Kitabı oxu: «Rosa-weiße Marshmallows»
Rosa-weiße Marshmallows
Roman
Bettina Ehrsam
Wohl dem Menschen, wenn er gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann.
Friedrich Schiller
Für Elly
Copyright: Bettina Ehrsam, 2020
Umschlaggestaltung, Illustration: Goldconsult GmbH, rosa Verlag
Lektorat: ABER RELATIONS, Korrektorat: Punkt & Komma
Verlag: Goldconsult GmbH, rosa Verlag, 9100 Herisau, Schweiz
ISBN e-Book: 978-3-033-07945-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
2006
1
Lisa zählte beim Gehen jeden Schritt. Ihre langen, schlanken Finger glitten über den Handlauf. Da war die vertraute Unebenheit, die leicht kratzte, als sie darüberfuhr. Ohne mit dem Zählen aufzuhören, ging sie den verlassenen Flur weiter entlang. Ein feiner Geruch von Desinfektionsmittel hing in der Luft und ließ sie nie vergessen, wo sie war. Die Deckenlampe flackerte. Vor Dr. Birds Türe blieb sie eine Weile stehen und horchte. Hinter ihr fielen Tropfen auf das Fensterblech. Ploc, ploc, plic, ploc, écoute, écoute, le bruit des gouttes.
Caroline hatte diesen französischen Kindervers von der Nachbarin gelernt. Zu Beginn hatte Lisa es süß gefunden, wie ihre kleine Schwester mit vier Jahren dazu durchs Zimmer getanzt war. Doch irgendwann, als sie nicht damit aufhören wollte, war es auch Lisa zu viel geworden.
Vorsichtig klopfte Lisa an. Sein tiefes „Herein“ drang gedämpft durch die Tür.
„Ich habe gesehen, dass noch Licht in Ihrem Büro brennt. Haben Sie eine Minute für mich?“ Lisa hielt die Türklinke fest in der Hand. Wäre sie nicht schon lange bei ihm in Behandlung gewesen, hätte sie ihren Satz mit den Worten „Ich hoffe, ich störe Sie nicht“ begonnen.
Dr. Simon Bird klappte das schwere Buch zu und verstaute es in der Schublade. „Kommen Sie herein.“ Er lehnte sich zurück. Ein müdes Knarren füllte den Raum, als wäre der Sessel es leid, fremdes Gewicht zu tragen. Mit der linken Hand zeigte Dr. Bird auf den Stuhl vor seinem Pult, mit der rechten drückte er sein Haar, so kraus und fest wie Stahlwolle, in die Stirn, als wollte er es zwingen, die kahl gewordene Stelle auf dem Kopf zu verdecken. Die goldgefasste Brille war bis ans Ende seiner langen Nase gerutscht.
Lisa schaute sich im Raum um. Wie anders sein Büro am Abend wirkte. Die Zeiger der antiken Pendeluhr mit den messingglänzenden Gewichten zeigten Viertel vor acht. Zu Hause hatten sie eine ähnliche Uhr. Jeden Sonntag zog ihr Vater die Gewichte an den Ketten hoch, und, obwohl sie schon seit fast zwei Jahren nicht mehr daheim wohnte, hatte sie noch immer dieses rasselnde Geräusch des Uhrwerks im Ohr.
Sie setzte sich auf die Kante des angebotenen Stuhls. Ihre Hände umklammerten die Lehne. Aufmerksam betrachtete sie den farbigen Rorschachtest hinter Dr. Bird und entdeckte im indirekten Licht der Schreibtischlampe zum ersten Mal zwei Parasiten, die sich von unten in die zarten, blütenblätterähnlichen Formen fraßen.
Lange hatte Lisa nichts im Bild gesehen, dann eine Blume – und jetzt eine Blume mitten im Leben, die ausgesaugt wird. Und weil es der Natur einer Blume entsprach, einfach nur schön zu sein, ließ sie alles mit sich geschehen. Es war der einzige Wandschmuck im Büro. Sonst hingen nur Diplome an der Wand. Sie fühlte Dr. Birds Blick auf sich ruhen. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Konnte er in ihrem Gesicht etwa lesen, was sie in diesem Moment dachte? Sie hörte die Uhr an der Wand. Ihr Ticktack füllte die Stille.
Sie setzte sich gerade hin und schüttelte ihr blondes Haar nach hinten.
„Meine Mutter kommt und will mir beim Packen helfen.“
„Wollen Sie denn keine Hilfe beim Packen?“ Dr. Bird nahm seine Brille ab und steckte sie in die Brusttasche seines weißen Kittels. Er trug nicht das anzügliche Grinsen im Gesicht wie manche anderen Männer. Nur seine Augen flackerten gelegentlich kurz auf.
