Kitabı oxu: «Karl -ausgeliefert»
Bernhard Giersche
Karl
-ausgeliefert
Karl -ausgeliefert
© 2014 Begedia Verlag
© 2014 Bernhard Giersche
Umschlagbild: Lichtinspektor
Layout und Satz: Begedia Verlag
Lektorat: Begedia Verlag
ISBN: 978-3-95777-042-4 (epub)
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Bernhard Giersche, Jahrgang 1967 ist Vater von vier Kindern und hat ein bewegtes berufliches wie privates Leben hinter sich. Daraus schöpft er sein breites Spektrum an Wissen über menschliche Charaktere und menschliche Untiefen. Er arbeitet und lebt in Lippstadt/NRW.
Prolog
Das flache Gebäude mit dem beschädigten Putz war hinter den hoch wuchernden Holundersträuchern kaum zu erkennen. Die Zufahrt war von Brennnesseln und Disteln überwuchert, und aus den Rissen, die die Witterung jahrelang in die Betonplatten vor dem Haus gegraben hatte, wuchs das Unkraut fast einen halben Meter hoch. Ein Stapel alter Autoreifen, der abseits des Weges stand, war vom Moos grün patiniert. Eine Birke wuchs aus ihm heraus, als habe sie den Reifenstapel als Blumentopf auserkoren. Das SEK »Alpha« bahnte sich nahezu geräuschlos seinen Weg zum Haus. Nur der schwere Atem der Männer unter den schwarzen Helmen war zu hören. Ein unterdrückter Fluch, den einer der Polizisten ausstieß, als er in eine Distel griff, wurde von einem ermahnenden »Pssst« kommentiert. Die Gruppe kam langsam voran und bezog unter den mit grauen Brettern zugenagelten Fenstern des Bungalows Stellung. Der SEK-Beamte, der an der rechten Hausecke kauerte, richtete seine Aufmerksamkeit auf den Bereich seitlich des Hauses, der von seiner Position aus am besten einzusehen war. »Alpha bereit«, knisterte es in den Lautsprechern, die auf Ohrhöhe in den Helmen der fünfköpfigen Einsatzgruppe integriert waren. Die marode Eingangstür würde der Türramme keine Sekunde standhalten, und sobald die Tür geöffnet war, würden Blend- und Nebelgranaten jeden Widerstand der oder des Menschen innerhalb des Gebäudes zur Farce werden lassen.
»Team Bravo bereit. Alpha wartet. Sichert den Ausgang und das Fahrzeug.« Dicht neben dem Bungalow stand ein blauer Renault, auf dessen Dach einige Holzpaletten gestapelt waren und der aussah, als wäre er schon sehr lange nicht mehr bewegt worden. Die fünf Männer spannten ihre Muskeln unter der schwarzen Schutzkleidung an und waren bereit zum Zugriff. Das Bravo-Team sollte das Haus von der Rückseite her betreten, und mit dreißig Sekunden Verzögerung würde das Alpha-Team in das Geschehen eingreifen. Das Zielobjekt war chancenlos und bereits so gut wie in Gewahrsam, wenn es gut lief, oder aber tot, wenn es Probleme geben würde. Der Leiter des Einsatzkommandos, ein Mann namens Gerald Picard, war bei seinem Team hoch angesehen, und es bestand zwischen allen Teammitgliedern und ihm ein starkes Vertrauensverhältnis. Picards Vorfahren waren Hugenotten und hatten ihm den französischen Nachnamen vererbt. Sein Team, zwölf Männer und zwei Frauen, hatte ihm den Spitznamen »Captain«, gegeben wegen seiner Namensvetternschaft mit dem Kommandanten des legendären Raumschiffs Enterprise. Und er, Picard, hatte aus dieser Not eine Tugend gemacht, indem er seinen Leuten ihren Spaß ließ, den sie bisweilen mit ihm trieben. »Captain« Picard gab den Einsatzbefehl auf die ihm zu eigen gewordene Art. »Energie!«
Für die beiden SEK-Teams war dies im Grunde ein Routineeinsatz. Sogar die Gegebenheiten der Szene ähnelten denen des Trainingszentrums, auf dessen Gelände Standardsituationen trainiert wurden. Sie wussten, dass sich die Zielperson im Gebäude befand und sie hatten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Zwar hatte der Täter wahrscheinlich eine Geisel, aber es war zu erwarten, dass sich diese in einem separaten Raum in Gefangenschaft befand und somit keiner Gefahr ausgesetzt war.
Lautes Krachen und Splittern drang aus dem Gebäude, dann zweimal ein scharfer Knall. Nach dreißig Sekunden zerschmetterte die wuchtige Ramme die Eingangstür, die komplett aus den Angeln gerissen wurde. Weißer Rauch quoll aus der Türöffnung und weitere Nebelgranaten flogen ins Innere des Hauses. Die fünf Männer standen auf und stürmten, die Gewehre in Vorhaltestellung, in das Gebäude, und nach weniger als drei Minuten hatten sie die Zielperson, die keinerlei Gegenwehr leistete, aus dem Gebäude gezerrt und mit dem Gesicht nach unten in die Brennnesseln geworfen. Die Hände und Füße des Mannes waren mit schwarzen Kabelbindern gefesselt und zwei Beamte blieben bei der Zielperson, während der Rest der Mannschaft die Bretter von den Fensteröffnungen riss, um das Gebäude rauchfrei zu bekommen. Noch war der Einsatz nicht abgeschlossen, denn sie mussten nun das Entführungsopfer finden und retten. Wenn der Mann nach über zwei Monaten Geiselhaft überhaupt noch lebte, woran es erhebliche Zweifel innerhalb der Sonderkommission gab.
Schnell hatten sie die Tür entdeckt, die mit einem schweren Vorhängeschloss gesichert war. Der Rauch hatte sich mittlerweile komplett verzogen und das Schloss hielt der Zuwendung durch einen Bolzenschneider nicht stand. Da niemand wissen konnte, was sich hinter der Tür befand, hielten Picard und sein Team noch immer die Gewehre schussbereit in den Händen. Hinter der Tür befand sich eine Treppe, die in den Keller des Gebäudes führte. Unter gegenseitiger Sicherung tastete sich die Gruppe in den Keller. Die einzigen Lichtquellen bildeten die kleinen Ziellampen, die an ihren Sturmgewehren angebracht waren. »Meine Fresse, stinkt das«, entfuhr es Picard, als die Gruppe in eine Wolke beißenden Fäkaliengestanks geriet. Die Treppe endete in einem einzigen Raum, der wohl früher als Vorratskammer diente. Hier fanden sie ihn.
Graue Lumpen bedeckten den völlig ausgemergelten Körper nur dürftig. Im Licht der Gewehrlampen sah die Haut des Mannes aschgrau aus. Die Haare des Entführungsopfers waren ebenfalls grau, verfilzt und hingen ihm in strohigen Strähnen in das bärtige Gesicht. Der Mann blickte sie mit irren Augen an und ein animalischer Laut entfuhr seiner Kehle. Der Boden des Kellers war eine einzige Jauchegrube und die Möblierung bestand lediglich aus einer Aluminiumschüssel, in der ein gebogenes und völlig vertrocknetes Stück Brot lag. Als einer der Beamten versehentlich diese erbärmliche Schüssel umstieß und der Kanten Brot in die Jauche fiel, stürzte sich die Gestalt auf das Brotstück und rettete es aus dem Schlamm, der aus seinen eigenen Exkrementen bestand. Hastig stopfte er das besudelte Brot in den Mund und versuchte, das steinharte Stück herunterzuschlucken. Ohne ein Wort griffen Picard und zwei seiner Leute dem Mann unter die Arme, den fürchterlichen Gestank ignorierend. Fast zu spät stellten sie fest, dass er mit einer Kette an der maroden Klinkerwand des Kellers gefesselt war. Die Kette endete in einem Eisenring, der um den Hals des Mannes gelegt worden war. Der schmutzige, lange Bart und die filzigen Haare hatten den Ring verdeckt, und so hätten die Retter ihm fast das Genick gebrochen, als sie ihn aus diesem Höllenloch befreien wollten. Auch hier war der Bolzenschneider nützlich, und so brachten sie ihn, nach Monaten in diesem Keller, wieder ans Tageslicht, doch es war nichts Menschliches mehr an dem Mann, der vor zwei Monaten und elf Tagen Opfer einer der spektakulärsten Entführungsfälle der Geschichte geworden war.
Viel später, als alle Berichte geschrieben waren und Spurensicherung und Ermittlungsbeamte den Tatort übernahmen, saß »Captain« Gerald Picard mit seinen Leuten in der Stammkneipe des Teams. Sie alle waren sich sicher, noch niemals etwas so Erbarmungswürdiges wie an jenem Nachmittag gesehen zu haben, als sie den Millionär Karl Grothner befreiten. Zumindest das, was von ihm übrig war.
Eins
Im Keller
Aus dem Meer aus Schmerzen ragte ein besonders stechender und pochender wie ein zerklüfteter Felsen empor. Dieser alles dominierende Schmerz strahlte von seinem Nacken auf den ganzen Körper aus, und alle anderen Schmerzherde in und an seinem Körper ordneten sich ihm unter. Die Wellen, die von ihm ausgingen, mischten alle Gedanken, die er zu formulieren versuchte, zu einem Brei aus Wortfetzen, in dem sich Geräusche und grelle Blitze mischten. Er hatte versucht, die Augen zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. Seine Augenlider schienen zusammengewachsen zu sein. Als er die Arme bewegen wollte, um nach seinen Augen zu tasten, stieß eine Schmerzspitze von den Ellenbögen gnadenlos in sein Hirn und war für eine Millisekunde dominierender als das Inferno, das in seinem Nacken und Hinterkopf tobte. Wieder wurde er ohnmächtig. Als er das nächste Mal aus der Bewusstlosigkeit erwachte, fühlte er sich, als würden seine Adern von glühender Lava durchflossen. Die Hitze, die in ihm war, ließ den Schmerz erträglicher werden, aber die Bilder, die ihm das Fieber in sein zerschlagenes Bewusstsein projizierte, waren grausam und erzeugten Todesangst in ihm. Er spürte noch, wie sich seine Blase und sein Darm entleerten, bevor ihn die tiefe Dunkelheit erneut aufnahm und in den Vorraum des Todes sperrte.
Erst Stunden später kam er wieder an die Oberfläche. Der Schmerz war zu einem monotonen Dauergefühl abgeklungen. Das Fieber ließ ihn wie ein Stück Treibgut in rauer See unkontrolliert in die Realität eintauchen, um ihn gleich wieder im diffusen Nebel der völligen Orientierungslosigkeit versinken zu lassen. Das Gefühl des freien Falls wechselte sich ab mit einem sehr starken Drehschwindel, der ihm jede Kontrolle über seinen Körper nahm, den er ohnehin nicht mehr wahrzunehmen vermochte. Als habe er keine Grenzen mehr, als bestünde sein Körper aus einer Wolke, die sich ständig veränderte und keine Konturen besaß. Eine Wolke, die tief in ihrem Inneren einen glühenden Kern hatte, der unheilvolle Hitze ausstrahlte. An diesem ersten Tag im Keller war er dem Tod sehr nahe, ohne es zu wissen. An diesem Tag bestand seine Gedankenwelt nicht aus Worten und Bildern, Erinnerungen und Deutungen, sondern nur aus Gefühlen und sensorischen Empfindungen. Erst am Ende des zweiten Tages war er imstande, sich zu fragen, wer er ist. Doch diese Frage blieb unbeantwortet für ihn.
Er hatte es unter Schmerzen geschafft, seine Hände zu seinem Gesicht zu bewegen und nach seinen Augen zu tasten. Er rieb sie vorsichtig und konnte die Verklebung des linken Auges lösen und es halb öffnen. Im ersten Moment dachte er, er sei blind, denn trotz des geöffneten Auges sah er nur Schwärze. Es dauerte einige Minuten, bis er begriff, dass er im Dunklen lag. Seine Nase war völlig zugeschwollen und er spürte eine harte Kruste auf seiner Oberlippe. Er war gezwungen, durch den Mund zu atmen und seine Schleimhäute waren vollkommen ausgetrocknet und rissig geworden. Seine Zunge lag wie ein gestrandeter, toter Wal in seiner Mundhöhle und keine Geschmacksknospe sandte mehr Informationen zu seinem Gehirn. Lediglich die Idee eines Geruchs tanzte wie ein zephales Glühwürmchen durch sein Geruchszentrum. Ammoniak. Und noch etwas anderes, doch auch Teile seiner Assoziationsfähigkeit waren im Meer des Vergessens untergegangen.
Sein nächstes Erwachen war völlig anders. Er konnte beide Augen öffnen und sie konnten endlich wieder Informationen an sein Gehirn senden. Es war zwar ein sehr dämmriges Licht, doch weil er seit zwei Tagen nur Dunkelheit um sich gehabt hatte, war die Helligkeit für ihn zunächst unerträglich und er war gezwungen, die Augen wieder zu schließen. Die Verkrustungen um seine Nase herum waren fort und nach einigen Minuten hatten sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt. Die Lichtquelle war eine matte Glühbirne, die an der Decke des Raumes angebracht war. Er bemerkte, dass er völlig unbekleidet auf einer Pritsche lag. Das schmerzhafte Pochen in seinem Hinterkopf war abgeklungen und er begriff, dass jemand während seiner letzten Ohnmacht bei ihm gewesen war und ihn entkleidet und gewaschen hatte. Vorsichtig sah er sich um. Er befand sich in einem kleinen, fensterlosen Raum. Seine Pritsche war eine Campingliege, wie er erkannte, obwohl er nicht wirklich wusste, was eine Campingliege ist. Vor ihm auf dem Boden sah er eine Blechschüssel, darin ein Kanten Brot und neben der Schüssel eine durchsichtige Kunststoffflasche mit Wasser gefüllt. Langsam und unter Schmerzen gelang es ihm, sich aufzurichten und sich hinzusetzen, die nackten Füße auf kaltem Beton. Es klimperte leise und mit Erschrecken stellte er fest, dass er einen Halsring aus Eisen trug, der mit einer Kette an der Stirnwand des Raumes befestigt war. Doch im Moment war ihm die Flasche mit dem Wasser wichtiger. Er ließ sich von der Kante der Liege auf die Knie gleiten und griff nach der Flasche. Hastig öffnete er den Verschluss und trank gierig mit tiefen Zügen das schale Wasser. Sein Magen war nach so langer Zeit mit der plötzlichen Wassermenge völlig überfordert, und er erbrach es sofort wieder. Wie eine Fontäne schoss ihm das Wasser aus dem Mund und spritzte bis an die gegenüberliegende Wand. Hustend rang er nach Luft und trank danach erneut, aber langsamer und in kleinen Schlucken. Sein Magen krampfte erneut bedenklich, beschloss aber offenbar, das Wasser zu behalten. Obwohl er seit zwei Tagen ohne Nahrung war, verspürte er keinen Hunger. Seine gesamte Bauchgegend fühlte sich an, als sei sie aus heißem Stahl gegossen und kein organisches Material. Sein Blick schweifte durch den Raum. Bröckeliger Putz gab den Blick auf rote Ziegelsteine frei. Er sah auf die schmale Wand, an der seine Halsfessel befestigt war. Eine eigentlich dünne, aber offensichtlich sehr robuste Kette war dort mit einer Sechskantschraube an der Wand befestigt. Er tastete nach dem Eisenring, der um seinen Hals lag und stellte fest, dass ein Vorhängeschloss den Verschluss dieses Ringes bildete. Rechts von ihm erkannte er eine schmale Holztreppe, deren zwölf Stufen zu einer grauen Stahltür führten. Er bemühte sich aufzustehen und in Richtung der Treppe zu gehen, doch nach wenigen, sehr unsicheren Schritten spannte sich die Kette und verhinderte, dass er auch nur die unterste Stufe der Treppe erreichte. Er fühlte unendliche Hilflosigkeit in diesen Minuten. Wo war er? Wie war er hierher gekommen? Und vor allem: Wer war er? Er schaffte es gerade zurück auf die Liege, bevor das starke Sedativum, das dem Wasser zugesetzt war, wirkte.
Zwei
Karl Grothner war ein hochgewachsener und stattlicher Mann. Seine leicht ergrauten Haare verliehen ihm noch zusätzliche Autorität, obwohl er die gar nicht benötigte. Als alleiniger Chef des Handelsriesen »Grothner« und alleiniger Anteilseigner der »Grothner Solutions«, die eigentlich ein Geflecht aus verschiedenen Unterfirmen darstellte, gebot er über die veritable Menge von über zehntausend Angestellten. Er war Besitzer von unzähligen Immobilien und hatte sich mit seinen Firmen strukturell unabhängig gemacht. Wenn ihm zum Realisieren seiner Projekte Partner fehlten, buhlte er nicht um Zusammenarbeit, sondern schuf die Firma, die er benötigte, selbst. Transport, Logistik oder IT-Komponenten umrahmten sein Imperium und bildeten den Metabolismus, der es am Leben erhielt. Karl Grothner verfügte über ein Privatvermögen von über vierhundert Millionen Euro und gedachte, seinen Besitz stetig zu mehren. Sein sportlicher Körper steckte in einem dunklen Anzug, seine gesamte Erscheinung war vollkommen makellos. Die glänzenden Lederschuhe wiesen keinen Quadratmillimeter matter Stellen auf, als er aus der Limousine stieg, nachdem ihm der Fahrer die Tür geöffnet hatte. Der schwere, schwarze Land Rover, der stets wie ein Schatten hinter der Limousine des Firmenchefs herfuhr, hatte etwa fünfzig Meter entfernt gehalten. In ihm saßen vier sehr beeindruckende Männer, deren Aufgabe es war, für die Sicherheit des »Chefs« zu sorgen, wie Grothner immer dann genannt wurde, wenn er selbst nicht zugegen war. Ihn in seiner Anwesenheit so zu nennen, hätte niemand gewagt. In diese Verlegenheit kam allerdings niemand, denn Grothner kommunizierte nicht oft mit seinen Angestellten. Er gab Anweisungen, die stets so klar und durchdacht waren, dass es keinen Bedarf an Nachfragen gab. Hätte es diese gegeben, wäre der Frager für die Mitarbeit im Grothner-Imperium auf der Stelle disqualifiziert worden. An manchen weniger guten Tagen hatte Karl Grothner bis zu fünf Kündigungen ausgesprochen. Er verfügte über mehrere Rechtsabteilungen, von denen sich eine ausschließlich mit der Abwicklung der jeweiligen Beschäftigungsverhältnisse befasste.
