Kitabı oxu: «Die Diskette»

Şrift:

Bernt Danielsson
Die Diskette

Aus dem Schwedischen

von Regine Elsässer

Saga

1
Frohe Feiertage

„Für dich“, sagte meine Mutter. „Irgendeine Lena.“

Ich schluckte meinen Kaffee viel zu schnell und bekam einen äußerst peinlichen Hustenanfall.

„Lena?“ sagte mein Vater spitz. „Ist ja ganz schön was los hier, mein Gott. Was ist denn mit der anderen passiert?“

„Red keinen Unsinn“, sagte ich hustend und stand vom Sofa auf. Ich versuchte verzweifelt, wieder einen klaren Hals zu kriegen, und ging hinaus in den Flur. Ich nahm den Hörer auf, schluckte mehrmals und schnappte nach Luft, bis ich schließlich ein Art „Hallo?“ rausbrachte.

„Bist du es, Kevin?“ fragte eine Stimme, die ich nie vergessen werde, und wenn ich 97einhalb Jahre alt werden sollte. Es war die schönste Stimme, die ich je gehört hatte, und sie gehörte jemandem, dem ich, unglaublich aber wahr, das Leben gerettet hatte. Hustend und räuspernd sagte ich so etwas wie ja.

„Wie geht es? Hast du dich verschluckt?“

„Ja, genau“, sagte ich, und plötzlich hatte das Serviceteam der Rohrreinigungsabteilung den Fehler gefunden, der Husten war weg, und mein Hals wurde wieder klar und rein. „Hallo“, sagte ich und war froh, wieder meine normale Stimme zu haben.

„Frohe Feiertage, das sagt man doch. Wie waren die Weihnachtstage bei dir?“ fragte sie.

„Danke, halt so“, antwortete ich. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mich auch noch verbeugt.

„Das klingt ja nicht besonders enthusiastisch.“

„Mir liegt nicht besonders viel an Weihnachten“, sagte ich.

„Also genau wie Schröder.“

„Wie geht es ihm eigentlich?“ fragte ich und merkte, daß ich ein bißchen sauer klang. Um ehrlich zu sein, ich war es auch, vor allem weil er seit fast drei Monaten nichts von sich hatte hören lassen. Das letzte Mal, als ich ihn sah, wurde er von zwei kräftigen Männern in weißen Arztkitteln durch den Ambulanzeingang des Danderyd Krankenhauses getragen, und ich hatte gedacht, er würde sich melden, wenn er sich wieder erholt hatte. Aber die Zeit verging, und ich hörte keinen Ton.

Sobald mein zermatschtes Knie wieder einigermaßen geheilt war und ich kleinere Spaziergänge schaffte, humpelte ich zu der Kreuzung, wo Mister Raymond Schröder mich und mein Moped mit seiner schrottreifen Dodge-Ram-Karre demoliert hatte. Nach einigem Suchen fand ich in den entlaubten und stacheligen Büschen doch tatsächlich meinen Walkman und die Kopfhörer. Sie waren natürlich beide hinüber, aber die John-Vollem-Kassette hatte überlebt.

Lena rief ein paar Wochen später einmal an, und wir redeten lange – ich weiß noch jedes Wort. Nachdem sie sich versichert hatte, daß es mir gut ging und mein verletztes Knie auf dem Weg der Besserung war, erzählte sie etwas vage von dieser Gangstermafia BEDA, aber ich hab nicht wirklich was davon verstanden, nicht viel mehr, als ich schon wußte.

Sie machte mir sehr deutlich, daß sie mit mir am liebsten nicht eingehender über ihre Arbeit sprechen wollte oder konnte – wie sie sagte. Ich glaube, sie hat hauptsächlich deshalb angerufen, um zu kontrollieren, daß ich mein Versprechen hielt und niemandem etwas erzählte. Sie richtete Grüße aus von Schröder und sagte, daß wir uns „bald“ treffen und zusammen essen müßten. Seither: kein Ton.

Ich war mit meinem total nigelnagelneuen Piaggiomoped ein paarmal abends an Schröders Häuschen vorbeigefahren, aber es war immer dunkel, und Bogart (wie er allen Ernstes seine Schrottschüssel nannte) stand auch nicht davor.

Dann war die Zeit nur so verflogen – unheimlich viel zu lernen im Endspurt vor den Weihnachtsferien, jede Menge albernen Streß mit einem Mädchen namens Martina (von der hatte auch mein Vater gesprochen) und dann an Weihnachten nach London zu den Großeltern. Das klingt vielleicht sehr spannend, aber Weihnachten ist in England genauso öde und anstrengend wie zu Hause. Für etwas war die Reise allerdings gut – sie half mir, von den allerschlimmsten alptraumhaften Erinnerungen an jene hektischen Oktobertage mit Schröder wegzukommen. Ich war sogar schon über Lena „hinweggekommen“ – obwohl ich noch ziemlich oft von ihr träumte, das muß ich zugeben. Ausgesprochen merkwürdige Träume, die ich nie irgend jemandem erzählen könnte.

„Doch“, sagte Lena und lachte. „Ihm geht es gut. Ich soll von ihm grüßen.“

„Er hätte ja mal anrufen können“, brummte ich beleidigt.

„Hast du ihn denn angerufen?“ fragte sie, und da ließ ich mich auf den kleinen, lederbezogenen Hocker plumpsen und sagte nichts mehr, denn ich hatte ihn natürlich nicht angerufen. „Na, ist ja auch egal“, sagte sie. „Manchmal ist es einfach so – die Zeit verrinnt irgendwie. Und man muß sich auch nicht eine Menge unnötiger „du mußt“ anziehen – davon hat man ja eh schon reichlich. Aber wie auch immer: Jetzt soll endlich dieses Essen steigen, das ich dir im Herbst versprochen habe, als kleines Dankeschön für deine Hilfe. Auch wenn ich dir nie richtig werde danken können – du hast mir ja tatsächlich das Leben gerettet.“

„Na ja“, sagte ich, als ob das gar nichts Besonderes gewesen wäre, aber gleichzeitig schauderte es mich heftig bei dem Gedanken daran, wie ich die nicht geladene Smith-&-Wesson-Knarre auf das Walroß geschleudert hatte, weil der mit seinem Gewehr auf Lena zielte.

„Und was wurde aus diesem Typ vom Verfassungsschutz unten in München?“ fragte ich.

„Das erzähl ich dir später. Ich will nicht am Telefon darüber reden, weißt du ...“

„Nee“, sagte ich und kam mir wieder mal so blöd vor, und außerdem war ich dankbar, daß wir nur telefonierten. Hört das denn nie auf, daß ich so unmöglich bin? dachte ich. Man sollte doch meinen, daß ich schon aus so was rausgewachsen bin. Oder schlage ich meinem Vater nach? Wenn das so ist, wird es wohl nie so weit kommen. Wunderbare Zukunftsaussichten ... „Paßt dir Freitag? So gegen sieben?“

„Doch, sicher. Bei dir zu Hause?“

„Nein, bei Schröder. Er hat versprochen zu kochen – und darüber kannst du nur froh sein, denn ich tauge auf diesem Gebiet nicht viel.“

„Also gut“, sagte ich und versuchte, nicht so enttäuscht zu klingen, wie ich mich fühlte.

„Gut“, sagte sie und lachte auf diese besondere Art, es klingt fast so wie eine schnurrende Katze. Mein Ohr wurde ganz warm, und ich bekam ein glühend heißes Gesicht.

Nachdem wir tschüs gesagt und aufgelegt hatten, blieb ich neben dem Telefon sitzen. Ich weiß nicht, woran ich dachte – an alles und nichts wahrscheinlich. In meinem Kopf wirbelten Gedankenfetzen, Überlegungen, John-Vollem-Stücke und Erinnerungen durcheinander. Und dann dachte ich plötzlich auch an Martina, schob den Gedanken jedoch ärgerlich beiseite und holte statt dessen das peinlich glitzernde Erinnerungsbild an Lena hinter dem Steuer des weißen Porsche hervor, draußen vor unserem Haus, an einem dunklen Abend im letzten Herbst.

„Was bist du nur für ein verdammt blöder Eimer!“ dachte ich mit Schröders höhnischer, rauher Stimme.

Mein Blick blieb an einem der Bilder an der Flurwand hängen – Schröder hatte an einem Oktobermorgen vor ungefähr hundert Jahren befunden, daß sie „absolut scheußlich“ seien. Ehrlich gesagt, ich muß ihm immer mehr recht geben. Ich habe sogar schon meiner Mutter vorgeschlagen, sie abzuhängen. „Aber das geht nicht, das mußt du verstehen, die Großmutter würde sonst sehr traurig werden“, hatte sie gesagt und mich richtig empört angeschaut. „Aber sie kommt doch höchstens einmal im Jahr her“, hatte ich gesagt, „und dann können wir sie ja wieder aufhängen.“ Aber dafür hatte sie keinerlei Verständnis.

Aus dem Wohnzimmer klang aufgesetztes Gejohle und Discomusik aus dem Fernseher. Es klang genauso bescheuert, wie es immer klingt, wenn sie versuchen einen „Jugendfilm“ zu drehen. Mein Vater lachte hingerissen – bestimmt benahm sich jemand daneben. So was findet er lustig.

„War das eure Aushilfslehrerin?“ fragte meine Mutter, als sie mit der Kaffeekanne an mir vorbeiging.

Ich nickte und brummte ein Ja. Als Lena vor einigen Monaten angerufen hatte, war meine Mutter auch am Apparat gewesen – ich weiß nicht, wie sie es macht, aber sie ist immer zuerst am Telefon –, und ich hatte behauptet, Lena sei eine Aushilfslehrerin.

„Hast du sie auch nach Weihnachten noch?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich und dachte angestrengt nach. Ich mußte mir was einfallen lassen. Wir hatten vor, übers Wochenende zu den anderen Großeltern nach Västervik zu fahren. Und wenn ich bisher schon keine Lust gehabt hatte, mitzukommen, so hatte ich jetzt noch weniger Lust dazu. „Sie – sie macht einen Rundruf in unserer Klasse“, sagte ich.

Meine Mutter blieb in der Türöffnung zum Wohnzimmer stehen und schaute mich fragend an.

„Sie macht ein ... Fest. Jetzt am Freitag. Für unsere Klasse“, sagte ich und wich ihrem Blick aus.

„Mitten in den Ferien?“

„Ja, genau.“ Ich nickte. „Sie zieht ... ähm ... sie zieht um, ins Ausland. Und sie möchte, daß wir uns noch mal treffen, bevor sie abreist. Sie war ganz toll und ...“

„Aber sind denn nicht die meisten von euch verreist?“ fragte meine Mutter und ließ ihren Blick gleichzeitig zerstreut ins Wohnzimmer wandern und zum Fernseher, wo ein Mann sich gerade einem Mädchen näherte, das in einem schlecht erleuchteten Zimmer auf dem Bett lag.

