Kitabı oxu: «Frau ohne Welt. Teil 3: Der Krieg gegen die Zukunft»

Şrift:

FRAU OHNE WELT

Trilogie zur Rettung der Liebe von Bernhard Lassahn

TEIL III – DER KRIEG GEGEN DIE ZUKUNFT


INHALT

Willkommen im Vorgarten

Schlaflose Nächte und Schreie in der Nacht

Die Schrecken der Flut und die Schrecken der Ebbe

Hände hoch! Keine falsche Bewegung!

Männer machen nicht mehr mit

Rotes Licht für die Liebe. Grünes Licht für Sex

Die nackte Lüge

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose

Die geheimen Träume der Halbweltfrauen

Der böse Blick einer Frau mit Augenklappe

The Winner Takes It All

Bielefeld gibt es. Die Welt dagegen gibt es nicht

Keine Empathie für niemand

Etikettenschwindel, wenn es ans Eingemachte geht

Das Argument der großen Axt

Die Freiheit zu tun, was einem gesagt wird

Das dunkle Geheimnis des Frauenkalenders

Mach mit! Es gibt Geld und ein gutes Gewissen

Der Vergewaltiger im Sammeltaxi

Die Waffe der Ölweiber

Die Empfindlichkeit der Schneeflocken in Zeiten der Erderwärmung

Von »Yeah, Yeah, Yeah!« zu »Nein heißt Nein!«

Die Revolution hat keine Kinder, die sie fressen könnte

Der Blick durch die Tuba

Schuld und Schulden der Vergangenheit

Die Schrift an der Wand

Von der Apo zur Apokalypse zur Fempokalypse

Der Weltuntergang als Kleinkunstprogramm

Kaputte Retourkutschen

Von nichts kommt nicht nichts

Das unfassbare Risiko der Hausfrau und Mutter

Auf der Suche nach dem guten Menschen

Return to Paradise – zurück im Garten

Impressum

Willkommen im Vorgarten

Kommen Sie getrost näher, Sie sind immer noch im Vorgarten. Sie können mir nicht mit der Tür ins Haus fallen, und ich kann nicht ausfällig werden und Sie nicht überrumpeln. Ich kann nicht plötzlich mit der Tür aus dem Haus herausfallen, wie ein Ritter, der einen Ausfall aus seiner Burg wagt und dabei die Tür wie ein Schild vor sich herträgt.

Dafür ist der Vorgarten gut. Er schafft eine gewisse Pufferzone für Unentschlossene. Man lernt sich schon ein wenig kennen, ohne sich allzu dicht auf die Pelle zu rücken.

Vorgarten? Wer redet so? Erich Kästner. Der hat geschrieben, der Vorgarten zu einem Haus sei so etwas wie das Vorwort zu einem Buch. Man ist schon fast da. Man bildet sich ein erstes Urteil, eh man weitersieht. Wie sieht der Garten aus? Gibt es Rosen? Gartenzwerge? Einen Fahrradständer? Liegt irgendwo Kinderspielzeug herum? Ist auch ausreichend Unkraut vorhanden? Bekanntlich sollte man einem Garten misstrauen, in dem es kein Unkraut gibt.

Im Vorgarten blühen die Vorurteile. Wer wohnt hier? Ein Mann. Ein alter. Ein weißer. Aha. Also vermutlich ein Feind. Jedenfalls ein Feind in den Augen der hüpfenden Jugend, die jeden Freitag klagt, dass die Alten ihr die Zukunft gestohlen hätten und ein Feind in den Augen der Feministen mit dem bösen Blick.

Hier ist auch die Schwelle, an der wir zurückblicken auf das, was bisher geschah: Es gibt schon zwei Bücher zur Frau ohne Welt, mit den Untertiteln Der Krieg gegen Mann und Der Krieg gegen das Kind – was erstaunlich martialisch klingt für jemanden wie mich, der sich in seiner Jugend gerne als Pazifisten gesehen hat und immer noch das Ende des überflüssigen Geschlechterkrieges herbeisehnt, bei dem es nur Verlierer gibt. Deshalb gibt es den Untertitel: Trilogie zur Rettung der Liebe.

Der Krieg ist nicht vorbei, »the war is not over«, sagt jemand, der in dieser Frage – und neuerdings auch in Umweltfragen – Zuständigkeit und weltweites Gehör beansprucht. Wer tut das? Emma Watson, die wir in der Rolle der Hermine in den Harry Potter-Filmen liebgewonnen haben und die später als UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte die HeForShe-Kampagne entwickelt hat, die viel gelobt wurde – doch nicht von allen. Kritik kam von den PoC, den people of colour, von Schwarzen, die ihr den Vorwurf machten, eine privilegierte Weiße zu sein. Es scheint also noch mehr Kriegsschauplätze zu geben, nicht nur zwischen Männern und Frauen.

Im ersten Band hatte ich Leonard Cohen zitiert, der singt, dass es einen Krieg zwischen Männern und Frauen gibt und einen zwischen Weißen und Schwarzen, »a war between the black and white, a war between the man and the women«, außerdem einen zwischen Armen und Reichen und zwischen Linken und Rechten. Das reicht nicht. Wir müssen noch einen Krieg berücksichtigen, den Cohen nicht besungen hat: den Krieg zwischen den Generationen, zwischen Alten und Jungen.

Es kämpft jedoch nicht jeder gegen jeden, wie es sich Thomas Hobbes in seinem berühmten Albtraum über ein höllisches Zusammenleben vorgestellt hat, in dem der Mensch dem anderen Menschen gegenüber zum Wolf wird – homo homini lupus – vielmehr stellt sich eine Gruppe gegen die nächste, ein Rudel gegen ein anderes. Es kämpfen Gruppen, die sich selbst gebildet haben, gegen Gruppen, in die andere einsortiert wurden, ob sie wollten oder nicht. So entstand die so genannte Identitätspolitik, eine politische Orientierung, bei der die Zughörigkeit zur Gruppe zum ausschlaggebenden Kriterium aufgestiegen und zur Trumpfkarte bei jeder Diskussion geworden ist.

Der Einzelne zählt nicht mehr, es kommt lediglich auf die Gruppenzugehörigkeit an, auf das richtige Rudel. Es gibt auch keine Einzelmeinungen mehr, nur noch Konsens. So sind Vorurteile entstanden und haben sich zu Verallgemeinerungen verfestigt, die für den Kampf gegen das feindliche Rudel unerlässlich sind. Sie gewährleisten den Gruppenzusammenhalt, der ohne ein starkes Feindbild nicht vorhanden wäre.

Tribalismus wirkt wie ein Turbo: Der Graben zwischen »wir« und »denen« – us and them – wird tiefer, der Ton lauter, die Stimmung feindlicher. Gruppen sind gnadenlos, ein Rudel gibt kein Pardon, ein Rudel kennt keine Dankbarkeit. Die Gruppenzugehörigkeit wirkt als Durchlauferhitzer für Aggressionen und wühlt Instinkte auf, die bisher unter Kontrolle waren.

Wir haben Zustände wie vor einem Bürgerkrieg – einem Krieg, den wir so noch nicht kannten; einem Geschlechterkrieg, in dem künstliche Gruppen ohne wirklichen Zusammenhalt, die aus wenigen Kriegstreibern und vielen ahnungslosen Mitläufern bestehen, an zwei Fronten gleichzeitig gegeneinander antreten, in einem sinnlosen Krieg zwischen Mann und Frau und zwischen Eltern und Kindern – damit gegen die Zukunft.

Davon handelt das Buch. Ich versuche, einen Lagebericht zu geben und will an Einzelbeispielen, in denen ich Muster erkenne, aufzuzeigen, was der vierzigjährige Krieg angerichtet hat. Ein Kultur-Krieg, der aufs Ganze geht.

Er hat seltsame Zwischenwesen geschaffen: Männer, die nicht männlich sein dürfen, weil Männlichkeit verdammt ist und als toxic masculinity angesehen wird, und Frauen, die diese verdammten Rollen übernehmen, die dann – wie durch ein Wunder – nicht mehr als toxisch gelten. Die idealen Zwischenwesen von heute sind neutral, sie sind geschlechtslos, sie sind inter oder trans und sehen in dem Gender-Sternchen ihren neuen Stern am Horizont aufsteigen, dem sie bedingungslos folgen. Frauen wollen heute keine Mütter mehr sein, sie fürchten ein Morgen und geben sich jünger, als sie sind. Männer wiederum leiden unter dem Peter-Pan-Syndrom und weigern sich erwachsen zu werden.

Die neuen Zwischenwesen haben sich zwischen den Fronten eingerichtet, sie sind weder männlich noch weiblich, weder alt noch jung. Die Angleichungsbewegungen gehen von beiden Seiten aus: Kinder werden wie Staatsmänner behandelt, Staatsmänner verhalten sich wie Kindsköpfe. Ein Mädchen, das aussieht, als wäre es acht Jahre alt, spricht vor der UN, im Bundestag singt Andrea Nahles das Pippi-Langstrumpf-Lied. Wir sind auf dem Weg zu einem Menschen ohne Eigenschaften, zu einem Einheitswesen, das weder das eine, noch das andere ist, das nichts falsch, aber auch nichts richtig macht.

Das erste Opfer in einem Krieg ist die Wahrheit. Die geht verloren, sobald die Gespräche verstummen. Niemand verfügt exklusiv darüber, wir können uns nur auf eine gemeinsame Suche nach der Wahrheit begeben. Wo sollen wir suchen? Im Internet wird Wahrheit angeboten, als wäre es heiß begehrte Ware, wir brauchen nur den Suchbefehl »the truth about …« eingeben, schon werden wir bedient. Architekten, die an der offiziellen Interpretation der Ereignisse von 9/11 zweifeln, nennen sich Truther. Die Wahrheit scheint zum Greifen nah und bleibt uns doch fremd.

Die beiden politischen Magazine, die sich an den gegenüberliegenden Seiten des tiefen Meinungsgrabens befinden, haben sich beide die »Wahrheit« auf die Fahne geschrieben: Das Compact-Magazin wirbt mit dem Slogan »Mut zur Wahrheit«, der Spiegel mit »Keine Angst vor der Wahrheit«. Wer kennt denn nun die Wahrheit?

»Tell the Truth« fordern die Demonstranten von Extinction Rebellion, die sich als Rebellion gegen das Aussterben verstehen und verlangen, dass sich Politiker bedingungslos dem anschließen sollen, was sie für die letzte Wahrheit halten. Andere halten Pappschilder hoch mit Slogan wie »Climate Change Is Real« oder »Rape Culture Is Real«. Manche der jungen Frauen haben sich die Parolen sogar auf die nackte Haut geschrieben, als hätten sie dadurch Golddeckung. Es ist aber nur falscher Glanz.

Sexismus. Rassismus. Faschismus. Extremismus. Frauenfeindlichkeit. Homophobie. Transphobie. Erderhitzung. Weltuntergang. Zumindest die Stimmung ist stark aufgeheizt. Doch wie schlimm ist es wirklich? Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? So hätte Immanuel Kant gefragt, wenn er nicht etwa den Einzelnen, sondern Gruppen angesprochen hätte. Wir wissen es nicht mehr. Wir sind jahrelang mit Propaganda zugeschüttet worden und stehen ratlos in einem Irrgarten aus Lügen – aus fake news –, aus falschen Prognosen und zweifelhaften Wetten auf die Zukunft.

»Wir sind die Zukunft der Bauern und Arbeiter!«, verkündete Lenin einst. »Wir sind die Zukunft Europas!«, behauptete Hitler. Das war einmal. Heute wird die Zukunft in düsteren Farben ausgemalt, »we don’t have time«, heißt es bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen, wir haben nur noch zehn Jahre Zeit. Oder sechs. Wenn es überhaupt eine Zukunft geben sollte, dann wird sie weiblich sein. So hatte sich das Margarete Mitscherlich vorgestellt, die im Jahr 2017 hundert Jahre alt geworden wäre, Hillary Clinton glaubt immer noch daran, »I still believe the future is female.«

Das glauben nicht alle. Janice Fiamengo tut es nicht mehr. Sie sieht sich nicht mehr als Feministin, selbst wenn sie früher eine war, die – so wie ich auch – auf die Straße gegangen ist, um die Nacht zu erobern und für Frauenrechte zu demonstrieren. Sie ist keine Feministin mehr und gibt eine frappierend einfache Erklärung, die uns aufhorchen lassen sollte, selbst wenn uns Frauen-Themen langsam nerven und wir glauben, dass uns die Gender-Perspektive nicht interessieren muss. Es betrifft uns alle, wenn wir nicht in einer Lügenwelt leben wollen, in der wir verkümmern.

Janice Fiamengo hat sich vom Feminismus abgewandt, weil sie die vielen Lügen nicht mehr ertragen konnte, die peu à peu aus falschen Zahlen und falschen Begriffen ein in sich geschlossenes System gebildet haben, das einen totalitären Charakter angenommen hat. Sie konnte nicht mehr darüber hinwegsehen, dass die Voraussetzungen falsch sind, dass manipulierte Statistiken in die Welt gesetzt werden und dass die Sprache verkommt. Man kann in einem Kartenhaus aus Falschbehauptungen und Falschbeschuldigungen nicht in Frieden wohnen, man muss fürchten, dass es jederzeit zusammenbricht. Man muss ständig »mit zwei Gesichtern leben«, wie es viele der Aussteiger gesagt haben, die ein totalitäres System überstanden haben. Sie konnten nicht mehr in den Spiegel gucken, weil sie ein moralisches Minimum verraten mussten. Es tut einem in der Seele weh, so leben zu müssen. Es macht krank.

