Kitabı oxu: «KOMPASS - Zürcher Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen»

Şrift:


Bettina Jenny

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2, erweiterte und überarbeitete Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037134-7

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epub: ISBN 978-3-17-037136-1

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Autorenverzeichnis

Dr. phil. Bettina Jenny, Leitende Psychologin und Psychotherapeutin an der Fachstelle Autismus der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Neumünsterallee 3, 8032 Zürich.

Lic. phil. Philippe Goetschel, Psychologe und Psychotherapeut, Schulpsychologischer Dienst Kanton Baselland, Baslerstrasse 255, 4123 Allschwil.

M. Sc. Maya Schneebeli, Doktorandin der Translational Neuromodeling Unit der Universität Zürich und ETH Zürich, Wilfriedstr.6, 8032 Zürich.

Lic. phil. Martina Rossinelli-Isenschmid, Ente Ospedaliero Cantonale, Ospedale Regionale di Bellinzona e Valli, Viale Officina 3, 6500 Bellinzona.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Hans-Christoph Steinhausen, emeritierter ordentlicher Professor an den Universitäten Zürich (CH) und Aalborg (DK), Titular-Professor am Institut für Psychologie, Universität Basel (CH), Adjunct Professor an der Süd-Dänischen Universität Odense (DK) und Honorary Senior Research Advisor am Centre for Child and Adolescent Mental Health, Capital Region Psychiatry, Kopenhagen (DK).

Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Neumünsterallee 9

CH-8032 Zürich

Universität Basel

Institut für Psychologie

Klinische Psychologie und Epidemiologie

Missionsstrasse 62a

CH-4055 Basel

Süddänische Universität

Kinder, und Jugendpsychiatrie, Forschungseinheit

J.B. Vinsløws Vej 285

DK-5000 Odense C

Psychiatrie der Hauptstadtregion

Kinder- und Jugendpsychiatrisches Zentrum, Forschungseinheit

Kildegårdsvej 28

DK-2900 Hellerup

Inhalt

1  Autorenverzeichnis

2  Vorwort

3  1 Theoretische Einführung

4  1.1 Klassifikation und Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störungen

5  1.1.1 Frühkindlicher Autismus (gem. ICD-10 F84.0)

6  1.1.2 Asperger-Syndrom (gem. ICD-10 F84.5)

7  1.1.3 Atypischer Autismus (gem. ICD-10 F84.1)

8  1.1.4 Nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörung (gem. ICD-10 F84.9)

9  1.1.5 High-Functioning-Autismus

10  1.1.6 Autismus-Spektrum-Störungen

11  1.2 Das klinische Bild des Asperger-Syndroms

12  1.3 Komorbidität

13  1.4 Epidemiologie und Verlauf der Autismus-Spektrum-Störungen

14  1.5 Ätiologie der Autismus-Spektrum-Störungen

15  1.5.1 Neuropsychologische und kognitive Aspekte der Autismus-Spektrum-Störungen

16  1.6 Interventionen

17  1.6.1 Inhalte und Ziele eines sozialen Kompetenztrainings

18  1.6.2 Zentrale Bausteine eines Sozialtrainings für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung auf höherem Funktionsniveau

19  1.6.3 Übersicht über evaluierte Trainingsprogramme

20  1.6.4 Ausführliche Darstellung ausgewählter evaluierter Trainingsprogramme

21  1.6.5 Übersicht über nicht evaluierte Trainingsprogramme

22  1.7 Entwicklung des Zürcher KOMPASS-Trainings

23  1.7.1 Psychotherapeutischer Hintergrund

24  2 Konzeption des KOMPASS-Sozialtrainings in der Gruppe

25  2.1 Konzept

26  2.2 Aufbau

27  2.3 Indikation und Kontraindikation

28  2.3.1 Indikationsgespräch

29  2.3.2 Grenzen

30  2.4 Ziele

31  2.5 Rahmenbedingungen

32  2.5.1 Gruppenzusammensetzung

33  2.5.2 Räumlichkeiten

34  2.6 Elternarbeit

35  2.6.1 Informationsabende

36  2.7 Ablauf der KOMPASS-Gruppensitzungen

37  2.8 Arbeitsmaterialien des KOMPASS-Gruppentrainings

38  2.8.1 Ordner

39  2.8.2 Informationsblätter

40  2.8.3 Arbeits- und Protokollblätter

41  2.8.4 Übungen und Spiele

42  2.8.5 Trainingsaufgaben

43  2.8.6 Merkblätter

44  2.9 Trainingsdurchführung

45  2.9.1 Setting

46  2.9.2 Therapeuten

47  2.9.3 Dropouts und Fehlzeiten

48  2.9.4 Gebrauch des Praxishandbuchs

49  2.9.5 Unterschiede bei der Trainingsdurchführung in der Schweiz und in Deutschland

50  3 Einführungsmodul: Kennenlernen

51  3.1 Administratives

52  3.2 Arbeits- und Protokollblätter

53  3.3 Übungen und Spiele

54  3.4 1. KOMPASS-Sitzung

55  3.5 Verzeichnis der Übungen in Kapitel 3

56  4 Modul 1: Emotionen

57  4.1 Einführung in das Modul »Emotionen«

58  4.1.1 Materialien

59  4.1.2 Überblick über die Gefühle

60  4.2 Benennen von Gefühlen

61  4.2.1 Informationsblätter

62  4.2.2 Arbeits- und Protokollblätter

63  4.2.3 Übungen und Spiele

64  4.3 Erkennen von mimisch-gestischen Darstellungen von Gefühlen

65  4.3.1 Informationsblätter

66  4.3.2 Arbeits- und Protokollblätter

67  4.3.3 Übungen und Spiele

68  4.4 Mimisch-gestisches Darstellen von Gefühlen

69  4.4.1 Informationsblätter

70  4.4.2 Arbeits- und Protokollblätter

71  4.4.3 Übungen und Spiele

72  4.5 Gefühle und Stimme

73  4.5.1 Informationsblätter

74  4.5.2 Arbeits- und Protokollblätter

75  4.5.3 Übungen und Spiele

76  4.6 Verbinden von Gefühlen und Situationen: Konventionelle und persönliche Verbindungen

77  4.6.1 Informationsblätter

78  4.6.2 Arbeits- und Protokollblätter

79  4.6.3 Übungen und Spiele

80  4.7 Typisches Reagieren auf Gefühle

81  4.7.1 Informationsblätter

82  4.7.2 Arbeits- und Protokollblätter

83  4.7.3 Übungen und Spiele

84  4.8 Verzeichnis der Übungen in Kapitel 4

85  5 Modul 2: Small Talk und Telefongespräch

86  5.1 Einführung in das Modul »Small Talk und Telefongespräch«

87  5.2 Hintergrund des Small Talks

88  5.2.1 Informationsblätter

89  5.2.2 Arbeits- und Protokollblätter

90  5.2.3 Übungen und Spiele

91  5.3 Die Nähe-Distanz-Skala

92  5.3.1 Informationsblätter

93  5.3.2 Arbeits- und Protokollblätter

94  5.3.3 Übungen und Spiele

95  5.4 Ablauf von Small Talk: Übersicht

96  5.4.1 Informationsblätter

97  5.4.2 Arbeits- und Protokollblätter

98  5.4.3 Übungen und Spiele

99  5.5 Ablauf von Small Talk: Begrüßung

100  5.5.1 Informationsblätter

101  5.5.2 Arbeits- und Protokollblätter

102  5.5.3 Übungen und Spiele

103  5.6 Ablauf von Small Talk: Einleitungssatz

104  5.6.1 Informationsblätter

105  5.6.2 Arbeits- und Protokollblätter

106  5.6.3 Übungen und Spiele

107  5.7 Ablauf von Small Talk: Antwortsatz, Kommentar und Fortsetzungsfrage

108  5.7.1 Informationsblätter

109  5.7.2 Arbeits- und Protokollblätter

110  5.7.3 Übungen und Spiele

111  5.8 Ablauf von Small Talk: Brückenkommentare

112  5.8.1 Informationsblätter

113  5.8.2 Arbeits- und Protokollblätter

114  5.8.3 Übungen und Spiele

115  5.9 Ablauf von Small Talk: Persönliches Erzählen

116  5.9.1 Informationsblätter

117  5.9.2 Arbeits- und Protokollblätter

118  5.9.3 Übungen und Spiele

119  5.10 Ablauf von Small Talk: Abschlusssatz und Verabschieden

120  5.10.1 Informationsblätter

121  5.10.2 Arbeits- und Protokollblätter

122  5.10.3 Übungen und Spiele

123  5.11 Zusammenfügen der einzelnen Bausteine I: Strukturierte Small Talk-Übungen

124  5.11.1 Informationsblätter

125  5.11.2 Arbeits- und Protokollblätter

126  5.11.3 Übungen und Spiele

127  5.12 Zusammenfügen der einzelnen Bausteine II: Small Talk-Trainingsparcours

128  5.12.1 Informationsblätter

129  5.12.2 Arbeits- und Protokollblätter

130  5.12.3 Übungen und Spiele

131  5.13 Zusammenfügen der einzelnen Bausteine III: Small Talk mit Außenstehenden

132  5.13.1 Informationsblätter

133  5.13.2 Arbeits- und Protokollblätter

134  5.13.3 Übungen und Spiele

135  5.14 Zusammenfügen der einzelnen Bausteine IV: Small Talk mit KOMPASS-Gruppenmitgliedern

136  5.14.1 Informationsblätter

137  5.14.2 Arbeits- und Protokollblätter

138  5.14.3 Übungen und Spiele

139  5.15 Telefongespräch

140  5.15.1 Informationsblätter

141  5.15.2 Arbeits- und Protokollblätter

142  5.15.3 Übungen und Spiele

143  5.16 Verzeichnis der Übungen in Kapitel 5

144  6 Modul 3: Nonverbale Kommunikation

145  6.1 Einführung in das Modul »Nonverbale Kommunikation«

146  6.2 Erster Eindruck und höfliches Verhalten

147  6.2.1 Informationsblätter

148  6.2.2 Arbeits- und Protokollblätter

149  6.2.3 Übungen und Spiele

150  6.3 Nonverbale Kommunikation: Einführung

151  6.3.1 Informationsblätter

152  6.3.2 Arbeits- und Protokollblätter

153  6.3.3 Übungen und Spiele

154  6.4 Körperhaltungen und Nähe-Distanz

155  6.4.1 Informationsblätter

156  6.4.2 Arbeits- und Protokollblätter

157  6.4.3 Übungen und Spiele

158  6.5 Nonverbale Kommunikation: Gestik

159  6.5.1 Informationsblätter

160  6.5.2 Arbeits- und Protokollblätter

161  6.5.3 Übungen und Spiele

162  6.6 Nonverbale Kommunikation: Blickkontakt

163  6.6.1 Informationsblätter

164  6.6.2 Arbeits- und Protokollblätter

165  6.6.3 Übungen und Spiele

166  6.7 Nonverbale Kommunikation: Mimik

167  6.7.1 Informationsblätter

168  6.7.2 Arbeits- und Protokollblätter

169  6.7.3 Übungen und Spiele

170  6.8 Nonverbale Kommunikation: Stimme

171  6.8.1 Informationsblätter

172  6.8.2 Arbeits- und Protokollblätter

173  6.8.3 Übungen und Spiele

174  6.9 Nonverbale Kommunikation: Zusammenfügen aller Elemente

175  6.9.1 Informationsblätter

176  6.9.2 Arbeits- und Protokollblätter

177  6.9.3 Übungen und Spiele

178  6.10 Verzeichnis der Übungen in Kapitel 6

179  7 Evaluation

180  7.1 Fragestellungen der KOMPASS-Evaluation

181  7.2 Datenerhebung

182  7.3 Vorgehensweise

183  7.3.1 Therapeutinnen und Therapeuten

184  7.3.2 Eingangsdiagnostik

185  7.3.3 KOMPASS-Basistraining

186  7.3.4 KOMPASS-F für Fortgeschrittene

187  7.3.5 Externe KOMPASS-Basisgruppen

188  7.3.6 Missing Data

189  7.3.7 Wartegruppe

190  7.3.8 Dropout

191  7.3.9 Gruppentherapiedauer

192  7.4 Bemerkungen zur Stichprobe

193  7.4.1 Komorbiditäten

194  7.4.2 Medikation

195  7.4.3 Psychotherapie

196  7.4.4 Schule und Ausbildung

197  7.4.5 Sozioökonomischer Status

198  7.4.6 Nationalität

199  7.5 Statistische Modelle

200  7.6 Vergleich der KOMPASS-Basisgruppe mit der Warte-Kontrollgruppe

201  7.7 Vergleich der KOMPASS-F-Gruppe mit der Katamnesegruppe des Basistrainings (Kontrollgruppe)

202  7.8 Angaben von Aussenstehenden: Lehrpersonen und Ausbilder

203  7.9 Angaben der Teilnehmer (KOMPASS-F)

204  7.10 Angaben der Therapeuten

205  7.11 Katamnese der KOMPASS-Basisgruppe

206  7.12 Katamnese der KOMPASS-F-Gruppe

207  7.13 Verlauf der KOMPASS-Basis- und Fortgeschrittenengruppe mit Unterskalen

208  7.14 Testpsychologische Verlaufsergebnisse

209  7.15 Vergleich der internen KOMPASS-Basisgruppen mit den externen Gruppen

210  7.16 Moderierende Faktoren

211  7.17 Behandlungszufriedenheit

212  7.18 Zusammenfassung der Ergebnisse

213  7.19 Diskussion

214  7.19.1 Wirksamkeit

215  7.19.2 Das KOMPASS-Konzept

216  7.19.3 Untersuchungsdesign

217  7.19.4 Stichprobe

218  7.20 Limitationen und Stärken

219  Literatur

220  Anhang: Übersicht der Materialien zum Download

Vorwort

Im vorliegenden Praxishandbuch1 werden das Zürcher Gruppentraining KOMPASS, Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen, und die Daten zu dessen Evaluation vorgestellt. Dabei handelt es sich um ein Training sozialer Kompetenzen, das sich an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von rund zwölf bis 25 Jahren richtet, die an einer Autismus-Spektrum-Störung mit hohem Funktionsniveau (Asperger-Syndrom, Atypischer Autismus, High-Functioning-Autismus) leiden. Sie wünschen sich Kontakt und Freundschaft, wissen allerdings nicht, wie sie diese aufbauen oder aufrechterhalten können. Tag für Tag empfinden viele ihre Andersartigkeit, fühlen sich von Gleichaltrigen nicht akzeptiert und stoßen aufgrund ihrer sozialen Ungeschicklichkeit nicht selten auf Ablehnung. Diese tägliche Auseinandersetzung mit den eigenen Schwierigkeiten und der zunehmende soziale Anpassungsdruck im Jugend- und Erwachsenenalter führen zu einem wachsenden Leidensdruck. Der Begriff KOMPASS soll nicht nur als Abkürzung verstanden werden, sondern auch verdeutlichen, dass den Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung damit eine Orientierungshilfe in der sozialen Welt zur Verfügung gestellt wird.

Bislang ist das Behandlungsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung auf höherem Funktionsniveau im deutschsprachigen Raum meistens nicht spezifisch auf deren besondere Bedürfnisse zugeschnitten. Die beiden Erstautoren2 Bettina Jenny und Philippe Goetschel haben auf diese Versorgungslücke mit der Entwicklung ihres KOMPASS-Sozialtrainings reagiert. Bettina Jenny hat den theoretischen Hintergrund formuliert, das Praxishandbuch konzipiert und aufgrund eines Vorentwurfs von Martina Isenschmid geschrieben. Hans-Christoph Steinhausen hat das Forschungsprojekt zu einem Sozialtraining in der Gruppe für Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung wie auch die Erstellung des Praxishandbuchs gefördert.

Das KOMPASS-Praxishandbuch bietet im 1. Kapitel eine theoretische Einführung in die Klassifikation der Autismus-Spektrum-Störungen, das klinische Störungsbild und die Komorbiditäten, die Epidemiologie sowie Hinweise auf die Ätiologie und im Besonderen neuropsychologische Aspekte. Ferner gibt es einen Überblick über evaluierte Interventionsprogramme in der Gruppe, die Ziele eines Sozialtrainings und die zentralen Bausteine einer Gruppenintervention für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Das Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung der Entwicklungsgeschichte des KOMPASS-Gruppentrainings.

Das 2. Kapitel schildert den Hintergrund des KOMPASS-Sozialtrainings: Es geht auf das Konzept und den Aufbau ein, Indikation und Ziele, Rahmenbedingungen, Gruppenzusammensetzung und Räumlichkeiten sowie die Eltern- und Bezugspersonenarbeit und beschreibt neben den Materialien und deren Gebrauch auch die Durchführung des Gruppentrainings.

Das erste von vier Modulen folgt im 3. Kapitel. Erläutert wird das Einführungsmodul »Kennenlernen« (E) mit den administrativen Informationen und dem gegenseitigen Kennenlernen der Gruppenmitglieder. Im 4. Kapitel steht das Modul »Emotionen« (M1) mit den Gefühlsbegriffen, dem Erkennen und Ausdrücken von Emotionen sowie dem Reagieren auf Gefühle im Vordergrund. Das Modul »Small Talk« (M2) mit dem wechselseitigen, sozialen Plaudern und dem Telefongespräch wird im 5. Kapitel dargestellt. Im 6. Kapitel folgt das Modul »Nonverbale Kommunikation« (M3) mit Übungen zum Ersteindruck und höflichen Verhalten, zur kommunikativen Mimik und Gestik, zu Körperhaltung und Stimme. Für jede Einheit werden Informations-, Protokoll- und Arbeitsblätter sowie Übungen und Spiele beschrieben. Das notwendige Material wird in einer Übersicht im Anhang ( Übersicht der Materialien zum Download) einzeln aufgelistet und steht auf der Internetseite des Kohlhammer Verlags (https://dl.kohlhammer.de/978-3-17-037134-7) zur Verfügung. Im Text wird des Öfteren mit einer halbfett gedruckten, drei- bis fünfstelligen Zeichenfolge auf dieses Material verwiesen; dabei geben die ersten beiden Zeichen das Modul und die letzten ein bis drei Zeichen die Materialart an, z. B. EM10 für das Einführungsmodul, Material 10, oder M3A12 für Modul 3, Arbeitsblatt 12.

Die Ergebnisse der Evaluation des KOMPASS-Gruppentrainings werden im 7. Kapitel dargestellt und diskutiert. Den Schluss bilden das Literaturverzeichnis sowie der Anhang mit einer Übersicht über alle elektronisch verfügbaren Trainingsmaterialien. Die neue Auflage umfasst zusätzliches Material: Es kamen drei neue Arbeitsblätter, zehn neue Materialien und 22 neue Tondateien hinzu. Zudem wurden 42 neue Übungen entwickelt, sodass sich das Übungsmaterial um einen Drittel vergrößert hat. Manche Übungen wurden überarbeitet und präzisiert und einige wenige, für die zum Beispiel Computerprogramme nicht mehr zur Verfügung stehen, gestrichen. Zudem wurde das Konzept im 2. Kapitel noch weiter präzisiert. Das 7. Kapitel zur Evaluation ist komplett neu. Es umfasst die abschließende Evaluation, die auszugsweise und mit Anpassungen aus Jenny, Goetschel, Schneebeli, Köpfli & Walitza (2019) übernommen worden ist.

Wir danken lic. phil. Martina Isenschmid, die ihre Masterarbeit zu KOMPASS geschrieben hat, M.Sc. Peter Rötlisberger und M.Sc. Camille Schär, unsere ehemaligen wissenschaftlichen Hilfsassistenten, M.Sc. Sandra Schneebeli, die früher einmal als Teilnehmerin KOMPASS besucht hat, M.Sc. Susanne Köpfli, die ihre Masterarbeit zur KOMPASS-Evaluation geschrieben hat, sowie M.Sc. Maya Schneebeli und für die Dateneingabe. Die umfassende abschließende statistische Auswertung erfolgte durch den großen Einsatz von M.Sc. Maya Schneebeli, teilweise im Rahmen ihrer Arbeit an der Forschungsabteilung der KJPP. Herzlichen Dank auch an Dr. sc. nat. Matthias Staib für die große Unterstützung in statistischen Fragen. Dr. med. Ronnie Gundelfinger, der leitende Arzt der Fachstelle Autismus der KJPP, hat die Entwicklung und Evaluation von KOMPASS immer unterstützt.

Besonders dankbar sind wir den Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, von denen wir viel lernen durften und die unsere Sicht auf die Welt und die sozialen Mechanismen des Zusammenlebens erweitert haben. Ihnen und ihren Familien gilt unser Respekt dafür, wie sie den komplexen sozialen Alltag bewältigen.

Zürich, im Herbst 2011

Ergänzungen im Herbst 2020

Bettina Jenny,

Philippe Goetschel,

Maya Schneebeli

Martina Rossinelli-Isenschmid und

Hans-Christoph Steinhausen

1 Der Theorieteil des Manuals stellt einen Teil der Dissertation der Erstautorin dar.

2 Zur besseren Lesbarkeit wird im Manual die grammatisch männliche Form in herkömmlicher Weise auch als geschlechtsneutrale Kollektivform verwendet. Aufgrund der ungleichen Geschlechterverteilung bei Autismus-Spektrum-Störungen bilden männliche Jugendliche ohnehin die größere Klientengruppe.

1 Theoretische Einführung
1.1 Klassifikation und Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störungen

Einleitend wird der Frühkindliche Autismus vorgestellt, da sich die anderen autistischen Störungen wie das Asperger-Syndrom und der Atypische Autismus von dieser Form des Autismus ableiten lassen (Poustka et al. 2008).

Die Forschung zum Asperger-Syndrom blickt auf einen recht kurzen Zeitraum zurück (Baron-Cohen und Klin 2006). Erst 1992, respektive 1994, wurde das Asperger-Syndrom mit seinen diagnostischen Kriterien in die Internationale Klassifikation der WHO (ICD-10) beziehungsweise in das diagnostische und statistische Manual (DSM-IV) der American Psychiatric Association (1994) aufgenommen (Remschmidt und Kamp-Becker 2006). In beiden Klassifikationssystemen werden die autistischen Störungen den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet. Bei den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen handelt es sich um Störungen, die drei Kriterien erfüllen: sie unterliegen wahrscheinlich biologischen Ursachen, sind schon von Geburt an vorhanden oder treten in den ersten Lebensjahren auf und persistieren. Das heißt, die Entwicklung ist nicht nur verzögert, sondern deviant (Poustka et al. 2008).

1.1.1 Frühkindlicher Autismus (gem. ICD-10 F84.0)

Die am besten bekannte autistische Störung ist der Frühkindliche Autismus, die auch klassischer Autismus oder nach Leo Kanner, dem Autor der Erstbeschreibung von 1943, Kanner-Syndrom genannt wird. Die Diagnose Frühkindlicher Autismus (F84.0) beinhaltet nach den Forschungskriterien der ICD-10 (WHO 1992; Remschmidt et al. 2006) Verhaltensauffälligkeiten in drei Bereichen.

»A. Vor dem dritten Lebensjahr manifestiert sich eine auffällige und beeinträchtigte Entwicklung in mindestens einem der folgenden Bereiche:

1. rezeptive oder expressive Sprache, wie sie in der sozialen Kommunikation verwandt wird;

2. Entwicklung selektiver sozialer Zuwendung oder reziproker sozialer Interaktion;

3. funktionales oder symbolisches Spielen.

B. Insgesamt müssen mindestens sechs Symptome von 1., 2. und 3. vorliegen, davon mindestens zwei von 1. und mindestens je eins von 2. und 3.:

1. Qualitative Beeinträchtigung der gegenseitigen sozialen Interaktion in mindestens drei der folgenden Bereiche:

a. Unfähigkeit, Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik zur Regulation sozialer Interaktionen zu verwenden;

b. Unfähigkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen, mit gemeinsamen Interessen, Aktivitäten und Gefühlen (in einer für das geistige Alter angemessenen Art und Weise, trotz hinreichender Möglichkeiten);

c. Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer Beeinträchtigung oder devianten Reaktion auf die Emotionen anderer äußert; oder Mangel an Verhaltensmodulation entsprechend dem sozialen Kontext; oder nur labile Integration sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltens;

d. Mangel, spontan Freude, Interessen oder Tätigkeiten mit anderen zu teilen (z. B. Mangel, anderen Menschen Dinge, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, zu zeigen, zu bringen oder zu erklären).

2. Qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:

a. Verspätung oder vollständige Störung der Entwicklung der gesprochenen Sprache, die nicht begleitet ist durch einen Kompensationsversuch durch Gestik oder Mimik als Alternative zur Kommunikation (vorausgehend oft fehlendes kommunikatives Geplapper);

b. relative Unfähigkeit, einen sprachlichen Kontakt zu beginnen oder aufrechtzuerhalten (auf dem jeweiligen Sprachniveau), bei dem es einen gegenseitigen Kommunikationsaustausch mit anderen Personen gibt;

c. stereotype und repetitive Verwendung der Sprache oder idiosynkratischer Gebrauch von Wörtern oder Phrasen;

d. Mangel an verschiedenen spontanen Als-ob-Spielen oder (bei jungen Betroffenen) sozialen Imitationsspielen.

3. Begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten in mindestens einem der folgenden Bereiche:

a. umfassende Beschäftigung mit gewöhnlich mehreren stereotypen und begrenzten Interessen, die in Inhalt und Schwerpunkt abnorm sind; es kann sich aber auch um ein oder mehrere Interessen ungewöhnlicher Intensität und Begrenztheit handeln;

b. offensichtlich zwanghafte Anhänglichkeit an spezifische, nicht-funktionale Handlungen oder Ritualen;

c. stereotype und repetitive motorische Manierismen mit Hand- oder Fingerschlagen oder Verbiegen, oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers;

d. vorherrschende Beschäftigung mit Teilobjekten oder nicht funktionalen Elementen des Spielmaterials (z. B. ihr Geruch, die Oberflächenbeschaffenheit oder das von ihnen hervorgebrachte Geräusch oder ihre Vibration).

C. Das klinische Bild darf sich nicht einer anderen Störung zuordnen lassen (z. B. andere tiefgreifenden Entwicklungsstörung, Sprachentwicklungsstörung, Intelligenzminderung, Bindungsstörung, Schizophrenie).«

Die Auffälligkeiten in diesen Bereichen äußern sich bei Menschen mit Frühkindlichem Autismus in einem Mangel an Verständnis für und der Äußerung von Gefühlen, in einer fehlenden Modulation des Verhaltens entsprechend des sozialen Kontextes, in mangelndem Interesse an Menschen, mangelnder Flexibilität sowie in einem Bedürfnis nach Wiederholung, das sich in stereotypem Verhalten zeigt. Es kommt häufig zu einer übermäßigen Bindung an unbelebte Objekte und zu Sonderinteressen, die meistens unüblich sind und den Alltag dieser Personen sowie den ihrer Mitmenschen dominieren (Remschmidt et al. 2006). Die zeitliche Beanspruchung zusammen mit der notwendigen Konzentration und Energie, die in diese Sonderinteressen gesteckt werden, führen häufig zu sozialer Isolation (Poustka et al. 2008; Bennett et al. 2008).

Bis zu 70% aller Kinder mit Frühkindlichem Autismus weisen eine leichte oder deutliche intellektuelle Beeinträchtigung auf (Chakrabarti und Fombonne 2001; Fombonne 2005) ( Kap. 1.3). Die Sonderinteressen, die manchmal den Eindruck einer überdurchschnittlichen Intelligenz geben können, sind eher als Inselbegabungen zu sehen, welche aus einem insgesamt unterdurchschnittlichen Leistungsprofil herausragen (Remschmidt et al. 2006). Bis zu 70% der Kinder mit Frühkindlichem Autismus entwickeln keine funktionale verbale Sprache (Chakrabarti und Fombonne 2001).

1.1.2 Asperger-Syndrom (gem. ICD-10 F84.5)

Hans Asperger, der 1944 das Syndrom erstmalig beschrieb, verwendete den Begriff der Autistischen Psychopathie. Lorna Wing rückte das Störungsbild zu Beginn der 1980er-Jahre wieder in die Aufmerksamkeit der Kliniker und Forscher. Erst 1992 wurde es in die ICD-10 und 1994 in das DSM-IV aufgenommen und international bekannt (Remschmidt et al. 2006). Das Asperger-Syndrom unterscheidet sich vom Frühkindlichen Autismus durch zwei Aspekte: Es lässt sich weder eine sprachliche noch eine allgemeine Entwicklungsverzögerung feststellen (Baron-Cohen 2006).

Die diagnostischen Kriterien des Asperger-Syndroms (F84.5) lauten nach den Forschungskriterien der ICD-10 (Remschmidt et al. 2006):

»A. Es fehlt eine klinisch eindeutige allgemeine Verzögerung der gesprochenen oder rezeptiven Sprache oder der kognitiven Entwicklung. Die Diagnose verlangt, dass einzelne Worte bereits im zweiten Lebensjahr oder früher und kommunikative Phrasen im dritten Lebensjahr oder früher benutzt werden. Selbsthilfefertigkeiten, adaptives Verhalten und die Neugierde an der Umgebung sollten während der ersten drei Lebensjahre einer normalen intellektuellen Entwicklung entsprechen. Allerdings können Meilensteine der motorischen Entwicklung etwas verspätet auftreten und eine motorische Ungeschicklichkeit ist ein häufiges (aber kein notwendiges) diagnostisches Merkmal. Isolierte Spezialfertigkeiten, oft verbunden mit einer auffälligen Beschäftigung sind häufig, aber für die Diagnose nicht erforderlich.

B. Qualitative Beeinträchtigung der gegenseitigen sozialen Interaktion (entsprechend den Kriterien für Frühkindlichen Autismus).

C. Ein ungewöhnlich intensives, umschriebenes Interesse oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten (entspricht dem Kriterium für Autismus, hier sind aber motorische Manierismen, ein besonderes Beschäftigtsein mit Teilobjekten oder mit nicht-funktionalen Elementen von Spielmaterial ungewöhnlich).

D. Die Störung ist nicht einer anderen tiefgreifenden Entwicklungsstörung oder sonst einer Störung (F21, F20.6, F94.1, F94.2, F60.5, F42) zuzuordnen.«

Die Sprache von Menschen mit einem Asperger-Syndrom kann insofern auffällig sein, da sie ohne Anpassung an den Zuhörer und seine Interessen erfolgt und die Stimme monoton und nur mit geringer Modulation versehen ist.

Während sich die diagnostischen Kriterien von ICD-10 und DSM-IV gleichen, finden sich in der neueren Forschungsliteratur weitere, abweichende Vorschläge zur Definition (Remschmidt et al. 2006; Poustka et al. 2008): die diagnostischen Kriterien nach Gillberg (Gillberg und Gillberg 1989, Gillberg 2002), nach Szatmari (Szatmari et al. 1989) und nach Klin (Klin et al. 2005). Besonders diskutiert werden das Kriterium des Erstmanifestationsalters, der Einschluss der sprachlichen Auffälligkeiten im verbalen und nonverbalen Bereich sowie der motorischen Ungeschicklichkeit und die Bedeutung der Spezialinteressen. Außerdem werden die Ausschlusskriterien einer verzögerten Sprachentwicklung und einer nicht durchschnittlichen Intelligenz infrage gestellt. Ferner ist noch nicht ausreichend geklärt, inwieweit sich der sogenannte High-Functioning-Autismus ( Kap. 1.1.5) vom Asperger-Syndrom abgrenzen lässt (Ghaziuddin und Mountain-Kimchi 2004). Im Bereich der exekutiven Funktionen ( Kap. 1.5.1) finden Ozonoff et al. (1991a) sowie Ozonoff et al. (1991b) Unterschiede, Verté et al. (2006) hingegen keine.

1.1.3 Atypischer Autismus (gem. ICD-10 F84.1)

Beim Atypischen Autismus handelt es sich um eine Störung, bei der mindestens ein für die Diagnose des Frühkindlichen Autismus erforderliches Kriterium nicht erfüllt ist. Nach ICD-10 (Remschmidt et al. 2006) werden drei Typen von Atypischem Autismus unterschieden:

• Autismus mit atypischem Erkrankungsalter (F84.10): Die diagnostischen Kriterien des Frühkindlichen Autismus sind erfüllt, das Manifestationsalter ist jedoch verspätet, die auffällige oder beeinträchtigte Entwicklung wird erst nach dem dritten Lebensjahr deutlich.

• Autismus mit atypischer Symptomatologie (F84.11): Es fehlen notwendige Symptome aus einem der folgenden drei Bereiche – soziale Interaktion, Kommunikation oder repetitiv-stereotype Verhaltensweisen.

• Autismus mit atypischem Erkrankungsalter und atypischer Symptomatologie (F84.12): Sowohl das Erkrankungsalter als auch die Symptomatologie entsprechen nicht den Kriterien für die Diagnose eines Frühkindlichen Autismus.

1.1.4 Nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörung (gem. ICD-10 F84.9)

Diese Restkategorie wird verwendet, wenn die allgemeine Beschreibung für eine tiefgreifende Entwicklungsstörung zutrifft, ein Mangel an ausreichenden Informationen oder widersprüchliche Befunde aber dazu führen, dass die Kriterien für die einzelnen F84 Kodierungen nicht erfüllt werden können. Diese Restkategorie taucht häufig in Studien aus dem englischsprachigen Raum unter der Bezeichnung Pervasive Developmental Disorder Not Otherwise Specified (PDD NOS) auf.

1.1.5 High-Functioning-Autismus

Der High-Functioning-Autismus stellt eine Untergruppe des Frühkindlichen Autismus dar. Es gibt Menschen mit Frühkindlichem Autismus, die eine durchschnittliche Intelligenz (IQ > 85) oder eine Lernbehinderung (70 < IQ < 85) haben und trotz einer anfänglich verzögerten Sprachentwicklung meist über gute verbale Fähigkeiten verfügen (Poustka et al. 2008). Seit Lorna Wing werden sie in der Literatur oft zu einer eigenen Gruppe, der des High-Functioning-Autismus zusammengefasst. Die ICD-10 und das DSM-IV kennen keine entsprechende nosologische Klassifikation. Diese hat sich jedoch in der Praxis bewährt, um die Kinder zu beschreiben, welche sich im Verlauf ihrer Entwicklung phänomenologisch vom Frühkindlichen Autismus weg hin zum Asperger-Syndrom entwickeln (Poustka et al. 2008).

1.1.6 Autismus-Spektrum-Störungen

Es ist stark umstritten, ob es sich bei den zuvor beschriebenen Störungen tatsächlich um unterschiedliche Störungen handelt (Schopler et al. 1998, zit. nach Solomon et al. 2004). Aufbauend auf empirischen Arbeiten (Lord et al. 2000; Lord et al. 2001, zit. nach Poustka et al. 2008) sind Theorien entwickelt worden, wonach sich die autistischen Störungen nicht kategorial voneinander unterscheiden, sondern auf einem Kontinuum anzuordnen sind, bei welchem sich die Symptomatik nicht qualitativ, sondern quantitativ bezüglich des Ausprägungsgrads unterscheidet (Poustka et al. 2008). Besonders umstritten ist die Frage der Unterscheidung zwischen Asperger-Syndrom und Atypischem Autismus (Koyama et al. 2007). Häufig wird daher von Autismus-Spektrum-Störungen gesprochen, welche sowohl den Frühkindlichen Autismus als auch das Asperger-Syndrom und den Atypischen Autismus beinhalten (Remschmidt et al. 2006).

Vom Begriff der Autimus-Spektrum-Störungen sind gemäß dem aktuellen Forschungsstand die Begriffe »autistische Züge« und »Broader Autism Phenotype« abzugrenzen. Beide besagen, dass es Menschen gibt, die verschiedene Verhaltensmerkmale zeigen, die denjenigen von Menschen mit Autismus entsprechen, obwohl nicht alle notwendigen Kriterien für eine klinische Diagnose erfüllt sind. Meistens sind soziale und kommunikative Beeinträchtigungen zu beobachten, während repetitive Verhaltensweisen, sensorische Auffälligkeiten und manchmal auch eingeschränkte Interessen fehlen (Skuse 2010).

1.2 Das klinische Bild des Asperger-Syndroms

Die besonderen Verhaltensmerkmale von Menschen mit einer Störung aus dem autistischen Spektrum führen zu Einschränkungen und Beeinträchtigungen im alltäglichen Umgang und im Zusammenleben mit ihren Mitmenschen. Kinder mit Asperger-Syndrom werden zwar früh von den Eltern und weiteren Bezugspersonen – gerade auch im Vergleich zu möglicherweise vorhandenen Geschwisterkindern – als »anders« erlebt, fallen aber meist erst beim Eintritt in eine feste soziale Gruppe auf, also in einer Spielgruppe, dem Kindergarten oder der Schule. Zuvor war jedoch das Spielverhalten meist schon qualitativ auffällig, da Imitations-, Rollen- und Phantasiespiele oftmals fehlten. In der Kleinkindzeit dominieren Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation zum Beispiel bei Veränderungen oder Neuem, dominantes Spiel- und Interaktionsverhalten, eine auffällige Spielentwicklung mit eher sich wiederholenden und unflexiblen Spiel- und Interessenmustern und wenig Rollen- und Phantasiespiel sowie »ungezogene« Verhaltensweisen, welche soziale Konventionen verletzen. Manchmal entwickeln sich auch erst in der mittleren Kindheit als problematisch erlebte Verhaltensweisen, wenn die Komplexität der sozialen Interaktionen und der organisatorischen Anforderungen in der Schule zunimmt.

Menschen mit Asperger-Syndrom wirken trotz ihres sozialen Interesses, das sich immer wieder neben den Phasen des Rückzugs zeigt, sehr auf sich bezogen, wenig an partnerschaftlichem Austausch interessiert sowie oft unempathisch, emotional wenig schwingungsfähig und dadurch gefühlskalt. Sie suchen weniger geteilte Aufmerksamkeit und stellen seltener geteilte Freude her. Die impliziten und meist subtilen Regeln (z. B. Teilen) und Konventionen (z. B. Grüßen) des sozialen Zusammenlebens verstehen sie oft nicht und verhalten sich dementsprechend so, dass sie als unsozial, egoistisch oder schlecht erzogen erlebt werden.

Diese Kinder verfügen nicht über das notwenige Verhaltensrepertoire, um mit anderen entsprechend den gegebenen Konventionen zu interagieren. Gemäß der Studie von Knott et al. (2006) nehmen Kinder mit Asperger-Syndrom und High-Functioning-Autismus ihre sozialen Schwächen durchaus wahr: Im Schnitt schätzen sie ihre sozialen Fertigkeiten (z. B. Umgang mit Gruppen, Affektregulation) und Kompetenzen (z. B. Entwicklung von Freundschaften) signifikant tiefer ein (eine Standardabweichung) als die gleichaltrige Kontrollgruppe. Die Eltern schätzen die sozialen Möglichkeiten sogar noch tiefer ein (fast zwei Standardabweichungen unter dem Mittel der Kontrollgruppe), sie stimmen jedoch mit den Kindern darin überein, in welchen Bereichen die Schwierigkeiten liegen.

Dieser Mangel an sozialen Fertigkeiten verhindert, dass die Betroffenen zeitgerecht bestimmte Meilensteine der kindlichen Entwicklung bewältigen und befriedigende familiäre Beziehungen und Kontakte zu Gleichaltrigen pflegen können. Im Vergleich zu Gleichaltrigen haben Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom in der Folge weniger Freunde (Koning und Magill-Evans 2001). Aufgrund ihrer geringeren sozialen Responsivität sind sie in Gruppen, die sich nicht primär über ein gemeinsames Interesse definieren, oft nicht integriert und nehmen eine Außenseiterposition ein: Sie werden durch Gleichaltrige und Geschwister sozial ausgegrenzt und geschnitten, geschlagen und geplagt oder sogar gemobbt (Little 2001). Attwood (2018) zeigt auf, dass Kinder mit Asperger-Syndrom sowohl wegen ihrer passiven, zurückgezogenen, unsicheren Art als auch ihrer aktiven, dominierenden, sozial ungeschickten Verhaltensweise von anderen Kindern eingeschüchtert und tyrannisiert werden. Das Risiko wird dadurch erhöht, dass sie unstrukturierte, freie Zeiten (z. B. Pausen) oft alleine verbringen, über einen geringen sozialen Status verfügen und sich kaum zu wehren wissen (Attwood 2018.). Kinder mit Asperger-Syndrom fühlen sich einsamer (Bauminger und Kasari 2000), verfügen oft über ein unreifes oder ungewöhnliches Konzept von Freundschaft (Botroff et al. 1995, zit. n. Attwood 2000) und erleben Freundschaften als weniger unterstützend (Bauminger und Kasari 2000).

Menschen mit Asperger-Syndrom wirken kommunikativ unbeholfen, indem sie Gespräche nicht angemessen beginnen, aufrechterhalten und beenden. Das etwas oberflächliche soziale Plaudern zur Festigung des Kontakts oder zur Überbrückung gemeinsam verbrachter Zeit (Small Talk) fehlt oft. Gespräche verlaufen meist nach einem von zwei Mustern: Entweder ergibt sich ein eher starrer Wechsel von Fragen und unkommentierten Antworten oder der Betroffene beginnt über ein ihm wichtiges Thema zu monologisieren, ohne Kommentare, Fragen oder Hinweise des Gegenübers hinsichtlich eines geringen Interesses am Gesprächsgegenstand ausreichend zu beachten. Schnell können sich im Gespräch Missverständnisse ergeben, da die Betroffenen weniger zwischen den Zeilen lesen und daher das Gemeinte nicht aus dem faktisch Formulierten ableiten können. Unbeabsichtigt können sie verletzende Bemerkungen machen, da sie sich zu wenig bewusst sind, wie das Gesagte vom Gegenüber aufgenommen wird. Sie zeigen wenig Körpersprache oder eine übertriebene, was sich auch in einer eher flachen Mimik oder im Grimassieren ausdrückt, und sie verstehen nonverbale Signale nicht als Hinweis, wie eine Aussage zu interpretieren ist. Subtile Zeichen werden meist nicht verstanden. Ihre Formulierungen wirken oft nicht altersgemäß, mal zu altklug, dann wieder zu naiv. Ihre Stimme ist meist wenig moduliert, zeigt wenig Betonungen oder andere Rhythmisierungen und kann auch zu laut oder zu leise sein.

Sobald die besonderen Interessengebiete der Menschen mit Asperger-Syndrom in das Gespräch einfließen, werden ihr großes Wissen und ihre diesbezügliche Konzentrationsfähigkeit deutlich. Dieses Wissen ist eher lexikalischer, sachlicher und oft technischer Natur und ignoriert manchmal die Einbindung in größere Zusammenhänge. Die Betroffenen zeigen eine hohe Motivation, sich damit auch auf Kosten von sozialen Aktivitäten zu beschäftigen. Schon in jungen Jahren kann ein hinsichtlich der kognitiven als auch sozialen Komponenten auffälliges Spielverhalten beobachtet werden (z. B. kein Imitations-, Rollen-, Phantasie- oder Gruppenspiel).

Menschen mit Asperger-Syndrom wirken oft bis in das Erwachsenenalter motorisch ungeschickt und gestalten motorische Tätigkeiten unökonomisch. Sie haben Mühe, sich auf Neues, Unerwartetes einzulassen und reagieren entsprechend unflexibel bei Veränderungen von Abläufen oder geplanten Aktivitäten, bei spontanen Ideen, wie auch auf jahreszeitlich bedingte Veränderungen (z. B. Kleiderwechsel). Manche zeigen sensorische Überempfindlichkeiten vor allem gegenüber Geräuschen, aber auch Gerüchen und Geschmacksempfindungen, Helligkeit oder bestimmten Berührungen zum Beispiel durch Kleider. Jugendliche schenken einer angemessenen Körperpflege häufig wenig Beachtung.

Menschen mit Asperger-Syndrom sind schneller als andere und leicht zu irritieren und verfügen manchmal über eine ungenügende Emotionsregulation, sodass für Außenstehende ganz unerwartet heftige emotionale Ausbrüche zu beobachten sind. Bereits im Kindesalter erleben Menschen mit Asperger-Syndrom ihre Andersartigkeit. Aufgrund ihrer reduzierten Fähigkeit zum Perspektivenwechsel attribuieren sie die Ursache jedoch lange dem Gegenüber und nicht dem eigenen Verhalten (»Die anderen sind ganz anders.«). Bis hinein in das Jugendalter haben sie oft nur ein begrenztes Verständnis für den eigenen Anteil an den sozialen Schwierigkeiten, da auch die Introspektionsfähigkeit aufgrund der mangelnden Theory of Mind ( Kap. 1.5.1) weniger gut entwickelt ist. Zudem wollen viele gerade in der Pubertät nur ja nicht auffallen und sich nicht von den anderen Jugendlichen unterscheiden. Dadurch ist die Veränderungsmotivation oft stark eingeschränkt und wird erst gegen Ende des Jugendalters oder im jungen Erwachsenenalter größer, was auch Auswirkungen auf die Therapieplanung hat.

Das klinische Erscheinungsbild der Mädchen mit Asperger-Syndrom unterscheidet sich in verschiedener Hinsicht von demjenigen der Jungen, was die Diagnose oft erschwert. Mädchen gehen mit ihren Schwierigkeiten und ihrem erlebten Anderssein anders um. Sie ahmen andere nach oder kopieren sie sogar bis in die Körpersprache hinein, passen sich so stark an, dass sie kaum mehr eine eigene Meinung zu haben scheinen, und fügen sich fast bis zur Unsichtbarkeit in eine Gruppe ein. Oft suchen sie sich eine gute Freundin, welche sie durch ihr Vorbild und ihre Solidarität an sozialen Stolpersteinen vorbeiführt. Somit fallen sie in sozialen Situationen weniger auf und werden seltener als störende Problemkinder wahrgenommen. Mädchen mit Autismus zeigen mehr So-tun-als-ob- und Phantasiespiel als Jungen und unterscheiden sich darin kaum von nicht betroffenen Mädchen (Knickmeyer et al. 2008). Ihre Spezialinteressen sind oft sozialerer und weniger technischer Art: In Phantasiespielen mit Tieren und Puppen spielen sie (erlebte) soziale Situationen exzessiv nach, um sie zu verstehen und einzuüben. Anhand von Geschichten und Vorabend-Fernsehserien versuchen sie intuitiv, ihr soziales Verständnis zu trainieren.

Menschen mit Asperger-Syndrom weisen viele Stärken auf, welche sich aber oft nicht in denselben Situationen wie ihre Schwächen zeigen. »Menschen mit Asperger-Syndrom sind, aufgrund der beschriebenen Entwicklung, aber auch sehr loyal anderen gegenüber, sie lügen oder täuschen andere Menschen nicht. Sie sind zuverlässig und halten sich auch verlässlich an einmal akzeptierte Regeln. Sie sind unvoreingenommen anderen Menschen gegenüber und betrachten andere Menschen ohne Vorurteile. Sie machen sich nicht abhängig von Moden oder Meinungen anderer und sagen offen und ohne Scheu, was sie denken. Dabei sprechen sie in einer eindeutigen, unzweideutigen Sprache und verfügen in vielen Bereichen über einen großen Wortschatz. Sie haben Spaß an ungewöhnlichen Wortbildungen und Wortspielen. In speziellen Wissensbereichen verfügen sie über ein bewundernswertes Wissen, dass sie gerne und ausführlich preisgeben« (Remschmidt et al. 2006, S. 76). Oft sind es dieselben Verhaltensmerkmale, welche je nach Betrachtungsweise und Situation wie die Kehrseite einer Münze mal eine Stärke und mal eine Schwäche darstellen. So kann der sorgfältige Blick für Details zum Verlust des Gesamtüberblicks führen, aber auch zum Erkennen von wesentlichen Unterschieden, oder die sachliche Kommunikation verhindert zwar das Heraushören kommunikativer Zwischentöne, führt aber zu einem transparenten Austausch, bei dem alle Beteiligten wissen, woran sie sind.

Eine Übersicht zu den gängigen diagnostischen Instrumenten, eingeteilt nach kategorialen Skalen (Screening-Fragebogen, Beobachtungsskalen, Interviews), dimensionalen Fragebogen, Selbstbeurteilungsbogen sowie Skalen zur Verlaufs- und Förderdiagnostik, aber auch spezifischen Skalen zum Asperger-Syndrom, findet sich in Bölte (2010).

1.3 Komorbidität

In der Metaanalyse von Fombonne (2005) weisen 70% aller Kinder im gesamten autistischen Spektrum eine mäßige oder schwere Intelligenzminderung auf. Chakrabarti und Fombonne (2001) finden in ihrer Einzelstudie für das gesamte Spektrum eine deutlich niedrigere Komorbidität von 25% mit einer Intelligenzminderung. Definitionsgemäß kommt es beim Asperger-Syndrom zu keiner Beeinträchtigung der Intelligenz. 20% der Kinder mit Frühkindlichem Autismus haben eine schwere, 50% eine leichte geistige Behinderung, während 30% keine intellektuelle Beeinträchtigung zeigen (Fombonne 2005). Baird et al. (2006) fanden ähnliche Zahlen. Diese letzte Gruppe von normal intelligenten Kindern mit Frühkindlichem Autismus wäre dann dem High-Functioning-Autismus zuzuordnen.

Menschen mit Autismus weisen manchmal auch andere psychische Störungen auf. Heutzutage wird deshalb diskutiert, ob zusätzliche Symptome bei Autismus eine Zweit- oder Drittdiagnose rechtfertigen (Poustka et al. 2008). Die Übersichten von Tsai (1996) und Skuse (2010) verweisen auf ein erhöhtes Risiko für Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität, Tic-Störungen, affektive Störungen (Angststörungen, Phobien, depressive Störungen), Zwangsstörungen und Autoaggression, wobei die Prozentzahlen je nach Studie schwanken. Remschmidt et al. (2006) erwähnen zudem Essstörungen, Mutismus, Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen. Rund zwei Drittel (65%) aller Menschen mit Asperger-Syndrom weisen mindestens eine psychische Komorbidität auf (Ghaziuddin et al. 1998, zit. nach Remschmidt et al. 2006), wobei im Kindesalter vor allem Aufmerksamkeitsprobleme und Hyperaktivität (Goldstein und Schwebach 2004). und im Jugendalter eher depressive Symptome auftreten.