Karl Grothner ging die wenigen Meter zum Haupteingang des Verwaltungsgebäudes, dessen gesamte Fassade aus verspiegeltem Glas bestand und das einen perfekten Würfel von exakt fünfundvierzig Metern Kantenlänge darstellte. Der Fahrer wartete weisungsgemäß genau dreißig Sekunden, bevor er dem »Chef« mit der schwarzen Aktentasche folgte, die er ihm dann vor die imposante Bürotür stellen würde. Frau Huss, die mausgraue Sekretärin des »Chefs«, würde ihm, wenn Karl Grothner das Gebäude wieder verlassen würde, jene schwarze Tasche exakt dreißig Sekunden später hinterhertragen und in den Kofferraum der Limousine legen. So war es jeden Tag. Zu genau derselben Zeit. Karl Grothner hatte jedes Detail im Ablauf seines Arbeitstages durchorganisiert und genauestens geplant. Jede Abweichung von diesem Schema, sofern von den Angestellten verursacht, führte in die sofortige Arbeitslosigkeit. Karl Grothners Chefsekretärin, Frau Huss, war eine unansehnliche Frau mit einem strengen und völlig altmodischen Dutt. Sie trug stets unauffällige, knöchellange Kleider und eine ebenso unspektakuläre Brille und selten Schmuck oder Parfüm. Ihr unterstand die Buchhaltung und das gesamte Sekretariat, das eine Etage tiefer untergebracht war. Ihr oblag die Auswahl der Schreibkräfte, die zum inneren Zirkel des Grothner-Imperiums gehörten, da sie Zugang zu teilweise sensiblen Daten und Vorgängen hatten. Sie konnte von sich behaupten, es am längsten mit dem »Chef« ausgehalten zu haben, würde das aber niemals tun. Sie war wie ein Schatten, wie der Mensch gewordene Nachhall seiner Persönlichkeit und Autorität. Als sie sich vor über fünfzehn Jahren auf die Stelle der Chefsekretärin bewarb, war sie in einem grauen Kostüm zum Bewerbungsgespräch erschienen und hatte fachliche Kompetenz bewiesen und das nötige Maß an Unterwürfigkeit mitgebracht, um die Stelle zu bekommen. Leidensfähigkeit musste sie erst lernen, aber Karl Grothner war diesbezüglich ein guter Lehrmeister. Sie lernte mit der absoluten Emotionslosigkeit des Konzernchefs zu leben, wie man es lernen mag, mit einer Krebserkrankung umzugehen. In den ersten Jahren litt sie seelisch Höllenqualen, wenn Grothner menschliche Existenzen mit eiskaltem Kalkül zerstörte. Sie sah ehemalige Firmenbesitzer geschockt und in Tränen aufgelöst aus Grothners Büro schleichen, nachdem deren Unternehmen vom ständig wachsenden und unersättlichen Grothner-Konzern geschluckt und zerschlagen wurden. Sie musste herzzerreißend weinende ehemalige Mitarbeiter abweisen, wenn diese trotz ihres Leids noch den Mut fanden, mit dem »Chef« persönlich über ihre Entlassung reden zu wollen. Und sie musste dies mit der gleichen Kälte tun wie der »Chef« selber. Sonst würde sie die Nächste sein, die gehen musste. In ihrer Position entwickelte sie eine Art »Stockholm-Syndrom«, die Identifikation mit dem Aggressor. Sie arbeitete schon lange nicht mehr für Geld, sie gehörte Grothner. Wie alles um Karl Grothner herum Karl Grothner gehörte.
Der Fahrer hatte die schwarze Ledertasche vor dem Chefbüro abgestellt, Frau Huss kaum wahrnehmbar zugenickt und war gegangen. Der »Chef« war dreißig Sekunden vorher wie immer mit regungslosem Gesicht an ihr vorübergegangen und hatte lautlos die Tür zu seinem Büro geöffnet. Auf seinem schlichten Schreibtisch hatte er eine Tasse schwarzen Kaffee und die Terminliste vorgefunden. Sie nahm die schwarze Tasche und öffnete ohne anzuklopfen die Tür. Er hob nicht einmal den Kopf, wusste er doch, dass sie es war. Karl Grothner saß vor seinem Notebook, und an den Bewegungen seiner grauen Augen konnte sie erkennen, dass er dabei war, seine Korrespondenz zu sichten. Der Chef wusste, dass sie die Tasche nun öffnen und in der Reihenfolge Schnellhefter, Smartphone und Plastikdose mit zwei geschnittenen Äpfeln auspacken und die Gegenstände in vorgeschriebener Ordnung auf dem Schreibtisch platzieren würde.
Wie jeden Tag. Und wie jeden Tag gab er ihr, wieder ohne aufzusehen, sein Diktiergerät mit den Anweisungen für den Tag. Sie nahm es entgegen und war peinlich bemüht, seine feingliedrigen Finger dabei nicht zu berühren. So viel intime Nähe zu diesem Mann wäre für sie unerträglich gewesen. Eine Berührung wäre ein Tabubruch gewesen. In den fünfzehn Jahren, die sie ihn nun kannte, hatte sie nie beobachtet, dass Karl Grothner von irgendjemandem berührt worden war. Er gab niemals jemandem die Hand. Möglichst ohne ein Geräusch zu verursachen, verließ sie sein Büro und nahm auf ihrem Bürostuhl Platz, vor sich den Schreibtisch, der wie ein verkleinertes Abbild des Tisches vom »Chef« aussah.
Sie schaltete das Diktiergerät ein. Karl Grothners tiefe, sonore und doch kalte Stimme erfüllte das Vorzimmer. »Predeick um neun. Quartalszahlen Innvotec-Grothner bis zehn. Den Schweizern absagen. Termin Börsenblatt absagen. Termin Ministerium an Berhues delegieren. Max Fresenius entlassen, Vollzug an mich bis fünfzehn Uhr. Telefonate nur von Dr. Krieger und Herrn Walther durchstellen. Bildschirmkonferenz moderieren Sie. Unterlagen sind im Netzwerk. Brinkmann vom Sicherheitsdienst um sechzehn Uhr bestellen.«
Ein Tag wie jeder andere. Sie atmete auf. Max Fresenius war der Facility-Manager des Verwaltungsgebäudes. Früher hätte man »Hausmeister« gesagt. Frau Huss wusste nicht, was der etwa fünfzig Jahre alte Fresenius verbrochen hatte, vielleicht war nur eine Glühbirne auf dem Männerklo defekt oder es wuchs Unkraut in den schmalen Beeten vor dem Glaskubus. Fresenius war auch für die Wartung des Fuhrparks zuständig. Möglicherweise gab es eine leuchtende Warnlampe in der Cheflimousine.
Es war ihre Aufgabe, den Kündigungsgrund zu formulieren, Fresenius davon in Kenntnis zu setzen und die Rechtsabteilung zu informieren. Ein Memo ging an die Sicherheitsabteilung, die dafür sorgte, dass der Mann seine Sachen packte und dann das Firmengelände verließ und nicht wiederkehrte. Sie erledigte alles innerhalb einer halben Stunde und pflegte die vakant gewordene Stelle in die Firmen-Homepage ein. Routine, die sie mittlerweile ebenso emotionslos erledigte, wie der »Chef« sie anordnete. Keine Fragen.
Drei
An den Mann heranzukommen schien unmöglich. Wenn er den Glaskasten verließ, waren stets die Gorillas in der Nähe. Zwar immer dezent im Hintergrund, aber nahe genug, um jederzeit eingreifen zu können, sollte jemand ihrem Boss zu nahe kommen. Den Mann so abzugreifen, war undenkbar. Das war Marius Kleinhans klar. Alleine schon das Sammeln notwendiger Informationen über sein potentielles Opfer gestaltete sich extrem schwierig. Er durfte keinen Fehler machen, sonst wäre der Coup vorbei, bevor er begonnen hatte. Es hatte Tage gedauert, bis es ihm gelungen war, den Weg vom Firmensitz bis in das Privathaus seines Opfers nachzuvollziehen. Sein ursprünglicher Plan war es, den beiden Fahrzeugen einfach zu folgen. Im ersten Auto, einem schwarzen gepanzerten Mercedes, saßen Grothner und sein Fahrer. Bei jeder Fahrt wurde der Wagen von einem Land Rover begleitet, in dem vier Sicherheitsleute saßen. Marius Kleinhans hatte jedesmal die Verfolgung nach wenigen Kilometern abgebrochen, weil sein Instinkt ihm einredete, dass die Bodyguards mitbekommen hatten, dass er sie verfolgte. Erst an einem Tag, an dem es sehr stark regnete und man von ihm maximal die Scheinwerfer im Rückspiegel erkennen konnte, hatte er sich getraut, sie bis zu ihrem Ziel zu verfolgen. Als er die kleine Kolonne durch ein sich automatisch öffnendes Tor fahren sah, war er sich sicher, das Privathaus von Karl Grothner gefunden zu haben.
Marius Kleinhans hatte die feste Absicht, Karl Grothner zu entführen, um ein saftiges Lösegeld zu kassieren. Auf ihn war er durch Zufall gekommen, als er einen Pressebericht gelesen hatte, der sich mit dem Grothner-Imperium befasste. Dort war geschrieben worden, dass über den Privatmann Karl Grothner kaum Informationen vorlagen, weil dieser extrem menschenscheu sei und noch niemals ein Interview gegeben hatte. Auch existierten kaum Fotos von dem Mann, was ebenfalls sehr ungewöhnlich war. Immerhin besaß Grothner ein Wirtschaftsimperium und zählte zu den reichsten Menschen im Land. Marius Kleinhans war der klassische Kriminelle. Von leicht überdurchschnittlicher Intelligenz hatte ihn seine eher banale Verbrecherkarriere immerhin darin geschult, Chancen zu erkennen und ziemlich gute Planungen vorzunehmen, wenn es darum ging, an das Geld anderer Leute zu kommen. Er war mit einem Meter siebzig ein eher kleiner Mann, aber er war extrem muskulös, ohne dabei gedrungen oder körperlich unproportional zu wirken. Er trug kurz geschnittenes, braunes Haar und sein bartloses Gesicht war markant männlich. Ein leichter Unterbiss verlieh ihm das Aussehen einer Bulldogge, was auch sein Spitzname damals im Knast war. Zwei Jahre Santa Fu hatten ihn gelehrt, dass es besser ist, alleine zu arbeiten. Damals hatten ihn die Fehler und der Leichtsinn anderer vor Gericht und anschließend ins Gefängnis gebracht. Diesmal wollte er so ein Fiasko vermeiden. Er bestritt seinen Lebensunterhalt mit Einbrüchen und war darauf spezialisiert, die Sicherheitssysteme der Reichen und Schönen zu analysieren und zu umgehen. Aber er geriet immer mehr an seine Grenzen, denn die technische Entwicklung von Bewegungsmeldern, Kamerasystemen und anderen Einrichtungen ging rasant vonstatten. Mehrfach hatte er einen lange geplanten Einbruch abbrechen müssen, weil er trotz aller Vorbereitung Alarm ausgelöst hatte. Marius Kleinhans verstand sich als Gentleman-Einbrecher. Er wollte nicht in Mietwohnungen einsteigen, um der Arbeiterklasse die wenigen Habseligkeiten zu nehmen. Die Reichen wollte er bestehlen. Und so für ein wenig Gerechtigkeit sorgen. Vor allem auf sich bezogen, denn es waren doch die Reichen, die ihn arm hielten. Die ihm jede Chance verweigert hatten und in ihm eine Made sahen, die versuchte, sich einen Krumen vom Kuchen zu holen. Und dieser Karl Grothner war für ihn zum Sinnbild dieser Ungerechtigkeit geworden. Schwer reich und ohne Familie. Geld nur um des Geldes willen. Noch nie hatte Grothner etwas gespendet oder sich sonst irgendwie sozial engagiert. Für Kleinhans war der Magnat wie Dagobert Duck, der ohne sein tägliches Bad im Geldspeicher zugrunde ging. Wenn er es schaffte, Karl Grothner zu entführen und Lösegeld zu erpressen, wäre er selbst reich. Hätte ausgesorgt bis zum jüngsten Tag. Und er hätte etwas Ehrenhaftes getan, diese Arbeit würde ihn als Kriminellen adeln. Schnell hatte Kleinhans in Erfahrung gebracht, dass es unmöglich war, Grothner in dessen Haus zu packen. Das ganze Anwesen war eine einzige Alarmanlage und der Land Rover stand auch nachts vor dem Tor. Einmal in der Nacht wechselte die Besatzung des Wagens und Kleinhans sah keine Chance, auch nur in die Nähe des Wohnhauses zu gelangen, das von einer drei Meter hohen Mauer umgeben und von keiner Seite wirklich zu sehen war. Lediglich in dem Moment, in dem Grothners Mercedes durch das geöffnete Tor fuhr, konnte man das Wohnhaus erkennen. Ein graues, sehr modernes Gebäude mit einem Metalldach. Schmucklos und funktionell. Innerhalb der Mauern, die das Haus umgaben, gab es weder Bäume noch Büsche oder Blumen. Nur gepflegten, kurz geschnittenen Rasen. Auf der Mauer waren Scheinwerfer angebracht, und sobald nachts irgendein Tier die Bewegungsmelder aktivierte, stürzten die vier Männer aus dem Rover und überprüften die Lage. Da war nichts zu machen. Nächtelang hatte Kleinhans das Anwesen im Schutz der gegenüberliegenden Buschgruppe beobachtet. Er suchte nach einem Loch im Sicherheitsnetz des Multimillionärs. Doch auch nach Wochen des Beobachtens und Sondierens hatte er keine Ahnung davon, wie er des Mannes habhaft werden konnte, ohne dass man ihn in kürzester Zeit fassen und zurück nach Santa Fu bringen würde. Doch er gab nicht auf. »Geht nicht gibt es nicht« war seine Devise, und eines Tages hatte er zumindest den Hauch einer Idee.
Jeden Morgen bot sich ihm das gleiche Schauspiel, zumindest unter der Woche: Von Montag bis Freitag verließ Grothners Wagen um genau acht Uhr das Privatgrundstück. Nie auch nur eine Minute davor oder danach. Und jeden Abend um exakt siebzehn Uhr und dreißig Minuten durchfuhr der gepanzerte Mercedes das Tor in Gegenrichtung. Wie der Fahrer es fertigbrachte, trotz des Verkehrs auf dem Weg hierhin, so unglaublich pünktlich zu sein, war Kleinhans schleierhaft. In Grothners Abwesenheit war das Anwesen keineswegs verwaist. Lieferanten kamen zu festen Zeiten und brachten Lebensmittel oder andere Dinge. Es gab drei Menschen, zwei Frauen und ein Mann, die jeden Tag zur gleichen Zeit durch das Tor gingen. Vermutlich Hausmeister, Köchin und Hauswirtschafterin, mutmaßte Kleinhans. Es gab auch zwei Wachleute einer Sicherheitsfirma, die in schwarzen Uniformen hinter dem Tor standen und jeden, der das Anwesen betreten wollte, kontrollierten. Jeder Lieferant und jeder Bedienstete besaß einen Ausweis, und Kleinhans konnte beobachten, dass sich Wachleute und die Menschen, die das Anwesen betreten durften, persönlich kannten. Hier gab es keine Chance, hinter die Mauern zu gelangen. Selbst wenn er sich als Vertretung ausgeben würde, um so auf das Grundstück zu kommen, würden unzählige Kameras sein Gesicht aufnehmen und innerhalb kürzester Zeit wäre er zur Fahndung ausgeschrieben. Nein, mit der Entführung dieses Mannes durfte ihn nie jemand in Verbindung bringen können.