„Nein, ich will das nicht“, sagte sie leise. Sie drehte den Kopf zum Fenster. Draußen war es schon früh Nacht geworden. Sie sah auf den dunklen Charles River. Auf der anderen Seite des Flusses war der Verkehr zum Stillstand gekommen. Das Einkaufszentrum lockte mit seinem grellen Licht die Menschen wie Motten an. Da blickte ihr vom Fenster her ihr blasses Gesicht entgegen – mit zwei dunklen Höhlen, als wären die Augen entfernt worden.
„Warum wollen Sie nicht, dass Ihre Mutter kommt?“, drangen seine Worte zu ihr durch.
Lisa hasste es, wenn Dr. Bird mit dieser Stimme sprach. Kräftig rieb sie sich den Arm und räusperte sich. „Ich will nicht, dass sie meine Sachen berührt.“
„Darf denn jemand anderes Ihre Sachen berühren?“
Lisa betrachtete wieder das Bild hinter ihm, und bevor er die Frage stellen konnte, wer alles ihre Sachen berühren dürfe, löste sie den Blick und schaute ihn an. Auf seinem linken Nasenflügel saß das Muttermal, das die Form eines Halbmonds hatte. „Ich habe kein Problem, wenn Maude, Caroline, mein Vater oder Sie meine Sachen berühren.“ Da war es wieder, dieses kurze Flackern in seinen Augen. Rasch senkte sie den Kopf. Das letzte Mal, als sie allein gewesen waren, hatte er ihr die Hand auf die Schulter gelegt. Die Berührung dauerte nicht lange an. Trotzdem war sie erleichtert gewesen, als er seine Hand wieder weggenommen hatte. „Ich dachte, dass Sie vielleicht meiner Mutter ...“, Lisa brach mitten im Satz ab und schwieg.
Dr. Bird tippte mit zäher Bewegung die Fingerspitzen gegeneinander. „Wir haben das schon ein paarmal besprochen. Stimmt’s?“ Er wartete, bis sie nickte. „Sie haben doch gelernt, den eigenen Raum einzunehmen?“
„Ja, habe ich“, sagte sie, reckte das Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust. Es lief mal wieder nicht so, wie sie es sich ausgemalt hatte.
„Also, wo liegt das Problem genau?“ Seine Mundwinkel zuckten kurz nach unten.
Sehen Sie denn nicht, wie meine Mutter mich behandelt? Sie denkt für mich, trifft Entscheidungen für mich. Alles muss immer so sein, wie sie es will, hätte Lisa ihm gerne einmal mehr gesagt. Sie ließ es jedoch bleiben, weil er nie etwas anderes erwiderte als sie sei dreiundzwanzig und müsse lernen, Grenzen zu setzen. Lisa seufzte in sich hinein. Ihre Mutter war nicht ihr eigentliches Problem. Was sie lange kaum hatte weiterleben lassen, war das Unglück an der Metrostation gewesen. Anfangs hatte sie bereits beim Gedanken an viele Menschen in engen Räumen keine Luft mehr bekommen.
In einer Woche würde sie nach Walworth reisen. Sie schloss die Augen und stellte sich die Farm vor, wie sie sie von Maude Miller, ihrer besten Freundin, immer wieder geschildert bekommen hatte. Sie sah die Hühner vor sich, die Kühe im Stall, die grüne Weide, roch die vielen Blumen, die es dort nach Maudes Erzählung gab. Sie entspannte sich. Alle Einwohner von Walworth fänden hier in Boston allein im John Hancock Tower Platz.
„Geht es um die Farm? Sind Sie doch noch nicht so weit?“, fragte Dr. Bird.
Lisa war nun lange genug hier gewesen. Sie wusste, dass sie sich dem Leben wieder stellen musste. Mit erhobenem Kopf und durchgestrecktem Rücken zeigte sie ihm, dass sie bereit war für das Abenteuer in Wisconsin. „Sie haben recht, es ist kein Problem.“ Sie stand auf und lächelte ihn an. Nicht zu scheu, aber auch nicht zu lang. Dieses Lächeln hatte sie nicht in der Klinik gelernt. Das hatte ihr ihre Mutter bereits beigebracht, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. „Danke, dass Sie Zeit für mich hatten“, sagte sie und stand auf. Mit sicherem Schritt und ohne sich nochmals zu Dr. Bird umzudrehen, verließ sie das Büro.