Fiamengo ist Professorin in Kanada, die eine umfangreiche Video-Serie –The Fiamengo files – und zuletzt den Sammelband Sons Of Feminism veröffentlicht hat, der uns einen generationsübergreifenden Überblick bietet. Es gibt entsprechend dazu einen Bericht der Töchter, den Daughters Of Feminism. Damit kommen Vergangenheit und Zukunft für beide Geschlechter in den Blick und ermöglichen erstmals ein vollständiges Bild. Sowohl die Töchter als auch die Söhne waren stark vom Feminismus geprägt, sie sahen sich selbstverständlich als Feministen und haben erst spät gemerkt, wie sehr sie davon geschädigt wurden. Im Nachhinein sehen sie den Feminismus als ein monströses Gebilde aus lauter Lügen.

»Wir haben alle gelogen. Jeder ein bisschen. Und wir haben es gewusst.« So haben es Václav Havel und Alexander Solschenizyn zusammengefasst, als sie kritisch auf das kommunistische Lügengebäude zurückgeblickt und dabei selbstkritisch ihr eigenes Mitwirken daran reflektiert haben. Es ergeht einem nicht nur im Kommunismus so; Verkrüppelung entsteht in jedem totalitären System. Einige der Bücher aus dem Regal meiner Mutter über das Leben unterm Hakenkreuz haben so vielsagende Titel wie Betrug war alles, Lug und Schein oder Lebenslüge Hitler-Jugend. Betrug war buchstäblich »alles« – und alle haben mitgemacht. Es gab keine Rückzugsmöglichkeit mehr, der gesamte Alltag war überschattet, die Lüge war allgegenwärtig.

Totalitäre Systeme bauen sich durch kleine und kleinste Grenzüberschreitungen auf, die ständig nachverhandelt werden. Es geht scheinbar um Kleinigkeiten, die jedoch in Wirklichkeit keine sind. Hinzu kommen überdimensionierte Beschuldigungen gegen einen Feind, der in Wirklichkeit gar keiner ist, sondern erst durch eine grandiose Sprache, die keine Zwischentöne und Mittellagen und damit auch keine Kompromiss- und Friedensmöglichkeiten zulässt, zum Feind aufgebaut wird.

Der sexistische Krieg ist ein totaler Krieg. Alle Lebensbereiche werden durchdrungen. Es wird ein Kulturkrieg geführt, ein culture war, der das Gute, Schöne und Wahre zerstören will. Sobald wir das Fernsehen einschalten, werden wir einer gendergerechten Scheinwelt ausgeliefert, die durch das gesamte Programm aus aktuellen Nachrichten, Werbung, Wetterbericht, Unterhaltung, Sport und Spannung hindurchscheint. Der gesamte öffentliche Raum – das gilt für Kirchen, Politik, Schulen und Universitäten – ist sprachlich gleichgeschaltet, durchgegendert, feminisiert und verweiblicht. Die Kriegspropaganda beschwört in einem unablässigen Trommelfeuer aus Siegesmeldungen eine weibliche Zukunft, die offenbar unmittelbar bevorsteht wie der Endsieg. Frauen, so hören wir, haben Männer längst überholt, haben sie abgehängt und überflüssig gemacht. Die Frauen von heute sind nicht mehr aufzuhalten in ihrem Machtstreben, sie können alles.

Sie können es sogar besser. Für den nächsten James-Bond-Film ist Emma Watson vorgeschlagen, nicht in der Rolle eines Bond-girls, sondern – she instead of him – als Agent 007. Das war der, der gesagt hatte: »Mein Name ist Bond, James Bond«.

Aus so einer Blase kommt man nur schwer wieder heraus. Cassie Jaye hat es geschafft. Sie hatte mit Nebenrollen in Hollywood vor der Kamera als nette Blondine angefangen, als »the cute girl-next-door who always died in horror films.« Nachdem sie mehrere Tode in Horrorfilmen sterben musste, hat sie die Seiten gewechselt, hat sich hinter die Kamera gestellt und eigene Dokumentarfilme zu Gender-Themen gedreht. Dann hat sie die rote Pille eingenommen und gleich noch einmal die Seiten gewechselt: Sie ist nun auch keine Feministin mehr.

The Red Pill heißt ihr Film, mit dem sie, wie sie selbstironisch bemerkt, Kontakt mit dem Feind aufgenommen hatte – damit meinte sie Männerrechtler, moderne Väter, die von ihren Schicksalen erzählten, die den Kontakt zu ihren Kindern und den Glauben an die Zukunft verloren hatten. Am Ende des Films sieht sie diese Männer nicht mehr als Feinde an. Die Idee für den Titel stammt aus dem Film Matrix. Darin steht der Held Neo vor der Wahl, entweder die rote oder die blaue Pille zu nehmen. Nimmt er die blaue, bleibt alles, wie es ist, und er kann weiter in seiner Traumwelt leben. Mit der roten Pille würde er in der Wirklichkeit ankommen.

Sie spielt außerdem mit einem Motiv aus Alice im Wunderland, dem Land, in dem alles falsch ist. Ein weißes Kaninchen führt sie da hinein – down the rabbit hole – und erschüttert ihre Weltsicht. Cassie Jaye hat es geschafft, ihre Einstellung zu überprüfen und zu ändern. Die meisten können es nicht.

Was musste geschehen, dass sie es konnte? Zwei Übungen waren es, die mit der Arbeit an einem Dokumentarfilm zusammenhängen: Zuerst musste sie lernen, die Leute ausreden zu lassen. Sie merkte plötzlich, wie schwer ihr das fiel; sie konnte gar nicht richtig zuhören, sie wartete immer nur auf ein Stichwort, um einzuhaken und zu widersprechen. Sie musste lernen, sich zu beherrschen. Die nächste Übung bestand darin, das dokumentierte Material abschreiben. Das mag an Strafarbeiten aus Schulzeiten erinnern, aber sie merkte, dass sie erst durch den Vorgang des Schreibens richtig verstanden hat, was die Männer, die sie interviewt hatte, überhaupt sagen wollten. Als sie diesen Effekt bei einer Pressekonferenz erklärte, empfahl sie das auch den anwesenden Reportern: Notieren Sie das! –»Write this down«, sagte sie. Bei ihr hatte es gewirkt. Sie ist von einer Blondine zu einer Schriftgelehrten geworden.

Sprache kann einen Reinigungsprozess bewirken. Deshalb bin ich Ihnen auch mit einem Buch unter dem Arm entgegengekommen und habe Kästner zitiert. Ich werde noch aus anderen Büchern vorlesen. Die Literatur wacht stets im Hintergrund, wenn ich über Frauen und Männer, über den Krieg und über die Liebe spreche. Eine achtsame Sprache hilft, die Gedankenwelt aufzuräumen. Eine lügenhafte Sprache führt ins Unglück. Viele der Lügen lassen sich relativ leicht erkennen, sie fallen durch schiefe Formulierungen und heillose Übertreibungen auf und lassen sich leicht vermeiden. Ich versuche es. Ich vertraue darauf, dass man mit dem Bemühen um eine wahrhaftige Sprache auf einem guten Weg ist – auf einem, der zu einem Geschlechterfrieden führen kann.

Also: Willkommen! Treten Sie ein! Wenn Sie mögen, können Sie noch kurz, eh es losgeht, vor das Fenster treten – da oben ist mein Schlafzimmer – und ganz laut »Sex!« schreien.

Schlaflose Nächte und Schreie in der Nacht

»Sex?! Oh, nein! Sex! Nein, Sex! Ich fasse es nicht!«

»Äh … Sex?«, »Was soll das denn? Sex?«

»Sex! Sex! Sex!«

Eine Bekannte von mir hatte Pech. Sie konnte im Sommer nicht mehr bei offenem Fenster schlafen. Sie wohnte in der Langen Gasse in der Altstadt von Tübingen. Wir schreiben das Jahr 1977, wir schauen ein wenig zurück, um – wie sich Ernst Bloch das vorgestellt hat – die »Zukunft in der Vergangenheit« zu entdecken. Ich beginne mit einem kleinen Rückblick. Ich bitte, die Jahreszahl nicht allzu genau zu nehmen und mir eine gewisse Unschärfe bei der Zeitangabe zuzubilligen, immerhin mache ich eine präzise Ortsangabe.

Ich werde sogar noch großzügiger mit den Zeitangaben verfahren und das Jahr 1977 zu einem regelrechten Schicksalsjahr im Kampf der Geschlechter aufwerten und als das Jahr zeichnen, in dem der Sexismus, von dem damals noch niemand wusste, was man sich darunter vorstellen sollte, Einzug in unser Zusammenleben gehalten, sich wie eine Seuche ausgebreitet und alle Bereiche des Alltagslebens durchdrungen hat. Doch zurück zum genau lokalisierten Ort, der früher einmal still war. Warum konnte meine Bekannte nicht mehr bei offenem Fenster schlafen? Warum ließ ihr der Sex keine Ruhe?

Ihr Zimmer lag im ersten Stock. Im Erdgeschoss hatte neuerdings ein Sexshop eröffnet, ein »Fachgeschäft für Ehehygiene«, wie es im Untertitel hieß – ein Fremdkörper in dem beschaulichen Universitätsstädtchen, eng und buckelig, wie Goethe es beschrieben hatte. Ein zauberhafter Ort. Wenn da ein als Nachtwächter verkleideter Schauspieler mit Hellebarde und Laterne durch die Gassen gezogen wäre, wie das neuerdings als Touristenattraktion inszeniert wird, hätte man den Eindruck gewinnen können, die Zeit wäre tatsächlich stehen geblieben und man hätte mit Franz von Dingelstedts Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters verkünden können: »Die Stunde, die hat nichts geschlagen«.

Nun hatte die Stunde etwas geschlagen. Eine neue Zeit war angebrochen: Es gab einen Sexshop. Er wirkte, als wäre über Nacht ein verirrtes Raumschiff aus einer anderen Zeitzone notgelandet.

In lauen Sommernächten war es besonders schlimm. Nächtliche Spaziergänger, die bis vor kurzem vergleichsweise ruhig durch die Gassen geschlendert oder getorkelt waren, ließen angesichts des neuen Ladens alle Hemmungen fallen; es brach aus ihnen heraus wie eine Urgewalt. Selbst wenn sie ohne Gesprächspartner durch die Nacht schwankten, mussten sie den Namen des Shops laut vorlesen und ihr Leid klagen, wie Hunde es tun, wenn sie den Mond anbellen: »Sex Shop! Sex Shop!« Sie konnten einfach nicht vorübergehen, ohne einen Kommentar abzugeben, als müssten sie den Shop – oder den Sex insgesamt – verfluchen. So wie Babys bei der Geburt schreien, so brüllten die Nachtschwärmer beim Herandämmern der neuen Epoche. Manche lachten künstlich, manche gequält, bei manchen klang es wie ein Hilferuf. Der Laden wirkte auf sie seltsam bedrohlich, er gab sich als Niederlassung einer feindlichen Macht zu erkennen, die schon eine erste Bodenstation errichtet hatte.

Zur selben Zeit – nicht auf den Tag oder Monat genau – hatte in der Nähe vom Zimmertheater ein Laden aufgemacht, für den eine vergleichbare Besonderheit galt. Davon erzählte mir jemand, der im ersten Stock über dem neu eingerichteten Buchladen wohnte und in lauen Sommernächten ebenfalls keinen Schlaf fand. Auch an seiner Adresse unterbrachen Nachtschwärmer ihren Rundgang und konnten es nicht lassen, kräftige Kommentare abzugeben. Auch hier waren es Männerstimmen, die grölten und schimpften und ein Grummeln erzeugten wie bei einem heranziehenden Gewitter. Es ging um Bücher. Genau gesagt um den Laden, in dem sie angeboten und um die besonderen Bedingungen, unter denen sie verkauft wurden. Ursprünglich, so erklärte mir der Schlafgestörte, hätte er keinerlei Sympathien für die Emanzen aus dem Erdgeschoss gehabt, die direkt unter seinem Schlafzimmer den neuen Buchladen »Nur für Frauen« betrieben, doch seit er Nacht für Nacht mit anhören musste, wie Männerstimmen den Laden verfluchten – man habe grundsätzlich nichts gegen die Frauenbewegung, solange sie nur schön rhythmisch wäre –, hatte er sein Herz für die Nachbarinnen entdeckt und grüßte sie freundlich. Den Laden sollte er trotzdem nicht betreten.

Zwei neue Geschäfte, zwei Zeitzeichen, zwei Klagemauern, zwei Verlockungen, zwei Gefahrenstellen, die ahnen ließen, wie eine sexistische Zukunft aussehen würde. Meine Bekannte hatte den Eindruck, dass Männer nicht mit dem »Weltknoten Sexualität« umgehen konnten – das waren nicht ihre Worte; sie meinte wohl, dass Männer ihre Triebe nicht unter Kontrolle hätten – und der Mann, der über dem Frauenbuchladen seine Ruhe haben wollte, konnte hinzufügen, dass sie ebenso wenig wüssten, wie sie mit der neu aufblühenden Frauenbewegung umgehen sollten. Mit der nächtlichen Ruhe war es jedenfalls vorbei. Es hatten sich zwei Abgründe aufgetan. Zwei Risse waren auf dem Tanzboden entstanden, auf dem sich die Geschlechter begegnen konnten. Beide Orte wirkten, als hätten feindliche Truppen erste Brückenköpfe errichtet. Man konnte es ahnen: Gemeinschaften, die bisher zusammengehalten hatten, würden zerfallen; die Liebe, wie man sie bisher kannte, würde einem absehbaren Ende entgegengehen.