Die einzige Möglichkeit, um den Mann abzugreifen, musste sich in dem Zeitfenster befinden, in dem Grothner unterwegs zu seiner Firma war. Die Strecke vom Wohnsitz Grothners bis zum Glaskasten betrug nahezu genau sechzehn Kilometer. Die Fahrstrecke ließ sich in dreiundzwanzig Minuten bewältigen. Grothners Fahrer hatte drei alternative Streckenführungen, die er je nach Verkehrslage wählte. Die ersten fünf Kilometer jedoch waren stets die gleichen. Eine schmale Landstraße, die erst durch landwirtschaftlich genutzte Flächen führte, dann kam ein Waldstück von einem Kilometer Länge und danach kam bereits das Ortseingangsschild, und die Fahrstrecke wurde nicht mehr vorhersehbar. Innerhalb des Waldstückes gab es eine Querstraße, die in die Landstraße mündete. Diese war von Büschen gesäumt und führte zu einem verlassenen Bauernhof. Diese Stelle hatte sich Kleinhans ausgesucht, um Karl Grothner zu entführen. Blieb nur das Problem mit den Männern im Land Rover, die wie Schmeißfliegen an dem Wagen des Konzernchefs klebten. Die musste er loswerden, und er wusste auch schon wie. Der Land Rover hielt jeden Abend an genau derselben Stelle vor dem Haus des Millionärs. Drei Meter vor dem Eingangstor. Direkte Nachbarn besaß das Anwesen nicht und die Straßenbeleuchtung war nur im unmittelbaren Eingangsbereich so hell, dass jede Bewegung auffallen musste. Links und rechts des ummauerten Grundstücks war die Fläche bewaldet, was Kleinhans das Observieren des Anwesens erleichterte. Auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite war das Gelände dicht mit Buschwerk bewachsen. Erst nach über zweihundert Metern gab es eine weitere Villa, die jedoch weder Mauer noch Hecke besaß und einem Unternehmerehepaar gehörte, wie Kleinhans herausfand. Erst nach Tagen war ihm aufgefallen, dass der schwere Geländewagen der Bodyguards immer über einem Kanaldeckel stehenblieb, nachdem Grothners Auto auf das Anwesen gefahren war. Hierin lag möglicherweise die Lösung des Problems. Ein Plan reifte in ihm heran und Kleinhans begann sich auf den Tag vorzubereiten, an dem er einen der reichsten Männer Deutschlands entführen würde. Er entwendete in den nächsten Tagen einen zehn Tonnen schweren und voll beladenen Kieslaster von einer Baustelle in einer Nachbarstadt und brachte ihn auf den verlassenen Bauernhof, wo er ihn unter einer großen Remise so einparkte, dass er von der Straße aus nicht zu sehen war. Kleinhans kaufte von einem Schrotthändler einen alten blauen und zerbeulten Renault, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass dieser noch fahrbereit war. Mit gestohlenen Kennzeichen versehen, brachte er auch dieses Fahrzeug in Stellung. Nun musste er warten. Schon nach wenigen Tagen hatte er Glück. Der Mercedes und sein Begleiter fuhren an diesem Tag nicht in Richtung des Hauses, in dem Grothner lebte, sondern schlugen den Weg in Richtung des Flughafens ein. Heute Nacht würde der Land Rover nicht vor dem Haus stehen, denn der Hausherr war nicht anwesend. Kleinhans wusste, dass zwei Kameras auf den Bereich des Eingangstores gerichtet waren. Sein Sachverstand sagte ihm, dass der Gullydeckel, über dem normalerweise der Rover stand, außerhalb des Erfassungsbereiches dieser Kameras lag. Im Schutz der Dunkelheit brachte Kleinhans ein Stahlseil und eine vier Zentimeter dicke und zwei Meter lange Eisenstange zu dem Gullydeckel, hob diesen mit einer Brechstange an und schob ihn so weit zur Seite, dass er die Trosse und die schwere Eisenstange hineinwerfen konnte. Er warf einen prall gefüllten Rucksack hinterher, dann verschloss er den Gully wieder und verschwand so schnell er konnte von der Straße. Über eine Stunde verharrte er in seinem Gebüsch, bis er ganz sicher sein konnte, dass niemand etwas davon mitbekommen hatte. Nun schlich er erneut zu dem Kanaldeckel, hebelte ihn zum zweiten Mal heraus und schob ihn so weit zur Seite, bis er selbst in das enge Kanalrohr klettern konnte. Sobald er unterhalb der Straßendecke war, schob er von innen den Deckel wieder in seine Position. Der senkrechte Teil des etwa sechzig Zentimeter durchmessenden Kanals mündete in einem waagerechten Rohr, das der Regenwasserentsorgung diente. Auf dem Grund dieses Rohres fand Kleinhans das Stahlseil, die schwere Eisenstange und seinen Rucksack. Er verband das Seil mit einem Karabinerhaken mit der Eisenstange und legte diese so in das waagerechte Rohr, dass sie wie ein Anker wirken müsste. Am anderen Ende der Trosse hatte er ebenfalls einen Karabinerhaken befestigt. Das Kanalrohr lag trocken, denn es hatte schon geraume Zeit nicht mehr geregnet. Es hatte einen Durchmesser von achtzig Zentimetern und war somit groß genug, um sich auf allen Vieren darin fortbewegen zu können. Marius Kleinhans nahm eine Taschenlampe aus dem Rucksack und kroch in das Rohr zu seiner Linken. Fünfzig Meter weiter würde er den nächsten Kanaldeckel finden, und an dieser Stelle wollte er aus dem Kanalsystem verschwinden, wenn es soweit war. Er musste zunächst aber herausfinden, ob sich die fünfzig Meter tatsächlich im Kriechgang bewältigen ließen. Davon hing, wie von vielen anderen Elementen, sein Plan ab. Langhans litt zu seinem Glück nicht an Klaustrophobie und es befand sich nur trockener Schlamm in dem Betonrohr. Er bewältigte die Strecke bis zum nächsten senkrechten Rohr innerhalb von zwanzig Minuten, stieg an den Metallkrampen, die in das senkrechte Rohr eingelassen waren, empor, und drückte von unten gegen den Gullydeckel. Der mochte um die fünfzehn Kilogramm wiegen und Kleinhans konnte ihn mühelos anheben und zur Seite schieben. Der Renault stand von dieser Stelle nur hundert Meter entfernt, Kleinhans hatte ihn rückwärts in einen Waldweg gefahren, sodass er von der Straße aus nicht zu sehen war. Um kein weiteres Risiko einzugehen, kroch er auf allen Vieren wieder zurück zu der Stelle, an der der Land Rover hoffentlich bald stehen würde. Nun musste er warten, wenn er Pech hatte, mehrere Tage, bis Grothner von seiner Geschäftsreise zurückkehrte. Er richtete es sich mit dem Inhalt des Rucksacks, einer Decke und Lebensmitteln, so bequem wie möglich in dem Kanalrohr ein und betete, dass es nicht zu regnen begann. Sonst würde das alles eine sehr feuchte Angelegenheit werden.
Nach zwölf Stunden in dem Rohr spürte er seinen Körper kaum noch. Auch wenn es nicht allzu kalt war, ließ ihn die Bewegungsunfähigkeit auskühlen. Er kroch immer wieder in dem Kanal hin und her, kletterte die kurze Leiter empor, um nicht steif zu werden und begann, an der Durchführbarkeit seines Planes zu zweifeln. Einsamkeit ist ein guter Einflüsterer von Bedenken. Plötzlich schien ihm das alles zu riskant. Es gab zu viele Unwägbarkeiten. Hatte er wirklich keine Spuren an der Stahltrosse und der Stange hinterlassen? Mit bloßen Fingern hatte er sie nie angefasst. Die ganze Zeit, während der Vorbereitung und hier unten im Kanal, hatte er Handschuhe getragen. Aber er wusste auch, dass die Forensiker alles absuchen würden und dass sie ihn durch ein einziges Haarfollikel identifizieren konnten. Zweifel schlichen wie Viren, die begonnen haben, einen Organismus zu infizieren, in seine Gedanken, und als es erneut dämmerte und der Land Rover noch immer nicht über ihm stand, war er kurz davor, das Projekt abzubrechen. In der Dunkelheit hier unten und mit dem ständigen Rascheln in dem Kanalrohr, das von beiden Seiten der Röhre zu hören war und dessen Ursprung wohl in der Rattenpopulation lag, kam ihm sein ganzer Plan mehr und mehr idiotisch vor. Wer war er, dass er glaubte, diesen Mann tatsächlich entführen zu können? Einen Mann, der ein Imperium führte, in einer gepanzerten Limousine fuhr und von wahrscheinlich waffenstarrenden Leibwächtern bewacht wurde. Er war ein Krimineller, wenigstens das konnte er von sich behaupten. Aber was hatte er schon vorzuweisen? Einige gut gelungene Einbrüche in Villen ziemlich reicher Leute. Letztlich war er im Knast gelandet. Und heute? Heute saß er wie eine Ratte in dieser Kloake und glaubte tatsächlich, ausgerechnet ihm könne so ein Coup gelingen? Fast musste er lachen. Und selbst wenn es ihm gelang, seinen Plan durchzuführen, würde man ihn jagen, bis man ihn gefasst hatte. Und dann? Mindestens zwölf Jahre Knast erwarteten ihn. Und wenn Karl Grothner etwas zustoßen würde bei der ganzen Sache, käme er wohl niemals wieder frei. Er fror. Die Dunkelheit ließ Lichtpunkte vor seinen Augen tanzen und die Geräusche, die die Ratten in der Kanalisation verursachten, schienen immer lauter zu werden. Fast bekam er Angst vor dem, was da hinten in der Dunkelheit scharrte und trippelte.
Die Vorräte im Rucksack gingen zur Neige und trotz der Enthaltsamkeit beim Trinken verspürte er einen immer stärkeren Harndrang. Sich hier zu erleichtern war ausgeschlossen, er würde sein genetisches Material gleich deziliterweise hinterlassen.
Resigniert kroch er wieder durch das Rohr und verließ das Kanalsystem, um sich zu erleichtern. Die neue Nacht war angenehm warm, jedenfalls hier oben, und die Grillen gaben ihr Konzert in der Ferne. Er beschloss, nachdem er seine Notdurft verrichtet hatte, seine Sachen aus dem Schacht zu holen und die Aktion abzubrechen. Es sollte offensichtlich nicht sein. Er konnte nicht noch länger in dem engen Kanal sitzen und auf sein Opfer warten. Das würde er nicht aushalten. Die Schwachstelle in seinem ansonsten grandiosen Plan war er selber. Er hatte nicht gedacht, dass er schon nach weniger als zwanzig Stunden so weit war. Bei der Planung hatte er sich noch vier oder mehr Tage zugetraut. Enttäuscht ging er in Richtung des geöffneten Kanaldeckels, als plötzlich Scheinwerfer zu erkennen waren. Grothner kehrte zurück. Sofort wurde Kleinhans Körper von Adrenalin durchflutet, das innerhalb des Bruchteils einer Sekunde seine Zweifel davonspülte. Schnell warf er sich hinter eine Buschgruppe, um nicht von den Scheinwerfern der beiden Fahrzeuge erfasst zu werden. Nachdem die kleine Wagenkolonne ihn passiert hatte, stieg er rasch wieder in das Kanalrohr, schloss den Deckel und kroch so schnell er konnte zu seinem Lager zurück. Marius Kleinhans glaubte nicht, dass den Insassen der beiden Fahrzeuge der verschobene Gullydeckel aufgefallen war, und wenn doch, konnte er es jetzt nicht mehr ändern. Er wollte den richtigen Moment abpassen, möglichst unmittelbar, nachdem der Range Rover zum Stehen gekommen war, denn dann würde im Inneren des Autos noch die größte Unruhe herrschen. Der Karabinerhaken und die ersten dreißig Zentimeter der zwanzig Meter langen Stahltrosse waren von ihm mit Isolierband ummantelt worden, damit es keine oder nur wenige Geräusche gab. Er nahm den Karabinerhaken und befestigte ihn an seinem Gürtel, stieg dann die Leiter hinauf und blickte durch die runden Löcher des Kanaldeckels. Tatsächlich stand der Wagen direkt über ihm. Ohne lange zu überlegen drückte Kleinhans den Deckel nach oben und schob ihn langsam und möglichst leise so weit zur Seite, dass der Kanal halb geöffnet war. Er lauschte, doch es erfolgte keine Reaktion auf seine Aktivität. Den Bodyguards über ihm in ihrem schweren Geländewagen würde schon früh genug auffallen, dass er hier war, dachte er grimmig. Kleinhans war erstaunt, wieviel Raum zwischen der Fahrbahndecke und der Unterseite des Geländewagens bestand. Dieser Umstand erleichterte sein Vorhaben und vorsichtig schob er sich unter das Auto. Es gelang ihm, den Karabiner um die vordere rechte Radaufhängung zu legen und ihn dann zweimal um die Traverse zu wickeln, an der das rechte Vorderrad befestigt war, bevor er den Karabinerhaken an der Stahltrosse einrasten ließ. Das war nach seiner Einschätzung die schwierigste Phase in seinem Plan. Er kroch in den Gully zurück und schob den Deckel wieder über die Öffnung. Das Stahlseil verhinderte, dass sich der Deckel wieder komplett einfügte, aber das spielte keine Rolle. Der heraufschnellende Gullydeckel würde den Schaden an dem Fahrzeug vergrößern, wenn es anfuhr. Auf dem Grund des waagerechten Kanals überprüfte er den Sitz des Stahlseils an der massiven Eisenstange, die er so platziert hatte, dass sie als Anker fungieren würde, wenn das sich spannende Seil sie empor riss. Mit der Taschenlampe kontrollierte er seine Arbeit und suchte jeden Zentimeter ab, um auszuschließen, dass er irgendetwas versehentlich liegengelassen hatte. Morgen würden Ermittler und Forensiker hier herumkriechen und nach irgendeinem Hinweis auf den oder die Täter suchen. Nach zwanzig Minuten verließ er den engen Kanal und lief zu dem Renault, der versteckt in dem Wald stand, der das Grundstück Grothners umrahmte. Die Stunden in dem engen Rohr hatten ihren Tribut gefordert. Ihm tat jeder Muskel und jeder Knochen weh, doch die Bewegung jetzt ließ den Schmerz schnell vergehen. Allerdings hatte er nun wieder ein gutes Gefühl, was seinen Plan anging. Karl Grothner würde morgen seine Geisel sein. Er würde im Keller des ehemaligen Pförtnerhauses in der Industriebrache der alten »Buttwanger« Fabrik am Stadtrand liegen, ein Ort, der so verlassen war, wie man es sich als Entführer nur wünschen konnte. Um acht Uhr würde Grothner noch guter Dinge sein. Um acht Uhr und fünfzehn Minuten würde sich das zu einhundert Prozent geändert haben, dessen war sich Marius Kleinhans sicher.
Vier
Der Flug war stets der lästigste Teil bei manchen Geschäften. Was dazu führte, dass Karl Grothner, den ohnehin ständig die Aura des Schlechtgelaunt-seins umgab, zu noch weniger Konzessionen und Kompromissen bereit war als ohnehin üblich. Sein Anwalt hatte ihm nahegelegt, diese kurze Dienstreise zu unternehmen, um persönlich für das letzte Quäntchen Überzeugungskraft zu sorgen. Mit rein juristischen oder betriebswirtschaftlichen Argumenten sei dem betreffenden Gesprächspartner nicht beizukommen. Es bedürfe dieser »speziellen« Verhandlungsweise, wie sie nur Grothner zu eigen sei. Und so stieg Karl Grothner mit seinem Anwalt und zwei seiner Leibwächter in den Firmenjet und flog nach Den Haag, um dort eine mittelgroße Spedition zu kaufen und danach sofort zu zerschlagen. Die Spedition wurde durch einen einzigen Mann gelenkt, Daniel Dickens, der dem Unternehmen auch den Namen gab: »Dickens Transport«. Ihm war es gelungen, einen europaweit agierenden Lebensmittelkonzern davon zu überzeugen, ihm allein die Transporte von Rohstoffen innerhalb der Benelux-Staaten zu überlassen. Damit kam er aber der »Grothner Transport & Logistic« in die Quere, die ebenfalls Verträge mit dem Lebensmittelkonzern hatte. Grothner ließ kontinuierlich den Druck auf Daniel Dickens erhöhen und warb Kunden des Spediteurs ab. Dickens musste gemerkt haben, dass ihm ein wirklicher Riese in diesem Geschäft den Krieg erklärt hatte, doch der Niederländer war stur und uneinsichtig.
Im nächsten Schritt schickte Karl Grothner ihm seinen privaten Anwalt auf den Hals. Dr. Krieger war ein Jurist in Reinkultur. Einer der ganz wenigen Menschen in Grothners innerem Zirkel, der Fragen stellen durfte, ohne gefeuert zu werden. Weil er der Einzige war, dem es manchmal gelang, Schwachstellen in Grothners Strategien zu erkennen. Dr. Krieger war ein hochgewachsener, sehr stämmiger Mann mit etwas zu langem, fast weißem Haar. Er trug stets einen schwarzen Anzug und eine rote Seidenkrawatte, die mit einem gestickten Paragraphenzeichen versehen war. Trotz der Tatsache, dass es Zahnersatz und Brücken in keramischer Form gab, die als solche nicht zu erkennen waren, besaß Dr. Krieger zwei Goldzähne, einen rechts und einen links im Oberkiefer, was ihm die Aura eines Dinosauriers verlieh und seinem Lachen etwas Unheimliches gab. Dr. Krieger war Karl Grothners Vollstrecker. Bei ihm ging es niemals darum, ob etwas ging, sondern nur wie es zu bewerkstelligen war. Und wenn alle Mittel versagten, erstattete Dr. Krieger Bericht und Karl Grothner musste die Hinrichtung seiner Gegner selbst bewerkstelligen.
Unangenehm für alle Beteiligten. Grothner hatte seine Beziehungen spielen lassen und seinen »Schnüffler« von der Leine gelassen. Karl Grothner nannte den Mann nur »den Schnüffler«, ein Privatdetektiv, dessen kriminelle Vergangenheit Grothner völlig egal war. Auf seinen »Schnüffler« war auch dann Verlass, wenn alle anderen, legalen Mittel versagten. Und auch im aktuellen Fall hatte der Mann interessante Dinge ausgegraben, Munition für Grothner, um seinen Gegner zur Strecke zu bringen.
