeben und ihren Platz in der Kapuzinergruft eingenommen.
Der verbrannte Himmel. Titel meiner ersten Studie zu Roth., dem hoffnungslosen Trinker und Alkohol wirkt wie Feuer. Die tragische Erkenntnis Celans, gleichfalls aus der Bukowina7 stammend: Manchmal ist Überleben schlimmer als Totsein. Beide sind Vertriebene, jüdische Migranten aus dem orthodox chassidisch geprägten Osteuropa, die im Westjudentum nur Fremdheit erblicken. Celan, eine Generation nach Roth, wird Zeitzeuge des Holocausts, den Roth lange vor der Bücherverbrennung voraussieht.
Er muss erleben, wofür Worte fehlen und worüber doch nicht geschwiegen werden darf. Was könnte Roths selbstzerstörerische Ader charakteristischer beschreiben als seine Aussage: „Verbrannte Freiheit - Dichtung ist wie Alkohol.“ Längst ist die Poesie von der Wirklichkeit eingeholt worden, selbst die kräftigen Farben in Roths schillernder Sprachsymbolik übermalt vom Blut der Opfer einer Gewaltorgie ohne Beispiel, für die jene Metapher vom „taumelnden Kontinent“ (Philipp Blom) noch euphemistisch klingt. „Vielleicht haben wir diese Bastion nur so lange zu halten, bis ... das deutsche Volk und eine Literatur wieder frei ist und abermals einer schöpferischen Einheit dem Geiste dient.“8
Roths Geburtsort Brody9 bildet den Inbegriff eines völkischen Schmelztiegels, der um die Jahrhundertwende aufgrund der revolutionären Gärung und der nationalen Identitätssuche in ein Pulverfass umschlägt. Die europäische Frage entschied sich zweimal in Österreich: zunächst durch die Geburt der deutschen Nation unter Bismarck10 und ein zweites Mal durch die Wahl eines Weltvernichters, der vom deutschen Unvermögen zur Demokratie profitierte. Roth personifiziert den traumatischen Versuch, sich als Europäer zu behaupten. „Das Faktum der Liebe“, schreibt Zweig, „wird niemals wegzulügen sein aus dieser Welt“, doch es sollte sich dem Barbarismus als nicht gewachsen erweisen.
Für Roth gilt: seine Träume implodieren, weil die Sehnsucht explodiert; jenes unstillbare Verlangen nach Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit inmitten der Aufrüstung, des Hasses und der Chauvinismen, das keinen Platz lässt für Kosmopoliten. Kaum ein Schriftsteller personifiziert den Untergang seiner Zeit, die metaphysische Obdachlosigkeit mehr als Roth.
Zweig nennt ihn treffend einen „armen Verschwender“, nach einem Roman von Ernst Weiß (1936)11. Roth verschwendet sein Talent an alle, seine Solidarität kennt keine geographischen oder politischen Grenzen.
Die Agonie setzt bereits in Wien ein. Angesichts der Beerdigung des Kaisers „...ergriff mich die Zeremonie, mit der die Majestät und das war Österreich-Ungarn zu Grabe getragen wurde. Die Sinnlosigkeit seiner letzten Jahre erkannte ich klar, aber nicht zu leugnen war, daß eben diese Sinnlosigkeit ein Stück meiner Kindheit bedeutete. Die alte Sonne der Habsburger erlosch, aber es war eine Sonne gewesen.“12
Die Sonne ging unterim Reich der Donau; dabei verlor der Mensch Wärme und Licht. Er büßte Resilienz ein, der jeder bedarf, um schwere Krisen zu überstehen. Kritiker, die Roth einen rückwärtsgewandten Utopismus vorwerfen, lässt sich entgegnen: er erkennt in der Vergangenheit, keineswegs nostalgisch verklärt, das kleinere Übel gegenüber der Zerstörung durch Faschisten, Stalinisten und Nihilisten. Er erkennt, dass zu einem guten Orchester nicht die elf besten Geiger taugen, wenn der Klavierspieler fehlt und dass ein guter Dirigent unverzichtbar bleibt. Roths Restauration ist eine konservative Haltung bezogen auf die guten Seiten, die das Vielvölkerreich besaß. Er durchlebt Ideale, Ideen Sprachen auf seinen Reisen und Reportagen durch ganz Europa. Niemals verklärt er Unrecht oder Rückständigkeit, doch ein Dreivierteltakt bleibt ein Dreiviertel, wenn schon das Ganze nicht zu haben ist.
Walzer leitet sich von der Wanderschaft ab, so walzt sich Roth durch sein dreiviertel Leben, das restliche Viertel genehmigt er sich im Café. Mitte des 18. Jahrhunderts, am Hofe Maria Theresias in Schönbrunn, entsteht der Gesellschaftstanz, der sogar in Paris Mode macht. Man dreht sich halt gern im Kreis.
Die Donau ist ein Fluss von fast 3000 km Länge, die heute durch zehn Länder fließt und zudem die älteste Handelsroute Europas. Bei Schloss Greinburg in Oberösterreich misst sie annähernd 20 m und bei Budapest weitet sich das blaue Band auf einen halben Kilometer.
Die Dialektik des Fortschritts: Fortgeschritten ist nur der Untergang, den die Donaumonarchie tänzerisch zelebriert. Zweig würdigt in Joseph Roth den Kronzeugen des Verfalls, das mehr war als ein Reich, eine Religion. Bezeugen lässt sich nur die Gegenwart in der Gestalt der Vergangenheit. Zu Roths Generation gehören neben Stefan Zweig (1881-1942) Robert Musil (1880-1942), Franz Werfel (1890-1945), Franz Kafka (1883-1924) – Erwähnung finden hier nur die in der „Grenzgänger“- Reihe berücksichtigten österreichischen Autoren – und die etwas ältere Generation um Arthur Schnitzler (1862-1931), Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), Rainer Maria Rilke (1875-1926), sowie die nachfolgende um Georg Trakl (1887-1914), Heimito von Doderer (1896-1966) und Hermann Kesten (1900-1996). Sie alle gehören zur Wiener Moderne (Rilke, Werfel, Kisch und Kafka wuchsen in Prag auf) neben Bahr, Behr-Hofmann, Kraus, Friedell, Polgar, Meyrink, Salten: bei allen Unterschieden sind sie sich des Untergangs bewusst, Gegner der Nationalsozialisten und müssen ins Exil, sofern sie nicht die Gnade des rechtzeitigen Todes ereilt.
Wien bildet neben Paris das künstlerische Epizentrum der Jahrhundertwende; die Donaumonarchie ist reich an literarischen Blüten. Wer sich auf der Flucht vor dem KZ nicht umbringt wie Benjamin oder an Herzversagen stirbt wie Schickele, überlebt selten die Überlebensschuld im Exil.
Die folgende Monografie, eine modifizierte, überarbeitete und erweiterte Fassung von Der verbrannte Himmel, stellt nicht mehr das journalistische Werk Roths vor,13 sondern konzentriert sich auf die Prosa. Häufig wird von drei Phasen gesprochen, die zeitlich nicht klar voneinander abgrenzbar sind: der rote Joseph gehört zur sozialistischen Phase der Rebellion14, an die Roth nur bis zu seiner Reise durch das stalinistische Russland glaubt. Ihr folgt eine jüdische Identitätsbestimmung, die mit seiner Reportage Juden auf Wanderschaft ab 1925 einsetzt.15 Die letzte Periode gilt als restaurativ an, in der die Habsburger Donaumonarchie zu Grabe getragen wird.16 Jedem Werk wird eine Komparatistik an die Seite gestellt, um Verbindungen, Analogien und Differenzen zu Schriftstellern seiner Zeit herzustellen. Roth einer Philosophie zuzuordnen ist schwieriger. Zwar studiert er das Fach neben Germanistik vor Kriegsausbruch in Wien und sein Denken lässt sich dem Determinismus zuordnen: „Sein Geschichtsentwurf, in dem eine Generationskette an das Haus Habsburg gebunden wird, entstammt der pessimistischen Kulturphilosophie, die in Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ gipfelte.“17
Fritz Hackert, Herausgeber der Gesamtausgabe, nennt die Utopie Roths eine geografisch-politische; da er ortlos bleibt, muss auch ein Bekenntnis zu einem bestimmten Philosophen fehlen. Eine Mischung aus jüdischer Gnosis, Skeptizismus und platonischer Mystik führt zur „Möglichkeit des Möglichen“. Schuldlose Schuld ist das zentrale Motiv.
Joseph Roth schreibt nicht nur zwischen den Zeilen, sondern sitzt auch zwischen den Stühlen. Er beherrscht sechs Sprachen, die im Vielvölkerreich gesprochen werden, aber sein poetisches Deutsch wollen zu Lebzeiten immer weniger lesen. Der Zeitgeist ist progressiv ausgerichtet, blickt nur ungern weh- und reumütig zurück. Dennoch richtet sich Roth, selten im Zorn, gegen die Zeit der Neuen Sachlichkeit, gegen den Expressionismus: er vertritt den kleinen Mann, der er selbst nie sein will, schwimmt gegen den Strom, die Masse, den Niedergang der Kultur. In viele Figuren schreibt er sich ein, ohne in ihnen aufzugehen. Trotz aller Empathie wahrt er eine ironische Distanz. „Es kommt nicht darauf an, zu dichten. Das Wichtigste ist das Beobachtete."18
Die Adressen, unter denen Roth in Wien logierte, sind sämtlich vom Krieg oder architektonischen Umbaumaßnahmen zerstört, fast so, als wollte die Moderne diesen Erzähler auslöschen. Als er Wien nicht mehr betreten kann, wird es zum Schauplatz seiner Romane. Eine Figur, die sein Schicksal vorwegnimmt ist Major Taittinger. Für ihn gibt es nur eine Heimat: die Armee.
Ein dummer Zufall der Geschichte hat ihn in Ungnade fallen lassen, weil er Zeuge an einem Ereignis ist, das man gerne verschweigen möchte. In der modernen Zeit findet er sich nicht zurecht. Als man sein Gesuch ablehnt, in die Armee zurückzukehren, erschießt er sich. Roth hat sich Schluck um Schluck erschossen, oder wie er selbst sagt, „verbrannt“.
Sein letzter Roman endet mit einer für Roth typischen Prophezeiung, die zugleich eine nüchterne Bestandsaufnahme ist, zu der er sich als Chronist seiner Zeit verpflichtet sieht: „Ich könnte vielleicht Puppen herstellen, die Herz, Gewissen, Leidenschaft, Gefühl, Sittlichkeit haben. Aber nach dergleichen fragt in der ganzen Welt niemand. Sie wollen nur Kuriositäten in der Welt; sie wollen Ungeheuer. Ungeheuer wollen sie!“19
Vor dem österreichischen Ungeheuer, das Deutschland und Österreich in den Zweiten Weltkrieg führt und Menschen, das sich wie Marionetten instrumentalisieren lässt, kapituliert Roth.
1. Zeitgeist und Biografie
Der letzte Donauwalzer. Der Radetzkymarsch fällt mit der Machtergreifung und Bücherverbrennung fast zusammen. Jener Satz, den er Trotta im Radetzkymarsch in den Mund legt: „Ich glaube nicht, daß ich irgendwo glücklich sein kann“ kennzeichnet die Weltuntergangsstimmung, die leitmotivisch Roths Werk durchzieht. Angesichts des vorherrschenden Optimismus und der Aufbruchsstimmung wirken seine Titel Die Flucht ohne Ende oder Das falsche Gewicht aussagekräftig wie eine Abbreviatur seiner Artikel. „Roths Helden haben all etwas gemeinsam: die Erfahrung einer gewandelten Welt; sie leben in der Spannung zur Bewahrung ihrer Identität. Entweder haben sie ihre unschuldige Identität verloren oder sie haben sie als schon immer bedrohte bewahrt.“20
Ein Traditionalist ist der galizische Sohn einer chassidischen Kaufmannsfamilie zweifellos. Die Symbolik des Geigenklangs, Inbegriff tragisch-komischer jiddischer Musik, taucht immer wieder in seiner Prosa auf. Hoch die Geige lautet Metapher und Gruß für das Glück, Nieder die Geige für Pech und Unglück. Und so hängen die Geigen tief mit den Jahren, immer tiefer.
Trotz seiner konservativen Ansichten ist der Schriftsteller, besonders als Journalist, auch immer Revolutionär und Reaktionär zugleich. Vor allem die Art seines Schreibens bleibt mit ihrem leicht märchenhaften Unterton der Moderne fern, die er doch auf seine Weise prägt, u. a. durch den investigativen Journalismus und die Neue Sachlichkeit, in dem er in einem seiner Artikel, nicht frei von Sarkasmus, lediglich Preise für die diversen Artikel nennt.
Zwischen Belletristik, Feuilleton und Glosse bewegen sich seine Werke, so dass Roman und Chronik ineinander fließen. „Ein ganzes Leben lang schleppte Roth die Psyche und das Leid seiner Kindheit mit sich herum.“
Das Unglück beginnt früh: Der Vater, offenbar schizophren, kehrt von einer Geschäftsreise nicht zurück. Für die Mutter heißt das, sie darf nie wieder heiraten, denn Verschollene sind nicht tot. Die Familie verarmt rasch. Sein Geburtshaus in Brody liegt nahe der Eisenbahnstrecke, die Symbolik für einen Nomaden, der lebenslang auf Reisen ist und aus Koffern lebt. Ein Weltbürger, der stolz von sich behauptet: „Seit meinem 18. Lebensjahr habe ich in keiner Privatwohnung mehr gelebt … alles, was ich besitze, sind drei Koffer“. Allerdings lebt er zwischenzeitlich auf der Erfolgsspur und in mondänen Hotels und kann sich eine Übernachtung leisten, die den Monatslohn eines Tagelöhners verschlingt. Er ist ein Genussmensch und keinesfalls Minimalist. In jungen Jahren sind ihm Dandy-Allüren nicht abzusprechen. Den Vater und auch Teile seiner Herkunft wird er mystifizieren, somit ist ihm auch das Märchen beinahe in die Wiege gelegt, denn er hat ihn nie kennengelernt. Er ist arm, aber nicht so arm, wie er es glauben machen möchte, immerhin besucht er das Gymnasium und nimmt privaten Violinen-Unterricht. Vielleicht ersetzt er den Vater durch die Hingabe an das Vaterland, das er gleichfalls verliert. Und die Mutter mit seiner Frau, die früh an Schizophrenie erkrankt und damit auch verloren ist.
Roths Romane sind geprägt von der kräftigen farbintensiven Schilderung einer als urwüchsig und vital erlebter Landschaft. Da Natur vom steten Wandel lebt, muss er, der das genaue Beobachten liebt, in ihr ein Gleichnis auf die Gesellschaft erkennen. Von der Mutter Munik statt Moses genannt, will er die Welt verändern. Er stammt aus einer galizischen Provinz, in der Juden am Rande der Donaumonarchie gettoisiert werden, wächst mit sechs Sprachen (deutsch, jiddisch, polnisch, ukrainisch, russisch, tschechisch) auf, die er in seinem Fragment gebliebenen Roman „Erdbeeren“ lebhaft schildert. Für die Matura lernt er französisch hinzu, eine Sprache, die es ihm nicht nur erlaubt, Flaubert im Original zu lesen, sondern auch im Pariser Exil zurechtzukommen.
In jungen Jahren will er das orthodoxe Judentum vergessen, bekennt sich zum Deutschnationalismus und bald darauf zum Liberalismus. Eine wirkliche Prägung aber erfährt er in seinem sozialen Engagement während und nach den Kriegsjahren, als er Zeuge des Zusammenbruches wird, die vielen traumatisierten Kriegsheimkehrer, die Verlierer und den Bodensatz der Gesellschaft kennenlernt. Die politischen Strömungen wechseln, Ideen kommen und gehen. Er erhofft sich Freiheit von der russischen Revolution, die ausbleibt und sogar in ihr Gegenteil pervertiert, Tyrannei und Massenmord zeitigt.
Seine soziale Gesinnung bleibt eine Kontinuität trotz der Annäherung an die Monarchie. Widersprüchlichkeit ist ein Merkmal des Grenzgängers und manchmal ein Zeichen von Intelligenz, die jeder Einseitigkeit oder Eindeutigkeit misstraut. In dem kleinen Österreich, das bald Anschluss an Deutschland sucht, fühlt er sich eingezwängt: „Die Strahlen der habsburgischen Sonne reichten nach dem Osten bis zur Grenze des russischen Zaren.“21
Galizien, die waldreiche Bukowina, das sumpfige Ruthenien, am Fuße der Karpaten, mit der alten Universitätsstadt Lemberg, das ist der Beginn. Roth studiert mit polnisch als Unterrichtssprache.22„Mit wissenschaftlicher Sorgfalt die Grazie des Schriftstellers nähren“ formuliert der geistige Grenzgänger seinen Anspruch.
In Wien, das er Herbst 1914 erreicht, beginnt er früh mit journalistischen Arbeiten. Da nach dem Krieg die meisten seiner Erzählungen in den Zeitungen vorab gedruckt werden, besteht zwischen den beiden Medien Zeitung und Buch ein intrinsischer Zusammenhang. „Leerlaufende Sehnsüchte und mechanistische Beziehungen“ (Hackert) prägen seine Geschichten. Roths glücklichste Zeit dürften seine Reisen durch Südfrankreich 1925 („Die weißen Städte“) gewesen sein, die er teilweise mit Tucholsky und immer an der Seite seines „Wiener Madls“ „Friedl“23 unternimmt: auf den Fotos sieht man ihn meist lachen.
Spätestens seit seinen Reportagen durch Osteuropa hält er den Kommunismus (korrekter Stalinismus) für keine Alternative zum Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft, die sein Ziel ist. Viele Anhänger des historisch dialektischen Materialismus, stellvertretend sei hier nur Walter Benjamin erwähnt, der 1927 Moskau und das Gesicht des Terrors kennenlernt, kehren desillusioniert aus Russland zurück. Aber noch ist das Experiment der Weimarer Republik nicht gescheitert, noch hofft Roth und seine Generation, allen semitischen Anfeindungen (Dolchstoßlegende) zum Trotz. Politische Instabilität ist der Normalzustand. „Rat- und Standortlosigkeit“ erscheinen daher als logische Konsequenz jener geografisch-politisch bedingten Utopie. Fiktionen des Faktischen.24
„Seinen Gott hat er nie vergessen.“25 Roth ist kein Atheist, wenngleich er Gottesdienste meidet. Bis zu seiner letzten Erzählung, Die Legendes vom Heiligen Trinker hält er sich eine Hintertür offen. Er hält es mit Voltaire: wenn es Gott nicht gibt, müsste man ihn erfinden. Denn Roth mag das Chaos nicht, in das er blickt und noch weniger den Teufel, der es entfacht und in dem er jenen Despoten antizipiert, der den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zwingt. Mehr Gegensatz als das deutsche, so genannte Tausendjährige und das Habsburger Reich kann es nicht geben. Die Frage bleibt, an welchen Gott Roth glauben kann. Während Hackert ihn schlussendlich im Katholizismus verortet, tendiert Sternburg zum Hebräischen Gott der Tora.
In jedem Fall recherchiert Roth genau; vergleichbar mit Kafka begibt er sich spät auf Spuren- und Identitätssuche seiner chassidischen Wurzeln. „Es gibt kein schwereres Los als das eines fremden Ostjuden in Wien“. Leitmotiv seiner Konvertierung ist die Politik und damit der Laizismus. Wissen wollen, weshalb man ausgestoßen ist oder wofür man auf Erden zu büßen hat. Auf der anderen Seite, wiederum Grenzgänger, bleibt Roth ein Verfechter der Monarchie österreichischer Prägung, die zumindest einen Außenstehenden kaum mit dem Judentum vereinbar erscheint. „Seine katholischen Bekenntnisse bleiben - wie so vieles in diesem Leben - augenzwinkerndes Koketterien. Seinen Gott aber hat er nie vergessen, und dass die Menschen nicht mehr gläubig sind, ist für ihn das bedrohlichste Zeichen an der Wand der Moderne.“
Die Generation zwischen den Jahrhunderten spürt, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist, geprägt durch neue Ideen und eine Säkularisierung, die den Tod Gottes in sich trägt. Technik und Fortschritt sind auf dem Vormarsch, der Einzelne verschwindet darin. Das alte Europa dankt ab, symbolisch mit dem Untergang der Donaumonarchie. Die Wurzeln ihrer Dekadenz liegen in der gescheiterten Märzrevolution, in der erzkonservativen Unterdrückung dessen, was sich Bahn brechen muss: dem Recht auf Selbstbestimmung der Völker. Jean Bodins Begriff der Souveränität ist über 300 Jahre alt, als Roth geboren wird. Auch Rousseaus Traktat „Über den Ursprung der Ungleichheit der Menschen“26- Roth bezeichnet sich während seiner „roten Phase“ als Rousseauisten bezeichnet - skizziert eine modernere Regierungsform als die der apostolischen Majestät.
Bolschewisten führen im kriegsgeschädigten Russland eine Revolution herbei, doch die Sache der Arbeiter, der Rechts- und Besitzlosen vertretende Partei stürzt das Volk in einen Bürgerkrieg und anschließend Tausende in Tod oder Verbannung. Im Westen fühlt sich das Bürgertum, das den Adel zu verdrängen begonnen hat, von beiden Seiten bedroht: von der Despotie als auch der Demokratie. Die Menschlichkeit wird dem ökonomischen Vorteil geopfert.
Sittliche Forderungen, wie sie einst die Religion und im aufgeklärten Vernunftbegriff Kants konstituieren, sehen sich auf dem Müllplatz der Geschichte entsorgt. Alles prostituiert sich. Die Abende werden länger, die Röcke kürzer: „Ich habe wirklich vornehme und in der Tat kurzsichtige Damen gekannt, die eine ganz besondere, nahezu verschämte Art hatten, das Lorgnon zu gebrauchen, so etwa, wie es ihre ganz besondere Art war, die Röcke zu heben.“27
Wissenschaftliche Entdeckungen und technische Neuerungen treiben die Welt in rasender Tollheit voran, doch die soziale Frage und die ethische Entwicklung stagniert, teilweise wird sie rückläufig. Dialektik des Stillstands.