Es waren Orte, die man meiden sollte. Ein junges Ehepaar, das sich in der Stiftskirche trauen ließ, würde bestimmt keinen Abstecher in das nahegelegene »Fachgeschäft« machen, um da »Hygieneartikel« für ihre Ehe einzukaufen. Ein Student würde dem Sexshop weder zusammen mit seiner Liebsten einen Besuch abstatten, noch mit Mitbewohnern aus der Wohngemeinschaft, die allgemein WG »Weh geh!« genannt wurde, damit das Weh und Ach des Alleinseins vergehe. Er würde den Laden auch nicht bei einem Spaziergang als neue Attraktion der Altstadt seinen Eltern vorführen, wenn die zu Besuch kämen. Der Sexshop störte die vertikalen und horizontalen Geschlechter-Verhältnisse gleichermaßen.

Der Frauenbuchladen auch. Mit meiner Freundin könnte ich den Laden nicht betreten, ich müsste draußen warten und würde ausgerechnet mit ihr darüber streiten, ob es so einen Laden überhaupt geben sollte. Ich würde mit meinem Vater kopfschüttelnd vor dem Schaufenster stehen und wir würden uns fragen, warum wir nicht hineingehen und Die Scham ist vorbei von Anja Meulenbelt oder Memoiren einer Tochter aus gutem Hause von Simone de Beauvoir kaufen könnten. Man bekam die Bücher auch anderswo, insofern war der Frauenbuchladen keine Bereicherung. Die Besonderheit lag allein darin, dass ein Mann unerwünscht war. Immerhin haben wir noch gestritten und die Köpfe geschüttelt. Tübingen ist Universitätsstadt. Da wurde viel geschwätzt und diskutiert.

Nun hat sich das Klima geändert. Wir sind bis auf die Knochen eingeschüchtert. Wir frösteln und halten uns bedeckt, als wäre Schnee gefallen und hätte sich meterdick über unsere Gespräche gelegt. Die Themen Feminismus und Pornographie berühren wir lieber nicht. Gender auch nicht. Ein wohlmeinendes Kompliment kann heute als sexistischer Angriff interpretiert werden; ein Ausdruck, der gestern noch unverfänglich war, kann heute schon als hate speech gelten. Im Rückblick kommt mir das Tübingen der Siebziger wie ein Naturschutzgebiet vor, in dem noch ein unbefangener Gedankenaustausch möglich war.

Heute werden – damals undenkbar – Professoren wie Gerhard Amendt, Ulrich Kutschera oder Martin van Creveld von aufgebrachten Studenten mit Trillerpfeife, die sich als Schiedsrichter aufspielen, oder von schlecht informierten Gleichstellungsbeauftragten an wissenschaftlichen Vorträgen gehindert, wenn sie im Verdacht stehen, den Feminismus zu kritisieren. Zunehmend trifft es auch Politiker, die als »liberal« gelten. Heute darf man nicht mal mehr sagen: Also, das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Harald Schmidt bekennt, dass seine Shows heute nach einer Woche abgesetzt würden. Bei einer Veranstaltung mit dem SPD-Mitglied Thilo Sarrazin in Bremen musste die Polizei mit einem Mannschaftswagen anrücken, bei einer Lesung mit Birgit Kelle mit sechs. Nur jeder sechste Deutsche fühlt sich noch frei, im Internet beziehungsweise in der Öffentlichkeit seine Meinung zu äußern. Das Forschungsinstitut Allensbach hatte nachgefragt, ob man vorsichtig sein müsste. Muss man. Wir haben keine Klimakatastrophe, wir haben eine Meinungsklima-Katastrophe.

»Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«, heißt es bei Ludwig Wittgenstein im Tractatus logico-philosophicus. Der finnische Tango-König M.A. Numminen hat den Satz vertont und trägt ihn mit großer Orchesterbegleitung vor, als wollte er ein Zitat, das Voltaire nachgesagt wird, mit einem Ausrufezeichen versehen: »Was zu dumm ist, um es auszusprechen, das singt man.« Oder man schreit. Damals hatte es noch Aufschrei gegeben, nicht im Internet, sondern in den buckligen Gassen von Tübingen, da konnte man einen letzten Aufschrei in der Nacht hören:

»Oh, nein! Sex!«

Die Schrecken der Flut und die Schrecken der Ebbe

Im Jahr 1977 erlebte die Sexwelle einen spektakulären Höhepunkt. Man hatte schon vorher leichte Wellenschläge spüren können: Es gab Sex-Kinos und kleinere Rotlichtviertel in Bahnhofsnähe, zumeist in Städten, in denen Soldaten stationiert waren, doch nun hatte sich ein heftiger Sturm zusammengebraut. Die Sexwelle, die über Deutschland hereinbrach, war nicht nur eine harmlos Modewelle, es war eine Monsterwelle, die bleibende Schäden hinterließ.

Es hatte einen gewissen Anlauf gebraucht: Schweden und Dänemark waren mit der Freigabe von Pornographie und einem liberalen Umgang mit Homosexualität vorausgegangen. Das hatte in den skandinavischen Ländern zu einer Mode von Schweden-Witzen geführt. 1969 hatte in Kopenhagen die erste Sexmesse stattgefunden, bei der die Besucher von splitternackten Hostessen begrüßt wurden; erste Sexshops wurden in Kopenhagen und direkt an der Grenze zu Deutschland eröffnet. Nicht weit von der Landesgrenze hatte sich auf deutscher Seite der Beate-Uhse-Versand niedergelassen; die Sexwelle kam mit einer steifen Brise aus dem kühlen Norden.

Post aus Flensburg konnte nun zweierlei Bedeutung haben: Verkehrssünder erhielten Mahnungen vom Kraftfahrt-Bundesamt, Sünder des Geschlechtsverkehrs kleine Päckchen vom diskreten Beate Uhse Versand – wenn wir die Kunden des Versandhauses als Sünder der besonderen Art ansehen wollen: als Geschlechtsverkehrssünder, was sicher einige ihrer Ehepartner so empfunden haben. Vielleicht sogar die Kunden selber. Neugier, Unbehagen, Schuldgefühle und Lust gingen direkt ineinander über. Für manche lag allein schon der Besuch in einem Sexshop im Grenzbereich zum Seitensprung und wurde als moralische Verfehlung, zumindest als Versagen angesehen.

Die Sexwelle erreichte auch die literarische Welt. Bei einem Rundgang auf der Buchmesse konnte man in dem Jahr – aus heutiger Sicht unvorstellbar – riesige Nacktfotos sehen, als hätte man sich auf eine Sexmesse verirrt. Etwa zehn Jahre zuvor – also im Jahr 1969 – war die entscheidende Wende in der Rechtsprechung vorausgegangen: Der Bundesgerichtshof sah nach eigenem Bekunden seine Aufgabe nicht länger darin, einen moralischen Standard durchzusetzen, vielmehr wollte er sich darauf beschränken, die Gemeinschaft vor Störungen zu schützen. Eine ganze Reihe von Delikten wurden seitdem abgeschafft: zum Beispiel der Ehebruch – der galt bis dahin als Delikt –, die Unzucht mit Tieren, die einfache Homosexualität, die Erschleichung des Beischlafs und die Kuppelei. In der Diskussion um den Roman Die Memoiren der Fanny Hill wurde exemplarisch eine Unterscheidung zwischen weicher und harter Pornografie vorgenommen. Das Buch war bereits 1906 erschienen und stand seither auf dem Index. Nachdem 1964 eine »Luxusausgabe« ediert und wiederum indiziert wurde, klagte der Verleger: Anno 1969 hielt das Gericht fest, dass weiche Pornografie weder für Erwachsene noch für Jugendliche schädliche Folgen hat.

Schon ab 1970 konnte daraufhin eine Serie von Schulmädchen-Reporten anlaufen – stümperhafte Episodenfilme im Stil einer Scheinauthentizität, die sich auf wahre Erlebnisse bezogen und dennoch verlogen waren. Rückblickend sieht der Filmproduzent Wolf C. Hartwig darin die »Geschäftsidee seines Lebens«. Die ohne Aufwand mit unbekannten Schauspielern gedrehten Pseudo-Dokumentationen hatten weltweit insgesamt über 100 Millionen Zuschauer erreicht. Es folgte eine ganze Reihe solcher Filme, Hausfrauen-Report, Lehrmädchen-Report, Tanzstunden-Report, Krankenschwestern-Report – Provinzpossen im Vergleich zu dem, was gleichzeitig in Amerika passierte.

Es gab nicht nur eine, es gab mehrere Sexwellen: Eine aus dem Norden, eine weitere kam über den großen Teich geschwappt. Im Januar 1972 war zuerst in New York, wenig später in anderen Städten, ein Film in die Kinos gekommen, der, wie es heißt, die Nation spaltete wie sonst nur der Vietnamkrieg: Deep Throat, ein von einer Handvoll unbeholfener Halbamateuren heruntergekurbelter Porno, der in wenigen Jahren über 600 Millionen Dollar eingespielt haben soll und damit einer der profitabelsten Filme aller Zeiten ist. Was dermaßen viel Geld einspielt, gilt etwas im Kapitalismus. Das schmuddelige Genre, das bis dahin ein tristes Dasein in Hinterzimmern fristete, war damit auf der großen gesellschaftlichen Bühne angekommen. In den Schlangen vor den Kinos sah man verheiratete Pärchen und Damen in eleganter Abendgarderobe. Noch gab es leichten Gegenwind, der Hauptdarsteller Harry Reems musste für einige Zeit ins Gefängnis, doch mit dem großen kommerziellen Erfolg war der Porno salonfähig geworden und war nicht länger eine unbedeutende Randerscheinung. Er hatte gesamtgesellschaftliche Bedeutung erlangt. Wer sich zu Deep Throat äußerte, urteilte nicht nur über einen Film, sondern gleich über die sittliche Zukunft Amerikas. Seit dem Film Panzerkreuzer Potemkin, so wird in Darstellungen zur Kinogeschichte behauptet, hatte kein anderer Film so eine Wirkung erzielt. Hatte Panzerkreuzer Potemkin seine Bedeutung für die kommunistische Weltbewegung und der Film Birth of a Nation für das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten nach dem Bürgerkrieg, so hatte Deep Throat seine Bedeutung für die nun heraufdämmernde Zeit, die im Zeichen der Überbewertung von Sexualität stehen würde: Sex war plötzlich allgegenwärtig.

Mit Deep Throat war zumindest in den USA der Vorstoß in den Mainstream geschafft. Bald schlossen sich Kultfilme an wie Der letzte Tango von Paris, die auch bis Tübingen vordrangen. Vorher hatte noch das generelle Verbot für Pornografie fallen müssen – und es war gefallen. Zuerst 1968 in Dänemark, was die erwähnte Sexmesse ermöglicht hatte. In Deutschland fiel das Verbot erst 1975. Vorausgegangen war das 4. Gesetz zur Reform des Strafrechts, das eine weitere Liberalisierung mit sich brachte und im Sinne der Reformen von 1969 sich jeder moralisierenden Wertung von sexuellen Tätigkeiten entzog. Das zeigte sich bereits an der Neufassung der Überschriften: »Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit«, wie es bis dato hieß, wurde durch »Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung« ersetzt. Der Begriff »unzüchtige Handlung« wurde komplett gestrichen. Es war genau diese Unterscheidung zwischen »Unmoral« und »Sozialschädlichkeit«, die den Wertewandel widerspiegelte: Bestraft werden sollte ein Verhalten nur, wenn es die Interessen anderer oder die der Gemeinschaft verletzte, nicht aber, wenn es unmoralisch war.

Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Vierzig Jahre Hochwasser haben die Verhältnisse komplett verändert. Nun wird wieder gewertet. Die Moral hat sich zurückgemeldet, tritt gnadenlos als Hypermoral auf und hat eine Zensur eingeführt, die strenger und umfassender ist als alles, was wir bisher kannten. Die Memoiren der Fanny Hill stehen – zumindest in einigen Universitäten in Kanada – wieder auf dem Index, diesmal weil sie von einigen Studenten als »unerträglich heteronormativ« empfunden werden. Es gibt neue Varianten von sexuellem Fehlverhalten und von »sexistischer Gewalt«. Selbst wenn sie im Mikrobereich liegen, drohen drakonische Strafen. Kleinste Verfehlungen reichen aus, um ein Lebenswerk zu zerstören, auch wenn sie schon lange zurückliegen, bisher nicht als solche angesehen wurden, nicht bewiesen werden können und auch keinen erkennbaren Schaden angerichtet haben – wie der Fall Hunt zeigt:

So wurde gemeldet, der Nobelpreisträger Timothy Hunt, ein Molekularbiologe, habe bei einer Konferenz in Südkorea eine Bemerkung gemacht, die Empörung und betretenes Schweigen ausgelöst hätte: »Lassen Sie mich über meine Probleme mit Mädchen sprechen. Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich und wenn du sie kritisierst, weinen sie.« Es gab einen gigantischen Sturm der Entrüstung. Hunt musste die Konsequenzen ziehen und von seiner Position als Honorarprofessor zurücktreten – wegen eines »sexistischen Kommentars«, wie die Presse meldete. Auch die britische Forschungsgesellschaft Royal Society distanzierte sich von ihm.

Er trat nicht zurück, er wurde getreten. Er fiel tief, seine Karriere war auf einen Schlag beendet. Als der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson sich schützend vor ihn stellen wolle und den »unerbittlichen Moloch politische Korrektheit« anprangerte, geriet er selbst in die Schusslinie, es hieß, er mache sich »schuldig im Sinne des Antidiskriminierungsgesetzes«. Hunt hatte tatsächlich gesagt, dass Frauen weinen, wenn man sie kritisiert, er hatte allerdings auch – wie absichtlich nicht gemeldet wurde – ergänzt: »Spaß beiseite, ich bin beeindruckt von der wirtschaftlichen Entwicklung Koreas. Und Wissenschaftlerinnen spielten dabei zweifellos eine wichtige Rolle. Wissenschaft braucht Frauen.« Applaus! Gelächter! Die ersten Meldungen waren von der Journalistin Connie St Louis bewusst verfälscht worden. Sie wollte ihn fertig machen. Der Kampf gegen Sexismus ist grausam und verlogen, Schuldbeweise sind nicht nötig, es werden vorzugsweise Unschuldige gerichtet – beinah wäre der Kampf erfolgreich gewesen: Sir Richard Timothy Hunt stand kurz davor, sich das Leben zu nehmen.