„Nee, sie hat die meisten erreicht. Und es kommen auch alle“, log ich. „Kann ich nicht auch zu Hause bleiben? Ich finde es da unten sowieso sterbensöde, absolut nichts los und – tja, ich würde wirklich auch gerne auf das Fest gehen“, sagte ich bittend und holte meine zuckersüße „Mamas-guter-Junge-Stimme“ hervor. (Sie fällt meistens drauf rein.)

„Tja ... aber ruft sie nicht ein bißchen sehr spät an? Ich meine, heute ist schließlich Mittwoch. Sonst hätten wir ja auch erst nächstes Wochenende fahren können und ...“

„Ja, aber ...“ unterbrach ich sie, ohne zu wissen, was ich sagen sollte.

„Natürlich kannst du zu Hause bleiben“, sagte mein Vater vom Sofa aus und rettete mich völlig unerwartet.

„Aber ...“ wollte meine Mutter protestieren.

„Der Kaffee wird kalt“, sagte ich schnell.

„Was? Ach so. Ja, ja, dann bleib meinetwegen hier. Aber wo wohnt sie denn?“ fragte meine Mutter dann noch unruhig.

„Gleich da hinten“, sagte ich und zeigte mit der einen Hand in eine ungefähre Richtung. „Beim Hagbyvägen.“

Da wurde sie sofort wieder ruhiger. „Ach so, aber sieh zu, daß du auch wieder ordentlich nach Hause kommst und ...“

„Es ist doch erst am Freitag“, sagte ich seufzend. „Und ich kann inzwischen wirklich auf mich aufpassen.“

„Wie bitte? Ach so. Ja, natürlich. Aber wir sprechen morgen noch einmal darüber“, sagte sie und ging ins Zimmer.

„Willst du dir nicht den Film anschauen?“ fragte mein Vater, ohne den Blick vom Fernseher zu wenden.

„Das Buch war hundertmal besser“, sagte ich und lief die Treppe hoch.

Ich ging in mein Zimmer, stellte mich ans Fenster und starrte auf die Straße. Große, nasse Schneeflocken segelten durch das Januardunkel herab, wurden kurz vom Schein der Straßenlampe erleuchtet, bevor sie landeten und auf dem schwarzen Asphalt schmolzen. Ich stand ziemlich lange am Fenster, meine Gedanken ließen in der hundertsiebenundzwanzigsten Wiederholung die Ereignisse jener hektischen Tage vor ein paar Monaten ablaufen.

Was war denn überhaupt passiert?

Nachdem Schröder mich angefahren hatte, war alles so fürchterlich schnell gegangen – plötzlich war ich in lauter alptraumartige Situationen geraten, Schröder raste mit mir durch die Gegend, und wir versuchten herauszubekommen, was mit Lena geschehen war. Da glaubten wir noch, daß sie freie Journalistin wäre, die auf unerklärliche Weise verschwunden war.

Es stellte sich heraus, daß Lena keineswegs Journalistin war, sondern das nur als Deckmantel benutzte. In Wirklichkeit war sie so eine Art Geheimpolizistin, die irgendeiner Gangstermafia auf der Spur war. Die operierte unter dem Namen BEDA und war, nach außen gesehen, eine ganz normale Finanzierungsfirma, aber Lena hatte herausbekommen, was sie in Wirklichkeit machten, und als sie zu viel über ihre finsteren Machenschaften wußte, wurde sie gekidnappt. Aber Lena war nicht blöd und hatte alle wichtigen Informationen ausgesprochen pfiffig versteckt. Außerdem hatte sie alles in einer Art Code niedergeschrieben und dann auch noch den Codeschlüssel versteckt.

Es hätte richtig böse ausgehen können, weil Schröder sich blöderweise vom Walroß hatte an der Nase rumführen lassen, der behauptet hatte, Lenas Kollege Roger zu sein. Aber in Wirklichkeit war er ein gemeiner „Torpedo“, der wiederum von so einem Schurken angestellt worden war, der seinerseits die Macht bei BEDA an sich reißen wollte.

Ehrlich gesagt habe ich nicht richtig verstanden, wie alles zusammenhing, aber am Schluß habe ich doch tatsächlich Lena das Leben gerettet, indem ich das Walroß mit der Knarre außer Gefecht setzte. Aber zuvor hatte Schröder mich gezwungen, auf einer rostigen Leiter fünf Stockwerke hochzuklettern, ich wäre beinahe runtergefallen, und dann hat er mich auch noch dazu gebracht, ein Boot zu klauen ...

„Schröder, die Knallerbse“, sagte ich schließlich vor mich hin, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht verhindern, daß ich mich einigermaßen darauf freute, ihn und Chandler wiederzusehen.

Und natürlich auch Lena ...

2
Hijiki, Wakame & Miso

Chandler stieß drinnen im Haus ein kurzes, explosionsartiges Bellen aus, als ich schließlich nach ewigem Suchen und Fummeln den Klingelknopf gefunden hatte, denn Schröder hatte natürlich kein Licht vor der Tür angemacht.

Nachdem meine Eltern endlich aus dem Haus waren, hatte ich einen wunderbaren Freitag verbracht, obwohl ich doch auch fand, daß die Zeit ziemlich langsam verging. Aber zwei Videofilme, ein Stapel alter Comichefte aus der Sammlung meines Vaters und eine Tüte Zimtschnecken hatten da Abhilfe geschaffen. Ich hatte mich gefühlt wie vor Jahren, als ob ich noch neun oder zehn Jahre alt wäre, und außerdem war es genau das richtige Wetter für diese Art von Beschäftigung gewesen: den ganzen Tag dunkel und Schneeregen. Irgendwie wünschte ich mir, daß ich mich immer so fühlen könnte, und gleichzeitig fand ich es auch peinlich und würde es nie vor meinen Klassenkameraden zugeben – oder gar vor Martina. Sie versuchte immer, so „erwachsen“ zu sein und würde bestimmt sagen, daß ich endlich aus diesem „kindischen Benehmen herauswachsen“ müßte – manchmal hatte ich den Eindruck, daß dies nur ein Beweis dafür war, wie kindisch sie eigentlich noch war. Dann fand ich auch wieder, daß sie völlig recht hatte.

Chandler polterte die Treppe runter und kratzte mit der Pfote innen an der Tür, immer noch wütend bellend.

„Schnauze, Chandler!“ brüllte Schröder von oben und kam mit lauten Schritten die Treppe runtergetrampelt. Innen wurde Licht angemacht, und ich hörte, wie er am Schloß herumfuhrwerkte und mehrmals laut fluchte, bis endlich die Tür mit einem lauten Knall aufging und mich beinahe umgeworfen hätte.

„Konbanwa!“ rief er mit einem breiten Grinsen und verbeugte sich tief.

„Was hast du gesagt?“

„Konbanwa – das ist guten evening auf japanisch. Ist das nicht unser Kevin, der Held?! Höchstselbst. Ja verdammt – lange her! Komm rein, mein Junge. Aber was hast du dich denn so vollgefressen über Weihnachten! Du bist ja richtig fett geworden. Nix gut. Überhaupt nix gut. In schwedischem Weihnachtsessen ist nur jede Menge schädliches Zeugs.“

„Es war englisches Weihnachtsessen“, murmelte ich.

„Noch schlimmer!“

Ich hatte, vorsichtig gesagt, gemischte Gefühle, als ich wieder in Schröders Hütte trat. Es kribbelte irgendwie unten im Bauch, und ich konnte nicht entscheiden, ob es Unlust, Unruhe oder eine Art Freude war. Aber wie ich es auch drehte und wendete, irgendwie war das überwiegende Gefühl, daß ich mich freute, wieder da zu sein. Es war genau wie mit Schröder selbst – von dem Moment an, als ich ihn das erste Mal getroffen hatte, hatte ich versucht, mich davon zu überzeugen, das einzig Vernünftige wäre zu kapieren, daß er das größte Knallblättchen des Jahrhunderts war, und sich dann in größtmöglicher Entfernung von ihm aufzuhalten. Aber irgendwo tief drinnen (so weit drinnen, daß ich manchmal das Gefühl hatte, die wirklich wichtigen Gefühls- und Gedankenzentren sind im Bauch und keineswegs im Kopf lokalisiert) mochte ich ihn einfach gern, wie sehr ich auch das Gegenteil versuchte.

„Du solltest draußen Licht machen, damit man was sieht“, brummte ich und zog die Tür hinter mir zu, nicht ohne ein hastigen Blick auf ihn zu werfen.

Er sah aus wie immer. Die gleichen struppigen, dunklen, kleingelockten Haare, das gleiche breite Grinsen, er schien sogar den gleichen Dreitagebart wie beim letzten Mal zu haben. Über einem schmutzigen Hemd mit einer Art Südseemotiv in Rot, Gelb, Grün und Lila trug er eine unglaublich verkleckerte Küchenschürze, auf der stand „Never stop the action“ – und ich erinnerte mich, daß er damals, als er seine „Gymnastikübungen“ gemacht hatte, ein T-Shirt mit dem gleichen Text getragen hatte. Ob das wohl auch auf seinem Bademantel steht, dachte ich. Und auf seinen Unterhosen? Würde mich überhaupt nicht wundern, antwortete ich mir in Gedanken und versuchte, die Tür zuzumachen, aber wie ich auch zog, es ging nicht, sie schien irgendwie nicht in den Türrahmen zu passen.

„Man soll keinen Strom verschwenden“, sagte er fröhlich. „Wart, ich mache die Tür zu. Offenbar bin ich der einzige, der das kann. Ich versteh gar nicht, daß das so schwer sein soll.“ Er drückte die Klinke herunter, drehte am Schloß, so daß der Schließkloben ins Schloß fuhr, dann zog er die Tür heftig zu und ließ gleichzeitig die Klinke los. „So, geht doch ganz einfach!“

„Ist Lena noch nicht da?“ fragte ich.

„Nee, aber don‘t worry, mein Junge. Sie kommt. Ich muß nach dem Essen sehen. Mach das Licht aus, wenn du raufgehst“, sagte er und rannte die Treppe hoch.

Chandler blieb unten, legte sich auf den Fußabstreifer und blickte mich mit seinen traurigen Augen an, als ich mir die Handschuhe auszog.

Die Halle sah auch aus wie damals. Ich hatte den Eindruck, als ob noch genauso viele kaputte oder reparaturbedürftige Schuhe herumlagen. Aber zwischen aufgeplatzen Holzschuhen und einzelnen, verdreckten Stiefeln thronten ein Paar ochsenblutrote Schuhe mit knallgelben Schnürsenkeln mitten unter der Deckenlampe. Sie waren frisch geputzt, hatten dicke Gummisohlen und waren mit einer Art Lammfell gefüttert. Offenbar hatte er sie gerade neu gekauft. An den Wänden standen natürlich jede Menge umgedrehte Bilder – oder Spannrahmen, wie es wohl richtig heißt.