Draußen vor der geschlossenen Tür ließ sie die Schultern hängen. Ihre Mutter würde kommen und ihr beim Packen helfen. Sie würde wissen wollen, wie lange sie gedenke, auf der Farm zu bleiben, würde die Adresse aus ihr herausquetschen und sie dann im Abstand von drei Wochen regelmäßig besuchen kommen. Lisa legte die Hand, diesmal die linke, auf den Handlauf und ging den Weg zurück. Nach fünfundzwanzig Schritten fühlte sie die unebene Stelle.
Der Koffer lag offen auf Lisas Bett. Dana summte, öffnete eine Reisetasche, die sie von zu Hause mitgebracht hatte, und zog ein Paar rote Gummistiefel mit hellgrünen Tupfen heraus. „Auf der Farm brauchst du solche. Gefallen sie dir?“ Ihr warmes Lächeln hätte alle anderen zum Schmelzen gebracht.
Lisa saß in der Ecke am Boden und starrte mit schlaffen Wangen auf die schneeweißen Zähne ihrer Mutter.
„Und hier habe ich dir neue Sneakers gekauft. Vielleicht gehst du mal aus.“ Dana zeigte ihr ein Paar helle Stoffschuhe mit Strasssteinen.
Ein falscher Blick, eine unbedachte Bewegung, und Danas gute Laune würde kippen. Sie würde laut Luft holen, sich an die Stirn fassen und erst ganz leise mit Wimmern beginnen. Lisa schloss die Augen, lehnte den Kopf an die Wand und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Sie beschloss, dass es ihr heute egal war, ob ihre Mutter eine Migräne bekam. Sie hoffte sogar, dass sie endlich ginge und sie allein ließ. Sie konnte auch mit geschlossenen Augen förmlich fühlen, wie ihre Mutter wartete. Niemand konnte so warten wie Dana. Die Spannung stieg und zerrte an Lisas Nerven. Die Handgelenke begannen zu brennen. „Danke Mama, die sind wirklich schön“, sagte sie schließlich und hasste sich selbst für ihre Schwäche. Und gleichzeitig hasste sie ihre Mutter dafür, dass sie noch immer die Größe ihrer Füße wusste. Immerhin hatte sie sich getraut, die Augen geschlossen zu halten. Zwischen den Wimpern hindurch blickte sie zu ihrer Mutter. Sie sah sie doppelt, über zwei Packlisten gebeugt. Die Lippen ihrer Mutter waren noch nie anders geschminkt gewesen als in diesem dezenten Rosa. Der Mund bewegte sich, als sie mit dem Finger auf dem Notizzettel Zeile für Zeile nach unten rutschte. Lisa hätte ihre Sachen auch selbst packen können. Sie senkte die Lider wieder und wünschte sich augenblicklich nach Wisconsin auf die Farm.
„Ich habe eine Überraschung für dich.“ Dana machte eine Pause.
In Lisas Ohren begann es zu rauschen. Warum tust du das? Hör endlich auf, hätte sie am liebsten geschrien. Stattdessen öffnete sie nur ein Auge und schaute zu ihrer Mutter.
Dana zog eine rosa verpackte Schachtel mit einer weißen Schleife aus ihrer Handtasche. „Hier.“ Sie streckte ihr das Geschenk hin. „Die SIM-Karte ist schon drin. Und deine Nummer beginnt wie die Postleitzahl von Springfield.“ Ihre blauen Augen, dieselben, die sie ihren beiden Töchtern vererbt hatte, glänzten erwartungsvoll.
„Ich nehme kein Handy mit. Ich brauche die Zeit für mich und für mein neues Leben. Das weißt du. Ich habe es dir mehrmals erklärt“, sagte Lisa und schloss das eine Auge wieder.
„Lisa, Liebes ...“, Dana ließ die Hand mit dem Geschenk in ihren Schoß fallen. „Ich weiß nicht, wie ich dir sonst noch helfen kann.“ Sie kniff die Augen zusammen und massierte sich mit Daumen und Mittelfinger den Nasenrücken. Die schwarzen Ringe unter den Augen begannen unter der Schminke durchzuschimmern. „Ich halte das einfach nicht mehr aus.“ Dana warf das Geschenk in den Koffer, stand auf, riss die Tür auf und verließ mit kurzen, schnellen Schritten das Zimmer. Das Klappern der Absätze entfernte sich und war auf einmal nicht mehr zu hören. Lisa konnte nicht abschätzen, wie weit ihre Mutter gegangen war. Sie wollte auch keinen Blick in den Flur riskieren und ihr triumphierendes Gesicht sehen. Sie wartete und horchte. Auf dem Korridor blieb es still. Egal. Es musste reichen. Schnell und leise stand sie auf. Fischte aus dem Koffer wahllos ein paar Strümpfe, zog aus ihrer Trainingshose ihr geheimes Prepaidhandy, stopfte es in eine Socke und legte alles an den Platz zurück, nahm das rosa Geschenk aus dem Koffer und stellte es auf den Nachttisch. Dann setzte sie sich wieder auf den Boden. Sie fühlte sich großartig und wusste nicht genau, warum.