Dr. Krieger hatte den Termin bei Daniel Dickens angebahnt und Dickens hatte erst nach Wochen eingewilligt, Karl Grothner zu treffen und mit ihm persönlich zu reden. Als Grothners Mietlimousine auf das Gelände der Spedition einbog, stand Dickens hinter dem Fenster seines Büros und verfluchte den Tag, an dem er in den Fokus des Interesses der Grothner-Gruppe geraten war. Er führte die Spedition nun in vierter Generation und hatte den Führungsstil seiner Vorfahren fortgesetzt. Er hatte die Spedition vergrößert und sie zu einem florierenden Unternehmen geschmiedet. Jeder seiner Angestellten wurde von ihm als Freund betrachtet und auch so behandelt. Es gab keine personelle Fluktuation bei »Dickens-Transport«, die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter war das Ergebnis seines stets freundlichen, ehrlichen, aber auch konsequenten Umgangs mit ihnen. Und die Verlässlichkeit in der Umsetzung aller Aufträge war auch in den Kreisen der Mitbewerber anerkannt. Dickens hatte schon oft unter Druck gestanden. Er hatte seine Firma durch alle Krisen geführt, und er war davon überzeugt, auch diese Krise meistern zu können. Daniel Dickens war ein schlanker, hochgewachsener Mann von fast zwei Metern Körpergröße. Für seine fünfundsechzig Jahre wirkte er sehr sportlich, und seine grauen Haare verliehen ihm etwas seriöses. Ein Eindruck, der durch die goldgefasste Brille noch verstärkt wurde. Er trug stets einen gepflegten Anzug, keine Nobelmarke, aber doch teuer genug, um zu demonstrieren, dass er in der Firmenhierarchie ganz oben stand. Trotz seines sehr fairen Führungsstils strahlte er Autorität aus und er war sehr starrsinnig und selbstbewusst in dem, was er wollte, oder eben nicht wollte. Seine Sekretärin, ungewöhnlich blass, öffnete die Tür zu seinem Büro und teilte ihm mit, dass »die Herren aus Deutschland« jetzt da seien. Er nickte nur und Karl Grothner betrat das Büro des Spediteurs. Ihm folgte der Anwalt, der ihn in den vergangenen Wochen so sehr bedrängt hatte. Der Anwalt nickte Dickens nur kurz zu und stellte eine Aktentasche und einen Laptop auf den Besprechungstisch in der Mitte des Raumes. Dann verließ Dr. Krieger das Büro wieder und Dickens war mit Grothner allein.
»Setzen wir uns!«, sagte Karl Grothner knapp und Dickens fühlte sich, als sei er der Gast hier. Ohne seine Reaktion abzuwarten, nahm Karl Grothner an dem Besprechungstisch Platz. Der Tisch bestand aus einer rechteckigen Mahagoniplatte. In der Mitte standen einige Gläser und verschiedene Getränkeflaschen. Daniel Dickens versuchte, so souverän wie möglich zu klingen.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Sparen Sie sich die Höflichkeiten, ich habe hier die Verträge für die Übernahme, Sie unterschreiben, packen Ihre Sachen und verlassen das Firmengelände. Und dann, vielleicht, wünsche ich eine Erfrischung.« Grothners Stimme war nicht laut, aber sie war fest, klar und kalt. Dickens starrte ihn an, als hätte Grothner einen irrsinnigen Knittelvers aufgesagt.
»Sind Sie noch ganz bei Trost? Sind Sie völlig irre? Ich habe dem Gespräch nur zugestimmt, damit ich Ihnen ins Gesicht sagen kann, dass Sie niemals, niemals diese Firma übernehmen werden. Nicht, solange ich lebe und auch danach nicht. Verlassen Sie sofort mein Büro und lassen Sie sich nie wieder blicken.« Feine Speicheltropfen stoben von Daniel Dickens Lippen, als er diese Worte geradezu herausschrie. Sein niederländischer Akzent verlieh dem Gesagten noch mehr Ernsthaftigkeit als der Groll, der in seiner Stimme mitschwang. Mit hochrotem Kopf stand Dickens vor dem Mogul, die Fäuste fest gegen die Hüften gepresst. Grothner griff zu seiner Aktentasche und suchte scheinbar unbeteiligt einige Papiere heraus. »Der Vertrag.« Er griff in die Innentasche seines Sakkos und förderte einen edlen, schwarzen Füllfederhalter zutage, den er sanft auf den Stapel Papiere legte. »Unterschreiben!«
»Sie sind völlig wahnsinnig!« Dickens versagte die Stimme.
»Bin ich das? Was ist denn in Ihren Augen Wahnsinn? Eine Firma zu übernehmen im Zeitalter der Globalisierung? Oder Mord? Tausendfacher Mord? Beihilfe zum Völkermord?« Grothner sprach die Worte ruhig, fast feierlich, ohne seinen Gegner dabei aus den kalten Augen zu lassen.
»Was ist Wahnsinn?« Die letzten drei Worte hatte er deutlich lauter gesprochen. Am ganzen Körper bebend stand Daniel Dickens im Raum, seine Hände öffneten und schlossen sich in schnellem Rhythmus.
»Raus! Auf der Stelle raus!!«, brüllte der, nun nicht mehr souveräne, Spediteur. Unbeeindruckt griff Grothner wieder in die Aktentasche und zog ein weiteres Blatt Papier heraus.
»Dies ist eine beglaubigte Kopie, die mir freundlicherweise vom Bundesarchiv in Leipzig zur Verfügung gestellt wurde. Das Schreiben ist datiert vom 2. September 1942. Absender ist das Reichssicherheitsamt in Berlin. Das Amt beauftragt Ihren werten Herrn Vater mit dem Transport von Industrieanlagen von Erfurt zu einem Ort in Polen, den sie vielleicht kennen. Ah, hier steht es ja. Der Ort heißt Auschwitz. Die Industrieanlagen sollen bei einer Firma J. A. Topf und Söhne in Erfurt geladen und in dieser seltsamen polnischen Stadt wieder abgeladen werden. Auftraggeber ist ein Herr Karl Bischoff. Bauleiter der SS.«
Wieder griff Grothner in die Aktentasche. Diesmal hielt er mehrere Blätter in der Hand. »Ah, das ist ja interessant. Sie haben für die Nazis auch nach Dachau, Gusen und Mogilev geliefert. Immer Industrieanlagen der Firma Topf und Söhne. Und hier, schauen Sie mal, auch nach Buchenwald. Ist das nicht gleich bei Erfurt?« Lässig warf Karl Grothner die Papiere auf den Tisch. Ein letzter Griff in die Aktentasche. »Ladepapiere, einige tragen die Unterschrift Ihres Vaters und Ihres Großvaters.« Grothner schloss kurz die Augen, als wolle er einen lästigen Gedanken aus seinem Inneren vertreiben. Dickens stand völlig erstarrt und leichenblass immer noch an derselben Stelle wie zu Beginn dieses Gespräches. »Dreimuffelöfen«, las Grothner vor. »Und hier ... gasdichte Fenster und Türen. Und hier, ein Dankschreiben, unterschrieben von Ihren Vorfahren, für die gute Zusammenarbeit und voller Hoffnung, das alles zur vollsten Zufriedenheit des Führers abgewickelt wurde. Wissen Sie, werter Herr Kollege, was Dreimuffelöfen sind? Nein? Es sind Krematorien. Sie haben den Nazis die Mittel beschafft, sie mit den Mitteln versorgt, um hunderttausende Menschen umzubringen.« Grothner machte eine Kunstpause. »Nun gut.« Er griff zu dem Laptop und klappte ihn auf. Nach Sekunden zeigte der Bildschirm das Logo eines bekannten Internetdienstes.
»Da Sie sich beharrlich weigern, Ihre Firma zu veräußern, werde ich diese Information nun in einer bereits vorformulierten Mail an alle Geschäftspartner, an die Spediteursgewerkschaft, an Ihre und meine Regierung und natürlich an alle Ihre Kunden weiterleiten. Zudem habe ich im Verteiler dieser Mail sämtliche Medienvertreter aufgenommen, die an dieser Information Interesse haben könnten.« Demonstrativ griff Grothner zu dem schwarzen Füllfederhalter und steckte ihn wieder ein. Dickens hatte sich aschfahl auf einen der Stühle gesetzt und betrachtete mit zitternden Händen die Papiere, die Karl Grothner auf den Tisch gelegt hatte.
»Das ... das wusste ich nicht. Ich ... ich habe das nicht gewusst.«, stammelte der Niederländer.
»Tja, jetzt wissen Sie es. Ich brauche gar nichts mehr zu tun. Ich drücke diesen Knopf hier und fege in drei Wochen die Scherben zusammen, die von Ihrer Spedition übrig geblieben sind. Das war es, schönen Tag noch.« Grothner stand auf.
»Nein, warten Sie. Bitte. Bitte senden Sie das nicht ab. Wir reden, ich rede mit Ihnen. Das darf nicht ... das darf niemals ... meine Familie ... bitte, reden Sie mit mir.« Dickens Stimme zitterte und Tränen standen in seinen Augen.
Seine Brille hatte er abgenommen und auf den Tisch gelegt, ein Zeichen völliger Resignation. Mit flehendem Blick sah er Grothner an. Dieser musterte ihn wie ein exotisches Insekt. Ohne ein Wort zu sagen, holte er erneut den Füller hervor und warf ihn Dickens zu.
»Überall, wo ein Kreuz ist.« Daniel Dickens unterschrieb nicht sofort. Er blätterte die Seiten durch und stutzte, als er den Kaufpreis sah. Seine Spedition war mindestens das Zehnfache wert.
»Das ist doch nicht Ihr Ernst! Die Kaufsumme ist doch nicht wirklich Ihr Ernst! Alleine der Fuhrpark ist das Doppelte wert. Ich kann Ihnen doch meine Firma nicht schenken.« Der Niederländer sah Grothner verzweifelt an.»Wenn ich hier auf diese Taste drücke, ist Ihre Firma nicht mal mehr einen Cent wert«, flüsterte Grothner und hielt den rechten Zeigefinger auf der »Enter«-Taste.
»Ich flehe Sie an. Mit dem Kaufpreis kann ich nicht leben. Das ist viel zu wenig. Ich muss doch auch an meine Familie denken.«
»So wie Ihr Vater an die Familien der Leute gedacht hat, die die Nazis in die Dreimuffelöfen geschoben haben? Unterschreiben Sie!« Dickens erkannte intuitiv, dass seine Karriere als Geschäftsmann jetzt und hier endete und er fügte sich in sein Schicksal.
Eine Minute später gehörte Karl Grothner die Firma.
»Bitte löschen Sie jetzt die Mail«, flüsterte der Geschlagene. Grothner legte seine Fingerspitzen aneinander und schaute darüber hinweg seinen ehemaligen Gegner an.
»Wissen Sie, warum sich der Hund an den Eiern leckt?«, fragte Karl Grothner den irritiert blickenden Dickens.
»Weil er es kann!«, sagte der neue Besitzer von »Dickens-Transport« und drückte den »Senden«-Button.
Leichenblass saß der vernichtete Dickens an Grothners Tisch in Grothners Büro, als dieser den Raum verließ und seinem Anwalt nur kurz zunickte. Dieser nahm die Papiere vom Tisch und verstaute sie in der Aktentasche. Er klappte den Laptop zu und nahm ihn unter den Arm. Kurz blitzten seine Goldzähne auf. »Einen schönen Tag noch.« Der Anwalt folgte seinem Herrn zur Mietlimousine. Er setzte sich wortlos auf den Beifahrersitz. Es gab nichts zu besprechen. Seine Arbeit war es nun, die Trümmer, die von »Dickens-Transport« übrig geblieben waren, zusammenzukehren, die Pressearbeit zu veranlassen und neue Verträge zu formulieren, mit denen der Finanzorganismus des Grothner-Imperiums weitere Facetten erhielt. Karl Grothner saß im Fond des Fahrzeuges und sah aus dem Fenster. Er hatte die Oberlippe leicht hochgezogen und seine schneeweißen Zähne blitzten zwischen den schmalen Lippen hervor. Seine Mundwinkel wiesen dabei nach unten, was seinem Gesicht etwas Bösartiges verlieh. Einer der seltenen Momente, in denen er lächelte. Eine Stunde später hob der Learjet ab und brachte Karl Grothner und sein Team zurück nach Deutschland. Am Flughafen erwartete die Gruppe bereits die Cheflimousine und der Land Rover für die Leibwächter. Die Fahrt ging in Richtung des Wohnsitzes des Multimillionärs. Es war bereits dunkel, als die Kolonne das Anwesen erreichte.
Fünf
Marius Kleinhans hoffte, dass die Präzision, mit der sein Opfer seinen Tag strukturierte, auch nach der Dienstreise Gültigkeit besaß. Demnach würde Grothners Wagenkolonne um genau acht Uhr morgens losfahren. Der Wagen mit den Bodyguards würde ausgeschaltet werden, und wenn der Chauffeur des »Chefs« bei der Ausbildung aufgepasst hat, würde er, anstatt anzuhalten, Gas geben, um Grothner in Sicherheit zu bringen. Denn es musste ihm sofort klar werden, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging, wenn der Land Rover so spektakulär außer Gefecht gesetzt würde. Er würde mit seinem wertvollen Passagier, so schnell es der gepanzerte Mercedes zuließ, in Richtung Stadt fahren, wahrscheinlich aber dabei einen Notruf an die Polizei absetzen. Der Mercedes würde also sehr schnell die Stelle passieren, die Marius für den letzten Akt dieses Stücks vorgesehen hatte. Er schätzte, dass er maximal fünf Minuten Zeit hatte, den Mann aus der Limousine zu ziehen, ihn in den Renault zu schaffen und mit ihm von der Bildfläche zu verschwinden, bevor es vor Polizisten wimmeln würde. Es gab nur eine einzige Sache, die Marius weder planen, noch vorhersehen konnte. Wie bekam man einen Mann aus einem gepanzerten Fahrzeug, wenn der das nicht wollte? Hier lag die vielleicht größte Unwägbarkeit in seinem Plan. Er hatte im Internet alles über gepanzerte Autos gelesen, was zu finden war, und so wusste er, dass solche Autos zumeist spezielle Sicherheitseinrichtungen besaßen, die im Falle eines Unfalls aktiviert wurden. Schließlich muss ja auch die Feuerwehr an die Fahrzeuginsassen herankommen, wenn es sich um einen normalen Verkehrsunfall handelt und nicht um ein Attentat oder einen Entführungsversuch. Diese Spezialfahrzeuge boten in erster Linie Schutz gegen Beschuss und Zugriffe von außen. Bis zu drei Tonnen schwer, glichen sie jedoch anderen Fahrzeugen bis ins Detail, auch wenn sie im Grunde nur aus Panzerstahlplatten bestanden, die man mit leichtem Blech verkleidet hatte. Alleine die Seitenscheibe eines solchen Fahrzeuges wog an die vierzig Kilogramm und hielt auch Geschosse größeren Kalibers mühelos ab. Marius setzte darauf, dass Grothner darauf bedacht war, im Falle eines Verkehrsunfalls schnellstmöglich gerettet zu werden. Da gepanzerte Limousinen nie von der Stange kamen, sondern individuell geplant und konstruiert wurden, ließ sich für Marius nur schwer einschätzen, welche technischen Kniffe Grothners Mercedes besaß.
Er hatte den Renault nun unmittelbar an die Stelle gelenkt, an der der Überfall stattfinden sollte. Marius stieg aus, ließ den Zündschlüssel stecken und begab sich in Richtung des verlassenen Bauernhofes, bei dem er den Kieslaster untergestellt und versteckt hatte. Er wusste, dass es nun um alles oder nichts ging. Es bedurfte des genauesten Timings, das äußerst kleine Zeitfenster bot keinen Raum für Überraschungen. Er hatte noch einige Stunden Zeit und machte es sich im Führerhaus des Lasters so bequem wie möglich, um wenigstens einige Minuten zu schlafen, doch das Adrenalin in seinen Adern ließ ihn immer wieder aufschrecken und er fand sich damit ab, bis um kurz nach acht einfach wach zu bleiben. Er hatte die Weckfunktion seines Handys auf kurz nach sieben programmiert. Sollte er doch einschlafen, würde er noch genug Zeit haben, die letzten Vorbereitungen zu treffen.
