Kitabı oxu: «Hot kisses and a gun»

Şrift:

Kathrin Fuhrmann & Bettina Kiraly

Hot kisses and a gun

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© the authors

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Thorsten Schmitt – Shutterstock.com

© Arthur – studio10 – Shutterstock.com

© N_Jay –Shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-472-8

ISBN 978-3-96089-473-5 (epub)

Inhalt:

Hollywood – Marcus Lovett hofft auf seinen Durchbruch als Schauspieler. Eine Independent-Produktion scheint seine große Chance. Doch einen schwulen Cowboy spielen? Dank seines homosexuellen Co-Stars gestaltet sich der Dreh heißer als erwartet.

Charlie Walker kämpft mit seinen eigenen Dämonen. Seine dunkle Vergangenheit hoffte er, hinter sich gebracht zu haben. Marcus ist eine willkommende Abwechslung und die Spannung zwischen ihnen wird bald fast unerträglich. Doch hat ihre Beziehung eine Chance, wenn beide Geheimnisse verbergen?

Kapitel 1

Marcus suchte den Straßenrand nach einem Parkplatz ab. Kein leichtes Unterfangen in Beverly Hills, dem Nobelviertel von Los Angeles, in dem sein Agent Don Derringer eine riesige Villa besaß.

Trotzdem fanden ihre Besprechungen generell in dessen Büro statt, in einer Seitenstraße des Rodeo Drives.

Marcus wendete. Ihm blieb kaum etwas anderes übrig, als auf und ab zu fahren, wenn er nicht meilenweit durch die Gegend laufen wollte. Er schaute auf die Armbanduhr, eine Hugo Boss Ikon, die sein ganzer Stolz war. Er kam zu spät und Derringer hasste Unpünktlichkeit. Das war kein guter Start für das Gespräch.

Marcus schlug auf das Lenkrad und beugte sich vor. Er brauchte doch nur eine kleine Lücke, in der er seinen Mustang Fastback GT390 quetschen konnte. Endlich fand er einen Wagen, der blinkte und wohl aus seiner Parkposition herauswollte. Marcus bremste und setzte zurück.

»Zum Glück!«, murmelte er und trommelte nervös auf dem braunen Leder herum, welches um das Holzlenkrad gewickelt war, um edler zu wirken. Er hatte einiges an seinem Kultwagen verändert und steckte jeden Cent in die Restaurierung und Instandhaltung, den er irgendwie erübrigen konnte. Viel war das nicht, schickte er doch einen horrenden Betrag monatlich nach Hause, um sein Gewissen zu beruhigen. Denn er war in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgehauen und hatte all seine Verpflichtungen zurückgelassen, um hier, in Hollywood, seinem Traum hinterherzujagen. Und bisher hatte er es nicht einen noch so schwierigen Moment lang bereut.

Marcus hastete in das gläserne Vestibül und ließ sich an der Rezeption anmelden. Derringers Büro befand sich im zehnten Stockwerk und da Marcus enge Räume nicht sonderlich mochte – und da war sein Mustang die Ausnahme – sprintete er die Treppe hoch.

So war er einigermaßen außer Puste, als er endlich seinem Agenten gegenüberstand und die Hand ausstreckte. »Mr Derringer.«

Der schaute mit zusammengezogenen Brauen an ihm herab. »Sie sind spät dran, Mr Lovett. Wieder einmal.«

Marcus zwang die Lippen zu einem entschuldigenden Grinsen. Er zog die Hand zurück und rieb sie an seiner anderen. »Ja, die Parksituation ist hier mehr als … angespannt.«

»Das ist Ihre Ausrede?« Wieder streifte ihn dieser Blick. Er mochte es nicht, so angeschaut zu werden, als wäre er minderwertig und nicht gut genug, um einbezogen zu werden oder mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt zu werden. Leider kannte er diesen Blick zur Genüge. Britney hatte ihn immer so angeschaut, wann immer sie einen Wunsch geäußert hatte, den er ihr nicht erfüllen konnte.

»Ich …«

»Die Parksituation war angespannt?«, höhnte sein Agent und schüttelte den Kopf. »Ich wage es nicht, Sie zu einer Audition zu schicken, bei der keine Amateure sitzen!«

Marcus räusperte sich. Die Besprechung verlief noch schlechter als erwartet, aber immerhin kamen sie gleich auf den Punkt. »Ich werde natürlich pünktlich sein. Bei jeder Audition und auch bei zukünftigen Gesprächen mit Ihnen, Mr Derringer. Es tut mir wirklich leid, dass Sie …«

Der Agent winkte ab und ließ ihn stehen, um durch das große Büro zu flanieren. Er trug ein weißes Hemd, das nur zur Hälfte geschlossen war, zu einem ebenfalls weißen Anzug. Lediglich die Schuhe und der Gürtel stachen hervor, da beides aus Krokodilleder gefertigt war. Gut zwanzig Goldketten lagen um seinen Hals. Sie hatten unterschiedliche Längen und bewegten sich bei jedem Schritt auf der nackten Haut ihres Trägers.

Marcus verkniff sich sein Grinsen. Zwar war er ärgerlich, weil sein Agent ihn wieder geringachtete, indem er ihn schlicht stehen und nicht zu Ende sprechen ließ, aber allein die Aufmachung seines Gesprächspartners weckte seine Belustigung. Derringer dachte wohl, er wäre eine Mischung aus Sunny Crockett und Mr T. Zusammengenommen war er eher eine Witzfigur als stylisch, aber Mode war schließlich eine Geschmacksfrage. Er selbst hielt die Siebziger für tot und das war auch gut so. Abgesehen von den wirklich coolen Autos hatte die Vergangenheit nichts zu bieten. Die Gegenwart, die Neunziger, versprachen einen genialen Aufbruch in die Zukunft. Alles konnte nur besser werden – außer den Autos, die wurden nur hässlicher.

Mr Derringer schenkte sich großzügig Alkohol ein und drehte sich mit dem Glas in der Hand zu ihm um. »Also, Sie baten um diese Unterredung. Es eilte, sagten Sie. Worum geht es?«

Marcus rieb die Hände. »Ich habe von diesem Vorsprechen gehört …«, sagte er vorsichtig. Eigentlich war es Mr Derringers Job, ihm die Termine für geeignete Auditions auszuhandeln und sie ihm dann mitzuteilen. Es war enervierend, warten zu müssen und es nicht selbst in der Hand zu haben, wohin sein nächster Schritt ihn führte.

Mr Derringer hob das Glas und prostete ihm zu. Erst nachdem er einen Schluck genommen und mit zufriedener Zustimmung genickt hatte, richtete er seinen Blick wieder auf Marcus.

»Diesem Vorsprechen? Mr Lovett, wissen Sie, wie viele Vorsprechen jede Woche stattfinden?«

Bisher war Marcus von einem die Woche ausgegangen, denn zu mehr wurde er nicht geschickt. Allerdings hielt er es für unklug, dies nun anzumerken. Offenbar erwartete Derringer auch keine Antwort, denn er schüttelte den Kopf und leerte sein Glas, um es fortzustellen. Er schlenderte wieder auf ihn zu, um an seinem großen Schreibtisch nach seinem Planer zu fischen.

»Allein in dieser Woche sind es zweiundzwanzig bei halbwegs anerkannten Studios.«

Marcus runzelte die Stirn. »Zweiundzwanzig.« Und er war bei einem gewesen.

»Richtig.« Er hob die Brauen. »Von welchem könnten Sie also sprechen? Diesem?« Er deutete auf eine Position in dem Buch, die Marcus nicht sehen konnte. »Oder diesem?« Derringer tippte auf eine andere Stelle.

Marcus biss die Zähne fest aufeinander. Seine Belustigung war vollständig verflogen und auch der Anblick des Agenten half nicht mehr, seinen Ärger zu zerstreuen.

»Ich spreche von der Audition für ›Riding the bull‹.« Er spürte seine Anspannung in jeder Faser seines Körpers und entließ den Atem in einem langgezogenen Zug. Es stand heute wohl noch ein langes Lauftraining an, um sich wieder zu beruhigen.

»Riding …« Derringer schüttelte den Kopf und überflog seine Einträge mehrfach. »Da sind Sie falsch informiert. Es gibt kein Projekt mit diesem Titel.«

Einen Moment war Marcus irritiert, dann ahnte er den Grund dafür und wechselte mit einem Seufzen das Standbein. »Es ist eine Independent-Produktion.«

Derringers Miene wurde zu dem Abbild absoluter Abscheu. »Independent«, zischte er. »Wollen Sie Erfolg haben und in der Branche anerkannt oder belächelt werden?« Er klappte den Terminplaner mit einem deutlichen Knall zu. »Was auch immer die drehen, es wird nicht in die Kinos kommen.« Er lehnte sich gegen seinen Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Also, wie lief es am Mittwoch?«

Marcus trat wieder von einem Fuß auf den anderen. »Das kann ich nicht einschätzen«, gab er widerwillig zu. »Sie suchten Statisten.«

»Nun, ich werde am Montag nachhorchen. Am Dienstag habe ich ein weiteres Vorsprechen organisiert. Betty gibt Ihnen die Daten. Wenn Sie weiterhin keine Fragen haben, widme ich mich nun wieder meiner Arbeit.« Derringer stieß sich vom Tisch ab und umrundete ihn.

»Ist es wieder ein Vorsprechen für eine Statistenrolle, oder komme ich dieses Mal wenigstens zu Wort?« Marcus presste die Zähne wieder aufeinander. Er sollte besser den Mund halten.

Derringer nahm auf seinem Stuhl Platz und zog den Planer an sich. »Es ist eine unterstützende Rolle, wenn ich mich recht entsinne. Sind Ihnen Statistenrollen nicht gut genug? Möchten Sie dafür nicht mehr vorsprechen?«

Marcus stieß den Atem aus. Er wollte eine richtige Rolle. Er wollte in den Credits genannt werden und auf dem roten Teppich mit all den großen Namen entlangspazieren! Aber natürlich lernte man sein Handwerk am besten im Einsatz und am Beispiel anderer, also in Produktionen, und da war es egal, ob man einen Satz hatte oder nur schmückendes Beiwerk war. »Natürlich gehe ich zu jeder Audition.« Selbst für Werbung war er sich nicht zu schade, schließlich musste er Geld verdienen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten – und den von Britney.

»Schön. Guten Tag, Mr Lovett.«

Marcus blieb, wo er war. Er war deutlich entlassen worden, aber er wollte sich nicht einfach wegschicken lassen. Er räusperte sich und traf seine Entscheidung. »Ich würde mir diese Independent-Sache trotzdem gerne anschauen. Ich habe mit einem Freund gesprochen, Len Myers, er ist Maskenbildner und für die Produktion engagiert.« Er unterbrach sich kurz, weil sich der schneidende Blick des Agenten auf ihn legte. »Er sagt, sie haben Jonathan Demme als Regisseur.« Aufregung ließ seine Stimme beben. Er liebte die Werke des Filmemachers, da sie stets facettenreich waren und Dinge infrage stellten. Die Sicht auf allseits anerkannte Wahrheiten.

Derringer verengte die Augen. »Sie sprechen doch nicht von diesem Schwuchtelfilmchen?«

Marcus klappte den Mund zu, unfähig etwas hervorzubringen.

»Sie wollen wirklich in diesem … Auf keinem Fall! Hollywood mag es gerade als brandaktuelles Thema sehen, aber damit bekommen diese abartigen Kerle eine Lobby und fühlen sich in ihrem Treiben noch bestätigt!« Derringers Lippen kräuselten sich. »Es ist abnorm und sollte unter Strafe gestellt werden!«

Marcus räusperte sich. »Ich möchte nicht auf die Straße gehen und für die Rechte der … Schwulen demonstrieren, Mr Derringer, ich möchte lediglich eine Rolle ergattern. Demme ist ein anerkannter Regisseur, die Produktion low Budget und damit habe ich eine Chance …«

»Einen Kerl abzuknutschen?«

Marcus stoppte mitten im Satz. Sein Mund stand einen Moment offen, was sicherlich recht dämlich aussah, dann fing er sich und räusperte sich. Er drehte sich und ließ den Blick über die Einrichtung schweifen. Viel Weiß, viel Chrome und Leder. Es war sicher schick, aber nicht ganz sein Stil. Er mochte es alt und rustikal. Alt und rustikal waren hier nur Mr Derringers Ansichten. »Wenn Sie es so formulieren …«

»Gut, dann sind wir uns ja einig.«

Marcus runzelte die Stirn. »Wenn ich einen Kerl knutschen muss, um endlich mit meiner Karriere voranzukommen, sei’s drum!!!« Aber er hoffte doch, dass es nicht zwangsweise dazu käme. Sollte er sich lieber zuvor über den Film informieren? Denn bisher war ihm weder bewusst gewesen, dass es sich um einen Milieufilm handeln würde, noch dass in ihm geküsst werden würde.

Derringer schürzte die Lippen und maß ihn einmal mehr. »So einer also.«

Marcus atmete tief durch. »Es ist mir völlig egal, ob ich eine Tonne Make-up tragen muss, Frauenkleider oder auch ein albernes Superheldenkostüm, solange ich endlich vorankomme, Mr Derringer. Ich bin es leid, Rasenmäher zu verkaufen oder der Typ hinten links in der Gruppe zu sein!«

Dafür hatte er nicht alles hinter sich gelassen! Sein Studium, seine Familie, seine Liebe …

Er verbannte den Gedanken an Britney schnell und ballte die Fäuste. »Ich will vorsprechen.«

»Dann sehen Sie zu, wie Sie an eine Audition geraten. Ich werde keinen meiner Klienten bei einem moralisch fragwürdigen Projekt unterbringen.« Er verengte die Augen. »Aber ich habe einen Slot für einen Actionfilm. Den Russen wird ordentlich der Hintern versohlt.« Er grinste begeistert. »Das ist eher der Stoff, aus dem eine Oscar-Nominierung ist. Nicht dieses … Schwuchtelzeug.«

Marcus presste die Lippen aufeinander. Er hasste diese Geringschätzung und da war es egal, ob sie sich gegen ihn richtete oder gegen andere.

»Ich lasse Betty die Daten heraussuchen.« Derringer griff nach dem Telefon und drückte auf einen Knopf, bevor er den Hörer an sein Ohr presste. »Betty, die Informationen für die ›Killingparty‹-Audition geben Sie an Mr Lovett weiter.« Er legte auf. »Viel Erfolg.«

»Danke.« Marcus blieb unsicher. Sollte er noch einmal auf das andere Vorsprechen zurückkommen?

Letztlich konnte er Derringers Mitarbeit nicht erzwingen. »Auf Wiedersehen.« Marcus ging zur Tür, wo er noch einen Blick zurückwarf. Vielleicht sollte er sich einen anderen Agenten suchen, allerdings war er damit vor zwei Jahren auch nicht sonderlich erfolgreich gewesen.

Im Vorraum schaute die Sekretärin von ihrer elektrischen Schreibmaschine auf. »Einen Moment noch, Mr Lovett.« Sie tippte und zog das beschriebene Blatt dann heraus, um es zu falten und ihm zu geben. »Bitte sehr. Viel Erfolg, Mr Lovett.« Sie lächelte zu ihm auf.

Marcus nahm ihr den Zettel ab und klappte ihn auf. Zwei Adressen und zwei Daten waren notiert. »Danke, Betty.«

»Sehr gern.« Ihr Grinsen wurde tiefer. »Sagen Sie, bleiben Sie in der Stadt?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich muss noch raus nach Cherryoak Falls zu einer Rasenmäher-Präsentation.« Marcus verdrehte die Augen und lehnte sich an den Schreibtisch. »Es wird sicher ein spannender Abend.«

»Oh, nun, dann wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.« Sie strich sich mit ihren pinken Fingernägeln durch das Haar und befeuchtete sich die Lippen. »Ich werde heute Abend im Golden Hen sein, für den Fall, dass Sie die Rasenmäher doch noch verschmähen wollen.«

»Eine interessante Einladung.« Marcus musterte sie schnell. Betty war brünett, schlank und bebrillt. Der strenge Hosenanzug war nicht sexy, aber sicherlich versteckte sie darunter eine hübsche Figur. »Ich werde versuchen, es einzurichten.« Er zwinkerte und stieß sich vom Tisch ab. »Wir sehen uns.«

Die Treppe lockte ihn und so trabte er sie in unerhörter Geschwindigkeit herab. Vor der Tür schnappte er nach Atem, stemmte die Hände in die Mitte und hob den Kopf, um in die Sonne zu schauen. Er hatte noch etwas Zeit, bevor er sich auf den Weg zu seinem Broterwerb machen musste, nur was sollte er damit anfangen?

Sollte er Len einen Besuch abstatten?