Maude hatte ihr, kurz nachdem sie eingeliefert worden war, ein kleines zusammenklappbares Handy besorgt. „Die SIM-Karte ist bereits drin“, flüsterte sie ihr zu, als sie ihr das Nokia zusteckte.
Ein Handy zu haben, war in der Klinik nicht verboten. Es wurde manchmal kontrolliert und nur in ganz seltenen Fällen auf unbestimmte Zeit weggesperrt.
Beim nächsten Besuch brachte Maude das Ladegerät mit. Wie Lisa ihre Freundin für diese Geheimnistuerei liebte! Täglich schickten sie einander Nachrichten oder telefonierten, und niemand erfuhr davon. Hier, in diesem Gebäude, auf diesem Stock, hatte sie ihr ganzes Innenleben ausbreiten müssen. Jede ihrer Äußerungen wurde aufgeschrieben, man hat ihr ihre Gedanken und Gefühle erklärt, bis sie sich ganz nackt und dumm vorkam. Und es hätte sie nicht verwundert, wenn alle Angestellten bis hin zur Empfangsdame davon erfahren hätten.
Dank des Nokias hatte sie ihre kleinen Momente, in denen sie nicht überlegen musste, was sie sagte. Ein einziges Mal war Maude der Geduldsfaden gerissen: Sie hatte Lisa angeschrien, sie solle sich endlich am Riemen reißen – sie habe sich weiß Gott lange genug selbst bemitleidet. Das war eine Ohrfeige im richtigen Moment mit der richtigen Heftigkeit gewesen. Von da an ging’s besser.
Die Tür schwang auf, und noch bevor Dana, gefolgt von Dr. Bird, ins Zimmer trat, legte sich die alte Trägheit wie ein Schutzschild auf Lisas Schultern.
„So, bald ist es so weit. Sind Sie aufgeregt?“, fragte der Arzt.
Lisa stand ungelenk auf, presste den Handrücken auf den Mund und unterdrückte ein Gähnen. Sie reichte ihm artig die Hand. „Dr. Bird, wie schön, dass Sie vorbeikommen. Ja, ich bin sehr aufgeregt. Dana will mich unbedingt nach Wisconsin begleiten.“ Lisa wusste haargenau, wie sehr ihre Mutter es hasste, wenn sie sie beim Vornamen nannte. Sie warf ihrer Mutter einen verstohlenen Blick zu und biss sich auf die Innenseite der Wange, als sie deren verkniffenen Mund sah. Jetzt zufrieden zu lächeln, traute sie sich nicht.
„Ich dachte, Maude würde mit Ihnen reisen? Ist sie nicht auf dieser Farm aufgewachsen?“, fragte Dr. Bird. Er nahm seine Brille ab und reinigte sie mit einem Stofftaschentuch. Links und rechts auf seinem Nasenrücken leuchteten rote Druckstellen.
„Ja, das habe ich ihr auch gesagt, doch sie will nichts davon wissen. Dabei nimmt sich Maude deswegen extra frei.“ Lisa blickte gebannt zu ihrer Mutter.
Danas Gesichtszüge wurden hart, und noch bevor sie zu Wort kommen konnte, streckte Dr. Bird seinen Arm nach ihr aus und sagte:
„Dana, bitte begleiten Sie mich einen Moment nach draußen.“
Lisa hatte sich keinen Zentimeter bewegt, und doch stand sie da, als wäre sie in der kurzen Zeit, während ihre Mutter mit Dr. Bird auf dem Flur gesprochen hatte, einmal um die ganze Welt gereist. Sie konzentrierte sich auf ihre Beine, den kräftigsten Teil ihres Körpers, und ließ zu, dass ihre Mutter ihr Gesicht, die Arme und die Position der Hände, die Beine und die Füße, die nur in Strümpfen steckten, musterte. Die Ringe unter Danas Augen waren mittlerweile so dunkel, dass keine Schminke der Welt sie hätte abdecken können.
„Wir kommen morgen und verabschieden uns noch von dir. Bitte fahr nicht ohne uns. Wir ...“ Dana brach ab und schluckte laut, als würde sie die restlichen Worte hinunterwürgen. Ihr Kinn zitterte unter ihrem Lächeln. Sie hängte sich die Tasche um und verharrte einen Moment. „Lisa, was habe ich dir getan?“
Lisa hatte ihrer Mutter mehrmals versucht zu erklären, dass sie nicht helfen konnte. Doch die Worte perlten an Danas Lächeln ab. „Vergiss das Handy nicht. Ich werde es nicht mitnehmen.“
Dana suchte den Blick von Dr. Bird. Er hatte den Kopf gesenkt und strich immer wieder mit den Fingern sein krauses Haar in die Stirn.