Die Suche der Philosophen nach Weltanschauungen, um den naturwissenschaftlichen Gesetzen metaphysisches (und falsches) Gewicht zu verleihen bleibt vergebens. Nichts ist mehr sicher, selbst die Sprache nicht: „Mein Inneres aber muß ich Ihnen darlegen, eine Sonderbarkeit, eine Unart, wenn Sie wollen eine Krankheit meines Geistes, wenn Sie begreifen sollen, daß mich ein ebensolcher brückenloser Abgrund von den scheinbar vor mir liegenden literarischen Arbeiten trennt, als von denen, die hinter mir sind und die ich, so fremd sprechen sie mich an, mein Eigentum zu nennen zögere.“28
Der Nihilismus - alle Werte gelten nichts oder gleichviel – triumphiert über Konventionen. Eine unüberbrückbare Kluft herrscht zwischen Väter und Söhnen, die Turgenjew nur andeutet, aber nicht in ihrem Ausmaß zu erkennen vermag. Immer mehr Menschen töten im Namen der Freiheit, morden mit guter Absicht, im festen Vertrauen, Gott und Vaterland einen Dienst zu erweisen.
Vordergründig emanzipiert sich der Mensch über den Nihilismus, denn er fördert das Ziel vollständiger Aufklärung und Befreiung aus seiner „selbst verschuldeten Unmündigkeit“, wie Kant formuliert. Die Emanzipation vom tradierten jüdisch - christlichen Gottesbild, die in die Negation Gottes, in Atheismus und, wie Dostojewski zeigt, Fanatismus mündet, hat zur Folge, dass Normen, Werte, ein Sittengesetz neu definiert werden müssen. Humane Evolution tritt an die Stelle technischer Revolution. Pofane Autorität lässt sich durch ethische Postulate kaum restaurieren. Vom Kapitalismus entseelt wird das Ich „entkernt“, die anonyme Gesellschaft, die „Masse Mensch“ siegt. Es verwundert kaum, dass Roth sich mit Ernst Toller intensiv verbunden fühlt und darüber verzweifelt, wie der Riss in einer radikalisierenden Gesellschaft wächst. Im Gestaltungsprinzip Stirb und Werde obsiegt vor allem das Sterben. Im Angesicht des Kahlschlags der Geschichte gilt Kierkegaards Erkenntnis mehr denn ja: Wir können das Leben nur rückwärts verstehen, leben müssen wir es vorwärts.
Exkurs: Norbert Elias, Die Bedeutung des Rituals
In zahlreichen Erzählungen nimmt Roth Bezug auf das höfische Etikett wie in der Schilderung des Begräbnisaktes in Seine k. u. k. apostolische Majestät, um über das soziale Gefüge und das Selbstverständnis Menschen zu berichten. Dies hat einen tieferen Grund: den Wert des Respektes, der durch Höflichkeit sichtbar gemacht wird und die symbolische Gemeinschaft, die eine Zeremonie zum Ausdruck bringt. Der Soziologe Norbert Elias29 postuliert in Über den Prozeß der Zivilisation eine Theorie der Norm unter Einbezug des langfristigen Wandels der Persönlichkeitsstrukturen in Westeuropa zwischen 800 bis 1900.
Der erste Band behandelt die Psychogenese der modernen Persönlichkeitsstruktur, die er in drei Stadien einteilt: die mittelalterliche courtoisie, die höfische civilité und die neuzeitliche civilisation. Der zweiten Band liefert eine Soziogenese über drei Prozessstadien: Feudalisierung, Monopolisierung von Machtmitteln und der Vergesellschaftung dieser Monopole.
Wie alle sozialen Prozesse bleibt auch der Zivilisierungsprozess zwar gerichtet, aber irreversibel mit „Entzivilisierungsschüben“. Das Subjekt gehört mehreren Zivilisationen an, so weiß es nicht Bin ich ein Mensch oder ein Wiener? Roth fühlt sich als Österreicher und als Jude. Nur im Mikroskop (Biotop) erlaubt sich das Individuum noch Individualität.
Ebenso verlaufen parallel Individual- und Herdeninstinkt als Teile des Verhaltens. Die zunehmende Kluft zwischen erlebter und erzählter Zeit und das Erkennen historischer Zusammenhänge setzen einen Schrumpfungsprozess des Verstehens in Gang. Ausgehend von den narzisstischen Kränkungen durch Marx, Nietzsche und Freud manifestiert sich die Erkenntnis: weder Materie, noch Geist oder Seele sind frei, sondern unterliegt ökonomischen Gesetzen.
Als empirische Basis für dieses Modell dienen Elias neben Geschichtswerken und historischen Biographien Bücher über angemessene Manieren und Verhalten mit den jeweiligen Anforderungen und Romane, welche Konventionen ihrer Zeit widerspiegeln. Die Anforderungen werden im Verlauf der Zivilisationsgeschichte immer höher. Frühere Ansprüche oder Pflichten verschwinden nicht, sondern werden durch Verinnerlichung und Gewöhnung nicht mehr als solche erkannt. Sie gelten als normal und bleiben kritisch unreflektiert.
Für den Zusammenhalt sind Rituale unentbehrlich, nicht nur auf die höfische Etikette, sondern auf alle Volksschichten bezogen: das Verhalten wird codiert zwecks Übereinstimmung von Gesellschafts- und Persönlichkeitstypus.
Eine Strategie besteht im Assimilationszwang, eine andere die Stigmatisierung Andersdenkender und eine dritte im Wettbewerb. Netzwerke bilden sich. Die Folge einer solchen Organisation sind Partien.
Es wird immer weniger mit und immer mehr über einander geredet. Dabei kommt es zu „Interdependenzketten“, die gegenseitigen Abhängigkeiten von Infrastrukturen. Eine sichtbare Auswirkung sind Bürokratien und Hierarchien. Der Planungsdruck für Individuen steigt, da ihre ausgeführten Handlungen nicht mehr direkt besorgt werden, sondern Stationen und Abläufe berücksichtigen müssen. werden müssen. Diese Entwicklung verläuft nicht homogen, sondern regional äußerst differenziert, was die Spannungen zwischen Cis- und Tansleithanien und die Entwicklung der Völker in Europa erklärt.
Je zivilisierter ein Staat ist, desto weniger darf der Einzelne Schwankungen in Affekten und Trieben nachgehen. Das Persönliche tritt gegenüber dem comme il faut zurück. Emotionen müssen gebändigt und aus der Öffentlichkeit verbannt werden, eine Fassadenkultur entsteht, die von Kulissenpolitik begleitet wird. Alles geschieht für das Protokoll, jedes Ereignis ordnet sich dieser Vorhersehbarkeit unter. Der Prozess der Zivilisation führt zur Transformation der Außenzwänge (Fremdkontrolle) in Innenzwänge (Selbstkontrolle). Einzig Konventionen halten die Diversität in der Donaumonarchie zusammen.
Die Modernisierung ist vornehmlich durch eine Macht-Monopolisierung gekennzeichnet. Bereits im Mittelalter, während der Herrschaft der Aristokraten, kam es zu einem enormen Konkurrenzdruck bedingt durch Landknappheit. Der Einzelne lebt in ständiger Angst und Unsicherheit, da eine Bedrohung durch körperliche Gewalt jederzeit gegeben ist. Die stetige Unsicherheit verhindert in der eine langfristige vorausschauende Planung des Lebens durch die Menschen. Um die Konkurrenzsituation zu entschärfen, führt der Prozess der Staatsbildung zunächst zu einer Verkleinerung der Anzahl der Konkurrenten, im Folgenden zu einer Monopolstellung einzelner Fürsten und letztendlich zur Bildung eines absolutistischen Staates, der die physische Gewalt durch Institutionen, zunächst Institutionen des Königtums, monopolisiert.
Verflochten ist dieser Prozess mit zunehmender sozioökonomischer Funktionsteilung. Das Gewaltmonopol des Staates erlaubt es den Menschen nun, langfristig zu planen, da der Kampf nicht mehr notwendig und auch nicht mehr legitim ist. Von einer Ubiquität der Macht kommt es also im Verlaufe der Soziogenese zu einer „Macht-Enteignung“ der Einzelnen. Die eigene Gewaltanwendung ist nicht mehr legitim und konkurriert mit der Gewaltanwendung des Staates. Die unberechtigte Aneignung von Gewalt wird fortan sanktioniert. Nicht die Zivilisation ist das eigentlich fest Bestehende, sondern der sich verändernde Zwang zum Selbstzwang und das Erlernen individueller Selbstregulierungen im Zusammenleben mit anderen Menschen.
Wenn „Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln“ und sich der Mensch zunehmend nur über traditionelle Konventionen und Rituale definiert, ist die Peripetie erreicht. Die Habsburger Dynastie ist eine ausgeprägte Kulissenmonarchie mit größtmöglicher ethnischer Heterogenität aufweist. Hier kommt dem Schuld- und Schamgefühlen besondere Bedeutung zu, wie die Regelung des „gesamten Trieblebens durch eine beständige Selbstkontrolle immer allseitiger, gleichmäßiger und stabiler wird.“30
Zivilisation folgt einer Struktur, aber keinen rationalen Logik. Die Vernünftigkeit liegt vielmehr in dem Freiraum, der zu einer größeren Planbarkeit privater Handlungen führt. Für Elias bestimmt eine fundamentale dynamische Verflechtungsordnung den Gang des geschichtlichen Wandels. „Sie ist es, die „Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. … daß sich aus allem Planen und Handeln der Menschen vieles ergibt, was kein Mensch bei seinem Handeln eigentlich beabsichtigt hat.“
Diese Verflechtung folgt einer Eigengesetzlichkeit, ist nicht strukturlos; weder rational noch irrational. Elias Theorie findet sich in Roths Beschreibung, einer Mischung aus präziser äußerer Beobachtungen und Magie durch mythologische Komponenten wieder, die Roths Zeitgenosse Cassirer31„Weltwahrnehmung des mythischen Bewußtseins“ heißt.
Zivilisation ist für ein äußerst fragiles und fragwürdiges, ambivalentes Gebilde, aufgrund der Unter der differenzierten und stabilen Habsburger Erziehung werden dem Einzelnen mehr und mehr Automatismus angezüchtet - ein Selbstzwang internalisiert, zu dem Gehorsam und Pflichtgefühl gegenüber dem Vaterland und kollektive Werte primär gehören.
Rousseau und Nietzsche betrachten diese Kulturleistung als „Zucht des Kopfes“ kritisch, da sie eine Verformung des Leibes inkludiert, denn Leitkulturen fördern sowohl kognitive als auch emotionale Störungen Menschen und erziehen zum uneigenständigen Herdentier. Roth kennt das Argument der Verzärtelung der „blonden Bestie“, die Dekadenz begünstigt. Der Mensch stumpft ab. Roths geschichtliche Adaption des Untergangs besteht darum aus einer Mischung von selbsterfüllender Prophezeiung und Nostalgie. Die Folgen der Umorientierung, verbunden mit Konfliktausbrüchen, welche die Monarchie noch zu unterdrücken verstand, empfindet er als traumatisch. Elias These, Monopolisierung und Stabilisierung führen zu „befriedeten Räumen“ muss Roth angesichts der gewaltverherrlichenden Diktaturen zu einer nachträglichen Akzeptanz der Habsburgerdynastie bewogen haben.
Exkurs Schnitzler und die Rebellion gegen die Metaphysik
Roth bezeichnet seine Literatur als „Aufstand gegen die Metaphysik“. Viele Dichter aus den Kreisen des Impressionismus und der Sezession gelangen in der Erkenntnis solcher Defizite in der modernen Gesellschaft, die als Krankheit und Verfallssymptome begriffen werden, früher oder später zu religiösen Fragestellungen oder auch religiösen Antworten: Von Schopenhauer und Nietzsche beeinflusste Autoren suchen Zuflucht in der Mystik, so auch Hugo von Hofmannsthals Jedermann (1911) und das Salzburger Mysterienspiel. Vor der Revolution steht immer das Warten. Heinrich Mann bringt dies in Ein Zeitalter wird besichtigt pointiert zum Ausdruck: Die einen drängen zur Herrschaft, „die andere Vorkriegserscheinung ist das Warten“. So lautet eine Szene in Tollers Drama Masse Mensch (1919) „Im Wartesaal“.
Nach der Zerschlagung des letzten Reiches, das transnational auf Religion und Personenkult vertraut, ist eine Rückkehr zum naiven Gottesvertrauen unmöglich. Arthur Schnitzler artikuliert den Vertreter des modernen Zeitgeists durch Heinrich Beermann im Roman „Der Weg ins Freie" (1908): „Und was die Religionen anbelangte, so ließ er sich christliche und jüdische Legenden so gut gefallen als hellenische und indische; aber jede war ihm gleich unerträglich und widerlich, wenn sie ihm ihre Dogmen aufzudrängen suchte. Und zusammengehörig fühlte er sich mit niemandem, nein, mit niemandem auf der Welt. Mit den weinenden Juden in Basel gerade so wenig als mit den grölenden Alldeutschen im österreichischen Parlament.“32
Doktor Stauber, noch der älteren Generation angehörig, äußert seine Vermutung, dass moralische Grundwerte seit jeher einen schweren Kampf gegen den genuinen Egoismus des Menschen geführt haben, der nun, entfesselt durch die Autonomie des Menschen und die modernen Ideen entschieden scheint: „ … wissen Sie, in der Epoche, aus der ich eben komme, wo die Begriffe so unwiderruflich festgestanden sind, wo jeder zum Beispiel genau gewußt hat: man hat seine Eltern zu verehren, sonst ist man ein Schuft, schon damals haben die so genannten modernen Ideen mehr Anhänger gehabt, als man ahnt. Nur, daß es diese Anhänger selbst manchmal nicht recht gewußt, daß sie selber ihren Ideen nicht getraut, daß sie sich gewissermaßen wie Auswürflinge oder gar wie Verbrecher vorgekommen sind. "
Die Politiker der neuen Zeit wechseln Meinungen und Parteien wie ihre Kleidung, Volksvertreter sind gewissenlos und gebärden sich wie Verbrecher. Ihr Handeln nimmt dank der Massenvernichtungsmaschinerie eine ungeheure Reichweite an und potenziert die Quantität. Eine Folge bildet die bürokratische Verwaltung des Sterbens, die Schnitzler im Drama Professor Bernhardi (1912) aufgreift. Liegt der Schwerpunkt noch auf der Radikalisierung von Ideen, so reflektiert Schnitzler in seiner Komödie Fink und Fliederbusch (1917) dagegen die Austauschbarkeit der Ideale.
Ein Reporter, der unter zwei Pseudonymen für zwei Konkurrenzblätter schreibt (eines für die Republik und eines für die Monarchie) pointiert die groteske Situation, die ihn dazu nötigt, sich selbst zum Duell zu fordern. In Professor Bernhardi kollidieren klerikale, nationale und liberale Interessen tragisch, da niemand philanthropisch handelt. Mit Ausbruch des Weltkrieges hat die Absenz von Moral komödiantisch obsiegt.
Seit der Französischen Revolution tritt der Staat als Götze oder Leviathan auf. Der Träger der letzten Krone Franz Joseph beruft sich noch (glaubhaft) auf Gottes Gnadentum, er ist der letzte Kitt seines zerbrechenden Reiches. Roths Fragen kreisen um einen Himmel, der keinen Schatten mehr wirft, weil ihm die Sonne fehlt: Wer ersetzt ihn? Wer füllt das ethische Vakuum? Wirtschaft und konstitutionelle Politik sind bereits enger miteinander verwoben als während des Nepotismus an den Höfen der Könige.
Als Schnitzler resigniert, ist Roth noch ein junger Mann. Keine zehn Jahre später sind seine Ideen, seine Hoffnungen passé, perdu. Der Erbadel des Blutes sieht sich von der Geldaristokratie entmachtet, das Bürgertum und die Industrialisierung haben ihre Götzen Effizienz und Mammon getauft. Nicht nur Religion ist Opium, auch Aktien und Börsenkurs narkotisieren ethische Substanz.
Bis 1924 schreibt Roth für das Berliner Börsenblatt, bis er es aus ethischen Gründen verlässt. Er ahnt durch die Fusion von Militär, Wirtschaft und Politik das Scheitern der Dreiteilung der Gewalt in der Weimarer Republik. Skrupellosen Intriganten bereiten einen Rechtsputsch vor, den Regierungsvertreter dulden, mitunter fördern (Das Spinnennetz). Dem Ausbruch des ersten Weltkriegs folgt einer Automatisierung, bei der eine Schraube in die andere greift und der
in den Zweiten Weltkrieg mündet.
Finis Austriae. Wer trägt Schuld am Untergang? Mit zunehmenden Nationalismus erweisen sich ständisch geprägte Gesellschaften instabil, besonders die k. u. k. Monarchie. Nach dem ersten Weltkrieg, in den viele Schriftsteller in somnambuler Euphorie gefolgt sind, herrscht große Leere: Schweigen, auf das ein extremes Echo folgt mit unvereinbaren Antworten. Die alten Werte lösen sich auf, eine Metaphysik der alten Ordnung existiert nicht mehr. Der soziale zieht einen moralischen Wandel nach sich wie die militärische Niederlage das nationale Ressentiment. Roth antizipiert den Triumph des Plebejers, die Verführung der manipulierbaren Masse.
Das Volk weiß nicht wohin mit ihrer Enttäuschung, wie ein gefräßiges Tieres brüllt es nach Rache für seinen aufgestautem Zorn. Die Angebote der Vernunft werden überhört. Rassentheorie, Sozialdarwinismus (Kannibalen-Mentalität), Revanchismus und der Wille zur Gewalt, oft gepaart mit blinder Zerstörungswut, drängt die Intellektuellen, die Versöhnenden und Nachdenklichen an den Rand und darüber hinaus. Medien fördern Vorurteile und Irrationalität.
Anstelle dionysischer Befreiung herrscht Besinnungslosigkeit, in der Kunst mehr und mehr zu Propaganda verkommt. Die Umwertung aller Werte kennt kein Maß, keine Bescheidenheit, keine Zwischentöne. Flucht in die Finsternis nennt Schnitzer eine seiner letzten Erzählungen, der Ruf nach Totalität und noch mehr Wahnsinn impliziert Immer häufiger enden seine einst komischen Pointen mit einem Mord oder Suizid.
Die Menschen können sich nicht so schnell an Verantwortung und Wahl gewöhnen. Ihre Entscheidung, welche politische Richtung den Vorzug bekommt, wird bestimmt durch das Charisma der politischen Führer oder die Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Es gibt keine Sonne mehr, aber blendenden Glanz der revolutionären Respektlosigkeit mit dem Althergebrachten. In der Erzählung Die Büste des Kaisers schildert Roth wie der Graf Morstin ungewollt Teilnehmer eines makabren Totentanzes wird, in dem die Stephanskrone zur dekadenten Volksbelustigung dient: „Er war nicht mehr imstande, zu messen, zu wägen und zu überlegen. Es schien ihm, daß kaum jemand irgendeine Art der Gewalttätigkeit bestialisch genug sein könnte, die Niedrigkeit jenes Mannes, der mit den Kronen auf dem kahlen Schädel eines Maklers tanzte, jeden Abend mit einer anderen, zu strafen und zu rächen … Er bewaffnete sich mit der halbgeleerten Sektflasche...als gälte es einen häßlichen Brand zu löschen ...“33
Gott ist tot. Die Maxime Nietzsches bedeutet für Roth das Aussterben aller vornehmen Scham des Edlen, der Zorn fegt den Humanismus hinweg. Es gibt kein gesellschaftliches Taktgefühl mehr, kein Tabu und daher keine Rettung der Intimität vor Instinktlosigkeit. Die proklamierte Freiheit des Willens und der Rasse unterliegt vorerst keiner Prüfung. Man proklamiert, dass Fortschritt oder Sieg nichts Böses an sich sein können, und dass im Krieg nur der Sieg um jeden Preis zählt. Krieg ohne sittliche Schranken. Die reinigende Katharsis schlägt um in destruktive Katastrophe.
Heinrich Mann, Franz Werfel, Ernst Toller: Das Ende der Metaphysik
Seit Kaiser Wilhelm ihn zum Ziel erklärt hat, den Platz an der Sonne, ist selbst das Weltall Teil nationaler Identität. Nach dem Schock des Ersten Weltkrieges: blutige Materialschlachten, Massensterben in Schützengräben, plattgewalzten, Dörfern, strategisch geplanten Vergewaltigungen und Einsatz von Kampfgas folgt kein wirkliches Erwachen, sondern ein Traumata, der noch tödlicher, noch blutiger, noch brüllender endet im Traum vom restaurierten Reich unterm Hakenkreuz. „Die Primitiven erwarben das Verdienst ... mit Weltanschauung, Rasse, revolutionären Phrasen und bluttriefender Dummheit.“34
Heinrich Mann ist ein unbestechlicher Seismograph „Er war 39 Jahre alt, als er 1910 in einer kurzen Notiz sein bisheriges Leben bilanzierte. Hinter ihm lag ein Weg, der, »durch sechs Romane hindurch, von der Behauptung des Individualismus zur Verehrung der Demokratie geführt hat«. Kurz darauf verfasste Heinrich Mann seinen Essay »Geist und Tat« mit dem damals unerhörten Frankreich-Lob und der gnadenlosen Deutschland-Kritik.“35
Roth, 1920 aus Wien nach Berlin gezogen, sieht in den politischen Aktivitäten Heinrich Manns einen Erben Emile Zolas und leuchtendes Vorbild überwältigt. 1924 veröffentlicht er in dem einflussreichen Organ der Sozialisten „Vorwärts“ den Essay „Der tapfere Dichter“, der auf dem rechten Auge nicht blind sein will. Heinrich Mann ist „der einzige Rufer von Geist im brüllenden Streit der reaktionären Barbaren“36- damit sind Großkapitalisten gemeint, die sich über Lobbyismus in die Politik einkaufen und das Volksbegehren bzw. Volkswirtschaft in ökonomische Partikularinteressen transformieren. Roth erkennt wie Mann im Nationalismus den Verrat am völkischen Gedanken und zugleich die systematische, infame Unterwanderung von Demokratie von rechts.
Bis heute hat sich nichts an diesen Mechanismen geändert. Roth hinterfragt, wie viele Dichter von Ansehen und Rang noch engagiert schreiben, ohne Rücksicht auf ihren ihre Reputation in Deutschland zu nehmen. Er vermisst das Aufbegehren der Intelligenz gegen den Stumpfsinn der Allgemeinheit. Er sorgt sich um Demokratie im Parlament, die geduldige und schrittweise Arbeit an und mit der Vernunft. Der Versailler Vertrag ist imprägniert von jener unbarmherzigen Überzeugung, dass Besiegte nicht geschont werden dürfen. In der Zeit des politischen Umbruchs im Wertewandel wird der politische Mord als Mord für die Idee alltäglich, ob in Jekaterinburg, München oder Berlin.