Bei rund 10% der Kinder (Chakrabarti und Fombonne 2001) finden sich auch verschiedene organische Syndrome wie zum Beispiel Epilepsie, das Fragile X-Syndrom, das Prader-Willi-Syndrom oder die tuberöse Sklerose, welche mit Verhaltensweisen auftreten, die phänomenologisch denjenigen der autistischen Störungen ähnlich sind (Poustka et al. 2008). Etwa 30% der Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (Tsai 1996) entwickeln unabhängig von ihrer Intelligenz im Verlauf ihres Lebens eine Epilepsie, deutlich häufiger tritt diese bei Kindern mit Frühkindlichem Autismus und einer schweren intellektuellen Retardierung auf (Fombonne 2005).

Eine Übersicht über die Differentialdiagnostik zu weiteren tiefgreifenden Entwicklungsstörungen sowie zu anderen psychiatrischen und somatischen Störungen bietet Bölte (2010).

1.4 Epidemiologie und Verlauf der Autismus-Spektrum-Störungen

Epidemiologische Studien zu den Autismus-Spektrum-Störungen werden schon seit über 40 Jahren durchgeführt. Vor allem in den letzten Jahren konnte eine starke Zunahme der Aktivität in diesem Forschungsbereich beobachtet werden (Fombonne 2005). Die Ergebnisse dieser Studien sind nur schwer miteinander zu vergleichen, da sich die diagnostischen Kriterien und die Nomenklatur laufend verändert haben. Die Studie von Chakrabarti et al. (2001), welche als eine der besten epidemiologischen Arbeiten gilt (Rutter 2005), und die Metaanalyse von Fombonne (2005), die insgesamt 34 epidemiologische Studien zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen bei Kindern analysiert, weisen folgende Anzahl Betroffener pro 10 000 Menschen aus – die etwas niedrigeren Werte stammen aus der Studie von Chakrabarti et al. (2001):

• Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (insgesamt): 60–62.6 pro 10 000

• Frühkindlicher Autismus: 13–16.8 pro 10 000

• Asperger-Syndrom: 3–8.4 pro 10 000

Baird et al. (2006) fanden in ihrer Kohorte in England noch höhere Prävalenzzahlen.

Schaut man sich die Resultate der epidemiologischen Studien aus den letzten zehn Jahren an, kann eine Zunahme der Autismus-Spektrum-Störungen beobachtet werden (Fombonne 2005). Ob es sich dabei um eine tatsächliche Zunahme handelt oder ob sich diese Veränderung auf die Entwicklung immer genauerer diagnostischer Kriterien zurückführen lässt, ist umstritten (Remschmidt et al. 2006; Poustka et al. 2008). Es ist aber davon auszugehen, dass diese Zunahme die Folge eines höheren Informationsniveaus sowohl unter Fachleuten als auch Eltern ist sowie neuerer und effektiverer Diagnoseinstrumente wie auch veränderter Diagnosekriterien (Fombonne 2005). So zeigt sich beispielsweise in der Studie von Wazana et al. (2007) ein 1,5-facher Anstieg der Prävalenzraten für eine Autismus-Diagnose bei einem Wechsel von den Kriterien des DSM-III zu den Kriterien des DSM-IV. Zudem sind die meisten älteren Studien methodologisch nicht mit den aktuellen zu vergleichen (Poustka et al. 2008). Bölte et al. (2007) machen auch auf die Probleme der Sensitivität und Spezifität der verwendeten diagnostischen Instrumente aufmerksam. Nach Fombonnes Metaanalyse (2005) liegen weder ethnische Effekte noch Zusammenhänge mit bestimmten sozioökonomischen Gesellschaftsschichten vor.

Der Punkt, in dem sich alle Autoren einig sind, ist die trotz schwankender Zahlen charakteristische Geschlechterverteilung zuungunsten der Jungen. Durchschnittlich kann von einem Verhältnis von 4 : 1 gesprochen werden (Fombonne 2005). Dieses Ungleichgewicht zeigt sich bei den autistischen Störungen mit einem höheren Funktionsniveau, wie zum Beispiel beim Asperger-Syndrom, mit einer Durchschnittschätzung von etwa 6–8 : 1 noch deutlicher (Fombonne 2005). In der Gruppe der Kinder mit einer Intelligenzminderung steigt die Rate der betroffenen Mädchen markant an, es findet sich ein Verhältnis von 2 : 1 (Fombonne 2005; Skuse 2010). Zudem sind die Mädchen im Allgemeinen schwerer von den Störungen betroffen (Poustka et al. 2008). Skuse (2010) diskutiert als mögliche Erklärungen für den Geschlechtsunterschied bei Autismus genetische, endokrinologische und auf den diagnostischen Kriterien beruhende Ansätze.

Die Autismus-Spektrum-Störungen remittieren im Alter nicht, sondern es finden sich im Verlauf der Kindheit oft eine Zuspitzung der mangelnden sozialen und später beruflichen Integration und bis in das Erwachsenenalter hinein ein Rückzug auf die Sonderinteressen. Wie die Studie von Gillberg et al. (2010) zeigt, bleiben die Diagnosen bis in das Erwachsenenalter recht stabil. Im Alter von vier bis fünf Jahren findet sich häufig eine starke Ausprägung der Symptomatik, weswegen diagnostische Instrumente wie zum Beispiel das Autismus-Interview (ADI-R; Bölte et al. 2006) gezielt nach dieser Zeitspanne fragen. Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung auf hohem Funktionsniveau zeigen oft ein klares soziales Interesse, welches aber aufgrund der mangelnden sozialen, kommunikativen und emotionalen Kompetenzen nicht zur altersgemäßen sozialen Integration in die Gleichaltrigengruppe und zum erfolgreichen Aufbau von Freundschaften führt. Im Jugendalter verstärkt sich dann der soziale Anpassungsdruck, wodurch oft auch ein hoher Leidensdruck entsteht, der zu einer sekundären depressiven, ängstlichen oder vermehrt zwanghaften Symptomatik bis zu Suizidalität führen kann (Remschmidt et al. 2006; Gillberg et al. 2010). Ghaziuddin et al. (2002) sprechen sogar von einer Prävalenz von 30–40% für suizidale Handlungen. Die Symptomatik verstärkt sich mit fortschreitendem Alter durch das immer komplexere soziale Umfeld und die Erkenntnis der eigenen Andersartigkeit. Während sich nach der Schulzeit mehr soziale Nischen für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ergeben und ihnen die Kommunikation mit Erwachsenen manchmal einfacher fällt, führen die Defizite der sozialen Kompetenzen jedoch zu geringeren schulischen und beruflichen Qualifikationen, und nur ein geringer Teil der Erwachsenen geht einem selbstständigen Leben und einer Arbeit auf dem freien Markt nach (Howlin und Goode 1998, zit. nach Krasny et al. 2003). Auch Engström et al. (2003) fanden in ihrer Untersuchung ein beträchtlich tieferes allgemeines psychosoziales Funktionsniveau im Erwachsenenalter gemessen an der Beschäftigungsrate, der Anzahl von Partnerschaften und dem Ausmaß der erforderlichen Unterstützungsleistungen. Demgegenüber sind die Befunde aus der Studie von Gillberg et al. (2010) weniger ungünstig: In der von den Autoren untersuchten Gruppe führte lediglich ein Viertel ein deutlich eingeschränktes Leben ohne Berufstätigkeit und Freunde. In ihrem Beitrag geben Gillberg et al. (2010) einen zusammenfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Verlaufsuntersuchungen bei Menschen mit dem Asperger-Syndrom.

1.5 Ätiologie der Autismus-Spektrum-Störungen

Für das Asperger-Syndrom ist die Erkenntnislage zu den Ursachen deutlich schlechter als für den Frühkindlichen Autismus, da es erst spät in den 1980er-Jahren in das Forschungsinteresse gerückt ist. Gemäß den aktuellen Forschungsbefunden werden aber dieselben Faktoren für das ganze autistische Spektrum diskutiert.

Die tiefgreifenden Entwicklungsstörungen weisen eine mehrdimensionale Ätiologie mit einem Schwerpunkt bei biologischen Faktoren (Remschmidt et al. 2006; Poustka et al. 2008) auf, wofür der frühe Störungsbeginn, die hohe Verhaltenskonkordanz bei eineiigen im Vergleich zu zweieiigen Zwillingen, die hohe Komorbidität mit einer Intelligenzminderung, die hohe Rate neurologischer Auffälligkeiten und neuropsychologischer Funktionsstörungen ( Kap. 1.5.1) sowie die Assoziation mit bekannten genetischen Erkrankungen ( Kap. 1.3) sprechen. Mehr als 90% der Betroffenen weisen keine organische Störung auf, die das autistische Störungsbild erklären kann, und die Erkrankung ist vermutlich genetisch bedingt (Fombonne 2005), was vor allem auch für das Asperger-Syndrom gilt. Die aktuellen Befunde und offenen Fragen in diesem Forschungsgebiet diskutieren Freitag (2007, 2010) und Skuse (2010) in ihren Übersichtsarbeiten.

Die wenigen Familien- und Zwillingsstudien zum Asperger-Syndrom verweisen deutlich auf eine familiäre Häufung des Syndroms sowie einzelner autistischer Verhaltensweisen (broader autism phenotype), wie die Übersichten von Skuse (2010) und Freitag (2010) zeigen. Die These des Broader Autism Phenotype besagt, dass sich autistische Verhaltensweisen und die dahinter liegenden Prozesse der Informationsverarbeitung sowie genetische Befunde auch in einem Teil der nicht klinisch auffälligen Normalbevölkerung auf einem Kontinuum finden. Da diese auch durchaus Vorteile mit sich bringen, setzen sie sich weiterhin genetisch durch. Die Forschung konzentriert sich aktuell auf molekulargenetische Kopplungs- und Assoziationsstudien (Freitag 2007, 2010).

Das Asperger-Syndrom ist eine zerebrale Störung. Die genetischen Veränderungen führen zu einem veränderten Aufbau und veränderten Funktionen, wofür sowohl strukturelle und funktionelle Auffälligkeiten in bestimmten Hirnregionen als auch biochemische Anomalien sprechen. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen der Temporallappen und das limbische System, mit einem Schwerpunkt auf der Funktion der Amygdala. Auch bei den Funktionen des Frontallappens wurden Auffälligkeiten entdeckt, wie sie für Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen typisch sind. Es gibt zudem Hinweise auf Besonderheiten der Sinneswahrnehmung und damit einhergehend einer gestörten Informationsverarbeitung. Seit einigen Jahren mehren sich die Hinweise, dass der Mensch wie andere Primaten über ein sogenanntes Spiegelneuronensystem verfügt, das für das Verständnis von Handlungen wie auch für Imitation und Empathie bedeutsam sein könnte. Greimel et al. (2009) geben eine Übersicht über die aktuellen Befunde.

Baron-Cohen (2006) verfolgt eine These, die genetische und neuropsychologische sowie -anatomische Ansätze verbindet: Autistische Menschen interpretieren Wahrgenommenes weniger mit dem Empathising System, welches mit der Amygdala, dem orbitalen und medialen frontalen Kortex sowie dem superioren temporalen Sulcus zusammenhängt. Sie aktivieren eher das Systemising System, welches nach wiederkehrenden Mustern und Regeln im wahrgenommenen Geschehen sucht, um eine Aussage über das Kommende zu machen. Baron-Cohen stellt die Hypothese der Hyper-Systematisierung (hyper-systemizing theory) auf, wonach autistische Menschen Informationen auf einem zu hohen Systematisierungsniveau verarbeiten, und sich somit verschiedene Symptome (z. B. Rigidität, Spezialinteressen) erklären lassen. Seine Studien zeigen, dass sich diese hohe Ausprägung des Systematisierungsniveaus auch in der Verwandtschaft von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung findet, was wiederum auf die These des Weiteren autistischen Phänotyps (broader autism phenotype) verweist. Kinder mit Asperger-Syndrom haben öfter Mütter und Väter, welche Systematisierer sind. Somit schließt Baron-Cohen auf eine Vererbung des hohen Systematisierungsgrades, welcher unter anderem zur autistischen Symptomatik führen kann.

In Bezug auf die These der schwachen zentralen Kohärenz (weak coherence) beziehungsweise der detailorientieren Verarbeitung (local processing) stellen Happé und Frith (2006) ähnliche Überlegungen an ( Kap. 1.5.1). Auch diese Autoren haben bei klinisch unauffälligen Eltern autistischer Menschen vermehrt einen detailorientierten Verarbeitungsstil gefunden (Happè et al. 2001), was ebenfalls für das Vorhandensein eines Broader Autism Phenotype spricht.

In geringerem Umfang spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle (Poustka et al. 2008; Dawson 2008): Der Einfluss von Toxinen (z. B. Umweltgifte, Pestizide) und Viren (z. B. Masern, Röteln, Mumps), intrauterine Umweltfaktoren (z. B. Grippeerkrankungen) und eine erhöhte Hormonkonzentration im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsbehandlungen, aber auch ein Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen stehen zur Debatte (Dawson 2008). Die immer wieder diskutierten Hypothesen eines Zusammenhangs von Autismus mit Impfungen, Lebensmittelunverträglichkeiten (z. B. Gluten, Casein) oder Antibiotikamedikation konnten bisher nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden, sondern beruhen auf Einzelfallstudien (Poustka et al. 2008).

Vermutlich existiert eine Interaktion zwischen genetischen und umweltbedingten Faktoren, bei der verschiedene Gene miteinander interagieren und Umweltfaktoren die Anfälligkeit erhöhen, eine autistische Störung zu entwickeln (Dawson 2008). Dawson (2008) fasst Befunde zusammen, die zeigen, dass autistische Verhaltensweisen nicht im Zusammenhang mit einer stabilen Hirnschädigung stehen, sondern durch dynamische postpartale Veränderungen im Gehirn und somit des Verhaltens charakterisiert sind. Gemäß einem kumulativen Risikomodell senkt eine Anhäufung von frühen Risikofaktoren, die allenfalls durch Umweltfaktoren bedingt sind, die Schwelle zur Entwicklung suboptimaler neuronaler Prozesse.

1.5.1 Neuropsychologische und kognitive Aspekte der Autismus-Spektrum-Störungen

Wissenschaftlich werden neben dem spezifischen kognitiven Profil drei wichtige neuropsychologische Theorien diskutiert, welche die verschiedenen Auffälligkeiten autistischer Menschen erklären sollen: die Theory of Mind, die Theorie der Zentralen Kohärenz beziehungsweise der globalen versus lokalen Informationsverarbeitung und die Theorie der exekutiven Funktionen. Remschmidt et al. (2006) gehen davon aus, dass »autistische Menschen über ein nicht hinreichend integriertes Gehirn verfügen, sodass die einzelnen psychischen Funktionen unzureichend aufeinander abgestimmt und weder entwicklungsangemessen noch situationsangemessen koordiniert sind« (S. 51). Keines der neuropsychologischen Konstrukte kann alle Auffälligkeiten erklären, die für das autistische Spektrum spezifisch sind. Außerdem weisen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung spezifische Auffälligkeiten bei der Wahrnehmung auf. Das Wissen um die neuropsychologischen Besonderheiten kann Bezugspersonen helfen, die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweise autistischer Menschen besser zu verstehen und einzuordnen (Jenny 2011). Therapeuten sollten sich in ihrer Arbeit mit von ASS-Betroffenen jeweils in Erinnerung rufen, dass eine andere Wahrnehmung der Welt, auch zu einer anderen Interaktion mit der Welt und zu Dissonanzen mit der Wahrnehmung und Deutung durch Nicht-Betroffene führt, wie die konkreten Alltagsbeispiele in Jenny (2011) aufzeigen.

Kognitives Profil

Obgleich der Frühkindliche Autismus häufig mit geistiger Behinderung einhergeht ( Kap. 1.1.1), so variiert die Intelligenz beim Asperger-Syndrom definitionsgemäß zwischen durchschnittlich bis überdurchschnittlich, was auch als Voraussetzung für die guten therapeutischen Fortschritte erachtet wird (Krasny et al. 2003). Verschiedene Studien untersuchen das Leistungsprofil von Menschen mit einem Asperger-Syndrom. Dabei konnte zum Beispiel im Hamburg-Wechsler-Intelligenztest HAWIK-III (Tewes et al. 2000) beobachtet werden, dass Kinder mit Asperger-Syndrom häufig deutlich besser im Verbalteil als im Handlungsteil abschneiden, während sich bei Kindern mit High-Functioning-Autismus genau der umgekehrte Fall zeigt. (Ozonoff et al. 1991a; Lincoln et al. 1995; zit. nach Remschmidt et al. 2006). Die Studie von Ghaziuddin et al. (2004) zeigt aber, dass die meisten Probanden die für ihre Diagnosegruppe typischen Profile aufweisen, manche aber auch ein gemischtes Bild oder sogar das für die andere Diagnosegruppe typische Profil zeigen. Dickerson et al. (2008) haben das Intelligenzprofil von Kindern mit High-Functioning-Autismus oder Asperger-Syndrom für die revidierte Fassung des HAWIK, den HAWIK-IV (Petermann und Petermann 2007) genauer untersucht: Der Index »Wahrnehmungsgebundenes Logisches Denken«, der keine zeitgebundenen motorischen Aufgaben beinhaltet, stellt nun zusammen mit dem Index »Sprachverständnis« die relative Stärke mit statistisch betrachtet überdurchschnittlichen Leistungen dar, während die Indizes »Arbeitsgedächtnis« und »Verarbeitungsgeschwindigkeit« relative Schwächen darstellen und unterdurchschnittlich ausfallen. Früher schnitten die Kinder im Mosaiktest am besten ab, heute stehen neu die Subtests »Matrizen« und »Bildkonzepte« an oberster Stelle der nonverbalen Tests. Ähnlich wie die Kinder mit einer Aufmerksamkeitsstörung waren die Kinder mit einer autistischen Störung am schlechtesten beim Subtest »Buchstaben-Zahlen-Folgen«, der eine hohe Leistung des Arbeitsgedächtnisses erfordert.

Theory of Mind

Die Theory of Mind ist die Fähigkeit, sich in die Vorstellungswelt anderer hineinzuversetzen. »Mit dem Begriff ›Theory-of-Mind‹ ist die Fähigkeit gemeint, psychische Zustände (Gefühle und Gedanken) anderen Personen und sich selbst zuzuschreiben, also die Fähigkeit, die eigenen Gedanken, Gefühle, Wünsche, Absichten und Vorstellungen und diejenigen anderer zu erkennen, zu verstehen und vorherzusagen« (Remschmidt et al. 2006, S. 46). Baron-Cohen et al. (1985) sprechen von alltagspsychologischen Konzepten, die es dem Menschen ermöglichen, sich selbst und dem Gegenüber mentale Zustände zuzuschreiben. Sie beziehen sich dabei auf Konzepte aus der Primatenforschung. Der kognitive Verarbeitungsstil, der für das Repräsentieren von mentalen Zuständen verantwortlich ist, wird Mentalisieren (mentalising) genannt (Frith und Happé 1994; Happé 1997). Bei der Diskussion um die Theory of Mind ist zu beachten, dass nicht alle sozialen und kommunikativen Fertigkeiten die Fähigkeit zu Mentalisieren voraussetzen (Frith und Happé 1994). Die Entwicklung der Emotionserkennung stellt einen Teil der Entwicklung der Theory of Mind dar und wird oft gemeinsam mit den Begriffen Mindreading oder Empathizing (Baron-Cohen et al. 2004) genannt.

Das Wissen darüber, dass jede Person Gedanken und Gefühle hat und dass diese sich von denen einer anderen Person oder von deren Realität unterscheiden können, bildet die Grundlage für das Verstehen sozialer Situationen (Colle et al. 2006). Dieses Wissen, das aus der Theory of Mind resultiert, entwickelt sich bei Kindern im Verlauf des vierten Lebensjahres. In diesem Alter verändern sie sich von naiven Idealisten, die ihre Überzeugungen für reale Tatbestände halten, zu jungen Menschen, die wissen, dass ihre Ansichten möglicherweise nicht der Realität entsprechen (Baron-Cohen 2001; Remschmidt et al. 2006). Roeyers und Warreyn (2010) geben einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Theory of Mind und deren Vorläufer Imitation, geteilte Aufmerksamkeit und symbolisches Spiel.

Zahlreiche Studien (z. B. Baron-Cohen et al. 1985; Baron-Cohen 2001) konnten zeigen, dass Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung Defizite in der Entwicklung der Theory of Mind aufweisen (Ozonoff und Miller 1995; Happé 1995), was mit dem Begriff Mind-Blindness (Frith et al. 1994; Happé 1997) umschrieben wird. Während diese Schwäche beim Frühkindlichen Autismus sehr deutlich ist und bereits einfache Stufen der Entwicklung der Theory of Mind betrifft, sind die Beeinträchtigungen beim Asperger-Syndrom und High-Functioning-Autismus subtiler (Baron-Cohen 2001; Beaumont und Sofronoff 2008), stellen eher eine Entwicklungsverzögerung dar und betreffen dann erst die schwierigste Stufe, wie zum Beispiel die Interpretation von nonverbaler Kommunikation oder das Erkennen von Fauxpas-Situationen (z. B. Baron-Cohen 2001; Baron-Cohen et al. 2001; Beaumont und Sofronoff 2008). Viele der Schwierigkeit der Theory of Mind lassen sich bei Menschen mit Asperger-Syndrom kaum in Laborsituationen aufspüren, da sie mit ihrer guten Intelligenz und den verbalen Fähigkeiten vieles kompensieren können und erst in der realen sozialen Situation oder bei anspruchsvollen sozialen Tests auffallen, die Mentalisieren in einem sozialen Kontext erfordern (Baron-Cohen et al. 2001; Klin et al. 2003). Einige Autoren haben Wege gefunden, um verschiedene Aspekte von sozialer Kognition im Rahmen eines Tests zu beobachten, der auch die Schwächen gut begabter Menschen mit Asperger-Syndrom erfasst: Hierzu zählen Klin (2000) mit dem Social Attribution Task (SAT), Kaland (Kaland et al. 2002; Kaland et al. 2008) mit ihren Strange Stories und Stories from Everyday Life, aber auch Heavey et al. (2000) mit dem Awkward Moments Test und Dziobek et al. (2006) mit dem Movie for the Assessment of Social Cognition (MASC) – beide arbeiten mit Filmsequenzen, – sowie Golan et al. (2006a) mit der Cambridge Mindreading Face-Voice Battery (CAM), Baron-Cohen et al. (2001) mit dem Reading the Mind in the Eyes Test und Golan et al. (2006b) mit dem Reading the Mind in the Voice Test – alle drei stützen sich vor allem auf das Erfassen emotionaler Informationen. Zu bedenken ist, dass nicht alle sozialen Kompetenzen Mentalisieren benötigen (Frith et al. 1994; Happé 1997), was Untersuchungen mit sich bewegenden Objekten, denen soziale Intentionen zugeschrieben werden, schön aufzeigen (Castelli et al. 2002): Während sich im PET-Scan keine Unterschiede zwischen Menschen mit Asperger-Syndrom und Kontrollpersonen zeigen, wenn diese auf einem Bildschirm Objekte beobachten, die sich zufällig oder auf ein gemeinsames Ziel hin bewegen (Jagen, Fangen, Kämpfen), schneiden die Kontrollpersonen bedeutend besser ab, wenn sich die Objekte interagierend und scheinbar mit impliziten Absichten bewegen (z. B. Austricksen).

Die Folgen einer fehlenden Theory of Mind oder der mangelnden Fähigkeit der Intersubjektivität (Remschmidt et al. 2006, S. 47) zeigen sich vor allem im sozialen Bereich: Die nonverbalen Hinweisreize eines Menschen, wie Prosodie oder Mimik, werden nicht beachtet, d. h. sie werden nicht verwendet, um Rückschlüsse hinsichtlich dessen Gedanken und Gefühle zu ziehen (Baron-Cohen et al. 2001). Subtilere soziale Vorgänge, wie Stimmungen, Witze oder Sarkasmen, werden nicht verstanden (Poustka et al. 2008). Zudem ist das Verhalten anderer Menschen ohne eine Theory of Mind weder verständlich noch vorhersagbar.

Nach der Übersichtsarbeit von Bruning et al. (2005) finden sich Defizite der Theory of Mind auch bei anderen psychiatrischen Störungsbildern, wie schizophrenen und bipolaren Erkrankungen. Diese entwickeln sich aber erst im Verlauf der Erkrankung und bilden sich nach der Remission wieder zurück. Zudem weisen auch Kinder mit einer Aufmerksamkeitsstörung Schwierigkeiten mit der Theory of Mind auf.