Hände hoch! Keine falsche Bewegung!

Die Stimmung ist gekippt. Sexualverbrechen und Gewalttaten haben zugenommen; manche sind von bisher nicht gekannter Scheußlichkeit. Wenn man zurückdenkt an Sommertage im Freibad, an nächtliche Spaziergänge, stimmungsvolle Weihnachtsmärkte und Open-Air-Veranstaltungen, die seit den Siebzigern das Leben in der Stadt mit mediterranem Flair durchwehten und uns die neue Lebensqualität bescherten, von der Willy Brandt einst gesprochen hatte, erscheint einem das wie ein Blick in ein Fotoalbum aus einer versunkenen Welt.

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln hatte es keinen Aufschrei gegeben. Wer Opfer von nicht-deutschen Tätern beklagt, wird als Fremdenfeind und Rassist beschimpft, als jemand, der solche Fälle instrumentalisieren will. Also schweigen wir. Wir erfahren auch wenig von den »orientalischen Vergewaltigungen« in Norwegen und Schweden – im Jahr 2018 wurden laut Polizeibericht 20 Vergewaltigungen pro Tag gemeldet. Und wir wissen wenig von den erschütternden Schicksalen der Mädchen der grooming-Skandale (damit ist Anbahnung sexueller Kontakte gemeint, um Minderjährige zu missbrauchen) von Rotherham, Rockdale, Oxford, Derby, Halifax, Newcastle und Telford – allein da geht es um etwa tausend Fälle –, die jahrelang vertuscht wurden. Das gab keinen Aufschrei.

Geschrien wird im Internet mit einem flotten Hashtag oder Shitstorm. Nun sind es Frauen, die nicht länger an sich halten können und sich lustvoll an den digitalen Steinigungen beteiligen, bei denen sie feige in der Anonymität untertauchen, oder – wie im Fall Hunt – kokette Selfies ins Netz stellen, auf denen sie mit falschen Tränen posieren. Ihnen geht es um Anlässe ganz anderer Größenordnung. Je bedeutungsloser sie sind, umso aufgedrehter wird das Kreischen.

Mit dem Hashtag #metoo ging ein Aufschrei um die Welt, der bei einigen Prominenten – und solchen, die es gerne wären – alte Erinnerungen hochkochte, die zu neuen Beschuldigungen führten, die wie Streubomben wirkten und unüberschaubar viele Unschuldige ins Unglück rissen: Es kam zu Selbstmorden, Löschungen, Kündigungen und Absagen: Filmszenen aus Alles Geld der Welt, in denen Kevin Spacy, mitgewirkt hatte, wurden neu gedreht, Spotify nahm Songs von R. Kelly aus der Playlist, Konzerte mit Plácido Domingo wurden abgesagt, es gab keinen Literaturnobelpreis. Die Ausfälle im Kulturbereich waren keine bloßen Kollateralschäden, für die Krieger im Kulturkampf waren es Etappensiege im culture war, der auch »cancel culture« genannt wird, Versuch einer Auslöschung der gesamten Kultur. Die Schäden sind nicht mehr zu überblicken. Es hat vor allem Unheil gebracht und kaum einen – oder gar keinen – Gewinn. Die meisten Beschuldigungen wurden inzwischen wieder fallen gelassen, es gab nur wenige tatsächliche Verurteilungen, die es womöglich auch ohne MeToo-Welle gegeben hätte. Dass es auch in der Welt der Prominenten Widerlinge gibt, die für ihr Verhalten gegenüber Frauen Strafe verdient haben, ist keine Neuigkeit und müsste nicht zu Beschuldigungen nach dem Gießkannenprinzip führen.

Die schwedische Außenministerin Margot Wallström erinnerte sich, dass sie wie paralysiert war, als ihr Tischnachbar ihr vor Jahren bei einem Bankett die Hand aufs Knie gelegt hatte. Deshalb wollte sie die Kampagne MeToo auf höchster Ebene unterstützen. Was hätte sie sonst auch tun sollen? Sie hätte es ja nicht gleich der ehemaligen Umweltministerin Barbara Hendricks nachmachen müssen, die eine Zigarette auf dem Handrücken eines Mannes ausgedrückt hatte – vielleicht ist Wallström Nichtraucherin –, doch sie sollte schon in der Lage sein, so eine Situation zu bewältigen, ohne eine Staatsaffäre daraus zu machen. Vermutlich leidet sie unter den Spätfolgen von erlernter Hilflosigkeit durch überbehütete Erziehung. Das Unvermögen solcher Frauen, private Angelegenheiten privat regeln zu können, führte zu einer scheinheilig als »notwendige Debatte« bezeichneten politischen Durchsetzung von neuen Verhaltensvorschriften am Arbeitsplatz – als wäre der bisher für Frauen unzumutbar gewesen.

In manchen Firmen in den USA gehört es zu den neuen compliance-Regeln, dass man es melden soll, wenn sich bei Mitarbeitern eine Liebesbeziehung anbahnt. Dabei war der Arbeitsplatz früher eine ideale Begegnungsstätte gewesen, da konnten sich Freundschaften und Ehen anbahnen. Warum – so könnte man naiv fragen, wenn man das Wesen der MeToo-Kampagne nicht verstanden hat, – warum also sollte die Entstehung von Liebe unterbunden werden, es ist doch überhaupt nicht gesagt, dass jede Beziehung zu Missbrauch führt? Doch. Genau das soll damit gesagt sein. Hier wird sprichwörtlich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet – eine Redewendung, die mich als Kind stark beeindruckt hat, vermutlich weil es Babyfotos von mir gibt, die mich in einer Zinkwanne zeigen. Ein Kind mit dem Bade auszuschütten schien mir ein dermaßen dummer und zugleich leicht vermeidbarer Fehler zu sein, dass ich nie verstehen konnte, wieso man so etwas tun konnte.

Genau das wird aber getan. Verschiedene Firmen haben aufgrund der MeToo-Welle einen neuen code of conduct entwickelt. So gibt es Firmen, die vorschreiben, dass man sich nicht mehr zur Begrüßung umarmen und eine Frau nur ein einziges Mal nach einem Date fragen darf, eine zweite Frage gilt bereits als Übergriff. Die Firma Netflix verbietet es schon, sich nach der Telefonnummer zu erkundigen. Komplimente müssen – das galt allerdings schon vor MeToo – sachbezogen sein. Ein Mann muss, wenn er von seiner Chefin angesprochen wird, nach fünf Sekunden den Blick senken wie ein ertappter Sünder. Man fühlt sich dabei an Provokationen, wie sie einer Schlägerei vorausgehen, erinnert – »Was guckst du, Alter?!« – oder an Zustände in schlagenden Verbindungen, als man zum Duell herausgefordert wurde, wenn man jemanden zu lange angeguckt, wenn man ihn fixiert hatte. Nur dass es keine Duelle mehr gibt, keine Möglichkeit, sich zu wehren, sich zu erklären oder womöglich zu entschuldigen, die Strafe folgt auf dem Fuße. Wer einer Frau hinterherpfeift, muss in England mit Bußgeld rechnen.

Auch in Deutschland werden immer noch Fälle hochgespielt: Ein Mann beim WDR hatte vor einigen Jahren im Fahrstuhl zu einer jungen Schriftstellerin »Schatzi« gesagt und sie dabei gleichzeitig an der Hüfte berührt. Es wird ermittelt.

Ein harmloser Witz kann einem Mann den Job kosten. Man muss vorsichtig sein. Komiker treten in den USA nicht mehr an Universitäten auf. Es ist viel zu gefährlich geworden. Humoristen wie John Cleese von Monty Python oder Harald Schmidt, den wir aus seinen Late-Night-Shows in Erinnerungen haben, blicken wehmütig auf eine Zeit zurück, in der sie noch scherzen durften.

In Schweden gibt es erste, als wegweisend geltende Verurteilungen für den neu geschaffenen Straftatbestand der oaktsam våldtäkt, der »unachtsamen Vergewaltigung«. Sexuelle Handlungen werden demnach auch dann als Vergewaltigung gewertet, wenn sich der Partner nicht körperlich wehrt oder nicht »Nein« sagt. Beide müssen »ausdrücklich« und »klar erkennbar« mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden sein und ihr Einverständnis auf jeder Stufe der Nähe neu bestätigen. In einem konkreten Fall war eine Frau zusammen mit einem befreundeten Mann ins Bett gegangen. Er dachte, sie wolle mehr und berührte sie an einer intimen Stelle. Als er den Eindruck gewann, sie würde doch nicht wollen, brach er seine Bemühung umgehend ab: Das gilt bereits als Vergewaltigung, selbst wenn keine Gewalt angewendet und kein Geschlechtsakt vollzogen wurde, und wird mit zwei Jahren und drei Monaten Haft bestraft. Es ist keine Überraschung. Es war wiederholt von Feministen gefordert, die gesetzliche Regelung war langfristig angekündigt worden; es kam mit Ansage. Ein Mann muss beweisen, dass die Frau einverstanden war – und kann das gar nicht, denn selbst eine Unterschrift oder ein Videobeweis wie beim Fußball würde vor Gericht nicht anerkannt. Vor Jahren hätte man so ein Gesetz nicht für möglich gehalten. MeToo hat es möglich gemacht.

So sieht die Welle aus, die heute aus dem Norden kommt: Es ist keine Sex-Welle, es ist eine Sexismus-Welle.

Als in den siebziger Jahren die Sexwelle anrauschte, nutze kaum jemand den Ausdruck »Sexisten«, es hätte einem auch niemand erklären können, was man sich – bitte schön – darunter vorstellen soll. Es gab gelegentlich »Machos«, »Makker« und »Schowis« (Chauvinisten), aber keine Sexisten – es gab auch kein Gender. Die Begriffe gehörten zu einer Währung, die noch nicht eingeführt war. So wie man sich damals für einen Euro nichts hätte kaufen können, so hätte einen niemand verstanden, wenn man in den siebziger Jahren die Termini gebraucht hätte.

Mit dem Fall Brüderle hatte Deutschland seinen Sexismus-Skandal. Der FDP-Politiker hatte an einer Bar einer Journalistin von einem Boulevard-Blatt, das in den siebziger Jahren Themen wie »Frauen sprechen über ihre Brüste« auf der Titelseite gebracht hatte, irgendetwas gesagt, das als »Herrenwitz« galt. Womöglich hatte seine Ehefrau ihm anschließend eine Szene gemacht und geschimpft: Wenn ihr wenigstens Sex gehabt hättet, dann ginge das niemanden etwas an, aber ihr musstet ja unbedingt Sexismus haben, darüber reden jetzt alle. Der »-ismus« macht den Unterschied. Waren die Schulmädchen-Report-Filme Provinzpossen in Sachen Sex gewesen, so war die Affäre Brüderle die Provinzposse in Sachen Sexismus.

Die Verhältnisse sind auf den Kopf gestellt: Die Sexwelle hatte versucht, die Begegnung der Geschlechter zu beflügeln, der Sexismus bewirkt das Gegenteil: jede Begegnung wird im Keim erstickt. Als die Sexwelle angerauscht kam, wurde Sex als etwas gesehen, das im Verhältnis zur Liebe steht. Wer dagegen auf der Sexismus-Welle surft, sieht Sex als etwas, das ausschließlich im Verhältnis zur Macht steht. »Everything in the world is about sex — except sex. Sex is about power”, hatte Oscar Wilde geschrieben, ohne dass er wissen konnte, wie gut das als Kommentar zur aktuellen Situation passen sollte: Alles dreht sich um Sex, beim Sex wiederum geht es um Macht. Monica Lewinsky hatte zunächst ausgesagt, dass ihre Affäre mit Bill Clinton nicht nur einvernehmlich, sondern von ihr sogar ausdrücklich gewünscht war. Nach der MeToo-Welle hat sie sich besonnen und sieht nun doch einen Missbrauch, weil ein Machtgefälle vorlag (was bei einem Präsidenten kaum zu vermeiden ist), allerdings verrät sie ein einseitiges Verständnis von Macht, denn die Verhältnisse wurden vertauscht, sie war es, die ihn der Hand gehabt hatte.

Mit der Sexwelle und der bevorstehenden sexuellen Revolution sollten Hindernisse weggespült werden, um für die, die es ausprobieren wollten, neue Freiheiten zu ermöglichen; die Sexismus-Welle dagegen bringt neue Verbote und neue Strafen in bisher nicht gekannter Unverhältnismäßigkeit für Männer, bei denen es sich lohnt, sie zu schädigen.

Nun offenbart sich das Unglück, das entsteht, wenn das Private politisch wird: das Private wird nicht nur beschädigt, es wird gründlich zerstört und die Rückwirkungen auf das Politische sind nicht mehr zu überblicken. Konnten denn – so muss man sich fragen – die beiden Schweden, die kurzfristig unter einer Decke gesteckt hatten, ihre Probleme nicht unter sich ausmachen? Da spielten doch sicher noch andere Faktoren eine Rolle, von denen wir nichts wissen können: neue Bekanntschaften, alte Rechnungen … Doch das gilt alles nicht, es geht nur um das eine, nur um das neue Machtmittel, das der Kampf gegen Sexismus für die Frau bereitgestellt hat. Die haben es ihr möglich gemacht, ihren ehemaligen Bettgefährten ins Gefängnis zu stecken und gleichzeitig Millionen Männer, die davon wissen sollen, abzuschrecken. Ihr sollte man keinen Vorwurf machen, wohl aber einer Politik, die Leuten, die so unselbständig sind, dass man sie als lebensuntüchtig ansehen muss, wie Kindersoldaten behandelt und ihnen gefährliche Waffen in die Hand drückt.