Sechs
Karl Grothner hatte sein Müsli gegessen und den starken, ungesüßten Kaffee zu sich genommen. Die Haushälterin war bereits im Bügelzimmer und sein Chauffeur hatte die Tasche aus dem Büro geholt und im Hausflur deponiert. Wie jeden Morgen. Grothner bekam jedes Detail der Abfolge aller Handlungen mit, ohne darüber nachzudenken. Nur wenn etwas abwich, und sei es nur eine wirklich banale Kleinigkeit, löste das sofort etwas in ihm aus. Meistens Zorn, denn er hasste Dinge, die geschahen, ohne dass er es wünschte. Heute war alles richtig und er stand vom Esstisch auf, legte die Serviette neben die Müslischale und öffnete die Tür zu der großzügigen Diele, die, wie jedes Zimmer in dem Anwesen, weiß gestrichen, nach rein praktischen Erwägungen möbliert und vollkommen schmucklos war. Sein Fahrer stand vor dem kleinen, ebenfalls weißen Beistelltisch, auf dem seine Aktentasche ihren festen Platz hatte und nahm diese an sich, als er Grothner bemerkte. Ohne ein Wort zu sagen ging Grothner zur Haustür und sein Fahrer folgte ihm. Unmittelbar vor dem Eingang des Hauses stand der schwarze Mercedes. Grothner ließ sich die Tür zum Fond öffnen und stieg ein. Der Fahrer öffnete den Kofferraum und legte die Aktentasche seines Chefs hinein. Fast lautlos ließ er den Kofferraumdeckel zuklappen und setzte sich hinter das Lenkrad. Ein leises, kaum hörbares Geräusch verriet, dass sich alle Türen der Limousine verriegelt hatten, nachdem er den Motor gestartet hatte. Der Mercedes rollte auf das Tor zu, das elektrisch geöffnet wurde. Die zwei Wachleute der Frühschicht standen abseits und waren nur als Schatten zu erkennen. Der Fahrer setzte den Blinker und bog rechts auf die Straße ab und beschleunigte. Vorher hatte er sich versichert, dass der Land Rover mit den Sicherheitsleuten mit eingeschalteten Scheinwerfern und laufendem Motor an seinem Platz stand. Der Land Rover fuhr nun ebenfalls an und sollte dem Mercedes im Abstand von fünfzig Metern folgen. Grothners Fahrer sah im Rückspiegel, dass der Rover anfuhr, jedoch plötzlich, wie von Geisterhand, sehr abrupt stoppte. Das Heck des schweren Geländewagens hob sich seitlich von der Fahrbahn und das linke Vorderrad wurde abgerissen und trudelte in die Büsche am Straßenrand. Die Energie, die sich in der Sekunde entfaltete, reichte aus, den Rover umkippen zu lassen. Er stürzte auf die Beifahrerseite und blieb dort mit sich drehenden Rädern liegen. Das alles geschah innerhalb einer Sekunde und Grothners Fahrer begriff sofort, dass es sich um einen Anschlag handeln musste. Er trat das Gaspedal durch, um Grothner und sich aus der Gefahrenzone zu bringen, so wie es seine Ausbildung vorgab. Zeitgleich drückte er einen roten Knopf auf dem Armaturenbrett und sandte so ein Funksignal an die nächste Polizeidienststelle. Von dort würden sofort sämtliche verfügbaren Kräfte entsandt, um die Limousine, deren genauer Standort per GPS übermittelt wurde, zu beschützen und an einen sicheren Ort zu eskortieren. Grothners Fahrer sagte nur das Wort: »Überfall«, während er sein Fahrzeug weiter beschleunigte. Von Karl Grothner kam keine Antwort, er blickte, wie jeden Morgen, aus dem Fenster. Der Mercedes raste nun mit über einhundertdreißig Stundenkilometern auf der Landstraße Richtung Stadt, als in Höhe des kleinen Waldstücks, kurz vor dem Stadtrand, ein Lastwagen unvermittelt aus einem Seitenweg bog und ihm die Vorfahrt nahm. »Scheisseeeeeeeeeeeeee!!« Die Vollbremsung und das gleichzeitige Lenkmanöver konnten den Unfall nicht verhindern, zu schnell war der Mercedes und zu unvermittelt war der Lastwagen auf der Bildfläche erschienen. Der Fahrer versuchte noch, den Wagen links an dem Lastwagen vorbeizulenken, doch zu spät. Der Mercedes prallte mit hoher Geschwindigkeit in das Heck des Lastwagens und schob sich teilweise unter ihn. Sofort lösten die Airbags aus, die Windschutzscheibe aus Panzerglas kollidierte mit der hohen Ladekante des Lastwagens und wurde, trotz der Panzerung, nach innen gedrückt und war mit ursächlich für den sofortigen Tod des Fahrers. Im Moment des Aufpralls waren die Notsysteme der Limousine aktiviert worden. Zeitgleich mit dem Auslösen der Airbags zündeten die Sprengschnüre, die als Noteinrichtung die Seitenscheiben aus den Rahmen warfen. Karl Grothner hatte keinen Sicherheitsgurt angelegt, doch die Airbags retteten ihm das Leben. Eine Sekunde nach dem verheerenden Zusammenstoß verlor er das Bewusstsein. Sein Kopf war trotz Airbag mit starker Wucht gegen die Lehne des Beifahrersitzes geprallt. Zwei Minuten nach dem Unfall wurde Grothners Körper durch das Seitenfenster gezogen und fortgetragen. Er bekam nichts davon mit, als er unsanft in ein anderes Auto geworfen wurde, und es entzog sich seiner Wahrnehmung, dass er an Händen und Füßen mit Kabelbindern gefesselt wurde, bevor dieses Auto anfuhr, stark beschleunigte und ihn fortbrachte.
Drei Minuten später traf die Polizei mit sieben Streifenwagen an der Unfallstelle ein. Dem blauen Renault, der ihnen entgegengekommen war, hatten sie keine Beachtung geschenkt. Das kam erst später.
Marius war zuletzt doch eingeschlafen. Die Nacht war mild und irgendwann hatte ihn die Müdigkeit übermannt. Als um kurz nach sieben sein Handy das Wecksignal in die Fahrerkabine des Lasters sandte, schreckte er auf, war für eine Sekunde gänzlich desorientiert und dann wieder voll da. In weniger als sechzig Minuten würde er entweder mit dem Multimillionär Karl Grothner im Gepäck auf der Flucht sein oder nicht. Dieses oder nicht allerdings war der Grund für seine Nervosität, die ihn jetzt schlagartig erfüllte. Oder nicht konnte alles Mögliche bedeuten. Tod, Gefängnis, Verletzungen ... Er wischte die Bilder der unterschiedlichen Zukunftsvarianten aus seinem Verstand und begann, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Marius prüfte, ob die schwarzen Kabelbinder in seiner Tasche waren. Im Fußraum des Beifahrers hatte er eine Brechstange und einen schweren Vorschlaghammer deponiert. Er vermutete, dass er dieses Werkzeug zum Öffnen des Mercedes brauchen würde. Auf dem Beifahrersitz lag der silberne Motorradhelm, den er als Maskierung und zum Schutz tragen würde. Kurz vor acht startete er den Motor des Lastwagens, ein alter Mercedes 1017, der für die Zündung lediglich einen Nagel brauchte, den man in das Zündschloss steckte. Danach konnte man den Motor mit dem »Start«-Knopf anlassen. Er fuhr den LKW an eine Stelle, von der aus er die Landstraße sehen und erkennen konnte, wenn Grothners Wagen sich näherte. Das Innere seiner Lederhandschuhe war wegen seiner Nervosität mittlerweile schweißgetränkt. Er wusste genau, dass es darum ging, exakt in der richtigen Sekunde auf den Plan zu treten. Zu früh, würde das Grothners Fahrer die Möglichkeit zum Bremsen oder Ausweichen geben, zu spät könnte bedeuten, die Limousine zu verpassen. Marius Kleinhans verließ sich auf seinen Instinkt, seine Intuition, die ihm schon oft geholfen hatte, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Er starrte aus dem Seitenfenster, und um drei Minuten nach acht Uhr hätte er fast die ganze Aktion vermasselt, als ein ebenfalls dunkler Wagen in sein Sichtfeld kam. Er hatte bereits begonnen, den Laster zu beschleunigen, als sein Gehirn ihm mitteilte, dass es sich nicht um einen Mercedes, sondern um einen Volvo handelte. Er bremste den Laster und setzte schnell zurück, um wieder Sicht auf die Straße zu haben. Sein Herz raste und es rauschte in seinen Ohren. Unter dem Helm war ihm unerträglich heiß, und dann endlich sah er Grothners Auto mit hoher Geschwindigkeit in seine Richtung fahren. Es folgte kein weiteres Fahrzeug, dieser Teil des Plans hatte also bereits funktioniert. Er trat das Gaspedal durch, um den Kieslaster zur Straße zu fahren. Grothners Fahrer fuhr viel schneller, als Marius einkalkuliert hatte. Der Laster erreichte die Einmündung der Hofzufahrt und Marius riss das Lenkrad nach links. Der LKW neigte sich mit quietschenden Reifen zur Seite und setzte sich punktgenau vor Grothners Limousine. Marius vollführte nun eine Vollbremsung, und nur Sekundenbruchteile später spürte er einen gewaltigen Ruck, als der Mercedes in das Heck des Lastwagens krachte. Ohne nachzudenken, griff Kleinhans nach dem Hammer und dem Stemmeisen und sprang aus dem Fahrerhaus. Er wusste, es blieben ihm nur wenige Minuten, um sich Grothner zu bemächtigen. Was er sah, als er das Heck des Lasters erreichte, ließ ihn erstarren. Der schwere Mercedes hatte sich fast bis zur Hälfte unter die Ladefläche des LKW geschoben. Die Windschutzscheibe war weit nach innen gedrückt worden, die Holme hatten trotz der Panzerung der enormen Wucht des Aufpralls nicht standgehalten und waren abgerissen worden. Die Scheibe selbst war unversehrt und die Leiche des Fahrers war hinter dem Glas eingequetscht, die Hände über dem geborstenen Schädel in stiller Mahnung erhoben. Die Zähne des Toten waren überdeutlich zu sehen. Sie hatten die Lippen völlig verdrängt und waren nun fest an das Innere der Panzerglasscheibe gepresst. Ein Teil der Schädeldecke fehlte und gezackte Knochenreste umrahmten das blutige Innere des Schädels. Marius würgte unter seinem Helm. Das war nicht geplant. Er hatte nie im Leben damit gerechnet, dass ein gepanzertes Fahrzeug im Falle eines, wenn auch schweren, Unfalls solchen Schaden nehmen würde. Verletzungen der Insassen hatte er einkalkuliert und auch mit seinem Gewissen vereinbaren können, aber das? Nun war er ein Mörder. Er brauchte fast dreißig Sekunden, um sich wieder bewegen zu können. Er stellte fest, dass alle Seitenscheiben nach außen geworfen worden waren. Dann sah er Karl Grothner, der ebenfalls am Kopf blutete, im Fond des Mercedes sitzen. Die weißen Airbags hingen schlaff an den Holmen und an der Rückenlehne des Beifahrersitzes herab. Marius griff in das Fahrzeugwrack, fasste Grothner unter den Armen und zog den Mann durch das Seitenfenster aus dem Auto. Hammer und Brecheisen hatte er weggeworfen, sie waren überflüssig geworden. Für eine Sekunde geriet ihm der Geruch, den der tote Fahrer verströmte, in die Nase. Seltsam süß und herb zugleich, ein grauenvoller Duft, der mit keinem ihm bekannten Geruch vergleichbar war. Den bewusstlosen Grothner hob er auf seine rechte Schulter und trug ihn so schnell er konnte über die Straße zu dem versteckt geparkten Renault, dessen Heckklappe offenstand. Unsanft legte er den Mann in den Kofferraum und griff nach den Kabelbindern, um ihn damit an Händen und Füßen zu fesseln. Anschließend warf er eine Decke über sein Opfer und schloss den Kofferraum. Er nahm seinen Helm ab, bevor er einstieg und das Auto startete. Mit quietschenden Reifen raste Marius Kleinhans, der schon in wenigen Minuten zu einem der meistgesuchten Verbrecher der Republik ernannt werden würde, vom Tatort, um seine Beute in Sicherheit zu bringen. Gut ging es ihm nicht dabei. Das Bild des toten Fahrers hing wie ein bleierner Mantel über seinen Gedanken und Gefühlen. Das Bild und der Geruch, den der Tote verströmt hatte.
Im Keller
Als er das nächste Mal erwachte, war es wieder dunkel. Langsam kehrte die Erinnerung an seine letzte Wachphase zurück. Die Kette um seinen Hals klirrte, als er sich aufsetzte. Er hatte einen fürchterlichen Geschmack im Mund und erinnerte sich daran, dass vor der Liege die Schüssel mit dem Brot und eine Wasserflasche stand. In absoluter Finsternis tastete er danach und fand die Wasserflasche tatsächlich. Sie war wieder gefüllt worden und dankbar schraubte er den Plastikverschluss auf und trank. Das Brot in der Schüssel war hart geworden, offenbar war es nicht ersetzt worden. Er opferte etwas Wasser, weichte das Brot auf und verschlang es, von gewaltigem Hunger getrieben. Sein Magen machte einige beunruhigende Geräusche, akzeptierte aber diese Zuwendung. Noch immer war er nackt und fror. Um sich selbst zu wärmen, legte er sich in embryonaler Haltung auf die Pritsche. Seine Gedanken schwirrten wie in einem Wespennest umher und er konnte keinen einzigen fassen. In ihm war keine Erinnerung, die er abrufen konnte, kein Hinweis auf seine Identität.
»Was, was, was, was, was, was ...« entrann seiner Kehle.
»Doch, doch, doch, auf, auf, auf, auch, auch ...«
»Basedu, basedie, baseleikum, basedu, basedie.« Er kicherte. Seine Netzhäute empfingen keine Lichtsignale und das Gehirn füllte diese Informationslücke mit grellen Punkten und verschwommenen Spiralen, kleinen Lichtwürmern und farbigen Kaskaden. Dann sah er auf einmal die Treppe vor seinem inneren Auge. Die Holztreppe, die aus seinem Verlies hinausführte. Er sah sie unter sich, als würde er sie in Bauchlage hinunterfliegen. Jede Maserung des Holzes konnte er visualisieren, jede Macke und jede Stelle, an der Holzwürmer kleine, stecknadelgroße Löcher hinterlassen hatten. Der innere Film endete immer an derselben Stelle. Am Fuß der Treppe. Vielleicht war er die Treppe heruntergestürzt und hatte deswegen die Verletzungen.
»Wer weiß das schon? Wer weiß das schon? Opi riecht nach Pitralon.« Wieder musste er leise kichern.
»Auf, auf. Wasser ist zum Trinken da. Auch. Auf.« Die Flasche, die kaum einen halben Liter fasste, war leer, und auch der Blechnapf gab nichts mehr her. Er spürte, dass er sich erleichtern musste. Seine Blase war gefüllt und sandte schmerzhafte Impulse aus. Das gemarterte Gehirn suchte verzweifelt nach einer Lösung, fand jedoch keine. Doch. Eine Idee. Vielleicht konnte man ihn hören. Und ihm helfen. Er konnte doch hier nicht einfach unter sich lassen. Das war der erste logische Gedanke, seit er hier unten war. Rufen. Doch was?
»Auf, auf, doch, doch. Auch, auuuuuch. Dooooooch. Auf, auf!«, rief er, so laut es seine Stimme hergab. Wieder und wieder rief er, doch niemand kam, um ihn aus seiner Not zu befreien. Als er es schließlich nicht mehr aushalten konnte, nutzte er die gesamte Länge der Halskette und erleichterte sich an der Wand. Sein eigener Urin spritzte ihm auf die Füße und er spürte, wie das von ihm erzeugte, warme Rinnsal eine Pfütze um ihn herum bildete, einen See, in dem er nun stand. Auf Zehenspitzen ging er zurück zu seiner Liege und setzte sich. Plötzlich ging das Licht an und die Helligkeit stach ihm in die Augen, die er reflexartig schloss.
»Halloooo? Doch, doch. Kommen Sie. Doch, auf!«, rief er.
Er öffnete die Augen einen Spalt und hielt seine Hände schützend vor das Licht, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Er konnte die peinliche Pfütze sehen, die er selbst erschaffen hatte und unweit davon lag etwas. Die Kette um seinen Hals erlaubte es ihm nicht, den Gegenstand zu erreichen, doch es gelang ihm, das Teil mit den Füßen zu sich zu ziehen, indem er sich auf den Boden legte und so die Kette um seine Körpergröße verlängerte. Es war ein Kleidungsstück. Ein Overall. Schnell zog er das einteilige Kleidungsstück an und fand in den Taschen ein Paar graue Wollsocken, die er ebenfalls anzog.
»Danke, danke!«, rief er und freute sich wirklich sehr über das Geschenk. Er strahlte über das ganze Gesicht und rief immer wieder.
»Danke Anke, Anke, danke, auf, auf. Doch. Auch.« Das war hier nicht so übel. Er hatte seine Liege, und wenn er schlief, gab ihm jemand zu Trinken und zu Essen. Und man hatte ihm nun auch noch diesen schönen, warmen Anzug geschenkt. Und Socken. Das Schlafmittel, das dem Wasser zugesetzt war, begann zu wirken und er schlief bereits, als das Licht wieder erlosch. Auf, auf. Auch. Doch.
Sieben
»Faszinierend.« Gerald Picard sah in den offenen Abwasserkanal. Der Polizeioberkommissar war nun schon seit einer Stunde am Tatort, und als Leiter des SEK gab es für ihn eigentlich nicht mehr viel zu tun. Es gab derzeit keine Informationen über Identität oder Aufenthaltsort des Täters oder der Täter. Dennoch hatte ihn der Chef der neu gegründeten SOKO »Karl« gebeten, hierzubleiben. Paul Gruhlich und er waren seit Jahren befreundet und hatten in ihrer gemeinsamen Zeit im Kriminalkommissariat unzählige Fälle bearbeitet und die meisten aufgeklärt. Dabei war ihre Arbeit stets von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Als man Picard die Stelle des Leiters eines Spezial-Einsatzkommandos anbot, hatte er mit einem lachenden und einem weinenden Auge angenommen. Freunde waren Paul Gruhlich und er dennoch geblieben, und manchmal trafen sie sich, um aktuelle Fälle zu besprechen oder einfach nur, um über alte Zeiten zu palavern.