Untersuchungen zur Theory of Mind nutzen sehr unterschiedliche Aufgabenstellungen und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen (Bruning et al. 2005). Die Theory of Mind scheint mit dem Mentalisierungssystem zusammenzuhängen, welches als Netzwerk zwischen den Temporalregionen, den Parietalregionen, dem medialen präfrontalen Kortex und der Amygdala fungiert und bei Menschen mit Autismus eine geringere Aktivierung zeigt (Frith 2001; Castelli et al. 2002). Bei Betroffenen wird eine reduzierte funktionelle Verbindung zwischen dem bei Mentalisierungsaufgaben hoch aktiven extrastriatalen Kortex und dem superioren temporalen Sulcus an der Verbindungsstelle zwischen Temporal- und Parietalregion beobachtet (Castelli et al. 2002). Die Autoren schließen auf eine Art Flaschenhals bei der Interaktion zwischen verschiedenen Wahrnehmungsprozessen. Eine besondere Rolle bei der Verarbeitung von Informationen von Gesichtern spielt der Gyrus fusiformis (Schultz et al. 2003). Diese Region scheint auch zusammen mit anderen Regionen (Amygdala, Temporalregionen, medialer präfrontaler Kortex, inferolateraler frontaler Kortex, superiore temporale Sulci) eine Rolle bei der sozialen Attribuierung von wahrgenommenen Situationen zu spielen (Schultz et al. 2003). Menschen mit Autismus zeigen zum Beispiel bei der Verarbeitung von Gesichtern signifikant weniger rechtshemisphärische Aktivierung im Bereich des Gyrus fusiformis als Kontrollpersonen (Bruning et al. 2005). Ferner geben auch Untersuchungen über die Augenbewegungen interessante Hinweise auf die Ursachen der sozialen Defizite: Menschen mit Autismus beobachten zum Beispiel in Gesprächen eher die sich bewegende Mundpartie oder unwesentliche Details und die verbalen Äußerungen, während sich Kontrollpersonen auf die Augenpartie konzentrieren sowie nonverbale Hinweise wie die Blickrichtung verfolgen und dadurch oft Informationen erfassen, noch ehe sie verbalisiert werden, oder solche, die im Gegensatz zum verbalen Inhalt stehen (Klin et al. 2003).

Zentrale Kohärenz und globale versus lokale Informationsverarbeitung

Die Zentrale Kohärenz (Happé und Frith 2006) ist die Fähigkeit, übergreifende (soziale) Muster und den gesamten Kontext zu erfassen. Frith (1989) konzeptualisierte sie als die spontane Tendenz normal entwickelter Menschen, Reize zu einem kohärenten, bedeutsamen Ganzen zu integrieren. Wahrnehmung und Denken werden im Sinne der Gestaltpsychologie und der kognitionspsychologischen Theorie der Feld(un)abhängigkeit durch zentrale Kohärenz bestimmt: Reize (Menschen, Objekte, Situationen, Gefühle) werden immer in Bezug auf ihren Kontext gesehen und zu einer höheren Ordnung im Sinne einer kohärenten Gestalt zusammengefügt.

Bei den Autismus-Spektrum-Störungen ist die Fähigkeit zur zentralen Kohärenz nur schwach ausgeprägt. Dagegen ist die Tendenz sehr stark, Reize isoliert und kontextfrei zu verarbeiten (Frith und Happé 1994; Happé 1997; Müller 2008). Diese Befunde könnten die Resultate aus Untersuchungen mit dem Hamburg-Wechsler-Intelligenztest (Tewes et al. 2000) erklären, wonach Menschen mit Autismus überdurchschnittlich gut im Subtest Mosaike abschnitten (Shah und Frith 1993; Happé 1997) oder bei den sogenannten Embedded Figures (Witkin et al. 1971) einfache Figuren finden, welche im Kontext einer komplexeren Figur lokalisiert werden müssen (Happé 1997; Happé et al. 2006). Zur Lösung dieser Aufgaben ist es von Vorteil, sich auf Details zu konzentrieren und ein Ganzes segmentiert wahrnehmen zu können.

Bei Menschen mit Asperger-Syndrom scheint die Zentrale Kohärenz weniger beeinträchtigt zu sein als beim Frühkindlichen Autismus (Jolliffe und Baron-Cohen 2001; Beaumont et al. 2008). Eine Hypothese besagt, dass diese Beeinträchtigung erst ab einer bestimmten zu verarbeitenden Informationsmenge auftritt (Jolliffe et al. 2001), währende eine andere Hypothese postuliert, es handle sich um keine Schwäche, sondern die Fähigkeit zur Zentralen Kohärenz sei auf einem Kontinuum anzuordnen (local versus global coherence) und durch zwei unterschiedliche, aber gleichwertige Informationsverarbeitungsstile, die globale und die lokale Informationsverarbeitung (local versus global processing), repräsentiert (Happé et al. 2006). Menschen mit Autismus setzen zwar öfters den detailorientierten Verarbeitungsstil ein, können aber bei Aufgaben, die explizit eine ganzheitliche Verarbeitung fordern, in diesen wechseln. Somit geht es möglicherweise weniger um eine Schwäche der globalen Verarbeitung und eher um eine auffallende Stärke der Detailorientierung. Müller (2008) gibt eine Übersicht über verschiedene Aufgaben, bei denen sich dieser Verarbeitungsstil anschaulich zeigt, und diskutiert die Vor- und Nachteile dieser Informationsverarbeitung. Befunde, wonach die Eltern – besonders die Väter – von Menschen mit Autismus ebenfalls signifikant öfter einen Verarbeitungsstil der Local Coherence anwenden, sprechen dafür, dass dieser Stil auch in der nicht klinisch auffälligen Bevölkerung im Sinne eines Broader Autism Phenotype vorhanden ist und durchaus Vorteile mit sich bringt (Happè et al. 2001). Zur Interpretation von sozialen Situationen ist eine ganzheitliche und kontextgebundene Wahrnehmung unentbehrlich (Berger et al. 2003, zit nach Happé et al. 2006). Die Theorie der schwachen zentralen Kohärenz kann einen Teil der sozialen Schwierigkeiten von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung erklären. Die anatomischen Strukturen hinter der Zentralen Kohärenz sind noch unklar.

Exekutive Funktionen

Bei den exekutiven Funktionen (Pennington und Ozonoff 1996) geht es um das Lösen von Problemen, um die Fähigkeit zu planen und zielgerichtet zu handeln (von Cramon und von Cramon 2000). »Exekutive Funktionen stellen Denkprozesse höherer Ordnung dar, die für die Verhaltensplanung, -steuerung und -kontrolle entscheidend sind. Sie umfassen: Handlungsplanung, Impulskontrolle, Kontrolle der Aufmerksamkeit und der motorischen Funktionen, Widerstand gegen Störungen, die Unterdrückung (Inhibition) drängender, aber den Handlungsablauf störender Reaktionen sowie Zielgerichtetheit, organisierte Suche und Flexibilität in Denken und Handeln (im Sinne von Generierung neuer Lösungsmöglichkeiten)« (Remschmidt et al. 2006, S. 44).

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zeigen Defizite in den exekutiven Funktionen (Verté et al. 2006), die auch bei verschiedenen anderen psychischen Erkrankungen auftreten, wie zum Beispiel bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, dem Tourette-Syndrom oder Störungen des Sozialverhaltens (Pennington et al. 1996). Es fehlt ihnen an der ausreichenden Inhibition, um zielgerichtet planen zu können und sich nicht ablenken zu lassen. Diese fehlende Inhibition wird auch bei der Kontrolle von Emotionen sichtbar: Menschen mit einem Asperger-Syndrom zeigen beispielsweise oftmals die Tendenz impulsiv und aggressiv zu reagieren, wenn sie wütend sind. Sie scheinen nicht in der Lage zu sein, erst nach alternativen Verhaltensweisen zu suchen, sondern reagieren häufig sofort mit physischer Gewalt, ohne zu überlegen (Sofronoff et al. 2007). Auch Veränderungsängste, die autismus-typischen Spezialinteressen und das fehlende vorausschauende Denken (z. B. Gefahren erkennen) lassen sich durch eine Störung der exekutiven Funktionen erklären (Ozonoff et al. 1991a; Freitag 2009).

Ein immer wieder benutztes Paradigma, um die exekutiven Funktionen zu erfassen, stellt das Testverfahren Turm von London (Tucha und Lange 2004) dar. Bei diesem Test geht es darum, einen aus verschiedenen Bestandteilen bestehenden Turm nachzubauen, wobei jeder Schritt gut geplant werden muss. Verschiedene Studien, unter anderem die von Manjiviona und Prior (1999), konnten die Schwierigkeiten aufzeigen, die Menschen mit einem Asperger-Syndrom mit dieser Aufgabe haben. Das kognitive Profil im Bereich der exekutiven Funktionen unterscheidet sich innerhalb des autistischen Spektrums nur unwesentlich (Verté et al. 2006): Kinder mit Asperger-Syndrom, High-Functioning-Autismus oder einer nicht näher bezeichneten Entwicklungsstörung weisen im Vergleich zu gesunden Kontrollkindern vor allem Schwierigkeiten mit kognitiver Flexibilität, Handlungsplanung, verbaler Flüssigkeit und Inhibition auf. Diese Erkenntnisse aus der neuropsychologischen Forschung legen Auffälligkeiten im Frontallappen nahe (Baron-Cohen 2004).

Wahrnehmung und Aufmerksamkeit

Wahrnehmung und Aufmerksamkeit sind diejenigen elementaren kognitiven Prozesse, die bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen früh und bleibend eingeschränkt sind. Freitag (2009) gibt eine Übersicht über die Befundlage: Bei den Besonderheiten der auditorischen Wahrnehmung erwähnt die Autorin, dass autistische Kleinkinder die mütterliche Stimme nicht präferieren (Klin 1991) und die automatische Hinwendung zu Sprachlauten herabgesetzt ist (Lepisto et al. 2006), während ältere Kinder komplexe Klänge (Gomot et al. 2008) und Prosodie (Ceponiene et al. 2003) schlechter verarbeiten. Des Weiteren ist die visuelle Wahrnehmung von Kindern mit einer Störung aus dem autistischen Spektrum verändert: Die Wahrnehmung von Gesichtern und entsprechenden Gefühlen ist eingeschränkt (Dawson et al. 2005), Gesichter werden ähnlich wie Gegenstände verarbeitet (Hobson et al. 1988; van der Geest et al. 2002), und die Wahrnehmung von Bewegungen bereitet Schwierigkeiten (Freitag et al. 2008). Es finden sich aber auch Stärken bei der Wahrnehmung von Formen und Farben (Dakin und Frith 2005). Bereits Einjährige sind mit Blick und Aufmerksamkeit weniger auf ihre Bezugspersonen bezogen (Osterling et al. 2002). Die bei ein- bis zweijährigen Kindern mit Autismus eingeschränkte geteilte und gemeinsame Aufmerksamkeit, wie auch die damit einhergehenden Verhaltensweisen des Gebens und Zeigens, des Deutens, des Blickkontakts und andere nonverbale Kommunikationsaspekte stehen möglicherweise im Zusammenhang mit den auditorischen und visuellen Wahrnehmungsbesonderheiten (Freitag 2009).

1.6 Interventionen

Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung auf hohem Funktionsniveau benötigen in der Entwicklung ihrer sozio-emotionalen und kommunikativen Fertigkeiten Unterstützung und Hilfe bei der Interaktion mit Gleichaltrigen. Sie erleben trotz ihrer durchschnittlichen Intelligenz ständig Misserfolge aufgrund ihrer Unfähigkeit, soziale Situationen zu verstehen und sich adäquat zu verhalten. Zudem besuchen sie aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten zumindest in den ersten Schuljahren mehrheitlich und später immer noch häufig eine Regelschule und sind so täglich sozialen Erwartungen ausgesetzt, denen sie oft nicht gerecht werden können. Menschen mit geringerem Funktionsniveau hingegen besuchen meistens Sonderschulen, sind diesem sozialen Druck damit weniger stark ausgesetzt und erleben ihre Andersartigkeit nicht im selben Ausmaß (Rao et al. 2008).

Seit der Aufnahme der Autismus-Spektrum-Störungen in die Klassifikationssysteme wurde versucht, den Defiziten durch Therapie entgegenzuwirken (Ozonoff und Miller 1995). Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen, die nicht unter einer größeren kognitiven oder sprachlichen Entwicklungsverzögerung leiden, können unter geeigneter Behandlung bedeutsame Fortschritte in allen Bereichen machen, wenngleich sie bei den subtileren sozialen und kommunikativen Prozessen lebenslang Schwierigkeiten haben werden (Krasny et al. 2003). Die Interventionen unterscheiden sich in der therapeutischen Orientierung, in der Anzahl der Teilnehmer (Einzel- oder Gruppensetting) und in den Zielen (Matson und Swiezy 1994). Die Behandlung erfolgt mehrheitlich im ambulanten, je nach Schweregrad der Beeinträchtigung und zusätzlicher Belastungsfaktoren aber auch zeitweise im teilstationären oder stationären Setting.

Gruppenpsychotherapien sind kostengünstiger als Psychotherapien im Einzelsetting (Hoag und Burlingame 1997). Zudem konnten verschiedene Studien belegen, dass hinsichtlich der Wirksamkeit keine Unterschiede zwischen Einzel- und Gruppentherapie zu finden sind (Hoag und Burlingame 1997; McRoberts et al. 1998). Gerade für das Training sozialer Kompetenzen und bei Kindern und Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (Gresham et al. 2001, zit. nach Tse et al. 2007; Poustka et al. 2008) scheint ein Gruppensetting besonders geeignet, da es die sofortige Einübung der erlernten Fertigkeiten in einem kleinen, geschützten, aber trotzdem realitätsnahen Rahmen ermöglicht (Solomon et al. 2004). Die gemeinsamen Aktivitäten mit den Gruppenmitgliedern, die angenehm und erfolgreich verlaufen, erhöhen das Interesse daran, Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen und Freundschaften zu pflegen. Zudem haben die Teilnehmer die Möglichkeit, neue Kontakte mit Gleichaltrigen zu knüpfen und ein Gefühl der Gruppenidentität zu entwickeln. Nicht zuletzt besteht auch die Möglichkeit, sich gegenseitig als Modell für einen erfolgreichen Umgang mit der Beeinträchtigung zu sehen (Poustka et al. 2008).

Barry et al. (2003) diskutieren verschiedene Interventionsformen im Gruppensetting für Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Sie untersuchten Trainings zur Verbesserung der sozialen Fertigkeiten – im schulischen Rahmen und bei mehreren wöchentlichen Sitzungen –, Trainings unter Einbezug unauffälliger Gleichaltriger als »Co-Therapeuten«, ambulante Gruppentherapien und -trainings an Kliniken und weiteren Fachinstitutionen sowie Selbsthilfegruppen. Bei Rogers (2000) finden sich Darstellungen zu evaluierten Trainingsprogrammen zur Verbesserung der Beziehung zu Erwachsenen (Eltern-Kind-Interaktion, Interaktion mit anderen Erwachsenen). Jenny (2010) gibt eine ausführlichere Übersicht über evaluierte und nicht evaluierte Gruppentrainings für Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung.

Die Frage, inwieweit sich soziale Kompetenzen allgemein bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen anhaltend verbessern lassen, ist gemäß verschiedenen Wirksamkeitsstudien noch offen. Gezielt trainierte soziale Fertigkeiten lassen sich in verschiedenen Behandlungssettings eindeutig verbessern (z. B. Solomon et al. 2004; Smith et al. 2007), die Generalisierung des Erlernten in den Alltag scheint jedoch ein schwieriger und nicht immer erfolgreicher Schritt zu sein (Ozonoff und Miller 1995; Marriage et al. 1995; Barry et al. 2003; Solomon et al. 2004). Gresham et al. (2001, zit. nach Tse et al. 2007) teilen die sozialen Defizite im autistischen Spektrum in Schwächen des Erwerbs (acquisition), der Ausführung (performance) und der Flüssigkeit (fluency) ein. Interventionen, welche der Erwerbsschwäche entgegenwirken, machen unausgesprochene Regeln und Bedeutungen explizit und umfassen die Social Stories (Gray 1994a), die Comic Strip Conversations (Gray 1994b) und das Hidden curriculum (Bieber 1994). Interventionen, die sich den inadäquaten oder unangemessenen sozialen Verhaltensweisen widmen, zeigen Problemlösungen auf und nutzen die positive Verstärkung bei sozialem Lernen. In diese Gruppe gehören die Social Autopsies (Bieber 1994). Interventionen, welche den flüssigen Einsatz der erlernten sozialen Verhaltensweisen verbessern, setzen auf vermehrtes Üben, zum Beispiel mithilfe von Erinnerungskarten, wie bei den Social Skripts (Barnhill 2002).

Unter den zahlreichen Wirksamkeitsstudien zur Verbesserung der sozialen und kommunikativen Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen beziehen sich die meisten auf Einzelfallstudien oder auf die Arbeit im Einzelsetting (Rogers 2000; Krasny et al. 2003). Zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen im Gruppensetting gibt es wenige Studien. Williams White et al. (2007) haben dazu eine Übersicht zusammengestellt. Diese Studien aus den letzten 20 Jahren lassen sich unter anderem aufgrund unterschiedlicher Patientenpopulationen, diagnostischer Klassifikationssysteme und verschiedener Zielsetzungen, vor allem aber wegen der meist sehr kleinen Stichproben, der unterschiedlichen Dauer und der unterschiedlichen Messinstrumente nur schwer vergleichen (Jenny 2010): Nur drei der 13 Studien weisen eine Kontrollgruppe und zwei eine katamnestische Untersuchung nach rund zwei Monaten auf. Diese Übersicht zeigt aber, dass sich die sozialen und kommunikativen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen erweitern lassen. Vier Studien weisen einen Transfer des Gelernten in andere Situationen außerhalb der Trainingsgruppe nach. Über eine Generalisierung auf andere soziale oder kommunikative Fähigkeiten berichten nur zwei Studien und zwei weitere in eingeschränktem Maße.

Die meisten Behandlungsansätze sind pädagogisch, psychoedukativ oder kognitiv-verhaltenstherapeutisch. Eine Übersicht über die wichtigsten Grundsätze im erzieherischen Kontext findet sich bei Remschmidt et al. (2006). Lediglich in vier der 13 evaluierten Studien wurde mit einem manualisierten Training gearbeitet (Jenny 2010). Außer dem Trainingsprogramm von Herbrecht et al. (2008) finden sich im deutschsprachigen Markt kaum spezifische und evaluierte Programme zur Verbesserung der sozialen Fertigkeiten (Krasny et al. 2003). Das KOMPASS-Praxishandbuch möchte hier das bestehende Angebot ergänzen.

1.6.1 Inhalte und Ziele eines sozialen Kompetenztrainings

Die Autistische Störung kann nicht ursächlich, sondern nur symptomatisch behandelt werden. Dabei sollen die sozialen Basisfertigkeiten und somit die wesentlichen Defizite des autistischen Formenkreises besprochen und geübt werden, um soziale Integration und eine hohe Lebensqualität zu ermöglichen.

Der Begriff der sozialen Fertigkeiten ist gemäß Rao et al. (2008) in den evaluierten Trainingsprogrammen oft nicht klar definiert. Nach Beidel et al. (2000, zit. nach Rao et al. 2008) umfasst er verbales und nonverbales Verhalten, das die interpersonale Kommunikation ermöglicht, wie zum Beispiel Lächeln und Blickkontakt, Fragen und Antworten, Geben und Akzeptieren von Komplimenten. Nach Weiss und Harris (2001, zit. n. Rao et al. 2008) ist der Begriff weitergefasst, und der Mangel an sozialen Fertigkeiten beinhaltet die fehlende Orientierung auf soziale Stimuli, nicht flexibles Blickverhalten, Probleme bei der Kontaktaufnahme, Schwierigkeiten bei der Interpretation von verbalen und nonverbalen sozialen Hinweisen (Codes), unangemessene emotionale Reaktionen und das Fehlen von Empathie.

Remschmidt et al. (2006) formulieren folgende allgemeinen Interventionsziele:

1. Minderung und Modifikation der Symptomatik

2. Abbau störender und den Betroffenen in seiner Entwicklung beeinträchtigender Verhaltensweisen

3. Aufbau konstruktiver und adaptiver Verhaltensweisen sowie angemessener Bewältigungsstrategien

4. Einbezug der Familie und des weiteren sozialen Umfelds (z. B. Schule, Arbeitsplatz, Freizeit, Therapie)

Es geht somit also nicht darum, die betroffenen Menschen um den Preis ihrer einzigartigen Persönlichkeit vollständig sozial anzupassen, sondern ihnen Verhaltensalternativen aufzuzeigen und diese einzuüben, sodass sie flexibel und situationsabhängig aus verschiedenen Verhaltensweisen auswählen können.

Krasny et al. (2003) nennen folgende konkrete Trainingsinhalte:

1. Kompetenzen der Kontaktgestaltung: Blickkontakt, nonverbales Verhalten, Nähe-Distanz, Lautstärke, Mimik

2. Kompetenzen der Gesprächsführung: Beginnen, Aufrechterhalten und Beendigen von Gesprächen, wechselseitige Kommunikation, Kommentieren und Fragen, Sich-Einfügen in ein laufendes Gespräch, Finden angemessener Gesprächsthemen

3. Kompetenzen zur Gestaltung von Spielen und Freundschaften: Erwerb eines Konzepts von Freundschaft, Begrüßen, Einfügen in eine Gruppe, Teilen, Abwechseln, Kompromisse schließen, Regeln einhalten

4. Kompetenzen der Emotionswahrnehmung: Erkennen und Bezeichnen von Emotionen, Perspektivenwechsel, Empathie

5. Kompetenzen für soziales Problemlösen: praktische Lösungen für soziale Problemstellungen, Selbstkontrolle, Coping

Remschmidt et al. (2006) ergänzen als weiteren Inhalt das Erlernen spezifischer Problemlösefertigkeiten im Umgang mit typischen sozialen Situationen, die häufig nicht angemessen bewältigt werden (z. B. Pausen, unstrukturierte Umbruchszeiten). Zudem nennen sie explizit auch das Training lebenspraktischer Fähigkeiten, da viele Menschen mit Asperger-Syndrom im familiären und öffentlichen Raum deutlich eine nicht altersgemäße Selbstständigkeit zeigen. Und schließlich fordern sie das Erlernen von Techniken zur verbesserten Emotionsregulation (z. B. Umgang mit Kritik und Frustrationen). Bauminger (2002) hat die sozialen Zielkompetenzen noch in Teilfertigkeiten aufgeschlüsselt.

In den evaluierten Gruppenprogrammen werden viele Themen behandelt (Jenny 2010): Das Erkennen und Verstehen von Emotionen, der Gefühlsausdruck und die Formulierung der eigenen Befindlichkeit werden geübt und spezifische soziale Fertigkeiten wie das Begrüßen, Helfen, Teilen, Verhandeln und die Kooperation oder das Formulieren von Komplimenten wie auch das Einhalten sozialer Regeln werden besprochen. Bei den kommunikativen Kompetenzen stehen Gesprächsführung, Auswahl von Gesprächsthemen, Fragen stellen und aufmerksames Zuhören im Vordergrund. In manchen Programmen liegt der Fokus auch auf der nonverbalen Kommunikation, der Theory of Mind sowie auf den Problemlösefertigkeiten. Gemäß der Übersichtsarbeit von Rao et al. (2008), die Studien zu Interventionen im Einzel- und im Gruppensetting betrachtet, werden soziale Fertigkeiten sehr unterschiedlich definiert und dementsprechend unterschiedliche soziale Fertigkeiten trainiert: Meistens geht es um sehr einfache (z. B. Begrüßen, Gesprächsbeginn), manchmal aber auch um sehr komplexe soziale Verhaltensweisen (z. B. Problemlösefertigkeiten, Selbstbeherrschung).

Viele Übungsmethoden werden dabei eingesetzt (Jenny 2010): Modelllernen, Rollenspiel, Gruppendiskussionen und Spiele sind fester Bestandteil der evaluierten Behandlungsprogramme. Soziale Geschichten (social scripts, social stories nach Gray 1998), konkrete Verhaltensinstruktionen, das Vermitteln der sozial-kognitiven Prinzipien und Video-Feedback werden ebenfalls manchmal eingesetzt. Gelegentlich werden auch Aktivitäten außerhalb der Gruppe organisiert. Alle Programme weisen einen hohen Strukturierungsgrad auf mit einem recht festen Ablauf (inkl. Snack-Pause).

Alle Autoren betonen die Wichtigkeit von Psychoedukation, damit der Betroffene, die Eltern wie auch das Umfeld (z. B. Großeltern, Lehrpersonen und Klassenkameraden, Ausbildner und Arbeitskollegen) ein angemessenes Störungskonzept entwickeln können. Aus den breit gefassten Inhalten und der Anlage als längerfristige Behandlung folgt, dass mit der Therapie möglichst früh begonnen werden sollte. Der Aufbau von Fähigkeiten, die normal entwickelte Kinder nebenbei und intuitiv erlernen, wie zum Beispiel die Theory of Mind, benötigt viel Zeit, explizite Anleitungen und aufgrund der Generalisierungsschwäche wiederholte Übungen in verschiedenen realen Situationen.

1.6.2 Zentrale Bausteine eines Sozialtrainings für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung auf höherem Funktionsniveau

An dieser Stelle sollen die wichtigsten Bausteine eines sozialen Kompetenztrainings für Kinder und Jugendliche mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum dargestellt werden, einschließlich der Ziele und Techniken, um diese zu erreichen. Die Interventionen müssen hoch strukturiert sowie direktiver und konkreter als bei anderen Psychotherapien sein (Remschmidt et al. 2006). Howlin et al. (1999) betrachten das explizite Lehren sozialer Verhaltensweisen – beginnend mit einfachen Fertigkeiten und aufbauend auch bei komplexeren – als besonders Erfolg versprechend, wenn sie in kleine Einzelkomponenten aufgeteilt und dann wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Sofronoff et al. (2007) und Attwood (2000) fordern aufgrund ihrer Literaturübersicht, dass sich die Behandlung unabhängig von der therapeutischen Ausrichtung an den kognitiven Charakteristika des Lernens von Kindern mit einer autistischen Störung orientieren soll.