Durch das schwere Geschoss der Politik ist eine Unverhältnismäßigkeit in die Beziehungen gekommen, die es den beiden Nordlichtern schwer – vielleicht sogar unmöglich macht –, sich jemals wieder zu vertragen. Sie hätte ihm leicht verzeihen können, die Bedingungen ihrer Freundschaft hätte man leicht nachregulieren können, er hätte sich wahrscheinlich in Zukunft zurückgehalten. Wie aber kann er ihr verzeihen, was sie ihm angetan hat, ohne dabei zugleich das ganze Rechtssystem in Frage zu stellen?

Mit den Verhältnissen, die nach MeToo entstanden sind, ist jede Annäherung der Geschlechter für Männer zur Falle geworden. Schon der Versuch ist strafbar. Männer sind handlungsunfähig geworden. Die Situation erinnert an einen Krimi, in dem der Kommissar zu einem Mann, der gerade verhaftet wurde, sagt: Hände hoch! Keine falsche Bewegung. Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.

Männer machen nicht mehr mit

Was können Männer tun? Sie streiken. Men On Strike heißt das passende Buch dazu von Helen Smith (deutsch: Männerstreik. Warum das starke Geschlecht auf Bindung und Kinder verzichtet). Der Ausdruck trifft die Sache nicht. Ein »Streik« ist allerdings auch nicht mehr das, was er einmal war, er steht nicht mehr im Zusammenhang von einem Arbeitskampf: Bei einem Streik von Kindergärtnern oder Lokführern wird nicht etwa ein Arbeitgeber unter Druck gesetzt, es wird unbeteiligten Dritten Schaden zugefügt. Greta Thunberg hat mit der Fridays-for-Future-Bewegung einen internationalen Schulstreik – Skolstrejk – losgetreten, dem sich auch der Papst angeschlossen hat, der jedoch nicht mehr zur Schule geht, so dass man in seinem Fall vom »Klima-Streik« spricht. In beiden Fällen passt der Begriff nicht: Man kann weder eine Schule noch das Klima bestreiken. Auch Frauen nicht. Oder Kinder. Wenn Meike Dinklage in ihrem Buch Der Zeugungsstreik. Warum die Kinderfrage Männersache ist ebenfalls von einem »Streik« spricht, macht sie denselben Fehler. Es ist kein Streik. Es handelt sich vielmehr um einen Rückzug, um eine generelle Verweigerungshaltung.

Männer ziehen sich auf allen Gebieten zurück. Sie meiden insbesondere die Ehe, die zu einem Modell verkommen ist, bei dem sie nur verlieren können. Roy Baumeister, dessen Spezialgebiet die »unerwiderte Liebe« ist, vergleicht eine Eheschließung von heute mit der Idee, sich betrunken tätowieren zu lassen. Diese Idee ist offenbar weit verbreitet, wie man im Sommer merkt, wenn man die leicht bekleideten Passanten anschaut. Tätowieren lassen sie sich schon, aber heiraten wollen sie nicht mehr, sie zeugen auch keine Kinder mehr – viele wollen gar nichts mehr mit Frauen zu tun haben.

Sie werden Migtows (sprich Migtaus), Flaptonauten, Herbivore (deutsch: Grasesser) oder InCels, auch Incels geschrieben. Die Bezeichnung »Migtow« geht auf die Abkürzung MGTOW zurück men go their own way, also: Männer gehen ihren eigenen Weg. Von einer Bewegung oder einer gut organisierten Gruppe kann man in diesem Fall nicht sprechen, schließlich gehen alle ihren eigenen Weg; einen, bei dem sie sich nicht mehr an den Wünschen von Frauen orientieren und angestrengt versuchen, der gynozentrischen Weltsicht zu entkommen. Mit diesem etwas sperrigen Begriff, der nach »Gynäkologie« klingt, ist gemeint, dass sich alles immer nur um Frauen dreht. Dadurch entsteht eine Unwucht, das Zusammenleben der Geschlechter verläuft nicht mehr harmonisch und verunglückt schließlich. Es ist ein altes Lied und ein altes Leiden. Schon die Frauen in Sparta galten als selbstherrliche Weiber, die nur noch herablassend über Männer redeten, weshalb die Griechen die Gynaikokratie – daher das Wort – fürchteten und sich Spartaner-Witze erzählten. Heute werden keine Witze mehr gemacht.

Manche der Migtows sehen sich als Boykotteure, die als Störfaktoren den Verfall des Systems beschleunigen werden, andere sind einfach nur resigniert. Sie vertrauen dem Rechtssystem nicht mehr, der Politik sowieso nicht, der Presse schon mal gar nicht. Sie sehen in Familiengerichten, Anwälten, Gutachtern, Jugendämtern, Gleichstellungsbeauftragten und Hilfsorganisationen eine Art Kartell mit zum Teil offen kriminellen Machenschaften. Da machen sie nicht länger mit – »they are checking out« – sie sehen keinen Sinn darin, sich in einem abgekarteten Spiel aufzureiben und sich gutgläubig an die Polizei, an Gerichte, an die Politik oder die Öffentlichkeit zu wenden. Das unterscheidet sie von den Aktivisten, die man behelfsweise »Männerrechtler« nennt, oder auch – ob sie wollen oder nicht – »Maskulisten« oder »Maskulinisten«. Doch diese Begriffe sind Fremdzuschreibungen, die zögerlich und zähneknirschend in Ermangelung eines besseren Begriffes übernommen werden. Es gibt keine Gruppierungen, die sich »Maskulisten« nennen, »Maskulinisten« schon mal gar nicht. Es sind immer nur Einzelstimmen. Sie werfen den Migtows vor, sich der vorherrschenden Ideologie unterworfen und bedingungslos kapituliert zu haben. Migtows dagegen finden, dass jeder, der immer noch versucht, innerhalb des Systems um sein Recht zu kämpfen oder meint, mit Argumenten etwas bewirken zu können, den Ernst der Lage nicht verstanden hätte.

Flaptonauten verzichten nicht nur auf Sex mit einem Partner, sie verzichten auch auf Ersatz- und Selbstbefriedigung und haben den Monat November zum No-Flap-Monat erkoren, zu einer Art von Self-Sex-Ramadan. Sie sehen es als Form der Askese. Als Herbivore werden junge Männer in Japan bezeichnet, die sich ebenfalls radikal von jedem Sexleben abgewandt und entdeckt haben, dass es auch so geht. Hanna Rosin nennt Zahlen, nach denen fast 50 % der Männer in Japan keine Lebenspartnerin mehr wollen. Sie sieht es als einen der viele Belege für die Überlegenheit der Frauen, die sie schon im Titel ihres Buches Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen deutlich macht.

Herbivore gelten als exotisch und harmlos. Im Unterschied zu den InCels, die unfreiwillig keusch sind und sich damit nicht abfinden wollen. Der Name ist eine Zusammensetzung aus »involuntary« (unfreiwillig) und »celibacy« (Zölibat). Incels werden gefürchtet, weil man ihnen Racheakte unterstellt. Es sind unruhige Männer, denen man nachsagt, dass sie bisher keine Frau abgekriegt haben und auch in Zukunft keine abkriegen werden. Man vermutet, dass sie ebenso leiden wie einst der junge Werther gelitten hat, nur dass es bei ihnen nicht um eine einzelne angebetete Frau geht und nicht zum Selbstmord, sondern zum pauschalen Hass auf alle Frauen führt, der sich ungehemmt im Internet austobt und sogar zu offener Gewalt führt.

In Toronto hatte Alek Minassian wahllos zehn Passanten überfahren. Da man ihn den Incels zurechnet, gilt seine Tat als eine der ersten, speziell »gegen Frauen« gerichteten »terroristischen Angriffe«, von denen zukünftig noch mehr erwartet werden. In Ausweitung der Kampfzone von Michel Houellebecq gibt es eine Szene (die mir allerdings nicht glaubwürdig erschien): Da tötet jemand ein ihm fremdes Paar, das sich nach einem Disco-Besuch mit einem spontanen Sexabenteuer in den Dünen vergnügt, weil er sich selber von so einem lustvollen Leben ausgeschlossen sieht.

Von solchen Männern wird es umso mehr geben, je mehr sich die Gesellschaft von der Monogamie abwendet, die ein vergleichsweise friedliches Zusammenleben ermöglicht, und stattdessen ein polygames Modell fördert, das stark konfliktgeladen ist, weil in so einem System ein Mann viele Frauen hat und viele Männer keine. Ein Mann mit vielen Frauen hat auch viele eifersüchtige Feinde und viele Männer ohne Frauen sind gefährlich. Die überschüssigen und chancenlosen Männer werden zu einer ständigen Bedrohung für ungebundene Frauen, die durch ein Kopftuch symbolisieren müssen, dass sie unter besonderem Schutz stehen. Sonst sind sie ausgeliefert und werden zu Opfern von Vergewaltigungen und dem, was man »taharrush gamea« nennt, was seit Silvester 2015 auch in Deutschland angekommen ist. Das Problem wird sich noch verstärken, je mehr Männer mit großen Träumen und geringen Chancen importiert werden und hier einer Reizüberflutung ausgesetzt werden, die sie bisher nicht kannten. Sie werden bald schon die treuherzige Vorstellung beerdigen, dass bei uns jeder sein Glück finden kann und dass es, weil doch alles so wundersam gleichverteilt ist, für jeden Topf einen passenden Deckel gibt. Man kann hier auch sein Unglück finden.

Die einen kriegen keine Frau, die anderen wollen keine mehr. »Ich will nie wieder eine Frau in meinem Leben«, sagt jemand in der Schweizer Fernsehsendung 20 Minuten. Schon Verabredungen sind inzwischen zu riskant geworden. Viele wollen flüchten – aber wohin? In die Unwirklichkeit der Bilderwelt, die den Sehnsüchtigen nur umso sehnsüchtiger zurücklässt? Oder soll man sich ganz auf eine Umformatierung des Gefühlslebens einlassen und das Liebesverlangen zu einer Angelegenheit von bezahlten Dienstleistungen machen? Lieber nicht. Eine Prostituierte kann sich schnell als Zwangsprostituierte erweisen; der Freier, der das nicht rechtzeitig erkennt, wird noch nachträglich bestraft. Kämpfern gegen Sexismus geht es darum zu strafen, nicht darum, jemandem zu helfen. Houellebecq sieht in dem Angriff auf die Prostitution, die hinter dem vorgeblichen Kampf gegen Zwangsprostitution steckt, einen Schlag, der in Wirklichkeit gegen die Ehe gerichtet ist, die bisher durch die Schattenseite der Prostitution wie durch ein Überdruckventil stabilisiert worden war. Auch in Deutschland häufen sich Stimmen, die jede Prostitution verbieten – besser gesagt: in die Illegalität verdrängen – wollen.

»Sobald es annehmbare Sex-Roboter gibt, werde ich sie nutzen«, bekennt einer der Schweizer in der obengenannten Sendung. Doch selbst das ist problematisch. Feministen fordern bereits die Schließung der ersten Sexpuppen-Bordelle. Dort würden die Puppen nämlich – woher auch immer man das wissen will – von den Kunden vergewaltigt. Nun hat es also auch die Puppen – die fembots – erwischt. Ein Hauch von Gewalt liegt über allem, was früher Spiel, Flirt, Scherz, Tanz, Erotik, Fantasie, Spaß, Vergnügen, Verständnis, Vertrauen, Lust, Leichtsinn, Sehnsucht, Berührung, Risiko, Nähe, Wohlwollen, Freundlichkeit, freies Sprechen, Kunst und Liebe war. Wir dürfen nicht einmal mehr Witze machen, die uns trösten könnten. Es wären sexistische Witze. Die sind strafbar. Zum kulturellen Kahlschlag gehört auch das Ende der Witze.

Rotes Licht für die Liebe. Grünes Licht für Sex

Im Jahre 1978 schien die Sexwelle wieder abzuflauen, als wäre nichts Besonderes vorgefallen, die Report-Filme lagen in den letzten Zuckungen. Hurrah, die Schwedinnen sind da verzeichnete noch einen gewissen kommerziellen Erfolg und erinnerte daran, dass einst eine Sexwelle aus dem Norden herübergeschwappt kam, doch der inzwischen 12. Teil der Schulmädchenreports war kein Kassenschlager mehr. Vielleicht lag es am Titel: Junge Mädchen brauchen Liebe.

Das schien nicht besonders gefragt zu sein. Das reizte nur wenige, es herrschte Ebbe an den Kinokassen. Da half es auch nicht, dass der Streifen schon ab 16 zugelassen war. Vielleicht irritierte die im Titel aufgeführte »Liebe« sogar mehr als sie lockte, denn bisher hatte der besondere Reiz – und eigentliche Skandal – der Filme darin gelegen, dass Liebe keine Rolle spielte. Nur Sex.

Eva Illouz hat über einen Zeitraum von 30 Jahren die Entwicklung der Liebe beobachtet und ihre Eindrücke in dem Buch Warum Liebe endet zusammengefasst. Sie hat eine grundlegende Veränderung festgestellt: Zur Sexualität, wie man sie heute beobachten kann, erklärt sie: »Sie ist fast zum zentralen Merkmal von guten Liebesbeziehungen geworden. Liebe erwächst heute aus sexuellen Handlungen – und nicht umgekehrt«. Also: erst Sex, dann Liebe.