„Bringt ihr Caroline morgen mit?“, fragte Lisa.
„Du willst doch nicht, dass sie dich hier so sieht, Liebes. Sie ist so unbeschwert und fröhlich, wir wollen ihr das nicht nehmen. Und weißt du, was? Jetzt schreibt sie sogar ihre Tagebucheinträge auf Französisch. Vermutlich voller Fehler. Aber was weiß ich, ich kann keine Fremdsprache.“
„Mir geht es wieder gut. Ich will sie sehen.“ Lisa beneidete ihre Schwester, die einen Weg gefunden hatte, sich vor Mutter zu verstecken.
Dana blieb dicht vor ihrer Tochter stehen und strich ihr mit der Rückseite der Finger über die Wange. „Bis morgen, Liebes“, sagte sie und ging aus dem Zimmer. Ganz leise zog sie die Tür hinter sich zu.
„Das Handy“, rief Lisa hinter ihr her und blickte auf die geschlossene Tür. „Jetzt hat sie das Handy dagelassen“, sagte sie mit tonloser Stimme. Nichts wäre ihr lieber gewesen als der Besuch ihrer kleinen Schwester.
„Caroline fehlt Ihnen, nicht wahr?“, fragte Dr. Bird. Seine Hände steckten in den Taschen seines weißen Kittels.
Lisa hatte vergessen, dass er noch im Zimmer stand, und zuckte leicht zusammen. „Ja“, sagte sie und nickte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal hätte sehen wollen.“ Die angeschwollenen Narben an ihren Handgelenken begannen zu jucken.
„Wollen Sie nochmals darüber sprechen?“ Er blickte auf den offenen Koffer, auf das Geschenk auf dem Nachttisch, er sah auf seine Uhr am Handgelenk, schob die Brille hoch und drückte sich erneut ein paarmal das Haar in die Stirn. Erst dann schaute er sie an.
„Nein, ist schon gut. Ich weiß, dass Sie mit meinen Eltern darüber gesprochen haben.“
Dr. Bird verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. „Ihnen ist schon klar, dass Sie mich soeben benutzt haben.“
„Sie wussten, dass meine Mutter kommt und mir die Koffer packt. Sie wollten mir helfen.“ Sie senkte rasch den Blick, als sie das Flackern in seinen Augen sah. Plötzlich lag seine warme Hand auf ihrer Schulter.
„Ich bin immer für Sie da“, hörte sie ihn sagen. Seine Hand wurde feucht und schwer. „Ich hätte Ihnen gerne mehr geholfen. Aber Sie haben es auf einmal nicht mehr zugelassen.“ Er ließ sie los, und bevor er aus ihrem Zimmer verschwand, blieb er bei der Tür stehen und drehte sich um. „Machen Sie’s gut, Lisa.“
„Dr. Bird“, sagte sie schnell, „Sie ahnen nicht, wie sehr Sie mir geholfen haben.“ Sie strahlte ihn an. Diesmal war ihr Lächeln echt.
Er nickte ihr zu und schloss – so leise wie Dana vor wenigen Minuten – die Tür.
2
Durch die Fensterläden warf die Sonne schmale Streifen auf Wand und Boden. Lisa blickte zum Wecker. Sein monotones Summen weckte sie jeden Tag zur selben Zeit. Noch im Halbschlaf stellte sie ihn ab und schlief weiter. „Nein“, seufzte sie, „schon wieder so spät.“ Die Zahl auf dem Wecker sprang von 14:52 auf 14:53. Der Kopf dröhnte von zu viel Schlaf. Mit Armen und Beinen befreite sie sich vom Bettlaken und wälzte sich aus dem Bett. Sie hielt die Arme nach oben, streckte sich und jammerte. Vom vielen Liegen schmerzte ihr Rücken. In der Klinik hatte sie regelmäßig Bewegungstherapie bekommen, das hatte ihrer Wirbelsäule gutgetan.
Sie trat an die Kommode, holte frische Unterwäsche aus der Schublade, zog aus dem Kleiderhaufen am Boden Shorts und ein Oberteil mit langen Ärmeln heraus und schlüpfte hinein. Nachlässig fuhr sie mit den Fingern durch ihr Haar und band es zusammen.