Die theoretischen Überlegungen und Anregungen von Krasny et al. (2003), die sich auf Gruppentrainings beziehen, aber direkt auch auf das Einzelsetting übertragbar sind, dienen als Grundlage für das eigene Konzept. Krasny bezieht sich dabei auch auf den TEACCH-Ansatz (z. B. Häußler et al. 2003), der bei der Frage, wie Menschen mit Autismus pädagogisch und therapeutisch gefördert werden können, eine Vorreiterrolle übernommen hat und die Wichtigkeit von Strukturierung und Visualisierung verweist. Zudem hat der verhaltenstherapeutische Ansatz seine Arbeit beeinflusst. Wo nicht anders gekennzeichnet, stammen die folgenden Ausführungen aus der Arbeit von Krasny et al. (2003).

1. Konkretisierung des Abstrakten: Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zeigen Schwierigkeiten im Verständnis von abstrakten Regeln und Geschehnissen, da sie diese nicht ausreichen konkretisieren können (Konkretisierungsschwäche). Gerade soziale Kompetenzen basieren aber auf abstrakten Informationen, die von Menschen mit einer normalen Entwicklung im Laufe ihres Lebens intuitiv angesammelt und gelernt werden. Es ist deswegen sehr wichtig, in der Therapie mit autistischen Menschen stets zu versuchen, sich so konkret wie möglich auszudrücken und die zu vermittelnden Informationen so konkret und übersichtlich wie möglich darzustellen. Das Verhalten, das man als Therapeut vom Klienten erwartet, muss explizit verbalisiert werden, sodass kein Raum für andere Interpretationen zur Verfügung steht. »Wenn-dann-Regeln« helfen den Teilnehmern, auf spezifische Situationen auf eine spezifische Art und Weise zu reagieren.

2. Einsatz von Visualisierungshilfen: Visuelle Hilfen, die verhaltenstherapeutisch gedacht als sogenannte »prompts« eingesetzt werden können, stellen eine große Stütze für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung dar, die im Verlauf des Trainings nach und nach ausgeblendet werden können. Visualisierungen helfen auch, Abstraktes zu konkretisieren oder Konkretes zu abstrahieren.

3. Struktur und Vorhersagbarkeit: Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zeigen sich weniger flexibel als Menschen ohne Autismus-Spektrum-Störung. Man geht davon aus, dass dies auch mit den Defiziten der exekutiven Funktionen zusammenhängt. Es hat sich deshalb als hilfreich erwiesen, ein großes Ausmaß an Struktur und Vorhersagbarkeit in der Therapie zu gewährleisten, wobei gleichzeitig auch Spielraum für flexible Reaktionen und Veränderungen bestehen bleiben soll.

4. Sequentielles und progressives Einüben: Ein zu lernendes Verhalten kann in viele kleine Fertigkeiten aufgeteilt werden, die getrennt geübt und dann zu einem Ganzen zusammengefügt werden können. Dies entspricht in etwa der Verkettung (»chaining«) in der Verhaltenstherapie. Wurde ein Verhalten gelernt, muss es aber dennoch weiter geübt werden, damit es nicht schnell wieder vergessen wird. Dunlop et al. (2002) präzisieren, dass diese Verhaltensfragmente in einen Kontext gesetzt werden müssen, der die Bedeutung für das Ganze aufzeigt, damit die Reintegration in einen komplexen Verhaltensablauf in verschiedenen Situationen gelingt.

5. Angebot multipler und unterschiedlicher Lernmöglichkeiten: Ebenso wie Menschen ohne Autismus zeigen auch Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung Präferenzen für bestimmte Lerntechniken und profitieren davon, wenn Wissen auf verschiedenen Ebenen vermittelt und eingeübt wird. Es ist deshalb empfehlenswert, die Hintergrundinformationen zu einem Thema schriftlich auszugeben, zu diskutieren und dann in der (Klein-)Gruppe mithilfe von Rollenspielen, Übungen und weiteren Spielen umzusetzen.

6. Auf andere gerichtete Aktivitäten: Aufgrund der eingeschränkten sozio-emotionalen Gegenseitigkeit ist das Interesse am Gegenüber bei autistischen Menschen oft nur gering ausgeprägt. Es ist ein wichtiger Teil des Gruppentrainings dieses Interesse zu wecken, indem die Teilnehmer zum Beispiel nichts alleine tun sollen, was sie nicht auch zusammen mit einem anderen Teilnehmer machen können. So sollen die Teilnehmer erleben, dass soziale Aktivitäten Freude bereiten und gemeinsames Tun unterstützend wirken können. Dementsprechend sollte bei jeder Gelegenheit die soziale Wahrnehmung, also das Erkennen und Unterscheiden von relevanten und nicht relevanten sozialen Hinweisreizen, explizit geübt werden.

7. Unterstützung des Selbstwertes: Das wiederholt wahrgenommene Versagen und die geringe Akzeptanz durch das Umfeld können bedeutsame Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben. Es ist deshalb wichtig, ihnen auch die positiven Seiten ihrer Störung aufzuzeigen, wie zum Beispiel das gute Gedächtnis, die Fähigkeit zur Visualisierung, Loyalität und den Blick für das Detail. Zudem sollen sie häufig in ihren Stärken bestätigt werden. Komplimentenrunden zum Beispiel können helfen, sich nicht nur auf die eigenen Schwächen zu konzentrieren, sondern diese zu akzeptieren und den Fokus auf die Stärken zu richten. Damit können Introspektion und Identitätsbildung gefördert werden.

8. Auswahl relevanter Ziele: In der Therapie mit Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung soll an grundlegenden Fertigkeiten gearbeitet werden, wie zum Beispiel Blickkontakt und Begrüßung ( Kap. 1.6.1). Wichtig ist es, den Teilnehmern immer zu erklären, warum eine bestimmte Fertigkeit für sie wesentlich ist.

9. Generalisierung: Damit eine Therapie auch als wirkungsvoll bezeichnet werden kann, müssen die erlernten Fertigkeiten auf den Alltag übertragen werden. Um dieses wichtige Ziel erreichen zu können, bedarf es vieler Übungen mit unterschiedlichen Personen und in unterschiedlichen Settings. Dies kann zum Beispiel durch das Einbeziehen von Eltern und Lehrpersonen/Ausbildern erleichtert werden, die jede Woche über das aktuell bearbeitete Thema informiert und gebeten werden, dem Teilnehmer Möglichkeiten zu schaffen, sein Wissen anzuwenden.

Die folgenden Bausteine sollten gemäß KOMPASS-Autoren erfahrungsgemäß ebenfalls beachtet werden:

10. Beachten der neuropsychologischen Hintergründe: Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung weisen Schwierigkeiten mit der Theory of Mind, der ganzheitlichen oder globalen Informationsverarbeitung sowie den exekutiven Funktionen auf ( Kap. 1.5). Zudem zeigen sie eine Stärke bei der lokalen, an Details orientierten Informationsverarbeitung und ein Bedürfnis zu systematisieren. Eine Behandlung sollte dieses Profil berücksichtigen und nicht Fertigkeiten voraussetzen, die Menschen ohne eine Autismus-Spektrum-Störung gut liegen (z. B. Selbstreflexion, Beachten emotionaler Signale, einen Überblick bekommen, So-tun-als-ob/virtuelles Probehandeln).

11. Ressourcenorientierung: Wenn die Intervention auf den Stärken der Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung aufbaut, ist sie erfolgreicher. Zu den Stärken gehören die Detailverarbeitung, das Systematisieren und die Sachorientierung. Entsprechend sollten auch soziale Konzepte sachlich-explizit und systematisierend vermittelt und die gute Beobachtungsgabe für Details genutzt werden.

12. Rationales vor emotionalem Verstehen: Zu den Ressourcen gehört der intellektuelle, sachliche Zugang zum Leben, der genutzt wird, um den intuitiven emotionalen Zugang, der schwächer entwickelt ist, zu unterstützen. Preißmann (2009) empfiehlt Therapeuten, mit konkreten Beispielen, Ratschlägen, Empfehlungen und bei der Exploration auch mal Auswahlantworten zu arbeiten, da es Menschen mit autistischen Schwierigkeiten schwerfällt, sich fiktive und demnach abstrakte Situationen, wie es letztlicher jeder Bezug vom Therapiezimmer aus in die vergangene oder zukünftige Alltagserfahrung darstellt, vorzustellen. Therapeuten sind meist sehr gut dafür ausgebildet, ihre Klienten dabei zu unterstützen, aus ihren emotionalen Erfahrungen eine rationale Erkenntnis zu ziehen. Eine Therapie geht symbolisch ausgedrückt »vom Bauch zum Kopf« bzw. »von unten nach oben«. Für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ist dies oft das ungünstigere Vorgehen, da sie unter anderem wegen der Schwäche der Theory of Mind Schwierigkeiten mit der Wahrnehmung und Interpretation ihre eigenen und fremder sozioemotionaler Signale und der emotionalen Selbstreflexion haben: Sie benötigen rationale Erklärungen und verständnisorientierte Übungen und haben danach vielleicht ein emotionales »Aha-Erlebnis« zum Beispiel im Sinne davon, dass es nun Spaß macht, jemandem ein Kompliment zu machen, dass sie sich am Arbeitsplatz im Umgang mit anderen Menschen sicherer fühlen oder dass die Beziehung zu jemandem vertrauter geworden ist. Die Therapie geht also »vom Kopf zum Bauch« bzw. »von oben nach unten«.

13. Implizites explizit machen: Da Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sozio-emotionales und kommunikatives Verhalten nicht primär intuitiv und inzidentell lernen, sondern die sozialen Regeln des Zusammenseins bewusst erlernen und in ihrer Bedeutung verstehen müssen, müssen sozioemotionale Kompetenzen gezielt so aufbereitet werden, dass sie kognitiv verstanden und vermittelt werden können. Menschen ohne eine Autismus-Spektrum-Störung denken oft, dass irgendeine implizite Erwartung oder soziale Regel selbstverständlich sei, da sie auf einem stillschweigenden kollektiven Einverständnis beruht. Für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ist dieses angeblich so Selbstverständliche und auf dem sogenannten gesunden Menschenverstand Beruhende meistens alles andere als selbstverständlich. Sie benötigen oft eine explizite Formulierung, explizite Erklärung und eine explizite Anleitung.

14. Konzepte statt einzelne Verhaltensweisen: Es sollte bei der Therapie von Jugendlichen und Erwachsenen im hochfunktionalen Bereich nicht darum gehen, isoliert einzelne Fertigkeiten »anzutrainieren«, wie es Mesibov und Lord (1993, zit. nach Häußler et al. 2003) bei den primär fähigkeitsbezogenen Ansätzen bemängeln. Die einzelnen Kompetenzen müssen immer in einen Kontext gesetzt und das übergeordnete Verhaltenskonzept oder eine allgemeingültige Anleitung vermittelt werden. Wenn man anhand eines Rezeptes gelernt hat, wie man Kochrezepte liest und anwendet, kann später auch andere Gerichte ab Rezept kochen, im Verlauf mal eine Zutat ersetzen und eigene Ideen auf der Rezeptgrundlage ausprobieren und mit der Zeit die immer wiederkehrenden Abläufe so weit generalisieren, dass man auch ohne Rezept kochen oder sogar ein ganz eigenes Menü entwickeln kann. Jede zu erlernende soziale Verhaltensweise wird demnach so konzeptualisiert, dass sie möglichst viel Spielraum für eigene Ausgestaltung, Variation und Anpassung an die Gegebenheiten bietet. So werden auch der Transfer auf neue Situationen und die Generalisierung des Erlernten ermöglicht.

15. Prompting: Diese verhaltenstherapeutische Vorgehensweise ist in der Therapie beim Erlernen neuer sozialer Strategien und Kompetenzen sehr hilfreich oder fast unerlässlich. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung lernen wie andere Menschen am Erfolg. Bei ihnen besteht mehr als bei anderen die Gefahr, dass sie bei Misserfolg aufgeben, da Fehler und Misserfolg zu Unklarheit, Unsicherheit und einer Art Kontrollverlust führen. Daher sollen sie möglichst nahe an ihrer Leistungsgrenze üben, sodass jede Übung möglichst schnell zu einem Erfolgserlebnis wird. »Prompts« helfen, dass das Verhalten (z. B. Einsatz von Gestik) erfolgreich gezeigt werden kann. Zu Beginn sollten jeweils mehr spezifische Prompts (z. B. Bild von Gesten, Abb. 1.1) eingesetzt werden, die dann später nur noch eine Erinnerungs- oder Platzhalterfunktion haben (z. B. Mühlesteine als Erinnerungshilfe, mehr Gesten einzusetzen) ausgeschlichen werden, bis sie nicht mehr nötig sind. Sollte das Verhalten nicht mehr sicher oder wieder zu selten gezeigt werden, können wieder »Prompts« verwendet werden.

16. Shaping: Nach Howlin et al. (1999) soll der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben und Übungen laufend gesteigert werden. Mit dem verhaltenstherapeutischen Begriff »Shaping« ist gemeint, dass ein Verhalten zuerst im Ansatz da ist, und dann durch weiteres Üben immer mehr verfeinert wird und mehr Merkmale umfasst und der Teilnehmer auch allfällige Ausnahmen dazu kennt.

17. Abstrahieren von Konkretem: Die KOMPASS-Autoren sind der Ansicht, dass auch die umgekehrte Problematik zur Konkretisierungsschwäche, nämlich die Abstraktionsschwäche, beachtet werden muss. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung fällt es immer wieder schwer, aus einzelnen konkreten Informationen ein übergeordnetes Konzept zu bilden, was mit der präferierten lokalen Informationsverarbeitung von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zu tun hat. So geschieht aber implizites Lernen: Man erkennt in Einzelbeobachtungen oder Informationen den roten Faden und deduziert die zugrundeliegende konzeptuelle Idee. Erst das abstrakte Konzept kann man zur Generalisierung auf neue Situationen nutzen. Der Therapeut muss dem Klienten mit einer Autismus-Spektrum-Störung helfen, diese abstrakten Konzepte zu erkennen und zu verstehen.

18. Inzidentelles Lernen: Das Lernen in der natürlichen Umgebung und nicht innerhalb einer gezielten Übungssituation ist besonders wirksam.


Abb. 1.1: Zeige (beschreibende) Gestik

Es gibt keine ideale Therapie für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, weder im Einzel- noch im Gruppensetting. Die Interventionen müssen individuell an den Betroffenen angepasst werden und seine Entwicklung berücksichtigen. Nach Remschmidt et al. (2006) sollte »die Intervention – neben Verhaltensaspekten – kognitive, emotionale, motivationale und körperliche Faktoren in gleichem Masse berücksichtigen, um dem Menschen mit Asperger-Syndrom in seiner Ganzheitlichkeit gerecht zu werden und ihn auf allen Ebenen zu fördern« (S. 190).

1.6.3 Übersicht über evaluierte Trainingsprogramme

Bei einer Literaturrecherche fanden sich bis Herbst 2008 vierzehn evaluierte Gruppentrainings für Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung im höheren Funktionsbereich. Mit Ausnahme des Sozialtrainings von Herbrecht et al. (2008) liegen den Autoren die dort verwendeten Manuale oder eine konkrete Beschreibung der Übungen und Aufgaben nicht vor. Wie die Übersicht von Jenny (2010) zeigt, werden eine Vielzahl von Themen und Methoden ( Kap. 1.6.1) angewendet. An dieser Stelle sollen die Studien der Vollständigkeit halber in der Reihenfolge ihres Erscheinungsjahres kurz erwähnt werden.

• Mesibov (1984) beschreibt ein Gruppentraining (in Kombination mit Einzelstunden) der sozialen Kompetenzen für sprechende autistische Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene. Neben dem gezielten Einüben sozialer Fertigkeiten soll sich eine langfristige Begegnungsgruppe im Sinne einer Selbsthilfegruppe entwickeln.

• Die Gruppenbehandlung von Williams (1989) für Kinder im Alter von neun bis 15 Jahren findet wöchentlich in der Schule statt und umfasst unter anderem direkte Verhaltensinstruktionen für den schulischen Alltag.

• Das Gruppentraining von Marriage et al. (1995, zit. nach Krasny et al. 2003), das mit einer parallelen Elterngruppe durchgeführt wird, richtet sich an Kinder von acht bis zwölf Jahren mit Asperger-Syndrom.

• Das Sozialtraining in der Gruppe von Ozonoff und Miller (1995), das auch soziale Anlässe außerhalb der Gruppe umfasst, vermittelt Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen im Alter von elf bis 15 Jahren spezifische Interaktions- und Gesprächskompetenzen sowie explizit ein Training der Theory of Mind.

• Das Gruppentraining von Barry et al. (2003) für Kinder mit High-Functioning-Autismus im Alter von sechs bis neun Jahren, verwendet auf Regeln basierende Instruktionen in Form von sozialen Geschichten.

• Solomon et al. (2004) haben ein Gruppenprogramm mit begleitender Elterngruppe für durchschnittlich intelligente oder lernbehinderte Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren mit Autismus-Spektrum-Störungen zusammengestellt, das auch gruppentherapeutische Prozesse berücksichtigt.

• Das Gruppentraining von Sloman und Leef (2004, zit. nach Tse et al. 2007) für Neun- bis 14-Jährige mit Asperger-Syndrom bietet eine parallele Elterngruppe und arbeitet schwerpunktmäßig mit der Technik des Rollenspiels.

• Baumingers (2002, 2006) multimodales kognitiv-verhaltenstherapeutisches Sozialtraining für Kinder und Jugendliche mit High-Functioning-Autismus oder Asperger-Syndrom wird in der Schule durch die Lehrperson durchgeführt und bezieht Trainingseinheiten mit einem unauffälligen, gleichaltrigen Kind mit ein. In der zweiten Studie (2006) werden zudem wöchentliche Einzeltrainings angeboten.

• Das Gruppentraining von Gevers et al. (2006) bezieht sich auf ein manualisiertes Programm (Steernemann et al. 1996), das für Kinder von acht bis elf Jahren mit sozialen Beeinträchtigungen inklusive einer Autismus-Spektrum-Störung entwickelt wurde. Es wird zudem eine psychoedukative Elterngruppe angeboten.

• Dunlop et al. (2002) haben ein Gruppenprogramm für Kinder von sechs bis elf Jahren und für Jugendliche von zwölf bis 16 Jahren mit Asperger-Syndrom zusammengestellt und evaluiert. Da diese Evaluationsstudie nur online und nicht in einer Fachzeitschrift publiziert ist, wurde es nicht in die Übersicht von Jenny (2010) aufgenommen. Das Besondere an dieser Studie ist, dass die Eltern in einem Interview vor dem Training drei individuelle Zielkompetenzen für ihre Kinder formulieren konnten, die anschließend auch überprüft wurden.

• Das manualisierte Gruppentraining von Sofronoff et al. (2007) für Kinder von zehn bis 14 Jahren mit begleitender Elterngruppe arbeitet mit einem Belohnungssystem, es setzt auch die Social Stories von Gray (1998) ein und legt einen Schwerpunkt auf die Gefühlserkennung und -regulation.

• Tse et al. (2007) stellen ein Sozialtraining für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen im Alter von 13–18 Jahren vor. Sie arbeiten mit dem Manual von Goldstein und McGinnis (2000, zit. nach Tse et al. 2007), das nicht spezifisch für die Behandlung von autistischen Jugendlichen entwickelt wurde. Sie setzen vor allem Rollenspiele ein und organisieren auch soziale Aktivitäten außerhalb der Gruppe.

• Das manualisierte Intensivtraining von Lopata et al. (2008) wird während der langen Sommerferien täglich durchgeführt und richtet sich an Kinder mit Asperger-Syndrom, High-Functioning-Autismus oder einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung (NOS) im Alter von sechs bis 13 Jahren. Es wird mit dem Manual von Lopata et al. (2006, zit. nach Lopata et al. 2008) und nach dem Programm Skillstreaming (Goldstein et al. 2000; McGinnis und Goldstein 1997) gearbeitet und zudem eine begleitende Elterngruppe angeboten.

• Das KONTAKT-Gruppentraining von Herbrecht et al. (2008) für Kinder und Jugendliche mit guten intellektuellen und verbalen Fähigkeiten mit einer Autismus-Spektrum-Störung im Alter von acht bis 19 Jahren ist an verhaltenstherapeutischen Prinzipien ausgerichtet und beinhaltet ein Verstärkersystem. Trainingsschwerpunkte sind die Emotionserkennung sowie die Verbesserung der Fremd- und Eigenwahrnehmung, aber auch konventionelle soziale Verhaltensweisen.

1.6.4 Ausführliche Darstellung ausgewählter evaluierter Trainingsprogramme

Im Folgenden werden das sehr breit evaluierte PEERS-Programm, auch wenn es nur auf Englisch publiziert ist, sowie die auf Deutsch erschienen evaluierten Gruppentrainings dargestellt.

Das PEERS-Programm

Laugeson und Frankel (2010) entwickelten das manualisierte PEERS-Programm für Jugendliche zur Entwicklung von Freundschaften. Da es sehr gut beforscht ist, wird es etwas ausführlicher dargestellt. Es basiert auf dem Childrens Friendship Training (CFT Frankel und Myatt 2003). Es stellt eine Intervention über 14 wöchentliche Sitzungen à 90 Minuten für Jugendliche und deren Eltern zur gezielten Verbesserung von Freundschaftskompetenzen dar. Mindestens ein Elternteil pro Jugendlichen besucht regelmäßig jeweils parallel zu den Jugendlichen die Elterngruppe, überwacht die Hausaufgaben und unterstützt die Tochter oder den Sohn beratend bei sozialen Herausforderungen. Das Programm ist psychoedukativ und kognitiv-verhaltenstherapeutisch aufgebaut und umfasst didaktische Lektionen, Rollenspiel und Übungen für die Jugendlichen sowie in der Elterngruppe Besprechen der Hausaufgaben und von Informationsmaterial zu den behandelten Themen. Die Themen sind vielfältig und werden mittels Instruktionen zu sozialen Verhaltensweisen vermittelt: verbale und nonverbale Kommunikation, elektronische Kommunikation, Identifizierung relevanter sozialer Gruppen und Aktivitäten zur Entwicklung eines sozialen Netzes und Entwicklung von Freundschaft, adäquate Kontaktaufnahme, Teamfertigkeiten, Humor, Umgang mit freundschaftlichem Necken, Umgang mit peinlichem Feedback und Plagen (»Bullying«), Verbesserung eines schlechten Rufs, Umgang mit Tratsch und Gerüchten, Konfliktlösungsstrategien.

Die erste Evaluation von Laugeson et al. (2009) des damals noch zwölf Sitzungen umfassende PEERS-Programm schloss N = 5 Mädchen und N = 28 Jungen im Alter von 13–17 Jahren (M = 14,6 Jahre), die randomiziert entweder einer Interventions- (N = 16) oder einer Wartegruppe (N = 17) zugeteilt wurden, ein. Die Teilnehmer konnten gemäß Elternangaben und Beurteilung der Teilnehmer im Vergleich zur Wartegruppe ihr Wissen über soziale Regeln im Zusammenhang mit Freundschaft verbessern, die Anzahl der Einladungen steigern und berichteten von mehr Qualität in ihren Freundschaften. Die Teilnehmer wurden aber nicht häufiger von anderen zu Treffen aufgefordert. Dass sich in der Behandlungsgruppe auch die Qualität von bestehenden Freundschaften verbesserte, hing v. a. damit zusammen, dass sie sich in der Wartegruppe verschlechtert (Schohl et al. 2014). Die Lehrer beobachteten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Behandlungs- und Wartegruppe. Die Evaluation von Frankel et al. (2010) mit einer größeren Stichprobe von N = 68 nach demselben Untersuchungsdesign bestätigte die Ergebnisse für Kinder, die im Schnitt 8,5 Jahre alt waren.

Bei der erneuten Evaluation des PEERS-Programms (Laugeson et al. 2012) wurde auch der Effekt auf die autistische Symptomatik beobachtet. Eine Stichprobe von N = 23 Jungen und N = 5 Mädchen im Alter von 12–17 Jahren (M = 14,6 Jahre) wurde in drei Gruppen von 8–10 Teilnehmern untersucht. Die zuerst rekrutierten Teilnehmer wurden einer Wartegruppe (N = 14) zugeordnet, die späteren Probanden der Behandlungsgruppe (N = 14). Das Wissen über soziale Kompetenzen, konkrete soziale Fertigkeiten und die Häufigkeit der Interaktionen mit Gleichaltrigen nahmen gemäß Elternangaben in der Interventionsgruppe signifikant stärker zu als in der Wartegruppe. Die soziale Reaktivität verbesserte sich ebenfalls signifikant und die autistischen Symptome nahmen ab. Auch die etwas längerfristigen Effekte mit einer Katamneseuntersuchung nach 14 Wochen (N = 12) wurde untersucht. Es zeigte sich, dass alle Behandlungseffekte beibehalten werden konnten. Sie fanden zudem Verbesserungen in den sozialen Kompetenzen nach Gruppenende, die den bereits während der Behandlung festgestellten, aber dort noch nicht signifikanten Trend fortsetzten. Während sich in den Lehrerangaben keine signifikanten Unterschiede für den Vergleich der Interventions- mit der Wartegruppe zeigten, verbesserte sich aber das allgemeine soziale Funktionsniveau bei der Nachuntersuchung der Behandlungsgruppe.