Europa taumelt: Straßenterror in der Weimarer Republik, soziales Elend und der immer grotesker ausufernde Antisemitismus sind weitere extreme Phänomene. Roth thematisiert die Fememorde wie die Attentate auf Rathenau und Enzensberger nicht nur in seinen journalistischen Beiträgen, sondern auch in seinem ersten Roman Das Spinnennetz, dessen Titel die Ähnlichkeit des Hakenkreuzes mit dem Spinnennetz evoziert, eindrucksvoll. Beide Schriftsteller verbindet viel, ihre frühzeitige Emigration, die Wege kreuzen sich wieder, beim Exil-Verlag Querido und im französischen Exil an der Rivera in Sanary-sur-Mer nahe Toulon. Auch Roth, 1916 noch Kriegsfreiwilliger, wird zum Pazifisten, selbst wenn er nicht an Die Weißen Blätter37 mitarbeitet. Eine Vergleichbarkeit in ihrem sozialistischen Engagement besteht besonders zur Trilogie Die Armen (1917), Der Untertan (1914 vollendet, 1918 publiziert) und Der Kopf (1925), welche die Entwicklung des Schriftstellers Roth prägt.
Alles Exilanten aufzuzählen macht wenig Sinn, doch mit Schnitzler und Heinrich Mann sind zwei Pole der Opposition aus der Vätergeneration Roths genannt, die auf unterschiedliche Weise gegen ihre Zeit protestieren und literarisch als auch publizistisch die Stimme gegen nationale Chauvinismen erheben, die sich achten und dennoch nicht einer Partei zuzuordnen sind. Roth mag sich nur kurz für den Sozialismus entschieden haben, doch seiner sozialen Gesinnung bleibt er bis zuletzt treu.
Franz Werfel, wie Roth von jüdischer und katholischer Mystik durchdrungen, lässt in seinem Roman Der veruntreute Himmel in Roths Todesjahr 1939 keinen Zweifel an der Ursache des ganzen Elends: Der Aufstand gegen die Metaphysik, der Nihilismus tritt humane Werte mit Füßen und legitimiert dies als Recht des Siegers. Das Credo seines fiktiven Erzählers lautet: „Ich verabscheue unsagbar den allgemeinen Geisteszustand unserer modernen Welt, jenen religiösen Nihilismus, der als Erbschaft längst verschollener Eliten seit drei Menschenaltern das Gemeingut der Massen geworden ist.“38
Ganz ähnlich äußert sich in einem Brief an Roth Juni 1934 der Elsässer René Schickele. Er erklärt seinen Roman Die Witwe Bosca (1933) zur Illustration des modernen Menschen, „der sein Gewissen verlor", nachdem er „die alten metaphysischen Bindungen abgelegt" hat.
Auch Tollers Revolutionsdrama Masse Mensch (1919) ist Roths Frühwerk seelenverwandt, da es seine Motive aufgreift. In seinem Drama führt die Intellektuelle Sonja führt bewaffnete Arbeiter in den Kampf gegen die Kriegsgewinner. Nach der Niederlage bezahlt die Frau ihre moralische Festigkeit mit dem Leben. Besonders kongruent in der Gesinnung mit Roth ist, dass Toller dem kommunistischen Plädoyer „Der Zweck heiligt die Mittel“ seine Auffassung von der Humanität im revolutionären Kampf entgegenstellt. Toller verabscheut Kapitalismus und Stalinismus gleichermaßen, da beide despotischen Gewalten anwenden. „Jeder lebt Sich. Jeder stirbt Seinen Tod. Der Mensch, wie Baum und Pflanze, schicksalsgebundene, vorgeprägte Form, die werdend sich entfaltet, werdend sich zerstört. Erkämpf die Antwort selbst! Leben ist Alles.“39
Um diese Zeit, die Weimarer Republik in Deutschland, die Erste Republik in Österreich, sind die linken Intellektuellen noch voller Hoffnung und innovativer Kraft. Ihr Vertrauen in den neuen Humanismus ist trügerisch, denn die Agonie hat längst begonnen, der Untergang ist nicht aufzuhalten. 1933 und 1938 entscheidet sich die Geschichte, aliae jactae sunt.
Toller stirbt nahezu unmittelbar vor Kriegsausbruch und vor Roth infolge der unüberbrückbaren seelischen Verzweiflung im amerikanischen Exil. Camus erklärt den Selbstmord in Der Mythos von Sisyphos zur wichtigsten philosophischen Frage überhaupt, weil alle anderen Fragen nach dem Wert des Lebens aus einem unbedingten Ja zu ihm hervorgehen. Wer das eigene Leben töten darf, kann keine Gründe mehr finden, fremdes uneingeschränkt zu schützen. Es bedarf Selbstwert und Demut für den ganzheitlichen Menschen; die Mehrheit aber zieht Brot der Freiheit und Hass dem Frieden vor.
Kulturbewusstsein der Skepsis
Fünf Punkte sind markant für den Zeitgeist zwischen zwei Weltkriegen. Zunächst politisch die militärische Verwüstung des Reiches im Herzen Europas, das in kleine Nationalstaaten zerfällt, den Austrofaschismus und das Dritte Deutsche Reich zeitigt. Dieser erweist sich als das unheilvolle Erbe der Vergangenheit mit seinen ungelösten Konflikten wie der Balkankrise. Das Ende einer Ära widerspiegelt am eindrücklichsten der Niedergang der Familie Trotta.
Zweitens religiös: der irreversible Bruch (der Tod Gottes) mit der Tradition eines tief gläubigen Glaubens, potenziert Zweifel und familiären Zerfall. Das vermeintliche Ende der Metaphysik veranschaulicht Hiob am eindrucksvoll.
Drittens: Die durch den Nihilismus ausgelöste Wertekrise untergräbt das Vertrauen in humanistische Traditionen, führt zur Orientierungslosigkeit und Radikalisierung. Die metaphysische Obdachlosigkeit der Entwurzelten zeitigt Rechtsextremisten wie Theodor Lose in Das Spinnennetz, desillusionierte Revolutionäre wie Friedrich Kargan in Der stumme Prophet oder psychopathische Narzissten wie Golubtschik in Beichte eines Mörders.
Viertens: Die Gesellschaft spaltet sich zunehmen in Positivisten oder Anhängern der Neuen Sachlichkeit und irrationalen Weltverschwörungstheorien wie Militarismus und Faschismus. Reaktionen auf die Enttäuschungen über die Republik bieten Utopien und Mystik bzw. Reaktivierung von Katholizismus und Gnosis. Autodestruktive Strukturen verdeutlichen Tarabas und Eibenschütz in Das falsche Gewicht.
Fünftens: Der intrinsische Zusammenhang von Heimatlosigkeit sowohl geografischer, familiärer als auch ideologischer Art, Entfremdung bzw. Fremdsein, paradoxale Sehnsucht und Erlösungsfantasie mit kollektiver Bereitschaft zum Untergang zeitigt keine Helden, sondern impassibilité - ein Begriff Flauberts für die Teilnahmslosigkeit und Resignation des Subjekts gegenüber der Veränderbarkeit der Welt. Da der Gestaltungswille, der Wille zum Leben dysfunktional bleibt, pervertiert er in zunehmende Zerstörungslust und Selbstverleugnung: im besten Fall bleibt das Subjekt ein „unbeteiligter Beobachter eines Schiffsunterganges“ (Metapher Blumenberg) wie Franz Tunda in Flucht ohne Ende.
Roth bezeichnet die Suche nach Werten „hinter dem Zaun“ als eine nach greifbarer Wirklichkeit und Objektivität. Zu Beginn wendet er sich von der Sentimentalität der Romantik, dem Individualismus und der Melancholie ab. Nachdem ihm vorübergehend Sozialismus, Neue Sachlichkeit und der Existenzialismus Lösungen bieten, bricht Roth mit ihnen, bedingt durch ihre Wehrlosigkeit in der Weimarer Republik. Es bleibt ihm die Flucht zurück. Die verlorene Jugend und Heimat sind Ausgangspunkt zur einer Verwurzelung, welche die Orientierungslosigkeit auffangen soll. Am Ende steht eine utopische Flucht in Träume und Sucht, Folge einer als Ausweglosigkeit empfundenen: „Ich wurde eines Tages Journalist aus Verzweiflung über die vollkommene Unfähigkeit aller Berufe, mich auszufüllen… Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen … Nur wir, nur unsere Generation, erlebte das Erdbeben, nachdem sie mit der vollständigen Sicherheit der Erde seit der Geburt gerechnet hatte.“40
Der noch relativ junge Roth benennt hier in der Provence, in die er 1933 flieht, bereits wörtlich, den Gegenstand seines Spätwerks. Als Journalist ist er Chronist, Prophet und Kritiker seiner Zeit: „Wir sind die Söhne. Wir haben die Relativität der Nomenklatur und selbst die der Dinge erlebt. In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewusstsein. In einer einzigen Minute wußten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen Toten. Wir kommen, mit der ganzen Weisheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen. Wir haben die Skepsis der metaphysischen Weisheit.“
Roth versucht, sich „hinter dem Zaun der Metaphysik “ wiederzufinden – vergeblich. Der Text „Die weißen Städte", als Vorwort für einen Roman gedacht, impliziert inmitten der um sich greifenden Finsternis einen Lichtblick, den der zunehmend resignierende Autor im französischen Modell der Dritten Republik (1870-1940) erkennt. Der Bericht drückt das Krisenbewusstsein der Kriegsgeneration im Jahrzehnt nach dem nicht überwundenen Schock des Weltkriegs aus.
Am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, verlässt Roth Deutschland für immer. Sein Brief an Stefan Zweig dokumentiert Weitsicht: „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“41
Das menschliche Ende Roths datiert auf den Juli 1936, als der schwere Alkoholiker Roth auf Einladung Zweigs nach Ostende reist, wo er der in der Emigration lebenden Schriftstellerin Irmgard Keun begegnet. Beide berauschen sich an einander wie zwei Ertrinkende. „Da hatte ich das Gefühl, einen Menschen zu sehen, der einfach vor Traurigkeit in den nächsten Stunden stirbt. Seine runden blauen Augen starrten beinahe blicklos vor Verzweiflung, und seine Stimme klang wie verschüttet unter Lasten von Gram. Später verwischte sich der Eindruck, denn Roth war damals nicht nur traurig, sondern auch der beste und lebendigste Hasser.“42 Ausdruck dieser Beziehung liefert Beichte eines Mörders
Zwei literarische Phasen
Frühphase(1916-1929)
Roth wird in eine Zeit der großen Umbrüche und des religiösen Nihilismus Ende des 19. Jahrhunderts hineingeboren. Vierzehn Jahre ist er, als Schnitzlers Der Weg ins Freie erscheint als literarische Antwort auf Turgenjews Väter und Söhne und Resümee einer Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist.
In seinem galizischen Heimatort Brody wächst Roth mit Denkern der westeuropäischen Aufklärung Seite an Seite mit orthodoxen Glaubenstraditionen der Ostjuden auf. Skeptischer Rationalismus und gläubiger Traditionalismus; ein kultureller Schmelztiegel prägen seine Biografie. Die Suche nach einem festen Standpunkt bildet ein Lebensthema von Beginn an. Die Forschung differenziert den sozialistisch „roten Joseph" und den katholischen bzw. jüdischen „schwarzen Roth“. Wie der Biotop, in dem er aufwächst, trägt der Autor mehrere widersprüchliche Teile in sich, die koexistieren und sich anfänglich befruchten. Sozialismus ist Religion für das Diesseits, Traum vom irdischen Paradies, der zunehmend mit Gewalt eingefordert wird. Glaube ist die Wissenschaft vom Jenseits, der sich zunehmend aus der Wirklichkeit zurückzieht. Die Folge, jedenfalls bei Roth, ist der Anspruch auf eine wahre Legende.
Der Widerspruch zwischen sozialen und religiösen Bekenntnissen veranlasst diverse Literaturkritiker zu der Vermutung, Roth habe um 1930 mit Hiob eine radikale und unwiederbringliche Wandlung vom Sozialisten zum konservativen Denken vollzogen. Obwohl sich gerade am Romanwerk Indizien für einen Schwerpunktverlagerung aufzeigen lassen, muss die Diagnose des großen Bruchs in Roths Leben nicht stimmen.
Vielmehr gewinnt Roth für den aufmerksamen Leser Konturen, in der Zweifel und Hoffnung, Empörung und Resignation alternieren. Es gibt keine Sicherheit, weshalb sollte ein intelligenter Mensch darum an einem Versprechen, gleich welcher Art, festhalten? Er führt das Leben eines Entwurzelten von Anfang an. Seine letzte Erzählung Die Legende vom Heiligen Trinker manifestiert neben biografischen Bezügen, dass selbst innerer Wandel und sichtbar äußeres Verhalten nicht kongruent verlaufen müssen. Andreas ändert sich und bleibt sich dennoch treu; er bewahrt sich seine Menschlichkeit, indem er sich konsequent permanent betrinkt.
Roth ist nicht nur ein präziser Beobachter, der im Detail einen Ausdruck für das Ganze sieht, sondern lebenslang auch ein mitfühlender Moralist und humorvoller Humanist. Ein Anwalt der Menschlichkeit implizit ihrer Verfehlungen, Schwächen und Sünden, diesbezüglich Dostojewski seelenverwandt. Daher kann er auch gleichzeitig ein überzeugter Sozialist, Katholik und Jude sein fern unvereinbarer Ideologien. Auch das ist Zeichen eines Grenzgängers.
Ganz für eine Seite lässt er sich nicht gewinnen, weder den Marxismus bzw. Kommunismus, noch für die Sozialdemokratie. Er heiligt weder die Festtage noch hält er den Sabbat des Talmud, ist strikter Gegner des Zionismus. Sein Herz schlägt milde gegenüber Andersdenkenden und verträgt sich nicht mit Dogmen. Er ist kein Theoretiker, immer geht es um das Konkrete und das rechte Maß, darin erinnert er an Montaigne. Seine Arbeit legt Zeugnis ab für die „sinnlichste Wahrnehmung, die ein deutschsprachiger Dichter jemals hatte."43
Die religiöse Gesinnung auf der Basis eigener Erfahrung und Erlebnisse zwingt ihn notorisch zum Kampf gegen erstarrte orthodoxe Konfessionen, die er im Roman Der stumme Prophet" nachvollziehbar illustriert. Wie schon ansatzweise in Die Flucht ohne Ende stellt Roth hier die Verfehlung des Sozialismus und Russland dar und schafft sich dort Feinde. Beide Schriften gelten in ihrer Kritik an der Linken der Abrechnung mit der nationalsozialistischen Ideologie in Das Spinnennetz oder in Rechts und Links.
Aufgrund seiner Menschenverachtung das kommunistische Regime in Russland an den Pranger. Als Pazifist lehnt er es ab, Menschen für eine Idee zu töten, selbst wenn es die richtige ist und dieses Verbrechen als notwendiges Opfer zu legitimieren. Ob er deshalb nicht die Liquidation des Antichristen gebilligt hätte, ist keinesfalls auszuschließen.
Alle Entwicklungen aus der Revolution heraus enttäuschen Roth; daher rührt sein Misstrauen sie als Alternative zur gestürzten Monarchie anzunehmen. Der Vormarsch des Stalinismus und Faschismus wird in der Demokratie keineswegs aufgehalten, sondern gefördert. Ohne religiöses Surrogat ist es offenbar unmöglich ist, die Basis für ein gesellschaftliches Miteinander zu schaffen, Vorurteile und ökonomische Interessenskonflikte zu überwinden. Aus Pragmatismus vereint er jüdische und katholische Konfessionen in seiner Mystik. Roths soziale Kritik manifestiert sich besonders in den frühen Romanen Das Spinnennetz, Hotel Savoy, Die Rebellion, die allesamt zeitgenössische Romane der Weimarer Republik sind und deren Schwächen, u. a. den Bürokratismus enthüllen. Er steht immer auf der Seite der Opfer Verlierer und der Entwurzelten (meist Kriegsheimkehrer), wie Hermann Hesse pointiert bemerkt. Schon in seinen ersten Jahren als Autor macht Roth deutlich, dass der Verzicht auf Spiritualität vereinsamt. Andreas Pum in Die Rebellion bleibt ohne religiösen Trost haltlos und gerät aus dem Gleichgewicht, weil sein Vertrauen in Recht und Ordnung naiv anmutet. Am Ende erklärt er zornig Gott den Krieg und will lieber in die Hölle, wo er vermutet, dass es gerechter zugehe. Moralisch integre Charaktere wie er zerstören entweder sich selbst oder werden marginalisiert und schikaniert.
Ein klares Glaubensbekenntnis, das über den Humanismus (Rousseaus Mitgefühl) hinausreicht, bleibt der Autor schuldig. Er deckt auf, ohne anzuklagen und er verteidigt Werte ohne Plädoyer. Leitmotiv bis Hiob (1930) bleibt der Menschen in der Fremde ohne Halt und ohne Zukunft. Der Theorie von Isaac Berlin nach, der Künstler in Igel mit einer großen Idee und in Fuchs mit viele kleinen Ideen unterscheidet, ist Roth klar ein Igel des Zusammenbruchs.
Eine tragende Bedeutung nehmen Topografie und Heterotropie in Roths Werk ein. Die in Wien oder Berlin lokalisierten Romane folgen drei Werke, die ihren Schwerpunkt in Russland besitzen. Der Auseinandersetzung mit dem rechten Terror folgt eine Absage an den Linksradikalismus.
Heinrich Mann und Lion Feuchtwanger gehören zu jenen sozialistisch engagierten Autoren, denen Roth Aufrichtigkeit und Menschlichkeit nicht abspricht. Näher stehen ihn jedoch die Kollegen Werfel, Toller, Weiß oder Schickele, die in ihrer Zeit nicht nur die Mängel diagnostizieren, sondern dem offensichtlichen Werteverlust mit Güte und spiritueller Kraft begegnen.
Spätwerk (1930-1939)
In allen literarischen Werken findet seit seiner Reportage Juden auf Wanderschaft, spätestens aber mit Hiob Roths eine religiöse Reflexion statt, welche die politische etwas in den Hintergrund rückt. Weniger die sozialen Nöte, mehr der Verlust von Heimat bewirken Haltlosigkeit und Krisenbewusstsein. Das Schicksal seiner Figuren erlaubt Rückschlüsse auf den Mensch Roth; Leben und Werk bedingen sich in seinem Fall wechselseitig. Am deutlichsten sind die religiösen Zweifel im Roman Hiob; zugleich vollzieht Roth durch die glaubhaft geschilderte Krise seine eigene Hinwendung an die jüdische Mystik. Immer deutlicher kristallisiert sich Sehnsucht nach Erlösung und Gerechtigkeit heraus, die in der irdischen Immanenz nicht fehlt.
In Hiob und Tarabas entwirft Roth positive Gegenbilder zu den pessimistischen Gesellschaftsanalysen seines Frühwerks. Mendel Singer, insbesondere sein Sohn Menuchim, empfangen den späten Lohn des Gerechten für ein Leben, das Gott länger die Treue hält, als es Gläubigen gewöhnlich gelingt. Auch der raue Soldat Tarabas erfährt am Ende Vergebung und Seelenfrieden. Wenngleich die Melancholie nicht verschwindet, so treten Empörung und Rebellion bzw. Resignation zurück zugunsten einer Sanftmut und Lebensweisheit.
Der biblische Hiob dient Roth als Vorbild für den rechten Umgang mit Leid und lässt den Erzähler trotz offensichtlicher religiöser Skepsis angesichts des Bösen, das auf der Erde geschieht, am Ende zu der Einsicht gelangen, dass es das Göttliche und Gute gibt und ewig geben wird. Nicht zufällig endet Mendels Leben im Aufzug eines Hochhauses irgendwo zwischen Erde und Himmel.
Oberst Tarabas vollzieht eine echte Bekehrung vom gewalttätigen Autokraten zum reuigen Sünder und stirbt friedlich als Mönch, der strenge Beamte Eibschütz gewinnt durch späte Liebe verlorene Menschlichkeit zurück.
Roth verdeutlicht seinen veränderten Standpunkt im Essay Der Antichrist (1934), der eine Schlüsselfunktion besitzt. Moralische Überzeugungen genügen nicht für die härtesten Prüfungen; seine Anklage des Antisemitismus, Migrationsdruck, Assimilationszwang und Duldungspolitik treten in den Hintergrund. Roth sucht liebevoll im Individuum nach Verständnis für das kollektive Scheitern. Geschichte dient als Prüfstein und Anstoß zur Läuterung. Der Antichrist weist humanitären Katastrophen einen klaren biblischen Bezug der Katharsis zu. Roth sucht nach falsch verlaufenen Revolutionen Trost und Hoffnung im religiös irrationalen Bekenntnis zur Monarchie. „Ist das noch Heimat? War ich nicht nur deshalb heimisch in diesem Ort, weil er einem Herrn gehörte, dem ebensoviele unzählige andersartige Örter gehörten, die ich liebte? Kein Zweifel! Die unnatürliche Laune der Weltgeschichte hat auch meine private Freude an dem, was ich Heimat nannte, zerstört. Jetzt sprechen sie ringsum und allerorten vom neuen Vaterland. In ihren Augen bin ich ein sogenannter Vaterlandsloser. Ich bin es immer gewesen. Ach!“ Es gab einmal ein Vaterland, ein echtes, nämlich für die Vaterlandlosen, das einzig mögliche Vaterland. Das war die alte Monarchie. Nun bin ich ein Heimatloser, der die wahre Heimat der ewigen Wanderer verloren hat.“44
Roth glaubt nicht an Gottes Allmacht, seine Gerechtigkeit und eschatologisches Heil. Er hält es jetzt für eine dienliche Notwendigkeit, an das Gute im Menschen und auch in sich selbst zu glauben. Daran, dass es für alle eine Heimat geben muss, wenn nicht auf der Erde, so doch im Herzen, das er einen blinden Spiegel heißt. Was seinen Spätwerk in zunehmenden Maße anhaftet, ist die Aufarbeitung der Habsburger Monarchie durch Fatalismus und Dekadenz. Untrennbar von Roths religiösem Bekenntnis sehen viele Kritiker sein nostalgisches Heimweh zur untergegangenen Dynastie als Flucht in die Mystik.