Wenn das stimmt, wäre das eine Veränderung im großen Stil, ein Paradigmenwechsel. Dann hätten sich die Prioritäten verschoben. Es hätte eine Umorientierung gegeben, die so bedeutungsvoll ist wie der Wandel von einer säkularen Gesellschaft zu einer religiösen – oder umgekehrt. Wir hätten, wenn die Einschätzung von Illouz richtig ist, ein neues Vorzeichen, wir hätten geänderte Vorfahrtsregeln beim Geschlechtsverkehr: Sex käme vor Liebe. Stimmt das?

Als Frauen in die Bundeswehr aufgenommen wurden, gab es im ersten Jahr vier Anzeigen wegen Vergewaltigung. Eine davon wurde gleich wieder ad acta gelegt, die Klägerin heiratete den Beklagten. Bei ihnen war tatsächlich Sex zuerst gekommen, sie hatten sich verstolpert. Wie war das bei den Schulmädchen? Kam bei denen auch zuerst Sex und hat sich später daraus eine Liebesbeziehung entwickelt? Ich hatte nicht den Eindruck. Den Report mit der laufenden Nummer 2 habe ich mit meiner Freundin angesehen – wir waren gerade mal volljährig und durften erst ins Kino, nachdem wir unsere Ausweise vorgezeigt hatten. Wir hatten den Eindruck, dass wir mit unserem eigenen Liebesleben besser dastünden als die Schulmädchen und haben gleich gemerkt, was da faul war: Die Mädchen haben »es«, wie wir damals sagten, nicht aus Liebe getan und »es« trotzdem getan. Es fehlte das Vorspiel. Es fehlte die Sehnsucht, das Drama um den ersten Kuss, die Bereitschaft zur Liebe. Es war wie in dem Witz, der kursierte, als Armin Hary mit 10,0 Sekunden den Weltrekord im Hundertmeterlauf aufgestellt hatte. Da hatte doch glatt ein Scherzbold behauptet, der Rekord wäre wieder gebrochen worden, jemand hätte nur 7 Sekunden gebraucht. Wie das? Er hatte eine Abkürzung gefunden. So war Schulmädchensex: Sie hatten eine Abkürzung gefunden, die es nicht gibt.

Erst muss die Liebe kommen – sei sie noch so ein zartes Pflänzchen. Wie unterscheidet sich sonst eine sexuelle Handlung von Vergewaltigung oder Prostitution? Wenn nicht wenigstens die Vorzeichen einer Liebe vorhanden sind, fehlt ein Rahmen, als würde man versuchen, ein Glas Wein einzuschenken und hätte kein Glas. Ohne vorausgehende Küsse, ohne Signale von gegenseitigem Einverständnis müssen alle weiteren Mühen entweder als Missverständnisse enden oder als Dienstleistungen gelten, die noch auszugleichen sind. Deshalb küssen Nutten nicht. Sie wollen vermeiden, dass es zu einer Ausschüttung von Glückshormonen kommt, die eine Bindung an einen Partner schaffen, den sie nicht wollen. Sie versuchen mit der Zurückhaltung von Küssen und Zärtlichkeiten, gewisse Teile aus dem Repertoire intimer Handlungen für sich zu behalten und nicht in die Handelsbeziehungen einfließen lassen.

Alles, was dem sexuellen Akt vorausgeht, ist nicht etwa ein verzichtbares Vorspiel, das sich wegkürzen lässt – es ist das Leben selber. Wenn einem das Wort »Liebe« zu kitschig ist, kann man so sagen: Der Begegnung mit einer Person, mit der man sich auf eine sexuelle Begegnung einlässt, muss eine Wertschätzung zugrunde liegen, die den ganzen Menschen umfasst. Ein Nachspiel ist stets mitgedacht, auch wenn nicht deutlich darüber gesprochen wurde. Offenbar hatte Illouz Paare im Blick, die sich in Sexabenteuer gestürzt, aber versäumt hatten, sich vorher zu küssen und sich Gedanken über ein Nachher zu machen. Deshalb kann sie schreiben: »Liebe ist wie das Licht eines erloschenen Sterns.«

Geht es überhaupt ohne Liebe? Muss sie nicht grundsätzlich an erster Stelle stehen und an jeder Kreuzung, an der sich die Geschlechter begegnen, Vorfahrt haben?

Feministen haben die Liebe in ihren Schriften immer wieder verdammt, als Unterdrückungsmechanismus enttarnen und ihr die Vorfahrt nehmen wollen. Alexandra Kollontai, die als Ministerin unter Lenin Die neue Moral der Arbeiterklasse – so der Titel ihrer Broschüre – beschrieb, hatte sich schon 1918 Gedanken dazu gemacht. Berühmt; ja, geradezu berüchtigt, wurde sie mit einer Formulierung, bei der sie den Geschlechtsakt mit »einem Schluck Wasser« verglich.

Kollontai hielt die Liebe für eine Ausnahmeerscheinung, die sich vor allem im bürgerlichen Milieu findet. Die »große Liebe« steht bei ihr in Anführungsstrichen, sie ist ein »seltenes Geschenk des Geschickes, dessen nur wenige Glückliche teilhaftig werden. Die mächtige Zauberin ›große Liebe‹, die mit leuchtenden Farben unser graues Dasein schmückt, geizt mit ihrem Zauberstab den menschlichen Herzen gegenüber. Millionen Menschen haben nie die Allmacht ihrer berückenden Glut erfahren. Was soll mit diesen Enterbten, diesen Umgangenen geschehen?«

Die sollen sich mit dem »Liebesspiel« begnügen: »Dort, wo die große Liebe fehlt, dort wird sie ersetzt durch das ›Liebesspiel’«. Das müssen wir jedoch erst lernen, deshalb spricht Kollontai von der »Schule der Liebe«. Erst wenn wir die erfolgreich absolviert haben, entsteht eine neue »große Liebe« für alle, für die ganze Menschheit: »Damit die große Liebe zum Erbe der ganzen Menschheit werde, muss die schwierige, die Seele adelnde Schule der Liebe durchschritten werden«. Diese große Transformation, bei der wir die Liebe, wie wir sie bisher kennen, zurücklassen und als Liebe, die zum Erbe der ganzen Menschheit wird, neu entdecken, kann nur gelingen, wenn alle mitspielen. Das würde, wie sie schon ahnte, nicht gerade leicht werden. Doch man müsse sich bewusst sein, schreibt sie, dass die Liebe eine Kraft sei, »die sich in dem Maße vermehrt, als man Gebrauch von ihr macht.«

Was sie »Liebesspiel« nennt, würde man heute als sexuelle Aktivität durchgehen lassen. Die Genossen sollten sich getrost schon mal ohne »große Liebe« sexuell betätigen. So war ihre Botschaft gemeint. Es wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung, Frauen könnten so die schweren Ketten sprengen, die ihnen vom bürgerlichen Leben und von einer legalen Ehe angelegt würden. Entsprechend sahen die revolutionären Dekrete aus: 1918 wurde die Aufhebung der Ehe verfügt, kirchliche Trauungen wurden abgeschafft, Abtreibungen legalisiert. Scheidungen wurden erleichtert und galten als Frage der persönlichen Entscheidung.

Es war eine Zeit sexueller Exzesse, wie sie auch bei anderen revolutionären Umbrüchen auftreten. »Mit 10 Jahren war ich schon allen möglichen unanständigen Verhaltensweisen ausgesetzt. Pornografische Bilder waren nicht gerade eine Seltenheit«, schrieb ein anonymer Soldat kurz vor der Revolution. Michail Bulgakow notierte in seinem Tagebuch: »Sehr nackte Menschen mit Armbändern mit der Aufschrift ›Weg mit der Scham!‹ sind kürzlich in Moskau aufgetaucht. Eine Gruppe wurde gesehen, wie sie in eine Straßenbahn stieg. Die Bahn hielt an, die Öffentlichkeit empörte sich!« So war das. Zunächst.

Vage Versprechungen, alte Ketten abstreifen und bisher ungekannte Freiheiten erleben zu dürfen, gehören stets zu den Verheißungen einer Revolution im Anfangsstadium. Was dann? Dann war wieder Schluss damit. 1936 brachte Stalin die Wende und schaffte die Kollantai-Reformen wieder ab. Es hatten sich auch nicht alle bewährt. Die Einrichtung von Heimen für Kinder, die man aus den Familien herausholte, damit die Frauen arbeiten können, führte dazu, dass die Kinder massenhaft aus den Heimen flüchteten und es vorzogen, in Banden auf der Straße zu leben.

Die Revolution brachte sofort neue Ketten, die von der »Moral der Arbeiterklasse« bereitgehalten wurden. Das zeigt sich – womöglich unfreiwillig – in einem Zitat von Kollontai, in dem sich die revolutionäre Frau kurzfristig von den Fesseln der Familieninteressen befreit, um sich sogleich in die Ketten der Klassengemeinschaft zu begeben: »Die Fesselung der Frau an das Haus, das Betonen der Familieninteressen, die Verbreitung des Begriffs von einem ausschließlichen Besitzrecht des einen Ehegatten an dem anderen – all dies sind Erscheinungen, die die grundlegenden Prinzipien der Ideologie der Arbeiterklasse, der kameradschaftlichen Solidarität zerstören, die die Kette der Klassengemeinschaft zerreißen.« Diese Kette – gemeint ist die der Klassengemeinschaft und die der kameradschaftlichen Solidarität – darf keinesfalls zerrissen werden und so hieß es für die Frau im revolutionären Russland: raus aus den Ketten der Familie, rein in die Ketten der Arbeiterklasse. So wie es für die Frau von heute heißt: raus aus der Abhängigkeit vom ehemals geliebten Ehemann, rein in die Abhängigkeit zum sowieso nicht geliebten Staat. Raus aus den Zwängen der Rollenbilder des Patriarchats, rein in die Zwänge der Rollenbilder des Gender-Mainstream.

Die Liebe, die zur bürgerlichen Familie gehört, verschwindet bei Kollontai nicht, um durch befreiten Sex von der Pole-Position verdrängt zu werden, vielmehr tritt etwas anderes an die erste Stelle, an der bisher die Liebe zum Partner und zur Familie stand: die Liebe zur Revolution, die Verpflichtung gegenüber der Arbeiterklasse, die Kette der Klassengemeinschaft. Sex blieb untergeordnet und sollte es auch weiterhin bleiben. Die Konflikte zwischen Mann und Frau galten sowieso nur als Nebenwiderspruch. Sex stand nicht an oberster Stelle. Noch nicht. Nicht im Kommunismus. Sex wird erst dann zur wichtigsten Sache, wenn eine Zeit anbricht, die ganz von Sexismus geprägt ist – so wie unsere Zeit; die Epoche, die Illouz beobachtet hat.

Ich gehöre vermutlich noch zu den letzten Jahrgängen von Männern, die erst eigene Erfahrungen gemacht und danach Filme zu dem Thema gesehen haben. Ich habe erst geküsst. Womöglich ist das heute anders. Heute gibt es für alles, was man anfangen will, ein Video als Tutorial. Man sollte jedoch nicht verkennen, wie lange ein Licht noch leuchtet, wenn ein Stern schon erloschen ist. Das Licht der Liebe – um das Zitat von Illouz weiter zu benutzen – leuchtet immer noch. Liebe ist nach wie vor Trumpf. Auch wenn Sex gelegentlich versucht, sich vorzudrängeln.

Wenn jemand meint, Sex hätte Vorrang vor der Liebe, kommt es mir vor, als wollte er die Dinge absichtlich auf den Kopf stellen wie in der Redewendung »to put the cart before the horse«. Es würde dann die Karre vor das Pferd gespannt. In Deutschland wurde das tatsächlich ausprobiert. Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn, der seinen Adelstitel aus Protest ablegte und unter dem bürgerlichen Namen Karl Drais als Erfinder des Laufrades und der Schreibmaschine bekannt wurde, hatte tatsächlich kurzfristig mit einem Modell experimentiert, bei dem das Pferd schieben sollte und die Karre vor das Pferd gespannt war.

Es hat sich, wie wir inzwischen wissen, nicht durchgesetzt.

Die nackte Lüge

Die Sensation des Jahres 1977 waren die so genannten Peep-Shows, die allerdings nicht überall zugelassen wurden, die Stadt Köln beispielsweise erteilte keine Genehmigung. München schon. Da gab es 1976 die erste, in Hamburg gab es zeitweise sieben. 1982 waren Peep-Shows soweit normalisiert, dass es passend dazu den Trallala-Schlager der Spider Murphy Gang gab Ich schau dich an – Peep, Peep. Im gleichen Jahr erging jedoch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes, das solche Shows verurteilte, weil sie gegen die guten Sitten verstießen.

Was gab es da zu sehen? Echte Nackte wurden in künstliche Nackte umgewandelt, die natürliche Nacktheit, wie man sie etwa von FKK-Ständen kannte, wurde in einen Zusammenhang gestellt, in dem sie eine neue Wertigkeit erhielt. Frauen mutierten nach Münzeinwurf zu dreidimensionalen Bildern, zu »bewegten Bildern«, wie man in der Stummfilm-Zeit gesagt hätte; sie wurden zu Zwischenwesen im flirrenden Grenzbereich zwischen Menschen und bloßen Abbildungen von Menschen. In den zumeist in Orange gehalten Kabinen – »Nur einzeln eintreten« – boten sich beim Einwurf von 1,- DM Modelle in einem sensationellen Preis-Leistungs-Verhältnis dar. Die Girls zeigten »alles«, wie es reißerisch hieß, was mehr war, als in einem Schulmädchenreport gezeigt wurde, die Show lief »Non Stop«. Im Preis konnte man kaum weiter runtergehen. Es war der Höhepunkt einer Welle, zugleich der Ausverkauf. Aufregung und Gleichgültigkeit lagen direkt nebeneinander.