Langzeiteffekte des PEERS-Programm untersuchen Mandelberg et al. (2014). Aus einer Stichprobe von 82 ehemaligen PEERS-Teilnehmern, die damals 12–18 Jahre alt waren, beteiligten sich 53 Familien (64% response rate) an der Nachuntersuchung 1–5 Jahre (Durchschnitt 2,5 Jahre) nach Therapieende. Die nicht teilnehmenden Jugendlichen unterschieden sich nicht signifikant von den an der Studie teilnehmenden. 62% der Teilnehmer gehörten zu bereits früher untersuchten Stichproben (Laugeson et al. 2009 und 2012), 38% nahmen an Gruppen der PEERS-Clinic, die aber nicht untersucht worden waren, teil. Die meisten während der Behandlung erreichten Verbesserungen der sozialen Fertigkeiten, um Freundschaften zu entwickeln und zu pflegen, konnten gemäß Eltern und Jugendlichen auch langfristig beibehalten werden. Im Bereich der sozialen Reaktivität und der sozialen Fertigkeiten konnten sogar weitere Verbesserungen nach der Behandlung festgestellt werden. Im Besonderen wurden die ehemaligen Teilnehmer vermehrt eingeladen und organisierten selbst auch Treffen. Die Autoren gehen davon aus, dass der intensive Einbezug der Eltern die Generalisierung zu Langzeit Trainingseffekten begünstigt.

Schohl et al. (2014), eine Autorengruppe, die unabhängig von den Autoren des PEERS-Programms ist, führten eine Replikationsstudie zu PEERS mit 58 Jugendlichen (Jungen-N = 47, Mädchen-N = 11) im Alter von 11–16 Jahren (M = 13,7 Jahre) durch, die randomisiert einer Wartegruppe (N = 29) und einer Interventionsgruppe (N = 29) zugeteilt wurden. Die Teilnehmer des Programms verbesserten im Prä-Post-Vergleich zur unbehandelten Wartegruppe ihr Wissen über Freundschaftskonzepte und Kompetenzen zur Entwicklung von Freundschaft sowie die Anzahl von freundschaftlichen Treffen während der Gruppendauer signifikant, nicht jedoch die Qualität ihrer Freundschaften. In dieser Replikationsstudie verbesserten sich die sozialen Kompetenzen in den Eltern- und Lehrerangaben nicht signifikant, aber deskriptiv. Zudem zeigt sich gemäß Elternangaben ein signifikanter Unterschied in den autistischen Kernsymptomen (gemessen mit dem SRS), die sich auch in der Warteliste signifikant, aber weniger deutlich verbesserten. Auch soziale Angst und weitere Verhaltensauffälligkeiten nahmen in der Therapiegruppe signifikant ab. Die Lehrpersonen beobachten jedoch nur eine Verbesserung der allgemeinen Verhaltensauffälligkeiten, nicht jedoch der sozialen Kompetenzen und der autistischen Symptomatik.

Außerdem untersuchten Laugeson et al. (2014), welche Wirksamkeit eine Adaptation von PEERS für das Schulsetting aufweist, wenn Lehrpersonen das Programm durchführten. Das Programm wurde in einer Privatschule für Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung implementiert und für N = 73 Schülerinnen (N = 9) und Schüler (N = 64) im Alter von 12–14 Jahren (M = 13 Jahre) fünf Mal pro Woche während 30 Minuten über 14 Wochen hinweg durchgeführt. Die Autoren verglichen N = 40 Schüler, die PEERS besucht haben, mit N = 33 Schülern, welche dieselbe Schule in einem anderen Gebäude besuchten und in einem alternativen Curriculum zu sozialen Kompetenzen unterrichtet wurden. Im Unterschied zur Kontrollgruppe verbesserten sich im Lehrerurteil das soziale Funktionsniveau und die soziale Reaktivität bei der Therapiegruppe signifikant mehr. Die PEERS-Schüler selbst berichteten von signifikant mehr sozialen Aktivitäten (Treffen, Einladungen) und einem besseren Wissen über Freundschaftskompetenzen als die Kontrollschüler.

Chang et al. (2014) suchten in einer Stichprobe von 49 Jungen und elf Mädchen im Alter von 12–17 Jahren, die das PEERS-Programm absolviert hatten, nach Prädiktoren für die Verbesserung der sozialen Kompetenzen durch die Behandlung. 63% der Varianz konnte durch die bei Trainingsbeginn besseren Werte in den von den Eltern berichteten sozialen Fertigkeiten (v. a. Verantwortungsgefühl, Selbstkontrolle) und das von den Teilnehmern wahrgenommene tiefere soziale Funktionsniveau erklären. Die Autoren schließen, dass das Training für Teilnehmer mit guten Basiskompetenzen, die ihre sozialen Schwächen wahrnehmen können, wirksamer ist.

Vaughan van Hecke et al. (2015) untersuchten anhand des PEERS-Programms, ob ein soziales Kompetenztraining das »neuronale Funktionieren« verändert. Sie teilten Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung randomisiert der Gruppenbehandlung (N = 35) oder der Wartegruppe (N = 31) zu und verglichen sie mit einer Stichprobe von Jugendlichen ohne Autismus-Spektrum-Störung (N = 30). Sie fanden nur bei den behandelten Probanden mit einer Autismus-Spektrum-Störung eine Veränderung, die zu einer Angleichung des EEG-Musters an nicht-autistische Jugendliche führte.

Schließlich setzten Gantman et al. (2012) ein für Erwachsene adaptiertes 14 Wochen dauerndes PEERS-Programm mit jungen Erwachsenen ein. In einer randomisiert kontrollierten Studie untersuchten sie die Wirksamkeit an N = 17 jungen Erwachsenen (zwölf Männer, fünf Frauen) mit einer Autismus-Spektrum-Störung im hochfunktionalen Spektrum im Alter von 18–23 Jahren. Zehn Teilnehmer begannen das Training sofort, neun bildeten die Wartegruppe und begannen 14 Wochen später. Die behandelten Probanden berichteten nach dem Training von signifikant geringeren Einsamkeitsgefühlen und einem verbesserten sozialen Wissen. Bezugspersonen beobachteten signifikante Verbesserungen in den sozialen Kompetenzen im Allgemeinen, der sozialen Reaktivität und Empathie sowie vermehrten Verabredungen. Somit wirkt das Programm bei jungen Erwachsenen ähnlich wie bei Jugendlichen, Kinder und im schulischen Setting.

KONTAKT und KONTAKT-S

Das KONTAKT-Gruppentraining von Herbrecht et al. (2008) war das erste manualisierte und in einer Pilotstudie evaluierte Gruppentrainingsprogramm im deutschsprachigen Raum. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von 8–19 Jahren mit einer Autismus-Spektrum-Störung und ausreichenden kognitiven und verbalen Fähigkeiten. Die Gruppen sind grundsätzlich offen, umfassen jeweils vier bis sieben Teilnehmende und zwei Therapeuten und haben keine feste Dauer, sondern bestehen über mehrere Jahre mit wechselnden Teilnehmenden. Die jüngere Gruppe, die sich wöchentlich für 60 Minuten trifft, umfasst Kinder im Alter von acht bis 13 Jahren. Die ältere Gruppe wird von Jugendlichen im Alter von 13–18 Jahren besucht und findet vierzehntäglich für 90 Minuten statt. Zudem finden vierteljährliche Gruppengespräche mit den Eltern zum Erfahrungsaustausch und zur Information über das Programm statt.

KONTAKT legt einen deutlichen Schwerpunkt auf die Verbesserung der Emotionserkennung sowie der Fremd- und Eigenwahrnehmung. Daneben werden die Kontaktaufnahme, das Erlernen und Einhalten sozialer Regeln, das Erarbeiten von Konfliktlösungsstrategien und das Erlernen prosozialer Verhaltensweisen geübt. In der ersten Stufe dieses Gruppentrainings stehen das Kennenlernen, die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls und das Erkennen der Basisemotionen im Vordergrund. In der zweiten Stufe geht es um die Verknüpfung von Emotionen und Situationen, das Verbalisieren von Emotionen, den Perspektivenwechsel sowie um einfache soziale Fertigkeiten wie Sich-Verabreden. In der dritten Stufe werden komplexere soziale Fertigkeiten eingeübt und die Selbst- und Fremdwahrnehmung stärker gefördert.

Das Training bezieht sich auf verhaltenstherapeutischen Prinzipien und beinhaltet ein Verstärkersystem. Es wird auf die Strukturierung von Abläufen, die Kombination von theoretischen und praktischen Elementen, auf Gruppenregeln, ein schrittweises Vorgehen mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad sowie auf die Berücksichtigung von individuellen Problemen geachtet und mit einem Token-System zur Verstärkung gearbeitet. Die Therapiebausteine beinhalten strukturierte Gruppenspiele, Training der Emotionserkennung, Gruppenaktivitäten, Rollenspiele, Diskussionen, Feedback und Hausaufgaben. Im Manual werden konkrete Hinweise zum Emotionstraining, zu neuen Gruppenspielen und -aktivitäten, Themen für Gruppengespräche und Rollenspielen gemacht und ein Trainingsaufbau über zehn Sitzungen vorgeschlagen, auch wenn das Gruppentraining zum Erreichen der genannten Ziele wesentlich länger dauere, wie die Autoren schreiben.

Es findet sich bisher eine Pilotstudie zu KONTAKT (Herbrecht et al. 2009). Es ist ein Prä-Post-Vergleich nach elf Monaten Therapie, wobei die Therapie danach noch weiterlief. Die Studie bezieht sich auf eine Kinder- und zwei Jugendlichen-Gruppen mit insgesamt 15 Jungen und zwei Mädchen im Alter von 9–20 Jahren mit einer Autismus-Spektrum-Störung und erfasst einen Zeitraum von elf Monaten. Die eine Jugendlichen-Gruppe (N = 7) hatte bereits vor der Prä-Messung ein Gruppentraining erhalten und erhielt 17 Trainingssitzungen à 90 Minuten, die andere Jugendlichen-Gruppe (N = 4) dauerte 15 Sitzungen à 90 Minuten, und die Kinder-Gruppe umfasste 29 Sitzungen à 60 Minuten. Neben einer Prä-Messung fand eine Post-Messung nach drei Vierteln des Trainings statt und eine Katamnese einige Wochen nach Ende des Trainings, bevor die Gruppe nach den Sommerferien fortgesetzt wurde. Hinzu kam eine Prozessdiagnostik mit zwei Untersuchungszeitpunkten im Gruppenverlauf. Die quantitativen Daten der Eltern zeigten nur in einigen wenigen Teilbereichen eine (fast) signifikante Symptomreduktion und diejenigen der Lehrer (N = 5) keine signifikante Verbesserung. Das verblindete Expertenrating des Verhaltens der Teilnehmenden in den Gruppenstunden zeigte eine Verbesserung in den Bereichen der Interaktion und Kommunikation. Die Kindergruppe hatte dabei mehr vom Training profitiert als die beiden Jugendlichen-Gruppen.

Choque Olsson et al. (2017) führten eine Replikationsstudie des auf Schwedisch übersetzte KONTAKT-Programms in einer randomisierten Multizenter-Verlaufsstudie gegenüber einer Standardbehandlung und mit einer Katamnese nach drei Monaten durch. Für die Untersuchung wurde aus KONTAKT ein standardisiertes Manual für ein zwölf Wochen dauerndes Trainingsprogramm zusammengestellt (Bölte und Choque Olssion 2011), das im Weiteren zur Abgrenzung gegen das Original-Trainings als schwedische und standardisierte Variante KONTAKT-S bezeichnet wird. Es wurde in 13 ambulanten kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen für Kindergruppen während 60 Minuten und Jugendlichengruppen 90 Minuten durchgeführt. Die Therapeuten wurden für die KONTAKT-S Durchführung trainiert und supervidiert. Die Standardbehandlung umfasste unter anderem Einzeltherapie (inkl. kognitive Verhaltenstherapie), Beratung, Psychoedukation, Medikation, Ergotherapie. Der Verlauf wurde mit N = 296 durchschnittlich begabten Kindern und Jugendlichen (Mädchen-N = 88, Jungen-N = 208) im Alter von 8–17 Jahren evaluiert. Im SRS (Constantino und Gruber 2005) zeigte sich bei den Elternangaben in beiden Bedingungen eine, wenn auch nicht signifikante, Symptomabnahme während der Intervention wie auch im Vergleich vor der Intervention zur Katamnese, es wurde aber kein signifikanter Gruppeneffekt gefunden. Wenn nur die Jugendlichengruppen, die zu Beginn ein höheres Symptomniveau aufwiesen, betrachtet wurden, zeigte sich ein signifikanter Interaktionseffekt, da die Eltern in der KONTAKT-S-Gruppe eine deutlichere Symptomabnahme während der Intervention und im Vergleich zur Katamnese berichteten als bei der Standardbehandlung. Auch wenn man sich nur auf die Mädchen fokussierte, wurde ein signifikanter Interaktionseffekt während der Intervention, aber nicht im Katamnesevergleich gefunden. Die Angaben der in Bezug auf die Zugehörigkeit der Probanden zur KONTAKT-S- oder Standard-Gruppe verblindeten Lehrpersonen, die eine hohe Quote an fehlenden Daten aufwies, zeigen keine signifikanten Verbesserungen im Behandlungsverlauf oder im Vergleich zur Katamnese.

TOMTASS

Das Theory of Mind-Training TOMTASS von Paschke-Müller et al. (2013) richtet sich an Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung im hochfunktionalen Bereich im Alter von 7–18 Jahren mit einem IQ > 70 und altersgemäßen sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten. Kinder und Jugendliche mit geringer Veränderungs- oder Teilnahmemotivation, stark expansivem Verhalten und stark ausgeprägten Ritualen bzw. zwanghaften Verhaltensweisen werden nicht eingeschlossen. Ungünstig ist auch die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen mit sehr individuellen Problemen und einem hohen Bedarf an individueller Klärung. Es sollen altershomogene Gruppen für 7–12-jährige Kinder und 13–18-jährige Jugendliche gebildet werden. Die Gruppe findet wöchentlich für eine Dauer von 75 Minuten statt und umfasst 24 Sitzungen. Die Autoren schlagen bei zwei Therapeuten jeweils vier bis sechs Teilnehmer vor.

Durch gezieltes Training der Fähigkeiten zur Theory of Mind (ToM) soll die Generalisierung in den Alltag der Teilnehmer erleichtert werden. Die acht Module bauen aufeinander auf und werden zunehmend komplexer. TOMTASS umfasst nach einem Vorgespräch drei Trainingsstufen mit insgesamt acht thematischen Modulen und dann ein Nachgespräch. In der ersten sogenannten ›Motivationsstufe‹ werden das Thema Kennenlernen (drei Sitzungen), der erste Elternabend und das zweite Modul ›Psychoedukation‹ (drei Sitzungen) behandelt, um »ein Störungsbewusstsein zu schaffen« (S. 24). Die zweite sogenannte ›Basisstufe‹ trainiert die Basisfertigkeiten. Sie umfasst die Module 3–5 ToM-Gefühle (vier Sitzungen), ToM-Gedanken (zwei Sitzungen) und ToM-Sprache (zwei Sitzungen) sowie den zweiten Elternabend. In der letzten, der ›Aufbaustufe‹ werden die Basisfertigkeiten auf Alltagssituationen angewendet und die Module 6–8 Kontaktaufnahme und Freundschaft (fünf Sitzungen), Konflikte und Kritik (drei Sitzungen) und Körperübungen, Entspannung und Stresstoleranz (zwei Sitzungen) sowie der dritte Elternabend durchgeführt.

TOMTASS ist ein lösungsorientiertes, standardisiertes Gruppentraining zur Verbesserung der Theory of Mind. Konzeptuell bezieht sich TOMTASS auf verhaltenstherapeutische Prinzipien und den TEACCH-Ansatz (Häußler 2005). Besonders bei den Übungen zur Theory of Mind werden mithilfe von Bildern und Comics die zu bearbeitenden Geschichten visualisiert. Zudem wird den Teilnehmern zur Stressregulation die progressive Muskelentspannung beigebracht. Auch Achtsamkeitsübungen haben Platz und zeigen den Einfluss der Dialektisch-Behavioralen Therapie für Jugendliche, bei denen es um individuelle Strategien zur Wahrnehmung unangenehmer Gefühle und Stressregulation geht. Das Training beinhaltet ein Token-System zur Verstärkung. Die Themen werden in Anlehnung an das KONTAKT-Programm (Herbrecht et al. 2008) in Gruppenspielen, Gruppengesprächen, gemeinsamen Aktivitäten und Rollenspielen umgesetzt. Die wöchentlichen Hausaufgaben stellen eine Nachbereitung besprochener Inhalte oder eine Vorbereitung auf neue Themen dar. TOMTASS ist kein fest standardisiertes Manual, sondern zu jedem Modul stehen verschiedene Übungen zur Auswahl, aus denen man sich die für die Gruppe geeigneten heraussucht. In der vorgegebenen Stundenzahl können nicht ganz alle Übungen durchgeführt werden. Die benötigten Materialien sind im Manual abgedruckt und von einer CD herunterladbar.

TOMTASS wurde in einer Prä-Post-Verlaufsuntersuchung ohne Vergleich zu einer unbehandelten Kontrollgruppe evaluiert (Biscaldi et al. 2016), in welcher die Probanden der im Manual erwähnten Pilotstudie enthalten sind. TOMTASS wurde bei n = 38 hochfunktionalen Patienten mit einer Autismus-Spektrum-Störung eingesetzt, die in der Freiburger Autismus-Ambulanz der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter behandelt wurden. Die Behandlung wurde mittels eines Prä-Post-Vergleichs mit der Skala zur sozialen Reaktivität (SRS, Bölte und Poustka 2008) und dem Inventar zur Erfassung der Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen (ILK, Mattejat und Remschmidt 2006) sowie einem Videorating (Stunde 2–4 vs. Stunde 21–23) evaluiert. Die Studie bezieht sich auf vier Kindergruppen (8–12 Jahre) und fünf Jugendgruppen (13–18 Jahre) mit ausschließlich männlichen Teilnehmern im Alter von 7,7–18,3 Jahren (Durchschnitt 13,2 Jahre) und IQ 70–136 (Durchschnitt IQ = 100.6). Das Ausmaß der autistischen Symptomatik verringert sich gemäß Elternurteil in SRS signifikant. Es wird zudem eine leichte, aber nicht signifikante Verbesserung der Lebensqualität im Elternurteil des ILK festgestellt, während das Selbsturteil des ILK keine Verbesserung zeigt. Die entsprechende selbst zusammengestellte »Veränderungs-Version« zeigt jedoch im Selbsturteil und Elternurteil eine positive Veränderung. Die Videoanalyse, die von in Bezug auf den Zeitpunkt verblindeten Ratern bewertet wurden, zeigt im Gesamtwert keine Zunahme an beobachteten sozialen Verhaltensweisen.

GATE

Das Gruppentraining für Autismus im Erwachsenenalter von Gawronski et al. (2012) richtet sich an (junge) Erwachsene mit einem IQ > 70 und angemessenen sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten. Eine GATE-Gruppe besteht aus sechs Teilnehmern und zwei Therapeuten und trifft sich für 15 Sitzungen wöchentlich für 90 Minuten.

Die erste Sitzung dient der Einführung, dem Vorstellen der Teilnehmer sowie dem Sammeln bzw. Äußern von Erwartungen und Befürchtungen. Die zweite Sitzung befasst sich mit Psychoedukation zu Autismus-Spektrum-Störungen, die dritte mit Depression bei Menschen mit Autismus, da diese häufig komorbid auftritt. Dann folgt in der nächsten Sitzung eine Einführung in Entspannungstechniken und das Konzept der Achtsamkeit. In der fünften Sitzung wird ein Stressmodell vorgestellt und Stressauslöser der Teilnehmer diskutiert. In den folgenden vier Sitzungen geht es um den individuellen Umgang mit Stress und die Umsetzung der Strategien gegen Stress. Danach folgen zwei Sitzungen zur Analyse sozialer Situationen, bei der vor allem auf nonverbale Signale und das Erkennen von Gefühlen eingegangen wird. Die letzten vier Sitzungen behandeln die Themen Small Talk, Freundschaft, Konflikte sowie Ressourcen und einen Abschluss.

Die Gruppensitzungen folgen immer demselben Ablauf: Nach der Begrüßung und Besprechung von aktuellen Informationen sowie des Stundenablaufs wird ab der 5. Sitzung eine Achtsamkeitsübung durchgeführt. Als nächstes werden die Hausaufgaben, die meist eine Art Übung und Selbstreflexion im Alltag umfassen, besprochen. Nun folgt das eigentliche Sitzungsthema, das allenfalls durch eine kurze Pause von fünf Minuten unterbrochen wird. Die Sitzung wird durch das Erklären der neuen »Hausaufgaben« und einen Ausblick auf die Folgesitzung abgeschlossen. Jede Stunde wird durch die Therapeuten mittels Power Point-Präsentation, die online herunterladbar ist, durchgeführt und umfasst neben der Theorievermittlung auch Verhaltensübungen in der Gruppe. Die Informations- und Arbeitsblätter sind im Manual abgedruckt und können ebenfalls online von der Verlags-Homepage heruntergeladen werden.

GATE basiert auf einem kognitiv-behaviouralen Therapiekonzept. Die Grundlage der Trainingsentwicklung war eine bedarfsanalytische Untersuchung der Wünsche und Erwartungen Erwachsener mit einer Autismus-Spektrum-Störung an eine Therapie. Entsprechend wurden die Schwerpunkte im Training unter anderem auf die Stressreduktion, Verbesserung der sozialen Kompetenzen sowie das Benennen und Erkennen von Emotionen wie auch den Umgang mit komorbiden Störungen (v. a. Depression) gelegt. GATE dient der angemessenen Bewältigung von Stress sowie der Erweiterung des Verhaltensrepertoires im Kontakt mit anderen. Dazu müssen sowohl Fertigkeiten erlernt werden, um verlässlich die psychische Verfassung anderer einzuschätzen, als auch Kompetenzen im Kontakt mit anderen (z. B. Small-Talk).

Im Manual finden sich Angaben zu einer Pilotevaluation von zwei Gruppentherapien (N = 10). Das Durchschnittsalter der sieben Männer und drei Frauen betrug 31 Jahre und sie waren durchschnittlich intelligent (M = 107, SD = 12). Das Erleben allgemeiner Wirkfaktoren wurde mittels des Stundenbogens für die allgemeine und differenzielle Einzelpsychotherapie (STEP Krampen 2002), der nach jeder Sitzung abgegeben und dann gemittelt wurde, erfasst und als gut eingeschätzt. Als besonders hilfreich wurden die Sitzungen zum Umgang mit sozialem Stress, zum Kommunizieren in sozialen Situationen und zu sozialen Konflikten wahrgenommen. Mit dem Beck-Depressionsinventar (BDI 2, Hautzinger et al. 2006) wurde das Ausmaß komorbider depressiver Symptome erfasst. Sowohl vor als auch nach der Gruppentherapie zeigen die Werte eine milde bis mäßige Ausprägung, die bei Gruppenende deskriptiv tiefer lag, aber nicht statistisch signifikant war. Im Weiteren wurde mithilfe eines selbst entwickelten Fragebogens eine Prozessdiagnostik zur Befindlichkeit, dem Maß, wie hilfreich der Sitzungsinhalt erlebt wurde, der Gestimmtheit auf die nächste Sitzung und der Therapeuteneinschätzung durchgeführt. So zeigten die Teilnehmer, dass sie die Gruppenbehandlung als positiv wahrnahmen.

FASTER

Die Freiburger Asperger Spezifische Therapie für Erwachsene von Ebert et al. (2013) richtet sich an Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung im hochfunktionalen Bereich (IQ > 80) und guter Motivation. Das Gruppentraining dauert ca. 30 wöchentliche Termine à 90 Min. und bietet für 6–8 Teilnehmer in einem geschlossenen Setting Platz. Gemäß schriftlichern Aussagen der Autoren werden die Gruppen aktuell über 120 Minuten durchgeführt, um den Bedürfnissen der Gruppenteilnehmer besser gerecht zu werden. FASTER wurde für das Gruppensetting entwickelt, kann aber auch in der Einzeltherapie eingesetzt werden, was sich vor allem bei schweren komorbiden Ängsten, Zwängen und Persönlichkeitsakzentuierungen anbietet. Gemäß Autoren gibt es aktuell auch ein zehnwöchiges stationäres FASTER-Programm, das die Inhalte des ambulanten Programms enthalte und darüber hinaus mit spezifischen Angeboten der Pflege, Musiktherapie und Ergotherapie verbunden werde. Das stationäre FASTER-Training beinhalte eine Mischung aus Einzel- und Gruppentherapie.

FASTER umfasst drei aufeinander aufbauende Module, die jeweils mit einem Angehörigentreffen abgeschlossen werden. Im Basismodul stehen das Kennenlernen, die Erarbeitung der individuellen Verhaltensziele, der Gruppenziele wie auch die Psychoedukation mit der Erarbeitung eines adäquaten Krankheitsmodells und eines Stärken-Schwächen-Profils im Zentrum. Im Aufbaumodul werden das Konzept der Achtsamkeit und das Modell der Situationsanalyse vermittelt sowie die Themen Emotionserkennung, basale verbale und nonverbale Kommunikation (Zuhören, ein Gespräch beginnen, aufrechterhalten und beenden, nonverbale Signale senden und deren Wirkung verstehen) und Konfliktverhalten behandelt. Im Vertiefungsmodul werden komplexere Aspekte von Kommunikation (z. B. Zuhören, Anliegen formulieren) und Interaktion (z. B. Freundschaft, Partnerschaft, Small Talk) besprochen und geübt. Rollenspiele mit Videofeedback werden v. a. im Vertiefungsmodul eingesetzt. Mittels Hausaufgaben vertiefen die Teilnehmer das behandelte Thema und bereiten sich auf das Thema der nächsten Stunde vor. Die Arbeitsmaterialien und Protokollbogen können von einer CD ausgedruckt werden.