Irgendwas drängte ihn dazu, es zumindest zu versuchen. Bei ihrem letzten Gespräch – vor zwei Tagen im Pub – hatte er ausführlich über seinen derzeitigen Job gesprochen. Er arbeitete gar nicht so weit entfernt an einem Hai-Horrorfilmremake. Es lag nicht auf dem Weg nach Cherryoak, aber damit konnte er leben.

Marcus sah sich um. Das Set war minimalistisch, schließlich wurde eine Strandszene gedreht und offenbar wurden dazu nur ein Dutzend Statisten in knapper Badekleidung gebraucht. Er stützte sich auf dem Zaun ab, der die Promenade vom Sand trennte. Er war nicht der einzige Schaulustige. Weitere drängten sich an die Barriere und kommentierten die Szenerie. Besonders die Attribute der weiblichen Darsteller.

Marcus ignorierte die sexistischen Anspielungen, schließlich hatte er nicht viel Zeit, um Len zu finden und auszuhorchen. Vermutlich war es auch eine sehr dumme Idee gewesen, dem Impuls nachzugeben und hier rauszufahren, um den Freund bei der Arbeit zu stören.

»Das konntest du dir wohl nicht entgehen lassen, was?«, rief eine bekannte Stimme. Marcus verengte die Augen und hob die Hand, um das Sonnenlicht auszublenden. Len winkte, wobei er auf ihn zulief. »Ich dachte erst, ich sehe nicht richtig!«

»Hi, Len.« Sie begrüßten sich mit einem nerdigen Handschlag.

»Und? Möchtest du Denise kennenlernen?« Len zwinkerte. »Ich habe wohl zu viel geschwärmt, hm?«

Denise war der Star des Horrorfilms und unter anderen Umständen sicherlich wert, seine Zeit zu vergeuden. Len drehte sich, um an den Strand zu deuten. »Dort ist sie. Sie wiederholen den Take bereits zum fünften Mal, daher würde ich es heute lieber nicht versuchen.« Len lachte und boxte gegen Marcus’ Schulter. »Dann wiederum: Welche Lady kann dir schon widerstehen?«

»Du setzt mich hier gar nicht unter Druck, oder?«

Len lachte, dann seufzte er und lehnte sich ebenfalls an den Zaun, nur von der anderen Seite her. Sein Blick lag mit deutlicher Bewunderung auf Denise. »Ich hoffe wohl, dass du es versauen wirst.«

Marcus pfiff. »So ist das. Hey, warum lädst du sie nicht einfach mal ein?« Das wäre sicherlich besser, als sie nur anzuschmachten.

Len prustete und deutete an sich entlang. »Als ginge sie mit so einem aus!« Nun musterte er Marcus. »Du bist da eine andere Hausnummer.«

»Wie wäre es, wenn du mich heute Abend in Cherryoak triffst, und wir gehen laufen? Etwas Ertüchtigung hat noch niemandem geschadet und vielleicht brauchst du in einigen Monaten nicht mehr neidisch auf meine Schenkel zu starren?«

Hitze schoss Len in das Gesicht. »Hey, da schaue ich sicher nicht hin!«

Marcus ließ das Thema fallen, schließlich war er nicht rausgefahren, um über Sport, Frauen oder Muskeln zu sprechen. »Gut.« Er räusperte sich. »Sag mal, dieses Projekt von dem du sprachst … nach diesem hier …« Nun wurde ihm ungemütlich heiß. Nutzte er ihre Freundschaft aus, um beruflich voranzukommen? Eigentlich trennte er so etwas lieber. »Ich war gerade bei Derringer und habe ihn nach dem Projekt gefragt. Ich dachte, ich könnte es ja versuchen.«

Len zuckte die Achseln. »Klar, solltest du, Mann!«

Seine Zustimmung erleichterte Marcus so sehr, dass er aufseufzte. »Derringer will mit dieser Produktion nichts zu tun haben.« Sollte er sagen warum?

»Ach nein?« Len verzog die Miene. »Tja, deswegen ist es so schwierig, Personal zu bekommen.« Er riss sich von der knappbekleideten Badenixe los und richtete seine Aufmerksamkeit gesammelt auf ihn. »Die Rolle des Everett Steele wird zum dritten Mal umbesetzt!« Er schaute sich um und beugte sich dann vor, um leise weiterzusprechen. »Hanks hat abgesagt, nachdem er das Skript gelesen hatte, Depp unterschrieb, hat sich dann aber ebenfalls wieder losgesagt …«

»Für einen Independent-Film?« Das waren erschreckend große Namen und damit schrumpften seine Chancen, eine Rolle zu bekommen, gewaltig.

Len zuckte die Achseln. »Demme wollte ein Zugpferd, aber die Zeit wird knapp. Hey, hast du morgen Zeit?«

Marcus nickte geistesabwesend.

»Gut, ich hole dich ab.« Er schlug ihm gegen die Brust. »Ich sollte zurück, um Denise den Schweiß von der Stirn zu tupfen.« Er zwinkerte mit einem schiefen Grinsen. »Nicht, dass sie mich bemerken würde!«

»Okay, warte.« Marcus hielt ihn am Arm zurück. »Wann?«

Len zog die Nase kraus. »Acht Uhr. Wir müssen raus nach Beverly Hills … Mach dich hübsch.«

»Haha. Ich bin naturschön.« Er gab dem Freund einen Schubs und sah ihm noch nach. Jetzt hatte er nicht erfahren, worum es in ›Riding the Bull‹ eigentlich ging und ob es tatsächlich ein ungewöhnliches Thema beinhaltete, aber letztlich hatte er es Derringer gegenüber deutlich gesagt: Es war ihm scheißegal, ob er einen Typen küssen musste, um endlich eine große Rolle an Land zu ziehen.

Kapitel 2

Charlie betrat den Eingangsbereich des Kinos erst, nachdem er sich mit einem schnellen Blick in alle Richtungen versichert hatte, sich allein auf der dunklen Straße zu befinden. Nach dem Bezahlen der Karte nickte er dem Angestellten zu. Er marschierte zum richtigen Saal und nahm in der hintersten Reihe Platz.

Es hatten nicht viele Gäste hergefunden, aber das störte Charlie nicht weiter. Er mochte es, sich in dem abgelegenen Kino Filme anzusehen, die es nicht in die großen Ketten geschafft hatten. Sie erinnerten ihn daran, dass jeder Streifen seine Zuschauer fand.

Auf dem Bildschirm verliebten sich zwei arme, aber herzensgute Menschen, während das Schicksal ihnen immer wieder Steine in den Weg legte. Die Schauspieler waren nicht sonderlich talentiert. Die Low-Budget-Produktion hatte sich professionelle Darsteller nicht leisten können. Die langgezogene Handlung, in denen sich die beiden Helden gegen alle Widerstände zur Wehr setzten, würde das breite Publikum niemals überzeugen. Dennoch war es spannend für Charlie, die beiden zu beobachten. Als die Frau in die Drogenszene abrutschte und der Mann versuchte, ihr zu helfen, wirkte der Schmerz in den Augen der beiden Menschen so überzeugend, dass sich ihm der Hals zuzog.

Gut, das schauspielerische Talent trug vermutlich gar keine Schuld daran. Frustriert beobachtete er, wie sich die Schauspieler hölzern durch die Szene kämpften. Sobald sie den Mund öffneten, verschwand die Magie, die sie mit ihren Mienen erzeugen konnten. Nein, die beiden schafften es nicht durch ihre Begabung, ihn in den Bann zu ziehen. Vielleicht reichten seine Erinnerungen an seine eigene Unfähigkeit, einem geliebten Menschen aus dem Drogensumpf zu helfen, aus, um seine Augen brennen zu lassen. Diese dunklen Tage lagen so weit zurück und lebten doch in ihm fort. Ob es ihm jemals gelänge, diese Zeit völlig hinter sich zu lassen?

Es war an der Zeit, dass er seiner Schwester wieder einmal einen Besuch abstattete. Er musste sich davon überzeugen, dass es ihr gut ging. Das würde den Schmerz in seiner Brust hoffentlich wieder verschwinden lassen.

Ein Besucher des Kinos auf der anderen Saalseite erhob sich und erregte damit Charlies Aufmerksamkeit. Abgelenkt von dem schlechten Drama auf der Leinwand sah Charlie in seine Richtung und bemerkte, dass der Mann ihn mit einem Lächeln beobachtete, während er sich durch die Reihe schob und auf ihn zukam.

Irritiert versuchte Charlie mehr von seinem Gesicht zu erkennen, das halb im Schatten lag. Der attraktive Mann mit den braunen, kurzen Haaren war ihm allerdings völlig fremd. Vielleicht dachte er, einen Bekannten entdeckt zu haben, und würde gleich peinlich berührt umdrehen. Also wandte Charlie den Blick wieder zur Leinwand.

Der Mann kam unbeirrt näher und schob sich sogar neben Charlie. »Hallo, Fremder.«

»Hallo«, gab Charlie knapp zurück.

»Auch allein hier?«

Charlie zuckte nur mit den Schultern. Natürlich wusste er, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. Hoffentlich reichte es, wenn er sein Desinteresse deutlich mit einem abweisenden Gesichtsausdruck zeigte.

»Hast du Lust auf ein wenig Gesellschaft und Ablenkung von dem mittelmäßigen Film?«, fragte der Mann mit einem verführerischen Lächeln.

»Danke, aber ich will mir nur den Film ansehen.«

»Ein spannender Streifen, wenn man die schrecklichen Schauspieler ignoriert. Ich bin mir sicher, du kannst den Film auch genießen, während ich mich ein wenig um dich kümmere.«

Die Beharrlichkeit des anderen schmeichelte Charlie. An diesem Abend war ihm nicht nach einem kleinen, unbedeutenden Abenteuer gewesen. Auch wenn er sich längere Zeit nicht amüsiert hatte, konnte er sich nicht auf etwas einlassen, wofür sich die Presse interessieren könnte.

»Tut mir leid«, murmelte er. »Du hast bestimmt kein Problem, jemanden zu finden, der auf dein nettes Angebot eingeht.«

»Ich will aber dich«, schnurrte der Fremde und legte eine Hand auf Charlies Knie. Langsam strich er höher.

Charlie suchte den Blick des Mannes. Wusste der andere, wer er war?

Die Hand rutschte auf die Innenseite von Charlies Schenkel. Der Mann benutzte seine Nägel, um über den Hosenstoff zu streichen und damit einen Schauer in Charlies Nacken zu verursachen. Er hatte dieses Spiel wirklich gut drauf.

Entgegen seiner Absicht, sich nicht auf den anderen einzulassen, reagierte Charlies Schwanz, der sich sofort aufrichtete.

»Du machst es mir schwer, dir zu widerstehen«, gestand Charlie. »Aber ich mach sowas nicht in der Öffentlichkeit.«

»Kann ich in deinem Fall verstehen. Ich würde mir auch Gedanken über Paparazzi machen. Treffen wir uns in der Toilettenanlage? In fünf Minuten?«

Charlie sog scharf die Luft ein, als der Druck der Finger zunahm. Sein neuer Freund hatte ihn also erkannt. Möglicherweise war das der Grund, weshalb er sich mit ihm vergnügen wollte. Zumindest schien es sich um keinen liebestollen Fan zu handeln, der ihn um ein Autogramm anbetteln wollte. Aus einem Impuls heraus wollte Charlie dem Mann eine Chance geben. Wenn er bereit wäre, sich an ein paar Regeln zu halten, würde Charlie vielleicht darauf einsteigen.

»In fünf Minuten. Nur oral. Kein Gequatsche. Keine Verpflichtungen. Keine Bitte um einen Gefallen. Sonst wird das nichts mit uns.«

Der Fremde nickte. Er beugte sich näher, drückte Charlie mit seinen warmen Lippen einen schnellen Kuss auf die Wange und stand dann auf. Bevor er seine Hände von Charlie nahm, streifte er dabei wie unabsichtlich seinen Schritt. Dann verließ er den Kinosaal.

Tief durchatmend lehnte Charlie sich zurück. Wollte er das wirklich durchziehen? Nein, auch wenn es noch so verlockend war. Er würde einfach gehen und den attraktiven Mann vergessen. Er wollte sich auf seine Karriere konzentrieren und keinen Skandal riskieren. Zu lange wartete er jetzt bereits auf die Rückmeldung seines Agenten. Heimlich hoffte er auf eine Rolle in einem Blockbuster, was wieder einmal zum Greifen nah erschien. Die Besorgnis, dass es nicht klappen könnte, setzte ihn gehörig unter Druck. Den könnte er mit einem Ausflug in die Toilettenanlage gut abbauen. Dennoch würde er nicht darauf eingehen.

Der Mann hatte ihn erkannt. Möglicherweise war er bloß scharf darauf, mit einer kleinen Berühmtheit rumzumachen. Unter Umständen ging es ihm allerdings darum, an Informationen zu gelangen, die er irgendeinem Klatschmagazin verkaufen konnte. So etwas war Charlie bereits einmal passiert und hatte für ziemlichen Ärger gesorgt. Das Risiko würde er also nicht eingehen.

Er stand auf und verließ das Kino, bevor dem Kerl klar wurde, dass Charlie nicht kommen würde.

Als Alondra ihm am nächsten Tag die Tür öffnete, wirkte sie über seinen Besuch nicht sonderlich erfreut. »Was machst du hier?«, fragte sie mehr als direkt. Ihre Augen, ebenso braun wie seine, funkelten misstrauisch. »Ich wüsste, wenn wir verabredet wären.«

»Ich bringe dir bloß ein paar Brötchen und dachte, ich nutze diesen wunderschönen Sonntagmorgen für ein Frühstück mit meiner großen Schwester. Willst du hier essen oder darf ich dich einladen?«

»Weder noch. Ich habe eigentlich in einer Stunde etwas vor.«

»Ach, dann reicht das für ein schnelles Frühstück. Ein paar Minuten Verspätung bin ich dir bestimmt wert.« Er schob sich an ihr vorbei in die Wohnung und sah sich dabei möglichst unauffällig um.

Der kleine Raum, der als Wohn- und Esszimmer mit integrierter Kochzeile fungierte, wirkte sauber und aufgeräumt. Alondra besaß nur wenige Möbel. Er hatte ihr mehrmals angeboten, ihr eine größere Wohnung zu finanzieren oder zumindest mit ein paar Sachen auszuhelfen. Seine sture Schwester wollte allerdings nichts von ihm annehmen, was über eine kleine Zuwendung hinausging. Weil sie es allein schaffen wollte. Als müsste sie sich das Leben unnötig schwer machen.

Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. »Soll ich mit den Brötchen in die Küche?«

»Wenn es sein muss.« Sie schloss die Eingangstür und folgte ihm dann zur Küchenecke.

»Hast du Butter und Marmelade? Die Bäckerei die Straße runter hatte nichts im Angebot.«

»Im Kühlschrank steht alles, was du brauchst, aber eigentlich habe ich bereits gefrühstückt.«

So wie er. Schließlich war es bereits kurz vor zehn. »Einen Kaffee trinkst du doch trotzdem mit mir?«

Sie nahm ihm die Tüte mit den Brötchen ab und verstaute sie in einer Brotdose. »Haben wir nicht vor gut einem Jahr besprochen, dass diese Überraschungsbesuche meine Pläne durcheinanderbringen? Struktur ist mir wichtig, wie du weißt. Du sollst anrufen, bevor du bei mir auftauchst.«

Damit sie ihre Wohnung für seinen Besuch vorbereitete?

Diesen Verdacht hatte sie nicht verdient. Dennoch meldete sich sofort wieder seine Besorgnis zu Wort.

»Ich wollte dich sehen«, sagte er und bemühte sich um einen harmlosen Tonfall. »Zuerst war es zu früh, um durchzuklingeln, und dann hat es keinen Unterschied mehr gemacht.«

»Warum bist du wirklich hier, Ramón?« Sie stemmte die Hände in die Hüften und kniff die Augen zusammen.

»Muss ich das wirklich aussprechen?«

»Habe ich dir in den letzten Jahren Anlass zu Misstrauen gegeben?«, fragte sie mit nörgelndem Tonfall. »Hattest du in den vergangenen Monaten den Eindruck, deine Sorge wäre angebracht? Denkst du wirklich, du müsstest mich wieder rund um die Uhr kontrollieren?«

Auf so eine Diskussion ließ sich Charlie gar nicht erst ein. »Ich bin für dich verantwortlich. Egal, wie viel Zeit vergangen ist, ich werde mir immer Sorgen um dich machen.«

»Ich habe vor kurzem fünf Jahre Drogenfreiheit feiern dürfen. Du kannst stolz auf mich sein.«

»Das bin ich.« Er trat auf sie zu und zog sie in seine Arme. Vielleicht konnte er auf diese Art ihren Unmut besänftigen. Natürlich war er sich darüber im Klaren, dass sie ihr Leben dem Anschein nach endlich im Griff hatte. Ihr Job machte ihr Spaß. Sie hatte sich einen Freundeskreis aufgebaut, der sie nicht in Schwierigkeiten bringen würde. Regelmäßig besuchte sie Treffen mit anderen Drogenabhängigen, hatte sogar die Patenschaft für einen anderen Süchtigen übernehmen dürfen. Inzwischen war sie für ihr Verantwortungsgefühl und ihre Verlässlichkeit bekannt. Niemand zweifelte daran, dass sie ihre dunkle Vergangenheit hinter sich gelassen hatte.