»Was denkst du?«, fragte Gruhlich seinen alten Partner.
»Sieht mir nach Vollprofis aus. So etwas derartig genau zu planen und durchzuführen, ohne dass es Zeugen gibt, ist fast unmöglich. Ich meine, dieser Grothner war doch besser bewacht als Fort Knox. Die wussten genau, was passieren würde, wenn der Wagen mit den Leibwächtern angegriffen würde. Dabei haben die nichts weiter gemacht, als den zu ankern. Und die von der Spurensicherung finden nicht den geringsten Hinweis. Um so eine Nummer abzuziehen, brauchst du Profis, wenn du mich fragst.«
Gruhlich nickte. Ein Streifenbeamter wagte sich an die in zivil gekleideten Polizisten heran und blickte den Leiter der SOKO fragend an.
»Was ist?«, fragte Gruhlich.
»Als wir zum Tatort fuhren, kam uns ein Fahrzeug entgegen. Kann sein, dass das die waren, die das hier gemacht haben, oder? Ich hatte die Sicherungskamera an, wollen Sie mal sehen?«
Picard sah Gruhlich an.
»Was für ein Schaf. Zeigen Sie mal, Sie Top-Ermittler!« Die drei gingen zu dem Streifenwagen, der neben etwa dreißig anderen Einsatzfahrzeugen vor Grothners Villa geparkt war. Der uniformierte Beamte wies auf den Beifahrersitz und setzte sich selbst hinter das Lenkrad. Auf einem kleinen Display konnte man die Aufnahme, die die Bordkamera in Fahrtrichtung gemacht hatte, betrachten. Gruhlich hatte auf dem Sitz neben dem Streifenbeamten Platz genommen und sah auf das Display. Die Sequenz dauerte nur zwei Sekunden. Man sah einen dunklen Kombi entgegenkommen. Scheinbar nur ein Insasse.
»Bringen Sie das unverzüglich ins Kommissariat und übergeben es den Kollegen der Technik. Ich will Halter und Adresse. Zeit läuft!«, sagte Gruhlich in strengem Ton und stieg aus dem Einsatzfahrzeug.
»Der muss doch an der Unfallstelle vorbeigekommen sein«, sagte Picard.
»Nein, da ist niemand vorbeigekommen, die Straße war völlig blockiert durch den Laster«, entgegnete Gruhlich.
»Dann ist er erst danach auf die Landstraße gekommen. Wahrscheinlich ein Bauer, der nichts mitbekommen hat.«
»Oder einer der Täter«, schloss Gruhlich.Gerald Picard saß zu Hause auf seinem Sofa und war damit beschäftigt, seinem Laptop beizubringen, wie man Urlaubsfotos zu einer Dia-Show zusammenstellt, als sein Telefon schellte.
»Was!«, sagte er in den Hörer, anstatt seinen Namen zu nennen.
»Paul hier. Der Wagen, der den Streifen entgegenkam, ist von einem Schrottplatz gekauft worden. Das Kennzeichen ist geklaut. Der Besitzer des Schrottplatzes ist vollkommen blöd. Kann sich nicht erinnern an den Kerl, der das Ding kaufte. Er sagt, dass jeden Tag irgendwelche Typen irgendwelche Teile kaufen, und ob denn die Kassiererin im Aldi wüsste, wie die Frau aussah, die um halb neun drei Liter Milch gekauft hat. Wir haben ihn in der Mangel, aber ich denke, dass dieser Schrotthändler das wirklich nicht mehr weiß. Vom Fahrer des Autos haben wir nur das Kinn. Der hatte die Sonnenblende heruntergeklappt.«
»Warum erzählst du mir das? Ich bin beim SEK, schon vergessen? Wenn du weißt, wer er ist und wo er steckt, sag mir Bescheid, dann hole ich ihn dir.« Ein wenig bedauerte Picard diese Antwort.
»Naja, ich dachte, du könntest hier mit einsteigen. Das ist eine Riesensache und die Presse überschlägt sich deswegen. Wir haben hier mächtig Dampf unterm Hintern und der Alte ist bestimmt dafür, wenn du nur für diese Sache zurückkommst. Man könnte dich abkommandieren, bis wir den Mann da rausgehauen haben.« Paul Gruhlichs Stimme klang fast flehentlich. Gerald Picard brauchte nicht sehr lange, um eine Entscheidung zu treffen.
»Warum nicht. Frag den Alten, und wenn der abnickt, bin ich dabei. Mal was anderes.«
Acht
Die Verletzungen waren nicht schlimm, schätzte Marius. Eine Platzwunde am Kopf und vielleicht eine Gehirnerschütterung. Er hatte Karl Grothner in das halb verfallene Pförtnerhäuschen auf der Industriebrache der »Buttwanger«-Fabrik geschafft. Der Flachbau war zum Teil unterkellert, und Kleinhans hatte eine Pritsche und einen Eimer in den Vorratskeller des Gebäudes gebracht. Zur Sicherheit hatte er eine Kette an die Wand gedübelt, die seinem Gefangenen zwar erlauben würde, in dem kleinen Raum umherzugehen, die aber kurz genug war, um zu verhindern, dass er die Eingangstür des Kellers erreichte. Es gab hier weder Strom noch fließendes Wasser, und Marius hatte einen Stromerzeuger und Wasservorräte herschaffen müssen, um für die Dauer der Entführung ausgerüstet zu sein. Das Aggregat hatte er in einem kleinen Nebenraum platziert und sich davon überzeugt, dass keine nennenswerten Geräusche nach außen drangen. Danach hatte er provisorisch mithilfe von Verlängerungskabeln ein kleines Stromnetz installiert. Er hatte mehrere Lichtquellen, die er mit Strom versorgen musste, und ein Radio, um Nachrichten hören zu können. Außerdem musste er ja sein Mobiltelefon jederzeit laden können. Grothner in seinem Keller würde sich mit einer vierzig Watt Glühbirne als einzigen Luxusgegenstand begnügen müssen. Dafür gab es die Mahlzeiten frei Haus, die er auf einem Campingkocher zubereiten wollte. Es würde kein Lichtschein nach außen dringen, denn die Fenster in dem Gebäude waren mit Brettern zugenagelt. Das meterhohe Unkraut gab Zeugnis davon, dass hier schon seit Monaten niemand mehr gewesen war. Die stillgelegte Fabrik lag zu weit außerhalb der Stadt, um Jugendliche anzuziehen, die hier irgendwelche Feten feiern wollten oder Liebespärchen, die ein verstecktes Örtchen suchten. Marius kannte die Fabrik noch aus seiner Kindheit. Damals wurden hier große Tanks und Getreidesilos hergestellt. Wegen der Übergröße mancher Produkte machte es Sinn, die Herstellung der Riesenbehälter außerhalb der Stadt zu betreiben, damit sie auch problemlos abtransportiert werden konnten. Irgendwann hatte die Globalisierung die Käufer vertrieben, und die Fabrik schloss die Pforten. Ein guter Ort nun, um seinen Plan zu Ende zu führen, dachte Marius, als er diese Stelle wählte, die nur acht Kilometer vom Ort der Entführung entfernt war. Er ging davon aus, dass die Polizei ihn niemals so nah am Tatort vermuten würde. Die Vorbereitungen, die er getroffen hatte, kosteten ihn seine gesamten Ersparnisse. Marius betrachtete das als Investition. In der Ferne hörte er einen Hubschrauber, und wie ein Stromstoß durchfuhr ihn die Erkenntnis, dass der Renault, mit dem er Grothner hergebracht hatte, aus der Luft zu erkennen sein würde. Und auch die Reifenspuren, die er nicht hatte vermeiden können, als er das Unkraut vom Eingangstor bis zu seinem Unterschlupf niedergewalzt hatte. Ohne auf Karl zu achten, der noch immer besinnungslos auf der Pritsche lag, rannte Marius aus dem Gebäude, um die Spuren zu verwischen und den Wagen irgendwie zu tarnen, bevor die Leute in dem Hubschrauber ihn entdecken konnten. Noch war das charakteristische Geräusch der Rotorblätter weit entfernt, aber Marius ahnte, dass die Polizei jeden Quadratmeter in einem Radius von etlichen Kilometern aus der Luft absuchen würde. Die Spuren, die der Renault in das Unkraut gedrückt hatte, konnte er unmöglich tarnen. Also machte er aus der Not eine Tugend, stieg in den zerbeulten Kombi und startete den Motor. Wie ein verrückt gewordener Fahranfänger stieß er mit dem Wagen vor und zurück. Er drehte Kreise mit dem Wagen, wendete und walzte so das Unkraut um das Haus herum nieder. Er hoffte, dass aus der Luft nun keine einzelne Spur mehr zu erkennen sein würde, sondern einfach eine Stelle, an der großflächig das Unkraut niedergedrückt worden war. Er rangierte den Wagen so dicht an das Gebäude wie möglich und stapelte alte, halb vermoderte Bretter auf das Dach und die Motorhaube des Autos. Er fand einige Euro-Paletten, die er rund um den Renault herum aufstellte. Er fragte sich, wie viele Dinge er bei der Planung noch übersehen hatte, und welche davon ihm zum Verhängnis werden könnten. Marius wurde bewusst, dass nun der gesamte Polizeiapparat hinter ihm her war. Er hatte hier nicht irgendeinen reichen Mann entführt. Er hatte Karl Grothner entführt, und man würde ihn jagen, bis zur Hölle und zurück. Alleine schon wegen des Toten, den es bereits gegeben hatte. Marius drängte die Gedanken an den Chauffeur zurück und betrat rasch wieder das flache Gebäude, um nach seinem Opfer zu sehen. Das Geräusch des Hubschraubers kam näher. Könnte sein, dass das Ganze schon in einer Stunde zu Ende war, sollten die Piloten Verdacht schöpfen und das Bodenpersonal herbeordern. Marius blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu hoffen.
Neun
»Weiter hinten kommt ein Parkplatz, elf Uhr. Danach die Straße Richtung Nord-Nordost.« Der Copilot hatte eine laminierte Landkarte auf den Knien und gab seine Anweisungen an den Piloten des Hubschraubers weiter. Der Auftrag lautete, im Radius von zwanzig Kilometern alle Straßen und Parkplätze abzufliegen, um nach einem blauen PKW Ausschau zu halten, der mutmaßlich von den Tätern benutzt wurde. Die SOKO »Karl« ging davon aus, dass das Fahrzeug irgendwo getauscht worden war, um die Spuren zu verwischen. Also musste der Kombi irgendwo stehen, wenn man ihn nicht in einem der kleinen Seen hier versenkt hatte, was aber unwahrscheinlich war. In etwa dreißig Metern Höhe überflog die Maschine nun seit drei Stunden das Gebiet um den Tatort herum. Das Suchgebiet war in zwei Sektoren geteilt, der andere Halbkreis wurde von Kollegen des LKA überprüft, da ihrer Dienststelle nur ein Hubschrauber zur Verfügung stand.
»Parkplatz ist leer. Zieh mal rechts rüber, da ist eine alte Fabrik oder so etwas.« Die Stimme klang verzerrt durch die Kopfhörer. Der Pilot zog die Maschine langsam nach rechts und ließ sie eine Zeitlang über dem Gelände der ehemaligen Buttwanger-Fabrik in der Luft stehen. Dann drehte er den Hubschrauber langsam, so dass sie das gesamte Gelände absuchen konnten.
»Flieg mal zu dem Tor da«, sagte der Copilot, und kurz darauf schwebte die Maschine dicht über einem Bungalow, der etwa dreißig Meter vom Eingangstor des umzäunten Geländes entfernt stand.
»Das Tor ist zu, sieht nicht aus, als sei jemand hier gewesen.« Der Pilot ließ die Maschine noch tiefer sinken, die Kufen des Hubschraubers waren nur noch zwei Meter vom Flachdach des Pförtnerhauses entfernt. Durch ein Fernglas schaute der zweite Mann angestrengt in Richtung des Tores und bemerkte eine Kette, mit der das Tor noch zusätzlich verschlossen worden war.
»Hier ist er nicht«, konstatierte er, und die Maschine gewann wieder an Höhe, drehte ab und bald hörte man das Motorengeräusch nur noch aus der Ferne. Der enorme Wind, den die Rotorblätter verursacht hatten, hatte Bretter und Europaletten davongewirbelt. Das blaue Dach eines Kombi, der dicht an der Außenwand des Bungalows geparkt war, war nun deutlich zu erkennen. Der Hubschrauber hatte direkt über ihm in der Luft gestanden, doch sie hatten ihn nicht gesehen.
Zehn
Sie hatten ihn. Sie hatten ihn. Sie hatten ihn. Gebetsmühlenartig spie sein Gehirn die Worte aus. Der unglaubliche Lärm, den der Hubschrauber direkt über ihm machte, war kaum zu ertragen. Sicher seilten sich bereits schwarz gekleidete Männer zu ihm herab und in wenigen Sekunden würde er gefesselt in einem Polizeiwagen sitzen. Die kürzeste Entführung aller Zeiten. Marius hielt sich die Ohren zu. Tränen rannen über sein Gesicht.
»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«, brüllte er so laut er konnte. In dieser Sekunde fühlte er tiefste Reue über das, was er getan hatte. Tiefstes Bedauern über den Tod von Grothners Fahrer. Und die Lächerlichkeit seines Vorhabens wurde ihm überdeutlich bewusst. Marius ahnte, dass sein Leben nun zu Ende war. Sein Leben in Freiheit zumindest. Er kniete auf dem dreckigen Boden im Hauptzimmer des Hauses und wiegte den Oberkörper vor und zurück. Erst nach Minuten nahm er wahr, dass der Hubschrauber fort war. Nur in der Ferne konnte man sein Brummen hören. Sie suchten weiter, sie hatten ihn nicht gefunden. Marius bekam einen Weinkrampf, sein ganzer Körper bebte und es brauchte einige Zeit, bis er sich so weit gefasst hatte, dass er das Haus verlassen konnte. Die Bretter waren vom Dach des Renaults geweht worden und die Euro-Paletten lagen verstreut umher. Bis auf das gleichmäßige Brummen in einiger Entfernung war nichts zu hören. Marius sammelte die Bretter wieder ein und tarnte das Auto erneut. Er glaubte nicht, dass die Polizei noch einmal herkommen würde, warum sollten sie zweimal an derselben Stelle suchen? Er hatte offensichtlich richtig gehandelt, als er die Kette, die das Eingangstor zum Gelände verschloss, wieder an die alte Position gebracht hatte. Nichts sollte auf seine Anwesenheit hindeuten. Langsam fiel die Spannung von ihm ab und nun wurde es Zeit, sich um seinen Gast zu kümmern.
Elf
Die Benommenheit wich langsam und Sequenz für Sequenz kehrte die Erinnerung zurück. Sein Fahrer hatte laut geschrien, dann gab es einen fürchterlichen Ruck, als der Mercedes in den Lastwagen gekracht war. Die Airbags hatten ausgelöst, doch der Aufprall war so verheerend, dass er trotz des Schutzmechanismus hart mit dem Kopf auf die Sitzlehne des Beifahrersitzes geprallt war. Dann war die Schwärze über ihn gekommen. Noch hielt er die Augen geschlossen. Es rauschte in seinen Ohren, als könne er sein Blut fließen hören. Es war kühl. Fakt. Er war bei einem Unfall verletzt worden. Fakt. Er lebte. Fakt. Er befand sich nicht mehr in seinem Auto. Fakt. Seine Handgelenke waren gefesselt. Fakt. Etwas lag um seinen Hals. Fakt. Es roch muffig, wie in einem Keller. Fakt. Wenn etwas wie Scheiße aussah, wie Scheiße roch und sich wie Scheiße anfühlte, dann ist es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Scheiße. Fakt ... Karl Grothner öffnete die Augen.