Über sein berühmtestes Werk sagt der Autor: „Ich habe die merkwürdige Familie der Trottas, von denen ich in meinem Buch Radetzkymarsch berichten will, gekannt und geliebt, die Spartaner unter den Österreichern. An ihrem Aufstieg, an ihrem Untergang glaube ich den Willen jener unheimlichen Macht erkennen zu dürfen, die am Schicksal eines Geschlechts dasjenige einer historischen Gewalt deutet."
Der Roman enthält mystische Momente wie den Duft von Reseda, doch er liefert eine klare Bestandsanalyse und ohne Theorie auch Gründe für den Untergang. Er bewegt sich zwischen Mechanismen einer Chronik und Beteiligung eines Betroffenen. In dem Scheitern Trottas liegt auch Unfähigkeit zu einem neuem Leben außerhalb dem Vielvölkerreich Österreich-Ungarn.
Die folgenden Romane Das falsche Gewicht, Die Kapuzinergruft, Die Geschichte von der 1002. Nacht zeigen unmissverständlich auf, warum die charmante, aber morbide Habsburger Monarchie untergehen musste: Sie war zersetzt von Doppelmoral und Scheinheiligkeit, einer Lähmung und Paralyse, die charakteristisch für jede Form von kultureller Agonie ist.
Roth stilisiert den traditionsbeewussten Chronisten, der retardiv, nostalgisch und restaurierend die Schönheit des Verblassens und den Charme der Dekadenz besingt. Wiener Impressionismus, das sind Sittengemälde durch pointierte Beobachtung, Bonmots und Anekdoten. Das ist Caféhausliteratur, ein wenig Märchen, Rauch und Fantasie, ohne im Klischee zu erstarren. Die Trottas dieser Welt, tragen sie auch andere Namen, stehen wie ausgehöhlt und brüchig vor und an den Gräbern. Das religiöse Fundament der Habsburger Gesellschaft ist mit dem Kaiser, den alle kannten und wertschätzen, erloschen, die Auflösung beschlossene Sache. Auf die Erosion folgt: Nichts.
Folgerichtig lässt Roth seine Anti-Helden Trotta, Eibenschütz und Taittinger sehenden Auges willentlich untergehen wie das System, aus dem sie stammen und von dem sie sich niemals lösen können. Neben der süßlich - morbiden Dekadenz, die tanzend und singend zugrunde gehen muss, bergen die k .u. k. Romane den unerfüllbaren Wunsch, die versunkene Heimat als heile Idealwelt mittels literarischer Erinnerung zurück zu erlangen, wie der eingangs zitierte Satz dokumentiert: „Es war eine kalte Sonne, aber es war (m)eine Sonne.“
Neue Sachlichkeit
Die Werke Roths einer bestimmten Richtung oder Gruppierung der zeitgenössischen Literatur wie dem Existentialismus oder Symbolismus zuzuordnen, fällt schwer. Am ehesten noch verbindet man ihn mit der Richtung Realismus der Neuen Sachlichkeit, und diese Zuordnung mag vor allem für seine frühen Romane auch zutreffend sein. So trägt Flucht ohne Ende nicht nur den Untertitel Ein Bericht, im Vorwort versichert der Autor auch: „Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert.“ Fakten, Auswertung und das Objektive an die Stelle subjektiver Empfindung zu setzen, charakterisieren diesen Stil.
Allerdings auch Schnörkellosigkeit, bewusster Verzicht des Dekorativen und dies kann einem Poeten nur prosaisch anmuten. So distanziert sich Roth 1930 in seinem Essay „Schluß mit der „Neuen Sachlichkeit“ (erstmals publiziert in der Literarischen Welt); unmissverständlich erteilt er dieser kühlen literarischen Richtung eine Absage. Kalt an sich muss nicht literarisch sein, wie Flaubert paradigmatisch exemplifiziert. Auch schließt Beobachtung Sentimentalität nicht aus.
Roth kritisiert von einem journalistischen Standpunkt aus die Unförmigkeit einer Literatur, die sich auf nackte Tatsachen beschränken will, indem er der Zeugenaussage den (geformten) Bericht gegenüberstellt: „Das Faktum und das Detail sind der Inhalt der Zeugenaussage. Sie sind das Rohmaterial des Berichts. Das Ereignis „wiederzugeben“, vermag erst der geformte, also künstlerische Ausdruck, in dem das Rohmaterial enthalten ist wie Erz im Stahl, wie Quecksilber im Spiegel.“45
Roth wirft den Autoren der Neuen Sachlichkeit vor, die Erwartung des naiven Lesers zu ignorieren: „Der primitive Leser will entweder ganz in der Wirklichkeit bleiben oder ganz aus ihr fliehen“. Damit rechtfertigt er seine Vorliebe für das subjektiv Authentische des Augenzeugen. Nackte Zahlen lernt man aus dem Geschichtsbuch, Mitgefühl nur aus dem Erleben. Der Journalist weiß um die Problematik der Objektivität, die Arbeit, aus Einzelaussagen einen neutralen Bericht zu formen: „Erst das „Kunstwerk ist echt wie das Leben … Der Erzähler ist ein Beobachter und ein Sachverständiger. Sein Werk ist niemals von der Realität gelöst, sondern in Wahrheit (durch das Mittel der Sprache) umgewandelte Realität.“
2. Erzählungen
Die frühesten Erzählungen bzw. Novellen Roths entstehen unmittelbar vor dem Krieg, Der Vorzugsschüler (November1916 im Wiener Blatt erstmals publiziert) oder danach Barbara (April 1918 im Wiener Blatt). Sie enden jeweils mit dem Tod ihres angepassten Protagonisten, der im Leben dem Glück hinterherläuft und durch eine Lebenslüge sich selbst verleugnet. Auch die dritte Erzählung April. Die Geschichte einer Liebe (1925, Berlin, Dietz Verlag), in der sich ein Dichter um eine mögliche Liebe bringt, finden hier keine Berücksichtigung.
2. 1. Der blinde Spiegel
2. 1. 1. Entstehung, Inhalt
Der blinde Spiegel, in 19 Kapitel unterteilt, erscheint 1925 in Berlin bei Johann Heinrich Wilhelm Dietz in Berlin, der nach dem Tod des Herausgebers gerade mit der Zeitschrift Vorwärts fusioniert. Der etablierte Verlag publiziert sozialistische Autoren wie Mehring, Marx/Engels, Lassalle und Kautsky. Roth schiebt seine Prosa zwischen journalistische Reiseberichte (sein Broterwerb) ein. Nach Barbara wählt Roth in Fini eine weibliche Hauptfigur zur wehrlosen Protagonistin seiner Auseinandersetzung mit einer bedrohlichen und gewalttätigen Gesellschaft. Sprachlich vollzieht sich das auf der Basis von neoromantischer Prosalyrik, deren Zärtlichkeit des Tonfalls mit trostlose desillusionierendem Inhalt kontrastiert.
Das Wiener Madl Fini, um 1900 geboren, ist 18 Jahre alt, als ihr Vater traumatisiert aus dem Krieg heimkehrt. Dem schüchternen Mädchen schenkt niemand viel Aufmerksamkeit. Sie arbeitet als Stenotypistin und verliebt sich in den Geiger Ludwig, obschon sie weiß, dass dieser bereits ihre ältere Schwester verführt, zur Abtreibung gezwungen und danach verlassen hat. Auf Dauer vermag sie seinem sexuellen Drängen und seinen „dunkelvioletten Tönen“ nicht zu widerstehen und gleicht einem Mantel, der irgendwann doch von der Garderobe genommen werden muss. Als sie die Schwäche des vermeintlichen Raubtiers im Mann durchschaut, etwa den Geiz einer Petroleumlampe, wendet sie sich von ihm ab, kann aber nach Verlust ihrer Unschuld nicht mehr viel erwarten. Auf den Musiker folgt eine Beziehung zu dem politischen Redner Rabold, die gleichfalls enttäuschend verläuft. Am Ende geht Fini, weil sie in den Himmel will, in die Donau, dem Wiener Pendant zum mythischen Fluss Lethe.
2. 1. 2. Zwischen Fatalismus und Defätismus
„Die kleine Fini saß auf einer Bank im Prater und hüllte sich gut in die gute bergende Wärme des Apriltages“46 Der Anfang ist typisch, weil er einen Ort und eine Zeit nennt. Meist beginnen Roths Geschichten im Frühling, die Welt ist zu diesem Zeitpunkt noch in Ordnung und verspricht noch besser zu werden.
Fini ist nicht nur physisch klein, sondern auch psychisch. So verliert sie sich ängstlich in den Straßen der großen Stadt. Roth beschreibt eine Reihe von Besonderheiten seiner Zeit, die zudem von symbolischer Bedeutung sind wie das Laternenentzünden mit langer Stange, dem auch im selben Jahr Kurt Tucholsky mit einem poesievollen Artikel würdigt.47
Grundlegend bietet die Erzählung mit dem vorhersehbaren Ende drei Lesevarianten, die sich nicht exkludieren: Fatalismus, Defätismus und Sozialismus. Fatalismus beinhaltet den Glauben an das Wirken einer höheren Macht, meist in göttlicher Form vorgestellt, dem das Individuum ausgeliefert bleibt. Fini vermag sich nicht zu wehren und ist daher zum Opfer bestimmt. Von Anfang an empfindet sie das Morgen und Übermorgen als ein Grauen, als Bedrohung und schwarze Schatten. Sie verkörpert Ohnmacht und Angst; Rettung scheint ihr nur in Begleitung und schützender Umarmung eines Mannes, eines Liebhabers, möglich. Im Unterschied zum Determinismus, der von selbst verschuldeten Ursachen und Wirkungen ausgeht und sich meist auf die Vergangenheit bezieht, wohingegen der Fatalist nur die Zukunft im Blick hat, scheint Fini schuldlos in diese Welt hineingefallen und gleich einem Insekt nicht mehr den Weg aus der Flasche zu finden. Roth liefert keine Hinweise, die auf einen sozialen Determinismus schließen lassen; seine Formulierung lautet „zwischen dem Unglück und seinen schrecklichen Folgen.“
Defätismus beinhaltet Resignation, die entweder erfahrungsbedingt oder selbstkonditioniert ist. Vor allem Frauen haben um die Jahrhundertwende weniger Selbstbewusstsein als Männer, sehen sich im Patriarchat als unterlegen an und können sich meist nur in ihr Schicksal fügen; dazu zählen Zwangsehe, kein Recht auf Arbeit und moralische Vorverurteilung bei Verlust der Jungfräulichkeit. Soldaten, die im Krieg Skepsis am Sieg äußerten, galten als Defätisten.
Finis Minderwertigkeit kommt an mehreren Stellen zum Ausdruck, etwa beim Stenographieren „Es war, als hatte man ein verrücktes, wirbelndes Rad zu stenographieren; große, bunte Rader kreisten, wuchsen violett und rot gerändert aus dem Papier.“48
Die Furcht einen der begehrten Arbeitsstellen zu verlieren ist im Wien der Nachkriegszeit groß. Dass Fini überhaupt arbeiten darf, verdankt sie dem Umstand, dass ihr Vater Kriegsinvalide ist und die Rente nicht ausreicht. Die unterlegene Rolle der Frau im Rollenverständnis des Mannes kommt deutlich zum Tragen. Fini vollzieht nur schwer die Entwicklung zur heranwachsenden Frau bis. Das pubertierende Mädchen fixiert immer nur die Erwartungshaltung ihrer nächsten Umgebung. Sie fürchtet sich vor ihrem Chef und fremden Straßen, vor ihrer erwachenden Sexualität. Männer sind für sie gefährliche Raubtiere, denen die Frau willenlos erliegen muss, zumal sie das Schicksal der verführten und verlassenen, durch eine Abtreibung beinahe ums Leben kommenden Schwester erlebt. Schließlich aber lässt sie sich vom selben Geiger verführen, weil sie seinem Begehren „der dunkelvioletten Töne“ nicht widersteht.
Die Frau ist devotes Opfer, zum Verzicht (erst dem Vater, später dem kranken und erblindeten Gatten gegenüber und zuletzt einem politisch Verfolgten) bereit oder zu absoluter Hingabe gegenüber dem Mann verpflichtet. Immer ordnet sie sich seinen Interessen, seinem Willen unter analog Nietzsche: „Das Glück des Mannes heißt: Ich will. Das Glück des Weibes heißt: Er will.“49
Bei Roth heißt es: „Die Männer sind aus einer ganz anderen Welt als wir kleinen Mädchen, sie sind klug, stark und stolz, sie lernen viel und wissen viel, sie suchen die Gefahren, und durch die Straßen gehen sie herrschend, und ihrer ist, was sie sich wünschen, die Hauser, die Bahnen, die Frauen und die ganze Stadt.“50
Ehelos ist für die Frau ein Synonym zu mit ehrlos, besonders im Patriarchat.
Roths Stil unterscheidet sich in von dem Zweigs, doch es finden sich zeittypische und daher vergleichbare Phänomene: Untergangsstimmung, Dominanz der männlichen Sexualität, weibliche Furcht und Schamgefühl, Abhängigkeit bis hin zur Hörigkeit der Frau vor dem Mann, seinem Beruf, seiner Rolle als Ernährer und seinem sozialen Stellenwert.
Roth schildert die animalische Brutalität, die junge keusche Frauen bei der körperlichen Annäherung der Männer empfinden. Fini erscheint traumatisiert und hypnotisiert, nicht vorbereitet auf die Rolle einer Frau. Wie die meisten Kinder ihrer Zeit wird sie nicht aufgeklärt un wächst in einer Atmosphäre der Angst heran. Eine vergleichbare Erzählung liefert Stefan Zweig in Die Liebe der Erika Ewald (1904), in der eine junge enttäuschte Frau vor dem Suizid durch einen Zufall gerettet wird. Veränderung im Innenleben weiblicher Seelen, die zur Lebensunfähigkeit, in Roths Fall in den Suizid führt, sind nahezu identisch. Viele junge Frauen, sehen sich unterdrückt und stehen dieser Form der Gewalt sprachlos gegenüber. Ihre Machtfantasien übertragen sie meist auf selbstbewusste Männer; Fini stellt dabei keine Ausnahme dar.
Die ontische Problematik, das eigene Sein durch Armut, Tugend und Redlichkeit zu bewahren, dominiert. Zwar ist Fini auch Opfer ihrer existentiellen Armut, ausgelöst durch Österreichs Niederlage im Ersten Weltkrieg, doch die Konzentration liegt auf ihrer Infantilität. Die Kluft zwischen männlichem und weiblichem Eros scheint unüberbrückbar; die Verletzlichkeit und Sensibilität der werdenden Frau wird nicht nur bedroht, sie wird zerstört. Die zentrale Frage lautet: welche Veränderung ist in einem rigiden Rollenverständnis möglich?
Der Historiker Philipp Blom, der die Weltuntergangsstimmung vor dem Ersten Weltkrieg analysiert, antwortet: „Anstatt draußen ... hatte sich diese Veränderung im Inneren vollzogen, in den Häusern und Köpfen.“51
Roths Erzählung widerspiegelt die Verunsicherung, in welche Richtung die Veränderung laufen soll; sie sind „durchzuckt von ungeordneten und unverdauten Informationen ... ein Schrei, der von der Bühne geschleudert wurde.“
Fatalistisch heißt in diesem frühen Stadium Roths nicht religiös, sondern mythisch imprägniert. Fini gleicht mythologisch dem Epimetheus52, der alles zu spät bedenkt und nur in der traulichen Lage des Nachfühlens gefangen bleibt. Der Kern der Lehre, zumindest bei Platon, besteht darin, dass Epimetheus den Menschen schwächt, weil er ihn nackt und wehrlos lässt (damit er den Göttern nicht gefährlich werde) und sein Bruder Prometheus daher das Feuer raubt, ein Privileg, das den Göttern vorbehalten bleiben solle. Wenn Prometheus zum Sinnbild der Hybris und des homo technicus Verwendung findet, dann allegorisiert Epimetheus Verzagen und Dulden bzw. verzögertes Nachdenkenden.
Fini erscheint zu wenig reflektiert, um sich behaupten zu können und erinnert das österreichisch-deutsche Kollektivschicksal, das zum Untergang bestimmt bleibt, weil es all seine Hoffnung auf ein Ereignis setzt, das unmöglich eintreten kann. Für den Fatalismus spricht die Wendung „beschlossen war ihr Schicksal“. An ihrem neunzehnten Geburtstag verlässt sie ihn weinend.
2. 1. 3. Gewalt der Musik und der Sexualität
Vergleichbar mit Zweigs Die Liebe der Erika Ewald ist auch die verführerische, nahezu magische Kraft der Musik, die sich bereits in Konzertbesuchen der heranwachsenden Frau in Begleitung des Malers Ernst ankündigen. „»Die Musik«, sagte Ernst, »enthält alle Geräusche der menschlichen Welt, eingefangen in gesetzmäßige Bindung und gesteigert ins Übermenschliche.«53
Der Einfluss Schopenhauers, der Musik als die metaphysische Inkarnation des absoluten Willens bezeichnet, liegt nahe. „Weil die Musik nicht, gleich allen andern Künsten, die Ideen, oder Stufen der Objektivation des Willens, sondern unmittelbar den Willen selbst darstellt; so ist hieraus auch erklärlich, daß sie auf den Willen, d.i. die Gefühle, Leidenschaften und Affekte des Hörers, unmittelbar einwirkt, so daß sie dieselben schnell erhöht, oder auch umstimmt.“54
Nietzsche spricht von übermenschlicher Kraft der dionysischen Musik, Emotionen zu erzeugen. Als Finis Schwester Tilly beinahe nach dem Eingriff einer Engelmacherin stirbt, entdeckt sie Fini das Geheimnis: „Ein Tier ist der Mann, wenn er zu uns kommt und wenn er uns verläßt. Wenn wir dem eisernen Druck seiner Schenkel nachgeben und wenn er aufsteht, müde und mit nachlässigen Fingern uns das Kleid zuhakt.“55
Beide aufeinanderfolgenden Erlebnisse haben mit dem Rausch der Gewalt affektgesteuerten Trieblebens zu tun, der sich die Frau wehrlos ausgesetzt sieht. Folglich koinzidiert beides in der Person des Geigers Ludwig; er erscheint ihr wie eine Naturmacht (Raubtier), ein Gast in ihr und zugleich ein neues zu Hause. „An uns vorbei schreiten die jungen Mädchen, noch nicht gezeichnet vom bitteren Geschmack, vor ihnen die kommenden Tage, leuchtend und frisch wie niemals betretene Rasen.“
Ihre Desillusionierung ist der Anfang vom Ende. Sie lernt den Sozialisten Rabold kennen, auf die Musik folgt die Rede, mythisch auf die alte die neue Klage, auf die dionysische Lyra die apollinische in Flöte. Musik bleibt das Grundmotiv: der durch Kanonendonner schwerhörige Vater kann wie durch ein Wunder wieder hören, noch einmal atmet Fini Glück: „Der Ton einer abendlichen Flöte kam, im Ufergras zirpten die Grillen.“
Glück der Zweisamkeit gibt es bei Roth nie. Rabold verschwindet spurlos und kommt nicht zurück. Allein und verlassen, gleitet Fini auf Wolken aus, fällt in den Fluss, ertrinkt, weil niemand mehr da ist, um sie zu retten. In Finis Gang zur Donau zeichnet sich allegorisch bereits das Ende der Donaumonarchie ab. Mit ihr stirbt das junge Leben, alle Hoffnung scheidet aus der Zukunft.
2. 2. Stationschef Fallmerayer
2. 2. 1. Entstehung und Inhalt
Die Novelle über etwa 30 Seiten und in 13 kurze Kapitel unterteilt, erscheint als erste nur im Ausland, 1933 im Amsterdamer Verlag Allert de Lange in der von Hermann Kesten56 herausgegebenen Sammlung Novellen deutscher Dichter der Gegenwart. Bei dem biederen Bahnhofswärter ändert die plötzliche Erkenntnis über ein bislang falsches Leben alles. Die Initiation erfolgt zufällig (Prinzip Tyche), die Folgen sind zwanghaft (Prinzip Ananke). Adornos Maxime „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“57 – kein richtiges Sich-Ausstrecken in der falschen Badewanne und keine öffentliche Existenz, wenn die private durch Unterdrückung der Authentizität eine Schieflage besitzt –erfährt durch einen magischen Augenblick (Prinzip Kairos) potenzierten Ausdruck.
Der bislang zufrieden verheiratete Familienvater Fallmerayer lernt durch ein Zugunglück die russische Gräfin Anja Walewska kennen. „Sie ... hinterließ in allen Zimmern und besonders im Bett Fallmerayers einen unauslöschbaren Duft von Juchten und einem namenlosen Parfüm.“58
In dieser Nacht entdeckt er den wahren Kern in sich, der nicht in der Routine eines Stationschefs aufgeht. Vom Augenblick ihrer Begegnung und ohne ein Wort verändert sich sein Leben: er gibt seine alte Existenz auf, lernt russisch, verlässt seine Frau und Kinder, zieht in den Krieg, schlägt sich zu ihrem Landgut durch, wird ihr Geliebter und verschwindet doch ohne Gegenwehr über Nacht, als ihr schwer verwundeter Gatte überraschend aus dem Kriegslazarett auftaucht. „Man hat nie mehr etwas von ihm gehört.“
Wie in Stefan Zweigs Novelle Phantastische Nacht geht es um einen Mann, der seine wahren Gefühle in sich abgetötet hat, um gemächlich in den Tag hinein zu leben. Er stößt auf ein Geheimnis, das sich Liebenden selber sind und das durch die Verkettung mehrere Zufälle Macht über ihn gewinnt, so dass sie eine Rückkehr zur gewohnten Existenzform vereiteln. Wiederholt bei Roth ist es der slawische Typ Frau, der von animalischer Anziehungskraft ist. Eros mit seinem alles oder nichts-Prinzip vermag auf Dauer Rationalität nicht standzuhalten. Die mythische Begegnung (strömender Regen, entgleisender Zug, das Stufensteigen „in trockene, lichtvolle Wärme“) impliziert neben der physischen Handlung eine übertragene: nicht nur ein Zug, auch sein Leben ist entgleist. Aus der Bahn geworfen, sieht sich der biedere Mann zu einer neuen Lebensform gezwungen. Nichts mehr kann so sein, wie es vor der Begegnung war.