Niemand außer Charlie.

Natürlich war es ihr gegenüber nicht fair. Sie hätte sein Vertrauen verdient, nachdem sie sich schon so lange gut schlug. Für ihn würde sie allerdings niemals ganz gesund sein. Wenn er die Augen schloss, sah er sie wieder in ihrer schlechtesten Version ihrer selbst vor sich. In seinem Kopf verwandelte sie sich in die zitternde, verängstigte Frau, die für den nächsten Schuss alles aufs Spiel gesetzt hätte. Er hatte damals nicht genug auf sie achtgegeben, aber dieser Fehler würde ihm nicht noch einmal passieren.

Sie versuchte, sich von ihm freizumachen, um die Diskussion fortzusetzen, doch er war nicht in der Lage, sie loszulassen. Er schlang seine Arme noch ein wenig fester um sie.

»Du erdrückst mich, Ramón«, sagte sie gepresst. »Bitte, ich verstehe, weshalb du das Bedürfnis hast, mich vor der Welt zu beschützen, aber du schnürst mir die Luft ab.«

»Tut mir leid. Ich klammere mich gerne an die Vorstellung, dass ich alles unter Kontrolle habe, wenn ich über jeden Aspekt deines Lebens informiert bin.«

Alondra klopfte ihm auf den Rücken. »Nein, im Ernst, Ramón. Du erdrückst mich. Ich kriege keine Luft. Mir wird schon ganz schwindelig.«

Erschrocken ließ er sie los und trat zurück. »Und wieder etwas, das mir leid tut.«

»Du musst aufhören, dich ständig einzumischen. Ich weiß zu schätzen, dass du mir bei jedem Besuch Geld zusteckst, doch dadurch fühle ich mich schlecht. Mein Job ernährt mich, und du kannst unmöglich so viel verdienen. Wenn ich mich nicht irre, ist dein letzter Film vor ein paar Wochen abgedreht worden. Hast du etwas Neues am Start?«

»Ich habe mehrere Eisen im Feuer. Inzwischen gibt es Regisseure, die gezielt nach mir fragen. Ich habe mir einen Ruf erarbeitet.« Auch wenn er nicht sicher war, ob er sich darauf zu viel einbilden durfte. Immerhin würde er es in Hollywood aufgrund seines Outings niemals zu Ruhm bringen. »Tatsächlich werde ich mir aussuchen können, an welchem Projekt ich mich beteiligen will.«

»Das freut mich sehr für dich. Erzähl mir mehr davon.« Sie ging um den Tresen herum und holte zwei Tassen hervor. »Wenn du versprichst, mich nicht mehr zu löchern, bekommst du dafür sogar einen Kaffee von mir.«

Er lachte auf. »Wie könnte ich diese charmante Einladung ablehnen?«

»Wirst du dich jemals ändern?«, fragte sie leise.

»Worauf spielst du an?«

»Wie du dich ausdrückst! Immer so vornehm. Du hattest immer schon diesen Hang zu Theatralik.« Sie machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. »Ich kann mich noch gut erinnern, wie oft ich dich vor den Nachbarkindern wegen deiner Vorliebe für klassische Musik verteidigen musste. Obwohl du nicht größer als ein Küchentisch warst, hast du mit deinem Faible für Klassik und Jazz alle anderen Kinder verunsichert. Ein Glück, dass du Kontrabass in dieser Band spielen konntest, in der du Gleichgesinnte gefunden hast.«

»Ein Glück, ja.« Er erstickte beinahe an den Worten.

Alondra seufzte leise. »Wie talentiert zu warst! Ich habe dir furchtbar gerne zugehört. Schade, dass du die Musik ganz aufgegeben hast. Nicht, dass ich der Meinung wäre, du würdest nicht auch als Schauspieler hervorragende Leistung bringen. Trotzdem hattest du hinter deinem Kontrabass immer einen verzückten Ausdruck in den Augen, den ich seitdem nicht mehr bei dir gesehen habe.«

Weil sein Musikinstrument für ihn die Unschuld verloren hatte. Seit zehn Jahren konnte er Musik nicht mehr auf die gleiche Art genießen wie zuvor. »Die Schauspielerei ist mein Leben. Ich kann mit Filmen viel mehr Menschen erreichen, als es mir als Musiker möglich wäre.«

»Solange du glücklich bist! Egal, was du mit deinem Leben noch anfangen willst, gleichgültig, welche Träume du noch verwirklichen möchtest, ich bin immer an deiner Seite.«

Er nickte und fühlte sich seltsam beklommen. Tatsächlich hatte sie ihn bei jedem Teil seines Lebens ermutigt. Hoffentlich gab er ihr das gleiche Gefühl von Sicherheit. Sie wusste nicht, wie weit er gehen würde, um sie zu beschützen. Sie ahnte nicht, was er alles bereits getan hatte. Sollte sie es jemals erfahren, würde sich ihr Blick auf ihn für immer ändern. Dann würde sie ihm das nicht so leicht verzeihen, obwohl er nur ihr zuliebe so gehandelt hatte, wie es notwendig gewesen war.

Endlich war der Kaffee durchgelaufen. Seine Schwester füllte zwei Tassen und stellte Milch und Zucker vor ihn, was er aber beides ablehnte.

Alondra kam zu ihm und drückte ihn auf einen Hocker vor dem Tresen, bevor sie neben ihm Platz nahm. »Erzählst du mir von deinen heißen Eisen? Kannst du mir etwas zu deinem möglichen neuen Projekt verraten?«

»Mein Agent hat heute Morgen angerufen. Einer der Filme, bei denen ich vorgesprochen habe, wurde genehmigt. Der Produzent will mich noch einmal sehen, bevor wir mit dem Dreh beginnen. Aber ich habe eine feste Zusage.«

»Du wirkst nicht glücklich«, stellte sie fest. »Freust du dich denn nicht auf dieses Projekt?«

»Es wird hohe Wellen schlagen, wenn der Regisseur seinen Willen durchsetzt. Soviel ist sicher. Der Filmdreh wird bestimmt amüsant. Doch es gibt nicht nur gute Neuigkeiten. Für die Rolle in einem anderen Film wurde ich leider nicht angenommen.«

»Es tut mir leid, dass du dich enttäuscht fühlst. Vielleicht ändern die zuständigen Leute ja noch ihre Meinung.« Sie legte ihm eine Hand auf den Unterarm. Ihre Wärme drang durch den Stoff seines Hemdes.

Benommen starrte er auf ihre Hand, versuchte, seine Gefühle zu sortieren. Er war so auf seine Sorge um sie konzentriert gewesen, dass er sich noch keine Zeit genommen hatte, die Information zu verdauen. »Das denke ich nicht. Ich hätte die andere Rolle gerne übernommen. Sie ist nicht sonderlich groß. Ein Serienmörder hätte mich bloß zu einem seiner Opfer gemacht. Vermutlich wäre man unter all dem Blut nicht in der Lage gewesen, mein Gesicht deutlich zu erkennen. Trotzdem habe ich gehofft, dass die Rolle mir die Tür zu großen Produktionen öffnen könnte.«

Er stockte. Damit sollte er seine Schwester nicht belasten. Es galt, Alondra von den Schwierigkeiten seines Lebens fernzuhalten. Er durfte sich ohnehin nicht beschweren. Bei Independent Produktionen war er gefragt. Es gab für ihn genug zu tun. Er verdiente gutes Geld und hatte einige Fans. Regelmäßig konnte er sich auf der Leinwand betrachten. Auch wenn er bislang noch keine Nominierung für einen Preis erhalten hatte, würde das irgendwann der nächste Schritt sein. Alles, was er brauchte, war Geduld.

Geduld, zu der er fähig war, wie er früher schon bewiesen hatte. Geduld, zu der er sich zwingen würde, auch wenn es ihm schwerfiel.

Um seine Schwester zu beruhigen, hob er seine Mundwinkel zu einem Lächeln. »Das andere Projekt wird viel spannender werden. Ich darf eine Hauptrolle übernehmen und werde einen Cowboy spielen. Einen schwulen Cowboy in einer Zeit, in der man als homosexueller Mann nicht zu seiner Liebe stehen durfte. Der Regisseur scheint eine humorvolle Note einfließen lassen zu wollen. Ich hoffe, er macht keine Komödie daraus.«

»Ein schwuler Cowboy?« Alondra beugte sich neugierig näher. »Wenn seine sexuelle Orientierung von Wichtigkeit ist, handelt es sich wohl um einen Liebesfilm.«

»Ja, man wird mich wieder leicht bekleidet und einen anderen Kerl küssend auf der Leinwand bewundern können.« Er versuchte, sich seine mangelnde Begeisterung nicht anmerken zu lassen.

»Wie toll! Einige meiner Freundinnen schwärmen von dir. Du weißt, dass ich dir gegenüber nicht neutral sein kann. Für mich bist du immer großartig.«

»Ist es nicht seltsam, dass ich als schwuler Mann hauptsächlich weibliche Fans habe?«, fragte er. »Sie müssen doch wissen, dass sie mich niemals kriegen würden.«

Seine Schwester lachte. »Überhaupt nicht. Wir Frauen stehen auf gut gebaute Körper. Wenn wir auf der Leinwand gleich zwei attraktive Exemplare bestaunen können, setzt unser Verstand einfach alle Logik außer Kraft.«

Kapitel 3

Marcus sah sich nervös um. Len quatschte ihn voll. Irgendetwas über die göttliche Denise und ein Make-up Malheur, das ihn momentan so gar nicht interessierte. Die Villa, vor der sie gehalten hatten, war riesig und weckte einen ungesunden Neid. Manche Menschen besaßen alles, während andere nichts hatten. Manchmal nicht einmal ein Dach über dem Kopf oder etwas zu essen auf dem Teller. Er versuchte das Gefühl – und die Erinnerung – abzuschütteln, aber so einfach war es in der Regel nicht.

Sie stiegen Seite an Seite die glänzenden Marmorstufen empor, wo Len anklopfte, ohne das geringste Anzeichen zu machen, dass er von der Umgebung ähnlich beeindruckt war wie Marcus.

»Wenn du mich fragst!« Len stieß ihn an und grinste mit dieser Note an Spott, die er gewöhnlich an seinem Freund schätzte.

»Wenn du meinst«, murmelte er abgelenkt, als die Tür aufschwang. Ein Mann in strengem Anzug sah an seiner großen Hakennase entlang an ihm herab, bevor er Len ähnlich verächtlich musterte.

»Ja, bitte?«

Len grinste. »Len Myers.« Seine Hand schwang zu ihm. »Marcus Lovett. Wir haben einen Termin mit Mr Demme.«

Die buschigen Brauen hoben sich in dem hageren, faltigen Gesicht. »Einen Moment.« Die Tür schloss sich und Len drehte ihr gutgelaunt den Rücken zu.

»Das wird sicher lustig.«

»Demme?«, griff Marcus auf. Seine Stimme schwankte vor Aufregung. »Doch nicht dem Regisseur von …«

»Riding the Bull«, übernahm Len begeistert. »Ich dachte, wir machen gleich Nägel mit Köpfen.«

Und er war absolut nicht vorbereitet. Das Blut floss ihm nun erst recht aus dem Gesicht und eine Eisenkette legte sich um seine Brust. Hätte er damit rechnen müssen?

»Du siehst aus, als wäre dir ein Geist begegnet. Doch nicht schon wieder Lampenfieber, oder?« Len stieß ihn an und lachte. »Komm schon. Es ist ein schnelles Beschnuppern, Mr Demme weiß doch, dass du das Skript nicht kennst und noch nicht wirklich vorsprechen kannst.«

»Ich bin absolut nicht vorbereitet«, zischte Marcus, wobei er sich eilig umsah. »Ich weiß kaum etwas über Demmes andere Arbeiten, ich habe keine Ahnung, worum es bei dem Projekt eigentlich geht und …« Er unterbrach sich, als die Tür in Lens Rücken wieder geöffnet wurde, und hob den Blick. Es war nicht der alte Kauz von zuvor, sondern eine jüngere, fülligere Gestalt. Interessant waren seine Augenbrauen, die über der Nasenwurzel bis hin zur Mitte der Augen voll und tiefschwarz waren und sich dann lichteten. Es machte seinen Blick intensiver, machte ihn zu einem Adlerblick: intensiv und gefährlich, auch wenn die Lider bereits hingen. Das Alter war nun mal unbarmherzig.

»Sie wollen zu mir?« Sein Blick huschte ebenso kritisch über Marcus und seinen Freund wie zuvor jener des anderen Mannes.

Len drehte sich und streckte die Hand aus, noch bevor er einen Schritt auf den Herrn des Hauses zumachte. »Mr Demme, Len Myers, ich bin Make-up-Artist für Ihre neue Produktion.« Er griff nach der Hand des Regisseurs, die dieser nicht ausgestreckt hatte, und schüttelte sie fest. »Ich habe einen begnadeten Schauspieler dabei, der sich für die Rolle des Everett Steele interessiert.«

Demme runzelte die Stirn.

Marcus stöhnte innerlich. Auf die Rolle brauchte er nun wohl nicht mehr zu setzen. Trotzdem streckte er die Hand aus, um den Regisseur zu begrüßen. »Guten Tag, ich bin Marcus Lovett. Es tut mir leid, wenn wir Sie überfallen haben. Len sprach von einem Termin.«

»Mr Lovett, guten Tag. Tatsächlich habe ich Vorschläge zum Make-up erwartet und keine zur Besetzung.« Er zog die Hand zurück und sah zwischen ihnen hin und her. »Also gut, kommen Sie herein.« Er behielt den Vortritt und führte sie so durch das Haus und durch die Terrassentür wieder hinaus. Vor ihnen lag eine gepflasterte Ebene, die von einem Geländer begrenzt wurde. Dahinter schimmerte Wasser im morgendlichen Sonnenschein. Ein Pool.

»Setzen wir uns.« Mr Demme deutete auf Rattanmöbel und machte sich bereits auf den Weg, um sich auf einen bequem aussehenden Sessel zu setzen. Er seufzte dabei. »Also, Mr Lovett, richtig? Kenne ich Sie?«

Marcus stockte beim Hinsetzen und kam eher unelegant auf den Sitzkissen auf. Er räusperte sich. »Ich habe einige kleinere Rollen gespielt.« Er zählte die letzten fünf auf. »Wenn ich gewusst hätte, wohin Len mich bringt, hätte ich mein Portfolio dabei.«

»Hm.« Demme runzelte die Stirn und musterte ihn erneut. »Wir haben die Rolle des Everett Steele bereits einige Male umbesetzt.«

»Ja, davon hörte ich.« Er konnte sein Grinsen nicht beibehalten. »Es ist kontrovers, zumindest, wenn man meinem Agenten Glauben schenken möchte.«

Demme rieb die Hände aneinander, ohne seinen Blick von ihm zu nehmen. »Darf ich fragen, wer Sie vertritt?«

»Don Derringer.« Das war kein Geheimnis.

Demme schnaubte. »Don.« Und verdrehte die Augen. »Es wundert mich, dass er Ihnen von dem Projekt erzählte. Er war deutlich mit seiner Ablehnung. Ich hatte Hal Davidoff für die Rolle im Kopf, seit ich das Drehbuch gelesen hatte.«

Einen blonden Adonis. Marcus schluckte unangenehm berührt, schließlich war er von seinem Aussehen her das genaue Gegenteil zu seinem Kollegen Hal. »Mr Derringer war tatsächlich deutlich. Er weigerte sich, ein Vorsprechen für die Rolle für mich zu arrangieren.«

»Aha.« Die Augen seines Gegenübers verengten sich. »Und doch sind Sie hier.«

Marcus nickte. »Obwohl ich nicht viel über das Projekt weiß, fasziniert es mich«, räumte er ein. Er räusperte sich erneut. Er hatte das Gefühl, zu weit zu gehen, wie ein Schleimer zu wirken und jeden Moment entlarvt zu werden. Demme betrachtete ihn weiterhin eingehend. »Cowboys, wer liebt nicht einen guten Western?«, setzte er nach, um die Situation aufzulockern, und fühlte sich dabei noch dämlicher. Er machte sich hier noch alles kaputt! »Und dann dieses außergewöhnliche Thema.«

Demmes Brauen wanderten in die Höhe.