Non Stop ist nicht die Ewigkeit. Doch die Formel erinnert daran. Liebe will Dauer, sie will den zauberhaften Rausch des Verweile-doch-Gefühls. Bei einer geglückten Liebe ist man überrumpelt, man ist Teil eines Gesamtgefühls, das größer ist als das Fassungsvermögen eines einzelnen Menschen, weil es die Möglichkeit von einem Kind enthält und man dadurch von einem Hauch von Unsterblichkeit angeweht wird, so dass man meint, einen winzigen Anteil an der Unendlichkeit zu erhaschen.

Was konnte einem dagegen eine Non-Stop-Show bieten, die nur Sex, Sex, Sex aber keine Liebe versprach? Sex würde es auch nur in kleiner Dosis geben, die sofort als Überdosis wirken würde, als intensives Gefühl, das 100 Sekunden dauerte. Dann war Schluss. Man konnte nachwerfen, dann währte es noch einmal 100 Sekunden, war aber nicht mehr so intensiv und ohne Überraschungseffekt.

Der Betrachter war einer intimen Begegnung so nah, wie das bisher nicht möglich war und gleichzeitig weit von Berührungen und Küssen entfernt. Ihm wurde Zugang zu einem Teil gewährt, das Ganze jedoch verweigert. Der Betrachter befand sich in einer Kabine wie in einem Sciencefiction-Film, bei dem man in so eine Kabine tritt, um eine Zeitreise zu starten. Er hatte keinerlei Gemeinsamkeit mit den Nackten im Paralleluniversum. Die Räume waren streng getrennt, die Zeit verrann, der Countdown lief. Die beiden hatten den Weg, der zu einer vertrauten Nähe führt, nicht mehr persönlich und auch nicht gemeinsam zurückgelegt. Sie waren angekommen, ehe sie aufgebrochen waren. Aus so einer Begegnung würde keine Liebe folgen. Es war Sex pur. Es stimmte vorne und hinten nicht. Die Voraussetzungen waren falsch, und es gab keine Folgen. Die Intimität hatte kein Vorher und kein Nachher, sie war echt und unecht zugleich.

Es war eine neuartige Nacktheit. Sie kam unvermittelt. Raymond Chandler, der bekannt dafür ist, besonders kunstvoll ausformulierte Krimis zu schreiben, nutzt als Stilmittel gerne den Effekt der plötzlich hereinbrechenden Gewalt – »bring the man with the gun« –, um einen Schockeffekt zu erzielen. »Schockierend« war ein beliebtes Modewort der späten Sechziger, Orange galt als Schockfarbe. In Pornofilmen gehört der unvermittelte Schnitt – als täte sich jäh ein Abgrund auf – zur gängigen Dramaturgie, das Fehlen jeglicher Nuancen gehört zum Wesensmerkmal solcher Filme, zum Schockeffekt: eine Hausfrau bittet einen Handwerker in die Wohnung – Schnitt –, schon sie nur noch mit Strapsen bekleidet und beide sind mitten im Geschlechtsakt.

Mir kam das vor wie ein falscher Gebrauch von Starthilfekabeln. Solche Kabel wurden damals noch häufig gebraucht: Sie wurden mit Klammern an die Batterie des einen Autos angeschlossen, dann an die Batterie des anderen Autos, das so mit Energie versorgt wurde. Wenn man die Kabel nicht an dem zweiten Auto anbrachte, sondern gegeneinanderhielt, entstand ein Kurzschluss, der sich an einem Funkenflug entlud. Eine Energieübertragung fand nicht statt. Das zweite Auto kam nicht in Fahrt.

So wirkte die unvermittelte Nacktheit: Der Betrachter wurde ruckartig mit einer intimen Situation konfrontiert, als wäre es ein Kommunikationsangebot, doch es war nicht dazu gedacht, eine Verbindung – eine Energieübertragung – herzustellen. Es war kein echtes Entgegenkommen, es sah nur so aus. Es war ein falsches Signal wie bei einer Baustelle, wenn ein Verkehrslicht freie Fahrt signalisiert, die Strecke aber weiterhin gesperrt bleibt. Die Begegnung war folgenlos und banal, sie erinnerte nur noch vage daran, dass zu anderen Zeiten und unter anderen Umständen weit reichende Bedeutungen damit verbunden waren, die nun alle fehlten.

Zu Zeiten des Vormärz wurden in einigen Städten verbotene Bücher der jungdeutschen Bewegung unter der Bevölkerung verteilt. Das bekannteste und umstrittenste war Wally, die Zweiflerin von Karl Gutzkow, ein gotteslästerliches Buch, ein »unsittlicher Anschlag auf die Religion«, wie es von Kritikern genannt wurde. Die tragische Heldin Wally kann den Mann, den sie liebt, nicht heiraten, sie ist für eine Konvenienz Ehe vorgesehen. In ihrer Verzweiflung begeht sie Selbstmord. Der Skandal der Geschichte ist vergleichbar mit dem, den einst die Leiden des jungen Werther von Goethe losgetreten hatten – auch bei Gutzkow geht es um die Grundsatzfrage, ob ein Selbstmord gerechtfertigt sein kann und ob die Liebe immer der Leitstern für alle Handlungen sein muss.

Es gab eine für damalige Verhältnisse geradezu unvorstellbare Szene: Wally zeigt sich dem Mann, den sie liebt, aber nicht heiraten kann, vollständig nackt und verbindet sich dadurch mit ihm wie in einer biblischen Szene, indem sie durch ihre ungeschützte Blöße symbolisch eine intime Beziehung mit ihm eingeht, selbst wenn die lediglich in dieser einen flüchtigen Begegnung liegt, bei der ihr Geliebter sie so sehen kann wie sonst niemand.

Zwischen der verzweifelten Nacktheit von Wally und der von den Modellen auf einem Peep-Show-Karussell, die nur noch in ein Gewand aus Popmusik gehüllt sind, liegt mehr als ein Jahrhundert. Die neue Nacktheit hatte keine Bedeutung mehr – einen Preis, aber keinen Wert. Sie war aller Zusammenhänge entkleidet. Es fehlte nicht nur die Wäsche und die Unterwäsche, es fehlte die Möglichkeit einer Beziehung, einer Verbindung, einer Sinnstiftung. Sie hatte keine Aussage mehr, kein Versprechen, keine Tragik, sie hatte nicht einmal einen Kunstwert. Sie war Betrug. Eine Bettelei um Kleingeld: Haste mal ne Mark?

Eines der charakteristischen Modeworte der frühen siebziger Jahre, als es noch keine Bio-Läden – nur Reformhäuser – gab, war ein inflationär gebrauchtes Füllsel, mit dem das grün-alternative Lebensgefühl eingeläutet wurde: das lässige »echt«, das schnell zu seiner eigenen Parodie wurde. Zigarettenwerbung war noch selbstverständlich, da hieß es: »Für das Echte gibt es keinen Ersatz«. Es sollte echt sein. Unverfälscht. Ohne Zusatzstoffe. Die Beschwörung des Echten ging dem Gütesigel »Bio« voraus, das sich wenig später durchsetzen sollte.

Nackte Tatsachen gelten als wahr. Sandro Botticelli stellte sie um 1490 allegorisch dar: Wir sehen auf seinem Gemälde Die Verleumdung des Appelles eine nackte Frau, die mit einer Hand lässig ihre Scham bedeckt und die andere hochhält und mit ausgestrecktem Finger in den Himmel zeigt, als würde sie einen Schwur leisten. So wurde seinerzeit die »nackte Wahrheit« gesehen und auch verstanden. Sie war nicht nur unbekleidet, was bedeuten sollte, dass sie nichts zu verbergen hatte, sie verwies auch auf etwas Höheres, sie stand nicht für sich allein. Dagegen symbolisierte ein Modell in einer Peep-Show die »nackte Unwahrheit«. Wenn sich heute Femen, nackte Demonstranten von Extinction Rebellion, barbusige Radlerinnen, die für bessere Verkehrswege in die Pedale treten oder Teilnehmerinnen auf Schlampen-Paraden Sprüche auf die nackte Haut malen, dann vermittelt sie damit stets eine zusätzliche Botschaft. Auf der nackten Haut von solchen Frauen steht mit unsichtbarer Schrift geschrieben: Wer hier hinguckt, ist ein Sexist und hat sich mit seinem Blick bereits strafbar gemacht.

Wie echt sind Pornofilme? Wie wahr? Gerade bei den billigen Streifen, bei denen es keinerlei Drumherum gibt, kann man nicht sagen, dass die Darsteller einem etwas vorgaukeln. Die Darsteller geben nicht bloß vor, den Geschlechtsakt zu vollziehen – sie tun es wirklich. Trotzdem ist es nicht echt. Sie sind auch keine Darsteller im herkömmlichen Sinne, sie stellen etwas dar, indem sie es tatsächlich tun. Deshalb stellt sich auch die Frage nicht, ob sie gute, mittelmäßige oder schlechte Schauspieler sind. Sie sind gar keine. Im dekadenten Rom gab es Aufführungen, bei denen auf der Bühne jemand umgebracht wurde (die Rolle musste jedes Mal neu besetzt werden), so dass der bedauernswerte Sklave, der die Rolle zugewiesen kriegte, einen »nur gespielten«, aber zugleich »echten« Tod starb. Wie bei Pornofilmen: Sie »spielen« einerseits »nur«, sie »tun« es andererseits »wirklich«, sie begehen einen nur gespielten und gleichzeitig echten Verrat – an wem auch immer (Sie werden schon im stillen Kämmerlein ihres Gemüts wissen, an wem). Sie teilen intime Momente nicht mit Menschen, die ihnen lieb sind, sie tun es demonstrativ für ein anonymes Publikum, das ihnen gleichgültig ist oder das sie sogar verachten. Sie praktizieren ein Liebesspiel, das nicht zur Liebe führen soll, sondern für ein Publikum gedacht ist, das ausgeschlossen ist von richtiger Liebe und auch von einem Liebesspiel.

Das Unbehagen, das ich bei der Pornographie spüre, erlebe ich auch bei anderen Gelegenheiten, bei denen kein Unterschied gemacht wird zwischen »echt« und »nur gespielt«, zwischen »aufrichtig« und »vorgetäuscht«, etwa bei der Ausstellung »Körperwelten« von Gunther von Hagens, bekannt als Doktor Tod, bei der ich »echte« Leichen sehen kann, die gleichzeitig »nur« Ausstellungsstücke sein sollen und mit denen nicht mehr so umgegangen wird, wie man normalerweise mit Toten umgeht. Wenn wir aber nicht zwischen den verschiedenen Sphären unterscheiden, dann kommt es auch nicht darauf an, ob jemand wirklich eine Frau »ist« oder nur eine »spielt«, dann sind Wesen und Erscheinung deckungsgleich, die Form wird dann zum Inhalt.

Robert Merle hatte lange vor Ronald Reagan in einem Science-Fiction-Roman vorausgesehen, dass in Amerika eines Tages ein Schauspieler Präsident werden würde. Seit John F. Kennedy hatte sich eine Entwicklung in diese Richtung angedeutet: die Grenzen zwischen echt und gespielt wurden dünner. Schon die Bezeichnung »Atomtests« war irreführend; denn solche Tests waren nicht etwa Versuche, bei denen etwas ausprobiert wurde, so wie man eine Testfahrt mit einem Auto unternimmt, um zu sehen, ob man es kaufen will oder nicht. Atomtests waren Ernstfälle, die schwere Schäden anrichteten. Man durfte sich nicht täuschen: Man konnte auch bei einer Probefahrt einen Unfall haben. Verletzungen, die man sich dabei zuziehen würde, wären nicht weniger schmerzhaft, weil es nur eine Probefahrt war. Das Handbuch der Extinction Rebellion heißt ausdrücklich This Is Not a Drill: dies ist keine Übung, es gilt.

Als meine Tochter etwa acht war, von einer Tyrannosaurus Rex-Ausstellung hörte und nicht sicher war, ob diese Urviecher wirklich ausgestorben waren, fragte sie sicherheitshalber nach, ob die Saurier »in echt« wären oder »mit Batterie«. Diese – zugegeben – vorläufige Einteilung nutze ich immer noch. Bei vielen Erscheinungen habe ich den Eindruck, dass sie gar nicht »in echt« sind, sondern nur »mit Batterie«.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose

Wir versuchen, so gut es geht, Distanz zu signalisieren, wenn wir Abstand halten wollen – es geht nicht immer gut. Für viele war die Deutsche Demokratische Republik nicht echt, nicht gültig; manche taten so, als gäbe es sie gar nicht. Sie war nur eine sich fälschlicherweise selbst so bezeichnende »Demokratie«, deshalb wurde DDR bei der Bild-Zeitung in Anführungsstriche gesetzt. Solche Gänsefüße, wie Jean-Paul sie nannte, waren schon im Dritten Reich als ironisierende Anführungsstriche ein verbreitetes propagandistisches Stilmittel. Victor Klemperer erklärt das ausführlich in seinen Tagebüchern und Untersuchungen zur LTI Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches: jüdische »Rechtsanwälte« wurden durch solche Anführungszeichen heruntergestuft zu so genannten Rechtsanwälten; sie waren also keine wirklichen Anwälte, sie wurden nur so genannt.

Heute schreibt man »besorgte Bürger« in Anführungsstrichen, um deutlich zu machen, dass man ihnen die Sorgen nicht abnimmt. Die Tüttelchen sind inzwischen wieder inflationär verbreitet, sie werden sogar pantomimisch eingesetzt, als hätten unsere Gespräche neuerdings Untertitel, die man durch nervöse Fingerzeichen ergänzen muss, um anzuzeigen, dass alles gar nicht so gemeint ist. Wir reden wie listige Kinder mit schlechtem Gewissen, die hinter dem Rücken die Finger kreuzen.