Der Erste Weltkrieg wirkt nicht als Gefahr, sondern als Chance für eine neue Identität. Roth erinnert daran, wie viele junge Menschen, darunter sein Freund Ernst Toller, begeistert und freiwillig in den Krieg zogen. Er bietet Fallmerayer die Möglichkeit, seiner Familie und damit dem alten Trott zu entfliehen. An der russischen Front ringt er um die Klärung seiner Gefühle. Der Schwerpunkt liegt jeweils auf dem Bruch mit der in Routine erstarrten Alltagswelt durch die vehemente Sehnsucht nach einem leidenschaftlichen Gefühl voller Düfte und Farben, das ihnen in der grauen Welt und dem eintönigen Geruch verloren gegangen ist. Fallmerayer unterliegt der Faszination der aristokratischen Welt wie in Zweigs Erzählung der Baron dem Reiz plebejischer Vergnügungen. Schlüsselbegriff ist „das merkwürdige Schicksal“, das über den persönlichen Lebensplan in Kleist´scher Vollendung triumphiert.
Im übergeordneten Kontext fällt der Brüche mit der traditionellen Welt mit traumatisierten Kriegsheimkehrern, politischem Machtvakuum und sich bildender Diktatur zusammen. Zehn Jahre liegen zwischen den beiden Erzählungen, der Resignation nach dem Untergang des Habsburger Reiches und dem Anspruch auf die totale Macht in einem großdeutschen Reich. Sie zeitigt eine Gesellschaft der Gestürzten und Orientierungslosen, eine Generation der sinnsuchenden Verlierer.
Nomen est omen. Fallmerayer trägt den Namen bereits in sich; er muss fallen, denn er verkörpert einen Zeitgeist der Auflösung und der Orientierungslosigkeit, die auf eine festgelegte Ordnung folgt. Die alte Welt implodiert; auf den lauten Knall folgt eine Epoche des leisen Verschwindens.
2. 2. 2. Symbolismus
Die Geschichte ist trotz der Banalität ihrer Handlung: Mann verlässt Familie, wird Geliebter einer verheirateten Frau und räumt seinen Platz klaglos, als der Gatte heimkehrt, mehr als ein Sündenfall oder eine Liebesgeschichte. Schon der Name der Gräfin Walewska verweist auf eine historische Situation; Maria Walewska war die sechzehnjährig mit einem Greis zwangsverheiratete Tochter eines polnischen Grafen, die nach einem Ball in Warschau die mit zwanzig Jahren die Geliebte Napoleons wurde und einen Sohn mit ihm besaß. Der Name war seiner Generation vertraut und daher nicht absichtslos gewählt. Da die leidenschaftliche Beziehung abrupt endete, darf sie als prophetischer Hinweis gedeutet werden. Der Vorname Fallmerayer ist gleichfalls prägnant: Adam.
Die Konstellation ist evident um Wahrung von Menschlichkeit bemüht; das Opfer des Stationschefs ist groß, doch er nimmt es klaglos hin, wie ein Spieler, der seinen Einsatz nicht bereut. Auch Roth bricht in ein neues Land auf, eine neue Existenz: Frankreich und das Los eines Exilautoren.
„Obwohl die Sonne noch nicht untergegangen war, dämmerte es bereits, vom Regen kam es.“ Neben Zeit und Ort sind auch Naturphänomene symbolisch eingebettet. Bei allen wesentlichen Ereignissen, dem Zusammentreffen und dem Wiedersehen mit als auch dem Abschied von der Gräfin regnet es. Die Tropfen bzw. Bindfäden übernehmen die Funktion der Nornen, Parzen oder Moiren, nur dass anstelle der Geburt eine zweite, eine gewählte Wiedergeburt tritt und der physische Tod einem spurlosen Verschwinden weicht.
Zum Dingsymbol wird der Pelz der Gräfin, nicht nur, weil er für die Welt der Fallmerayer unerschwinglich ist, sondern weil er Kultur und Natur vereint. Zudem verhüllt er das Substantielle. Die Entgleisung des Zugs – „die Katastrophe war da“ – verweist auf den Krieg und das Ende einer Ära. Überall Trümmer, Schreie, Verwundete, Tote, ganz wie auf einem Schlachtfeld.
Das Grauen wird mit Ästhetik verbunden: „Die langen, weißen Hände lagen über dem Pelz, regungslos auch sie, zwei wunderbare Leichen.“59 Physische Katalepsie wird transformiert auf die psychische Starre des Stationschefs, dem erst der Geruch der schönen Frau Leben einflößt. Der Entgleisung des Zuges folgt die des Stationschefs.
Sowohl Schicksal als auch Duft sehen sich mit dem Adjektiv merkwürdig assoziiert und damit verknüpft. Mit dem Duft verbindet der Mann Exotik und Freiheit, gleichzeitig mit dem Namen seiner Frau Klara Klarheit und Routine. Ebenso versieht Roth Länder und Herzen mit der Eigenschaft verschieden; er denkt nicht national sondern individuell. Zunächst erkennt ihn die Gräfin nicht: der Soldat ist auch nicht mehr der Stationschef, doch dieser vertraut darauf, dass eine solche Begegnung nicht ohne unwiderstehlichen Antrieb bleibt.
Für das Wesentliche braucht es keine Worte: „Und ohne eine Zustimmung abzuwarten, stürzte er in sein Zimmer, kam mit dem Mantel zurück, legte ihn der Frau um die Schultern, wie er ihr einmal den Pelz umgelegt hatte, damals, an dem unvergeßlichen Abend der Katastrophe, und hierauf den Arm um den Mantel. Und so gingen sie in die Nacht und in den Regen.“
Das Wort Katastrophe taucht häufig auf, als ob zwischen dem Mantel und dem Regen gleichfalls ein Zusammenhang bestünde, unsichtbar, aber mit verehrenden Folgen. Der Aufbruch ins Ungewisse endet magisch mit einem Kuss. Somnambul haben sich zwei Menschen unter unwahrscheinlichen Umständen und entgegen aller Konventionen gefunden. Der Krieg erweist sich als Segen für die beiden, die in einem fast vergessenen Paradies nur für sich leben können, bis die Folgen des Krieges auch die russische Provinz erreichen. „Ein kluger Instinkt sagte den beiden Liebenden, daß in einer Zeit, in der das wahrhaftige Chaos auf der ganzen Erde herrschte, das ewige Meer die einzige Freiheit bedeuten müsse.“60
2. 3. Triumph der Schönheit
2. 3. 1. Entstehung und Inhalt
Die Novelle wird im September 1935 in der Zeitschrift Les Nouvelles littéraires unter dem Titel Le Triomphe de la Beauté publiziert. Roth, der für die wichtigste antifaschistische Zeitung in Paris schreibt, liefert selbst die Übersetzung seines in Deutsch verfassten Manuskripts von etwa 25 Seiten Länge. Die Erzählung entsteht in Sanary-sur-Mer nahe dem französischen Militärhafen Toulon, etwa 70 km in Marseille entfernt. In Buchform wird sie wie erst posthum bei Kiepenheuer gedruckt. Die Erzählung gehört zur Reihe der Geschichten aus der Habsburger Monarchie und spielt in der Zeit unmittelbar vor und nach dem Ersten Weltkrieg.
Einige Figuren wie Dr. Skowronnek aus Radetzkymarsch oder der Ungar Laktatos aus Beichte eines Mörders kommen darin vor. Durch die Krankheit seine Frau Frederike (Friedl), die er in einer exklusiven Wiener Privatklinik hat zurücklassen müssen, spielt die Zerrüttung der Seele eine gewichtige Rolle für die Erzählung. Die Protagonistin Gwendolin leidet wie Friedl an hysterischer Neurose. Roth verarbeitet seine Schuldgefühle an ihrer Schizophrenie literarisch.
Die Novelle, von dem Gespräch zwischen einem Arzt und dem Erzähler gerahmt und in 13 Kapitel gegliedert, handelt von einem sorglos in den Tag hineinlebenden Ingenieur, der sich in eine, wie sich herausstellt, neurotische Frau namens Gwendolin verliebt „Er fand sie tapfer, tollkühn, opfermutig und obendrein sehr gescheit.“ Die Braut stammt aus besseren englischen Adelskreisen, und ihr Markenzeichen sind Lächeln und blendend weiße Zähne. Schon an der Art, wie sie ein Monokel zum Auge führt, wie sie ihre Röcke trägt und wie sie mit der Zunge rollt, ist dem Arzt sofort klar: sie ist eine Schlange. Bald nach der Hochzeit erkrankt sie, als ein ernster Konflikt eintritt. Geht etwas nicht nach ihrem Willen zerstört sie das Leben ihres Mannes. Die Grundüberzeugung des Frauenarztes ist, dass hinter jeder kranken Frau ein unerfüllter Wunsch steht.
Die Diagnose lautet auf Bandwurm; die Patientin findet darin die Entschuldigung für all ihre Launen; sie trinkt und betrügt ihren Mann mit dem perfiden Tänzer Lakatos. Der Ingenieur verdrängt und verschweigt, aus Diskretion, aber auch, weil er weiß, dass indiskrete Geständnisse Freundschaften zerstören. Der Krieg forciert eine lange Trennung der beiden Ehepartner. Anstelle sie in eine Klinik zu geben, pflegt er sie als Co-Abgängiger zu Hause und überschreitet dabei seine Grenzen. Am Ende erkrankt tötet er sich aus Eifersucht und Einsicht über seine Lebenslüge, die einen Narren aus ihm gemacht hat. Gwendolin hingegen gesundet und tanzt mit Lakatos aus Budapest fröhlich durchs Leben.
2. 3. 2. Bedeutung der Musik
Der aus Galizien stammende Frauenarzt Skowronnek berichtet dem Icherzähler von seinen Anfängen aus seiner Praxis, damit ihm dieser glaubt: „Unheilbarer Selbstmörder sind die Männer ganz bestimmter kranker Frauen … Wer sich selbst töten will, den kann man nicht retten.“61 Er befreundet sich mit einem gebildeten charmanten und gesunden jungen Mann mit angeborener Noblesse. Aus Briefen ist zu entnehmen, dass Roths Sichtweise sich weitgehend mit der Skowronneks deckt und sich als Plebejer empfindet: „Ehrgeizig ist nur der Plebejer. Der wirklich noble Mensch ist anonym. Ehrgeiz ist … eine Eigenschaft des Plebejers. Er hat keine Zeit. Er kann nicht erwarten, zu Ehre, Ansehen, Ruhm zu gelangen. Der noble Mensch aber hat Zeit zu warten, ja sogar zurückzustehen.“ Der falsche Ehrgeiz bringt den Mann dazu, erst zu verdrängen und dann seine Frau anstelle sich selbst retten zu wollen.
Von Anfang an nimmt Musik eine Schlüsselfunktion ein. Nur eine bestimmte Musik öffnet das Herz des jungen Mannes, ansonsten schweigt auch er, um niemanden zu belasten. Musikgeschmack klingt in mehreren Erzählungen Roths an, zumal er selbst leidlich gut Geige spielt. Mit der Redewendung die Geige hoch drückt er gute Stimmung aus, mit die Geige tief die Depression.
Über die Musik glaubt Skowronnek den Humor, den Takt, das Feingefühl eines Menschen zu erkennen. Die Psychopathin Gwendolin „liebte Wagner. Er beschimpfte ihn. Nichts konnte einen Musiker seiner Art – und auch meiner Art – so sehr reizen wie ein Wohlgefallen an Wagner ... musikalische Menschen könnte man in zwei feindliche Gruppen teilen: in Mozart-Liebhaber und Wagner-Anhänger. Merken Sie, daß ich nicht einmal Wagner-Liebhaber mehr sagen kann? Ich sage: Anhänger. Menschen mit Ohren für Posaunen und Kesselpauken – und Menschen mit Ohren für Cello, Geige und Flöte ... Eher werden sich zwei Taubstumme verständigen als zwei musikalische Menschen ...“
Das Wagnermotiv repräsentiert den Faschismus und eine kranke Mentalität bzw. Geisteshaltung; mit der britischen Passivität gegenüber der aggressiven Politik assoziiert Roth eine internationale Verbreitung des Größenwahns und eine geopolitische Zuordnung. Seine mythische Überzeugung besteht darin, Wagnerianer mit Kriegsbefürworter gleichzusetzen. Der noble Mensch hat feinere Ohren. Roths Ablehnung Wagners folgt Nietzsches Streitschrift Der Fall Wagner. Über Roths Ablehnung besteht kein Zweifel: „Und nun brachte ich meinem Freund ein unerhörtes Opfer ... Ich spielte ... Wagner!... Den Pilgerchor ... Wagner ist ein großer Meister, sagte sie, als wir fertig waren. Ja. Gnädige Frau! Als Heilmittel für kranke Damen ist er unübertrefflich.“62
Wagner, Totalität, Trunkenheit des Verstandes und die blonde Bestie sind für Roth identisch. Außerdem redet er sich erfolgreich an, Gwendolin sei die Frau seiner Träume – er will auf beiden Augen blind und beiden Ohren taub sein. Der Krieg forciert eine lange Trennung der beiden Ehepartner. „Frau Gwendolin ... schien ihr Vaterland, das feindliche England, ihre Abstammung vergessen zu haben. Die äußerst bunte Männlichkeit der österreichisch-ungarischen Armee hatte wahrscheinlich jedes Gefühl für England in ihrem schönen Busen ausgelöscht ... Liebe allein bestimmt die Haltung der Frauen.“
Als ihr Betrug und Alkoholkonsum nicht mehr zu kaschieren sind, flieht sie in die (vorgetäuschte) Krankheit. Skowronnek rät seinem Freund, sie in eine Klinik zu geben, aber stattdessen muss er, seinem inneren Zwang und Schuldgefühl folgend, die Dame rund um die Uhr betreuen. „Der Irrsinn der Welt ist stärker als der gesunde Menschenverstand, die Bosheit ist mächtiger als die Güte.“
Die Krankheit der herrschsüchtigen und egozentrischen Frau, mehr noch die ihres kultivierten Gatten, repräsentieren zwei politische Symptome der Zeit: Faschismus und Pseudo-Liberalismus.
Lakatos ist als diabolischer Kleinbürger gezeichnet, „ein Typus, keine Persönlichkeit“ Nur scheinbar triumphiert die genesende Gwendolin: „Noch ein Jährchen, noch zwei“, prophezeit der Arzt und „verbittert sinkt ihr bald ins Grab und noch tiefer, in die Hölle.“ Der Triumph ihrer äußeren Schönheit bleibt nicht von Dauer und stiftet auch Rausch des Vergessens.
Roths Erzählungen sind moralisch, ohne zu moralisieren. Kern bleibt immer das Seelenbeben, das nach Erlösung oder Heimkehr strebt, was mythologisch dasselbe ist, denn schon Platons Seelenlehre formuliert, dass Erkennen ein Wiedererkennen (anamnesis) beinhaltet. Im Phaidon lehrt er, dass dem Wirklichen nur die Idee des Schönen anhaftet und die Weisheit mit zunehmender Teilhabe an der entstofflichten Idee zunimmt. Roths Erzählung formt das Unsichtbare, das Reich der Fantasie und Spiegel zum Innenleben, das wahre Seelenschöne, über die das Äußere hinwegtäuscht. Geheimnis und Fantasie gleichen einem Schlüssel zur Heimkehr in das verlorene Ich. In der wirklichen Welt plagt sich der gespaltene Mensch mit Einsamkeit und mit der Frage, wer er eigentlich ist. Das romantische Konzept der Vervollkommnung durch kongeniale Ergänzung sieht der Autor als gescheitertes Experiment an, da es nur in Abhängigkeit führt und die Selbständigkeit verhindert.
Viele Erzählungen Roths thematisieren den Leib-Seele Dualismus und das Ineinandergreifen von utopischen Denken (Mystik) mit der realen Handlungsebene. Die meisten seiner Charaktere haben zwei nicht kompatible Seiten, die sie im Inneren spalten. Die Geschichte thematisiert die Genealogie zweier Anomalien („Hysterie ist ansteckender als Typhus“), mit welcher die Frau besser umzugehen versteht als ihr Ehemann, der in einen autodestruktiven Sog gerät. Der tragische Ausgang fast aller Roth basiert auf die Unrettbarkeit des Ich, den Untergang seiner geistigen Heimat und den Triumph der politischen Apokalypse, die er im Antichrist bezeichnet.
2. 4. Die Büste des Kaisers
2. 4. 1. Entstehung und Inhalt
Die in sieben Kapiteln gegliederte Novelle von etwas über zwanzig Seiten entsteht im Anschluss an Triumph der Schönheit im Dezember 1934 und erscheint wie diese im Sommer 1935 im Pariser Tageblatt unter dem Titel Le buste de l'empereur. Die deutschsprachige Erstveröffentlichung findet gleichfalls in der ersten Gesamtausgabe von Kiepenheuer & Witsch in Köln 1964 statt.
Handlungsort ist Ostgalizien zwischen Lemberg und Brody, wo ein Miniatur-Kaiser, der gutherzige und monarchietreue Graf Franz Xaver Morstin für Recht und Ordnung sorgt. Er repräsentiert Transnationalität der k. u. k. Monarchie. Als Dank für seine Gastfreundschaft während eines Manövers erhält Morstin eine Büste des Kaisers, die er wie eine Reliquie verehrt und während des Krieges vor den Russen im Keller versteckt. Nach Kriegsende entrüstet ihn eine billige Kabarettnummer, die den Kaiser verunglimpft und ein Imitat der Stephaniekrone entweiht, so dass er die Büste wieder aufstellt. Als ein polnischer Verwaltungsbeamter daran Anstoß nimmt, findet ein rituelles Begräbnis der Skulptur statt. Mrostin verlässt seine Heimat und sieht seinem Tod an der italienischen Riviera entgegen, will aber nahe seiner Büste begraben werden.
Eine Lesart besteht darin, die Geschichte als Parabel und eine andere, sie als Legende zu lesen. Als Parabel repräsentiert sie die Heimatlosigkeit des Grafen, der ohnehin unterschiedliche genetische Wurzeln besitzt, die aber die Frage seiner Identität nie berühren, da er sich als Diener der Monarchie, als Bürger eines Reiches und im Herzen als Österreicher fühlt. Folglich beginnt seine Odyssee mit dem Ende der Habsburger-Regierung, weil sie mehr ist als ein Apparat: ein Vaterland und eine Religion. Als Legende reflektiert betont Die Büste des Kaisers, was Roth die ironische Ungläubigkeit der mutmaßlichen Stützen im Reich bezeichnet. Unter dieser Perspektive rückt das Schlüsselereignis in der American Bar in den Vordergrund, in der sich Menschen sinnfrei und amoralisch amüsieren und sämtliche Werte sabotieren bzw. diskreditieren, die für einen respektvollen Umgang miteinander unentbehrlich sind.
Der Beginn, nicht untypisch für Roth, beschreibt präzise geografisch und topografisch den Schauplatz des Geschehens, von dem die allermeisten nie gehört haben dürften. Der Ich-Erzähler sieht sich zu einer Erläuterung genötigt aufgrund der „unnatürlichen Launen“ der Geschichte.
2. 4. 2. Utopie und Legende
Eine Utopie ist ortlos, eine Legende zeitlos. Roth impliziert den Tenor des ubique: „Überall trugen die Gendarmen den gleichen Federhut oder den gleichen lehmfarbenen Helm mit goldenem Knauf und dem blinkenden Doppeladler der Habsburger; überall waren die hölzernen Türen der k. u. k. Tabaktrafiken mit schwarz-gelben Diagonalstreifen bemalt; überall trugen die Finanzer die gleichen grünen (beinahe blühenden) Portepees an den blanken Säbeln; in jeder Garnison gab es die gleichen blauen Uniformblusen und die schwarzen Salonhosen der flanierenden Infanterieoffiziere auf dem Korso, die gleichen roten Hosen der Kavalleristen, die gleichen kaffeebraunen Rocke der Artillerie; überall in diesem großen und bunten Reich wurde jeden Abend gleichzeitig, wenn die Uhren von den Kirchtürmen neun schlugen, der gleiche Zapfenstreich geblasen … Überall gab es die gleichen Kaffeehäuser mit den verrauchten Wölbungen, den dunklen Nischen, in denen Schachspieler wie merkwürdige Vogel hockten, mit den Buffets voll farbiger Flaschen und glitzernder Glaser, die von goldblonden und vollbusigen Kassiererinnen verwaltet wurden.“63
Vier rhetorische Stilmittel zeichnen diese Textstelle aus: erstens die Repetition durch Wiederholung einzelner Worte, Syntax und Sinneneindrücke, in diesem Fall Farben. Zweitens die Metonymie diverser Details, die sowohl atmosphärisch verdichten als auch eine Magie der Ganzheit bilden. Zu der optischen Signalwirkung tritt eine rituelle Sprache, deren Kodex von allen Nationalitäten verstanden wird, inkludieren. Drittens die legendär anmutende Zeitlosigkeit; ein Sondermerkmal des Habsburger Reiches besteht in der Koexistenz von Heterogenität unter einem Dach. Viertens die subtile Erotik zwischen den Zeilen, die das Humane und das Lebensgefühl betonen, nicht die großen Ereignisse oder die Politik. Folglich ist auch hier der Mensch wichtiger als das Amt und der Kaiser als Person wichtiger als das Gesetz, die Zugehörigkeit zu einem Reich elementarer als die nationale oder soziale Identität: der konkrete Ort, das Dorf Lopatyny fern der Eisenbahn könnte überall liegen, es ist lediglich ein Platz unter vielen im Kaiserreich.
Das gilt auch für Menschen wie Morstin, der auch polnische Ahnen hat – de facto existiert ein auf das 14. Jahrhundert zurückblickendes Adelsgeschlecht diesen Namens in Krakau –, die es mit der Tradition halten: Leben und leben lassen. Er ist der Prototyp des alten Österreichs mit seinem Mikrokosmos Ostgalizien. Wie ein Kaiser lenkt er die Schicksale auf günstige Bahnen durch seinen Namen, Würde, Charisma wirkt er als guter Geist hinter den Gesetzen. Im Umkehrschluss bedeutet das eine heile Welt, denn wenn es überall einen Morstin gibt herrscht auch überall Frieden und ein gewisses Maß an Glück und Gerechtigkeit. Dass es in der Monarchie vor dem Krieg an verschiedenen Brandherden mehr als gärt, ist unbestritten. Dramaturgisch jedoch kann die Geschichte nicht anders erzählt werden, um den Verlust und die Bedeutung des Kaisers in Gestalt der Büste deutlich zu gestalten.