Die Realität hatte Lisa erst eingeholt, als Maude nach der Fahrt vom Flughafen zur Farm aus dem Mietwagen kletterte. Von draußen drang der Geruch von Kuhmist ins Auto. Wie hatte sie vergessen können, wie es auf einem Bauernhof roch? Lisa ahnte, dass es für sie nicht ganz so einfach würde, wie sie sich das ausgemalt hatte. Obwohl sie lieber im Auto geblieben wäre, stieg auch sie aus und schaute sich um. Hinter ihr waren der Stall und daneben eine Scheune. Irgendwo gab es Hühner, sie konnte sie lärmen hören. Auf den Fenstersimsen vermisste sie die Blumen, die laut Maudes Erzählungen vom Frühling bis spät in den Herbst dort stehen und blühen würden. Und als sie den schief hängenden Fensterladen sah, wusste sie, dass sie eigentlich nur wegen des Geldes hatte kommen dürfen. Sie hatte Maude vorgeschlagen, für ihren Aufenthalt fünfzig Dollar die Woche zu bezahlen – und war doch enttäuscht, als Maudes Bruder Dave das Geld dann tatsächlich annahm.
Sie hatte sich vor der Reise gefürchtet, vor den vielen Menschen am Flughafen und vor der Enge im Flugzeug. Doch Maude war die ganze Zeit bei ihr gewesen und hatte ihre Hand gehalten.
Mit jedem Kilometer, den sie sich Maudes Heimat genähert hatten, veränderte sich ihre Freundin. Maude wurde aufgeregter und wirkte auf Lisa wie ein kleines Mädchen, obwohl die Landschaft immer gleich aussah: weite Ebenen mit wogenden Halmen, ab und zu ein Haus, mal mit und mal ohne Silo. „Da vorne links ist die Farm“, hatte Maude mit verheißungsvoll glänzenden Augen gesagt.
Nun stand Lisa da und wusste nicht, was ihre Freundin Besonderes in diesem Ort sah. Das Haus wirkte wie alle anderen, die sie auf der Fahrt gesehen hatte: einsam und verloren. Es unterschied sich allein dadurch, dass es auf einer leichten Anhöhe stand. Auch war es kein schöner Frühlingstag, wie Maude die ganze Zeit behauptete. Für Ende April war es viel zu kalt.
Dann kamen Dave und Agnes aus dem Haus, wie Lisa vermutete. Maude fiel ihrem Bruder mit einem Schrei um den Hals, der Schwägerin drückte sie einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Zwei Jungs in Gummistiefeln, kurzen Hosen und mit schmutzigen Knien kamen lärmend angerannt und bestürmten ihre Tante, bis diese mitging, um die Küken zu bestaunen.
„Du musst Lisa sein.“ Dave kratzte sich erst den Kopf, bevor er ihr die schwielige Hand hinstreckte. „Ich bin Dave, und das ist meine Frau Agnes.“ Dann zeigte er auf die Hausecke, um die Maude mit den Kindern verschwunden war. „Die Buben, die sich kurz gezeigt haben, sind Kevin, neun, und Roy, sieben.“
Daves Händedruck war warm. In seinen blaugrünen Augen erkannte sie Maude. Für einen Moment fühlte sie sich weniger verloren – bis sie zu Agnes schaute. Agnes stand reglos neben ihrem Mann und verfolgte mit eindringlichem Blick jede ihrer Bewegungen. Lisas Haut begann unangenehm zu prickeln. Als Agnes ihr die Hand gab, war es, als flutschte ihr ein kalter Fisch durch die Finger. Unwillkürlich wischte Lisa die Handfläche an der Hose ab. Agnes’ eben noch gefährlich blickende Augen wurden leer; ihr dunkel gelocktes Haar, das vorhin im Sonnenlicht rötlich geglänzt hatte, wirkte auf einmal pechschwarz. Hätte neben dem Haus der Hund nicht zu bellen begonnen, wäre Lisa wieder ins Auto gestiegen. Scharf und laut hallte das Gebell über den Platz. Lisa zuckte unweigerlich zusammen.
„Keine Angst. Rufus beißt nicht, er bellt nur. Er bleibt angekettet, bis ihr euch aneinander gewöhnt habt“, sagte Dave und lachte.
Lisa strich sich das Haar hinters Ohr und lachte mit, obwohl ihr nicht danach war.
Maude erschien mit einem flauschigen gelben Ball in der Hand. „Willst du auch mal?“, fragte sie und gab Lisa, ohne eine Antwort abzuwarten, das Küken in die Hände.