»Homosexualität. Brandaktuell und doch …« Wie sollte er es bezeichnen, ohne wie ein Idiot zu wirken? »Verrucht?«

»So?«

Marcus rutschte auf seinem Rattansessel herum. Verdammt, er hätte besser Mr Demme den Anfang machen lassen sollen. »Randgruppen zu thematisieren ist mutig.«

»Aber dumm, schließlich zieht es kein Massenpublikum in die Lichtspielhäuser.« Demme schlug ein Bein über und faltete die Hände vor dem Bauch. »Also, warum wollen Sie bei so etwas dabei sein? Sind Sie schwul?«

Marcus klappte der Mund zu. War das etwa Voraussetzung? Konnte er punkten, indem er nun dreist log und sich als etwas outete, was er schlicht und ergreifend nicht war?

Len lachte schallend. »Nein. Er ist der Hahn ihm Hühnerstall, wo immer er hingeht, und genießt es.«

Marcus warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, aber da seine Gesinnung schon herausposaunt war, konnte er dem auch nicht mehr widersprechen. »Tatsächlich kenne ich mich mit der Materie nicht aus. Hätte ich einen Termin für ein Vorsprechen bekommen, hätte ich mich zuvor schlaugemacht. So bleibt mir nur, meine eingeschränkte Weltsicht einzugestehen.«

»Hm. Wie gedenken Sie sich schlauzumachen?«

Marcus stockte. Das war eine gute Frage, schließlich kannte er niemanden, der … nun, auf das eigene Geschlecht fixiert wäre. Er warf Len einen Blick zu, der deutlich um Hilfe bat, aber der Freund zuckte auch nur die Achseln. »Bars«, murmelte er schnell. »Einschlägige Lokalitäten. Es sollte nicht schwer sein, herauszufinden, wo sich … Männer treffen, die Männer … lieben.« Das wurde nun wirklich schwierig.

»Hm«, machte der Regisseur.

Demme brachte ihn mit diesem Brummen noch einmal um den Verstand und sein durchdringender Blick war sicher auch nicht behilflich dabei, Ruhe zu bewahren. »Haben Sie einen hilfreichen Vorschlag?« War es ein Eingeständnis seines Scheiterns, wenn er um Hilfe bat? Nun war es ohnehin zu spät. Demme brummte und legte den Kopf zur Seite.

»Vielleicht.«

Sie starrten einander an, dann seufzte Demme. »Ich möchte aufrichtig mit Ihnen sein, Mr Lovett. Sie sind optisch nicht das, was ich mir unter Everett Steele vorstelle.«

»Oh, Sie sollten ihn nackt sehen«, mischte Len sich ein und rutschte dabei auf seinem Stuhl nach vorn. »Glauben Sie mir, Mr Demme, die Frauen werden scharenweise die Kinos stürmen.« Er lachte gackernd. »Geben Sie ihm doch die Chance, sich zu beweisen.«

Demme durchbohrte seinen Freund mit seinem scharfen Blick. »Unterstellen Sie der Damenwelt da nicht etwas, Mr Myers? Ein ansprechender Körper wird sicher keine Frau …«

»Nanu.« Die Unterbrechung kam unerwartet und in Form einer kurvenreichen Schönheit: Denise. Demme setzte sich grade auf und zog den Bauch ein.

»Denise, meine Liebe, du kennst Mr Myers und Mr Lovett bereits?«

Denise ignorierte Len, der auf die Füße gesprungen war und ihr die Hand hinhielt, wobei er sie bereits daran erinnerte, dass er ihr Maskenbildner bei ihrem Horrorstreifen war. Ihre kornblumenblauen Augen lagen auf Marcus. Er rappelte sich langsam auf und reichte ihr die Hand.

»Miss …?«

»Holland«, gurrte sie. »Denise.« Ihr Blick wurde schwül, als sich ihre Lider senkten und ihr Lächeln diese wissende Note bekam. »Lov-ett. Ist der Name Programm?«

Marcus kopierte ihre Haltung und drückte ihre Finger sanft, während er sie an die Lippen zog. »Miss Holland, ich bin ein begeisterter Fan von Ihnen und … natürlich.«

Sie lachte gurrend auf. »Wie wäre es, wenn Sie mir im Pool Gesellschaft leisten?« Sie zog ihre Hand zurück, um an ihrem fließenden Kleid zu zupfen, das sich augenblicklich von ihrer Gestalt löste und zu einer Pfütze zu ihren Füßen wurde.

»Zu gern, aber ich bin nicht zum Planschen da.« Er zwinkerte ihr zu. Ihr knapper Bikini ließ keine Fragen offen. Kein Wunder, dass sie den Take am Vortag einige Male wiederholen musste, er hätte sie auch den ganzen Tag in sexy Badebekleidung herumlaufen lassen, wenn er der Regisseur des Horrorstreifens gewesen wäre.

»Denise, Mr Lovett spricht für die Rolle des Everett Steele vor«, mischte Mr Demme sich belustigt ein. »Würdest du zuschauen wollen, wie Mr Lovett einen anderen Mann küsst? Auszieht? Mit ihm schläft?«

Denise Augen wurden groß und ihr Blick glitt an ihm herab. Marcus brauchte einen Moment, um die Informationen aufzunehmen, und wäre dann beinahe auf seinem Stuhl zusammengesunken. Auch so musste er sich das bitte was verkneifen.

»Walker ist die Besetzung für den anderen Part, nicht wahr?« Ihr Mundwinkel hob sich belustigt und ein Glitzern ließ ihre Augen funkeln. »Oh ja, Onkel Jon, ich würde es mit angehaltenem Atem verfolgen.«

»Hm.«

»Aber …« Denise Grinsen wurde spöttisch. »Noch weiß ich gar nicht, ob er nicht nur heiße Luft unter seinem Shirt versteckt. Bevor du ihm die Rolle anbietest, solltest du dich von … seinen Qualitäten überzeugen.« Sie trat auf ihn zu und griff nach seinem Shirt auf Höhe seines Bauches. Sie war verteufelt direkt!

»Das habe ich vor, Denise.«

»Ziehen Sie sich aus, Mr Lovett«, forderte sie, ohne auf ihren Onkel einzugehen. »Lassen Sie uns sehen …« Sie zog an seinem Shirt und lüftete es, sodass man zumindest einen schnellen Blick auf seinen Sixpack werfen konnte, bevor sie den festen Griff um den Stoff verlor und es wieder herabfiel.

»Denise, geh in den Pool und lass mich mit Mr Lovett allein. Mr Myers kann dir gerne noch einen Moment Gesellschaft leisten.«

Len trat auf die Schauspielerin zu, die ihn wenig begeistert musterte. »Mr Lovett wäre mir lieber.« Sie bückte sich nach ihrem Kleid, um es aufzuheben, wobei Marcus einen Blick in ihr Dekolleté werfen konnte. Sie hatte eine umwerfende Figur und es juckte ihn fast in den Fingern, ihr weiches Fleisch zu berühren. Allerdings war es sicher keine gute Idee, die Nichte des Regisseurs zu betatschen, bei dem er um einen Job bettelte. Er räusperte sich also und wendete den Blick ab. Seine Gedanken musste er jedoch auf das vorherige Thema lenken, um Denise völlig aus dem Kopf zu bekommen. In der Rolle musste er nicht nur einen Mann küssen, sondern noch weitere, deutlich sexuelle Tätigkeiten mimen?

Denise berührte ihn, als sie an ihm vorbeiging, und warf ihm noch so einen Schlafzimmerblick zu, der nun aber seine Wirkung verfehlte. Er war zu nervös und, ja geschockt von der Aussicht, was er zu tun gezwungen wäre, sollte er diese Rolle bekommen. Froh, sich wieder setzen zu können, lenkte er den Blick auf seine leicht bebenden Finger. Er verschränkte sie und spielte mit ihnen, um seine Nervosität einzudämmen.

»Können Sie reiten?«, fragte Mr Demme und riss ihn damit aus seinen Grübeleien.

»Ja«, sagte er eilig, obwohl es eine bodenlose Lüge war.

»Haben Sie Erfahrung mit dem Bullenreiten?«

Marcus stockte, als er die Frage ebenfalls bejahen wollte. Wäre es glaubhaft?

»Nein. Aber das lässt sich ändern.«

Demme nickte bedächtig. »Haben Sie schon einmal einen Mann geküsst? Natürlich vor der Kamera?«

Er schüttelte den Kopf, nicht sicher, ob er eine Antwort deutlich formuliert bekäme. Das war echt der Punkt, der ihm die größte Sorge bereitete. Das Pferd und der Bulle konnten ihn abwerfen. Na und? Dann stieg er einfach wieder auf! Aber so ein Kuss?

»Ich küsse jedoch leidenschaftlich gern und viel.« Gut, jetzt hörte er sich wie ein Vollidiot an. Demme lachte schallend.

»Na, wenn es hilft!«

Das würde sich dann zeigen. Marcus schlug nun auch das Bein über und lehnte sich zurück. Er wollte damit seine Unruhe vertreiben, denn bei einem Vorsprechen galt es, Sicherheit zu demonstrieren.

»Sie kommen aus dem Süden?«

»Ja.«

»Man hört es Ihnen nicht an.« Demme veränderte seine Sitzposition, die Marcus gleich aufgriff.

»Es ist nicht angeraten, ständig seine Herkunft herauszuschreien. Wenn man Erfolg will, legt man seinen Akzent lieber ab«, sagte er im breiten Dialekt seiner Heimat. Texas.

»Und wenn wir einen englischen Akzent brauchen?«

Für einen Cowboy?

Marcus zuckte die Achseln. »Ich frage mich, was ein Engländer im mittleren Westen zu suchen hat, Sir. Mögen Sie mich aufklären?« Dieses Mal bediente er sich der britischen Akzentuierung und erntete ein Lachen.

»Schade, dass Sie blondiert sicherlich lächerlich wirken.« Demme musterte seinen Schopf. »Hören Sie zu. Ich finde Sie sympathisch und wir sind tatsächlich etwas unterbesetzt. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass wir Ihnen die Rolle des Everett Steele anbieten werden, aber uns fehlen auch noch einige andere Besetzungen. Kommen Sie doch morgen ins Studio und wir casten Sie vernünftig. Letztlich habe ich nur ein Veto-Recht und vergebe die Rollen nicht eigenhändig. Wenn Sie es also durch alle Instanzen schaffen, werde ich mit einem dunkelhaarigen Steele leben müssen.« Er zuckte die Achseln und erhob sich, um Marcus die Hand entgegenzustrecken. Er kam schnell selbst auf die Füße und schüttelte sie enthusiastisch. Das klang vielversprechend und besser, als es seiner Meinung nach zu erwarten gewesen war. Jetzt blieb die Frage, wie er bis zum nächsten Tag mehr über Homosexualität erfahren sollte.

»Myers!«, rief Demme. »Sie gehen!« Er nickte Marcus zu. »Zwölf Uhr. Seien Sie pünktlich.«

»Das werde ich sein. Vielen Dank für die Einladung.« Er sah ihm nach und wurde von einem kalten Schauer überrascht. Denise kicherte und warf sich ihm dann an die Brust.

»Sind Sie etwa schreckhaft?«, fragte sie, während sie sich an ihn drängte und sein Shirt durchnässte. Marcus legte die Hände auf ihre kühle, feuchte Haut und schob sie sacht von sich.

»Kein bisschen. Leider müssen wir nun gehen, Miss Holland. Es war mir eine Freude …«

»Oh nein!«, unterbrach sie ihn. »Bleiben Sie noch. Der Pool ist herrlich erfrischend und ich werde mich schrecklich langweilen, wenn Sie mich allein lassen.«

»Das ist bedauerlich, nur habe ich leider noch schrecklich viel zu tun.« Marcus schob wieder, da sie sich erneut an ihn drängte und ihn ihren magischen Körper fühlen ließ. Wenn er nicht dringend über Homosexualität recherchieren müsste, wäre ihre Einladung genau das Richtige, um sich von seiner Nervosität abzulenken. »Leider«, raunte er daher. Er beugte sich vor, um ihr ins Ohr zu sprechen. »Ein anderes Mal wird mich aber nichts davon abhalten, deine Einladung auszukosten.«

Sie schnurrte wie eine zufriedene Katze. »Schön«, murmelte sie. »Wie wäre es, wenn wir uns gleich einen Zeitpunkt dafür aussuchen? Heute Nacht? Stagerooms VIP-Lounge.«

»Wie überaus verlockend.«

Sie war es dieses Mal, die sich von ihm löste, zwinkerte ihm zu und ging dann langsam Richtung Treppe, die zum Pool hinabführte. Ihre Hüften wiegten und ihr ganzer Körper versprach haltlose Leidenschaft. Das wurde definitiv eine heiße Nacht.

»Ich bin jetzt offiziell neidisch«, machte Len sich bemerkbar. Er stand direkt neben Marcus und sah der Schauspielerin ebenfalls hinterher. »Wie schaffst du das nur?«

»Mir wäre es lieber, ich hätte Mr Demme im Sturm von mir eingenommen und nicht seine Nichte.«

Len schnaubte verdrossen. »Klar. Du würdest lieber Demme flachlegen als Denise.« Er verdrehte die Augen. »Mann, sie hat dich förmlich verschlungen.«

»Na komm. Du wirst mir helfen müssen, damit ich die Rolle tatsächlich bekomme.« Er legte den Arm um die Schulter seines Freundes und schob ihn zum Haus. »Kennst du irgendjemand, der homosexuell ist?«

Len erstarrte. »Warum fragst du mich das?«

»Ich dachte … du lernst allerhand Leute kennen, da muss doch auch mal ein Schwuler bei sein.« Er ratterte selbst bereits durch seinen Bekanntenkreis, aber dort gab es nur Normalos. »Oder hast du schon mal von einem Ort gehört, an dem sich …«

»Glaubst du, die würde ich nicht sorgsam meiden?«

Marcus stockte, wodurch er die Berührung zu seinem Freund verlor, und ließ die Arme fallen. »Wie bitte meinst du das?«

Len verengte die Augen. »Weißt du eigentlich, wie schamlos die einen Mann anmachen? Vor denen ist man einfach nicht sicher.«

»Vor den Homosexuellen?« Marcus blieb verwirrt. »Du hast Vorbehalte? Warum zum Teufel arbeitest du dann an einer Produktion mit, bei der du …« Nicht zwangsläufig mit Homosexuellen zu tun hast. Gut, das war natürlich nicht unbedingt ein Problem. Man musste schließlich nicht hundertprozentig hinter dem Produkt stehen, für das man arbeitete. »Entschuldige. Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Vergessen wir das einfach. Ich finde schon heraus, wie ich am besten einen Schwulen spielen soll.« Auch ohne die Hilfe seines Freundes. Der zuckte die Achseln.

»Dauergeil und scharf auf jeden Mann im Umkreis. Das ist sicher ein Kinderspiel für dich. Projiziere deine Promiskuität einfach auf das männliche Geschlecht und du bist der Vorzeigeschwule des Landes.«

Marcus klappte den Mund zu und folgte seinem Freund langsam durch das Haus des Regisseurs. Tief in ihm kämpfte etwas. Frust und Ärger. Es gab keinen Grund, Lens Einstellung infrage zu stellen oder ihn auf seine Engstirnigkeit hinzuweisen. Warum auch?

Vielleicht hatte er recht, Marcus wusste es nicht besser. Aber es klang einfach so verdammt abwertend, dass es ihm den Magen umstülpte.

Kapitel 4

»Da kommt unser berühmter Schauspieler ja endlich!«, rief Freddy viel zu laut.

Charlie nahm auf der halbrunden Couch Platz, auf der seine Freunde bereits auf ihn warteten. »Tut mir leid, dass ich so spät dran bin. Ich habe die Zusage für eine Rolle bekommen und wollte mich darauf vorbereiten.«

»Was stellst du dieses Mal wieder an, damit du ganz in deinen Charakter schlüpfen kannst?«, fragte Harrison. Seine Augenbrauen hoben sich spöttisch. »Trägst du bis zum Abdrehen des Films nur noch ein Clownskostüm?«

»Nur weil du Method Acting nicht verstehst, musst du keinen Blödsinn quatschen. Marlon Brando hat damit große Erfolge erzielt.« Charlie winkte dem Kellner.

Freddy lachte leise. »Und bis du deinen ersten Preis abgeräumt hast, werden wir dich damit aufziehen«, stellte der Buchhalter klar. »Welche Rolle übernimmst du im neuen Film?«

Da Charlie bereits wusste, wie die Reaktion ausfallen würde, seufzte er leise. »Einen schwulen Cowboy.« Um es schnell hinter sich zu bringen, verriet er den Filmtitel auch gleich. »Der Streifen wird ›Riding the bull‹ heißen.«

Die zwei Männer, die sich seine Freunde schimpften, lachten dreckig. Ihr Gesichtsausdruck machte klar, in welche Richtung ihre Gedanken wanderten. Sie drei kannten sich seit seiner Anfangszeit in Hollywood. Freddy kümmerte sich darum, dass die Drehkosten nicht das Budget sprengten. Harrison assistierte den Kameramännern. Dank ihnen erfuhr Charlie all die kleinen, angeblich unwichtigen Dinge, die andere Schauspieler nie zu hören bekamen. Dank seiner Freunde konnte er Lösungen für Probleme bieten, von denen seine Kollegen noch gar nichts wussten. Dank ihnen war er beim Film gefragt. Ihre Freundschaft rettete ihn allerdings nicht vor ihnen plumpen Kommentaren.