Aus dem oberen Stockwerk war metallisches Klappern zu hören, Schröder fluchte ausgiebig, verstummte plötzlich und sang dann mit grölender Stimme: „The summerwind, came blowing in, from across the sea!“

Auf den zwei untersten Brettern des Bücherregals quetschten sich immer noch jede Menge Exemplare von Schröders eigenem Roman „Guten Tag, guten Tag“. Ich hatte nur die erste Seite gelesen, aber das hatte mir völlig gereicht, ich hatte sofort eingesehen, daß ich es nie schaffen würde, ihn ganz zu lesen, und schon gar nicht, ihn zu verstehen. Jetzt kam mir plötzlich, daß ich doch noch einen Versuch hätte machen sollen. Es könnte ja sein, daß Schröder mich fragt, wie ich ihn gefunden hätte, und das wäre peinlich. Aber vielleicht hatte er vergessen, daß er mir das Buch geschenkt hatte.

„Und wie geht es dir?“ fragte ich Chandler. Er hob den Kopf und blinzelte mich mit seinen kleinen, schwarzen Augen an, die hinter dem langen, strubbeligen Fell glänzten. Er brachte ein irgendwie jaulendes Geräusch heraus, aber es war nicht möglich, festzustellen, ob er damit meinte, es ginge ihm gut, oder ob er sagen wollte, das Leben mit Schröder sei schon ziemlich beschwerlich. Ich zog Lederjacke und Schal aus und legte sie auf einen von den Bilderstapeln.

„Da-da-dada, da-dada – it lingered there, touched your hair and walked with me!“ grölte er von oben.

Ob ich wohl auch die Schuhe ausziehen sollte? Sie waren ziemlich durchgeweicht, weil Schröder auf dem Gartenweg natürlich keinen Schnee geräumt hatte. Ich hatte mich durch zentimeterdicken Schneematsch zum Haus durchkämpfen müssen. Mein Moped hatte ich unten in der Einfahrt an Bogart, die Schrottlaube, gelehnt.

Andererseits war ich nicht sicher, ob ich Lust hatte, in Schröders Wohnung mit meinen neuen, weißen Weihnachtssocken rumzulaufen. Ich suchte mir aus dem Schuhwirrwarr auf dem Boden ein Paar mit Farbe verkleckerte, schwarze chinesische Pantoffeln heraus. Sie waren zwar ein paar Nummern zu groß, paßten aber trotzdem recht gut.

„Hast du immer noch keine Ahnung von Sinatra?“ rief er aus der Küche.

Chandler trottete mir hinterher, als ich die gewundene Treppe hochging und in Schröders kombiniertes Atelier-Bibliotheks-Wohnzimmer kam.

Auch hier sah fast alles aus wie beim letzten Mal – die Staffelei stand immer noch an den beiden großen Fenstern, und das Parkett drumherum war noch verkleckster mit allen möglichen Farben. Die Bücher in den Regalen an der einen Längswand waren weder abgestaubt noch geordnet worden, und natürlich standen überall große Stapel mit Bildern. Bestimmt ein paar hundert, dachte ich. Und alle waren groß, mindestens eineinhalb Meter hoch. Und genau wie vor ein paar Monaten stand kein einziges Bild mit der Bildseite nach vorne, sondern sie waren gegen die Wand gelehnt, die ihrerseits weiß angestrichen und völlig kahl war.

Aber in der Mitte des großen Zimmers auf dem Boden stand etwas, was es damals nicht gegeben hatte – ein Unmenge von Prozellanschälchen, quadratischen Tellern und becherartigen Gefäßen. Sie waren verteilt auf etwas, das aussah wie eine große, zehn Zentimeter dicke, schwarz angestrichene Spanplatte. Ich hatte keine Zeit, nachzudenken, was es sein könnte, weil Schröder mit einem Tablett aus der Küche kam, auf dem noch einmal vier Schalen mit Deckel standen.

„Toll, nicht?“ Er grinste zufrieden und ließ eine brennende Zigarette im Mundwinkel wippen.

„Was ist das?“ fragte ich verwirrt.

Er schaute mich lange an und schüttelte dann den Kopf. „Ja, Kevin, verdammt, du bist auch noch ganz der alte! Was ist das?! Ha, ha, das ist ein Eßtisch, das sieht man doch. Was hast du denn gedacht – ein Rauschenberg vielleicht?“ Er blies mir den Rauch ins Gesicht, und ich machte schnell einen Schritt zur Seite.

„Rausch – was?“ fragte ich.

„Rauschenberg. Der Künstler. Vom dem die Ziege mit dem Autoreifen im Modernen Museum ist, die kennst du doch hoffentlich?“

„Ähm, nein ...“ murmelte ich. „Aber warum hat er denn keine Beine?“

Schröder ließ sich auf die Knie nieder und stellte die Schalen neben die quadratischen Teller. Er unterbrach sein Tun und schaute mich an, nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch an die Decke.

„Heute bist du wirklich lustig, Kevin! Siehst du denn nicht, daß dies ein japanischer Eßtisch ist? Wir werden japanese essen, Mister! Und da muß man auf dem Boden sitzen, sonst schmeckt es nicht so gut. Frag mich nicht, warum, es ist einfach so. Es hat vielleicht etwas mit der Größe der Japaner zu tun, was weiß ich. Wie auch immer, man setzt sich mit gekreuzten Beinen auf so etwas“, sagte er und zeigte auf einen Stapel schwarzer, kissenähnlicher Teile, die an der Wand aufgestapelt waren.

„Essen wir auch mit Stäbchen?“ Ich kicherte und fand mich richtig lustig.

„Selbstverständlich“, sagte er so ernst, daß mir das Kichern im Halse stecken blieb. „Natürlich benützen wir hashis.“

„Hashis?“

„Stäbchen. So heißen die auf japanisch. Setz dich, damit ich dich anschauen kann. Wie geht es dir? War ganz schön was los da draußen in Djursholm, damals vor ein paar Monaten. Kannst du dich noch daran erinnern?“

Als ob ich das jemals vergessen könnte, dachte ich und holte mir so ein Kissen. Ich setzte mich zögernd an den Tisch, verschob das Kissen so, daß ich mich an die Wand neben dem offenen Kamin lehnen konnte. Ich schaute erstaunt die Schälchen an – ich hatte noch nie so viele verschiedene Schälchen auf einmal auf einem Tisch gesehen. Schröder grinste mich erwartungsvoll an. „Ähm, tja ...“ murmelte ich zögernd. „Doch, es geht mir ganz gut.“

„Hast du noch Tore im Handball geschossen?“

Ich nickte. „Vorgestern haben wir gegen Bergshamra gespielt. Und wir haben wieder gewonnen, mit fünf Toren, drei davon habe ich gemacht.“

„Und wie geht es deinem verdammten Knie?“ Er grinste und drückte die Zigarette in einem der kleinsten Schälchen aus.

„Gut, jetzt wieder gut. Aber es war richtig ...“ fing ich an, wurde aber sofort von Schröder unterbrochen:

„Wart einen Moment, ich muß nach dem Hijiki sehen.“

„Hi-was?“

„Hijiki. Meeresalgen. Verteufelt gut. Und gesund. Ja, Kevin, heute abend wirst du das exquisiteste japanische Essen bekommen, nicht einmal die Japaner sind ohne weiteres in der Lage, so zu kochen.“

„Ich habe nicht gewußt, daß du ... ähm ... auch japanisch kochen kannst.“

„Na selbstverständlich. In diesem Punkt bin ein richtiger Japanexperte. Ich bin doch dort gewesen.“

„In Japan?“ fragte ich erstaunt.

„Ja sicher.“ Er nickte. „Ich habe drei Ausstellungen gehabt. In Tokio, Osaka und Beppu. War ein phantastischer Durchbruch, wirklich, sowohl künstlerisch als auch ökonomisch. Die kleinen Gelbhäute haben heutzutage ja reichlich Kohle.“

„Bist du denn lange dort gewesen?“

„Na ja, zwei Wochen und drei Tage, um genau zu sein“, sagte er.

„Und in so kurzer Zeit bist du Experte im Kochen geworden?“ fragte ich grinsend.

„Wenn man so ein schlaues Kerlchen wie ich ist, dann braucht man nicht länger. Ich meine im Unterschied zu den normalen Touris. Du weißt schon, wen ich meine. Die fliegen mit Charter nach Saint Emillion und fragen den Kellner im ersten besten Restaurant, ob sie eine Karaffe Rioja Tinto kriegen können.“

Ich verstand überhaupt nicht, was er meinte, und vermutlich sah man mir das auch an.

„Ja, oder die nach London kommen und im Pub ein Pint Becks bestellen. Aber ist ja auch egal, wie spät ist es eigentlich?“

„Viertel nach sieben“, sagte ich.

„Verfluchte Lena. Früher war sie die Pünktlichkeit in Person“, sagte er und ging weg.

Ich nahm die kleine schwarze Schale, in der immer noch seine Kippe glimmte und stinkenden Rauch verbreitete, und folgte ihm. Verblüfft blieb ich in der Türöffnung stehen.

Da drinnen herrschte das reine Inferno. Auf den vier Kochplatten standen Töpfe, in denen es köchelte. Es zischte, und Dampf stieg aus den kleinen Luftlöchern der Deckel. Die Ablage daneben war vollgestellt mit Flaschen, Gläsern, Schachteln und jeder Menge verschiedenfarbiger Plastiktüten. Auf einer stand Wakame, und auf einer lilafarbenen, die auf den Boden gefallen war, stand Hijiki. Auf dem rotweiß gestreiften Teppich vor dem Herd lagen ganz viele kleine schwarze, wurmähnliche Dinger, die eigentlich ziemlich eklig aussahen.

Schröder hatte den Kühlschrank aufgemacht und suchte mit fahrigen Bewegungen in dem Chaos da drinnen. „Wo ist verdammt noch mal das Miso?“ knurrte er.

Ich stellte den Aschenbecher auf die Spüle, zog den einen Stuhl am Küchentisch heraus und setzte mich. „Du?“ fragte ich.

„Was ist?“

„Weißt du eigentlich, wie das mit diesem Schurken weitergegangen ist?“

„Mit welchem?“

„Na du weißt schon, der in München. Dieser Ex-Geheimdiensttyp, der Boß von BEDA, den Lenas Kollegen noch am gleichen Tag festnehmen wollten?“

Er schob einige große Plastikflaschen beiseite, die aussahen wie Ein-Liter-Cola-Flaschen.

„Ich hätte nichts gegen ein Glas Cola“, sagte ich.

Er erstarrte am ganzen Körper und sein Kopf drehte sich langsam zu mir um.