FASTER umfasst verhaltenstherapeutische, psychoedukative, übende und sozialpsychiatrische Elemente, bezieht sich aber auch auf bewährte Strategien aus der Dialektisch Behavioralen Therapie (Linehan 1993) und aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie wie zum Beispiel TEACCH (Häußler et al. 2003). Zu den Gruppenzielen gehören der Aufbau von Stressbewältigungsstrategien, die Förderung kommunikativer und sozialer Fertigkeiten (inkl. Planung von sozialen Aktivitäten außerhalb der Gruppe und Aufbau von sozialkontakten innerhalb und außerhalb der Gruppe) auch der Abbau dysfunktionaler Strategien, indem die Wirkung der Teilnehmer und ihrer bisherigen sozialen Strategien auf andere besprochen werden. Individuelle Ziele können zum Beispiel folgende Themen umfassen: Aufbau einer Tagesstruktur, Suche nach einem Ausbildungsplatz, einen Tanzkurs besuchen, Übernahme von mehr Verantwortung in der Familie.

Zum Zeitpunkt dieser Publikation liegt eine Prä-Post-Vergleichsstudie aufgrund von mehreren Dropouts mit lediglich Daten von n = 11–12 Probanden aus fünf verschiedenen Therapiegruppen vor. Der Depressionswert (gem. Becks Depressionsinventar BDI, Hautzinger et al. 1994) nahm im Verlauf signifikant (p = .03) ab. Der Selbstwert zeigte gem. Multidimensionaler Selbstwertskala (MSWS von Schütz und Sellin 2006) Veränderungen in den Faktoren Emotionaler Selbstwert (p = .04), Sicherheit im Kontakt (p = .04), Allgemeiner Selbstwert (p = .03), aber knapp im Gesamtwert sowie den Faktoren Umgang mit Kritik und Leistungsbezogene Selbstwerteinschätzung. Die Lebensqualität (gem. WHO Quality of Life abbrevated version von Angermeyer, Kilian und Matschinger 2000) zeigte eine signifikante Zunahme im Bereich ›Physisch‹ (p = .04) zu körperlichen Beschwerden, Energie und Erholung und im Bereich ›Umwelt‹ (p = .05) zu Wohn-, Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, finanziellen Ressourcen und Sozialversorgung. Die Bereiche ›Psychisch‹ (Gefühle, Denken, Lernen, Körperbild, Selbstachtung) und ›Soziale Beziehungen‹ (soziale Unterstützung, sexuelle Aktivität) blieben aber unverändert. Gemäß Aussage der Autoren Ende 2016 ist eine Evaluation mit einer größeren Stichprobe in Planung, es liegen aber noch keine neuen Ergebnisse vor.

SOSTA

Das SOSTA-Trainingsprogramm von Cholemkery et al. (2014) richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von 8–20 Jahren mit einer Autismus-Spektrum-Störung und ausreichenden kognitiven (IQ > 70) und verbalen Fähigkeiten sowie freiwilliger Teilnahme und einer gewissen Eigenmotivation. Die Kindergruppen (9–13 Jahre) umfassen 4–5 Teilnehmer und die Jugendlichengruppen (14–20 Jahre) 5–7 Teilnehmer und durch jeweils zwei Therapeuten betreut. Das wöchentliche Training wurde mit zwölf manualisierten Sitzungen à 90 Minuten evaluiert. Es wird aber empfohlen sechs zusätzliche Puffersitzungen (»Aktiver Nachmittag«) in den Verlauf einzubauen, um mehr üben und vertiefen sowie gruppenspezifische Themen bearbeiten zu können, den Transfer zu unterstützen oder auch Gruppenaktivitäten (z. B. Party) zu planen und durchzuführen.

SOSTA ist ein manualisiertes Training und behandelt folgende Themen: Benennen, Erkennen und Üben des emotionalen Ausdrucks, Kommunikationsregeln, Kontaktaufnahme und Gestaltung, Fremd- und Selbstwahrnehmung sowie Umgang mit schwierigen Situationen. Das Training umfasst zwölf strukturierte und sechs freie Sitzungen sowie drei Elternabende. Jeder dritte Termin ist eine der freien Sitzungen und dient der Wiederholung und freien Gestaltung gemeinsamer Aktivitäten zur Förderung von Selbstständigkeit und Transfer des Gelernten in Alltagssituationen. Das strukturierte und standardisierte Manual gibt genau vor, in welcher der zwölf vorgegebenen Sitzungen welches Thema mit welchen Übungen behandelt wird. Zudem gibt es in regelmäßigem Rhythmus sechs freie Sitzungen, an denen Themen wiederholt und vertieft werden können. Thematisch sind die Sitzungen wie folgt vorgegeben: 1. Kennenlernen und Einführung 2. Kommunikation 3. Gefühle erkennen 4. Gefühle ausdrücken 5. Gefühle und Situation 6. Impulskontrolle und Selbstregulation von Wut 7. Interaktion und Problemlösen I: Soziale Fehleranalyse (»social autopsies«) 8. Interaktion und Problemlösen II: Kontaktaufnahme und »social scripts« 9. Soziale Wahrnehmung: Freundliches und selbstbewusstes Verhalten 10. Selbst- und Fremdwahrnehmung: Stärken 11. Selbst- und Fremdwahrnehmung II: »social skripts« oder Problemlösen nach dem sogenannten SODA-Modell und 12. Abschluss.

Der Ablauf der Sitzungen ist immer gleich und umfasst nach einer Einführung, einer Wiederholung der Gruppenregeln und der Eingangsrunde den Themenblock und Gruppenspiele. Dann folgt der Wochenauftrag, wie die Hausaufgaben genannt werden. Schließlich folgt die Abschlussrunde, in der die Teilnehmer benennen, was ihnen gefallen und was ihnen nicht gefallen hat, und jeder Teilnehmer von den Therapeuten ein ausschließlich positives Feedback erhält. In jeder Sitzung werden sogenannte Wochenaufträge zur Vertiefung der besprochenen Themen verteilt. Alle Arbeits- und Informationsblätter sowie weitere Übungsmaterialien können von der Verlags-Homepage (https://dl.kohlhammer.de/978-3-17-037134-7) heruntergeladen werden.

SOSTA ist ein verhaltenstherapeutisches Training mit einer operanten und kognitiven Vorgehensweise. Es arbeitet mit einem Verstärkerplan, um gemeinsam festgelegte Verhaltensweisen (»Verhaltensregeln«) zu trainieren. Durch die positive Verstärkung soll die Auftretenswahrscheinlichkeit des Zielverhaltens erhöht werden. Negative Verstärkung wird kaum eingesetzt. Bei mangelnder Kooperation, störendem und oppositionellem Verhalten, aggressivem Verhalten und Konflikten kommt Verstärkerentzug oder eine verhaltenstherapeutische Auszeit zum Tragen. Pro Stunde können die Teilnehmer gesamthaft vier Punkte für das Einhalten von festen und variabeln Gruppenregeln wie auch individuelle Ziele und Wochenaufträge erhalten. Am Ende jeder Sitzung wird der Verstärkerplan abgerechnet und die Teilnehmer können ihre Punkte gegen etwas aus einer »Belohnungskiste« eintauschen. Rollen- und Gruppenspiele, die nicht ausschließlich spezifisch eine soziale Fertigkeit üben, sondern übliche Kinderspiele für Interaktion, Bewegung und Spaß sind, sind ein wichtiger Teil bei SOSTA.

Die Ziele umfassen den Aufbau sozialer Kompetenzen, die Verbesserung der sozialen Motivation, des Perspektivenwechsels und der Anpassungsfähigkeit sowie das Erlernen von Selbststeuerungsfähigkeiten.

SOSTA ist neben dem mit der schwedischen Stichprobe untersuchten KONTAKT-Programm das einzige manualisierte Gruppentraining im deutschsprachigen Raum, das in Deutschland mit einer kontrolliert randomisierten Stichprobe an sechs verschiedenen Universitätskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit einer Spezialisierung auf die Diagnostik und Behandlung von Patienten mit einer Autismus-Spektrum-Störung (SOSTA-net) evaluiert wurde (Freitag et al. 2016). Es ist eine Prä-Post-Untersuchung (IG-N = 101) mit einer Kontrollgruppe (KG-N = 108), welche die normale zur Verfügung stehende Behandlung für die Patienten und das Elterntraining (drei Termine) erhalten hat, und einer Katamnese nach drei Monaten. Die manualgetreue Umsetzung wurde durch Videoaufnahmen und nachfolgender Kodierung von mindestens einer der Therapiestunden überprüft. Die Evaluationsstudie bezieht sich auf Daten aus 14 Gruppen, die jeweils wöchentlich für zwölf Sitzungen für Kinder und Jugendliche, die in altershomogene Gruppen (Umfang 4–5 Jahre) zusammengefasst waren, durchgeführt worden sind und zusätzlich drei Elterngruppentermine umfassten. Die Stichprobe (N = 209, IG-N = 101 bzw. KG-N = 108) umfasst 194 Jungen (IG = 96 bzw. KG = 98) und 15 Mädchen (IG = 5 bzw. KG = 10) mit einem Durchschnittsalter von 12,7 bzw. 12,9 mit einem IQ > 70 (IG-Durchschnitts-IQ = 102,5 bzw. KG-Durchschnitts-IQ = 101,4), die im Zeitraum von sechs Monaten vor Trainingsbeginn keine weitere gravierende psychiatrische Erkrankung oder schwere aggressive Verhaltensstörungen aufwiesen. Der Prä-Post-Vergleich des Fragebogens zur sozialen Reaktivität (SRS, Bölte et al. 2008) zeigt gemäß Elternangaben eine Symptomabnahme des Gesamtwertes in der Interventions- wie auch der Kontrollgruppe, wobei diese in der Interventionsgruppe signifikant höher ist als in der Kontrollgruppe (p = .01, ES = .35). In der Katamnese nach drei Monaten bleiben die Werte der Interventionsgruppe signifikant tiefer als in der Kontrollgruppe (p = .02, ES = .34). Die Angaben der Lehrer im SRS zeigen deskriptiv eine größere Symptomabnahme in der Interventionsgruppe, doch der Vergleich zur Kontrollgruppe ist wie auch beim SDQ nicht signifikant. Nach drei Monaten unterschieden sich die Gruppen nicht mehr. Im Weiteren wurden bei der Katamnese in der Interventionsgruppe signifikant weniger allgemeine Verhaltensprobleme gemessen am Gesamtwert des Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ, Rothenberger et al. 2008) als in der Kontrollgruppe gefunden. Im Bereich der ängstlich-depressiven Symptomatik des CBCLs (Achenbach 1991a) und ›Probleme mit Gleichaltrigen‹ des SDQ wurde gemäß Elternangaben keine Verbesserungen bei Gruppenende oder nach drei Monaten gefunden. Auch in der Selbstbeurteilung mittels des Depressionsinventars für Kinder und Jugendliche (DIKJ, Stiensmeier-Pelster et al. 2000) zeigte sich keine signifikante Veränderung. Ein höherer SRS-Wert in den Eltern- oder Lehrerangaben, also eine höhere Symptombelastung im Bereich der sozialen Reaktivität, wie auch ein höherer IQ korrelierten mit einem besseren Erfolg bei Therapieende und der Katamnese-Messung. Alter und Geschlecht hatten keinen Einfluss.

1.6.5 Übersicht über nicht evaluierte Trainingsprogramme

Einige Trainingsprogramme sind bisher offensichtlich nicht evaluiert worden, bieten aber eine Fülle von Ideen für den Einsatz in der Einzel- und Gruppentherapie.

• Die Social Skills Groups nach dem TEACCH-Ansatz (Treatment and Education of Autistic and other Communication disabled Children) von Schopler et al. (1995) sind seit den 1980er-Jahren in den USA verbreitet und werden in abgewandelter Form als gruppenpädagogisches Angebot in Deutschland unter dem Begriff SOKO-Gruppenangebote zur Förderung Sozialer Kompetenzen bei Menschen mit Autismus von Häußsler et al. (2003) durchgeführt. Ein ähnliches Angebot, das sich auch auf den TEACCH-Ansatz beruft, ist in der Schweiz das Sozialtraining für Kinder und Jugendliche mit Autismus von sieben bis 15 Jahren, das die Stiftung Kind & Autismus anbietet.

• Das Manual zum Training der Theory of Mind von Steernemann et al. (1996) wurde für Kinder mit sozialen Beeinträchtigungen inklusive einer Autismus-Spektrum-Störung zusammengestellt und in der Studie von Gevers et al. (2006) eingesetzt.

• Das Programm Skillstreaming von Goldstein et al. (2000; McGinnis und Goldstein 1997) wurde nicht spezifisch für autistische Kinder und Jugendliche entwickelt, hat sich aber gemäß den Studien von Tse et al. (2007) und Lopata et al. (2008) gerade auch bei diesen Kindern bewährt.

• Das Trainingsprogramm Relationship Development Intervention (RDI) von Gutstein und Sheeley (2002) ist modular dem Entwicklungsverlauf folgend aufgebaut und richtet sich an Kinder und Jugendliche aus dem ganzen autistischen Spektrum (inkl. Frühkindlicher Autismus), mit unterschiedlichen intellektuellen und verbalen Funktionsniveaus (inkl. nicht-verbale, geistig behinderte Kinder). Die Übungen werden in erster Linie im Zweierkontakt zwischen Therapeut und Kind beziehungsweise betroffenem Kind und Eltern durchgeführt. Auf den fortgeschrittenen Stufen werden auch Kleingruppen Betroffener gebildet. Die Übungen eignen sich sehr gut als Ausgangspunkt, um eigene Übungen zu entwickeln und einen entwicklungsorientierten Aufbau bestimmter sozialer Fertigkeiten zusammenzustellen. Das Programm ist nur für das Einzeltraining evaluiert, nicht für das Gruppensetting. Es zeigen sich deutliche Fortschritte bei der wechselseitigen Interaktion und Kommunikation sowie eine Zunahme an Flexibilität bei einer Abnahme von problematischen Verhaltensweisen (z. B. Gutstein et al. 2007).

• Das Social Skills Training for Children and Adolescents with Asperger Syndrome and Social-Communication Problems von Baker (2003) wurde zwar aufgrund jahrelanger Erfahrung mit Gruppentrainings mit Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung (Baker, o.J.) entwickelt, das entsprechende Manual richtet sich aber an Eltern und Lehrpersonen, die im Einzelsetting mit dem Kind oder Jugendlichen arbeiten. Baker (o.J.) nimmt dabei Bezug auf das Skillstreaming-Trainingskonzept von McGinnis et al. (1997). Einfache soziale Fertigkeiten werden in strukturierten Lektionen instruiert und dann in den freieren Gruppenzeiten eingeübt. Die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus und den Schulen ist sehr eng, um die Generalisierung zu unterstützen. Die Gruppentreffen werden über 12 Wochen durchgeführt, danach können die Kinder austreten und neue zur Gruppe stoßen.

• Vermeulen (2002) hat das psychoedukative Programm Ich bin was Besonderes für Eltern, Lehrpersonen und Therapeuten zusammengestellt, die anhand praktischer Arbeitsmaterialien einem Kind oder Jugendlichen (ab einem Entwicklungsalter von vier Jahren) im Einzelsetting oder in einer Gruppe die Diagnose erklären möchten.

• The »I LAUGH« Approach wurde als sozial-kognitives Trainingsprogramm für Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung von Winner (2002, 2003) im Rahmen ihrer Arbeit als Logopädin und Therapeutin an einer amerikanischen High-School zusammengestellt.

• Csoti (2003) hat einen manualisierten Kurs Social Awareness Skills for Children für Kinder im Alter von sieben bis 16 Jahren mit Autismus-Spektrum-Störungen und anderen Verhaltensauffälligkeiten zusammengestellt, der ursprünglich von Fachpersonen (z. B. Therapeuten, Lehrpersonen) oder Eltern im Einzelsetting durchgeführt wird, dessen Materialien aber auch in einem Gruppensetting bearbeitet werden können.

• Cornish und Ross (2004) haben ein manualisiertes Gruppentraining für Jugendliche mit Asperger-Syndrom und anderen Verhaltensauffälligkeiten im Alter von 13–17 Jahren für Schulen entwickelt, das Social Skills Training for Adoles-cents with General Moderate Learning Difficulties.

• Kiker Painter (2006) hat das Gruppenprogramm für Kinder und Jugendliche Step-by-Step Program für Social Skills Groups for Children and Adolescents with Asperger’s Syndrome ausgearbeitet, das sich an Kliniker, Lehrpersonen und weitere Fachpersonen richtet.

• Schließlich finden sich vor allem auf dem amerikanischen Markt noch viele nicht evaluierte Manuale, mithilfe derer vor allem Lehrpersonen und Eltern mit Kindern und Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung gezielt an grundlegenden sozialen Fertigkeiten arbeiten können. Die Social Stories von Gray (1994a, 1998) und das Konzept der Comic Strip Conversations von Gray (1994a, 1998), aber auch das Hidden Curriculum und die Technik der Social Autopsies von Bieber (1994) sind gerade auch im Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen von Kindern mit Autismus ein bewährtes Mittel.

1.7 Entwicklung des Zürcher KOMPASS-Trainings

Für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung kann nicht auf bereits vorhandene Interventionsprogramme zurückgegriffen werden, da diese bestimmte grundlegende sozio-kognitive Fähigkeiten (z. B. das Erfassen von emotionalen und mentalen Zuständen des Gegenübers) und Fertigkeiten (z. B. den kommunikativen Austausch) voraussetzen, die den Kindern fehlen (Ozonoff und Miller 1995; Rao et al. 2008). Rao et al. (2008) fordern die Entwicklung einfach handhabbarer Manuale, die in der natürlichen Umwelt der Kinder wie etwa der Schule oder dezentralen Versorgungseinrichtungen implementiert werden können. Seit 2004 wird daher das Gruppentraining KOMPASS am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zürich von den beiden Psychologen und personzentrierten Psychotherapeuten Bettina Jenny und Philippe Goetschel entwickelt und durchgeführt.

Das Vorgehen, das von Jenny (2010; Jenny und Schär 2010) beschrieben wird, entspricht in etwa den Vorschlägen von Smith et al. (2006), wie die Forschung zu psychosozialen Behandlungsprogrammen für Menschen mit einer autistischen Störung aufgebaut werden soll. Bereits früher wurde ein Gruppenkonzept für nicht-autistische Kinder mit einem Mangel an sozialen und emotionalen Kompetenzen entwickelt, erprobt und evaluiert (Jenny et al. 2006; Jenny und Käppler 2008). Die Therapeuten blicken auf eine langjährige einzeltherapeutische Erfahrung mit nicht-autistischen und autistischen Kindern und Jugendlichen und weisen ein breites Erfahrungsspektrum in der Diagnostik und Beratung von Kindern mit einer autistischen Störung auf. Schließlich wurde 2004 ein Gruppentraining als Pilotprojekt durchgeführt, das Konzept wurde verbessert, erweitert und im Praxishandbuch niedergeschrieben. Als letzter Schritt erfolgte die 2018 abgeschlossene Evaluation zur Wirksamkeit des Sozialtrainings im Vergleich zu einer Warte-Kontrollgruppe ( Kap. 7). Unterdessen wurde auch das KOMPASS-F-Training für Fortgeschrittene publiziert (Jenny et al. 2019). Es richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung im hochfunktionalen Bereich richtet, die bereits das hier beschriebene KOMPASS-Basistraining erfolgreich besucht haben.

Entsprechend anderen aktuellen Ansätzen wurde mit KOMPASS bewusst keine Gruppentherapie, sondern ein Gruppentraining entwickelt. In der Gruppentherapie wird das Gruppengeschehen mit den wechselseitigen Beziehungen als therapeutischer Prozess genutzt und die Gruppe als Medium für zu korrigierende emotionale Erfahrungen verstanden (Haar et al. 1979). Ziel ist eine intrapsychische Veränderung. Im Gruppentraining hingegen werden bei definierten Verhaltensauffälligkeiten und -defiziten spezifische Interventionen eingesetzt. Die Gruppe stellt hierfür einen Übungsraum dar, und psychodynamische Prozesse stehen im Hintergrund, was aber keineswegs bedeutet, dass die Interaktionen innerhalb der Gruppe nicht von Bedeutung sind. Das Gruppentraining ist stärker strukturiert, und die zu bearbeitenden Themen werden nicht laufend von den Teilnehmenden vorgegeben. Das Gruppentraining stellt eine besonders geeignete Interventionsform für Kinder mit einer autistischen Störung dar, da die soziale Interaktion gefördert wird und die erlernten Fertigkeiten in einer recht realistischen Umgebung mit Gleichaltrigen geübt werden können, was die Generalisierung in den Alltag erleichtert (Barry et al. 2003).

Bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zeigt sich ein weiterer Vorteil des Gruppentrainings statt einer Therapie, der bei anderen Diagnosegruppen nicht bedeutsam ist. Diese Menschen tun sich mit Einzeltherapie oft schwer, da diese zu einem wesentlichen Teil auf der Beziehung zwischen Klient und Therapeut aufbaut und diese Beziehung für das Verständnis und die Veränderungen der real gelebten Beziehungen nutzt. In den Gruppentrainings steht der Beziehungsaspekt zu den Therapeuten und unten den Mitgliedern nicht im Vordergrund.

Nach Remschmidt et al. (2006) soll eine therapeutische Intervention, die Kindern mit einer autistischen Störung gerecht wird, entwicklungsorientiert ausgerichtet sein, störungsspezifisch vorgehen, multimodal die Bandbreite der sich als wirksam erwiesenen Methoden unterschiedlicher Therapietraditionen nutzen sowie auf einem vertieften Verständnis und umfangreicher Erfahrung im klinischen Umgang mit Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen beruhen.

1.7.1 Psychotherapeutischer Hintergrund

Die KOMPASS-Gruppenbehandlung wurde aus einem humanistischen Menschenbild und einer personzentrierten Haltung heraus entwickelt und aus personzentrierten Grundlagen hergeleitet. Der personzentrierte Ansatz stellt aufgrund der zentralen Stellung von Beziehung und Kommunikation ein in hohem Maße geeignetes Behandlungskonzept für Menschen mit autistischen Interaktions- und Kommunikationsproblemen dar. »Die personzentrierte Haltung ist primär eine Art und Weise des Seins, die ihren Ausdruck findet in Einstellungen und Verhaltensweisen, die wachstumsförderndes Klima schaffen. Sie ist mehr eine basale Philosophie als nur eine Technik oder eine Methode« (Rogers 1982, zit. nach Korunka 1992, S. 71).

Das KOMPASS-Training steht auf der Basis des personzentrierten Therapieansatzes, wie er für die Kindertherapie (Weinberger 2001; Boeck-Singelmann et al. 2002; Behr et al. 2008) weiterentwickelt und auf das Gruppensetting übertragen (Jenny et al. 2006; Jenny und Käppler 2008) wurde. Die personzentrierte Therapie hat sich in vielen Studien bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen (Casey und Berman 1985; Weisz et al. 1987; Weisz et al. 1995; Heekerens 1996; Schmidtchen et al. 1995; Schmidtchen 1996; Beelmann und Schneider 2003; Bratton et al. 2005) im Einzel- wie auch Gruppensetting (Hoag und Burlingame 1997; McRoberts et al. 1998) als wirksam erwiesen, wie in der Übersichtsarbeit von Hölldampf und Behr (2008) detailliert diskutiert wird.

Das KOMPASS-Training, das auf prozess- und ressourcenorientierte Aspekte fokussiert, entstand aus der Auseinandersetzung mit den Autismus-spezifischen Bedürfnissen und dem Versuch zu verstehen, wie autistische Menschen die Welt wahrnehmen und erleben. Mitterhuber und Wolschlager (2001) betonen, dass erst ausreichendes Wissen um eine Störung und deren Entstehungsbedingungen empathisches Mitvollziehen, eine Zugangsweise zu fremden und zunächst unverständlichen Erlebensformen und entsprechend ein Beziehungsangebot ermöglicht (»wissendes Verstehen«, S. 149). Auch bei autistischen Menschen muss das therapeutische Angebot im Sinne der Grundhaltungen »in Entsprechung zu den Wahrnehmungsmöglichkeiten und zum Kontaktverhalten der Klienten umgesetzt werden« (Mitterhuber und Wolschlager 2001, S. 149). Der Therapeut muss sich immer die Frage stellen, worauf sich die Empathie zu richten hat, was ein Verständnis für die autistische Wahrnehmungswelt bedingt.