»Das klingt ja spannend«, sagte Harrison. Seine Augen blitzten. Nur mit Mühe konnte er ein Lachen unterdrücken. »Ich habe von dem Projekt gehört, als es noch anders hieß. Die Änderung hat es nicht besser gemacht, aber durch den neuen Regisseur wird der Film deutlich humorvoller. Dafür finde ich den Titel schon ganz passend. Ich freu mich drauf, dich auf dem Bullen zu beobachten.«

»Dann kommst du gerade von einer Übungsstunde für das Bullenreiten?«, fragte Freddy.

»Nein, ich habe eine Farm besichtigt, auf der ich in den nächsten Monaten leben werde.« Charlie konnte endlich beim Kellner ein Bier bestellen und wartete dann auf die Witze, die auf seine Erklärung mit Sicherheit folgen würden.

Harrison schüttelte den Kopf. »Du übertreibst es immer. Statt Reitunterricht zu nehmen und ein paar Runden auf einem mechanischen Bullen zu drehen, legst du dir gleich eine ganze Farm zu?«

»Ich habe bloß das Haupthaus angemietet. Die Farm selbst wird von der Nachbarfamilie geführt. Ich kann mir ein Bild machen, in das Leben eines Cowboys schnuppern und halse mir gleichzeitig keine Arbeit auf.«

»Wer genug Geld auf der hohen Kante hat, kann sich so eine unnötige Extravaganz natürlich leisten«, warf Freddy ein. »Ich hoffe, du vergisst nicht, dass du einen Teil deines Vermögens uns und unseren Tipps verdankst. Hätte ich dir nicht zu ein paar guten Investitionen geraten, würdest du immer noch in der kleinen Wohnung in der Nähe des Bahnhofs hausen.«

»Schon klar. Die nächste Runde geht auf mich.« Charlie bat den Kellner um drei Bier, nachdem seine erste Flasche vor ihm abgestellt worden war. »Als drei der wenigen offen Schwulen beim Film müssen wir zusammenhalten.« Grinsend prostete er ihnen zu.

Er wusste, dass er es ohne diese beiden Männer nicht so weit gebracht hätte. Ein Glück, dass sie ihre Freundschaft niemals mit romantischen Gefühlen in Gefahr gebracht hatten. Damit hätten sie sich ihr Leben unnötig schwer gemacht. In diesem Laden waren sie drei von vielen. Beim Film, wo jeder für gute PR morden würde, ging fast niemand das Risiko ein, sich durch sein öffentliches Outing angreifbar zu machen. Es hatte einen Grund, weshalb sie sich in der Anonymität und Abgeschiedenheit des Iron Alexanders am Rande der Stadt trafen und nicht in einem der angesagten Clubs, in denen sich die großen Namen der Filmbranche sehen ließen.

Er fühlte sich ehrlich gesagt auch verdammt wohl in diesem Laden. Die Musik, die gespielt wurde, hatte so gar nichts mit dem zu tun, was er früher auf der Bühne vorgetragen hatte. Das Innere des in grauen Abstufungen eingerichteten Clubs war gerade schmuddelig genug, um sich hier zuhause zu fühlen, aber nicht einziehen zu wollen. Es war dunkel genug, um eine stimmungsvolle Atmosphäre zu erzeugen, aber hell genug, um nicht versehentlich mit der falschen Sorte Mann heimzugehen.

»Zurück zu der Farm«, sagte Freddy. »Du weißt, dass du die Kosten dafür zumindest teilweise von der Steuer absetzen kannst? Schick mir den Mietvertrag, dann werde ich überprüfen, wie wir die Sache am besten drehen.«

»Eine gefährliche Idee. Ich will schließlich nicht, dass du einen Herzinfarkt bekommst, wenn du die Details liest.« Charlie hob einen Mundwinkel.

Die Stirn seines Freundes runzelte sich. »Wie groß ist diese Farm denn? Soweit ich weiß, steht der Cowboy in dem Film kurz vor der Pleite.«

»Wenn sich die Dreharbeiten zu lange hinziehen, könnte mir das auch blühen.« Natürlich war das eine maßlose Übertreibung.

»Falls du jemanden brauchst, der dich während der Proben daheim filmt, ziehe ich zu dir«, schlug Harrison vor. »Ich kenne deinen exquisiten Geschmack. Diese Farm hat mit Sicherheit einigen Luxus zu bieten.«

»Ganz so exklusiv, wie du dir vorstellst, ist meine neue Behausung auch wieder nicht. Ich möchte mich schließlich in realistischem Umfeld auf die Rolle vorbereiten. Klar ist die Farm weit größer, als es die im Film sein wird. Allerdings habe ich darauf geachtet, das Luxuslevel anzupassen. Es gibt keinen Pool, kein Spa, keine Bediensteten. Das heißt, eine Haushälterin habe ich schon engagiert. Und auf der Terrasse steht ein kleiner Whirlpool. Nicht mal in den Boden versenkt.«

»Pft, eine Frechheit. Dass du dich für so etwas überhaupt hergibst!« Harrison grinste.

Freddy fand die Beschreibung nicht zum Lachen. »Ich bin nicht für deine Finanzen zuständig – zum Glück. Trotzdem will ich dich davor warnen, es nicht zu übertreiben.«

Charlie zuckte mit den Achseln. »Man bezahlt mich gut.« Zumindest das sprach dafür, weiter Filme zu drehen, die zwar Publikum anlockten, aber vermutlich niemals einen Oskar erhalten würden.

»Ich habe eindeutig den falschen Job gewählt«, beschwerte sich Freddy. »Meine Arbeit ist nicht weniger wichtig als deine. Trotzdem wirft mir niemand Geld hinterher.«

»Weil ich dafür sorge, dass der Film hohe Einnahmen macht, du aber dem Regisseur meist nur Steine in den Weg legst.«

»Das stimmt allerdings auch wieder.«

Harrison schwieg. Das Geplänkel hatte seine Aufmerksamkeit verloren. Mit gerunzelter Stirn sah er Richtung Tresen.

Charlie folgte seinem Blick. Dann war auch seine Neugierde geweckt.

»Was ist dort drüben los?«, fragte Charlie und deutete mit dem Kopf auf eine Ansammlung von Kerlen, die sich an einer bestimmten Stelle der Bar um irgendjemanden zu scharren schienen. Hatte jemand den Fehler gemacht, einen der Stammkunden zu provozieren?

»Ein Neuer«, berichtete Freddy. »Der Kerl ist kurz nach uns reingekommen. Ich habe gehört, dass er seltsame Fragen stellt. Die Geier stürzen sich bereits auf ihn. Er hat gar keine Chance, ohne Anhang hier rauszukommen.«

Charlie streckte sich, um einen Blick auf den Mann werfen zu können, der die Aufmerksamkeit der alten Hasen auf sich gezogen hatte. Frischfleisch hatte die Angewohnheit, hier drinnen fast zerrissen zu werden, weil jeder ein Stück von der Unschuld abhaben wollte.

Mehr als einen braunen Schopf konnte er nicht erkennen. Der Mann schien mit mehreren Männern gleichzeitig zu diskutieren, die alle etwas von ihm wollten. Um einen hässlichen Typen dürfte es sich also nicht handeln.

»Trevor hat sich schon in ihn verbissen«, berichtete Harrison, der die bessere Sicht auf die Szene hatte. »Der Kleine tut mir sogar ein wenig leid. Bestimmt hatte er keine Ahnung, was ihn hier erwartet.«

»Auf welche seltsamen Fragen von ihm hast du vorhin angespielt, Freddy?«, wollte Charlie wissen.

»Ein anderer Besucher hat sich am Tisch nebenan lautstark über ihn beschwert, weil er sich nach komischen Dingen erkundigt hat. Ob hier immer die gleichen Leute wären. Wie oft man sich hier träfe. Ob es irgendwelche Regeln gäbe, wenn man jemanden kennenlernen wolle. Vielleicht ist er auf der Suche nach einem alten Bekannten oder ein wenig Abwechslung.«

Oder versuchte er, etwas über die Szene zu erfahren? Möglicherweise ein unerfahrener Journalist, der Material für eine Story suchte. Seit man Homosexualität als brandaktuell bezeichnete, tauchten hin und wieder solche Aasfresser auf. Und Kerle, die plötzlich ihre Sexualität hinterfragten und sich einen Überblick über das Angebot verschaffen wollten.

Charlie schüttelte den Kopf. »Oh, Mann. Trevor hatte bereits zu viel und geht auf Tuchfühlung. Seht ihr, wie er den armen Kerl betatscht?« In diesen Genuss war er ebenfalls schon mal gekommen, als er bei einem seiner ersten Besuche hier nicht vorsichtig gewesen war. Damals hatte ihn jemand vor dem zudringlichen Alkoholiker gerettet. Aus einem Impuls heraus beschloss er, dem Neuen den gleichen Gefallen zu tun.

»Entschuldigt mich kurz«, sagte er und stand auf. »Ich muss mal kurz den Helden spielen.«

Seine Freunde lachten, ließen ihn aber kommentarlos ziehen.

Mit schnellen Schritten überwand Charlie die Entfernung zu dem Fremden. »Entschuldigung«, knurrte er mit genug Aggression in der Stimme, damit ein paar Kerle zur Seite auswichen. »Lasst mich mal durch.«

Einige der Männer murmelten Beschwerden, die er ignorierte. Charlie musste Trevor zur Seite schieben, um zu dem Neuen vorzudringen. »Nimm die Finger von ihm, Trevor«, befahl er noch. Dann hatte er freie Bahn.

»Hey, Kleiner«, sprach er den Mann an, der ihm den Rücken zuwandte. »Zeit, dein trotziges Schweigen zu beenden und endlich zurück zu uns an den Tisch zu kommen, damit wir diese Diskussion beenden können.«

Der Fremde drehte sich auf dem Hocker um. In seinem Blick lag ein fragender Ausdruck. Das war nicht der Grund, weshalb Charlie fast die Luft wegblieb.

An der Attraktivität des Neuankömmlings hatte er nach dem Aufruhr, den der Mann verursacht hatte, nicht gezweifelt. Doch der Typ war nicht bloß hübsch. Sein Gesicht war perfekt. Gemacht, um von Plakaten für Unterwäsche und von Filmpostern herunterzulächeln. Charlie verstand, warum jeder hier ihn haben wollte. Dieser Kerl schrie förmlich nach Schwierigkeiten, doch diesen Fehler beging man mit einem Lächeln auf den Lippen.

Das Schweigen dauerte nun schon ein wenig zu lange an. Charlies fasziniertes Starren hatte wohl nicht gerade hilfreich gewirkt, um dem Frischfleisch klarzumachen, dass von ihm keine Gefahr drohte.

Hoffentlich reagierte der Fremde auf Charlies Rettungsring. Unbewusst bereitete Charlie sich bereits darauf vor, sich maßlos zu blamieren, dann verschwand der irritierte Ausdruck aus dem Gesicht des Fremden. Das fragende Stirnrunzeln wurde von einer Sekunde auf die andere zu einem verärgerten.

»Wieso sollte ich jetzt schon bereit sein, dir zu vergeben?«, fragte der freche Kerl mit einer angenehmen, tiefen Stimme. Aus seinen Worten war kein Akzent herauszuhören, aus dem man auf seine Herkunft schließen konnte. Er war ein Mann, der an sich arbeitete, um vorwärtszukommen, der etwas aus sich machen wollte. Was hatte er also hier verloren?

»Weil ich dir eine Möglichkeit biete, dich aus der Scheiße zu holen, in die du dich geritten hast. Ehrlich, Kleiner, dieses Mal bist du zu weit gegangen.«

Der Fremde zuckte mit den Schultern. »Möglich. Das ist aber kein Grund, mich vor den anderen runterzumachen. Niemand ist perfekt.«

Charlie schnaubte. Wieso kam der Kerl nicht endlich mit an den Tisch? Musste er dafür ein Theaterstück aufspielen? »Ein Glück, dass du so hübsch bist, Bursche, sonst hätte ich dich schon längst abgeschossen.« Drohend kniff er die Augen zusammen.

»Schön, dann bekommst du eben wieder einmal deinen Willen.« Der Fremde stand auf und folgte Charlie an den Tisch, wo Freddy und Harrison ihnen neugierig entgegensahen.

Charlie wartete, bis sie sich gesetzt hatten. Die anderen beobachteten sie immer noch interessiert. Es galt, möglichst unbefangen zu wirken.

»Kein Dankeschön?«, fragte Charlie, ein Lächeln auf den Lippen, obwohl er sauer war. »Ich hätte gedacht, dass du froh sein würdest, von mir gerettet zu werden.«

»Für deinen Beistand bin ich dir auch dankbar. Meine Vorstellung musste trotzdem glaubwürdig aussehen. Selbst eine harmlose Lüge darf nicht halbherzig ausgesprochen werden.«

»Sagt wer?«, brummte Charlie, der es bereute, überhaupt eingeschritten zu sein. Der Fremde benahm sich nicht, als wüsste er die Geste zu schätzen.

»Marcus sagt das«, gab der viel zu gutaussehende Mann als Antwort. Er streckte seinen Arm aus, bevor ihm klar wurde, dass sich ihre Geschichte in Rauch auflösen würde, wenn sie sich die Hand schüttelten.

»Sehr erfreut, dich kennenzulernen.« Freddy strahlte den Neuankömmling an und betonte das Wort sehr etwas zu stark. Dann nannte er seinen Namen.

Charlie rollte nur mit den Augen, als sich auch Harrison vorstellte und unangebracht angetan von ihrem Gast wirkte. Sahen die beiden denn nicht, dass sie ohnehin keine Chance bei ihrem Schwarm hatten? War ihr Radar von dem blendenden Aussehen des Kerls gestört?

»Und wie heißt du?«, fragte Marcus und sah Charlie direkt an.

»Charlie.«

»Ich nehme an, dass ihr drei öfter hier seid. Bestimmt kennt ihr die meisten Anwesenden.«

Mit einem Brummen bestätigte Charlie die Aussage, bevor er beschloss, dem Mann eine Chance zu geben, sich zu erklären. Besonders für seine Neugierde wollte Charlie eine Begründung hören.

»Offensichtlich hast du heute das erste Mal den Iron Alexander betreten. Du benimmst dich wie ein Elefant im Porzellanladen. Verhältst du dich auch in deinem Stammlokal so unbeholfen?«

Verärgerung zeigte sich für eine Sekunde auf dem Gesicht ihres Gastes, bevor er wieder eine höfliche Miene aufsetzte. »Ich falle normalerweise nicht so sehr auf wie hier.«

Freddy lachte auf. »Das kauft dir niemand ab. Wer so aussieht wie du, zieht überall alle Aufmerksamkeit auf sich.«

Marcus errötete. »Danke für dieses Kompliment. Ihr drei gebt aber auch ein attraktives Gespann ab. Seid ihr drei …?«

Obwohl Charlie wusste, worauf der andere hinauswollte, spielte er den Ahnungslosen. »Sind wir drei was?«

Das Rot auf Marcus’ Wangen vertiefte sich. »Seid ihr zusammen?«

Harrison prustete los. »Nein. Wir sind bloß Freunde, die miteinander abhängen. Würde dir die Vorstellung von uns dreien in Aktion gefallen?«

»Jeder kann tun und lassen, was er möchte«, gab Marcus zurück. »Seid ihr alle drei vergeben?«

»An wem von uns drei hättest du denn Interesse?«, erkundigte sich Freddy. »Ich meine, wenn dich das mit dem Vierer anmacht, müssten wir überlegen, wie wir dir deinen Traum erfüllen können. Für Experimente sind wir alle zu haben.«

Charlie fand, dass es nun doch reichte. »Lasst ihn in Ruhe. Ganz offensichtlich fühlt er sich überfordert von deiner erotischen Ausstrahlung, Freddy. Wenn du ihn durchschnaufen lässt, gibt er dir vielleicht noch eine Chance.«

Marcus räusperte sich. »Also, was das betrifft …«

»Ja?«

»Ich bin nicht auf der Suche. Ich wollte lediglich einen interessanten Abend in angenehmer Gesellschaft verbringen. Vielleicht erzählt ihr mir einfach ein wenig von euch. Trefft ihr euch regelmäßig? Unternehmt ihr auch etwas mit euren Partnern als Gruppe? Oder trennt ihr euer Privatleben von eurer Freundschaft?«

»Wir sind alle drei aktuell nicht vergeben«, erklärte Charlie. »Und du gehörst hier nicht her. Warum bist du wirklich das Risiko eingegangen, hier von liebeshungrigen Männern angefallen zu werden?«

Marcus blinzelte. »Eigentlich bin ich eher zufällig in dieser Bar gelandet. Ich habe nicht damit gerechnet … Es ist ein wenig kompliziert. Funktioniert das mit der Kontaktaufnahme immer so schnell? Geht es tatsächlich so leicht, jemanden kennenzulernen, mit dem … Na ja.«

»Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort wie bei heterosexuellen Paaren auch. Nur weil wir schwul sind, braucht es keinen Paarungstanz, um andere Kerle anzulocken.«

»Dann findet ihr meist eure Partner in solchen Clubs? Besprecht ihr gleich, ob ihr auf der Suche nach einer Beziehung oder nur für etwas Kurzfristiges seid?«

Entweder wollte sich dieser Knilch lediglich ein ungefähres Bild von dem machen, was auf ihn zukommen könnte, wenn er sich entscheiden sollte, sein Faible für Männer auszuleben. Oder er versuchte Material zu sammeln, um es in einem Artikel gegen sie zu verwenden. Ersteres traute Charlie ihm nicht zu. Zweiteres konnte er sich nicht leisten.