„Cola?! Coca-Cola?! Ich soll so ekliges Imperialistengesöff in meinem Kühlschrank haben?!“

„Aber was ist es dann?“

„Japanisches Soja natürlich. Yamasha und Kikkiumans Usukuchi.“

Er schob vier weiße Plastikbehälter, die übereinander standen, beiseite. „Miso, Miso, Miso – jetzt wollen wir mal sehen. Also, ich weiß zwar nicht, was passiert ist oder wer sich blamiert hat, aber das Ganze ging voll in die Hose, und dieser Typ konnte im letzten Moment entkommen. Und dann gab es jede Menge Probleme, sowohl hier oben in Stockholm als auch unten in Deutschland, während ich in Japan war. Aber es ist bestimmt besser, wenn Lena das selbst erzählt. Sofern sie überhaupt etwas erzählen kann, sie hat ja Schweigepflicht. Und ich natürlich auch.“

„Was?“

„Ja, als Arzt.“

„Wann warst du in Japan?“ fragte ich schnell, damit er nicht wieder einen Haufen Quatsch erzählen konnte, daß er Arzt sei und so.

„Im Dezember“, sagte er. „Yeah! Da ist es! Aber ich war zuerst unten in Dänemark. Auf Jylland. Ich bin sofort hingefahren, nachdem ich diesen verdammten Idioten im Krankenhaus entkommen war, gleich einige Tage nach dem großen Walroßdesaster.“

„Was hast du dort gemacht?“

„Ich wollte malen wie der Teufel, übers Leben nachdenken und mich gleichzeitig ein bißchen erholen – aber das ging alles nicht“, sagte er und knallte die Kühlschranktür zu.

„Nee, nee“, sagte ich und versuchte, meiner Stimme einen verärgerten Unterton zu geben.

Er blieb plötzlich stehen und hatte eine Plastiktüte mit irgendeiner weißen Paste in der Hand. Ich fand, es sah ungefähr wie Marzipan aus. Er schaute mich ernst an. „Ja, ja, ich weiß, – ich hätte anrufen sollen. Aber ... ich hatte kein Telefon, verstehst du. Ich wohnte direkt am Meer, in einer riesigen Scheune mit Plumpsklo. Aber ich habe an dich gedacht, jeden Tag. Wie es dem guten Kevin wohl geht, dachte ich. Und dann habe ich wirklich einmal angerufen, als ich aus Japan zurückkam.“

„Da war ich bestimmt in England“, sagte ich. „Bei meinen Großeltern.“

„Ich habe sogar ganz oft angerufen“, fuhr er eifrig fort und wühlte in der übervollen Spülschüssel, bis er schließlich einen Löffel gefunden hatte. „Und ich habe schon angefangen, mir Sorgen zu machen, als nie jemand antwortete.“ Er betrachtete kritisch den Löffel und roch an ihm. „Ist nur alter Bornier-Senf“, konstatierte er und hob den Deckel von einem der Töpfe. Ich werde jetzt nur das Hijiki, das in Sesamöl geschmort wurde, mit etwas Miso abschmecken, dann ist das Meisterwerk fertig.“ „Miso?“

„Ha! Das reinste Wunder in der Küche, mein Junge, was heißt schon Bouillon – pah! Knorr kann sich am Schwanz ziehen. Das ist was, mein Junge! Die Japaner haben nämlich eine ganze Menge in ihren kleinen gelben Köpfen, das kann ich dir sagen.“ „Aber was ist es denn?“

„Ähm, ich, also, es ist ...“ Er drehte die Plastiktüte um und las: „Es ist Marukura Organic wajt Miso. Tsultured Rajs änd Sojabin ...“

„Cultured“, korrigierte ich mit übertriebener englischer Aussprache und merkte im gleichen Moment, daß er seine Aussprache natürlich genauso übertrieb. Ich spürte, wie mir heiß im Gesicht wurde, und ärgerte mich wahnsinnig über mich, weil ich rot wurde. „Laß mich lieber selbst lesen“, sagte ich schnell.

„Sei nicht so giftig, mein Junge! Ich kann schließlich nichts dafür, daß ich keine englische Mutter habe – da ist es schließlich keine Kunst. Und für Tomatenmark habe ich in meiner Küche keine Verwendung, damit das klar ist.“

Ich wollte mir gerade etwas richtig Gemeines als Antwort ausdenken, als es an der Tür klingelte und Chandler laut zu bellen anfing.

„Ah, jetzt kommen sie“, rief Schröder. Geh runter, und mach ihnen auf.“

„Kommen sie?“

„Ja, Lena und Norling.“

„Norling?“

„Ja, erinnerst du dich nicht mehr an den alten Jörgen? Den Maler Klecksel? Den wir besucht haben? Lenas Onkel? Sie wollte ihn auf dem Weg hierher abholen – beziehungsweise auf dem Umweg. Ich werde dem Alten mal ein paar Bilder zeigen, damit er weiß, wie Bilder auszusehen haben.“

Natürlich erinnerte ich mich an den total durchgedrehten Künstler Norling – und ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie es werden würde, wenn er und Schröder gleichzeitig loslegten. Diese Art von Abendessensgesellschaft wollte mir nicht so recht gefallen. Ein Glück, daß Lena auch dabei ist, dachte ich.

„Jetzt geh schon runter, und mach auf! Du bleibst hier, Chandler!“

Ich zuckte resignierend mit den Schultern und trottete die Treppe hinunter. Man konnte wirklich sagen, daß Schröder noch immer der alte war, vielleicht hatte ich ein kleines bißchen gehofft, daß er sich gebessert haben würde, aber ich hätte wissen können – das ging nicht.

Schröder fing wieder zu singen an, aber ich verstand den Text nicht. Es war bestimmt wieder ein Sinatrasong.

Ich machte beide Lichter an, vor der Tür und drinnen. Ob Lena wohl auch noch die alte ist, dachte ich und machte die Innentür auf. Ich drückte die Klinke runter, drehte gleichzeitig am Schloß und drückte fest dagegen und bekam die Tür tatsächlich beim ersten Versuch auf.

Ich schnappte erschrocken nach Luft.

Es war keineswegs Lena. Und es war auch nicht Norling.

Es war ein Inder.

3
Rashmal, der Weihnachtswichtel aus Bangladesch

Unter dem hellen Außenlicht stand ein dunkelhäutiger Mann, der ein gutes Stück kleiner war als ich, obwohl er wie mindestens dreißig aussah. Es war ein Inder, da war ich mir ganz sicher. Er hatte ein längliches, kaffeebraunes Gesicht, die Augen lagen tief unter dem Stirnknochen und wurden von rabenschwarzen, dicken Augenbrauen beschattet, die im Licht glänzten, als ob Gel drin wäre. Auf dem Kopf hatte er eine knallrote gestrickte Pudelmütze, der Mund wurde von einem dunkelblauen Schal bedeckt, den er sicher zweimal um den Hals gewickelt hatte. Seine Hände steckten in den Taschen eines dicken grauen Mantels mit großem, schwarzem Persianerkragen. Er wäre sicher ganz prima in der Antarktis zurechtgekommen, aber er sah so aus, als würde er erfrieren, obwohl es draußen nur plus minus null war. Er starrte mich durchdringend an und sah ein wenig erstaunt aus – ich allerdings nicht minder.

„D-d-do you speak english?“ brachte er stotternd hervor, mit diesem typisch indischem Akzent, gleichzeitig zog er den Schal vom Mund.

„Quite well in fact“, sagte ich angeberisch.

„Is Linda there?“ fragte er dann mit einem kleinen, aufgesetzten Lächeln und entblößte eine Reihe enormer Pferdezähne, die waagrecht aus dem Oberkiefer ragten.

Linda? dachte ich. Linda?

„There is no one by that name living here“, sagte ich munter.

„Pleasch“, sagte er. „Very important. I must see her. My name ist Rashmal, Rashmal Bakshi. I am friend. I have had a very long journey. When are she back?“

Ich fragte ihn, ob er möglicherweise Lena meinte, aber er schüttelte nur heftig den Kopf, so daß die Bommel der Pudelmütze von einer Schulter zur anderen hüpfte.

„I must see Linda, soon as possible. Very important.“

Ich wiederholte, daß hier niemand mit Namen Linda wohnte.

„Don’t try with me!“ sagte er und wurde plötzlich wütend. Er holte die Hände aus den Taschen und boxte mich mit solcher Kraft gegen die Brust, daß ich rückwärts durch den Flur flog und direkt in einem Stapel Bilder landete. Ich rutschte auf dem Teppichende aus, und die beiden viel zu großen Pantoffeln sausten davon. Ich fiel der Länge lang auf den Boden und stieß mir den rechten Ellenbogen an dieser bestimmten Stelle, und so ein widerlicher elektrischer Schlag fuhr mir durch den ganzen Körper.

Der Inder kam herein und zog die Tür mit einem Knall hinter sich zu. „I know she is here! I must see her, they are after me and I am running for my life and ...“ stieß er in wahnsinnigem Tempo hervor und ließ alle R’s rollen.

„Aber, aber!“ wollte ich ihn unterbrechen.

„Was zum Teufel macht ihr denn da unten?“ rief Schröder aus der Küche, und ehe ich antworten konnte, kam Chandler die Treppe heruntergesaust.

Der kleine, steifgefrorene Inder hatte keine Chance. Chandler sprang ihm direkt an die Brust und warf ihn mit lautem Krachen gegen die Tür, die er natürlich nicht ordentlich hatte zumachen können. Sie sprang auf, der Inder torkelte hinaus und fiel mit einem Platsch in den Matsch da draußen, rücklings, er konnte sich nicht einmal mit den Händen abstützen, aber das war auch sein Glück, denn sonst hätte er sich bestimmt die Arme gebrochen. Er schrie etwas, das vermutlich indisch war, und verstummte dann plötzlich. Chandler bellte und knurrte abwechselnd, und Schröder kam mit klappernden Schritten die Treppe runtergerannt.

„Aber was zum Teufel?!“ schrie er und blieb auf der untersten Treppenstufe stehen. In der rechten Hand hatte er einen hölzernen Kochlöffel und starrte wild zuerst mich an – ich versuchte gerade, wieder aufzustehen –, dann den Inder, der ganz still draußen vor der Haustür lag, und schließlich Chandler, der knurrend seine Pfoten auf den Brustkorb des Inders gesetzt hatte und sich zu überlegen schien, ob er ihm in die Nase beißen sollte.

„Chandler!!“ brüllte Schröder und scheuchte ihn nach drinnen. Er ging hinaus und beugte sich über den Inder. „Was ist das denn für ein Weihnachtswichtel aus Bangladesch?!“ schrie er. „Was für Hauer“, sagte er dann erstaunt und mit leiser Stimme. „So was habe ich wirklich noch nie gesehen. Wie kommt der Zahnarzt bloß in seinen Mund rein?“

„Wie geht es ihm?“ fragte ich und erhob mich auf meine wackeligen Beine. Ich lehnte mich an den Stapel Bilder, richtete mich aber gleich wieder auf, weil die Rahmen verdächtig knackten.