Im Jahr 2012 wurde im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung eine Studie erstellt, in der die so genannte antifeministische Männerrechtsbewegung untersucht und als besonders gefährlich präsentiert wird. Diese »Studie« (um auch mal solche Zeichen zu verwenden) ist wissenschaftlich ohne jeden Wert, sie wurde nichtsdestoweniger durch den Lehrstuhl für Soziologie, Soziale Ungleichheit und Geschlecht, den Ilse Lenz innehatte, abgesegnet. Wir erfahren nicht, was es mit diesen Männerrechtlern tatsächlich auf sich hat, wir lernen aber, welche Vorwürfe man ihnen macht: Sie denken essentialistisch, also wesentlich. Hinrich Rosenbrock, der Verfasser dieser »Studie«, tut so, als wäre es neuerdings verboten, wesentlich zu sein und als hätte er da einen Verein entdeckt, der sich das berühmte Zitat von Angelus Silesius – »Mensch werde wesentlich« – in die Satzung geschrieben hat. Rosenbrock zeigt auf, dass die von ihm untersuchten Männer ihr Weltbild »essentialistisch« begründen und dass sie »essentialistische Geschlechtsvorstellungen« teilen, sie lassen auch einen »essentialistischen Geschlechterdualismus« erkennen oder sogar »essentialistische Familienvorstellungen«. »Essentialistisch« kommt dermaßen oft vor, dass man den Text gut als Sprachübung für Leute mit einem S-Fehler nutzen könnte. Man fragt sich allerdings, was so »gefährlich« daran sein soll, wenn jemand wesentlich sein will. Das wird nicht zur Diskussion gestellt, es ist vorausgesetzt. Selbstreflexion darf man bei so einer »Studie« nicht erwarten; der theoretische Tiefgang entspricht dem künstlerischen Niveau, das für Bilder gilt, die nach der Methode »Malen nach Zahlen« gefertigt werden.

Warum aber wird ein Essentialismus abgelehnt? Weil jemand, der wesentlich sein will, nicht so leicht davon zu überzeugen ist, dass eine Geschlechterrolle ausschließlich sozial konstruiert ist. Genau das sollen wir aber glauben. Es ist ein zentrales Gebot des Gender-Mainstreaming, das sich so radikal auf soziale Einflüsse verengt, dass alles, was nicht dazugehört; also alles, was zum Wesen, zur Biologie und zur Geschichte eines Menschen gehört, ausgeblendet und ignoriert wird, als existierte es nicht.

Als er noch Markus Ganserer hieß und sich für einen Sitz für die Grünen im Bayrischen Landtag bewarb, war er Vater zweier Kinder und stellte sich »vehement gegen Eingriffe in die Natur«. Ein Naturbursche, ein echter Kerl. Dann wurde gemeldet, dass er sowohl als Mann als auch als Frau lebte. Privat wollte er seine weibliche Identität pflegen, im Landtag aber weiterhin als Mann auftreten und sich für die Rechte von Transgender-Menschen einsetzen. »Es braucht mehr Sichtbarkeit für das Thema und eine breitere Akzeptanz«, meinte er. Nun nennt er sich Tessa Ganserer und verkündete Anfang des Jahres, dass er zukünftig »ausschließlich als Frau« leben und auch bei der politischen Arbeit entsprechend auftreten wolle: »Ich bin Frau, mit jeder Faser meines Körpers. Nun auch Frau Landtagsabgeordnete«.

Er ist der erste Transsexuelle in einem deutschen Landesparlament und wird von einer Woge der Zustimmung getragen. Nur wenige sind noch irritiert, wie ein FDP-Abgeordneter, der Ganserer als »Dragqueen« bezeichnete. Tessa Ganserer, formerly known as Markus Ganserer, wies das sogleich zurück und erklärte, dass das eine Beleidigung sei. »Ich verkleide mich nicht«, stellte der ehemals männliche Abgeordnete fest, der gerade eine Seidenbluse und eine Perücke trug, und fügte kulant hinzu. »Ich bin nicht nachtragend. Das kriegen wir schon hin«.

Es hätte mir auch passieren können. Ich habe schon einige Dragshows gesehen, die, wie ich zu meiner Überraschung bemerkt habe, ausgerechnet in der Südsee besonders beliebt sind. Ich hatte mich meistens gut amüsiert. Mir war sofort klar, dass es nicht etwa Frauen »in echt« sind, sondern welche »mit Batterie«. Doch der Spaß ist vorbei. Daher sollte ich auch nicht mehr so darüber reden. Es gibt schon Fälle, in denen harte Strafen verhängt werden, wenn jemand »mis-gendert«, also eine falsche Bezeichnung für eine Trans-Person verwendet. Welche ist richtig? Das ist nicht klar. Klar ist nur, dass man es leicht falsch machen kann.

Gewünscht und mancherorts bereits vorgeschrieben ist der Gebrauch des Gender-Sternchens oder die Verwendung von als neutral geltenden Formen wie »Elter 1 und 2« statt »Vater« und »Mutter«, damit Rücksicht genommen wird auf alle, die sich unwohl fühlen könnten, wenn sie daran erinnert werden, dass sie nicht wie normale Väter und Mütter sind. Bisher haben wir noch wenige prominente Fälle von Transmenschen, die uns in ihre Probleme mit ihrer Identitätsfindung hineinziehen wollen. Eine Freundin von mir sah eines Morgens so übernächtigt aus, dass sie sich nicht unter Leute traute, es sei denn, so sagte sie, ich würde vorangehen und an alle, die ihr entgegenkommen, Sonnenbrillen verteilen, so dass man sie nur durch getönte Gläser sehen könnte. Es war ein Scherz. Trans-Personen machen keine Scherze. Sie wollen uns vorschreiben, wie wir sie sehen und ansprechen sollen. Wenden wir uns Lann (geborene Antje) Hornscheidt zu. Hornscheidt betrachtet sich selbst als »neutrois«, als »entzweigendernd« und möchte, dass wir ihr neues Selbstverständnis übernehmen und sie nicht mehr mit den Pronomen, die wir üblicherweise verwenden, ansprechen. Hornscheidt bittet ausdrücklich darum, »respektvolle Anreden, die nicht Zweigeschlechtlichkeit aufrufen« zu verwenden und »zweigendernde Ansprachen wie ›Herr‹, ›Frau‹, ›Lieber‹, oder ›Liebe‹ « bei einem Kontakt zu meiden.

Wir sollen nicht einmal den akademischen Titel erwähnen, den sie einst erworben … Oh, schon falsch: »sie« ist unerwünscht … kurz: wir sollen »Professx« (ausgesprochen: Professiks) sagen oder »Profex Drex«, im privaten Rahmen gerne »Lann«, einfach »L« oder »pers«. Professx Hornscheidt meint, dass man, wenn man wirklich ein bewusst nicht-diskriminierendes Sprachhandeln pflegen will, am besten an jedes Subjekt ein »ex« anhängt. Man kann so ein »ex« auch als Pronomen verwenden (Warnung: keine Gewähr, dass es der neueste Stand ist).

Bei der Podiumsdiskussion im Rahmen des Evangelischen Kirchentages unter dem Motto »Für eine sanfte Revolution der Sprache«, bei der es um »einladende Impulse für die Genderdebatte« gehen sollte, durfte ich gegen vier Befürworterinnen und Befürworter der gerechten Sprache mein zartes Stimmchen erheben und saß direkt neben René_Hornstein, als »Vorstand Bundesverband Trans*« angekündigt, der so wie Professx Hornscheidt ebenfalls nicht mit »er« oder »sie« angesprochen werden wollte. Das machte es mir nicht leicht. Er (wie ich jetzt einfach mal sage) war halbseitig rasiert und machte den Vorschlag, dass man seine Kreativität nutzen möge, um eine passende Ansprache zu finden; manche würden ihn einfach »Chérie« nennen. Das ist jedoch kein Pronomen. Dummerweise ist es mir – so wie hier auch – immer wieder unterlaufen, dass ich doch ein »er« oder »ihn« verwendet habe, obwohl ich das nicht mehr tun sollte. Chérie, wie manche zu diesem Menschenwesen sagen, zuckte jedes Mal zusammen, als hätte ich diesem Wesen etwas angetan. Ich wurde aber nicht bestraft.

Im englischen Sprachraum hätte mir das passieren können, da wurden neue Pronomen wie »ze«, »con« und »thon« eingeführt. Zwar gibt es noch keine verbindliche Festlegung, welche davon bei welcher Gelegenheit zum Einsatz kommen sollen, doch es gibt schon Strafen, wenn man es falsch macht. In New York müssen Arbeitgeber, Ärzte oder Vermieter bis zu 250 000 Dollar zahlen, wenn sie ein falsches Pronomen gebrauchen. In Virginia wurde ein Lehrer entlassen. Eine Studentin, die er bisher mit »she« angeredet hatte, wollte plötzlich lieber mit »he« angeredet werden. Das tat er nicht. Zwar übernahm er den neuen Namen, den sie sich ausgedacht hatte, weigerte sich aber, das Pronomen, das er bisher genutzt hatte, zu ändern. Peter Vlaming war Sprachlehrer. Er ist es nicht mehr.

Es handelt sich keinesfalls um Kleinigkeiten – es sind auch gerade die kleinen Dinge, die uns so unwichtig erscheinen, dass wir ihretwegen nicht streiten mögen, die genutzt werden, um unser Ordnungssystem aus den Angeln zu heben. Kleine Dinge sind nicht klein. Wenn wir mit einer elementaren Kategorisierung wie »er«, »sie« und »es« nicht mehr unbefangen umgehen können und sie nicht mehr so nutzen können, wie wir es bisher getan haben, dann sind wir elementar verunsichert. Wenn wir darin eine moralische Frage von elementarer Bedeutung sehen, dann ist unser Moralempfinden elementar gestört.

Jordan Peterson wurde als »professor against political correctness« bekannt, weil er angekündigt hatte, keine gesetzlich verordneten Pronomen für Transgender-Personen zu verwenden. Sein Einwand, dass er sich die vielen neuen Pronomen, die sich jeder selbst ausdenken darf – darunter so originelle wie »wormself«, also »Wurmselbst« – nicht erahnen und sich auch nicht merken könne, wurde weggewischt mit dem Hinweis, er solle sie auf seinem Handy notieren. Als er erklärte, dass er das nicht tun wolle, wurde ihm vorgeworfen, dass er faul sei. Mehr noch: homophob, ein Menschenfeind. Peterson blieb beim Nein. Bei einer Verurteilung würde er keine Geldstrafen akzeptieren und wenn er ins Gefängnis müsste, in den Hungerstreik treten. In Kanada ist die Rechtsprechung besonders streng, da wird nicht nur die große, da wird gleich die größtmögliche Keule geschwungen. Das Gesetz Bill C 16 sieht vor, dass Mis-gendern nicht etwa als Kavaliersdelikt oder Unhöflichkeit gilt, sondern als Menschenrechtsverletzung. Man wird vor ein Menschenrechtstribunal – ein human rights tribunal – zitiert wie einst bei kommunistischen Schauprozessen. Es drohen existenzvernichtende Strafen. So ist es auch für Deutschland vorgesehen. Tessa Ganserer ist darauf vorbereitet: »Ich werde es auf keinen Fall akzeptieren, wenn jemand absichtlich das falsche Pronomen verwendet – oder mich mit ‚Herr‹ anspricht«.

Die Presse steht ungebrochen auf seiner Seite (oder muss es »ihrer« Seite heißen?). Ganserer wird uns in den verschiedenen Darstellungen, die durchgehend wohlwollend sind, als »echte Frau« oder »ganz normale Frau« dargestellt. Ohne Anführungsstriche. Alle machen mit. Wir sollen es auch tun. Wir sollen alte Vorstellungen abstreifen, als könnten wir das einfach so tun. Szenen wie aus dem Raum 101 im Roman 1984 haben wir hinter uns. Da werden dem Helden vier Finger gezeigt und er wird gefragt, wie viele er sieht: Ihm wurde beigebracht, fünf Finger zu sehen. Also sieht er fünf und sagt es laut: Es sind fünf Finger. So sollen auch wir uns belügen und mit Überzeugung sagen: Ja, da ist eine Frau, eine ganz normale Frau.

Da ist womöglich noch eine verzagte innere Stimme, die leise Einspruch erhebt: Ich erkenne da einen Mann in Frauenkleidern. Diese Stimme müssen wir abwürgen. Wir sollen uns sagen: Ich sehe ein, dass mich diese Stimme belügen will. Es ist eine echte Frau. Wenn ich kurzzeitig gemeint habe, da einen Mann zu erkennen, dann nicht etwa, weil ich einer optischen Täuschung erlegen bin, sondern weil da noch ein Restbestand von Irrtum vorliegt, der ausgemerzt werden muss. Es ist ganz allein mein Problem. Ich muss diese Schwäche überwinden, damit ich in dieser Gesellschaft weiterhin als jemand, der dazugehört, unbehelligt leben kann. Alle werden mir zu meiner toleranten Haltung gratulieren. Leute wie Hunt und Peterson sind isolierte Einzelgänger. In ihrem Kollegenkreis hatte niemand zu ihnen gehalten. Sie sind Sonderlinge, die man nicht länger dulden sollte.

Gibt es wirklich niemanden, der es wagt zu widersprechen? Doch. Vielleicht wird es bald schon jemanden geben. In den neuen Lehrmaterialien für einen »Sexualkundeunterricht der Vielfalt« wird bereits Zehnjährigen erklärt, was eine Dragqueen ist. Vielleicht traut sich eines Tages ein braver Schüler, sein neu erworbenes Wissen kundzutun, seine Stimme zu erheben – wie das Kind in dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, das mit der Bemerkung »Aber der König ist ja nackt« das aussprach, was niemand zu sagen wagte – und laut zu verkünden: »Und er verkleidet sich doch. Das habe ich so in der Schule gelernt.«

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