Er warf Freddy und Harrison einen warnenden Blick zu, bevor er sich wieder an Marcus den Schönen wandte. »Keine Ahnung, was du vorhast und warum du uns mit Fragen löcherst. Ich werde keine beantworten, bevor ich nicht weiß, was du damit bezweckst.«

»Du musst nicht sauer werden, nur weil ich versuche, harmlosen Smalltalk zu führen.«

»Wer’s glaubt«, brummte Charlie.

»Mich interessiert doch bloß, wie euer Leben aussieht«, verteidigte sich Marcus. »Ihr müsst mir keine Geheimnisse anvertrauen. Darf man sich nicht bei seinen neuen Bekannten nach unverfänglichen Informationen erkundigen?«

»Sei nicht so misstrauisch«, beschwerte sich Harrison. »Er versucht doch bloß, nett zu sein.«

Charlie schüttelte den Kopf. »Ihr wisst genau, dass jedes unserer Worte auf die Goldwaage gelegt wird. Er ist keiner von uns. Ich kann spüren, dass er uns etwas verheimlicht. Natürlich haben wir ebenso wenig ein Recht auf sein Vertrauen wie er auf unseres. Trotzdem habe ich einiges zu verlieren, sollte er es darauf anlegen, mir Schwierigkeiten zu bereiten.«

»Was hat er denn schon über uns erfahren?«, fragte Freddy. »Du siehst doch, dass er verzweifelt auf der Suche nach Antworten ist. Wenn wir uns nicht um ihn kümmern, tut es einer der anderen Männer hier, und wir wissen, wie das enden kann.«

Die Naivität seiner Freunde war für ihn unverständlich. Natürlich standen sie nicht in der Öffentlichkeit. Wenn sie sich auf jemanden einließen, würde das die Klatschpresse nicht interessieren. Sie konnten nicht nachvollziehen, wie nervenaufreibend es war, wenn die Presse ständig Unsinn über einen abdruckte. Trotzdem sollten sie wissen, dass es in ihrer Welt gefährlich war, sein Vertrauen zu schnell zu verschenken.

»Wenn er wirklich Fragen hat, weil das alles neu für ihn ist, dann soll er sie stellen«, sagte Charlie. »Aber auf eine Art, die nicht wirkt, als würde er uns über unser Privatleben aushorchen. Er weiß jetzt, an wen er sich wenden kann, wenn er es ehrlich meint. Ihr könnt tun und lassen, was ihr wollt. Verratet ihm, so viel ihr wollt, aber lasst mich aus dem Spiel. Ich verschwinde jetzt lieber. Vielleicht solltet ihr das auch tun.«

Harrison zuckte mit den Schultern. »Deine Entscheidung. Ich bleibe.«

Freddy wirkte von Charlies Rede auch nicht sonderlich beeindruckt. »Wir holen dann den Abend ein anderes Mal nach.«

Frustriert wandte Charlie sich ab. Sein Blick streifte den von ihrem geheimnisvollen Gast.

In Marcus’ Augen, wenn der Mann überhaupt so hieß, lag ein Ausdruck, den er nicht deuten konnte. Wieder ärgerte sich Charlie, dass dessen Äußeres ihn nicht kaltließ. Aus irgendeinem Grund wollte eine Stimme in seinem Inneren ihn dazu bringen, ihm zu vertrauen. In diese Falle würde er nicht tappen. Und wenn ihm das nur gelang, wenn er von ihm flüchtete. Manipulieren ließ er sich nicht.

Charlie funkelte den anderen noch einmal verärgert an und machte sich dann auf den Heimweg.

Kapitel 5

Marcus war nervös, das wollte er gar nicht bestreiten. In der letzten Nacht hatte er zum ersten Mal in seinem Leben seine Komfortzone so weit verlassen, dass er sich selbst nicht mehr wiedererkannte. Er war noch immer ganz aufgewühlt deswegen und hoffte, dass ihm das Erlebte zumindest helfen würde, den Job zu kriegen.

»Mr Lovett?« Er sah auf. Eine Frau in hübschem Kostüm war vor ihm aufgetaucht und lächelte ihn reserviert an. »Bitte.« Ihre Hand machte einen Schlenker und deutete auf den Raum, aus dem sie getreten sein musste und vor dem er auf einer Bank ausharrte.

Nun stand er auf und folgte dem Hinweis. Er wurde von drei Herren willkommen geheißen, die ihn ebenso verhalten begrüßten wie die strenge Lady. Marcus nickte jedem der Männer zu.

»Guten Tag, ich bin Marcus Lovett.«

»Guten Tag, Mr Lovett. Mein Name ist Herbert Van Dyke, dies sind Christian Cleever und Kevin Mendelson.« Der Herr in der Mitte zeigte zunächst nach rechts, dann nach links zu seinen Beisitzern, die beide eine Brille trugen und sie nun unisono abnahmen, um sie zu putzen. Keine Frauen. Marcus nahm es gelassen. In der letzten Nacht hatte er schließlich festgestellt, dass er auch eine Wirkung auf Männer hatte, die nicht zu unterschätzen war.

»Die Herren.«

Mr Van Dyke schaute auf seine Papiere herab und schob sie etwas auseinander. »Ihr Portfolio ist interessant, das muss man Ihnen lassen.«

»Danke, Mr Van Dyke. Ich stehe noch ganz am Anfang meiner Karriere und freue mich, auf möglichst vielfältige Weise mein Talent zeigen zu dürfen.« Er versicherte sich schnell der Aufmerksamkeit der anderen Männer. »Wenn Sie möchten, erzähle ich Ihnen gerne, wie ich die Rolle des Everett Steele anlegen würde.«

Mr Van Dyke legte die Fingerspitzen aneinander und legte die Zeigefinger dabei an seine Lippen. »Aha. Sie denken also, dass Sie für die Rolle des Everett Steele vorsprechen?«

Marcus stockte irritiert, bevor ihm Mr Demmes Hinweis einfiel, dass die Produktion noch einige Schauspieler suchte. »Das war die Rolle, über die ich mit Mr Demme sprach, aber er erwähnte auch, dass es noch weitere Rollen gäbe, sollte sich für Steele ein prominenter Name finden von ähnlicher Qualität wie Hal Davidoff.« Er räusperte sich, ohne seinem Lächeln anmerken zu lassen, wie es in ihm aussah. Hatte Demme ihn nur für die Nebenrollen angemeldet?

»Letztlich macht es keinen großen Unterschied, oder? Wir unterhalten uns, ich spiele einen Part.« Er hob das Skript, das ihm zur Verfügung gestellt wurde. »Und Sie bekommen einen Eindruck von meinen Fähigkeiten.«

»Sie haben recht, grundsätzlich folgen wir diesem Prozedere.« Van Dyke schaute zu seinen Kollegen, die ähnlich amüsiert schienen wie er. »Sie haben ein gesundes Selbstbewusstsein, das gefällt mir, aber es wäre nur fair, Ihnen gleich zu sagen, dass wir eine genaue Vorstellung von Everett Steele haben.«

»Natürlich.« Marcus zwang sich, weiter ein freundliches Lächeln zu zeigen. »Ich lasse Ihre Anmerkungen gerne mit einfließen.«

Wieder sahen sie sich gegenseitig an, dann hob Van Dyke die Hand. »Also gut. Lesen Sie doch die Textstelle.«

Marcus räusperte sich. Er hatte das Skript auswendig gelernt. Fünf Seiten, aber er war gut damit, Dinge auswendig zu lernen. Seine erste Rolle hatte er in der Middle School übernommen. Er hatte Oberon gespielt und konnte noch immer jeden einzelnen Vers rezitieren.

Er streckte die Schultern und atmete tief durch. In der Szene stellte er sich Everett auf der Ranch vor. Es war das erste Zusammentreffen mit Wayne Klein, dem Eigner. Wenn man ihn nur für eine Nebenrolle in Betracht zog, warum hatte er dann gerade diese Stelle für das Vorsprechen ausgehändigt bekommen?

Ein Missverständnis? Oder lag es daran, dass er explizit gesagt hatte, dass er die Audition für die Rolle wollte.

Er lockerte erneut seine Schultermuskulatur und gab seinem Gesicht einen angespannten Zug. Da er kein Gegenüber hatte, fixierte er Van Dyke. »Guten Tag«, sagte er in einem breiten Südstaatenakzent. Er streckte die Hand aus und stolperte im Ansatz. Schrecken sollte nun über seine Miene huschen, dann fing er sich und wischte die Hände an den Schenkeln ab. »Entschuldigen Sie bitte, Sir.«

Marcus machte eine kleine Pause, weil nun Wayne seinen Part hatte und ihn ins Haus einlud, um eine Limonade zu trinken. Schließlich sollte es einer der heißesten Tage des Jahres sein, Everett und Wayne verschwitzt und erschöpft. Wayne durch den langen Tag harter Arbeit auf der Ranch und Everett, weil er den Weg hinaus zur Ranch zu Fuß zurückgelegt hatte. Nun betrat er also die Küche, in der eine junge Frau stand und Teig knetete. Sie schaute auf. Überraschung huschte über ihre Miene, dann wischte sie sich eilig die Hände an der Schürze ab. Sie sagte etwas.

»Guten Tag, Ma’am.« Er nickte zu der imaginären Gestalt. »Everett Steele, Ma’am.«

Eine kleine Diskussion zwischen den beiden, dann bekam Everett sein Glas Limonade und wurde aufgefordert, sich vorzustellen.

»Ich bin auf der Suche nach Arbeit. Ich bin kräftig und geschickt. Ich habe zuletzt in Arizona auf der Wilburn Ranch gearbeitet. Sie züchten Schafe.« Er räusperte sich und biss sich unsicher auf die Unterlippe. »Ich habe auch Erfahrung mit Rindern, Sir.« Er trat unruhig von einem Bein auf das andere und wrang sein imaginäres Glas. »Ich bin auf einer Rinderranch aufgewachsen, mein Vater war Vorarbeiter, bis das Land verkauft wurde.« Er schluckte, hob das nicht vorhandene Glas an die Lippen und simulierte Schlucke. Dann reichte er das Glas weiter. »Danke Ma’am.« Sein Grinsen wackelte. Zu erröten war nicht so einfach, aber zumindest da half die letzte Nacht. Er musste sich nur vorstellen, welche Rolle er eingenommen hatte, als ihn der Fremde von der Bar losgeeist hatte.

»Ich kann sofort anfangen, Sir, und brauche nichts. Ein Bett, Essen und die Sicherheit, nächste Woche nicht wieder auf der Straße zu stehen.« Er rang die Hände. Sein Gesicht machte seine Furcht hoffentlich deutlich. »Ich brauche diese Chance, Mr Klein.«

Damit war sein Text aufgesagt und er konnte wieder aus der Rolle herausschlüpfen. Er atmete aus, schloss kurz die Augen und fasste Van Dyke dann wieder ins Auge.

»Ohne Partner ist es immer etwas schwierig.«

Die Männer wechselten Blicke miteinander. »Ich denke, wir sind uns einig, dass wir Sie gerne in Interaktion mit einer anderen Rolle sehen würden. Haben Sie zufällig etwas Zeit?«

Marcus atmete erneut durch, um sich die Aufregung nicht ansehen zu lassen. Dann nickte er. »Ja. Gern. Bleibt es bei der Szene, oder …«

»Miss Bridgerton wird Ihnen das Skript geben. Danke.« Van Dyke schob seine Papiere zusammen, bevor er sich an die Frau wendete, die Marcus in den Raum gebeten hatte und nun aus dem Nichts wieder auftauchte. »Schicken Sie bitte den Nächsten rein.«

Miss Bridgerton nickte und scheuchte ihn hinaus. Dort wartete tatsächlich bereits ein Kollege und stand eilig auf. Ein Runzeln flog über seine Stirn, dann streckte er die Hand aus.

»Kevin Bryce.«

»Marcus Lovett. Miss Bridgerton.« Er deutete auf die Dame. »Viel Erfolg.« Er tauschte den Platz mit Kevin und wartete geduldig auf sein Skript. Noch hatte er eine Chance, so hoffte er zumindest.

»Oh, wen haben wir denn da?«

Marcus schaute von seinem Skript auf. Denise Holland grinste auf ihn herab. Sie trug eine knappe Jeans, die sehr tief hing, und ein bauchfreies Top. Ihr Nabel war gepierct, daher blitzte ihm ein großer Stein entgegen.

»Miss Holland.«

Sie lachte. »Mr Lovett. Wollen wir uns den Unsinn nicht sparen?« Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und linste auf sein Skript. »Bist du etwa der Grund, warum man mich herbeorderte?«

Das konnte er sich nicht vorstellen. »Gibt es keine Haie mehr, die dich fressen wollen?« Er grinste und erntete ein glockenhelles Lachen. Wenn er nicht von seiner Recherche abgelenkt worden wäre, hätte er ihre Einladung nur zu gerne angenommen.

»Tatsächlich habe ich das Haiinferno hinter mir – vorerst.« Sie verdrehte die Augen. »Es ist aber schon eine Fortsetzung geplant.«

»Du bist gut im Geschäft, das freut mich für dich.«

»Ach, ich bin sexy und habe das wichtige Vitamin B. Das hilft immer.« Sie schlug die Beine übereinander und fuhr sich durch die blonde Mähne. »Everett Steele, ja?«

Nun war es Marcus, der die Achseln zuckte. »Deswegen bin ich hier.«

»Du hast Ehrgeiz, das gefällt mir.« Sie zwinkerte ihm zu.

»Ohne kommt man zu nichts, oder?« Marcus rollte das Papier zusammen und schlug es sich dann auf die Hand. »Wie war der Club-Besuch? Was habe ich verpasst?«

»Ach.« Sie winkte ab. »Ich habe mich gut amüsiert.«

»Und bist sicher nicht allein nach Hause gegangen, oder?« Er hatte auch deutliche Probleme gehabt, den Anschluss, den er im Iron Alexander gefunden hatte, wieder loszuwerden.

»Ah, das wüsstest du gern, hm? Nun, eigentlich gebe ich keine zweiten Chancen, aber wenn wir Kollegen werden …«

Den Moment wählte Miss Bridgerton, um aus dem Auditorium zu treten. Ihre Miene leuchtete, als sie Denise bemerkte.

»Da bist du ja. Herbert wartet schon sehnsüchtig auf dich. Magst du ihn begrüßen?«

Marcus überspielte seine Überraschung schnell. Offenbar war da mehr Vitamin B im Spiel als nur ein Regisseur als Onkel. Denise stand mit einem kleinen Hopser auf, umarmte die andere Frau, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken.

»Dann sag ich mal hallo!« Sie winkte Marcus noch zu und war dann weg. Er blieb mit Miss Bridgerton zurück.

»Wir sind gleich so weit«, sagte sie. »Gedulden Sie sich noch einen Moment.«

Überraschend schnell wurde er dann in den Raum zurückgerufen. Denise saß auf dem Tisch vor Van Dyke, sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und schaute ihm begeistert entgegen.

»Da habe ich also einen heißen Partner?«

Van Dyke schüttelte den Kopf. »Denise, Liebes, es geht doch wirklich nicht darum, dass Mr Lovett nett anzusehen ist.«

Denise sprang vom Tisch. »Da liegst du falsch, Herbie.« Sie kam auf ihn zu und legte ihm den Finger auf die Brust. »Wayne Klein wurde jetzt mit Charlie Walker besetzt oder?«

»Auch ein … Mann mit Ausstrahlung.« Van Dyke verdrehte die Augen. »Wir brauchen aber einen blonden …«

Denise lachte auf. »Ach, Onkel Jons absurde Vorstellung vom perfekten Cast! Nein, wir brauchen einen Frauenschwarm, der auch in der Rolle eines Männerliebenden immer noch sexy wirkt.«

Marcus rollte ein Schauer über den Rücken. Sie sagte es absolut wertungsfrei, wodurch sie in seiner Wertung enormen Aufwind bekam. Natürlich schmeichelte ihn auch der Rest. Die Männer betrachteten ihn nun kritisch.