Schröder drehte sich auf dem Absatz um und schaute mich wütend an. „700 Flis das Stück!“ schrie er. „Faß sie bloß nicht an!“ „Flis?“

„Dann eben Rupis! Peanuts, Mäuse, Moos, Möpse, was du willst. 700 Kastagnetten! Und da habe ich noch nicht einmal angefangen, darauf zu malen!“ Er drehte sich wieder um und starrte das merkwürdige Wesen mit knallroter Mütze und blauem Schal an, das vor seiner Haustür lag. Er beugte sich hinab und horchte. „Was für ein Glück“, seufzte er dann. „Verdammtes Glück, daß er nicht tot ist, das hätte richtig ärgerlich werden können. Ich meine mit der Versicherung und der Polizei und allem.“

„Kennst du ihn?“ fragte ich und ging auch nach draußen.

Schröder schüttelte den Kopf.

„Er sagte, er heißt Rashmal, und fragte nach einer Linda“, sagte ich. „Sollten wir ihn nicht lieber reinziehen, damit er nicht an Lungenentzündung stirbt?“

„Rashmal? Linda? Was für eine verfluchte Linda denn? Hör mir zu!“ schrie Schröder und schlug zweimal fest mit den Holzlöffel auf die Pudelmütze. „Hörst du! Wach auf! Hinein mit dir, habe ich gesagt!“ Er scheuchte Chandler wieder ins Haus, der jetzt auch nicht mehr knurrte, sondern ganz vergnügt zu sein schien – er glaubte bestimmt, daß er gelobt würde, weil er so ein guter Wachhund war.

Schröder schlug dem Inder noch zweimal mit dem Holzlöffel auf den Kopf.

„Schläft wie ein Stock!“ konstatierte er, schob Rashmals Bein mit dem Fuß beiseite und wollte die Tür zumachen.

„Aber wir müssen ihn doch hereinholen“, protestierte ich.

„Und warum?“

„Damit er nicht erfriert.“

„Herein zu mir? Du spinnst wohl! Es könnte doch verdammt noch mal so ein psychopathischer Irrsinniger sein, der aus New Delhi abgehauen ist! Nee, nee, er ...“

„Er sieht nicht besonders gefährlich aus. Und wenn er vielleicht ein Kollege von Lena ist?“ sagte ich.

Schröder schaute ihn nachdenklich an. „Ähm, da hast natürlich recht, das wäre nicht so gut ...“ Er holte tief Luft. „Okay. Ja, ist schon gut, okay – nimm du ihn bei den Füßen.“

Ich hob die Füße des Inders an. Er hatte nur ein paar dünne Wildlederslipper an, die völlig durchweicht waren, und die weißen Baumwollsocken waren genauso naß. Die Hosen sahen aus, als ob sie zu einem Nadelstreifenanzug gehören würden, mit Aufschlägen, die voller matschigem Schnee waren. Ich glaubte, daß Schröder ihn an den Armen fassen würde und wir ihn zusammen anheben und hineintragen würden, aber das tat er keineswegs, er zeigte nur militärisch mit dem Holzlöffel in den Flur und schrie: „Zieh ihn rein!“

„Aber müssen wir ihn denn nicht tragen?“ fragte ich.

„Warum denn?“

„Weil er sich sonst den Kopf an der Schwelle anschlägt.“

„Ja und, das kann ihm nur guttun. Dann wacht er vielleicht wieder auf.“

Ich holte tief Luft und zog den Inder Rashmal so vorsichtig wie möglich über die Schwelle. Die rote Pudelmütze blieb am Fußabstreifer hängen, und Schröder hob sie auf. „I’ll give you a hand“, sagte er grinsend und zog die Tür mit einem Ruck zu, so daß sie mit einem Knall ins Schloß fiel.

Chandler lief die ganze Zeit schwanzwedelnd um uns herum und schmatzte mit seiner langen Zunge, während ich versuchte, ihn wegzuscheuchen.

„Warum kann es denn nicht einmal gut sein?“ stöhnte Schröder und lehnte sich schwerfällig gegen die Tür. „Was? Verstehst du das? Immer ist irgend etwas. Ich bin allmählich überzeugt davon, daß es eine höhere Macht gibt, die nichts anderes im Sinn hat, als mich zu ärgern.“

„Was?“ keuchte ich und fragte mich, wieso ein so kleiner, magerer Kerl so schwer sein konnte.

„Ja, wie soll man sich denn sonst erklären, daß alles, aber wirklich alles immer genau zum falschen Zeitpunkt zum Teufel geht? Entweder werden verrückte Weihnachtswichtel aus Bangladesch ohnmächtig, wenn ich gerade koche und einen gemütlichen Abend mit meinen Lieben verbringen will, oder die Waschmaschine explodiert ausgerechnet dann, wenn ich nach Japan will und unbedingt meine Unterhosen waschen müßte. Und wo ist verdammt noch mal Lena – Pst!“ unterbrach er sich plötzlich, legte den Kopf schräg und lauschte intensiv.

„Was ist ...“ fing ich an.

„Pst!! Verdammt! Das Wakame!“ sagte er und warf die Pudelmütze auf den Inder. Sie traf ihn direkt im Gesicht. Schröder drehte sich um und rannte die Treppe hoch.

Chandler schaute ihm nach, dann schaute er auf den leblosen Inder und die rote Mütze, die langsam über den Pelzkragen auf den Boden rutschte. Er schüttelte sich tüchtig und entschied, daß es wohl am besten war, dem Herrchen zu folgen.

Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Ich hatte keine große Lust, da unten bei dem ohnmächtigen indischen Weihnachtswichtel Rashmal zu bleiben. Ich schaute ihn noch einmal an, hob die Mütze auf und legte sie ihm auf die Stirn.

Hatte er Lena gemeint, als er Linda sagte? Oder war es ein verwirrter Inder, der sich verlaufen hatte? Sollte ich versuchen, ihn wach zu kriegen? Ich zuckte mit den Schultern. Schon besser, wenn Schröder dabei ist, wenn er aufwacht, dachte ich ängstlich und ging die Treppe hoch.

„Schläft der Kerl immer noch?“ rief Schröder aus der Küche.

„Wir sollten vielleicht einen Kaffee oder so was für ihn machen. Damit er was Warmes bekommt, er sieht völlig erfroren aus“, sagte ich, und es klang sehr besorgt.

„Ach was, zum Teufel, immer mit der Ruhe“, sagte Schröder. Als ich in die Küche kam, löffelte er gerade etwas Braunes und Schleimiges aus einem Topf in eine Schüssel. „Ich werde gleich runtergehen und diesen Bramaputrazwerg aufwecken. Lena und Norling können jeden Moment hiersein. Du sollst dir nicht immer so viele Sorgen machen. Das Leben ist so kurz, eh man sich’s versieht hastet la vistet man weiter, und wozu war es dann gut, daß man sich solche Sorgen gemacht hat, über alles mögliche – wie zum Beispiel ohnmächtige Inder? Pst! Hast du gehört? Ist er jetzt aufgewacht?“

Von unten hörte man merkwürdige kratzende Geräusche und dann eine brummige Suada – indische Flüche, wie ich vermutete. Dann wurde es ganz still. Schröder schaute mich fragend an, und ich hob die Schultern. Chandler lag unter dem Küchentisch und knurrte.

„Geh runter und schau nach, was er vorhat“, sagte Schröder.

„Ich? Wieso ich?“

„Verdammter Feigling. Die Jugend ist heutzutage so was von verweichlicht. Also, als ich in deinem – Okay, gehen wir zusammen.“

Er zog eine Schublade auf und holte eine riesige, schreckeinjagende Axt mit breitem, fast schwarzem Blatt mit einer Kerbe in der Schneide und einem Loch in der anderen Ecke heraus. Der Schaft war aus dunklem Holz und hatte drei große Nieten.

„Was ist das?“ fragte ich und schaute mit großen Augen.

„Eine Fleischeraxt, das sieht man doch. Tja, man kann ja nie wissen“, sagte er entschuldigend und schlich zur Treppe. „Hallo, da unten“, rief er dann.

„Er kann bloß englisch“, sagte ich.

„Willst du damit sagen, daß er nicht indisch kann?“ sagte Schröder und kratzte sich die Stoppeln unterm Kinn. „Verdammt, wie still es ist.“

Er hielt sich mit der linken Hand am Geländer fest und ging Schritt für Schritt hinunter bis zum Treppenabsatz, da blieb er stehen und schaute um die Ecke.

„Er ist gegangen“, sagte er mit einem erleichterten Seufzer und ließ die Fleischeraxt sinken.

Ich beugte mich auch vor und schaute. Im Flur war niemand, aber die Tür war angelehnt und ließ einen kühlen, feuchten Luftzug herein.

„Er hat wohl Hunger auf ein Rogan Josh Curry bekommen. Komm!“ sagte er und stieß mich in die Seite, damit ich vorausging.

„Geh du zuerst“, sagte ich und bekam als Antwort nur einem wütenden Blick.

Mit der hoch erhobenen Fleischaxt ging er voraus und trat heftig die Tür auf. Vor der Tür war niemand. Schröder drehte sich langsam und machte das Licht draußen aus.

„Kein Bein“, sagte er. „Aber sicherheitshalber sollten wir im Heizkeller nachsehen. Mach du das“, sagte er und zeigte in die Richtung.

Widerwillig drehte ich mich um und ging in einen kohlschwarzen kleinen Raum am anderen Ende des Flurs. „Der Lichtschalter ist links!“ sagte Schröder und blieb an der Haustür stehen. Ich tastete mit der Hand die Wand entlang und fand einen Lichtschalter, den ich drehte. Eine Deckenlampe in einem weiteren kleinen Flur ging an, es gab drei Türen, eine zur Linken, die offenstand, eine zur Rechten, die angelehnt war, und eine geradeaus, die geschlossen war.

„Wieder links!“ flüsterte Schröder und stand plötzlich direkt hinter mir. Ich faßte mit der Hand um die Ecke, fand einen Schalter und machte Licht.

Abgesehen von dem dreckigsten Heizkessel, den ich je gesehen habe, gab es da drinnen bloß große Wollmäuse auf dem rußigen Boden.

„Banzai!“ brüllte Schröder hinter mir und riß die rechte Tür auf, die angelehnt gewesen war. Ich drehte mich erschrocken um, und ich wäre fast umgefallen, weil ich über eine Werkzeugkiste stolperte, die neben der Tür stand.

„Mußt du mich denn so erschrecken?“ schimpfte ich.

Schröder grinste breit. „Auch in der Garage nicht der kleinste Bramaputrawichtel. Er scheint einfach davonspaziert zu sein. Was für eine Type! Das ist also der Dank dafür, daß man ihm das Leben gerettet hat, ihn sogar hat auftauen lassen in der teuer erkauften Wärme des eigenen Hauses. Also, wenn du wüßtest, was der Strom heutzutage kostet!“ Er seufzte und machte die dritte Tür auf, streckte die Hand aus und knipste eine Deckenlampe an. „Mein Weinkeller“, sagte er zufrieden, aber gerade als ich hineinschauen wollte, machte er schnell wieder das Licht aus und trat die Tür mit dem Fuß zu.