Eine rissige Betondecke, abblätternde weiße Farbe. Stockfleckig. Daran, provisorisch befestigt, ein rotes Stromkabel, an dessen Ende eine Glühbirne schwaches Licht in den Raum warf. Er hob seine zusammengebundenen Hände und begutachtete den Kabelbinder, der ihm ins Fleisch schnitt. Die Kopfverletzung schmerzte. Nicht zu ändern, weswegen er den Schmerz in seine Realität integrierte. Karl drehte den Kopf nach rechts. Eine Kellerwand. Putz war herabgefallen und gab den Blick auf stellenweise grau patinierten, roten Klinker frei. Sein Blick tastete jeden Quadratzentimeter des Raumes ab, in dem er sich befand. Er nahm einen Eisenring wahr, der an der hinteren Stirnwand befestigt war. Er sah die Kette und folgerte, dass das Ende dieser Kette ebenfalls in einem Ring endete, der um seinen Hals lag. Die Situation war klar. Er war entführt worden. Karl Grothner schloss seine Augen wieder und dachte nach. Derzeit gab es für ihn keine Handlungsalternativen. Er brauchte mehr Informationen, um Entschlüsse fassen zu können. Grothner versuchte mit seinen gefesselten Händen zu ertasten, ob er vielleicht an sein Smartphone, das in der rechten Innentasche seines Sakkos steckte, kommen könnte, musste aber einsehen, dass es absolut unmöglich war, das Gerät aus der Tasche zu ziehen. Was waren das für Verbrecher, die ihrem Opfer das Handy ließen? Er konnte das Smartphone durch den Stoff spüren und versuchte nun, es durch Drücken und Schieben von außen aus der Innentasche zu befördern. Für eine Sekunde konnte er die glatte und kühle Oberfläche des Gerätes an seinem Kinn fühlen, nachdem es aus der Tasche gerutscht war. Er konnte nicht verhindern, dass das Smartphone von der Pritsche fiel und mit einem kühlen Geräusch auf dem Kellerboden aufschlug. Dieses klackende Geräusch initiierte eine Millisekunden dauernde Erinnerungssequenz in Grothners Gehirn. Der Kopf seines Fahrers war aufgeplatzt, als er mit brachialer Gewalt gegen die Windschutzscheibe geprallt war. Teile der Schädeldecke und blutig-graue Gehirnmasse waren an ihm vorbeigeflogen und mit einem schmatzenden Geräusch an der Heckscheibe gelandet, bevor er selbst das Bewusstsein verloren hatte. Dann war die Szene vorbei und Grothner wusste, dass sein Fahrer bei dem offenbar bewusst herbeigeführten Unfall zu Tode gekommen war. Das ließ Rückschlüsse auf die Gewaltbereitschaft seiner Entführer zu. Fakt. Er versuchte, sich auf der schmalen Pritsche aufzurichten, doch dazu fehlte ihm die notwendige Kraft. Also drehte er sich auf die rechte Seite, um so, mit den ebenfalls gefesselten Beinen voran, langsam von der Pritsche zu gleiten. Es gelang ihm, und nun kniete er vor dem Smartphone, das, mit dem Display nach unten, auf dem grauen Betonboden lag. Seine Entführer waren offensichtlich ziemliche Dilettanten, sonst hätten sie ihm wohl kaum das Handy gelassen. Er griff nach dem Gerät und hielt es zwischen seinen gefesselten Händen, drehte es mit den Fingern um und musste erkennen, dass das Display vollkommen zerstört war. Grothner betätigte den kleinen Schalter, der das Smartphone sonst aus dem Standby-Betrieb erweckte, doch nichts tat sich. Das Gerät war bei dem Unfall zerstört worden. Fakt. Es gelang ihm, das Handy in seine rechte Sakkotasche zu stecken und sah sich nun im Raum um. Der Raum mochte drei mal zwei Meter Grundfläche messen. Eine Treppe führte an der Stirnseite des Raumes nach oben. Diese mündete an einer grauen, fleckigen Stahltür. Kaum, dass ein Blick auf diese Tür fiel, hörte er, wie sich von außen jemand daran zu schaffen machte. Er hatte keine Gelegenheit, sich wieder auf die Pritsche zu legen, und so schwang die Tür nach innen auf und Karl Grothner und Marius Kleinhans begegneten sich zum zweiten Mal. Kleinhans trug wieder den Motorradhelm und hielt kurz inne, als er Grothner auf dem nackten Betonboden knien sah. Das getrocknete Blut in seinem Gesicht verlieh der Situation etwas sehr Erschreckendes. Karl hatte die gefesselten Hände vor sich gehalten, es sah aus, als betete er. Dass er in dieser Situation den Blick nach oben gerichtet hatte, verstärkte den ersten Eindruck, den Marius vom Multimillionär Karl Grothner erhielt. Ein erbarmungswürdiger Anblick. Marius hatte sich seinen Text bereits zurechtgelegt. Er schwitzte unter seinem Helm, die ganze Situation war für ihn fast unerträglich. Er wollte das nicht. Wollte nicht wie ein Tier sein, das Menschen umbringt und dafür sorgte, das jemand, und sei es Karl Grothner, so unwürdig auf dem Boden knien musste. Und dennoch musste er das jetzt durchziehen.
»Ich helfe Ihnen, Moment.« Marius griff seinem Opfer unter die Arme und half ihm auf die Pritsche zurück. Grothner saß nun vor ihm.
»Sie wissen, was los ist?«, fragte Marius. Karl sah ihn nur mit stahlgrauen Augen an. Ruhig. Ganz in Ruhe schien er ihn zu scannen mit diesen Augen.
»Ich sage Ihnen jetzt die Regeln. Und wenn Sie die schön einhalten, sind Sie bald wieder ein freier Mann und unsere Wege trennen sich.« Marius Kleinhans fühlte, dass er der Situation kaum gewachsen war. Er hatte damit gerechnet, dass Karl weinen, ihn anflehen, ihn anschreien würde. Doch der saß nur da und sah ihn fast amüsiert an. Marius spürte, dass der Mann vor ihm nicht die geringste Angst hatte. Das war so nicht vorgesehen.
»Das läuft so: Sie bleiben ruhig und brav. Ich gebe Ihnen zu Essen und zu Trinken. Ich erpresse Geld für Ihre Freilassung, und sobald ich das habe, lasse ich Sie laufen. Machen Sie Ärger oder Stress, wird der Service hier schlechter. Ich werde Sie von den Fesseln befreien, Sie dürfen sich hier im Raum frei bewegen. Da hinten steht ein Eimer, da können Sie sich erleichtern. Es gibt eine Plastikschüssel mit Waschwasser und einen Lappen. Ein Handtuch gibt es auch. Ich habe Sie angekettet, Sie können also nicht zur Tür, so lang ist die Kette nicht. Wenn ich Informationen brauche, sind Sie kooperativ. Sind Sie das nicht, wird der Service auch schlechter, alles klar soweit?« Marius hatte sich vorgenommen, mit fester, dominanter und selbstbewusster Stimme zu sprechen. Ihm selbst kam es vor, als läge etwas Weinerliches, Schwaches und Zittriges in seinen Worten. Grothner hatte während seiner Rede nur kurz die rechte Augenbraue gehoben und war ansonsten regungslos geblieben.
»Haben Sie das verstanden?« Grothner hob nur die Arme, anstatt eine Antwort zu geben, den Blick fest auf die Augen gerichtet, die er als Einziges vom Gesicht seines Entführers durch das Visier des Motorradhelmes sehen konnte. Nervöse Augen, wie er feststellte. Mit einem Hauch von Resignation, fast Trauer in ihnen. Keine sehr intelligenten Augen. Fade, blaue Augen. Gerötet. Der Mann hatte geweint. Falten in den Augenwinkeln. Der Mann war zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Und Angst. Angst in diesen Augen. Und Ehrfurcht. Vor ihm. Und noch etwas. Etwas sehr Emotionales. Karl kannte das. Doch es fiel ihm in dieser Sekunde nicht ein. Er hatte es schon manches Mal in den Augen von Menschen, mit denen er zu tun zu haben gezwungen war, gesehen. Verstanden hatte er es nie. Gewissen. Das war es. Ein für Karl Grothner sehr surrealer Begriff. Marius Kleinhans griff in seine Gesäßtasche und förderte einen Saitenschneider hervor, mit dem er die Kabelbinder an Karls Händen und Füßen durchschnitt.
»Sind wir uns also einig?«, fragte er sein Opfer. Grothner hob die Oberlippe, bleckte die Zähne, seine Mundwinkel wiesen nach unten. Er lächelte.
»Und ob!«
Zwölf
Im Polizeipräsidium ging es zu wie in einem Wespennest. Die SOKO »Karl« bestand aus vierzig Frauen und Männern, die Zugriff auf die gesamten Ressourcen des Apparates hatten. Hochleistungscomputer und unschlagbare Software kamen ebenso zum Einsatz wie Kommunikationsmittel und das Internet. Die Entführung des Industriellen Karl Grothner hatte bundesweit oberste Priorität und würde, angesichts des gewaltigen Einsatzes, der betrieben wurde, schon bald zu Ende sein. So hatte es nur wenige Minuten gedauert, bis der Besitzer des gestohlenen Nummernschildes ermittelt worden war und eine Liste aller blauen Renault Mégane Kombi des entsprechenden Baujahrs vorlag. Streifenwagen waren ausgerückt, und als sich herausstellte, dass alle Fahrzeuge, die noch zugelassen waren, als Fluchtauto der Entführer nicht in Frage kamen, zeigte die Datenbank alle im letzten halben Jahr abgemeldeten Autos dieses Fabrikats an. Nach weniger als zwei Stunden saß der Schrotthändler, ein Mann namens Klaus Borkowski, in einem der Vernehmungszimmer und beteuerte, sich nicht an den Käufer des Autos erinnern zu können. Der Vorbesitzer des Renault wurde ebenfalls hergebracht und identifizierte das Fahrzeug als seinen alten, vor Monaten abgemeldeten Kombi. Die Beulen auf der Motorhaube hatte er zweifelsfrei erkannt. Die Fahndung aus der Luft hatte nichts gebracht, der Wagen blieb verschwunden. Das unscharfe Bild, das die Einsatzkamera des Streifenwagens aufgenommen hatte, wurde in die Gesichts-Erkennungs-Datei eingespeist, auch wenn nur das Kinn des Mannes zu sehen war, der das Auto gesteuert hatte. Doch hier war die Technik an ihre Grenzen gestoßen und der Gesichtsausschnitt konnte nicht zugeordnet werden. Sieben Stunden nach der Entführung stürmte ein Mitarbeiter in das Büro von Paul Gruhlich, der mit zerzaustem Haar und Schweißflecken unter den Armen gerade dabei war, dem Staatsanwalt noch einige Stunden Zeit abzuringen, bevor dieser vor die Presse trat, die das Präsidium seit Bekanntwerden der Entführung belagerte.
»Wir haben ... hören Sie ... wir haben noch keine belastbaren Erkenntnisse. Nein ... auch nicht ... ich bitte Sie lediglich ... lassen Sie uns ... ich melde mich doch, wenn ... ja ... und tschüss.« Gruhlich sah entgeistert auf sein Telefon.
»So ein Arsch, hat einfach aufgelegt. Was haben Sie? Sagen Sie mir, dass Sie was haben und ich falle hier vor Ihnen auf die Knie.« Gruhlich sah den Forensiker flehend an.
»Wir haben die DNA von einem der Täter isolieren können. Wir vermuten, dass er in dem Lastwagen geschlafen hat, den Kopf auf das Lenkrad gelegt. Der Typ hat gesabbert und wir haben eine erstklassige DNA-Probe von ihm.« Der Forensiker strahlte.
»Ja und? Mann, ich trete Ihnen die Hose in Flammen, wenn Sie mir nicht auf der Stelle sagen, ob Sie die DNA zuordnen konnten.« Gruhlich hatte keine Nerven für Spielchen und Verzögerungen.
»Der Mann heißt Marius Kleinhans. Mehrfach vorbestraft wegen Einbruchdiebstahls. Hat in Fuhlsbüttel gesessen. Alle Daten von ihm sind ins SOKO-Netzwerk eingespeist.«
Sofort griff Paul Gruhlich zu seiner Tastatur und rief die entsprechende Seite auf, ohne den Mann in seinem Büro länger zu beachten. Sekunden später sah er das gestochen scharfe Foto von Marius Kleinhans auf dem Bildschirm, von vorne, von rechts und von links aufgenommen. Bilder vom Erkennungsdienst. Kaum zwei Jahre alt.
»Das Kinn?« Gruhlich sah nicht einmal auf, als er das fragte.
»Unser Mann, kein Zweifel.«
»Sonst noch Spuren?«
»Im Kanal haben wir nichts gefunden. Im Laster jede Menge DNA und Fingerabdrücke, aber das meiste wird von den Bauarbeitern stammen. Kleinhans ist abgetaucht, seit er entlassen wurde. Hat nur Einbrüche begangen. So ein Ding zieht der nie im Leben alleine durch, schätze ich.« Der Forensiker sah Gruhlich fragend an.
»Wenn Sie was finden, sofort zu mir!« Der Chef der SOKO nickte dem Spurensicherer kurz zu, mehr konnte er als Lob derzeit nicht übermitteln. Gruhlich griff zum Telefon und informierte den Staatsanwalt. Nur zehn Minuten später war Marius Kleinhans zur Fahndung ausgeschrieben, sein Bild an den Presseverteiler gegangen und über fünfzig Beamte waren ausgeschwärmt, um jeden Verwandten und Bekannten, jeden, der mit Kleinhans jemals in Verbindung gestanden hatte, über dessen Aufenthaltsort zu befragen. Seine Festnahme war nur noch eine Frage der Zeit, dessen war sich Gruhlich sicher. Er wählte Gerald Picards Nummer.
»Sieht aus, als hätten wir einen der Täter. Komm bitte her. Kann sein, dass wir dein SEK schnell brauchen.« Gruhlich wartete die Antwort seines Freundes nicht ab und legte auf. Wenig später war Gerald eingetroffen und Gruhlich hatte ihn über den Sachstand informiert.
»Das ist doch ein Kleinkrimineller. Wie kommt der an so eine Sache? Ich meine, wenn ich ein Casting mache, um so ein Ding abzuziehen, dann wäre der Vogel der letzte, den ich mir ans Bein binden würde. Oder meinst du, die Russenmafia, oder wer immer dahinter steckt, nimmt so einen Havaristen ins Team? Einen, der auf das Lenkrad sabbert? Einen, von dem alle erkennungsdienstlichen Dinge polizeilich bekannt sind? Im Leben nicht, Paul.« Picard sah seinen Kollegen an.
»Du meinst, die haben ein Bauernopfer angeheuert? Damit wir uns an dem festbeißen, während die längst über alle Berge sind?« Enttäuschung schwang in Gruhlichs Stimme mit.
»Da verwette ich meine Eier drauf. Dieser Kleinhans ist ein kleiner Fisch, den sie uns zum Fraß vorwerfen. Was aber trotzdem bedeutet, dass wir ihn unbedingt kriegen müssen, falls der überhaupt noch lebt. Normalerweise gehen solche Leute kein Risiko ein. Naja, immerhin ein Anfang.«
Dreizehn
Klaus Borkowski war betrunken. Drei Stunden hatte er auf dem harten Stuhl im Vernehmungszimmer gesessen. Er konnte sich wirklich nicht erinnern, wer den Renault gekauft hatte.
»Zweihundert Euro für den Renault dahinten.« Er hatte damals kaum aufgesehen. Er hatte hinter seinem verschmierten Schreibtisch gesessen, der übersät war von öligen Blinkrelais und anderen Fahrzeugteilen, Papieren und Kaffeetassen. Es waren selten Leute auf dem Schrottplatz, um Teile zu kaufen, und er hatte seinen Schwanz rausgeholt und hatte sich einen gewichst, ein zerlesenes Pornoheftchen vor sich. Dann war plötzlich dieser Typ aufgetaucht, war einfach in das Büro marschiert und hatte ihm die Kohle auf den Tisch gelegt. Beim Onanieren erwischt zu werden ist das Schlimmste, was einem Mann passieren kann, und so hatte sich Klaus Borkowski ganz eng an den Schreibtisch gedrückt und den Kopf gesenkt, als studiere er die Bauweise eines Blinkerhebels. Ohne aufzublicken und seinen Kunden zu begrüßen, hatte er nur genickt.
»Schlüssel steckt.«
Der Typ war wieder verschwunden, hatte die Batterie des Renault angeklemmt und den Wagen tatsächlich starten können. Borkowski, der seinen, mittlerweile wieder geschrumpften, Penis wieder verstaut hatte, konnte durch das Fenster sehen, wie der Schrotthaufen von einem Renault den Platz verließ. Dabei hatte er den Mann sehen können, der hinter dem Lenkrad saß, aber diesen Sachverhalt den Bullen mitzuteilen, kam ihm nicht in den Sinn.
Er goss Rotwein in sein Wasserglas und trank es in einem Zug leer.
»Scheiß Bullen. Was habe ich mit dem Mist zu tun?«, lallte er in den Raum, der nach Schmieröl und Schweiß stank. Plötzlich flog die Tür auf und zwei Männer stürmten herein. Maskierte Männer. Einer griff ihm sofort an die Kehle, und bevor Klaus Borkowski begriff, was vorging, war seine Nase gebrochen und die rechte Schulter ausgekugelt. Nicht einmal die Zeit zum Schreien blieb ihm, denn der Angreifer hatte ihm mit der behandschuhten Hand den Mund und die Nase gleichzeitig zugehalten.
»Reden wir über deine letzten Verkäufe hier«, hörte er noch, bevor der Mann ihm das linke Ohr abschnitt und er in einem Meer aus Schmerz versank. Später redete er. Ohne Unterlass. Danach starb er. Als die beiden Männer die Baracke des Schrottplatzbesitzers verließen, klingelte in der Hosentasche des Mannes, der Borkowski das Ohr abgeschnitten hatte, ein Handy. Er nahm das Gespräch an, nachdem er die Rufnummer auf dem Display erkannt hatte. »Ja?«
»Seid ihr schon auf dem Schrottplatz?«
»Ja, aber wir sind hier fertig. Haben aber nur eine Beschreibung von dem Kerl.« Die Stimme am anderen Ende der Leitung schwieg einige Sekunden. »Die Arbeit hättet ihr euch sparen können. Die Polizei hat den Mann schon identifiziert. Ich habe alle Daten von ihm hier. Seht zu, dass ihr da wegkommt und lasst den Schrotthändler in Ruhe, der bringt uns jetzt nichts mehr.«
»Der hat seine Ruhe.«
»Dann ist gut. Bis gleich.« Das Gespräch war beendet und die beiden Männer verließen den Schrottplatz, einer von ihnen grinsend.