»Das Risiko ist zu groß«, beschied Cleever, seufzte dann aber. »Allerdings läuft uns auch etwas die Zeit davon. Wenn wir in zwei Wochen mit dem Dreh beginnen wollen, brauchen wir zumindest einen vollständigen Cast.«

»Ja, jeder Tag Verzug bedeutet Unkosten, die uns den Garaus machen werden.« Mendelson sortierte seine Unterlagen und sah nur ganz kurz an Marcus herab. »Wäre nicht schlecht, wenn wir zumindest eine Alternative in der Hinterhand hätten.«

Damit reduzierten sie ihn zum Lückenfüller, aber er konnte sich wohl nicht beschweren, wenn dies hieß, dass sie ihm eine Chance gaben. Trotzdem musste er seine Stimmbänder klären, um nicht an dem Kloß in seinem Hals zu ersticken.

»Wir haben noch etwas Zeit, aber ich muss mich anschließen.« Van Dyke seufzte. »Ich will zumindest die Nebenrollen sicher besetzen.« Er musterte Marcus, wobei sich seine Stirn runzelte. »Fangen wir an. Denise, bist du vorbereitet?«

»Nein.« Sie zuckte die Achseln.

Marcus streckte die Hand mit dem Skript aus. »Hier.«

Sie nahm das Papier und rollte es aus, um schnell über die Zeilen zu fliegen. »Ah. Die Szene.« Sie zwinkerte ihm zu. »Ich improvisiere.«

Marcus nahm überrumpelt den Text zurück. Sie wendete sich ab und fuhr sich durch die blonde Mähne. »Okay, ich bin ein bedauernswertes Mädchen vom Lande, von ihrem Bruder unterdrückt und über beide Ohren verliebt in einen Taugenichts.«

Marcus lachte auf. Zwar kannte er das Skript nicht, aber die Zusammenfassung klang pathetisch.

Denise wuschelte sich das Haar auf, was Marcus besonders fragwürdig fand. Er hatte die Schwester Wayne Kleins nicht als Vamp gesehen, sondern als Backfisch, der sich Hals über Kopf in den ersten passenden Kerl verliebte. Aber er wollte sich nicht in ihre Interpretation einmischen. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine eigene Einfindung in seine Rolle. Er schloss die Augen, atmete tief durch und stellte sich vor, dass die sengende Hitze von Arizona sich auf ihn herabsenkte. Er stand in der Scheune. Der Geruch nach frischem Heu, Stroh und Pferden hing in der Luft und auch die passenden Geräusche stellte er sich vor. Hufgestampfe, Wiehern, vielleicht auch ein Summen von Mücken und anderen Insekten?

Er streckte sich.

»Mr Steele!«, sprach Denise ihn mit hoher Stimme an. Sie legte die Hände aneinander und hob sie an die Wange. »Ich habe Sie überall gesucht!«

Marcus runzelte die Stirn. Der Originaltext war anders.

»Miss Klein.« Er nickte ihr reserviert zu. »Wie kann ich Ihnen helfen?« Sie drehte sich in der Hüfte von links nach rechts.

»Da fiele mir schon etwas ein.« Sie warf ihm einen dieser Blicke zu, die schüchtern und kokett zugleich wirken sollten.

Marcus räusperte sich. »Nun?« Er trat an ihr vorbei und tat so, als nähme er einen Sack auf und würfe ihn sich über die Schuler. »Sie entschuldigen hoffentlich, es gibt noch so viel zu tun.«

»Oh. Es ist Mittagszeit. Werden Sie Ihre Arbeit denn nicht unterbrechen? Kommen Sie doch zu mir in die Küche und …« Sie verstellte ihm den Weg, sodass er fast in sie hineinlief. Marcus streckte die Hand aus und stabilisierte sie am Ellenbogen. Denise nutzte es, um sich ihm an die Brust zu werfen.

»Oh Mr Steele, ich muss Ihnen gestehen …« Sie drückte sich mit ihrem gesamten Körper an ihn. »… dass ich Ihnen nah sein möchte.«

Marcus beugte sich zur Seite, um den imaginären Sack zu Boden gleiten zu lassen, dann schob er Denise sacht von sich. »Miss Audrey, bitte. Sie bringen mich in Schwierigkeiten.« Marcus gab seiner Stimme einen Hauch von Härte in einem Meer an Mitgefühl.

Denise schüttelte den Kopf und versuchte, ihm den Arm um den Nacken zu schlingen, was Marcus aber unterband. »Nein, Wayne schätzt Sie sehr. Und ich auch. Ich wünsche mir …«

»Miss Audrey!«, unterbrach er sie nun fester, wobei er ihre Oberarme umklammerte. »Kommen Sie zur Vernunft.«

Nun sollten sich Tränen in ihren Augen zeigen, aber so tief steckte Denise sichtbar nicht in ihrer Rolle. Auch das Schluchzen klang nicht echt. »Aber ich liebe Sie!«, äußerte sie theatralisch.

Marcus keuchte, sein Widerstand erlahmte gerade genug, dass sie ihn erneut umschlingen und auch ihren Mund auf seinen drücken konnte. Ein Kuss war jedoch nicht Teil des Skripts. Marcus presste die Lippen aufeinander, damit sie den Kuss nicht intensivieren konnte, und stieß sie so schnell von sich, als hätte sie plötzlich in Flammen gestanden. Er liebte ihren Bruder und konnte nichts mit Mädchen anfangen, ganz gleich wie hübsch sie waren. »Nicht!« Wie sollte er Wayne gegenübertreten und ihm seine Liebe offenbaren, nachdem der hiervon Wind bekommen hatte? Nein, er musste diese Situation jetzt und hier klären. Also musste er Ruhe bewahren, auch wenn er aufgebracht war. Sein Herz klopfte wild in seiner Brust und Ärger mischte sich mit Frustration.

Denise fing sich am Schreibtisch ab. Sichtbar irritiert.

»Es tut mir leid!«, versicherte Marcus, um die Wogen zu glätten, und er streckte zwar die Hand nach ihr aus, berührte sie aber bewusst nicht, auch wenn er nah genug bei ihr stand. »Audrey, ich kann Ihre Gefühle nicht erwidern.« Er räusperte sich, da seine Stimme bedeckt klang. »Ich mag Sie, aber … Mein Herz …« Er stockte vor dem großen Geständnis. »Gehört einer anderen Person.«

Denise keuchte und riss die Augen auf. »Sie lieben …«

»Eine wundervolle, großherzige und noble Person. Ja. Ich verstehe, wie niederschmetternd meine Worte für Sie sein müssen. Allein die Vorstellung, mein Herzensmensch könnte meine Gefühle nicht erwidern …« Marcus legte so viel Schmerz in seine Stimme, dass sie brach und er schlucken musste, um fortzufahren. Der Moment war schlicht zu intensiv, aber er konnte sich nicht zurücknehmen. Es war zu spät, um sich zu zügeln, nun musste er die Intensität halten und es zu einem passenden Abschluss führen. »… zermalmt mir die Eingeweide«, fuhr er fort. Er krümmte sich leicht und ballte die Faust, die noch nach ihr ausgestreckt war. »Ich wünschte, Audrey, dass ich Ihnen diesen Schmerz ersparen könnte. Ich wünschte, dass ich Ihre Liebe erwidern könnte, aber das wird niemals möglich sein.« Die Spannung war unerträglich, trotzdem wartete er mit der letzten Eröffnung noch einen Augenblick länger, bevor er die Worte aussprach, die man nicht von der Person hören wollte, die einem die Welt bedeutete. »Sie sind wie eine Schwester für mich.«

Denise riss die großen Augen noch weiter auf. Ihre Hände flogen zu ihrem Mund und wieder schluchzte sie. Plötzlich stürmte sie auf ihn zu, schubste ihn zur Seite und rannte weiter.

Marcus entließ den Atem, denn sie waren am Ende ihrer Vorstellung angelangt. Er rieb sich den Nacken und warf den Ballast der Rolle ab. Eine Liebeserklärung, auch wenn sie nicht direkt an die Person gerichtet worden war, der sie galt.

Seine Haut prickelte und sein Magen schwankte, so intensiv waren seine Gefühle und es dauerte bedeutend länger, zu sich selbst zurückzufinden, als gewöhnlich. Er räusperte sich wieder. Wow. Er hätte nicht gedacht, dass er sich in diesen Moment einfühlen könnte, schließlich war er nicht mehr der Typ, der sein Herz verschenkte. Er behielt lieber die Kontrolle über sein Sehnen und räumte den Ladys nicht die Macht ein, ihn bis in die Grundfeste zu erschüttern.

Denise war zurück und hängte sich an seinen Hals. Sie lachte überschwänglich. »Wer hätte gedacht, dass ich noch einmal eifersüchtig auf meinen Bruder sein würde?« Sie zwinkerte, bevor sie ihre Lippen mit seinen verschmolz. Marcus’ erster Impuls war, sie wieder von sich zu schieben. Er liebte Wayne! Allerdings fand die Realität gerade noch rechtzeitig zurück in seinen Fokus und er schlang stattdessen die Arme um die sexy Kollegin, um den Kuss zu erwidern. Eine zweite Einladung schlug er sicher nicht aus!

Kapitel 6

»Wer ist jetzt der geheimnisvolle Newcomer, von dem überall gesprochen wird?«, fragte Charlie Uma leicht genervt. Gerade wurde er in der Maske für den Dreh der ersten Szene vorbereitet. Zu gerne hätte er vorab ein paar Informationen erhalten, die über den Tratsch und Klatsch hinausging.

Ja, über den Kerl wurde bereits getuschelt. Der weibliche Teil der Crew seufzte bloß, lief mit glasigen Augen herum und war zu nichts zu gebrauchen. Die Männer am Set hingegen brachten ihren Neid zum Ausdruck, weil der Neue anscheinend bei Denise gelandet war. Was auch erklärte, warum der Unbekannte die Rolle ergattert hatte.

Die Maskenbildnerin erwiderte seinen Blick im Spiegel. »Er heißt Marcus Lovett und ist wohl der attraktivste Mann, den ich jemals gesehen habe«, erklärte sie schwärmerisch. Dann überzog leichte Röte ihre Wangen. »Natürlich erst nach dir.«

»Natürlich«, brummte er verstimmt. Konkurrenz belebt das Geschäft, sagte man. Er hatte dazu eine etwas andere Meinung. »Wenigstens darf ich den harten Kerl spielen. Soll der Softie halt die Fans kriegen, die auf Sensibelchen stehen. Dank seines blonden Schopfes spricht er auch optisch andere Frauen an.«

»Diesbezüglich gab es wohl eine kleine Änderung.«

»Betreffend der Frauen, die gerne eine Nacht mit mir verbringen würden, obwohl sie genau wissen, dass ich nur mit Männern rummache?«, fragte er.

Uma lachte auf. »In gewisser Weise. Everett Steele wird doch nicht von einem blonden Mann gespielt. Marcus Lovett und du haben viel gemeinsam.«

Abrupt drehte er sich auf seinem Stuhl herum, sodass Uma beinahe mit der Puderquaste in sein Auge gekommen wäre. »Nicht blond? Was soll das denn bedeuten?«

»Der neue Everett ist dunkelhaarig wie du.« Rasch ging die Maskenbildnerin in Deckung. Sie arbeitete wohl lange genug mit ihm zusammen, um zu ahnen, dass er diese Entwicklung überhaupt nicht witzig fand.

»Wie kommen Van Dyke, Cleever und Mendelson auf diese verdammt dämliche Idee?« Er sprang auf. »Dunkelhaarig und gutaussehend? Das passt überhaupt nicht zur Rolle. Und warum nehmen sie denn keinen Rotschopf? Haben sie mit dem Kerl vielleicht noch etwas ganz anderes vor? Sind sie auf der Suche nach jemandem, der mich ersetzen soll?«

»Niemand kann dich ersetzen«, versicherte Uma kleinlaut.

Er fixierte sie aus zusammengekniffenen Augen. »Keine Schmeichelei, Uma. Das ist der falsche Zeitpunkt. Weil wir mit den Innenszenen beginnen, muss ich den Kerl gleich abknutschen. Dabei würde ich ihm am liebsten den Hals umdrehen. Soll ich vielleicht meinen Nachfolger ausbilden?«

»Bestimmt hatten die Caster keinen Hintergedanken. Jeder weiß, dass du der Beste in deinem Job bist. Sie schätzen dich und besetzen dich regelmäßig für gute Rollen. Lovett hat diese Chance erhalten, weil jemand ein gutes Wort für ihn eingelegt hat. Das hat mit dir überhaupt nichts zu tun. Also beruhige dich und erlaube mir, dich für den Dreh vorzubereiten.«

Ungeduldig riss er sich das Tuch, das seine Kleidung vor Schminkeflecken schützen sollte, vom Kragen. »Ich bin hübsch genug. Während ich mich auf die Suche nach dem Neuling mache, der an meinem Stuhl sägt, stellst du ein paar Nachforschungen an. Denise hatte angeblich ihre Finger im Spiel. Finde heraus, ob sie ihm das Casting ermöglicht hat oder ob er noch andere Freunde hat, die ihm Starthilfe geben. Ich muss meinen Feind besser kennenlernen.«

Mit besorgtem Gesichtsausdruck griff Uma nach seinem Arm. »Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst. Wir haben schon einige stürmische Drehs überstanden. Am ersten Tag wirst du immer von Zweifeln geplagt. Du hast Probleme damit, dich in deine Rolle zu finden. Also atme erst einmal tief durch. Akzeptiere deine Unsicherheit und das Chaos in deinem Inneren, weil du deine Rolle und dein wahres Leben noch nicht voneinander getrennt hast. Dank deiner wie immer intensiven Vorbereitung hat die Verwandlung bereits begonnen. In dir drin steckt bereits Wayne Klein, der sich Sorgen um seine Zukunft macht und der spürt, dass er an einem Scheideweg ist. Gleich kannst du dieser Mann werden und vor der Kamera brillieren. Im Augenblick bist du aber noch Charlie Walker. Und der muss nicht befürchten, dass er sein Lebenswerk verlieren könnte. Der darf stolz auf das sein, was er erreicht hat und das ihm auch niemand wegnehmen kann.«

Charlie blinzelte. Tatsächlich fiel es ihm schwer, die Gedanken von Wayne und Charlie auseinanderzuhalten. Hatte er überreagiert?

»Tief durchatmen, Charlie«, befahl Uma. »Schließ die Augen und konzentriere dich auf das Hier und Jetzt. Niemand will dir etwas Böses. Du bist der Held des Films. Du bist der Star.«

Folgsam tat er, was die Maskenbildnerin ihm aufgetragen hatte. Der Druck auf seiner Brust ließ ein wenig nach. Langsam weitete sich sein Tunnelblick, bis er erkannte, dass sie recht hatte. Wenn er allen bewies, was für ein guter Schauspieler er war, dann machte es keinen Unterschied, ob sein Kollege blond oder dunkelhaarig, wie er selbst war.

In den letzten zwei Wochen hatte er sich auf der Farm eingeschlossen und die Rolle des Wayne inhaliert. Obwohl das angemietete Haus nur schwer mit dem Zuhause des einfachen Ranchers vergleichbar war, hatte es doch nichts mit den Luxusvillen gemeinsam, in denen er sonst lebte, um der Welt zu zeigen, wie weit er es gebracht hatte. Das vergleichsweise einfache Leben hatte ihm gutgetan. Er hatte sich völlig von seinem Alltag loslösen können. Vermutlich war er deshalb auch so tief in die Rolle abgerutscht, dass er plötzlich seine Existenz von jemandem gefährdet sah, der es ohnehin nicht mit ihm aufnehmen konnte.

Es war an der Zeit, die erste Szene vor der Kamera als Wayne zu spielen, damit er die beiden Herzen, die in seiner Brust schlugen, besser voneinander trennen konnte. Sobald er sich das erste Mal gänzlich in Wayne verwandelt hatte, würden die Grenzen nicht mehr so leicht verschwimmen.