Er drehte sich um, blieb dann mit einem Ruck auf der Schwelle stehen und starrte mit großen Augen das Chaos auf dem Fußboden an. „Aber was zum Teufel!!“ keuchte er dann, und es klang richtig schockiert.

„Was ist denn?“ fragte ich.

„Meine neuen Mountaineers!“ schrie er, kniete sich auf den Boden und warf dann mit alten Holzschuhen und Turnschlappen um sich und suchte überall.

„Deine was?“

„Mountaineers. Sie heißen so. Rocky Rangers Mountainieer. Meine neuen Winterschuhe!! Sie sind weg!“

Da erinnerte ich mich an die ochsenblutfarbenen, frischgeputzten Schuhe, die ich beim Hereinkommen gesehen hatte. Sie standen auf jeden Fall nicht mehr da, wo sie gestanden hatten, da standen statt dessen eine Paar durchweichte Wildlederslipper.

„Gehören die dir?“ fragte ich und deutete auf die Schuhe.

Schröder hörte sofort mit dem Suchen auf und starrte sie an.

„Mir! Spinnst du? Die sind ja höchstens Größe 35. Ich habe gedacht, die gehören dir.“

„Nein, meine stehen da drüben.“

„Dann sind es ...“

Und es gab gar keinen Zweifel. Es waren Rashmals durchnäßte Wildlederslipper.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein“, jaulte Schröder und hieb die Fleischeraxt mit großer Kraft in den Fußboden, wo sie mit einem unangenehmen Geräusch steckenblieb. „Zum Teufel auch“, brummte er bekümmert und versuchte, sie wieder herauszuziehen. „Was ist nur mit den Leuten los? Einfach hereinkommen und Schuhe klauen! Und die alten dalassen. Was? Ich werde sofort den Einwanderungsminister anrufen! Das geht doch einfach nicht ...Uuupps!! Verfluchte Hacke!!“ brüllte er, weil die Schneide der Fleischeraxt sich gelöst hatte und er wie eine Kanonenkugel nach hinten fuhr. Er wurde sehr wirkungsvoll vom gleichen Stapel mit Bildern aufgehalten wie ich. Die Rahmen knackten und man hörte ein ritschendes Geräusch. Er lehnte sich an die Wand und schaute traurig herab.

„Meinst du, daß er Lena kennt?“ fragte ich, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. „Ich meine Rashmal. Wir können sie ja fragen, wenn sie kommt.

„Rashmal? Pah! Ich wette, daß er nicht mal Rashmal heißt. Das hat er bestimmt nur erfunden“, sagte er und inspizierte den Rahmen des obersten Bildes. „Schau, was du gemacht hast“, sagte er. „Ich habe genau gesehen, daß du dich daran festgehalten hast.“

„Das wollte ich nicht“, sagte ich.

„Das will ich hoffen. Lernt ihr denn in der Schule nicht mehr, ein bißchen achtsamer zu sein. Verdammt, alles kostet doch Geld!“

„Mopeds beispielsweise“, sagte ich säuerlich, aber ich glaube nicht, daß er die Spitze verstand, denn er zuckte nur mit den Schultern und seufzte.

„Hast du gesagt, daß er nach einer gewissen Linda gefragt hat?“

„Ja, aber es könnte ja auch Lena gewesen sein, das ist ja ziemlich ähnlich.“

„Ziemlich ähnlich? Lena und Linda? Das ist ja wohl nicht ähnlicher als Leningrad und Lidköping. Dieser verdammte Curryknilch! Hat der meine Schuhe geklaut! Die waren scheißteuer! Extra bestellt, nach Maß von Hand genäht. Direktimport aus den Rocky Mountains. Was für ein Tag, kann ich nur sagen!“

„Wann wollten Lena und Norling denn kommen?“

„Psst!“ zischte Schröder plötzlich.

„Aber wollte sie nicht bloß ...“

„Halt die Klappe, Kevin“, knurrte er.

Da wurde ich ärgerlich, weil ich nicht fand, daß es nötig war, so grob mit mir umzugehen. Ich protestierte lautstark, aber Schröder warf sich auf mich und hielt mich mit festem Griff am einen Oberarm fest. Als ich versuchte, mich zu befreien, drückte er so fest zu, daß es richtig weh tat.

„Psst!“ zischte er noch einmal und schaute mich durchdringend an. „Hörst du es nicht?“

Und da hörte ich es auch – schleichende Schritte vor der Haustür.

4
Bogarts Kidnapping

Die Schritte kamen näher bis direkt vor die Haustür. Das sind bestimmt Norling und Lena, dachte ich und versuchte, Schröders Hand über meinem Mund wegzuschieben. Aber er drückte nur noch fester zu und starrte auf die Türklinke. Sie bewegte sich nach unten, weil jemand vorsichtig prüfte, ob die Tür verschlossen war.

Danach war es eine Weile still, und dann schepperte die Klingel, die oben im Flur angebracht war. Chandler bellte laut und kam in vollem Galopp die Treppe runter. Schröder ließ mich los und hob die Fleischeraxt auf.

„Still“, sagte er zu Chandler und machte das Licht vor der Haustür an, bevor er mit ziemlicher Mühe die Tür öffnen konnte.

Im letzten Moment bekam ich Chandler am Halsband zu fassen und konnte ihn zurückhalten.

Es waren auch jetzt nicht Lena und Norling, aber es waren auf jeden Fall zwei. Der eine war in Schröders Alter, hatte Jeans an und eine dufflecoatähnliche Jacke, die ziemlich teuer aussah. Er hatte kurze Haare und ansonsten so ein Aussehen, das man sich nie merken kann.

Den anderen dagegen würde man jederzeit wiedererkennen, denn er hatte extrem abstehende Ohren und graue, fast weiße Haare, die sich im Nacken lockten. Das Gesicht war braungebrannt und ziemlich zerfurcht – er sah ungefähr wie eine Morchel aus. Er war über fünfzig, trug einen häßlichen, grauen Mantel, ein schmuddeliges weißes Hemd und einen fettigen schwarzen Schlips.

Beide schauten unruhig den knurrenden Chandler an. Der zog und zerrte am Halsband, um loszukommen und sie anspringen zu können.

„Ähm ... guten Abend“, sagte der jüngere. Sein Blick wanderte zu Schröders „Never-stop-the-action-Schürze“ und dann weiter zu der großen Fleischeraxt. „Wir kommen von der Polizei in Täby. Entschuldigen Sie, daß wir stören, aber wir würden gerne wissen, ob Sie möglicherweise in der letzten Zeit Besuch hatten von ...“

„Da können Sie Gift drauf nehmen!“ rief Schröder aus. „Ein verrückter Schuhdieb hat meine Mountaineers gestohlen!“

„Ha-ha-haben Sie einen Ausweis?“ stotterte ich mit zittriger Stimme und dachte dabei an einen unangenehmen Typ mit einem Walroßschnurrbart, der auch behauptet hatte, von der Polizei zu sein, und den wir auch nach dem Ausweis hätten fragen sollen.

Die Morchel mit den Elefantenohren schien unsicher zu werden und wollte etwas sagen, aber der Kurzhaarige machte eine beruhigende Geste und schaute mich freundlich lächelnd an.

„Selbstverständlich“, nickte er. „Wir haben sie unten im Auto. Wir wollen nicht lange stören. Es geht um eine Ausweisung, wir sind von der Einwanderungsabteilung, und es könnte sein, daß derjenige, der Ihre ... ähm, Ihre ...“

„Mountaineers!“ blökte Schröder.

„War er vielleicht dunkelhäutig und ziemlich klein?“

„Genau!“ Schröder nickte eifrig. „Er hatte eine rote Pudelmütze auf und einen Persianer an. Verfluchter Weihnachtswichtel aus New Delhi. Er kann noch nicht so schrecklich weit sein.“

Ein wütendes Telefonklingeln aus dem Schlafzimmer brachte ihn völlig durcheinander, und er schaute sich verwirrt um. Die beiden Polizisten schauten sich erstaunt an und schienen auch nicht zu wissen, was sie machen sollen.

„Nun geh schon rauf, und nimm ab!“ sagte Schröder zu mir.

„Still, Chandler!“

Chandler wehrte sich und knurrte, als ich ihn die Treppe hochzog, aber als wir oben waren, schien er alles zu vergessen. In Schröders Schlafzimmer ließ ich das Halsband los, und da sprang er völlig beruhigt auf das ungemachte Bett und legte sich zurecht.

Das durchdringende altmodische Klingeln des Telefons hörte nicht auf. Ich betrachtete das unglaubliche Chaos auf dem Schreibtisch, und es dauerte eine Weile bis ich das graue Telefon gefunden hatte. Es war versteckt hinter einer großen Olivettischreibmaschine, die gekrönt wurde von einem Teller mit zwei vertrockneten Salamischeiben und einem trockenen, dunklen Stück Brot, dessen Ränder sich hochgebogen hatten.

„Ja, hallo?“ sagte ich unsicher.

„Kevin?“

Es war Lena.

Ich mußte schlucken.

„Hallo?“ sagte sie erstaunt.

„Doch, ich bin ... ja, ich bin’s. Hallo.“

„Was ist los? Du klingst so außer Atem?“

„Ich komme gerade von unten“, sagte ich undeutlich.

„Du, es tut mir schrecklich leid, aber ich kann heute abend wirklich nicht kommen.“

„Was?“

„Nein, ich mußte unbedingt nach Helsingborg fliegen und ...“

„Helsingborg?“

„Ja, genau, mein Job. Ich bin jetzt hier unten. Ich habe mich so geärgert, aber sie konnten niemand anders schicken und – tja, ich konnte einfach nicht nein sagen ... Aber ich bin morgen wieder zurück, können wir uns nicht statt dessen dann treffen?“

„Ähm ... doch, natürlich, aber ...“

„Ist Raymond in der Nähe?“

„Was?“ sagte ich und verstand überhaupt nicht, wen sie meinte.

„Raymond.“

„Ach so, du meinst Schröder?“ sagte ich und kam mir mal wieder so unglaublich blöd vor. „Nein, er steht unten und redet mit den Bullen ...“

„Den Bullen?“

„Ja, genau, die haben gerade geklingelt und ...“

Ich wurde von einem dröhnenden Grollen aus dem Garten unterbrochen. Es klang ungefähr wie ein gigantischer Bagger, und es bestand überhaupt kein Zweifel, daß das Bogarts Motor war. Dann hörte ich Schröder schreien: „Haltet den Dieb!“ und dann Schritte über die Steinplatten des Vorplatzes.

„Ruf später noch mal an!“ schrie ich und warf den Hörer auf die Gabel. „Komm, Chandler!“ rief ich und rannte die Treppen runter. Unten war niemand, aber die Tür stand sperrangelweit offen. Chandler lief mir keuchend hinterher.