Im Keller
Manchmal war es schon hell, wenn er aufwachte. Immer war dann die Flasche gefüllt und es gab zu Essen. Brot. Selten lag eine halbe Salatgurke in der Schale oder eine Möhre. In bestimmten Abständen fand er ein Stück Fleischwurst vor, das war dann immer ein besonderes Geschenk. Was ihm ganz und gar nicht behagte, war, dass er seine Notdurft hier im Keller verrichten musste. Mittlerweile gab es kaum noch eine Stelle auf dem Boden, die sauber war. Er fühlte sich sehr schmutzig. Den Gestank, den seine Hinterlassenschaften erzeugten, nahm er nicht mehr wahr. Er kannte es nicht anders, und so hatte er sich damit abgefunden. Seine Versuche, Kontakt mit demjenigen aufzunehmen, der ihn hier unten eingesperrt hatte, blieben stets erfolglos. Er aß, er trank, er erleichterte sich. Dazwischen schlief er. Und wenn er nicht schlief, lag er mit geschlossenen Augen auf seiner Pritsche und versuchte herauszufinden, wer er war. Doch da gab es nichts, was ihm einfiel. Manchmal sah er Gesichter. Doch die lösten bei ihm nichts aus. Er hatte einen immer wiederkehrenden Traum. Da war ein Tannenbaum. Woher er wusste, dass es ein Tannenbaum war, konnte er nicht sagen, doch es war einer und somit war alles gut. Bunte Kugeln hingen an dem Baum und oben auf der Spitze glänzte ein goldener Stern. Bunte Pakete waren unter den Baum gelegt worden und alle diese Geschenke waren für ihn. Das wusste er. Seine Pakete und Päckchen. Doch immer, wenn er im Traum diese wunderschönen bunten Geschenke auspacken wollte, geschah dasselbe. Es war nie etwas darin. Sie bestanden nur aus dem Geschenkpapier. Waren sie vor dem Auspacken noch schwer und fest, blieb zum Schluss nur das Einwickelpapier übrig. Das machte ihn sehr traurig und er dachte, dass ihn doch jeden Tag aufs Neue jemand beschenkte. Brot, Wasser und manchmal Fleischwurst. Und den Anzug, den er trug. Und die Socken, die allerdings mittlerweile sehr dreckig waren. Wenn er den Geschenketraum hatte, wachte er jedes Mal traurig auf. Ihm war, als wäre da noch jemand in seinem Traum gewesen. Aber dieser Jemand war nie zu sehen. Als stünde er oder sie hinter ihm. Dieser Jemand musste den Baum geschmückt und die Geschenke vorbereitet haben. Betrügergeschenke, die nur Vorfreude erzeugten, die dann aber sofort in Enttäuschung umschlug. Er fühlte, dass dieser Jemand ihn liebhaben musste, wenn er sich solche Mühe machte mit dem Baum und den bunten Päckchen. Und ihn hassen musste, denn immer war die Enttäuschung, die Demütigung, nichts geschenkt zu bekommen, das viel intensivere Gefühl. Und natürlich war das Absicht. Dieser Jemand wollte, dass er sich so fühlte. Der war böse. Anders als derjenige, der ihn hier festgekettet hatte. Dessen Geschenke waren real. Brot, Wasser, der Anzug. Und manchmal eine Möhre.
Wenn das Licht an war, sah er oft seine Hände an. Seine Arme. Er zog sich aus und betrachtete seinen Körper. Das war ER. ER. Die Fußnägel waren zu lang und alles an seinem Körper war schmutzig. Aber das war ER. Aber wer war ER? Nur dieser Körper? Warum war ER nur dieser Körper? Es war für ihn intuitiv klar, dass ER noch mehr war, denn sonst hätte er nicht diese Erinnerungen. Auch wenn er die Gesichter nicht kannte, an die er sich manchmal erinnern konnte, so konnten sie doch nur deshalb in seinem Gedächtnis sein, weil er sie irgendwann wirklich gesehen hatte. Wenn er doch nur wüsste, wie sein Gesicht aussah. Vielleicht würde er dann wissen, wer ER war? Das waren dann die Momente, in denen er nach dem Menschen rief, der ihn hier gefangen hielt. Sein Sprachvermögen war zurückgekehrt und mittlerweile konnte er wieder sinnvolle Sätze bilden. Diese Entwicklung hatte er nicht bewusst wahrgenommen. Für ihn waren alle seine Worte sinnvoll und entsprachen genau dem, was er sagen wollte.
»Hallo? Ist da jemand? So komm doch her! Sag mir, wer ich bin und warum ich hier bin. Ich habe kein Wasser mehr, kann ich noch welches bekommen? Halloooo? Ist denn niemand da?« Stets blieb sein Rufen scheinbar ungehört. Und die temporäre Demenz, die er durch sein Hirntrauma erlitten hatte, mutierte in den Tagen und Wochen seiner Anwesenheit im Keller zu einer ausgewachsenen Psychose. Wahnhaft und von tiefsten Depressionen geprägt, vegetierte er in den Tag hinein. Die Substanz in dem Wasser tat ihr Übriges, um seinen geistigen Zustand noch zu verschlimmern. Er begann in den wenigen Stunden, in denen er nicht schlief, seine fehlende Erinnerung durch Fantasie-Szenen zu ersetzen.. In Ermangelung äußerer Reize schuf er sich eine eigene, völlig abstrakte Welt. Platzende Geschenke, Mondgesichter und Fleischwurst. Das Geräusch der Kette, dieses matte Klimpern, spielte stets eine Rolle, denn es war das einzige Geräusch, das immer präsent war. Bei jeder noch so kleinen Bewegung erzeugte die Kette dieses Geräusch. Er sprach stundenlang mit sich selbst. Nicht zitierfähiges, wirres Zeug von buntem Papier, kreischenden Katzen, der Kette und dem Brot. Der Pfützen und Kothaufen. Einmal war er aufgewacht und vernahm ein neues, aufregendes Geräusch. Ein Summen. Periodisch an- und abschwellend. Dann kurze Pausen und wieder das Summen. Mal hier, mal dort. Es war dunkel. Plötzlich, völlig unerwartet, eine Berührung in seinem Gesicht. Er erschrak, und die Berührung war zu Ende. Als er das nächste Mal im Gesicht berührt wurde, zwang er sich, still liegen zu bleiben, und er konnte fühlen, wie der Reiz, der seine Gefühlsnerven so zum Vibrieren brachte, in seinem Gesicht umherwanderte. Manchmal verharrte er an einer Stelle, seinem Mundwinkel oder unterhalb seiner Nase. Dann war das Gefühl so intensiv, dass er es nicht ertragen konnte und er sich bewegte. Sofort war der Reiz fort und verwandelte sich in dieses Summen.
»Komm doch zurück. Komm her zu mir. Fass mich an.« Doch die Fliege, die sich in den Keller verirrt hatte, fand lukrativere Stellen innerhalb des Kellers, und als er das nächste Mal erwachte, war sie fort. Nicht jedoch, ohne ihre Eier in die unappetitlichen Haufen im Keller gelegt zu haben. Er hatte auf diese Weise sehr viele Mitbewohner bekommen, wie sich später herausstellte. Bald spürte er deren Berührungen nicht mehr, und auch das Summen wurde von seiner selektiven Wahrnehmung ausgeblendet. Wie das Rasseln der Kette.
Vierzehn
Marius hatte seinem unfreiwilligen Gast eine Waschschüssel in den Keller gestellt, damit dieser sich das Blut aus dem Gesicht waschen konnte. Grothner hatte noch immer auf der Pritsche gesessen und ihn nur musternd angesehen. Als Marius die Treppe zum Kellereingang hinaufstieg, sagte Grothner nur ein Wort.
»Drei.« Marius hatte sich auf der Treppe umgedreht und blickte durch das heruntergeklappte Visier des Motorradhelms zu Karl Grothner hinab.
»Was, drei?«
»Frank Minor hat drei Kinder. Eines ist erst zwei Jahre alt. Mit dem Großen fuhr er immer an den Bliestersee, um dort zu Angeln. Die verstanden sich prächtig. Einmal hat Minor den Wagen heimlich mit nach Hause genommen und seine Kinder damit herumgefahren. Ich habe ihn trotzdem nicht entlassen. Er ahnte nie, dass ich das wusste, noch bevor er den Mercedes zurückbrachte. War ein guter Mann, der Frank Minor.«
»Wovon reden Sie? Ich kenne keinen Frank Minor«, presste Marius unter dem Helm hervor.
»Doch, kennen Sie. Sie haben ihn getötet. Ich sah sein Gehirn an mir vorbeifliegen.« Grothner lächelte sein grausames Lächeln.
»Soll ich Ihnen was verraten? Ich habe wirklich Respekt vor Ihnen. Sie haben mich in Ihrem Keller eingesperrt. Gratulation. Sie haben dafür einen guten Menschen getötet. Musste bestimmt sein. Kollateralschaden nennt man das. Rechnen Sie die Kinder von Minor dazu, denn der Tod ihres Vaters wird ihr Leben verändern, und sicher nicht zum Guten.« Grothner lehnte sich zurück und stützte sich auf seinen Ellenbogen ab. Marius Kleinhans stand wie erstarrt auf der Treppe und sein Visier beschlug von innen. Er öffnete es und Grothner konnte sehen, dass sein Entführer unter seinem Helm schwitzte.
»Hören Sie, ich wollte das nicht. Konnte doch nicht ahnen, dass Ihre gepanzerte Karre so wenig Schutz bietet.« Seine Stimme hatte etwas Weinerliches, befand Grothner und setzte nach.
»Sie werden mit den Konsequenzen Ihres Handelns leben müssen. Und jetzt sage ich Ihnen noch einige Spielregeln und Fakten, die Sie eben nicht erwähnen konnten, weil ich es bin, der sie diktiert.« Marius unterbrach Karl mit zu schriller Stimme.
»Sie haben mir überhaupt keine Regeln vorzugeben. Sie sollten beten, dass Sie lebend aus der Sache hier herauskommen. Ich weiß genau, was ich tue. Halten Sie sich an das, was ich Ihnen gesagt habe, und alles wird gut.«
»Ach, wird es das? Für mich ganz sicher. Wie gut es allerdings für Sie ausgeht, bestimme einzig und alleine ich.« Grothner saß noch immer zurückgelehnt und scheinbar in sich ruhend auf der schmalen Liege.
»Ich habe so einen Fall vorhergesehen und entsprechende Anweisungen erteilt. Anweisungen, die weit über das hinausgehen, was der Staat mit Ihnen veranstalten wird, sobald man Sie gefasst hat. Wollen Sie wissen, was ich angeordnet habe?« Nun beugte er sich vor, legte seine Unterarme auf die Knie und sah zu Marius empor. Trotz des Blutes im Gesicht wirkte er auf Marius eher amüsiert als ängstlich. Die Sache lief ganz und gar nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Er hatte das Gefühl, ihm würde etwas entgleiten, als würde Grothner ihm etwas aus der Hand ringen. Er beschloss, sich von Grothner fernzuhalten und kein Wort mehr mit ihm zu wechseln, wenn er erst einmal aus diesem Keller heraus war.
»Sagen Sie, was Sie meinen sagen zu müssen, und danach rate ich Ihnen, den Mund nur noch aufzumachen, wenn ich Sie etwas frage, verstanden?« Marius hatte sich Mühe gegeben, seine Stimme kalt und beherrscht klingen zu lassen, aber durch den Helm klang sie gedämpft, als spräche er mit einem Taschentuch im Mund.
»Neben der Polizei sucht eine Gruppe von Männern nach Ihnen, die in meinem Auftrag handeln. In dem Moment, in dem Sie Ihre Show abgezogen haben, wurden sie bereits aktiv. Glauben Sie mir, die haben ihre Verbindungen zur Polizei, und sie bekommen alles von dem mit, was bei den Ermittlern vorgeht. Diese Männer sind keine gesetzestreuen Bürger. Ich habe sie gekauft, weil sie jeden Weg gehen, um ihren Auftrag zu erfüllen. Wenn die Sie vor der Polizei finden, sind Sie ein toter Mann.« Grothner schwieg einige Sekunden, um die Worte wirken zu lassen.
»Ist die Polizei schneller, dann wird das, was Ihnen im Gefängnis so alles passieren wird, eng an das gekoppelt sein, was mit mir geschieht. Sterbe ich, sterben Sie. Behandeln Sie mich nicht so, wie ich es wünsche, kommen unbeschreibliche Dinge auf Sie zu, aber Sie werden leben, mehr oder weniger. Behandeln Sie mich gut, besser sehr gut, kann es sein, dass es mir reicht, Sie der Obhut der Staatsgewalt zu überlassen. Ihnen muss klar sein, dass Sie hiermit niemals durchkommen. Jemand wird Sie schnappen, alles andere ist Illusion. Sie bestimmen jetzt nur noch, wie es Ihnen danach ergeht. Haben Sie das verstanden?« Karl Grothner hatte in lautem, festem Ton gesprochen. Ohne Emotionen, als würde er einen Vortrag über Bilanzen oder Geschäftsabschlüsse halten. Dabei hatte er seinen Blick unablässig fest in die Augen des Entführers gebohrt. Er wirkte, als würde er in seinem Ledersessel hinter seinem Schreibtisch sitzen und nicht in diesem erbärmlichen Kellerloch. Marius hatte die Treppe wieder verlassen und stand nun vor ihm. Seine Hände schlossen und öffneten sich. Auch er starrte Grothner in die Augen. Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen. Die Hitze unter dem Motorradhelm kam ihm unerträglich vor. Sein Magen hatte sich zusammengezogen und fühlte sich an, als habe er glühende Kohlen darin. Er wollte wütend sein, er sollte hier der Mann sein, der das Sagen hatte. Er war der Täter, Grothner das Opfer. Nur stellte sich diese Wut nicht ein. Grothner bluffte. Das konnte nicht anders sein. Doch intuitiv spürte Marius, dass er diese Hoffnung gar nicht zu nähren brauchte. Und erst diese Erkenntnis brachte ihm die Wut, die er brauchte in diesem Moment.
»Einen Scheiß haben Sie. Einen Scheiß glaube ich Ihnen.« Er fasste Grothner an den Schultern und bemühte sich, ihm dort Schmerzen zuzufügen. Um ganz klar und deutlich zu zeigen, wer der Boss ist. Grothner sah in weiter ungerührt an und verzog keine Miene.
»Das Spiel ist also eröffnet. Sie belasten gerade Ihr Konto. Machen Sie weiter.« Grothner bleckte die Zähne und senkte die Mundwinkel.
»Sollten Sie nicht lieber Ihr Erpresserschreiben an den Mann bringen?«
Marius ließ ihn los, wandte sich um und stürmte die Treppe hinauf. Er schlug die Kellertür laut hinter sich zu und verschloss sie mit einer Kette, bevor er sich den Helm vom Kopf riss und ihn von sich schleuderte. Der Helm prallte gegen eine Fensterscheibe, die sofort zerbrach, und wurde von den von außen vor das Fenster genagelten Brettern aufgehalten.
»Scheiße, verdammtes Arschloch!«, brüllte er in die Leere der Räume. Mit der Faust schlug er gegen den bröseligen Putz der Dielenwand. Der Schmerz holte ihn zurück.
»Alles im Griff, du hast alles im Griff. Ja. Alles gut.« Der Typ im Keller konnte ihn mal. Den brauchte er nicht. Der bluffte, weil er die Hosen voll hatte. Aber in einem Punkt hatte er recht. Er musste nun den nächsten Schritt gehen. Er musste seine Bedingungen diktieren. Das war eine heikle Angelegenheit, denn in diesen technischen Zeiten konnte er unmöglich einfach beim Grothner-Konzern anrufen. Noch bevor er zur Nennung der Lösegeldhöhe gekommen wäre, würde man seinen Standort identifiziert haben. E-Mail und Computer konnte er auch nicht benutzen, auch hier ließe sich über die IP-Adresse die Herkunft ermitteln. Und selbst der klassische Brief konnte heutzutage jedem Briefkasten zugeordnet werden, in den er geworfen wurde. Das würde die Ermittler viel zu schnell auf seine Spur bringen. Er hatte sich entschlossen, in dieser Sache vollkommen unkonventionell vorzugehen. Er hatte bereits in der Vorbereitungszeit ein einziges Schreiben formuliert. Es würde keine weiteren Schreiben geben. Darin hatte er geschrieben, dass er weder verhandeln noch feilschen würde. Er setzte eine Frist von genau sieben Tagen, um das Lösegeld in Höhe von zehn Millionen Euro zu beschaffen und zur Verfügung zu halten, bis er mitteilte, wo und wie die Übergabe zu erfolgen hatte. Er hatte auf einem Flohmarkt eine alte Polaroid-Kamera erstanden und sich noch vor dem Kauf von deren Funktionsfähigkeit überzeugt. Sie musste ohnehin nur ein einziges Bild produzieren. Aber um dieses eine Foto zu schießen, musste er zurück in den Keller, zu ihm, und dazu fühlte er sich derzeit nicht in der Lage. Morgen, morgen war früh genug. Bis dahin würde Grothner wohl kaum verhungert oder verdurstet sein. Und sicher wäre er weniger herausfordernd, wenn er ohne Nahrung und Flüssigkeit die ersten vierundzwanzig Stunden hinter sich gebracht hatte. Alles gut. Er war der Boss.
Grothner hatte den Ausbruch seines Entführers in seinem Keller genau beobachtet. Und er wusste, was seine Worte bei dem Mann ausgelöst hatten. Nämlich genau das, was sie auslösen sollten. Er würde nun nicht mehr mit ihm sprechen. Erst mussten die Samenkörner, die er gepflanzt hatte, austreiben. Vierundzwanzig Stunden sollten reichen. Karl fand nach und nach Gefallen an dem Spiel.
Pulsuz fraqment bitdi.