Er öffnete die Augen und schaffte ein Lächeln. »Danke, Uma. Du weißt einfach, wie du mich zur Vernunft bringen kannst.«

»Dafür bin ich da. Und jetzt geh da raus und zeig, was du draufhast.«

Dankbar nickte er ihr zu. »Aber ich möchte dich trotzdem bitten, ein wenig mehr über diesen Marcus herauszufinden. Ich möchte alles über ihn erfahren, was es zu wissen gibt. Wenn er mir doch Steine in den Weg legen will, muss ich vorbereitet sein.«

Uma wirkte nicht glücklich, stimmte dann aber zu. »Wie du willst, Boss.«

Charlie verließ die Garderobe und ging in die große Halle, in der die Räume der Ranch nachgebaut worden waren, um hier die Innenszenen drehen zu können. Heute legten sie gleich mit einer romantischen Szene los, was ihn in seiner aktuellen Stimmung nicht mit Begeisterung erfüllte. Wenigstens konnte er sich so ein sehr genaues Bild von seinem Kollegen machen.

Der Regisseur stand im Setting des Zimmers, in dem Everett Steele in dem Film wohnte, und unterhielt sich mit einem großen Kerl mit breiten Schultern. Bei dem Mann in abgenutzten Hosen, kariertem Hemd und Cowboyhut auf dem Kopf handelte es sich wohl um Marcus Lovett. Tatsächlich lugte ein Haarschopf unter dem Hut hervor, der den gleichen Farbton hatte wie Charlies Haar.

Erneut stieg Frustration in ihm auf. Die Fans würden völlig verwirrt sein. Wenn sich Everett und Wayne im Bett herumwälzten und mehrmals die Position wechselten, würden die Frauen nicht wissen, welchen Hintern sie gerade anhimmelten. Oft genug verhinderte der Kamerawinkel eine gute Sicht auf das Gesicht der Liebenden. Charlie hoffte also, dass sein Kollege zumindest einen weniger muskulösen Rücken hatte als er. Ein flacher Arsch konnte auch nicht schaden. Und wenn er dann noch irgendein auffälliges Muttermal besaß, konnte Charlie zufrieden sein.

Bei diesem Gedanken schob sich ein Grinsen auf seine Lippen. Er trat zu Mr Demme und begrüßte ihn. Dann wandte er sich Marcus Lovett zu. Sofort flatterte sein Herz in seiner Brust. Verdammt, er hatte ein Problem.

»Du?«, fragte er ungläubig. »Du bist mein neuer Kollege?«

Die Augen seines Gegenübers weiteten sich. Schock huschte über die Züge des Mannes, der ihn vor zwei Wochen im Iron Alexander ausgehorcht hatte. »Das darf nicht wahr sein.«

»Sie kennen sich bereits?«, fragte Mr Demme.

»Flüchtig«, antwortete Charlie rasch und räusperte sich. Obwohl er noch hin und wieder an die seltsame Unterhaltung gedacht hatte, war ihm der Name des Kerls entfallen gewesen. »Ein Zusammentreffen, das nicht ganz glücklich verlaufen ist, wie man merkt. Es hat anscheinend mit einem Missverständnis geendet, das wir rasch aus der Welt räumen sollten.«

Als Marcus ihn immer noch erschrocken anstarrte, streckte Charlie ihm die Hand entgegen. »Freut mich, dich wiederzusehen, Marcus. Ich bin sicher, wir werden großartig zusammenarbeiten.«

Die Finger, die sich in Charlies Hand schoben, zitterten leicht. »Bestimmt. Vielleicht können wir uns kurz unterhalten, bevor wir loslegen?«

»Natürlich«, sagte Mr Demme. »Ich will die beiden Hauptpersonen des heutigen Tages nicht daran hindern, großartige Leistung zu zeigen. Nehmen Sie sich einen Augenblick. Ich gebe in der Zwischenzeit die ersten Anweisungen an das Kamerateam.«

Charlie wartete, bis der Regisseur außer Hörweite war. Seine Gedanken rasten. Noch wusste er nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte. Der Klatsch, dass Denise Marcus die Rolle verschafft hatte, konnte nur stimmen, wenn Marcus im Iron Alexander den Mann auf der Suche nach seinen wahren Vorlieben nur gespielt hatte. Der Abend im Club hatte wohl lediglich der Recherche gedient. Damit ergab sein seltsames Verhalten plötzlich einen Sinn. Charlies Misstrauen war gerechtfertigt gewesen. Sein sechster Sinn hatte ihn offensichtlich nicht betrogen, als er ihm zugeflüstert hatte, dass Marcus nicht auf Männer stand.

»Was zur Hölle hast du dir nur dabei gedacht, in eine Schwulenbar zu gehen und dort aus Recherchezwecken dämliche Fragen zu stellen?«, blaffte er Marcus an. »Das hätte einerseits in die Hose gehen können – im wahrsten Sinne des Wortes, und war andererseits nicht fair gegenüber den Menschen, die dir helfen wollten.«

»Dann denkst du nicht, dass ich auf Männer stehe?«, fragte Marcus der Schöne. Wirkte der Idiot sogar ein wenig erleichtert?

»Es ist schwer genug, als offen homosexueller Mann in dieser Branche ernst genommen zu werden. Dieser Film ist in vielerlei Hinsicht wichtig. Da kann ich einen Hampelmann, der sich über uns lächerlich macht, gar nicht gebrauchen.«

»Das ist nicht meine Absicht«, verteidigte sich sein Kollege. »Ich wollte mir nur einen Eindruck verschaffen, wie ihr … wie Männer wie …«

»Schwule«, half Charlie aus. »Das Wort, das du suchst, heißt schwul. Wenn du das nicht einmal in den Mund nehmen willst, was wirst du dann gleich mit meiner Zunge anstellen?«

Marcus erbleichte. »Tut mir leid. Das alles ist ziemlich verwirrend. Ich verspreche, ich werde mein Bestes geben. Können wir einfach vergessen, dass wir uns vor dem heutigen Tag schon einmal getroffen haben?«

Enttäuscht zuckte Charlie mit den Schultern. Seine Hoffnung der letzten Wochen, dass dieser Film etwas Besonderes werden würde, verpuffte von einer Sekunde auf die andere. »Wie du willst. Sobald du bereit bist, legen wir los, damit wir diesen Dreh rasch hinter uns bringen.«

Er wartete nicht auf die Antwort des anderen, sondern ging los, um noch ein paar Crewmitglieder zu begrüßen und sich letzte Instruktionen abzuholen. Wenigstens einer von ihnen sollte sich professionell verhalten.

Keine zehn Minuten später wurde er für die erste Einstellung zurück vor Everetts Zimmer gerufen. Er stellte sich an seine Position und schloss die Augen. Von einer Sekunde auf die andere wurde er zu Wayne, der befürchten musste, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Arizona. Fünfziger Jahre. Brütende Hitze. Weites Land. Rinder und jede Menge Heu.

Wayne hatte einen harten Tag hinter sich. Die Arbeit war anstrengend gewesen. Er sehnte sich danach, die Beine hochlegen zu können. Doch erst galt es, eine Sache mit seinem neuen Angestellten zu klären. In den vergangenen Tagen war die Spannung zwischen ihnen immer mehr angestiegen. Wayne hegte die Vermutung, dass Everett schwul war und ebenfalls das Verlangen verspürt hatte, ihm näher zu kommen. Während der Arbeit des Tages war es nicht möglich, sich Klarheit darüber zu verschaffen. Sie waren selten allein und selbst dann könnten sie belauscht oder jederzeit erwischt werden, sollte die Anziehungskraft tatsächlich auf beiden Seiten bestehen. Also suchte er Everett in seinem Zimmer auf. Länger ertrug Wayne die Unsicherheit nicht mehr.

Als er die Augen öffnete, atmete er noch einmal tief durch. Dann klopfte er an Everetts Tür.

»Sekunde«, erklang die Stimme des anderen von drinnen. Undefinierbare Geräusche waren zu hören, dann wurde geöffnet.

»Boss! Habe ich vergessen, eine Aufgabe auf meiner Liste zu erledigen?« Nervosität zeigte sich auf Everetts Gesicht. »Ich habe doch nichts falsch gemacht?«

Wayne schüttelte den Kopf. »Darf ich kurz reinkommen?« Sein Blick glitt über Everetts Oberkörper. Das Hemd hatte sein Angestellter bereits geöffnet, weshalb das Unterhemd hervorblitzte.

Everett trat zur Seite und gab den Weg frei. Als Wayne an ihm vorbei war, schloss er die Tür.

Endlich allein. Wayne wandte sich um. »Wir sollten uns unterhalten. Über das, was da zwischen uns ist«, sagte er heiser und machte einen Schritt auf den anderen zu.

Erschrecken zeigte sich auf Everetts Gesicht. »Ich weiß nicht, was du …« Er stieß die Luft aus, versuchte sich nicht in Ausflüchten. »Es tut mir leid. In deiner Nähe kann ich einfach nicht unterdrücken, was ich wirklich bin. Natürlich packe ich sofort meine Sachen. Ich hätte dich nicht in diese Situation bringen dürfen. Verrate mich nur nicht …«

Wayne stoppte ihn mit einem Kuss. Er legte eine Hand in Everetts Nacken und zog ihn näher an sich heran. Ein überraschter Laut kam über Everetts Lippen. Mit dem Daumen seiner freien Hand strich Wayne über den Kiefer des anderen und vertiefte den Kuss.

Wollte den Kuss vertiefen.

Scheiterte an den unnachgiebigen Lippen seines Kusspartners.

Er nahm einen weiteren Anlauf und legte den Kopf schief. Er verstärkte den Druck, damit dieser Kuss doch noch echt wirkte.

»Cut!«, unterbrach sie die schneidende Stimme von Jonathan Demme. »Das versuchen wir gleich nochmal. Aber dieses Mal will ich, dass es nicht so verdammt steif wirkt. Lovett, lassen Sie mich meine Entscheidung für Sie nicht bereuen!«

Marcus nickte. In seinen Augen las Charlie Verunsicherung und Versagensangst.

Gegen seinen Willen verspürte er Mitgefühl. Er selbst war in seinen Anfängen auch ganz ähnlich tollpatschig gewesen. Ihm hatte man geholfen, damit er hatte besser werden können. Diesen Gefallen würde er jetzt Marcus erweisen, obwohl er nicht sicher war, ob der andere das verdient hatte. Irgendetwas an dem Mann weckte das Bedürfnis, auf ihn aufzupassen. Eine Regung, die ihm gar nicht gefiel, gegen die er sich allerdings auch nicht wehrte. Marcus musste besser werden, sonst würde auch Charlie nicht glänzen können. An sein Talent würde der Neuling ohnehin nicht heranreichen.

»Fünf Minuten Pause«, bat er.

Der Regisseur wirkte nicht sonderlich glücklich, aber da musste er jetzt durch. Charlie hatte das Gefühl, Marcus brauchte eine kleine Lehrstunde, bevor sie fortfahren konnten.

»Lass dich ganz in die Rolle fallen«, erklärte er leise, sobald die Crew abgelenkt wirkte. »Du musst zu Everett werden. Versuche, seine Sorgen und Träume nachzuvollziehen. Stell eine Verbindung zu ihm her, dann wird das schon.«

»Daran scheitert es nicht«, murmelte Marcus, während sich seine Ohren erhitzten.

Verdammt, wenn er seine Reaktionen so schlecht unter Kontrolle hatte, konnte das ein langer Drehtag werden. »Was ist dann das Problem?«

Marcus räusperte sich, sah nach beiden Seiten und beugte sich dann näher zu Charlie. »Das Küssen. Ich habe noch niemals einen Mann geküsst. Ich weiß nicht, ob ich glaubhaft genug bin. Küsst ihr anders als … als wir?«

Okay, möglicherweise besaß Charlie ebenfalls nicht sonderlich große Selbstbeherrschung. Mit Sicherheit sah man ihm seine Verärgerung an, wenn es nach den angespannten Muskeln in seinem Gesicht ging. »Was denkst du, was wir anders machen? Glaubst du, zwei Kerle sind zusammen zu keiner Zärtlichkeit fähig? Schließ die Augen und stell dir vor, ich wäre eine Frau. Eine große, flachbusige Frau.«

»Aber du hast einen Bart!«

Charlie lachte auf. Gott, das war zu köstlich. »Und?«

»Es fühlt sich anders an.«

»Natürlich. Schließlich bist du jetzt schwul. Da solltest du dich schon verändert fühlen.« Er unterdrückte ein Grinsen.

Der Neuling wurde ein wenig blass um die Nase. Wenigstens war damit das Problem der roten Ohren gelöst. »Vielleicht ist das hier ein Fehler«, murmelte er.

So weit sollte die Verunsicherung nun doch nicht gehen. Auch wenn es für Charlie von Vorteil wäre, wenn man ihm wie geplant einen blonden Weichling an die Seite stellte, bereute er plötzlich, Marcus dermaßen in Verlegenheit gebracht zu haben.

»Ach, was.« Er klopfte Marcus auf die Schulter. »Du hast dich gar nicht so schlecht angestellt. Dein Schauspiel war total überzeugend, bis es zum Kuss kam. Du hast Talent. Nach fünf Minuten solltest du noch nicht aufgeben. Wenn du kein Durchhaltevermögen beweist, wird aus dir niemals ein guter Schauspieler.«

»Ich habe bereits in einigen Filmen mitgespielt. Das hat dir anscheinend noch niemand gesagt. Ich bin kein blutiger Anfänger, der nicht weiß, was er tut. Ich fühle mich lediglich ein wenig überfordert von der Tatsache, dass ich mich diesmal an einen Mann ranmachen soll.«

»Welche Filme?«, fragte Charlie. Er hatte vor dem heutigen Tag noch nicht von Marcus Lovett gehört. Allzu groß konnten die Rollen also nicht gewesen sein.

Tatsächlich zählte Marcus ein paar Produktionen auf, die bewiesen, dass er noch lange nicht zu den Großen der Branche zählte. Dennoch beschloss Charlie, ihm eine echte Chance einzuräumen.

»Wir versuchen es jetzt noch einmal«, sagte er. »Dieses Mal weißt du ja schon, was auf dich zukommt. Tut mir leid, dass ich nicht weiblicher sein kann, damit dir die Sache leichter fällt. Bei diesem Film hast du die Rolle des Sensibelchens über. Also spiele, als hinge dein Leben davon ab. Lass dich darauf ein, damit dir jeder hier abkauft, dass du auf mich stehst. Und sobald die Klappe gefallen ist, kannst du wieder ganz du selbst sein.«

Marcus nickte, und Charlie gab Demme ein Zeichen. Kurz darauf lief die Kamera wieder.

Sie wiederholten die Szene. Charlie wurde wieder zu Wayne, verspürte die Hoffnung, in Everett einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, empfand Erleichterung, als sich sein Eindruck bestätigte, und konnte dann die Sehnsucht nicht länger bekämpfen, von den Lippen des anderen zu kosten.

Die Einsamkeit, die dem Leben auf der Farm und der Tatsache geschuldet war, dass er kein Interesse daran hatte, sich eine Ehefrau zu suchen, drückte schwer auf seine Schultern. Doch als er seinen Mund auf den des anderen legte, verschwand ein Teil der Last. Ein Hochgefühl flutete seine Adern. Möglicherweise bot Everett ihm ein wenig Abwechslung von der Eintönigkeit seines Lebens. Vielleicht konnten sie zusammen ihr Verlangen stillen.

Everett erwiderte seinen Kuss. Ein Hauch Zurückhaltung und Unsicherheit verlieh der Berührung ihrer Lippen eine bittere Süße.

Wayne unterbrach den Kuss und lächelte den anderen an. »Vielleicht ist das erst einmal genug für heute. Wir sind genug Risiko für einen Tag eingegangen. Verrate mir morgen Früh, ob du dir vorstellen kannst, den Einsatz noch ein wenig zu erhöhen.«

„Cut!“ Demme klang zufriedener als beim ersten Versuch. „Wir starten nochmal bei: Ich hätte dich nicht in diese Situation bringen dürfen, aber diesmal konzentriert sich die Kamera ganz auf Charlies Gesicht. Ich will, dass dieser Kuss endlich so überzeugend wirkt, wie wir ihn brauchen.“

Charlie las Verunsicherung in Marcus’ Augen. Ganz so enttäuscht wie sein Kollege konnte er nicht darüber sein, dass sie den Kuss ein drittes Mal spielen mussten. Marcus’ Lippen schmeckten verboten. Obwohl Charlie wusste, dass sie abseits des Sets nichts verband, genoss er die Nähe, die sie teilen mussten. Wenn Marcus endlich lockerer wurde, könnte dieser Dreh ganz amüsant werden.

„Mach dir nicht zu viele Gedanken“, befahl er an Marcus gewandt. „Wenn du willst, können wir gemeinsam dafür sorgen, dass du glaubwürdiger bist. Was hältst du von Trainingsstunden nach dem Dreh?“

„Ich weiß nicht.“ Marcus wirkte völlig durch den Wind.

„Keine Sorge. Das Publikum erhält mit meiner Hilfe die perfekte Liebesgeschichte.“

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9783960894735
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