Ein weiteres Auto wurde angelassen und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Bevor ich die Schuhe angezogen hatte, war Chandler nach draußen gesaust und bellte.

Als ich auf den Vorplatz kam, stand er auf halbem Weg auf der abschüssigen Auffahrt und beschnüffelte etwas, das ich trotz stockendem Herzen als Schröder identifizierte. Bogart stand nicht mehr bei der Mülltonne, mein Moped war umgefallen und glänzte in dem schwachen orangenen Licht der Straßenlaternen vom Täbyvägen, große, nasse Schneeflocken segelten friedlich herab. Ein roter Saab raste in Richtung Stadt vorbei, das Nummernschild leuchtete auf, aber ich konnte es nicht lesen. Von ferne hörte man Bogarts Motor.

Ich lief hinunter zu Chandler, schob ihn beiseite, und genau, wie ich es mir gedacht hatte, es war Schröder, der da im nassen Schneematsch lag. Er keuchte und rieb sich den Nacken.

„Was ist passiert?“ schrie ich.

„Unglaublich! Also wirklich total unglaublich! Ich werde verflucht noch mal morgen den Justizminister anrufen. Was lassen sie heutzutage nur für Leute in die Polizeihochschule!“

„Aber was ist denn passiert?“ sagte ich und half ihm aufzustehen.

„Das werde ich dir erzählen – der Bangladeschtrollo muß sich im Garten versteckt haben, denn während ich mit den Bullen redete, hat er Bogart gekidnappt, hat einen atemberaubenden Bogen um das Bullenauto in der Einfahrt gemacht und ist davongesaust! Meine Schuhe und mein Auto! Ich meine, was habe ich ihm getan? Meint er vielleicht, daß sie zu wenig Entwicklungshilfe kriegen oder was? Aua!“ stöhnte er plötzlich und faßte sich ins Kreuz.

„Aber, hat denn der Schlüssel gesteckt?“

„Natürlich hat der gesteckt. Wie sollte ich ihn denn sonst finden?“

Er lehnte sich schwerfällig an mich, und wir trotteten zum Vorplatz hoch, Chandler blieb uns immer dicht auf den Fersen.

„Ja und dann?“

„Dann? Ich lief ihnen natürlich hinterher und wollte im Bullenauto mitfahren. Aber da bleiben diese verdammten Amöben plötzlich stehen und schlagen mich zusammen! Was? Das darf doch wohl nicht wahr sein. Und dann sind sie abgehauen.“

Als wir in den Flur kamen, setzte Schröder sich mit einem tiefen Seufzer auf die Treppe, und ich machte die Tür zu. Chandler trottete zu ihm und schleckte ihm hingebungsvoll das Gesicht ab. In dem Moment klingelte wieder das Telefon.

„Verflucht, kann man denn nie seine Ruhe haben?“

„Immer mit der Ruhe“, sagte ich. „Das ist bestimmt Lena. Sie hat schon mal angerufen.“

„Warum hat sie angerufen? Und wo ist sie überhaupt?“

„In Helsingborg“, murmelte ich, aber er hörte mir nicht zu und redete weiter:

„Sie wollten doch um sieben, halb acht kommen, hat sie gesagt!

Wo willst du denn hin?“

„Rauf und abnehmen“, sagte ich.

„Scheiß drauf. Ich geh in der Garage dran.“

„Was?“

„In der Garage“, fauchte er und humpelte davon.

Chandler schaute ihm verblüfft nach und versuchte dann, mir das Gesicht abzuschlecken. Ich setzte mich auf die Treppe und kraulte ihm den Nacken. Da legte er sich sofort hin, drehte sich auf den Rücken, streckte die Pfoten in die Luft und wollte den wolligen Bauch gestreichelt bekommen.

Ich hörte Schröder fluchen, und dann klang es so, als ob ein Lager mit leeren Benzinkanistern auf einen Betonboden stürzen würde. Ich seufzte und fragte mich, wie ein Mensch wie Schröder sein konnte, und ob sein Leben schon immer so chaotisch gewesen war, und dann fragte ich mich noch, wie er eigentlich die Umwelt wahrnahm, aber ich kam nicht weit mit meinen Überlegungen. (Und vielleicht war das auch gut so.)

„Es war Norling“, sagte er und fuchtelte mit dem Armen. „Der wollte wissen, wo Lena ist! Und das möchte ich auch wissen. Verflucht, das darf doch nicht wahr sein, sie ist schon wieder verschwunden!“

„Sie ist in Helsingborg“, sagte ich ruhig und kraulte Chandler.

„In Helsingborg?“

„Ja, das hat sie gesagt, als sie anrief.“

„Sie hat angerufen?!“

„Schröder! Das habe ich doch vorhin gesagt.“

„Pah! Hast du nicht! Nie erzählst du mir was. Warum ist sie denn in Helsingborg? Sie wollte doch Norling abholen, oder nicht?“

„Irgendwas war mit ihrem Job, sagte sie. Und ... tja.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Weiter kamen wir nicht, weil du dann geschrien hast und ich runtergerannt bin.“

Schröder starrte mit leerem Blick in das Chaos auf dem Boden.

„Ich sage es doch!“ Er seufzte.

„Was?“

„Das ist eine Verschwörung. Gegen mich. So ist es.“ Er zuckte resigniert mit den Schultern, hob dann aber plötzlich drohend die Faust gegen die Decke. „Aber ich werde es verflucht noch mal schon rauskriegen, du Scheißhaufen!“ schrie er, riß sich die Schürze ab, knäulte sie zusammen und warf sie in Chandlers Richtung, der gerade noch entkommen konnte. Dann schaute er mich an. „Right, meine Junge, los jetzt!“

„Was?“

„Wir gehen jetzt zu den Bullen und melden einen Fall von schwerem Autodiebstahl.“ Er schleuderte die Pantoffeln von den Füßen und wühlte nach einem Paar protzigen Cowboystiefeln, die er sich unter großen Mühen anzog, wobei er gleichzeitig laut stöhnend auf einem Bein hüpfte.

„Willst du nicht lieber anrufen?“ schlug ich vor.

„Anrufen?!“ schnaubte er. „Und dann mit irgend so einem unfähigen Anfänger reden? Ich werde verflucht noch mal diese beiden Bullen wegen grober, unbefugter Gewaltanwendung im Dienst gegen eine unschuldige Zivilperson anzeigen, und das werde ich Auge in Auge mit einem diensttuenden Wachtmeister tun. Du darfst mich hinfahren, ganz einfach.“

„Was?“

„Ja, auf dem Moped natürlich. Zur Täby Police Station.“

„Aber ...“ fing ich an.

„Keine Widerrede!“ schrie er und zog den zweiten Stiefel an. Dann zog er ein fischgrätgemustertes, zweireihiges Tweedjackett an und holte seinen alten Trenchcoat, der in einer staubigen Ecke lag. Er schüttelte ihn rasch aus, bekam ihn unter lauten Fluchen schließlich an und machte die Tür auf.

„Ab nach oben mit dir“, sagte er zu Chandler, der natürlich nicht folgte, sondern freudig auf den Vorplatz hinauslief. „Also gut“, sagte Schröder müde. „Aber du mußt nebenherlaufen, ist dir das klar?“

Ich fand meinen Schal und die Handschuhe, die natürlich auf den Boden gefallen waren.

„Verflucht noch mal!“ stieß er hervor und rannte die Treppe hoch.

Als ich meine Lederjacke anhatte, kam er wieder runter.

„Hatte den Herd vergessen“, sagte er mit einem merkwürdigen Lächeln und hob die Achseln. „Das wäre was gewesen, wenn auch noch die Hütte abgebrannt wäre. Ja zum Teufel auch!“ Er drückte eine blaue Gitanesschachtel in die Trenchcoattasche. „Und dann hätte ich fast noch die Kippen vergessen! Ist mir auch noch nie passiert. Das wäre ja eine noch größere Katastrophe gewesen. Komm jetzt! Auf zu den Bullen!“

5
Noch so verrückte Kanaken

Ich schob das Moped den kurzen Abhang zum Fahrradweg hoch, der parallel zum Täbyvägen verlief, und erklärte Schröder, daß er unter gar keinen Umständen mein Piaggio fahren dürfe, sondern auf dem Gepäckträger sitzen müsse.

„Verdammt, geht es nicht schneller?“ war das erste, was er von sich gab, kaum daß ich das Moped angetreten hatte und aufgesprungen war.

„Lauf nicht so schnell, Chandler!“ schrie er dann unter krächzendem Lachen.

„Das ist nicht so gedacht, daß man Leute darauf mitnehmen soll“, brummte ich.

„Ist das überhaupt so gedacht, daß man damit fahren soll, oder wie?“ sagte er kichernd, und ich mußte auch lachen.

Vor der Ampel an der Bushaltestelle fuhr ich beim Zebrastreifen über die Straße, und Chandler kam in langen Sätzen hinterhergesprungen, er schien sich ausgesprochen wohl zu fühlen in dem Schneematsch.

„Wo fährst du denn überhaupt hin?! Wir wollen doch nach Täby Centrum!“

„Abkürzung“, sagte ich ruhig. „Steig ab.“

„Aha“, sagte er verblüfft, tat aber, was ich sagte.

Ich schob das Piaggio trickreich durch so eine moderne Version eines Drehkreuzes und dann den steilen Abhang hinauf zum Trädgårdsvägen.

„Läuft es nur bergab oder wie?“ fragte Schröder und kicherte.

„Du kannst ja nach Täby laufen“, sagte ich sauer.

„Nein, nein, verdammt!“ sagte er und versuchte, ernst zu bleiben, als er wieder auf den Gepäckträger stieg. „Chandler, schau zu, daß du nachkommst!“

Immer noch segelten große, nasse Schneeflocken herab, und ein Teil der Fahrrad- und Fußwege glänzte weiß unter den Straßenlaternen. Chandler lief nebenher, und der Schnee wirbelte um ihn herum. Ab und zu blieb er stehen und schüttelte sich, daß es nur so spritzte. Wir trafen keine Seele, die Leute blieben alle zu Hause, und das war ja auch verständlich. Hätten wir auch machen sollen, dachte ich. In fast jedem Fenster der Einfamilienhäuser leuchteten kleine Lampen zwischen den Topfpflanzen, und die Fernsehapparate verbreiteten ihren gespenstischen Schein – es sah warm, trocken und gemütlich aus.

„Halt dich fest“, sagte ich, kurz bevor ich über ein Loch fuhr.

„Au, verdammt! Was war das? Bist du über einen Rentner gefahren?“

„Hier werden Kabel verlegt“, sagte ich.