Mit hochgezogenen Schultern und einem dottergelben, piepsenden Etwas auf den Handflächen stand sie da und hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. In diesem Moment sagte jemand hinter ihr: „Ich glaube kaum, dass das was wird.“
„Das ist mein anderer Bruder, Tom.“ Maude befreite Lisa von dem Küken. „Warum er heute da ist, weiß ich nicht. Normalerweise kommt er erst in den Semesterferien. Sonst arbeitet er als Assistenzprofessor für Landwirtschaftstechnik an der Universität Illinois. Er ist der kluge Kopf in unserer Familie und beweist wissenschaftlich, was unsere Väter schon längst herausgefunden haben.“ Maude schaute ihren Bruder finster an.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen“, sagte Tom, und weg war er. Lisa schaute er kein einziges Mal an. Er hatte nicht wie seine Geschwister blondes Haar, seines war dunkler, und er hatte braune Augen.
Maude führte Lisa in die Kammer unter dem Dach und half ihr beim Einräumen. Dann zog sie ihre Freundin wieder ins Freie und zeigte ihr den Hof.
„Ach, ich beneide dich“, sagte Maude. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt, die Arme weit ausgebreitet und begann, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Sie nahm einen tiefen Atemzug. „Fühlst du es auch?“, fragte Maude.
Lisa fühlte nichts. Blumen gab es nur hinter dem Haus, und aus dem Stall stank es ganz fürchterlich. Wegen Maude traute sie sich nicht, die Nase zuzuhalten. So unauffällig wie möglich atmete sie flach durch den Mund und hoffte, Maude würde es nicht bemerken. „Ich werde dir regelmäßig erzählen, was hier tagsüber geschieht“, sagte sie. Ihre Stimme klang, als wäre die Nase verstopft.
Maude, die sich während der ganzen Zeit mit weit ausgestreckten Armen drehte, stoppte augenblicklich. Mit einem Ausfallschritt behielt sie die Balance. „Ist alles okay?“, fragte sie und schaute Lisa besorgt an.
„Ja, natürlich, ist halt alles neu für mich.“
Am Tag darauf zeigte Maude ihr, wo sie zur Schule gegangen war, und schleppte sie zum Lake Geneva, wo sie ihren ersten richtigen Kuss bekommen hatte. Dann war der Sonntag auch schon vorbei.
Lisa winkte dem wegfahrenden Auto nach, und als sie sicher war, dass ihre Freundin sie nicht mehr sehen konnte, ließ sie den Tränen freien Lauf. Da erschreckte er sie zum zweiten Mal: Rufus rannte auf sie zu und sprang an ihr hoch. Die Kette knallte. Lisa schrie auf. Der Hund bellte und fletschte die Zähne mit gefährlich verdrehten Augen. Dann schüttelte er den Kopf. Schaum flog in alle Richtungen und traf ihre Hand. Angewidert wischte sie ihren Handrücken an der Hose sauber.
Die erste Nacht verbrachte sie damit, mit der Klatsche die lästigen Fliegen in ihrer Kammer zu töten. Seitdem achtete sie darauf, dass tagsüber Fenster und Tür geschlossen blieben. Das war bisher fast das einzig Nennenswerte, das sie auf der Farm erlebt hatte.
Sie verließ ihr Zimmer und warf aus lauter Gewohnheit einen flüchtigen Blick in den kleinen Spiegel an der Wand, ohne sich dabei richtig wahrzunehmen. Leise zog sie die Tür zu und schlich mit nichts an den Füßen den Flur entlang. Bei der Treppe blieb sie stehen und horchte nach unten. Alles war still. Dann stieg sie vorsichtig die Stufen hinunter, als wollte sie mitten am Tag niemanden wecken.
Die Küche war aufgeräumt und leer, die Gummistiefel der Kinder standen ordentlich neben der Haustür auf der Schuhablage. Keiner war da.
Seit mehr als drei, beinahe vier Wochen – und zweihundert Dollar ärmer – war sie in Walworth. Das tägliche Leben ging an ihr vorbei. Sie wusste nicht, wann genau sie den Moment verschlafen hatte, sich dem Rhythmus der Familie anzupassen. Sie schlüpfte in ihre Schuhe, nahm ihren Strohhut und trat vor die Tür.