Der zweite Teil handelt von nusquam; nach dem Krieg und bei der Heimkehr findet sich nirgends mehr das Gleiche, das Vertraute wieder: „Gewiß, es waren noch die gleichen Felder, die gleichen Wälder, die gleichen Hütten, die gleiche Art der Bauern - die gleiche Art, sagen wir-, denn viele von jenen, die der Graf noch gekannt hatte, waren gefallen.“ Der Krieg bedeutet Zäsur.
Negativer Höhepunkt der Sittenlosigkeit ist die American Bar, bereits vom Namen her ein Fremdkörper, in der die ehernen Gesetze nichts mehr gelten und stattdessen Spektakel vorherrscht. In Zürich, zumindest in dieser Nachtbar, sind die Röcke schamlos und die entblößten Knie hässlich, die Typen widerlich, „eine Auslese jener Art von Menschen, die das Erbe der untergegangenen Welt vorläufig verwalteten, um es ein paar Jahre später an die noch moderneren und mörderischen Erben mit Gewinn abzugeben.“
Solche geldgeilen und lüsternen Typen, die ihren Wert im Champagnerglas suchen, findet man in der Tat überall. Es sind die Gespenster neugeborener Nationalitäten. Symbolisch verkörpert das Mixen von Getränken und der beliebige Zugang des Unter- und Oberschicht in den Club, das daraus entstehende Halbwelt-Milieu das Zerrbild dessen, was Morstin als Ganzheit und Heimat kennt. Die Zaubertränke der neuen Zeit verändern auch ihn, wenngleich nur für einen einzigen Augenblick: der würdevolle Mann fällt aus der Rolle und schlägt, um der Schande an seinem Kaiser und Vaterland ein Ende zu bereiten, mit einer Flasche den Tänzer nieder. Symbolisch und grotesk zugleich wirkt sein Versuch, mit der Sodawasserflasche einen imaginären Brand zu löschen.
Mit dem Aufstellen der Sandsteinbüste geht noch einmal ein Ruck durch die Bauern der Region. Sie grüßen ehrfurchtsvoll den Schatten eines verlorenen Reiches und erinnert sich, wie es einmal war.
Morstin wird durch seine gelebte Tradition und wieder eingeführten Rituale zum Oppositionellen der jungen polnischen Republik. Der Ausgang ist vorhersehbar. Die Internationalität seiner Helfer, ein ukrainischer Schreiner, ein polnischer Schmied und ein jüdischer Schreiber sorgen für die Umsetzung seiner Vorhabe, die Büste wie in der Kapuzinergruft einzusargen. „Also begrub man den alten Kaiser zum zweitenmal im Dorfe Lopatyny, im ehemaligen Galizien.“
Obiger Satz steht stellvertretend für die rückwärtsgewandte Utopie, die Roths Erzählungen seit dem Radetzkymarsch auszeichnen. Auch wenn die Darstellung subjektiv emotional erfolgt, so entbehrt sie nicht den politisch-historischen Kern, dass aus dem Zerfall des Reiches Instabilität hervorgeht, der im Wesentlichen auf nationale Chauvinismen rückführbar ist.
Die Erzählung fokussiert die Bedeutung von Sinnbildern für Roth und für die Wirkungsmacht der Donaumonarchie. Denkmal, Krone und Kleidung sind die drei sichtbaren Bausteine des Zusammenhaltes im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Die Bargesellschaft bildet den karikierten Gegenentwurf dazu, eine Kohäsion der Beliebigkeit und Geschmacklosigkeit.
Der dritte Aspekt berührt die Begriffe Vater, Vaterland und Vaterhaus, die symbolisch im Kaiser bzw. Morstin zusammenfließen. Haus spielt für einen zunächst freiwilligen, dann im Exil dazu genötigten Schriftsteller eine bedeutsame Rolle. „Heimatlosigkeit und Gefängnis haben ihr positives Korrelat im Bild es Hauses oder Vaterhauses.“64 Der Icherzähler spricht von einer Entwicklung der Behausung, die in Höhlen begann, über Hütten und Häuser führte, nun aber Menschen wie Gefangene in Käfigen zu leben zwingt.
Das Leben im Labor, im Provisorium oder im permanenten Übergang erzeugt im Denk-Mal mehr als nur kollektives Gedächtnis und persönliche Erinnerung; es schafft eine Verweigerung und damit Revolte in Camus´ Sinne, unter Gewaltverzicht aber mit Solidarität zu allen Verlierern und Heimatlosen dieser Welt. Roth stellt der natürlichen familiären Ordnung die des Terrors eines Nationalstaates entgegen.
2. 5. Der Leviathan
2. 5. 1. Entstehung und Inhalt
Die erstmals 1938 in der Pariser Tageszeitung veröffentlichte Erzählung zu etwa 30 Seiten trägt ursprünglich den schlichten Titel „Der Korallenhändler". In Buchform findet sie Publikation im Verlag Allert de Lange kurz nach Roths Tod auf Betreiben Hermann Kestens unter „Die Legende vom Leviathan“. Der Bezug zur Legende bzw. Mythologie ist nicht nur durch den Titel indiziert. Schon der erste Satz im ersten von acht Kapitel belegt den märchenhaften Grundton: „In dem kleinen Städtchen Progrody lebte einst ein Korallenhändler, der wegen seiner Redlichkeit und wegen seiner guten, zuverlässigen Ware weit und breit in der Umgebung bekannt war“.65
Der Schauplatz ist im Gegensatz zu Lopatyny zwar fiktiv, klingt aber lautmalerisch an Brody an. Der letzte Satz schließt gleichfalls legendär mit einer seelischen Beheimatung, da der Chronist den Meeresgrund als wirkliche Heimat des Protagonisten angibt und schließt: „Möge er dort in Frieden ruhn neben dem Leviathan bis zur Ankunft des Messias.“
Neben Hiob und Tarabas wird keine Geschichte so sehr vom regionalen Brauchtum des Chassidismus geprägt. Der Leviathan ist eine religiöse Legende, die fast schon einem Bekenntnis zum Judentum gleichkommt. In der Retroperspektive dominiert Melancholie über eine verlorene Welt, einen Zeitgeist. Bewusst wendet sich Roth von der Neuen Sachlichkeit und vom Expressionismus ab, obschon er thematisch dem Motiv der verlorenen Generation treu bleibt.
Der Grundton ist elegisch, doch von besonderer Wehmut, weil sie nicht anklagt oder verklärt, sondern einzig festhält, dass sich viele Menschen in der neuen Ordnung nicht zurechtfinden. Über den orthodox-jüdischen und zunehmend unglücklichen Korallenhändler Nissen Piczenik sagt der Chronist: „Er war nicht einfach ertrunken wie die anderen. Er war vielmehr … zu den Korallen heimgekehrt, auf den Grund des Ozeans, wo der gewaltige Leviathan sich ringelt.“66 Seiner letzten Ruhestätte geht eine Transformation voraus, die aus dem kontinentalen, seiner ostgalizischen Scholle eng verbundenen Händler einen reisenden Vagabunden macht. Seelisch ist der Korallenverkäufer mit dem Grund des Ozeans verbunden „er sehnte sich nach dem Meere.“
Es bestehen drei Möglichkeiten, das Geschehen zusammenzufassen. Zunächst unter dem Aspekt Antagonismus zwischen Tradition und Moderne.
Der Protagonist Nissen Piczenik ist ein frommer, integrierter und geachteter Jude der wie alle Dorfbewohner nach alten Gesetzen und Brauchtum lebt. Spätestens seit dem Radetzkymarsch integriert der Autor den Genuss von Schnaps als soziales Kulturgut, das alle Menschen zu Brüdern macht: „und es gibt keinen Unterschied zwischen Bauer und Händler, Jud' und Christ; und wehe dem, der das Gegenteil behaupten wollte!“67
Der Zusammenhalt diverser Ethnien vor Ausbruch des Krieges und der Frieden zwischen den Bewohnern endet mit dem Auftauchen des Verführers Gorodotzki, der ihnen den Weg zum schnellen Geld durch billigen Tand weist. Die Profitgier des Fabrikanten wirkt wie eine Adaption von Walter Benjamins Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935).
Der Umgang mit Korallen und Kunst führt zum Wertekonflikt zwischen dem Handwerk Nissens und der Massenware des Petersburger Perlenhändlers.
Der zweite gesellschaftliche Topos besteht in der Entfremdung des Menschen Nissen von seiner Frau und Familie. Seine Reise nach Odessa führt zum Rollentausch: „Indessen lag, unfruchtbar und häßlich, seine Frau daheim, in Progrody. Sie verkaufte heute an seiner Statt Korallen. Konnte sie es überhaupt? Wußte sie, was Korallen bedeuten?“
In diesem Kontext wird der bislang bodenständige und sesshafte Händler verführt von dem Matrosen Komrower, die Gebote seiner Religion zu vergessen. Es sind die ersten Ferien für Nissen überhaupt. Das Spannungsfeld liegt folglich in der Kollusion kontinentaler Kontinuität nomadischen Abenteuern.
Der dritte Gesichtspunkt liegt im theosophischen Duell mit dem diabolischen Charakter Jenö Lakatos, dessen Name magyarisch Schlosser bedeutet und an dem alles unecht aufgesetzt erscheint: ein „junger Mann, mit glatten, blauschwarzen, pomadisierten Haaren – nebenbei gesagt der einzige Mann weit und breit in der Gegend, der einen glänzenden steifen Kragen trug, eine Krawatte und ein Spazierstöckchen mit goldenem Knauf.“
Für Nissen ist Metaphysik alles, für Lakatos beruht sie auf Nichts. Zwischen den beiden Männern herrscht ein Generationenkonflikt vor, zudem handelt Lakatos mit Imitaten, die chemisch gewonnen werden. Anstelle lebendiger Korallen verkauft er Kunststoff. Der infernale Vergleich ist deutlich: „Korallen, die bläulich brennen, wenn man sie anzündet, wie das Heckenfeuer, das ringsum die Hölle umsäumt.“
2. 5. 2. Die Koralle und das Motiv der Fälschung
Fast jede Erzählung Roths hat mindestens ein tragendes Symbol oder dingliches Leitmotiv. In Radetzkymarsch, Die Kapuzinergruft und Die Büste des Kaisers ist es bereits im Titel enthalten. Im Fall dieser Erzählung ist zwar auch der Leviathan von signifikanter Bedeutung, doch im Grunde als Wächter der Korallen: „Dem Leviathan aber, der sich auf dem Urgrund aller Wasser ringelte, hatte Gott selbst für eine Zeitlang, bis zur Ankunft des Messias nämlich, die Verwaltung über die Tiere und Gewächse des Ozeans, insbesondere über die Korallen, anvertraut.“68
Acht Nennungen des Leviathans in der Novelle stehen allein im ersten Kapitel achtunddreißig Erwähnungen der Koralle gegenüber, das Wort Korallenhändler nicht eingerechnet. Würde man alle Stellen zitieren, könnte man fast den Gesamttext kopieren. Das vom Griechischen korállion abgeleitete Nesseltier kommt ausschließlich im Meer vor und symbolisiert in seiner Sesshaftigkeit das Gegenteil des Nomaden . Dies kann beinahe lebenslang auch vom Händler Nissan behauptet werden, deren Abbild die Korallen sind. Sie sind mehr als bloßes Attribut des Meeresungeheuers oder terrestrische Entsprechung.
Seemannsgarn fließt als Korallen-Theorie ein: das Lebewesen erstellt sich auf Meeresgrund, um gefunden zu werden und als Schmuck für die Frauen veredelt, die Liebeslust der Männer zu erwecken. Demnach repräsentiert das Meeresgeschöpf von Anfang an sakrale Wertigkeit und einen divinen Charakter. „Denn die Korallen sind die edelsten Pflanzen der ozeanischen Unterwelt, Rosen für die launischen Göttinnen der Meere, so reich an Formen und Farben, wie die Launen dieser Göttinnen selbst.“
Die Farbe Rot und das Organische der Korallen formen Einheit und Synonyme für natürliche Erotik, allerdings auch für den Tod, handelt es sich um das Skelett des Meeresbewohners und magisches Indiz für den physischen Zustand seiner Trägerin: „Denn er sah mit eigenen Augen, wie seine rötlichen Korallenschnüre an den Busen kranker oder kränklicher Frauen allmählich zu verblassen begannen, an den Busen gesunder Frauen aber ihren Glanz behielten.“
Zusammenfassend sind drei Ebenen über die Korallen abgedeckt: Verwurzelung, Verführung, Echtheit: die natürliche Wahrheit über Körper, Geist und Seele. Darüber hinaus dient die Koralle als Gleichnis für die Kunst, das Absolute, auf das der alte Gott Jehova eifersüchtig ist: Die berufsbedingte Liebe zu den Korallen geht dem Händler über alles, Frauen und Kinder sind ihm darüber längst gleichgültig geworden. Möglicherweise gilt dies auch für Roth, dem wohl keine Frau so nahe gekommen ist wie das Schreiben.
Rot, röter noch als rot, sind die wertvollsten Korallen. Die der Konkurrenz, speziell des Lakatos, sind das nicht, doch der Wert der Schönheit verliert zunehmend an Bedeutung, weil Gewinn und Effizienz wichtiger werden. Die materille Täuschung erfasst die Seele, bald niemand vermag niemand das Unechte vom Echten zu unterscheiden. Das natürliche Leben verschwindet und mit ihr die instinktive Urteilskraft der Menschen. „Er mischte Echtes mit Falschem – und das war noch schlimmer, als wenn er lauter Falsches verkauft hätte. Denn also geht es den Menschen, die vom Teufel verführt werden: an allem Teuflischen übertreffen sie noch sogar den Teufel.“
Nissan unterliegt diesem Taschenspielertrick, um sein ökonomisches Überleben zu sichern, „Verrat übend an sich selbst“. Folglich besitzen Korallen eine philosophische Dimension, da sie nach dem Wert der Wertigkeit fragen, wie viel ein Mensch täuschen darf, bis er die Grenze zum Unveränderbaren überschritten hat. Lakatos, Leiter eines amerikanischen Imperium mit Sitz in New York personifiziert mit seinem Hinkebein, Mausezahn, Schwefelgeruch und Brandröte den leibhaftigen Teufel. Er bringt den Zeitgeist auf den Punkt: „Die Bauern merken nichts … Echte Korallen können nicht so schön sein.“
Nicht nur der schöne Schein, die Illusion, verkauft sich gut, auch die mangelnde Bereitschaft zur Reflexion spielt dem Bösen in die Karten. Technik und Globalisierung sind nicht aufzuhalten, ihnen gehört die Zukunft. Nissen gehört der untergehenden Epoche; er fühlt, dass seine Zeit abläuft ist. Seine natürlichen Korallen will niemand, seine Ethik der Balance zwischen Natur und Kultur gilt als rückständig, seine Kunst als altbacken.
Entsetzt stellt der jüdische Korallenhändler fest, dass ihn die roten Brustwarzen der Prostituierten an das Rot der Korallen erinnert: „Und er, der nie in seinem Leben eine andere Frau gekannt hatte als seine nunmehr tote Ehefrau, er, der niemals eine andere Lust gekannt hatte als die, seine wirklichen Frauen, nämlich die Korallen, zu liebkosen, zu sortieren und zu fädeln, er fühlte sich manchmal in der wüsten Schänke Podgorzews anheimgefallen dem billigen weißen Fleisch der Weiber, seinem eigenen Blut …“
2. 5. 3. Tiefe und Rätsel
Die Tiefe des Meeres, im Hiob und in Der Leviathan von zentraler symbolischer Bedeutung, steht für die Unergründlichkeit des Glaubens. Der Genesis wird vom Himmel ins Meer, die Schöpfung auf den Meeresgrund verlegt. Gleichzeitig symbolisiert es mit seinen Korallen das Unbewusste; mehrfach gebraucht Roth Formulierungen wie „unter der Oberfläche seines Bewußtseins“ oder: „Denn der ewige Wind weht über das Meer, ja es scheint, daß aus dem Meer selbst ein Wind kommt, ein Wind aus den Tiefen des Wassers.“69
Das Spiel mit den Elementen erzeugt den archaischen Rückgriff auf den aus Lehm und Wasser geformten Golem. Das Meer ist gleichzeitig Rätsel der Schöpfung als auch zum Selbst. Seine Wellen sind Anfang, Zugang und Ende der Zeit.
Seine erste Reise führt Nissan von Odessa nach Petersburg. Dabei interagieren Farben mit dem Meer. Die Farbe Rot hat die Funktion eines abwesenden Gottes: die ganz roten Korallen sind selten, doch rote Perlen existieren nicht Weil das Meer alles ist, deckt es sämtliche Farben ab: „Das Schwarze Meer ist gar nicht schwarz. In der Ferne ist es blauer als der Himmel, in der Nähe ist es grün wie eine Wiese.“
Seine Nichtzugehörigkeit zum Kommunismus verkündet der farbliche Kontrast: „Vor der strahlenden weißgoldenen Pracht des Offiziers nimmt er die schwarze Mütze ab, und seine roten geringelten Haare flattern im Wind. Judentum rot, Revolution rot.” Rot wird folglich auch zum Symbol jüdischen Blutes.
Zwei Ereignisse verdeutlichen dem Korallenhändler, dass er seine Heimat verlassen und seiner Bestimmung, über das weite Meer zu fahren, folgen muss. Der Tod seiner kranken Frau, den er als Erleichterung empfindet – es fällt nicht schwer, diesen Gedanken biografisch zu deuten, da Frederike Roth unheilbar krank für den Schriftsteller zu einer enormen Belastung geworden ist – und das Ausbleiben von Kundschaft, die sich alle für die künstliche Pracht der Konkurrenz entscheiden, bilden den Auslöser für seinen Exodus.
Das Schiff, auf dem er untergeht, heißt bezeichnenderweise Phönix. Der Tod findet ihn weder überrascht noch ist er Nissan unwillkommen, denn er kehrt heim zum Meeresgrund, als sei es die Rückkehr zum verlorenen Paradies.
Der Tod der Ehefrau, die auf spiegelglatten Eis vor dem Haus stürzt und sich eine Gehirnerschütterung zuzieht, wird mystifiziert: „Kein Mensch hatte gewünscht, daß sie am Leben bleibe, und also war sie auch gestorben.“
Rätsel oder Geheimnisse unter der Oberfläche durchziehen die legendenhafte Erzählung. So führt die mangelnde Lebensfreude von Nissens Frau, bedingt durch die Lieblosigkeit ihres Gatten, der sich an den Korallen mehr erfreut als an ihrer Nähe, zu ihrem Tod. Einzelne Elemente der Erzählung wie die schmelzenden Eiszapfen im Frühling, schmetternden Lerchen und quakende Frösche erinnern an Das falsche Gewicht, andere wie der Kampf mit dem Teufel, gegen Zins und Geldwucher an Hiob, Raben und Kastanien als Todesboten an Radetzkymarsch („dunkelgrünen Schatten der Kastanien“) und Die Kapuzinergruft. So entsteht dadurch eine Grundmelodie biblische Musik.
Der topografische Vergleich von Häusern mit Schiffen und der Weite des Meeres mit Landschaften verbindet seelische Beheimatung und Drang nach Flucht.70 Menschliche globale Heimat ist der Himmel für Roth. Entwurzelung und Sehnsucht nach Rück- oder Heimkehr bedingen sich immer wechselseitig. „So hat sich Roth in seinem epischen Werk eine verlorene Heimat wieder geschaffen, etwa jenes in jedem Detail so lebenswahre, lebensträchtige Österreich-Ungarn, … so bevölkerte er mit dem Personal seines Lebens seine Romane und Geschichten und lebte auch mit seinen erfundenen Figuren wiederum, als wären sie Komparsen seines eigenen Lebens.“71
Zweifel an der Identität und der Selbstverständlichkeit der naturgemäßen oder göttlichen Ordnung spiegelt sich in allen Werken, doch im Leviathan besonders komprimiert. Die Erzählweise Roths ist grundsätzlich von der Perspektive der Auswanderer, Flüchtlinge oder Kriegsheimkehrer getragen; sie vereint mitunter das vermeintlich Unvereinbare wie Rastlosigkeit und Geborgenheit, Verlust und Gewinn von Freiheit.72 Deshalb nennt Arthur Zimmermann in der Neuen Züricher Zeitung (Ausgabe 7./8.März 1992) auch einen „unbehausten Grenzgänger“, der Traum und Alp ineinander überführt, wenn Nissan sich den Tod durch Ertrinken ersehnt. Der Leviathan ist eine Figur aus dem Alten Testament, der Sünder auf dem Meeresgrund verschlingt.
2. 6. Die Legende vom heiligen Trinker
2. 6. 1. Entstehung und Inhalt
Die letzte Geschichte, die Roth testamentarisch hinterlässt, erscheint im Amsterdamer Verlag Allert de Lange 1939 posthum Paris bietet Topographie für Teilhandlungen vieler Romane Roths, darunter Napoleon und die Hundert Tage, Flucht ohne Ende oder Beichte eines Mörders, zuletzt bietet es die Kulisse die Legende des heiligen Trinkers. Zudem hat er seit 1925 als Auslandskorrespondent auf eigenen Wunsch in der Stadt an der Seine gearbeitet und die letzten glücklichen Tage an der Seite seiner Frau vor Ausbruch ihrer Schizophrenie verlebt. Der prosaische Beginn ist typisch, weil symbolisch und mit Zeit- und Ortsangabe verbunden: „An einem Frühlingsabend des Jahres 1934 stieg ein Herr gesetzten Alters die steinernen Stufen hinunter, die von einer der Brücken über die Seine zu deren Ufern führen.“73
Das Gesicht seiner Zeit zeichnend, erzeugt Roth auch sein eigenes, das eines unrettbaren Säufers. Zum zweiten Mal nach Die Rebellion heißt der Protagonist Andreas; er ist jedoch als Alter Ego ein resignierter Trinker, der dennoch ein Mann von Ehre sein will. Als ihm ein Fremder, in dem man das Gott erkennt, Geld leiht, will er dieses zurückerstatten, was misslingen muss, weil er trinkt und sein Leben von Zufällen gesteuert wird.