„Kabel?“

„Kabelfernsehen.“

„So ein Scheiß“, brummte er. „Verdammt, man sollte einen Bolzenschneider nehmen und einen Spaten und sie einfach durchschneiden. Sie buddeln sie ja nicht sehr tief ein und markieren sie deutlich mit solchen Pygmäenpissoirs aus Plastik. Da drüben steht so eins.“ Lautes Lachen blubberte aus ihm hervor. „Das werde ich machen! Dann brauchen die armen Teufel nicht mehr diesen ganzen Kabelscheiß zu glotzen und werden nicht noch bescheuerter, als sie eh schon sind!“

Würde mich nicht wundern, dachte ich, und das Moped kletterte langsam den letzten Abhang zum Enstavägen hinauf.

„Das nenne ich Pferdestärke!“ brummte Schröder und schüttelte sich vor Lachen.

Ich gab extra ein bißchen mehr Gas, als es wieder abwärts ging, und merkte, wie er sich festklammerte. „Denk dran, ich bin ein alter Mann“, fauchte er, und ich ließ den Hinterreifen im Schneematsch schliddern.

Dann bremste ich am Turebergsvägen und wollte die Abkürzung über das Gras an der Kreuzung zum Stockholmsvägen nehmen.

„Zum Teufel aber auch!“ keuchte Schröder, schlug mir auf die Schulter und zeigte nach vorn.

„Bogart“, sagte ich verwundert. Chandler hatte uns eingeholt und stieß ein kurzes Bellen aus.

Mitten auf dem Rasenstück stand Schröders verdreckter Dodge Ram zwischen den Bäumen eingekeilt, die Schnauze zeigte in Richtung Täby Centrum. Die Lichtkegel der Scheinwerfer erleuchteten die Schneeflocken und das kleine Waldstück auf der anderen Seite der Straße. Die eine Tür stand offen. Der Motor lief im Leerlauf, das klang natürlich wie drei Fischkutter auf Hochtouren. Das ganze Auto rüttelte und schepperte, als ob es genauso frieren würde wie Rashmal, und es sah auch genauso einsam und verlassen aus.

Schröder sprang vom Gepäckträger und lief mit flatternden Trenchcoatschößen über die Straße, dicht gefolgt von Chandler. „Paß auf!“ rief ich hinterher, gab Gas und fuhr ihm nach.

Schröder riß die hinteren Türen sperrangelweit auf. Gerade als ich dazukam, knallte er sie wieder zu. „Hat er aber Glück gehabt, daß er nicht da drinnen liegt und schläft!“ murmelte er. Ich stellte den Motor aus, klappte den Ständer runter und stieg ab. „Was hat der sich nur für eine Stelle als Parkplatz für Bogart ausgesucht!“ sagte er, und es klang beinahe beleidigt.

Chandler lief in vollem Galopp los und sprang auf den Vordersitz. Schröder und ich kamen hinterher.

„Rutsch mal, Dicker“, sagte Schröder und schubste Chandler auf den Beifahrersitz. „Der elende Türke hat seine Wichtelmütze dagelassen!“ sagte er verächtlich und hob die rote Pudelmütze mit spitzen Fingern hoch. Gleichzeitig inspizierte er mit gerunzelten Augenbrauen das Fahrerhäuschen, das noch genauso versifft war wie vor ein paar Monaten.

„Es war ein Inder“, sagte ich.

„Woher zum Teufel willst du das wissen?“ Er warf die Pudelmütze achtlos hinter sich, und sie landete hinter der Rückenlehne auf seiner alten Taxifahrermütze. „Er kann doch genausogut Pakistani gewesen sein, oder nicht?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall war es kein Türke.“

„Egal“, sagte er abschließend. „Der Indianer hat auf jeden Fall Glück gehabt, daß er Bogarts Fahrerkabine nicht verwüstet hat.“

Fahrerkabine, dachte ich und stöhnte. „Meinst du, daß er noch in der Nähe ist?“ fragte ich und spähte unruhig in den dunklen Schneeregen hinaus.

„Ist mir scheißegal. Wenn der sich noch mal traut, seine Hauer zu zeigen, dann mache ich Rindercurry mit Tomatenchutney aus dem Kerl. Komm, wir fahren.“

„Ich habe doch mein Moped“, sagte ich und sah eine Chance, nach Hause fahren zu können. Abgesehen davon, daß ich durch und durch naß war und mich auch ziemlich wackelig fühlte, wurde ich allmählich richtig müde. Hunger hatte ich auch, und zu Hause in der Tiefkühltruhe gab es Hackebällchen, Hamburger und Pommes, worauf ich viel mehr Lust hatte als auf irgendwelche japanischen Merkwürdigkeiten.

Schröder sprang nach draußen, und ehe ich überhaupt reagieren konnte, hatte er schon die hinteren Türen aufgemacht.

„Nein, warte!“ schrie ich, als mir klar wurde, was er vorhatte.

Aber das war natürlich witzlos. Er hatte das Moped schon hochgehoben und war immerhin so sorgsam, es nicht einfach hineinzuwerfen.

„No problemas, bello!“ Er grinste und lehnte das Moped übertrieben vorsichtig an die eine Wand. Er las, was auf dem Schutzblech stand.

„Heißt es wirklich Ciao? Er tätschelte den Sattel. „Ciao, ciao, Bambino. Da steht dein kleines Minestronemoped molto perfetto. Rein mit dir“, kommandierte er dann und machte die Türen zu, lief nach vorne und setzte sich hinters Steuer. „Avanti, avanti!“

Ich ging um die gedrungene Schnauze des Dodge herum, machte die Tür auf und setzte mich, nachdem Schröder Chandler zu sich gezogen hatte, der sich mit hängender Zunge von seinem Lauf erholte. Er versuchte, es sich zwischen uns so bequem wie möglich zu machen. Schröder fischte ein löchriges Küchenhandtuch hinter dem Sitz hervor und trocknete Chandlers nasses Fell damit ab.

Obwohl Bogarts Tür im Schneeregen offengestanden hatte, stank es noch genauso widerlich wie beim letzten Mal. Und ich glaube, es waren auch noch die gleichen Coca-Cola-Dosen auf der Ablage. In der einen Ecke lag eine zusammengeknüllte, weiße Papiertüte, und es hätte mich nicht gewundert, wenn da mal Pommes dringewesen wären. Das schwarze Fernglas thronte auf dem Telefonbuch, daneben lagen drei schwarzfleckige Bananen, bestimmt schon ein paar Wochen alt.

Schröder warf mir das Handtuch zu und legte den Gang ein. Der Motor wechselte vom Fischkutter wieder zum Bagger und schüttelte sich und dröhnte. „Armes, kleines Bogartkerlchen“, sagte Schröder mit spitzem Mund und streichelte das Steuer mit übertriebener Zärtlichkeit. Er streckte sich und angelte die Zigaretten hervor. „Von bösen Negern gekidnappt ...“ Er wühlte in dem Chaos auf der Ablage und fand schließlich ein weißes Feuerzeug.

„Manchmal klingst du wie ein richtiger Rassist“, sagte ich und rieb Chandlers Kopf trocken.

„Ich?“ rief er erstaunt aus und machte seine Zigarette an. „Ich und Nazist?“

„Rassist habe ich gesagt.“ Unter Chandlers lautem Protest beendete ich das Abtrocknen, legte das Handtuch zusammen und drückte es zwischen die Sitze.

„Pah, sei doch nicht so gräßlich schwedisch. Nimm lieber eine Banane!“ Er fand das offenbar ausgesprochen witzig, denn er stieß ein heiseres Gelächter aus. „Oder hier, entspann dich, und nimm ein Kaugummi.“ Er deutete auf ein blau-weißes Päckchen oberhalb des Handschuhfachs. Es sah aus, als ob es schon seit zehn Jahren da läge.

Ich schüttelte den Kopf und drehte demonstrativ das Fenster runter.

Schröder fuhr wie ein Wilder Slalom zwischen den Bäumen und raste den Abhang hinauf. Mit einem Schaudern hörte ich, daß das Piaggio hinten umfiel. Ich schaute ihn böse an, bekam aber nur ein Grinsen und ein Achselzucken zur Antwort.

„Gott sei Lob und Dank!“ seufzte er. „Der Kanake hat nicht die Brille geklaut!“

Er nahm seine Ray-Ban-Sonnenbrille an sich, drehte sie in der Luft, so daß die Bügel sich öffneten und setzt sie auf. „Yeah! Viel besser!“ Er nickte und paffte hingebungsvoll an seiner Zigarette. „Jetzt zeigen wir bloß noch die Bullenschweine an, und dann fahren wir nach Hause und futtern.“

An der Kreuzung, wo man nach links zur Brücke über die schmalspurigen Gleise der Roslagsbahn abbiegen muß, wenn man nach Täby Centrum will, war rot. Bogart blieb mit einem gellenden Kreischen stehen.

„Verdammt, ich muß endlich mal die Bremsen machen“, brummte Schröder, nahm die Zigarette aus dem Mund und plazierte sie mit einer eingeübten Bewegung ganz unten zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand. Er schaute über die verlassene Kreuzung und in den Schnee, der immer dichter durch das Dunkel fiel. „Was für ein Sauwetter. Und nicht ein Auto zu sehen.“ Er kraulte Chandler im Nacken, beugte sich vor und trommelte ungeduldig aufs Steuerrad. „Es ist doch lächerlich, hier die ganze Nacht herumzuhängen.“ Er steckte die Zigarette wieder in den Mund und richtete sich auf, als ob er losfahren wollte, obwohl es noch nicht grün war.

„Nein, warte!“ sagte ich und zeigte nach rechts, wo ein weißer Toyota Celica plötzlich mit hoher Geschwindigkeit aus der Seitenstraße kam.

„Das ist verflucht noch mal eine Einbahnstraße!“

Ohne auch nur im geringsten zu verlangsamen, schoß der Toyota auf die Kreuzung, machte dann allerdings eine Vollbremsung. Der Fahrer winkte uns aufgeregt zu. Neben ihm konnte ich jemanden erkennen, der die Tür an der anderen Seite aufriß, und im nächsten Moment tauchte sein Kopf über dem Dach auf, und er starrte uns mit offenem Mund an. Der Mann hinter dem Steuer machte auch seine Tür auf, wühlte energisch in der Innentasche einer hellgelben Windjacke und rief etwas.

„Noch so verrückte Kanaken!“ stöhnte Schröder.

„Das sind bestimmt Inder“, sagte ich atemlos, und dann rief ich:

„Los, weg von hier, Schröder!“

„Was?“

„Fahr, los! Schnell!!“

„Aber mein Junge, was ...“ Er verstummte plötzlich, und ich begriff, daß er auch den Fahrer des Toyota anstarrte, der jetzt mit breit gespreizten Beinen auf der Straße stand und mit einem schwarzen Gegenstand, den er ausgestreckt mir beiden Händen hielt, auf uns zeigte. Ich habe das schon so oft in allen möglichen Krimis und Actionfilmen gesehen und hatte absolut den Eindruck, daß er einen Revolver hielt.

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