Die Sonne stach in ihre Augen. Irgendwo im Haus musste die Sonnenbrille liegen. Sie setzte sich den Hut auf und blinzelte in den azurblauen Himmel. Unendliche Weite dehnte sich über ihrem Kopf aus. Sie atmete tief ein. Kein Wölkchen war auszumachen. Was hatte Dr. Bird gesagt? Säße man am Tag in einem tiefen Loch, wäre der Himmel schwarz, und man könnte die Sterne sehen. Sie wusste, dass er sie auf die Lichtpunkte im Leben aufmerksam machen wollte, die immer da sind. Sie blickte erneut hinauf zum Himmel. Das befreiende Gefühl stellte sich nicht wieder ein. Ein Windstoß blies ihr den Hut vom Kopf. Müdigkeit übermannte sie. Lisa gähnte ausgiebig, als hätte sie seit den frühen Morgenstunden geschuftet. Sie bückte sich schwerfällig, hob ihren Hut auf und schlurfte mit hängenden Armen über den staubigen Vorplatz. Sie fand die Kraft nicht, sich den Hut wieder aufzusetzen, war froh, dass er ihr nicht aus der Hand glitt.
Kein Mensch war da, alle fort, an der Arbeit auf dem Feld oder sonst wo, sie wusste es nicht. Normalerweise hätte sie die Kinder beim Spielen angetroffen, doch auch die waren weg. Einzig die Hühner neben dem Wohntrakt machten Lärm. Sie blickte zur Stelle, wo Rufus normalerweise unter dem Schatten des Baumes stand und sie anbellte. Der Hund lag angekettet am Boden und schlief. Sie hasste Rufus. Sie würde sich nie an ihn gewöhnen können. Lisa ging über den Platz und wollte zu den Kühen auf die Weide, wo sie die anderen vermutete.
„Nein, Rufus hat keine Tollwut, und das ist kein Schaum, sondern Spucke“, hatte Dave am ersten Tag gesagt, als er vom Gebell und Lisas Geschrei herangelockt wurde. Er hatte den Hund am Halsband gepackt und ihn geschüttelt. Mittlerweile kam keiner mehr nachschauen. Agnes ließ sie wissen, dass der Hund nur auf sie so reagieren würde.
Lisa blieb wie angewurzelt stehen, sie traute sich nicht, sich zu bewegen. Rufus. Er tat nur so. Er schlief gar nicht. Sie wartete auf das Rasseln der Kette und auf das Bellen. Nichts. Alles blieb still. Dann von irgendwoher ein leises Schaben. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Im Hintergrund hörte sie die Hühner gackern, sonst blieb es still. Das bildete sie sich doch nicht ein, da war was ... Langsam drehte sie sich um.
Tom saß im Schatten auf der Bank vor dem Haus. Sein lederner Hut lag neben ihm. Sie hatten bisher kaum ein Wort miteinander gewechselt. Er steckte die ganze Zeit mit seinem Bruder zusammen, hatte mit ihm immer etwas zu diskutieren. Wie konnte sie ihn nicht gesehen haben? Dabei hätte sie ihn berühren können, so nah war sie an ihm vorbeigegangen. Seine Arme lagen lässig über der Sitzlehne, die Beine locker ausgestreckt. Nur sein Blick war scharf und wachsam. Tom hatte kräftige Hände und Arme und wirkte viel eher wie ein Bauernjunge, der er früher war, als ein Assistenzprofessor.
Er klaubte umständlich etwas aus seiner Gesäßtasche. Lisa presste die Lippen zusammen, als sie erkannte, was es war. Tom hatte ihren Brief noch zwei weitere Male zusammengefaltet und hielt ihn zwischen Mittel- und Zeigefinger hoch.
Sie begann mit ihrem Hut zu spielen, drehte ihn zwischen ihren Fingern, bis sie danebengriff und er in den Staub fiel. Hätte Tom gelacht, wäre die ganze Situation erträglicher gewesen. Sie hob ihn auf, stülpte ihn über ihren Kopf und zog ihn tief in die Stirn. Ihre Hose hatte keine Taschen – daran erinnerte sie sich erst wieder, als sie die Hände hineinstecken wollte. Sie blickte auf das zusammengefaltete Papier in seiner Hand und zupfte an den Fransen ihrer kurzen Hose herum. Als ihr bewusst wurde, wie nervös sie auf ihn wirken musste, verschränkte sie die Finger hinter ihrem Rücken und fing an, in Gedanken zu zählen. Eins. Zwei. Sie fuhr mit der Zunge über die trockenen Lippen. Drei. Sie blickte nach unten. Seine Beine waren noch immer ausgestreckt. Vier. Ihr Blick wanderte zu ihrem Zimmerfenster unter dem Dach. Sie zählte wirklich sehr langsam. Warum sagt er nichts? Acht. Sie stand in der prallen Sonne und begann unter dem Hut zu schwitzen. Die Ärmel klebten an den Narben. Das kleine weiße Viereck steckte unverändert zwischen seinen Fingern. Zehn. Sie schaute ihn an. Die einzige Regung in seinem Gesicht waren seine Augenlider. Endlich kam Bewegung in ihn.