Während Roth nach seinem Kollaps in das Armenspital Necker eingeliefert wird, wo er nach vier Tagen an einer Lungenentzündung bei progressiver Leberzirrhose qualvoll stirbt, erfährt Andreas in der Kirche ein sanftes Ableben: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“
Über fünfzehn Kapitel erzählt Roth die Geschichte eines liebenswerten Alkoholikers, der um eine geprügelte Frau zu schützen, getötet und seine Schuld nie überwunden hat. Auch dieses Detail erinnert an den Autor selbst, der wesentliche Züge biografisch in seine Legende einschreibt, darunter die Herkunft Aus Osteuropa. Dass er sich schuldig an der Ohnmacht gegenüber der kranken Frau gefühlt und für seine rasende Eifersucht schämt, dokumentiert seine Selbstaussage lautet: „Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen.“74
Im ersten Kapitel erhält der verwahrloste Andreas Kartak unter einer Brücke Geld aus der Hand eines Fremden, mit dem Hinweis, er möge es sonntags der heiligen Theresia in der Kirche Sainte Marie des Batignolles zurückgeben. Der Ort bezeichnet ein Stadtviertel, das zu Roths Zeiten vorwiegend Künstlern vorbehalten und, vergleichbar mit Montmartre heute, äußerst populär ist. In der Kirche gedenkt man den von der heiligen Theresia gelehrte kleinen Weg: die Armut des Menschen, der vor Gott mit leeren Händen steht zu erkennen, der sich von ihm alles schenken lassen muss. Darum soll jeder seinem Nächsten gegenüber milde und freigiebig auftreten. Nach seiner Konvertierung zum Katholizismus, den Roth 1934 als symbolisches Bekenntnis zur Donaumonarchie versteht, trägt er selbst ein Medaillon der Theresia mit sich.
Im zweiten Kapitel steigt Andreas die Treppen hinauf; er hat durch dieses Wunder, die Geldgabe des Fremden, eine zweite Chance erhalten. Wenig später (3) steigt eine Verkäuferin die Leiter hinauf, um ihm eine günstige Brieftasche aus dem Regal zu holen, die Andreas sich erbittet, um das geliehene Geld dort sorgfältig zu verwahren. Der erste Wendepunkt erfolgt prompt.
Am Sonntag, auf dem Weg zur Kirche, holt ihn die Vergangenheit in Gestalt von Karolina ein, seiner einstigen Freundin, für die er getötet hat. Er verpasst den Kirchengang und verbringt den Tag und die folgende Nacht mit ihr. Am nächsten Morgen geht der Emigrant aus Olschowice, dem polnischen Schlesien, in ein Lokal und trinkt aus Kummer über sein Versäumnis (5).
Er träumt von der heiligen Therese, die traurig darüber ist, dass er nicht zu ihr gekommen ist (6) und findet auf wundersame Weise in der Brieftasche tausend Francs, ein Vielfaches von dem Betrag, den er zurückerstatten muss.
Als er in einem Lokal davon zwanzig vertrinkt, erkennt er auf dem Plakat eines Fußballspielers seinen einstigen Klassenkameraden wieder (7). Er spürt den Prominenten auf, der sich über das Wiedersehen ebenso freut wie er und ihm nebst Anzug ein gemietetes Zimmer als Geschenk überlässt (8). Die Männer tauschen Erinnerungen aus (9); als Andreas nach langer Zeit badet erscheint es wie eine Neugeburt oder Taufe.
Die Versuchung begegnet ihm bereits auf dem Gang in Gestalt seiner neuen Zimmernachbarin Gaby, einer Tänzerin(10). Er verbringt die Nacht mit ihr (11) und den anschließenden Tag auf Schloss Fontainebleau (Napoleon nahm hier 1814 seinen endgültigen Abschied) mit ihr: seine Schwierigkeit, sich tiefer auf einen Menschen einzulassen, wird offensichtlich.
Am Sonntag geht Andreas geht erneut zur Kirche, um seine Schuld zu begleichen (12). Er trifft jedoch wieder auf einen alten Bekannten, der ihn um Geld bittet, das er erhält. Ein zweites Mal ist die Chance vertan (13). Noch einmal trifft er auf den Fremden, der ihn noch einmal Geld für Theresia anvertraut. Andreas flüchtet in die Bar Taro-Bari, Schauplatz in Beichte eines Mörders Schauplatz und bleibt dort eine ganze Woche bis zum Sonntag (14). Er trifft auf ein unscheinbares Mädchen namens Therese, die er prompt für die Heilige hält und ihr das ihm anvertraute Geld gibt. Die junge Frau will seine Gabe nicht annehmen; stattdessen sie dem Verwahrlosten stattdessen selbst hundert Francs. Unmittelbar darauf stirbt Andreas (15).
2. 6. 2. Vorsehung, Schicksal, Zufall
Die Legende als Gleichnis oder Parabel zu betrachten liegt nahe. Eine Lesart bietet die, vom Autoren angebotene, das Leben aus der Vorsehung heraus zu betrachten: „Nun wollte es die Vorsehung – oder wie weniger gläubige Menschen sagen würden: der Zufall –, daß Andreas wieder einmal knapp nach der Zehn-Uhr-Messe ankam. Und es war selbstverständlich, daß er in der Nähe der Kirche das Bistro erblickte, in dem er zuletzt getrunken hatte, und dort trat er auch wieder ein.“75
Der Sinnspruch der Gruppe Anonyme Alkoholiker lautet: Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Für den Philosophen Odo Marquard in Apologie des Zufälligen (1986), der den Abschied vom Prinzip fordert, sind Menschen „mehr unsere Zufälle als unsere Wahl". Im Konflikt zwischen Optimismus der Veränderbarkeit und Pessimismus der Schicksal-Hörigkeit hält er für angebracht, die Balance zu halten und nicht in ein mögliches, doch fiktives, Krisenszenario einzustimmen. „Unsere Nichtkrise ist die eigentliche Krise unseres Denkens.“ Als Skeptiker plädiert er für den Abschied vom Dogma, da sich vermeintliche Wahrheiten als immer kurzlebiger erweisen. Für Marquard verhindert die Krise der Erwartung die Begegnung mit dem wirklichen Sein und seinen Möglichkeiten der Veränderung. In seiner Betrachtung liegt viel Denken Roths.
Dessen Lebenserkenntnis besteht darin, dass Menschen ratlos geworden sind; sie wissen nicht mehr, wie Zusammenleben funktioniert. Zudem gehen sie in ihrer Naivität fahrlässig mit Chancen um. Invertiert darf auch geschlussfolgert werden: gute Absichten allein genügen nicht, sie verhindern Rettung.
Drei Frauen begegnet Andreas und mit keiner weiß er mehr anzufangen als mit ihr zu schlafen oder wie bei der Verkäuferin davon zu träumen.
Ernst Bloch beobachtet in der Ethik die Kraft des Möglichen durch immerwährenden Versuch. Seine, verkürzt das Prinzip Hoffnung genannte Maxime lautet: „Die latente Tendenz zur Verwirklichung von Utopien steckt in den Dingen selbst, die Menschen müssen sie nur entdecken.“76 Menschen verlieren nach dem Krieg das Vorstellungsvermögen, etwas könnte veränderbar sein.
Dreimal versucht Andreas, sein Schicksal zu wenden und lässt sich dreimal von vermeintlichen Zufällen ablenken, zielgerichtet zu handeln. Er hat gewiss gute Absichten, wie jeder Alkoholiker, der schwört, nie wieder zu trinken und der an der Willensfrage scheitert. Eine Form von psychischem Determinismus liegt darin und führt zur Legende des guten Vorsatzes.
Gott scheint mit Andreas zu spielen. Das verlorene Geld vermehrt sich auf wundersame Weise immer wieder; es kehrt zu ihm wie Hoffnung oder Schicksal, das erhört und gelebt sein will, zurück. Im Zeitalter der Opulenz, steht er vor einem permanenten Dilemma, sich ändern zu können und es nicht zu vermögen, weil das Jasagern mit der verinnerlichten Legationsrat kollidiert.
Der Zufall – für Roth Fügung – hält mehrfach Einzug, doch unterscheidet Roth Begegnungen, die aus dem Verhalten resultieren und daher einem sozialen Magnetismus unterstehen von unbeeinflussbaren Ereignissen. „Es schien ihm, daß sein Freund verlorengegangen war im Regen, genauso, wie er ihn zufällig getroffen hatte, und da er kein Geld mehr in der Tasche besaß, ausgenommen fünfunddreißig Francs, und verwöhnt vom Schicksal, wie er sich glaubte, und der Wunder sicher, die ihm gewiss noch geschehen würden, beschloss er, wie alle Armen und des Trunks Gewohnten es tun, sich wieder dem Gott anzuvertrauen, dem einzigen, an den er glaubte.“
Die naturalistische Ethik - Ludwig Feuerbachs Religionsphilosophie - gründet auf der Überzeugung, dass erst in der Moral wahr oder falsch unterschieden wird und sie objektive Erkenntnisse vermittelt. Der Pragmatiker orientiert sich auf die Übereinstimmung von Erfolg und Handlung nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Tatsächlich weicht Andreas negativen Erfahrungen und Orten aus und sucht im übertragenen Sinn seinem Milieu zu entkommen. Doch die Übertragung von einer Situation oder einer Person auf eine andere gelingt ihm nicht, weil die Sucht es nicht zulässt. Andreas folgt einem Muster und gleicht einem Gefangenen in Freiheit.
Der Not-Naturalismus, vertreten von Albert Schweitzer, geht davon aus, dass spirituelle Wahrheiten nicht auf den Alltag übertragbar sind, ebenso wenig wie die Naturgesetze für Gott oder die Metaphysik gelten. Die Moral erfolgt intuitiv und nun – kognitive, sie kann nicht gelehrt, sondern muss erfühlt und erfahren werden. Anteile dieser Gesinnung, die eine reine Verantwortungsethik beinhaltet, finden sich in der Erzählung auch. Andreas ist ehrlich, er sucht in keiner Situation den eigenen Profit, was ihn zu einer Art „armen Verschwender“ macht, um einen Romantitel von Ernst Weiß aufzugreifen.
Es gilt, den Zufall der Gelegenheit von jenem der Bestimmung zu unterscheiden. Anfänglich heißt es über Andreas: „Und er lebte von Zufällen, wie viele Trinker.“ Zuletzt lebt von dem Geld, das ihm in Taro Bari zu-fällt. Mit dem geliehenen Geld verändert er sich; er hat Angst, es zu verlieren und beginnt zu rechnen. Das Geliehene ist folglich etwas anderes als das Erarbeitete oder das Geschenkte; es besitzt eine höhere Weihe. Schon seine Begegnung mit der Vergangenheit in Gestalt von Karoline ist es kein banaler oder beliebiger Zufall, der ihn von seiner Vorhabe abhält.
Andreas begleicht, symbolisiert durch das gemeinsame Abendmahl, eine alte Rechnung und will quitt mit dem Vermächtnis der Zeit sein. Andreas setzt hier ausdrücklich die Begriffe zufällig und schicksalshaft gleich Anders ist die Begegnung mit der Tänzerin Gaby, weil sie ohne Vergangenheit „nur zufällig zueinander gestoßen sind. Die Nacht breitete sich vor ihnen aus wie eine allzu lichte Wüste.“
So erscheint vordergründig alles zufällig wie in Beichte eines Mörders oder Das falsche Gewicht.77 Ebenso beiläufig findet das Topos des Fremdseins durch Andreas´ Einreise als polnischer Kohlenarbeiter Erwähnung. Das Schwinden vertrauter Welten und Improvisationskunst wirken als latenter Sündenfall.
Ein Topos, das auch in anderen Prosawerken Verwendung findet ist der Spiegel. „Er ging also, selbstbewusst, trotz seiner zerlumpten Kleidung, in ein bürgerliches Bistro, setzte sich an einen Tisch ... Und da sich seinem Sitz gegenüber ein Spiegel befand, konnte er auch nicht umhin, sein Angesicht zu betrachten, und es war ihm, als machte er jetzt aufs neue mit sich selbst Bekanntschaft. Da erschrak er allerdings. Er wusste auch zugleich, weshalb er sich in den letzten Jahren vor Spiegeln so gefürchtet hatte. Denn es war nicht gut, die eigene Verkommenheit mit eigenen Augen zu sehen.“78
Auch im Schlusskapitel wird der Blick in den Spiegel auf Andreas entscheidender Wendepunkt, diesmal ist es ein anderer Gast, der bemerkt, wie er gleiche einem Sack umfällt und stirbt. Spiegel gerät zur Metapher für Zufall.
Die Bilder und Metaphern wiederholen sich, daher erscheint die legende vom Heiligen Trinker als Abbreviatur der gesamten Prosa. Im Hotel Savoy und in Der stumme Prophet vervielfacht der Spiegel die Räume und die Perspektiven, er verdeutlicht Distanz zu dem Gespiegelten, den Objekten. Der Clown Komantschin stirbt vor einem Spiegel, in dem er sich rasiert.
Kühles Glas, das neben Transparenz auch für Kälte und Austauschbarkeit der Menschen steht, bildet ein dem Spiegel nahestehendes Motiv. In Tarabas fungier Glas und der Spiegel ebenfalls als Mittel der Selbstidentifikation. Roth modifiziert den Narziss-Mythos, der für Vereinsamung und Horizontverengung introvertierter Existenzen steht.Zu viel Sehnsucht auf die große Erlösung verstellt den Blick auf die kleinen Lösungen des Lebens.
Maßvolles Trinken ist bereits ein Thema in Platons Symposion, das hauptsächlich über die Liebe handelt. So gemahnt er über die rhetorische Figur des Aristophanes daran, ein Glas Wein für die Gesundheit, eines für Liebe und eines für guten Schlaf zu trinken; mehr Genuss führt zu negativem Verhalten. Der Alkohol fördert die schlechten und hemmt die guten Qualitäten; auch diesbezüglich erweist sich Roths Erzählung paradigmatisch als Variante und Replik auf antike Legenden.
Roth eignet sich einen mythisch-poetischen Stil an, für den Kassierers Begriff der „symbolischen Prägnanz“ zutrifft; eine immanente Gliederung im Akt der Wahrnehmung und eine anschließende Repräsentation.
3 . Frühe Romane (vor 1930)
3. 1. Das Spinnennetz
3. 1. 1. Struktur und historischer Hintergrund
„Das Spinnennetz“ ist ein sich an realen politischen Ereignissen orientierender Fortsetzungsroman mit offenem Ausgang in dreißig Kapiteln, der vom 7. Oktober bis zum 6. November 1923 in der Wiener Arbeiterzeitung vor abgedruckt wurde. Der Buchdruck erfolgte erst postum 1967 in Köln und Berlin. Geschildert wird der Aufstieg eines skrupellosen Spitzels zum Parteifunktionär, der sich jedoch durch die vielen Komplizen auch immer mehr in Gefahr begibt, sich im eigenen Netz der Spionage und der Intrigen zu verfangen.
Die Komposition folgt einer journalistischen Vorgabe einer Fortsetzungsgeschichte: 30 kurze Kapitel, die an die Handschrift Massassaugas erinnern und deren Symmetrie in der Länge dem Zeitungsformat geschuldet ist. In jedem Abschnitt geschieht ein Ereignis, das Spannung aufbaut und halten muss. Dazu treten obligatorisch am Anfang und Ende Prophezeiungen, quasi Überschriften für den Verlauf der Handlung. Die Figuren sind klar umrissen; mehr Typen als Charaktere. Die Beschreibung erfolgt von außen mit sparsamen Kommentaren, folglich überwiegt die personale Erzählperspektive, nicht selten verbunden mit einer Kameraperspektive.
Die Handlung spielt zunächst in München, dann in Berlin. Die ersten Sätze dienen der Einstimmung und dem Aufbau einer Atmosphäre; der Schluss integriert neben dem Frankfurter Zeitung Ausblick auf das Kommende und evoziert Neugier. impliziert. Im Feuilleton entscheidet allein der Einstieg darüber, ob der Reiz zum Weiterlesen ausreicht, oder umgeblättert wird. Anders als beim Buch, das man aus der Hand legt und gegeben falls an einem anderen Tag weiterliest, folgen Zeitungen dem Tagesgeschäft; Suspension ist apodiktisch. Dem Literaten Roth ist seine journalistische Signatur anzumerken.
Die prägenden Ereignisse 1922 bis 1924, die in dem Roman einfließen, sind die Nachkriegsjahre. So ist Wien gerade ein eigenes Bundesland geworden. Nach Berlin zieht es viele Künstler, nicht nur Roth; u.a. lässt sich Marc Chagall hier nieder. Die Sh Bahn wird elektrifiziert, eine eigene Berliner Nachtausgabe erscheint, vorwiegend für die Berufspendler geschrieben. Die Streiks nehmen zu, Arbeit ist schlecht bezahlt und eine Kranken- oder Unfallversicherung gibt es noch nicht. Das politisch wichtigste Ereignis stellt die Ermordung Walter Rathenaus dar. Der deutschen Außenminister wird in der Königsallee (Wilmersdorf), auf dem Weg von seiner Villa im Grunewald zum Auswärtigen Amt, durch Angehörige der militaristischen Organisation Konsul niedergeschossen. Motiv ist die Unterzeichnung des Ratensparvertrags unterschrieben, den konservative Kräfte als Annäherung an den Kommunismus und eine zu starke Bindung an Russland interpretieren. Nationalsozialisten bzw. Reichswehr-Veteranen sehen in der Republik allgemein Verrat und in Rathenau als Kopf der DNVP – der linksliberalen Deutschen Volkspartei, mit der auch Roth sympathisiert – den Intimfeind. Roth berichtet über den Prozess gegen seine Mörder, die mit lächerlich geringfügigen Strafen davonkommen. Er prägt die Stilblüte: „der Staat ist auf dem rechten Auge blind.“
In dieses Klima der Öffnung gegenüber Russland fällt auch die erste Ausstellung russischer Künstler Unter den Linden, die nur unter Polizeischutz stattfinden kann. Thomas Mann hält, gleichfalls im Oktober, im Beethovensaal eine Rede anlässlich des 60. Geburtstages von Gerhard Hauptmann, die den sachlichen Titel Von deutscher Republik trägt, in der er sich zu dem neuen politischen System bekennt und von der vorherigen nationalistisch wilhelminischen Gesinnung Abstand nimmt. Gleichzeitig erfolgt eine Annäherung an seinen Bruder Heinrich. Thomas Mann, der bislang kein Verständnis für Sozialdemokraten besaß, hält Friedrich Ebert nun für den Mann der Stunde und spricht sich gegen den sentimentalen Obskurantismus der Revanchisten aus.
1923 erreicht die Inflation ihren Höhepunkt. Im Januar muss man für eine Goldmark 4.300 Papiermark zahlen, im August bereits 1.100.000,--. Ein Kilo Roggenbrot kostet im Oktober 1922 noch 23,15 Mark, im September 1923 3,6 Mio. Mark. Eine Straßenbahnfahrt, für die im Januar 1918 zehn Pfennig und im August 1920 50 Pfennig bezahlt wurde, kostete Anfang 1923 schon 50 Mark, im Juli 1.000 und am 22. November 150.000 Mark.
Ein anderes Ereignis stellt die Inbetriebnahme des Flughafens Tempelhof; dar oder der Bau der Gartenstadt Falkenberg (Bezirk Treptow) unter der Leitung des bekanntesten Architekten seiner Zeit, Bruno Taut. Es kristallisieren sich Kriegsgewinner und Verlierer heraus, die Gesellschaft spaltet sich.
Nicht nur neue Verbrennungsmotoren entstehen, sondern auch die Gründung des Theater wissenschaftlichen Instituts an der Berliner Universität. Im Sommer wird eine Messe GmbH gegründet und jährlich Ausstellungen mit diversen Themen durchgeführt. Die Funkindustrie erlebt einen rasanten Aufschwung, der sich einige Jahre später als Blase erweisen wird.
Zur den Gründungsmitgliedern Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland zählt Albert Einstein. Im August kommt es zum ersten Generalstreik in Berlin (und in Gesamtdeutschland) gegen das Kabinett Cuneo, parteiloser Bürgermeister der Stadt und Direktor der größten Reederei HAAG. Der Streik basiert auf die Inflation, die wiederum den Reparationszahlungen an die Siegermächte geschuldet ist. Cuneo tritt zurück; in der Regierungsbildung herrscht bundesweit eine große Fluktuation und Koalitionen sind instabil.
Der Pferdeomnibusbetrieb wird eingestellt; alle Fahrzeuge sind nun mit Motoren ausgestattet. Im November beendet die eingeführte Rentenmark die Inflation. Allein Berlin hat 250 000 Arbeitslose, das ist ein Viertel der Beschäftigungsbefähigen.
Die innenpolitische, vor allem ökonomische Krisenbewältigung, findet nicht statt; es herrschen Unruhe und extreme Schwankungen in der immer wieder neu gebildeten Regierung. Berlin ist ein Spiegelbild der gesamtdeutschen Schieflage, von der einige wenige Großindustrielle profitieren. Nach wenigen Jahren der Stabilisierung steht die Weimarer Republik durch die Besatzung des Rheinlands durch französische Soldaten infolge nicht gezahlter Reparationen mit dem Rücken zur Wand. Die Nationalisten fordern Mobilisierung. Die Nationalsozialisten erhalten starken Zulauf. Ungestört von den Behörden heuern sie ihre eigene Schlägertruppe an und drangsalieren Sozialisten, Pazifisten, Juden. Die Regierung duldet diese Gesetzesübertretung. Nach Mussolinis Marsch nach Rom hoffen die Faschisten von einem Marsch nach Berlin und einen Diktator, der die Schande der Republik beendet.
Auch die Kommunisten glauben, dass ihre Stunde gekommen sei. Unterstützt von der neugegründeten Sowjetunion bereiten sie einen Aufstand in Deutschland vor mit dem Ziel einer Räteregierung und der Weltrevolution. Die Politik findet auf der Straße und in Straßenschlachten statt.