Langjährige eigene klinische Erfahrung der Autoren wie auch die Literatur (z. B. von Zülow 2009) zeigen, dass eine hilfreiche psychologische Haltung bei autistischen Menschen klarer strukturiert, weniger gesprächsorientiert und konkreter erfolgen muss, als dies bei anderen Klientengruppen notwendig ist. Eine auf die autistische Person zentrierte Therapie muss auch deren Anliegen ernst nehmen, ihre Entwicklungsdefizite kompensieren zu wollen. Eine nachhaltige Möglichkeit, die den Klienten auch bald befähigt, neue soziale Erfahrungen zu machen, besteht zum Beispiel darin, ihm – angeleitet durch Fragen oder Beobachtungsübungen – dabei zu helfen, die impliziten Informationen über die nicht-autistische soziale Welt, in welcher er leben muss und oft auch leben möchte, zu entdecken, und ihm diese dann zur Verfügung zu stellen ( Kap. 2.1). Aufgrund der störungsspezifischen Voraussetzungen und dem Verständnis der spezifischen Bedürfnisse autistischer Menschen ergänzt die therapeutische Vorgehensweise eine konkrete Informationsvermittlung und handlungsorientierte Übungen (Jenny und Schär 2010). Auf dieser Basis wurden im KOMPASS-Training auch auf der Ebene der therapeutischen Techniken vielfältige Mittel eingesetzt.

Auf der Ebene der therapeutischen Methoden werden auch viele verhaltenstherapeutische Techniken wie Prompting, Shaping und Chaining eingesetzt ( Kap. 2.1). Es erfolgt aber weder eine Verhaltensanalyse noch werden Techniken wie zum Beispiel Entspannungsübungen, Selbstinstruktionen oder systematische Verstärkersysteme für Verhaltensweisen eingesetzt. Auch methodische Überlegungen des TEACCH-Ansatzes wurden aufgegriffen ( Kap. 2.1).

Sich auf die Person und die Gruppe als Ganzes zu konzentrieren bedeutet, dass jede Sitzung je nach Persönlichkeit und intellektuellem, sozialem und emotionalem Entwicklungsstand der Teilnehmer, je nach Gruppenprozess, aktueller Gruppendynamik und Verlauf der vorhergehenden Sitzungen neu geplant werden muss. Der aktuelle Gruppenprozess oder wichtige Anliegen einzelner Gruppenmitglieder sind immer wichtiger als die geplanten Lektionen. Vorrang vor pädagogischen Zielen haben stets die Beziehungsklärung und -verbesserung (Behr 1989). Wann immer im Gruppenverlauf Fragen auftauchen, die die Beziehungsgestaltung der Teilnehmer untereinander oder zu den Therapeuten betreffen, werden diese angesprochen. Meistens erfolgt dies im Plenum, manchmal aber auch nur unter den Betroffenen. Die Übungen und Informationen über das implizite soziale Wissen sind nur dann hilfreich und der sozialen und kommunikativen Entwicklung des Betroffenen nachhaltig förderlich, wenn sie in die therapeutische Beziehung und das reale Gruppengeschehen eingebettet sind. Entsprechend werden die Ziele in den Bereichen Emotionen, Small Talk und Nonverbale Kommunikation in jeder Gruppe auf etwas anderen Wegen erreicht. Das KOMPASS-Praxishandbuch ist daher eine thematisch geordnete Sammlung von Materialien, die sich bewährt haben, und kein Manual mit fertig geplanten Gruppenstunden.

Das KOMPASS-Gruppentraining umfasst mit dem psychotherapeutischen auch einen pädagogischen Anteil, der für die Strukturierung von Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten (Specht 1993) verantwortlich ist. Die Forderung von Rogers (1988), wonach Kompetenzen gelehrt werden sollen, die ein flexibles Reagieren auf eine sich verändernde Umwelt erlauben, wird erfüllt. Dies ist für autistische Menschen existentiell wichtig: Die soziale Umwelt besteht nur aus Veränderung.

Eine ausführliche Diskussion der personzentrierten Basis des Vorgehens bei KOMPASS findet sich in Jenny und Schär (2010).

2 Konzeption des KOMPASS-Sozialtrainings in der Gruppe
2.1 Konzept

»Ich wusste nicht, was ›abmachen‹ bedeutet, wie man Kinder einlädt oder was man zusammen reden könnte. Welche Person musste man wie und wann grüßen? Meine Mutter erklärte mir, dass dies anderen Zehnjährigen im Alltag mühelos gelingt. Ich musste alles durch Logik, bildliche Erklärungen und Beobachtungen lernen. Was andere intuitiv nebenbei beim Älterwerden wahrnehmen und lernen, bereitete mir grosse Mühe« (Schneebeli 2009, S. 26).

Die Grundhaltung bei KOMPASS ist personzentriert, prozess- und ressourcenorientiert ( Kap. 1.7). Der Respekt vor den manchmal andersartigen Bedürfnissen und dem »anderen« Erleben von Menschen mit einer Störung aus dem autistischen Spektrum steht im Zentrum. Der Begriff Kompetenztraining soll betonen, dass Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung über viele Kompetenzen verfügen, die als Ressourcen eingesetzt werden können (siehe Ressourcenorientierung), dass sie aber auch neue Kompetenzen erlernen. Das KOMPASS-Training fokussiert in gleichem Maße auf das soziale Verstehen wie auf konkrete soziale Verhaltensweisen. Ohne das Verstehen des Hintergrunds spezifischer sozialer Kompetenzen bleibt das Erlernte angelernt und bedeutungslos.

Es wird davon ausgegangen, dass jede soziale Fertigkeit bewusst erlernt und intellektuell nachvollzogen werden kann. Da Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sozio-emotionales und kommunikatives Verhalten nicht primär inzidentell lernen, sondern die sozialen Regeln des Zusammenseins bewusst erlernen und in ihrer Bedeutung verstehen müssen, wird eine Auswahl sozialer Kompetenzen (z. B. wechselseitige Kommunikation oder soziales Plaudern) gezielt so aufbereitet, dass sie kognitiv verstanden und vermittelt werden können. Rogers (1988) weist darauf hin, dass Menschen, wenn sie entdecken, dass sie etwas können, auch handeln. So werden die Handlungsmöglichkeiten erweitert, was den Betroffenen die Wahl gibt, sich neuen sozialen Erfahrungen zuzuwenden und soziale Situationen erfolgreich zu bewältigen.

Es geht um soziale Regeln, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind (z. B. Abwechseln im Gespräch), aber auch um deren Ausnahmen, die für Menschen mit einer autistischen Störung nicht durch den sogenannten »gesunden Menschenverstand« – die in einer Gemeinschaft geteilte, aktuell gültige Sichtweise – erfassbar sind. Im KOMPASS-Sozialtraining geht es nicht darum, den Jugendlichen nur sozial akzeptables Verhalten anzutrainieren, wie es Mesibov und Lord (1993, zit. nach Häußler et al. 2003) bei den primär fähigkeitsbezogenen Ansätzen bemängeln. Es soll die kognitive und die affektive Erlebensweise erweitert werden. Zu jedem Verhaltensaspekt werden die Überlegungen dazu, Motivationen und Interpretationen explizit gemacht. Jede zu erlernende soziale Verhaltensweise wird demnach so konzeptualisiert, dass sie möglichst viel Spielraum für eigene Ausgestaltung, Variation und Anpassung bietet. So werden auch der Transfer auf neue Situationen und die Generalisierung des Erlernten ermöglicht.

Neben dem gezielten Erlernen von sozialen Verhaltensweisen wird, wann immer möglich, auch inzidentell gelernt: Spontan gezeigte soziale Kompetenzen werden anerkennend aufgegriffen, oder es werden freiere Situationen (z. B. Pause, soziale Aktivität) geschaffen, um das Erlernte spontan anzuwenden und durch Feedback weiter auszudifferenzieren. Die etwas weniger strukturierteren Zeiten vor und nach dem Gruppentraining oder während der Pause werden dazu genutzt, beiläufig bestimmte Verhaltensweisen zu fördern (z. B. Tischmanieren, Hilfsbereitschaft).

Im KOMPASS-Training werden die zu erlernenden sozialen Fertigkeiten gemäß den Empfehlungen von Krasny et al. (2003) möglichst konkret dargestellt und explizit operationalisiert. Es ist zu beachten, dass es Menschen mit autistischen Schwierigkeiten schwerfällt, sich fiktive Situationen vorzustellen (Preißmann 2009), da sie abstrakt sind. Daher empfiehlt Preißmann Therapeuten, mit konkreten Beispielen, Ratschlägen, Empfehlungen und bei der Exploration auch mal Auswahlantworten zu arbeiten. Bei jeder Zielkompetenz (z. B. Erkennen und Verstehen von Emotionen) werden deren verschiedene Aspekte und Hintergründe dargestellt sowie die dahinterstehenden sozialen Prinzipien und Konzepte explizit besprochen (Hadwin et al. 1996).

Die zu erlernende soziale Kompetenz (z. B. Small Talk) wird daher, wo immer dies möglich ist, in kleine, aufeinander aufbauende Teilschritte gegliedert, die zuerst separat vermittelt und geübt und dann zu einem ganzen Verhaltensablauf zusammengefügt werden (Howlin et al. 1999; Krasny et al. 2003; Remschmidt et al. 2006). Bei der Operationalisierung der Fertigkeiten wird darauf geachtet, die für das autistische Spektrum typischen Stärken zu nutzen, wie zum Beispiel das hohe Systematisierungsvermögen (z. B. Ordnen der verschiedenen Gefühlsqualitäten, grafische Darstellung eines Gesprächsablaufs). Aufgrund der Gliederung in Teilfertigkeiten und des Bereitstellens von Hilfen (z. B. individueller Coach während des Small Talk-Parcours, Small Talk-Zeiger) kann zudem mit langsam ansteigendem Schwierigkeitsgrad geübt werden, sodass jeder einzelne Schritt mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgreich bewältigt werden kann.

An dieser Stelle sollen die von Krasny et al. (2003) beschriebenen Bausteine ( Kap. 1.6.2), die grundlegend für das therapeutische Arbeiten mit und das Lernen von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sind, im Hinblick auf deren Umsetzung im KOMPASS-Gruppentraining betrachtet werden:


Abb. 2.1: Visualisierungshilfe

a. Beachten der neuropsychologischen Hintergründe: KOMPASS-F beachtet die kognitiven Besonderheiten ( Kap. 1.7) von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Die Förderung der Theory of Mind ist erst im Training für Fortgeschrittene KOMPASS-F (Jenny et al. 2019) ein eigenständiges, explizites Thema (Modul 6), wird aber bereits im Basistraining bei jedem Thema und in jeder Therapiesitzung beachtet. Die Therapie spricht die Schwierigkeiten, sich in eine andere Person hineinzuversetzen explizit an und vermittelt Fähigkeiten, wie man sich in den gegebenen sozialen Situationen verhalten kann. Die sozialen Kompetenzen werden so aufgeschlüsselt, dass sie der eher an Details orientierten Informationsverarbeitung entgegenkommen und den Kontext explizit darlegen. Besonderheiten von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Den Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen KOMPASS betreffend, werden zum Beispiel durch die klare Nummerierung der Materialien und den Ordner, den strukturierten Therapieablauf mit den Routinen, aber auch den Vorgaben zur Fehleranzahl auf den Arbeitsblättern mit den Fehlertexten oder der Strukturierung der vermittelten sozialen Fertigkeiten bzw. des sozialen Wissens begegnet. Strukturiertes, regelbasiertes, explizites und analytisches Lernen sind wichtige Komponenten des KOMPASS-Trainings und kommen dem Bedürfnis nach »Systemizing« nach. Das Training bemüht sich, den Teilnehmern zu helfen, weniger Vorhersagefehler zu machen und besser mit diesen umzugehen. Die folgenden Strategien stehen ebenfalls im Einklang mit den kognitiven Stärken und Schwächen von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung.

b. Ressourcenorientierung: Bei der Operationalisierung der Fertigkeiten wird darauf geachtet, die für Menschen aus dem autistischen Spektrum typischen Stärken zu nutzen. Das gute Systematisierungsvermögen wird immer wieder genutzt (z. B. schematische Darstellung der mimischen und stimmlichen Elemente des Emotionsausdrucks, grafische Darstellung von Small Talk). Die Stärke in der Detailverarbeitung wird vor allem zur genauen Beobachtung der sozioemotionalen Signale genutzt (z. B. Emotionserkennung, nonverbale Kommunikation). Die Sachorientierung wird im kognitiven Ansatz unter anderem mit den Infoblättern umgesetzt und zeigt sich auch in den Strategien »Implizites explizit machen« und »Rationales vor emotionalem Verstehen«. Das Zusammensein in der Gruppe und die Gruppendynamik profitieren enorm von den Stärken der Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Die Teilnehmer sind meist loyal, solidarisch, tolerant, respektvoll, offen, ohne Hintergedanken und zeigen noch viele weitere Stärken.

c. Sequentielle und progressive Einübung: Das explizite Lernen von sozialen Verhaltensweisen soll, auf einfachen Fertigkeiten aufbauend, auch komplexere Fertigkeiten vermitteln (Howlin et al. 1999). Jede zu erlernende sozioemotionale Kompetenz wird bei KOMPASS in kleine Teilschritte gegliedert, die zuerst separat vermittelt und geübt und dann miteinander verbunden werden (Remschmidt et al. 2006). Dabei kommen je nach Struktur der zu erlernenden Kompetenz zwei unterschiedliche Umsetzungen dieser Forderung zum Einsatz. Die einen (z. B. 1. Modul ›Emotionen‹ und 3. Modul ›nonverbale Kommunikation‹) bestehen aus verschiedenen, gleichwertigen Teilkompetenzen (z. B. im 1. Modul Benennen, Erkennen und Darstellen von sowie Reagieren auf Emotionen oder im 2. Modul Nähe-Distanz, Körperhaltung, Gestik, Blickkontakt, Mimik und Stimme), die wie in einem Netz alle miteinander zusammenhängen. In diesem Fall wird jede Teilkompetenz, evtl. wiederum in Teilschritte aufgeteilt, geübt und dann mit allen anderen Teilkompetenzen (z. B. ganzheitliche nonverbale Präsentation) verbunden. Die anderen Kompetenzen besitzen einen inneren Aufbau, der einen bestimmten Ablauf der Teilkompetenzen vorgibt oder suggeriert. In dem Fall wird die Kompetenz (z. B. 2. Modul Small Talk) in aufeinander aufbauende Teilschritte (z. B. 1. Begrüßen 2. Einleitung 3. Antwort 4. Kommentar oder Brückenkommentar 5. Fortsetzungsfrage 6. Gesprächsabschluss 7. Verabschiedung) gegliedert, die zuerst separat vermittelt und geübt und dann zu einem ganzen Verhaltensablauf zusammengefügt werden.

d. Shaping: Aufgrund der Gliederung in Teilfertigkeiten und dem Bereitstellen von »Prompts« (z. B. Hinweiskarten) kann bei KOMPASS mit langsam ansteigendem Schwierigkeitsgrad geübt werden, sodass jeder einzelne Schritt mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgreich bewältigt werden kann. Wenn ein Verhalten im Grundsatz oder in Ansätzen da ist, wird weiter daran gearbeitet, bis es die Zielform erreicht und automatisiert ist. Zum Beispiel wird bei der nonverbalen Kommunikation das Element ›Gestik‹ einzeln geübt, dann in konventionelle, beschreibende und emotionale Gestik differenziert, als nächstes mit verbalen Aussagen gekoppelt und schließlich mit den anderen nonverbalen Elementen verbunden.

e. Rationales vor emotionalem Verstehen: KOMPASS ist eine Therapie, die »vom Kopf zum Bauch« bzw. »von oben nach unten« geht, da das rationale Verstehen zuerst anvisiert und dann daraus das emotionale Verstehen begünstigt wird. Bei jeder Zielkompetenz (z. B. soziale Kommunikation) werden deren verschiedene Aspekte und Hintergründe dargestellt sowie die dahinterstehenden sozialen Prinzipien und Konzepte explizit besprochen (Hadwin et al. 1996).

f. Implizites explizit machen: Bei KOMPASS wird davon ausgegangen, dass (fast) jede soziale Fertigkeit bewusst erlernt und intellektuell nachvollzogen werden kann (Hadwin et al. 1996). Es soll die kognitive und die affektive Erlebensweise erweitert werden. Zu jedem Thema steht ein Infoblatt ( Kap. 2.8.2) zur Verfügung, das explizit zu jedem Verhaltensaspekt die Überlegungen und Hintergründe sowie Motivationen und Interpretationen detailliert erklärt. Rogers (1988) weist darauf hin, dass Menschen, wenn sie entdecken, dass sie etwas können, auch handeln. So werden die Handlungsmöglichkeiten erweitert, was den Betroffenen die Wahl gibt, sich neuen sozialen Erfahrungen zuzuwenden und soziale Situationen erfolgreich zu bewältigen.

g. Konzepte statt einzelner Verhaltensweisen: Im KOMPASS-Sozialtraining geht es nicht darum, den Teilnehmern nur sozial akzeptables Verhalten anzutrainieren, sondern die Teilnehmer sollen die sozialen Konzepte verstehen und wissen, durch welche Verhaltensweisen sich diese im Alltag konkretisieren. Die Verhaltensweisen lernen sie nicht einzeln und situationsabhängig, sondern als übergeordnetes Schema (z. B. Emotionen) oder als Anleitung (z. B. Small Talk, Reagieren auf Gefühle anderer).

h. Konkretisierung des Abstrakten: Im KOMPASS-Training werden die zu erlernenden Fertigkeiten, wann immer möglich, konkret und teilweise sogar in vorgegebenen Verhaltensschritten operationalisiert. Im Modul ›Small Talk‹ zum Beispiel wird viel Zeit darauf verwendet, die Gesprächsthemen, -partner und -situationen zu konkretisieren. Auch der Einsatz von Visualisierungen ist zum Konkretisieren hilfreich (z. B. Stimmungszeiger, Brückenkommentare).

i. Abstrahieren von Konkretem: Um Konkretes zu abstrahieren, damit es vom Einzelfall unabhängig wird und besser generalisiert werden kann, setzt KOMPASS oft Visualisierungen (z. B. Grafik zum Small Talk) und Systematisierungen (z. B. mimische und stimmliche Elemente von Emotionen) ein.

j. Prompting: Damit die Betroffenen durch Erfolg lernen, zum Transfer in den Alltag motiviert werden, Selbstvertrauen in ihre sozialen Fähigkeiten entwickeln und ihr Selbstwertgefühl aufbauen können, werden bei allen KOMPASS-Übungen jeweils gerade so viele Hilfsmittel oder »Prompts« (z. B. Erinnerungsstützen, Coach, Platzhalter) bereitgestellt, dass die Übung für die Betroffenen erfolgreich verläuft und sie dabei ein angenehmes emotionales Erlebnis haben. Der Stimmungs- und Small Talk-Zeiger oder die Regulierungskarten sind solche Prompts. Wenn eine Reiseanekdote zuerst mit Farben und Notizen vorbereitet wird, damit sie nonverbal gut gestaltet ist, sind dies Prompts. Auch wenn in einem Spiel zum Formulieren von Einleitungssätzen für einen Small Talk, als Erinnerungsstützen Kärtchen mit den Kategorien für Themengruppen aufliegen, ist dies ein Prompt.

k. Einsatz von Visualisierungshilfen: Mit verschiedenen Visualisierungsmitteln wird in KOMPASS versucht, Abstraktes so gut wie möglich konkret werden zu lassen. Hintergrundinformationen zu den einzelnen Modulen werden in schriftlicher Form gegeben ( Kap. 2.8.2) und farblich von Arbeits- oder Protokollblättern unterschieden. Auch die Regulierungskarten ( Kap. 3.1) stellen Visualisierungen dar: So kann man beispielsweise einem Teilnehmer verdeutlichen, dass er zu leise spricht, indem man ihm eine Karte mit einem Megafon vorlegt. Das ständige Wiederholen der verbalen Aufforderung, das den Gruppenablauf stört und die Aufmerksamkeit vom Sachinhalt ablenken würde, wird damit verhindert. Dieses Vorgehen wird außerdem vom Teilnehmer auch besser aufgenommen. Einem ähnlichen Prinzip folgen Hinweiskarten/Prompts (z. B. zum Blickkontakt).

l. Struktur und Vorhersagbarkeit: Diese beiden Strategien sind bei der Arbeit mit Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung wesentlich und gehen somit auf die Schwäche der exekutiven Funktionen, das Bedürfnis nach Systemizing und die Schwierigkeiten im Umgang mit Vorhersagefehlern ein. Bei KOMPASS wird nur so viel Struktur wie nötig und so wenig wie möglich eingesetzt, um allenfalls nicht adaptive rigide Verhaltensweisen zu unterstützen, flexibles Anpassen an neue Umstände zu fördern und spontanes Verhalten zu üben. Die KOMPASS-Gruppensitzungen sind strukturiert und laufen immer nach demselben Muster ab ( Kap. 2.7). Auch die Info-, Arbeits-, Protokoll- und Trainingsaufgabenblätter sind immer wieder gleich aufgebaut. Auf grafische Verzierungen jeder Art, wie sonst bei modernen Arbeitsblättern üblich, wird konsequent verzichtet. Zudem laufen Übungen, Wettbewerbe und Spiele immer wieder nach demselben Schema ab und auch die Arbeitsblätter beziehen sich auf ähnliche Meta-Fertigkeiten (z. B. eigene Gedanken zu einem Thema, Beispielsituationen vervollständigen, Fehlersuche im Text des Infoblattes). Zudem sind die ausgegebenen Materialien mithilfe eines festen Farbkonzepts identifizierbar ( Kap. 2.8) und auch thematische Konzepte im Sinne von Anleitungen (z. B. Reagieren auf die Gefühle anderer) oder Checklisten strukturiert. Neben und in dem strukturierten Setting muss zugleich auch Spielraum für flexible Anpassungen an aktuelle Bedürfnisse der Gruppe oder Einzelner bleiben, die jeweils transparent aufgezeigt und begründet werden.

m. Generalisierung: Die Generalisierung wird vor allem durch den Einsatz von Protokollblättern ( Kap. 2.8.3) und durch die Trainingsaufgaben angestrebt ( Kap. 2.8.5). Besonders die Arbeitsblätter, mithilfe derer sie sich eigene Gedanken über ihre Position zu einem bestimmten Thema (z. B. Meine Gefühle – Deine Gefühle) machen, unterstützen den Transfer des Gelernten. Auch die Interviews (z. B. zum Thema Small Talk) und Beobachtungsprotokolle (z. B. nonverbale Kommunikationselemente) verbinden die Alltagswelt mit der der Therapiestunde. Diese erfordern ein erstes Umsetzen des Erlernten in den Alltag – das Ziel des Trainings.

n. Inzidentelles Lernen: Neben dem gezielten Erlernen von sozialen Verhaltensweisen wird, wann immer möglich, auch inzidentell gelernt: Spontan gezeigte soziale Kompetenzen werden anerkennend aufgegriffen, oder es werden freiere Situationen (z. B. Pause, soziale Aktivität) geschaffen, um das Erlernte spontan anzuwenden und durch konstruktives Feedback weiter auszudifferenzieren. Die wenig strukturierteren Zeiten vor und nach dem Gruppentraining oder während der Pause werden dazu genutzt, beiläufig bestimmte Verhaltensweisen zu fördern (z. B. Small Talk, Tischsitten, prosoziales Verhalten, emotionale Teilhabe). Die Therapeuten geben den Teilnehmern immer wieder eine Rückmeldung, wie ihr Verhalten wahrgenommen wird und nach welchen sozialen Regeln sie dies beurteilen. Dabei werden ebenso gute soziale Kompetenzen wie auch ungünstige Verhaltensweisen aufgegriffen. Dies geschieht möglichst unmittelbar, wenn das Verhalten gezeigt wurde. Manchmal ist dies ganz kurz, wie zum Beispiel in den folgenden Situationen: »Weil du deine Körperhaltung etwas gedreht hast, hat B. gemerkt, dass du ihm zuhörst und er dir wichtig ist.« Oder »Wenn du deine Antwort so schnell und vernuschelst sprichst, denke ich, dass es gar nicht wichtig ist, dass ich und die anderen der Gruppe sie verstehen.« Manchmal braucht es auch eine längere Rückmeldung und Erklärung: Zum Beispiel kann einer jungen Frau, die in der Snackpause immer sofort aufsteht und das Einschenken des Saftes für alle übernimmt, erklärt werden, dass dieses Verhalten grundsätzlich soziale Pluspunkte gibt. Wenn man aber zu hilfsbereit ist, kann es sein, dass man nicht mehr ernst genommen und unter dem Etikett ›naiv‹ ausgenutzt wird. Zusätzlich wird erklärt, dass Menschen nicht gerne beobachten, wie sich ein anderer sozial oder sogar altruistisch verhält, während sie selbst es sich egoistisch bequem machen. Die meisten Menschen nutzen dies nicht dazu, sich selbst zu bessern und sozialer zu verhalten, sondern indem sie das soziale Verhalten oder die Person, die es gezeigt hat, abwerten.

o. Angebot multipler und unterschiedlicher Lernmöglichkeiten: Dieser Punkt findet im KOMPASS-Gruppentraining seine Umsetzung durch die Vielfalt der verwendeten Lernmaterialien, die im Praxishandbuch aufgezeigt sind. Mit Video-Feedback, schriftlichen Informationen, schriftlichen Übungen, praktischen Übungen, Rollenspielen, Regelspielen, Besprechen in der Gruppe, Interviews und Beobachtungsaufgaben werden die Sitzungen und das Lernen abwechslungsreich gestaltet.

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