Erstmals wird 1923 ein Georg Bücher und damit nationaler Buchpreis ausgelobt und vergeben an Adam Karrieren, der sich mit Heimatromanen aus dem Odenwald einen Namen machte, die durch Humor und realistische Darstellungen von Kritik und Kollegen wie Hermann Hesse durchweg wohlwollend aufgenommen wurden. Der Nobelpreis für Literatur geht an den irischen Schriftsteller William Butler Maleats, der durch seine literarische, symbolistische Verarbeitung der irischen Kultur und Märchenwelt, seine mystisch-poetischen Dramen und als irischer Nationaldichter gilt. In diesem Jahr erscheint auch Lion Feuchtwangers Die hässliche Herzogin, ein historischer Roman über das 13. Jahrhundert. Der in München lebende Feuchtwanger erkennt hellsichtig als einer der Ersten die Gefahren der NSDAP. Bereits 1920 erscheint in seiner Satire Gespräche mit dem Ewigen Juden als Vision, die später als Folge antisemitischen Rassenwahns Wirklichkeit wird.
3. 1. 2. Roths Furcht vor dem Nationalsozialismus
Der satirische Roman – seine Erzählhaltung erinnert an Der Untertan, beginnt mit der Vorstellung Theodor Lohses, Sohn eines Wachtmeisters: „Man kann sagen: er übertraf die Erwartungen, die er niemals auf sich gesetzt hatte.“79
Theodor ist durch den im Krieg gefallenen Vater Halbwaise: ein Schicksal, das viele deutsche Familien teilen. Er stammt aus dem Kleinbürgertum, deren Mitwirken im Nationalsozialismus erstaunliche Karriere zeitigen und die in der k. u k. Monarchie undenkbar sind. Parallelen zwischen Lohse und dem Führer der Nationalsozialisten sind unübersehbar, so dass Roths Roman als früheste literarische Warnung vor der Diktatur betrachtet werden kann. Der junge Mann stammt aus Wien und flieht „mit gescheiterten Hoffnungen und begrabenem Mut“ nach Berlin.
Wie fast alle Deutschen gibt er den Juden die alleinige Schuld an seinem beruflichen Misserfolg. Er wird zum fanatischen Anhänger Ludendorffs und glorifiziert die vermeintlichen Heldentaten deutscher Soldaten im ersten Weltkrieg. Symbolisch durchschreitet Lohse das Brandenburger Tor.
„Manchmal überfiel ihn sein eigener Stolz wie eine fremde Gewalt, und er fürchtete seine Wünsche, die ihn gefangen hielten. Aber sooft er durch die Straßen ging, hörte er Millionen fremder Stimmen, flimmerten Millionen Buntheiden vor seinen Augen, die Schätze der Welt klangen und leuchteten. Musik wehte aus offenen Fenstern, süßer Duft von schreitenden Frauen, Stolz und Gewalt von sicheren Männern.“
Bald gerät der leicht manipulierbare Lohse unter den Einfluss eines nationalsozialistischen Spionagenetzes und muss zu Beginn des dritten Kapitels einen Eid darauf schwören, wobei sein Vorgesetzter durch animalische Äußerlichkeiten auffällt wie eine „behaarte Tatze“. Die Organisation bleibt unbenannt obskur, doch durch Roths Beschreibung deutlich als NSDAP erkennbar..
Sein Leben verliert sich in Nebensächlichen, in Trieb und Zufall, wie der Beginn des vierten Kapitels offenbart: „Drei Tage, drei Nächte genoss Theodor sein Geld. Es nahm ihm die Besinnung, zu wählen und sich mit Bedacht zu freuen. Er beschliff Mädchen von der Straße und kostspieligere, die in den Lokalen warteten.“
Mehr und mehr assimiliert er sich: „Seine Bewunderung genügte allen und ersetzte die Legitimation“ heißt es. Lohses Spezialität ist das Aufdecken und Vereiteln kommunistischer Agitation, worüber die Presse auch voller Lobes ist. Im Gegensatz zur Gefahr von rechts wird in der Öffentlichkeit nur das rote Gespenst wahrgenommen und gebrandmarkt. Folgerichtig setzt das sechste Kapitel mit dem Satz ein: „In den Zeitungen flackerten die Sensationen auf: Kommunistischer Anschlag von einem Mitglied der Technischen Nothilfe vereitelt.“
Das siebte Kapitel in Anlehnung an die Genesis handelt vom -fememord an einem mutmaßlichen Verräter durch Lohses Vorgesetzten Klitsche, der einen Denunzianten mit dem Pickel erschlägt. Lohse hat seinen ehemaligen Kriegskamerad denunziert; da sein Vater Kommunist ist; dies macht den Sohn automatisch zum Feind des Geheimbunds. Das Wort Verrat wird im faschistischen Jargon durch „Fememord“ ersetzt. Die Hinrichtung im Wald inkludiert eine apokalyptische Vision kommender Gewaltorgien.
Roth vergleicht Lohse mit einer Mücke, die unscheinbar ist und unten in der Nahrungskette und der evolutionären Hierarchie steht, aber in ihrer Menge unbesiegbar erscheint. Durch seine Hautinfektion versinnbildlicht der Autor die rechte Gesinnung als Volkskrankheit. Die Zeugenschaft des Mordes fördert Lohses Ehrgeiz, vom Mitläufer zum Anführer zu reifen. Er tötet folgerichtig seinen Vorgesetzten Klitsche und stellt dies als Folge eines Kampfes dar.
Roth kann mit dieser Episode auf die Fälschung der Geschichte durch Ideologie, die Walter Benjamin die „Geschichte der Sieger“ nennt, verweisen. Lohse nimmt die Rolle seines Vorgesetzten als Kommandoführer der Organisation ein; er beginnt, die Geschichte zu fälschen, nicht nur seine persönliche, sondern die allgemeine des Volkes und die der ganzen Welt: „Er übertrieb, korrigierte Tatsachen, sein Verdacht ruhte auf irgendeinem Ereignis.“ Folgerichtig setzt das zehnte Kapitel ein mit: „Er war ohnmächtig, erbittert, rachelüstern.“ Das Ressentiment wird zur entscheidenden Antriebsfeder eines mediokren Charakters und talentfreien Menschen. Nietzsche bezeichnet es als die Rache der Ohnmächtigen und Sklaven an den Edlen und Herrschende.
Lohse entwickelt durch seinen „Raubtierinstinkt“ jenes Talent, Untaten zu rechtfertigen und seine Amoralität als Volksdienst zu tarnen. Seine Raffinesse ersetzt ihm fehlende Bildung. Es gelingt ihm, sich selbst von der Reinheit seiner Taten zu überzeugen und sein Gedächtnis zu belügen. Damit stellt er bereits ein Paradigma der Verdrängung dar, das Grausamkeit erleichtert.
Die Vernunft kapituliert; Besinnung geht im Lärm unter, demokratische Versuche zur moralischen Erziehung sind zu zögerlich, um dem pöbelhaften Lärm der Nationalsozialisten auf Dauer zu widerstehen. Als Gefahr wahrgenommen werden nur die Kommunisten Bald lässt er im Namen der Arbeiter auf diese schießen. Die Farbe Rot ist omnipräsent. Zum einen dient sie als Symbol des Kommunismus, zum zweiten als Ausdruck des Ressentiments, zum dritten als Zeichen des vergossenen Blutes; es hat eine reale und symbolische (rassische) Komponente, symbolisch im Wald beim Doppelmord eingeführt, im zehnten und elften Kapitel bei der Niederschlagung der Kommunisten durch die Reichswehr variiert: „Theodor hörte das rote Blut, es schrie, es brüllte, wie aus tausend Kehlen, es flammte, wie tausend Feuersbrünste, purpurne Räder kreisten in der Luft, purpurne Kugeln rollten auf und nieder. Aus seinem Innern kam das rauschende Rot, es erfüllte ihn und machte ihn leicht, ein roter Jubel kam über ihn, ein Triumph hob ihn empor.“80
Lohses Erfolg beruht objektiv betrachtet darauf, dass er der Presse völlig unbekannt ist und lange nicht ernst genommen wird. Man unterschätzt ihn und die Partei. Journalisten schreiben gedankenlos: „Nationalsozialismus war ein Wort wie andere.“
Mehr durch die Umstände - die Vermischung des Blutes durch eine Ehe - als durch eigenes Geschick kommt er zu Erfolg und Ehren. Für Roth spielt der Zufall als bestandsbeeinflussender Faktor eine zentrale Rolle Historiker sind heute weitgehend der Übereinstimmung, Hitler habe instinkthaft die Gunst des Momentes zu nutzen gewusst, als Stratege hingegen kläglich dilettiert. „Durch die wachen Nächte kreiste ohne Ende der planlose Entschluss: mächtig zu werden. Die flinken Ereignisse kamen ihm zuvor, überrumpelten ihn.“
Visionen Lohses sind unklar, aber genau ihre Unbestimmtheit macht sie geeignet für die führerlose Zeit. Er ist ein Mensch, der Wille an die Macht verspürt und dabei über Leichen geht. Sein Aufstieg scheint unaufhaltsam.
3. 1. 3. Antisemitismus und Verrat
Antisemitismus ist für die Rechtsradikalen gleichwertig mit Antikommunismus dargestellt, denn beide gelten als Volksfeinde: „Der Verräter zahlt mit Blut, Schlagt sie tot, die Judenbrut, Deutschland über alles.“81
Lohse macht auch aufgrund seines Antisemitismus Karriere in der Reichswehr, doch es gibt einen modernen Judas: Benjamin Lenz, Jude aus Loden, ist nicht nur ein Lockmittel im Spionagenetz Lohses, sondern zugleich Zeuge und Täter, und erpresst seinerseits die Organisationsmitglieder. Roth beschreibt das System als Konkurrenzprinzip der Intriganten, in dem Lohse nur einer von vielen Kommandanten ist. Bezeichnend ist das Klima des Misstrauens: „Sie saßen, drei Männer, im Café auf dem Potsdamer Platz. Zwischen ihnen flogen gleichgültige Worte, Misstrauen würgte in ihren Hälsen, Angst lähmte ihre Zungen. An einem Nebentisch saß Benjamin Lenz.“
Roth identifiziert Judentum nicht als Opfer, denn zum einen empfinden sich viele Westjuden nicht als semitisch, sondern wähnen sich durch ihre Assimilation als Deutschliterale oder Deutschnationale. Zum anderen typologisiert Roth nicht den Juden, sondern differenziert deutlich in West- und Ostjuden in ihrer Heterogenität, deren Mitglieder zur Solidarität unfähig sind, weil sie in Halb oder Vierteljuden unterscheiden. Benjamin mit dem deutschen, an den Schriftsteller erinnernden Namen Lenz, spielt an den Mythos des allmächtigen Leviathan an: „Wie wuchs er unter ihnen, gedieh, sammelte Macht, sammelte Geheimnisse, sammelte Geld, sammelte Freuden, sammelte Hass. Sein lauerndes Auge trank das Blut Europas, sein halb höriges Ohr den Klang der Waffen, den scharfen Knall der Schüsse, das Heulen der Gewalt, das letzte Gestöhn der Sterbenden und die rauschende Schweigsamkeit der Toten.“
Am Vorabend der Demission Gustav Stressmanns lässt Lohse bei einem Streik auf Arbeiter und Juden schießen; Lenz sieht das Massaker „Ein Schuss knallt … Der Hunger dringt gegen die Sattheit vor.“ Von den vielen Toten wird nach der Niederschlagung eines Arbeiteraufstandes auf dem Alexanderplatz kaum Notiz genommen. „Es war ein Sieg der Ordnung. Man stürzte zwei Minister. Sie wussten Zuviel von den geheimen Organisationen.“
Der Untergang der Weimarer Republik erscheint sicher. Lohse heiratet, wobei die adelige Frau ganz nach der Mode und Umkehrung aller Werte seinen bürgerlichen Namen annimmt. Bezeichnenderweise ist Lenz sein Trauzeuge, da ihre beiden Schicksale im Spinnennetz längst untrennbar verwoben sind. Ihre Allianz ist ein Zweckbündnis und von wechselseitigem Misstrauen.
Symbolträchtig bezahlt Lenz die Feier und begleicht die Rechnung „Lenz hat es mit Dollars bezahlt, er hat es nicht zu teuer bezahlt. Theodor ertrug sein Porträt. Er fürchtete es nicht mehr.“ Künftig geschieht, was Lohse befiehlt. Er findet seine Papiere Waffen, Uniform stets nach Wunsch vor. Nicht Eva Braun, sondern Elsa von Schliffen heißt seine antisemitische, blonde Braut mit den blauen Augen; sie putzt seine Waffen, den Rest besorgt die Organisation. Zunehmend fürchtet Lohse Neider und Spitzel im eigenen System und lässt sie liquidieren.
Menschen sind längst in Zahlenkolonnen aufgegangen, Eine Folge des Apparats. Der Roman endet mit der Arbeit an einer chemischen Erfindung zum anonymen Massenmord und einem Durcheinander der Stimmen: „»Woran arbeitest du?«-»An einem Gas.«-»Sprengstoff?«-»Ja!« sagte Lahar.-»Für Europa«, sagte Benjamin.“
Der Name mit dem gleichen Initial erzeugt einen Doppelgänger-Effekt zwischen Lenz und Lohse, eine unheilvolle Allianz zwischen verdrängter Vergangenheit und Geltungssucht. Roth schildert den moralischen Verfall der Persönlichkeit, die charakterliche Fehlbildung als eine Folge politischer Missstände, zu denen auch die mangelnde Wehrhaftigkeit der Republik gehört.
3. 1. 4. Komparatistik mit Heinrich Mann, Der Untertan
Der vereitelte Kapp-Putsch, der geplante Marsch von München auf Berlin und der Mord an Walther Rathenau (nur einer von vielen Attentaten der Rechtsextremen) stellen die noch junge Demokratie auf die Probe. Als er den Roman schreibt, trifft Roth im Café Schafskopf häufig die ausnahmslos links engagierte Avantgarde (Döblin, Brecht, Bloch, Tucholsky, Kisch) Zudem orientiert sich Roth an der Frage, wie das Mittelmaß und das Kleinbürgertum zu Macht und Aufstieg gelangt, an Heinrich Manns „Der Untertan“ (1918) und Ernst Trolles Drama „Masse Mensch“ (1920). Die dahinter liegende Mettage lautet, ob Kunst die Wirklichkeit beeinflussen damit der Dichter vom Schreibtisch her Einfluss auf die Politik seiner Zeit gewinnen kann. Roth glaubt, dass Kunst magische Wirkung entfalten kann wenn sie berührt und mitreißt.
Mann ist einer der frühsten und eindringlichsten Propheten vor der rechten Gefahr; der politische Zwist führt zu seiner Entzweiung mit dem national gesinnten jüngeren Bruder. Für Roth ist der im Jahr der Reichsgründung Geborene stets ein Vorbild. Zu den Analogien zählt der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg zweier biederer und zudem schüchterner Männer, die sich hinter einer Burschenschaft bzw. Geheimorganisation verstecken und ihre Minderwertigkeitskomplexe durch forsches Auftreten, aber auch Taktieren kaschieren.
Der Romanbeginn weist eklatante Überschneidungen auf: „Diederich Helling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliegerbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand.“82
Dem gegenüber heißt es bei Roth: „Theodor wuchs im Hause seines Vaters heran, des Bahnzollrevisors und gewesenen Wachtmeisters Wilhelm Lohse. Der kleine Theodor war ein blonder, strebsamer und gesitteter Knabe.“
Der Beginn verweist bereits auf den auffälligsten Unterschied: Manns Ausgang im „Untertan“ ist humorvoll, denn Helling stolpert einer kaiserlichen Droschke hinterher und fällt in den Dreck, doch im Schlusssatz erweckt Diederich Helling einen diabolischen Eindruck: „»Er hat etwas gesehen! Er hat den Teufel gesehen!« Judith Lauer stand langsam auf und schloss die Tür. Diederich war schon entwichen.“
Das Entweichen oder Verlassen der Bühne des Schurken ist beiden Romanen gemein. Zudem ist auch Roths Schluss von düsterer Komik: „Und der Zug glitt aus der Halle. Leer war der Bahnsteig, und ein Mann sprengte Wasser aus einer grünen Kanne. Viele Lokomotiven pfiffen irgendwo auf Geleisen. Viele Lokomotiven pfiffen irgendwo auf Geleisen“.83
Das Ende lässt in seiner Symbolkraft zwei Deutungen zu: Revolution und Gewalt nehmen einen neuen Anlauf. Der leere Bahnhof wirkt als Ausdruck für Inhumanität, die vielen Geleise für eine unbestimmte Zukunft. Was soll man mit einem Volk machen, das jeden Befehl blind und gehorsam ausführt, damit nur alles seine Ordnung hat und keiner aufmuckt.
Formal besteht der größte Unterschied in den langen Kapiteln Manns umfassenderen Roman im Vergleich zu den äußerst kurzen Roths, die dem Feuilleton geschuldet sind. Zudem handelt Manns Roman vor dem Ersten Weltkrieg und deckt einen größeren Zeitraum von etwa zehn Jahren ab; Roth beschränkt sich auf die Ereignisse von 1922. Stilistisch schreibt Mann eine Parodie mit satirischen Elementen, Roths Werk lässt sich der Neuen Sachlichkeit zurechnen mit vielen kurzen Sätzen und präziseren Zeitangaben.
Gemeinsam ist, dass sie das an die Macht drängende Bürgertum in ihrer Zeitgeschichte einfangen und daher Zeitgeschichte dokumentieren. Trotz der integrierten Lokalpolitik enthüllen sie allgemeine Strukturen; Roths nicht näher benannte Organisation wirkt wie Operation Konsul, doch ihre straffe Hierarchie unterscheidet sie kaum von Manns schlagender Kommilitonen-Burschenschaft. In den Fokus rücken Assimilationszwang und Kollektivversagen der liberalen Kräfte (bei Mann personifiziert durch Zellulosefabrik Klöppel), die passiv und reaktionär bleiben. Auf dem Weg zur Skrupellosigkeit bieten sich Diederich und Alternativen durch Liebe, die Veränderungen bewirken könnten, doch der Drang, zur Masse dazuzugehören und etwas zu gelten, obsiegt. Der Protagonist wird nicht dämonisiert, sondern erweist sich als ein Mitläufer. Viel später, bedingt durch die Nürnberger Prozesse und den Eichmann-Prozess, wird Hannah Arendt den Begriff des Schreibtischtäters prägen und den von der Banalität des Bösen sprechen. Beides betont Mann stärker als Roth.
Sowohl die Metapher „Untertan“ als auch das „Spinnennetz“ sind prägnante symbolische Titel für Freiheitsberaubung und Bereitschaft, sie sich nehmen zu lassen. Die Transparenz von Verdauungs- und Entsorgungsmentalität verdeutlicht Heinrich Mann durch die Erfindung von Toilettenpapier bzw. ihre Effizienzsteigerung: „Man brauchte besondere Toiletten“. Helling macht sein Vermögen durch und mit Unrat. Auch dieses Detail findet sich in Roths kürzerem Roman, wenn Lohse träumt: „Rauschende Feste in weißen Sälen, marmorne Treppen, goldene Lüster, große Abendtoilette, klirrende Sporen, Musik, Musik.“
Beide Protagonisten entscheiden sich für Vernunftehen, die ihnen Vermögen und Reputation einbringen und gegen ihr Gefühl und erfinden Rechtfertigungen für ihre zunehmende Kälte, vornehmlich ideologischer Art. Beide bezeichnen die Stimme des Gewissens als „inneren Feind“. Obschon Manns Roman noch vor dem Krieg in der Kaiserzeit situiert ist, bleibt der Tenor gleich, zumal Roth Lohse als „Platzhalter für den Kaiser“ bezeichnet.
Der inhaltlich größte Unterschied besteht darin, dass Lohse gemordet hat und generell Gewalt ungeniert auf allgemeine Toleranz stößt. „Wie ein lächelnder Mörder ging der Frühling durch Deutschland.“ Doch tendenziell ist auch Helling zum Töten bereit; so fordert er den altersschwachen Klöppel zum Duell, als ihn dieser wegen der von ihm schwangeren Agnes ins Gewissen redet. Dazu gehört auch seine Selbstaussage: „Der Teufel ist Ihr lieber Helling! ... Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?“84
In beiden Fällen wird die Ehre ihres Wertes beraubt und pervertiert. Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen, dass Helling tötet ohne mit der Wimper zu zucken, wenn es nötig sein sollte und er sich sicher fühlen kann, mit seiner Tat unbehelligt davonzukommen. In Die Armen (1917) lässt Helling auf die Arbeiter in seiner Papierfabrik schießen.
Beiden Romanen liegen eine sozialistische Haltung, ein vehementes Nein zum Nationalsozialismus und die Solidarität mit den moralisch Integren der Bevölkerung zu Grunde. Beide Autoren schildern die Atmosphäre in bzw. um Berlin.
Dabei weisen auch Details Analogien auf Diederich Helling erschrickt vor sich selbst beim Blick in den Spiegel: „Er ließ vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder. Der von Haaren entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen herabzog, etwas Vaterhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht.“
Erschrecken und Verzerrung werden durch das Topos Spiegel reflektiert. So porträtiert der Maler Klaftern den aufgestiegenen Theodor Lohse: „Er erschrak vor seinem eigenen Bildnis. Es war, als hatte er in einen furchtbaren Spiegel gesehen. Sein Angesicht war rund, rötlich, die Nase platt, mit leise angedeuteter Spaltlinie auf dem breiten, flachen Ricken. Der Mund war breit, mit aufgeworfenen Schaufellippen. Der kleine Schnurrbart verhüllte die wirkliche Lippe zwar, aber die gemalte nicht. Es war, als hatte der Maler den Bart wegrasiert - und er hatte ihn doch mit gemalt.“85
Helling erhält in seiner Studentenzeit einen anderen, körperlich robusteren Verführer in Mehlmann an die Seite gestellt; Lohse muss sich mit dem klügeren Lenz arrangieren. Mann betont in weit stärkerem Maße die Transformation vom Macht-Erleiden (masochistische Züge) in Macht-Ausüben (sadistische Züge).
In Manns Roman spielen drei verschiedene Frauentypen als mögliche Braut Goeßlings eine konkurrierende Rolle für die psychologische (Fehl) Entwicklung des Protagonisten; im Spinnennetz kommt erst gegen Ende die Rede auf eine potentielle Heiratskandidatin, die zudem wenig Aussagekraft für die gesellschaftliche Erstarrung besitzt.
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